Friedrich Gerstäcker
Die Flußpiraten des Mississippi
Aus dem Waldleben Amerikas

Vorwort

[5] Vorwort.

Schon in früheren Zeiten, als die westlichen Staaten noch als Territorium der Union galten, Dampfboote die Wasser jener mächtigen Ströme noch nicht aufwühlten, und nur unbehülfliche Kiel- und Flatboote – oft auch sehr passend Archen genannt – die Handelsverbindung im Innern unterhielten, hatte sich auf einer der zahlreichen Inseln dieses Stromes, Stack oderCrowsnest Island – oder Nr. Vierundneunzig, wie sie jetzt genannt wird, eine völlige Raubbande organisirt, die nicht allein, was in ihren Bereich kam, mordete und plünderte, sondern auch in ihrem Versteck eine Falschmünzerei unterhielt, von wo sie mit ihren Banknoten das ganze westliche Land überschwemmte. Die Gesetze waren nicht hinreichend, die Bewohner der Union zu schützen, und die Backwoodsmen mußten sich deshalb selbst dagegen bewahren.

In einem Lande, wo sich der vierte Theil der Bevölkerung stets auf Reisen befindet, ist es aber sehr schwer, ja fast unmöglich, selbst einen Mord zu entdecken, da man, wenn nicht der Zufall dabei thätig ist, selten weitere Beweise hat, als daß der Mann eben fehlt. Die Seinigen beweinen ihn nicht einmal, denn daß er todt sein könne, ist ihr letzter Gedanke. Sie vermuthen ihn auf irgend [5] einer Speculation nach Texas oder anderen neuen Staaten begriffen, und hoffen, ihn mit der Zeit zurückkehren zu sehen.

Jedes Verbrechen hat aber sein Ziel; die Mordbuben wurden durch die ungestrafte Ausübung ihrer Schandthaten nach und nach dreister, ihre Verbindung breitete sich immer mehr aus, und ihre Entdeckung mußte endlich die Folge davon sein. In Arkansas und Texas hatten sich indessen Regulatorenbündnisse gegründet, und so überfielen auch hier die nächsten Nachbarn jene Verbrechercolonie, die Insel, und übten so fürchterliche Gerechtigkeit an den Schuldigen, daß sie Alle, die sie nicht selber ergriffen und vernichteten, weit hinausjagten in ferne Theile Amerikas, um nur ihrem strafenden Arm zu entgehen. Ein Theil der sogenannten »Morrel'schen Bande« stand mit diesen Flußpiraten in Verbindung; Morrel selber wurde gefangen und, wenn ich nicht irre, im Zuchthaus aufgehoben; das aber, was den Backwoodsmen unter die Hände fiel, kam in kein Gefängniß – es war ein blutiger Tag, der jenen Räubereien ein Ende machte.

Den Schauplatz meiner Erzählung, in welcher ich das Räuberunwesen wahr nach dem Leben zu schildern suche, habe ich nach Helena und in dessen nächste Umgebung verlegt; die wirkliche Insel befand sich aber etwas weiter unten als Einundsechzig.

1. Der alte Farmer

[6] 1.

Der alte Farmer.

Dort, wo der Wabasch die beiden Bruderstaaten Illinois und Indiana von einander scheidet und seine klaren Fluthen dem Ohio zuführt, wo er sich bald zwischen steilen Felsufern, bald zwischen blühenden Matten und blumigen Prairien, oder auch unter dem ernsten Schatten und feierlichen Schweigen des dunkeln Urwalds hin, murmelnd und plätschernd durch tausend stille Buchten drängt, mit dem Schilf und mit einzelnen schwankenden Weidenbüschen spielt und tändelt, hier bald leise und behaglich über runde Kiesel und grüne Rasenstecken dahingeleitet, bald wieder plötzlich wie im tollen Muthwillen herausschießt in die Mitte des Bettes und da, von der Gegenströmung erfaßt, kleine blitzende Wellen schlägt und glitzert und funkelt – da lagen im Frühling des Jahres 184–, die Büchsen neben sich in das schwellende Gras geworfen, zwei Männer auf einer dichtbewaldeten Anhöhe. Im Süden stemmte sich dieselbe dem Lauf des Stromes entgegen und zwang ihn, brausend und scheinbar unwillig über die trotzige Hemmung, wieder seitab zu fluthen; mußte er doch den starren Gesellen umgehen, der weder durch das leise, schmeichelnde Plätschern der Wellen, noch durch den mächtigen Andrang der zornig aufgeschwellten Wasser hatte bewogen werden können, [7] auch nur einen Zoll breit seines behaupteten Grundgebiets preiszugeben.

Der Eine der Männer war noch jung und kräftig, kaum älter als drei- oder vierundzwanzig Jahre, und seine Tracht verrieth eher den Bootsmann als den Jäger. Der kleine runde und niedere Wachstuchhut, mit dem breiten flatternden Band darum, saß ihm keck und leicht auf den krausen blonden Haaren. Die blaue Matrosenjacke umschloß ein Paar Schultern, deren sich ein Hercules nicht hätte zu schämen brauchen, und das rothwollene Hemd wurde von einem schwarzen seidenen Halstuch, die weißen segeltuchnen Beinkleider von einem schmalen festgeschnallten Gürtel zusammengehalten. Dieser trug zu gleicher Zeit noch die lederne Scheide mit dem einfachen Schiffsmesser und vollendete den seemännischen Anzug des Fremden.

Daß er aber auch in den Wäldern heimisch, bewiesen die sauber gearbeiteten Moccasins, mit denen seine Füße bekleidet waren, sowie die von seiner Hand erlegte Beute, ein stattlicher junger Bär, der vor ihm ausgestreckt auf dem blutgefärbten Rasen lag. Ein großer, schwarz und grau gestreifter Schweißhund aber saß daneben und hielt die klugen Augen noch immer fest auf das glücklich erjagte Wild geheftet. Die heraushängende Zunge, das schnelle heftige Athmen des Thieres, ja sogar ein nicht unbedeutender Fleischriß an der linken Schulter, von dem die klaren Blutstropfen noch langsam niederfielen, bewiesen übrigens, wie schwer ihm die Jagd geworden und wie theuer er den Sieg über den stärkeren Feind erkauft habe.

Der zweite Jäger, ein Greis von einigen sechzig Jahren, wurde allerdings an Körperkraft und Stärke von seinem jüngeren Begleiter übertroffen, trotzdem sah man aber keiner seiner Bewegungen das vorgerückte Alter an. Seine Augen glühten noch in fast jugendlichem Feuer, und seine Wangen färbte das glühende Roth der Gesundheit. Nach Sitte der Hinterwäldler war er in ein einfach baumwollenes Jagdhemd, mit eben solchen Franzen besetzt, lederne Leggins und grobe Schuhe gekleidet. In seinem Gürtel stak aber statt des schmalen Matrosenmessers, das sein Gefährte trug, eine breite, schwere [8] Klinge, ein sogenanntes Bowiemesser, und die wollene, fest zusammengerollte Decke hing ihm, mit einem breiten Streifen Bast befestigt, über der Schulter.

Beide hatten sich augenscheinlich hier, wo sie ihr Wild erlegt, nach der gehabten Anstrengung für kurze Rast in's Gras geworfen, und der Alte, während er sich auf den rechten Ellbogen stützte und der eben hinter den Bäumen versinkenden Sonne nachsah, brach jetzt zuerst das Schweigen.

»Tom,« sagte er, »wir dürfen hier nicht lange liegen bleiben. Die Sonne geht unter, und wer weiß, wie weit wir noch zum Flusse haben.«

»Laßt Euch das nicht kümmern, Edgeworth,« antwortete der Jüngere, während er sich dehnend streckte und zu dem blauen, durch die schattigen Zweige auf sie niederlächelnden Himmel emporblickte – »da drüben, wo Ihr die lichten Stellen erkennen könnt, fließt der Wabasch – keine tausend Schritt von hier, und das Flatboot kann heut Abend mit dem besten Willen von der Welt noch nicht hier vorbeikommen. Sobald es dunkel wird, müssen sie beilegen, denn den Snags und Baumstämmen, mit denen der ganze Fluß gespickt ist, wiche Gott Vater selbst nicht im Dunkeln aus, und wenn er sich mit seinen ganzen himmlischen Heerschaaren an's Steuer stellte. Ueberdies hatten sie von da, wo wir sie verließen, einen Weg von wenigstens fünfzehn Meilen zu machen, während wir die Biegung des Flusses hier kurz abschnitten.«

»Ihr scheint mit dieser Gegend sehr vertraut?« sagte der Alte.

»Sollte denken,« erwiderte Jener sinnend, »habe hier zwei Jahre gejagt und weiß jeden Baum und Bach. Es war damals, ehe ich Dickson kennen lernte, mit dessen Schooner ich später nach Brasilien ging. Der arme Teufel hätte auch nicht gedacht, daß er dort solch ein schmähliches Ende nehmen sollte.«

»Das habt Ihr mir noch nicht erzählt.«

»Heut Abend thu ich's vielleicht. – Jetzt, denk' ich, schlagen wir ein Lager auf und gehen dann mit Tagesanbruch zum Fluß hinunter, wo wir warten können, bis unser Boot kommt.«

[9] »Wie schaffen wir aber das Wild hinab? Wenn's auch nicht weit ist, werden wir doch tüchtig dran zu schleppen haben.«

»Ei, das lassen wir hier,« rief der Jüngere, während er aufsprang und seinen Gürtel fester schnallte – »wollen die Burschen Bärenfleisch essen, so mögen sie sich's auch selber holen.«

»Wenn sie aber nun vorbeiführen?«

»Denken nicht dran,« sagte Tom – »überdies weiß Bill, der Steuermann, daß er uns hier in der Gegend erwarten muß, im Fall wir nicht früher einträfen; also haben wir in der Hinsicht keineswegs zu fürchten, daß wir sitzen bleiben. Wetter noch einmal, das Boot wird doch nicht ohne seinen Capitain abfahren wollen!«

»Auch gut!« sagte der alte Edgeworth, während er dem Beispiel seines jüngeren Gefährten folgte und sich zum Aufbruch rüstete – »dann schlag' ich aber vor, daß wir die Rippen und sonst noch ein paar gute Stücke herausschneiden, das Uebrige hier aufhängen, und nachher dort links hinunter gehen, wo, dem Aussehen der Bäume nach, ein Bach sein muß. Frisches Wasser möcht' ich die Nacht doch haben.«

Diese Vorsicht war nöthig, die Männer gingen deshalb schnell an die Arbeit, die kurze Tageszeit noch zu benutzen. Sie fanden auch den Quell und neben ihm eine ganz ungewöhnliche Menge von dürren Aesten und Zweigen, von denen freilich schon ein großer Theil halb verfault war. Das Meiste davon ließ sich aber noch trefflich zum Lagerfeuer benutzen, und an der schnell entzündeten Gluth staken bald die Rippenstücke des erlegten Bären, während die Jäger, auf ihren Decken ausgestreckt, der Ruhe pflegten und in die züngelnden Flammen starrten.

Die beiden Männer gehörten, wie auch der Leser schon aus ihrem Gespräch entnommen haben wird, zu einem Flatboot, das von Edgeworth's oben am Wabasch liegender Farm mit einer Ladung von Whisky, Zwiebeln, Aepfeln, geräucherten Hirschschinken, getrockneten Pfirsichen und Mais nach New-Orleans oder irgend einem der weiter oben gelegenen Landungsplätze [10] steuerte, wo sie hoffen konnten, ihre Producte gut und vorteilhaft zu verkaufen. Der alte Edgeworth, ein wohlhabender Farmer aus Indiana und Eigenthümer des Boots und der Ladung, führte auch eine ziemliche Summe baaren Geldes bei sich, um in einer der südlichen Städte, vielleicht in New-Orleans selbst, Waaren einzukaufen und sie mit in seine, dem Verkehr etwas entlegene Niederlassung zu schaffen. Er war erst vor zwei Jahren an den Wabasch gezogen und hatte früher im Staate Ohio, am Miami gelebt. Dort aber fühlte er sich nicht länger wohl, da die mehr und mehr zunehmende Bevölkerung das Wild verjagte oder vertrieb, und der alte Mann doch »dann und wann einmal«, wie er sich ausdrückte, »eine vernünftige Fährte im Walde sehen wollte, wenn er nicht ganz melancholisch werden sollte«.

Tom dagegen, ein entfernter Verwandter von ihm und eine Waise, hatte vor einigen Jahren ebenfalls große Lust gezeigt, sich hier am Wabasch häuslich niederzulassen. Plötzlich aber und ganz unerwartet änderte er seinen Sinn, und als er zufällig den alten Dickson, einen Seemann und früheren Jugendfreund seines Vaters, traf, ging er sogar wieder zur See.

Damals schiffte er sich in Cincinnati an Bord des dort von Dickson gebauten Schooners ein, der eine Ladung nördlicher Producte nach New-Orleans führte, diese hier verkaufte, Fracht für Havanna einnahm und dann eine Zeit lang die südlichen Küsten Amerikas befuhr, bis ihn in Brasilien, wie Tom schon vorher erwähnt, sein böses Geschick ereilte.

Wenn nun auch erst seit Kurzem von seinen Kreuz-und Querzügen zurückgekehrt, schien ihm die Heimath doch wenig zu bieten, was ihn fesseln konnte. Er war wenigstens gern und gleich bereit, den alten Edgeworth wieder auf seiner Fahrt stromab zu begleiten, und bewies eine so gänzliche Gleichgültigkeit gegen alles das, was seinen künftigen Lebenszweck betraf, daß Edgeworth oft den Kopf schüttelte und meinte, es sei hohe Zeit für ihn gewesen, zurückzukommen und ein ehrbarer ordentlicher Farmer zu werdender wäre sonst [11] auf der See und zwischen all' den sorglos in's Leben hineintaumelnden Kameraden ganz und gar verwildert und verwahrlost.

Um nun aber die Einförmigkeit einer Flatbootfahrt wenigstens in etwas zu beleben, waren sie hier, wo der Fluß einen bedeutenden Bogen machte, mit ihren Büchsen an's Land gesprungen und hatten auch schon, vom Glück begünstigt, ein vortreffliches Stück Wild erlegt. Das Boot, gezwungen, sich nach den Krümmungen des Flusses zu richten, verfolgte indessen unter der Aufsicht von fünf kräftigen Hosiers 1 seine langsame Bahn und trieb mit der Strömung zu Thal.

»So laß ich mir's im Walde gefallen,« sagte endlich Tom nach langer Pause, indem er sich auf sein Lager zurückwarf und zu den von der darunter lodernden Gluth beleuchteten Zweigen emporschaute. »So kann man's aushalten – Bärenrippen und trockenes Wetter – etwas Honig fehlt noch: solch junges Fleisch schmeckt aber auch ohne Honig delicat. Blitz und Tod! Manchmal, wenn ich so auf Deck lag, wie jetzt hier unter den herrlichen Bäumen, zu eben den Sternen in die Höhe schaute und dann das Heimweh bekam – Edgeworth, ich sage Euch, das – Ihr habt wohl nie das Heimweh gehabt?«

»Das Heimweh? nein,« erwiderte der alte Mann seufzend, während er seine Büchse mit frischem Zündpulver versah und diese, das Schloß mit dem Halstuch bedeckend, neben sich legte, »das nicht, aber anderes Weh gerade genug. – Sprechen wir nicht davon, ich möchte mir den Abend nicht gern verderben. Ihr wolltet mir ja erzählen, was in Brasilien mit Dickson, oder wie er sonst hieß, geschah.« –

»Nun, wenn das dazu dienen soll, Euch aufzuheitern,« brummte Tom, »so habt Ihr einen wunderlichen Geschmack. Aber so ist es mit uns Menschen, wir hören lieber Trauriges von Anderen, als Lustiges von uns selbst. Doch, meine Geschichte ist kurz genug.«

[12] »Wir waren in die Mündung eines kleinen Flusses, San Jose, eingelaufen und gedachten dort, unsere Ladung von Whisky, Mehl, Zwiebeln und Zinnwaren – mit welchen letzteren wir einen besonders guten Handel zu machen erwarteten – an die Eingeborenen und Pflanzer zu verkaufen. Eine bezeichnete Plantage hatten wir aber an dem Abend nicht mehr erreichen können, befestigten unser kleines Fahrzeug deshalb mit einem guten Kabeltau an einem jungen Palmbaum, der nicht weit vom Ufer stand, kochten unsere einfache Mahlzeit, spannten die Mosquitonetze auf und legten uns schlafen.

Eine Wache auszustellen oder sonstige Vorsichtsmaßregeln zu treffen, fiel Niemandem ein; nur hatten wir den Schooner etwas lang gehangen, damit er neben einen im Wasser festliegenden Stamm kam und nicht dicht an's Ufer konnte. Sonst träumten wir von keiner Gefahr und hielten auch wirklich die Gegend für ganz sicher und gefahrlos. –

Ich weiß nicht, wie spät es in der Nacht gewesen sein kann, als Dickson, der dicht neben mir lag, mich in die Seite stieß und frug, ob ich nichts höre.

Halb im Schlafe noch mocht' ich ihm wohl etwas mürrisch geantwortet haben, zum Teufel zu gehen und andere Leute in Ruhe zu lassen, auch wahrscheinlich wieder eingeschlafen sein, da fühlte ich, wie er mich bald darauf zum zweiten Mal, und zwar diesmal ziemlich derb, an der Schulter faßte und leise flüsterte: ›Munter, Tom! munter! Es ist nicht richtig am Ufer.‹ ›Hallo,‹ rief ich und fuhr in die Höhe; denn jetzt kam mir zum ersten Mal der Gedanke an die rothen Teufel, die ja doch auch dort vielleicht eben solche Liebhabereien haben konnten, wie das wilde Volk bei uns. So saßen wir denn neben einander, Jeder unter seinem langen dünnen Fliegennetz, und horchten, ob wir irgend etwas Verdächtiges hören konnten. Da rief Dickson auf einmal: ›Hierher, Leute – da sind sie – die Schufte!‹ und sprang in die Höhe, während ich schnell nach meinem Messer griff und das verdammte Ding in aller Eile nicht finden konnte. Dickson aber mußte sich mit den Füßen in dem dünnen Gazestoff, aus dem das Netz bestand, verwickelt haben. Ich hörte einen [13] Fall auf das Deck und sah, als ich mich schnell danach umwandte, zwei dunkle Gestalten, die wie Schatten über den Rand des Bootes glitten und sich auf ihn warfen.

In dem Augenblick trat ich auf eine Handspeiche, die wir am vorigen Abend gebraucht hatten, und das war die einzige Waffe, die hier von Nutzen sein konnte. Mit Blitzesschnelle riß ich sie in die Höhe, rief den Anderen zu – wir hatten noch drei Matrosen und einen Jungen an Bord –, das Tau zu kappen, und schmetterte mit dem schweren Holz auf die Köpfe der beiden dunkeln Halunken nieder, die auch im nächsten Augenblick wieder über Bord sprangen oder wahrscheinlicher stürzten; denn meine Keule saß am nächsten Morgen voll Gehirn und Blut.

Während die Uebrigen, ebenfalls noch halb schlaftrunken, emportaumelten, hatte der Junge so viel Geistesgegenwart behalten, mit einem glücklicher Weise dortliegenden Handbeil das Tau zu kappen, so daß schon im nächsten Augenblick der Schooner, von der starken Ebbe mit fortgenommen, stromab trieb.

Meiers und Howitt, zwei von den anderen Matrosen, versicherten mir nachher noch, sie hätten eben falls fünf von den Schuften, die am Schiffsrand gehangen, auf die Schädel geklopft; ich weiß freilich nicht, ob es wahr ist. Unser armer Capitain war aber todt – er hatte einen Lanzenstich durch die Brust und einen Keulenschlag über den Kopf bekommen, und lag, als wir endlich am andern Ufer wieder etwas freier Athem schöpften, starr und leblos an Deck.«

»Und was wurde aus der Ladung?«

»Die verkaufte ich noch in derselben Woche, befrachtete dann die ›Charlotte‹, so hieß der Schooner, mit bei uns verkäuflichen Gegenständen und lief vier Monate später gesund und frisch in Charlestown, wo Dickson's Wittwe lebte, ein. Die arme Frau trauerte allerdings über den Tod ihres Mannes, das Geld aber, was ich ihr brachte, tröstete sie wohl in etwas. Acht Wochen später heirathete sie wenigstens einen Pflanzer in der Nachbarschaft. Das sind Schicksale.«

»Sie wußte doch wenigstens, wo ihr Mann geblieben,« flüsterte der alte Mann halb vor sich hin, »wußte, daß er [14] todt, und wie er gestorben sei. Wie manche Eltern harren aber Monde – Jahre lang auf ihre Kinder, hoffen in jedem Fremden, der die Straße wandert, in jedem Reisenden, der Nachts an ihre Thür klopft, das geliebte Antlitz zu schauen und – müssen sich am Ende doch selbst gestehen, daß sie todt – lange, lange todt sind, und daß Haifisch oder Wolf ihre Leichen zerrissen oder ihre Gebeine benagt haben.«

»Ja, Du lieber Gott,« sagte Tom, indem er, um ein etwas lebhafteres Feuer zu erhalten, einen neuen Ast auf die Kohlen warf, »das ist eine sehr alte Geschichte. Wie Viele kommen allein in diesen Wäldern um, die auf den Flüssen gar nicht gerechnet, von denen die Ihrigen selten oder nie wieder erfahren, was aus ihnen geworden ist. Wie viele Tausend gehen auf der See zu Grunde! Das läßt sich nicht ändern, und so oft ich auch in Lebensgefahr gewesen bin, daran hab' ich nie gedacht.«

»Manchmal kehren sie aber auch wieder zu den Ihrigen zurück,« sagte der Alte mit etwas freudigerer Stimme. »Wenn diese sie schon lange auf- und verloren gegeben haben, dann klopfen sie plötzlich an das so lange nicht gesehene, so heiß vielleicht ersehnte Vaterhaus, und die Eltern schließen weinend – aber Freudenthränen weinend, das liebe, böse Kind in die Arme.«

»Ja,« erwiderte Tom ziemlich gleichgültig, »aber nicht oft. Die Dampfboote fressen jetzt eine unmenschliche Anzahl Leben; bei denen geht's ordentlich schockweise. Das – aber Ihr rückt ja ganz von der Decke herunter,« unterbrach er sich, während er sein erst verlassenes Lager wieder einnahm; »die Nacht ist zwar warm, doch auf dem feuchten Grunde zu liegen, soll gerade nicht übermäßig gesund sein.«

»Ich bin's gewohnt,« erwiderte der Alte, und zwar, wie es schien, ganz in seine eigenen trüben Gedanken vertieft.

»Und wenn Ihr's auch gewohnt seid, die Decke liegt einmal da, warum sie nicht benutzen!«

»An der Stelle dort, wo ich lag, müssen Wurzeln oder Steine sein – es drückte mich an der Schulter und ich rückte deshalb aus dem Wege.«

[15] »Nun, danach können wir leicht sehen,« meinte Tom gutmüthig; »es wäre überhaupt besser, ein wenig dürres Laub zu einem vernünftigen Lager zusammenzuscharren, als hier auf der harten Erde liegen zu bleiben. Steht einen Augenblick auf, und in einer Viertelstunde soll Alles hergerichtet sein.«

Edgeworth erhob sich und trat zu der knisternden Flamme, in die er mit dem Fuße einige der durchgebrannten und hinausgefallenen Klötze zurückschob. Tom zog indessen die Decke weg und fühlte nach den darunter verborgenen Wurzeln.

»Hol's der Henker,« lachte er endlich, »das glaub' ich, daß Ihr da nicht liegen konntet. Eine ganze Partie Hirschknochen steckte darunter und keine Wurzeln; daß wir das aber auch nicht gleich gesehen haben!« Er warf bei diesen Worten die Knochen gegen das Feuer zu und kratzte nun mit den Füßen und Händen das in der Nähe herumgestreute Laub herbei, bis er ein ziemlich weiches Lager zusammenhatte. Dann breitete er wieder sorgfältig die Decke darüber, trug noch einige heruntergebrochene Aeste zur Flamme, um in der Nacht wieder nachlegen zu können, zog Jacke und Moccasins aus, deckte die erstere sich über die Schultern und lag bald darauf lang ausgestreckt auf der Decke, um ein paar Stunden zu schlafen und die Ankunft des Bootes am nächsten Morgen nicht zu versäumen.

Edgeworth hatte dagegen einen der neben ihn hingeworfenen Knochen aufgenommen und betrachtete ihn mit größerer Aufmerksamkeit, als ein so unbedeutender Gegenstand eigentlich zu verdienen schien.

»Nun – seid Ihr nicht müde?« frug ihn sein Gefährte endlich, der zu schlafen wünschte, »laßt doch die Aasknochen und legt Euch nieder. Es wird Tag werden, ehe wir's uns versehen.«

»Das ist kein Hirschknochen, Tom!« sagte der Alte, indem er sich zum Feuer niederbog, um das Gebein, das er in der Hand hielt, besser und genauer betrachten zu können.

»Nun, so ist's von Wolf oder Bär,« murmelte dieser, schon halb eingeschlafen, mit schwerer Zunge.

»Bär? das wäre möglich,« erwiderte nachdenkend der Alte, [16] »ja, ein Bär könnt' es sein, ich weiß aber doch nicht – mir kommt's wie ein Menschenknochen vor –«

»Tretet doch dem Hund einmal in die Rippen, daß er das verdammte Scharren läßt,« sagte der Matrose ärgerlich. »Menschenknochen – meinetwegen auch; wie sollten aber Menschenknochen –« er fuhr auf einmal schnell und ganz ermuntert von seinem Lager empor, während er scheu und wild zu den Bäumen hinaufschaute, die um ihn standen.

»Was ist Euch?« frug Edgeworth erschrocken, »was habt Ihr auf einmal?«

»Verdammt will ich sein,« sagte Tom sinnend und immer noch ängstlich umherblickend, »wenn ich – nicht glaube –«

»Glaube, was? Was habt Ihr?«

»Ist das wirklich ein Menschenknochen?«

»Mir kommt er so vor. Es muß das Hüftbein eines Mannes gewesen sein, denn für einen Hirsch ist es zu stark und für einen Bären zu lang. Aber was ist Euch?«

Tom war emsig beschäftigt, seine Moccasins wieder anzuziehen, und sprang jetzt auf die Füße.

»Wenn das ein Menschenknochen ist,« rief er, »so kenne ich den, dem er gehörte, und habe ihn selbst mit Aesten und Zweigen zugedeckt, als wir ihn fanden. Darum lag also auch hier so viel halbverfaultes Holz auf einem Haufen. Ja, wahrhaftig, das ist der Platz und dieselbe Eiche, unter der wir ihm sein Grab machten; das Kreuz – der Auswuchs hier soll ein Kreuz sein – hieb ich damals mit meinem eigenen Tomahawk in den Stamm. Der arme Teufel –«

»Auf welche Art starb er denn, und wer war es?«

»Wer es war, weiß der liebe Gott, ich nicht, aber er starb auf eine recht niederträchtige, hundsföttische Weise. Ein Bootsmann, dessen Boot gerade da unten am Lande lag, wo wir das unsrige morgen erwarten, schlug ihn todt wie einen Wolf, und das um ein paar lumpiger Dollar willen.«

»Entsetzlich!« sagte der Alte und lehnte sich, den Knochen neben sich legend, auf seine Decke zurück, während Tom ebenfalls seinen so schnell verlassenen Platz wieder einnahm und den Kopf in die Hand stützte.

[17] »Wir jagten hier oben nach Bienen,« fuhr Tom, vor sich niederstarrend und ganz im Andenken der alten Zeiten verloren, fort, »und Bill –«

»Der Bootsmann?« frug Edgeworth.

»Nein, jener Unglückliche,« sagte Tom.

»Und sein anderer Name?«

»Den nannte er nie; wir waren auch nur vier Tage zusammen, und er gehörte, so viel ich verstanden habe, nach Ohio hinüber. Bill hatte jenen Burschen ein paar Dollar sehen lassen, und der wollte ihn gern Abends, als wir am Feuer gelagert waren, zum Spielen reizen. Er spielte aber nicht, und das erbitterte schon den nichtswürdigen Buben. Ein paar Nächte darauf hatte er's denn auf irgend eine Art und Weise anzustellen gewußt, daß er den armen Jungen von uns fortbekam und die Nacht mit ihm allein auslagerte. Wir campirten an demselben Abend in der Nähe der Schlucht, in welcher wir heute zuerst auf die Bärin schossen; denn von der kleinen Prairie aus waren wir dorthin einem Bienencours gefolgt. Den andern Tag ließ sich Niemand von ihnen sehen, und als wir mit Sonnenuntergang zum Flußufer kamen, war das Boot fort.

Dicht am Ufer übernachteten wir. Der alte Sykomorestamm muß noch dort liegen, wo unser Feuer war; denn der hatte sich fest zwischen zwei Felsen gezwängt und konnte nicht fort. Als wir am nächsten Morgen die Bank erstiegen, wurden wir zuerst durch die Aasgeier aufmerksam gemacht, von denen eine große Menge nach einer Richtung hinzog.

Gebt Acht, sagte mein Begleiter, ein Jäger aus Kentucky, mit dem ich damals in Compagnie jagte, gebt Acht, der lumpige Flatbooter hat den Kurzfuß kalt gemacht.«

»Kurzfuß,« fuhr der Alte erschrocken auf, »warum nannte er ihn Kurzfuß?«

»Sein rechtes Bein war etwas kürzer als das linke, und er hinkte ein wenig, aber nicht viel, und richtig – wie wir auf den Hügel hier kommen – ich vergäße den Anblick nicht und wenn ich tausend Jahre alt würde – da lag der Körper, [18] und die Aasgeier – aber was ist Euch, Edgeworth, was habt Ihr? Ihr seid –«

»Hatte der – der Kurzfuß oder – oder Bill, wie Ihr ihn nanntet – eine Narbe über der Stirn?«

»Ja – eine große, rothe Narbe – kanntet Ihr ihn?«

Der alte Mann preßte seine Hände vor die Stirn und sank in stummem Schmerz auf sein Lager zurück.

»Was ist Euch, Edgeworth? Um Gottes willen. Mann – was fehlt Euch?« rief der Matrose, jetzt wirklich erschreckt emporspringend, »kommt zu Euch – wer war jener Unglückliche?«

»Mein Kind – mein Sohn!« schluchzte der Greis und drückte seine eiskalten, leichenartigen Finger fest vor die heißen, trockenen Augenhöhlen.

»Allmächtiger Gott!« sagte Tom erschüttert, »das ist schrecklich – armer – armer – Vater!«

»Und Ihr begrubt ihn nicht!« frug dieser endlich nach langer Pause, in der er versucht hatte, sich ein wenig zu sammeln.

»Doch – er bekam ein Jägergrab,« antwortete leise und mitleidig der junge Mann; »wir hatten nichts mit uns, als unsere kleinen indianischen Tomahawks, und der Boden war dürr und hart da – aber ich martere Euch mit meinen Worten –«

»Erzählt nur weiter – bitte – laßt mich Alles wissen,« bat flehend der Vater.

»Da legten wir ihn hier unter diese Eiche, trugen von allen Seiten Stangen und Aeste herbei, daß kein wildes Thier, wie stark es auch gewesen, ihn erreichen konnte – denn Bären lassen die Leichen zufrieden –, und ich hieb mit dem Tomahawk noch zuletzt das einfache Kreuz hier in den Stamm.«

Edgeworth starrte still und leichenbleich vor sich nieder. Nach kurzer, peinlicher Pause richtete er sich aber wieder empor, schaute zitternd und traurig umher und flüsterte:

»Wir liegen hier also auf seinem Grabe – in seinem Grabe – und mein armer, armer William mußte auf solche Weise enden! Doch seine Gebeine dürfen nicht so umhergestreut [19] länger dem Sturm und Wetter preisgegeben bleiben, Ihr helft sie mir begraben, nicht wahr, Tom?«

»Von Herzen gern, nur – wir haben kein Werkzeug.«

»Auf dem Boote sind zwei Spaten und mehrere Hacken – die Leute müssen helfen. – Ich will meinem Sohn, und wenn auch erst nach langen Jahren, die letzte Ehre erweisen; es ist ja Alles, was ich für ihn thun kann.«

»Sollen wir lieber unser Lager hinüber auf die andere Seite des Feuers machen?« frug Tom.

»Glaubt Ihr, ich scheute mich vor der Stelle, wo mein armes Kind vermoderte?« sagte der Greis; »es ist ja auch ein Wiedersehen, wenngleich ein gar schmerzliches. Ich glaubte an seinem Herzen noch einmal liegen zu können und finde jetzt – seine Gebeine umhergestreut in der Wildniß. – Aber gute Nacht, Tom – Ihr müßt müde sein von des Tages Anstrengungen – wir wollen ein wenig schlafen, und der anbrechende Tag finde uns erwacht und mit unserer Arbeit beschäftigt.«

Sicherlich nur, um den jüngeren Gefährten zu schonen, warf sich der alte Mann auf sein Lager zurück und schloß die Augen. Kein Schlaf senkte sich aber auf seine thränenschweren Lider, und als der kühle Morgenwind durch die rauschenden Wipfel der Kiefern und Eichen säuselte, stand er auf, fachte das jetzt fast niedergebrannte Feuer zu heller, lodernder Flamme an und begann bei dessen Licht die um das Lager herumgestreuten Gebeine zu sammeln. Tom, hierdurch ermuntert, half ihm schweigend in seiner Arbeit und näherte sich dabei dem Platze, wo Wolf, etwa dreißig Schritt vom Feuer entfernt, zusammengekauert neben einem kleinen Ulmenbusche lag. Obgleich die Beiden aber sonst sehr gute Bekannte waren, empfing ihn der alte Hund doch sehr unfreundlich und knurrte mürrisch und drohend. –

»Wolf! Schämst Du Dich nicht, Alter?« sagte der junge Mann, auf ihn zugehend, »Du träumst wohl, Du faules Vieh – weist mir die Zähne?«

Der Hund beruhigte sich jedoch selbst durch die Anrede nicht und knurrte nur stärker, wedelte aber auch dabei leise [20] mit dem Schwanze, gerade als ob er hätte sagen wollen: Ich kenne Dich recht gut und weiß, daß Du ein Freund bist, aber hierher darfst Du mir trotz alledem nicht.

Tom blieb stehen und sagte zu Edgeworth, der auf ihn zukam:

»Seht den Hund an, er hat da etwas unter dem Laube und will mich nicht näher lassen. Was es nur sein mag?«

Edgeworth ging auf ihn zu, schob leise seinen Kopf zur Seite und fand zwischen den Pfoten des treuen Thieres – den Schädel seines Sohnes – wobei Wolf, als Jener die Ueberreste des theuren Hauptes seufzend emporhob, an ihm hinauf sprang und winselte und bellte.

»Das kluge Thier weiß, daß es Menschenknochen sind,« sagte der Matrose.

»Ich glaube, beim ewigen Gott, er kennt die Gebeine!« rief der Greis erschrocken. »Bill hat ihn aufgezogen und ging nie, von dem Augenblick an, wo er laufen konnte, einen Schritt ohne ihn in den Wald.«

»Das ist ja nicht möglich – die Gebeine können keinen Geruch behalten haben. – Wie alt ist denn der Hund?«

»Acht Jahre – aber so klug wie je ein Thier einer Fährte folgte,« sagte der Greis; »Wolf – komm hierher,« wandte er sich dann an den Winselnden, »komm her, mein Hund – kennst Du Bill noch, Deinen alten guten Herrn?«

Wolf setzte sich nieder, hob den spitzigen Kopf hoch empor, sah seinem Herrn treuherzig in die Augen, warf sich mehrere Male unruhig von einem Vorderlauf auf den andern und stieß plötzlich ein nicht lautes, aber so wehmüthig klagendes Geheul aus, daß sich der alte Mann nicht länger halten konnte. Er kniete neben dem Thiere nieder, umschlang seinen Hals und machte durch einen heißen, lindernden Thränenstrom seinem gepreßten Herzen Luft. Wolf aber leckte ihm liebkosend Stirn und Wange und versuchte mehrere Male, die Pfote auf seine Schulter zu legen.

»Unsinn!« sagte Tom, dem bei dem sonderbaren Betragen des Hundes ordentlich unheimlich zu Muthe wurde, »das Thier wittert menschliche Ueberreste, und da geht's ihm gerade [21] wie mit Menschenblut. Laßt das die Hunde plötzlich spüren, so heulen sie ebenfalls, als ob ihnen das Herz brechen wollte.« »Laßt mir den Glauben, Tom!« bat der Alte, sich endlich wehmüthig wieder emporrichtend, »es thut mir wohl, selbst in dem Thiere das Gedächtniß für einen Freund bewahrt zu sehen, und – wir haben ja des Schmerzlichen genug, warum den schwachen Trost noch muthwillig mit eigener Hand zerstören?«

Ein Schuß aus der Richtung her, in welcher der Fluß liegen mußte, unterbrach hier seine Rede.

»Verdammt!« rief Tom, »ob die Burschen nicht schon mit dem Boote da sind – die Seehunde müssen Nachts gefahren sein, es ist ja kaum Tag.«

»Thut mir den Gefallen und ruft sie her!« bat Edgeworth.

»Mir wär's lieber, wenn Ihr mitginget,« sagte der junge Mann zögernd, »Ihr quält Euch hier und –«

»Ich bin gefaßt, wenn Ihr kommt, Tom. – Thut mir die Liebe und ruft sie.«

Im nächsten Augenblick hatte der junge Mann seine Büchse geschultert und schritt dem Flußufer zu. Edgeworth kniete an dem Fuße der Eiche, die Jahre lang ihre Arme schützend über die Ueberreste seines Kindes ausgebreitet hatte, nieder und lag ernst und still im brünstigen Gebet, bis er die Schritte der vom Boote Kommenden hörte. Dann sprang er auf und schritt ihnen fest und ruhig entgegen.

Tom hatte die Männer schon unten am Flusse mit dem Vorgegangenen schnell bekannt gemacht, und ernst und schweigend begannen sie an der engen Gruft zu arbeiten, die des unglücklichen jungen Mannes Gebeine aufnehmen sollte. Dann legten sie sorgsam die gesammelten Ueberreste hinein, warfen das Grab zu, wölbten den kleinen Hügel darüber und trugen nachher eben so still und lautlos die Jagdbeute, die ihnen Tom bezeichnete, auf ihren Schultern zum Boote hinunter.

»Hallo!« rief ihnen hier der an Bord gebliebene Steuermann, eine wilde, drohende Gestalt, das Gesicht ganz von Pockennarben zerrissen, die schwarzen langen Haare wild um [22] die Schläfe hängend, entgegen, »Bärenfleisch! Verdamm' meine Augen, wenn das nicht der vernünftigste Streich ist, den unser alter Capitain in langer Zeit ausgeführt hat. – Macht aber schnell, Burschen, daß wir von hier fort kommen, wir versäumen die schöne Zeit und das Wasser fällt mit jeder Secunde.«

»Wir gehen noch einmal hinauf,« sagte der Eine von ihnen.

»Was zum Henker ist nun noch oben?«

»Oben ist nichts mehr, wir wollen nur die Backsteine aus unserer Küche hinauftragen und, so gut es geht, einen Grabstein daraus machen.«

»Narren seid Ihr,« zürnte der Steuermann, »wie sollen wir nachher kochen?«

»In Vincennes können wir andere bekommen,« sagte Tom, »schaden würd's Euch auch nicht, wenn Ihr eine Ladung mit hinauftrüget.«

»Ich bin zum Steuern gemiethet und nicht zum Steineschleppen,« brummte der Lange, indem er sich ruhig auf's Verdeck streckte. »Unsinn genug, daß Ihr die alten Knochen da oben noch einmal aufrührt; die wären auch ohne Euch verfault.«

Die Männer antworteten ihm nicht, luden ihre Last auf und stiegen damit die steile Uferbank empor. An dem Grabe errichteten sie aber das einfache Denkmal für den ermordeten Jäger, frischten das Kreuz in der Eiche wieder auf und wollten dann langsam den Platz, auf dem Edgeworth noch immer in Schmerz und Gram vertieft stand, verlassen. Da fuhr dieser aus seinen Träumen auf, drückte den Bootsleuten allen freundlich die Hand, schulterte seine Büchse, rief dem Hunde und ging mit festen, sicheren Schritten voran dem Boote zu.

Eine halbe Stunde später knarrten und kreischten die schweren Ruder des unbehülflichen Fahrzeugs, mit deren Hülfe es in die eigentliche Strömung hinausgeschoben wurde. Dann aber drängte es schwerfällig gegen die Mitte des Flusses zu und trieb langsam hinunter seine stille, einförmige Bahn. Wie [23] es aber nur erst einmal in Gang und richtig in der Strömung war, hoben die Bootsleute ihre »Finnen« (wie die langen Ruder solcher Boote genannt sind) an Deck und streckten sich selbst nachlässig und behaglich auf den Brettern aus, die ersten Strahlen der freundlichen Morgensonne zu genießen, die jetzt eben in all' ihrer schimmernden Pracht und Herrlichkeit über dem grünen Blättermeer emportauchte.

Edgeworth aber saß, mit dem Hunde zwischen seinen Knieen, am hintern Rande des Fahrzeugs und schaute still und traurig nach den mehr und mehr in weiter Ferne verschwimmenden Bäumen zurück, die das Grab seines Kindes überschatteten.

Fußnoten

1 Hosier ist ein Scherzname der Amerikaner für die Bewohner von Indiana.

2. Der Kampf. - Smart und Dayton

2.

Der Kampf. – Smart und Dayton.

In Helena 1 herrschte ein gar ungewöhnlich reges Leben und Treiben, und aus der ganzen Umgegend mußte hier die Bevölkerung zusammengekommen sein. Ueberall standen eifrig unterhandelnde Männer, theils in die bunt befranzten Jagd-Hemden der Hinterwäldler, theils in die blauen Jeansfracks der etwas mehr civilisirten Städter gekleidet, in Gruppen umher, während heftige Reden und lebhafte Gesticulationen ihr Gespräch als ein keineswegs alltägliches verkündeten.

Vor dem Union-Hotel – dem besten Gasthause der Stadt – schien sich ganz besonders ein nicht geringer Theil dieser [24] Menschenmasse concentrirt zu haben, und der Wirth desselben, eine lange hagere Gestalt, mit blonden Haaren, scharfen Backenwochen, etwas spitzer, gerade vorstehender Nase, aber blauen gutmüthigen Augen, kurz jeder Zoll ein Yankee, hatte schon eine geraume Zeit dem Drängen und Treiben vor seiner Schwelle mit augenscheinlichem Wohlbehagen zugesehen. Im Innern des Hauses fehlte es allerdings keineswegs an Arbeit, und die thätige Hausfrau hatte, von ihrem Dienstboten und einem Neger unterstützt, alle Hände voll zu thun, die Gäste zu befriedigen und Schlafstellen für Die herzurichten, die zu weit entfernt von Helena wohnten. Trotzdem aber verharrte der Wirth in seiner ruhigen Stellung und kümmerte sich nicht im Geringsten um das innere Hauswesen.

Durch den Wortwechsel und vielleicht auch durch geistige Getränke erhitzt, artete indeß die bisherige ruhige, wenigstens friedliche Unterhaltung immer mehr und mehr aus. – Einzelne heftige Flüche und Drohungen überschallten zuerst für Augenblicke das übrige Wortchaos, und plötzlich kündete ein scharfer Schrei und ein wildes Drängen, wie es endlich, was der lächelnde Wirth schon lange ersehnt haben mochte, zu Tätlichkeiten gekommen sei.

Mit halb vorgebeugtem Oberkörper, die beiden Hände tief in den Beinkleidertaschen und die rechte Schulter an den Pfosten seiner Thür gelehnt, stand er da, und man sah es ihm ordentlich an, welch' Vergnügen ihm ein Kampf mache, dessen Resultat so ganz seinen Wünschen entsprochen haben mußte.

Der nämlich, der den ersten Schlag gegeben, war ein kleiner, untersetzter Irländer mit brennend rothen Haaren und wo möglich noch rötherem Barte, dazu in Hemdsärmeln, mit offenem Kragen und etwas kurzen, eng anschließenden Nankingbeinkleidern, was seiner Figur einen eigenthümlich komischen Anstrich gab. Außerdem bewies sich aber Patrick O'Toole nichts weniger als komisch oder auch nur spaßig, sobald er ein paar Tropfen Whisky im Kopfe und irgend Ursache zu einem vernünftigen oder »raisonnablen« Streite, wie er es nannte, hatte. Wenn auch nicht zänkisch, so war er doch der Letzte, der einen Platz verlassen hätte, wo noch [25] die mindeste Aussicht zu einer anständigen Prügelei zu erwarten gewesen wäre.

So gerechte Sache aber Patrick oder Pat, wie er gewöhnlich im Städtchen hieß, diesmal haben mochte, so sehr fand er sich bald im Nachtheil, denn kaum lag sein Gegner vor ihm im Staube, als der größte Theil Derer, die bis jetzt wenig oder gar keinen Antheil an dem Zanke genommen, auf ihn eindrangen und den Gefallenen rächen wollten.

»Zurück mit Euch! – weg da, Ihr Blackguards, Ihr – Söhne einer Wölfin!« – schrie der Irländer und theilt? dabei, ohne Unterschied der Person, nach links und rechts so gewaltige und gut gezielte Stöße aus, daß er die Angreifer blitzesschnell zu sicherer Entfernung zurückscheuchte. –

»Ehrlich Spiel hier!« schrie er dabei und streifte sich schnell den immer wieder niederrutschenden Aermel auf – »ehrlich Spiel. Ihr Spitzbuben, Einer gegen Einen, oder auch Zwei und Drei, aber nicht Acht und Neun; die Pest über Euch – ich klopfe Euch die Schädel so breiweich, wie Euer Hirn ist – Ihr hohlköpfigen Halunken Ihr!«

»Ehrlich Spiel!« riefen auch Einige aus der Menge und suchten die übrigen Kampflustigen zurückzudrängen. Der zu Boden Geschlagene hatte sich aber in diesem Moment ebenfalls wieder aufgerafft, und das eine blau unterlaufene Auge mit der linken Hand bedeckend, riß er mit der rechten ein bis dahin verborgen gehaltenes Messer unter der Weste vor und warf sich mit einem Schrei des wildesten, unbezähmbarsten Ingrimms auf den ihn ruhig erwartenden Iren.

Dieser jedoch, ohne weiter seine Stellung zu verändern, fing den drohend gegen ihn gerichteten und sicherlich gut gemeinten Stoß auf, indem er den Angreifer am Handgelenk erfaßte, zum zweiten Mal niederschlug und nun in dem Rechtlichkeitssinn der ihn Umgebenden hinlängliche Bürgschaft zu finden glaubte, daß sie einen andern dem ähnlichen Ueberfall verhindern würden.

Die Volksmenge schien ihm aber keineswegs geneigt – man entzog zuerst den Besiegten seinen Händen, und dann [26] brach der Sturm in plötzlicher, aber desto verheerenderer Gewalt über ihn los.

»Zu Boden mit dem irischen Hund! nieder mit ihm!« tobten sie. – »Er hat Hand an einen Bürger der Vereinigten Staaten gelegt – was will der Ausländer hier? der über's Wasser Gekommene?«

»In's Wasser denn mit ihm!« schrie ein breitschulteriger bleicher Gesell, dem sich eine tiefe, noch kaum geheilte Narbe vom linken Mundwinkel bis hinter das Ohr zog, was seinem Gesicht etwas unbeschreiblich Wildes und Unheimliches verlieh – »in's Wasser mit ihm – die irischen und deutschen Halunken verderben armen ehrlichen Arbeitern ohnedies die Preise. In den Mississippi mit der dünnbeinigen Canaille, da kann sie mit den Seespinnen Hornpipes tanzen!« und mit diesen Worten, während er einen nicht sehr lauten, aber ganz eigenthümlichen Pfiff ausstieß, warf er sich so plötzlich gegen den überraschten Irländer, daß er diesen für den Augenblick zum Wanken brachte. Den geübten Boxer würde er jedoch trotz alledem nicht übermannt haben, wären nicht die ihm zunächst Stehenden und mehrere Andere, die sich schnell hinandrängten, rasch zu seiner Hülfe herbeigeeilt, und O'Toole sah sich gleich darauf von mehreren Seiten erfaßt und zu Boden geworfen.

»In den Mississippi mit dem Schuft!« tobte der Haufen – »bindet ihm die Hände auf den Rücken und laßt ihn schwimmen! – Fort nach Irland mit ihm – er kann sich unterwegs ein Schiff bestellen,« jubelte ein Anderer, und wenn auch Einzelne der friedlicher Gesinnten, die keineswegs wollten, daß ein bloßer Streit ein solch tragisches Ende nehmen sollte, dazwischen sprangen und den Ueberwältigten zu retten suchten, so wurden diese doch leicht zurückgehalten, und jauchzend schleppten die Rasenden ihr Opfer dem Flußrande zu.

O'Toole's Lage war eine höchst mißliche, und er selbst wußte nur zu gut, wie feindlich ein großer Theil der Bewohner von St. Helena gegen ihn gesinnt sei, um nicht das Schlimmste zu fürchten. Schwerlich würden ihm aber seine verzweifelten Anstrengungen, mit denen er versuchte, den [27] Mördern Trotz zu bieten, etwas genützt haben. Die Uebermacht war zu groß, und die Nähe des Flusses ließ ihnen auch keine Zeit zum Ueberlegen, sondern schien ihr Vorhaben eher noch zu begünstigen. – Da war es ein Einzelner, der sich plötzlich mitten zwischen die Wüthenden warf und, den Arm des Iren ergreifend, jeden weiteren Fortschritt hemmte; dieser Einzelne aber niemand Anderes, als unser freundlicher Wirth, Jonathan Smart, der hier mit einer Autorität sein »Halt – das ist genug!« aussprach, als ob er von dem Haufen ganz besonders zum Friedens- und Schiedsrichter bestellt gewesen wäre.

Die Menge zeigte indessen nicht die mindeste Lust, das so unerwartete und ungebetene Einschreiten geduldig zu ertragen.

»Zurück, Smart – laßt den Mann los und geht zum Teufel!« und mehrere ähnliche und gleich freundliche Anreden schallten ihm aus fast jedem Munde entgegen. Smart aber behauptete nichtsdestoweniger seinen Platz und rief nur mit fester Stimme dagegen:

»Ich will verdammt sein, wenn Ihr ihm ein Haar krümmt!«

»So sei es denn!« schrie der Eine seiner Gegner, zog eine kleine Taschenpistole, richtete sie auf den Yankee und drückte ab. Nun versagte zwar zum großen Glück des menschenfreundlichen Retters die Waffe, Jonathan Smart war aber nicht der Mann, der ruhig auf sich zielen ließ. Mit schnellem Griff riß er ein unter seinem Rock getragenes, wenigstens zwölf Zoll langes Bowiemesser vor und führte damit schon in der nächsten Secunde einen so kräftigen wohlgemeinten Hieb nach dem entsetzt Zurückfahrenden, daß er ihm, wenn Jener Stich gehalten, den Schädel unfehlbar mit dem schweren Stahl gespalten haben müßte. Der aber, dem die jetzt zornfunkelnden Augen des Gereizten nur zu deutlich verriethen, was ihn erwarte, sprang mit lautem Aufschrei zur Seite, und nur noch die Spitze des Messers traf ihn vorn an der Schulter, von wo an sie ihm den Rock bis hinab an den Saum mit einem Hiebe aufriß.

[28] Der Schlag war zu tüchtig geführt gewesen, um an dem vollen Ernst des Mannes nur einen Augenblick zu zweifeln. Sein Auge flog auch jetzt mit so dunkelglühendem und herausforderndem Trotz über die Anderen hin, daß sie scheu und fast unwillkürlich den Iren losließen. Der aber fühlte seine Glieder kaum wieder frei, als er auch schon rasch emporsprang und nicht übel Lust zu haben schien, den für ihn fast so verderblich gewordenen Kampf an Ort und Stelle zu erneuern. Smart jedoch hielt seinen rechten Arm wie mit eisernem Griff umspannt, und ehe noch die für den Augenblick wie vor den Kopf gestoßenen Männer einen neuen Entschluß fassen oder es über sich gewinnen konnten, dem ihnen so herausfordernd gezeigten Stahl zu trotzen, zog der Wirth den kleinen Irländer mit sich fort, seinem eigenen Hause zu, und verschwand gleich darauf im Innern desselben.

»Verdamm' meine Augen!« schrie da plötzlich der schon früher erwähnte bleiche Gesell mit der Narbe – »sollen wir uns das gefallen lassen? Wer ist denn der langbeinige Schuft von einem Yankee, der hier nach Arkansas kommt und einem ganzen Haufen ordentlicher Kerle vorschreiben will, was er zu thun und zu lassen hat? Ei so steckt doch dem Halunken das Haus über dem Kopfe an!« –

»Bei Gott, das wollen wir – kommt, Boys, holt das Feuer aus seiner eigenen Küche!« tobte und wüthete die Schaar – »nieder mit der Kneipe, die Bestie will so nichts pumpen!«

Die Masse wandte sich – rasch zur Unthat erschlossen – gegen das also bedrohte Haus, und wer weiß, wie weit sie in ihrem augenblicklich heftig entflammten Grimme gegangen wäre, hätte sich ihr nicht jetzt, aber mit der freundlichsten, bittendsten Geberde ein Mann entgegengestellt, der sie mit hoch erhobenen Armen und lauter Stimme bat, ihm einen Moment Gehör zu schenken. Er war hoch und schlank gewachsen, mit offener, freier Stirn, dunkeln Augen und Haaren, und feinen, fast weiblich scholl geschnittenen Lippen. Auch in seiner ganzen Haltung lag etwas Gebieterisches und doch wieder Geschmeidiges, und seine Kleidung, die aus feinem schwarzen [29] Tuch und schneeweißer Wäsche bestand, verrieth ebenfalls, daß er entweder diesen Kreisen fremd sei, oder doch eine Stellung bekleide, die ihn über seine Umgebung erhebe. Er war zu gleicher Zeit Advokat und Arzt und seit einem Jahr erst aus den nördlichen Staaten hier eingetroffen, wo er sich seiner Kenntnisse und seines einnehmenden Betragens wegen in gar kurzer Zeit nicht allein eine bedeutende Praxis erworben hatte, sondern auch in Stadt und County zum Friedensrichter ernannt worden war.

»Gentlemen!« redete dieser jetzt die ihm wunderbarer Weise rasch Willfahrenden an – »Gentlemen, bedenken Sie, was Sie thun wollen. – Wir befinden uns unter dem Gesetze der Vereinigten Staaten, und die Gerichte sind sowohl bereit, Sie gegen den Angriff Anderer, als Andere gegen Ihren Angriff zu schützen. Mr. Smart hat Sie aber nicht einmal beleidigt – er hat Ihnen im Gegentheil einen Gefallen gethan, indem er Sie vor einer Gewaltthat bewahrte, die wohl böse Folgen für Manche von Ihnen gehabt haben könnte – Sie sollten ihm eher dankbar sein – Mr. Smart ist auch sonst in jeder Hinsicht ein Ehrenmann.«

»Hol' ihn der Teufel!« rief hier Der, nach dem der Wirth mit seinem Messer gehauen, »dankbar sein – Ehrenmann – ein Schuft ist er und hätte mich beinahe gespalten wie eine Apfelsine. – In die Hölle mit ihm! – Feuer in sein Nest, das ist mein Rath!«

»Gentlemen! Hat Sie Mr. Smart beleidigt,« nahm hier der Richter auf's Neue das Wort, »so bin ich auch überzeugt, daß er Alles versuchen wird, seinen begangenen Fehler wieder gut zu machen; kommen Sie, wir wollen ruhig zu ihm hinausgehen, und er mag dann mit freundlichem Wort und einer kleinen, freiwilligen Spende an Whisky, die wir ihm auferlegen werden, das Geschehene ausgleichen – sind Sie das zufrieden?«

»Ei, hol's der Henker – ja!« sagte der mit der Narbe – »er soll tractiren. – Tritt er mir aber wieder einmal in den Weg, so will ich verdammt sein, wenn ich ihm nicht neun Zoll kalten Stahl zu kosten gebe.«

[30] »Hätte nur mein verdammtes Terzerol nicht versagt« – zischte der Andere – »die Pest über den Krämer, der – so erbärmliche Waaren führt.«

»Kommt, Boys, in's Hotel – Smart mag herausrücken, und wenn er's nicht thut, so soll ihm der – Böse das Licht halten –« sagte der Narbige.

»In's Hotel – in's Hotel!« jauchzte die Schaar – »er muß tractiren, sonst schlagen wir ihm den ganzen Kram in tausend Stücken!«

In jubelndem Chor wälzte sich der zügellose Haufe dem Gasthaus zu, und wer weiß, ob des Advocaten freundlich gemeinte Beilegung des Streites nicht hier zu noch viel ernsthafteren Auftritten geführt hätte. Smart kannte aber seine Leute zu gut und wußte, wie er, sobald er den Schwarm wirklich in sein Haus lasse, gänzlich in den Händen der schon halb Betrunkenen sei und dann auch jedem ihrer Wünsche willfahren müsse, wollte er sich nicht der größten Gefahr an Leben und Eigenthum aussetzen. Als sich daher die Rädelsführer seiner Thür näherten, trat er plötzlich mit gespannter und im Anschlag liegender Büchse ruhig auf die oberste Schwelle und erklärte fest, den Ersten niederzuschießen, der die Stufen seiner Treppe betreten würde.

Smart war als ein ausgezeichneter Schütze bekannt, und sicherer Tod lag in der ihnen drohend entgegen gehaltenen Mündung. Der Advocat trat aber auch hier wieder vermittelnd zwischen den Parteien auf, bedeutete den Yankee, daß die Männer hier keine Feindseligkeiten weiter gegen ihn nährten, und bat ihn, die Büchse fortzustellen, damit auch das Letzte entfernt sei, was auf Streit und Kampf hindeuten könne.

»Gebt den guten Leuten ein paar Quart Whisky,« schloß er dann seine Rede, »und sie werden Eure Gesundheit trinken. Es ist ja doch besser, mit Denen, die unsere Nachbarn in Stadt und Haus sind, friedlich und freundlich beisammen, als in immerwährendem Streit und Hader zu leben.«

Der Yankee hatte bei den ruhigen Worten des Advocaten, den er selbst schon seit längerer Zeit als einen ordentlichen und, wenn es galt, auch entschlossenen Mann kannte, den [31] Büchsenkolben gesenkt, ohne jedoch die rechte Hand vom Schlosse zu entfernen, und erwiderte jetzt freundlich:

»Es ist recht hübsch von Ihnen, Mr. Dayton, daß Sie nach besten Kräften Streit und Blutvergießen gehindert haben – mancher Ihrer Herren Kollegen hätte das nicht gethan. Damit Sie denn auch sehen, daß ich keineswegs geneigt bin, mit den guten Leuten, gegen die ich ja sonst nicht das Mindeste habe, wieder auf freundschaftlichen Fuß zu kommen, so bin ich gern erbötig, eine volle Gallone zum Besten zu geben, aber – ich will sie hinausschicken. – Ich habe Ladies hier im Hause und die Gentlemen draußen werden gewiß selbst damit einverstanden sein, ihren Brandy im Freien zu trinken und sich nicht dabei durch die Gegenwart von Damen gestört zu wissen.«

»Hallo – Brandy?« rief der mit der Narbe – »wollt Ihr uns wirklich eine Gallone Brandy geben und dabei erklären, daß Euch das Geschehene leid sei?«

»Allerdings will ich das!« erwiderte Jonathan Smart, während ein leichtes spöttisches Zucken um seine Mundwinkel spielte, »und zwar vom vortrefflichsten Pfirsich-Brandy, den ich im Hause habe – sind die Herren damit einverstanden?« »Ei – Bootshaken und Enterbeile – ja!« nahm der Bleiche das Wort – »heraus mit dem Brandy, – wenn Unterröcke drin sitzen, wird's einem ordentlichen Kerl doch nicht so recht behaglich zu Muthe – aber schnell, Smart – Ihr trefft uns heute in verdammt guter Laune und könnt Euch gratuliren; laßt uns deshalb also auch nicht lange warten.«

Fünf Minuten später erschien ein starker, breitschulteriger Neger, mit achtem Wollkopf und fast ungewöhnlich streng ausgeprägten äthiopischen Gesichtszügen, in der offenen Thür und trug – während er die Versammlung, jedoch noch immer mißtrauisch, bald links bald rechts zu betrachten schien – in dem linken Arme eine große, breitbäuchige Steinkruke, in dem andern ein halbes Dutzend Blechbecher. Die Schaar empfing ihn aber jubelnd, untersuchte vor allen Dingen das Getränk, ob es auch wirklich der gute, ihnen versprochene Stoff sei, und zog dann jauchzend dem Fluß zu, wo sie an Bord eines dort liegenden [32] Flatbootes gingen und bis in die späte Nacht hinein zechten und tobten. Dayton dagegen blieb noch eine Weile stehen und blickte den Davontobenden still und, wie es schien, ernst sinnend nach. Smart aber störte ihn bald aus seinem Nachdenken auf; – er lehnte die Büchse oben an einen Pfosten der Veranda und stieg zu dem ihm so freundlich zu Hülfe gekommenen Richter nieder.

»Dank' Euch, Sir,« sagte er hier, während er ihm freundlich die Hand entgegenstreckte, »dank' Euch für Euer sehr zeitgemäß eingelegtes Wort – Ihr hättet zu keinem gelegeneren Moment dazwischen treten können.«

»Nicht mehr als Bürgerpflicht,« lächelte der Richter; »die Menge läßt sich gern von einem entschlossenen Manne leiten, und wenn man den richtigen Zeitpunkt auch richtig trifft, so vermag ein einzelnes ernstes Wort oft Gewaltiges.«

»Nun, ich weiß nicht« – meinte Smart kopfschüttelnd, während er einen nichts weniger als freundlichen Seitenblick nach dem Fluß hinab warf, »dergleichen Volk läßt sich sonst nicht leicht, weder von freundlicher Rede, noch von feindlicher Waffe zurückschrecken. Es sind meistens Leute, die nichts weiter auf der Welt zu verlieren haben als ihr Leben, und deshalb der Gefahr, da sie das Leben keinen Pfifferling achten, trotzig entgegengehen. Ich bin übrigens doch froh, so wohlfeilen Kaufes losgekommen zu sein, denn – Blut zu vergießen ist immer eine häßliche Geschichte. Aber so tretet doch einen Augen blick in's Gastzimmer, ich komme gleich nach – muß nur erst einmal nach meiner Alten in der Küche sehen und alles Nöthige bestellen.«

»Ich dank' Euch,« sagte der Richter, »ich muß nach Hause. – Es sind mit dem letzten Dampfboot heut Briefe angekommen, und vom Fluß herunter habe ich auch – mehrerer Geschäftssachen wegen – einen Besuch zu erwarten. Wollt Ihr mir aber einen Gefallen thun, so kommt Ihr nachher ein bischen zu mir herüber. – Bringt auch Eure alte Lady mit – ich habe überdies noch Manches mit Euch zu besprechen.«

[33] »Meine Alte wird wohl daheim bleiben müssen,« sagte der Yankee lächelnd, »wir haben das Haus voll Leute, aber ich selbst – ei nun, ich bin überdies recht lange nicht bei Mrs. Dayton gewesen – die – Burschen werden doch nicht etwa noch einmal kommen?« –

»Habt keine Angst,« beruhigte ihn der Richter – »das Volk ist wild und hitzköpfig, auch wohl ein wenig roh – aber überdachter Schlechtigkeit halte ich sie nicht für fähig. Sie hätten Euch vielleicht im ersten wilden Zorn das Haus über dem Kopfe angesteckt; den aber erst einmal verraucht, so wird auch Keiner mehr daran denken, Euch zu belästigen.«

»Desto besser,« sagte Jonathan Smart, »Angst hätte ich übrigens auch nicht – mein Scipio hält, wenn ich fort bin, Wacht, und der Hornruf aus dem Fenster kann mich überall in Helena erreichen. – Also auf Wiedersehen – in einem halben Stündchen komme ich hinüber.«

Er trat bei diesen Worten, während der Richter seiner eigenen Wohnung zuschritt, in's Haus zurück und stand gleich darauf vor seiner »besseren Hälfte«, wie sie sich selbst zu nennen pflegte, die er übrigens, theils durch die überhäufte Arbeit, theils durch die vorgegangene Scene, in der übelsten Laune von der Welt fand.

Mrs. Smart war denn auch keineswegs die Frau, die irgend einen Groll lange und heimlich mit sich herum getragen hätte. Was ihr auf dem Herzen lag, mußte heraus, mochte es sein, was es wollte. So schob sie sich denn auch, als sie ihren Herrn und Gemahl nahen hörte, das Sonnenbonnet, das sie der Kamingluth wegen auch in der Küche trug, zurück, stemmte beide Arme – in der Rechten noch immer den langen hölzernen Kochlöffel haltend – fest in die Seite und empfing den langsam herbeischlendernden Gatten mit einem scharfen:

»So – was hat der Herr denn heute wieder einmal für ganz absonderlich gescheidte Streiche angerichtet? Man darf den Rücken nicht mehr wenden, so ist irgend ein Unglück in Anmarsch, und kein Kuchen kann im ganzen Neste gebacken [34] werden, ohne daß Mr. Smart seinen Finger und seine Nase hineinstecken müßte.«

»Mrs. Smart,« sagte Jonathan, der gerade jetzt viel zu guter Laune war, um sich diese durch den Unwillen seiner Gattin verderben zu lassen – »ich habe heut ein Menschenleben gerettet, und das, sollte ich denken –«

»Ach was da, Menschenleben« – unterbrach ihn in allem Eifer Mrs. Smart – »Menschenleben hin, Menschenleben her – was geht Dich das Leben anderer Leute an. An Deine Frau solltest Du denken, aber die mag sich schinden und quälen, die mag sich mühen und placken, das ist diesem Herrn der Schöpfung ganz einerlei. Er wirft auch die Gallonen guten Pfirsich-Brandy gerade so auf die Straße hinaus, als ob er sie da draußen gefunden hätte, während ich hier im Schweiße meines Angesichts arbeiten und unser Aller Brod verdienen muß –«

– »wäre mit der gehabten Mühe keineswegs zu theuer erkauft gewesen« – fuhr Smart ruhig, ohne die Unterbrechung seines Weibes auch nur im Mindesten zu beachten, fort.

»Ich sage Dir aber: es wäre zu beachten gewesen,« eiferte die hierdurch nur noch mehr erzürnte Frau – »es wäre zu beachten gewesen, wenn Du nur so viel Gefühl für Dein eigen Fleisch und Blut hättest. Aber Philippchen kann heranwachsen und groß werden – das kümmert Dich nicht. – Nach Deiner Wirthschaft geht Alles zu Grunde und muß Alles zu Grunde gehen, und wenn der arme Junge einmal dasAlter hat, so wird er wohl nicht einmal eine Stelle haben, wohin er sein Haupt legt – Du Rabenvater

»Der Rabenvater hatte auch keine Stelle, wo er sein Haupt hinlegen konnte, als er heranwuchs« – lächelte Mr. Smart gutmüthig und rieb sich dabei die Hände – »Mr. Smart senior gab ihm aber allerlei gute Lehren, und die haben denn auch so gute Früchte getragen, daß sich Smart junior nach mehrmaliger Ernte das schönste Gasthaus in ganz Helena bauen konnte. – Smart senior ist nun todt, und [35] Smart junior ist Smart senior geworden; wenn also in natürlicher Folge Smart junior jetzt –«

»Nun hör' einmal auf mit all' dem Unsinn von senior und junior – geh an Dein Geschäft, besorge die Pferde, die draußen im Stalle stehen – schick' mir den Neger her und laß ihn Bohnen aus dem Felde bringen. Zum Kaufmann muß er auch hinübergehen, um das Faß Zucker zu holen – Mann, Du wirst mich mit Deinem Leichtsinn noch in die Grube bringen.«

»– dem Rathe des Smart senior so folgt, wie Smart senior damals dem Rath seines Vaters folgte,« fuhr der unverwüstliche Yankee ruhig und unbekümmert fort – »so ist alle Hoffnung vorhanden, daß auch ohne unser Zuthun Smart junior schon seinen Lebensunterhalt auf anständige Weise gewinnen werde.«

»Scipio soll hierher kommen,« schrie jetzt Mrs. Smart, wirklich zur äußersten Wuth getrieben, während sie mit dem Fuße stampfte und den Stiel des Löffels auf den einzigen kleinen Tisch niederstieß – »hörst Du, Jonathan? – Scipio soll herkommen, und nun fort mit Dir, Mensch, der Du meinen Tod willst, oder ich gebrauche, so wahr mich unser lieber Herrgott erhören soll, mein Küchenrecht.« 2 – Und mit raschem Griff erfaßte sie den kupfernen langstieligen Schöpfer und fuhr damit in den Kessel voll siedenden Wassers, der über dem Feuer zischte und sprudelte.

Nun wußte Mr. Smart allerdings, daß es zwischen ihnen, trotz dem von Seiten Madames oft hitzig geführten Zungenkampf, nie zu Tätlichkeiten kam, denn Madame kannte zu gut den ernsten und festen Sinn ihres Mannes, so etwas je zu wagen. Um aber auch jedem Wortwechsel ein Ende zu [36] machen und die erzürnte Ehehälfte, die ihm sonst eine brave und treue Gattin war, freundlicher zu stimmen, zog er sich ruhig zur Thür zurück und frug nur hier, die Klinke in der Hand, »ob Mrs. Smart sonst noch etwas zu bestellen habe da er ein paar Geschäftswege abmachen müsse.«

Diesen Rückzug nahm Madame übrigens als ein still schweigendes Zeichen der Anerkennung ihrer Autorität, um bedeutend milder gestimmt, goß sie das kochende Wasser wieder zurück in sein Gefäß, wischte sich mit der Schürze den Schweif von der gerötheten Stirn und sagte in noch halb ärgerlichem aber doch nicht mehr heftigem Tone:

»Nein, Mr. Smart – wenn Sie Ihre Geschäfteaußer dem Hause haben, so brauchen Sie sich auch nicht um die meinigen zu kümmern. – So viel sage ich Ihnen aber, die Pferde –«

»Sind sämmtlich gefüttert und besorgt,« bemerkte Smart. –

»Und das Faß Zucker –«

»Steht in der Bar.«

»Aber die Bohnen –«

»Sind von Scipio schon vor einer halben Stunde gepflückt worden.«

»Und die beiden Zimmer, die noch für die letztgekommenen Gäste geräumt werden sollten –«

»Können jeden Augenblick bezogen werden,« lächelte Jonathan – »Mr. Smart und Scipio haben das Alles besorgt – sonst noch etwas?«

Madame – jetzt wirklich ärgerlich, daß weiter gar nichts zu bemerken war, arbeitete mit immer größerem Eifer und immer röther werdender Physiognomie in den Kohlen herum auf die sie sich schon zweimal vergebens bemüht hatte, den schweren eisernen Kessel zu heben. Jonathan aber, dies bemerkend, sprang rasch hinzu – ergriff die Haken und schwang das mächtige Gefäß mit leichter Mühe auf seinen Ort, wandte sich dann lächelnd nach seiner kaum noch schmollenden Ehe Hälfte um, drückte ihr einen raschen, aber nichtsdestowenige derbgemeinten Kuß in das rothe, gutmüthige Gesicht und stieß im nächsten Augenblick – aus Leibeskräften den Yankeedoodl[37] pfeifend und die Hände tief in die Beinkleidertaschen vergraben – mit raschen Schritten zur Thür hinaus in's Freie.

Fußnoten

1 Helena, eine kleine Stadt in Arkansas, am Ufer des Mississippi.

2 Das hier gemeinte und in Nordamerika so geltende Küchenrecht, was nicht selten, besonders auf Dampfbooten, seine Anwendung findet, besteht darin, einen Kochlöffel voll siedenden Wassers gerade über dem, den man aus der Küche haben will, an die Decke zu schleudern, daß, wenn er sich nicht rasch durch die Flucht den Folgen entzieht, die heiße Fluth auf ihn hinabträufelt.

3. Das Union-Hotel und seine Gäste

3.

Das Union-Hotel und seine Gäste.

Leser, hast Du schon je ein amerikanisches Wirthszimmer gesehen? Nein? Das ist schade – es würde mir die Beschreibung ersparen. Wie die Bahnhöfe auf unseren Eisenbahnen, so haben die Wirthszimmer in der Union eine Familienähnlichkeit, die sich in keinem Staate, weder im Norden noch Süden, verleugnen läßt und in den kostbarsten Auster-Salons der östlichen Städte, wie in den gewöhnlichen grogshop der Backwoods sichtbar und erkenntlich bleibt. Der Schenktisch, mag er nun mit Marmorplatten belegt oder von einem schmutzigen hölzernen Gitter beschützt sein, trägt seine kleinen Fläschchen mit Pfeffermünz und Staunton Bitters, damit sich jeder Gast sein Getränk mit einem der beiden scharfen Spirituosen würzen könne, und die dahinter angebrachten Caraffen blitzen und funkeln und laden mit ihrem farbigen Inhalt den Gast ein, sie zu kosten. Apfelsinen und Citronen füllen die leeren Zwischenräume aus, und bleibehalste Champagnerflaschen so wie süße, mit buntfarbigen Etiketten versehene Liqueure prangen in den obersten Regalen. Nie aber wird sich der Reisende in diesen öffentlichen Gebäuden, mögen sie nun »hotel« oder »inn« – »tavern« oder »boardingshouse« heißen, wohnlich fühlen. Wie Alles in Amerika, einzelne Privatwohnungen ausgenommen, nur für den augenblicklichen Genuß und Nutzen eingerichtet ist und jeder wirklichen Behaglichkeit [38] entbehrt, so ist es auch mit diesen, doch eigentlich für die Bequemlichkeit der Reisenden hingestellten Gasthäusern.

Schon die ganze innere Einrichtung beweist das. – Nur vor dem Kamin stehen Stühle, und um denselben, selbst im Sommer, wenn kein Feuer darin brennt, sammeln sich aus alter Gewohnheit die Gäste und spritzen ihren Tabakssaft in die liegengebliebene Asche. Keiner setzt sich mit seinem Glas zum Tisch und verplaudert ein halbes Stündchen mit dem Freunde; – keiner liegt, im Stuhl behaglich zurückgelehnt und beobachtet die Kommenden und Gehenden. In Gruppen stehen sie beisammen – das kaum gefüllte Glas wird schnell geleert, höchstens einmal eine Zeitung durchflogen, und wieder fort stürmt der erst eingekehrte Gast seinen Geschäften oder seinem Vergnügen nach.

Das Union-Hotel machte keine Ausnahme von dieser ziemlich allgemeinen Regel. Der Thür gegenüber befand sich der Schenkstand, hinter dem ein junger Mann kaum Hände genug zu haben schien, die verlangten Gläser zu füllen. – Links war der Kamin, rechts führten drei Fenster auf die Elmstreet hinaus, während neben der Thür zwei andere vornheraus eine Aussicht durch die Veranda nach der breiten Frontstreet und zugleich mit auf die Dampf- und Flatboot-Landung und den Strom gewährten. In der Mitte des ziemlich großen Raumes, stand ein breitfüßiger, viereckiger Tisch, auf dem ein paar Zeitungen, die State Gazette, der Cherokee advocate und das New-Orleans-Bulletin, lagen, und ein Dutzend Stühle, ein kleiner Nürnberger Spiegel und eine unvermeidliche Yankee Uhr über dem Kaminsims füllten den übrigen Platz an Möbeln aus.

Interessanter aber waren die Gruppen, die in den verschiedenen Theilen des Zimmers umherstanden. – Nur zwei Leute saßen nämlich, und zwar diese wie zwei Kaminverzierungen an beiden Seiten desselben: die Rücken der Gesellschaft zugedreht, und die Beine hoch oben auf dem Sims neben der Uhr.

Den Mittelpunkt der Gäste bildete ein junger Advocat aus Helena, Namens Robins, ein Farmer aus der Nähe von [39] Little Rock, ein junger grobknochiger Gesell, der trotz dem hellblauen Frack aus Wollenzeug und dem schwarzen abgeschabten Filz etwas unverkennbar Matrosenartiges an sich hatte, und der sogenannte Mailrider, der zu Pferde den ledernen Briefsack zwischen Helena und Strongs Postoffice, in der Nähe des St. Franzisflusses, hin- und herführte. Das Gespräch drehte sich jetzt um den vorhin stattgehabten und beschriebenen Kampf, die sie aus dem Fenster größtentheils mit ansehen konnten, und der Mailrider, ein kleines dürres Männchen von etwa fünfundzwanzig Jahren, war ganz besonders erstaunt, daß sich eine solche Menge kräftiger, trotzig aussehender Burschen erst von einem einzelnen Mann einschüchtern und dann von einem andern in der Ausübung ihrer Rache hatten zurückhalten lassen.

»Gentlemen!« sagte er in der mit Eifer geführten Anrede, wobei er diesen Titel ungewöhnlich häufig anwandte, als ob er seine Zuhörer dadurch ebenfalls mit überzeugen wollte, daß er selbst zu dieser besondern Menschenklasse gehöre – »Gentlemen, die Männer von Arkansas fangen an aus der Art zu schlagen – das demokratische Princip geht unter. Vom Osten her werden monarchische Grundsätze von Tag zu Tag gefährlicher. Gentlemen, ich fürchte, wir erleben noch die Zeit, wo sie in Washinton einen König krönen, und der – König – heißt – dann – Henry – Clay –«

»Henry Unsinn!« sagte der Farmer verächtlich – »wenn das geschähe, so möchten sie ihren König auch im Osten behalten; über den Mississippi sollte er uns nicht kommen, dafür stehe ich. Wetter noch einmal, unsere Väter, die in ihren blutigen Gräbern schlafen und für ihre Kinder fielen, müßten sich ja in Schande und Schmach umdrehen, wenn die Enkel, die zu den Millionen angewachsen sind, das nicht einmal mehr behaupten könnten, was sie der Uebermacht mit wenigen Tausenden abzwangen. Das sind aber die verrückten Ideen, die nur Ausländer mitbringen. – In Schmach und Ketten aufgewachsen, können sie sich nicht denken, daß ein Volk im Stande ist zu existiren, wenn es nicht von einem Fürsten am [40] Gängelbande geführt wird. – Zum Teufel auch, ich hab da erst neulich in einem Buche gelesen, wie die Hofschranze über dem großem Wasser drüben in den Städten herumkriechen und schwanzwedeln und die Feinen und Zierlichen spielen. – Die Pest über sie – solch Geschmeiß sollte einmal nach Arkansas kommen, hu –pih – wie wir sie mit Hunden Hinaushetzen würden.«

»Hahaha« – lachte der kleine Advocat – »Howil geräth ordentlich in Jagdeifer – Mäßigung, wackerer Staatsbürger, Mäßigung. – Gegen solche Gefahr schützt uns unsere Constitution –«

»Ach – was da, Constitution,« brummte Howil »wenn wir's nicht selber thun, wär's die Constitution und das Advocatenvolk auch nicht im Stande. – Die eine würden umgeworfen und die anderen gingen zur neuen Fahne über, – das ist Alles schon dagewesen. Nein, der Farmer ist's, der den Kern der Staaten ausmacht, denn sein freies Land wäre gerade das, was unter die Botmäßigkeit einer willkürlichen Regierung fiele. Er müßte das Land cultiviren und mit dazu beitragen, daß sich die Industrie mehr und mehr höbe und die Einkünfte von Jahr zu Jahr wüchsen, und dürfte dann am Ende noch nicht einmal mit darein reden wenn es sein eigenes Wohl und Wehe gälte. Nein, der Farmer oder vielmehr das Volk hält den Staat – nicht die Constitution, und ein Land, das keinVolk hat, dem hilft auch die beste Constitution nichts.«

»Nun ja, das sag' ich ja eben,« fiel der Mailrider, der nicht recht verstand, was Jener meinte, mit seiner dünnen Stimme ein – »deshalb wundert's mich ja gerade, daß sich das Volk so von einem einzelnen Menschen leiten und einschüchtern läßt – Donnerwetter – ich sollte dazwischen gewesen sein – ich hätte dem Yankee« – und er sah sich dabei um, ob der Wirth nicht etwa im Zimmer sei – »zeigen wollen, was es heißt, sich an freien amerikanischen Bürgern zu vergreifen.«

»Gerad' im Gegentheil,« erwiderte ruhig der Farmer – »mich hat's gefreut, daß die Leute Vernunft annahmen. Was [41] ich früher von Helena gehört, ließ mich fast glauben, der ganze Ort bestehe aus lauter – Gesindel. Es ist mir lieb, daß ich jetzt eine andere Meinung davon nach Hause tragen kann, denn daß die Köpfe eines freien, sorglosen Völkchens einmal überschäumen, ei nun, das ist kein Unglück, wenn sie nur immer wieder in's richtige Bett zurückkehren.«

»Verdammt wenig von Denen, die heute Nacht in einem Bett schlafen!« lachte hier der im blauen Frack dazwischen. – »Die lustigen Burschen fangen mit der Gallone Brandy an, und es sollte mich gar nicht wundern, wenn sie mit einem ganzen Faß aufhörten. – Ihr Gejubel und Geschrei schallt ja sogar bis hier herüber.«

»Was ist denn hier eigentlich heute vorgegangen?« frug jetzt der Farmer, sich an die Uebrigen wendend. »Ich kam gerade, wie sie den Irländer draußen in der Klemme hatten, und trug dann meine Satteltasche in die Hinterstube. – War denn heute Gerichtstag?«

»Gerichtstag?« sagte der im blauen Frack, »nein, das weniger, aber 'was ganz Anderes – Holk's Haus und Land wurde verauctionirt.«

»Holk's? Des reichen Holk Haus?« rief Howitt verwundert, »ih, das ist ja gar nicht möglich. – Alle Werter, vor acht Tagen kam ich erst hier durch und da war ja noch kein Gedanke daran.«

»Ja, Sachen ändern sich,« lachte der Blaue – »Holk ging, wie Ihr wißt, mit einem Flatboot nach Neu-Orleans. Unterwegs muß er aber wohl auf irgend einen Snag gelaufen oder sonst zu Unglück gekommen sein, kurz das ganze Boot ist spurlos verschwunden, und vor fünf Tagen kam Holk's Sohn hier an.«

»Hatte denn Holk einen Sohn?« frug der Farmer, »er war ja gar nicht verheirathet?«

»Aus früherer Ehe,« erwiderte der Blaue – »mehrere Leute hier kannten die Familie. Der junge Holk wäre auch gern hier geblieben, er bekam aber schon am zweiten Tage das Fieber und damit zugleich einen solchen Widerwillen gegen das niedere Land selbst, daß er schon auf den dritten Tag [42] die Versteigerung seines sämmtlichen Grundbesitzes feststellte. Die Auction fand an diesem Morgen statt, und mit dem Dampfboot, das heute Mittag hier landete, ist der junge Holk wieder hinunter nach Baton Rouge gegangen.«

»Potz Blitz, der hat seine Geschäfte schnell abgemacht. Da ist auch wohl der schöne Platz um einen Spottpreis weggegangen?« frug der Mailrider, der ebenfalls erst während des Streites gekommen war.

»Das nicht!« erwiderte der Advocat – »die Baustellen sind fast die besten in Helena und es fanden sich mehrere Bewerber – ich selbst habe geboren, Richter Dayton schien auch große Lust zu dem Handel zu haben. Der Wirth hier hat sie aber zuletzt noch erstanden und was die Bedingung war – gleich baar bezahlt. – Smart muß einen hübschen Thaler Geld in Helena verdient haben.«

»Wunderbar, wunderbar,« murmelte der Farmer vor sich hin. – »Mir hat Holk einmal gesagt, er hätte weder Kind noch Kegel in Amerika und wolle alles das, was er sein eigen nenne, verkaufen und wieder nach Deutschland zurückgehen.«

»Nun ja,« lachte der Blaue, »es war so eine schwache Seite von ihm, noch für einen jungen Mann zu gelten. Er leugnete immer, daß er schon verheirathet gewesen – Ihr kennt doch die junge Wittwe drüben – gleich neben Daytons,« und er verzog dabei, während er mit dem Daumen der Hand über die eigene Schulter deutete, das keineswegs schöne Gesicht zu einem häßlichen, boshaften Lachen.

»Die arme Frau,« sagte ein junger Kaufmann, der eben zu ihnen getreten war und die letzten Worte gehört hatte. »Sie geht herum wie eine Leiche – sie soll den Holk so gern gehabt haben.«

»Sie waren ja auch schon mit einander versprochen,« fiel hier der Advocat ein. »Wenn er wieder von New-Orleans zurückkäme, sollte die Hochzeit sein; aber der Mensch denkt und das Schicksal lenkt. – Jetzt ist der Mississippi sein Hochzeitsbett und das eigene Flatboot sein Sarg. – Puh – es muß ein häßliches Gefühl sein, so tief unten auf dem Grunde des Flusses gegen die Planken eines solchen Kastens [43] gedrückt zu liegen, und nun immer leichter und leichter zu werden und doch nicht wieder hinauf zu können an den lichten Tag.«

»Es sind in letzter Zeit recht viele Flatboote verunglückt,« sagte der Farmer nachdenkend. – »Ich weiß, daß allein von Little Rock drei abgingen, die nie am Ort ihrer Bestimmung ankamen. Der Staat sollte mehr dafür thun, diese Unmassen von Baumstämmen wenigstens aus der eigentlichen Strömung zu entfernen. Guter Gott, was sind nicht schon für Menschen auf solche Art umgekommen und wie viele Waaren hat der unersättliche Mississippi verschlungen!«

»Ei, die Menschen sind aber auch großentheils selber dran schuld!« rief der Blaue ärgerlich. »Wenn irgend ein Bursche, der im Leben den Stiefel nicht von Gottes festem Erdboden weggebracht hat, einmal Waaren verschiffen will, so baut er ein neues Flatboot, oder kauft irgend ein altes, packt da seine Siebensachen hinein, stellt sich hinten an's Steuer und denkt, ›der Strom wird mich schon dahin führen, wo ich hin will – wir schwimmen ja den Fluß hinunter‹. – Ja wohl – wir schwimmen hinunter, bis wir irgendwo hängen bleiben, und nachher ist's zu spät. Der Mississippi läßt nicht mit sich spaßen, und um die erbärmlichen vierzig oder fünfzig Dollar für einen tüchtigen Lootsen oder Steuermann zu sparen, hat schon Mancher Gut und Leben darüber eingebüßt.«

»Bitt' um Verzeihung,« sagte der Farmer – »Alle, die von Little Rock abgingen, hatten gerade Lootsen an Bord, Leute, die auf ihr Ehrenwort versicherten, den Fluß schon seit zehn und fünfzehn Jahren befahren zu haben, und sie sind dennoch zu Grunde gegangen. Solchen Menschen kann man aber auch nicht in's Herz sehen. Es giebt sich Mancher für einen Lootsen aus und vertraut nachher seinem guten Glück, das ihn schon sicher stromab führen werde. Im günstigsten Falle lernt er so nach und nach die Strömung kennen, und hat dabei seinen guten Gehalt; im ungünstigsten aber kann er vielleicht schwimmen, und bringt seine werthe Person doch noch sicher wieder an's Ufer.«

[44] »Sie sind auch vielleicht wirklich so lange gefahren,« lachte der Blaue, »aber auf Dampfbooten, als Feuerleute und Deckhands – nicht als Flatbootmänner. Auf Dampfbooten können sie denn auch verdammt wenig lernen, außer als Pilot, und ein Dampfboot-Pilot wird sich hüten, wieder ein Flatboot zu steuern, wo er nicht halb so gute Kost und weit geringe Gehalt bekommt.«

»Gentlemen reden von dem Piloten, der neulich hier an's Ufer geworfen wurde?« frug ein kleines ausgetrocknetes Männchen mit schneeweißen Haaren, tief gefurchten Zügen und grauen blitzenden Augen, das sich jetzt von einer andern Gruppe ihnen gesellte – »ja, war ein capitales Exemplar von Knochenbruch – der rechte Oberschenkel – der linke Unterschenkel – Wadenbein und Hauptröhre – vier Rippen auf der linken Seite, den rechten Arm förmlich zersplittert, daß die Knochenstücke durch den Rock drangen; den Hinterkopf stark verletzt und doch nicht todt. – – Ich hatte es mir zur Ehrensache gemacht, ihn eine volle Stunde am Leben zu halten, es war aber nicht möglich. – Er schrie in einem fort.«

»Großer Gott,« sagte der Farmer und schüttelte sich dabei dem Gedanken – »da wäre es ja ein Werk der Barmherzigkeit gewesen, dem armen Teufel eins auf den Kopf zu geben. – Was war denn mit ihm geschehen?«

»Dem Dampfboot ›General Brown‹ waren die Kessel geplatzt,« sagte der Advocat, »es sind, glaub' ich, fünfzehn Personen dabei um's Leben gekommen.«

»Ja, aber nichts Erhebliches weiter von Verwundungen,« meinte der kleine Doctor – »zwei Negern die Köpfe ab – der eine hing noch an ein paar Sehnen und einem Stück Haut – einer Frau die Brust zerquetscht –«

»Weshalb müssen wir denn das aber eigentlich so genau wissen?« – rief der Farmer und wandte sich in Ekel und Unwillen von ihm ab – »Sie verderben Einem ja bei Gott das Abendbrod, Doctor.«

»Bitte um Verzeihung,« sagte der kleine Mann, »für die Wissenschaft sind solche Fälle ungemein wichtig, und mir wäre in dieser Hinsicht auch wirklich kein besserer Platz in der [45] ganzen Welt bekannt, um Beobachtungen an Verwundeten und Leichen zu machen, als gerade das Ufer des Mississippi. Ehe jener interessante Fall am Fourche la fave vorfiel, wohnte ich etwa drei Wochen in Victoria, der Mündung des Whiteriver und Montgomerys Point gerade gegenüber, und alle Wochen, ja oft einen Tag um den andern, kamen Leichen dort angetrieben. Einmal war ein Leichnam mit dabei, dem hatten sie gerade über dem rechten Hüftknochen –«

»Ei so hol' Euch doch der Teufel!« rief der Blaue ärgerlich dazwischen – »Harpunen und Seelöwen – ich kann auch einen Puff vertragen, und manchen Tropfen Blut hab' ich mein Leben lang stießen sehen; wenn man aber das Leiden und Elend so haarklein beschreiben und immer und immer wiederkäuen hört, dann bekommt man's am Ende doch auch satt und ekelt und scheut sich davor.«

»An Menschen, die keinen Sinn für die Wissenschaft haben,« rief der hierdurch erzürnte kleine Mann, indem er sich den grauen Seidenhut noch fester in die Stirn hineintrieb, »Menschen, die von ihren Mitmenschen blos die Haut kennen, und sich weiter nicht darum bekümmern, ob sie mit Knochen oder Baumwolle ausgestopft sind – an solchen Menschen ist auch jedes wissenschaftliche Wort, das irgend ein vernünftiger Mann so thöricht ist, ihnen zu bieten, verloren, und ich sehe nicht ein, weshalb ich meine schöne Zeit hier vergeuden soll, solchen Menschen einen Gefallen zu thun.«

Und ohne weiter eine Antwort abzuwarten, oder die Uebrigen noch eines Blickes zu würdigen, ergriff er einen alten, am nächsten Stuhl lehnenden rothen baumwollenen Regenschirm, drückte ihn sich unter den Arm und schritt rasch und dabei immer noch vor sich hin gesticulirend zur Thür hinaus.

»Gott sei Dank, daß er fort ist. Mir graust's immer in seiner Nähe, und – ich kann mir nun einmal nicht helfen, aber ich möchte stets darauf schwören, es röche nach Leichen, sobald er in's Zimmer tritt,« sagte der Advocat.

»Ist denn der hier prakticirender Arzt?« frug der Farmer, der ihm erstaunt eine Weile nachgesehen hatte.

[46] »Arzt? Gott bewahre,« lachte der Blaue, »die Leute nennen ihn hier nur so, weil er von weiter nichts als Verwundungen, Leichen und chirurgischen Operationen spricht. – Dadurch haben sich aber schon ein paar Mal Fremde verleiten lassen, ihn bei wichtigen Krankheitsfällen zu Rathe zu ziehen, und das ist ihnen denn auch verdammt schlecht bekommen.«

»Es wird Keiner zum zweiten Mal zu ihm gegangen sein,« meinte der Farmer.

Der Blaue schlug ein lautes Gelächter auf und rief:

»Nein, wahrhaftig nicht – kein Lebender kann sich rühmen, von Doctor Monrove behandelt zu sein. Die Fünf, die er hier in der Cur gehabt – natürlich lauter Fremde, eben Eingewanderte – sind schleunig gestorben und stehen jetzt in Spiritus und Gott weiß was Alles aufbewahrt, theils ganz, theils stückweis in seinem Studirzimmer, wie er's nennt, herum. Keine Haushälterin hat deshalb auch bei ihm aushalten wollen. Selbst die letzte verließ voller Verzweiflung das Haus, als er ihr einmal mitten in der Nacht einen menschlichen und frisch abgeschnittenen Kopf in's Zimmer brachte, den er, wie er später gestand, aus dem Grabe eines Reisenden gestohlen hatte. Eine Caravane von Auswanderern war nämlich hier durchgekommen und einer davon am Fieber gestorben, wonach sie ihn gleich an Ort und Stelle begruben und am nächsten Morgen weiter zogen.«

»Das muß ein entsetzliches Vergnügen sein, sich so an lauter Greuelscenen zu weiden,« sagte der Farmer schaudernd.

»Ja, und es ist bei ihm wirklich zur Leidenschaft geworden,« nahm der Advokat das Wort. – »Als er vor kurzer Zeit von dem am Fourche la fave gehaltenen Lynchgesetz und dem verbrannten Methodistenprediger hörte, hat er fast ein Pferd todtgeritten, um noch zur rechten Zeit dort einzutreffen und die verkohlten Ueberreste des Mörders an sich zu bringen – was ihm auch wirklich gelungen sein soll. Seiner Wohnung, die eine kurze Strecke von Helena entfernt im Walde liegt, kommt denn auch Niemand zu nahe als Wölfe und Aasgeier, und ich muß selbst gestehen, ich wüßte [47] nicht, was mich bewegen könnte, eine so schauerliche Schwelle zu übertreten.«

»Ich war ein paar Mal dort,« sagte der Blaue, »es sieht scheußlich drinnen aus.«

»Hat man denn von jenen, den Regulatoren entflohenen Mitschuldigen nie wieder etwas gehört?« frug der Farmer – »in Little Rock hieß es, Cotton und der Mulatte seien entkommen.«

»Ei gewiß,« fiel ihm hier der Advocat in's Wort. »Die am Fourche la fave haben sich freilich nicht weiter um sie bekümmert, denn sie wollten das Gesindel nur los sein; was aus ihm wurde, war ihnen gleichgültig. Die Flüchtlinge sind aber in der Woche darauf im Hot Spring County gesehen worden, und da Heathcott – der erschlagene Regulatorenführer – gerade dort früher ansässig gewesen, so hat man sie Beide mit einer Wuth und einem Eifer verfolgt, die über ihre gute Absicht nicht den mindesten Zweifel ließen. Cotton ist jedoch ein schlauer Fuchs und wird wohl um diese Zeit schon über den Mississippi drüben sein.«

»Hm, ja,« fiel der Blaue ein – »man will ihn schon sogar drüben in Victoria gesehen haben. – Der wird sich nicht wieder in Arkansas blicken lassen.«

»Hat denn der Indianer den Prediger wirklich verbrannt?« frug der Helener Kaufmann immer noch zweifelnd – »allerdings stand es hier in allen Zeitungen, aber ich habe es nie glauben wollen. Wie hätten die Gesetze nur je so etwas zugegeben!«

»Die Gesetze – bah« – rief der Blaue verächtlich – »was können denn die Gesetze machen, wenn das Volk seinen eigenen Kopf aufsetzt? Die Gesetze sind für alte Weiber und Kinder, die sich von jedem Tintenkleckser in's Bockshorn jagen lassen. Wer sich hier nicht selbst beschützt, dem können die Gesetze auch keinen Pappenstiel helfen.«

»Da bin ich doch sehr verschiedener Meinung,« sagte der Farmer – »die Gesetze gerade sind's, die unsere Union auf den Standpunkt gebracht haben, auf dem sie jetzt steht, und jedes guten Bürgers Pflicht ist es, sie aufrecht zu erhalten.

[48] Daß es freilich noch manchmal in der Wildniß Strecken giebt auf die sie ihren wohlthätigen Einfluß auszuüben nicht im Stande sind, glaub' ich auch, und gewaltsame Handlungen erfordern dann gewaltsame Mittel. Sonst aber sollte es für einen Bürger der Union nichts Heiligeres geben, als gerade die Gesetze, denn sie allein sind ihm die Bürgen seiner Freiheit. Doch, Gentlemen, es wird spät, und ich möchte noch gern vor Dunkelwerden hinauf zu Colbys – also gute Nacht. – In einigen Tagen komme ich wieder hier vorbei und dann, Broadly« – wandte er sich an den Helener Kaufmann »können wir auch den Handel abschließen, denk' ich. Ich habe nur noch einige alte Schulden dort oben zu bezahlen, so viel Geld bleibt mir aber wahrscheinlich noch. Also good bye,« – und mit den Worten zahlte er an der Bar seine kleine Rechnung, ließ sich die Satteltasche wieder herausgeben, legte sie über den Sattel seines ungeduldig am Reck scharrenden Braunen, stieg auf und trabte, noch einmal herübergrüßend, Elmstreet hinab in den das Städtchen begrenzenden Wald.

4. Squire Dayton's Wohnung

4.

Squire Dayton's Wohnung.

Als »Squire« oder »Doctor Dayton« (denn er wurde sowohl das eine wie das andere in Helena genannt) Jonathan Smart verließ und eine der äußersten Grenze des Städtchens zuführende Richtung einschlug, erreichte er bald darauf ein kleines, aber zierlich gebautes Haus an der Westseite Helenas, um das herum die gewaltigen Bäume des Urwalds nur eben [49] weit genug niedergehauen waren, um nicht mehr mit ihren Wipfeln das friedliche Dach erreichen zu können. Reinlich weiß angestrichen, stachen die hellgrünen Jalousien um so freundlicher dagegen ab, und der jetzt aufsteigende Mond schien gar hell und klar gegen die blitzenden Spiegelscheiben eines im ersten Stock offen gelassenen Fensters, ein Luxus, der in dem einfachen Westen gar selten angetroffen wurde.

Aber auch das Innere der kleinen Wohnung entsprach vollkommen dem soliden, gemächlichen Ansehn seines Aeußern. Allerdings war es nicht prächtig und kostbar eingerichtet, aber die massiven Mahagoni-Möbel, die schneeweißen Vorhänge, die elastischen, mit dunklem Damast überzogenen Ruhesessel und Stühle verkündeten deutlich genug, daß hier Wohlhabenheit, wenn nicht Reichthum herrsche. Viele andere Kleinigkeiten – wie z.B. zierliche Nippesfiguren auf den kleinen Seitentischen, angefangene weibliche Arbeiten – der Nähtisch am linken Eckfenster mit dem sauber aus Korb geflochtenen Strickkörbchen an der Seite, gossen dabei jenen Zauber über das stille wohnliche Zimmer, den nur die Gegenwart holder Frauen einem Gemach, und sei es sonst das prächtigste, zu verleihen im Stande ist.

Ein kleiner fröhlicher Kreis hatte sich aber auch um den runden, zum Sopha gerückten Tisch versammelt, auf dem die englischbronzene weitbauchige Theemaschine zischte und qualmte, und fröhliches Lachen tönte dem jetzt eben an die Hausthür pochenden Squire entgegen, der wunderbarer Weise einen gar ernsten, ja fast traurigen Blick zu den hell erleuchteten Fenstern hinauswarf.

Da verstummte das Lachen plötzlich, oder ward wenigstens von den rauschenden Tönen eines deutschen Walzers übertäubt, den geübte Finger einem wohlklingenden, kräftig besaiteten Flügel entlockten. Mr. Dayton mußte auch wirklich zur Klingel seine Zuflucht nehmen, den Dienstboten, die oben auf der Treppe standen und den so gern gehörten Melodien lauschten, seine Gegenwart zu verkünden.

Einmal das Haus betreten, schien aber auch seine ganze frühere Heiterkeit zurückgekehrt zu sein, wenigstens blitzte sein [50] Auge freier und fröhlicher. Er flog schnellen Schrittes die Stufen hinauf und stand im nächsten Augenblicke bei den Seinen und von all' dem Lärmen und Jubel umgeben.

»Endlich – endlich!« rief die Clavierspielerin, sprang auf und eilte, als Mr. Dayton in der Thür erschien, diesem entgegen. »Der gestrenge Herr haben heute unverzeihlich lange auf sich warten lassen.«

»Wirklich?« lächelte der Squire, während er die im Zimmer Befindlichen freundlich grüßte und dann seinem ihm entgegenkommenden Weibe einen leichten Kuß auf die Stirn drückte, »hat mich meine kleine wilde Schwägerin heute einmal vermißt?«

»Heute einmal,« lachte das fröhliche Mädchen und warf sich mit schneller Kopfbewegung die langen dunkeln Locken aus der Stirn – »heute nur einmal? Ei, mein liebenswürdiger und gestrenger Friedensrichter muß seiner unterthänigsten Dienerin einen sehr schlechten Geschmack zutrauen, wenn er glauben könnte, sie fühlte sich ohne ihn nur einen Augenblick wohl und glücklich. Heute hat die Sache aber noch eine besondere Bewandtniß. – Hier wartet nun Mr. Lively schon eine volle Stunde auf Sie und trägt sicherlich ein schweres, fürchterliches Geheimniß auf dem Herzen, denn keine Silbe ist ihm in dieser ganzen gesegneten Stunde über die Lippen gekommen – auch Mrs. Breidelford –«

»Bitte um Verzeihung, mein liebwerthestes Fräulein,« sagte die also Bezeichnete, die bis dahin auf Kohlen gesessen zu haben schien, das Wort zu nehmen, »keineswegs, denn ich glaube doch wirklich nicht, daß Sie sich bei mir über Zungenfaulheit beklagen können; eher vielleicht das Gegentheil. – Ich kenne meine Schwäche, mein Fräulein, und wie der ehrwürdige Mr. Sothorpe so schön sagt, ist das schon ein Schritt zur Besserung, wenn man seine eigenen Schwächen wirklich kennt. Mein seliger Mann freilich – ein Engel von Geduld und Sanftmuth – behauptete immer das Gegentheil. Glauben Sie wohl, Squire Dayton, daß das gute Herz mir einreden wollte, ich spräche wirklich nicht zu viel? – Breidelford – sagte ich aber – Breidelford, versündige Dich nicht – ich[51] weiß, wie ich bin – ja, Breidelford, ich kenne meine Schwäche, und wenn ich Dir auch nicht zu viel rede, so fühle ich doch selbst recht gut, wie das ein Fehler von mir ist, den ich mir aber, da ich ihn einmal kenne, auch alle Mühe geben werde zu verbessern.«

»Eine Tasse Thee, beste Mrs. Breidelford,« unterbrach hier Mrs. Dayton den allem Anschein nach undämmbaren Zungenschwall – »bitte, langen Sie zu« – Adele aber, die augenblickliche Pause benutzend, warf sich wieder an's Clavier, und ein so rauschender Tanz dröhnte, von den starken Saiten wiederfibrirend, durch das Gemach, daß jede Fortsetzung von Mrs. Breidelford's begonnener Selbstbiographie dadurch schon im Keime erstickt wurde.

»Ist der Mailrider noch nicht hier gewesen?« frug Mr. Dayton endlich, als die Ruhe wieder ein wenig hergestellt war.

»Der Mailrider? Nein, aber Mr. Lively hier scheint seinen Auftrag gern ausrichten zu wollen,« sagte Adele und blinzelte schelmisch zu dem sich allem Anschein nach höchst unbehaglich befindenden jungen Mann hinüber.

James Lively saß auch wirklich da, als ob er nicht Drei zählen könnte. Alle Gliedmaßen waren ihm im Wege oder auf irgend einer falschen Stelle. – Bald hatte er das rechte lange Bein hoch oben auf dem linken, daß es weit, bis mitten in die Stube hineinragte, bald zog er die Füße fest unter dem Stuhle zusammen, faltete die Hände und hetzte seine Daumen um ihre eigene Achse. – Dann griff er mit dem rechten Arm hinunter nach dem hintersten rechten Stuhlbein und versuchte mit allem möglichen Eifer die Politur herunter zu kratzen, dann holte er mit der Linken das mächtige seidene Tuch aus der Tasche, um es gleich darauf wieder sorgfältig zurückzuschieben. Kurz, James befand sich so wohl, wie ein Hecht auf dem Sande oder ein Hase auf dem Eise, und wenn er auch manchmal den Blick scheu zu dem schönen, muntern Mädchen emporwarf, so durfte er doch nur dem Schelmenauge begegnen, als sich auch sein Antlitz in der prachtvollen Farbe eines gesottenen Hummers wieder niederbog. Dann, wie in einem wilden Fluchtversuch, griff er tief, tief unter den Stuhl, wo [52] früher sein Filz gestanden, den aber später, auf einen Wink Mr. Dayton's, die junge Mulattin weggenommen und hinten auf das Clavier gestellt hatte, und saß nun in voller Verzweiflung auf dem weich gepolsterten Stuhl wie auf glühenden Kohlen.

James Lively war übrigens sonst keineswegs so verschämt und blöde. Im Walde aufgewachsen, gab es keinen besseren Jäger und Landmann im ganzen County als ihn. Muthig dabei bis zur Tollkühnheit, hatte er vor Kurzem erst den Einzelkampf mit einem Panther gewagt und gewonnen, und im Boxen die Besten überwunden. Aber im Walde mußte er auch sein, wenn er all' diese Fähigkeiten entwickeln sollte. In Damengesellschaft getraute er sich nicht den Mund zu öffnen, und wenn er auch – wie Mrs. Breidelford – vollkommen seine Schwäche kannte, so wäre es ihm dennoch nicht möglich gewesen, eine Scheu zu überwinden, die ihm Zunge und Glieder lähmte. So auffallend wie heute hatte sich diese Befangenheit übrigens noch nie gezeigt. Sie schien sogar durch Adelens leise Anspielungen ihren höchsten Grad zu erreichen, als sich Squire Dayton in's Mittel schlug, auf den jungen Mann zuging und ihm mit einem freundlichen »Gott zum Gruß, Mr. Lively – was macht der Vater und wie steht's daheim mit der Farm?« plötzlich wieder Muth und Selbstvertrauen in's Herz legte.

Die Worte, die ganze Anrede, die Beziehung auf die heimische, ihm bekannte Umgebung wirkten wie ein wohlthätiger Zauber auf den Waldbewohner. Er sprang auf, holte tief Athem, ergriff schnell die dargebotene Rechte und antwortete, als ob ihm eben eine Centnerlast von der Brust gewälzt wäre:

»Danke, Squire – Alle wohl – so ziemlich wenigstens – die braune Kuh wurde gestern krank, und darum bin ich eigentlich hierher in die Stadt gekommen – aber – ich hatte noch 'was Besonderes« – und er warf einen scheuen Seitenblick nach den Frauen, während wieder hohe Gluth sein Gesicht überflog – »ich – ich weiß nur nicht –«

»Ist es etwas, was mich allein betrifft?« frug der Squire.

[53] »Bitte, junger Herr, geniren Sie sich nicht,« fiel hier, ohne weitere vorherige Warnung, Mrs. Breidelford wieder ein – »glauben Sie ja nicht, daß wir, weil wir Ladies sind, etwa ein Geheimniß nicht eben so sicher und gut bewahren könnten wie Männer. Im Gegentheil, Mr. Lively – gerade im Gegentheil. – Ich zum Beispiel weiß zwar, daß ich ein bischen viel rede, es ist nun einmal meine Schwäche, und wofür hat uns denn eigentlich der liebe Gott Mund und Zunge gegeben? Was aber Geheimnisse anbetrifft, so hat da schon mein lieber seliger Breidelford immer gesagt, obgleich man sich eigentlich nicht selbst rühmen sollte, doch das liebe Herz liegt ja jetzt kalt und starr im Grabe – Louise, sagte er immer – Louise, Du bist zu verschwiegen, Du bist wahrhaftig zu verschwiegen. – Zehn Inquisitionen brächten Dir das nicht über die Zunge, was Du nicht hinüber haben wolltest – ich glaube, Du bissest sie Dir eher in Stücken – sagte Mr. Breidelford, aber –«

Ein rauschendes Allegro von Adelens flüchtigen Fingern schnitt hier wiederum Mrs. Breidelford's Faden ab, und Lively, der bis jetzt vergebens gesucht hatte, Squire Daytons Frage zu beantworten, gewann wenigstens Zeit, Athem zu holen.

»Nein, Squire,« sagte er und schob, da er in diesem Augenblick gar nicht wußte, wohin er mit seinen Händen sollte, diese aus lauter Verzweiflung in die Taschen, aus denen er sie aber, das Unschickliche solchen Betragens wohl fühlend, so schnell wieder herausriß, als ob er heiße Kohlen darin gefunden hätte – »nein, Squire – Mutter meinte nur – Vater fügte – ob Sie und – und die Ladies dort nicht Lust hätten oder – so gut sein wollten, morgen ein bischen zu uns herauszukommen und – so lange Sie wollten und so lange es Ihnen bei uns gefiele, draußen zu bleiben. Mutter meinte –«

Adele horchte hoch auf; Mrs. Breidelford aber, ob gleich diese Einladung wohl keineswegs ihr gegolten hatte, nahm die Beantwortung schnell auf sich, und ohne einem der übrigen Anwesenden auch nur die mindeste Zeit zu lassen, erhob sie [54] sich ein wenig von ihrem Platze und rief, den jungen Mann dabei mit etwas niedergebogenem Kopfe und über die Brillengläser hin in's Auge fassend:

»Oh, Mrs. Lively ist gar zu gütig, Sir, gar zu gütig, und wenn sich auch allerdings in jetziger Zeit, wo der Fluß wieder zu steigen anfängt und Waaren in Hülle und Fülle stromab kommen, die Geschäfte häufen, so müssen doch schon einmal ein oder zwei Wochen gefunden werden, um seine Nachbarn aufzusuchen und mit ihnen im guten alten Einverständniß zu bleiben. – Mr. Breidelford hatte ganz Recht, wenn er sagte, Louise – sagte er, Du glaubst gar nicht, wie schön es ist, mit seinen Nachbarn in Frieden und Freundschaft zu wohnen – Verträglichkeit ist das halbe Leben. Nächste Woche, Montag spätestens, denk' ich mir das Vergnügen machen zu können, Mr. Lively; bitte, mich Ihrer Frau Mutter bestens zu empfehlen« – und nieder setzte sie sich und trank ihre Tasse aus, als ob sie nach der eben gehabten Anstrengung der Ruhe und Stärke bedürfe.

Adele schien aber diesmal, aus lauter Erstaunen über Mrs. Breidelford's Bereitwilligkeit, ganz ihre musikalische Hülfe vergessen zu haben, und selbst James, obgleich er den Ruf kannte, dessen sich Mrs. Breidelford in Helena erfreute, stand ganz verstummt da und wußte kaum, ob er sie wirklich aus Versehen mit eingeladen habe oder nicht. War das Erstere übrigens geschehen, so half hier weiter nichts als gute Miene zum bösen Spiel zu machen. Was aber seine eigene Mutter dabei von Mrs. Breidelford hielt, hatte er – zu seinem Entsetzen fiel es ihm gerade jetzt wieder ein – erst an diesem Morgen gehört. Wie sie sich also zu Hause über den glücklich von ihm erlegten Bock freuen würden, ließ sich ungefähr denken.

In aller Angst haftete sein Blick jetzt noch auf Mrs. Dayton's sanften Zügen, denn das andere schelmische, immer lachende Ding wagte er gar nicht anzusehen. Jene sagte denn auch freundlich:

»Meinen besten Gruß an Ihre liebe Mutter, Sir, und wir würden sehen, es möglich zu machen. – Sie soll sich [55] aber auch in Helena nicht so selten blicken lassen und einmal bei uns einkehren, wenn sie ihr Weg hierher führte. Doch kommen Sie, rücken Sie sich Ihren Stuhl zum Tisch und langen Sie zu – trinken Sie weiß? Hier – hier steht Alles – helfen Sie sich selbst. Wie geht es denn Ihrem Vater?«

»Danke, Madame, danke,« sagte James, der jetzt, da er Adelen den Rücken zudrehen durfte, freier zu athmen anfing, »es macht sich mit dem Alten. – Wir sind schon wieder zusammen auf der Bärenjagd gewesen, und da können Sie sich wohl denken, daß er nicht mehr todsterbenskrank ist – von so ein wenig Fieber erholt er sich schnell wieder.«

»Geht er denn noch immer barfuß in den Wald?« frug Adele und glitt in den dicht neben dem Sopha stehenden Stuhl, daß sie dem jungen Hinterwäldler jetzt gerade gegenüber zu sitzen kam.

James fing wieder an unruhig auf seinem Sessel umherzurücken – er mußte sich den Rock aufknöpfen, es wurde ihm siedend heiß. Mrs. Breidelford schien übrigens auch diese Antwort übernehmen zu wollen, denn mit einem »Ja, ja, Miß Adele – was das Barfußgehen anbetrifft,« wandte sie sich an das junge Mädchen. Dayton parirte aber in lobenswerthem Mitleid die ihr zugedachte Rede, indem er Mrs. Breidelford selbst in ein Gespräch verknüpfte. Dadurch gewann James Zeit sich zu sammeln, und weil sich überdies das Gespräch auf sein eigenes heimisches Gebiet zog, so wurde er auch immer unbefangener und zuversichtlicher.

»Die Erkältung des alten Mannes rührte gewiß von der häßlichen Angewohnheit her, weder Schuhe noch Strümpfe zu tragen,« sagte Mrs. Dayton – »Mrs. Lively sollte es nur nicht leiden.«

»Ach, das würde nichts helfen,« meinte James – »Vater ist darin ganz obstinat – was er einmal will, davon bringt ihn kein Mensch wieder ab.«

»Gerade wie mein Seliger – Mr. Lively,« mischte sich hier die unvermeidliche Mrs. Breidelford trotz aller Ableitung wieder in's Gespräch – »aber ganz so wie mein Seliger. – [56] Breidelford – sagte ich oft – Du wirst Dich noch ruiniren, das naßkalte Wetter ist Dein Tod – ich rathe Dir, zieh die wollenen Strümpfe an. – Glauben Sie, er hätt' es gethan? Nicht um die Welt. Louise, sagte er – das verstehst Du nicht – menschliche Constitution ist wie –«

Leider erfuhr die Familie Dayton an diesem Abend nicht, wie menschliche Constitution eigentlich beschaffen sei, denn gerade hier, und als Adele schon im Begriff war, ihren kaum verlassenen Platz am Piano wieder einzunehmen – riß es auf einmal so stark an der Klingel, daß Mrs. Breidelford mit einem »Jesus, meine Güte« erschrocken emporfuhr, und auch Mrs. Dayton und Adele überrascht nach der Thür blickten. Nur Squire Dayton blieb ruhig sitzen und sagte lächelnd:

»Es wird Mr. Smart sein; ich bat ihn, heut Abend noch ein wenig herüberzukommen. – Ja, das ist sein Schritt.«

»Ist das Mr. Smart, der Wirth des Union-Hotels?« rief Adele und sprang an den Glasschrank, um noch eine Tasse für den neuen Gast herbeizuholen.

»Der Nämliche,« sagte der Squire, »doch da ist er selbst« – und herein trat, den Hut, den er ganz in Ge danken auf dem Kopfe behalten, schnell abreißend, Jonathan Smart. Allen im Kreise, Mrs. Breidelford ausgenommen, der er eine stumme Verbeugung machte, reichte er die Hand zum Gruß, die er Squire Dayton und James Lively noch ganz besonders herzlich schüttelte, und setzte sich hierauf mit einem höchst selbstzufriedenen und behaglichen Lächeln auf den ihm von der Mulattin Nancy schnell hingerückten Stuhl nieder.

»Well, Ladies und Gentlemen, freut mich ungemein, Sie Alle wohl zu sehen,« sagte er dabei – »danke, Miß, danke – ich trinke keine Milch, lieber ein bischen Rum in den Thee.«

Miß Adele hatte ihm die Tasse überreicht, und es war hierdurch, da sich die letzten Worte des Gesprächs gerade auf den Eingetretenen bezogen hatten, eine kleine Pause entstanden. Smart bemerkte das übrigens und wandte sich an Mrs. Dayton:

»Bitte, Madame, es sollte mir leid thun, wenn ich hier [57] in etwas Ihre Unterhaltung unterbrochen oder gestört hätte – ich komme auch allerdings etwas spät, aber Squire Dayton –«

»Ganz und gar nicht, Mr. Smart – ganz und gar nicht,« fiel ihm hier Mrs. Breidelford schnell in die Rede – »ich sprach nur eben von – ach, Du lieber Gott, von was sprach ich denn gleich – ja, mein unglückseliges Gedächtniß, Mr. Smart, mein unglückseliges Gedächtniß – schon mein lieber seliger Mann sagte immer – Louise, sagte er – Du hast Deinen Kopf in Deiner Jugend zu sehr angestrengt, Du hast zu viel gerechnet und gesorgt – ein allzu straff angezogener Bogen muß am Elche erschlaffen. – Das waren seine eigenen Worte, Mr. Smart. Ach. Breidelford, sagte ich dann, Du hast Recht – ich weiß es, ich kenne meine Schwäche, aber das Gedächtniß ist eine Gabe von Gott, und wem der es wieder nimmt, der darf sich nicht beklagen. Das wäre schlecht, Breidelford, sagte ich –«

»– lud mich so freundlich ein, daß ich, besonders nach dem, was heute vorgegangen, unmöglich Nein sagen konnte,« fuhr Mr. Smart, ohne sich weiter irre machen zu lassen, in seiner einmal begonnenen Rede, und zwar gegen Mrs. Dayton gewendet, fort.

»Was ist denn heute vorgefallen?« frug Adele schnell, – »war wieder ein Streit im Orte? – Wir haben das Lärmen und Toben gehört, aber weiter noch nichts darüber erfahren.«

Mrs. Breidelford setzte die schon erhobene Tasse wieder nieder und horchte aufmerksam der jetzt erwarteten Mittheilung.

»Und hat Ihnen Squire Dayton gar nichts erzählt?« frug der Yankee.

»Nicht das Mindeste,« riefen die drei Ladies wie aus einem Munde.

»Nun, er hat mir einen Dienst geleistet,« sagte Jonathan Smart, »wie ihn ein Nachbar nur dem andern –«

»Aber, bester Smart,« lächelte der Squire – »ich habe ja nur gethan, was meine Pflicht als Friedensrichter dieses Ortes war.«

[58] »– zu leisten im Stande ist,« fuhr Jonathan fort – »er hat mir das Leben gerettet, indem er sich, die eigene Gefahr ganz außer Augen setzend –«

»Die Burschen hätten es nie zum Aeußersten kommen lassen – Sie rechnen mir die Sache wirklich zu hoch an.«

»– einer Bande zu Allem fähiger Bootsleute gerade entgegenwarf und sie davon zurückhielt, mich umzubringen und mein Haus niederzubrennen. Das ist das Kurze und Lange von der Geschichte.«

Der Richter sah wohl ein, daß er den Wirth ausreden lassen müsse, und ergab sich lächelnd darein. Erst als dieser schwieg, erwiderte er dagegen:

»Das aber erwähnen Sie nicht, daß Sie vorher mit wirklicher Lebensgefahr, da sogar einer der Buben schon auf Sie abdrückte, das Leben des armen Iren gerettet hatten.«

»Das muß ja schrecklich heute in Helena zugegangen sein,« rief Mrs. Dayton entsetzt.

»Nicht schlimmer heute, wie alle übrigen Tage fast,« sagte der Wirth achselzuckend, »Helena ist nun einmal in dieser Hinsicht berühmt oder, besser gesagt, berüchtigt.«

»Gerade was mein lieber seliger Mann immer sagte, Mr. Smart – gerade dasselbe – Louise, sagte er, bleibe nicht in Helena wohnen, wenn ich einmal todt bin – ziehe fort von hier. Du bist zu sanft, Du bist zu schwach für solch wildes Leben und Treiben – Du paßest nicht hierher in diese rohe Umgebung – der liebe Mann. – Und es ist wahr, ich habe es ihm auch noch auf dem Sterbebette versprochen, ich wollte fort. – Breidelford, sagte ich ihm, stirb ruhig – ich gehe nördlich, wenn Du einmal nicht mehr bei mir bist – aber, Du lieber Gott, eine arme alleinstehende Frau, die kann ja nicht, wie sie wohl gern wollte. Man will ja doch leben, und hier, wo ich einmal nothdürftig meine Nahrung habe, werde ich wohl bleiben müssen, denn ich sehe nicht ein, ob, wie und mit was ich an einem andern Orte wieder beginnen könnte. Fleißig bin ich, das muß mir der Neid lassen. Mein lieber seliger Mann sagte immer, Louise, sagte er, Du arbeitest Dich noch todt – Du bedenkst gar nicht, daß Du zum [59] zarten Geschlecht gehörst. Später wirst Du es aber noch einmal einsehen – sagte er, wenn Du Deine Gesundheit ruinirt hast und wenn ich nicht mehr bin. Sie glauben gar nicht, Mrs. Dayton, wie der Mann Alles vorausgesehen und gesagt hat – eine wahre Prophetengabe war es, es könnte Einem jetzt beinahe noch die Haut schaudern, wenn man bedenkt, daß so etwas menschenmöglich ist. – Auch was mein Alleinwohnen anbetrifft, denken Sie sich nur, Mrs. Dayton, auch darüber hat er mir, noch eine Stunde vor seinem Tode – ich sehe das liebe Herz noch mit seinem bleichen, eingefallenen Antlitz und den blauen Lippen vor mir liegen – Vieles gesagt und mich gewarnt, denn, Louise, sagte er –«

»Ich hoffe doch, daß jetzt Jemand bei Ihenn zu Hause ist?« fiel hier Mr. Smart schnell und, wie es schien, mit besonderer Theilnahme in die Rede.

»Bei mir?« rief, von dem Ton und der Frage erschreckt, Mrs. Breidelford, während sie schnell von ihrem Sitz emporfuhr – »bei mir, Mr. Smart? Keine Seele ist zu Hause, denn den Deutschen, den ich bis jetzt für die grobe Arbeit bei mir hatte, mußte ich heute fortjagen, weil er einen Ton gegen mich – aber um Gottes willen, Sir – Sie machen ja ein solches bedenkliches Gesicht. – Es ist doch nichts bei mir vorge – Mr. Smart, ich beschwöre Sie, bei Ihrer männlichen Ehre –«

James Lively und Squire Dayton mußten ihre Stühle rasch zurückschieben, denn Mrs. Breidelford kam mit solcher Allgewalt hinter dem Theetische vorgefahren, daß sie ihr kaum aus dem Wege rücken konnten – Mr. Smart blieb jedoch ganz ruhig und sagte:

»Aengstigen Sie sich doch nicht nutzlos, Madame – das, was ich gesehen habe, hat ja vielleicht –«

»Was um aller lieben Engel im Himmel willenhaben Sie denn gesehen?« rief Mrs. Breidelford, die übrige Gesellschaft kaum mehr beachtend, in Todesangst.

»– gar nicht so viel zu bedeuten, als Sie gegenwärtig zu glauben scheinen,« fuhr Smart in seiner Rede fort. –

»Herr – Mensch – Sie bringen mich noch zur Verzweiflung!« [60] schrie Mrs. Breidelford mehr als sie rief ergriff mit der Linken ihr Bonnet, das sie sich in Mißachtung jeder Façon und Mode auf den Kopf stülpte, wahrend sie mit der Rechten einen Knopf von Mr. Smart's blauem Frack zu erhaschen suchte. Diesem Angriff begegnete er jedoch dadurch, daß er ihre nach ihm ausgestreckte Hand erfaßte und herzlich schüttelte.

»Was haben Sie gesehen? So sprechen Sie doch nur in des Teu – in des lieben Himmels Namen!«

»Eigentlich gar nichts von Bedeutung,« erwiderte Smart, noch immer die einmal gefaßte Rechte der sonderbarer Weise so in Eifer gerathenen Frau nicht loslassend. – »Als ich vor etwa einer Viertelstunde an Ihrem Hause vorbeiging stand Jemand am hintersten Fensterladen und klopfte dort an. Wie wir uns nun so manchmal, wenn wir weiter nichts, thun haben –«

»Und was machte der Mann weiter?« frug Mrs. Breidelford ungeduldig.

»– um allerlei Sachen bekümmern, die uns sonst wenig interessiren würden, so blieb ich einen Augenblick stehen und sah, was dieser Jemand – von dem ich übrigens keineswegs gesagt habe, daß es ein Mann gewesen – im Gegentheil war es eine Frau – denn eigentlich wollte.«

»Eine Frau?« rief Mrs. Breidelford erstaunt.

»Der Laden blieb verschlossen,« erzählte der Yankee weiter, »und die Dame ging jetzt um das Haus herum – wobei ich mir ebenfalls die Freiheit nahm, ihr zu folgen – und probirte dort, an der Thür angelangt, nachdem sie auch hier wieder einige Male angeklopft – zwei verschiedene Schlüssel.«

»Ei, die Canaille!« rief Mrs. Breidelford in höchster Entrüstung – »und schloß sie auf?«

»Es thut mir wirklich leid, Ihnen das nicht genau sagen zu können, Madame. – Ich sah in diesem Augenblick nach meiner Uhr und fand, daß ich schon eine halbe Stunde später hierher kommen würde, als ich dem Squire versprochen hatte, verließ also die Dame bei ihrer, wie ich jetzt allerdings hoffen will, vergeblich gewesenen Bemühung.«

[61] »Und Sie haben sie nicht gefaßt und den Gerichten übergeben?« rief Mrs. Breidelford in unbeschreiblicher Entrüstung, während sie in wilder Eile ihren Mantel umwarf, ihre große Arbeitstasche ergriff und überall im Zimmer noch nach einem andern Gegenstande umher suchte – »Sie haben nicht nach Hülfe gerufen und die Diebin zu Boden geschlagen, die in friedlicher Leute Häuser bei Nacht und Nebel einbrechen wollte? – Sie haben –«

»Aber, beste Mrs. Breidelford,« frug Adele besorgt, »was suchen Sie denn noch – kann ich Ihnen nicht helfen?«

»Nein – mein Bonnet, beste Miß – mein Bonnet,« sagte die Dame, während ihre Säcke von einem Ende des Zimmers zum andern flogen.

»Ist auf Ihrem Kopfe – wertheste Madame,« sagte mit freundlicher Verbeugung der Yankee.

»Gute Nacht, Mrs. Dayton, gute Nacht, Mr. Lively – ach! Squire, wenn Sie mir die Liebe erzeigen wollten, mit mir zu gehen« – rief jetzt Mrs. Breidelford – »Sie sind doch hier Friedensrichter, und wenn wirklich Diebe und Mörder –«

Der Richter machte eine Bewegung, als ob er der Bitte Folge leisten wollte, Smart schüttelte aber hinter Mrs. Breidelford's Rücken so angelegentlichst und mit so komischem Ernste den Kopf, daß er, wenn das wirklich seine Absicht gewesen wäre, sie aufgab und nur, die Dame zu beruhigen, sagte:

»Recht gern würde ich mit Ihnen gehen, beste Madame, ich habe aber mit Herrn Lively noch ein wichtiges Geschäft, und zwar gleich jetzt, abzumachen, das keinen Aufschub weiter leidet. Mein Bursche soll Sie jedoch begleiten, und wenn es sich nöthig zeigt, dann requiriren Sie nur gleich in meinem Namen den Constabler und schicken mir Jemanden her. – Ich komme dann selbst hinunter.«

Mrs. Breidelford hatte die letzten Worte schon gar nicht mehr gehört, packte nur den unten an der Treppe stehenden Mulattenknaben am Handgelenk fest und zog den Ueberraschten, der ängstlich nach seinem Master zurückblickte, mit sich fort, der Hausthür zu. Mr. Dayton winkte ihm aber lachend [62] nur getrost zu folgen, und die Beiden verschwanden gleich darauf durch die Hausthür, der bedrängten Wohnung einer »armen verlassenen Wittwe« zu Hülfe zu eilen.

»Aber, bester Mr. Smart,« sagte jetzt Mrs. Dayton, während sie an's Fenster trat und der Frau besorgt nachsah – »wenn Sie doch nur wenigstens die Fremde angeredet hätten, die an Mrs. Breidelford's Thür einen Schlüssel probirte.«

»Das wäre allerdings ein schwierig Stück Arbeit gewesen,« lächelte der Yankee und rieb sich vergnügt die Hände. – »Mrs. Breidelford ist auf einer wilden Gänsejagd, das heißt, sie wird sich außerordentliche Mühe geben, Jemanden zu finden, der gar nicht existirt.«

»Nicht existirt?« rief Adele verwundert, und James, der den Yankee von früher kannte, lachte laut auf – »nicht existirt? Die Frau, die Sie gesehen haben –«

»Ich habe keinen Menschen gesehen,« erwiderte Jonathan, während er seinen verlassenen Sitz einnahm und Mrs. Dayton die geleerte Tasse so ruhig zum Wiederfüllen hinüberreichte, als ob hier nicht das mindeste Außergewöhnliche indessen vorgefallen wäre.

»Und die Frau mit dem Schlüssel?« rief lächelnd Squire Dayton.

»War der beste Einfall, den ich je gehabt habe,« bemerkte – immer noch ohne eine Miene zu verziehen – der Yankee »Mrs. Breidelford hätte uns sonst noch den ganzen Abend Selbstbiographien und geschichtliche Abrisse aus dem Leben ihres ›lieben Mannes‹ zum Besten gegeben.«

Hätte die arme, in Schweiß fast gebadete Mrs. Louise Breidelford das Gelächter hören können, das in diesem Augenblicke die Spiegelfenster des kleinen freundlichen Zimmers erzittern machte, und dann auch noch die Ursache desselben gewußt, ihr Zorn hätte keine Grenzen gekannt. Unaufhaltsam fort aber, den unglücklichen Mulattenknaben im Schlepptau, stürmte sie der eigenen, bedroht geglaubten Wohnung zu, und geheimnißvolle, düstere Worte waren es, die sie dabei vor sich hinmurmelte. Die kleine, jetzt von ihrer lästigen [63] Gegenwart befreite Gesellschaft rückte aber indessen in der besten Laune von der Welt dich ter um den Tisch herum, und selbst James verlor zum großen Theil seine frühere Scheu. Die allgemeine Fröhlichkeit hatte ihn den Frauen näher gebracht, und er gestand nun in aller Unschuld, daß er zum Tod erschrocken sei, als Mrs. Breidelford die Einladung, die doch eigentlich nur den beiden Damen des Hauses gegolten, so ganz ohne Weiteres auf sich bezogen und angenommen habe.

»Daheim,« sagte er, »würden sie schön schauen, wenn sie ihre Drohung wahr machte, denn böse Geschichten sind's, die über die Frau erzählt werden.«

»Weiß auch der liebe Gott, wie wir zu der Ehre ihres Besuches kommen,« meinte Mrs. Dayton. »Das ist nun schon das dritte Mal, daß sie uns besucht und bis spät in die Nacht dableibt, ohne daß wir einen Fuß über ihre Schwelle gesetzt, oder sie auch nur gebeten hätten, ihren Besuch zu wiederholen. Was will ich aber machen? Sie kommt, setzt sich hin, quält uns Stunden lang mit ihren schrecklichen Erzählungen und borgt beim Weggehen gewöhnlich noch eine Masse von Kleinigkeiten, wie Nadeln, Seide, Stückchen Leinenzeug oder Küchengeschirr und sonstige Sachen, die sie eben so regelmäßig wieder zu schicken vergißt.«

»Ich kann wohl gestehen,« sagte Smart, »daß ich erstaunt war, sie hier in Ihrer Gesellschaft zu finden. – Mrs. Breidelford genießt in Helena nicht einmal mehr einen zweideutigen Ruf, und das will viel sagen. Die wirklich wenigen Guten, die noch hier sind, haben sich nicht allein von ihr zurückgezogen, sondern ihr sogar das Haus verboten. Auch Mrs. Smart hatte eines schönen Morgens ein sehr lebhaftes und für Mrs. Breidelford keineswegs schmeichelhaftes Gespräch mit dieser Dame, das seitens meiner Frau von dem obern, seitens jener Lady von dem untern Theil der Veranda geführt wurde, zu welchem sie durch den Neger aus dem Hause begleitet worden war. Allerdings behauptete in diesem Zungenkampf Mrs. Breidelford das Feld, denn von einem sehr großen und sehr zerlumpten Theil des jungen Helena unterstützt, verblieb sie noch mit eingestemmten Armen [64] und äußerst rothen Gesichtszügen eine ganze Weile auf ihrem eingenommenen Posten, während ich Mrs. Smart, freilich nicht ohne bedeutenden Widerstand, hinterrücks und indem sie immer noch nach außen hin eiferte, in das Haus zurückzog. Seit der Zeit hat Mrs. Breidelford natürlich unsere Wohnung nicht wieder betreten dürfen, scheint aber den darüber gehegten Groll keineswegs bis auf mich ausgedehnt zu haben, denn sie war heut Abend ungemein, ja fast auffällig freundlich und zuvorkommend gegen mich.«

»Ich glaube, man thut dieser Mrs. Breidelford – so wenig ich sie auch selbst persönlich leiden kann, doch Unrecht,« nahm hier der Squire das Wort. »Ich kenne so ziemlich Alles, was an Gerüchten über sie im Umlauf ist, und habe sie scharf beobachtet und beobachten lassen. Das Einzige jedoch, wegen dessen ich sie in Verdacht habe und was wirklich straffällig wäre, ist der geheime Verkauf von Whisky an Neger. Zeigt sich das als begründet, so werde ich sie auch deshalb, wie es ja als Richter meine Pflicht ist, in Strafe nehmen, und weder ihre Freundschaft noch ihr Haß soll mich daran hindern. Lieb wäre es übrigens auch mir, wenn sie uns mit ihren Besuchen verschonen wollte, doch – Sie wissen, wie das hier in Arkansas ist. – Wollte man es den Leuten förmlich verbieten, die ganze Stadt schriee dann über Stolz und Hochmuth; da unterzieht man sich lieber dem kleinere Uebel und hat dafür mit weniger Unannehmlichkeiten und bösem Willen zu kämpfen.«

»Ja, Squire,« sagte James und wurde feuerroth, hier vor den beiden Damen das Wort zu nehmen, »das mag ganz gut sein, so lange es sich auf arme einfache Leute bezieht. Wenn aber bei uns auf dem Lande draußen Jemand einmal als schlecht erkannt ist, und man giebt sich dann nicht mit ihm ab, dann wirft Einem das kein Mensch mehr vor – mein' ich.«

»Mr. Lively hat ganz Recht, Dayton,« fiel hier Adele lebhaft ein – »mit solcher Frau würde ich auch keine Umstände weiter machen. – Was kann sie uns denn thun, [65] wenn wir ihr das Haus verbieten? Und wir würden dadurch eine Pein los, die manchmal wirklich kaum zu ertragen ist. Nun, Mr. Lively wird es noch bereuen, uns eingeladen zu haben.«

»Miß Adele –« stotterte James und erfaßte mit beiden Händen fest und krampfhaft den untern Theil seines Stuhls, als ob er sich einen Zahn wollte ausziehen lassen – »Mutter wird – Sie können gar nicht glauben wie – ich wollte sagen – versuchen Sie's nur, kommen Sie nur einmal heraus – und wenn's auch nicht draußen so schöne Blumen giebt wie –« um sein Leben gern hätte er »wie Sie« gesagt, aber es ging nicht – es ging wahrhaftig nicht. Die Worte staken ihm Harpunen gleich in der Kehle, und er brachte sie nicht heraus.

»Wie hier, Mr. Lively?« lachte Adele, die das wie auf Helena bezog, oder ihm doch wenigstens schnell damit in die Rede fiel – »wie hier? Ach, Du lieber Gott, hier sieht's mit Blumen trüb und traurig aus, denn der Wald in der ganzen Nachbarschaft herum ist zerstampft und zertreten, und selbst den Bäumen scheint der ewige Qualm und Rauch und das wilde, rohe Toben der Menschen nicht zu behagen. Sie sehen in der Nähe der Stadt häßlich und vertränkt aus, während sie weiter davon entfernt viel frischere, lebendigere Farben, viel würzigeren Duft zu haben scheinen.«

»Ach, Miß – Sie sollten nur jetzt einmal sehen, wie schön, wie herrlich es bei uns ist!« rief Lively, dem der Gedanke an seinen Wald frischen Muth gab – wenn er es auch nicht wagte, dem jungen Mädchen zu sagen, wenn er vorhin mit den Blumen gemeint. »Es ist ja nirgends herrlicher in der Welt, als im Walde draußen, und ein Morgen, ein Sonnenaufgang unter den frischen, thauigen Blättern wiegt ein ganzes Jahr aus dem häßlichen Treiben der Städte auf. Die wilden Thiere und Vögel wissen das auch recht gut. – Dorthin, wo es am heimlichsten, am ungestörtesten ist, dahin flüchten sie sich, und wo kein menschliches Auge sie erreichen kann, da spielt die Hirschkuh mit dem Kalbe, und die munteren Sänger schlagen die herrlichsten Triller dazu, [66] und singen so lange und so wunderschön, bis die Blätter ordentlich anfangen unruhig zu werden und zu tanzen.«

»Ei, sieh da, Mr. Lively« – lächelte Squire Dayton, während er sich ein schmales Stück Kautabak abschnitt und das Uebrige an Jonathan Smart hinüberreichte – »ob er uns am Ende nicht noch ganz poetisch wird – haben Sie schon einmal Verse gemacht?«

»Ich?« rief James und sah jetzt erst zu seinem unbegrenzten Entsetzen, daß die Augen der ganzen Gesellschaft auf ihm allein gehaftet hatten – »ich – nein – im Leben nicht,« und seine Hände griffen vergebens nach ihrem früheren, im Eifer des Gesprächs verschmähten Anhaltepunkt.

»Mr. Smart soll aber schon Verse gemacht haben,« sagte Mrs. Dayton und suchte durch diese Wendung dem armen Burschen aus der Verlegenheit zu helfen.

Jonathan Smart blickte Mrs. Dayton von der Seite an.

»Ein Yankee und Verse machen?« sagte er endlich schmunzelnd und nahm sein linkes Knie zwischen die beiden Hände – »prächtige Idee das. Nein, Mrs. Dayton, damit befasse ich mich weniger; Verse bringen nichts ein. – Un doch – so komisch Ihnen das auch vorkommen mag, habe ich wirklich einmal ein Gedicht, und zwar an meine Alte, gemacht, als wir noch Brautleute waren.«

»O bitte, bitte, Mr. Smart, das Gedicht müssen Sie uns einmal zeigen,« bat Adele – »Ich lese so ungemein gern Gedichte –«

»Und solche besonders,« lächelte der Wirth, »nicht wahr, wo man sich vor Lachen dabei recht ausschütten kann? – Ih nun, wenn ich's noch hätte, wär' mir's recht. – Später mußte ich selbst darüber lachen.«

»So haben Sie es vernichtet?«

»Oh nein, im Gegentheil, das ist in den Händen Derselben, an die es gerichtet gewesen.«

»In Mrs. Smart's Händen?«

»Zu dienen, und wird jetzt etwa in derselben Art, wie die schlecht geschleuderten Wurflanzen der Indianer, von der nämlichen [67] Person, den oder die es hätte treffen sollen, als Waffe gegen den Absender gebraucht.«

»Das ist ein Räthsel,« sagte Mrs. Dayton.

»Aber leicht zu lösen,« fuhr der Yankee fort. »Ich machte nämlich in einer mehr als gewöhnlich schwärmerischen Stunde – nicht wahr, Mr. Lively, Sie haben deren auch manchmal? – ein Gedicht auf die damalige Miß Rosalie Heendor. Darin pries ich denn, wie das in solchen Gedichten gewöhnlich geschieht, nicht allein ihre unvergleichliche Schönheit und Liebenswürdigkeit, wobei ich die einzelnen Reize unter den Rubriken: Alabaster, Perlen, Elfenbein, Sterne, Sammet, Rosen, Veilchen ins besonders aufführte, sondern ich bekannte auch mit einer wirklich Alles hintansetzenden Bescheidenheit und – Unvorsichtigkeit – meinen eigenen Unwerth, ein solches Ideal zu besitzen; hielt aber am Schluß nichtsdestoweniger sehr ernstlich um dessen Hand an. So weit ging die Sache gut; Miß Rosalie war nicht von Stahl, und Jonathan Smart auch damals noch ein ganz reputirlicher junger Bursche, der seine sechs Fuß zwei Zoll in seinen Strümpfen stand. Mehrere Jahre hatten wir auch so, ruhig und vergnügt, mit einander verlebt, und mir war das Gedicht und dessen Inhalt natürlich ganz und gar entfallen. Da geschah –«

»Ein Brief an Squire Dayton,« sagte Nancy, die in diesem Augenblick die Thür öffnete und ein leicht zusammengefaltetes Papier hereinreichte.

»Wer hat es gebracht?« frug der Squire.

»Der Mailrider,« erwiderte die Mulattin, »er sagte, es hätte Eile!«

Squire Dayton öffnete das Schreiben und drehte sich damit nach dem Lichte herum, um es besser lesen zu können; Jonathan aber, der während der Unterbrechung einen Augenblick stillgeschwiegen hatte, fuhr jetzt ruhig in seiner Erzählung fort, und zwar, nach seiner gewöhnlichen Art, gleich mit dem Worte, bei welchem er stehen geblieben war:

– »es einst, daß Mr. und Mrs. Smart, wie das bei Eheleuten wohl manchmal vorfällt, einen kleinen Wortwechsel [68] hatten, in welchem der Gentleman seiner Lady hinsichtlich ihrer persönlichen Eigenschaften einige vielleicht nicht gerade schmeichelhafte Bemerkungen machte. Darauf schien diese übrigens vorbereitet, denn plötzlich und ohne alle vorherige Warnung tauchte jetzt – nichts Anderes als das längst verjährte Gedicht auf, und mit lauter – ja immer lauterer Stimme, je mehr ich dagegen protestirte, wurde mir der mit meinen eben gemachten Aeußerungen allerdings etwas im Widerspruch stehende Inhalt triumphirend vorgelesen. Diese Scene hat sich seitdem einige Mal wiederholt, und wenn man nach gemachten Erfahrungen berechtigt ist, die Jugend zu belehren und vor Mißgriffen zu warnen, so möchte ich dem hier anwesenden jungen James Lively allerdings sehr dringend empfehlen, keine Gedichte solchen Inhalts der jungen Dame zu übersenden, die er dereinst als ehrbare Hausfrau heimzuführen gedenkt. – Schon gewählt?« – Und die Frage traf Den, an den sie gerichtet war, so plötzlich, daß er erschrocken auf seinem Stuhl zusammenfuhr. Mr. Dayton selbst ersparte ihm aber diesmal eine Antwort, denn er stand schnell auf, ging zum Fenster und blickte hinaus, sah nach der Uhr und sagte dann:

»Liebe Frau, ich bekomme hier eben höchst fataler Weise einen Brief, daß ich heut Abend noch einen sehr gefährlich Kranken besuchen muß.«

»Hier in Helena?« frug Mrs. Dayton besorgt.

»Nein, leider nicht,« sagte der Squire – »zehn Miles im Lande drin. Da werde ich denn allerdings vor morgen früh, wenn das überhaupt der Zustand des Patienten erlaubt, nicht wieder hier sein können. Höre, Nancy, sage doch Cäsar, daß er mein Pferd sattelt und aufzäumt.«

Mrs. Dayton seufzte tief auf.

»Ach, Georg,« flüsterte sie traurig, »es ist ja wohl recht gut für Dich, daß Deine Fähigkeiten so in Anspruch genommen werden, aber ich weiß nicht, ich wollte doch, Du könntest ein wenig mehr zu Hause bleiben. – Die häufigen Nacht-Ritte müssen ja auch Deine eigene Gesundheit ruiniren.«

»Sei unbesorgt,« lächelte der Gatte und zog den Oberrock [69] an, den auf seinen Wink Nancy indessen gebracht hatte – »Schaden thut es mir sicher nicht, aber allerdings bliebe ich auch lieber bei Euch; doch was will ich machen? Soll ich die Kranken, die mir nun einmal vertrauen, in Angst und Sorge liegen lassen, weil ich mich nicht gern in meiner Bequemlichkeit gestört sähe? Mir thun sie leid, die Armen, da ja überhaupt die Heilkunde des ganzen Staates fast nur in den Händen von Quacksalbern ist.«

»Da hat der Squire wohl Recht,« sagte Jonathan, »eine Wohlthat ist's, für die man nicht genug dankbar sein kann, wenn man im Stande ist, einen ordentlichen Arzt zu bekommen. Doch, aufrichtig gesagt, möchte ich Der nicht sein, der nie weiß, ob er sich am Abend ruhig in sein Bett legen kann oder nicht. Mit der Bezahlung dafür sieht's nachher auch immer windig genug aus. – Wer ist denn krank?«

»Der Deutsche, der sich erst vor Kurzem dort angesiedelt hat,« sagte der Richter – »Brander heißt er, glaub' ich.«

»Aha – kaltes Fieber wahrscheinlich – nun, das ist nicht so gefährlich. Doch ich höre das Pferd unten kommen; also, Ladies, ich werde mich jetzt ebenfalls empfehlen. Mr. Lively, gehen Sie auch mit, oder bleiben Sie noch bei den Damen?«

»Nein, bewahre« – sagte James schnell, und er schrak doch auch gleich darauf wieder über die Ungezogenheit – »Ich – ich wollte nur sagen, daß ich auch nach Hause muß, es wird sonst zu spät. – Reiten wireinen Weg, Mr. Dayton?«

»Schwerlich,« erwiderte dieser, während er den linken Sporn anschnallte – »ich reite den Fußpfad, der nach Bailys hinüberführt. Es ist etwas näher.«

»Da müssen Sie aber durch den Sumpf unten,« sagte James. »Das ist ein Weg, wo man jetzt kaum am hellen Tage durchkommt.«

»Hat nichts zu sagen,« lächelte der Squire, »ich kenne da jeden Zoll Landes und habe mir erst neulich das überhängende Rohr ein bischen aus der Bahn gehauen. Also gute Nacht, Kinder, gute Nacht. Morgen früh, hoff' ich, trinken wir [70] wieder zusammen Kaffee, und dann kann ich mich nachher recht ordentlich ausruhen.«

»Ladies,« sagte Lively und machte, ohne Adele dabei auch nur von der Seite anzusehen, eine tiefe Verbeugung vor Mrs. Dayton – »darf ich also den Eltern sagen, daß Sie – morgen kommen werden?«

»Das und noch viele, viele Grüße an die Mutter,« erwiderte Mrs. Dayton freundlich und reichte dem jungen Mann die Hand. Dieser drückte sie herzlich, ließ sie aber in aller Verlegenheit auch gar nicht wieder los, da er im Geist jetzt ebenfalls eine Anrede an Miß Adele vorbereitete. Mrs. Dayton mochte jedoch eine Ahnung von dem haben, was James' Seele vorging, denn sie sagte lächelnd:

»Und darf ich also Adele auch mitbringen?«

James drückte ihr die Hand, daß sie hätte aufschreien mögen, fuhr dann aber schnell zurück und sagte, roth wie Blut:

»Miß Adele wird sich freilich draußen gewaltig langweilen.«

»Dann soll ich vielleicht hier bei Mrs. Breidelford bleiben?« frug das schelmische Ding.

»Miß –« stotterte James.

»Nun wird's, Lively?« rief Smart schon von der Hausthür aus – »Euer Pferd steht auch mit hier.«

»Wir kommen also Beide, Mr. Lively – bestimmt« – lächelte Mrs. Dayton, und James, dem Nancy indeß seinen lange gesuchten Hut gebracht hatte, sprang mit einem fröhlichen: »Gute Nacht zusammen!« die Treppe hinab und unten mit einem Satze in den spanischen Sattel des muntern Ponys, das ihn dort freudig wiehernd begrüßte.

Wenige Secunden später sprengten Dayton und Lively auf zwei verschiedenen Wegen fort. Smart aber drückte den Hut fest auf die Stirn, schob beide Hände tief, tief in seine Beinkleidertaschen und schritt dann, höchst selbstzufrieden vor sich hinpfeifend, die Straße hinab. Indessen ging er nicht gleich dem eigenen Hause zu, denn die Ruhe der Stadt verbürgte ihm dessen Sicherheit – sondern erst einmal nach [71] der Flatbootlandung des Flusses, wo etwa zwölf oder dreizehn jener langen unbehülflichen Fahrzeuge angebunden lagen. Die Boote hingen nur an Tauen fest, breite Planken lagen aber vom Lande aus hinüber und vermittelten die Verbindung mit diesem. Dienten doch diese Boote auch als schwimmende Kaufläden, von denen die Bewohner der südlichen Staaten die Producte des Nordens zugeführt bekamen.

5. Die nächtliche Fahrt. - Die Insel

5.

Die nächtliche Fahrt. – Die Insel.

Der Mond schien hell und freundlich auf die rasch dahin strömende, undurchsichtige Fluth herab, während nur dann und wann einzelne dünne Wolken die helle Scheibe für kurze Momente verdüsterten und ihre Schatten über die weite Niederung deckten. Leise gurgelte dabei das Wasser unter den gewichtigen Booten, und die Strömung warf schmutziggelbe Schaumblasen gegen die Planken derselben an. Hier und da trieb ein von dem tückischen Nachbar seinem sichern, Jahrhunderte lang behaupteten Platz entrissener Baumstamm vorüber und streckte die langen Riesenarme wie Hülfe suchend nach den ruhig neben ihm fortrauschenden Brüdern aus, und der Schrei des Loon gab manchmal, oft wie spottend, den rohen Jubelruf der Zechenden zurück, der noch immer aus einem der im Innern hell erleuchteten Boote und einem weiter oben gelegenen Trinkhaus erschallte. Oft sprang auch ein gewaltiger Catfisch aus seinem kühlen Element empor, und die glatte, silberfarbene Haut blitzte dann im Mondenlicht. – Sonst aber lag Ruhe – stille, unheimliche Ruhe [72] auf der breiten Fläche des Stromes und stach nur um so schauriger gegen das rohe Jauchzen der wilden, ausgelassenen Gesellen ab.

Smart schritt langsam am Ufer hin und hatte eben den hoch abgebrochenen Stamm einer jungen Sykomore erreicht, der hier von den Flußleuten benutzt wurde, die Bootstaue daran zu befestigen, als sich ihm die Gestalt eines andern Mannes näherte, den er augenblicklich als den vor wenigen Stunden geretteten Iren erkannte. Langsam kam dieser ihm gerade entgegen am Ufer heraufgeschleudert und schien dann und wann einmal die Boote mit einem mißtrauischen Blicke zu betrachten.

»Ei, ei, O'Toole,« rief da warnend der Yankee – »juckt Euch das Fell schon wieder und tragt Ihr so absonderliches Verlangen nach kaltem Flußwasser, daß Ihr Euch, alle Vorsicht vergessend, in die Nähe von Leuten wagt, die erst vor ganz kurzer Zeit ein Todesurtheil über Euch gefällt hatten? Ich möchte zum zweiten Mal nicht ausreichend sein, Euch ihrem Griff zu entreißen.«

»Hol' sie der Böse –« murmelte der Ire, der bei der ersten Anrede, und ehe er recht unterscheiden konnte, wer zu ihm sprach, schnell nach der Seite und einer dort wahrscheinlich verborgenen Waffe gegriffen hatte. Durch den Anblick des Wirths aber beruhigt, doch immer noch mit verbissenem Ingrimm fuhr er fort: »Eine Bande ist's, – eine raubgierige, schurkische Bande von lauter Schuften, die aneinander hängen wie die Kletten. – Smart – Ihr mögt mir's nun glauben oder nicht, aber St. Patrick soll mich in meiner letzten Stunde verlassen, wenn ich nicht fürchte, hinter den Burschen steckt etwas Schlimmeres, als wir jetzt noch vermuthen.«

»Hinter den Bootsleuten?« lächelte der Wirth verächtlich – »da thut Ihr ihnen wahrlich zu viel Ehre an. – Wildes, rohes Volk ist's, das gedanken- und sittenlos in den Tag hineinlebt und, wie die Matrosen, jeden Dollar verspielt und vertrinkt, den es sich vorher mit saurem Schweiße verdienen mußte.«

[73] »Das ist's nicht allein,« sagte der Ire kopfschüttelnd – »das ist's bei Gott nicht allein. Die Kerle halten zusammen, wie ein Sack voll Nägel, und haben auch Zeichen untereinander, darauf wollte ich meinen Hals verwetten. Sobald der eine Halunke pfiff – ich habe mir übrigens den Pfiff gemerkt – stürmten sie Alle mitsammen auf mich los, wie eine Meute Braken, wenn sie das Horn hören. Aber wartet – wartet, Canaillen; ich komme Euch noch auf die Spur, darauf könnt Ihr Euch verlassen, und nachher sei Euch Gott gnädig.«

»Dort unten stößt ein Boot ab,« sagte Smart und zeigte den Fluß hinab, wo gerade unter den Flatbooten ein kleines scharfgebautes und jollenartiges Fahrzeug vorschoß, zuerst eine Strecke in den Strom hinein hielt und dann stromab, aber immer noch mit bei den Rudern arbeitend seine Bahn verfolgte. Ein einzelner Mann saß darin, wer es aber sei, konnten sie nicht erkennen.

»Nun, wo will denn Der hin?« fragte der Ire und nahm den Hut ab, um nicht durch den Rand desselben den Blick beschattet zu haben.

»Es wird irgend ein Flatbooter sein, der hier wie gewöhnlich seine paar Dollar verspielt hat und nun in aller Eile hinter seinem indessen vorausgegangenen Boote herrudern muß.«

»Dann kommt dort noch die ganze übrige Mannschaft,« sagte der Ire, und zugleich glitt ein großes Segelboot in den Strom, das aber nicht dieselbe Richtung wie der Einzelne nahm, sondern den Bug etwas stromauf scharf in den Fluß hinein hielt, als wenn sie die Landung am andern Ufer so hoch als möglich machen wollten.

»Weathelhope drüben bekommt heute Besuch,« sagte Smart – »wird sich unmenschlich freuen.«

»Sollten die bei Weathelhope einkehren?«

»Wenn nicht, so haben sie noch wenigstens fünf Meilen heut Abend zu marschiren, ehe sie ein anderes Haus erreichen können, und fünf Meilen bei Nacht und Nebel durch den Sumpf zurücklegen, dafür danke ich. Lieber blieb' ich die [74] Nacht dicht am Ufer des Stromes; da ließen die Mosquitos doch wenigstens noch etwas von mir übrig; in dem Swamp aber drin fräßen sie, glaub' ich, einen Menschen bis an Knochen auf.«

»Es wäre bei Gott kein Verlust, wenn das den Canaillen heute passirte,« brummte der Ire. – »Doch gute Nacht, Smart, es wird spät, ich will mich schlafen legen. Von heut an bin ich übrigens Euer Schuldner, denn ohne Euch läge ich jetzt tief dort unten in der schmutzigen Fluth. – Gebe Gott, daß ich Euch das einmal vergelten kann!«

»Ei, O'Toole,« sagte der Wirth lachend, während er ihm die Hand hinüberreichte – »das war blos Eigennutz von mir, ich hätte ja sonst einen meiner besten Gäste verloren. – Doch – ohne Spaß – nehmt Euch vor dem rohen Volke künftig lieber ein wenig mehr in Acht. – Es hat Niemand Ehre davon, sich mit ihnen einzulassen.«

Die Männer schritten jeder langsam nach seiner Wohnung in die Stadt zurück. Nur O'Toole blieb noch mehrere Male stehen und lauschte aufmerksam nach den Ruderschlägen des Bootes hinüber, die in immer weiterer und weiterer Ferne verklangen, bis sie endlich ganz plötzlich aufhörten oder ein veränderter Windzug den Laut nicht mehr zum westlichen Ufer trug. Der Irländer horchte noch eine Weile und murmelte dann ärgerlich vor sich hin –

»Hol' sie der Teufel – jetzt läßt sich doch nichts mit ihnen anfangen. Aber wartet – morgen will ich einmal hinüber nach Weathelhope, und dann müßte es ja mit dem Henker zugehen, wenn man nicht auf die Fährte der Schufte kommen könnte.«

Das Boot strebte übrigens keineswegs, wie der Ire vermuthet hatte, dem andern Ufer zu, obgleich es, von Helena aus gesehen, allen Anschein hatte. Es hielt nur in gerader Richtung durch den Strom, bis in etwa fünfhundert Schritt von seinem scheinbaren Ziel.

»Stop her!« 1 sagte da plötzlich eine rauhe, tiefe Stimme, [75] die aus dem Stern des Fahrzeugs vortönte, und die vier Bootsleute hoben gleichzeitig ihre Ruder hoch aus dem Wasser, daß die glänzenden, daran hängenden Tropfen bis zu dem Bootsrand zurückliefen und hier die Ruderlöcher näßten. Es war der Steuermann, der den Befehl gegeben, und zugleich ein alter Bekannter von uns, der Narbige, der in Helena dem armen Iren bald so gefährlich geworden wäre. Auch die neun Männer an Bord – vier an den Rudern und fünf behaglich zwischen diesen ausgestreckt, bildeten die Mehrzahl Derer, die an dem Uferkampf gegen den Einzelnen einen so ungerechten Antheil genommen hatten.

Das Boot, nicht mehr so schnell durch die Fluth getrieben, blieb doch noch hinlänglich im Gang, um von dem Steuer, und zwar stromab regiert zu werden.

»Ich wäre lieber noch ein wenig weiter hinübergefahren,« sagte der Eine jetzt, während er den Kopf hob und nach dem noch ziemlich fernen Land hinüberschaute.

»Und wozu?« frug der mit der Narbe – »erstlich liefen wir Gefahr, auf den Sand zu rennen, und dann möchten sie auch oben in dem Hause auf uns aufmerksam werden, und das ist Beides nicht nöthig.«

»Lassen wir die runde Weideninsel links oder rechts liegen?«

»Links.«

»Da ist ja auch wohl das tiefste Wasser?«

»Deshalb nicht, unser kleines Känguru würde schon über die flachen Stellen fortspringen. So arg ist's übrigens auch gar, auch wir haben an beiden Seiten der Insel bei jetzigem Wasserstand und an den seichtesten Stellen sechs Fuß und brauchen höchstens anderthalb.«

»Nun, mir recht – ich weiß mit dem Fluß nicht Bescheid, aber – wie lange fahren wir denn wohl bis hinunter?«

»Es mögen etwa vierzehn Meilen von Helena sein,« meinte der Narbige. »Eine Meile weiter unten fangen wir wieder an zu rudern, gehen über den Fluß zurück und müssen den Landungsplatz in höchstens anderthalb Stunden erreichen, [76] vielleicht noch eher. Jetzt seid aber ruhig; hier am Ufer stehen einige Häuser, und je weniger Geräusch wir machen, desto besser ist's.«

Das scharfgebaute Fahrzeug trieb noch eine ziemliche Strecke geräuschlos stromab, dann aber ließen, auf ein Zeichen des Führers, die Männer die bis dahin noch immer emporgehaltenen Ruder wieder in's Wasser, der Bug kehrte sich wieder dem westlichen Ufer zu, und hin über die Fluth schoß nun das Känguru, daß die kleinen Kräuselwellen vorn hoch emporspritzten und dann in langen wogenden Kreisen seitab strömten.

Die einzelnen Lichter am Ufer blieben weit, weit zurück. Jetzt näherte sich das Boot, der stärkern Strömung treu bleibend, mehr und mehr dem Ufer, ja glitt so nahe an dem düstern Urwald hin, daß die funkelnden Glühwürmer sichtbar wurden und der klagende Ton der Nachtvögel zu ihnen herüberschallte.

Hier lag eine Ansiedelung, und diese jetzt so geräuschlos als möglich zu passiren, waren die Ruder umwickelt worden – kein Laut wurde gesprochen, und so dicht am Lande glitt das Boot vorüber, daß sie oft die Wipfel der durch Abbrechen des Ufers hineingestürzten Stämme berühren konnten. Da blieb eins der Ruder in einem vorragenden Aste hängen und fiel dem, der es hielt, aus der vergebens rasch danach greifenden Hand. Der Steuermann drückte jedoch das Hintertheil des Bootes schnell dem forttreibenden Holze zu und ergriff es eben noch zur rechten Zeit, konnte jedoch nicht verhindern, daß ein paar der Ruder gegen Bord schlugen und dadurch auf dem stillen Wasser ein allerdings nicht unbedeutendes Geräusch verursachten.

Sie befanden sich jetzt gerade unterhalb des einen Hauses. Die Hunde schlugen dort an und liefen dem steilen Uferrand zu, von dem aus sie das vorbeischlüpfende Boot deutlich erkennen konnten.

»Hallo the boat!« rief eine laute Stimme, die aus der kleinen Lichtung heraustönte. Gleich darauf sprang ein Mann in Hemdsärmeln auf einen halb über die steile Uferbank [77] hinausragenden Sykomorestamm und schwenkte, zum Zeichen, daß er mit den Vorbeirudernden reden wolle, ein helles Tuch.

Daß sie gesehen waren, ließ sich nicht mehr verkennen, der Steuermann gab auch ohne Zeitverlust und mit ruhiger Stimme sein

»Was soll's?«

– zurück und ließ dabei den Bug herumschneiden, daß er gegen die Strömung kam. Dabei rief er dem im Vordertheil Sitzenden zu, irgend einen Ast zu erfassen und da fest zu halten, bis er mit dem Manne gesprochen hätte.

»Aber zum Teufel, Ned,« flüsterte ihm der vor ihm Sitzende ängstlich zu – »bist Du denn gescheidt? Du willst es Denen am Lande wohl ganz in's Maul –«

»Stille, sag' ich,« unterbrach ihn der Steuermann, »laßt mich nur machen. – Wir dürfen keinen Verdacht erregen.«

»Wohin geht das Boot?« rief abermals die Stimme vom Ufer aus.

»Stromab, bis Montgomerys Point.«

»Noch Platz an Bord?«

Der Steuermann zögerte mit der Antwort – »Was zum Teufel mögen sie wollen?« – flüsterte er vor sich hin.

»Noch Platz an Bord für einen Passagier?« wiederholte der Erste.

»Alle Wetter – da giebt's 'was zu angeln,« kicherte der eine der Ruderer – »sag' ja, Ned – um Gottes willen sag' ja; der Mann hat sicherlich einen vortrefflichen Koffer, den er los sein möchte.«

»Nein!« rief der Steuermann, ohne die Einflüsterungen weiter einer Sitte zu würdigen – »wir haben schon zu viel hier – wenn uns ein Dampfboot begegnet, könnte uns ein Unglück zustoßen,« und eine nochmalige Frage, die durch das Schäumen des Wassers in der neben ihnen angeschwemmten Eiche ohnedies übertäubt wurde, nicht weiter beachtend, gab er laut den Befehl vorn loszulassen. – Der Bug fiel gleich darauf wieder ab, und mit dem Worte »Ruder ein« erneuerte das Känguru seine so plötzlich und unerwartet unterbrochene Bahn.

[78] »Was in Beelzebubs Namen ist Dir denn heut Abend in den Kopf gefahren?« zürnte der frühere Sprecher, indem er sich unwillig gegen den Steuernden wandte, »schickst die Leute selbst zurück, die uns ihre guten Sachen bringen wollen, und betrügst uns förmlich um unsern Gewinn? – Der Capitain wird schön schimpfen, wenn er's erfährt.«

»Halt Dein ungewaschenes Maul,« knurrte der Narbige – »red'st, wie Du's verstehst. – Wir haben heute genug Unsinn in Helena getrieben; ich sollte denken, wir ließen es dabei bewenden. Wolltest Du eines einzigen erbärmlichen Koffers wegen Gefahr laufen, unsern Schlupfwinkel aufgestöbert zu wissen – heh? Willst Du hier gleich – uns ganz dicht auf dem Kragen, einen Verdacht rege machen, der uns die benachbarten Constabler in ein paar Wochen auf den Hals hetzen würde? Nein, es war thöricht genug, daß wir heute den Streit anfingen – zu dem Du ebenfalls wieder den Anlaß gegeben. Dabei mag's heute sein Bewenden haben. Fatal ist mir's übrigens, daß uns der Laffe am Ufer gesehen hat. Nun, er weiß doch wenigstens nicht, wohin wir gehören. Aber jetzt greift aus, meine Burschen, denn der Capitain wird uns erwarten. Ich bin überdies neugierig, was unser nächster Zug sein mag; heute Nacht bestimmt er's vielleicht.«

Das Boot flog nun, von den elastischen Rudern getrieben, pfeilschnell über die glatte Stromfläche hin, und nicht lange mehr währte es, bis sich eine dunkle, hoch mit stattlichen Bäumen bewachsene Insel von dem düstern Hintergrund klar absonderte, welche von den Männern als das Ziel ihrer nächtlichen Fahrt begrüßt wurde.

Diese Insel, die wie alle übrigen im Mississippi mit Schilf, Weiden und hohen Baumwollenholzbäumen am Rande bewachsen war, glich ganz den Schwestern und zeichnete sich auch durch kein besonderes Merkmal weiter aus. Ihre Nummer 2, [79] unter der sie die Bootsleute kannten und mit der sie auf den Flußkarten verzeichnet stand, war »Einundsechzig«. Wie die meisten jener kleinen Landstrecken, inmitten des Flusses gelegen, wurde sie aber nur selten und in letzterer Zeit nie mehr von den herabkommenden Booten besucht, da ein Hurricane, wie es hieß, den größten Theil derselben verwüstet habe.

Wirklich starrten auch, und zwar besonders an den Stellen, an denen ein großes Boot bequem hätte landen können, eine solche Menge von weitästigen, knorrigen Baumwipfeln überall empor, daß ein Hinankommen zum Ufer unmöglich gewesen wäre. Nur ein Platz, und zwar an der linken Seite der Insel, lag offen und frei da und schien auch in früherer Zeit begangen gewesen. Jetzt aber umgaben ihn einige Snags und Sawyers 3, die aus der rasch daran vorbeischießenden Fluth hervorschauten, und der Flatbooter, der vor einbrechendem Abend vielleicht gehofft hatte, hier sein Boot zu befestigen, griff mit schnellem, ängstlichem Eifer zu den langen Finnen und trieb, in fast verzweifelter Kraftanstrengung, das unbehülfliche Boot fort von dem Platze, der ihm Verderben bringen mußte.

Der Steuermann, an dem langmächtigen Ruder lehnend, das weit hinter dem Boot aus dem Wasser stand, fluchte dann wohl, daß der Staat nicht mehr Fleiß darauf verwende, den Strom von solch' gefährlichen Gesellen zu räumen. Er [80] schwur sich's auch vielleicht heimlich zu, künftig in dem in seinem »Navigato« angegebenen Fahrwasser zu bleiben, das ihn auf die andere Seite der Insel verwies, und entging dadurch unbewußt einer Gefahr, die ihm wie seinem Boot weit verderblicher geworden wäre, als alle Snags und Sawyers des Mississippi zusammen. Aus den dichtverworrenen Dickichten des Inselufers aber schauten ihm dann ein paar höhnisch lachende Augen nach, und eine rauhe Stimme brummte heimlich in den Bart:

»Sei froh, Bursche, daß Du Dich hast warnen lassen, das Land hier zu betreten, Du hättest sonst eine ruhigere und längere Nacht gehabt, als Du es Dir wohl je im Leben träumen ließest.«

Daß jene Snags und Sawyers keineswegs wirklich vom Strom angewaschene Stämme, sondern nur auf künstliche Weise, durch Anker und versteckte Bojen hergestellte Blendwerke seien, dachte natürlich Niemand. Aus der Ferne sahen sie auch täuschend genug aus, und nur ganz in der Nähe und nach genauer Untersuchung hätte man dem Geheimniß auf die Spur kommen können. Wer von den Schiffern würde aber seine Zeit daran verschwendet haben? Das starre, dem Wasser entragende Holz war ihnen genug, und soweit wie möglich beschrieben sie den Kreis, der sie aus der Nähe solcher »Bootvernichter« bringen sollte.

Die ziemlich nahe zum linken Ufer gelegene Insel war drei englische Meilen lang, oben ziemlich breit und auf dieser Seite von einer Menge angeschwemmter Stämme förmlich verpalissadirt, und lief am untern Theile spitz zu. Dort hatte sich aber eine ziemlich bedeutende und wohl eine volle Meile stromabgehende Sandbank gebildet, die unter dem Wasser hin zu einem eine halbe Meile tiefer gelegenen Eiland führte. Im Ganzen wurde dieses letztere noch mit zu Einundsechzig gezählt, da das Wasser zwischen beiden zu seicht war, größeren Flatbooten eine Durchfahrt zu gestatten, in Wirklichkeit war es aber von der obern größeren Insel, selbst beim niedrigsten Wasserstande, vollkommen getrennt und wurde, wenn im Juli [81] die Schneewasser aus den Felsengebirgen herankamen, oft gänzlich von diesen bedeckt. Die Insulaner nannten dieses kleine Eiland übrigens, da sie es im Falle einer Entdeckung als letzte Zuflucht betrachteten, die »Nothröhre«.

Noch besseren Schutz genoß Nr. Einundsechzig von der West- oder der rechten Seite des Flusses. Hier umgab sie zuerst eine ziemlich hohe Sandbank, die etwa zweihundert Schritt vom Hauptufer der Insel wiederum in einen schmalen, mit Weiden und Baumwollenholzsprößlingen dichtbewachsenen Landstreifen auslief. Dieser zog sich fast parallel und in gleicher Länge mit der Insel nieder, wurde aber auch seinerseits wieder am rechten Ufer durch eine, jedoch nur wenige Klafter breite Sandfläche geschützt.

Demnach konnte man sich dieser Insel nur von der linken oder Ostseite – wo ihr nächstes Ufer der Staat Mississippi war, nähern, und hier hielten die getroffenen Vorkehrungen sicherlich Jeden vom Landen ab, der dazu früher Lust gehabt haben mochte. Die eigentliche Strömung und das Fahrwasser des Mississippi lag denn auch ganz auf der rechten Seite der Insel, und die Entfernung zwischen jenem schmalen Zwischenstreifen und Arkansas betrug eine englische Meile, der Raum zwischen Einundsechzig und dem Staat Mississippi aber kaum die Hälfte dieser Entfernung.

An den beiden der Insel gegenüber liegenden Ufern standen nun allerdings ein paar niedere Blockhäuser, wie sie die Holzschläger am Mississippi gewöhnlich aufrichten, um die geschlagenen Klaftern an die vorbeifahrenden Dampfschiffe zu verkaufen. Sie waren aber nur selten bewohnt und auch wirklich fast unbewohnbar geworden. Das in Arkansas stehende hatte nicht einmal mehr ein Dach und drohte dem nächsten Sturmwind nachzugeben, der es unfehlbar in den Strom hinabstürzen mußte.

Etwas besser erhalten zeigte sich die Wohnung auf der Mississippi-Seite, jedoch glich sie ebenfalls viel eher einem Stall, als einem menschlichen Aufenthalt. Zahlreiche Pferdespuren gaben auch Zeugniß, daß sie hierzu oft genug benutzt gewesen, und mehrere, nicht gerade schwach begangene Pfade [82] führten östlich auf einen Sumpf zu, in dessen schwammigem, fast zehn Monate im Jahre unter Wasser stehendem Boden sie sich verloren.

Wer nun, trotz all' den getroffenen Vorsichtsmaßregeln, zufällig an der Insel gelandet und nicht gleich auf den einzigen gangbaren Pfad gekommen wäre, der hätte seine Bahn mehrere hundert Schritt weit durch den fürchterlichsten Schilfbruch hin suchen müssen, der nur je eine Insel oder ein Festland bedeckte. Dazwischen lagen dann nicht gefällte, sondern mit der Wurzel dem Boden entrissene Stämme so wild und toll durcheinander, daß Niemand auch nur hoffen konnte, dieses Pflanzengewirr zu durchdringen, der sich nicht mit Messer und Axt erst Bahn hieb in das Herz der Waldung. Da aber durch solch' entsetzliche Arbeit nicht der mindeste Vortheil zu hoffen war, so fiel es sehr natürlich auch gar Niemandem ein, Zeit und Mühe an solch' nutzlose Arbeit zu verschwenden. Wer wirklich einmal aus Neugierde oder Langeweile begonnen hätte, einen solchen Weg anzutreten, wäre gar bald bei einem Geschäft ermüdet, das ihm weiter nichts zu versprechen schien, als zerrissene Kleider und Blasen in den Händen.

Dennoch lag hier – so tief versteckt und schlau angelegt, daß sie selbst den scharfen Augen der Jäger entging – eine ganze Ansiedelung verborgen, die aus neun kleinen Blockhütten, einem ziemlich geräumigen Waarenhause und fünf dicht an einander gebauten und verbundenen Pferdeställen bestand. Das Ganze bildete eine Art Hofraum und war, nach Art der indianischen Forts, so gebaut, daß es gegen einen plötzlichen Angriff selbst einer Uebermacht recht wohl vertheidigt werden konnte. Das Waarenhaus und eine der kleinen Blockhütten dicht daran standen in der Mitte, und rings herum bildeten auf der Ostseite, nach dem Mississippi-Staat zu, die Ställe eine feste, undurchdringliche, aber wohl mit Schießscharten versehene Wand, während auf der westlichen, minder bedrohten Seite nur hohe und doppelte Fenzen die einzeln stehenden Gebäude mit einander verbanden. Als besondern Schutz betrachteten aber die Insulaner eine lange [83] messingene Drehbasse, die oben auf dem platten Dache des Waarenhauses angebracht war, und mit der sie, als letztes Rettungsmittel, Tod und Verderben auf ihre etwaigen Angreifer hinabschleudern konnten.

Der Raum vor dem Waarenhause und der kleinen Blockhütte, in welchem der Capitain mit seiner Frau wohnte, war frei und jetzt, in der Sommerzeit, mit großen, buntgestreiften Sonnenzelten bespannt. In den übrigen Häusern aber wohnten (das obere breit und geräumig gebaute ausgenommen, das zu einer gemeinschaftlichen Junggesellenwirthschaft bestimmt blieb) die »verheiratheten Glieder der Gesellschaft«. Dieses »Junggesellenhaus« oder »Bachelors hall«, wie es gewöhnlich genannt wurde, diente denn auch zum gemeinsamen Versammlungsort. Nur bei geheimen Berathungen kamen die Führer der Schaar in einem kleinen, zu diesem Zweck eingerichteten Kämmerchen des Waarenhauses zusammen, um dann erst die gefaßten Beschlüsse später in Bachelors Hall zur Abstimmung zu bringen.

Der Capitain übte jedoch eine eigene, fast unbegreifliche Gewalt über diese wilden, gesetzlosen Menschen aus, die sonst nichts auf Erden anerkannten, als ihre eigenen Gesetze. Er hatte freilich auch gewußt, sich auf die einzig mögliche Art Achtung zu verschaffen, und zwar durch das Uebergewicht seines Geistes sowohl, wie durch mehrfach bewiesenen persönlichen Muth, der wirklich an Tollkühnheit grenzte. Sie fürchteten ihn deshalb fast so sehr, wie sie ihn ehrten, und Capitain Kelly war ein Name, der nie in Scherz oder Spott genannt werden durfte.

Nur zwei begangene Wege führten zu diesem durch ein scheinbar natürliches Bollwerk beschützten Zufluchtsorte von Verbrechern. Der eine lief vom Ufer aus, und zwar dicht unter den schon erwähnten künstlichen Snags, zuerst gerade der Mitte der Insel zu, und zog sich dann, ziemlich betreten, ein klein wenig links ab. – Der war aber nur dazu bestimmt, um selbst dann noch den Eindringling irre zu führen, wenn er den Pfad selbst entdeckt hätte, denn er brachte ihn in einen kleinen Sumpf, in dem er, wenn er sich nicht zeitig [84] wieder zurückzog, unfehlbar versinken mußte. Der wirkliche Weg dagegen lief, durch darüber geworfene Aeste verdeckt, fast in einem rechten Winkel rechts ab und traf das »Fort« gerade unter dem fünften Stall. Eine andere, rein gehaltene und ordentlich ausgehauene Straße lief von der Südostseite des Forts, an der rechten oder Ostseite des Sumpfes hin und gerade der Südspitze der Insel zu, wo er zu den hier sorgfältig versteckten und für den letzten Nothfall aufbewahrten Booten führte. Doch war von hier aus kein Angriff auf das Fort zu fürchten, da ein einziger, richtig gefällter Baum jede Bahn vernichtet hätte. Eine Verteidigung des Forts konnte überhaupt nur als verzweifeltes Mittel betrachtet werden, um so viel Zeit zu gewinnen, die Boote zu erreichen. Der Haupt- und alleinige Schutz der Gesellschaft blieb das Geheimniß, in das ihre ganze Existenz gehüllt war, und das zu bewahren mußte auch vor allem Uebrigen ihr wichtigstes Streben sein.

Fürchterliche Eide verbanden die Genossen, und so weit verzweigt und so innig mit einander verkettet waren die einzelnen Glieder, daß Der, der den Bund wirklich hätte verrathen wollen, nie wußte, ob der, dem er vertraute – und wenn er Richter oder Rechtsgelehrter war – nicht selbst mit zur Verbrüderung gehörte und ihn – den Verräther – seiner Strafe überantwortet hätte.

Dabei bot die Insel stets dem von den Gerichten Verfolgten einen sichern Zufluchtsort, und einmal dort, blieb jedes Nachforschen der Constabler vergebens. – Es hieß dann gewöhnlich, der Flüchtling seinach Texas entkommen, während er noch sicher und ruhig auf der Insel saß. Aber auch ein Preis war kluger Weise von dem Oberhaupt dieser Schaar Dem bewilligt worden, der den Verrath eines Mitgliedes hinderte und den Thäter erschlug. Ein solcher bekam tausend Dollar in baarem Silber ausgezahlt, und eine so bedeutende Prämie blieb an und für sich schon lockend genug, die Aufmerksamkeit der im Lande Vertheilten rege zu erhalten, hätte es nicht fast noch mehr die eigene Sicherheit gethan.

[85] Der erste Sonnabend jedes Monats war zum Versammlungstag bestimmt, und Capitain Kelly führte dabei den Vorsitz. Mit dem festen Lande von Arkansas standen sie in sehr geringer, mit Mississippi dagegen in sehr starker Verbindung. Ein Posten, der, wie ein Matrose im Mastkorbe, in dem Wipfel des höchsten Baumes seinen Platz hatte, konnte von dort aus beide Ufer erkennen und wurde deshalb dort gehalten, etwaige Signale zu beobachten oder bedrängten Kameraden, die wohl das Ufer, aber nicht die Insel erreichen konnten, zu Hülfe zu eilen. Zu diesem Zwecke lag auch ein vierrudriges Boot gleich über der Sandbank und an der Nordwestecke der Insel stets zum Auslaufen bereit. Der Pfad aber, der zu diesem führte, konnte nur von genau Eingeweihten gefunden werden, doch lag das Fahrzeug selbst hier ziemlich offen, da das seichte Wasser größere Boote stets eine bedeutende Strecke davon entfernt hielt und deshalb keine Entdeckung zu fürchten war.

Doch genug über die innere Einrichtung eines Ortes, den wir im Laufe der Erzählung überdies noch näher kennen lernen werden. Wir müssen jetzt auch die Bewohner dieser Verbrecher-Republik kennen lernen.

Fußnoten

1 Halt!

2 Die zahlreichen Inseln des Mississippi würden eine besondere Benennung jeder einzelnen sehr erschweren und den Bootsmann verwirren, sie sind deshalb von den Quellen dieses gewaltigen Stromes an bis zur Mündung des Ohio, und von da an wieder bis nach New-Orleans numerirt, und nur wenige haben noch, wenn sie sich durch irgend etwas ausgezeichnet oder kenntlich gemacht hatten, besondere Namen erhalten. Von der Mündung des Ohio bis New-Orleans (etwa tausend englische Meilen) zählt der Mississippi hundertfünfundzwanzig Inseln.

3 Snags und Sawyers werden in den Flüssen die im Grunde festgeschwemmten Baumstämme genannt, die noch über die Oberfläche des Wassers hervorragen, oder, was noch gefährlicher für die Flußleute ist, dicht darunter liegen und ihr Dasein oft nicht einmal durch eine deutliche Bewegung des Wassers kundgeben. Die Snags – von denen die größeren Aeste oder ganze Stämme Planter genannt werden, sitzen fest und unbeweglich, die Sawyers tauchen in schneller Strömung fortwährend auf und nieder.

6. Die Insulaner

6.

Die Insulaner.

In »Bachelors Hall« ging's gar munter und lebhaft zu. – Um ein großes Feuer gelagert, das in dem breitmächtigen Kamine loderte, streckten und dehnten sich etwa ein Dutzend kräftiger Gestalten, und die dampfenden Blechbecher, die sie [86] entweder in Händen hielten oder neben sich stehen hatten, kündeten deutlich genug, wie sie den verflossenen Theil der Nacht verbracht. Ihre Tracht war die gewöhnliche der Bootsleute am Mississippi, und Waffen trugen sie keine – wenigstens keine sichtbar. An den Wänden aber hingen neben den langen amerikanischen Büchsen kurze deutsche Stutzen, französische Schrotgewehre, Pistolen, Bowiemesser, spanische Dolche, Harpunen, Beile und Aexte in Ueberfluß, und aufgeschlungene Hängematten bewiesen, wie die Insassen dieser modernen Räuberburg sogar einen Theil des früheren Schiffslebens hier fortsetzten und, wenn auch auf festem Lande, dennoch den alten Gewohnheiten nicht ganz entsagen wollten.

Rohe Zech- und Liebeslieder tönten, doch immer nur mit halblauter Stimme, von den Lippen der Meisten, und während Einige sich noch außerdem damit beschäftigten, große Stücke Hirsch- und Truthahnfleisch an der Kamingluth zu schmoren, waren Andere emsig bemüht, mit Hacken und Zehen den Tact zu den reißend schnellen Tänzen zu schlagen, die ein breitschulteriger Neger mit ziemlich geübter Hand einer kreischenden, doch gedämpften Violine entlockte.

Da öffnete sich die Thür und den breiträndigen schwarzen Filzhut tief in die Augen gedrückt, den schlanken Körper mit einer langen Lootsenjacke und weiten Matrosenhosen bekleidet, trat eine hohe kräftige Gestalt in den Raum und überflog mit prüfendem Blick die Versammelten.

Es war Richard Kelly, der Capitain der Schaar, und so wild und trotzig diese dem Gesetz verfehmten Männer auch wohl sonst dreinschauen mochten, so hörten sie doch, in einem gewissen Grade von Ehrerbietung, vielleicht Furcht oder wenigstens Scheu, augenblicklich zu tanzen auf, als sie den Führer erkannten, und murrten auch nicht, da er nur mit leichtem Kopfnicken ihren laut gerufenen Gruß erwiderte. Schweigend beobachteten sie ihn, wie er zum Kamin ging und dort erst einige Minuten lang in die knisternde Gluth schaute, dann aber, die Hände auf den Rücken gelegt, mit schnellen Schritten auf- und abwanderte.

»Ist das Boot von Helena noch nicht zurück?« wandte [87] er sich endlich an Einen der Seinen, der gerade in der Thür erschien.

»Noch nicht, Sir,« erwiderte dieser, »aber ich glaube, ich habe die Ruder gehört, als ich eben an den Snags stand und nach ihnen ausschaute. Ich wollte nur fragen, ob vielleicht etwas nach Mississippi hinüber zu besorgen ist, ehe wir das Boot wieder unten in Sicherheit bringen.«

»Das Boot mag gleich über den Snags, unter dem Platanenwinkel liegen bleiben,« sagte Kelly und warf sich auf einen für ihn zum Kamin gerückten Stuhl – »die Pferde müssen noch heute Nacht von Arkansas kommen, denn Jones hat es uns fest versprochen, und nachher dürfen wir sie keinen Augenblick hier behalten. Drei von Euch sollen sie sofort nach Vicksburg schaffen. Das Uebrige werdet Ihr dort vom Constabler Brooks erfahren.«

»'s ist doch putzig,« lachte der Eine der Männer, »wie wir die wohllöblichen Gerichtsbarkeiten an der Nase herumführen. Kaum eine Stadt giebt's hier, im ganzen Westen, wo nicht entweder Constabler oder Gefängnißwärter, Advocaten, oder selbst Postmeister und Friedensrichter unsere Verbündeten und Kameraden sind. Einen Mann in Mississippi oder Arkansas für ein begangenes Verbrechen in's Zuchthaus zu stecken, ist, wenn er zu uns gehört, gerade so gut, als ob man ihn begnadigte. Denkt Euch nur, Capitain, vor acht Tagen haben sie in Sinkville drüben den Tobi – den Einäugigen, sogar zum Staatsanwalt gemacht. Wenn ich nur einmal eine seiner Reden hören könnte!«

Des Capitains Züge überflog ein leichtes Lächeln, dann aber wandte er sich plötzlich an den Sprecher und sagte:

»Kommt, Blackfoot – ich habe etwas mit Euch zu bereden.« Und ohne Dieses Antwort zu erwarten, schritt er rasch voran, dem freien, jetzt vom Mondlicht beschienenen Raume zu, der sich zwischen den Gebäuden und nur von wenigen niederen Bäumen beschattet ausdehnte.

»Ja, Blackfoot,« sagte Kelly und blieb hier, den ihm Folgenden erwartend, stehen – »unsere Geschäfte gehen gut, aber – wir sind noch nicht genug auf einen letzten Fall vorbereitet. [88] Zu Viele kennen unser Geheimniß, und wenn auch Verrath desselben schwierig und gefährlich sein mag, so ist er doch nicht unmöglich.«

»Ei zum Henker, was wollen sie uns denn eigentlich anhaben?« hohnlachte der Andere. – »Und wenn sie wirklich das ganze Nest entdeckt hätten, Den möchte ich sehen, der uns lebendig finge.«

»Ist das Alles, was uns bedroht?« frug der Führer – »und wäre das nicht etwa schon Verlust genug? – Ja ein unersetzlicher Verlust, wenn wir unseres Schlupfwinkels und mit ihm eines Zufluchtsortes beraubt würden, wie ihn die Vereinigten Staaten gar nicht wieder aufweisen können? Nein, Blackfoot, darauf dürfen wir nicht trotzen – ein solcher Fall träfe uns schlimmer als Gefangenschaft. Solcher könnte man sich allenfalls wieder entziehen; aber nie auf's Neue die Blicke der Nachbarn von dieser Insel ablenken, wenn sie einmal erst mit dem Innern derselben vertraut geworden. Doch wie dem auch sei, es ist unsere Pflicht, den schlimmsten Fall voraus zu bedenken und jede Vorkehrung zu treffen, die von uns getroffen werden kann.«

»Nun, haben wir nicht die Boote – nicht die weiter unten liegende kleine Insel? – Nicht die Hütte im Sumpfe drüben, wohin uns sogar Niemand folgenkann, wenn er nicht den ganz genauen und fast stets unter Wasser stehenden Pfad kennt?«

»Und dennoch genügt das Alles noch nicht,« sagte Kelly, nahm bei diesen Worten den großen breiträndigen Hut ab und fuhr sich mit den Fingern durch das lange, vom Nachtthau feuchte Haar.

Es war eine stattliche Gestalt, dieser Capitain der Flußpiraten; die dunkeln Locken umflatterten ihm wild die fein und hoch geformte Stirn; die großen schwarzen Augen, jetzt noch von einem kühnen Gedanken belebt, blitzten hell und feurig, und die Oberlippe warf er in Trotz und Hohn empor, während er fast mehr mit sich selbst redend, als zu dem Gefährten gewandt, nur halblaut vor sich hin murmelte:

»Sie sollen die trüben Augen vor Verwunderung aufreißen [89] – sie sollen starren und staunen, wenn sie uns einmal recht fest und sicher zu haben glauben und nun – hahaha – ich sehe schon die dummen, verblüfften Gesichter – wie sie am Ufer stehen und uns nachstarren, und dann alle nur möglichen und erdenklichen Schlußfolgerungen ziehen, wie es hätte werden können, wenn sie nicht ganz so albern und kurzsichtig wie jetzt, oder doch überhaupt nur ein klein wenig anders, das heißt gescheidter, gehandelt hätten.«

»Aber was habt Ihr für einen Plan, darf man ihn nicht wissen?« frug Blackfoot – eine grobknochige Gestalt und dem Führer treu ergeben. – »Ich kann mir gar nicht denken, was Euch auf einmal so merkwürdig im Kopfe herumgeht.«

»Was ich habe?« sagte Kelly nach kurzer Pause – »Ihr sollt es wissen – ich fange an für unsere Sicherheit besorgt zu werden.«

»Was? – Ist ein Verräther unter uns? – Habt Ihr Verdacht, Capitain – heraus damit – wer ist die Canaille?«

»Nicht doch – nicht doch,« sagte Kelly und blickte lächelnd auf das wilde und doch jetzt so ängstlich zu ihm aufgehobene Antlitz. – »Die Gefahr ist vorüber, aber so gut wie sie an einem Orte auftaucht, kann sie uns auch, unter gleichen Umständen, an einem andern bedrohen. Ihr wißt, daß Rowson in seiner Todesangst unser Geheimniß enthüllen wollte. – Ein Glück war es, daß theils die gänzliche Verdachtlosigkeit der Regulatoren, theils des Indianers Eile seinem Vorhaben entgegenarbeitete, aber – er hatte doch den Willen – es waren doch nur einzelne Umstände, die es verhinderten, daß er ihn auch ausführte. – Hätte er es gethan, unsere schöne Insel läge jetzt in Schutt und Asche, denn wenn wir selbst auch Zeit behalten haben würden, unser eigenes Leben in Sicherheit zu bringen, so wäre das auch das Einzige gewesen, was wir hätten retten können, und mit unseren Gütern sähen wir zugleich die Früchte dreijähriger harter Arbeit schwinden. Dem müssen wir begegnen; eine solche Gefahr darf uns nicht wieder bedrohen, ohne uns besser gerüstet zu finden.«

[90] »Aber wie? – Was können wir thun?« sagte Blackfoot sinnend.

»Viel – sehr viel – Alles, was in unseren Kräften steht. So dürfen wir von jetzt an das, was wir in New-Orleans für errungene Beute lösen, nicht mehr hier herauf schaffen. Wir sammeln am Ende nur für das Pack, was unser Nest ausstöbert. – Wir haben Verbündete in Houston in Texas – dorthin müssen wir alle erbeuteten Waaren senden. – Trifft uns dann hier Verrath, gut, so haben wir nicht allein einen Ort, wo uns der Lohn unserer Arbeiten erwartet, sondern auch ein Capital, mit dem wir wieder neu beginnen können – unternehmende Köpfe finden stets Arbeit. Aber selbst das genügt noch nicht – schneidet uns der Feind den südlichen Pfad nach den Booten ab, oder entdeckt er diese gar, so ist auch unser Leben bedroht, denn wenn wir uns wirklich im Fort kurze Zeit halten könnten, so müssen wir dennoch bald einer größeren Macht unterliegen.«

»Ja, aber – was läßt sich dagegen thun?« brummte Blackfoot. »Die Geschichte spielt überdies schon drei Jahre, und es ahnt doch noch keine Katze, weder in Arkansas noch Mississippi, welche Gesellschaft hier ihr freundliches Ruheplätzchen hat.«

»Daß es uns drei Jahre so ruhig hingegangen ist,« sagte der Führer ernst, »sollte uns gerade vorsichtig machen – wir haben die Beispiele an allen anderen solchen Unternehmungen erlebt. Außerdem hat unsere Gesellschaft im letzten Jahre eine Verbreitung erhalten, die es fast nicht mehr als Möglichkeit denken läßt, daß sie noch lange geheim bleiben kann. Unsere Agenten leben in allen Flußstädten der Vereinigten Staaten, und wie viele werden darunter sein, die, wie eben jener Rowson, im äußersten Fall auch zum äußersten Mittel greifen und die eigene Haut zuerst in Sicherheit bringen würden. Dem wollen wir vorbeugen. Noch giebt es eine Art, auf die wir uns jeder etwaigen Verfolgung entziehen, ja durch die wir einer jeden lachen können.«

»Und die wäre? –« fragte Blackfoot halb ungläubig, aber gespannt.

[91] »Ein Dampfboot,« flüsterte der Führer und beobachtete in den Zügen seines Vertrauten den Eindruck, den solch ein Vorschlag auf ihn machen würde.

»Ein Dampfboot?« wiederholte dieser, von der Kühnheit des Gedankens überrascht, »ha – das wäre nicht so übel – Pulver und Schwefel, da könnte man ja den Mississippi hinauf und direct in den Golf von Mexiko hinein brennen. Bei Gott, ein Dampfboot wollen wir haben, das ist ein capitaler Einfall – aber – sollen wir's kaufen? Oder – auf andere Art an uns bringen? Und wenn wir es haben, wie wird es möglich sein, es stets in unserer Nähe zu halten, was doch mit dem Zweck seiner Anschaffung unzertrennlich wäre? – Die Sache klingt vortrefflich, aber – wenn man sie länger überlegt, weiß ich doch nicht, wie sie in's Werk gesetzt werden kann.«

»Und dennoch ist es möglich,« sagte Kelly – »Blackfoot – Ihr müßt der Capitain des Dampfbootes werden, und wir machen ein Packetboot daraus, das zwischen Memphis und Napoleon 1 laufen mag. Das giebt uns zugleich Gelegenheit, die Leute in Thätigkeit zu erhalten und mit den Orten, wo die Unseren wohnen, in genauerer Verbindung zu bleiben. Dann bringt es schon unsere Paket-Linie mit sich, daß wir hier fortwährend in der Nähe sind, ja wir können sogar Tage und Wochen lang vor Anker liegen bleiben, und die vorbeifahrenden Boote werden glauben, wir hätten die Passage an der linken Seite der Insel versuchen wollen und wären auf den Sand gelaufen. – Die Bootsleute von Helena haben wohl ihr Fahrzeug gleich unter die Weiden geschafft?« unterbrach er sich plötzlich selbst.

»Ja – Bolivar ist mit hinunter – sie wollen die Fähre zurückbringen, um die Pferde zu transportiren.«

»Ich wollte, Peter würde ein wenig vorsichtiger,« – sagte [92] der Capitain düster. – »Er ist sonst brav und brauchbar, sollte aber doch bedenken, daß er durch seine Tollheiten sich selbst noch einmal um den Hals und uns Andere in kaum geringere Verlegenheit bringen könnte.«

»Er bedenkt nicht gern,« lachte Blackfoot, »denn Denkzeichen hat er doch wahrhaftig schon genug bekommen – der letzte Hieb durch's Gesicht war nicht von Stroh. – Aber um wieder auf unser Dampfboot zu kommen – wo kaufen wir das am besten, und wird es nicht überhaupt einen zu großen Riß in unsere Kasse machen?«

»In New-Orleans, oder noch besser in Cincinnati, glaub' ich – Geld ist genug da,« erwiderte der Capitain. – »Nach erhaltenen Briefen bringt auch Teufels Bill, wie Ihr ihn immer nennt, ein reich beladenes Boot aus dem Wabasch heraus, auf dem sich besonders viel baares Geld befindet, und von Pittsburg, Cincinnati, Louisville, Shawneetown, Paduca, St. Louis und Memphis sind heute Briefe an mich gekommen, die alle das baldige Eintreffen herrlicher Beute verkünden. Wir wollen jetzt den Wachposten Abends doppelt ausstellen, daß wir nicht einmal das Signal versäumen. Die Nächte sind kurz, und vor Tage müssen wir das erbeutete Boot stets am linken Ufer und unter den Weiden haben, sonst könnte doch einmal ein vorbeifahrender Flatbooter Verdacht schöpfen.«

»Und wer soll den Ankauf eines Dampfbootes besorgen?« frug Blackfoot. – »Wollt Ihr selbst stromauf gehen und es in einer der nordischen Städte erhandeln, oder soll das einem unserer Commissionäre überlassen bleiben?«

»Ich selbst würde gehen,« sagte Kelly sinnend, »wenn nicht gerade in diesem Augenblick wichtige Verhältnisse meine Afmerksamkeit zu sehr in Anspruch nähmen – ich werde wahrscheinlich eine kleine Reise in das Innere des Landes machen müssen. Ist von Simrow noch immer keine Antwort eingetroffen?«

»Nein – sonderbarer Weise läßt er kein Wort von sich hören. – In Georgia steckt er noch, so viel weiß ich, und das Zeichen, was er uns kürzlich zukommen ließ, lautet günstig, sonst aber kann Niemand Auskunft über ihn geben.«

[93] »In Georgia scheint er sehr thätig gewesen zu sein,« erwiderte Kelly. – »Seit der Zeit muß er aber wohl glauben, er habe für sich allein gearbeitet und unsere Hülfe nur so lange benutzt, als er sie brauchte. Aber dagegen giebt es Mittel – wartet einmal – unsern kleinen amerikanischen Advocaten Broom kennt er ja wohl noch gar nicht?«

»Nein – ich glaube nicht. – Er kam erst vier Wochen später, als Jener uns verließ.«

»Gut – der soll hinüber – er mag eins von den Pferden reiten und kann es dort verkaufen. Den Brief, den er mitnehmen wird, will ich Euch morgen früh einhändigen. – Halt, daß ich's nicht vergesse – in den Sumpf müßt Ihr, ehe die Pferde abgehen, einen Boten schicken. – Waterford dort hatte andere Arbeit und möchte sonst nicht daheim sein. Sind die Bretter an die Landung geschafft?«

»Wie Ihr es angabt – es liegt Alles bereit – aber, was ich Euch fragen wollte, wie ist es denn mit dem Verkauf des Grundstücks in Helena gegangen? Ist unser neugebackener Erbe acceptirt worden?«

»Vortrefflich,« lächelte Kelly – »wir können das Stück nächstens wiederholen – der Plan war herrlich – er hat viel Geld eingebracht.«

»Und schöpft man keinen Verdacht? Sind die Leute wirklich freundlich genug, zu glauben, daß Holk mit Mann und Maus versunken und seinen Tod unseren Sündenböcken, den Snags, zu danken habe?«

»Gewiß denken sie's« – sagte Kelly verächtlich – »das Volk drüben wollte ich glauben machen, der Himmel sei nur blau angestrichene Wachsleinwand, und die Erde ein Futteral, alte Gebeine aufzubewahren.«

»Hahaha« – lachte der Gauner – »ein göttlicher Spaß das. Es soll mich auch wundern, wie wir die drei letzten Boote in New-Orleans verkauft haben. – Wir hätten sie übrigens doch anmalen sollen, der Teufel könnte einmal sein Spiel haben.«

»Ja – es soll auch künftig geschehen,« sagte Kelly sinnend, »Farbe habe ich schon gestern herüberschaffen lassen. [94] Das nächste jedoch, was wir nehmen, mag, wenn die Ladung werthvoll genug ist, ebenfalls nach New-Orleans geschafft werden. – Hier ist die Adresse des Kaufmanns, der die Spedition der Güter besorgt.«

»Wer geht da von unseren Leuten mit?«

»Schickt, wen Ihr wollt, nur den Neger nicht, den können wir hier besser gebrauchen, und halt – noch Eins – in Helena ist gestern ein Mann angekommen, der nach Little Rock will, um das Land zu kaufen, was uns hier gerade gegenüber in Arkansas liegt. Er wird morgen früh von Helena aufbrechen und reitet einen Schimmel –«

»Ist er allein?«

»Nein – der Mailrider ist bei ihm und wird das Uebrige besorgen. Bis Strongs Postoffice müssen die Beiden aber zusammen reiten. – Der Fremde wird dort nicht übernachten, weil es ihm zu theuer ist – er will noch das drei Meilen von Strongs entfernte Haus erreichen. – Etwa zwei Meilen von Strongs auf der rechten Seite könnte er vielleicht ein Licht sehen – Ihr versteht mich.«

»Schon gut – ich glaube nicht, daß wir auf dem Lande drüben belästigt werden. – Was soll aber mit dem Mädchen geschehen, das die Burschen gestern eingebracht haben – es ist ganz wie von Sinnen. Ich glaube, das Ding ist verrückt geworden.«

»Die Pest – wer hieß Euch die Dirne an Land nehmen,« rief Kelly, unwillig dabei mit dem Fuße stampfend – »gab ich nicht dem Kentuckier ganz bestimmte Befehle, sie bei Seite zu schaffen? Der Bursche wird mir zu eigenwillig – ich fürchte –«

»Ich trau' ihm auch nicht recht!« flüsterte Blackfoot, »Bolivar hat mich neulich auf ein paar Sachen aufmerksam gemacht, die mir gar nicht recht gefallen –«

»Der Neger hat ein gutes Auge – er soll schärfer auf ihn Acht haben – sind die beiden entladenen Boote versenkt?«

»Ja – ich habe sie ein paar Meilen stromab ge schickt – es werden sonst zu viel hier in der Nähe.«

[95] »Recht so – gut wär's vielleicht, die Trümmer von einem oder zweien dicht an der kleinen Insel hier unten zu zeigen – das schreckt Andere vom Landen zurück.«

»Von dem Dampfboot sagen wir auf der Insel noch nichts?«

»Wir werden's nicht wohl verheimlichen können,« meinte Kelly nach kurzer Pause. – »Es muß gemeinschaftlich bezahlt werden, und da wollen wir uns auch gemeinschaftlich darüber berathen. Wo ist denn das eingebrachte Mädchen jetzt?«

»Es war in Nr. 2, hier gleich oben,« brummte Blackfoot, »aber – Mrs. Kelly – hatte Mitleiden mit dem armen Dinge und – nahm es zu sich.«

»Was? Georgine hat die Dirne in's Haus genommen?« zürnte der Capitain – »ei Höll' und Teufel – sie weiß doch, daß ich das nicht leiden kann. – Sie muß fort – sie muß augenblicklich fort, Blackfoot. Du wirst mir Bolivar herschicken – es sind überdies zu viel Frauen hier – giebt es Etwas, was mich um unsere Sicherheit beben macht, so ist es das. Unsere Gesetze bestimmen sogar, daß nur zwölf Weiber auf der Insel bleiben sollen, und diese Gefangene ist die achtzehnte.«

Der Capitain ging mit festverschlungenen Armen und zusammengebissenen Lippen schnellen Schrittes vor der Thür der Halle hin und her, aus der jetzt wieder die leisen Töne der Violine herausschallten. Seine Aufmerksamkeit ward aber bald den von Helena kommenden Bootsleuten zugewandt, die in diesem Augenblicke, Einer hinter dem Andern, den schmalen Pfad heran kamen und, in das geöffnete Thor gelassen, hier ihren Führer begrüßten. Dieser aber, ohne den Gruß mit Wort oder Blick zu erwidern, frug nur ernst und fast unwillig:

»Wo sind die Briefe?«

»Hier, Capitain,« sagte Peter oder der Narbige, unter welchem Namen er schon bei dem Leser eingeführt wurde – »den Brief hier gab mir der Postmeister noch zwei Minuten vorher, ehe wir abfuhren.«

Kelly nahm die Papiere an sich und schritt gegen seine eigene, dicht am Waarenhause liegende Wohnung zu; ehe er [96] diese aber erreichte, blieb er noch einmal stehen und sagte, zu Blackfoot gewandt:

»Den Neger schickt Ihr mir, und sollten von Arkansas die Pferde noch in dieser Nacht eintreffen, so laßt sie die Nacht ruhen. Morgen früh aber, sobald sie Kräfte genug haben, eine neue Reise anzutreten, müssen zwei von Euch in das Innere gen Osten aufbrechen. Ist Sander nicht mitgekommen?«

Ein junger schlanker Mann mit langen blonden Haaren und blauen Augen, der, wenn ihn nicht jetzt der schwerfällige, trunkene Blick entstellt hätte, für schön hätte gelten können, schwankte vor und sagte lallend:

»Capitain Kelly – j'ai l'honneur – ich – ich habe die – habe die Ehre –«

»Schon gut, Sander – leg' Dich hin und schlaf aus, ich brauche Dich morgen früh nothwendig – also gute Nacht.« – Und ohne weiter eine Erwiderung seiner Worte abzuwarten, schritt er zum Hause, in dessen Thür er verschwand.

Die übrigen Männer blieben noch eine Weile in dem innern Hofraume stehen, und Sander, der augenscheinlich an diesem Abend des Guten zu viel gethan, murmelte halblaut vor sich hin, während er die Hände tief in die Taschen schob und der »Bachelors Hall« zuschwankte:

»Verdammt kaltblütig das von Kelly – ich brauche Dich morgen früh nothwendig – so, Capitain? Wirklich?« Er wandte den Kopf und starrte mit seinem glanzlosen, halbtrunkenen Blick nach dem hellen Lichtschein hinüber, der durch jenes dicht verhangene Fenster fiel – »so, Sir? Brauchen mich morgen früh nothwendig – o ja wohl, Sir, soll wohl wieder einem armen unglücklichen Mädchen – unglücklichen Mädchen den Kopf verdrehen und das Herz brechen? Ah! Schöne Beschäftigung das! Außerordentliche schöne Beschäftigung, aber damn me – ich wünschte der Dame erst vorgestellt zu werden, Gentlemen. Es giebt Momente, Gentlemen –«

[97] »Kommt, Sander!« sagte Blackfoot und nahm ihn ohne weitere Umstände beim Arm – »wir sind Beide müde und wollen zu Bette gehen – Donnerwetter, Mann, bedenkt, daß Ihr sonst morgen verschlafene und trübe Augen habt, und bei den Damen leicht Verdacht erregen könntet, Ihr – hättet geschwärmt

»Ah – certainement, mom cher Blackfutt – certainement« – lallte der junge Stutzer – »en avant denn – zu Bett wir – wir Herzensbezwinger wir – Gott Amor soll leben, Blackfutt – Gott Amor soll leben und jedes schöne Gesicht – jede Engelsphysiognomie; aber – Du nimmst mir das nicht übel, Blackfoot, wie? – à bas mit allen solchen Teufelsfratzen, wie Ihr Zwei, Du und Peter, zwischen Euren beiden Ohren herumtragt – à bas sag' ich – möchte nicht aus solchem Angesicht herausgucken, und wenn die Haut Millionen zu verzehren hätte – möchte bei Gott nicht.«

»Schon gut,« knurrte Blackfoot, und ein boshaftes Lachen zuckte um seine Lippen – »es können nicht Alle solche – Liebchen sein wie Ihr. – Aber kommt – ich bin müde – wir wollen uns hinlegen – vielleicht giebt's morgen früh wieder Arbeit.« Und ohne weiter eine Antwort des immer noch mit sich selbst Redenden und Gesticulirenden abzuwarten, zog er dessen Arm fest in den seinigen und schritt der eigenen Schlafstelle zu. Er wollte den trunkenen Kameraden erst, durch seine eigene Gesellschaft beruhigt, eingeschlafen wissen, damit dieser nicht auf's Neue dem Becher zuspräche und für morgen ganz untauglich würde.

Fußnoten

1 Memphis, eine der Hauptstädte in Tennessee, an der Mündung des Wolfriver, hundertunddrei englische Meilen oberhalb Nr. »Einundsechzig« – Napoleon, ein kleines Städtchen an der Mündung des Arkansas, siebenundsechzig Meilen unter der Insel.

7. Georgine

[98] 7.

Georgine.

Ein kleines, wunderliches Gemach ist es, in das ich jetzt den Leser einzuführen wünsche.

Hätte ein Mann in diesem Raume nach langem unruhigen Fieberschlaf zuerst die Augen geöffnet und hier vor den erstaunten Blicken eine Menge von Sachen gesehen, wie sie ihm seine Träume nicht abenteuerlicher gebracht, er würde sich von eben solchem Traume noch fort geäfft, und alles das, was ihn umgab, für neues, noch tolleres Blendwerk als das frühere gehalten haben. Unter keiner Bedingung hätte er sich aber an der Stelle geglaubt, an der er sich wirklich befand: auf einer kleinen weidenumwachsenen Insel, mitten im Mississippi. – Und es war auch wirklich ein wunderlicher Platz.

Alle Zonen, alle Künste schienen sich hier vereinigt zu haben, einen Raum zu schmücken, den sie mit dem zehnten Theil der Sachen, die er enthielt, in ein Prachtzimmer verwandelt hätten, der aber so, durch Schmuck und Zierrath überladen, eher dem Waarenlager einer der größeren östlichen Städte, als dem stillen Aufenthaltsort häuslicher Zurückgezogenheit glich.

Drei Seiten des Zimmers waren von einer prachtvollen seidenen Tapete bedeckt, aber nur an wenigen Stellen ließen sich die glühenden Farben ihrer silber-und azurdurchwirkten Arabesken erkennen; mächtige Spiegel, prachtvolle Oelgemälde, Bronze- und Elfenbein-Figuren, schwere silberne Leuchter und kostbare Waffen bedeckten fast ihre ganze Fläche. Ebenso eigenthümlich, ebenso mit Zierrathen überladen zeigte sich die vierte, rechte Wand, die, nach alledem, was man von ihr sehen konnte, in dem Geschmacke einer Schiffskajüte hergerichtet sein mußte; die kleinen viereckigen, mit Messingplatten eingefaßten [99] Fenster, mit schmalen Mahagonistreifen dazwischen, verriethen wenigstens etwas Derartiges. – Allerlei indianische Kostbarkeiten, wie Waffenschmuck und Kleidungsstücke, verboten jedoch auch hier jedes weitere Forschen. Breitfaltige Tropengewächse streckten dabei ihre saftigen Kronen bis zur Decke hinan und überschatteten die Fenster, während das blasse Licht einer unter der reich verzierten Decke angebrachten Ampel seinen dämmernden Schein über den kleinen Raum warf.

Es war ein Reichthum der Ausstattung, der nicht wohlthat, eine Ueberladung von Schmuck und Pracht, die das Auge, das vergebens einen Ruhepunkt suchte, eher beleidigte als erfreute.

Mitten in all' dieser Herrlichkeit nun lag ein junges Weib in weißen, losen Gewändern, die vollen, schöngeformten Glieder auf den üppigen Divan gestreckt, der, in wirklich morgenländischer Pracht und mit weichen schwellenden Kissen bedeckt, von Wand zu Wand lief. Vor ihr aber, auf einem niedern Tabouret, kauerte eine andere Gestalt, die ihr Antlitz in den Händen barg und in tiefem entsetzlichen Schmerz fast aufgelöst schien.

»Er wird wiederkommen, Kind,« tröstete sie die Frau und legte die feingeformte weiße Hand leicht auf den Scheitel der Weinenden, »er wird wiederkommen, beruhige Dich nur, Du liebes, wunderliches Kind. – Sieh, vielleicht sucht er Dich, selbst in diesem Augenblicke, allenthalben, und das Echo giebt ihm leider vergebens Deinen lieben – ängstlich gerufenen Namen zurück.«

»Wiederkommen?« rief zitternd das junge Mädchen und hob das thränenvolle Angesicht zu der Beschützerin empor – »wiederkommen? Nie – nie – tief unten im Strome liegt er – von tückischer Kugel getroffen – ich sah ihn stürzen – ich hörte den Fall in's Wasser, und dann – dann vergingen mir die Sinne. – Großer, allmächtiger Gott – ich muß wahnsinnig sein, denn wäre dasdas Wahrheit, was mir nachher ein fürchterlicher Traum vorgespiegelt – mein armes Hirn hätte es ja nicht ertragen, mein Herz wäre[100] gebrochen in all' der Angst, in all' der Schmach und Schande.« – Sie barg das lockige Haupt in den weichen Kissen, und ihr ganzer Körper zitterte von innerer Pein und Aufregung.

Georgine richtete sich halb in Ungeduld von ihrem Lager empor.

»Komm,« sagte sie und hob leise den Kopf des schönen Kindes – »komm, Marie – erzähle mir Alles, was Dir begegnet, bis jetzt habe ich nur, und selbst dies erst nach vielem Fragen, Deinen Namen erfahren. – Seit ich Dich aus den Händen jenes rohen Gesellen befreite, hast Du fast nichts gethan als geweint. Ich interessire mich für Dich, willst Du aber, daß ich Dir weiter helfen soll, so sei auch aufrichtig. Wie kamst Du in – in ihre Gewalt?«

»So soll ich denn all' den noch frischen blutenden Schmerz erneuen? Soll die Wunde stacheln, die noch nicht zu brennen aufgehört?« sagte mit leiser, fast tonloser Stimme die Unglückliche – »doch es sei – Du schütztest mich vor der rohen Faust jenes Buben – Du sollst in wenigen Worten Alles hören, was mich betrifft.«

»Noch weiß ich nicht, wo ich bin,« flüsterte sie nach kurzer Pause, während ihre Blicke wirr und staunend ihre Umgebung überflogen – »noch ist es mir fast, als ob ein Zauber mich gefangen, ein fürchterlicher Traum mich umnachtet halte – doch ich fühle, wie ich lebe und wache – ich sehe das dämmernde Licht jener Lampe – ich kann den warmen Athem Deines Mundes an meiner Wange fühlen – ich bin er wacht – das Erwachen selbst nur war gräßlich. Sich aber auch im vollen Besitze jedes Glücks zu wissen, das uns diese Erde nur zu bieten vermag, und dann auf einmal – mit der Schnelle des vernichtenden Strahls – Alles, Alles zu verlieren – das thut weh – das frißt sich tief in's Herz hinein. Doch Du wirst ungeduldig, oh, Du kannst die kurze Zeit nicht erwarten, die ich gebrauche, Dir meine Leiden zu erzählen, und ich – ich soll sie ein ganzes Leben lang mit mir fortschleppen bis zum Grabe. – Aber Du hast Recht – ich bin nur ein thöricht unwissend Kind – klage nur übermein Elend und denke nicht daran, daß er [101]er, für den ich ja nur leben und lieben wollte, meinetwegen starb.«

»Es sind jetzt wohl sechs Monate, daß er zuerst meines Vaters Haus betrat – soll ich Dir sagen, wie wir uns kennen und lieben lernten? Nein – Du würdest mich nicht verstehen – Dein eigener Blick schaut so ernst und stolz auf mich nieder – Du würdest meiner vielleicht gar spotten. – Genug – wir liebten uns – er schloß sein ganzes treues Herz mir auf und hatte das meine gewonnen, ehe ich nur selbst es ahnte, daß er darum warb. Auch die Eltern achteten ihn – oh, er war so gut, so edel – so fromm – sie segneten unsere Verbindung – ich wurde sein Weib. Indessen hatte er meinem Vater von dem schönen und herrlichen Süden erzählt, von dem Plantagenleben in Louisiana – sie fuhren Beide hinab, das Land zu sehen und zu prüfen, und Eduard erstand am Atchafalaya die Pflanzung eines alten Creolen, der gesonnen war, den Abend seines Lebens in Philadelphia bei Kindern und Verwandten zuzubringen. Vor wenigen Wochen kehrten die Männer zurück – unsere Farm wurde verkauft, ja selbst unsere zahlreichen Heerden machte mein Vater zu baarem Gelde, und auf einem selbst erbauten Flatboot, wozu ihn Eduard eigentlich beredet, schifften wir all' unser übriges Eigenthum ein, mit der Strömung des Mississippi unserer neuen, schönen Heimath zuzuschwimmen. Mein Vater wollte einen Mann annehmen, der unser Boot den Fluß hinabsteuern sollte, Eduard bestand aber darauf, das selbst zu thun – er war, wie er sagte, mit jeder Sandbank, mit jedem Snag bekannt, und glücklich führte er uns auch den Wabasch und Ohio hinab und immer weiter den Mississippi nieder. Hier aber mochte ihn das tiefer und gefahrloser werdende Wasser zu unvorsichtig machen – vorgestern Abend, gerade über einer Insel – lief unser Fahrzeug auf den Sand, und hier – großer, allmächtiger Gott – ich würde wahnsinnig, wenn ich das Alles noch einmal überdenken sollte!«

»Und Eduard?« frug die Frau, während sie von ihrem Lager aufsprang und unruhig im Zimmer auf-und abschritt – »Dein Vater – Deine Mutter?«

[102] »Todt – Alle todt!« – seufzte die Unglückliche.

»Und Du?«

»Erbarmen – Erbarmen – dringe nicht weiter in mich – laß mir die Nacht, die meine Sinne noch umschlossen hält – laß mir jene tollen blutigen Schatten, die mir wild und fieberisch das Blut durchrasen und in ihren sinnverwirrenden Kreisen die Erinnerung ertödten – laß sie mir, und wären sie die Boten des Wahnsinns – lieber so – lieber todt – als zu denken, daß – hahaha – da vorn ist er wieder, der tückische Kopf, der meinem Eduard gleicht. – Da taucht er wieder empor aus der Fluth, und ich – ich strecke die Hände nach ihm aus, ich ergreife sein nasses Kleid –er soll mich retten – retten aus der Hand des Teufels, der mich umschlossen hält, und er – oh mein armes Hirn – wie es klopft und schlägt – wie es zuckt und brennt – ach! Daß Eduard fallen mußte und nun sein Weib nicht rächen, nicht schützen kann vor den eigenen entsetzlichen Gedanken und Bildern.«

Marie ließ matt die Arme sinken und neigte das Köpfchen auf die Brust herab, vor ihr aber stand das stolze schöne Weib, und eine Thräne, ein seltener Gast, drängte sich ihr in das große schwarze Auge.

»Du sollst bei mir bleiben, Marie –« flüsterte sie dem armen Kinde leise zu – »sie sollen Dich nicht fort von mir reißen, – er darf es nicht,« wiederholte sie dann leise und mir sich selber redend – »er darf mir die Bitte nicht versagen, und wenn er's thut, wenn er wirklich schon alles das vergessen haben sollte, was er mir in früheren Zeiten gelobt – gut – der Versuch sei wenigstens gemacht –«

»Ich will schlafen gehen,« sagte die Unglückliche und strich sich die feuchten Locken aus der Stirn – »ich will schlafen gehen – mein Kopf schmerzt mich – meine Pulse schlagen fieberhaft – ich bin wohl krank – gute Nacht, Georgine.«

Marie erhob sich und schritt der Thüre zu; Georgine aber, ob von plötzlichem Mitleid oder anderen Gefühlen bewegt, umfaßte das arme Wesen, das sich kaum aufrecht erhalten konnte, und führte es durch eine in die linke Wand geschnittene [103] und von einem prachtvollen Vorhang bedeckte Thür in ein kleines Gemach, das seiner Bauart nach schon in dem Waarenhause lag und nur durch eine dünne Brettwand von den großen, hier zeitweilig aufgestellten Gütern getrennt wurde. Kaum hatte sich dort die Arme auf ein Lager niedergelassen und mit weichen Decken gegen die kühle Nachtluft geschützt, als auch die Thür ihres Wohnzimmers sich öffnete und Kelly – den Hut in die hohe Stirn gedrückt – eintrat.

Georgine ließ den Vorhang sinken und stand im nächsten Augenblick vor dem Gatten.

»Wo ist die Fremde?« war das erste Wort, das er sprach, und seine Augen durchflogen schnell den kleinen Raum.

»Ist das der ganze Gruß, den Richard heut Abend seiner Georgine bringt?« frug diese halb scherzend, halb vorwurfsvoll – »suchen meines Richard Augen heute zum ersten Mal ein fremdes Wesen und fliehen den Blick der Gattin?«

»Nein, Georgine,« sagte Kelly, und die ernsten Züge milderten sich zu einem leichten Lächeln, »die Augen sind Deine Sclaven wie immer, die Frage galt nur der Fremden,« und er streckte der Geliebten die Hand entgegen und zog sie leise an seine Brust. – »Guten Abend, meine Georgine,« flüsterte er dann und drückte einen Kuß auf ihre Lippen – »aber – wo ist die fremde Frau – Du hast nicht recht gethan, sie bei Dir aufzunehmen.«

»Richard – laß mir das unglückliche Geschöpf –« bat Georgine und schlang den weißen Arm um seinen Nacken – »laß sie mir hier – Du weißt, die Mädchen, die auf der Insel Hausen, sind nicht für mich – es ist rohes, wüstes Volk und sie hassen mich, weil ich nicht ihre wilden Freuden theile. Mariens ganzes Wesen verräth dagegen einen höhern Grad von Bildung, als man ihn sonst bei solch' einfachem Farmerskind vermuthen sollte. Ich will sie bei mir behalten, vielleicht kann ich ihr in Etwas das wieder vergüten, was – Andere ihr genommen.«

»Liebes Kind,« erwiderte Kelly und warf sich nachlässig auf die Ottomane – »das sind Geschäftssachen, und Du kennst unsere Gesetze. So sehr ich das schöne Geschlecht ehre, [104] so sehr muß ich doch auch dagegen protestiren, daß es sich da betheiligt, wo es an Hals und Kragen gehen könnte.«

»Richard,« sagte das schöne Weib und preßte die kleinen Lippen fest zusammen – »Du thust mir nie etwas zu Liebe – ich mag Dich bitten, um was ich will – Du hast eine Ausrede – nicht einmal nach Helena willst Du mich führen.«

»Ich habe Dir schon gesagt, daß ich mich dort selbst nicht blicken lassen darf –« lächelte der Führer.

»Gut – so gestatte mir wenigstens die Gesellschaft eines einzigen menschlichen Wesens, das ich – ohne Abscheu ansehen darf.«

»Eine große Schmeichelei für mich.«

»Du bist unausstehlich heute.«

»Du bist ärgerlich, Georgine,« sagte der Capitain freundlicher als vorher, »aber sei vernünftig. Die Fremde kann nicht hier bleiben, wo ihr Sander gar nicht auszuweichen vermöchte.«

»Also er war jener Bube –«

»Ruhig – Du wirst vorsichtiger und milder in Deinen Ausdrücken werden, wenn Du erfährst, daß gerade er es ist, der die Ausführung unserer Pläne beschleunigt. – Das zuletzt eingebrachte Boot enthielt ein so bedeutendes Capital in baarem Geld – in Gold und Silber – daß ich jetzt entschlossen bin, Deinen bisherigen Bitten nachzugeben. Ich sehe ein, unsere Lage hier muß mit jedem Tage gefährlicher werden. Das Geheimniß ist kaum noch ein Geheimniß, und mir selbst scheint es räthselhaft, wie es so lange verborgen bleiben konnte. Wir wollen nach Houston und von da in das Innere von Mexiko – halte Dich also zu einem schnellen Aufbruche bereit.«

»Und die Insel?«

»Mag unter Anderer Leitung meinethalben fortbestehen.«

»Werden sie Dich aber Deines Führeramts entlassen?«

»Vielleicht gehen sie mit –« sagte der Capitain, augenscheinlich zerstreut – »doch – wie dem auch sei – die Dirne darf nicht hier bleiben – Verrath vor der Zeit könnte uns Alle verderben.«

[105] »Was wollt Ihr mit ihr thun?« frug Georgine besorgt.

»Bolivar soll sie – nach Natchez begleiten – bist Du das zufrieden?«

»Du mußt Deinen Willen durchsetzen –« murmelte die Frau, und zog ärgerlich die schönen, kühn geschnittenen Brauen zusammen – »früher war Deine Liebe anders – glühender. – Du kanntest kein Glück,das ausgenommen, das Du an meiner Seite fandest. – Ich fürchtete einen Wunsch auszusprechen, denn Du achtetest selbst nicht Todesgefahr, ihn zu er füllen – jetzt aber –«

»Georgine, sei vernünftig,« bat Kelly und zog sie, ihre Hand erfassend, leise zu sich nieder, »Du wirst doch begreifen, daß ich nicht unser Aller Sicherheit, unser Aller Leben einer einzigen halb wahnwitzigen Dirne wegen auf's Spiel setzen darf. Könnte ich immer hier sein, gern wollte ich dann Deinem Wunsche willfahren – ich würde selbst über unsere Sicherheit wachen, aber so –«

»Du willst wieder fort?«

»Ich muß – dringende Geschäfte rufen mich in früher Stunde morgen nach Montgomerys Point, vielleicht nach Vicksburg.«

Georgine legte ihre Hand auf seine Schulter und blickte ihm lange und forschend in das ihr ruhig, ja lächelnd begegnende Auge.

»Und weshalb willst Du immer fort von mir? Weshalb kannst Du jetzt nicht, wie früher? – Richard – Richard – wenn ich Dich falsch wüßte –«

»Aber, Kind – Du phantasirst wahrhaftig. – Die Wahnsinnige hat Dich angesteckt.«

»Wahnsinnige?« – flüsterte Georgine düster vor sich hin – »der Mann, der ihr Liebe log – Richard, wenn ich ahnen könnte, daß Du falsch wärest – Du, dem ich mein Leben – das Leben meiner Eltern geopfert habe – bei allen Geistern der Unterwelt, ich würde Dein Teufel. An Deine Fersen solltest Du mich gebannt sehen, und Rache – Rache, wie sie noch kein Weib genossen, müßte ein Verbrechen sühnen, für das die Erde keinen Namen hätte.«

[106] »Georgine,« flüsterte der starke Mann und legte seinen Arm liebkosend um ihre Hüfte – »Du bist ein thöricht – eifersüchtig Kind. Wem zu Liebe schaffe und arbeite ich denn jetzt? Wem zu Liebe habe ich denn mein Leben dem Gesetz verfehmt – wessen Liebe war die Ursache, daß ich – das erste Blut vergoß? Sieh, Deine Eifersucht verzeih' ich Dir – sie ist ein Zeichen eben dieser Liebe – aber Du bist auch ungerecht. Du darfst mich nicht nach den anderen Menschen beurtheilen, wie sie Dir täglich im Leben begegnen. – Du weißt, ich bin nicht wie sie – Du wärst mir sonst nicht gefolgt – aber Du mußt mir auch vertrauen. – Du mußt mir auch glauben, wenn ich Dir meine Gründe nenne.« daß

»Gut,« rief Georgine und sprang von dem Lager empor – »ich will Dir vertrauen, aber einmal laß mich erst wieder hinaus in die Welt – einmal laß mich mit den Menschen verkehren, mit denen Du verkehrst – dann will ich Dir folgen als Dein treues Weib, wohin Du immer nur begehrst – aber dasdas erfülle mir.«

»Und gerade das,« lächelte der Capitain, »ist Etwas, das mehr Schwierigkeiten hat, als Du Dir wohl träumen läßt.«

»So willst Du nicht?« rief Georgine schnell.

»Wer sagt Dir das?« frug Kelly und heftete seinen Blick fest und prüfend auf sie. – »Georgine,« fuhr er nach kurzer Pause leise fort – »Du bist mißtrauisch gegen mich geworden. – Es ist Jemand zwischen uns und unsere Liebe getreten.«

»Richard! –« rief Georgine.

»Und wenn es nur ein Schatten wäre,« fuhr der Capitain, ohne die Unterbrechung zu beachten, fort – »auch Du bist nicht mehr wie sonst – was sollte der Mestize neulich am Ufer? Ich begegnete ihm gerade, als er das Land betrat, und sandte ihn zurück – war er bestimmt, mich zu bewachen?«

»Und wenn er es wäre?« rief Georgine stolz und heftig.

»Ich dachte es,« lächelte der Capitain – »armes Kind – also traust Du wirklich Deinem Richard nicht mehr? Nun gut – der Gegenbeweis soll Dir werden. – Schicke den Knaben, wann Du willst, an's Land – er soll freien Ausund [107] Eingang haben, und mag Dir sagen, wie er mich dort gesehen; bist Du damit zufrieden?«

»Und die Fremde?«

»Sander begleitet mich,« sagte Kelly sinnend mit sich selber redend, »nun gut, sie mag bei Dir bleiben, bis Blackfoot zurückkehrt – dann aber widersetze Dich auch nicht länger einer Maßregel, die nur zu Deinem wie zu unser Aller Besten gegeben ward. Zürnt Georgine nun noch ihrem Richard?«

»Du böser – lieber Mann –« rief das schöne Weib und schlang ihren Arm um seinen Nacken – »werkann Dir zürnen, wenn Du so freundlich bist?«

»So komm denn, Geliebte,« flüsterte lächelnd der Capitain – »komm und laß jeden bösen, jeden unfreundlichen Gedanken in diesem Kusse schwinden. Wir haben von außen drohenden Gefahren zu begegnen, laß uns wenigstens hier innen in Frieden und Liebe leben und Kräfte sammeln zu dem letzten entscheidenden Schritt, zu Sicherheit und Ruhe!«


* * *


Vor der Wohnung des Capitains standen indessen, in ihre warmen Matrosenjacken gehüllt, Blackfoot und Bolivar, der Neger.

»Alle Wetter, Massa,« sagte der Letztere, während er sich der lästig werdenden Mosquitos zu erwehren suchte – »ich möchte wissen, ob Massa Kelly noch 'was besorgt haben will heut Abend oder nicht.«

»Hab' Geduld, Bursche,« brummte der alte Bootsmann und knöpfte sich fester in seine Ueberjacke ein – »wirst doch warten können, wo Unsereiner wartet. – Der Capitain geht dem Weibchen erst ein bischen um den Bart herum – mit Frauenzimmern wird man nicht so gleich fertig wie mit Männern. Aber – 's ist wahr – es dauert verdammt lange – wenn ich nur erst wüßte, was er eigentlich wollte, nachher könnte man sich seine Berechnung schon selbst ein bischen machen.«

[108] »Ja – ja,« lachte der Neger vor sich hin, »Capitain Kelly läßt Euch auch gerade wissen, was er will. – Das der Letzte zu so 'was – Bolivar kennt ihn besser – wenn er sagt, er geht stromauf – wette meinen Hals dann darauf, er ist hinunter, und wenn er sagtArkansas, so wäre Arkansas der letzte Platz, wo ihn Bolivar suchte.«

Blackfoot sah den Neger von der Seite an, schob die Hände in die Taschen und ging langsam auf und nieder.

»Bist Du schon einmal mit dem Capitain in Helena gewesen?« frug er nach kurzer Pause.

Bolivar zog den breiten Mund von einem Ohr bis zum andern und nickte.

»Und weißt Du,« sagte der Bootsmann, dem Neger einen Schritt näher tretend, »weißt Du, was –«

»Bst, Massa – for God's sake,« flüsterte der Schwarze und streckte ängstlich die Hand gegen den Redenden aus, während er selbst einen scheuen Seitenblick nach der Thür warf – »Bolivar will lieber, daß er mit gebundenen Händen vor dem Staatsanwalt stände und Massa Blackfoot als Zeugen gegen sich hätte, als hier von Sachen reden, die den Capitain betreffen. – Großer Golly, wie er neulich einmal den Spanier bezahlt hat – Ohren ab – Nase ab – Arme ab – und dann gut verbunden, aber sonst nackend in den Sumpf gestellt; – brrr, Bruckramann 1 ist doch viel grausamer wie Neger.«

Oben aus der Eiche, unter der sie standen, tönte ein schriller Pfiff, wie ihn der Nachtfalke ausstößt, wenn er seine Beute zu erfassen glaubte, und nun getäuscht wieder hinauf in sein luftiges Reich muß.

»Pest und Donner,« fluchte der Neger und fuhr schnell empor – »das fehlt uns auch noch – jetzt kommen bei Gott die verdammten Pferde von Arkansas – nun giebt's Nachtarbeit. Ei, so wollt' ich denn doch –«

»Der Capitain hat sie lange erwartet,« sagte Blackfoot – [109] »Arbeit haben wir auch weiter nicht damit, unsere Leute sind schon drüben seit Sonnenuntergang.«

»Schaffen wir sie denn gleich nach Mississippi hinüber?« frug Bolivar.

»Nein – das dürfen wir nicht riskiren. – So wie das Land jetzt mit den verdammten Regulatoren in Aufruhr ist, hieße das die Schufte da oben selbst mit der Nase auf unsere Fährten stoßen. – Nur die beiden Pferde, die wir notwendig drüben haben müssen, nehmen wir durch den Sumpf, daß die Spuren aus dem Lande heraus in die Stadt führen; das besorgt Mowes, der ist in Melville bekannt wie ein bunter Hund und erregt keinen Verdacht mehr. Die anderen führen wir zu Wasser nach Vicksburg.«

»Wenn ich nur wüßte, was mit dem fremden Frauenzimmer da drin geschehen soll,« brummte der Neger – »erst wird man hierher bestellt, und nachher ist's nichts.«

»Drinnen ist Alles dunkel geworden,« sagte Blackfoot – »vor morgen früh wirst Du auf keinen Fall gebraucht. Geh also bis dahin zu den Snags, und wenn wir die Thiere glücklich gelandet haben, wollen wir uns ein Stündchen hinlegen. Morgen wird's wahrscheinlich verdammt scharfe Arbeit setzen.«

Von dem rechten Ufer der Insel schallten jetzt regelmäßige, aber schnelle Ruderschläge herüber, und deutlich konnten die lauschenden Männer hören, wie das kommende Boot mit aller Macht gegen die dort ziemlich starke Strömung anarbeitete.

»Aha,« nickte Bolivar grinsend – »in dem Boote steuert wieder Mr. Klugrabe – will immer gescheidter sein, als andere Leute, und hält jedesmal von Anfang an zu viel über – denkt's immer zu erzwingen und muß sich nachher wieder von der Sandbank heraufleiern.«

»Sie müssen ziemlich oben an der Spitze sein,« meinte Blackfoot.

»Ja – aber mit welcher Arbeit – so viel weiß ich – doch wahrhaftig da kommen sie schon – Wetter noch einmal, müssen die in den Rudern gelegen haben!«

[110] Blackfoot hatte indessen die Thür von »Bachelors Hall« geöffnet und die darin jetzt überall auf Fellen und Decken gelagerten Zecher geweckt. Nur murrend und höchst unzufrieden mit der keineswegs gelegenen Störung gehorchten sie aber dem Rufe und taumelten von ihren harten Betten auf, um bei dem Landen der Pferde behülflich zu sein. Dies ging auch schneller von statten, als es der rauhe Boden und das ungewisse Mondlicht hätte erwarten lassen. Die Insulaner schienen aber mit solcher Arbeit vertraut, und nach kaum einer Stunde lag das breite Boot wieder wohlverwahrt und dicht versteckt neben den übrigen Kähnen, während die Pferde in den Ställen untergebracht und dort von einem jungen Mestizenknaben versorgt und mit Nahrung versehen wurden. Bolivar bereitete ihnen indessen die Streu von weichem Laube. Die armen Thiere aber, so hungrig sie auch wohl sein mochten, schienen zu erschöpft, um auch nur einen Blick auf das sonst so eifrig begehrte Futter zu werfen. – Todesmatt fielen sie, wo man sie hinstellte, nieder, und ihr ganzes Aussehen, ihr ganzes Benehmen verrieth klar und deutlich, wie sie eben eine Hetze mit durchgemacht, die sie kaum noch länger ausgehalten hätten.

»Hört einmal, Jones,« sagte Blackfoot, als er in die Stallthür trat und die erschöpften Thiere betrachtete – »ich glaube, Ihr habt die armen Dinger zu Tode gejagt, sie schwitzen ja wie die Braten, und der kalte Luftzug auf dem Mississippi wird ihnen wohl den Rest gegeben haben.«

»Ei, und wenn sie alle der Teufel geholt hätte,« brummte der also Angeredete – »besser die, als ich – Pest und Donner – das sind die letzten, die ich aus Arkansas herausgeschafft habe. Ueberhaupt geb' ich dem die Erlaubniß, mich bei den Ohren aufzuhängen, der mich noch einmal da drüben erwischt.«

»Sie sollen Euch drüben vor ein paar Wochen die Jacke tüchtig ausgeklopft haben,« lachte Blackfoot.

»Ja – und Der, der es gethan hat, liegt wohl nicht am Elevenpointsriver mit zerschmettertem Hirn?« zischte der kleine [111] Mann – »seine Pferde stehen wohl nicht jetzt hier auf der Insel im Stalle?«

»Alle Wetter, dieselben Pferde?« rief der Bootsmann verwundert, »da habt Ihr mehr Courage, als ich Euch zugetraut hätte – doch wer war denn hinter Euch?«

»Wer? Der ganze Staat schien auf den Beinen – ich gab mich auch schon verloren, ein wirkliches Wunder kann mich allein gerettet haben. Einmal sah ich meine Verfolger schon, doch glücklich erreichte ich hier den Sumpf, und dort mit allen Schlichen bekannt, gelang es mir, die Feinde irre zu führen. Wäre Euer Boot aber nicht schon drüben gewesen, ich hätte bei Gott die Thiere im Stiche gelassen und meine eigene Haut in Sicherheit gebracht – denen fall' ich nicht noch einmal unter die Hände – so viel weiß ich.«

»Schade, daß Rowson so schändlich abgefangen wurde,« sagte der Bootsmann – »das war ein trefflicher Kunde – Mordelement, ich weiß keinen Menschen in ganz Amerika, den ich lieber bei irgend einem pfiffigen Unternehmen gehabt hätte, wie den –«

»Geht mir mit dem Schuft,« brummte Jones – »wäre der Capitain nicht noch so zur rechten Zeit dazu gekommen, die Canaille hätte uns Alle miteinander verrathen – pfui Teufel – ich hatte immer geglaubt, Rowson sei ein Mann, und wie ein altes heulendes Weib hat er sich betragen. Das sollte mir einmal passiren – Pest noch einmal, die Zunge wollt' ich mir eher aus dem Halse reißen, ehe ich ein Wort gestände.«

»Kelly war unter einem fremden Namen oben, nicht wahr?«

»Wharton nannte er sich,« lachte Jones, »und Ihr hättet nur einmal sehen sollen, wie schlau er es anzudrehen wußte, daß der meineidige Pfaffe nicht zu Worte kam – mit dem Indianer war übrigens nicht zu spaßen. – Wer kommt denn dort?«

Die beiden Männer blickten sich rasch nach der von dem Pferdediebe bezeichneten Richtung um und sahen eine in dunkeln Mantel gehüllte Gestalt auf sich zukommen. – Es war der Capitain, der, ohne den Andern eines Wortes oder [112] Blickes zu würdigen, Blackfoot am Arm ergriff und eine kleine Strecke mit sich fortzog. Dort, als er sich vorher durch einen flüchtig umhergeworfenen Blick überzeugt hatte, daß er unbelauscht sei, flüsterte er leise:

»Georgine besteht darauf, den Mestizen an's Ufer zu senden – Bolivar soll ihn also, wenn sie es verlangt, hinüberrudern – er darf aber den festen Boden nicht wieder betreten – verstehst Du mich?«

»Der Mestize?« frug Blackfoot erstaunt.

Der Capitain nickte nur einfach und fuhr dann fort:

»Sander's Verhaltungsbefehle sind in diesem Briefe eingeschlossen – alles Uebrige ist Dir ebenfalls bekannt.«

»Bis wann schreibt denn Teufels Bill, daß er hier eintreffen kann?« frug der Bootsmann.

»Mit jedem Tage,« erwiderte Kelly – »seiner Rechnung nach hätte er eigentlich schon gestern Helena erreichen müssen – Ihr wißt doch noch sein Zeichen?«

»Ja – er fährt stets vor der Insel vorbei und schießt, wenn er gerade neben den Snags ist – das Boot läßt er unterhalb auflaufen.«

»Gut – ist mein Pferd gestern Abend hinübergeschafft und gefüttert?«

»Ei versteht sich,« versicherte der Alte – »das muß tüchtig ausgreifen können, es hat jetzt zwei Tage ruhig gestanden. Was soll aber mit dem Mädchen da drin geschehen?«

»Die – werde ich der Sorgfalt des Negers anvertrauen,« murmelte der Capitain – »ich will ihm morgen früh selbst die nöthigen Verhaltungsregeln geben; doch für jetzt gute Nacht, legt Euch auch ein wenig schlafen und – habt gute Acht auf den Burschen da –«

»Auf Jones?«

»Ja – er darf ohne Schwur die Insel nicht verlassen.«

»Der ist treu,« sagte Blackfoot.

»Gut für ihn,« murmelte der Capitain – und verschwand gleich darauf wieder in der Thür.

Fußnoten

1 Der Weiße.

8. Der Ritt der beiden Botschafter

[113] 8.

Der Ritt der beiden Botschafter.

Die Sonne stand schon anderthalb Stunden hoch, als zwei Männer, aus schönen kräftigen Pferden, durch jene fast unwegsame und großentheils unter Wasser stehende Niederung ritten, die den Mississippi an beiden Ufern viele Meilen breit einschließt. An einen Pfad war dabei gar nicht zu denken, nicht einmal ein Zeichen ließ sich an Busch oder Baum erkennen, daß hier die fleißige Hand der Menschen schon je thätig gewesen. Nur Rohr und Unterholz gedieh, so weit ihnen das der dichte Schatten der vollbelaubten Stämme erlaubte, nach besten Kräften, und der üppige Wuchs der Schlingpflanzen schien sich in dieser Umgebung besonders wohl und kräftig zu befinden. An wenigen Stellen waren die Strahlen der Sonne vermögend gewesen, durch das Gewirr von Laub und Aesten zu dringen, und wo ihnen das wirklich gelang, da spielte auch sicherlich ein dichter Schwarm schlankhüftiger Mosquitos in dem warmen, die feuchten Schwaden der Nachtluft vertreibenden Lichte. Heruntergebrochenes Holz starrte überall vom Boden auf, und an den wenigen Plätzen, die das Auge noch erkennen konnte, verstattete das dichte, hier nie von einem Wind verwehte Laub den einzelnen Grasspitzen kaum, sich Bahn zum Lichte zu brechen.

Die Reiter schienen aber an ihre öde Umgebung gewöhnt. Keinen Blick warfen sie weder rechts noch links auf die sie umschließende Wildniß, nur vor sich nieder sahen sie, vor die Hufe ihrer Pferde, um diesen, durch ihre höhere Stellung begünstigt, das Terrain überblicken zu helfen und die beste, das heißt die am wenigsten schlechte Bahn auszusuchen.

So sehr aber auch der Aelteste und Stärkste von ihnen in seine ganze Umgebung passen mochte, so sehr stach der Zweite, [114] Jüngere, dagegen ab. Ein mit den näheren Verhältnissen nicht Vertrauter hätte auch wahrlich staunen sollen, wenn er die zierliche, schlanke, fast stutzerhaft gekleidete Gestalt auf dem prächtigen und edeln Rosse an einem Ort gefunden, zu dem sich, wie jeder vernünftige Mensch glauben mußte, eigentlich nur ein Bärenjäger verirren konnte.

Er war schlank, ja fast schmächtig gebaut und ganz nach dem modernsten Schnitt der damaligen Pariser Mode in einen leichten hellbraunen Frack, weißseidene Weste, braunseidenen Shlips und großcarrirte Pantalons gekleidet. Den untern Theil der letzteren hatte er aber, um sie vor dem Bespritzen zu wahren, nach Art der Hinterwäldler mit einem breiten Stück grellrothen Flanells umwunden, der sie bis über das Knie hinauf beschützte und auch zugleich den Fuß vollkommen umhüllte. Den Kopf deckte ein feiner schwarzer Filz, und darunter vor quollen volle und üppige, seidenweiche blonde Locken. Mit den treublauen Augen hätte man ihn auch wirklich fast für ein schönes verkleidetes Mädchen halten können, wäre nicht der keimende Flaum der Oberlippe gewesen. Nie aber schlug noch in einer menschlichen Brust ein Herz, das eines Teufels würdiger gewesen, wie in dieser – nie im Leben trog Auge und Blick mehr, als bei diesem Buben, der sich, einer Schlange gleich, von seinem glatten Aeußeren begünstigt, nicht in die Häuser, nein in die Herzen Derer stahl, die er vernichten wollte, und über deren Elend er dann frohlockte.

Auf der Insel hatte er sich als Eduard Sander eingeführt und der Bande durch seine Verstellungskunst und teuflische Bosheit schon unendlichen Nutzen gebracht. Ueber sein früheres Leben wußte aber Niemand etwas Genaueres, und da der größte Theil der Gesellschaft, der er nun angehörte, eben so wenig Ursache hatte, mit vergangenen Vorfällen zu prahlen, frug ihn Niemand danach. Er gab sich nur kurz für den Sohn eines georgischen Pflanzers aus und stellte damit seine Umgebung vollkommen zufrieden.

Sein stets verschlossenes Wesen ließ ihn aber auch unter den Kameraden, wenn er ja einmal für kurze Zeit auf der Insel verweilte, ziemlich allein stehen. Er schloß sich an Keinen [115] an, und stand nur mit dem Capitain und dessen Frau in freundschaftlicher Verbindung, was sich freilich auch schon leicht durch den Grad der Bildung erklären ließ, den er selbst genoß, und durch den, auf dem die Gefährten seiner Verbrechen standen.

Der Einzige von allen diesen, mit dem er zu Zeiten plauderte und zu dem er sich hielt, war Blackfoot, sein jetziger Begleiter, der das Rauben gewissermaßen als Geschäft betrachtete und oft behauptete, es sei bei ihm so zur Leidenschaft geworden, wie beim Jäger das Bärenhetzen. Seinem Führer und Capitain dabei ergeben, war Blackfoot treu und offen, wenigstens gegen die Kameraden. Sander hatte er aber besonders deshalb lieb gewonnen, weil dieser eine eben solche Aufrichtigkeit gegen ihn heuchelte. In der That aber war er weit davon entfernt, ihn mit Sachen bekannt zu machen, die er nicht nothgedrungen wissen mußte.

Blackfoot ging in die Tracht der Hinterwäldler gekleidet. Er trug Büchse und Bowiemesser, und gab sich für einen Ansiedler aus, der sich erst kürzlich dicht am Ufer des Mississippi niedergelassen hätte und nun nicht übel Lust habe, einen Theil seines Vermögens in irgend einer vorteilhaften Speculation anzulegen. Beider Ziel war aber für jetzt Helena, wohin Sander seine besonderen, allerdings geheimen Instructionen hatte.

»Die Pest über solches Reiten,« brach endlich die ser das Schweigen, das sie bis dahin – zu sehr mit der Unebenheit des Bodens beschäftigt – beobachtet hatten – »Hals und Beine könnte man brechen, und das Schlammwasser schlägt Einem fast bei jedem Schritte über dem Kopfe zusammen. Daß mich auch der Henker diesen Weg führen mußte; ich werde schön aussehen, wenn wir nach Helena kommen. Wo zum Teufel mag denn nur die verdammte Straße liegen. Wir sind am Ende in all' diesem Gewirr schon drüber hin und ziehen nun gen Westen in irgend eine schöne, noch nicht entdeckte Gegend.«

»Habt keine Angst,« lachte der Pilot in diesem Waldmeer, »die Helenastraße muß wenigstens noch eine Meile weiter hin liegen. – Bedenkt doch nur, Mann, daß wir auf solcher Bahn haben Schritt für Schritt reiten und oft bedeutende Umwege [116] machen müssen, um nur den Seen und Dickichten auszuweichen, die wir unmöglich durchschneiden konnten. Tröstet Euch aber, der Boden wird jetzt ein wenig besser; wir haben das Schlimmste hinter uns und können nun doch zum Mindesten neben einander hintraben und ein vernünftiges Wort mitsammen plaudern.«

Sander schien von diesem einzigen Trost keineswegs sehr erbaut, denn er murmelte ein paar unverständliche und verdrießliche Worte in den Bart, machte aber endlich gute Miene zum bösen Spiel, preßte die Flanken seines Thieres ein wenig und sprengte an die Seite seines Kameraden, der ihn mit einem halb lächelnden, halb spöttischen Blick betrachtete.

»Ihr seht schön aus,« sagte er und sein Mund verzog sich zu einem breiten Grinsen – »wie eine Forelle oder eine ächte Cuba-Cigarre. – Es geschieht Euch aber recht, warum habt Ihr meinen Rath nicht befolgt und die Decke übergehängt.«

»Daß ich die Fasern nachher in einer Woche nicht wieder losgeworden wäre, nicht wahr?« – erwiderte mürrisch der Angeredete. – »Nein, da bürsten sich die trocken gewordenen Schmutzflecken besser wieder ab. – Aber hol' der Böse den Ritt – erzählt mir lieber das Genauere von dem Dampfboot. Wir wollen alsoin corpore eins kaufen?«

»Nun ja, ich habe es Euch ja schon einmal gesagt. Das ist der gescheidteste Gedanke, den Kelly je gehabt hat. Potz Seelöwen und Eisbären, was für einen verdammt guten Spaß das gäbe, wenn unsere Nachbarschaft einmal Wind von uns bekäme und nun plötzlich das ganze Nest mit Dampf abfahren sähe. Nicht mit Gold wäre der Witz zu bezahlen.«

»Nein,« murmelte sein Begleiter, »denn der Einsatz dagegen wären unsere Hälse. Das mit dem Dampfboot ließe sich aber auch noch ausdehnen. Unsere Geschützstücke nähmen wir natürlich mit unterwegs, ehe wir die mexikanische Küste erreichten, trieben wir ein wenig Seeräuberei. Jetzt im Sommer, wo im Golf fast stete Windstille ist, müßte die Sache herrlich gehen. Was wir an Schoonern und kleineren Fahrzeugen fänden, wäre unbedingt unser, ja wer weiß, ob wir nicht auch [117] eins der Vereinigten-Staaten-Dampfboote entern und eine famose Beute machen könnten. Erst müssen wir freilich das Dampfboot haben.«

»Nun, die Sache soll übermorgen, als am letzten Sonnabend im Juni, in öffentlicher Sitzung vorgetragen und beschlossen werden. Acht Tage später können wir dann ein Dampfboot an Ort und Stelle haben, und in zwei Tagen mehr sind wir im Stande, es ganz nach unserem Wunsche nicht allein einzurichten, sondern auch zu stationiren.«

»Es müßte natürlich nur von den Unseren bemannt werden.«

»Das versteht sich, und eben diese Wahl der zu den verschiedenen Posten zu Verwendenden muß ebenfalls zu gleicher Zeit stattfinden, sonst gäbe es nachher Mord und Todtschlag. Es würde Jeder Capitain, Keiner aber Feuermann und Deckhand sein wollen.«

»Der Capitain muß jetzt viel baares Geld liegen haben,« sagte Sander nachdenkend – »es sind in letzter Zeit gewaltige Posten eingegangen. Wie viel ist wohl in der Kasse?«

»Ich weiß es nicht,« erwiderte Blackfoot – »wahrscheinlich wird er doch am Sonnabend ebenfalls Rechnung ablegen. – Er hat aber wohl viel Geld nach Mexiko geschickt, wo er, wie mir gesagt ist, eine bedeutende Landstrecke für uns gekauft haben soll.«

»Hat ihm denn die Gesellschaft den Auftrag dazu gegeben?« frug Sander und wandte sich plötzlich nach seinem Begleiter um.

»Ich glaube kaum,« sagte dieser – »doch wozu auch? Wenn er es einmal für gut und nöthig hielt, so können wir Anderen auch damit zufrieden sein. Aufrichtig gesagt ist's mir, nach der letzten Geschichte am Fourche la fave und nach den keineswegs tröstlich lautenden Nachrichten, gar nicht mehr so heimlich am Mississippi, wie früher. Ich denke immer, es könnte uns einmal über kurz oder lang etwas Menschliches begegnen, und – das mag dem Capitain wohl auch so gehen; der Plan mit dem Dampfboot und dem angekauften Land ist deshalb auch ganz gut.«

»Ja,« sagte Sander, »gewiß – heißt das, wenn es von [118] dem Gelde angeschafft wird, was der Capitain in seiner Verwahrung hat – sonst nicht. – Sonst erschöpfen wir unsere Privatkassen bis auf den letzten Cent und sind dann immer wieder auf die Gesellschaft oder – den Capitain angewiesen, der uns schon überdies zu sehr unter dem Daumen hält. Nun meinetwegen, ich habe weder Kind noch Kegel, und mein Eigenthum ist auch ohne Dampfschiff transportabel; ich werde deshalb also auch keinen Deut dazu geben, Ihr Anderen könnt natürlich thun, was Euch gefällt. – Was mich betrifft, so gehe ich meine Bahn.«

»Und worin besteht die diesmal?« frug Blackfoot, »Ihr habt mir noch gar nicht gesagt, was Ihr eigentlich in Helena wollt –«

»Was ich will?« sagte Sander und zog die Stirn in finstere, ärgerliche Falten – »fragt lieber, was ichsoll. – Ich wollte noch ein paar Tage auf der Insel bleiben, um mich nach den letzten gehabten Strapazen auszuruhen. Alle Wetter, es ist keine Kleinigkeit, ein Boot den Wabasch, Ohio und Mississippi herunter bis hierher zu steuern – und nachher die Scenen. Aber nein, ich darf nicht einmal ausschlafen heute Morgen, und muß Hals über Kopf einen Weg zurücklegen, auf dem mich – Gott soll mich strafen – kein Christenmensch zum zweiten Mal antreffen soll.«

»Aber Euer Zweck in Helena?«

»Ein hübsches junges Mädchen von zu Hause fortzulocken.«

»Ein hübsches junges Mädchen? Kelly wird doch unmöglich eines Liebesabenteuers wegen –«

»Schwerlich,« unterbrach ihn Sander – »der Preis wäre erstlich zu hoch, den er gesetzt hat, und dann stimmen dazu auch nicht die übrigen Umstände. – Eine zu erlangende Erbschaft wäre wahrscheinlicher.«

»Eine Erbschaft? Von woher?«

»Ja, da fragt Ihr mich zu viel, darüber hab' ich mir selber den Kopf schon zerbrochen. Apropos – in welchem Staate war der Capitain neulich, als er so lange fortblieb?«

»In Georgien. – Glaubt Ihr, daß das mit jener Erbschaft etwas zu thun hat?«

[119] »Warum nicht? Ist doch Simrow ebenfalls in Georgien, und Kelly steht mit dort in sehr lebhafter Correspondenz.«

»So? Davon hat er mir noch gar nichts gesagt,« meinte Blackfoot und starrte nachdenkend auf seinen Sattelknopf nieder. – »Kennt Ihr denn die Dame schon, bei der Ihr Euch in Helena einführen wollt?«

»Ja wohl – von Indiana her,« erwiderte Jener noch immer zerstreut.

»So? Eine alte Bekanntschaft also – nun da bedarf's keiner weiteren Empfehlungen; da ist schon halb gewonnen Spiel. Wie heißt sie denn?«

»Ich habe trotzdem noch eine Empfehlung an einen Verwandten von ihr, in dessen Haus sie lebt – an einen gewissen Mr. Dayton

»Mister Dayton ihr Verwandter?« rief Blackfoot in lautem Erstaunen, und griff so fest in den Zügel seines Rosses, daß dieses zurücksprang und hoch aufbäumte.

»Ja, der Brief ist für ihn,« sagte Sander, »die Dame aber ein junges Gänschen vom Lande, doch nicht ohne richtigen Mutterwitz. Sie kennt mich übrigens, und die Sache hat nicht die mindeste Schwierigkeit.«

»Was kann da nur die Absicht sein?«

»Ei zum Henker, was kümmert's mich. – Ich habe nur den Auftrag, sie wo möglich in Güte bis spätestens Sonnabend Abend an einen mir genau bezeichneten Ort zu schaffen, und das Weitere dann dem Capitain zu überlassen. Dafür bekomme ich tausend Dollar aus seiner Privatkasse. Aber was wollt denn Ihr oben in Helena – auch etwa kleine Privatgeschäfte, heh? Hört, Blackfoot, Ihr habt Euch heute so stattlich herausgeputzt – ich will doch nicht hoffen –«

»Hoffen? Was?« brummte der Alte- »Unsinn, alberner – Ihr habt weiter nichts als solche Possen im Kopfe. Und dennoch,« schmunzelte er nach kleiner Pause, »gilt mein Auftrag diesmal einer Lady.«

»Hab' ich's denn nicht gedacht?« jubelte Sander und bog sich lachend auf den Hals seines Pferdes nieder – »hab' ich's denn nicht gedacht – Blackfoot auf Damenbesuch – Blackfoot [120] als angenehmer galant homme in der Stadt – das ist göttlich – hahaha – das ist capital!«

»Nun ich sehe nicht ein, was dabei groß zu grinsen sein könnte, wenn es wirklich der Fall wäre,« brummte Blackfoot. »Uebrigens,« fuhr er selber lachend fort – »werdet Ihr Eure Saiten wohl ein wenig tiefer spannen, wenn Ihr erst einmal erfahrt, wer die Dame eigentlich ist, der ich, nach Eurer bescheidenen Ansicht, den Hof machen soll. – Sie heißt Louise Breidelford.«

»Gott sei uns gnädig,« schrie Sander entsetzt – »der Drache existirt auch noch in Helena? – Na dann gnade mir Gott, wenn mich die einmal gewahr wird. Eigentlich ist mir's fatal – sie hat mir einmal in Vicksburg einen Streich ausführen helfen, den ich in Helena gerade nicht während meines dortigen Aufenthalts an die große Glocke geschlagen haben möchte. – Ich war damals noch dazu unter einem falschen Namen in Vicksburg.«

»Habt deshalb keine Angst,« sagte Blackfoot – »die schweigt; denn wenn Jemand Ursache hätte, von der Vergangenheit zu schweigen, so wäre es gerade sie. – Sollte sie Euch aber dennoch jemals drohen – wer weiß denn, ob sie nicht dadurch gerade etwas von Euch zu erpressen hofft – so fragt sie nur ganz freundlich, ob sie noch einen kleinen Vorrath von den langen Nägeln hätte, die ihr Mr.Dawling vor einigen Jahren verschafft. – Hört Ihr – vergeßt den Namen Dawling nicht.«

Sander nahm seine Brieftafel heraus und schrieb sich das Wort auf.

»Dawling,« sagte er sinnend – »Dawling – wo habe ich den Namen schon einmal gehört? Was für eine Bewandtniß hat es denn mit den Nägeln?«

»Das kann Euch gleichgültig sein,« brummte Blackfoot. – »Ich gebe Euch die Arznei, fragt nicht, wo sie herkommt, und gebraucht sie, wenn Ihr ihrer bedürft. – Aber hier ist der Weg – so, nun können wir unsere Pferde einmal ordentlich ausgreifen lassen, wir kommen sonst zu spät nach Helena.« Aus diesem Grunde vielleicht, oder auch, um den weiteren Fragen[121] seines Begleiters zu entgehen, drückte er seinem Thier die Hacken in die Seiten und sprengte rasch auf der nach Helena führenden Straße hin, die diesen Ort zu Lande mit der Mündung des Whiteriver und dem darüber gelegenen Montgomerys Point verband. Sander folgte ihm. Während er aber seinem Thier den Zügel ließ, beschäftigte er sich eifrig dabei, mit einer kleinen Taschenkleiderbürste seinen Anzug von den heraufgespritzten Schmutzflecken zu reinigen, sein langes weiches Haar zu ordnen und die durch den bösen Ritt total zerstörte Frisur so weit wieder herzustellen, wie ihm das bei der schnellen Bewegung eines galoppirenden Pferdes und nur mit der Hülfe eines kleinen Hohlspiegels möglich war.

9. Alte Bekannte treffen sich

9.

Alte Bekannte treffen sich.

Mrs. Dayton hatte, ihr am vorigen Abend gegebenes Versprechen zu erfüllen, alle nöthigen Anstalten getroffen, ein paar Tage über Land bleiben zu können. Es war auch, als Mr. Dayton etwas spät am Morgen und ziemlich erschöpft von dem langen Ritt zurückkehrte, beschlossen worden, gleich nach Tisch aufzubrechen und Livelys zu besuchen, mit denen Mrs. Dayton schon in früherer Zeit in Indiana befreundet gewesen.

Die kleine Familie hatte noch nicht lange ihr einfaches Mittagsmahl beendet, und der erst vor einigen Stunden zurückgekehrte Squire eben zwei wiederum für ihn eingetroffene Briefe gelesen und in die Brusttasche geschoben, als Pferdegetrappel vor der Thür gehört wurde und Adele an's Fenster sprang, um zu sehen, wer es wäre, der vor ihrem [122] Hause anhielt. Kaum hatte sie aber den Blick hinabgeworfen, als sie auch überrascht ausrief:

»Mr. Hawes – bei Allem, was da lebendig auf der Erde herumläuft! – Nein, so etwas ist noch gar nicht dagewesen!«

»Und wer ist denn Mr. Hawes?« frug Squire Dayton lächelnd – »der ist wirklich noch nicht dagewesen. Da Du übrigens den Gentleman so gut zu kennen scheinst, so bist Du es auch vielleicht, derentwegen er uns hier aufsucht.«

»Das ist sehr leicht möglich,« sagte Adele unbefangen. – »Seine Frau war meine beste Freundin, Du mußt sie noch von früher her kennen, Hedwig – Marie Morris – des alten reichen Morris Tochter. Wissen möcht' ich aber, was ihn nach Arkansas bringt. Ich glaubte, er wäre schon lange in Louisiana auf seiner Plantage.«

»Nun, da kommt er selbst und wird Dir das Räthsel wohl lösen,« sagte Squire Dayton. Wirklich wurden auch im nächsten Augenblick die leichten schnellen Schritte auf der Treppe gehört, und gleich darauf trat nach kurzem Anklopfen und ohne fast das einladende »Herein« zu erwarten, derselbe junge Mann in die Stube, den wir schon heute Morgen, freilich unter einem andern Namen, in der Mississippi-Niederung gefunden haben.

»Miß Adele!« rief er und schritt schnell und die Hand ihr entgegenstreckend, auf die Dame zu – »es freut mich herzlich, Sie so wohl und munter zu finden. Wahrscheinlich habe ich die Ehre, Mister und Mistreß Dayton hier vor mir zu sehen?«

Squire Dayton und Frau verneigten sich, und der Erstere sagte freundlich:

»Unsere kleine Freundin hier hat Sie schon von draußen angemeldet – Mr. Hawes, wenn ich nicht irre – sie erkannte in Ihnen einen alten Bekannten –«

»Dann hätte ich ja kaum der kalten Einführung dieses Briefes bedurft,« sagte der Betrüger mit einer leisen Verneigung gegen die junge Dame. – »Von Mr. Porrel, jetzigem Staatsanwalt in Sinkville, der so gütig war, nebst [123] einem freundlichen Gruß Ihnen die Meldung zu machen, daß eine so unbedeutende Person wie ich überhaupt existire.«

»Ach, von Porrel – haben Sie ihn erst kürzlich verlassen?« frug der Squire und nahm den Brief an sich. – »Es ist manches Jahr vergangen, daß wir einander nicht gesehen haben.«

»Und doch spricht er noch mit vieler Liebe und Anhänglichkeit von Ihnen. Er ist vor wenigen Wochen Staatsanwalt geworden und steht sich jetzt ziemlich gut – bekleidet auf jeden Fall einen ganz einträglichen und höchst achtbaren Posten.«

»Aber wie geht es Mistreß Hawes, Sir? Was macht Marie und wo ist sie?« unterbrach ihn hier Adele. »Sie erwähnen ja kein Wort von ihr und ihren Eltern. Ich glaubte Sie auf Ihrer Plantage in Louisiana.«

»Könnte ich dann schon wieder hier sein?« frug Sander. »Nein – die Pflanzung in Louisiana haben wir nicht gekauft, denn in Memphis, wo wir glücklicher Weise einen Tag liegen blieben, kamen uns so böse und ungünstige Berichte über jene Gegend zu Ohren, daß wir lieber beschlossen, das geringe Draufgeld im Stiche zu lassen, als so bedeutende Capitalien an ein später fast werthloses Grundstück zu wenden. Da hörten wir von dem Verkauf einer Pflanzung bei Sinkville in Mississippi – landeten dort, fanden die Bedingungen mäßig, Land und Gebäude trefflich, und wurden noch in derselben Woche handelseinig.«

»Und bei Sinkville wohnt jetzt Marie?« rief Adele freudig. – »Oh wie herrlich! Das liegt ja kaum sechs Meilen von Helena entfernt – ach, da besuche ich sie in den nächsten Tagen.«

»Sie darum zu bitten, ist eigentlich der Zweck meines Hierseins,« erwiderte Sander – »nur machen Sie sich dann auf einen etwas längeren Aufenthalt gefaßt, denn so schnell läßt Sie Marie gewiß nicht wieder fort. Mir ist sogar der dringende Auftrag geworden, Sie – wenn das irgend möglich wäre – gleich mitzubringen. Drüben am andern Ufer steht mein Cabriolet, und ich habe das Pferd nur deshalb mit [124] herübergebracht, weil ich nicht genau wußte, ob Sie in oder bei Helena Ihren Wohnsitz hätten.«

»Ei, wie wird es dann mit dem Besuch bei Livelys werden?« sagte Mr. Dayton, »den wirst Du am Ende gar aufschieben müssen.«

Adele sah die Schwester an, und ein leichtes Erröthen färbte ihre Wangen.

»Nein, das geht unmöglich,« warf aber Mrs. Dayton ein. »Wir haben erst gestern Abend durch den jungen Lively unser Kommen auf heute bestimmt ansagen lassen; Mrs. Lively hat sich auch gewiß eine Menge von Umständen gemach und würde es nun mit Recht sehr übel nehmen, wenn wir unser Wort brächen. Wie wäre es aber, wenn uns Mr. Hawes dorthin begleitete? Geschieht das, so kann Adele ganz gut morgen früh und gleich von dort aus mit Ihnen aufbrechen, und Sie haben doch wenigstens den Weg nicht vergebens gemacht.«

»Sie machen mir durch diese Erlaubniß eine große Freude,« erwiderte Sander; »zwar riefen mich eigentlich in einem so neuen Besitzthum wohl leicht erklärliche Geschäfte schnell zurück, doch mag Vater einmal auf einen Tag länger meine Stelle versehen. Er ist jetzt, Gott sei Dank, recht kräftig und wohl, und da wird es ihm nicht gleich schaden. – Ueberdies habe ich seit langer Zeit gewünscht, Squire Dayton genauer kennen zu lernen, von dem ich schon so viel Gutes und Liebes in Sinkville gehört.«

»Um so mehr muß ich dann bedauern, das Vergnügen Ihrer Gesellschaft, wenigstens für heute, zu entbehren,« sagte der Richter verbindlich; »meine Geschäfte erlauben mir nicht, Helena auf mehrere Tage zu verlassen, ich hoffe Sie jedoch recht bald einmal und zwar dann für einen längeren Aufenthalt bei uns zu sehen. Aber da kommen die Pferde,« unterbrach er sich plötzlich – »nun, Mr. Hawes, jetzt werden Sie gleich das Amt eines Ritters und Beschützers übernehmen können, das sonst von dem weniger Romantischen einer Wache in der Person meines alten Cäsar hätte ersetzt werden müssen.«

»Ich bin stolz auf das Vertrauen, das Sie schon nach so kurzer Bekanntschaft in mich setzen, und werde suchen mich [125] dessen würdig zu zeigen,« sagte Sanders – »nur Eins macht mich besorgt – der Weg nach Livelys ist mir fremd – ich weiß nicht –«

»Den werde ich Ihnen zeigen,« rief Adele schnell und erröthete dann, als sie der Schwester Lächeln bemerkte, über den vielleicht zu großen Eifer, den sie hierbei verrathen.

»Einer so schönen Führerin würde ich folgen, und wenn ich wüßte, das Ziel wäre der Tod!« rief Mr. Hawes rasch.

»Ei, ei, Sir,« warnte der Richter, »das sind gefährliche Aeußerungen für einen jungen Ehemann – wenn das die Frau hörte –«

»Marie und ich wissen, wie das gemeint ist,« sagte Adele freundlich und unbefangen. »Mr. Hawes macht auch manchmal Verse, und den Poeten darf man schon ein wenig Uebertreibung gestatten. Doch die Pferde warten; also, Herr Ritter, ich werde Ihre Führerin sein.«

Mit diesen Worten und während Sander noch von Squire Dayton Abschied nahm, ergriff das schöne Mädchen den Arm der Schwester und zog sie lachend mit die Treppe hinab. Cäsar führte dort Mrs. Dayton's Pferde vor, Adele aber leukte, ehe Sander im Stande war, ihr die hülfreiche Hand zu bieten, das kleine muntere Pony an einen zu diesem Zweck dort hingewälzten Stamm und sprang leicht und sicher in den Sattel. Der vermeintliche Eduard Hawes konnte ihr nur noch den kleinen rothsaffianenen Pantoffel, der den Steigbügel bildete, unter die zierliche Fußspitze schieben. Dann schwang er sich ebenfalls auf den Rücken seines ungeduldig scharrenden Thieres, und fort im kurzen Galopp sprengte die kleine Cavalcade den schmalen Waldweg entlang, der, am Fuß der Hügel hin, der etwa sechs bis sieben englische Meilen entfernten Farm des alten Lively zuführte.

Zu derselben Zeit, als die beiden Damen und ihre Begleiter in den dichten Büschen der Waldung verschwanden, kam eines jener mächtigen Flatboote mit der Strömung den Mississippi herab und beabsichtigte allem Anschein nach, in Helena zu landen. – Außer den fünf Bootsleuten, die mit äußerster Anstrengung ihrer Kräfte die langen, schweren Finnen handhabten,[126] um das Fahrzeug dem Lande zuzuführen, standen noch zwei Männer neben dem Steuernden am Hinterruder, und zwar recht gute Bekannte von uns! der alte Edgeworth und sein Begleiter Tom Barnwell. Dicht bei ihnen aber saß der alte graue Schweißhund gar ernsthaft auf seinem Ende und betrachtete mit unverkennbarem Interesse das Ufer, das er, wie das kluge Thier recht gut merkte, jetzt bald wieder einmal nach langer Wasserfahrt betreten sollte.

Eine Person an Bord zeigte sich jedoch mit dieser Maßregel keineswegs zufrieden, und das war der Steuermann. Vorher schon hatte er eine Menge von Gründen gegen das Landen erschöpft, war aber doch zuletzt gezwungen zu gehorchen, und stand nun in mürrischem Schweigen an seinem Ruder. Endlich brach sich aber sein verhaltener Ingrimm noch einmal in Worten Bahn, und er sagte, einen bittern Fluch der Rede voranschickend:

»Ich will verdammt sein, wenn es nicht barer Unsinn ist, hier in dem Neste anzulaufen. – Arbeiten müssen wir wie das Vieh, um nur wieder aus der Gegenströmung heraus zu kommen, und nicht die Hälfte von dem bekommen wir hier, was sie uns in Vicksburg oder selbst in Montgomerys Point dafür bezahlen.«

»Ich möchte nur wissen, was Ihr fortwährend mit Eurem Montgomerys Point habt,« erwiderte ihm der alte Edgeworth – »das muß ein wahres Muster von Handelsplatz sein – ein Ideal aller Flatboote.«

»Wo liegt es denn eigentlich?« frug Tom – »ich bin doch auch früher am Mississippi gewesen, kenne aber den Ort gar nicht.«

»Es wird manchen Ort hier geben, den Ihr nicht kennt,« brummte der Lootse – »in einem Jahr verändert sich hier verdammt viel. – Seht einmal da drüben Helena – das waren nur ein paar Häuser, als ich zuerst an den Mississippi kam, und jetzt ist's eine ordentliche Stadt. Montgomery baute vor etwa vier Jahren die erste Hütte, und jetzt ist es der Schlüssel zum ganzen Westen, denn alle stromabkommenden Dampfboote gehen natürlich den näheren Weg, durch den [127] Whiteriver in den Arkansas, und passiren dort nie ohne anzulegen. Da leben auch Kaufleute, vor denen man Respect haben muß; uns hat einmal einer – ein Einziger – eine ganze Flatbootladung Mehl abgenommen, und das war noch nicht einmal der reichste.«

»Nun, meinetwegen,« sagte der alte Edgeworth; »wenn Ihr solch unmenschliches Vertrauen zu dem Neste habt, so wollen wir da anlegen, aber erst will ich sehen, wie der Markt hier steht. Ich habe nun einmal meinerseits Vertrauen nach Helena und sehe gar nicht ein, weshalb wir's nicht wenigstens versuchen sollten, unsere Ladung hier los zu werden. Also greift aus, meine Burschen, greift aus – in ein paar Minuten seid Ihr am Ufer, und dann mögt Ihr Euch heute einen vergnügten Abend machen.«

Die Männer legten sich denn auch mit dem besten Willen von der Welt gegen die schweren Finnen, gaben mit scharfem Nachdruck den letzten Stoß und liefen, während der Eine das an Bord befindliche Ende niederdrückte und rasch zurückzog, mit schnellen Schritten nach, um keinen Zoll breit Raum zu verlieren. So erreichten sie endlich die stillere, dicht vor der Stadt befindliche Stromfläche. Tom ergriff jetzt das lange Bugtau und trat vorn auf die oberste Spitze des Bootes, von dem er, als sie jetzt dicht an den übrigen dort befestigten Fahrzeugen vorbeitrieben, auf das ihm nächste sprang. Auf diesem lief er hin und an's Ufer und befestigte dort das Tau in einem der zu diesem Zweck angebrachten eisernen Ringe. Wenige Secunden später traf das breite, unbehülfliche Fahrzeug schwerfällig gegen die weiche Schlammbank an, und die schnell heraufgenommenen Ruder oder Finnen wurden an Bord gelegt.

Zwei der Flatbootleute blieben jetzt als Wachen zurück, und die Uebrigen, der alte Edgeworth und Tom mit dem grauen Schweißhund an der Spitze, schritten in die Stadt hinauf, um das Terrain zu erkunden, die Preise der nördlichen Produkte zu erfahren und überhaupt auszufinden, ob und in welcher Art sich hier ein Geschäft anknüpfen lasse.

Nur Bill, der Steuermann, ging nicht mit den Nebrigen, [128] sondern schlenderte erst, scheinbar zwecklos, am Ufer hin, bis er die Kameraden aus den Augen verloren hatte. Dann bog er rechts ab, schritt die zum Wasser führende Walnutstreet schnell hinauf und klopfte gleich darauf an ein niederes alleinstehendes Haus, in dessen oberem Fenster im nächsten Augenblick das liebenswürdige Antlitz der Mrs. Breidelford sichtbar wurde. Diese hatte aber kaum einen Blick auf die Straße geworfen und den Besuch erkannt, als sie auch schon wieder mit einem Schrei des Erstaunens, vielleicht der Freude, zurückfuhr, denn gleich darauf wurden ihre schnellen Schritte gehört, wie sie die Treppe in fast jugendlicher Eile herabsprang, den willkommenen Gast einzulassen.

»Nun, Bill – das ist prächtig, daß Ihr kommt,« waren die ersten Worte, mit denen sie ihn begrüßte, und die allerdings verriethen, daß sie schon früher auf einem, wenn auch nicht gerade vertrauten, doch sicherlich bekannten Fuße gestanden hatten; »seit drei Tagen guck' ich mir schon fast nach Euch die Augen aus dem Kopfe, und immer vergebens. Mein lieber seliger Mann hatte aber ganz Recht – Louise – sagte er immer – Louise –«

»Oh geht mit Eurem verdammten Geschwätz zum Teufel,« brummte der keineswegs so gesprächige Gast, ohne viel zu berücksichtigen, daß er sich mit einer Dame unterhielt; – »sagt lieber, wie es mit der Insel steht und ob ich irgend wen von den Unseren hier in Helena finden kann.«

»Nu – nu, Meister Brummbär,« rief die Wittwe beleidigt – »ich dächte doch, man hätte oben im Norden nicht alle Artigkeit verlieren sollen und könnte wenigstens ›guten Tag‹ sagen, wenn man zu anderen Leuten ins Haus käme. – Ich bin auch mein Lebenlang in der Welt herumgekommen und kein Gelbschnabel mehr, daß ich mich von jedem hergelaufenen Narren brauche anfahren zu lassen. Aber ich weiß schon – mein Seliger hatte Recht – Louise, sagte er, – Du bist –«

»Eine liebe, prächtige Frau,« unterbrach sie, ihr freundlich die Hand entgegenstreckend, Bill, denn er kannte Mrs. [129] Breidelford zu gut, um nicht zu wissen, daß er eben im Begriff gewesen sei, es auf immer mit ihr zu verderben. »Ich sollte doch denken, Ihr hättet Zeit genug gehabt, den rauhen Bill kennen zu lernen. Er gehört allerdings nicht zu den Feinsten, aber er meint's nicht so böse. Also, meine schöne Mrs. Breidelford, wie steht's hier im Territorium? Was macht der Capitain und die Bande, und könnte ich ein paar der Burschen hier in Helena finden – wenn ich ihre Hülfe brauchen sollte?«

»Zehn für einen, Bill,« rief da plötzlich eine Stimme vom obern Rande der Treppe – »zehn für einen – wie geht's, alter Junge? Bringst Du Beute? Nun die kommt uns gelegen, besonders wenn sie der Mühe werth ist.«

»Blackfoot – so wahr ich lebe,« jubelte der Steuermann der Schildkröte – und sprang fröhlich zur Treppe – »Du kommst wie gerufen und kannst mir helfen, einen alten Narren von Helena wegzubringen, der es sich nun einmal in den Kopf gesetzt zu haben scheint, hier zu verkaufen. Die Ladung ist nicht bedeutend, aber er führt wenigstens zehntausend Dollar in baarem Golde bei sich und geht, wenn er seinen Kram hier losschlägt, auf das erste beste Dampfboot und uns aus dem Netz.«

»Alle Wetter, das soll er bleiben lassen,« rief Blackfoot »aber kommt herauf, das besprechen wir oben besser.«

»Ja – ich weiß nicht, ob ich's wagen darf,« sagte lächelnd der Steuermann und blickte sich nach Mrs. Breidelford um – »unsere liebenswürdige Wirthin –«

»Ach geht zum Teufel mit Eurer Liebenswürdigkeit,« zürnte die noch immer nicht ganz zufrieden Gestellte – »hinterher könnt Ihr schöne Worte machen. – Doch geht hinauf; – Blackfoot weiß oben Hausgelegenheit, er mag Euch bedienen. Ich habe hier unten noch zu thun.«

»Nun sage mir nur vor allen Dingen, wie steht's mit der Insel,« rief Bill, als sie oben bei einer Flasche Rum und einem Körbchen voll braungebackener Cracker beisammen saßen – »noch Alles in Ordnung?«

»In bester – die Sachen stehen vortrefflich –« erwiderte [130] Blackfoot – »aber es ist gut, daß Du heute kamst. – Morgen Abend haben wir, wie Du weißt, unsere regelmäßige Versammlung und es sollen gar wichtige Dinge verhandelt werden. Kelly fürchtet, daß wir über kurz oder lang einmal verrathen werden, und will uns dagegen durch den Ankauf eines Dampfbootes gesichert wissen. Es kommen auch noch andere interessante Sachen vor; Du wirst übrigens noch eine Stunde wenigstens liegen bleiben müssen, sonst kommst Du zu früh an – es dunkelt jetzt gar spät.«

»Ich weiß wohl –« sagte ärgerlich der Steuermann – »fürchte aber, ich kriege den alten Starrkopf gar nicht mehr von hier fort. – Er glaubt wunder wie große Geschäfte hier zu machen.«

»Hm – wie war' es denn,« sagte Blackfoot sinnend – »wie wär' es denn da, wenn ich ihm den Bettel abkaufte?«

»Wer, Du? Na, weiter fehlte nichts mehr –« lachte Bill. »Jemanden, der kauft, brauchen wir gar nicht. – Ueberreden müssen wir ihn, daß er weiter unten einen besseren Markt für seine Waare treffen wird, das Uebrige findet sich von selbst.«

»Bill,« sagte Blackfoot und stieß sich mit der Spitze seines ausgestreckten rechten Zeigefingers sehr bedeutend gegen die eigene Stirn – »Bill, bist Du denn ganz vernagelt? Hältst Du mich denn für so dumm, daß ich einen Sassafras nicht mehr von einer Sarsaparilla unterscheiden kann? Wenn ich das Boot oder die Ladung kaufe, so versteht sich's doch von selbst, daß ich nicht hier wohne, und daß ich es nothwendiger Weise nach Montgomerys Point oder sonst wohin geschafft haben muß.«

»Bei Gott – ein capitaler Gedanke –« schrie Bill und schlug mit der Faust auf den Tisch, daß die Gläser gegen einander klirrten – »so soll's sein – Du spielst den Kaufmann, gehst mit uns an Bord, und ich renne uns dann zusammen ganz vergnügt unterhalb der Insel auf den Sand. Halt – da fällt mir aber etwas ein, einen Spaß wollen wir uns noch machen – Du sagst, Du wärst von Victoria – das giebt mir auch eine Entschuldigung, Nr. Einundsechzig [131] rechts liegen zu lassen, anstatt links, wie es im ›Navigator‹ steht – und dann kannst Du meinetwegen auf Montgomerys Point und den jetzigen Handel dort schimpfen. Das wird dem Alten gut thun, dann glaubt er, ich habe Unrecht gehabt, und geht desto eher in die Falle. Er hat überdies eine Art Aversion gegen mich, für die er jedoch keinen Grund weiß – es ist so eine Art Instinct, glaub' ich. – Nun, ich bin nicht böse darüber, er hat alle Ursache dazu und wird, ehe zweimal vierundzwanzig Stunden vergehen, noch mehr bekommen.«

»Was für Ursachen?« frug Blackfoot.

»Laß gut sein,« sagte Bill und leerte das vor ihm stehende Glas auf einen Zug. – »Das sind Dinge, von denen ein alter Praktikus nicht gerne spricht. Schweigen über eine Sache hat noch Keinem geschadet, Plaudern aber schon Manchem Unheil gebracht. Doch da kommt Mrs. Breidelford – nun, Frauchen, noch böse? Ich hatte gerade den Kopf voll, als ich in's Haus trat, Blackfoot hier hat aber Alles wieder in Ordnung gebracht.«

Mrs. Breidelford war keineswegs die Person, die lange mit Jemandem gegrollt hätte, der, wie sie wußte, ihr manchen Nutzen bringen sollte und auch schon manchen gebracht hatte. Sie hielt denn auch die ihr zur Versöhnung abverlangte Hand nicht zurück und sagte nur:

»'S ist schon gut, Bill, ich weiß ja, daß Ihr's nicht so böse meint, grob war's freilich immer. Aber was um Gottes willen habt Ihr Euch denn da für einen erschrecklichen Bart stehen lassen? Der sieht ja grausig aus – die Kinder müssen vor Euch davonlaufen. Nein, geht Bill, den müßt Ihr Euch wieder abrasiren, Ihr seid ohnedies nicht so hübsch, daß Ihr einen Stock zu tragen brauchtet, die Mädchen abzuwehren. Da fällt mir dabei ein, was mein seliger Mann immer sagte – Louise, sagte er, es giebt Gesichter in der Welt –«

»Aber, gute Mrs. Breidelford,« unterbrach sie hier, freundlich ihren Arm ergreifend, Blackfoot – »Sie wissen, um was ich Sie gebeten habe, und ich sitze nun vergebens eine volle Stunde hier und warte darauf. Ich muß wahrhaftig fort, denn erstlich wird Kelly sonst ingrimmig böse, und dann haben [132] wir Beide hier ein Geschäft mit einander abzumachen, das ebenfalls keinen Aufschub leidet, also – wenn es Ihnen irgend möglich wäre –«

»Hat der Mensch eine Eile,« sagte die Dame und fing an, nach Etwas zu suchen, das unter einer Unzahl geheimer Falten und Röcke entweder auf Nimmerwiederfinden versteckt oder verloren war. Mrs. Breidelford's Hirn mußte selbst eine solche Vermuthung kreuzen, denn sie fing plötzlich an, sich ganz schnell und ängstlich überall zu betasten, und ein erschrecktes – »Na, weiter fehlte mir nichts,« theilte ihre Lippen. Der fragliche Gegenstand, was es auch immer war, gab sich aber endlich ihrem Griffe kund – ihre Züge heiterten sich wieder auf, ein tiefer Seufzer – die dem Herzen entnommene Last – hob ihre Brust, und sie brachte, nachdem sie untergetaucht und einen der zahlreichen Röcke beseitigt hatte, eine alte braunlederne Tasche mit Stahlbeschlägen zum Vorschein. Diese öffnete sie mit einem kleinen daran hängenden Schlüssel und nahm eine Anzahl von Banknoten wie sorgfältig in Papier gewickelte Geldstücke heraus. »So – hier, Ihr Vampyr – der Ihr einer armen, allein stehenden Wittwe das Letzte abnehmt, was sie an baarem Gelde besitzt –« sagte sie dabei – »hier, Ihr unersättlicher Einkassirer, der so regelmäßig jeden Monat kommt, wie Vollmond und Neumond, undnoch brummt, daß er nicht genug hätte –«

»Ja, ja,« lachte Blackfoot – »Euch wär's schon recht, wir lieferten Euch blos die Waaren und bekümmerten uns weiter nicht darum, was Ihr dafür bekämet. Das glaub' ich; Ihr solltet Euch aber wahrhaftig nicht beklagen; denn wenn irgend Jemand Nutzen daran hat, so seid Ihr es, und sitzt noch dazu warm und sicher in Helena, während wir draußen in Nacht und Gefahr unser Leben verbringen –«

»Warm und sicher?« rief Mrs. Breidelford scharf – »Ihr schwatzt, wie Ihr's versteht. – Sicher; als ob nicht gestern Abend so ein schlechtes Geschöpf versucht hätte, hier, während ich nur in die Nachbarschaft gegangen war, ein paar Freunde zu besuchen, die mich eingeladen hatten, bei mir mit Nachschlüsseln einzubrechen.«

[133] »Was? bei Euch?« rief Blackfoot schnell – »sollte das nur um zu stehlen geschehen sein?«

»Nur um zu stehlen, Mr. Blackfoot? Ich dächte, da wäre für eine arme, allein stehende Wittwe gar kein nur weiter dabei. Nur um zu stehlen, jetzt bitte ich Einen um Gottes willen, was verlangt Ihr denn sonst noch von einem Diebe oder Einbrecher, Sir? – Aber mein lieber seliger Mann hat mir das schon immer gesagt – Louise, sagte er, Du hast zu viel Vertrauen – Du bist zu gut – Du wirst noch theure Erfahrungen in Deinem Leben machen, Du wirst noch viel betrogen, noch viel gekränkt werden – sagte er, das liebe Herz, was jetzt in seinem kalten Grabe liegt. Aber ich kenne das nichtsnutzige Weibsbild, das sich alle mögliche Mühe giebt, in fremder Leute Häuser hineinzukommen. – Ich kenne die Landstreicherin, von der Niemand weiß, wo sie herkommt und wo sie hingehört. – Wenn sie mir nur einmal unter die Augen kommt, wenn sie nur wieder einmal die Frechheit hat, mit ihrer unschuldigen Schafsmiene zu sagen: Guten Morgen, Mrs. Breidelford –« dann will ich ihr doch –

»Und wer ist es? – Wer glaubt Ihr denn, daß irgend eine Absicht dabei gehabt haben könnte, Euer Haus zu durchforschen?« frug Blackfoot.

»Laßt's nur gut sein –« zürnte die immer noch gereizte Dame, ohne den Fragenden einer weiteren Antwort zu würdigen – »ich weiß schon selbst, wo mich der Schuh drückt. Aber so viel ist gewiß, was ich in meiner Kiste habe, danach braucht Niemand zu fragen. – Ich bin eine ehrliche Frau und bezahle Alles, was ich kaufe, mit baarem Gelde; woher es die haben, von denen ich kaufe, das kann ich, als Lady, nicht wissen, das geht mich auch nichts an. – Louise – sagte mein Seliger immer – bekümmere Dich um Deine eigenen Angelegenheiten und nicht um die an derer Leute. Einer Frau ziemt es, häuslich und zurückgezogen zu sein; das ist es, was uns das zarte Geschlecht so lieb macht, sagte mein Seliger, und wenn Du die eine Schwäche nicht hättest – und die hab' ich, das weiß ich, und halte es deshalb auch, weil ich es weiß, für keinen so großen Fehler – so wollte ich Dich mancher Frau [134] als Muster aufstellen. Und ich denke, wenn das der eigene Ehemann zu einer Frau, und das noch dazu, wenn sie mit einander allein sind, sagt, so muß es wohl wahr sein und nicht blos geschmeichelt.«

Blackfoot hatte indessen, ohne den Redeschwall der Wittwe weiter einer Bemerkung werth zu halten, ruhig das ihm übergebene Geld gezählt und in seine weite Brieftasche gepackt, während Bill aufgestanden und an's Fenster getreten war, von dem er einen Theil des Flusses übersehen konnte.

»Hol's der Henker, Blackfoot,« rief er jetzt, »wir müssen an's Werk gehen, sonst vertrödeln wir hier die schöne zeit mit gar nichts. Wenn wir die Sache noch heut Abend abmachen wollen, so ist weiter kein Augenblick zu verlieren. Es wäre aber auch vielleicht kein großes Unglück weiter, wenn es morgen früh geschehen müßte. Zwischen der Insel und dem linken Ufer stört uns Niemand, noch dazu, wenn Ihr selbst mit an Bord geht. Dann haben wir keine lange Arbeit und können in die Sache rasch und geräuschlos genug abmachen. Ueberhaupt will mir das Schießen bei Nacht nicht sonderlich gefallen. Am Tage kümmert sich Niemand darum, Nachts frägt aber ein Jeder, der es hört – was war das? Wo kam das her? Also, wie wär's, wenn wir jetzt einmal zu dem alten Hosier hinuntergingen und ihm auf den Zahn fühlten? Es sollte mich schändlich ärgern, wenn er hier einen Käufer fände und uns die ganze schöne Beute so förmlich vor der Nase weggeschnappt würde.«

»Ich bin dabei,« sagte Blackfoot und stand auf – »bei unserem Plane bleibt's also, und Mrs. Breidelford – was unsere Verabredung betrifft, so führt das Boot, von dem ich vorher sagte, ein roth und grünes Fähnchen hinten auf dem Steuerruder – das Uebrige wissen Sie. Guten Morgen.«

Die würdige Dame schien allerdings keineswegs damit zufrieden, ihre Gäste zu verlieren, ohne vorher genau zu wissen, was sie eigentlich für Pläne hätten; die beiden Verbündeten bekümmerten sich aber nicht weiter um sie, verließen rasch das Haus und schritten dem Flußrand zu.

Indessen waren die Wabasch-Männer langsam in die Stadt [135] hinaufgeschlendert. Während aber die Bootsleute in einer der Groceries – in Helena ziemlich gleichbedeutend mit Schenkläden – eintraten, die durstigen Kehlen zu erfrischen, suchte Edgeworth sich nach den gegenwärtigen Preisen der Producte zu erkundigen und erfuhr bald, daß er hier eigentlich weniger Nutzen zu erwarten habe, als er vielleicht gehofft hatte. Die Kaufleute schienen auch nicht einmal zum Kaufen geneigt. Mit dem Innern standen sie, eine reitende Briefpost abgerechnet, in gar keiner Verbindung, und das, was sie an eigenen Bedürfnissen in der Stadt brauchten, lieferte ihnen zu den billigsten Preisen Mrs. Breidelford. An diese wurde er denn auch, wenn er seine Waaren hier abzusetzen gedenke, gewiesen.

»Höre, Tom,« sagte jetzt der Alte, als sie ziemlich im Reinen über den Stand der Dinge hier zum Boot zurückschritten – »ich habe mir doch Helena anders gedacht, wie es wirklich ist, wir werden hier nichts ausrichten können. Dem Burschen, dem Bill, trau' ich aber auch nicht recht. Weiß der liebe Gott, was ich gegen den Menschen habe, aber ich kann ihn nicht ansehen, ohne mich zu ärgern, und fühle doch, daß ich Unrecht thue, denn er hat uns bis hierher ganz gut und trefflich geführt. Der schwatzt mir da immer so viel von Montgomerys Point vor – am Ende hat er da Freunde oder Verwandte, oder gar ein eigenes Geschäft, für das er billig zu kaufen gedenkt; dem möcht' ich auf den Grund kommen. Von hier aus soll es nun blos fünfzig Meilen bis nach Montgomerys Point, und ein wenig weiter bis zur Mündung des Whiteriver sein. Bis dahin möcht' ich aber, wenn das irgend an ginge, meine Ladung verkauft haben. So setze Du Dich also in unsere kleine Jolle und fahre sachte am Ufer hinunter voraus. Provisionen kannst Du Dir ja mitnehmen. Am Mississippi liegen mehrere kleine Städtchen, wo Du anlegen und Dich erkundigen kannst. Findest Du aber nichts, bis Du nach Montgomerys Point kommst, nun so hast Du dort wenigstens Gelegenheit, an Ort und Stelle vorher genau die Verhältnisse und Preise zu erfragen, ehe ich mit dem Boote hinkomme. Ich will indessen bis morgen früh hier bleiben, denn ich muß mir meine Büchse wieder in Stand [136] setzen lassen, in der, weiß der liebe Gottwie das geschehen konnte – plötzlich und ganz von selber die kleine Feder gebrochen ist. Man kann hier auf dem Mississippi manchmal nicht wissen, wie man die Waffe braucht, und ich möchte überhaupt nicht gern mit einem nutzlosen Schießeisen in der Welt herumfahren.«

»Die Feder gesprungen?« sagte Tom verwundert, »nun da möchte ich doch wahrhaftig wissen, was die gesprengt hat – Ihr habt ja noch oben an den Ironsbank den Truthahn von der Uferbank heruntergeschossen.«

»Ja – und bei dem Schuß muß sie gebrochen sein, sonst weiß ich's auch nicht,« erwiderte der Alte. – »Doch das macht nichts – es ist ein Büchsenschmied hier im Orte, und der kann mir bald eine neue Feder hineinsetzen; also halte Dich dazu, mein Junge, und sieh, daß Du gute Geschäfte machst. – Soll ich Dir aber nicht lieber ein paar von den Leuten mitgeben? Besser wär's überhaupt, Du nähmst Einen zum Rudern mit, daß Ihr abwechseln könntet.«

»Ei bewahre,« lachte Tom – »die Sonne meint's wohl gut, ich brauche mich ja aber auch nicht zu übereilen. Schickt mir nur Bob, den Tennesseer, herunter, daß er mir ein bischen hilft, die Jolle mit alle dem auszurüsten, was ich unterwegs brauchen könnte – die kleine Whiskykruke nicht zu vergessen und – bleibt nicht so lange, daß ich doch wenigstens noch vor Dunkelwerden ein tüchtiges Stück stromab komme. Halt, noch Eins!« rief er, als er sich schon zum Gehen gewandt hatte. – »Oberhalb Montgomerys Point, wo nach dem Navigator hier Nr. Siebenundsechzig liegen soll, gebt mir ein Zeichen, daß Ihr kommt. Ihr könnt entweder schießen oder hängt noch besser eins von Euren rothen Flanellhemden als Fahne auf, daß ich Euch nicht etwa vergebens ein paar Meilen entgegenfahre.«

Und leichten Schrittes wanderte der junge Mann zum Ufer hinab, wo er mit Hülfe der beiden dort zurückgebliebenen Bootsleute bald die Jolle herrichtete. Er spannte dann durch schon zu diesem Zwecke vorbereitete Seitenhölzer ein schmales Sonnensegel darüber aus, und stieß bald darauf, Edgeworth [137] noch einen freundlichen Gruß hinüberwinkend, vom Ufer ab und in die Strömung hinaus.

Der alte Mann stand noch eine Weile am Ufer und sah dem kleiner und kleiner werdenden Boote sinnend nach, als er dicht hinter sich Schritte hörte. Wie er sich umwandte, erkannte er aber seinen Steuermann, der die Abdachung der Uferbank herabkam und jetzt neben ihm stehen blieb.

»War denn das nicht Tom?« sagte der Bärtige, während er die Augen nicht von dem kleinen Fahrzeug abwandte – »ich dächte doch, er hätte von oben so ausgesehen.«

»Ja, das war Tom,« erwiderte Edgeworth kurz, und schickte sich an, in die Stadt zurückzugehen.

»Nun, was zum Teufel fährt denn der voraus?« rief der Steuermann erstaunt – »ist ihm unsere Gesellschaft nicht mehr gut genug? und nimmt dann auch noch die Jolle vom Boot mit. – Wenn wir sie nun brauchen?«

»Dann werden wir uns ohne sie behelfen müssen,« sagte der Farmer ruhig. – »Wenn's Euch übrigens interessirt – er ist nach Montgomerys Point voraus, um die Preise meiner Ladung kennen zu lernen. – Morgen früh wollen wir nach.«

Ein höhnisches Lächeln durchzuckte die wilden Züge des Bootmanns, als er die willkommene Kunde hörte, und Edgeworth würde, hätte er den triumphirend frohlockenden Blick gesehen, der aus seinen dunkeln Augen blitzte, sicherlich aufmerksam geworden sein. So aber achtete er gar nicht auf den ihm verhaßten Steuermann, der ihn jedoch noch einmal mit den Worten aufhielt:

»Es ist ein Kaufmann von Victoria oben im Union-Hotel, der von Eurer Ladung gehört hat – er frug mich, ob Ihr auf dem Boote wäret oder vielleicht einmal hinauf kämet – er hat Lust zu kaufen –«

»Wo liegt Victoria?« frug Edgeworth und blieb, sich gegen seinen Steuermann wendend, stehen.

»Victoria? ein bischen oberhalb der Whiteriver-Mündung, auf dem andern Ufer drüben,« sagte dieser, »von Montgomerys Point aus kann man's sehen, es ist etwas weiter unten.«

»Und wie heißt der Mann?«

[138] »Ich weiß nicht – ich habe ihn nicht gefragt – er sieht auch eigentlich nicht recht aus wie ein ordentlicher Kaufmann – Ihr könnt ja selber mit ihm sprechen.«

Edgeworth schritt langsam dem Union-Hotel zu, und Bill murmelte mit tückischem Lachen, während er am Ufer hin die Stadt entlang wanderte:

»Geh nur, Du alter Narr, und sieh zu, ob sich Deine Gebeine im Mississippi eben so gut halten werden, wie die Deines Sohnes am Wabasch. – Geh und handle noch einmal – es ist der letzte Handel, den Du auf dieser Welt abschließest.«

10. Lively's Farm

10.

Lively's Farm.

Dicht hineingeschmiegt in den grünen Wald, wo die fleißige Hand des Menschen kaum der riesenmäßigen Vegetation ein freies Plätzchen abgewonnen hatte, und die mächtigen, starr emporragenden Nachbarstämme immer noch so aussahen, als ob sie das kleinliche Treiben der Civilisation unter sich nur eben duldeten, und nicht übel Lust hätten, sich nächstens einmal in ganzer Länge und Gewichtigkeit selbst drein zu legen; – da, wo zwar Menschen, sorgende, geschäftige Menschen, starke Männer und zarte Frauen wirkten und schafften, und fröhlicher Kinderjubel von lieben, herzigen Mäulchen die heilige Ruhe der Wildniß unterbrach; wo der Haushahn Morgens seinen schmetternden Gruß der Morgenröthe entgegenjubelte, wo die Schwalbe in besonders dazu angebrachten Kästen ihr Nest gebaut hatte und sich jetzt alle nur mögliche Mühe gab, die [139] kleinen unbehülflichen Gelbschnäbel das Fliegen zu lehren – wo aber auch Nachts noch der Wolf die Fenzen umschlich, und Panther oder Wildkatze das zahme Hausvieh oft in Augst und Schrecken setzte, wo der Hirsch nicht selten zwischen den weidenden Heerden getroffen wurde, und der Bär nur zu oft in stiller Abendstunde die Maisfelder besuchte: da stand ein für solche Umgebung gar stattliches und wirklich wohnlich eingerichtetes Doppelhaus. Es war von hoher, regelmäßiger Fenz umgeben und, wie es schien, mit allen den Bequemlichkeiten versehen, die man außerdem nur möglicher und vernünftiger Weise in solcher Wildniß beanspruchen konnte.

Vor diesem Hause saß auf einem erst frisch gefällten und hier zum Sitze hergerollten Stamme ein silberhaariger, noch rüstiger, lebensfrischer Greis, dessen gesundheitstrotzende Wangen und muntere klare Augen wohl schon mehr als sechzig Mal den Frühling hatten kommen und gehen sehen und doch noch keck und freudig in das schöne Leben hinausschauten. Sein Kopf war unbedeckt, und das schneeige Haar hing ihm in langen, glänzenden Locken bis auf den sonngebräunten Nacken hinunter. Er trug einen pfeffer-und salzfarbenen, wollenen Frack, eben solche Beinkleider, eine blauwollene Weste und ein schneeweißes Hemd, aber – bloße Füße, und nur dann und wann schienen ihn an diesen die dort ziemlich zahlreichen Mosquitos zu belästigen. Mit dem rothseidenen Taschentuche, das er in der Hand hielt, um sich Wind und Kühlung damit zuzufächeln, schlug er wenigstens zuweilen nach ihnen, ohne jedoch nur einen Blick hinab zu werfen.

Nur wenige Schritte von ihm entfernt stand ein an derer, aber bedeutend jüngerer Mann, und zwar eben eifrig beschäftigt, einen frisch erlegten Spießer abzustreifen. Dieser war mit den Hinterläufen an einem Baume aufgehangen, und ein großer schwarzer Neufundländer mit weißer Brust und weißen Füßen und der braunen Zeichnung amerikanischer Braken an den Lefzen und über den Augen, hob gar klug und aufmerksam die treuen Augen zu ihm auf, als ob er nur Interesse an der Arbeit nähme und nicht etwa seinem Herrn durch störendes Betteln zur Last fallen wolle.

[140] Der junge Jäger, dessen ledernes abgeworfenes Jagdhemd neben ihm am Boden lag, war ganz nach Art der westlichen Jäger gekleidet; die blonden, krausen Haare aber und das blaue Auge hätten ihn fast als einen Ausländer erscheinen lassen, wäre nicht in einem kleinen Liede, das er bei der Arbeit vor sich hin summte, sein reines, nur mit dem leisen westlichen Dialekt gefärbtes Englisch Bürge seiner amerikanischen Abkunft und Erziehung gewesen. Es war William Cook, der Schwiegersohn des alten Lively, der erst vor wenigen Tagen vom Fourche la fave hierher zu den Eltern seiner Frau gezogen war und nun im Sinne hatte, eine eigene, dicht an die seiner Schwiegereltern stoßende Farm urbar zu machen. Für den Augenblick aber, und bis sein noch zu errichtendes Haus stand, hielt er sich mit seiner kleinen Familie bei Livelys auf und bewohnte dort den linken Flügel jenes schon erwähnten Doppelgebäudes.

In der Thür desselben erschien indessen gerade eine allerliebste junge Frau, seine Frau, mit dem jüngsten Kind auf dem Arme, zwei andere weißköpfige und rothbäckige kleine Burschen tummelten sich aber zwischen den abgehauenen Baumstümpfen des Hofraumes umher und jagten bald bunten flatternden Schmetterlingen nach, bald ärgerten sie den ersten Haushahn, der mit höchst mißvergnügtem Gekake und mächtig langen Schritten seinen kleinen unermüdlichen Quälgeistern zu entgehen suchte. Erst wie er das unmöglich fand, flog er endlich, des Spielens überdrüssig, auf die Fenz, schlug hier mit den Flügeln, und fing nun zum großen Ergötzen der darunter stehenden kleinen Schelme an aus Leibeskräften zu krähen.

Das Kleine aber, das die Mutter noch auf dem Arme trug, hatte indessen die sich munter herumtummelnden Geschwister entdeckt, streckte nun ungeduldig strampelnd die dicken Aermchen nach ihnen aus, und wollte unter jeder Bedingung Theil an dem Spiele nehmen.

»Ei, so laß doch den Schreihals herunter, Betsy!« rief ihr da lachend der Gatte zu – »laß ihn nur nieder, siehst Du denn nicht, daß er helfen will?«

[141] »Er wird sich Schaden thun,« sagte besorgt die Mutter – »es ist hier so rauh und steinig.«

»Thorheiten – der Junge muß Grund und Boden kennen lernen – er mag seinen Weg suchen;« und die Mutter ließ, während sie sich von der hohen Schwelle des Hauses niederbog, lächelnd den kleinen Schreier auf die ebene Erde nieder, die dieser mit lautem Jubelgekreisch begrüßte. Ohne weiteren Zeitverlust arbeitete er auch gleich auf allen Vieren zum Vater hin, der ihm freundlich zuwinkte.

Der große schwarze Neufundländer aber, der bis jetzt neben seinem Herrn gesessen hatte, sprang nun mit weiten Sätzen dem kleinen Burschen entgegen, hob die schöne buschige Fahne und das mit kleinen krausen Löckchen versehene Behänge hoch empor, bellte ihn ein paar Mal mit tiefer volltönender Stimme an, und versuchte dann vorsichtig, das Kind am Gurt des kleinen Röckchens zu fassen, um ihm die Bahn zu erleichtern, oder es seinem Herrn ganz zu apportiren.

»Laß ihn gehn, Bohs,« rief dieser lachend, »laß ihn gehn. – Warte Bursche – glaubst Du, der könne nicht allein kommen? Will der Hund! – Nun seh Einer den ungeschlachten Schlingel an – dreht er mir den Jungen ganz herum.«

Der Zuruf galt aber wirklich dem Hunde. Als es diesem nämlich verboten worden, das Kind in die Schnauze zu nehmen, übersprang er dasselbe mehrmals mit hohen Sätzen und versuchte dann, den Kopf dabei zur Seite gebogen und mächtig dazu mit dem Schwanze wedelnd, es mit der breiten kräftigen Tatze zu sich herüber zu ziehen. Allerdings rollte er die kleine unbeholfene Gestalt des Kindes dabei rund herum; das aber nahm die Freiheit keineswegs übel, sondern schien sich im Gegentheil sehr über den ungeschickten Spielkameraden zu freuen. Es jauchzte ein paar Mal laut auf und setzte dann seine Bahn zum Vater fort, der ihm nun auf halbem Wege entgegenkam und es lächelnd zu sich emporhob.

»William,« sagte der Alte, während er sich vergnügt und schmunzelnd die Hände rieb. »William – das ist ein capitales Stück Wildpret; – das reine Feist, wie man sich's nur [142] wünschen kann, und die Rippen werden unmenschlich gut schmecken. Es war doch gut, daß Du heute Mittag noch einmal am Rohrbruch hingingst – ich dachte mir's immer, Du würdest dort 'was finden.«

»Ach mit dem Denken, Vater,« lachte der junge Mann, während er das rothwangige Kind herzte und küßte und auf den Armen schaukelte – »mit dem Denken ist's eine gewaltig unsichere Sache. So sagt man nachher immer, und wenn man's genau nimmt, so hat man sich beim Burschen hinter jedem Dickicht, an jedem sonnigen Hügel ein Stück Wild gedacht. – Dafür lob' ich mir aber auch das Burschen. – Es giebt kein herrlicheres Vergnügen auf der weiten Gotteswelt – eine gute Bärenhetze vielleicht ausgenommen, und ich glaube, ich könnte gleich aus freien Stücken ein Indianer werden, wenn ich –«

»Wenn ich Jemanden dabei hätte, der mir Mais und süße Kartoffeln baute, nicht wahr?« unterbrach ihn lachend der Alte – »oh ja, so zum Vergnügen den ganzen Tag im Walde herum zu spazieren und weiter keine Arbeit zu haben, als gute Stücken Fleisch zum Haus zu tragen, das glaub' ich schon, das ließe ich mir auch gefallen, das geht aber nicht. – Mein Junge zum Beispiel würde jetzt schön gucken, wenn sein alter Vater in seiner Jugend weiter nichts gethan hätte, als Büchsenläufe schmutzig gemacht. Nein, dafür sind wir – der Henker soll doch die Mosquitos holen, sie beißen heute wie besessen« – und er rieb sich abwechselnd mit den rauhen Sohlen die kaum zarteren, wenigstens eben so braun gebrannten Spannen seiner bloßen Flüße – »dafür sind wir hierher gesetzt, daß wir im Schweiß unseres Angesichts – wie der alte Schleicher sagt – unser Brod verdienen sollen. Das heißt, wir müssen uns schinden und plagen, um das Jahr über genug Mais und süße Kartoffeln zu haben.«

»Alle Wetter!« lachte Cook, während er erstaunt von seiner Arbeit aufsah, »Ihr haltet ja heute ordentliche Reden – die sind doch sonst Eure Passion nicht –«

»Nein, Junge« – sagte der Alte – »Euch jungem Volke muß man aber dann und wann in's Gewissen reden, [143] das ist Pflicht und Schuldigkeit, und da thut mir's gut, wenn ich einmal so mit meiner Meinung herausbrennen kann, ohne daß die Alte gleich ihren Senf dazu giebt, denn die nimmt Eure Partei.«

»Hallo« – sagte Cook, »da wollt Ihr mir wohl eine Predigt gegen die Jagd halten? Das ist göttlich – hol' mich Dieser und Jener, das ist kostbar.«

»Ja, und nicht allein gegen die Jagd,« fuhr der Alte fort, während er langsam und vorsichtig das rechte Bein emporhob und mit der Hand scharf auf einen, seine große Zehe belästigenden Mosquito visirte – »nicht allein gegen die Jagd, auch gegen das gotteslästerliche Fluchen« – die Hand schlug herunter, der Mosquito hatte aber Unrath gemerkt und sich bei Zeiten der Gefahr entzogen – »verdammte Bestie«, unterbrach der alte Mann mit halblauter Stimme seinen Vortrag – »auch gegen das gotteslästerliche Fluchen« – fuhr er dann gleich darauf wieder fort.

»Hahaha –« rief Cook und wandte sich gegen den Alten, »ich soll wohl nicht wieder ›verdammte Bestie‹ sagen?«

»Unsinn,« brummte Lively und kratzte sich die Stelle, wo das kleine Insect eben gesogen hatte – »Unsinn – aber heda – Bohs fährt auf – unsere Gäste kommen wahrscheinlich.«

Bohs fuhr in diesem Augenblicke wirklich rasch empor, windete wenige Secunden lang gegen den Wald hin, und schlug dann in lauten, vollen Tönen an. Blitzesschnell wurde das von den übrigen, meistens im Schatten gelagerten Rüden begleitet, die gleich darauf herbeistürmten, um nun auch zu sehen, was die Aufmerksamkeit ihres Führers erregt habe. James' fröhlicher Jagdruf antwortete aber dem drohenden Gebell der Meute. Jauchzend sprangen sie ihrem jungen Herrn entgegen und begrüßten bald darauf mit fröhlichem Gebell und Heulen die kleine Reiterschaar, die nun am Holzrand sichtbar wurde und rasch zu dem roh gearbeiteten Gatterthor, das Einlaß in die Farm gewährte, herantrabte.

Cook sprang schnell hinan, die Vorlegebalken zurückzuziehen, James aber, hier ganz in seinem Element, rief ihm [144] nur ein fröhliches »Loock out« entgegen, und in demselben Moment hob sich auch, von Schenkeldruck und Zügel getrieben, das wackere Thierchen, das ihn trug, auf die Hinterbeine und flog mit keckem Satz über die doch wenigstens vier Fuß hohe Barriere. Sander, ebenfalls ein tüchtiger und sattelfester Reiter, wollte natürlich nicht hinter dem rohen Backwoodsman, der ihnen eine kurze Strecke entgegengeritten war, zurückstehen und folgte seinem Beispiel. Als Beide aber jetzt aus dem Sattel sprangen und zur Fenz eilten, die Stangen niederzulegen, vereitelte Adele, deren munteres Thier unter ihr tanzte und in die Zügel schäumte, diese Absicht, denn sie schien keineswegs gesonnen, den Männern etwas nachzugeben.

»Habt Acht, Gentlemen!« rief sie nur, tummelte ihren Zelter noch einmal zu kurzem Anlauf zurück, und ehe noch Mrs. Dayton, die nur erschreckt ein kurzes »Um Gottes willen – Adele!« ausstoßen konnte, recht begriff, was das kecke Mädchen eigentlich wollte, sprengte sie an und setzte nicht über das niedere Eingangsthor, sondern über die wohl einen Fuß höhere Fenz hinweg. In der nächsten Secunde hielt sie auch schon neben der Thür des Hauses, wo sie, ehe die Männer ihr beistehen konnten, rasch aus dem Sattel, die Stufen des Hauses hinaufsprang, und hier von der alten Mrs. Lively und Cook's junger Frau auf das Herzlichste, aber auch mit Vorwürfen über ihr wirklich tollkühnes Reiten begrüßt wurde.

Cook hatte indessen die Stangen niedergeworfen, Mrs. Dayton einzulassen, und die kleine Gesellschaft fand sich bald ganz gemüthlich vor der Thür des Hauses, im Schatten eines breitästigen Nußbaumes zusammen, wo sie auf Stämmen, Stühlen und umgedrehten Kästen, was gerade in der Nähe zu finden war, Platz suchten. Mrs. Liveley ließ es sich indessen, trotz ihrer Jahre, nicht nehmen, die große Kaffeekanne herbeizubringen, füllte mit Mrs. Cook's Hülfe die blauen Tassen und Blechbecher – denn so viel Tassen zählte der Hausstand nicht – und reichte sie den willkommenen Gästen herum.

[145] »Ei, Kaffee nach Tische, Mrs. Lively?« rief da Adele erstaunt; »das ist ja eine ganz neue Sitte – wer trinkt denn um solche Zeit Kaffee?«

»Das hab' ich von den Deutschen, meinen früheren Nachbarn, gelernt, Kindchen,« sagte die alte Dame und klopfte den Nacken des schönen Mädchens – »und das ist eine gar prächtige Erfindung. – Kaffee schmeckt nie besser als nach Tisch – Morgens und Abends ausgenommen – und für so liebe, liebe Gäste muß man denn doch auch ein bischen was herbeischaffen, daß sie nicht ganz trocken sitzen.«

»Wer ist denn der hübsche junge Mann, der da mit Euch gekommen ist?« flüsterte Cook dem jungen Lively zu, neben dem er stand. – »Mir kommt das Gesicht bekannt vor –«

»Weiß der Teufel, wer es ist,« sagte James und warf dem Fremden einen keineswegs freundlichen Blick zu – »eingeladen hab' ich ihn nicht, und er behandelt Miß Adele, als ob er mit ihr aufgewachsen oder ihr Bruder wäre, und doch weiß ich, daß sie gar keinen Bruder hat.«

»Prächtiges Haar!« sagte Cook.

»Prächtiges Haar?« murmelte James verächtlich – »wie ein Bündel Flachs sieht's aus – und das käseweiße Gesicht könnte mir den ganzen Appetit verderben, wenn mir den nicht schon überdies seine Gegenwart verdorben hätte.«

Cook lächelte – es war nicht schwer, die Beweggründe zu durchschauen, die des jungen Mannes Aerger erregt hatten. Aber auch Adele schien etwas von dem gewahrt zu haben, denn sie warf, während sich ihr Nachbar eifrig mit ihr unterhielt, den Blick mehrere Male halb lächelnd, halb ungeduldig nach ihm hinüber und rief ihn endlich, indeß Mrs. Dayton eine lange Abhandlung mit den beiden Farmerfrauen über Butter, Käse, junge Ferkel und alte Kühe hatte, an ihre Seite.

»Nun, Sir«, sagte sie und blickte dabei den ohnedies schon dadurch in die entsetzlichste Verlegenheit Gebrachten mit den großen, glänzenden Augen so fest und durchdringend an, daß der arme Bursche, obgleich er gewiß die besten Vorsätze gehabt haben mochte, liebenswürdig zu erscheinen und die verwünschte [146] Blödigkeit bei Seite zu werfen, den breiträndigen Strohhut abnahm, und erst langsam und dann immer schneller und schneller zwischen den Fingern herumlaufen ließ – »Sie versprachen mir doch unterwegs das Abenteuer zu erzählen, was Sie neulich mit dem alten Panther gehabt. – Wie ich höre, hängt dort drüben an dem Persimonbaum das Fell – Herr Hawes hier behauptet eben, es sei einem einzelnen, blos mit einem Messer bewaffneten Mann gar nicht möglich, einen Panther zu besiegen.«

»Nun, ich weiß nicht,« stotterte James, denn hier vor der jungen Dame von seinen Thaten zu sprechen, kam ihm fast wie eine häßliche Prahlerei vor – »ich weiß doch nicht – Mr. Hawes – es ist auch vielleicht –«

»– schwieriger, mit einem Panther anzubinden, als sich's nachher erzählt,« sagte Sander, und ein spöttisches Lächeln spielte um seine Lippen. – »Ja, ja, man vergißt bei solcher Erzählung gewöhnlich die Hunde, die ihre Leiber dem Feinde bloßgeben, schießt das Thier aus sicherer Ferne mit der Kugel nieder und stößt dem schon Verendeten das Messer noch ein paar Mal in Brust und Weichen, um an dem aufgespannten Felle die – Beweise unserer Heldenthaten zu haben. – Ich bin ja auch schon auf solcher Jagd gewesen.«

James blickte zu dem Sprecher auf, und selbst das ganze Wesen des Mannes, der in nachlässiger Stellung dicht neben einem Mädchen lehnte, wo er selbst sich schon beklommen und eingeschüchtert fühlte, wenn er ihr nur gegenüber stand, hatte etwas ungemein Widriges, ja Empörendes für ihn. Kaum begriff er aber den Sinn dieser Worte, die dem einfachen Hinterwäldler anfangs fast unverständlich blieben, als ihm das Blut schneller und heftiger in die Wangen schoß, und damit auch seine bis dahin fast unüberwindbare Scheu und Verlegenheit mehr und mehr schwand.

»Wenn ich einmal behauptet habe,« sagte er, und seine Stimme wurde beinahe von dem in ihm auflodernden Zorn erstickt – »ich hätte einen Panther im Zweikampf und mit dem Messer erlegt, so meine ich damit nicht, daß mir die Hunde oder Pulver und Blei dabei geholfen hätten. Ich weiß nicht, [147] Fremder, wo Ihr solche Ansichten gelernt haben mögt, aber hier in den Wald passen sie nicht. – Kein Mann hier, den James Lively zu seinen Freunden zählt, würde eine Lüge sagen.«

»Bester Mr. Lively,« lächelte Sander, in dessen Plan es keineswegs lag, Streit zu beginnen – »Sie wissen gewiß recht gut, daß das, was man Jägergeschichten nennt, nicht unter die Rubrik vonLügen gesetzt werden darf. Ein Jäger hat das Privilegium, Poet zu sein, und wie der Novellist nicht in seiner Erzählung die trockenen Thatsachen rein und ungeschmückt hinstellen darf, so ist es jenem ebenfalls nicht allein erlaubt, sondern wird sogar theilweise verlangt, daß er seine Jagdabenteuer in einem bunten Kleide bringt und – wenn er keine zu bringen hat – aus einfachen Jagden interessante Jagdabenteuer macht

»Ich verstehe nicht recht, was Sie mit alle dem meinen,« sagte James und leerte die ihm von seiner Mutter gereichte Tasse auf einen Zug; »auch begreife ich nicht gut, wie man Jagdabenteuer machen kann. – So viel ist aber gewiß, ich habe noch keinen Messerstich gegen ein Thier gethan, wenn es nicht nöthig war. Was übrigens die Haut da drüben betrifft, so war Cook hier Zeuge der ganzen Sache, und hat gesehen, ob und wie ich sie verdient habe.«

»Bei den Messerstichen,« unterbrach hier der alte Lively das etwas ernsthaft werdende Gespräch noch ganz zur rechten Zeit, »fällt mir eine kostbare Anekdote ein, die meinem Vater einmal begegnet ist.«

»Wollen Sie sich denn nicht setzen, Mr. Lively?« redete hier Adele den jungen Farmer an und schob zugleich ihren eigenen Stuhl etwas zurück, so daß dicht neben ihr auf einem dort gelegenen Baumstamm ein Sitz frei wurde. James machte auch schnell genug von der Erlaubniß Gebrauch, rückte aber, aus wirklich unbegründeter Furcht, seiner schönen Nachbarin lästig zu werden, so weit von ihr fort, als ihm das die noch emporstehenden Aeste nur immer verstatteten. Dadurch kam er freilich auch auf das scharfe und rauhe Holz zu sitzen, und er würde sich, was die Bequemlichkeit anbetraf, wohl gerade [148] so wohl auf einem Beine stehend befunden haben. Trotzdem hätte er aber doch seinen Sitz in diesem Augenblick nicht um den schönsten gepolsterten Stuhl der ganzen Vereinigten Staaten eingetauscht.

»Also mein Vater,« begann Lively senior wieder –

»Komm, Alter – die Geschichte kannst Du uns lieber drin erzählen,« fiel ihm da plötzlich die Frau in's Wort. – »Es wird Nacht hier draußen, Kinder, die Sonne ist unter, und die Damen aus der Stadt könnten sich erkälten; das wäre mir nachher eine schöne Bescheerung, wenn sie hier blos zu uns herausgekommen sein sollten, die lieben guten Wesen, um sich einen Schnupfen oder noch 'was Schlimmeres zu holen.«

»Aber, liebe gute Mrs. Lively,« sagte Mrs. Danton, »es ist hier draußen ja noch so schön, und gerade jene wunderherrlichen Tinten der mehr und mehr dort verblassenden Abendwolken geben dem dunkeln Fichtenwald, auf dem sie ruhen, etwas so ungemein Reizendes und Romantisches.«

»Das mag Alles recht gut sein,« sagte die alte würdige Dame – »es klingt wenigstens sehr schön, die Sache bleibt sich aber doch gleich. – Im Hause ist's besser, und wenn Mrs. Dayton die Wolken noch ein bischen betrachten will, so kann sie das am allerbequemsten durch's Kamin thun, da ziehen sie gerade drüber hin. Jetzt aber komm, James – hilf die Sachen ein bischen in's Haus thun – wo ist denn Cook? Ach, de bringt die Hirschkeulen und Rippen hinein. Das ist gescheidt von ihm – einen Truthahn hat James auch heute Morgen geschossen. Du, Lively, magst die leere Kanne nehmen – so, Kinder, nun kommt, in zehn Minuten können wir uns ganz prächtig drinnen eingerichtet haben, und dann wollen wir auch recht munter und vergnügt sein. Es thut einer alten Frau, wie ich bin, wohl, einmal so viele liebe, freundliche Gesichter um sich zu sehen, wie heut Abend.«

Und ohne weiter eine Einrede anzunehmen oder überhaupt abzuwarten, fing Mrs. Lively selbst an, die umherliegenden Sachen in's Haus zu tragen, so daß die jungen Leute schon mit angreifen mußten. Bald darauf saßen Alle um den großen, [149] in die Mitte gerückten Tisch fröhlich versammelt, und der alte Lively, der sich ganz in seinem Element zu fühlen schien, erzählte eine Menge von Iagdanekdoten und Abenteuern. Seine Frau aber fuhr indessen hin und her, trug Alles auf, was Küche und Rauchhaus zu liefern vermochten, und hielt nur dann und wann in ihrem geschäftigen Eifer ein, um von Adele zu Mrs. Dayton zu gehen und ihnen mit einem herzlichen Händedruck zu wiederholen, wie sie sich freue, daß sie endlich einmal ihrer Einladung gefolgt wären, und daß sie nun auch nicht daran denken dürften, sie unter sechs oder acht Tagen zu verlassen. Daß Adele am nächsten Tage schon eine Freundin am Mississippi besuchen wolle, verwarf sie total, und erklärte, Mr. Hawes sei ihr ein sehr lieber und willkommener Gast, wenn er ihr aber ihre liebe Adele entführen wolle, dann habe er es mit ihr zu thun, und das zwar nicht in Liebe und Güte.

James' Herz klopfte wild und stürmisch – deshalb also war jener glattzüngige Fremde mit hierher gekommen, Miß Adele wollte er schon am nächsten Morgen wieder mit fortnehmen – Pest – in welchem Verhältniß stand er überhaupt zu Adelen – wäre er am Ende gar – es überlief ihn siedendheiß.

»Miß Adele,« sagte er mit von innerer Bewegung erregter Stimme – »Sie – Sie wollen uns also verlassen?«

»Ja, Mr. Lively,« erwiderte das junge Mädchen, und ein eigenes, schelmisches Lächeln zuckte um ihre Mundwinkel – »Mr. Hawes hier will mich auf seine neugekaufte Plantage führen zu – zu seiner Schwester.«

Hätte ein zündender Strahl in diesem Augenblick vor James Lively den Boden aufgerissen, ihm wäre das Blut in den Adern nicht schneller, nicht erkältender gestockt. – Sie wollte Mr. Hawes' neugekaufte Plantage besehen – seine Schwester besuchen – armer James, da war für Dich wenig Aussicht! Er fühlte, wie sein Blut die Wangen verließ und jeder Tropfen in das erstarrende Herz zurückkehrte. Gleich darauf aber strömte es ihm auch mit nicht zu dämmender Gewalt wieder aufwärts in Stirn und Schläfe, und er sprang, die innere Bewegung zu verbergen, von seinem Sitz empor.

[150] »Heh, James, wo willst Du denn hin?« frug der Vater.

»Das übrige Hirschfleisch hinter's Haus schaffen,« rief der Davoneilende zurück – »es hängt hier vorn zu niedrig; am Ende könnten sich doch die Hunde darüber machen.«

»Da hast Du Recht,« sagte der Alte – »daran hätt' beinahe nicht gedacht. Da ist's uns hier einmal vor vierzehn Tagen beinahe komisch gegangen – die Geschichte muß ich Ihnen erzählen, Mr. Hawes« – und der vermeintliche Mr. Hawes, der mit einem höchst selbstzufriedenen Lächeln bemerkt hatte, wie und weshalb James aufgestanden und hinausgegangen war, lieh sein Ohr geduldig der Anekdote von einem erlegten Hirsch und den damit verknüpften Umständen. – In der That aber lauschte er mit der gespanntesten Aufmerksamkeit den Worten der jetzt im eifrigen Gespräch begriffenen Damen Dayton und Lively, die sich über eine Familie des Staates Georgia unterhielten, mit der Mrs. Dayton und Adele entfernt verwandt, wo aber die letztere erzogen und wie das Kind im Hause behandelt worden war.

»Sie können sich fest darauf verlassen, Mrs. Dayton,« betheuerte die alte Dame, »Lively hat erst vorgestern einen Brief von da erhalten. – Lieber Gott, wir sind ja dort sechzehn Jahre ansässig gewesen und kennen jedes Kind. Der alte Benwick soll seine Frau nur dreimal vierundzwanzig Stunden überlebt haben, und das Testament ist, dem Schreiben nach, schon am Mittwoch eröffnet worden. – Sie können mit jeder Stunde Nachricht erhalten.«

»Es kamen heute Morgen zwei Briefe an meinen Mann,« sagte Mrs. Dayton, »das schienen aber Geschäftsbriefe zu sein, er hätte doch sonst gewiß etwas erwähnt.«

»Ei, die Gerichte nehmen sich auch bei so etwas Zeit, meine gute Mrs. Dayton,« sagte Mrs. Lively – »so geschwind sind die nicht im Nachrichtertheilen, besonders wenn's darauf ankommt, Geld außer Land zu schicken.«

»Welche von den beiden wäre Ihnen nun lieber gewesen,« wandte sich jetzt der alte Lively plötzlich, und zwar so direct an seinen bis dahin nichts weniger als aufmerksamen Zuhörer, daß dieser, fast wie auf einem Abwege ertappt, zusammenfuhr [151] und nur noch Geistesgegenwart behielt, die Frage in's Blaue hinein zu beantworten.

»Die erste, unbedingt die erste.«

»Nun, sehen Sie, das freut mich,« sagte der alte Mann, »das war auch meine Meinung. – James, sagt' ich, Du mußt unbedingt die erste nehmen, und – soll mich der Henker holen, wenn er's am Ende nicht doch noch gewann.«

»Wunderbar,« sagte Sander zerstreut, und hatte keine Idee davon, welche letzte und erste da gemeint und was eigentlich zu gewinnen gewesen. Adele aber, die sich so plötzlich, allerdings etwas durch eigene Schuld, von ihren beiden Nachbarn vernachlässigt sah, setzte sich hinüber zu Mrs. Cook, die eben, die müden Kinder zu Bett gebracht hatte. Hier aber, indem sie ganz in das einfache Wirken und Leben der guten Frau einging, und bald nach dem und jenem frug und über dies und das mit ihrer kindlichen Gutmüthigkeit plauderte, gewann sie sich das Herz derselben so sehr, daß diese endlich mit einem freundlichen Händedruck ausrief:

»Ach, Miß Adele, wie wünschte ich doch, daß Sie hier draußen bei uns blieben und eine wackere tüchtige Farmersfrau würden. Sie sollten einmal sehen, wie es Ihnen bei uns gefiele. – Es ist gar zu hübsch hier, und besonders im Frühjahr und Sommer, wenn sie in den Städten fast vor Hitze und Staub umkommen.«

»Mir gefällt es auch recht gut auf dem Lande,« sagte Adele – »ich bin –« und eine leichte Röthe färbte ihre Wangen, »ich bin am liebsten unter grünen Bäumen, aber – wir armen Mädchen, Mrs. Cook, müssen ja doch am Ende stets dahin gehen, wo uns das Schicksal hinwirft, und ein Glück noch, wenn wir dabei der Stimme des Herzens folgen dürfen.«

»Ja, Miß Adele, das ist ein Glück,« sagte die wackere Frau – »Sie glauben gar nicht, wie leicht und gern man alles Ueberflüssige entbehren lernt, wenn man nur bei Dem sein kann, den man so recht herzlich lieb gewonnen hat. – Es wird Einem auch Alles noch einmal so leicht, und Arbeiten, von denen man sonst gar nicht geglaubt hat, daß man sie verrichten [152] könne, thun sich fast von selber. Und nun gar erst die Kinde – ja in den lieben Dingern wird man noch selbst einmal wieder jung.«

»Haben Sie Ihre bisherige Farm ungern verlassen?« frug Adele.

»Wir? Jh nun, ja und nein,« sagte Mrs. Cook – »es war herrliches Land am Fourche la fave und nach all' dem Vorgefallenen ließ es sich erwarten, daß wir nun vor dem schlechten Gesindel dort Ruhe haben würden. Aber dann lebten doch hier die Eltern und der Bruder, und Vater, Mutter und James sind so liebe, treffliche Leute, da glaubten wir denn Beide, es sei besser, in deren Nähe zu wohnen und sie zu Nachbarn zu haben. Vielleicht sucht sich dann James mit der Zeit auch irgendwo ein Mädchen, das ihn gern hat, aus, und dann könnten wir eine ganz prächtige kleine Colonie bilden; oh, Miß Adele, wenn Sie nur dann in die Nähe kämen!«

»Kommt, Kinder – es ist Zeit zum Schlafengehen,« sagte jetzt plötzlich der alte Lively, der seine Geschichte glücklich zu Ende gebracht hatte und dann müde geworden war. Der alte Mann hielt überhaupt seine ziemlich regelmäßige Zeit, und da des engen Raumes wegen der männliche und weibliche Theil der Gäste für diese Nacht in verschiedenen Häusern untergebracht werden mußte – die Damen sollten nämlich in Lively's, die Männer in Cook's Wohnhause schlafen – so konnte er selbst nicht eher zur Ruhe kommen, bis die Anderen nicht ebenfalls ihre Schlafstätten angewiesen bekommen. Mrs. Dayton, die seine Gewohnheit kannte, schob deshalb auch ihren Stuhl zurück und gab damit das Zeichen zum allgemeinen Aufbruch.

Adele sprang ebenfalls empor; aber als ihr Blick den kleinen Raum schnell durchfliegen wollte, begegnete er plötzlich, und zwar dicht neben sich, dem auf ihr haftenden Auge James', das sich freilich, als ob er auf einer Frevelthat ertappt wäre, schnell und schüchtern abwandte; Adele aber, mit dem Gefühl, als ob sie einen Fehler begangen hätte, fürchtete fast, und wußte selbst doch eigentlich nicht warum, ihn beleidigt zu haben und sagte leise:

[153] »Mr. Lively – ich – Sie sind wohl böse auf mich, daß ich die freundliche Einladung Ihrer Eltern so wenig zu schätzen scheine und schon morgen wieder fort will? – Es ist aber eine liebe Jugendfreundin von mir, die ich seit ihrer Verheirathung nicht gesehen habe, und – wenn ich Mrs. Lively nicht zur Last falle, dann komm' ich recht bald wieder heraus – und bleibe dann auch wohl längere Zeit hier. – Es gefällt mir recht gut hier draußen – viel besser als in Helena drin.«

»Sie sind zu gütig, Miß Adele,« erwiderte James in größter Verlegenheit – »wie sollte ich denn böse auf Sie sein dürfen – ach – Sie wissen gar nicht –«

»Gute Nacht, Ladies,« sagte Sander und trat ohne weitere Umstände zwischen die Beiden, »gute Nacht, Miß – schlafen Sie hübsch aus, denn wir haben einen scharfen Ritt vor uns.« Die Hand des jungen Mädchens ergreifend, die er leise an seine Lippen drückte, verließ er schnell das Haus, und James, der jetzt zu seinem Schrecken sah, daß er der letzte der Männer war und die Damen augenscheinlich warteten, allein gelassen zu werden, folgte ihm eben so rasch. Mehr aus alter Gewohnheit als zu irgend einem andern Zweck, nahm er noch seine Büchse und Kugeltasche über der Thür weg und mit zu dem eigenen Lager hinüber. Er schlief nicht gern, wie er selbst gestand, ohne die Waffe in der Nähe zu wissen.

In Cook's Hause lag jedoch schon Cook's eigene Büchse über der Thür und der junge Mann hing deshalb seine Kugeltasche auf die eine Stuhllehne und stellte das treue Rohr in die Ecke neben sein Bett.

11. Cotton und Dan

[154] 11.

Cotton und Dan.

Um die Vorgänge dieses nächsten Capitels richtig verstehen zu können, möchten wir uns lieber erst mit dem Terrain etwas näher bekannt machen, auf dem Lively's und Cook's Farmen lagen.

Das ganze Mississippi-Thal, und besonders das westliche Ufer dieses ungeheuren Stromes, bietet eine nur selten von niederen Hügeln unterbrochene Sumpfstrecke dar, die gar oft in unzugängliche Moräste und Seen ausartet. Fast durchgängig besteht es aus zwar sehr fruchtbarem, aber so niedrig gelegenem Lande, daß es sowohl durch die Ueberschwemmungen des Mississippi wie der übrigen es durchkreuzenden Ströme, als auch durch Regen, deren Wasser keinen Abfluß finden, im Winter überschwemmt und nur erst durch die heißen Strahlen der August- und Septembersonne wieder ausgetrocknet werden kann. Tausende von Quadratmeilen liegen also auf solche Art acht oder neun Monate des Jahres unter Wasser und hauchen in dem andern Vierteljahre so pestilenzialische Dünste aus, daß der Ansiedler froh sein darf, wenn er mit einem ihm Mark und Bein durchschüttelnden kalten Fieber davonkommt. Das Land aber, was der Cultur in solchem Boden gewonnen werden kann – und einzelne trockene Stellen durchlaufen diese Niederungen –, ist vortrefflich und liefert Ernten, wie sie sich selbst die kühnste Einbildungskraft unserer mit dürrem Boden stets im Kampfe um die Aussaat liegenden Landwirthe kaum träumen läßt. Solche Fruchtbarkeit allein kann denn auch dem Farmer, der trotzdem nur wenig Land urbar macht und sich mehr auf Viehzucht legt, bewegen, die warme ungesunde Luft dieser Sümpfe zu athmen. Natürlich sucht er sich zu diesem Zwecke die höchst gelegenen [155] Stellen, die er finden kann, seine Wohnung und seine Felder wenigstens den steigenden Wässern zu entziehen.

Daher kommt es auch, daß die Nachbarschaft Helenas, sonst so abgelegen wie alle übrigen Plätze des Mississippi-Thales, am stärksten bevölkert und angebaut war, denn bis hierher erstreckte sich, von Nordwest herunter kommend, fast die einzige Reihe niederer Hügel zwischen St. Louis und dem dreizehnhundert Meilen entfernten Golf, bis an das Ufer des Mississippi. Einzelne kleine Städtchen waren sogar, weiter im Innern, darauf errichtet worden, und der Mensch mit seiner unermüdlichen Thatkraft drängte sich so gewaltsam in die fürchterlichste Wildniß ein, daß er ein naher Nachbar des wilden Büffels wurde, den er nicht einmal aus seinen Weidegründen heraustreiben konnte, sondern ruhig im Besitz derselben lassen mußte. 1

Am nördlichen Fuße dieser Hügelkette lag Lively's Farm. Südöstlich vom Felde standen die Gebäude, während sie an der Ostseite ein ziemlich geräumiger und selbst holzfreier Raum von dem Urwald trennte. Die nicht übermäßig hohe Umzäunung wurde von einem dichten Gestrüpp rothblüthiger Sumachs, Sassafras, Gewürzbüsche und Dogwoods umschlossen, und diese überschatteten wieder ihrerseits einen kleinen Bach, der etwa eine halbe Meile weiter oben aus den Hügeln kam, am nördlichen Fuße derselben hinströmte und dicht über Helena in den Mississippi einlief.

Gleich über dem Bache drüben und den Wohngebäuden gerade gegenüber, dennoch aber etwa zweihundert Schritt von ihnen entfernt, lag ein alter indianischer Grabhügel und hob sich eben genug aus dem ihn umwuchernden Pflanzengewirr [156] hervor, einen Blick auf die kleine Ansiedelung zu gestatten. Lively hatte erst kürzlich den Plan gefaßt, hier eine kleine Blockhütte herzubauen und gewissermaßen eine Art Sommerpavillon daraus zu machen. Zu dem Zweck waren denn auch schon alle die Büsche und Aeste, die etwa die Aussicht nach ihren Wohnungen versperrt hatten, entfernt und einzelne Stämme, welche die Grundmauern bilden sollten, in der Nachbarschaft gefällt und hinaufgeschafft.

Der Mond warf nun zwar seinen silbernen Schein auf die Erde nieder und übergoß die thauperlenden Blätter mit einem magischen Licht; diesen kleinen Raum konnte er aber nicht erhellen, denn dichte Holly- und Maulbeerbüsche bildeten an der Ost- und Südseite eine jedem Strahl trotzende Laube.

Der Platz lag jedoch nicht so einsam und verlassen, wie die plaudernden und lachenden Menschen wohl glauben mochten, die jetzt noch, sich des wunderherrlichen Abends erfreuend, vor den Gebäuden auf- und abgingen. Manchen Blick warfen sie nach den dunkeln Waldesschatten hinüber, wo tausend und tausend Glühwürmer in unbeschreiblicher Pracht hin- und herzuckten und den finstern Hintergrund wie mit tausend und tausend Diamanten besäeten, und ahnten nicht, daß von dorther sorgsam versteckte Augen sie beobachteten.

Zwei dunkle Gestalten standen hier in dem Schatten der sie überhängenden Büsche, und laut- und regungslos hatten sie schon lange das geschäftige Treiben der ihre Gegenwart nicht ahnenden Farmer belauscht. Da endlich brach der Eine von ihnen das Schweigen und wandte sich mit leise gemurmelten Worten zu dem Andern.

»Die Pest über das schlabbernde, plappernde Volk,« sagte er mit vorsichtig gedämpfter Stimme – ist's denn nicht gerade, als ob ein Pack Franzosen und Indianer hier ihr Nachtlager halte? – Höre, Dan, mir gefällt der Platz überhaupt nicht; muß uns auch heute gerade der Teufel herführen, wo die ganze Nachbarschaft zusammengekommen ist und ihre Hunde mitgebracht hat. Wenn uns die Bestien erst einmal wittern, dann gute Nacht – ich glaube, wir setzen uns hier ganz unnütz einer großen Gefahr aus.

[157] »'s ist nicht so schlimm, als Ihr denkt,« sagte der Andere, indem ein grimmiges Lächeln seine dunklen Züge überflog, »dicht nebenbei fließt der Bach; mit wenigen Sätzen können wir drin sein, und wie der Wind jetzt steht, so ist Zehn gegen Eins zu wetten, daß sie uns gar nicht wittern können. Uebrigens habt keine Angst um mich – es wäre das erste Mal, daß ich bei solchem Spaß erwischt würde; nein, ich halte mein Wort und hole Euch eine Büchse, darauf könnt Ihr Euch verlassen. Wenn ich nur nicht einen so nichtswürdigen Hunger hätte.«

»Hunger – immer Hunger und Essen, und Essen und Hunger –« murrte ärgerlich sein Gefährte – »wenn ich nur Waffen hätte, ich wollte gern hungern.«

»Essen und Hunger?« rief der Mulatte, denn ein solcher war es, der jetzt zu dem bleichen Antlitz seines weißen Kameraden emporsah – »und wann habe ich denn das letzte Mal gegessen, Massa Cotton, und was war das? Mais – harter Mais, den ich aus einer Dachkammer stehlen mußte, und wofür ich die zwei Schrote noch im Schenkel trage. Sind wir nicht jetzt ein paar Wochen lang wie die wilden Bestien gehetzt worden? Und tragt Ihr dabei nicht die meiste Schuld? Wir wären lange vergessen gewesen und hätten unsern Weg unbelästigt fortsetzen können, aber nein, da müßt Ihr den Reisenden mitten auf der Landstraße überfallen, und wundert Euch nachher noch, wenn uns die Bevölkerung von drei Countys auf den Hacken und der ganze Staat in Aufregung unserthalben ist. Ueberdies seid Ihr weiß und könnt immer noch eher, ohne gleich Verdacht zu erregen, in irgend einem Hause einkehren und eine richtige Mahlzeit halten. Wenn ich mich aber mit meiner farbigen Physiognomie irgendwo blicken ließe, so wäre die erste Frage nach einem Paß und die zweite nach einem Constabler. Nein, solch ein Leben hab' ich satt und will froh sein, wenn ich die Sclavenstaaten erst im Rücken weiß und kanadiensische Erde unter den Füßen fühle.«

»Und ehe das geschieht, hast Du noch manche Meile zu durchwandern,« murmelte der Weiße. – »Dan, Dan, Du [158] glaubst gar nicht, wie sie in Missouri und Illinois hinter entlaufenen Negern her sind. Es ist entsetzlich schwer durchzukommen.«

»Ja, ja,« erwiderte der Mulatte sinnend – »ich habe schon oft daran gedacht; am Ende wär's doch noch besser, wir gingen auf die Insel – Hölle und Verdammniß, ein Hund führt ja ein besseres Leben, als wir hier. Es ist dann auch kein Wunder, daß man schlimmer wird, als man eigentlich ist, und ein Menschenleben nicht mehr höher achtet, wie eben das eines Wolfs oder Panthers.«

»Nein – auf die Insel gehe ich nicht,« brummte Cotton – »wenigstens so lange noch nicht, als ich hoffen darf, auf andere Art zu entkommen. Das ist schon recht gut, daß man dort sein Leben gesichert weiß, und von den Mühen und Strapazen, die wir Beide mitsammen durchgemacht, ausruhen könnte, aber der Schwur – und nachher ist man von lauter Spionen und Aufpassern umgeben, die immer nur darauf lauern, Jemanden zu bekommen, durch dessen vielleicht unbedachtes, gar nicht so bös gemeintes Wort sie eine hohe Prämie gewinnen können; nein, das ist meine Sache nicht. Ueberdies traue der Teufel dem Kram; heut oder morgen nimmt die Sache einmal ein trübseliges Ende, und so viel Erfahrung hab' ich doch auch in der Welt gesammelt, daß ich weiß, wenn irgend Welche bei solcher Gelegenheit die Zeche bezahlen müssen, so sind es stets Die, die am wenigsten damit zu thun gehabt, am wenigsten bekannt und vertraut mit dem Ganzen gewesen. Geht es indessen gar nicht anders, können wir auf keinem Boote den Verfolgern entgehen, gut, dann hab' ich nichts mehr dagegen. Jetzt aber wollen wir erst einmal eine Reise nach dem Osten versuchen, denn daß wir unsere Flucht dorthin nehmen könnten, halten sie gewiß für am wenigsten glaublich. Sorge also nur für eine ordentliche Büchse, denn wir müssen noch Geld zur Reise anschaffen, und das kann nicht ohne Waffen geschehen, nachher hab' keine Sorge. In der Gesellschaft eines Weißen fragt Dich Niemand nach einem Paß – hat Niemand ein Recht dazu, Dich zu fragen, und es müßte [159] mit dem Teufel zugehen, wenn wir nicht glücklich die lumpigen paar hundert Meilen zurücklegen könnten.«

»Nun, wenn weiter nichts dazu fehlt –« grinste Dan, »so hoffe ich dem heute Nacht abhelfen zu können. Ist überhaupt eine Büchse in einem der beiden Häuser – und ich wette meinen Hals darauf, daß wenigstens drei dort sind – so haben wir sie noch vor Tagesanbruch hier draußen und dann ade Arkansas.«

»Vergiß aber auch die Kugeltasche nicht,« sagte Cotton – »es wäre sonst nur ein nutzloses Stück Eisen.«

»Ihr haltet mich für gewaltig dumm – aber ein paar Stunden müssen wir noch warten, denn die Burschen da drin scheinen gar nicht zur Ruhe zu kommen.«

»Mich wundert's, daß die Hunde so still sind,« sagte der Weiße nach kurzer Pause, in der er aufmerksam das Haus und seine Umgebung beobachtet hatte – »keiner der Köter rührt sich, und es müssen doch wenigstens elf oder zwölf von ihnen dort sein.«

»Läßt sich sehr leicht erklären,« kicherte der schlaue Mulatte, indem er die Hand gegen das Gebäude ausstreckte. – »Dort hinten, gerade zwischen dem Haus und Feld, hängt das Hirschfleisch – wir haben Beide gesehen, wie es der Eine noch nicht so lange dorthin getragen hat. – Die Hunde aber sind gut genug und keiner würde es anrühren; keiner gönnt es aber auch dem andern oder traut einem der Kameraden, sie liegen alle darunter und bewachen es, und ich setze meinen Hals zum Pfande, daß mich keiner wittert, wenn ich zum Hause schleiche.«

»Das thust Du allerdings,« murmelte der Weiße. »Wenn ich nicht ganz irre, so ist dies die Farm, auf der Cook wohnen soll, und der versteht keinen Spaß. Erwischte er Dich, so wäre der Hals gerade derjenige Körpertheil, der die Zeche bezahlen müßte. Hast Du Deine Waffen?«

»Ihr fragt sonderbar,« sagte der Mulatte, indem er ein langes, schweres Messer aus der versteckten Scheide zog und in dem matten Dämmerlicht, das sie umgab, blinken ließ. – »Unbewaffnet – ein Nigger zwischen lauter Weißen? Nein [160] wahrhaftig, das wäre nicht mehr Tollkühnheit, das wäre Wahnsinn. Wer mich lebendig fangen will, der muß früh aufstehen, denn auch meine Pistole hier ist mit kleinen Kugeln geladen.«

»Und sollten die Hunde dennoch anschlagen?« sagte Cotton ernst.

»Dann springt nach unserer Verabredung in den Bach,« flüsterte der Mulatte – »an den drei Cypressen finden wir uns wieder.«

»Wäre aber der Platz besetzt?«

»Hm, das ist nicht wahrscheinlich – aber freilichmöglich; nun dann müssen wir wieder nach dem Hause zurück, in dem wir vorgestern Nacht eingebrochen sind – Ihr kennt da schon unsern Versteck. Von da aus können wir auch den Mississippi leicht erreichen. Hölle und Verdammniß, hättet Ihr nur das unnütze Blut nicht vergossen, so wären wir auch nicht so weit hier hinunter nach Süden getrieben und könnten jetzt schon vielleicht in Kanada sein –«

»Oh geh mit Deinen moralischen Vorlesungen zum Teufel« knurrte Cotton – »hol' die Büchse und überlaß das Andere mir. – Wie ist's denn – mir kommt's vor, als ob sie drüben zu Bett gehen wollten.«

»Nun, Zeit wär's,« sagte der Mulatte, »aber einschlafen müssen wir sie auch erst lassen.« –

Cotton hatte recht gesehen. Die Nachtluft war, wie das stets in diesen Sümpfen der Fall ist, ungemein feucht und die Männer zogen sich bald in Cook's Haus zurück, um sich ihre Lagerstätten, so gut es gehen wollte, herzurichten.

Zwei Betten standen nur in dem kleinen Raum, und die hatten, das eine der alte Lively, das andere Cook und Sander inne; James dagegen lag mit Cook's ältestem Knaben, einem Burschen von acht oder neun Jahren, auf einem ausgebreiteten Bärenfell mitten in der Stube. Auf dem kleinen, an der rechten Wand befindlichen Tischchen flackerte ein Talglicht und erhellte den Raum kaum hinlänglich, um noch ein paar rohgearbeitete Stühle und eine Art Eßschrank erkennen zu lassen, [161] der links vom Eingang und zwischen Kamin und Thür stand. Sonst war, einige Regale, auf denen die bescheidene amerikanische Wäsche einer Haushaltung lag, ausgenommen, nichts von Möbeln zu sehen, und die über den Betten aufgehangenen Kleider der Mrs. Cook dienten auch noch, indem sie einen Kleiderschrank vollkommen entbehrlich machten, zu Tapeten und Zierrathen.

Cook's Knabe war der Letzte, der sein Lager suchte; dieser hatte eben das Licht ausgelöscht und sich auf sein Fellbett niedergeworfen, als ihn der Vater, der sich indessen auf der knarrenden Bettstelle zurechtrückte, frug, ob er auch den Pflock vor die Thür geschoben habe.

»Nein, Vater,« sagte dieser – »die Hunde sind ja draußen –«

»Die Hunde lagern, wie ich eben gehört habe, alle hier hinten, unter dem Hirschfleisch,« erwiderte Cook.

»Es wird uns wohl Keiner stehlen,« lachte Sander, »wir sind doch auch Personen genug und haben ein paar Büchsen im Hause.«

»Nun, zu spaßen ist nicht,« sagte der alte Lively und streckte sich behaglich aus – »in der vorigen Woche sind weiter im Lande drin viele Diebstähle vorgefallen, und erst vorgestern haben sie, wie uns James erzählte, einen Mann gar nicht weit von hier in seiner Hütte überfallen. Nicht wahr, James, Du brachtest ja die Geschichte mit nach Hause?«

»In Bolwey's Haus haben sie wahrscheinlich eine Büchse stehlen wollen,« sagte der also Aufgerufene,»Bolwey kam aber noch zeitig genug dazu und vertrieb sie wieder. Weiter hierher zu sind sie dann in derselben Nacht bei Isloos eingebrochen, haben den alten Jsloo schwer am Kopfe verwundet und, was sie in der Geschwindigkeit erwischen konnten, meistens Kleider und werthlose Sachen, auch eine Pistole, mitgenommen.«

»Ja, Jsloo vermißt aber auch jetzt, wie ich von Draper gehört habe, seine Brieftasche,« sagte Cook, »und in der [162] sollen, wenn auch kein Geld, doch für ihn sehr werthvolle Papiere sein.«

»Wo hast Du denn Draper gesehen?« frug James.

»Draußen im Walde; als er meinen Schuß hörte, kam er herbei und half mir den Hirsch mit auf's Pferd heben.«

»Hat man denn gar keine Vermuthung, wer diese Spitzbuben sein könnten, Gentlemen?« frug Sander.

»Wahrscheinlich Cotton und der frühere Mulatte und Helfershelfer Atkins'«, sagte Cook – »Cotton soll auch den Mann in Poinsett County erschlagen haben, wenigstens sind alle Sheriffs und Constabler, wenn auch vergebens, hinter ihm hergewesen, ihn zu fangen.«

»Und weiß man nicht, welche Richtung er überhaupt genommen?« meinte Sander.

»Nein – jetzt nicht; – wie es den Anschein hat, so wollten die Flüchtigen gen Norden hinauf, denn vom Fourche la fave aus waren sie über den Arkansas gegangen und schon bis an die Straße gekommen, die den St. Francissumpf von Memphis nach Batesville durchschneidet. Dort aber verübten sie den Mord und hatten nun augenblicklich die ganze Ansiedelung am Languille – lauter tüchtige Jäger – hinter sich, so daß sie genöthigt waren, wieder zurück in die Sümpfe zu flüchten. Ob sie nun ihren Plan geändert haben und vielleicht über den Mississippi wollen, oder ob das hier gar Andere sind, wer weiß es. So viel aber ist gewiß, hier in der Gegend treiben sie sich umher, und wir haben uns schon verabredet, beim ersten Zeichen, das wir wieder von ihnen finden, die ganze Nachbarschaft aufzubieten und einmal ein ordentliches Treibjagen auf die Canaillen anzustellen.«

»Bei Heinze sind vor einigen Tagen ebenfalls mehrere Sachen weggekommen,« meinte der alte Lively, schon halb im Schlafe – »ein paar Schuhe, und – und der alte Heinze –«

»Den haben sie gestohlen?« lachte Cook.

»Ahem!« murmelte der Greis und sein schweres Athmen bewies gleich darauf seine Unzurechnungsfähigkeit in Allem, was für den Augenblick Fragen oder Antworten betraf.

[163] Auch die Uebrigen fingen nach und nach an müde zu werden. Cook machte noch einige Bemerkungen, aber schon mit ziemlich schwerer Zunge und geschlossenen Augen, und endlich verrieth auch sein Schnarchen, wie der ermattete Körper dem Schlummergott unterlegen war.

Mehrere Stunden mochten so entschwunden sein – tiefe Ruhe herrschte auf der kleinen Ansiedelung – kein Laut wurde gehört, nur das monotone Quaken der Frösche und dann und wann der Ruf eines auf Beute ausgehenden Nachtvogels unterbrach das Schweigen. Der Mond, zeitweise durch vorbeiziehende Wolkenschleier verhüllt, sandte seine matten, ungewissen Strahlen über die Lichtung, und es schien fast, als ob er selbst da oben müde würde und sich hinabsehne in sein kühles, laubiges Bett. –

Da schlich leise und vorsichtig eine dunkle Gestalt über den schmalen freien Raum, der die Wohnung von dem benachbarten Dickicht trennte. Lautlos war ihr Schritt, geräuschlos jede ihrer Bewegungen, und als sie die nur angelehnte Thür erreicht hatte, stand sie, dicht an den Pfosten geschmiegt, still und lauschte wohl mehrere Minuten lang auch dem leisesten Athemzug im Innern der Hütte. Dann erst, als sich dem scharfen Ohr nichts Verdächtiges darbot, öffnete der Verbrecher mit sicherer Hand die Pforte und schlüpfte hinein.

Fußnoten

1 Zwischen den beiden kleinen Flüssen Cash, undDay de view liegt eine so undurchdringliche Sumpfstrecke, daß nur selten ein Jäger kühn genug ist, dort einzudringen, da er es nie möglich machen kann, das, was er wirklich auf der Jagd erbeuten sollte, auch fortzuschaffen. Es ist das jetzt der einzige Platz in den Vereinigten Staaten, wo sich der Büffel noch, ringsum von Ansiedelungen umgeben, in einzelnen Heerden findet und auch nicht, trotzdem er fast nur Jäger in seiner Nachbarschaft hat, ausgerottet werden kann.

12. Der Mulatte

12.

Der Mulatte.

Der Mulatte, denn dieser war es, hielt noch immer die wieder festangedrückte Thür in der Hand. Vorsichtig lauschte [164] er dabei dem geringsten Ton, um sich erst vollkommen davon zu überzeugen, ob auch wirklich Alle schliefen und nicht vielleicht ein Einzelner nur ruhig auf der Lauer liege, den nächtlichen Feind zu beobachten und zu überfallen. – Lange verharrte er auch in dieser Stellung und glich eher einer aus dunklem Stein gehauenen Statue, als einem menschlichen, athmenden Wesen.

Undurchdringliche Finsterniß herrschte in dem kleinen Raume, welcher die von des Tages Anstrengung und Hitze ermüdeten Männer umschloß. Das Feuer im Kamin war niedergebrannt, und nur zwischen den oberen Balken hindurch fand das matte Dämmerlicht des Mondes einen schwachen Eingang. – Nichts regte sich – kein Ton wurde laut, als das regelmäßige Athmen der Schlafenden. Der Mulatte konnte das Schlagen seines eigenen Herzens deutlich, ja so deutlich hören, daß er schon fürchtete, es müsse ihn verrathen, und er preßte die breite schwielige Hand fest darauf, diese augenblickliche Schwäche zu besiegen.

Endlich mochte er sich wohl überzeugt haben, daß ihm hier noch keine Gefahr drohe. Er griff jetzt leise hinauf über die Thür, wohin die Farmer stets auf dort eingeschlagene Pflöcke ihre langen Büchsen legen, und ein triumphirendes Lächeln durchzuckte sein dunkles Angesicht, als er den Lauf der gehofften Waffe fühlte. Schnell und ohne Zögern hob er sie herunter. Nun mußte er aber auch noch die Kugeltasche haben, und dem Jägergebrauch nach hing diese an der andern Seite beim Kolben, und zwar an demselben Haken, der diesen trug.

Mit einem Schritte war er drüben, aber – »Pest!« knirschte er leise zwischen den Zähnen hindurch, als er den leeren Platz dort fühlte. Sie war nicht da, und wo sollte er jetzt zwischen den nur leicht schlafenden Männern die kleine Tasche finden? Mußte ihn nicht das unbedeutendste Geräusch verrathen, und würde es ihm möglich sein, zu entkommen, sobald er erst einmal von diesen kühnen und in der Verfolgung so scharfsichtigen Söhnen des Waldes entdeckt und wirklich verfolgt würde? Hier aber half kein Besinnen, [165] denn er wußte, daß ihn sein weißer Begleiter nicht ohne Gewehr durch die Sclavenstaaten der Freiheit entgegenführen würde, Ueberdies war er nun doch einmal mitten zwischen den Feinden; die Zähne also fest auf einander gepreßt, die Rechte am Griff des scharfen Stahls, fühlte er seinen Weg links an der Wand hin und hoffte dabei die ersehnte Kugeltasche auf irgend einer Stuhllehne, oder auf jeden Fall neben dem Kamin aufgehangen zu finden.

Jetzt war er an dem Wandschrank, der das einfache Haus- und Küchengeräth der Familie trug, und unten – er streifte mit dem Bein daran – stak der Schlüssel. Das mußte jedenfalls der Aufbewahrungsort für Lebensmittel sein, und so stark quälte ihn in diesem Augenblick nagender Hunger, daß er alles Andere vergaß, ja selbst die Gefahr nicht achtete, der er sich aussetzte, und so geräuschlos wie möglich die kleine Thür öffnete.

Mit welcher Gier fühlte er aber dort eine große Schüssel, die, wie er sich bald überzeugte, Milch enthielt. Freudig hob er sie an die trockenen Lippen, um in langen, durstigen Zügen die süße Labung einzusaugen. Kaum konnte er sich entschließen, wieder abzusetzen, und tappte nun vor allen Dingen nach etwas Compacterem umher, was er auf seine Wanderschaft mitzunehmen gedachte. Er fand zwar nur wenige Stücken Maisbrod, schob diese jedoch schnell in sein Hemd vorn, das der Gürtel zusammenhielt, und hob nun noch einmal das Gefäß an den Mund.

»Laßt mir auch noch 'was drinnen!« sagte da plötzlich eine Stimme dicht neben ihm, und fast wäre ihm vor lähmendem Schreck das schwere Gefäß aus der Hand gestürzt. – Seine Glieder bebten – regungslos stand er da und wagte kaum zu athmen.

»Mr. Cook!« sagte dieselbe Stimme jetzt wieder – »Mr. Cook!«

»Was giebt's?« frug dieser schlaftrunken aus seinem Bett – »treib' ihn hinaus – er ist über die Fenz gesprungen.«

»Wer?« frug Sander erstaunt.

[166] »Der Rappe,« murmelte Cook.

»Unsinn – schwatzt der im Schlafe von Pferden und Fenzen – ich glaubte, Ihr wäret aufgestanden und tränkt einmal.«

»Ja, ja – was giebt's?« rief jetzt Cook, der sich, munter werdend, im Bette aufrichtete – »rieft Ihr mich?«

»Ich bin fürchterlich durstig,« sagte Sander, »und glaubte, ich hörte Euch trinken. – Wo steht denn das Wasser?«

»Draußen vor der Thür, auf dem kleinen Brett – gleich links,« erwiderte ihm der jetzt ganz munter gewordene Cook – »der Flaschenkürbis zum Ausschöpfen hängt dicht darüber am Nagel. Wollt Ihr aber nicht lieber Milch trinken? im Schranke steht eine ganze Schüssel voll – sie wird doch bis morgen früh sauer.«

Der Mulatte setzte schnell und leise die Schale nieder und zog das Messer aus der Scheide – seine Entdeckung schien jetzt unvermeidlich, denn in der Dunkelheit durfte er, ohne sich zu verrathen, keinen Schritt wagen. Wußte er doch gar nicht, wohin und auf wen er treten konnte.

»Nein, ich danke,« sagte Sander – »Wasser wäre mir lieber; das ist aber eine Finsterniß hier, man kann Hals und Beine brechen.«

»Blast die Kohlen im Kamin ein wenig an,« rief ihm Cook zu – »rechts in der Ecke liegen ein paar Kienspäne.«

Der Mulatte faßte sein Messer mit festerem Griff und hoffte jetzt nur noch, sobald das Feuer emporflackerte, auf die erste Ueberraschung der Männer, um das Freie glücklich zu erreichen. Vorher durfte er keinenfalls wagen, seinen Platz zu verlassen, da er im Dunkeln ja kaum die genaue Richtung kannte, die er zu nehmen hatte, und ihm überdies dort, wo er sich gerade befand, noch allein die Hoffnung blieb, nicht entdeckt zu werden. Sander blies jetzt mit aller Macht in die heiße Asche, vermochte aber keine Flamme zu erwecken, sondern blies sich nur die Asche ein paar Mal selber in die Augen. Endlich sprang er unwillig wieder auf und rief aus:

»Der Teufel mag das Feuer holen; – nicht die Probe von einer Kohle ist mehr zu finden.«

[167] »Ihr könnt ja nicht fehlen und braucht gar nicht aus dem Hause zu treten,« bedeutete ihn Cook – »wenn Ihr auf die Schwelle tretet, habt Ihr den Wassereimer gleich linker Hand.«

»Wie viel Uhr ist's?« frug jetzt James, der ebenfalls wieder munter geworden war.

»Es kann noch nicht so spät sein!« erwiderte Sander – »aber, Donnerwetter, jetzt hab' ich mir die Knochen an einem Büchsenschloß geschunden – und – was ist denn das? Die Thür steht ja hier auf – da wird wahrscheinlich einer von den verwünschten Kötern hereingekommen sein. Wer läßt aber auch die Büchse hier unten stehen!«

»Nun, meine Büchse kann es doch wahrhaftig nicht sein!« rief Cook, »die hab' ich gestern Abend selbst hinauf auf ihren Platz gelegt.«

»Dann ist sie auch von selber wieder heruntergekommen,« brummte Sander, »denn hier steht sie, und das Zeichen davon trag' ich am Schienbein.«

»So hat sie der verwünschte Junge gehabt – he, Bill!«

»Oh laßt den um Gottes willen schlafen; es wäre schade, das schöne Schnarchen zu stören. Der Herr sei uns gnädig, der bläst ja wie nach Noten!«

Sander legte bei diesen Worten das Gewehr wieder an seine Stelle hinauf, trat dann in die Thür, fand den Eimer und trank das kühlende Wasser mit mehreren Ausrufungen unverkennbaren Wohlbehagens.

»Ach!« sagte er, als er mit dem langstieligen Flaschenkürbis wieder den Nagel suchte, an dem er gehangen, »das that gut – es giebt doch nichts Herrlicheres, wenn Einen recht durstet, als ein Schluck Wasser.«

»Besonders, wenn halb Whisky drin ist,« fiel hier Cook ein, der ebenfalls zum Eimer trat, seinen Durst zu löschen – »wo sind denn aber all' die Hunde? – he Deik – he Ned, Bohs, Watch, hallo hier! Wo steckt Ihr Canaillen alle!«

Die Thiere, die bis jetzt hinten am Hause gelegen hatten, kamen winselnd hervor, wedelten vor der Thür herum und wollten an ihrem Herrn hinausspringen.

[168] »Fort mit Euch, Ihr Bestien – nieder!« rief aber Cook – »was liegt Ihr alle miteinander dort hinten unter dem Hirschfleisch? – Einer ist genug. – Du, Watch – willst Du hinaus – Du, Bohs – so hol' doch der Teufel die Hunde – willst Du fort, Canaille!«

»Was haben sie denn?« frug James.

»Ei, die Sappermenter wollen mit aller Gewalt hier herein,« rief Cook ärgerlich – »und schnüffeln, als wenn sie eine wilde Katze auf dem Baume hätten – hol' sie der Henker!«

Mit vieler Mühe gelang es ihm erst, die Thür zu schließen, denn die beiden größten der Hunde schienen sich ihren Weg in das Innere der Wohnung erzwingen zu wollen. Endlich aber brachte er den hölzernen Pflock vor, tappte, während er Sander dabei führte, zu seinem Lager zurück und legte sich wieder nieder, schimpfte jedoch dabei noch fortwährend auf die »Bestien«, wie er sie nannte, die draußen vor der Thür lagen und winselten.

Sander schlief endlich wieder ein, Cook wälzte sich aber noch immer unruhig auf dem Bett herum, denn die Hunde wurden mit jedem Augenblick lärmender, und kratzten jetzt schon an der Pforte und an der Seite des Gebäudes, an welcher der Schrank stand. Einer – wahrscheinlich Bohs, der Hausgelegenheit kannte – hatte sich sogar durch irgend ein lockeres Brett unter dasselbe gearbeitet und heulte nun hier auf schauderhafte Art.

»Nein!« schrie Cook endlich, indem er wieder aufsprang – »das ist zum Rasendwerden. Wenn die Canaillen jetzt nicht augenblicklich ruhig sind, so begehe ich einen Mord. Sie müssen aber doch wahrhaftig etwas wittern, sonst könnten sie sich ja gar nicht so toll und wunderlich anstellen.«

»Wittern?« brummte Sander, der durch den Lärm ebenfalls wieder munter geworden war – »was sollen sie denn hier wittern? – Ich hatte, als ich in der Thür stand, die Büchse in der Hand, und nun glaubt das dumme Viehzeug wahrscheinlich, wir wollten Waschbärjagen gehen. – Mir wär's jetzt gerade so.«

[169] Cook stolperte indessen mit halb verbissenem Fluchen zur Thür, riß diese auf und begrüßte hier die ihn fröhlich anbellenden Köter mit einem Hagel von Schimpfwörtern, wie auch noch anderen, derberen Gegenständen, die ihm gerade in die Hand fielen.

»Da!« rief er dabei, als er etwas nach dem ihm zunächststehenden schleuderte – da, Du Canaille – und da – Du Beest, Du – und da, das für Dich, Du feinpipige Quietscheule, Du, und das für Dich, Du nichtsnutzige heulende Hundeseele. Und nun rührt Euch wieder, Ihr Racker, – muckst Euch, wenn Ihr es wagt. Und Du, Bohs, kommst unter dem Hause vor – hierher, Sir – hol' Dich Dieser und Jener; rühr' Dich aber noch einmal, dann weißt Du, wie wenig ich Spaß verstehe. Fort mit Euch, an's Fleisch, wo Ihr hingehört – Du, Bohs – zurück da – daß Du Dich unterstehst!

Die Hunde gehorchten endlich, wenn auch mit vielem Widerstreben, und Cook schloß die Thür zum zweiten Mal.

»'S ist doch eine Finsterniß hier,« sagte er jetzt, während er sich umdrehte, um zu seinem Bett zurückzutappen, daß »man die Hand nicht vor Augen sehen kann; – wo bin ich denn hier eigentlich hingerathen? – Wetter noch einmal, das ist hier der Schrank – da muß ich ja rechts hinüber.«

»Hier lieg' ich,« sagte Sander, der sein Lager mit ihm theilte.

»Komme gleich!« erwiderte Cook, und stand in diesem Augenblick unter dem gezückten Jagdmesser des Mulatten, kaum zehn Zoll von diesem entfernt, der sich, so dicht es gehen wollte, an die Wand gedrängt hatte. Ein einziger Schritt – ein einziges Ausstrecken der Hand mußte ihn mit dem hier Eingeschlichenen in Berührung bringen, und daß der zum Aeußersten getriebene Gelbe sich dann auch nicht bedenken würde, den Feind unschädlich zu machen, der für den Augenblick seiner Flucht hemmend im Wege stand, war vorauszusehen. Cook's guter Geist lenkte jedoch seine Schritte, daß er sich dicht vor der dunkeln Gestalt wandte und quer über Bill's Bett, über diesen und James hinweg, seinem eigenen [170] Lager zuschritt, auf das er sich ermüdet warf und auch bald wieder einschlief.

Grabesschweigen herrschte auf's Neue in der kleinen Wohnung. – Das regelmäßige Athmen unterbrach allein wieder die Stille, und vorsichtig hob der Mulatte jetzt noch einmal die Schale, trank auch den letzten Rest Milch, und schlich nun so geräuschlos als möglich zur Thür zurück. Da stieß er mit dem Fuß an einen ihm durch Cook in den Weg geschobenen Stuhl, und zwei Stimmen athmeten nicht mehr – er wußte, sie waren erwacht oder wenigstens gestört. Bewegungslos blieb er an seiner Stelle und fand bald, daß – glücklich für ihn – nur das Letzte der Fall gewesen sein mußte, denn bald darauf fielen sie wieder in den allgemeinen Chor ein, und Dan begann, seinen Weg weiter zu fühlen.

Als er aber den Stuhl vorsichtig bei Seite schieben wollte, berührte sein Finger an der Stuhllehne einen Ledergurt; rasch fuhr er daran hinunter und fand hier – die lang' ersehnte Kugeltasche. Schnell hing er sie um seinen Nacken, und wollte eben den Stuhl verlassen, da fühlte er auf dem Sitz desselben noch einezweite. Welches war nun die richtige? Und einen Moment stand er unschlüssig – aber auch nur einen Moment, denn solche Kleinigkeit konnte ihn nicht lange die gefährliche Lage vergessen machen, in der er sich befand. Um sicher zu gehen, nahm er alle beide, trat geräuschlos an die Thür, fühlte nach der Büchse, die Sander wieder hinaufgelegt hatte, hob sie leise herab, und zog jetzt den Pflock heraus, der die Thür verschlossen hielt.

Waren die Hunde noch auf der Wacht? – In diesem Falle war' er verloren gewesen, denn die Meute, die erst vor wenigen Wochen einen fünfjährigen Bären gestellt und bezwungen hatte, würde den fast wehrlosen Schwarzen augenblicklich in Stücke zerrissen haben. Sein Herz schlug daher, als er die Thür ein klein wenig öffnete, wie ein Hammer. Glücklicher Zufall – keiner der Hunde lag vor der Thür. – Der Befehl des Herrn hatte sie alle hinter das Haus gewiesen, und konnte er jetzt nur fünfzig Schritt Vorsprung gewinnen, so war er gerettet – geräuschlos öffnete er die Pforte.

[171] »Seid Ihr es, Mr. Hawes?« frug jetzt James, der in diesem Augenblick von dem kalten, gerade über ihn hinstreichenden Luftzug erwachte – »ha – wer ist an der Thür?«

Keine Antwort erfolgte – kein Laut ließ sich hören, und der Fragende glaubte schon geträumt zu haben. Der Dieb aber stand auf der Schwelle – im Freien – die kalte Nachtluft kühlte seine in Fiebergluth brennenden Wangen, und vorsichtig glitt er in der Dunkelheit dem nahen Dickicht zu, um die schlafenden Wächter nicht zu ermuntern und unentdeckt zu entkommen. Schon hatte er die niedere Fenz erreicht, welche die Wohnung umgab, und zitternd überstieg er sie, als er mit dem linken Fuß den Stiel einer Hacke berührte, die daran lehnte und jetzt umfiel.

Da schlug Bohs an – ihm folgte Watch, und im nächsten Augenblick brachen die Hunde um das Haus herum. Mit langen, mächtigen Sätzen floh aber auch jetzt der Mulatte, die gewonnene Büchse hoch emporhaltend, dem Walde zu, hatte gerade, als die Meute auf seiner Fährte heulend anschlug, das Dickicht erreicht, rief, da er den Gefährten nicht sehen konnte: »In's Wasser – in's Wasser!« – sprang dann selbst, ohne auch nur eine Secunde Zeit zu verlieren, in den kleinen Bach und watete, so schnell es ihm möglich war, stromab.

Noch hatte er sich übrigens keine fünfzehn Schritt von der Stelle, wo er den Wasserrand zuerst betrat, entfernt, als auch die Hunde, bellend und kläffend, mit den Nasen am Boden, dort ankommend, ohne Weiteres hindurchsetzten und auf der andern Seite in der Irre umhersuchten. Da schlug ein junger Brake, wahrscheinlich auf einer Kaninchen- oder Waschbärenfährte, an, und obgleich Bohs und Watch im Anfang gar nicht gesonnen schienen, dem Lärmenden zu glauben, so wurden sie doch zuletzt selbst durch das wilde Toben der Meute verlockt und brachen jetzt in langen Sprüngen hinterher, um die Jagd nicht zu versäumen und in der Verfolgung, wie gewöhnlich, die ersten zu sein.

»Hahaha,« lachte der Mulatte vor sich hin, als er dem sich weiter und weiter entfernenden Toben lauschte – »wie sich das Hundezeug jetzt abquälen wird, um etwas zu finden, [172] was gar nicht da ist. Aber die Zeit vergeht – heh, Cotton – wo seid Ihr?«

»Hier!« flüsterte dieser, der leise in dem Bach heranschritt – »alle Wetter, das hätte schlecht ablaufen können – und die Büchse hast Du wohl auch nicht?«

»So? Meint Ihr etwa? – Hier ist sie – nehmt schnell – da – die Taschen auch, eine von beiden wird wohl die rechte sein. Aber nun fort; hatten wir früher, als die Hunde noch am Hause lagen, vortrefflichen Wind, so wird er jetzt, wenn sie zurückkehren, um so schlechter.«

»Wir müssen in die Hügel. – Dort entgehen wir am leichtesten jeder Verfolgung,« sagte Cotton.

»Ja, aber den Bach dürfen wir in der ersten halben Stunde noch nicht verlassen, und nachher heißt's erst recht Fersengeld geben. Cook ist ein verdammt guter Spürer, und die Anderen werden ihm wohl auch nichts nachgeben.«

»Also fort!« flüsterte sein Begleiter, während er mit dem Ladestock versuchte, ob die Waffe geladen sei – »hier wird's mit jeder Secunde unsicherer, und seit ich das Eisen in der Hand fühle, ist mir's um hundert Procent leichter um's Herz.«

Die beiden Männer schritten jetzt schnell in dem seichten Bach hinauf, der mehrere der niederen Hügel von einander trennte, und verließen ihn erst dann, als er sich zu weit westlich wandte und sie doch vor allen Dingen dem Arkansasfluß zustreben mußten. Es war dies eine Stelle, wo sich die Ufer von beiden Seiten ziemlich schroff und felsig emporhoben und nur rechts in eine ebenere, aber auch steinige Fläche ausliefen, während sie links bis zum Gipfel des höchsten Bergkammes aufstiegen.

Dieser wollten sie, ihre Bahn wieder zurücknehmend, folgen, denn sie wußten, daß sie dann Helena oder doch die Umgegend der Stadt erreichen mußten. Hier hofften sie im Stande zu sein, sich eine Weile versteckt zu halten. Drohte ihnen aber auch da Gefahr, ei nun, so ließ sich dort leicht ein Boot stehlen, um damit das gegenüberliegende sichere Ufer zu erreichen.


* * *


[173] »Ei, so wollt' ich denn doch, daß die verdammten Hunde beim Teufel wären!« rief James aufspringend – »das ist ja ein Heidenlärm die ganze Nacht hindurch – kein Auge kann man zuthun. Nun hör' nur Einer die Bestien!«

»Hallo – was giebt's?« sagte jetzt auch, gewaltsam den Schlaf abschüttelnd, Cook – »mit wem spracht Ihr, James – wer war an der Thür?«

»Was haben denn die Hunde?« frug ebenfalls der noch halb schlaftrunkene Sander.

»Mit wem ich sprach?« sagte der Angeredete, sich die Augen reibend, »ja wie zum Henker soll ich denn das wissen? Die Thür ging auf, das wollt' ich beschwören, und ich dachte, es wäre Einer von Euch; ich war aber so im Schlafe, daß ich mich geirrt zu haben glaubte und wieder zurück auf's Kissen fiel. Gleich darauf ging der Skandal mit den Hunden los, die jetzt in –«

»Beim ewigen Gott – die Thür ist offen und meine Büchse fort!« schrie in diesem Augenblicke Cook, der indessen auf die Schwelle getreten war, dort aber kaum den innern Vorstecker weggezogen fand, als er auch schon, fast instinctartig, nach der eigenen Waffe griff.

»Kann man denn die Thür von außen öffnen?« frug jetzt Sander.

»Gott bewahre!« rief Cook, ingrimmig mit dem Fuße stampfend, »die Spalten sind alle sorgfältig mit Klötzen und Brettern vernagelt – Einer von Euch muß den Vorstecker wieder zurückgezogen haben.«

»Es hat sich Keiner von uns gerührt!« rief James.

»Dann ist auch Jemand hier drinnen gewesen,« – tobte Cook – »Pest und Donner – jetzt weiß ich auch, weshalb die Hunde so außer sich waren und mit Teufelsgewalt hier herein wollten – und ich Esel muß dem Schuft auch noch forthelfen.«

»Habt Ihr kein Feuerzeug hier im Hause?« frug jetzt Sander – »es ist ja eine Dunkelheit, daß man Hals und Beine brechen möchte.«

»Wartet – laßt mich vor –« sagte James – »ich [174] will gleich Feuer anmachen – ich weiß hier Hausgelegenheit – Ihr findet's doch nicht.«

Cook tappte indeß im Dunkeln nach den Kugeltaschen umher.

»Himmel und Hölle,« brummte er dabei vor sich hin – »sollte der gottvergessene Halunke – Bill – Bill! Hat der Bengel einen Schlaf – Bill! Sag' ich – wo hast Du die Kugeltasche hingehängt?«

Bill fuhr nun zwar empor, als er seinen Namen hörte, begriff jedoch noch lange nicht, was man von ihm wollte. James aber, emsig damit beschäftigt, einzelne Kohlen unter der Asche vorzuschüren und zu neuer Gluth anzublasen – sagte:

»Auf dem Stuhl – links von der Thür – hängt die eine – und die andere – verdammte Asche, das beißt schändlich in den Augen – und die andere muß auf dem Sitze liegen – die gehört zu meiner Büchse.«

»Auf welchem Stuhl?« rief Cook schnell, indem er den ihm nächst stehenden von oben bis unten befühlte.

»Auf dem dicht an der Thür – zwischen dieser und dem Schranke.«

»Dann sind sie fort!« knirschte Cook, den Stuhl gewaltsam von sich schleudernd, daß er über den noch immer halb schlafenden Bill wegfiel und diesen schneller, als es sonst wohl der Fall gewesen, auf die Beine brachte.

»Beide?« rief James erschreckt und leuchtete mit einem eben entzündeten Kienspan überall im Zimmer umher – »die meine auch? Beim ewigen Gott – auf den Stuhl da habe ich sie selbst gelegt – die Büchse ist auch fort und die Thüre offen – über das Geschehene brauchen wie also gar nicht mehr im Zweifel zu sein. Der diebische Hund war hier im Zimmer und lacht sich jetzt in's Fäustchen.«

In wilder Hast kleideten sich nun die Männer an, während Bill das Feuer im Herde heller lodern machte und das Licht ebenfalls wieder anzündete, daß sie wenigstens den kleinen Raum übersehen konnten. Cook's Wuth aber, als er das geleerte Milchgefäß fand, kannte keine Grenzen, und er schwur [175] und fluchte auf höchst gotteslästerliche Art. Was aber jetzt thun? Nach den Sternen war es kaum Eins vorbei, und in solch dunkler Nacht ohne die Hunde eine Verfolgung zu beginnen, wäre Wahnsinn gewesen. Ließen sie aber die Flüchtigen bis Tagesanbruch unverfolgt, so gewannen diese einen solchen Vorsprung, daß ein Nachsetzen hoffnungslos werden mußte.

»Daß man auch gar nichts mehr von den Hunden hört!« rief James ärgerlich und horchte noch immer nach ihnen in die Nacht hinaus, »das Beste wird doch am Ende sein, ich sattle mein Pferd und reite in den Wald. Vielleicht sind die Thiere der rechten Spur gefolgt, haben den Schuft auf irgend einen Baum getrieben und liegen darunter und heulen.«

»Unsinn!« sagte der alte Lively, der indessen ebenfalls mit Ankleiden fertig geworden war – »wenn der Bursche da aus der Thür sprang, als Du ihn anriefst, – denn das habe ich deutlich gehört – so hat er auch höchstens zweihundert Schritt Vorsprung gehabt, ehe ihm die Hunde auf den Hacken waren, und dann blieb ihm keine Zeit mehr zu entkommen. In hundert Schritt weiter mußten sie ihn eingeholt haben, wären sie wirklich der richtigen Fährte gefolgt. Nein, sie sind in's Blaue hinein getobt, und wer weiß, wann sie wieder zurückkommen.«

»Wie wär's denn, wenn wir einmal das Horn bliesen, Vater?« sagte Bill, »vielleicht sind sie nicht so weit fort und können es noch hören.«

»Wird wenig helfen, wir wollen's aber versuchen. – Tod und Teufel, was für ein Hauptspaß wäre das geworden, wenn die Hunde den Schuft auf frischer That erwischt hätten!«

»Nun, zu spät ist's noch immer nicht!« brummte James, »ich habe wenigstens eine Kugel im Rohr, und die, hoff' ich, werd' ich dem nächtlichen Halunken wohl noch auf den Pelz brennen. Wo aber zum Donnerwetter ist denn mein einer Schuh? – Ich habe doch alle beide hier neben einander hingestellt?«

»Ich kann meine Stiefel auch nicht finden,« sagte Sander [176] – »nun weiter fehlte nichts, als daß uns die Canaille auch noch das Schuhwerk mitgenommen hätte.«

»Die werden draußen liegen,« brummte Cook ärgerlich, während er in die Thüre trat – »ich habe, glaub ich, solche Dinger wie Schuh oder Stiefeln nach den verwünschten Kötern geworfen, als sie das Heulen gar nicht lassen wollten.«

»Sehr schön das,« meinte Sander, als er jetzt draußen im Dunkeln mit bloßen Füßen zwischen den Spänen und Holzstücken nach den verlorenen Schuhen umhersuchte, »das geht sich hier prächtig, barfuß auf den scharfen Splittern – Herr Gott – ich glaube – ich habe mir die Zehen abgestoßen.«

James kam ihm jetzt mit einem brennenden Kienspan zu Hülfe, und sie fanden bald ihr wild umhergestreutes Schuhwerk, während Cook den Schall des Horns laut und gellend in die stille Nacht hinaustönen ließ. Lange aber mußte der Farmer vergeblich blasen, und schon wollte er das einfache Instrument unmuthig bei Seite werfen, als ein leises Winseln wenigstens einen der sich nähernden Rüden verkündete. Gleich darauf kam auch Vohs, den langen buschigen Schwanz fest zwischen die Läufe geklemmt, mit dem Bauch fast die Erde streichend, heran und schlich demüthig zu seinem Herrn hinan. Es war fast, als ob er diesem auf jede nur mögliche Art und Weise darthun wollte, wie tief zerknirscht er sich seines so ganz eines ordentlichen Hundes unwürdigen Betragens wegen fühle und wie leid ihm der begangene Fehler thue.

Cook war jedoch über des treuen Thieres Rückkehr viel zu sehr erfreut, als daß er es lange hätte mit Vorwürfen überhäufen sollen. Er schleuderte ihm nur als erste Begrüßungsformel einige Kernflüche entgegen, die Bohs auch ohne weitere Bemerkung einsteckte, und streichelte dann dem durch ein einzig gütiges Wort Beruhigten mit unverkennbarer Freude den Kopf.

»So recht, mein Alter – laß die anderen Canailleu laufen, wir Beide wollen dem Burschen schon auf die Spur kommen. Wird's nur erst wieder hell, so müßte er ja mit dem Bösen im Bunde stehen, wenn er nicht wenigstens eine [177] Fährte hinterließ, denn durch die Luft kann er doch wahrhaftig nicht davongesegelt sein.«

»Wo aber jetzt suchen?« sagte James – »ich begreife gar nicht, daß die Hunde, die so dicht hinter ihm gewesen sein mußten, seine Spur sollten verloren haben.«

»Paßt einmal auf, der hat den Bach angenommen,« betheuerte der Alte. »Der Wind streicht von hier dort hinüber, wittern konnten sie ihn nicht gut, und wenn er von seiner Fährte absprang, so ist nichts wahrscheinlicher, als daß die Hunde dadurch irre geführt wurden.«

»Dann wird er sich auch stromab, dem Mississippi zu gemacht haben,« rief James; »wo der Bach wenigstens für ein Canoe schiffbar wird, hat er das vielleicht angebunden und ist, während wir in den Bergen auf kalter Fährte umherhetzen, lange im Strom oder im andern Staate drüben.«

»Dort hat gestern Abend kein Canoe gelegen,« wandte hiergegen der junge Cook ein, »das weiß ich gewiß. Noch vor Dunkelwerden war ich mit Turner's Henry unten, um ein paar Fische zu fangen, und wir sind unter jedem Busch in der ganzen Nachbarschaft herumgekrochen.«

»Waren keine Fährten zu sehen?« frug sein Vater.

»Nicht eine, denn wir schauten uns auch noch besonders genau nach Otterzeichen um, und hätten doch gewiß in dem weichen Boden die Fußstapfen eines Mannes erkennen müssen.«

»Dann sind sie in die Hügel,« rief Cook. »Hat übrigens hier, wie ich kaum noch zweifeln kann, der verdammte entsprungene Mulatte die Hand im Spiele, so sei Gott unseren Pferden gnädig – dann dürfen wir auch keinen Augenblick Zeit mehr verlieren.«

»In Nacht und Nebel wird Ihnen aber eine Verfolgung wenig nützen,« nahm hier Sander das Wort, der bis dahin sinnend am Kamin gestanden. – »Wär' es nicht besser, Sie warteten das Tageslicht ab und ritten dann gleich zum nächsten Richter, die nöthige Anzeige davon zu machen?«

»Und was sollte der uns helfen?« frug der alte Lively verächtlich, während er aus Leibeskräften in den verkehrten Aermel seiner Jacke fuhr – »wenn der 'was ausrichten [178] wollte, müßte er uns doch immer wieder dazu rufen. Nein, nach müssen wir, und das gleich. Bill mag die Pferde holen; glücklicher Weise sind sie drüben über dem Bache im Schilfbruch, wo der Mulatte nicht hin sein kann, sonst hätten ihn die Hunde schon.«

»Ja wohl, Lively hat Recht,« rief Cook, »wir können ja, so lange es dunkel ist, die Pferde an den Zügeln nehmen und vorsichtig am Bachufer hin suchen. Begreift Bohs erst einmal, was wir wollen, so hat's weiter gar keine Noth.«

»Mit dem einen Hunde wird es freilich eine langweilige Geschichte werden,« meinte James, »Bohs kann doch blos auf einem Ufer suchen und der Flüchtling indessen immer auf dem andern den Bach verlassen haben, wenn er – was überhaupt noch erst bewiesen werden muß, diesem wirklich gefolgt ist.«

»Gefolgt muß er ihm sein,« meinte Cook, »sonst hätten ihn die Hunde auf jeden Fall gespürt. – Wie dem aber auch sei, Glück gehört allerdings zu einer solchen Nachthetze. Bleiben wir jedoch ruhig im Haus, so können wir gar nicht erwarten, daß wir irgend etwas ausrichten, denn hierher kommt er nicht wieder. Also fort, Bill', hol' uns die Pferde –die Sättel liegen dort in der Ecke – gehen Sie mit, Mr. Sander?«

»Ei, das versteht sich,« lachte dieser, »bin ich auch kein so vorzüglicher Spürhund, wie ein alter Pionier, so hoffe ich doch meinen Mann zu stehen. – Uebrigens möchte ich Sie noch einmal darauf aufmerksam machen, ob es nicht doch vielleicht besser wäre, die Sache zuerst den Gerichten anzuzeigen; wir können ja nachher immer noch –«

»Wir wollen um Gottes willen die Gerichte nicht bemühen,« sagte James unwillig – »jetzt haben wir auch wirklich gar keine Zeit mehr, an sie zu denken. Der Dieb ist noch dazu bewaffnet, und gut bewaffnet, denn Cook's Büchse schießt scharf, und da sind wir es sogar den Nachbarn schuldig, ihm wenigstens, wenn wir ihn wirklich nicht einholen könnten, doch so dicht auf den Fersen zu bleiben, daß er weiter keinen Schaden anrichten kann.«

[179] »Ja, wahrlich, gut bewaffnet ist er,« – knirschte Cook zwischen den zusammengebissenen Zähnen hindurch, indem er sich den breiten Ledergurt mit dem Jagdmesser umschnallte. »Gott sei ihm aber gnädig, wenn er mir unter die Hände fällt; das Eisen renne ich ihm zwischen die Rippen bis an's Heft.«

Er sprang jetzt hinaus, dem Sohne mit dem Einbringen der Pferde zu helfen, die mit solch' nächtlichem Ritt keineswegs einverstanden schienen. Auch die Hunde kehrten nun nach und nach einzeln zurück, doch hatten sie sich zu schlecht bewährt, um großes Vertrauen beanspruchen zu können. Sie erhielten deshalb mit Wort und Peitsche gemessene Befehle, beim Hause zu bleiben, denn die Jäger fürchteten, auch nicht ohne Grund, durch die vielen Nasen Unheil und Verwirrung anzurichten. Bohs blieb jetzt seines Herrn einzige Hoffnung, aber auch diese war schwach genug, wenn er bedachte, wie unsicher eine solche Verfolgung sei; wußte ja doch der Hund nicht einmal, welches Wild er hetzen sollte.

Der alte Lively ging nun vor allen Dingen an das andere Haus, um seine Büchse von dort zu holen und Cook damit zu bewaffnen, er selbst nahm einen leichten Reifel, der ebenfalls über dem Kamine lag, und seines kleinen Kalibers wegen sonst nur zu Eichhörnchenjagden benutzt wurde. Sander bekam eine alte Schrotflinte – ebenfalls Cook's Eigenthum, die dieser einmal von einem deutschen Krämer erhandelt hatte, und also bewaffnet gingen die Männer an die Verfolgung des kühnen Diebes.

Das Einzige, was ihnen jedoch nur eine Aussicht auf Erfolg versprach, war, gleich von Haus aus den klugen Hund auf die Fährte zu setzen, und dieser schien auch da recht gut zu begreifen, was er eigentlich solle. Am Bach hörte aber jede Spur auf, und stromauf und ab suchten sie nun mit ungeschwächtem Eifer, bis der Morgen schon seinen grauen Dämmerschein über die rauschenden Wipfel der Niederung ausgoß, ohne daß sie ihrem Ziele auch nur eine Hand breit näher gerückt wären.

Trotz Bill's Betheuerung hatten sie nämlich noch einmal [180] den Bach hinab gesucht, freilich ohne auch nur das mindeste Zeichen von einem Boote zu finden, und sie mußten es sich nun eingestehen, stromauf liege noch die einzige Möglichkeit, den Flüchtling einzuholen.

»Es bleibt uns nichts weiter übrig,« sagte Cook endlich unmuthig, »als noch einmal in die Hügel zu steigen. – Es wird jetzt hell, und wer weiß, ob der Bursche nicht doch vielleicht in der Dunkelheit seine Fährte irgendwo so hinterlassen hat, daß wir sie bei Tageslicht erkennen und dann natürlich verfolgen können. Du, Bill, magst die Pferde bis zu dem zweiten Hügeldurchschnitt nehmen – reite nur voran und warte dort, wo wir vorgestern den Bienenbaum fällten. Brauchen wir sie eher, was ich von Herzen wünschen will, so blase ich das Horn. Finden wir aber ihre Spuren bis dorthin nicht, so bleibt uns nichts Anderes übrig, als verschiedene Richtungen einzuschlagen, um die Nachbarn von dem Geschehenen in Kenntniß zu setzen, und dann vereint eine förmliche Treibjagd anzustellen. Gefangen muß und soll der Bursche werden, denn einem Hinterwäldler in die eigene Wohnung einzubrechen und seine Waffen zu stehlen, das ist ein Vergehen, das schon seiner unerhörten Frechheit wegen exemplarische Strafe verdient.«

So großen Eifer nun auch die Jäger bei dieser Verfolgung zeigten, so unbehaglich schien sich Sander dabei zu befinden, und er wäre sicherlich, da er ja auch mit seiner Kleidung gar nicht auf den Wald eingerichtet war, zurückgeblieben, hätte ihn nicht die Furcht angetrieben, jener Flüchtling könne mit zur Insel gehören und, wenn eingefangen, vielleicht Sachen gestehen, die für sie von verderblichster Folge sein mußten. War er gegenwärtig, so konnte er in solchem Falle ein Geständniß entweder verhindern, oder doch die Folgen ablenken, und möglicher Weise auch die Flucht des Diebes, wer es immer sein mochte, begünstigen.

13. Die Verfolgung

[181] 13.

Die Verfolgung.

Die Männer schritten jetzt vorsichtig am Bache hinauf; der alte Lively und Cook mit Bohs am westlichen oder linken Ufer, von der Quelle aus, und James und Sander am östlichen, den Bergen am nächsten. Bohs schien übrigens jeden Gedanken an Jagd aufgegeben zu haben. Immer wieder von Neuem angetrieben, Fährten und Spuren zu suchen, wo auch kein Zeichen irgend eines lebendigen Wesens zu finden war – kleinere Wildfährten vielleicht ausgenommen, die er aber gründlich verachtete – und noch dazu in einer Gegend, in der sich größeres Wild nie aufhielt, hatte er jede Lust an der Sache verloren, ließ den Schwanz hängen und schlenderte verdrossen hinterdrein.

»Auf den Hund dürfen wir nicht weiter rechnen,« sagte endlich Sander zu James, als er mit diesem mehrere hundert Schritt über starre Felsblöcke hinweggeklettert war und nun von einer etwas vorragenden Bergspitze nach den beiden anderen Männern und Bohs hinüberblickte – »er sieht gerade so aus, als ob er eben einschlafen wollte.«

»Laßt uns nur das mindeste Verdächtige finden,« erwiderte James, »und er ist wieder Feuer und Flamme. – Mit uns Menschen ist's ja auch so. Bei erfolgloser Jagd werden wir müde und matt, und haben in demselben Augenblick jedes Gefühl von Schwäche vergessen, wo wir nur das Laub rascheln hören, oder gewisse Anzeichen von der Nähe der ersehnten Beute finden – das ist mir ja schon tausendmal selber begegnet.«

»Ich begreife aber wirklich nicht, wo wir etwasVerdächtiges finden sollen,« brummte Sander. »Hier könnte eine ganze Armee marschirt sein, und in den umhergestreuten [182] Steinen und Felsstücken wäre es nicht möglich, eine Spur zu erkennen.«

»Meinen Sie?« sagte James, und ein triumphirendes Lächeln zuckte um seine Lippen – »ja ja, im Walde sind die Herren aus der Stadt gewöhnlich so im Trüben wie –«

»Die Herren aus dem Walde in der Stadt,« spöttelte Sander, mit einem etwas boshaften Seitenblick. James mochte auch fühlen, daß er Recht hatte, denn er wurde feuerroth, warf aber die Büchse, über deren Kolben seine linke Hand herabhing und sie im Gleichgewicht hielt, über die Schulter und zeigte jetzt vor sich zwischen die Steine nieder.

»Für was halten Sie das hier?«

»Das?« sagte Sander und bog sich zu der bezeichneten Stelle aufmerksam nieder – »das? ei nun, das ist gar nichts, als etwas Laub und sehr viel Steine, mit ein paar spärlichen Grashalmen dazwischen.«

»Und doch ist vor kaum einer Viertelstunde ein Hirsch zwischen eben diese Steine hineingetreten,« erwiderte James.

»Aber woran sehen Sie das? Ich kann auch nicht das Mindeste erkennen, das eine solche Vermuthung bestätigte.«

»Wirklich nicht?« sagte der Jäger, indem er sich noch weiter zu der bezeichneten Stelle niederbog, »so will ich Ihnen hier den Beweis geben, daß wir eine solche Verfolgung nicht unternommen haben, ohne im Stande zu sein, sie auszuführen. Sehen Sie, wie der eine kleinere Stein hier etwas zur Seite geschoben ist? – zwar nur ein wenig, der schmale Streifen läßt sich aber deutlich auf dem feuchteren Grunde erkennen. – Dort – gerade an dem grauen Moos nieder, hat die Schale gescheuert, und hier unten ist auch noch zum Ueberfluß der Eindruck der Spitze – aber ha – was ist das? – so wahr ich lebe –«

»Nun?« frug Sander erstaunt, »was sehen Sie denn da Besonderes auf der Steinplatte? Wenn der Bursche keine Meißel unter den Füßen gehabt hat, so kann er doch dort unmöglich eine Spur hinterlassen haben.«

[183] »Habt Ihr etwas gefunden, James?« rief jetzt Cook von drüben herüber.

»Kommt her und seht selber,« sagte dieser – »hier ist etwas, das auf jeden Fall Beachtung verdient.«

In wenigen Secunden waren die Uebrigen an seiner Seite, und blickten jetzt forschend und gespannt umher.

»Wann hat es zum letzten Mal geregnet?« frug James.

»Vorgestern Abend,« sagte der Greis.

»Und glaubt Ihr, daß sich seit vorgestern Nacht dieses Wasser hier auf dem Steine gehalten haben könnte?« fuhr James fort, und deutete auf eine, dicht vor ihm befindliche Stelle der Felsplatte – »hätte der Wind dies hier nicht schon lange auftrocknen müssen?«

»Der Wind kann es ja gerade aufgetrocknet haben,« sagte Sander – »und das, was wir hier sehen, sind nur noch die Ueberreste.«

»Nein, das ist nicht möglich!« rief der alte Lively – »gerade hier ist dieser Stein etwas abschüssig, und der Regen hätte ablaufen und sich hier unten sammeln müssen; diese tiefe Stelle aber ist trocken. – Beim ewigen Gott, wir sind auf der rechten Spur.«

»Ja, wahrhaftig!« rief Cook freudig – »das muß die Stelle sein, wo der Flüchtling den Bach verlassen hat und wo das von seinen Füßen abträufelnde Wasser noch nicht die Zeit hatte zu trocknen.«

»Das war mein erster Gedanke,« bestätigte James, »und nun, Cook, laßt uns sehen, ob Euer Bohs auch nur einen Pflaumenkern werth ist. Wir sind die ganze Nacht umhergerannt, und er muß wissen, daß wir etwas suchen. – Bringt ihn also auf die Spur und seht, was er sagt.«

»Bohs,« rief Cook den Hund an -»Bohs – komm her, Alter – was hältst Du von der Fährte hier? Such', mein Hund – such' – und nimm Dich zusammen, mein Bursche.«

Bohs gehorchte zwar der Aufforderung, schien aber sonst ungemein wenig Lust zu haben, sich irgend weiter zu bemühen. Seine Meinung war in dieser Nacht schon zu oft befragt [184] worden, als daß er darin etwas besonders Ehrenvolles oder Außerordentliches hätte sehen können, und mit schwerfälligen, langsamen Schritten stieg er auf die höher liegende Felsplatte hinauf, ohne sich auch nur die Mühe zu nehmen, die Nase auf den Boden zu halten.

»Nun seh Einer das faule Vieh an!« rief James unwillig; »mich wundert's nur, daß die Bestie überhaupt noch die Beine hebt. Ich legte mich doch lieber gleich nieder und – ha – jetzt wittert er etwas.«

Bohs schien in der That plötzlich auf andere Gedanken zu kommen, denn er blieb stehen, spitzte die Ohren, blickte rechts und links mit schnellen, lebhaften Geberden umher, und jetzt, als er noch einmal den Stein, auf dem er stand, berochen hatte, sträubten sich seine Haare – er knurrte leise und schaute, mit dem Schwanze wedelnd, zu seinem Herrn auf.

»Das muß ein Wolf gewesen sein,« sagte James unmuthig.

»Ein Wolf oder Neger!« rief Cook – »er zeigt beide auf gleiche Art an.«

»Ein Neger? Dann wahrhaftig ist's der vom Fourche la fave entflohene Mulatte, und er soll uns nicht mehr entgehen. Zum Henker mit ihm, es ist Zeit, daß wir ihm das Handwerk legen. Was sagt der Hund?«

Bohs sah mit seinen klugen Augen fragend zu dem Herrn empor, und als dieser ihm schmeichelnd den breiten Nacken streichelte und ihn ermunterte, der Spur zu folgen, wedelte er aus Leibeskräften mit dem Schwanze, um vor allen Dingen seine unbedingte Bereitwilligkeit auszudrücken, dem Befehl Folge zu leisten. Dann aber wies er knurrend die Zähne, ging ein paar Mal mit majestätischen Schritten um den Stein herum und stieg nun, die Nase dicht am Boden, langsam den steilen Gebirgsrücken, an dessen Fuß sie standen, hinauf.

Cook's Jagdruf brachte den Sohn mit den Pferden zur Stelle und feuerte zugleich den treuen Hund an. Die Männer sprangen in die Sättel, und fort ging's, dem Führer nach, der nur im Anfang manchmal stehen blieb, um die Jäger [185] auch nachkommen zu lassen, diese aber kaum beritten sah, als er mit fröhlichem, halblautem Gebell einige gar wunderseltsame Luftsprünge ausführte und dann in langgestrecktem Trabe schnell und sicher der Bahn folgte.

Die Reiter blieben ihm, da der Wald hier nicht sehr verwachsen war, dicht auf den Hacken, und Bohs, der im Anfang in ziemlich gerader Richtung den Berg hinanklomm, folgte jetzt dem Gipfel desselben, der sich, von Nordwest nach Südosten laufend, aus dem Innern des Landes kommend, zum Mississippi hinabzog. Sander wollte nun hiergegen allerdings Einwendungen machen, und behauptete, der Hund müsse sich irren, der Flüchtling sei gewiß eher waldeinwärts als dem ziemlich dicht besiedelten Flußufer zu geflohen; Cook dagegen meinte lächelnd, er solle seinen Hund nur gehen lassen, der wisse, was er wolle, und werde sie wahrhaftig nicht auf der Rückfährte fortnehmen. Das geübte Auge des Waldbewohners hatte indessen auch selbst auf weicheren Stellen des Bodens mehrere Fußstapfen gefunden, die unstreitig von dem Flüchtling hinterlassen waren und ihn ebenfalls nicht mehr über die von ihm genommene Richtung in Zweifel ließen.

Plötzlich hielt Bohs, suchte rings auf dem Boden umher und schien dann die Männer erwarten zu wollen. Diese, die bis dahin weniger auf den Hund geachtet, als den Wald selbst im Auge behalten hatten, um wo möglich selbst irgendwas zu erspähen und dann augenblicklich auf warmer Fährte nachsetzen zu können, langten bald an der Stelle an, wo der Rüde unschlüssig zu werden schien, und fanden hier die deutlichen Spuren eines noch nicht lange verlassenen und nur flüchtig benutzten Lagers. Ein kleines Feuer hatte hier gebrannt, und herumliegende Federn und Knochen, wie spitzig zugeschnittene Hölzchen bewiesen deutlich genug, daß hier ein Truthahn überrascht, erlegt und auch theilweise gleich verzehrt worden war.

»Beim Himmel, der hat sich's hier ordentlich bequem gemacht!« lachte Cook; »daß wir aber den Schuß nicht gehört haben.«

»Wer weiß denn, wie weit der Bursche noch Vorsprung [186] hat,« erwiderte James; »das Braten muß ihn aber auf jeden Fall aufgehalten haben; er kann gar nicht glauben, daß es irgend Jemandem eingefallen ist, ihm zu folgen. Nur vorwärts jetzt; wir dürfen die schöne, auf solche Art gewonnene Zeit nicht wieder durch Gassen und Plaudern vergeuden; Bohs wird ebenfalls ungeduldig.«

James hatte Recht, Bohs saß neben den halbverbrannten Kohlen, blickte winselnd zu seinen Herren auf und scharrte bald mit der rechten, bald mit der linken Vorderpfote, als ob er hätte sagen wollen: nun so kommt doch und guckt nicht die Asche und Knochen Stunden lang an. Cook war aber abgestiegen und rief jetzt, als er sich den Boden mehrere Minuten lang genau und aufmerksam betrachtet hatte:

»Hier sehe ich Spuren und möchte mein Pferd gegen ein Kaninchen verwetten, daß sie von zwei Menschen herrühren. Die eine ist die breite Fährte eines Schuhs, die andere der leichte runde Eindruck eines Moccasins. Der Schuh hat scharfe Hacken – sind die Beiden auf dem Bergrücken geblieben, wo sie allerdings am schnellsten fortkommen könnten, so brauchen wir den Hund gar nicht mehr, dem Schuh folg' ich mit bloßen Augen.«

Er hatte auch in der That nicht zu viel versprochen. Wieder im Sattel, ritt er, etwas vorgebeugt und die Augen fest auf den Boden geheftet, rasch voran, und da Bohs ebenfalls durch das schnellere Weiterrücken neue Anregung fand und eifriger suchte, so schien ihre Verfolgung jetzt das glücklichste Resultat zu versprechen. Trotz des Aufenthalts mußten die Flüchtlinge aber doch keine weitere Zeit verloren haben, denn eine volle Stunde waren sie noch, und zwar in ziemlich scharfem Trabe, auf den Fährten geblieben, ohne daß sie auch nur das Mindeste entdeckt hätten, als Bohs plötzlich stehen blieb, die Ohren spitzte, den Schwanz hoch und gerade emporhielt und mit leisem Knurren andeutete, daß er etwas sehr Verdächtiges bemerke.

Die Reiter hielten ihre Thiere augenblicklich an und spähten nach allen Richtungen umher. Da preßte Cook auf einmal [187] dem seinigen wieder die Hacken in die Seite, stieß den Jagdschrei aus und rief den Gefährten zu:

»Dort laufen sie – vorwärts und fangt sie, todt oder lebendig!«

»Hurrah!« jubelte James; »jetzt will ich doch einmal sehen, ob ich mir meine Kugeltasche nicht wieder holen kann, die Pest über die Schurken – hallo, wie sie auskratzen – hupih! ihr Hunde, das ist ein besseres Wild, als ob ihr einem alten Tatzensauger auf den Hacken wäret.«

Im vollen Rennen flogen die Pferde über den rauhen, steinigen Boden dahin, und wenn auch Sander nicht an solche Hetzen gewöhnt sein mochte, so ließ ihm schon das Thier, das er ritt, gar keine Zeit zu langen Betrachtungen. Im Gegentheil versuchte es fortwährend, und zwar keineswegs zur großen Zufriedenheit seines jetzigen Reiters, das erste zu sein. Nicht mit Unrecht fürchtete Sander nämlich, wenn er ein zu grimmer und eifriger Verfolger schien, etwas von dem Blei als Vorausbezahlung zu empfangen, was die Flüchtigen in letzter Nacht entwendet hatten. Er fand jedoch bald, daß es unmöglich wäre, sein Pferd einzuzügeln, und fort stürmten die Reiter, fort in unaufhaltsamer Schnelle; wie die wilde Jagd brausten und prasselten sie mit klappernden Hufen über die hinter ihnen hinausstiebenden Steine hin, und mit jedem Augenblick näherten sie sich mehr und mehr den Flüchtigen.


* * *


Dort, wo die Verfolger jene Ueberreste eines kleinen Feuers fanden, hatte Cotton, der es wirklich gar nicht für möglich hielt, daß sie aufgespürt werden könnten, einen wilden Truthahn erlegt und schnell in einzelnen Stücken gebraten, um wenigstens nicht durch Hunger erschlafft und an schnellerer Flucht gehindert zu werden. Cotton wäre denn auch hier ganz ruhig eine Zeit lang liegen geblieben, da er sich mit der guten, durch die Keckheit des Mulatten gewonnenen Büchse fast sicher fühlte. Davon wollte aber Dan nichts hören, und [188] drängte so ungestüm in den Weißen, und redete so viel von der Gefahr, der sie hier ausgesetzt seien, daß Cotton endlich auch einzusehen begann, diesseit des Mississippi dürften sie, wie die Sachen jetzt ständen, nicht lange mehr verweilen.

Der Bergrücken, auf dem sie sich befanden, war derselbe, an dessen Fuß Liveley's Wohnung stand, und sie passirten diese auch, nachdem sie ihn erstiegen, in kaum fünfhundert Schritt; später aber, mit dem Walde hier nicht vertraut, hatten sie eine linke Abdachung für die gehalten, die sich nach Helena hinabzog, und waren ihr gefolgt. Diese dagegen beschrieb einen Halbkreis mehr gegen Norden hinauf und endete weiter oben im Sumpf, und zwar in einem ziemlich schroffen Abhang, der sich von Ost nach West mit seinen steilen Seiten in ein dichtes Sassafrasgebüsch hinabzog. Wären sie übrigens unverfolgt geblieben, so konnte ihnen jener Sumpf auch weiter keine große Schwierigkeiten in den Weg legen, denn ein östlicher Cours brachte sie in kaum einer Stunde an das Ufer des Mississippi, der hier einen Bogen in das Land hinein machte. Cotton jedoch glaubte, sie befänden sich in ziemlich gerader Richtung nach Helena zu, schlug also den größten Theil des Truthahns in seine wollene Decke, theilte das Andere mit Dan, um es unterwegs zu verzehren, und schulterte nun die Büchse, von dem Neger gefolgt, der jedoch, weit weniger sorglos als sein weißer Begleiter, fortwährend ängstlich hinausspähte, ob er nicht irgend etwas entdecke, das ihnen Gefahr bringen oder ihre Flucht aufhalten könne.

»Wir hätten doch lieber, wie es gleich meine Absicht war, die Pferde mitnehmen sollen,« brach der Mulatte endlich das Schweigen. »Jetzt wären wir lange am Mississippi.«

»Und hätten Spuren hinterlassen, denen sie bei Nacht und Nebel im Stande wären zu folgen,« brummte Cotton. – »Nein, so ist's besser; überdies denk' ich, gehen wir über den Fluß hinüber, und dort wird schon Rath werden, ein paar gute Thiere zu erwischen – Nun? – was hast Du wieder? Gift und Tod, Du bist ja heut wie ein altes Weib. Alle Augenblicke bleibst Du stehen, horchst und siehst aus wie verdorbenes Bier. – Was giebt's denn, in des Teufels Namen!« [189] rief der Verbrecher jetzt selbst geängstigt, als er den Ausdruck des Schrecks und Entsetzens in den Zügen seines Gefährten las.

»Hört Ihr nichts, Massa Cotton?« frug Dan flüsternd.

»Was denn? Was soll ich hören? So thu doch das breite Maul auf, wozu hast Du denn den Rachen? Was soll ich hören?«

»Hufschläge!«

»Hufschläge? Unsinn!« zürnte der Jäger, unwillkürlich aber fast verließ seine Wangen das Blut – »nach welcher Richtung?«

Der Mulatte legte sich, ohne die Frage gleich zu beantworten, mit dem Ohr auf die Erde, sprang aber auch fast in demselben Augenblick wieder empor und rief:

»Fort, fort, bei Allem was lebt, wir werden verfolgt!« und ohne eine weitere Zustimmung seines Gefährten abzuwarten, floh er in langen flüchtigen Sätzen auf dem Abhange hin, wobei Cotton, der sich nicht einmal die Zeit nahm, die Wahrheit dieser Befürchtung selbst zu prüfen, ebenfalls nicht zurückblieb. Dan's Ausruf sollte aber auch nur gar zu bald bestätigt werden, denn das Geräusch, welches die durch das Dickicht brechenden Verfolger machten, wurde immer deutlicher, immer lauter, und nun konnte der Weiße sogar, als er den scheuen Blick zurückwarf, die Männer erkennen, wie sie jubelnd heranstürmten und in wenigen Minuten fast ihre Opfer einholen mußten.

Cotton fühlte, wie er am Rande eines Abgrunds stehe, erkannte aber auch, daß nur die einzige Hoffnung noch für ihn darin liege, die Aufmerksamkeit der Verfolger zu theilen. Wenig kümmerte es ihn dabei, ob sie den Neger erwischten oder nicht, wenn er nur seine eigene Haut in Sicherheit brachte, und als der jetzt wenige Schritte vor ihm, am Rande einer schroff abfallenden Terrasse, hinfloh, warf er sich diese plötzlich mit kühnem Satz hinunter, drängte sich dort durch ein dichtes Gewirr von Kastanienbüschen und Hickories, und glaubte so, die Verfolger gänzlich von seiner Spur abgebracht zu haben. Das wäre ihm auch vielleicht vollkommen gelungen, denn kein Pferd konnte [190] ihm gerade da folgen, wo er den Bergkamm verließ. Cook's scharfes Auge hatte aber schon seine eigene Büchse auf des Flüchtigen Schulter und in diesem den berüchtigten Cotton erkannt; mit jedem Zollbreit Boden vertraut, setzte er also gleich da, wo er sich befand, den Hügel hinab, um Jenem den Weg abzuschneiden, und Sander, der seinerseits ebenfalls mehr Interesse an dem Weißen als an dem Neger nahm, folgte dem kühnen Jäger, so gut es gehen wollte.

Nun war der Weg, den Cotton eingeschlagen, allerdings so wild verwachsen und völlig rauh, daß er für ein Pferd fast unzugänglich schien. Cook aber, von Jugend auf an die rasenden Bärenhetzen gewöhnt, sah in diesem Ritt gar nichts Außerordentliches und folgte dem Flüchtling mit völliger Nichtachtung seiner Gliedmaßen, die Sander mehrere Male dazu brachte, sein eigenes Pferd scharf einzuzügeln. Das half ihm aber gar nichts; die beiden Thiere schienen einen Wettlauf halten zu wollen, und Alles, was ihm zu thun übrig blieb, war, den Sattel zu behaupten.

Cotton hatte wieder, durch die Unebenheit des Bodens begünstigt, einen kurzen Vorsprung gewonnen; jetzt aber, wo eine etwas offenere Bahn den Pferden die augenscheinlichsten Vortheile gewährte, schien sich seine Flucht ihrem Ende zu nähern. Cook, ihm dicht auf den Fersen, rief ihm schon zu, sich gutwillig zu ergeben, oder er würde ihn wie einen Wolf über den Haufen schießen. Dabei hatte er die größte Mühe, Bohs zurückzuhalten, der sich immer und immer wieder auf den Flüchtigen werfen und ihn erfassen wollte. In dessen Hand blitzte aber der scharfe Stahl, und Cook wußte recht gut, daß sein wackerer Hund verloren gewesen wäre, hätte er sich dem Verzweifelten auf Armeslänge genähert. Aber auch Cotton fürchtete nicht die Büchse des Verfolgers, denn diesem blieb ja keine Zeit zum Halten, viel weniger zum Zielen, und im Wald vom Pferd herab zu schießen, wäre einfach eine weggeworfene Kugel gewesen. Das Pferd kam aber mit jedem Sprung ihm näher und er sah, daß er in wenigen Secunden in der Macht seines Feindes sein müsse, wenn er nicht, das eigene Leben zu retten, das des Verfolgers nehmen konnte.

[191] Kaum drei Pferdelängen waren die Beiden noch von einander entfernt, da wandte sich der Flüchtling; sein Auge sprühte Feuer, die Büchse fuhr mit Blitzesschnelle empor, und Cook's Leben schien verfallen, denn Cotton war ein ausgezeichneter Schütze. Die rasche Flucht aber hatte sein Blut in Aufregung gebracht – große Schweißtropfen perlten ihm Stirn und Wangen hinab und trübten seinen Blick – wohl richtete sich das tödtliche Rohr auf den trotzig Herbeisprengenden, aber die zitternde Hand vermochte es nicht mehr fest und sicher zu halten – es schwankte hin und her, und als der Finger den Drücker berührte, zischte die Kugel harmlos an der linken Schläfe des Jägers vorüber und durchbohrte noch den Hut des ihm dicht folgenden Sander.

Ein wildes, herausforderndes Triumphgeschrei von Cook's Lippen verrieth, wie gänzlich erfolglos der Schuß gewesen, und noch einmal wandte sich der Verfolgte zur Flucht. Der Augenblick aber war gekommen, wo sich sein Schicksal entscheiden sollte. Cook versuchte zwar zu schießen, sah aber ein, wie zweifelhaft in diesen Verhältnissen ein Schuß sein mußte, er ergriff also das leichte Rohr am schlanken Lauf, hob es hoch empor und holte schon aus zum gewaltigen und für den Flüchtigen dann auf jeden Fall verderblichen Schlag. Da blieb sein Pferd mit den Vorderbeinen an einer schwachen Weinrebe hängen, that noch, im Versuch sich loszureißen, einen Sprung nach vorn, stürzte dann auf die Knie nieder und schleuderte Cook, der in diesem Moment gar nicht auf sein Thier geachtet, sondern nur den Feind im Auge behalten hatte, mit der schon geschwungenen Waffe neben den rasch zur Seite schreckenden Verbrecher nieder.

Das Blatt hatte sich für den jungen Mann gar traurig gewandt, denn er war in der Hand eines unerbittlichen Feindes. Als sich Cotton aber rasch gegen ihn wandte und trotzig dem grimmig auf ihn einfahrenden Hund den Angriff wehren wollte, kam – allerdings keineswegs in der Absicht, die Cotton fürchten mußte – Sander herangesprengt. In diesem mußte er natürlich einen neuen Verfolger sehen; seine eigenen Kräfte waren aber erschöpft, kaum vermochten die überspannten Glieder ihn noch zu tragen, und nur der Trieb der Selbsterhaltung [192] weckte noch einmal den schon fast erloschenen letzten Funken von Kraft und Energie. – Er schleuderte seine leere Büchse mit verzweifelter Kraft gegen den heulend zurückfahrenden Hund, ergriff die, welche dem gestürzten Reiter entfallen war, sprang einen ziemlich steilen, von rollenden Steinmassen übersäeten Abhang hinab, sah unten, daß ihm der zweite Reiter nicht folge, und floh nun noch einmal, jetzt aber mit besserer Aussicht auf Rettung, den letzten Hügeldamm nieder, in das sumpfige Thalland hinein.

Durch Cotton's Absprung von ihrer beabsichtigten Bahn nahm er zwar auch zwei Verfolger von Dan's Fersen, dieser aber zögerte nichtsdestoweniger unschlüssig, ob er seine Flucht wirklich allein versuchen, oder dem weißen Gefährten folgen solle, mit dem er ja noch gar keinen Platz besprochen hatte, wo sie sich, wenn getrennt, wiederfinden wollten. James ließ ihm aber nicht lange Zeit zum Besinnen; die Hufe seines wackern Pony rasselten über die scharfen Steine heran, und mit einem: »Hurrah, Du Hund, jetzt bist Du mein!« flog er, die Büchse jubelnd emporgehalten, heran.

Instinctmäßig wandte sich der Mulatte wieder zur Flucht, mehrere quer über den Weg gestürzte Fichten hemmten aber gleich darauf seinen Lauf, und wenn er sie auch in wilder Hast übersprang, so boten sie doch dem nachstürmenden Pferde fast gar kein Hinderniß. Im keckem Satze flog dieses darüber hin, und als der Unglückliche den Blick wandte, sah er seinen Verfolger kaum zwanzig Schritt hinter sich.

Da fiel – weiter unten am Abhang des Hügels – ein Schuß, dort entschied sich vielleicht für seinen Gefährten der Sieg – das blieb auch seine letzte Hoffnung. – Nur zwei der Feinde waren hinter ihm – noch lag die Möglichkeit vor ihm, diese durch entschlossene Gegenwehr zurückzuhalten. Rasch sprang er also ein paar Schritte zur Seite, auf eine hochwüchsige Fichte zu, und hier – sein Pistol in Anschlag – stellte er sich und rief mit vor Anstrengung und innerer Aufregung fast erstickter Stimme:

»Zurück! Der ist ein Kind des Todes, der noch einen zweiten Schritt gegen mich thut!«

[193] Vater wie Sohn hatten lange genug in den Wäldern gelebt, um nicht an die Wahrheit dieser Drohung zu glauben. Beide wußten aber auch jetzt, daß ihr Opfer gestellt sei und nicht weiter könne, während sie selbst noch mit frischen Kräften ihm in Kampf und Flucht begegnen konnten. Sich aber ganz nutzlos als Ziel preiszugeben, fiel keinem von ihnen ein. Noch aus den indianischen Kriegen her hatten sie sich auch deren Taktik angeeignet, und kaum sahen sie, daß der Flüchtling einen Baum annahm, so flogen mit Blitzesschnelle ihre eigenen Pferde herum. Wie auf Commandowort sprangen sie gleichzeitig aus den Sätteln und jeder glitt eben so rasch hinter den ihm nächsten Stamm, um sowohl selbst gegen die feindliche Kugel gedeckt zu sein, als auch jede Bewegung ihres ausersehenen Opfers überwachen zu können.

Dan nun, der vielleicht glaubte, diesen ersten Augenblick benutzen zu können, um wieder kurzen Vorsprung zu gewinnen, wollte, als er kaum die Männer absitzen sah, rasch hinein in's Dickicht. Wohl aber war es gut, daß er noch einmal den Blick zurückwarf, denn schon lag des alten Lively Büchse so ruhig wie in einem Schraubstock auf ihn geheftet, und fast unwillkürlich schmiegte er sich schnell an den Boden nieder, der tödtlichen Kugel zu entgehen.

»James!« rief der Alte hinter seinem Baum vor, »der Racker hält sich von hier aus gut versteckt; ich kann nur die Mündung seiner Pistole sehen – wenn Du im Stande bist, ihn irgendwo unten an den Beinen zu erwischen, laß es ihm zukommen, aber – hab' Acht auf Dich.«

»Nur keine Angst, Vater,« lachte der Sohn zurück – »er darf's nicht wagen, auf mich anzulegen, denn ich liege schon im Feuer, und wo er mir nur einen Zoll breit Raum giebt, sitzt meine Kugel.«.

Kurze Zeit verharrten die Drei in ihrer gleich von Anfang an genommenen Stellung, denn auch die beiden Livelys hatten den Schuß gehört und wollten nun, ohne das eigene Leben irgend einer nutzlosen Gefahr auszusetzen, erst einmal abwarten, welch Resultat Cook's Verfolgung gehabt, ehe sie selbst etwas Entscheidendes unternähmen. Daß ihnen der [194] Mulatte nicht mehr entgehen konnte, wußten sie recht gut, und James stieß jetzt seinen laut gellenden Jagdschrei aus, der auch nicht lange ohne Erfolg blieb. Die Büsche brachen in jener Richtung, nach welcher der Weiße geflohen war, und Sander sprengte auf schäumendem Rosse durch das Dickicht.

Dan hörte ebenfalls das Geräusch und bog sich etwas nach vorn, zu sehen, welch neuer Feind ihm dort erscheine. Da berührte des alten Lively Finger den Stecher, und der Schuß dröhnte durch den stillen Wald. Nun hatte Lively aber keineswegs auf den Mulatten selbst gezielt gehabt, sondern nur ein am Stamm locker hängendes Stück Rinde auf's Korn genommen, um den Flüchtling vielleicht zu erschrecken und zur Uebergabe zu zwingen, dieser aber, der wahrscheinlich glaubte, daß er durch seine vorige Bewegung irgend eine Blöße gegeben hätte, oder auch vielleicht von der abspringenden Rinde leicht berührt wurde, sprang rasch und unwillkürlich nach vorn, und vergaß dabei ganz, welch gefährlicher Feind ihn hier bedrohe. Mit Blitzesschnelle richtete sich James' Rohr, und in demselben Moment zuckte auch der Strahl aus seiner sichern Büchse, während der unglückliche Mulatte, durch den Schenkel getroffen, wehklagend zu Boden stürzte.

Diese Wunde wäre nun allerdings nicht tödtlich gewesen, sondern entsprach nur dem Zweck, »den Nigger zu fangen«, wie es die Absicht der Hinterwäldler gewesen war. Jetzt aber sprengte mit wildem Schreien, die blonden Locken wild um die Schläfe flatternd, den seinen Tuchrock durch Dorn und Rebe zerrissen, die Flinte aber hochgeschwungen in der Hand, Sander auf den Schauplatz, warf sich neben dem verwundeten Mann vom Pferde und schmetterte ihm auch schon im nächsten Moment den schweren Kolben auf den Schädel nieder, daß er nur noch kaum den Arm zum Schutz emporwerfen konnte und dann, von dem gewaltigen Schlag besinnungslos, zusammenbrach. Sander aber, damit keineswegs zufrieden, holte schon auf's Neue aus: jetzt aber hatte [195] auch James den Platz erreicht, und warf sich ihm entgegen –

»Halt, Sir, halt, sag' ich – ist das bei Euch Sitte, einen Menschen zu mißhandeln, wenn er verwundet am Boden liegt?«

»Die Pest über den Schuft!« schrie mit heiserer Stimme Sander und versuchte sich von dem jungen Mann loszumachen- – »laßt mich dem Buben den Schädel einschlagen, Mann, oder wollt Ihr Einen von der Bande entkommen lassen, während Euer eigener Freund unten in der Schlucht durch's Herz geschossen liegt?«

»Was? – Cook?« rief James entsetzt und ließ den Arm des jungen Bösewichts frei, der rasch die schwere Waffe zum dritten Mal hob und schon mit zornblitzenden Augen die Stelle ersah, wo er sie am tödtlichsten einsenken könne. Indessen war aber auch der alte Lively, nicht so flink mehr auf den Füßen als sein Sohn, herangekommen, ritz ohne Weiteres die Schrotflinte aus des Wüthenden Hand und warf sie weit von sich, trat dann zwischen ihn und den bewußtlosen Mulatten und rief ärgerlich:

»Gottes Tod, Sir, wenn Ihr mit Gentlemen auf die Jagd reitet, so betragt Euch auch wie ein Gentleman. Der Gefangene hier ist unser, und wir wollen ihn schon deshalb lebendig behalten, um über Manches, was uns hier weggekommen ist, Aufschluß zu hören.«

»Er hat aber Euern Kameraden ermordet,« rief Sander dagegen.

»Der kommt da eben über den Berg herüber.« erwiderte der Alte ruhig, und in der That kam auch Cook, der den Schuß gehört hatte, zu Fuß und mit blutender Stirn, seine eigene Büchse aber in der Hand, über den niedern Hügelkamm, der sich hier wellenförmig nach Nordwesten hinaufzog. Cook wollte jetzt aber vor allen Dingen wissen, weshalb Sander ihm nicht besser beigestanden und den Flüchtigen mit seiner Schrotflinte wenigstens in die Beine geschossen habe. Sander behauptete dagegen, viel zu weit entfernt gewesen zu sein, und [196] sagte, er hätte ihn selbst von der Kugel tödtlich verwundet geglaubt.

»Dann war's allerdings recht freundlich, mich so allein zwischen den Steinen liegen zu lassen,« brummte Cook. – »Doch wahrhaftig – dort liegt der Mulatte – ist er todt?«

Mit wenigen Worten erzählte er nun den Hergang seiner Verfolgung, und wie ihm unglücklicher Weise im entscheidenden Moment das Pferd gestürzt sei. Weiter nachzusetzen blieb nutzlos, da Bohs wohl der Spur eines Mulatten, keineswegs aber der eines Weißen gefolgt wäre, wenn er noch überhaupt hätte laufen können. Der Schlag nämlich, den der Flüchtling gegen ihn geführt, als er an ihn anspringen wollte, hatte seine Schulter und sein Rückgrat getroffen, so daß er, wenn ihm auch vielleicht kein Knochen beschädigt war, doch kaum mehr von der Stelle konnte und mit augenscheinlicher Anstrengung und Pein hinter seinem Herrn herhinkte.

Sie beschlossen also, den Neger vor allen Dingen mit nach Hause zu nehmen, das ihnen auf jeden Fall näher als Helena lag, und dort das Weitere zu bereden.

James' Kugel war dem armen Teufel oben durch den rechten Schenkel gegangen und er blutete stark. Der Kolbenschlag schien aber viel gefährlicher für ihn geworden zu sein, denn sein rechter Arm, den er der niederschmetternden Waffe entgegengehalten, war dicht über dem Handgelenk abgebrochen, und das Blut quoll auch in dunkeln, langsamen Massen aus dem schwarzen Wollhaar an der rechten Seite seines Kopfes hervor. Der alte Lively verband ihn nun zwar so gut es gehen wollte, der Mulatte gab aber kein Lebenszeichen von sich; nur das schwache Schlagen seines Herzens verrieth noch, daß er athme, und sie konnten ihn nicht anders transportiren, als vermittelst zweier Satteldecken, die sie zwischen die Pferde Cook's und des alten Lively ausspannten und so eine Art Trage bildeten, mit der sie freilich nur entsetzlich langsam über den rauhen Boden vorzurücken vermochten.

James jedoch erklärte, den entflohenen Weißen diesmal nicht so leichten Kaufs davon zu lassen, sondern auf seiner Fährte bleiben zu wollen, so lange ihm das irgend möglich [197] sei. Er bat also nur noch seinen Vater, ihn bei den Damen zu entschuldigen, da eine Sache von Wichtigkeit ihn abhalte, die nicht aufgeschoben werden könne, schulterte dann seine Büchse, warf sich auf sein Pferd und folgte, so rasch es ihm sein Scharfblick, ja und selbst der Instinct des Jägers gestattete, den Spuren des Weißen. Dieser mußte übrigens verwundet sein, da er an mehreren Orten Blutstecken fand. An einem Stein aber, wo er sich, wahrscheinlich keine Verfolger mehr fürchtend, verbunden hatte, hörten diese auf, und dem jungen Mann blieb es jetzt überlassen, da eine Fährte zu erkennen, wo das Auge des Laien nur noch eine Wildniß gesehen haben würde, die nie ein menschlicher Fuß berührte.

14. Bolivar - Marie's Flucht

14.

Bolivar – Marie's Flucht.

In derselben Zeit etwa, wo Tom Barnell von Helena abstieß, um in Montgomerys Point Vorerkundigungen einzuziehen und das Flatboot am nächsten Morgen wieder zu treffen, schoß auch aus den tief überhängenden Weiden der Insel ein kleiner schmaler Kahn in die Strömung des Mississippi hinaus und hielt dem arkansischen Ufer zu. Zwei Personen saßen darin, der Neger Bolivar und der Mestizenknabe Olyo – und der Erstere handhabte die beiden Ruder, in die er sich aus allen Kräften hineinlegte, während der Andere in nachlässig vornehmer Stellung hinten im Stern des kleinen Bootes lag und das leichte Steuer regierte.

Er trug eine einfache graue Livré, und zwar nur in Jacke und Beinkleid bestehend, deren Nähte mit karmoisinen Schnüren [198] besetzt waren, eine eben solche Mütze lag neben ihm, seinen Kopf aber schützte ein großer breitrandiger Strohhut gegen die sengenden Sonnenstrahlen. Bolivar dagegen schien diese wenig zu achten, ja im Gegentheil sich eher behaglich darin zu fühlen, denn er hatte Hut, Jacke und Hemd abgeworfen und nur die weiten grauleinenen Beinkleider anbehalten, so daß die Sonnengluth unmittelbar auf seine muskulösen, feuchtsammtnen, schwarzen Schultern herabbrannte. Im Kahne lagen mehrere starke Bleitafeln, über die zusammengelegtes Leinen – vielleicht ein Sack – hingeworfen war.

Ein gar freundliches Verhältniß mußte aber zwischen den Beiden, dem Manne und dem Knaben, nicht obwalten, denn der Neger blickte, ohne ein Wort mit seinem Gefährten zu wechseln, mürrisch vor sich nieder, während Olyo, wie zum Hohn, eins der sogenannten Niggerlieder pfiff und dabei spöttisch lächelnd über die dunkeln Glieder des Aethiopiers hin nach dem breiten Waldstreifen sah, dem sie sich mehr und mehr näherten. –

Der Knabe Olyo war nämlich ein Mestize – von weißer und indianischer Abkunft – was ihn, den nordamerikanischen Ansichten nach, weit über den Neger stellte. Ohnedies wurde er aber auch noch von seiner schönen Gebieterin vor allen Anderen wie ein verzogenes Kind begünstigt, so daß er sich selbst gegen die weißen Männer der Insel, wenn nicht herrisch, doch jedenfalls trotzig und unfreundlich benahm. Keiner liebte ihn deshalb, und nur die Scheu vor dem Capitain hielt die wilden Burschen zurück, daß sie nicht den Favoriten seines Weibes einmal recht derb und nachdrücklich züchtigten. Bolivar aber, der, als der einzige Neger und daher unter dem Knaben stehend, dessen Tyrannei schon mehrere Male hatte ertragen müssen, ohne weder von Kelly selber Genugthuung, noch bei Georgine auch nur Gehör zu finden, nährte einen finstern Haß gegen den jungen leichtsinnigen Burschen, und wohl nichts Gutes mochte es diesem prophezeien, daß der Blick des Aethiopiers manchmal, und wenn auch nur für Secunden, mit einem wilden, triumphirenden Lächeln auf dem schönen Antlitz des schwarzlockigen Knaben ruhte.

[199] Endlich brach Bolivar das Schweigen und brummte, während er eine kurze Zeit mit Rudern einhielt:

»Steuert, zum Donnerwetter, gerade, oder laßt's ganz sein – der Henker soll eine solche Arbeit holen, wo man einmal im rechten und einmal wieder im linken Ruder liegen muß, weil's dem jungen Herrn da eben bequem ist, bald hierherüber, bald dahinüber zu halten – 's ist kein Kinderspiel, in solcher Hitze zu rudern.«

»Deinen Teint wird sie Dir wenigstens nicht verderben,« spottete der Mestize – »aber, Ruhe da vor dem Mast. – Es kann oder muß Dir vielmehr gleich sein, ob Du ein paar Ruderschläge mehr thust oder nicht. Unship your stor board wheel – hörst Du, Bolivar – Du sollst mit dem rechten Ruder einmal aufhören – Holzkopf, versteht den gewöhnlichsten Dampfboot-Ausdruck nicht.«

»Wir dürfen nicht so hoch oben landen,« erwiderte finster der Neger – »seht Ihr dort weiter unten den hellgrünen Fleck? – es ist gerade da, wo der Rohrbruch bis vorn an das Ufer läuft; dort geht eine kleine Bayou hinein, und da wollen wir das Boot lassen; also steuert jetzt ordentlich, oder laßt das Ruder ganz liegen.«

»Huh huh huh – alter Brummbär,« spöttelte ihm der Knabe nach – »wenn ich nun nicht will? – He? Aber meinetwegen, desto eher werde ich Deine häßliche Gesellschaft los; so habe denn dieses eine Mal Deinen Willen. Wo sind ich das Pferd?«

»Ich zeig' Euch den Platz, wenn wir hinkommen.«

»Und die Straße?«

»Keine fünfhundert Schritt westlich von dort.«

»Führt keine rechts oder links ab.«

»Keine,« sagte der Neger düster – »habt keine Angst, Ihr könnt den Weg nicht verfehlen.«

Olyo schien beruhigt und regierte von da aus das Steuer regelmäßiger. Bolivar aber überflog jetzt forschend mit den Blicken die weite Fläche des Stroms, die er von dort aus übersehen konnte. Nichts ließ sich erkennen, als drei oder vier Flatboote, die langsam und träge mit der Fluth stromab [200] kamen. Das kleine Boot gerieth jetzt in die stärkere Strömung, die dicht am Ufer hinschoß, und Bolivar ruderte aus Leibeskräften.

»Haltet ein klein wenig mehr stromauf,« rief er dem Knaben zu – »noch mehr – so – die Fluth reißt uns sonst unter jenen Baumwollenholzbaum.«

»Der Fluß steigt!« meinte der Mestize, während er auf die rasch vorbeitreibenden gelben Schaumblasen sah. – »Nun, Zeit ist's auch – die Missouri-Wasser haben dieses Mal lange auf sich warten lassen. Aber halt, Bolivar – halt, sag' ich – verwünschter Nigger, Du führst mich ja mitten in die nassen Büsche hier hinein,« rief der Kleine plötzlich, als der Neger scharf in die schmale Mündung der Bayou hielt, die von tief in das Wasser hängenden Reben und Ranken fast verschlossen war. – Bolivar schien den Rath aber nicht zu achten. – »Wirst noch nässer werden,« murmelte er vor sich hin, und im nächsten Moment warf er mit schnellem Ruck die Ruder aus ihren Ruderlöchern in das Boot, während dieses, durch die letzte Anstrengung pfeilschnell vorwärts getrieben, rasch in das grüne Gewinde hineinglitt und dahinter verschwand.

Was bedeutete jetzt jener scharf abgebrochene, wilde, kreischende Angstschrei? Jenes kurze, aber verzweifelte Ringen? – Die Schlinggewächse erzitterten und aus der Bayou vor drängten sich kurze kleine Schlagwellen, als ob da drinnen irgend ein großer Fisch das Wasser peitschte. – Kein Laut aber wurde mehr gehört – die Reben hörten endlich auf zu schwanken, das Wasser beruhigte sich wieder, und mehrere Minuten lang herrschte ein lautloses, unheimliches Schweigen. – Endlich theilten sich die Büsche – der Kahn glitt daraus hervor und hinten darin stand der Neger – allein. Sein ganzes Aussehen war wild und verstört und sein Antlitz hatte eine graue Aschenfarbe angenommen – er strich sich die wirren Wollbüschel aus der Stirn und blieb, als das Boot langsam mit der Strömung hinabtrieb – mehrere Secunden lang tief Athem holend stehen. Endlich warf er einen scheuen trotzigen Blick nach dem grünen Dickicht zurück, das er eben [201] verlassen hatte, griff dann wieder zu den Rudern und arbeitete sich langsam am arkansischen Ufer hinauf, um weiter oben, quer durch nach der Insel zurückhalten zu können.

Nur einmal hielt er unterwegs an, und zwar, vor der Strömung geschützt, dicht hinter einem dort in den Strom gestürzten Baum, an dessen Aesten er seinen Nachen auf kurze Zeit befestigte. Hier wusch er sich den Oberkörper, scheuerte einzelne Theile des Bootes aus und zog dann sein Hemd und seine Jacke an. Als er die Jacke aufnahm, fielen zwei darunter geschobene und schon vergessene Briefe ins Boot hinein. Bolivar konnte zwar nicht lesen, aber dennoch betrachtete er die Adresse des einen mit großer Aufmerksamkeit – es war ein Blutfleck darauf. Mit dem breiten angefeuchteten Finger versuchte er ihn wegzuwischen, doch das ging nicht, der Flecken wurde nur noch größer und häßlicher. Er hielt den Brief jetzt ein paar Sekunden in der Hand, und schien nicht übel Lust zu haben, ihn über Bord zu werfen. Er drehte ihn bald rechts, bald links, dann aber, als ob er sich eines Besseren besänne, trocknete er die feuchte Stelle mit dem Aermel seiner Jacke so gut es gehen wollte, und schob die beiden Schreiben in die weiten Taschen seiner Beinkleider.

Schon wollte er das Tau wieder lösen, das den scharfen Bug des Fahrzeugs noch schäumend gegen die unruhigen kleinen Wellen anzog, da fiel sein Blick auf den Platz, wo der Knabe vorher gesessen, und auf dessen dort zurückgelassene Mütze. Er trat ein paar Schritte vor, nahm sie auf, und sah sich rings im Boote nach etwas um – der Sack und die Bleiplatten waren verschwunden – im Boote lag weiter nichts als die beiden Ruder und sein eigener Strohhut.

»Verdammt,« murmelte er vor sich hin – »hab' ich denn gar nichts?« – Mit den Händen befühlte er sich am ganzen Körper. Da traf seine suchende Hand einen harten Gegenstand – es war sein großes, breites Messer – eine schwere massive Klinge mit gewöhnlichem braunen Holzgriff und einer kleinen Kreuzplatte daran, die Hand vor dem Hineinrutschen [202] zu bewahren. Er betrachtete es einen Augenblick, dann murmelte er leise vor sich hin:

»Hol's der Henker – von dem Zeug giebt's drüben noch mehr und bessere Waare – das hier mag seine letzten Dienste verrichten.«

Und damit spießte er die kleine Mütze auf den spitzen Stahl – drückte sie bis dicht unter das Heft, und hielt sie mit ausgestrecktem Arm hinaus über das Wasser. Im nächsten Moment spritzten die Wellen empor und schlossen sich augenblicklich wieder über der tief hinabtauchenden Waffe.

Der Neger ruderte langsam zur Insel zurück.


Dort ging's aber heut gar wild und lustig zu; reiche Beute war am vorigen Tage eingekommen, noch reichere wurde in Kurzem erwartet, und die Führer hatten Beide die Insel verlassen, was Wunder dann, daß sich dieses wüste Volk zügelloser Völlerei überließ und jetzt nur noch mit Mühe von dem fast allein nüchternen Peter im Zaume gehalten werden konnte. Wieder und immer wieder mußte sie dieser vor den Folgen warnen, wenn vorüberfahrende Boote den Lärm hören sollten. Die Schaar war fast nicht einmal mehr einzuschüchtern und behauptete, das sei schon oft vorgefallen, und kein Flatbootmann würde darin etwas Außerordentliches finden, wenn er Lärmen und Geschrei auf irgend einem sonst unbewohnten oder ihm wenigstens unbekannten Platze höre. Ueberdies könne ja doch keiner landen, dafür wäre gesorgt.

Peter, der sich nicht anders zu helfen wußte, hatte schon mehrere Male des Capitains Frau zu bereden gesucht, zwischen die Trunkenen zu treten und sie zur Ordnung anzuhalten, diese aber tröstete ihn fortwährend mit Kelly's baldigem Erscheinen, und immer wieder umsonst verschwendete er Bitten und Drohungen an die zügellose Bande.

Da landete Bolivar, verbarg seine Jolle und betrat den innern, von den Gebäuden eingeschlossenen Raum, wo er mit [203] wildem Jauchzen von den Zechenden begrüßt wurde. Nun war der Neger sonst allerdings eher mürrischer, verschlossener Natur, und hielt sich am liebsten fern von den Weißen, die ihn doch stets seiner Hautfarbe und Abstammung wegen verachteten. Heute aber, in seiner jetzigen Stimmung und Aufregung kam ihm ein solches Treiben gerade gelegen. Seine Augen glänzten in lebendigerem, wilderem Feuer, und mit einer Art Schlachtschrei – wer weiß denn, ob er nicht in dem Augenblick an die tollen Kämpfe in Kongo oder Guinea zurückdachte – ergriff er die dargereichte Flasche und schien sie im wahnsinnigen Rausche leeren zu wollen.

»Hallo!« rief aber da ein langer Bursche aus Illinois – »hallo, mein Turkey-Bussard, willst wohl den Brunnen auf einen Ansatz austrinken? Abgesetzt, Schneeherzchen, abgesetzt und Athem geholt, nachher kann man auch noch ein vernünftiges Wort mit zur Unterhaltung beitragen.«

»Die Pest auf Eure Unterhaltung,« brummte der Neger, »Euer Brandy ist mir lieber – aber gebt her die Flasche – er schmeckt. Wo habt Ihr den wieder aufgegabelt. Aus den nördlichen Staaten, wie?«

»Hahaha – die braune Chocoladentafel hat eine superfeine Nase,« lachte der Illinoiser, »wittert den Braten auf Tischlänge – weiß, daß wir ganz kürzlich ein kostbares Nordboot gekapert haben, und ist nun so verdammt scharfsichtig, zu ergründen, daß dieser vortreffliche Pfirsichbrandy aus dem Norden kommt. Aber, Schätzchen, Du mußt auch Kunststücke machen, wenn Du trinken willst, mußt Dir Dein tägliches Brod verdienen, auf daß Dir's wohlgehe und Du lange lebest auf Erden.«

»Oh geht mit Euren Narrheiten zum Teufel, Corny, gebt die Flasche, sag' ich, mich durstet – nein? – ei so behaltet Euer Gesöff und fahrt zur Hölle – 's wird wohl noch anderer aufzutreiben sein.« Und damit wandte er sich ab und wollte zu seinem eigenen kleinen Wohnhause, das dicht an das seines Herrn angeschmiegt stand, gehen. Corny vertrat ihm aber den Weg, und während er ihm mit der linken Hand die bis [204] dahin verweigerte Flasche vorhielt, erfaßte er mit der rechten seinen Arm und rief:

»Halt da, meine Alabasterkrone, so kommst Du mir heute Abend nicht fort – ich habe den Burschen hier – Gelbschnäbel, Bolivar, die eben aus den Buckeyestaaten herauskommen, elende erbärmliche Hosiers nur – von Deinen Schädelfähigkeiten und Kopfarbeiten erzählt – nicht Hirnproducte, Bolivar, sondern reine Schädelmanufactur. – Weißt Du wohl, alter Bursche, wie Du uns neulich mit der Stirn den Käse durchgeschlagen hast? Denk Dir, die Lumpe hier wollen mir das nicht glauben – Landratten die es sind – ich habe um zwanzig Dollar mit ihnen gewettet, Schneeball; willst Du sie mir verdienen helfen? Halbpart, mein Silberfasan!«

»Ich wär' gerade heut Abend zu solchen Albernheiten aufgelegt,« knurrte der Neger, »– die Pest auf Eure zwanzig Dollar, ich habe heute mehr Dollar verdient, als Ihr in Euren Hut schütten könnt – zwanzig Dollar – bah!« – und er schlug dem Weißen ein Schnippchen und wollte sich von ihm losmachen. Der aber, nicht gesonnen, den einmal Gefaßten so bald wieder loszulassen, hielt nur um so fester und rief, während er den Uebrigen einen von dem Neger unbemerkten schlauen Blick zuwarf und Etwas an seinem Körper umherfühlte:

»Hier, Bolivar – hier, meine zuckersüße Puderquaste, meine liebenswürdige Theerose – hier sieh einmal, was sagst Du zu dem Messerchen, ah? Verlohnte es sich denn der Mühe, eines solchen Prachtstücks wegen einmal einem Freund gefällig zu sein?«

Die Uebrigen drängten jetzt auch auf Bolivar ein, und während einige von ihnen ihn bestürmten, lachten andere und riefen: er wisse selber am besten, daß er es nicht könne, deshalb sei er auch so bereitwillig. Bolivar dagegen, ohne sich weiter um Hohn oder Bitten zu kümmern, griff nach dem Messer und heftete den funkelnden Blick auf den herrlich verzierten Stahl. Es war ein türkischer Scimitar – Gott weiß wo erbeutet, auf jeden Fall aber leicht gewonnen – mit [205] mattgrüner gewässerter Klinge und kostbarem, gold- und silbergeschmücktem Griff – eine Waffe, die ein Sultan hätte tragen können.

Wäre er nüchtern gewesen, so mußte er Verdacht schöpfen, weshalb der wilde Bootsmann so werthvollen Preis auf eine geringe Wette setze; so aber, durch das rasch hinabgeschüttete feurige Getränk erregt – gerade einer Waffe bedürftig, schien er sich plötzlich eines Besseren zu besinnen. Er blickte mit den rollenden Augen rasch im Kreise umher, jauchzte dann, den alten Strohhut weit in die Ecke zurückschleudernd, laut auf und schrie:

»Hurrah, meine Burschen – der Genickfänger ist prächtig – Bolivar will Euch zeigen, wie man sich in einen ›Westlichen Reserve-Käse‹ hineinarbeitet. Hussah – wer will noch mehr dagegen setzen?«

Ein wildes Getümmel entstand jetzt. Alles drängte und schrie durcheinander, und Bolivar, mitten zwischen den Uebrigen, die blanke Waffe gezogen, das dunkle Gesicht mit den weißen rollenden Augen und den Elfenbeinzähnen, tanzte in phantastischrasenden Sprüngen einen Jim Crow, während er mit gellender, scharfer Stimme die Melodie dazu sang:


»Dreht Euch nur, Ihr Niggers – dreht Euch nur im Ring;

Dreht Euch nur und wendet Euch und höret, was ich sing' –

Singen will ich Euch ein Lied vom braunen Bill und Joe,

Und jedesmal beim letzten Vers, da springe ich Jim Crow


Und mit einem Ton auf der letzten Silbe, der durch Muck und Bein drang, tanzte er, unter dem Beifallsruf der jetzt einen Kreis Bildenden, den beliebten und von ihm mit bewundernswerther Muskelkraft ausgeführten Negertanz, während er mit Hacken und Zehen den schneller und immer schneller wirbelnden Tact dazu schlug.

»So haltet zum Donnerwetter die Mäuler!« rief jetzt Peter, noch einmal zwischen sie springend, während er den Neger bei den Schultern faßte und ihn zu beruhigen suchte; »heilige Dreifaltigkeit« – Peter schwur nur dann bei etwas Heiligem, wenn er wirklich ernstlich wüthend war – »'s ist [206] ja rein, um toll zu werden. Wollt Ihr uns denn die Nachbarschaft mit Teufelsgewalt auf den Hals schreien?«

»War einmal ein Nigger,« jauchzte Bolivar, indem er, trotz des Gegendrucks – immer wieder wie eine niedergedrückte Stahlfeder emporschnellte:


»War einmal ein Nigger – gar ein großer Mann,

Hatte gelbe Hosen und auch gelbe Stiefeln an,

Aber seinen Hut dabei, den trug er etwa so,

Und jedesmal beim letzten Vers, da tanzte er Jim Crow


Hurrah hoh!


»Bravo – bravo!« schrie die Schar – »Peter soll auch tanzen – hurrah für Peter!«

»Ruhig, Ihr Kreuzkröten, Ihr – ruhig, sag' ich,« tobte Peter dagegen, und machte fast noch mehr Lärm als die Uebrigen; der Illinoiser aber brachte den Haufen wieder auf das frühere Thema zurück.

»Den Käse her!« rief er – »den Käse her – Bolivar will ihn chinesisch begrüßen – bringt einen Käse.« –

Einige liefen augenblicklich fort und kamen bald mit einem der sogenannten »Westlichen Reserve-Käse« zurück, die in den nördlichen Staaten, besonders in Ohio und Pennsylvanien, sehr viel bereitet und nach dem Süden verschifft werden. Es sind große runde Käse, etwa zwei Fuß im Durchmesser und vier bis fünf Zoll stark, mit gewöhnlich dunkelgelber zäher Schale, so daß der Käse etwas ungemein Elastisches hat. Ein gewaltiger Schlag gehört denn auch dazu, einen solchen Käse so zu treffen, daß sich die Schale in der Mitte bricht, denn gewöhnlich weicht sie vor dem Stoß wie Gummi elasticum zurück. Bolivar hatte dieses Kunststück aber schon mehrere Male gemacht und war seines Erfolges ziemlich gewiß. Ueberhaupt zeichnen sich die Neger durch eine entsetzlich harte Hirnschale aus, die sie ja auch oft unempfindlich gegen ihre stahlharren Kriegskeulen macht, deren Schlag den Schädel eines Weißen wie eine Eierschale zertrümmern müßte. Im Ringkampf benutzt der Afrikaner ebenfalls die Stirn fast mehr als die Faust, und sucht hauptsächlich seinen Gegner zu erfassen [207] und mit dem eigenen Vorderkopf zu Boden zu schlagen. Zwei mit einander ringende Neger geben sich daher oft Stöße, die wie das Zusammenrennen zweier Widder weit hinausschallen und dem Weißen beim bloßen Zusehen Kopfschmerz verursachen. Der Illinoismann, der den Neger nicht recht leiden konnte, hatte ihm aber etwas ganz Anderes zugedacht und beredete sich jetzt schnell flüsternd mit einigen Anderen.

Indessen hob ein junger Bursche den Käse mit dem Rand auf eines der an der Wand hier aufgestellten Zuckerfässer, Bolivar aber, der indeß der Flasche noch immer wilder und unmäßiger zugesprochen hatte, woran ihn die Anderen auch gar nicht verhinderten, machte noch ein paar Luftsprünge, schob sein schon im Voraus beanspruchtes Messer in den Gürtel, faßte dann den Käse mit beiden markigen Fäusten, zog den Kopf, so weit er konnte, zurück – und schlug mit seiner Stirn mit solch unwiderstehlicher Gewalt auf die zähe Rinde, daß diese barst und sein krauses Wollhaar in die weiche innere Masse eindrang.

Ein donnernder Jubelruf feierte den Triumph des Afrikaners, der den Käse in die Höhe hob und ihn höhnisch lachend vor die Füße der Jauchzenden warf.

»Da – Ihr Buckras,« rief er dabei, – »da habt Ihr Euren Quark – in ein solch breiweiches Ding fährt Bolivar mit der Nase hinein.«

»Das ist auch nur Quark!« schrie der kleine Hosier, indem er sich durch die Uebrigen vordrängte – »mit einem ordentlichen Indianakäse sollst Du das bleiben lassen – Rußbutte!«

»Was?« tobte dagegen der von Illinois an, »bleiben lassen –? Bolivar bleiben lassen? Ihr verkümmerten Hosiers da oben in Euren Holzländern wollt wohl 'was Apartes haben, heh? – Her mit dem Indianakäse – hier sind fünf Dollar für einen – bringt den zähesten, den Ihr finden könnt, und setzt nachher, was Ihr wollt, ich halt' es, daß Bolivar's Eisbrecher eben so leicht hineinfährt, als ob's eine New Yorker Damenhutschachtel wäre. Hurrah, Bolivar, nicht wahr, wir sind die Beiden, die's der Bande zeigen können?«

[208] »Hurrah!« schluckte Bolivar, dessen Augen schon anfingen, gläsern und stier zu werden – »hurrah – bringt einen von Euren verdammten Hosierkäsen – her damit, sag' ich – hier ist das Kind, das ihn vernichten und bis in die Mitte nächster Woche hineinstoßen kann – wo ist der Hosierkäse?«

»Hier, Herzchen!« sagte der kleine Indiana-Mann, während er einen neuen Käse brachte und auf eine flache, dicht an der Wand lehnende Kiste stellte – »so, den versuch', und wenn Du in den auch hineinfährst, dann nenne ich mich einen Dutchman.«

»Hussah – hier kommt Bolivar,« jubelte der Neger und wollte sich schon, wie ein Widder, auf das neue Ziel stürzen, hieran aber verhinderte ihn für den Augenblick Corny und rief:

»Halt, mein Schneekönig – den Käse hab' ich eben für theures Geld gekauft und möchte nicht gern einen Theil Deiner Wollperrücke, als Angedenken darin aufbewahrt, nachher zwischen die Zähne bekommen – denn daß Du mitten durchfährst, ist gewiß. – So – laß mich nur erst das Handtuch hier darüber decken, nachher magst Du wie Gottes Gericht zwischen die Maden fahren.«

»Deckt ein Tuch darüber!« jauchzte der Neger, während sich die Uebrigen um ihn sammelten und seine Aufmerksamkeit ablenkten. Corny aber warf den Käse schnell bei Seite und hob dagegen einen kleinen Schleifstein von ganz demselben Umfange rasch an seine Stelle, den er mit dem breiten Handtuch überhing, – »deckt ein Tuch darüber, wenn Ihr keine afrikanische Wolle brauchen könnt.«

»Aber er darf ihn auch nicht mit den Händen anfassen!« schrie der kleine Hosier – »hol' ihn der Teufel, er drückt ihn an der Seite ein – nachher muß er in der Mitte wohl platzen.«

»Hohoho,« jauchzte der Neger und schlug eine wilde Lache auf, –»hohoho – meiner Mutter Sohn wird's Euch zeigen, wie man westliche Käse anschneidet, – Platz da, Ihr Bukras, Platz!


[209]

Wenn ich dann am Sonntag – zu der Liebsten geh',

Bring' ich bunten Calico und Kaffee ihr und Thee,

Küsse sie dann auf den Mund und mach' es g'rade so,

Und jedesmal, nach jedem Kuß, da springe ich Jim Crow.


Hurrah für Alt-Virginy!« und mit zurückgezogenen Ellbogen, den Kopf vorn niedergebogen, die Augen geschlossen, sprang er hoch in die Höhe und flog im nächsten Augenblick – während ihn die Uebrigen in erwartungsvollem Schweigen umstanden – mit fürchterlicher Gewalt gegen den verhüllten Stein.

Der Schlag hätte einen Ochsen zu Boden werfen müssen, und Bolivar stürzte denn auch, wie von einer Kanonenkugel getroffen, hinterrücks auf die Erde nieder, wo er mehrere Secunden lang wie todt liegen blieb. Endlich aber, von dem lauten Jubeln der Schaar wieder einigermaßen zum Bewußtsein gebracht, richtete er sich langsam empor und schien im ersten Anfang nicht recht zu begreifen, was das Ganze bedeute, auf wessen Kosten dieses convulsivische Gelächter den Raum erschüttere und was eigentlich mit ihm selbst vorgegangen. Der Kopf mochte ihm aber wohl wirbeln und dröhnen, denn er drückte beide kräftige Fäuste fest gegen die Schläfe an und schloß eine Weile die Augen. Dann aber, als er den Blick wieder aufschlug, fiel dieser gerade auf den noch an der Wand lehnenden Schleifstein, von dem das Tuch durch den Stoß herabgerissen war, und überrascht und verstört sah er die Männer im Kreise an. Das übte jedoch auf die wilde Schaar eine noch viel komischere Wirkung, und betäubendes Gelächter schallte ihm von allen Seiten entgegen.

Bolivar, der sich hier verachtet und verspottet sah und jetzt leicht begriff, welcher Streich ihm gespielt sei, stand mehrere Sekunden lang mit von Zorn und Wuth blitzenden Augen und fest auf einander gebissenen Zähnen da, bis ihm Corny noch spottend in den Weg trat, und ihn frug, ob er nicht glaube, die Hosierkäse seien zu sehr in der Sonne getrocknet. Da wurde es ihm klar, wer der Anstifter des ganzen Streiches sei, und ehe nur Einer an Gefahr dachte, oder sie verhindern konnte, fuhr der Neger wie ein abgeschossener Pfeil [210] auf den Matrosen zu und hatte den überrascht Zurückprallenden im Nu, wie der Panther seiner Wüsten, mit den Zähnen an der Kehle gepackt. Wohl sprangen die Nächststehenden hinzu, den Rasenden von seinem Opfer hinwegzureißen. Fest, fest hielt er dieses aber umklammert, und als es ihnen endlich gelang, Corny zu befreien, stürzte dieser blutend in die Arme seiner Freunde zurück.

Der Neger wehrte sich jetzt mit verzweifelter Wuth gegen die Ueberzahl und versuchte besonders das Messer zu ziehen, das er im Gürtel trug. Daran verhinderten ihn aber die Piraten, warfen ihn zu Boden und banden ihm Hände und Füße; ja ein Theil derselben, und besonders Corny's Freunde, schien nicht übel Lust zu haben, schnelle Gerechtigkeitspflege zu üben und ihn an Ort und Stelle zu strafen, daß er Hand an einen Weißen gelegt.

Peter, der sein Bestes versucht hatte, die Tobenden zu besänftigen, und nun wohl einsah, seine Macht reiche nicht aus, wandte sich noch einmal an Georgine und bat sie, den Sturm zu beschwören, er stehe sonst für nichts. Von vorbeifahrenden Flatbooten hätten sie allerdings wenig zu fürchten – es könnten aber auch Jäger an dem gegenüberliegenden Ufer sein, und der Wind wehe gerade nach Arkansas hinüber. Er versicherte ihr dabei, wie ihm Kelly selbst ganz besonders aufgetragen habe, jetzt, da sie am Ziel ihrer Wünsche ständen, Ruhe zu halten und jede unnöthige Gefahr zu vermeiden. Niemand Anders aber als sie selber sei in diesem Augenblick im Stande, dem rohen Haufen zu imponiren.

»Und Marie hier?« frug Georgine.

Das arme Mädchen kauerte bleich und thränenlos in der einen Ecke – sie hatte am vorigen Nachmittag mehrere Male versucht, das Haus zu verlassen, Georgine sie aber stets daran verhindert, während diese selbst oder der Mestizenknabe oder auch Bolivar sie fortwährend im Auge behielten. Heute Morgen war sie noch nicht von ihrem Platze aufgestanden und schien ihre Umgebung nicht zu beachten, ja kaum von ihr zu wissen.

»Bleibt indessen ruhig hier sitzen,« rief der Narbige, während [211] er einen mürrischen Seitenblick auf die Unglückliche warf. – »Es fehlte auch noch, daß uns die im Wege wäre.«

Wildes Gebrüll schallte in diesem Moment von den trunkenen Bootsleuten herüber; Georgine raffte schnell den neben ihr liegenden Shawl um sich und trat gleich darauf ernst und drohend zwischen die Schaar.

Kein Wunder war es aber, daß selbst die Rohesten scheu und ehrerbietig vor ihr zurückwichen und der Lärm, wie durch ein Zauberwort gebannt, verstummte. Die hohe, edle Gestalt des schönen Weibes blieb stolz und gebieterisch dicht vor ihnen stehen – das schwarze seidenweiche Haar floß ihr in vollen Locken um den nur halb verhüllten Nacken, und die dunkeln, von langen Wimpern beschatteten Augen schweiften finster über die vor wenigen Secunden noch so unruhigen Männer hin, und schienen Den herausfordern zu wollen, der es wage, ihrer Macht zu trotzen.

Nur der Neger wüthete noch immer gegen seine Bande an, so daß es die ganze Kraft der ihn Haltenden erforderte, seinen rasenden Anstrengungen zu widerstehen.

»Was hat der Mann gethan?« frug Georgine endlich mit leiser, aber nichtsdestoweniger auch in ihrem kleinsten Laut verständlicher Stimme, »was soll der Aufruhr?«

Alle wollten jetzt antworten und ein verworrenes Getöse von Stimmen machte jedes einzelne Wort unhörbar – endlich trat Peter vor und erzählte mit kurzen Worten den Lauf der Sache, während der Haufe, als er den Angriff des Negers erwähnte, mit wilder Stimme dazwischen schrie:

»Nieder mit der blutigen Bestie, die einen Mann wie ein Panther erwürgen will.«

»Seid Ihr Männer?« zürnte jetzt Georgine, und ihre Augen hafteten drohend auf den Rädelsführern der Schaar – »wollt Ihr in unserem Herzen Aufruhr und Kampf entzünden, während uns außen von allen Seiten der Feind umgiebt? Habt Ihr den Neger nicht zuerst gereizt? Wundert es Euch, daß die Schlange sticht, wenn sie getreten wird? Fort mit Euch an Eure Posten. – Euer Capitain kann jeden Augenblick zurückkehren und Ihr wißt, was Euch geschähe, [212] wenn er in diesem Augenblick statt meiner hier stünde. – Fort – schlaft Euren Rausch aus und verhaltet Euch ruhig – der Erste, der noch einmal den Gesetzen entgegenhandelt, verfällt ihrer Strafe – so wahr sich jener Himmel über uns wölbt. Hat sich der Afrikaner vergangen, so soll er der Züchtigung nicht entgehen – ich wäre die Letzte, die ihn schützte. – Sobald Kelly zurückkehrt, wird er Euren Streit untersuchen – bis dahin aber Friede.«

Die Bootsleute traten mürrisch, doch dem Befehle gehorsam, von dem gefesselten Afrikaner zurück, und Peter wandte sich eben gegen ihn, um ihn bis zu des Capitains Rückkehr zu verwahren, als sein Blick auf die Thür von Kelly's Wohnung fiel. Dort aber erkannte er die blasse, zarte Gestalt der Wahnsinnigen, wie sie, sich die wirren Haare aus der marmorbleichen Stirn zurückstreichend, einen Moment nur forschend nach der vor der Bachelors Hall versammelten Schaar hinüberstarrte, dann mit hellem, fast kindischem Lachen rechts hinaus über den freien Platz sprang und plötzlich zwischen den einzelnen Hütten verschwand.

Das Ganze war so schnell und plötzlich geschehen, daß der Narbige im ersten Augenblicke kaum zu wissen schien, ob er wirklich recht sehe. Georgine aber, die seinen Blick dorthin gerichtet fand und ihm rasch mit den Augen folgte, erkannte kaum noch den eben hinter dem kleinen Haus verschwindenden Schein des flatternden Gewandes, als sie auch den Zusammenhang ahnte.

»Folgt ihr!« rief sie schnell und deutete nach jener Richtung – »folgt ihr, Bolivar – Peter – Weßley, bei Eurem Leben – bringt sie zurück.«

Peter gehorchte rasch dem gegebenen Befehl, und Einige von den Nüchternsten taumelten hinterher, während die Anderen, vielleicht der Gelegenheit froh, sich unbeachtet fortstehlen zu können, schnell in ihre verschiedenen Wohnungen verschwanden. Bolivar blieb allein und noch gebunden am Boden zurück. Georgine löste jetzt zwar schnell seine Bande, denn ihr galt es in diesem Augenblicke nur darum, die Entflohene zurückzubringen. Der Afrikaner aber, durch den Brandy, jenen [213] fürchterlichen Stoß und den letzten mit verzweifelter Kraftanstrengung geführten Kampf betäubt und entnervt, taumelte ein paar Schritte nach vorn und stürzte dann schwerfällig zu Boden nieder.

Georgine biß sich die zarte Unterlippe und stampfte mit dem kleinen Fuß den Boden.

»Thier!« murmelte sie halblaut vor sich hin. Die Verfolgung selbst nahm aber für den Augenblick ihre Aufmerksamkeit zu sehr in Anspruch, um des Negers weiter zu achten. – Sie eilte der Stelle zu, wo Marie die nicht unbeträchtliche, starke Fenz überklettert haben mußte, und schien hier ungeduldig die Rückkehr der Gefangenen zu erwarten. Konnte sie sich doch nicht denken, daß das wahnsinnige Kind mit nur wenigen Schritten Vorsprung und in dem ihr gänzlich unbekannten Dickicht im Stande sein würde, Männern zu entgehen, die jeden umgeworfenen Stamm und jeden einzelnen Platz kannten, wo ein Fortkommen überhaupt unmöglich war. Wußten aber die halbtrunkenen Bootsleute vielleicht selbst kaum recht, was sie wollten, und stürmten sie nur eben blind hintennach, oder war Peter durch die erstgenommene Richtung der Wahnsinnigen irre geführt, daß er glaubte, sie würde solche beibehalten, kurz die Insulaner durchkreuzten den ganzen umliegenden Waldstrich, ohne auch nur die mindeste Spur von der Entflohenen zu finden, und mußten unverrichteter Sache zurückkehren.

Nun behauptete Peter allerdings, in den Büschen könne sie nicht mehr stecken, da hätte sie ihnen nicht entgehen sollen, sie werde wahrscheinlich in den Strom gestürzt und ertrunken sein; Georgine beruhigte sich jedoch nicht damit. Noch einmal mußten die Männer hinaus, sie zu suchen, und nicht eher kehrten sie, freilich wieder ohne Erfolg, zurück, bis die Dämmerung ihnen in dem dichten Walde jedes weitere Vordringen unmöglich machte. Für diese Nacht blieb auch weiter nichts zu thun übrig, und Georgine tröstete sich nur damit, daß die Entflohene unmöglich die Insel verlassen konnte und am nächsten Morgen leicht wieder aufgefunden werden mußte.

15. Das Wiedersehen

[214] 15.

Das Wiedersehen.

Mississippi – Riesenstrom jener fernen Welt – wild und großartig wälzest Du Deine mächtigen Fluthen dem Meere zu, und hinein greifst Du mit den gewaltigen Armen nach Ost und West, in das Herz der Tausende von Meilen entfernten Felsengebirge, wie in die innersten Klüfte der kühn emporstarrenden Alleghanies. Aus den nördlichen eisbedeckten Seen holst Du Deine Wasser, und Bett und Bahn ist Dir zu eng, wenn Du Deine Kräfte gesammelt und sie zum wilden Kampf gegen den stillen Golf hinabführst. Wie ein zuchtloses Heer erkennen sie dann keinen andern Herrn an, als nur Dich; rechts und links durchbrechen sie gesetzlos Ufer und Damm, ganze Strecken reißen sie hinab in ihre gährende Fluth – vernichten, was sich ihnen in den Weg stellt, zertrümmern, was ihre Bahn hemmen will, und plündern den weiten rauschenden Wald, der sich ängstlich zusammendrängt, dem fürchterlichen Ansturm zu begegnen. Viele tausend Stämme und junge lebenskräftige Bäume reißen sie, wie zum Hohn, selbst aus seinen Armen heraus und führen sie im Triumph spielend und wirbelnd hinab, immer hinab, ja gebrauchen sie sogar als Waffen gegen die Schutz- und Nothdämme der zitternden Menschen, schleudern sie mit entsetzlicher Kraft und Sicherheit wider sie und durchbrechen nicht selten ihre Besten. Gnade dann Gott dem armen Lande, das diese fessellosen Massen überschwemmen, nicht einmal Flucht hilft mehr. Mit Sturmesschnelle wälzen sich die schäumenden Wogen durch friedliche Felder und über fruchtbare Ebenen hinaus – erbarmungslos schleppen sie hinweg, was sie tragen können, und vernichten das Uebrige. Und wenn sie weichen – wenn sie dem vorangegangenen, nicht rechts noch links [215] schauenden Kern der Armee folgen, dann lassen sie eine Wüste zurück, wo oft selbst die letzte Spur menschlichen Fleißes vernichtet wurde.

Solch' fürchterliche Macht übt der Mississippi. – Ist er aber vorübergetobt, künden nur noch die schlammigen Streifen an Hügel und Baum, welch' furchtbare Höhe er erreicht, dann strömt er gährend und innerlich kochend, aber doch in sein Bett hineingezwängt, zwischen den unterwühlten Ufern hin, von denen er nur hier und da, wie aus Grimm, daß ihm jetzt die Kraft fehlt, über sie hinaus zu brechen, einzelne Stücke abreißt und sie spielend in seine Fluth verwäscht. – Die gelbe, lehmige Strömung schießt reißend schnell, hier und da mit trüben Wirbeln und Strudeln gemischt, von Landspitze zu Landspitze hinüber; schmutzige Blasen treiben auf ihrer Fläche, und selbst die sich weit hinüberbiegenden Weiden und Baumwollenholzschößlinge suchen vergebens ihr Spiegelbild in dem flüssigen Schlamme. Dazu starren, dort oben fast von keiner menschlichen Wohnung unterbrochen, die Riesenleiber der Urbäume ernst und finster, selbst dicht vom Rande der schroff abgerissenen Uferbank aus, zum Himmel empor, und weite undurchdringliche Rohrbrüche, von dornigen Lianen durchwoben, dehnen sich unter ihnen aus, den einzigen Raum noch erfüllend, der durch die Baum- und Strauchmassen zu führen schien.

Tom Barnwell hatte seine Bahn auf der angeschwollenen Fluth, ohne sich sonderlich anzustrengen, langsam verfolgt und etwa zehn Meilen, theils rudernd, theils in seinem Kahn nachlässig ausgestreckt, zurückgelegt. Er sah jetzt eine kleine runde Insel vor sich, die, dicht mit Weiden bewachsen, ziemlich mitten im Strome lag, und an der ihn die Strömung rechts vorüber zu nehmen schien. Er ließ denn auch sein Boot ruhig und selbstständig gehen und wurde bis ziemlich an das westliche Ufer genommen, wo sich der Schilfbruch bis so dicht an's Ufer hinanzog, daß die vordersten Stangen desselben stromüber in die Fluth gestürzt waren und nun mit ihren langen starren Blättern die Schaumblasen aufgriffen und zertheilten. Gestürztes Holz lag hier so wild durcheinander, daß Tom fast [216] unwillkürlich den Blick einen Augenblick darauf haften ließ, und noch eben bei sich dachte, wie es hier doch selbst einem Bär schwer werden würde durchzukommen, als – fast neben ihm, und höchstens zwanzig Schritt entfernt, mitten aus dem tollsten Gewirr von Rohr und Schlingpflanzen heraus – die munteren, scharf gellenden Töne einer Violine zu ihm drangen. Tom blickte erstaunt auf; es blieb ihm aber bald kein Zweifel mehr, daß dort wirklich ein Unbekannter die Violine spiele, und der Bootsmann sah sich ordentlich scheu einen Augenblick um, ob er auch in der That auf dem Mississippi und dicht neben einem Rohrbruch schwimme, und nicht etwa aus Versehen an irgend eine bis dahin noch unentdeckte Stadt gekommen sei.

Die Umgebung blieb aber unzweifelhaft, ebenso die Musik, und fest entschlossen, sich selbst zu überzeugen, wer hier im Urwald von Arkansas Solo-Concert gäbe, lief er mit seinem Kahn dicht an's Ufer, band ihn hier fest an einen jungen Sykomoreschößling, der zwischen zwei größere Stämme eingeklammert lag, und kletterte dann – ein Weg war nirgends zu sehen – mit Hülfe eben des Sykomore das steile Ufer hinauf, wo er sich aber erst mit seinem Messer nach der Richtung, aus welcher die Musik herübertönte, Bahn hauen mußte. Mühsam arbeitete er sich durch und erreichte endlich den ihm entgegen liegenden Wipfel eines umgestürzten oder, wie er später fand, gefällten Baumes, durch den er sich vordrängte und nun plötzlich laut auflachte, als er hier, mitten im Rohrbruch, von weiter nichts als Schlingpflanzen und Mosquitos umgeben, den einsamen Musikanten vor sich sah.

Es war ein junger Mann, vielleicht von vier- oder fünfundzwanzig Jahren, mit krausen dunkelbraunen Haaren und starkem, sonnverbranntem Nacken, nur in ein baumwollen Hemd und eben solche Hosen gekleidet, neben sich einen breitrandigen Strohhut und eine Axt, die ruhig an dem Stamme lehnte, an welchem er noch eben gearbeitet haben mußte. Er selbst aber, höchst behaglich an einem emporstarrenden Ast gelehnt, drehte Tom den Rücken zu und strich so eifrig auf seiner keineswegs Cremoneser Geige herum, als ob er zahlreiche [217] Zuschauer um sich versammelt sähe und den Ruf bedeutender Virtuosität zu wahren hätte.

Als er hier in dieser Wildniß das Lachen eines menschlichen Wesens hinter sich hörte, drehte er sich, sein Spiel jedoch keineswegs unterbrechend, halb nach dem Fremden herum, den er, die kurze Rohrpfeife zwischen den Zähnen, mit einem fast noch kürzeren:

»Nun wie geht's, Sir?« anredete, als ob das Jemand sei, den er schon den ganzen Morgen erwartet habe und der nun, aus weiter Ferne gesehen, auf breiter Fahrstraße herankomme, nicht aber hinterrücks, aus dichtem unwegsamen Busch heraus, zu ihm anschleiche.

»Hallo, Sir!« erwiderte Tom, während er von dem ziemlich hohen Stamm heruntersprang und zu dem Violinisten trat – »schon so fleißig heut? Ihr spielt ja, daß Einem fast die Füße anfangen zu zucken – was, Wetter noch einmal, macht Ihr denn hier mit der Violine mitten im Rohrbruch?«

»Ich spiele Yankee Doodle,« meinte der Backwoodsman sehr naiv – »Yankee Doodle und Lord Howe's Hornpipe, oder auch manchmal Washington's Marsch und Such a getting up stairs I never did see – ich bin mannigfaltig;« und seinen Worten treu, fiel er aus dem amerikanischen Nationallied in den kaum weniger populären Negersang ein und schien Tom's Verwunderung, ihn überhaupt hier zu finden, gar nicht zu bemerken.

»Ja, aber um Gottes willen, Mann,« rief dieser endlich ganz erstaunt aus – »habt Ihr Euch denn hier den vier Fuß dicken Baumwollenholzbaum nur apart umgehauen, um Euch darauf zu setzen und Such a getting up stairs zu spielen? – Ist denn hier nicht irgend eine Wohnung, irgend ein Lager in der Nähe, wo Ihr hingehört?«

»Ei gewiß,« lachte der junge Mann, setzte zum ersten Mal die Violine ab und schaute Tom mit seinen großen dunkeln Augen treuherzig an – »gewiß ist ein Haus hier – und was für eins – aber seht Ihr den Pfad nicht? Der führt hier gleich zum Mississippi hinunter, wo er eine kleine [218] Bucht im Ufer bildet. Dicht dabei habe ich mein Klafterholz stehen, das ich an die vorbeifahrenden Dampfboote, das heißt an die, dienicht vorbeifahren, sondern bei mir anlegen, verkaufe; aber kommt nur mit, ich muß Euch doch meine Residenz zeigen. Jetzt fällt mir's übrigens erst ein, wo kommt Ihr denn eigentlich her? Ihr schient zwar im Anfange wie aus den Wolken gefallen zu sein, müßt aber doch wohl noch irgend wo anders herstammen.«

»Mein Boot liegt unten am Mississippi,« sagte Tom.

»Wo? an meinem Haus?«

»Ich habe kein Haus gesehen, ich kam mitten durch die Dornen.«

»Hahaha, dann glaub' ich's Euch, daß Ihr erstaunt über mein Spiel waret, wenn Ihr durch das Dickicht gekrochen seid,« lachte der junge Holzschläger – »aber kommt nur, ich habe da drüben ein gar behagliches Plätzchen und muß Euch doch wenigstens einen Bissen zu essen vorsetzen, daß Ihr mir nicht hungrig wieder fortgeht. Seht,« fuhr er fort, als er, dem erstaunten Bootsmann voran, auf dem kleinen, kaum bemerkbaren Pfade hinschritt – »hier den Baum hab' ich gefällt, um ihn klein zu spalten und die Klafterstücken zum Fluß hinab zu nehmen. In einem fort aber so ganz allein Holz zu hacken, ist höchst lang weilige Arbeit, und da nehm' ich denn gewöhnlich die Violine ein wenig mit, und wenn ich müde mit Hauen bin, spiel' ich ein bischen, bis mir die Arme wieder gelenk werden. Aber hier ist mein Haus – noch wenig Land dabei urbar gemacht, sonst jedoch ganz bequem und meinen Bedürfnissen vollkommen entsprechend.«

Mit diesen Worten schob er die letzten über den Pfad hängenden Rohrstangen zurück, und Tom stand auch schon im nächsten Augenblicke dicht vor der aus unbehauenen Stämmen aufgeführten Wand des kleinen Hauses, um das sie sich erst herumdrücken mußten, den schmalen niedern Eingang desselben zu erreichen. Hier aber dehnte sich auch ein etwas freierer Platz vor ihnen aus, der nach dem Fluß zu offen lag und einen Ueberblick über den freien Strom gewährte.

Die Hütte stand auf der sogenannten »zweiten Uferbank«, [219] die ein wenig von der ersten zurück und wohl noch eine Elle höher als diese selbst lag. Dicht davor waren einige fünfzig Corde oder Klaftern Baumwollen- und Eschenholz aufgestapelt, sonst zeigte aber auch gar nichts weiter, daß menschliche Hand in dieser Wildniß gearbeitet oder ein menschliches Wesen seinen Wohnsitz da aufgeschlagen habe. Kein Dornbusch war abgehauen, er wäre denn dem Holztransport im Wege gewesen; weder Spaten noch Hacke hatte hier je eine Scholle aufgeworfen, und der Pflug mußte dem ganzen Platz ein eben so fremder Gegenstand sein, wie es Hobel oder Kelle dem Haus gewesen. Nur die Axt hatte für den kecken Menschen ein Asyl aus dem Walde herausgehauen und den Bär und Panther aus seinem angestammten Wohnsitze vertrieben, in das sich unser munterer Musikfreund, ein Sohn des alten Kentucky, häuslich und mutterseelenallein niedergelassen hatte.

Ein paar große gelbe Rüden, über und über mit Narben bedeckt, waren seine einzigen Gesellschafter und lagen vor der Thür der Wohnung ausgestreckt. Obgleich sie aber bemerkten, daß sich ein Fremder näherte, schienen sie es doch nicht einmal der Mühe werth zu halten, auch nur den Kopf deshalb zu heben. Er kam ja in Gesellschaft ihres Herrn, und diesen nur begrüßten sie mit einem lebhaften Versuch, die außerordentlich kurzen Schwänze in eine wedelnde Bewegung zu bringen, was ihnen übrigens ohne starke Anstrengung des ganzen Hintertheils gar nicht möglich gewesen wäre.

Was der Kentuckier an Lebensmitteln bedurfte, mußte ihm der Wald liefern; seinen sehr geringen Brodbedarf bezog er von den dort anlegenden Dampfbooten, und im Uebrigen versorgte ihn der Mississippi mit Wasser und Fischen. Durch seine Axt konnte er aber ein gut Stück Geld verdienen, von dem es ihm, selbst mit dem besten Willen, nicht möglich gewesen wäre, auch nur einen Cent wieder auszugeben, und er erreichte so, wie er dem jungen Bootsmann versicherte, wenn auch nicht gerade außerordentlich schnell, doch ziemlich gewiß seinen Zweck, ein kleines Capital zu sammeln, um sich später in gesünderer Gegend und »mehr unter Menschen« – jedoch [220] mit der Bedingung, »keinen Nachbar näher als fünf Meilen zu haben« – niederzulassen.

Sie traten jetzt in das kleine Haus, und einfacher, was Möbeln und Hausgeräth betraf, konnte allerdings keine Wirthschaft eingerichtet sein. – Ein leeres Mehlfaß war der Tisch – ein paar gerade abgehauene Klötze bildeten die Stühle – er hatte deren zwei, um, wie er meinte, nicht auf der Erde zu sitzen, wenn er einmal Gesellschaft bekäme – sein ganzes Kochgeschirr bestand in einem einzigen eisernen Topf, ohne Henkel und Deckel, einem Blechbecher und zwei aus Rohr geschnitzten Gabeln. Eine Art Löffel hatte er sich ebenfalls aus Holz geschnitzt, der mußte aber nur bei festlichen Gelegenheiten benutzt werden, denn er stak ruhig und mit Staub bedeckt über dem Kamin. Besser im Stande schien sein Schießgeräth zu sein: eine treffliche Büchse lag, mit der Kugeltasche daran, über der Thür und das sogenannte »Scalpirmesser«, das unsere Jäger Genickfänger nennen, war in dem Riemen derselben befestigt.

Außerdem lagen noch verschiedene Felle, mit einer wollenen Decke, auf der Erde ausgebreitet, und ein in der Ecke aufgespanntes Mosquitonetz zeigte den Platz an, wo sein Bett gewöhnlich war, denn eine Bettstelle war weiter nirgends zu sehen. Ohne Mosquitonetz hätte es hier aber kein Mensch ausgehalten, wenigstens hätte er kein Auge schließen können.

Die Speisekammer schien noch am besten bestellt, denn oben im Kamin hing eine Anzahl geräucherter Hirsch- und Bärenkeulen, und breitmächtige Speckseiten, ebenfalls von Bären, – Vorrath für die Zeit, wo die Arbeit entweder zu dringend, oder die Jagd nicht besonders war, oder der einsame Mann vielleicht gar krank auf sein hartes Bett ausgestreckt lag und, vom Fieberfrost geschüttelt, kaum zum Fluß hinabkriechen konnte, sich selbst einen Trunk frischen Wassers zu holen.

»Nun, Fremder,« sagte jetzt der Kentuckier, während er unter dem Mosquitonetz eine bis dahin verdeckt gestandene, roh aus Holz gehauene Schüssel hervorholte, die kalte, aber feiste und delicate Hirschrippen und ein paar Stücke gebratenen Truthahns enthielt, »macht's Euch bequem und langt [221] zu – viel ist nicht da – halt, da drunter liegen auch noch ein paar kleine Weizenkuchen – so – ein Schelm giebt's besser, als er kann. – Das Essen ist übrigens nicht zu verachten – das Wildpret schmeckt delicat, und der Truthahn kann gar nicht besser sein – ein Tropfen Whisky fehlt nur, die compacteren Sachen damit hin unter zu spülen.« –

»Hallo, wenn's Euch an Whisky fehlt, da kann ich aushelfen,« rief Tom lachend, »ich habe mir von Helena aus genug Vorrath mitgenommen, acht Tage damit auszukommen, und will doch nur eine Nacht unterwegs sein; aber – wie komme ich dazu? Die Flasche liegt im Boot, da werd' ich wohl wieder durch die Dornen zurück müssen.«

»Ei Gott bewahre,« sagte der Kentuckier, »wenn wir den Whisky so nahe haben, so soll auch schon Rath geschafft werden, ihn herzubekommen, ohne durch solche Wildniß zurückzukriechen. Ich fahre rasch in meinem Canoe hin und hole das Boot hierher. Alle Wetter, war mir's doch fast so, gerade ehe Ihr kamt, als ob ich Whisky röche – entweder habe ich eine verdammt gute Nase, oder es giebt Ahnungen.«

Damit sprang er rasch die Uferbank hinunter, stieg in sein Canoe, verschwand damit um die kleine Landspitze, die der Fluß hier oben bildete, und kehrte schon nach wenigen Minuten mit Tom's Boot zurück, das er jetzt an seiner eigenen Landung befestigte, während Tom selber ihm dabei zu Hülfe kam und die Whiskykruke mit hinaufnahm.

»Nun sagt mir aber in aller Welt, wo wollt Ihr so allein mit der Kruke hin?« frug der Kentuckier endlich, als sie ihren Hunger einigermaßen gestillt hatten und einen zweiten »steifen Grog« in dem einzigen Blechbecher bereiteten. »Ihr gedenkt doch nicht nach New-Orleans hinunter zu treiben? Das wäre ein verwünscht langweiliger Spaß.«

»Nein,« sagte Tom, »ich will nur sehen, wie die Preise in Montgomerys Point sind. – Wir haben hier oben in Helena ein Flatboot, und da unser Steuermann so großes Wesen von jenem Ort machte, so gedachte ich einmal vorauszufahren und mich ein bischen nach Allem zu erkundigen.«

»Nun Gott sei Dank,« lachte der Holzschläger, »das war [222] der Mühe werth, auch noch nach dem Nest einen besonderen Boten vorauszuschicken. Wenn's noch Napoleon, an der Mündung des Arkansas, wäre; aber auch da sind keine besonderen Geschäfte zu machen, denn die Leute dort kaufen wenig mehr, als sie für ihren eigenen Bedarf nöthig haben, und das istsehr wenig. Nein, da hättet Ihr in Memphis noch viel bessere Geschäfte machen können als hier, wenn Ihr überhaupt nicht bis Vicksburg oder Natchez hinunter wollt. Seid Ihr denn in Memphis gelandet?«

»Nein, unser Steuermann meinte, dort sei auch gar nichts mehr abzusetzen, da die Memphis-Kaufleute ihre bestimmten Waaren jetzt fast einzig und allein aus Kentucky bezögen.«

»Unsinn – Ihr mögt einen besonders klugenSteuermann haben, vom Handel versteht er aber, wenn er das sagt, nichts.«

»Vielleicht nur zu viel,« lachte Tom; »ich habe den Burschen in Verdacht, daß er irgend einen guten Freund in Montgomerys Point hat, dem er die Waaren zuzuschieben gedenkt. Da soll er aber unter dem falschen Baum gebellt haben, denn so lange ich ein Wort mit hineinreden darf, bekommt sie Keiner, dener recommandirt.«

»So so?« meinte der Kentuckier, »auch möglich – in Kentucky habe ich überhaupt viel über die Mississippi-Bootsleute munkeln hören, was keineswegs sehr zu deren Vortheil spräche. Hier kann man freilich nichts Näheres darüber erfahren, obgleich ich mich schon manchmal gewundert habe, wie oft hier in der Nacht Boote vorbeirudern, und zwar nicht allein stromab, denn das wäre nichts Besonderes, nein, auch stromauf, und zwar ziemlich regelmäßig vor der Morgendämmerung. Weiß der Henker, wer da so große Eile hat, daß er nicht Tageslicht wie ein stromauf gehendes Dampfboot abwarten kann, und sich lieber abquält und plagt, gegen die starke Fluth dieses Flusses anzuarbeiten. Wahrscheinlich muß in Helena, oder auch in Montgomerys Point, irgend eine heimliche Spielhölle sein, zu der das alberne Volk bei Nacht und Nebel hinschleicht, um sein gutes Geld förmlich in einen Abgrund zu werfen. Gestern Nacht rief ich einmal [223] eins an, das gerade hier unten an der Spitze und noch dazu mit umwickelten Rudern vorüber fuhr, – es war ein Nachbar hier, der nach Victoria hinüber mußte – sie wollten ihn aber nicht mitnehmen und meinten, sie wären schon überdies zu schwer geladen. Ich hatte wahrhaftig gleich nachher das Vergnügen, ihn selber hinunter zu fahren. Doch was kümmert's mich, laß sie ihr Geld todtschlagen, wie sie wollen, ich weiß besser wohin damit, und wenn jene in den Tag hinein lebenden wilden Gesellen einmal keinen Platz haben, wohin sie ihr Haupt legen können, dann sitz' ich behaglich auf meiner guten Farm und bin für mein übriges Leben versorgt.«

»Behaltet Ihr denn aber das Geld, was Ihr verdient, bei Euch?« frug jetzt Tom; »da würd' ich doch nicht recht trauen – in der Art hat der Mississippi keinen besonders guten Namen. Wenn Ihr nun einmal vom Hause fortgeht?«

»Ei, das halt' ich gut versteckt,« lachte der Holzhauer, »finden soll's schon so leicht Keiner. Es läßt sich dabei aber auch nichts Anderes thun, denn ehe ich's einer von den Arkansas- oder Mississippi-Banken anvertraute, könnt' ich's eben so gut verspielen; da hätt' ich doch wenigstens ein Vergnügen davon, wenn auch ein schlechtes.«

»Nun, ich weiß nicht,« meinte Tom, »mit Geld hier so ganz allein im Walde zu sitzen, würd' ich jedenfalls für gefährlich halten. – Es schwimmt eine ganz anständige Zahl von Leichen in diesem Vater der Wasser wie Brocken in einer Suppe herum – ich möchte nicht gern einer von den Brocken sein.«

»Ja, das ist wahr!« sagte der Kentuckier, »vor Victoria besonders treiben viele vorüber; denkt aber auch nur, wie manches Dampfboot zu Grunde geht. Da ist's ja dann kein Wunder, daß die erst versunkenen Leichen auch wieder zum Vorschein kommen. Aber wollt Ihr denn schon fort? Wenn Ihr blos nach Montgomerys Point gedenkt, habt Ihr wahrlich nichts zu versäumen.«

»Ei nun, ich bin einmal unterwegs,« meinte Tom, während er aufstand und den letzten Rest aus dem Blechbecher leerte, [224] »und da will ich doch auch hinunter; überdies soll ich ja dort meinen Alten wieder treffen, der hier am Ende an mir vorbeifährt. Aber hört einmal – wo gieß' ich denn den Whisky hinein? Ich möchte ihn Euch gerne dalassen, denn da Ihr hier so schlecht damit beschlagen seid –«

»Gar zu gütig!« lachte der Mann, »die Gabe nehme ich übrigens mit Dank an; an Gefäßen fehlt's freilich, doch habe ich hier ein paar Rohrstöcke, die halten wohl eine Pint.«

»Ach was, da geht ja gar nichts hinein,« brummte Tom – »doch halt, gebt sie einmal her, wie weit ist's noch bis Montgomerys Point und wann kann ich unten sein?«

»Ei doch wohl noch vierundvierzig Meilen; wenn Ihr aber bis Abend rudert und die Nacht hindurch treibt, so könnt Ihr es mit Tagesanbruch erreichen.«

»Gut, so behaltet Ihr die Kruke hier – das Rohr hält so viel, als ich brauche, bis ich hinunter komme, und unten giebt's mehr.«

»Was? Die ganze Kruke?« rief der Kentuckier erstaunt – »ei, Mann, Ihr seid großmüthig.«

»Ihr seht,« sagte Tom lächelnd, »ich weiß wie's, thut, ohne Whisky zu sein, bin's auch schon manchmal gewesen und fühle deshalb mit jedem Menschen Mitleiden, der sich in gleich trauriger Lage befindet. Unser halbes Boot ist übrigens mit Whisky geladen, und da könnt Ihr wohl denken, daß es gerade nicht auf eine Gallone ankommt. Aber ade – es wird spät, und ich möchte doch noch gern morgen früh alle die Geschäfte abmachen, derentwegen ich eigentlich heruntergekommen bin; so guten Abend denn – wie war Euer Name?«

»Robert Bredschaw – und der Eurige?«

»Tom Barnwell,« lautete die Antwort, während das schmale Boot schon wieder in die Strömung hinausschoß, sich, bis Tom die Ruder ergreifen konnte, ein paar Mal umdrehte, und dann, dem starken Arm des jungen Mannes gehorsam, rasch über die gelben Fluthen dahinschoß.

Tom hatte sich bei seinem neugewonnenen Freunde doch länger aufgehalten, als es anfangs seine Absicht gewesen, noch [225] dazu, da er erst einen sehr kleinen Theil seiner Fahrt zurückgelegt – Bredschaw's bescheidene Wohnung lag nämlich nur sieben englische Meilen zu Wasser von Helena entfernt – doch hoffte er auf die starke Strömung, die ihn wohl auch ohne große Anstrengung seinem Ziele zuführen würde.

Die Sonne lag schon auf den Wipfeln der Bäume, als er aus der kleinen Bucht vorschoß, und da es in Nordamerika fast gar keine Dämmerung giebt, sondern die Nacht sich scharf von ihrem freundlicheren Bruder abscheidet, so legte er sich noch recht wacker in die Ruder, den letzten Tagesschein soviel als möglich zu benutzen. Links von ihm lag die sogenannte »runde Weideninsel«, ein flaches unbewohnbares Stück Land, dessen äußerste Ränder schon jetzt, da der Mississippi erst zu steigen anfing, unter Wasser standen, während es fast in jedem Jahr von der Fluth vollständig bedeckt wurde. Inmitten dicht mit Weiden bewaldet, hatten rings um diese herum, ein Zeichen neu angeschwemmten Bodens, junge Baumwollenholzschößlinge Wurzel geschlagen, und bildeten nun, je nach der Mitte zu höher und höher emporsteigend, eine so regelmäßige Anpflanzung, daß es fast gar nicht aussah, als ob sie nur der wildstreuenden Natur ihre dortige Existenz zu danken hätte, sondern von Menschenhand in terrassenförmiger Ordnung gepflanzt und gehegt sei.

Diese ließ er jetzt hinter sich, und mitten im Bett des ungeheuren Flusses zog sich die Strömung mehrere Meilen lang hin, bis dort, wo eine andere Insel »Nr. Einundsechzig«, die Fluth theilte und die größere Hälfte der Wassermasse an das westliche Ufer hinüberwarf; dies wurde noch dadurch befördert, daß die Strömung durch eine ziemlich scharfe Biegung des linken Ufers, gerade oberhalb »Einundsechzig«, schräg, fast über die ganze Flußbreite getrieben ward. Fast alle herabkommenden Boote ließen deshalb auch diese Insel links liegen und schnitten nur bei hohem Wasser die zwei oder drei Meilen ab, die sie sonst zurücklegen mußten, um wieder zwischen dem östlichen Ufer von Nr. Zwei- und Dreiundsechzig und dem Mississippistaate durchzufahren.

Tom nun, der die Flußbahn des Mississippi nicht kannte [226] und nur nach dem Ueberblick, den er von einer Uferspitze bis zur andern bekam, seine Fahrt regelte, sah, daß der Strom hier einen ziemlich starken Bogen zur Rechten mache, und hielt, um den abzuschneiden, scharf gegen das östliche Ufer hinüber, was auch für sein leichtes Boot der nächste und der beste Weg stromab sein mußte. Immer schneller dunkelte es aber jetzt, ein leichter Nebel legte sich, wie ein dünner Schleier, über die trübe Stromfläche, und selbst der letzte lichte Schein an den hohen Uferbäumen hatte einer blässeren mattgrauen Färbung Platz gemacht.

In einzelne der hohen Sykomoren und Pappeln stiegen ganze Schaaren weißer und blauer Reiher nieder, um hier ihren Nachtstand zu nehmen. Quer über den Strom zogen zwitschernde Flüge von Blackbirds – die nordamerikanischen Staare. – Auch die Krähen suchten mit dumpfem Krächzen ihren gewöhnlichen Ruheplatz, während lange Ketten von Wildenten dicht über das Wasser mit schnell schwirrenden Flügelschlägen dahinstrichen und hier und da einen scheuen Loon auftrieben, der dann, wenn sie vorüber waren, wieder, wie ärgerlich, mit den leise klagenden Lauten seinen früheren Platz auf einem alten treibenden Baumstamm einnahm, mit dem er vor Tag vielleicht mehrere zwanzig Meilen stromab zurücklegte.

Aus dem Walde heraus wurden dabei die Frösche lauter und lauter, und zwischen das helle monotone Geschrei der kleineren Gattungen fiel manchmal, im harmonischen Baß und mit grimmig tönender Stimme, irgend ein ernsthafter Ochsenfrosch ein und gab dadurch dem rauschenden Tenor- und Sopranchor eine gediegenere Grundlage. Zahlreiche Nachtfalken kreuzten dicht am Lande hin, und über dem westlichen Ufer schwebte sogar, in diesen flachen Gegenden als seltener Gast, ein weißköpfiger Adler, das Symbol der Vereinigten Staaten, und suchte, den schönen Kopf mit den großen klugen Augen gar scharfsichtig seitwärts gebogen, nach irgend einem unglücklichen Truthahn, den er gern aus den Zweigen herausgeholt und seinem eigenen Horst zugetragen hätte.

Tom Barnwell mußte scharf rudern, um nicht von der [227] Strömung auf den obern Theil der Insel getrieben zu werden. Einmal aber die äußerste Spitze umschifft, nahm ihn auch die Fluth selbst daran hin, und da er auch keine Snags und vorragenden Baumstämme zu fürchten brauchte, von denen sich sein leichtes Boot bald selbst wieder losgeschwungen hätte, so legte er die Ruder bei, lehnte sich behaglich zurück, und trieb nun, die Augen fest auf die hier und da hervorblitzenden Sterne geheftet, den Strom hinab. Lange hatte er in dieser Stellung verharrt – der dunkelblaue Himmel blitzte und funkelte in seinem prachtvollen Schmuck und der Wald rauschte neben ihm, während unter den Planken des leichten schlanken Fahrzeugs die wilde Fluth gurgelte und murmelte und ihre eigenen wunderlichen Betrachtungen zu haben schien. Es war eine wundervolle Nacht, und stiller, heiliger Friede lag auf dem breiten ruhigen Strom.

Ach, was für ein aus tiefster Brust heraus geholter Seufzer entfloh da den Lippen des jungen Matrosen – hatte der wilde Bootsmann des Mississippi solch bitteres geheimes Weh zu tragen? – Waren das Thränen, die dem rauhen Mann die Wimpern netzten und ihm leise, leise an den Schlafen hinabträufelten? –

Er sprang auf und warf sich die langen braunen Locken halb unwillig aus der Stirn, ohne die Augen zu berühren – er wollte die Thränen nicht anerkennen.

»Zum Henker mit den Dämmerstunden,« murmelte er vor sich hin, »ist's doch immer, als ob's einem ordentlichen Kerl da gleich breiweich um's Herz werden müßte; und wenn man erst einmal in das endlose Blau da hinaufstarrt, und hier und da so ein paar glänzenden Sternen begegnet, die wie Augen zusammenstehen, – da möchte man doch fast glauben, der ganze Nachtthau liefe Einem in den Thränendrüsen zusammen und wollte nun auch augenblicklich wieder hinaus in's Freie. Bah – hier im Walde blitzen die Sterne ebenfalls, und diese tausend und tausend Glühkäfer, die in einander schwirren und glitzern und ein förmliches Feuernetz um die düsteren Baumschatten zu ziehen scheinen, glänzen auch wie Augen. – fliegen aber doch vernünftiger Weise umher, und [228] starren Einem nicht immer so ernst und wehmüthig entgegen.«

Er nahm langsam das eine Ruder auf und legte es in's Wasser. Er wollte seinen Kahn damit näher zu den rauschenden Baumwipfeln hinlenken, in deren Dunkelheit Miriaden von Glühwürmern das heimliche Reich der Bäume mit einem ganz eigentümlichen, fast zauberhaften Licht erhellten.

»Wetter noch einmal,« murmelte er jetzt vor sich hin, und suchte sich augenscheinlich dabei auf andere Gedanken zu bringen – »was für ein Paradies müßte das hier in diesem herrlichen Klima, unter dieser wundervollen Pflanzenwelt sein, wenn es keine –« er schwieg einen Augenblick und sah trübe sinnend vor sich nieder, fuhr aber dann wieder rasch auf und rief halblaut und finster -»Mosquitos und Holzböcke gäbe – die Pest über alle Insecten, mögen sie nun der unvernünftigen oder vernünftigen Thierwelt angehören – die Pest über die Canaillen – sie wären im Stande, selbst das Paradies in eine Hölle zu verwandeln.«

Er horchte plötzlich hoch auf, denn gar nicht weit von ihm entfernt, und dicht aus dem wildesten, das Ufer umdämmenden Baumsturz, tönte ihm helles, fröhliches Lachen einer Mädchenstimme entgegen.

»Nun, bei Gott, das ist wunderlich,« sagte der junge Mann erstaunt, »hat sich denn hier, in gerade solchem Dickicht, eine Einsiedlerin niedergelassen, wie da oben ein Einsiedler? – Die Beiden sockten doch wenigstens zusammenziehen.« Und fast unwillkürlich lenkte sich die Spitze seines Bootes dem Orte zu, von welchem her das Lachen klang.

»Hahaha, wie sie da drinnen durch die Büsche kriechen und den entflohenen Vogel wieder hinein haben wollen in den goldenen Käfig,« – rief da die Stimme. »Hol' über, Bootsmann, hol' über – an's andere Ufer, Fährmann – es wird dunkel, und die feuchte Nachtluft dringt mir kalt und schneidend durch die dünnen Kleider.«

Tom schaute erstaunt nach dem Walde hinüber und suchte unter dem Gewirr von Aesten und Stämmen hin mit den Blicken bis an's Ufer zu dringen, wo er ein menschliches Wesen erst [229] vermuthen konnte. Er befand sich jetzt an der südlichen Spitze von »Einundsechzig« und dicht neben dem Platz, wo die Boote der Insulaner versteckt lagen. Hier aber dämmte auch um so wilderes Dickicht das Ufer ein, und Baum über Baum lag von innen herausgestürzt, während die starren Aeste derselben wieder ihrerseits alles hier vorbeitreibende Driftholz aufgefangen und gegen die Strömung angestemmt hatten. Die Boote wurden dadurch vollkommen gedeckt, und ein Uneingeweihter hätte den schmalen, zu ihnen führenden Kanal gar nicht gefunden, hier aber auch kein menschliches Wesen vermuthen können, wo sich kaum ein Eichhörnchen über die wirbelnde Fluth hinauswagte. Da fesselte ein heller flatternder Schein sein Auge. – Dort, wo ein dünner weißer Sykomorenast über den gährenden Strom hinausstarrte, oben, fast auf seiner äußersten Spitze, wie sich der Falke auf schwankendem Zweige wiegt, saß, von dem dünnen weißen Kleide umweht, eine weibliche Gestalt, und ihr fröhliches Kichern, mit dem sie von ihrer gefährlichen Stellung aus auf den erschreckten Bootsmann niederschaute, machte diesem das Herzblut vor Furcht und Entsetzen gerinnen. Er glaubte im ersten Augenblick wirklich ein übernatürliches Wesen vor sich zu sehen.

»Hahaha, Fährmann,« rief da wieder die Gestalt zu ihm nieder, »komm, lande Dein Boot – der Mond scheint mir sonst von da drüben herüber in's Gesicht herein und ich bekomme Sommersprossen – so – noch ein wenig – jetzt hab' Acht,« und ehe nur Tom, der von einem ihm unbegreiflichen Gefühl getrieben, dem Rufe des Weibes folgte, selbst die Hand ihr reichen konnte oder im Stande war, das Boot zu befestigen, flog sie mit kühnem Satz von oben hinein, und als er hinzusprang, sie zu unterstützen, denn durch die entgegengesetzte Bewegung des Fahrzeugs taumelte sie und wäre bald wieder über Bord gestürzt – trieb der Kahn an der Südseite der Insel vorüber und mitten im Strome in reißender Schnelle dahin.

Es war schon ziemlich dunkel, nur die Sterne verbreiteten ein mattes, ungewisses Licht.

Die Frau aber – von den Armen des jungen Mannes [230] gehalten, verharrte in ihrer ersten Stellung und blieb mehrere Minuten lang, den Blick fest auf die immer mehr verschwimmende Insel geheftet, stehen; dann aber wandte sie sich gegen ihren Retter um, sah ihm, während sie sich mit der rechten Hand den Scheitel langsam zurückstrich, kurze Sekunden starr in's Auge, und flüsterte dann leise und ängstlich:

»Kommt, Tom Barnwell – kommt – fahrt mich an's andere Ufer hinüber – dort muß Eduard's Leiche angewaschen sein.«

»Marie,« schrie da plötzlich der junge Mann, und seine ganze starke Gestalt zitterte und bebte – »Marie – bei dem ewigen Gott da oben – Ihrhier – in diesem Zustande?«

»Ruhig, mein guter Tom,« bat die Wahnsinnige – »ich weiß wohl, Du hattest mich lieb, aber – es sollte nicht sein. – Eduard kam – ha Eduard – was schwimmt da drüben im Strome? – Laß uns hinüberfahren; ich denke, ich kenne das bleiche Antlitz, auf das die Sterne niederscheinen – das muß mein Vater sein!«

»Marie, um Gottes willen, was ist geschehen?« bat jetzt der junge Barnwell, während er sie langsam und vorsichtig auf den im Stern befindlichen Bootssitz niederließ – »was ist Euch Fürchterliches begegnet? Wo sind Eure Eltern? Wo ist Euer Gatte?«

»Meine Eltern? – Mein Gatte?« wiederholte die Unglückliche, und es war augenscheinlich, sie verstand im Anfange nicht einmal den Sinn der Worte, die sie nachmurmelte. – Endlich aber mochten wohl all' jene in Wahnsinnsnacht fast versunkenen größeren Bilder, die ihr Hirn und Herz verwirrt, vor ihrer Seele wieder auftauchen, denn sie barg plötzlich ihr Antlitz in den Händen, und während ein Fieberfrost ihre Glieder zu durchfliegen schien, stöhnte sie halblaut vor sich hin:

»Alle todt – Alle – Alle – in ihrem blutigen Grabe liegen sie. – Nein!« rief sie plötzlich und sprang empor – »nicht blutig – der Strom wusch sie rein – er wollte die häßlichen Leichen nicht so roth mit fortnehmen. – Als Eduard wieder an der Seite emportauchte, sah er weiß und rein aus, [231] und der Kopf war ihm nicht gespalten. – Er lachte – heiliger, allmächtiger Gott – das Lachen ist es ja gerade, was mich wahnsinnig gemacht hat.«

Zwischen den bleichen zarten Fingern quollen jetzt unaufhaltsam die großen hellen Tropfen vor, und ihr Schmerz schien dadurch wohl nicht leidenschaftsloser, aber doch ihrem ganzen zerrütteten Nervensystem weniger gefährlich zu werden. Tom hütete sich auch wohl, diesen Ausbruch langverhaltenen Grames zu unterbrechen. Mit krampfhaft gefalteten Händen stand er vor der Armen, und noch immer kam es ihm fast wie ein wilder, entsetzlicher Traum vor, daß Marie – Marie, an der früher sein ganzes Herz gehangen, jetzt hier – allein – wahnsinnig – von all' den Ihrigen getrennt oder verlassen, in seinem Kahne ruhe, und er nun für die sorgen dürfe, für die er ja so gern sein bestes Herzblut geopfert hätte.

Endlich fühlte er aber doch, daß hier etwas geschehen müsse, nicht allein ein Unterkommen für das kranke Wesen zu finden, sondern auch zu erfahren, wie ihr zu helfen, und was die Ursache ihres Unglücks gewesen. Allerlei wirre Vermuthungen kreuzten dabei sein Hirn; er verwarf sie aber alle wieder, und nur das Eine blieb ihm wahrscheinlich, daß sie hier irgendwo an jener Insel mit Boot oder Fahrzeug verunglückt sei, vielleicht den Untergang aller Uebrigen gesehen und sich allein dort auf einem der in den Fluß ragenden Aeste gerettet habe.

Einzelne, nur wenig zusammenhängende Worte, die sie noch später ausstieß, bestärkten ihn auch in dieser Vermuthung, und er wußte für den Augenblick keinen andern Rath, als sie mit sich stromab zu nehmen, bis er entweder ein Dampfboot fände, das im Stande wäre, Helena noch vor des alten Edgeworth Abreise zu erreichen, oder diesem selbst wieder begegnete. Dieser kannte Marie ebenfalls von früher her und wußte wohl überdies besser, was mit dem armen unglücklichen Weibe anzufangen oder wo es unterzubringen sei.

Mehrere Stunden trieb er so langsam stromab und saß noch immer, das Haupt des armen Kindes stützend, in seiner Jolle, als er am linken Ufer ein Dampfboot liegen sah, das dort Holz einnahm. – Er richtete jetzt, so gut das in [232] der Eile gehen wollte, mit der Jacke eine Art Lager für seinen Schützling her, der theilnahmlos um Alles, was um ihn her vorging, sich das auch ruhig gefallen ließ. – Dann aber griff er wieder zu den Rudern und hielt nun gerade hinüber nach jenem Holzplatz, ihn noch vor Abfahrt des Bootes zu erreichen. Kaum hatte er denn auch seine Jolle daran befestigt und das arme Mädchen mit Hülfe einiger ihr beispringenden Matrosen an Deck gehoben, als die Maschine wieder anfing zu arbeiten und der »Van Buren« – das war der Name des Dampfers – mit rauschenden Rädern seine Bahn stromauf verfolgte.

16. Sander's Pläne. - Der alte Lively

16.

Sander's Pläne. – Der alte Lively.

Langsam zogen die Männer mit ihrer traurigen Last heimwärts, Lively's Farm wieder zu. Uebrigens waren sie von dieser gar nicht so weite Strecke entfernt, da, wie schon gesagt, der Hügel, welchem die Flüchtigen gefolgt, einen ziemlich starken Bogen machte. – Der Mulatte lag fast während der ganzen Zeit besinnungslos in der Decke, und nur manchmal, wenn eins der Pferde auf dem rauhen Boden einen Fehltritt that, zuckte er zusammen und stieß einen Schmerzenslaut aus.

Als sie sich der Farm näherten, hielten sie, um vor allen Dingen zu berathen, auf welche Art sie den Verwundeten am besten zum Hause brächten, ohne die Frauen dabei zu sehr zu erschrecken. Sander erbot sich allerdings, voran zu reiten, Cook meinte aber, es wäre besser, wenn das Einer von der Familie thäte, und zwar kein Anderer als der alte Lively, [233] da er selbst mit seinem blutigen Gesicht sie vielleicht noch mehr erschreckt hätte. Der Alte war damit auch vollkommen einverstanden, schulterte seine Büchse und wollte eben zu Fuß voraus wandern, als ihm Sander sein Pferd anbot, was er auch bestieg, und nun rasch damit seiner eigenen Wohnung zutrabte.

Unterwegs zerbrach sich aber James Lively senior gewaltig den Kopf, wie er es am klügsten anfange, die Frauen gleich von vornherein so zu beruhigen, daß sie nicht einmal erschräken, sondern augenblicklich wüßten, es wäre Alles glücklich abgelaufen. Jene hatten nämlich noch vor dem Aufbruch der Männer gehört, daß die Diebe nicht unbewaffnet geflohen seien, was es denn auch außer allen Zweifel setzte, sie würden sich nur nach verzweifelter Gegenwehr gefangen nehmen lassen. So gut und brauchbar nun aber auch der alte Mann im Walde oder überhaupt da sein mochte, wo es galt, kaltes Blut und eine muthige Stirn zu zeigen, oder den Weg durch bahnlose Wildnisse zu finden, so sehr fühlte er sich hier außer seiner Sphäre, und es kostete ihm nicht geringe Mühe, eine nur irgend haltbare Anrede heraus zu klügeln. Endlich war er jedoch damit im Reinen und beschloß, ihnen vor allen Dingen zu sagen, daß sie sämmtlich wohl und unverletzt seien, ihm auf dem Fuße folgten, den einen der Diebe gefangen brächten und den andern ebenfalls noch vor Abend einzufangen gedächten. Damit mußte er sie vollständig beruhigen, und hierüber mit sich selbst einig, preßte er auch dem munteren Thierchen, das er ritt, die bloßen Hacken kräftig in die Seite, – denn der alte Mann ging wie immer barfuß – und sprengte in kurzem Galopp den Hügel schräg hinab, an dessen Fuß er schon das helle Dach seines kleinen Hauses erkennen konnte.

Die Frauen schienen aber die Rückkunft der Männer mit größerer Angst und Sorge erwartet zu haben, als diese vielleicht selbst glauben mochten, denn daß es einen ernsten Kampf galt, bewies ihnen schon der Umstand, wie sie alle nur vorhandenen Waffen mitgenommen hatten. Es ließ sich ja wohl denken, wie bei so ernster Verfolgung ernster Widerstand zu fürchten wäre. Diese Furcht wurde noch vermehrt, als sie [234] jetzt den alten Mann allein zurückkehren sahen, und obgleich eine die andere beruhigen wollte, so eilten sie ihm doch sämmtlich und zwar in aller Hast entgegen, das Schlimmste, was er sagen konnte, sogleich aus seinem eigenen Munde zu hören.

»Lively – um Gottes willen, was ist vorgefallen!« – rief seine Frau und mußte sich gewaltsam aufrecht halten, um nicht in die Kniee zu sinken – »wo – wo ist James?« –

–– »Wo ist Cook, Vater? – wo ist mein Mann?« rief die Tochter, eilte zum Pferde und ergriff seine Hand – »wo habt Ihr – großer, allmächtiger Gott – hier ist Blut an Eurem Fuß, und hier auch – an Knie und Schenkel – auch Eure Hand ist blutig – wo um des Heilands willen ist mein Mann?«

»Wo ist James – wo der Fremde? Was ist mit den Dieben geschehen?« riefen erschreckt auch Mrs. Dayton und Adele.

Der alte Lively, so von allen Seiten in einem Anlauf bestürmt, der ihn gar nicht zu Worte kommen ließ, vergaß natürlich auch jede Silbe von dem, was er zur Beruhigung der Frauen hatte sagen wollen und vermehrte durch sein bestürztes Schweigen und Umherstarren nur noch die Angst und das Entsetzen der Frauen. Endlich aber, als ihm diese nur einen Augenblick Zeit gaben, seine Gedanken zu sammeln, fühlte er selbst, daß jetzt eine Antwort unumgänglich nöthig sei, hielt sich aber, da ihm jeder weitere Faden abgerissen war, fest an die letzte Frage und stotterte nur, indem er dabei ein höchst beruhigendes Gesicht zu machen versuchte und in einem fort mit dem Kopfe schüttelte!

»Er ist noch nicht todt – sie bringen ihn!«

»Wen? Um aller fünf Wunden unseres Heilands willen!« – schrieen die beiden Frauen wie aus einem Munde, während Adele leichenblaß wurde und krampfhaft der Schwester Arm erfaßte. »Wen, Mann? – Wen bringen sie? – Wo ist James! Wo ist Cook?«

»Hinter dem Andern her!« rief der alte Lively jetzt, durch die vielen Fragen total verwirrt – »er kommt mit dem Einen, den wir durch's Bein geschossen haben.«

[235] »James?« rief die alte Dame.

»Cook?« stöhnte dessen Frau.

»Unsinn!« brummte aber jetzt der Alte, dem es anfing siedendheiß zu werden – »der Mulatte. – Herr Jesus, Weiber, macht Einen nicht toll – James und Cook sind Beide so gesund wie ich – Cook hat sich die Nase ein bischen wund geschlagen – den Mulatten haben sie geschossen, der Andere ist entflohen und James ist auf der Fährte geblieben. – Vater Unser, der Du bist im Himmel – Ihr fragt ja, daß es Einem wie mit Kübeln den Rücken hinunterläuft.«

»Beruhigen Sie sich,« sagte Mrs. Dayton jetzt, indem sie die alte Frau unterstützte, »es ist keiner unserer Freunde verwundet – sie haben nur einen der Diebe gefangen, den sie nach Hause bringen.«

»Aber was in aller Welt erschreckst Du uns da nur so!« rief mit vorwurfsvollem Tone die alte Frau.

»Ach. Vater,« betheuerte auch Mrs. Cook, »die Angst bekomm' ich in vier Wochen nicht wieder aus den Gliedern!«

»Na, das ist eine schöne Geschichte,« brummte der Alte in komischer Verzweiflung – »ich werde hier ganz besonders vorausgeschickt, um gleich als persönliches Beispiel zu dienen, daß sich Alle wohl befinden, und springe nun gerade mit beiden Füßen in's Porzellan hinein. Aber besser noch so wie so. Sie sind Alle wohl – Cook und Hawes werden gleich hier sein – Bohs ist aber mit Cook's James – Heiland der Welt, man verliert hier noch das bischen Verstand – James ist mit Cook's Bohs – nein, doch nicht – der Hund wollte nicht mit – dem weißen Diebe nach, und wird wohl nicht eher wieder kommen, bis er ihn selber bringt, oder doch genaue Kunde sagen kann, wohin er sich gewendet.«

Der alte Mann mußte jetzt umständlichen Bericht über das Geschehene abstatten, denn als er in der Nacht die Gewehre holte, hatte er ihnen nur flüchtig sagen können, daß Jemand gestohlen habe und sie dem nachsetzen wollten. Diesem Berichte schloß sich aber eine von dem alten Lively bis dahin noch gar nicht bemerkte Person an, die erst diesen Morgen [236] eingetroffen war und noch beim nachträglich bereiteten Frühstück saß, als die beiden Frauen dem Botschafter entgegeneilten. Dieses Individuum war aber niemand Geringeres als Doctor Monrove oder der Leichendoctor, wie ihn die Hinterwäldler nannten, der jetzt noch zwischen Hunger und Neugier schwankend, mit einem halb abgenagten Truthahnknochen in der einen und einem Stück braungebranntem Maisbrod in der andern fettigen Hand, zu den Frauen trat und mit immer wachsendem Interesse hörte, daß ein Mann verwundet, gefährlich verwundet sei, und sogar hierher geschafft werden würde.

»Bester Mr. Lively –« wandte er sich jetzt an diesen.

»Ach, Leich – Doctor Monrove,« sagte der alte Mann, während er sich erstaunt und vielleicht auch erschreckt nach dem sonst gern gemiedenen Mann umblickte. Erzählten sich doch die Landleute überhaupt schon von ihm, er witterte eine Leiche so weit wie ein Turkey-Bussard – »Ihr kommt apropos – und könnt hier gleich Eure Kunst zeigen, ob einem armen Teufel noch zu helfen ist, dem das Tageslicht an mehr als einer Stelle durch die Haut scheint. – Aber da kommen sie wahrhaftig schon – so mögt Ihr gleich mit anfassen. Alte, wo wollen wir ihn denn hinlegen?«

»Ach Du lieber Gott!« sagte die alte Dame – »hier in's Haus soll er?«

»Nun wir dürfen –«

»Nein, nein, Du hast Recht, es ist auch ein Mensch so gut wie wir, wenn auch ein sündhafter, den Gott gestraft hat. Ja, da weiß ich aber meiner Seele keinen Rath weiter, als Ihr müßt ihn in Cook's Haus schaffen, und Ihr Anderen zieht, bis er transportirt werden kann, zu uns herüber. – Ach, beste Mrs. Dayton, daß Sie auch gerade zu so unglücklicher Zeit zu uns kommen mußten, und wir hatten uns Alle so auf Sie gefreut.«

Mrs. Dayton wollte sie nun zwar hierüber beruhigen, es blieb ihnen aber keine Zeit weiter, denn die kleine Cavalcade hielt in diesem Augenblick vor dem Thore, und Cook und Sander an der einen, wie Doctor Monrove und der alte Lively [237] auf der andern Seite trugen den Verwundeten langsam und so vorsichtig als möglich in dieselbe Thür hinein, aus der er in voriger Nacht so schlau und flüchtig entwichen.

Der Mulatte stöhnte, als er die Augen ausschlug und den Platz wieder erkannte.

Doctor Monrove, der indessen auf des Alten Anfrage nur unzusammenhängende und diesem vollkommen unverständliche Worte erwidert hatte, denn er nannte ihm in aller Geschwindigkeit eine Masse von Brüchen, Quetschungen, wie Hieb-, Stich- und Schußwunden, bei denen es ihm ungemeine Freude machen würde, ihre Heilung an irgend einem menschlichen Wesen zu beobachten – schien die Zeit kaum erwarten zu können, wo er im Stande war, die Verwundungen des Unglücklichen zu untersuchen. Er versicherte auch ein über das andere Mal, es sei der glücklichste Zufall von der Welt, der ihn hier zu so guter Stunde hergeführt habe. Auf Sander's Frage endlich, ob er Wohl glaube, daß der Mann sein Bewußtsein wieder gewinnen könne, antwortete er, sich freudig dabei die Hände reibend:

»Ei gewiß, gewiß – soll mir noch zwei, drei Tage leben; hoffe ihn zu trepaniren und am rechten Arme wie rechten Beine zu amputiren.«

»Zu was?« frug der alte Lively erstaunt.

»Lassen Sie mich nur machen, bester Herr,« erwiderte der kleine Mann, ohne die Frage weiter zu beachten, in größter Geschäftigkeit – »lassen Sie mich nur machen. – Hier am Feuer, Gentlemen, wird wohl der beste Platz sein, sein Lager zu bereiten – ein Paar wollene Decken genügen – verlange nichts weiter für meine Mühe, Gentlemen, als die Leiche. – Werden mir wohl ein Pferd borgen, sie nach Helena zu schaffen – ein alter Sack genügt – schneiden sie von einander.«

Der alte Lively drückte sich leise aus dem Zimmer; ihm fing es an in der Gesellschaft des kleinen Mannes unheimlich zu werden, und selbst Cook wäre ihm gern gefolgt, wenn nicht noch einige zu treffende Anordnungen seine Gegenwart erheischt hätten. Sander, der eine Zeit lang sinnend, und [238] ohne mit Jemandem ein Wort zu wechseln, an dem Schmerzenslager des Mulatten stand, beobachtete aufmerksam den Zustand desselben, und erklärte endlich, als dieser matt die Augen wieder aufschlug, bei ihm bleiben zu wollen. In jedem andern Falle hätte nun Cook das vielleicht nicht einmal zugegeben, hier aber schien es ihm sogar lieb zu sein, und er verließ selbst auf kurze Zeit das Haus, versprach jedoch bald zurückkehren zu wollen, um von dem Mulatten, wenn dieser aus seiner Betäubung erwache, noch über Manches Aufklärung zu erhalten.

Das zu verhindern, war jetzt Sander's einziger Zweck, und mit verschlungenen Armen und fest auf einander gebissenen Zähnen ging er, als er sich mit dem Doctor und dem Kranken allein sah, im Zimmer auf und ab, seine Pläne zu ordnen und die nöthigen Maßregeln zu ergreifen.

Er befand sich aber auch hier in einer kritischen Lage. Seine Absicht, weshalb er hierher gekommen, war durch eine Bemerkung der alten Mrs. Lively, wenn nicht ganz bei Seite geworfen, doch sehr erschüttert worden. Er hatte nämlich durch ihr Gespräch mit Mrs. Dayton erfahren, daß die alten Benwicks in Georgien gestorben wären, und er wußte durch seine frühere Bekanntschaft mit Adele Dunmore recht gut, wie sie von Jenen erzogen und einem eigenen Kinde gleich behandelt worden sei. Kelly's Absicht mit ihr glaubte er nun zu durchschauen – wahrscheinlich wartete ihrer eine bedeutende Erbschaft, Blackfoot hatte ihm ja gesagt, daß Kelly mit Simrow in Georgien auf das Lebhafteste correspondire. In diesem Falle stand sonach der auf seinen Dienst gesetzte Preis in gar keinem Verhältniß mit dem Gewinn. Unter jeder Bedingung mußte er also, ehe er des Capitains Plan selber förderte, noch einmal mit diesem sprechen und ihm wenigstens zu verstehen geben, daß er mit der Sache näher bekannt sei, als Jener jetzt zu ahnen scheine. Fand er diesen dann, was er jedoch kaum fürchtete, unnachgiebig, ei nun, so gab es vielleicht irgend einen Ausweg, die schöne Beute für sich selber zu entführen. Wie das möglich zu machen wäre, wußte er für den Augenblick allerdings noch nicht, dem eitlen Wüstling schien aber [239] nichts unmöglich, wo seine eigene Person mit in's Spiel kam. Auf jeden Fall mußte er Kelly's Plan aufschieben, um auch selbst noch seinerseits die nöthigen Erkundigungen einzuziehen, und hierbei gab ihm des Mulatten Gefangennehmung eine herrliche Ausrede, weshalb er den erhaltenen Befehl nicht ohne Zögern ausgeführt.

Des Mulatten Zustand wurde aber auch ohnedies ein neuer Grund solcher Handlungsweise. Er durfte diesen nicht verlassen, ohne sich vorher überzeugt zu haben, ob er noch überhaupt im Stande sein werde, Geheimnisse zu enthüllen, und wie weit seine Kenntniß derselben reiche. Konnte er der Insel gefährlich werden, so verlangte es nicht allein sein Schwur – um den hätte er sich vielleicht wenig gekümmert – nein, seine eigene Sicherheit, daß er unschädlich gemacht würde, und seine einzige Hoffnung blieb jetzt, alle Zeugen zu entfernen und dem Mulatten dann schnell und unbemerkt den Todesstoß zu geben. Mit Blut bedeckt wie er war, hätte Niemand daran gedacht, ihn näher zu untersuchen, und rasch beerdigt dann, oder auch dem Doctor überliefert, brauchte er von der Leiche weiter keinen Verrath zu fürchten.

Dieser Plan scheiterte aber an der fürchterlichen Leidenschaft, die der Doctor für Schwerverwundete hegte. Nicht durch alle Versprechungen der Welt wäre er auch nur einen Augenblick zu vermögen gewesen, das Zimmer zu verlassen, und er fing sogar jetzt schon an, obgleich der Unglückliche bei jeder Berührung die heftigsten Schmerzen zu empfinden schien, den Körper zu untersuchen, welche Theile besonders verletzt wären. Dies suchte Sander dadurch zu verschieben, daß er den kleinen Mann darauf aufmerksam machte, wie unumgänglich nothwendig es sei, Schienen für die gebrochenen Gliedmaßen herzustellen. Davon wollte jedoch der Doctor nichts wissen, indem er auf schleuniger Amputation bestand, und er kramte zu diesem Zweck seine rasch herbeigeschleppte Satteltasche aus. Oben enthielt diese eine Menge von kleinen Fläschchen und Büchsen, worunter nachher das schwere Geschütz – Messer, Sägen, Scalpels und andere, gräßlich geformte und markdurchschneidend blank und sauber gehaltene Instrumente folgten.

[240] Die Fläschchen und Büchsen stellte der kleine geschäftige Doctor, damit ihm nicht irgend ein Unglück damit passire, auf den Kaminsims, und die Sägen und übrigen Instrumente breitete er auf dem einzigen kleinen Tische, der im Zimmer stand, aus, so daß sich Cook, als er einmal hereintrat, einen heimlichen aber heiligen Eid schwur, von dem Tische nie wieder einen Bissen zu essen.

In Lively's Hause drüben hielten die Männer indessen Rath, was jetzt am besten anzufangen sei, um den entflohenen Weißen einzuholen, denn Cook meinte, nach des Doctors Aeußerungen dürften sie schwerlich darauf rechnen, den Mulatten so weit wieder hergestellt zu sehen, irgend eine Frage vernünftig beantwortet zu bekommen. Als sie jedoch noch mit einander darüber verhandelten, kehrte James zurück und erklärte, Cotton habe sich wieder dem Flusse zugewendet, und es sei kein Zweifel, daß er entweder südlich hinab oder den Strom blos kreuzen wolle. Beides mußten sie zu verhindern suchen, denn nicht allein hatte er schon in Arkansas gemordet, weshalb sogar ein Preis auf seinem Kopfe stand, sondern in seiner jetzigen Lage blieb ihm auch fast nichts weiter als Raub und Mord übrig. Den Nachbarstaat also theils vor solcher Geißel zu sichern, theils auch nicht der Gefahr ausgesetzt zu sein, daß der Verbrecher in ihre eigene Gegend zurückkehre, beschlossen sie, dem Mississippi zu die Nachbarn zu warnen und aufzubieten. James sollte zu diesem Zweck – da Cook zu kurze Zeit in der Gegend war, um sie genau zu kennen, nach Helena zu, oder vielmehr etwas über Helena, alle Waldleute requiriren, während der alte Lively dem Strom in gerader und nächster Richtung zu ging, um von hier aus ebenfalls die nöthigen Maßregeln zu treffen. Abends wollten sie jedoch zurückkehren, um zu hören, ob vielleicht von anderen Seiten Nachrichten eingegangen seien. Daß der Mörder den Mississippi hinauf suchen sollte zu entkommen, schien ihnen und mit Recht unwahrscheinlich, für unmöglich hielten sie es aber, daß er nach Helena selbst fliehen würde, da sie ja die Verbindungen nicht ahnen konnten, in welchen Helena verbrecherischer Weise mit den Nachbarstaaten stand.

[241] Cook sollte also indessen suchen, mit des Doctors Hülfe den Neger wieder in's Leben zurückzurufen und ihm, da er ja schon gegenwärtig genug für seine Sünden litt, gänzliche Straflosigkeit sichern, wenn er gestehen wollte, wo besonders einzelne, bei Little Rock geraubte werthvolle Gegenstände verborgen seien und wer seine bis dahin noch unentdeckten Helfershelfer wären.

Die Damen rüsteten sich jetzt ebenfalls zum Aufbruch, da ja auch der Raum in Lively's Hause auf so traurige Art beschränkt worden war. James aber mußte natürlich vermuthen, Mr. Hawes, wie sich Sander hier nannte, würde sie auch zurückgeleiten, indem er ja überdies Miß Adele abzuholen gekommen war. Ehe er also sein eigenes, indessen rasch gefüttertes Pferd wieder bestieg, ging er noch einmal hinüber zu den Damen und bat diese, ihn zu entschuldigen, daß er sie nicht noch ein Stückchen begleiten könne, aber der Gegenstand, um den es sich handle, verlange zu dringende Eile, um auch nur eine Viertelstunde auf schieben zu können. In nächster Woche sei jedoch hoffentlich Alles beigelegt und dann käme er wieder hinunter nach Helena und wolle die Ladies, wenn's ihnen recht sei – und James wußte gar nicht, wie gut ihm seine jetzige Verlegenheit stand, es wäre sonst noch viel verlegener geworden – einmal auf recht ordentlich lange Zeit hierheraus holen.

Treuherzig ging er dann auf Beide zu, reichte und drückte ihnen herzlich die Hände, sprang in den Sattel und trabte rasch von dannen, während der alte Lively ebenfalls seine Büchse schulterte, die für ihn hingelegten Lebensmittel in die Kugeltasche schob und mit einem kurzen »Godd bye« seinen eigenen Weg einschlagen wollte.

»Aber, Mr. Lively,« bat da Mrs. Dayton und trat ihm in den Weg, »wieder barfuß? Sie sind erst kürzlich krank gewesen – das kann ja auch gar nicht gesund sein. Wenn Sie sich nun recht ordentlich erkälten und einmal Monate lang das Lager hüten müssen?«

Der alte Mann lächelte – der Gedanke war ihm fremd, ja dergleichen hatte er sich noch nicht einmal für möglich gedacht [242] – Monate lang krank im Bett – nein – ein paar Tage lang vielleicht, wenn ihn einmal das kalte Fieber schüttelte, aber auf keinen Fall länger.

»'s hat keine Noth,« sagte er und griff dabei in den Nacken, um einen ihn dort lästig werdenden Holzbock fortzunehmen – »bin einmal daran gewöhnt – ich kann das Schuhwerk nicht leiden.«

»Ach, dazu bringen Sie ihn nicht,« meinte die alte Mrs. Lively, kopfschüttelnd, »was habe ich da nicht Alles schon geredet und gebeten, er bleibt bei seinem Dickkopf, und läßt die Schuhe lieber verschimmeln, als daß er sie anzöge. Höchstens Sonntags bequemt er sich einmal dazu, wenn er mit mir zur Kirche reitet.«

Dem Alten fing es an unbehaglich zu werden, und er wollte gehen, Adele aber trat ihm jetzt in den Weg und sagte, bittend dabei seine Hand ergreifend:

»Kommen Sie, Mr. Lively, zeigen Sie einmal, daß die Frau Unrecht hat und daß Sie auch nachgeben können. – Nicht wahr, Sie ziehen die Schuhe heut an? Sehen Sie, da drüben steigt ein Wetter herauf; wenn es regnet und Sie sind mit bloßen Füßen weit im Walde drin, da müssen Sie ja krank werden.«

Lively blickte verzweiflungsvoll nach der Thür. Das junge schöne Mädchen war aber nicht so leicht abgefertigt wie seine Frau. – Mit den großen sprechenden Augen blickte sie ihm so bittend und treuherzig in's Gesicht, daß er schon, fast wie unwillkürlich, anfing die rauhen Sohlen auf der Diele abzustreichen, als ob er direct in die heute wirklich unvermeidlichen Schuhe hineinfahren wollte. Das bemerkte seine Frau aber kaum, als sie auch schon rasch an den Schrank lief, um die von dem Gatten sonst so wenig gebrauchten und »Fußquetschen« genannten Schuhe herbei zu holen. Gleich darauf standen sie, mit gelösten Riemen und sauber abgestäubt, dicht vor ihm, und als er noch einmal von Mrs. Dayton wie von Adele recht freundlich gebeten war, nur dieses Mal ihrem Rathe zu folgen, und dann vorsichtig erst in den rechten und dann in den linken Schuh hineingesehen hatte, als ob er etwa glaube, es habe sich [243] in der langen Zeit, in der sie unbenutzt gestanden, irgend ein junges Schlangenpaar häuslich darin niedergelassen, schüttelte er lächelnd mit dem Kopfe, blickte noch einmal in's Freie und fuhr endlich, als er hier jeden Rückzug dreifach abgeschnitten sah, tief aufseufzend in die ihm lästige Fußbekleidung. Während er sich die Riemen zuband, hielt ihm seine Frau das Gewehr.

Als er endlich zum zweiten Mal Abschied genommen hatte und über den schmalen Hofraum schritt, begegnete ihm Cook, und er ging dicht hinter einem dortliegenden Trog weg, damit Jener nur nicht sehen sollte, er trage Schuhe. – Es kam ihm so fremdartig vor, daß er sich ihrer ordentlich schämte.

»Ich bin wirklich froh!« sagte Adele lächelnd, als der alte Mann endlich über die Fenz gestiegen war und hinter den dichten Büschen der Waldung verschwand, »daß wir ihn so weit gebracht haben. In seinen Jahren ist es doch sicherlich gefährlich, dem Wetter auf solche Art zu trotzen.«

»Mich wundert, daß er's that,« meinte Mrs. Lively, »das hab' ich aber nur Ihnen zu verdanken, meine gute Miß – so gern er mich hat, mir zu Liebe hätte er sie im Leben nicht angezogen. Jetzt will ich aber auch sehen, ob ich ihn nicht dabei behalten kann, und wenn er mir eine Weile die Schuhe getragen hat, ei, dann schwatz' ich ihm am Ende auch noch die wollenen Socken auf!«

Gute Mrs. Lively – wie Du in Deiner Unschuld da so freundliche Pläne auf rindslederne Schuhe und wollene Socken bautest! – Hättest Du Deinen Alten in demselben Augenblick, wo Du Dich Deines Sieges freutest, gesehen, Deine kühnen Hoffnungen würden sich nicht zu solcher Höhe hinauf geschwungen haben.

Und was that old man Lively?

Er schritt langsam und vorsichtig, als ob er auf Eiern ginge, in dem theils ungewohnten, theils verhaßten Schuhwerk wirklich in den Wald, wie es seine Frau von ihm verlangt. Kaum aber hatte er das düstere Dämmerlicht der Holzung betreten, da warf er den Blick zurück und schaute sich um, [244] ob er die Heimath noch von da aus, wo er sich gerade befand, erkennen könne. Ja – er sah durch die Büsche den hellen Schein der Häuser schimmern. – Weiter wanderte er, noch etwa hundert Schritt, bis er zu einem kleinen Dickicht von Dogwoodbäumen kam, das tief versteckt im stillen Haine lag.

Und was that old man Lively hier?

Er lehnte vorsichtig seine Büchse an einen Hickory, band sich dann beide Schuhbänder wieder eins nach dem andern auf, zog die Schuhe aus, hing sie sorgsam oben hinein in den laubigen Wipfel eines niedern Dogwoodbusches, streckte dann das linke und dann das rechte Bein, als ob er irgend ein lähmendes oder beengendes Gefühl hinausdehnen wollte, schulterte auf's Neue, aber diesmal viel rascher und freudiger, seine Büchse und zog nun mit so schnellen und lebhaften Schritten in dem leise rauschenden Walde hin, und lächelte dabei so stillvergnügt und selbstzufrieden in sich hinein, daß gewiß Jeder, der ihn so gesehen hätte, seine recht herzliche Freude an ihm gehabt haben müßte, ob er auch barfuß, mit den hornigen Sohlen durch gelbes Laub und dürre Aeste dahinschritt.

Von dem Tage an weigerte sich Vater Lively nie, wenn seine Frau ernsthaft in ihn drang, die Schuhe anzuziehen. Sonderbar war es aber, daß er dann auch stets genau wieder an derselben Stelle aus dem Walde kam, wo er diesen zuerst betreten hatte. Seine Frau wußte nicht warum – er aber desto besser. Er mußte ja die aufgehangenen Schuhe erst wieder anziehen, ehe er sich vor dem Hause durfte blicken lassen.

17. Doctor Monrove und Sander

[245] 17.

Doctor Monrove und Sander.

Die beiden Ladies hatten sich jetzt zum Aufbruch gerüstet, ihre Pferde waren vorgeführt, und nur Sander fehlte noch, sie zur Stadt zurück zu geleiten. Obgleich dieser aber recht gut fühlte, wie man auf ihn allein warte, ja es sogar für ganz in der Ordnung fand, daß er die Damen, die er herausgeführt, auch wieder zurückgeleite, so konnte und wollte er doch, aus den schon früher angegebenen Gründen, den Platz jetzt unter keiner Bedingung verlassen. Eine Ausrede mußte aber gefunden werden, und da ihn die in den Dornen zerrissenen Kleider nicht länger entschuldigen konnten, indem ihn Cook sehr bereitwillig mit einem von seinen eigenen Anzügen versah, so bat er Mrs. Danton um wenige Worte unter vier Augen. Hier erklärte er ihr, der Doctor Monrove sei ein verzweifelter Mensch, dem nur daran zu liegen scheine, die Leiche unter sein Scalpel zu bekommen. Er selbst aber habe Medicin studirt und fühle sich überzeugt, daß der unglückliche Verwundete durch sorgsame Behandlung noch gerettet werden könne; verließe er ihn aber in diesem Augenblick, so sei er rettungslos verloren.

Natürlich beschwor ihn Mrs. Danton, wie er das auch vorausgesehen hatte, nicht von des Armen Seite zu weichen, und dankte ihm zugleich für die Theilnahme, die er für einen, wenn auch verbrecherischen, doch immer unglücklichen Menschen zeige. Sie selbst hätten den Weg schon mehrere Male allein zurückgelegt und hofften nur, ihn bald, und zwar mit recht guten Nachrichten, wieder bei sich zu sehen. Sander versprach das auch und bat nun Miß Adele, der Mrs. Dayton mit wenigen Worten den Stand der Dinge erklärte, ihm nicht wegen seines jetzigen Mangels an Aufmerksamkeit zu zürnen. Er hoffe aber, vielleicht schon heut Abend, den Verwundeten [246] so weit versorgt zu sehen, daß dieser wenigstens seiner Hülfe entbehren könne, und er würde dann augenblicklich nach Helena zurückkommen, um die junge Dame der Freundin zuzuführen.

Adele konnte natürlich hiergegen nichts einwenden. Alle kannten ja auch den Doctor Monrove und fürchteten den entsetzlichen Menschen, von dem das Gerücht vielleicht noch schrecklichere Sachen erzählte, als verbürgt waren. Mißmuthig aber bestieg sie heut ihr kleines Pony und sprengte – nach allerdings herzlichem Abschied von den beiden gutmüthigen Frauen, und besonders gegen die alte Dame mit dem Versprechen recht baldiger Rückkehr – schweigend voran in den heimlichen Schatten des Waldes.

Sie war verdrießlich – ärgerlich über sich selbst und über – sie wußte oder wollte nicht wissen über wen noch sonst, und das kleine Thier, das sie trug, fühlte plötzlich so scharfen und ungewohnten Peitschenschlag, daß es erschreckt emporfuhr, und dann in raschem Galopp den schmalen Pfad entlang flog. Mrs. Dayton konnte kaum Schritt mit dem Wildfang halten.

Indessen saß Doctor Monrove neben dem Mulatten und beobachtete aufmerksam und, wie es schien, mit wohlwollender Zufriedenheit die schmerzdurchzuckten Züge des Unglücklichen, während Sander am Kamin lehnte und ungeduldig seine Nägel kaute.

Endlich schien der Mann des Blutes einen Entschluß gefaßt zu haben. – Er stand auf, ging an den Tisch und fing an, die kleinste der Sägen hier und da nachzufeilen. Cook, der eben in der Thür erschien, wandte sich schaudernd wieder ab und ging in den Wald, nur um das Gespräch nicht zu hören, das ihm durch Mark und Nieren drang.

Sander vernahm kaum, was um ihn her vorging, so sehr war er mit seinen eigenen Plänen beschäftigt. Desto entsetzlicheren Eindruck machte es aber auf den armen Teufel von Mulatten, der in diesem Augenblick zum ersten Mal sein volles Bewußtsein wieder erlangt zu haben schien. Wenige Secunden starrte er, von keinem der Männer beachtet, nach [247] dem Doctor hinüber, dann aber, als ob ihm eine Ahnung dessen, was ihn erwarte, dämmere, sank er stöhnend auf sein Lager zurück. Sander schaute sich rasch nach ihm um, der Unglückliche hatte aber die Augen schon wieder geschlossen, und lag starr und regungslos da.

»Hört einmal. Mr. Hawes,« brach der Doktor endlich das Schweigen, indem er sich, über seine Brille hinüberlächelnd, an Sander wandte, als ob ihm da eben bei seiner Beschäftigung etwas ungemein Komisches eingefallen sei – »es ist doch eigenthümlich, wie man manchmal in der Praxis – so alt und erfahren man auch sein mag – irgend einen lächerlichen Schnitzer macht. – Bei dem Sägeschärfen muß ich gerade wieder daran denken. Oben in – aber Ihr hört mir doch zu?«

»Doctor, was ist denn hier in dem Fläschchen?« unterbrach ihn da Sander.

Der Doctor sah einige Secunden scharf mit der Brille dorthin und rief dann:

»Nehmen Sie sich in Acht – ziehen Sie den Pfropfen ja nicht heraus – das ist Arsenik – und das gelbe Gläschen enthält Scheidewasser.«

»Und das hier mit dem blauen Papier und der darunter gebundenen Blase Verwahrte?«

»Ist acidum zooticum oder Blausäure – das Gefährlichste von Allem, lassen Sie's lieber stehn – ich habe nur das eine Fläschchen mit und es könnte Ihnen aus der Hand fallen und entzweigehen.«

»Die Blausäure wirkt wohl als Gift am stärksten?« sagte Sander, während er das Fläschchen sinnend in der Hand wog.

»Allerdings – ist ein fürchterliches Mittel, animalisches Leben zu zerstören,« erwiderte der Doctor.

»Könnte Ihnen darüber auch zwei wunderbare Geschichten mittheilen – ich habe nämlich schon zweimal Unglück, wirkliches Unglück mit Blausäure gehabt. Doch man schweigt lieber über solche Sachen. – Es kommt nichts dabei heraus, und wenn es nachher weiter erzählt wird, machen es die Leute gewöhnlich viel schlimmer, als es eigentlich ist.«

[248] »Und dieses Gift tödtet unfehlbar und schnell?« fragte Sander noch einmal.

»Stellen Sie mir um Gottes willen das Glas hin,« rief der Doctor ängstlich und sprang von seinem Sitze auf – »Sie richten wahrhaftig noch etwas an – das ist fürchterliches Gift und kann in den Händen des Laien zu ensetzlichen Folgen führen.«

Sander sah sich gezwungen, das Fläschchen wieder auf den Kaminsims zu stellen.

»So,« sagte jetzt Monrove – als er die Säge durch sein eines Brillenglas genau betrachtete – »ein Mulattenbein hab' ich mir lange gewünscht. – Ich wollte schon einmal Dayton's Burschen amputiren, der Squire gab's aber nicht zu, und es war auch vielleicht gut – für den Jungen heißt das – denn die Natur half sich wieder.«

Er trat jetzt zu dem Bewußtlosen hin, legte die Instrumente neben diesen auf einen Stuhl und betrachtete ihn aufmerksam.

»Ja, ja,« sagte er endlich, nachdem er den Puls des Verwundeten gefühlt und die Hand auf dessen Stirn gelegt hatte, – »er bessert sich, wie ich sehe, da werden wir also doch an's Amputiren gehen müssen.«

»Glauben Sie wirklich, daß er sich wieder erholt?«

»Ja – wahrscheinlich – er athmet ganz regelmäßig und der Puls geht auch, allerdings noch fieberhaft, aber doch ruhiger als vorher. – Wäre er mir gestorben, so hätt' ich ihn lieber ganz mitgenommen, so aber werd' ich ihn nur um ein Bein bitten. Dafür will ich ihm aber den Arm wieder ordentlich einrichten, und er wird deshalb seinem künftigen Herrn gewiß nicht weniger, vielleicht noch mehr werth sein. Es ist manchmal recht gut, wenn Neger zwei Arme zum Arbeiten und nur ein Bein zum Weglaufen haben. Alle Wetter, jetzt hab' ich aber meine Schienen zu Hause gelassen; ei nun, im Walde kann man sich da schon helfen – der Hickory wird sich wohl noch schälen, und da hol' ich mir ein paar Rindenstreifen. Bitte, Sir, bleiben Sie einen Augenblick bei dem Kranken hier – ich gehe nur dort zu den nächsten Bäumen, [249] um mir die passenden Stücke zu holen – bin gleich wieder da. Aber – hab' ich denn gar nichts, womit ich die Streifen abschälen könnte.«

Er wandte sich von dem Bette ab, irgend ein Instrument zu suchen, und Sander griff fast convulsivisch wieder nach dem Giftfläschchen, das er rasch in seiner Hand verbarg.

»Ah – dieser Tomahawk wird gut sein,« rief der kleine Mann, als er die in der Ecke liegende Waffe aufhob und damit zur Thür schritt. »Da drüben steht auch Mr. Cook, den werde ich Ihnen indessen herüberschicken.«

Sander löste rasch das Papier von der Viole ab und zog sein Messer, die Blase zu durchschneiden; er durfte keinen Augenblick mehr verlieren, der nächste konnte schon entscheidend sein.

»Wasser!« stöhnte da der Mulatte – es war das erste Wort, das er seit seiner Verwundung sprach. Sander aber zuckte mit wild gemurmeltem Fluch zusammen, denn in dem Moment fast, wo er Verrath für immer unmöglich gemacht hätte, drehte sich der Doctor, der jenen Ausruf vernommen, rasch wieder herum und kam eilenden Schrittes zurück. Auch Cook näherte sich dem Hause.

»Alle Wetter,« rief da Monrove, nachdem er einen flüchtigen Blick auf den Kranken geworfen – »völlig bewußter Zustand – klare Augen – freies Athmen – und unbezweifelt rückkehrende Lebenskräfte; – ich bekomme wahrhaftig nur das Bein. – Mr. Hawes, wir werden augenblicklich zur Operation schreiten müssen.«

»Wasser!« stöhnte der Unglückliche – »ich verbrenne – ich will ja Alles – Alles bekennen – nur – Wasser – Wasser!«

Der Doctor, so eifrig er auch seine eigenen Zwecke im Auge haben mochte, begriff doch, daß es sich hier um Etwas handle, was für die Farmer von besonderer Wichtigkeit sein mußte. Er unterstützte also den Kopf des Verwundeten, was diesem jedoch einen lauten Schmerzensschrei auspreßte, und hielt ihm dann einen neben dem Bett stehenden Blechbecher an die lechzenden Lippen.

[250] Sander schlug – die Zähne vor machtlosem Ingrimm zusammenknirschend – das kleine Fläschchen rasch wieder in seine Papierhülle ein, die Blase war aber schon durch der darangesetzten Stahl verletzt worden, und ein Bittermandelgeruch erfüllte das Haus.

»Blausäure!« rief der Doctor und wandte sich, während er jedoch den Kranken noch nicht aus dem Arm lassen konnte, halb gegen Sander um, »Blausäure, so wahr ich gesund bin! – Alle Wetter, Sir, Sie werden mir mit dem Glase so lange gespielt haben, bis es zerbrochen ist, es riecht hier ganz danach – Mr. Cook, es ist gut, daß Sie kommen: hier – der Bursche da scheint noch etwas auf dem Herzen zu haben – lassen Sie ihn erst einmal beichten, und dann wollen wir sehen, was die Wissenschaft für ihn thun kann.«

»Lebt er? Hat er gesprochen?« rief Cook und trat schnell zum Bett, »wie geht es ihm?«

»Schlecht, Sir!« flüsterte der arme Teufel – »schlecht – sehr schlecht – mein Kopf – oh mein Kopf!«

»Ja, die Wunde ist bös,« bestätigte der Doctor. – »Hirnschale hier oben auf jeden Fall sehr bedeutend verletzt – Knochenhaut getrennt und Gehirn bloßgelegt. Mulatten haben zwar höchst anerkennenswerth harte Schädel – das Instrument aber, mit dem der Schlag geführt wurde, muß ein tödtliches gewesen sein. – Bitte, beeilen Sie sich nur mit den Fragen, ich möchte gern noch im Stande sein, den Mann zu trepaniren – man hat überhaupt viel zu wenig Erfahrung, wie lange ein Mensch im Stande ist, bei bewußtem Zustand den Gebrauch der Säge an der Hirnschale auszuhalten.«

»Massa Cook,« sagte der Mulatte und streckte langsam die Hand nach dem jungen Farmer aus, »ich kenne Sie noch von früher her. – Sie sind gut – wollen Sie mir – wenn ich Alles bekenne, eine Liebe thun?«

»Sprich, Dan,« sagte Cook mitleidig, und reichte ihm noch einmal den Becher hinüber, da er merkte, daß seine Augen schon wieder matt und glanzlos wurden – »wenn Du aufrichtig Alles bekennst, so soll Dir weiter nichts geschehen, [251] darauf gebe ich Dir mein Ehrenwort; Du hast Strafe genug in diesen Wunden gelitten.«

»Und jener Mann,« stöhnte der Mulatte, denn der Doctor war in ganz Arkansas berüchtigt, und er kannte und fürchtete ihn noch von früher her – »der Leichendoctor – soll mich – soll mich nicht haben und – zerschneiden?«

»Unsinn – Leichendoctorzerschneiden,« rief der Doctor und richtete sich unwillig auf – »zwischen Löschpapier kann ich ihn natürlich nicht trocknen.«

»Er soll Dir nichts thun, Dan, – ich habe Dir mein Wort gegeben – weder Messer noch Säge darf er an Dich legen; aber Du mußt auch aufrichtig bekennen, was Du weißt.«

»Mr. Cook,« sagte Monrove, indem er sich schnell an den jungen Farmer wandte. – »Sie geben da ein höchst unüberlegtes Versprechen – ein Versprechen, was Sie unmöglich werden halten können, wenn Sie nicht die Wissenschaft mit ihren segensreichen Folgen gänzlich hintan setzen wollen. Ich glaube überdies gar nicht, daß dieses Niggers Leben wird erhalten werden können, wenn es ihm nicht gerade meine Säge erhält.«

»Dann will ich sterben,« stöhnte der Mulatte und sank für den Augenblick wieder bewußtlos zurück.

»Doctor!« sagte Cook, als er den Mulatten eine Weile beobachtet und gesehen hatte, daß er wahrscheinlich kurze Zeit der Ruhe bedürfe, ehe er wieder im Stande sein würde, irgend eine an ihn gerichtete Frage zu beantworten – »ich will einmal hinübergehen und die Frauen fragen, was wir mit dem armen Teufel am besten anfangen, denn Pflege muß er doch haben. Ich bin gleich wieder hier, aber – thut mir den Gefallen und redet, wenn er früher wieder zu sich kommen sollte, als ich zurück bin, nicht mit ihm von den gräßlichen Dingen, wie Ihr das gewöhnlich thut – nicht wahr, Ihr vergeßt das nicht? Einem Gesunden gerinnt ja schon das Blut in den Adern, wenn er solche Sachen nur erwähnen hört, wie viel mehr also einem Unglücklichen, dem das Alles versprochen wird.«

[252] Und damit verließ er rasch das Haus, während ihm der Doctor – sehr eifrig und ungeduldig dabei mit seinem langen goldnen Petschaft spielend – ärgerlich nachsah.

»Hm – ja – hm!« sagte er und nahm aus seiner kleinen silbernen Dose eine entsetzliche Prise – »hm – das ist nicht recht« – das fehlte auch noch, daß sich solche Holzköpfe um die Wissenschaft bekümmerten. Soll nicht einmal davon reden – soll weder »Messer« noch »Säge«, wie sich dieser Barbar ausdrückt, an den schwarzen Cadaver legen dürfen – »ich möchte nur um Gottes willen wissen, wozu er sonst noch gut wäre?«

Sander hatte die ganze Verhandlung in wirklich peinlicher Ungeduld mit angehört. – Was aber konnte er machen? Einen Schritt thun, der auf ihn selbst den Verdacht lenkte, und dann fliehen? Er hatte erst an diesem Morgen gesehen, wie die Hinterwäldler einer Spur folgten. Ueberdies war es ja noch nicht einmal bestimmt, ob der Mulatte um die Existenz der Insel wirklich wisse, und unnütz eine solche Gefahr zu laufen, wäre mehr als thöricht gewesen. Da brachten ihn des Farmers letzte Worte und des Doctors Unwillen darüber auf einen neuen Gedanken. – Vielleicht konnte dieser gewonnen werden ihm beizustehen, wenn er seine Liebhaberei mit zu Hülfe rief, und nach kurzem Ueberlegen sagte er, indem er sich an den grimmig auf und ab laufenden kleinen Mann wandte:

»Doctor Monrove, ich würde mich nicht über einen Menschen wundern, der weder von Arznei noch Wissenschaft einen weiteren Begriff hat, als daß ›Indianphysik‹ auf die eine und Ricinusöl auf die andere Art wirkt. – Was hält uns denn ab, doch zu thun, was wir wollen?«

»Was uns abhält?« rief der Doctor unwillig, indem er stehen blieb und dem Rathgeber in's Antlitz sah – »was uns abhält? – Haben Sie gesehen, was der Mensch für Fäuste hat? Ließe sich mit Gewalt dagegen etwas ausrichten?«

»Nein,« sagte Sander lächelnd – »aber mit List – wenn man da überhaupt wirkliche List anzuwenden hat, wo [253] es nur gilt, einem solchen mit der Axt zugehauenen Verstande zu begegnen.«

»Aber wie?« frug der Doctor und warf einen scheuen Seitenblick auf den Verwundeten.

»Er verweigert Ihnen, Hand, oder vielmehr Instrument an den Lebenden zu legen,« sagte Sander.

»Ja –«

»Gut, wenn der Mann nun stürbe.«

»Aber er stirbt ja nicht,« lamentirte der Doctor. – »Solche Mulatten haben Katzenleben, und an einer Hirnwunde ist, glaub' ich, noch nicht ein einziger draufgegangen. – Zähe Naturen sind's, denen das Leben nur im Magen sitzt.«

»Gut – was hindert Sie dann, es auch dort anzugreifen?« frug ihn Sander lauernd.

»Was mich hindert? Wie verstehen Sie das?«

»Ei nun, die Sache ist einfach genug – wozu führen Sie diese Gifte bei sich?«

»Doch nicht um Menschen zu vergiften, Sir!« rief der kleine Doctor erschreckt aus.

Allerdings war es bei ihm zur Leidenschaft geworden, menschliche Glieder zu seciren und sich in eine »Wissenschaft hineinzuarbeiten« – wie er's selber nannte – von der er kaum im Stande gewesen, oberflächliche Kenntniß zu erwerben. In der Ausübung derselben hielt er denn auch Alles für vollkommen gerechtfertigt, was einem ihm einmal unter die Hände gefallenen Opfer zustieß. Nie aber hätte er es so weit getrieben, wirklichen Mord zu begehen, um eben dieser Leidenschaft zu fröhnen, ja der Gedanke war vielleicht noch nicht einmal in ihm aufgestiegen, denn er starrte den jungen Verbrecher mehrere Secunden lang ganz erstaunt und bestürzt an. Dieser aber, der einsah, daß er vielleicht, gleich beim ersten Anlauf, ein wenig zu weit gegangen sei, lenkte rasch wieder ein und sagte:

»Verstehen Sie mich nicht unrecht, Sir – nichttödtliches Gift würde ich dem Burschen geben, nur irgend einen [254] unschädlichen, aber doch dahin wirkenden Trank, daß er in einer Art Starrkrampf liegen bliebe, wo Sie dann nicht allein im Stande sein würden, ihn mit fortzunehmen, da die unwissenden Farmer das sicherlich für den Tod selbst hielten, sondern ihn auch – ein Sieg der wirklichen Kunst – wieder herzustellen.«

»Hm, so – ja so – auf die Art meinten Sie das? – hm ja, das wäre vielleicht eher möglich. Da könnte man zum Beispiel –«

Seine Rede wurde hier durch Cook kurz abgeschnitten, der in diesem Augenblick mit einem großen Blechbecher irgend eines kühlenden, von Mrs. Lively selbst bereiteten Getränks in der Thür erschien und ohne weitere Umstände zum Lager des Kranken schritt.

»Dan,« sagte er – »Dan – wie geht Dir's?«

»Besser!« flüsterte der arme Teufel nach kleiner Pause, während er die Augen aufschlug und einen leisen Dank murmelte, als ihm Cook den Becher an die Lippen hielt – »Massa Cook – Ihr seid gut,« sagte er dann, während er mit einem tiefen Seufzer wieder zurücksank – »recht gut – aber – laßt die beiden Männer einmal hinausgehen – will Euch – will Euch wichtige Nachricht mittheilen.«

»Die beiden Herren da, Dan? – ei die mögen dableiben,« meinte Cook – »es ist doch kein Geheimniß, was mich allein betrifft?«

»Nein,« stöhnte Dan, und man sah es ihm an, wie schwer ihm das Reden wurde – »nein – nicht allein – geht Alle an in Arkansas – viel böse Buckras – will's Euch aber allein sagen.«

Cook bat nun die beiden Männer, das Zimmer einen Augenblick zu verlassen. Sander natürlich suchte alle möglichen Entschuldigungen vor, nur wenigstens in der Nähe zu bleiben; Cook aber, da der Mulatte unter keiner andern Bedingung reden wollte, bestand fest darauf, und er mußte sich zuletzt fügen.

Cook und Dan hatten nun eine gar lange und heimliche Conferenz mit einander, bei der selbst der Pflock innen vor [255] die Thür geschoben war, um auch die geringste Störung zu vermeiden.

Erst als Dan wieder, vom vielen Reden erschöpft, ohnmächtig wurde, oder doch in eine Art bewußtlosen Zustand verfiel, rief der junge Farmer die beiden Frauen herüber, die sich erboten hatten, die Wunden zu besorgen, und besprach sich nun, während es sich der Doctor nicht nehmen ließ, wenigstens gleichfalls hülfreiche Hand anzulegen, mit dem vermeintlichen Mr. Hawes über das, was er eben von des Mulatten Lippen gehört.

Dieser nämlich, obgleich er recht gut das Bestehen der Insel kannte, da Atkins schon sehr viele Pferde dorthin besorgt und ihn selbst einmal bis zum Stromufer mitgeschickt hatte, war doch nicht im Stande, die Lage derselben genau anzugeben, ja wußte nicht einmal bestimmt, ob sie dicht über Helena, oder weiter abwärts liege – wenn er sie auch in der Nähe dieser Stadt vermuthete. So viel aber sagte er als gewiß aus, daß sich die Bewohner derselben fürchterlicher Verbrechen schuldig gemacht hätten, und Cook wollte jetzt nur noch die Rückkunft der Freunde abwarten, um augenblicklich die entscheidenden Schritte zu thun. Diese nämlich sollten nicht allein dahin gehen, jenes Raubnest aufzuheben, sondern auch die Verbrecher selbst zu überraschen und sie den Arm strafender Gerechtigkeit fühlen zu lassen. Früher hatte er schon gehört, daß Sander mit dem Mississippi ziemlich vertraut sei, und verlangte nun zu hören, wie dieser wohl glaube, daß man der gesetzlosen Bande am besten und zwar so beikommen könne, um besonders die Flucht derselben zu verhindern.

Sander schaute lange und sinnend vor sich nieder – seine schlimmsten Befürchtungen waren eingetroffen – ihrer Aller Leben war bedroht, ihr Schlupfwinkel verrathen, und er selbst stand machtlos da, konnte den Verräther nicht züchtigen, ja wußte im ersten wirren Augenblick selbst weder Rath noch That, diesem fürchterlichen Schlage zu begegnen. In seinem ersten Schreck suchte er denn auch, ehe er im Stande war, irgend einen andern Plan zu fassen, die Sache geradehin als unglaublich und unwahrscheinlich aufzustellen, und meinte, der [256] Mulatte habe allem Anschein nach solch' tolle, wahnsinnige Schreckbilder nur erfunden, um sein eigenes Leben zu retten – seine eigene Haut in Sicherheit zu bringen. Davon wollte Cook aber nichts wissen, und erst als Jener fand, daß er ihn auf keinen Fall dazu bringen würde, des Mulatten Aussage zu mißachten, beschloß er nach einem andern, nach dem letzten Plane hinzuarbeiten.

Cook war allerdings jetzt noch der einzige Mensch, der um das Geheimniß wußte, und wäre er allein mit ihm im Walde gewesen, wer weiß, ob er da nicht versucht hätte, sein Leben zu nehmen. Hier aber wäre das für ihn mit zu großer persönlicher Gefahr verknüpft gewesen, und überdies genügte es ihm ja, die Entdeckung der Insel nur noch zwei Tage hinauszuschieben. Bis dahin behielt er vollkommen Zeit, seine Freunde zu warnen; die Beute konnte dann rasch vertheilt, und Alle konnten in Sicherheit sein, ehe die schwerfälligen Waldleute im Stande waren, einen Schlag gegen sie zu führen.

»Gut, Sir,« sagte er nach langem ernsten Nachdenken zu dem Farmer – »wenn Sie denn wirklich glauben, daß jener Bursche die Wahrheit gesagt hat, und gesonnen sind, eine Bande, wie er sie beschreibt, aufzuheben, so dürfen Sie das auch als kein Kinderspiel betrachten, denn solche Burschen, wenn sie wirklich existiren, würden, da ihr Alles auf dem Spiele steht, auch wie Verzweifelte kämpfen. Fallen Sie also nicht mit der gehörigen Macht über sie her, so geben Sie ihnen nur eine Warnung und finden später das Nest leer, denn dazu kenne ich den Mississippi und seine Ufer zu genau – und Sie vielleicht auch – um Ihnen nicht die feste Versicherung geben zu können, daß an eine Verfolgung darauf nicht zu denken ist. Wollen Sie also das, was Sie thun, auch mit Erfolg thun, so bereden Sie die Sache heut Abend mit Ihren Freunden, benachrichtigen dann morgen Ihre Nachbarn und kommen morgen Abend oder Sonntag früh nach Helena. Ich selbst will augenblicklich nach Helena zurück, dort den Richter davon in Kenntniß setzen und dann nach Sinkville hinüberfahren, um dort ebenfalls Alles an waffenfähigen Leuten aufzubieten. Sonntag Nachmittag spätestens bin ich wieder in Helena, und dann müssen [257] wir noch an demselben Abend den Schlag ausführen, da wir keine lange Zeit darüber versäumen dürfen.«

Dieses Alles leuchtete dem jungen Farmer, der Sander natürlich nicht selbst in Verdacht haben konnte, vollkommen ein. Früher, das wußte er selber, war es auch kaum möglich, die nöthigen Kräfte zusammen zu bringen. Er versprach also, bis längstens am Sonntag Morgen wohlbewaffnet mit allen Nachbarn in Helena einzutreffen, und Sander, dem jetzt natürlich nur daran liegen mußte, die Freunde so schnell als möglich von der ihnen drohenden Gefahr in Kenntniß zu setzen, erklärte, keinen Augenblick länger verlieren zu wollen, um die nöthigen Schritte noch vor der zum Aufbruch bestimmten Zeit in Sinkville zu thun. Rasch holte er sein Pferd, das er selbst aufzäumte und sattelte, und sprengte bald darauf, dem Thier vollkommen die Zügel lassend, in wildem Galopp die Straße nach Helena entlang.

18. Die Abfahrt. - Mrs. Breidelford's Einspruch

18.

Die Abfahrt. – Mrs. Breidelford's Einspruch. – Die Begegnung.

Edgeworth's Steuermann trieb den ganzen Freitag Morgen, daß sie abfahren sollten, und drohte mit Wettern und Nebel. Edgeworth aber, der in den Wolken nichts sah, was die ersten verkündete, und die gewaltigen Nebel des südlichen Mississippi noch gar nicht kannte, also auch nicht fürchtete, hatte einen Freund, einen früheren Nachbar aus Indiana angetroffen und mit diesem, in Smart's Hotel drüben, ein Stündchen verplaudert. Smart selber saß dabei, das eine Bein hoch heraufgezogen und [258] mit beiden Händen haltend, und hörte den Erinnerungen der beiden alten Leute zu, die sie nicht allein auf Jagd und Wald, sondern auch auf die wilden Kriege mit den Indianern, auf Prairiekämpfe und die nächtlichen Hinterhalte jener dunkeln Race zurückführten.

Da trat endlich Blackfoot in's Zimmer und mahnte dringend zum Aufbruch. – Er habe, wie er sagte – die Güter gleich morgen früh zu versenden und müsse bestimmt darauf dringen, jetzt abzufahren, damit sie noch vor Tagesanbruch an Ort und Stelle kämen.

Hierin pflichtete ihm der Indianamann selber bei, indem er versicherte, sie hätten keinen Augenblick mehr zu verlieren, wenn sie noch in der Zeit Victoria erreichen wollten. Der Steuermann Bill, der einige Minuten nach Blackfoot, ohne sich aber um die Uebrigen zu kümmern, zum Schenktisch getreten war, frug jetzt den alten Edgeworth, ob er noch heute Morgen abfahren wolle, sonst ginge er gern einmal ein Viertelstündchen vor die Stadt, wo ein alter Schiffsgefährte von ihm wohnen solle.

»Nein, Mann!« rief Blackfoot schnell dazwischen, »das geht unmöglich mehr. – Ihr habt die ganze Nacht Zeit dazu gehabt. – Entweder wir fahren jetzt, oder ich kann die ganze Ladung nicht brauchen.«

»Ei nun meinetwegen,« brummte der Steuermann und trank sein Glas auf einen Zug aus, drückte sich den Hut trotzig in die Stirn und verließ wie ärgerlich das Zimmer.

»Unfreundlicher Gesell das –« sagte der vermeintliche Kaufmann, als er dem Bootsmann nachblickte – »habt Ihr den schon lange an Bord?«

»Ja, von Indiana aus,« erwiderte Edgeworth, »und ich weiß nicht, was mir den Menschen so verhaßt gemacht hat – doch, wir sind ja bald geschieden. Er ist übrigens ein wackerer Steuermann und versteht seine Sache; den Fluß kennt er, wie ich meine Tasche, und hat mein Boot bis dahin wacker und gut geführt. Aber, wie gesagt, ich will froh sein, wenn ich von ihm los bin – sein Blick hat für mich etwas Abstoßendes, das ich nicht überwinden kann. Apropos, Landlord,« wandte er sich da plötzlich an den Wirth, der indessen [259] Blackfoot von der Seite mit flüchtigem Blicke maß – »hat denn der Büchsenschmied mein Schloß hergeschickt? Er versprach's wenigstens.«

»Ja, die Büchse steht da drin« – sagte Smart, ohne seine Stellung zu verändern – »Francis – reich' einmal das lange Schießeisen heraus, an dem Toby erst herumgearbeitet hat.«

»Habt Ihr ihm die Reparatur bezahlt?« frug Edgeworth.

»Ja« – erwiderte der Barkeeper – »es war ein halber Dollar. – Er sagte, die Feder wäre zerbrochen und die ganze Nuß hätte drin gefehlt; Ihr müßtet sie einmal auseinander genommen und die Nuß verloren haben.«

»Unsinn!« rief der Alte – »ich habe die Büchse, seit ich sie abschoß, auswischte und wieder lud, nicht angerührt – Tom eben so wenig, denn der hat seine eigene. Weiß der Henker, wie die Nuß herausgekommen sein kann! Nun meinetwegen – sie schießt doch jetzt wieder. Da kann ich ja auch gleich den Schuß herausbrennen, der noch im Rohre steckt, und einen andern hineinladen. Wo schießt man denn hier wohl am sichersten hin?«

»Ei nun, am sichersten gar nicht,« meinte Smart; »eigentlich ist's auch in der Stadt verboten, wir nehmen's aber immer nicht so genau. Schießt nur hoch. Seht, da oben sitzt ein Specht an dem trocknen Stumpf – ganz hoch – gerade über dem rechts hinaussehenden Ast – seht Ihr ihn? – Ihr könnt Euer Gewehr da an den Pfosten anlegen.«

Edgeworth war indessen, mit der Büchse im Anschlag, vor die Thür getreten und blickte scharf nach dem bezeichneten Gegenstande hin.

»Anlegen?« sagte er dabei lachend – »auf neunzig Schritt anlegen? Das fehlte auch noch; wenn das Schloß ordentlich Feuer giebt, könnt Ihr den Specht holen.« Er hob rasch die Büchse, zielte einen Augenblick, und mit dem Krach des Gewehrs fast zuckte das arme kleine Thier hoch empor und stürzte dann dicht am Stamm herab auf die Erde.

»Es geht ja noch« – lächelte der alte Mann, während er die Büchse neben sich niederstellte und aus der umgehangenen Kugeltasche den Krätzer nahm, sie erst ordentlich wieder auszuwischen. [260] »Da man aber nicht mehr auf Indianer zu schießen braucht, schießt man Spechte, das ist so der Welt Lauf. Der Mensch ist, wenn nicht das größte, doch sicherlich das gefährlichste Raubthier – er mordet zum Vergnügen. Doch mein Handelsmann da wird ungeduldig – geht nur voraus, guter Freund, ich lade blos meine Büchse, bezahle meine Rechnung und bin gleich unten.«

Blackfoot schien damit zufrieden, bat ihn nur noch einmal, nicht lange mehr zu zögern, und verließ das Zimmer; Smart aber, als Jener die Thür hinter sich zugedrückt hatte, wandte sich an Edgeworth und frug ihn:

»Kennt Ihr den da schon von früher?«

»Nein – weshalb?«

»Wie seid Ihr denn zu ihm gekommen, den Handel mit ihm abzuschließen?«

»Wie? Ei nun, ich fand ihn hier im Union-Hotel, Ihr waret ja selbst dabei. – Bill hat ihn irgendwo in der Stadt getroffen.«

»Bill? Wer ist Bill?«

»Mein Steuermann!«

»So?« sagte der Wirth nach ziemlich langer Pause, und fing an, das Knie, das er wieder zwischen den Händen hielt, hin und her zu schaukeln – »so? – also Bill hat Euch den recommandirt. Hört einmal, Mr. Edgeworth – der Bursche gefällt mir nicht.«

»Weshalb?« lachte der Alte, »weil er nicht wie ein Handelsmann aussieht? Ei, laßt Euch das wenig kümmern. Unsere indianischen Händler sind immer mehr Krieger und Jäger als Kaufleute und müssen ihre Waffen so gut wie ihre Gewichte zu führen wissen.«

»Aber die Beiden verstehen sich mit einander,« sagte Smart.

»Wer? der Kaufmann und Bill? – hm, das ist wohl kaum möglich. Der Mann hat mir treffliche Preise ge boten, und einen Theil sogar schon als Draufgeld baar ausgezahlt.«

»Ich sah, wie sie Blicke wechselten,« versicherte Smart, indem er ausstand, »und müßte mich sehr irren, wenn sie nicht [261] wenigstens bekannter mit einander sind, als sie hier anzugeben scheinen. Habt lieber Acht, es giebt gar nichtsnutziges Volk am Fluß, und besonders Helena weiß eine Geschichte davon zu erzählen. Auf Eure Leute könnt Ihr Euch doch verlassen? Denn ein Fremder hat hier unten gerade nicht viel Hülfe zu erwarten.«

»Ei gewiß kann ich das,« sagte der alte Mann, »mehr jedoch verlaß ich mich auf mich selber; es hat übrigens keine Noth. So klug ist der alte Edgeworth auch noch, daß er sich nicht von bloßem Gesindel frei zu halten wüßte. Aber, was ich noch sagen wollte, Mr. Smart, es hat mich eine junge Frau hier, die von irgend Jemandem erfahren haben muß, daß ich in Victoria landen will, gebeten, sie und ihre Sachen mit an Bord dorthin zu nehmen – eine gewisse Mrs. – – Mrs. – Everett, glaub' ich. Sie will von Helena fortziehen, um sich, wenn ich nicht irre, in Victoria niederzulassen – ist das eine ordentliche Frau?«

»Ei gewiß, Sir,« rief Smart eifrig – »ein braves, wackeres Weib, dessen Bräutigam erst kürzlich im Fluß verunglückte, und dessen Land ich kaufte. Ich habe ihr alle nur mögliche Hülfe angeboten, sie weigert sich aber hartnäckig, auch nur die geringste Unterstützung anzunehmen. Und sie will wirklich nach Victoria ziehen?«

»Ja, so sagte sie aus – doch ich muß wahrhaftig fort. Also Good bye! Sollte ich Tom Barnwell verfehlen und er wieder hierher nach Helena kommen, so sagt ihm, er möchte nur gleich wieder zurückfahren. – Werde ich mit Ausladen früher fertig, nun so wart' ich auf ihn, bis er kommt.«

Und damit warf sich der alte Mann die Büchse auf die Schulter und schritt, dem Wirth noch einmal die Hand zum Abschied reichend, zum Fluß hinab, wo eben auf einer sogenannten Dray, einer Art zweirädrigem Güterkarren, die wenigen Habseligkeiten Mrs. Everett's angefahren kamen. Die Frau ging neben ihnen her.

Es war eine schlanke schöne Gestalt, das junge Weib; von Kopf bis zu Fuß in Schwarz gehüllt, aus dem das bleiche, gramgedrückte Schmerzensantlitz gar traurig mit den großen [262] blauen Augen herausblickte. Das hellkastanienbraune Haar quoll ihr dabei in vollen Locken unter dem eng anschließenden Kopftuche hervor, und manchmal noch fuhr sie sich, wie verstohlen, über die blassen Wangen nach den rothgeweinten Augen hinauf, als ob sie da jede ungehorsame Thräne, die sich trotz allem festen Willen unter den langen Wimpern vorstehlen wollte, gleich auf frischer That zu ertappen und fortzunehmen gedenke.

Der Karren hielt an der Flatbootlandung, dicht vor Edgeworth's Boot, und der Mann, der Peitsche und Hut zu Boden warf, wollte eben einen Theil seiner Ladung über die schmale Planke an Bord tragen, als sich ihm hier Bill, der Steuermann, in den Weg stellte, und ihn mit einem herzhaften Fluche fragte, was er da noch für Packen und Passagiere an Bord bringe – sie hielten keine Fähre und brauchten keine Gesellschaft weiter.

»Laßt's nur sein, Bill!« sagte Edgeworth, der gerade oben von der Uferbank herabschritt – »wir setzen die Lady in Victoria an's Land. – Es ist schönes Wetter, und die Sachen können oben an Deck bleiben.«

Der Steuermann trat brummend bei Seite, der Fluß schien aber seine Aufmerksamkeit jetzt mehr in Anspruch zu nehmen, als das Land. Den Mississippi herunter trieben gerade sechs oder sieben Ohioboote – als was sie das geübte Auge der Bootsleute bald erkannt – und dem ruhigen Aussehen der an Bord Befindlichen nach mußten sie auch gar nicht gesonnen sein hier zu landen. Oben an Deck ausgestreckt lagen die meisten der Männer höchst behaglich in der ziemlich heiß niederbrennenden Sonne, und nur an der hintersten langen Steuerfinne lehnte der Lootse – beide Arme rechts und links hinausgelegt über das baumlange Holz – und schaute gemächlich nach der kleinen Stadt hinüber.

»Nun, da finden wir Gesellschaft,« meinte Edgeworth – »schnell, Ihr Leute – nehmt die Sachen an Bord – wenn wir uns ein bischen scharf in die Ruder legen, können wir die da drüben wohl noch einholen.«

[263] Damit schien aber der Steuermann nicht besonders einverstanden und meinte, sie hätten nicht so gar weit von Helena eine Insel mit ziemlich schmalem Fahrwasser zu passiren, durch das sie aber wohl acht Meilen Biegung abschnitten. Wären dann viele Boote beisammen, so geschehe es nicht selten, daß sie einander auf versteckte Snags trieben. Sie wollten deshalb die Boote immer voraus lassen, und wenn sie nicht ganz vortreffliche Lootsen an Bord hätten, gedächte er ihnen vor Victoria den Weg schon wieder abzuschneiden.

Blackfoot stimmte ihm darin bei, und die Leute trugen eben die letzten Sachen an Bord, denen Mrs. Everett gerade folgen wollte, als diese auf eine eben so unerwartete als gewaltsame Weise daran verhindert werden sollte.

Mrs. Breidelford nämlich war Mainstreet herabgekommen und erkannte dort die schwarzgekleidete Gestalt der jungen Wittwe, die, wie sich nicht verkennen ließ, mit all' ihrer Habe in Begriff war, Helena zu verlassen. – Einer Rachegöttin nicht unähnlich – sofern man sich nämlich Rachegöttinnen in einem höchst altmodischen, verblichenen Seidenhut mit gemachten Blumen, einem hochrothen großen Umschlagetuch, gelb und grünem Kattunkleid und ledernen Schuhen mit Kreuzbändern denken kann – fuhr sie da plötzlich auf die wirklich erschreckte Frau ein, faßte sie am linken Handgelenk und schüttete nun eine solche Fluth von Schimpf- und Drohwörtern über sie aus, daß die unglückliche junge Frau nur noch bleicher wurde und sich zitternd dem Griff der Wüthenden zu entziehen suchte.

Diese aber, dadurch noch mehr erbost, hob drohend die geballte Rechte gegen sie empor und rief mit vor innerer Bosheit fast erstickter Stimme:

»So? Fortlaufen will Sie? Sie Creatur, Sie? Fortlaufen wie ein Dieb in der Nacht? Oh, wo ist Sie denn die letzten zwei Tage überhaupt gewesen, Madame? Wo hat man sich denn, so lange es hell war, heimlich aufgehalten, um Nachts in Dunkelheit und Nebel fremder Leute Schlösser zu probiren und durch fremder Leute Schlüssellöcher zu gucken?«

[264] »Um Gottes willen – befreien Sie mich von der Rasenden!« rief Mrs. Everett und sah sich überall nach Schutz und Beistand um. Die Leute aber, die sie rings umstanden, konnten natürlich nicht anders glauben, als daß die junge schöne Frau auch wirklich ein ganz absonderliches Verbrechen verübt haben müsse, solcher Art auf öffentlicher Straße angehalten zu werden, und scheuten sich da, wo allein das Gesetz entscheiden konnte, dazwischen zu treten.

»So?« rief aber hier wieder, jetzt auch zugleich an ihrer Ehre angegriffen, Mrs. Breidelfort aus, und rückte sich den ihr immer in das Gesicht rutschenden Blumenhut wohl zum zwanzigsten Mal nach hinten. »So? – eine Rasende bin ich, wohl weil ich auf meinem Recht bestehe und mein Haus nicht Nachts von fremden Menschen visitirt haben will? Ich bin auch eine einsame Wittwe – ich stehe auch allein – mutterseelenallein in der Welt, aber ich betrage mich anständig und zurückhaltend, und laufe nicht Nachts allein und heimlicher Weise in der Stadt herum, und anderen Männern nach, daß ich um jeden Bootsmann trauern müßte, der im Mississippi ersäuft. Louise, sagte mein Seliger immer – Louise, Du –«

»Mr. Edgeworth!« bat die zur Verzweiflung getriebene Frau – »schützen Sie mich vor dieser Wahnsinnigen – Sie bringt mich um.«

»Zurück da, Master Eschhold oder wie Sie sonst heißen mögen,« rief diesem aber die erzürnte Dame entgegen –»laufe einmal Einer von Euch zum Richter – Squire Dayton soll einmal herkommen – gleich – der Constabler soll her – da drüben stehen ihre Sachen – Stück für Stück muß sie auspacken. Ich will doch sehen, was sie Nachts an meinem Schlosse zu probiren hat – ich will doch sehen, ob ordentliche Bürgersfrauen turbirt und geängstigt werden sollen, daß sie Abends nicht einmal bei Freunden eine Tasse Thee ruhig trinken können. Wo ist der Constabler, sag' ich?«

»Großer Gott, ist denn Niemand hier, der sich eines armen Weibes annimmt?« rief die unglückliche junge Frau.

Bill und Blackfoot hatten heimlich lachend die ganze Scene [265] ruhig beobachtet. Der Aufenthalt kam ihnen überdies gelegen, denn dadurch gewannen die anderen Boote einen Vorsprung, und nach Allem, was sie sahen, glaubten auch sie natürlich, die gute Dame habe das junge Frauenzimmer auf irgend einer bösen That ertappt und wolle sie nun dafür vor Gericht ziehen. Edgeworth aber, der Menschenkenntniß genug zu haben glaubte, in dem bleichen, edlen Antlitz der Einen nichts Schlechtes und Unehrenhaftes, dagegen alles nur mögliche Widerliche in dem ihrer Anklägerin zu lesen, brach die Sache kurz ab, erfaßte Mrs Breidelford's Arm und zwang sie, während er ihr das Handgelenk fest zusammenpreßte, Mrs. Everett's Arm los zu lassen. Dabei schüttelte er jedoch der darüber empörten und laut aufschreienden Frau herzlich und nachdrücklich eben dieselbe Hand – erklärte ihr, daß jene Dame sein Passagier sei und die Fahrt nicht versäumen dürfte, reichte Mrs. Everett den eigenen Arm und führte diese nun, wahrend seine Leute dicht hinter ihm der nachstürmenden Wittwe Breidelford den Weg vertraten, rasch auf sein Boot, wonach die Planken schnell eingezogen und die Taue gelöst wurden. Die übrige Mannschaft sprang an Bord, und die Schildkröte löste sich langsam von den übrigen Fahrzeugen ab.

Im Anfange trieb das breite gewaltige Boot dicht an der Flatbootlandung nieder und drohte auf einen unten angeschwemmten Baum aufzulaufen. Dann aber, als die Leute erst rasch die langen Finnen in ihre eisernen Halter gestoßen und Raum gewonnen hatten, mit diesen mächtigen Rudern ordentlich auszugreifen, gehorchte auch das sonst so unbehülfliche Fahrzeug dem Steuer. Mit dem Bug langsam der Mitte des Flusses zustrebend, arbeitete es sich weiter und weiter von der gefährlichen Stelle hinweg, bis es, über jenen Platz hinaus, die eigentliche Strömung erreicht hatte, die in gerade südlicher Richtung der schon früher erwähnten runden Weideninsel zuführte.

Wer beschreibt aber die Wuth Louise Breidelford's, als sie sich ihr Opfer so plötzlich und ganz hoffnungslos entrissen sah. Sie war nämlich, Gott weiß weshalb, zu der unumstößlichen Ueberzeugung gelangt, daß Mrs. Everett jene Frau [266] sein müsse, die nach Mr. Smart's Aussage vor einigen Abenden ihr Haus umschlichen und versucht hatte, mittelst Nachschlüssels ihre Thür zu öffnen. Einige Gegenstände, die sie wohl verlegt haben mußte oder sonst nicht finden konnte, bestärkten sie noch mehr darin, und sie hatte jetzt wirklich nichts Eiligeres zu thun, als zu Squire Dayton's Haus zu laufen und die Gerechtigkeit allen Ernstes anzurufen, damit jenes Boot aufgehalten und ihr zu ihrem Rechte verholfen würde. Squire Dayton war aber eben so wenig zu Haus, als irgend eine der Damen, wenigstens gab ihr Nancy hierüber die Versicherung aus dem Fenster heraus, ohne sich dabei die Mühe zu nehmen, der sehr erhitzten Lady die Thür zu öffnen.

Ihre einzige Hoffnung blieb jetzt der Constabler. Um aber rasch zu dessen Hause zu kommen, da er an dem andern und äußersten Ende der kleinen Stadt wohnte, mußte sie etwa zweihundert Schritt, auf einem schmalen Fahrweg hin, durch ein Dickicht gehen, das hier aus einer früheren Rodung wieder aufgewachsen war. Rasch schlug sie auch diesen Weg ein, und hatte etwa die Hälfte desselben zurückgelegt. Eine Eiche war hier quer über die Straße gestürzt, und als sie um diese herum ihre Bahn suchen wollte, trat ihr plötzlich, wie es schien zu beiderseitiger Ueberraschung, ein Mann entgegen, dessen ganzes Aussehen in diesem etwas abgelegenen und selten betretenen Theile allerdings ein Erschrecken der sonst gerade nicht sehr schreckhaften Dame rechtfertigte.

Die Kleider hingen ihm fast in Streifen vom Leibe – die Haare umstarrten ihm wild den bloßen Kopf, und der Bart mußte Wochen lang kein Rasirmesser gefühlt haben. Schweiß und Blut klebten ihm dabei auf Gesicht und Händen, und Mord stand ihm mit fürchterlichen Zeichen auf der Stirn und sprach aus seinen stier, aber mißtrauisch umherschweifenden Augen.

»Jesus Maria!« rief Mrs. Breidelford, als der Mann plötzlich vor ihr stand und den Blick – gleichfalls überrascht, fest und prüfend auf sie geheftet hielt. – »Was wollen Sie, Sir? Was sehen Sie mich so stier an, Sir? Ich bin auf [267] dem Wege zum Constabler – er wohnt keine zehn Schritt von hier, und der Friedensrichter kommt dicht hinter mir!« Und damit trat sie rasch etwas zur Seite und suchte an der unheimlichen Gestalt vorüber zu schreiten. Der Fremde rührte sich auch gar nicht, er folgte ihr nur mit den Augen. Als sie aber gerade an ihm vorüberschritt, und nur noch einmal mißtrauisch den Kopf nach ihm hinwandte, flüsterte er leise:

»Mrs. Dawling!«

Wären die wenigen Silben der Bannfluch irgend eines morgenländischen Zauberers gewesen, nach denen Mrs. Breidelfort von nun an verdammt sein sollte, drei- bis viertausend Jahre unbeweglich und in der gerade angenommenen Stellung auf einem Platz stehen zu bleiben, so hätte die würdige Lady über den einfachen, eben genannten Namen nicht mehr erschrecken können. Ihre Augen fingen dabei an, sich aus ihren Höhlen zu drängen, so erstaunt und zugleich entsetzt hafteten sie auf dem Mann, der unzweifelhaft ein für sie fürchterliches Geheimniß kennen mußte. Dieser aber, ohne auch nur im Mindesten den hervorgebrachten Eindruck weiter zu beachten – außer daß vielleicht ein trotziges Lächeln für einen Moment um seine Lippen zuckte – trat rasch einen Schritt gegen sie vor und flüsterte:

»Folgt Euch der Friedensrichter wirklich dicht auf dem Fuß?«

»Nein,« stammelte Mrs. Breidelford und schien noch immer weder zu Athem noch zu völliger Besinnung gekommen zu sein – »nein – er kommt – er kommt nicht.«

»Desto besser – Ihr müßt mich verbergen – die Verfolger sind mir auf den Fährten. Im Walde konnte ich den verdammten Schurken nicht mehr entgehen – wie die Indianer spürten sie meiner Fährte nach, und ich mußte mich endlich, als ich die breite Straße traf, auf dieser halten. Vielleicht aber sind sie dicht hinter mir – jede Minute kann mich in ihre Hände bringen, also macht schnell – führt mich in Euer Haus.«

»Heiland der Welt, Henry Cotton, so wahr ich wünsche gesund zu bleiben und selig zu werden. Cotton, nach dem [268] ganz Arkansas fahnt. Zu mir wollt Ihr, Mann? In mein Haus? Das geht nicht, das ist unmöglich – Ihr müßt fort.«

»Ich kann nicht weiter,« knirschte der Flüchtling. – »Matt und abgehetzt, wie ich bin, würde ich den Verfolgern augenblicklich in die Hände fallen – ich muß wenigstens einen Tag rasten. Gift und Pest! Über vierzehn Tage werde ich nun schon wie ein Panther gehetzt, und zehnmal den Rettungsweg vor Augen, den sichern Hafen fast erreicht, immer und immer wieder zurückgetrieben in Elend und Noth – immer wieder gejagt und umstellt und auf Mord und Raub förmlich angewiesen. Verbergt mich deshalb in Eurem Hause, bis ich im Stande bin über den Fluß zu setzen, oder vielleicht auch in irgend einem Boot stromab – ja – wenn es nicht anders sein kann, bis auf die Insel zu gehen. Ich habe dieses Leben satt undwill es nicht länger führen.«

»In mein Haus könnt Ihr nicht, Sir,« rief die Wittwe schnell – »ich bin eine alleinstehende Frau, und wenn –«

»Oh, laßt zum Donnerwetter den Unsinn!« rief Cotton ärgerlich – »die Pest über Euer Schwatzen – bringt mich in Sicherheit.«

»Es geht wahrhaftig nicht an,« rief die würdige Dame in Verzweiflung, »denkt nur, wenn Ihr in dem Aufzug durch die Stadt und in meine Wohnung ginget, was das für Aufsehen erregen müßte. Die geringste Nachfrage hier nach Euch würde auch Eure Verfolger augenblicklich auf die richtige Spur bringen, und wenn sie bei mir Haussuchung anstellten – nein, das darf nicht sein. Bleibt hier im Walde irgendwo versteckt, und ich will Euch heut Abend abholen und sicher auf die Insel befördern lassen; mehr kann ich für Euch nicht thun.«

»So? wirklich nicht?« höhnte Cotton, »sagt lieber, mehr wollt Ihr nicht thun, – aber Ihr werdet wohlmüssen. Doch die Zeit drängt, und nochmals sage ich Euch, ich werde verfolgt und bin, wenn Ihr mich nicht verbergt, heut Abend noch in den Händen meiner Feinde. Ihr seid jetzt im Stande, mich zu retten, thut ihr es nicht, wohl, so mögen auf Euer Haupt auch die Folgen fallen. Glaubt aber nicht etwa, daß ich den Großmüthigen spiele, und als Märtyrer in Kerker [269] und Ketten verkomme, oder gar am Galgen paradire, während Ihr hier hochnäsig als fromme Lady sitzt. – Ich werde States evidence, und was Euch dann bevorsteht, könnt Ihr Euch etwa denken!«

»Seid Ihr rasend?« rief Mrs. Breidelford erschreckt, »wollt Ihr mich und uns Alle unglücklich machen, Mann?«

»Nein – gewiß nicht; Ihr müßtet mich denn dazuzwingen. Aber – in einem Stück habt Ihr Recht. – Ginge ich so in die Stadt, wie ich hier stehe, so müßte ich die Aufmerksamkeit Aller auf mich ziehen, denen ich begegnete – geht also und holt mir Kleider – Ihr werdet sie Euch schon zu verschaffen wissen; ich will indessen hier in diesem kleinen Sassafras-Dickicht liegen bleiben und Eurer Rückkunft harren. Bleibt aber nicht zu lange, denn wenn ich bis dahin entdeckt werde, tragt Ihr die Schuld – und die Folgen.«

»Wo soll ich denn um Gottes willen die Kleider hernehmen!« rief Mrs. Breidelford erschreckt – »ich weiß ja gar nicht –«

»Das ist Eure Sache,« unterbrach sie Cotton und wandte sich gleichgültig von ihr ab, – »denkt aber anDawling, oder – soll ich Euch vielleicht noch einen andern Namen nennen? – ich dächte doch, der genügte Euch!«

»Schrecklicher Mann!« stöhnte die Frau – »ha fort – rasch fort – ich höre Jemand kommen – verbergt Euch!«

Cotton hatte schon seit einigen Momenten hoch aufgehorcht, denn auch er vernahm Schritte und wußte nur noch nicht recht, von welcher Seite sie nahten. Endlich schien er sich davon überzeugt zu haben und glitt jetzt rasch – den Finger nur noch einmal drohend gegen die Frau erhoben, in die Büsche, die sich wieder hinter ihm schlossen.

Gleich darauf schritt pfeifend, die Hände in die Taschen geschoben, den Hut etwas nach hinten auf den Kopf gedrückt, Jonathan Smart auf der Straße heran, und Mrs. Breidelford hatte wirklich kaum Zeit sich zu sammeln und einen Entschluß zu fassen, nach welcher Seite sie sich überhaupt wenden wolle, als Jonathan auch um die schon früher erwähnte umgestürzte [270] Eiche bog, und nun seinerseits ebenfalls überrascht war, Dame Breidelford in unverkennbarer Verlegenheit hier allein zu finden. Sein erster Verdacht fiel auf ein Liebesabenteuer, den verwarf er jedoch augenblicklich wieder als total unmöglich und konnte nur ein in aller Eile herausgestoßenes »Guten Morgen, Madame« vorbringen, als auch diese schon in voller Eile an ihm vorbeistürmte und der Stadt wieder zueilte.

»Potz Zwiebelreihen und Holzuhren!« rief der Yankee lächelnd, als er stehen blieb und ihr erstaunt nachblickte – »gewaltige Eile, Mrs. Breidelford, gewaltige Eile – – wichtige Geschäfte wahrscheinlich – wieder vielleicht eine Freundin mit einem Besuch für einen ganzen Abend elend machen, oder einen guten Namen vernichten oder auch einmal zur Abwechselung eine Frau gegen ihren Mann aufhetzen – wäre noch gar nicht dagewesen – o Gott bewahre! Was aber hat sie in aller Welt nur hier zu thun gehabt? irgend eine Zusammenkunft? oder war der Aufenthalt hier zufällig? Weshalb aber bewies sie sich da so augenscheinlich verlegen?«

Smart fing an, die Straße gerade da, wo er sie zu erst gesehen hatte, zu untersuchen, um vielleicht Spuren andern Schuhwerks darauf zu erkennen. Obgleich er aber die Fußstapfen eines Männerschuhs zu sehen glaubte, die sich hier und da abgedrückt zeigten, so war er doch zu wenig geübt, zu wenig Waldmann, um auf dem betretenen Wege etwas Genaueres darüber bestimmen zu können. Er schüttelte also ein paar Mal gar bedeutsam mit dem Kopfe – schob seine Hände auf ihren alten Platz zurück, schritt wieder langsam weiter, und fiel genau in demselben Ton mitten im Liede wieder ein, wo er vorhin durch Mrs. Breidelford's Anblick unterbrochen worden war.

Etwa eine Stunde später verließ die Dame zum zweiten Mal an diesem Tage dieselbe Straße und eilte, ohne sich höchst ungewöhnlicher Weise auch nur im Mindesten um das zu kümmern, was um sie her vorging, ihrem eigenen Hause zu. Am andern Ende der Straße aber folgte ihr ein, in die gewöhnliche Tracht der Landleute gekleideter Mann, den breiten Strohhut jedoch tief in's Gesicht gedrückt. Hinter ihm schloß [271] sich bald darauf ihr Haus und wurde jetzt von innen fest verriegelt.

19. Der Van Buren

19.

Der Van Buren. – Mr. Smart fügt sich dem Willen seiner Frau.

Tom Barnwell hatte, wie schon früher erwähnt, seinen unglücklichen Schützling an Bord des Van Buren gebracht, und gab ihn hier, um allen lästigen Fragen überhoben zu sein, einfach für eine kranke Schwester aus, die er nach Helena zu Verwandten bringen wolle. Marie war dabei durch die gehabte Aufregung so erschöpft und angegriffen, daß sie, ohne auch nur die geringste Einwendung dagegen zu machen, Alles mit sich geschehen ließ. Die Kammerfrau der Kajüte erstaunte allerdings, als sie das durch die Dornen und Zweige zerrissene Oberkleid sah, und mochte wohl nach dem stieren, an Nichts haftenden Auge der Unglücklichen ihren wahren Zustand ahnen. Doch was kümmerte sich die Mulattin um den Zustand der Weißen; sie hatte darauf zu sehen, daß ihre Kajüte, nicht das Hirn ihrer Passagiere in Ordnung sei, und sie bereitete ihr deshalb das Lager und überließ sie dann ihren eigenen wilden Phantasien und Traumgebilden.

Der Van Buren war ein wackeres Dampfschiff, eins der sogenannten Clipper, die nach St. Louis oder Louisville und Cincinnati einlaufen, gewöhnlich mit einer Tafel vorn, auf welcher die Zeit ihrer Fahrt mit großen, weitscheinenden Zahlen gemeldet wird. In der That grenzt auch die Schnelle, mit welcher diese Boote oft ungeheure Strecken, und zwar [272] gegen die starke Strömung des Mississippi – zurücklegen, an's Unglaubliche. So rühmte sich der Van Buren, auf seiner letzten Fahrt von New-Orleans nach Louisville nur eine halbe Stunde länger gebraucht zu haben als die Diana – welche Zeit er auf einer Sandbank im Ohio festgesessen haben wollte – und das war 5 Tage und 231/2 Stunden – eine Entfernung von 1350 englischen Meilen stromauf.

Der Van Buren arbeitete denn auch diesmal gar wacker gegen die steigende Fluth an, und hoch und gewaltig tanzten und schlugen die Wogen hinter ihm drein und brachen sich in trübem, gährendem Schaum. In wenigen Stunden hätten sie Helena erreichen müssen, gerade aber an jener, schon mehrmals erwähnten runden Weideninsel war der Lootse, der den Ohio vielleicht gut genug kannte, diesmal aber zuerst den Mississippi, und zwar nach seinem »Navigator« befuhr, zu nahe an die kleine Insel hinangerathen und aufgelaufen, und konnte, trotz dem gewaltigen und stundenlangen Arbeiten der Maschine nach rückwärts, nicht wieder loskommen. Da sie nun endlich sahen, daß jeder weitere Versuch nutzlos, die Nacht dagegen eingebrochen war und der Fluß mit jeder Stunde stieg, so hofften sie, mit Tagesanbruch vielleicht schon selber flott zu werden, und versuchten deshalb mit der Jolle an's Ufer zu fahren und ein Springtau dort irgendwo zu befestigen. Es geschah das nur deshalb, damit sie, wenn sie wirklich loskämen, nicht wieder mit der Strömung hinabtrieben.

Die mit der Befestigung des Taues beauftragten Leute fanden indeß ein schwereres Geschäft, als sie im Anfang vermuthet haben mochten. Die ganze Insel war allerdings dicht mit Bäumen bewachsen, jedoch nur mit schwachen Baumwollenholzstämmen, die kaum ein Flatboot, viel weniger denn ein so schweres Fahrzeug gehalten hätten. An dem äußern Rande der Insel stand dabei der junge Aufwuchs, lauter Schößlinge der Baumwollenholzbäume, und diese, die starr und dicht wie Schilf aus dem schon etwas angeschwellten Mississippi herauswuchsen, verweigerten dem breiten Bug der Jolle hartnäckig den Eingang. Die ersten bogen sich zwar, wenn die Matrosen [273] mit allen Kräften dagegen ruderten, elastisch zur Seite, wie Stahlfedern preßten sie aber dann auch augenblicklich mit rückwirkendem Druck wieder gegen das Boot an, sobald die Ruder nur einen Moment aufhörten zu arbeiten.

Die Matrosen mußten den Versuch endlich aufgeben und hinein in das hier etwa drei Fuß tiefe Wasser springen, was des Triebsandes wegen an und für sich schon mit großer Gefahr verknüpft war. Mit vereinter Anstrengung zogen sie nachher das lange schwere Tau so weit inselwärts, als ihnen das möglich war, schlugen es hier, wo sie wieder trocknen, das heißt wenigstens nicht unter Wasser stehenden Boden fanden, um eine Anzahl der schwachen Stämme herum, und kehrten dann an Bord zurück, um zu weiteren Operationen den anbrechenden Tag zu erwarten.

Nun waren allerdings zwei Wachen an Deck gelassen, die auch die Feuer unter den Kesseln unterhalten sollten. Wie das aber mit fast allen Wachen geht, so blieben sie im Anfange ungemein munter – warfen sorgsam Holz nach, und sahen nach dem Tau, ob es noch immer straff sei und festhalte; sobald jedoch einmal Mitternacht vorüber und keine Ablösung für sie bestimmt war, legten sie sich auf das vor den Kesseln aufgeschichtete Holz, fingen an, sich Geschichten zu erzählen und suchten sich damit munter zu halten. Der Erzähler wurde aber auch endlich schläfrig – der Zuhörer hatte schon lange aufgehört. Zuhörer zu sein, und tiefes Schweigen herrschte bald auf dem schlummernden Koloß.

Leise murmelnd brach sich die Fluth an seinem Bug, und in der nicht fern gelegenen Weideninsel rauschte und brauste es – das vorn angeschwemmte Holz stemmte die Strömung, und dann und wann warfen sich mächtige losgeschwemmte Stämme dagegen und versuchten diesen natürlichen Damm zu durch brechen. Rabenschwarze Nacht lag dabei auf dem dumpf grollenden Strom, und es war, als ob die Waldgeister von beiden Ufern wunderliche, unheimliche Weisen herüber und hinüber riefen, während der alte Mississippi die langgehaltenen Melodien dazu in seinen schäumenden Bart summte.

Auf dem Boote rührte sich nichts mehr. Nur die beiden. [274] Wachen hoben noch dann und wann einmal müde, und schon halb bewußtlos, die Köpfe, und blickten nach den Sternen empor und nach den zu Starbord leise schwankenden Weiden, ob sie noch auf der alten Stelle lägen. Das monotone Summen des Stromes schloß aber bald wieder ihre Augenlider, und das harte Lager war doch nicht hart genug, festen, gesunden Schlaf von ihnen fern zu halten.

An dem Springtau zerrte und zog indeß die kräftige unermüdliche Fluth, und der steigende Strom hob das Boot aus seinem sandigen Bett. Je mehr es aber anfing flott zu werden, desto mehr wirkte auch die Strömung darauf ein und begann schon das noch haltende Tau straff anzuspannen. Im Anfang hielten die schwanken jungen Stämme allerdings noch sicher die ihnen anvertraute Last, je stärker aber das Boot anzog, desto mehr bogen sie sich, desto mehr rutschte das Tau nach oben. Wohl leistete die Zahl noch einigen Widerstand, hier und da brach aber einer der am meisten in Anspruch genommenen; ein anderer ließ das Tau über den elastischen Wipfel gleiten – mit jedem Augenblick verminderte sich der Halt, den jenes ungeheure Gewicht erforderte, und jetzt – knickte auch der letzte Stamm.

Der Ruck, der das Van Buren-Tau befreite, zitterte aber durch das ganze Boot und störte den Schlummer der sorglos im Bug ausgestreckten Wachen. Zuerst schlugen sie erstaunt die Augen auf und sahen nach dem Himmel; der spannte sich aber noch in seiner alten Gestalt über ihnen aus. Dieselben Sterne schauten funkelnd auf sie nieder, auf die sie beim Einschlafen ihre Blicke geheftet hatten, doch entsetzt sprangen sie empor, denn die Baumwollenholzschößlinge, deren träumendes Wiegen sie bis dahin ebenfalls neben sich beobachtet und deren Nicken sie mit dem eigenen Kopf gar oft accompagnirt, lagen hinter ihnen. – Das Wasser rauschte nicht mehr gegen ihren Bug an – die Weiden rückten weiter und weiter zurück. Die Männer wurden mit einem Male munter und sprangen, von einem Gefühl getrieben, nach dem Tau – es hing locker über Bord, und ihr Ruf:


»Das Boot ist los!«


[275] weckte mit Blitzesschnelle die noch hier und da in der warmen Sommernacht am Deck umher gestreuten Gefährten.

Alles sprang jetzt herbei, und lief wild und rathlos durcheinander; Einige fühlten nach Grund, Andere rissen am Tau, ein Paar sprangen nach dem Lootsen, um diesen an's Steuerrad zu rufen, Keiner aber dachte an die Hauptsache, daß das Dampfboot auch nicht ohne Dampf regiert werden könne, und erst die Feuer wieder aufgeschürt und das Wasser erhitzt werden müsse, ehe sie hoffen durften, wirklich ernster Gefahr für ihr Boot zu entgehen.

Des Steuermanns fester Ruf sammelte die Schaar zuerst wieder zu geregelter Thätigkeit. Rasch wurden vor allen Dingen um die stets bereit liegenden kleinen Anker Taue geschlagen, diese über Bord zu werfen und sie wenigstens da zu halten, wo sie sich gerade befanden. Die Feuerleute mußten indessen unter allen Kesseln die Feuer aufschüren und zu gleicher Zeit nachpumpen, damit nicht durch Wassermangel ein noch größeres Unglück – das Zerspringen derselben – herbeigeführt würde. Diese Vorsichtsmaßregeln, zur rechten Zeit getroffen, wären auch hinlänglich gewesen, das Boot gar bald wieder in Stand zu setzen. Durch die ungemein starke Strömung aber waren sie schon weiter hinabgerissen, als sie im Anfange selber vermuthet hatten, denn diese führte sie mit reißender Schnelle und zwar rückwärts, dem westlichen Ufer entgegen.

»Stangen hinter – an Larbord Steragedeck!« schrie der Steuermann mit heiserer Stimme, »stemmt Euch, meine Burschen, sucht die Bäume zu treffen und schiebt ab.«

Die Matrosen gehorchten in flüchtiger Eile dem Befehle – alles von Passagieren niederrennend, was ihnen zufällig in den Weg trat, die langen Stangen wurden nach hinten geschleppt und dort rasch über Bord und gegen die Seitenwand gestemmt, um das jetzt unvermeidliche Anprallen wenigstens so viel als möglich zu mildern. Die Anker waren zu gleicher Zeit ebenfalls übergeworfen; der weiche Schlammboden gewährte aber noch keine Festigkeit – sie schleppten nach, und in demselben Moment rannte auch der Van Buren, seitwärts [276] gegen das Ufer treibend, mit der Larbordseite und mit dem hintern Theile zugleich so gewaltig gegen die Stämme an, daß das mächtige Boot bis in seinen Kiel hinunter erzitterte und das Larbordradhaus krachend und prasselnd zusammenbrach.

Die Passagiere stürmten jetzt erschreckt von allen Seiten herbei, einzelne sogar schon mit ihren Habseligkeiten unter dem Arm oder auf dem Rücken, bereit, mit nächster Gelegenheit an's Ufer, oder doch wenigstens in ein rettendes Boot zu springen. Auch die Mannschaft selbst war im ersten Augenblick bestürzt, denn man wußte noch nicht genau, wie bedeutend der angerichtete Schaden sei, und ob der Rumpf wirklich so gelitten habe, daß das Fahrzeug sinken müsse.

Der Zimmermann sprang denn auch vor allen Dingen in den Rumpf hinunter, und die Pumpen wurden versucht. Da ergab es sich denn, daß der Van Buren wahrscheinlich nur mit dem breiten Obertheil in das starre Treibholz hineingerannt sei, und weiter nicht gelitten habe als an Rad, Bulwarks und Steuer. Allerdings wurde der Schaden jetzt so schnell als möglich, und so gut es gehen wollte, ausgebessert; ehe das Steuer aber wieder hergestellt war, konnten sie nicht daran denken auszulaufen, und die Sonne stand schon hoch am Himmel, als dieses erst, mit Hülfsstücken und starken Ketten geschnürt und befestigt, so weit hergerichtet war, um den Van Buren wenigstens bis Helena zu nehmen. Dort mußte dann Alles wieder ordentlich reparirt werden.

Zweimal machten sie dabei vergebens den Versuch auszulaufen, denn noch immer verweigerte das Steuer den Dienst. Das Larbord-Rad war nämlich ganz zertrümmert, und sie mußten mit dem ebenfalls beschädigten Starbord-Rad allein gegen den Strom anarbeiten. Hierdurch wurde der Bug aber natürlich gegen Larbord hinübergeworfen, was das Steuer außergewöhnlich anstrengte. Endlich noch mit einem starken Tau versehen, schien es genügend zu sein; die Maschine fing wieder an zu arbeiten, und wie ein verwundeter Leu, der traurig die zerschossene Pranke nachschleppt, so keuchte und ächzte das verletzte Boot schwerfällig stroman.

Die Sonne hatte den Zenith schon überschritten, als sie [277] Helena erreichten und dort landeten, um vor allen Dingen erst wieder ordentlich flußtüchtig zu werden. Tom Barnwell aber, der in peinlicher Ungeduld sich zehnmal an's Ufer gewünscht hatte, um zu Fuß schneller noch die Stadt zu erreichen und der Abfahrt des alten Edgeworth zuvorzukommen, war indeß den ganzen Morgen bittren Unmuths voll auf dem Hurricanedeck hin und her gelaufen, und hatte vergebens nach den zahlreichen vorbeitreibenden Flatbooten ausgeschaut. Eins sah aus wie das andere, und er konnte unmöglich erkennen, welches das sei, zu dem er gehöre.

Einmal zwar glaubte er an mehreren, nur dem Auge eines Bootmannes bemerklichen Kleinigkeiten, und trotz des beginnenden Nebels, die Schildkröte zu erkennen, und hatte schon die Hände trichterförmig an den Mund gelegt, sie wo möglich anzurufen; da entdeckte er an Bord jenes Bootes eine Menge Kisten und zwischen diesen eine Frau, die, wie es ihm vorkam, geschäftig unter ihnen herumging. Das konnte ihr Boot also auch nicht sein – an Bord der Schildkröte war keine Frau, und er hoffte jetzt nur, Edgeworth werde, vielleicht durch irgend etwas aufgehalten, Helena noch gar nicht verlassen haben.

Darin sollte er sich freilich getäuscht sehen – das Boot war wirklich und, wie er später erfuhr, erst ganz kurze Zeit vor seiner Ankunft abgefahren, und als er hörte, daß der Alte eine Frau als Passagier mitgenommen, wußte er auch gewiß, er habe sich in dem Boote damals nicht geirrt. Hier half aber freilich kein langes Ueberlegen weiter, und er geleitete nur vor allen Dingen das arme Mädchen, das sich willenlos an seinen Arm hing, so rasch als möglich in das Union-Hotel, und erzählte dort, allen weiteren Fragen darüber auszuweichen, ebenfalls wie auf dem Dampfboot, daß es seine Schwester sei, die von New-Orleans heraufgekommen wäre.

Hier aber hatte er noch mit einer und allerdings am allerwenigsten erwarteten Schwierigkeit zu kämpfen, denn Mr. Smart, der ihm in das Zimmer hinauf folgte und sich bald selbst von dem trostlosen Zustande der Unglücklichen überzeugte, erklärte ihm ganz frei und offen, daß er, was ihn selbst beträfe, das arme Wesen von Herzen gern bei sich aufnehmen und verpflegen[278] würde, daß dieses aber weiblicher Pflege bedürfe, und seine Frau jetzt so mit Geschäften überhäuft sei, wie noch nie vorher. Sie befand sich deshalb auch in keineswegs rosenfarbener Laune, und er versicherte dem jungen Manne, sie würde, wenn ihr das Mädchen so ohne Weiteres aufgebürdet werden sollte, nicht allein aus Leibeskräften dagegen protestiren, sondern auch in diesem Departement, wo ihr Befehl vor allen anderen gelten mußte, ohne Umstände die Wiederentfernung der Kranken verlangen.

»Aber wo um Gottes willen soll ich mit dem armen Wesen hin?« sagte Tom traurig, als er dem Wirth den wahren Verlauf der Sache erzählt hatte. »Das Boot ist fort, ich muß nach, denn ich habe nicht allein mein ganzes kleines Vermögen, sondern auch alle meine Kleider dort an Bord, und dieses unglückliche Weib darf ich in ihrem Zustande, ohne Schutz, ohne Freunde hier, in einer fremden Stadt, unmöglich zurücklassen. – Eben so wenig kann ich sie aber mit mir nehmen; behaltet sie deshalb hier, mein guter Herr, und seid versichert, daß ich vielleicht schon in wenigen Tagen wieder zurück bin und Euch dann reichlich vergüten werde, was Ihr an ihr gethan.«

Ihr Gespräch wurde hier von außen her und auf etwas laute Weise unterbrochen, denn draußen auf dem Gange hörten sie plötzlich Mrs. Rosalie Smart, die eben in keineswegs freundlichen Ausdrücken dagegen eiferte, daß hier jeder »lumpige Bootsmann« hereinfallen sollte, um ihr seine Dirne in's Haus zu schleppen.

»Schwester?« rief sie dabei, wahrscheinlich auf eine von dem Neger gemachte Entgegnung – »Schwester? – was da Schwester – da könnte Jeder kommen und seine Schwester bringen. Und noch dazu nicht recht bei Sinnen – na weiter fehlte mir gar nichts. Jetzt, wo ich Tag und Nacht nicht weiß, wo mir der Kopf steht; jetzt, wo ich mich placken und quälen muß, um nur das Haus in Ordnung zu halten und die gesunden Gäste zu bedienen, ja wo nur erst noch gestern mein Mädchen fortgelaufen ist, das mir diese Person, diese Mrs. Breidelford abspenstig gemacht hat, jetzt soll ich auch noch [279] Krankenwärterin werden? So? oder will Mr. Smart das junge Ding vielleicht gar selber warten und pflegen? Nein, daraus wird nichts, aus dem Hause muß sie mir wieder, und das gleich; ich will doch sehen, wer hier Zimmer zu vergeben hat, Mr. Smart oder ich. Wenner das besorgen will, so soll er auch die Wirthschaft führen und die Betten in Ordnung halten, und dann bin ich nachher ganz überflüssig – ich werde so schon mehr wie ein Dienstbote behandelt. Hier will ich denn aber doch einmal sehen, wer –«

Das Weitere wurde unhörbar, denn Madame arbeitete sich in gewaltigem Eifer die Treppe hinauf, und es war augenscheinlich, daß sich die Aussichten, diese Sache in Frieden und Freundschaft beizulegen, mit jeder Minute verringerten.

»Ich will hinauf und sie selbst darum bitten,« sagte Tom jetzt rasch und griff nach seinem Hut – »sie kann und wird mir's nicht abschlagen. Sie muß auch wissen, was sie dem eigenen Geschlecht schuldig ist, und darf ihr Herz dem Mitgefühl nicht ganz verschließen.«

Er wollte hinaus, Smart aber, der sich bis jetzt das Kinn mit dem Zeigefinger und Daumen der rechten Hand sinnend gestrichen und starr dabei vor sich niedergesehen hatte, ergriff ihn rasch am Arme und sagte schnell:

»Halt! Sie verderben die ganze Geschichte. – Meine Frau ist herzensgut, wir haben aber einen Fehler gemacht: dem Mädchen ist nämlich eine Stube angewiesen, ehe sie darum befragt wurde, und das vergäbe sie nie. – Gehen Sie jetzt nachträglich zu ihr und bitten Sie um etwas, was wir schon vorher als gestattet angenommen haben, so möchte ich Sie nur ersuchen, mich vorher etwa zweihundert Schritt fortzulassen, denn Sie bekämen das schönste Aufgebot, das man sich wünschen kann, und Ihre Bitte erfüllte sie nachher erst recht nicht. Darin kenn' ich –«

»Aber, um Gottes willen, was sollen wir denn da thun?« rief Tom in Verzweiflung – »Sie sind der einzige Mensch hier in ganz Helena, dem ich diese Unglückliche anvertrauen möchte, und gerade Sie verweigern es. Oh fürchten Sie ja nicht, daß ich etwa nicht wiederkäme und die Schuld abtrüge [280] – Sie wissen nicht, wie theuer mir jenes arme Wesen einst war –«

»– meine Alte zu gut,« fuhr Smart fort. »Ein Mittel giebt es aber noch, und das wäre wenigstens eines Versuches werth.«

»Und das ist?«

»Ruhig – lassen Sie mich machen – warten Sie einmal,« und er sah sich dabei rings im Zimmer um – »ja, das wird gehen. Springen Sie einmal zu dem Fenster da hinaus.«

»Aber Mr. Smart!« sagte erstaunt der junge Bootsmann.

»Ja, ich kann Ihnen nicht helfen,« lächelte der Yankee – »wir müssen heute ein bischen Komödie spielen. Springen Sie nur da zum Fenster hinaus und kommen Sie mir vor Abend nicht wieder in's Haus.«

»Das geht unmöglich!« rief Tom – »ich kann die Unglückliche nicht eher verlassen, bis ich sie sicher untergebracht weiß; und – und was sollte ihr denn das auch nützen? – ich muß erst wissen, wie es mit ihr wird.«

»Ja, dann müssen wir's unterlassen,« sagte der Yankee gleichgültig und schob die Hände wieder in die Taschen. – »Das ist das Einzige, was ich weiß; wenn Sie dafür keine Zeit haben, so thut's mir leid. – Vielleicht nähme sie Squire Dayton.«

»Wer ist Squire Dayton?«

»Der Friedensrichter hier im Orte – er ist verheirathet und hat auch noch ohnedies eine weitläufige Verwandte seiner Frau bei sich. – Vielleicht nimmt der sie in's Haus.«

»Glauben Sie, daß ich ihn jetzt finden kann?« frug Tom schnell.

»Nein,« sagte der Yankee ruhig – »der ist fortgeritten, und die beiden Damen sind auch nicht daheim.«

Tom ging unruhig ein paar Mal im Zimmer auf und ab.

»Und hoffen Sie wirklich, daß Sie Ihre Frau dazu überreden können, die Unglückliche aufzunehmen?« sagte er endlich, als er wie verzweifelt vor Smart stehen blieb.

»Ueberreden? Nein,« erwiderte dieser. – »Es kann sich [281] Niemand auf dieser Welt rühmen, meine Frau zu etwas überredet zu haben, doch – ich bringe sie dazu – ich hoffe es wenigstens, und das ist ja Alles, was Sie wollen. Also – wenn's Ihnen gefällig wäre – dort ist das Fenster –«

»Aber weshalb nur zum Fenster hinaus?«

»Weil Sie jetzt gerade meiner Frau nicht draußen begegnen sollen – oh, Sie können wohl die fünf Fuß nicht hinunterspringen!«

Tom wollte noch etwas erwidern – bezwang sich aber, öffnete den einen Fensterflügel und drehte sich dann noch einmal gegen den Wirth um.

»Sir,« sagte er – »wenn Sie nur ahnen könnten –«

Ein Schritt wurde auf dem Gange gehört.

»Meine Frau,« sagte der Yankee einfach, und machte dabei eine leise Verbeugung, als ob er dem jungen Mann Jemanden, der eben in die Thür trete, vorstellte. Dieser verstand den Wink, legte, ohne weiter ein Wort zu erwidern, die rechte Hand auf das Fensterbrett, und war mit einem Satz unten auf der Straße.

Keine drei Secunden später ging die Thür auf, und Mrs. Smart trat, mit fast eben so erhitztem Gesicht, als wir ihr im Anfang unserer Erzählung begegneten, in's Zimmer, obgleich diesmal ihre Röthe wohl einen andern, viel gefährlicheren Grund haben mochte.

Smart aber ging plötzlich – die Hände auf dem Rücken, den Hut fast noch weiter nach hinten gedrückt als gewöhnlich, mit schnellen Schritten in der Stube auf und ab.

»Wer hat mir die Mamsell in's Haus –?« Waren die ersten Worte, die sie sprach, und sie stemmte dabei, als ob sie ihren Grimm erst recht von unten heraufdrücken wollte, die Arme in die Seite. Sie unterbrach sich aber selbst in ihrer Rede, als sie Niemanden bei ihrem Mann bemerkte, wo sie doch gewiß glaubte, Stimmen gehört zu haben. – »Mit wem sprachst Du denn eigentlich eben hier?« sagte sie dann erstaunt und schaute sich überall um – »ich weiß doch, daß ich Jemanden reden hörte.«

[282] »Wohl möglich,« erwiderte der Gatte kurz, ohne den Blick auch nur einmal auf sie zu heften – »ich kann mit mir selbst gesprochen haben. Doch das ist einerlei, ich will nichts mit vagabondirendem Gesindel zu thun haben, und ich muß Dich bitten, mein Kind, mich künftig, ehe Du Gäste, das heißt solche Gäste, kranke Gäste in's Haus nimmst, davon zu benachrichtigen.«

Mrs. Smart blieb vor Verwunderung, ohne auch nur eine Silbe darauf zu erwidern, stehen.

»Es ist ganz gut, mildthätig zu sein,« fuhr der Wirth, ihr Erstaunen gar nicht beachtend, fort – »ich will aber mit dem Bootsgesindel nichts zu thun haben. Niemand hat weiter Noth und Sorge davon als ich, und Niemand –«

»So?« fuhr jetzt plötzlich Mrs. Smart auf, denn Jonathan hatte eine Saite berührt, die jedesmal bei ihr einen rauschenden Anklang fand – »so – der gestrenge Herr da hat Noth und Sorge davon, wenn Gäste im Hause sind? Er kocht wohl das Essen, oder hält Betten und Stuben rein? oder besorgt Wäsche und sonstige Gegenstände, die zu Küche und Haus gehören? Hat nun je ein Menschenkind schon so etwas gehört? Wo aber kommt das Mädchen her? Wer hat sie mir in's Haus gebracht, und was soll mit ihr geschehen?«

»– wird dann auch später einmal dafür verantwortlich gemacht,« sagte Jonathan, der, während sie sprach, ihr ruhig in's Auge gesehen hatte und nicht um die Welt einen einmal begonnenen Satz unvollendet gelassen hätte.

»Wer sie in's Haus gebracht hat, will ich wissen,« rief Mrs. Smart ärgerlich.

»Das kann uns gleichgültig sein,« entgegnete Jonathan, – »ein junger Farmer von Indiana war's – es ist seine Schwester, und er ist fremd hier und meint, die Person müßte elend umkommen, wenn sich nicht eine rechtschaffene Frau ihrer annehme, weil er jetzt, um seinen Geschäften nachzugehen und sein Leben zu fristen, den Fluß hinab muß. Was geht das aber uns an? Ich kann hier kein krankes Geschöpf [283] warten und pflegen und – will die Umstände und den Spectakel auch nicht in meinem Hause haben.«

»Person – Geschöpf? Ja, das ist so die Art, wie die Herren der Schöpfung von einem armen Frauenzimmer reden, das nicht ein Seidenkleid an und einen Federhut auf hat« – fiel ihm hier Mrs. Smart etwas pikirt in die Rede – »Du brauchst auch kein krankes Geschöpf zu warten und zu pflegen – das wäre auch die rechte Wartung und Pflege, die es bekäme. Wo ist denn aber der Musjö, der hier anderen Leuten seine Schwester in's Haus bringt?«

»Fort!« rief Mr. Smart in höchster Aufregung – »fort ist er – das ärgert mich ja eben so – zwingt mir die Person ordentlich auf – sagt, ich hätte überhaupt darüber gar nichts zu bestimmen, das wäre der Hausfrau Sache, und Mrs. Smart's Edelmuth wäre bekannt und noch mehr solchen Unsinn, und fort ist er nun, mitten in den Wald hinein, vielleicht nach Little Rock oder sonst wohin. Doch was geht das mich an? – Macht er sich so wenig aus seiner kranken Schwester, daß er sie auf solche Art fremden Leuten überläßt, so brauch' ich noch weniger Theil an ihr zu nehmen. Nicht einmal ein einziges Kleidungsstück hat sie mit – nicht einmal ein Hemd, ihre Wäsche zu wechseln.«

»Mr. Smart!« rief Mrs. Smart auf das Tiefste empört aus – »ich muß Sie bitten, Ihre Ausdrücke anständiger zu wählen, wenn Sie in meiner Gegenwart von solchen Sachen reden wollen. Ich bin gerade so gut eine Lady, als ob ich in New-York oder Philadelphia wohnte. Wo hat übrigens der gestrenge Herr bestimmt, daß die Kranke hingeschafft werden soll?«

»Hingeschafft? Was kümmert das uns?« sagte Jonathan. »Scipio soll sie vor die Thür führen, und sie mag gehen, wohin es ihr beliebt. Ich will weiter nichts mit ihr zu thun haben.«

»Vor die Thür können wir sie nicht setzen,« sagte Mrs. Smart, »das ist gegen Menschen- und Christenpflicht, und ich will mir nicht nachgesagt haben, daß ich so ein armes Ding aus dem Hause geworfen hätte, blos weil es kein Geld und [284] keine Kleider hatte und sonst noch unglücklich war. – Uebrigens hast Du auch gar nichts damit zu thun; die Sache geht Dich weiter nichts an, das Mädchen mag meinetwegen ein paar Tage hier bleiben, und wenn es sich ordentlich beträgt und sich wieder erholt, so wollen wir sehen, was weiter wird. Ich brauche so Jemanden als Hülfe im Hause, wenn ich nicht förmlich draufgehen und mich aufreiben soll. Das ist Dir aber einerlei – Du gehst Deinen Geschäften oder Vergnügungen nach und kümmerst Dich nicht darum, wie sich Dein armes Weib plagen und quälen muß. Du weißt freilich nicht, wie es so einem armen Wesen zu Muthe ist, das keine Eltern mehr hat und nun verlassen in der Welt steht. – So seid Ihr Männer aber – hartherzige Egoisten, alle mit einander, und uns, die wir so etwas besser wissen müssen, denen der liebe Herrgott ein Herz in die Brust gelegt hat, das Leiden Anderer zu fühlen –uns wollt Ihr dann auch noch vorschreiben, was wir thun oder lassen sollen, wenn es sich um etwas handelt, wo eben nur ein Weib über ein Weib entscheiden kann. Das laß Dir aber nur nicht weiter einfallen; das Mädchen bleibt jetzt bei mir, bis ich sie selber fortschicke.«

Und damit verließ Madame das Zimmer, warf die Thür heftig hinter sich zu, und stieg stracks zu dem Zimmer des armen Kindes hinauf – freilich jetzt in anderer Absicht, als sie vorhin in ihrem Selbstgespräch geäußert hatte. Jonathan aber schob wieder, wie das so seine Art war, wenn er entweder gar ernsthaft über etwas nachdachte oder sich ganz außergewöhnlich freute, die Hände tief in seine Beinkleidertaschen hinein und schritt, aus Leibeskräften den Yankee Doodle pfeifend, in dem kleinen Zimmer auf und ab.

20. Der Ire theilt Jonathan Smart seinen Verdacht mit

[285] 20.

Der Ire theilt Jonathan Smart seinen Verdacht mit. – Tom Barnwell's Zeugniß.

Jonathan Smart wurde in seinen höchst erfreulichen Selbstbetrachtungen durch einen Besuch unterbrochen, der ihn nicht allein störte, sondern auch ohne weitere Umstände seine Aufmerksamkeit auf längere Zeit verlangte.

»Nun, O'Toole?« frug der Wirth, als er ihn erstaunt betrachtete – »wo habt Ihr denn gestern und heute den ganzen Tag gesteckt? Ihr waret ja auf einmal ordentlich verschwunden! Donnerwetter, Mann, wie seht Ihr denn aus?«

»Verschwunden?« wiederholte O'Toole – »nein, das wohl nicht, aber heimlich fortgegangen – ja. Doch hört, Smart – ich habe ein Wort mit Euch zu reden und machte das, aufrichtig gesagt, lieber mit Euch im Freien ab. Hier in dem Zimmer, denk' ich immer, kann man nichts sagen, was der Nachbar, der an der andern Seite der Wand steckt, nicht ebenfalls hören müsse, und da mir keineswegs damit gedient wäre, daß die ganze Stadt gleich von Haus aus erführe, was ich Euch mitzutheilen habe, so dächt' ich, gingen wir ein bischen, meinetwegen an's Flußufer hinunter, spazieren.«

»So? Also Geheimnisse?« lachte Smart, »nun, da muß ich ja wohl mitgehen. Aber was betrifft's?«

»Kommt erst hinaus, dort draußen spricht sich's besser,« erwiderte der Ire, und ohne weiter eine an ihn gerichtete Frage zu beachten, verließ er rasch das Haus, und schritt dem Flußufer zu, wo ihn Smart bald einholte und stellte.

»Nun, zum Henker, was rennt Ihr denn so?« rief er hier, als er den kleinen Mann hinten am Rockkragen faßte [286] und festhielt. »Wir wollen doch wahrlich nicht zu Fuß nach dem Arkansas, daß Ihr dorthin Sieben-Meilen-Schritte macht.«

»Smart,« sagte O'Toole, indem er plötzlich stehen blieb und sich gegen den Wirt wandte, »Ihr erinnert Euch doch, daß neulich Abends jenes Boot dort hinüberruderte –«

»Ja wohl.«

»Gut – das Boot ist nicht bei Weathelhope gelandet.«

»Das ist erschrecklich,« meinte der Yankee lächelnd – »aber wo denn sonst?«

»Das weiß ich eben nicht,« rief der Ire ärgerlich und stampfte mit dem Fuße den Boden.

»Ihr habt mir in der Sache allerdings kein Stillschweigen auferlegt, Mr. O'Toole,« bemerkte Smart feierlich, »ich versichere Euch aber nichts destoweniger, und zwar ganz von freien Stücken, daß ich keiner sterblichen Seele dieses mir anvertraute Geheimniß je – selbst nicht unter peinlicher Tortur vertrauen oder gestehen werde.«

»Smart – die Sache ist ernsthafter, als Ihr glaubt,« rief O'Toole ärgerlich. – »Allerdings weiß ich nichts Bestimmtes, ein Geheimniß liegt aber diesen Booten zum Grunde. Jenes Fahrzeug ist nicht drüben gelandet, aber auch nicht, weder stromauf noch stromab am Ufer hingefahren; ich bin eine ganze Strecke hinauf und hinunter gegangen, und überall haben mir die Leute versichert, es könne kein Ruderboot, außer mit umwickelten Rudern, zu jener Stunde an ihrem Ufer vorbeigefahren sein, ohne daß sie es gehört hätten. Weshalb sind nun die Burschen da hinüber gefahren, wenn sie nicht landen wollten? Einfach deshalb, um uns hier glauben zu machen, sie gingen dort hinüber, während ihr Ziel ganz wo anders lag – undweit kann das Ziel auch nicht von hier sein, sie hätten sich sonst nicht solch' unnütze Mühe mit uns gegeben. Ich bin jetzt – und das ist eigentlich die Sache, die ich Euch mittheilen wollte – fest davon überzeugt, daß die Bootsleute irgendwo drüben im Sumpf – ja vielleicht sogar hier auf der Arkansas-Seite – einen Schlupfwinkel haben, wo sie, wenn sie nichts Schlimmeres thun, wenigstens [287] ihre Spielhöllen halten und andere ehrliche Christenmenschen dadurch unglücklich zu machen suchen. Meinen armen Bruder haben sie in solcher Spielspelunke auch einmal bis auf's Hemd ausgezogen und nachher halbnackt vor die Thür geworfen. Es wäre ein Werk der Barmherzigkeit, ein solches Nest zu zerstören und überhaupt eine Bande hier aus der Gegend zu vertreiben, die nichts Gutes, aber unendlich viel Elend über ihre Nachbarn bringen kann. Hier oben das Haus, der graue Bär, wie sie's nennen, ist auch ein solcher Platz, dem ich von Herzen wünsche, daß ihn der Mississippi einmal bei nächster Gelegenheit mit fortspült.«

»Hm – ja,« sagte Smart endlich nach ziemlich langer Pause, während er sich das Kinn strich und gar ernsthaft vor sich nieder sah. – Das, was ihm Tom Barnwell an diesem Morgen erzählt hatte, fiel ihm fast unwillkürlich wieder ein, und er blickte sinnend nach dem Strom hinaus, den aus Sümpfen kommende leichte Nebelschleier umzogen und über die noch immer hier und da in der Sonne blitzende Fluth einen dünnen beweglichen Schleier woben. »Und Ihr wißt ganz sicher, daß sie nicht drüben gelandet sind?« frug er endlich – »nicht etwa bei Millers unten? Denn von da an führt auch noch ein Weg durch den Sumpf.«

»Das dacht' ich ebenfalls,« rief O'Toole, »und ließ mich deshalb die Mühe nicht verdrießen, hinab zu laufen, aber Gott bewahre! Millers Nigger, Jim, Ihr kennt ihn ja, hat von Dunkelwerden an das Ufer nicht verlassen und schwört Stein und Bein, es sei keine Katze in der Zeit vorbeigeschwommen, viel weniger an Land gestiegen. Und in den Rohrbruch, unten und oben, können sie doch wahrhaftig auch nicht ohne ganz besondere Gründe hineingekrochen sein. Beiläufig gesagt, war ich auch bei dem Deutschen dort unten, Brander heißt er, glaub' ich, der neulich hier auf einmal krank gesagt wurde, und nach dem der Doctor in Nacht und Nebel fortsprengen mußte. Aber kein Finger thut ihm weh, oder hat ihm in den letzten acht Wochen weh gethan. Ich will gerade nicht be – aber da kommt Einer von der Bande, seid ruhig, wir bereden die Sache ein ander Mal.«

[288] Smart wandte sich schnell nach dem also Bezeichneten um, erkannte aber niemand anders, als unsern alten Freund Tom Barnwell, der nach seinem Boot gesehen hatte und nun am Ufer heraufschlenderte. Als er den Wirth bemerkte, ging er rasch auf ihn zu und rief ihn schon von Weitem an:

»Nun Sir – wie ist's? Habt Ihr Euch des armen Mädchens erbarmt? – Wollt Ihr sie nicht wieder heraus auf die Straße stoßen?«

»Ei nun,« lächelte Jonathan – »ich hätte das schon gern gethan, aber – meine Frau will nicht. – Sie besteht darauf, das arme Kind bei sich zu behalten und es zu pflegen, bis es wieder gesund ist – nachher soll es aber erst recht da bleiben und ihr in der Wirthschaft helfen.«

»Das haben Sie durchgesetzt?« rief der junge Mann freudig.

»Wer? Ich?« sagte Mr. Smart – »fragen Sie einmal meine Frau darüber. – Aber – Scherz bei Seite, Sir – erzählen Sie uns doch noch einmal – uns Beiden hier – Mr. O'Toole ist ein Freund von mir und ein braver Mann – wie und wo, aber besonders genau,wo Sie das Mädchen gefunden haben, und was es dort für Auskunft über sich gab.«

Tom willfahrte gern diesem Wunsch und gab über jenen Platz, wo er die Unglückliche auf so wunderbare Art angetroffen hatte, so ausführlichen Bericht, als es ihm möglich war.

»Und konntet Ihr gar nichts weiter von dem armen Kinde herausbekommen, wie es auf die Insel gerathen sei? Ob es Schiffbruch gelitten, ob das Boot vielleicht einfach auf einen Snag gerannt, oder vielleicht gar – angefallen wäre?« frug Smart endlich, während der Ire mit der gespanntesten Aufmerksamkeit dem Berichte lauschte.

»Nein,« sagte Tom sinnend – »nichts Gewisses, denn in ihrem Zustande konnten ihre Reden kaum für zurechnungsfähig gelten, obgleich einzelne Worte, die ihr entschlüpften, auch wieder das Fürchterlichste ahnen ließen – sie sprach von gespaltenen Köpfen und blutigen Leichen – von ihrem – Gatten, der rein und weiß aus der Fluth emporgetaucht wäre. [289] Ich hoffe, ihr Zustand wird sich, bis ich zurückkehre, gebessert haben und sie selbst dann vielleicht Näheres über ihr Unglück anzugeben wissen. Ach Gott, es ist ja auch möglich, daß irgend ein entsetzliches Loos die Ihrigen betraf, und Schreck und Entsetzen ihre Sinne verwirrten. Es sollen sich, wie ich gehört habe, noch immer Indianer in der Nähe des Flusses aufhalten.«

»Sie sprach also gar nichts, was auf das Vorgefallene weiter Bezug haben konnte?« frug der Ire.

»Die ersten Worte, die ich hörte,« sagte der junge Mann nachdenkend – »klangen von einem Vogel, den sie in seinen goldenen Käfig zurück haben wollten, und sie redete von ›durch die Büsche kriechen und ihn wieder fangen wollen.‹ Doch das war der Wahnsinn – sie saß auch wie ein Vogel auf dem Aste eines niedergebrochenen Baumes.«

»Nun, einen goldenen Käfig hätte sie wahrlich nicht gehabt, wenn sie auch gefangen gewesen wäre,« meinte der Yankee.

»Auf welcher Insel war das?« frug der Ire, »unten auf Dreiundsechzig?«

»Ja, ich kenne die Zahlen nicht genau,« erwiderte Tom; »es muß die zweite oder dritte von hier gewesen sein.«

»Es lagen zwei von ihnen nicht weit von einander entfernt?«

»Ja, ich glaube – erst kam eine runde kleine Insel, dicht mit Baumwollenholzschößlingen bedeckt – an der haben wir auch die Nacht mit dem Dampfboot gelegen.«

»Die hat keine Nummer und ist unbewohnbar,« sagte der Ire.

»Dann – ja wahrhaftig, dann muß die gekommen sein, wo ich Marie fand – ich weiß mich wenigstens auf keine weiter zu erinnern, als noch ein Stück weiter unten zwei größere nebeneinander, zwischen denen ich hinfuhr.«

»Das ist Zwei- und Dreiundsechzig – also war das Einundsechzig. Die hat aber ein Hurricane durch und durch verwüstet; – ich wollte dort einmal an's Land, es war jedoch [290] nicht möglich einzudringen, die Bäume lagen wild und toll durcheinander.«

»Ja, ganz recht – an der Insel war's, und Gott nur weiß, wie sie in das Zweig- und Astgewirr hineingerathen ist; ein wahres Wunder muß sie gerettet haben.«

»Smart, Smart,« sagte der Ire kopfschüttelnd, »ob am Ende nicht doch jenes Boot mit der ganzen Geschichte zusammenhängt.«

»Das wäre kaum möglich,« meinte der Wirth, »am Mittwoch Abend sind die hier abgefahren, und Donnerstag – nun ja, es könnte schon sein, das glaub' ich aber nicht.«

»Was für ein Boot?« frug Tom, aufmerksam werdend – »am Mittwoch Abend?«

O'Toole erzählte ihm den Verdacht, den er habe, und wie ein Boot, das hier vom Land gestoßen und gerade über den Strom gerudert, doch von Niemandem drüben gesehen worden sei.

»Und das war am Mittwoch Abend?«

»Ja, spät.«

»Ein junger Farmer, Namens Bredschaw, den ich unterwegs sprach, erzählte mir, daß er an jenem Abend ein mit vielen Männern besetztes Boot angerufen habe,« sagte Tom.

»Bredschaw? der wohnt ja gleich hier unten, keine sechs oder sieben Meilen von hier, und an dieser Seite des Flusses.«

»Ja, ganz recht – er hat es mir noch gestern erzählt – er behauptet auch, es gingen, besonders Nachts, recht häufig Boote dort vorüber, und zwar eben so oft stromauf als stromab. Er meint, es müsse irgendwo, in Helena oder Montgomerys Point, eine Spielhölle sein, daß sich die Leute nächtlicher Weise des Stromaufruderns unterzögen, um nur nicht entdeckt zu werden und in Strafe zu verfallen.«

»Sonderbar bleibt das,« sagte Smart, – »das Flußvolk – Ihr nehmt mir die Benennung nicht übel – ist doch sonst gerade nicht so entsetzlich furchtsam vor den Gesetzen, die sie wahrhaftig am allerwenigsten geniren.«

»Smart,« – rief jetzt der Ire plötzlich, – »ich habe mein [291] Wort gegeben, dem Boote nachzuspüren, und ich will es halten – vorerst lande ich einmal bei Bredschaw, und lasse mir von dem sagen, was er weiß, und dann untersuch' ich die Weideninsel und die darauf folgenden Nummern – eine nach der andern. Find' ich verdächtige Spuren, so hol' ich Hülfe, so spür' ich die Sümpfe ab. Bei St. Patrick, ich will doch sehen, ob ich so auf den Kopf gefallen bin, daß ich am hellen lichten Tage Gespenster sehe, wenn keine da sind.«

»Wann fahrt Ihr ab?« frug Tom.

»Gleich – das verschieb' ich keinen Augenblick länger,« lautete die Antwort; »wollt Ihr mit?«

»Ich gehe allerdings auch stromab, aber jetzt noch nicht. – Ich darf jenes unglückliche Mädchen wenigstens heute noch nicht aus den Augen lassen und kann morgen immer noch zeitig genug in Victoria eintreffen, ehe Edgeworth sein Boot ausgeladen hat, noch dazu da er, Mr. Smart's Versicherung nach, auf mich warten will, bis ich ihm nachkomme. Ein solcher Fall wird sicherlich mein etwas längeres Zögern entschuldigen.«

»Gut, mir auch recht,« sagte O'Toole, »desto ungestörter, und vielleicht auch unbemerkter, kann ich meine Nachforschungen beginnen, aber – etwas von Provisionen sollt' ich eigentlich mitnehmen.«

»Die mögt Ihr bei mir zu Hause einpacken. Geht zu meiner Frau, bittet sie darum und sagt nur, Ihr hättet –«

»Die giebt sie mir im Leben nicht,« rief O'Toole – »Acushla machree, Smartchen, kennt Ihr Eure Alte so wenig, daß Ihr noch glauben könnt, die gehorchte einem solchen Befehl? Sie hat mich ganz gern und weiß, daß ich ihr, wo ich nur kann, gefällig bin, heute ist sie aber in so bitterböser Laune, daß ich ihr nicht gern wieder zu nahe kommen möchte. Ich sprach vorher einen Augenblick mit ihr.«

»– mich schon darum gebeten, ich aber habe Euch grob angefahren und Euch geheißen, zum Teufel zu gehen.«

»Hahahaha,« – lachte O'Toole, – »Smart spielt einmal wieder den Herrn im Hause. – Nun meinetwegen, versuchen kann ich das, und auf jeden Fall ist's besser, als wenn ich sagte, [292] Ihr schicktet mich deshalb.Good bye, Gentlemen, Good bye, die Zeit vergeht, und bei Gott, wir bekommen auch einen ächten Mississippi-Nebel. Nun wahrhaftig, wenn das nur nicht ärger wird, und ich habe noch dazu neulich meinen Compaß verloren. Da geh' ich lieber zum Richter und borge mir da einen, der führt ihn so immer in der Tasche. – Der Henker mag das Rudern holen, wenn man nicht weiß, wo Nord und Süd ist.«

»Und soll ich jetzt mit zum Hause gehen?« frug Tom, als O'Toole des Richters Wohnung zuschritt, »ich hätte gern Gewißheit über ihr Schicksal, denn zu lange darf ich mein Boot nicht verlassen.«

»Nein, jetzt noch nicht,« sagte Smart – »bleibt meiner Frau lieber noch ein bischen unter den Augen weg. Sie ist herzensgut, will aber immer gern ihren eigenen Willen haben, und so lange mir der nicht geradezu in die Quere läuft, laß ich ihr auch die Freude. Ihr habt übrigens keine Eile, das Flatboot erreicht heute Victoria nicht, ja liegt vielleicht jetzt schon irgendwo an einer Sykomore festgebunden, denn bei dem Nebel, der gerade den Fluß heraufkommt, also weiter unten schon ärger ist als hier, dürfte der beste Lootse nicht wagen, mit einem Flatboot unterwegs zu sein. Er würde auf irgend eine Sandbank laufen und das Steigen des Wassers abwarten müssen, oder gar, was noch viel schlimmer wäre, auf irgend einen Snag rennen, und dann sänk' er so tief, daß ihm nicht einmal das Steigen etwas Weiteres hälfe. Also geduldet Euch – die Nacht bleibt Ihr bei mir, und morgen früh wollen wir schon sehen, wie es weiter wird.«

Tom Barnwell, der wohl einsah, daß er dem Rathe des gutmüthigen Yankee folgen müsse, schlenderte langsam am Ufer hin, um zu sehen, ob er nicht auf einem der anderen Flatboote vielleicht einen Bekannten finde. Das war jedoch nicht der Fall, und er wollte eben in die Stadt zurückgehen, als er Pferdegetrappel hinter sich hörte. Gleich darauf sah er zwei Damen die Straße herabsprengen, die, aus dem Innern des Landes kommend, den Fluß gleich oberhalb Helena berührte und dicht an dessen Ufer etwa hundert Schritt hinführte, ehe [293] sie wieder, nach Squire Dayton's Wohnung zu, rechts abzweigte.

Tom blieb einen Augenblick stehen, um sie an sich vorüber zu lassen, und sah zu ihnen empor; die Sonnenbonnets aber, die beide trugen, verhinderten ihn, ihre Züge genau zu erkennen. Nur einmal, als die Jüngste ihre klaren Augen einen Moment fest auf ihn heftete, war es ihm fast, als ob er das Gesicht schon einmal gesehen habe, doch wurde ihm der Anblick zu schnell wieder entzogen, als daß er zu irgend einer Gewißheit darüber hätte kommen können. Ueberdies gingen ihm jetzt viel andere, ernstere Dinge im Kopfe herum, und er schritt schweigend, der unbekannten Reiterin nicht mehr gedenkend, in die Stadt.

21. Tom Barnwell findet eine Freundin Marie's

21.

Tom Barnwell findet eine Freundin Marie's. – Seine Unterredung mit dem Squire.

Jene beiden Damen, welche der junge Bootsmann am Ufer des Flusses gesehen, waren Adele und Mrs. Dayton gewesen, die von Lively's zurückkehrten und nun in kurzem Galopp vor ihr Haus sprengten. Ihr Mulattenknabe empfing sie schon an der Thür und nahm ihnen rasch die Pferde ab, während Mrs. Dayton zuerst nach ihrem Gatten frug.

»Squire Dayton ist diesen Nachmittag fortgeritten,« lautete des Knaben Antwort, – »Mr. O'Toole hat ebenfalls nach ihm gefragt. Er muß aber schon wieder in Helena sein, denn vorhin brachte ein Matrose von dem Dampfschiff, was unten an der Landung liegt, sein Pferd, und sagte, Master würde bald nach Hause kommen.«

[294] Die Frauen stiegen schweigend die Treppe hinauf, und Adele legte nur ihr Bonnet ab, warf sich die langen vollen Locken aus der Stirn und öffnete das Clavier. Langsam glitten ihre Finger zuerst über die Tasten hin; in leisen, kaum hörbaren Accorden deutete sie mit leichtem Griff einzelne Melodien an. Immer fester aber wurde die wehmüthig ernste Weise, in die sie hineingerathen schien, immer weicher verschmolzen die sanften Töne in einander, und erst da, als sie plötzlich schroff in einen Dur-Accord überging und nun in rauschenden, wilden Harmonien die frühere Schwäche zu bannen, wenigstens zu betäuben suchte, glänzten und blitzten ihre holden Augen wieder in dem alten gewohnten Feuer, und die kleinen zarten Finger berührten die Tasten mit so festem, sicherem Anschlag, daß dieser auch wieder in seiner Rückwirkung der Seele der Spielenden Festigkeit und Sicherheit zu geben schien.

Mrs. Dayton hatte indessen, von Nancy dabei unterstützt, ihre Reitkleider abgelegt, saß in ihren weichgepolsterten Stuhl zurückgelehnt, das reizende, aber etwas bleiche Antlitz in die Hand gestützt, sinnend da, und heftete nur manchmal das Auge fest und prüfend auf das halb von ihr abgewandte Köpfchen der jüngeren Freundin.

»Was fehlt Dir, Adele?« frug sie endlich leise, während ein kaum merkliches Lächeln um ihre Lippen spielte, – »weshalb bist Du so verdrießlich?«

»Wer? Ich? Verdrießlich? Was mir fehlt? Ein paar wunderliche Fragen, Hedwig, – es ist mir nie wohler und ich bin nie munterer gewesen, als eben jetzt – was soll mir fehlen? Ach Du meinst, weil ich das alberne ›days of absence‹ einmal durchspielte? Hahaha, es kam mir nur gerade so unter die Finger. – Nein, tanzen möcht' ich jetzt – tanzen, bis ich – bis ich mich einmal recht satt getanzt hätte. Apropos, Hedwig, – der junge Mann, der gerade da, wo die ersten Flatboote lagen, am Ufer stand, kam mir recht bekannt vor; ich bemerkte ihn nur eben erst, als wir vorbeisprengten, aus Helena ist er aber nicht. – Ich muß das Gesicht schon früher einmal gesehen haben, wenn auch in anderer Tracht und anderer Umgebung.«

[295] »Mir war er fremd!« sagte Mrs. Dayton, – »seiner Kleidung nach schien er zu einem der Boote zu gehören. Doch wo nur Dayton wieder bleiben mag; ach, wenn er doch das, was er vor kurzer Zeit zum ersten Mal erwähnte, wahr machen und von hier fortziehen wollte – ich weiß nicht – Arkansas will mir gar nicht mehr gefallen. Dieses rüde Leben und Treiben verletzt mich – die Leute sind, mit wenigen Ausnahmen, so roh und theilnahmlos, und Dayton sieht sich so von allen Seiten in Anspruch genommen, daß er sein Leben ja gar nicht mehr genießen kann. Wie er mir sagte, will er nach New-York ziehen.«

»Ich gehe mit Euch,« sagte Adele, indem sie rasch vom Clavier aufstand, an's Fenster trat und mit den kleinen Fingern der rechten Hand langsam die Scheiben trommelte, – »mir gefällt's ebenfalls nicht mehr hier, – ich will auch fort – ich glaube – dies Arkansas ist ein recht ungesundes Land – es wundert mich, daß Ihr es so lange hier ausgehalten habt.«

»Allerdings ist das Klima hier in Helena gerade nicht besonders,« erwiderte mit leichtem Lächeln Mrs. Dayton, »aber etwas weiter im Lande drin – in und auf den Hügeln – soll die Luft doch –«

»Sieh, dort kommt der Fremde,« – unterbrach sie schnell Adele, »er scheint sich die Stadt ein bischen besehen zu wollen. Jetzt bin ich neugierig, wer das sein – Tom Barnwell bei Allem, was da lebt – Tom Barnwell von Indiana. Den glaubte ich eher in Afrika oder Europa.«

»Aber wer ist Tom Barnwell?«

»Ein früherer guter Bekannter unserer Familie und ein damaliger, wie es hieß, sehr starker Anbeter von Marie Morris, der jetzigen Mrs. Hawes. Jene Liebe soll auch die Ursache gewesen sein, daß er zur See ging; er ist aber rasch wieder zurückgekehrt.«

»Er kommt gerade auf das Haus zu.«

»Ei – ich rufe ihn an,« – sagte Adele plötzlich, – »Tom war stets ein wackerer Bursche und überall beliebt. Marie verstand ihn nur damals nicht, so wenigstens glaube [296] ich, und als er sah, daß sie den andern Bewerber vorzog, räumte er freiwillig das Feld und verließ die Staaten. Ob er wohl weiß, daß sie so ganz hier in der Nähe ist? – Aber er geht wahrhaftig vorüber, ohne herauf zu sehen. – Der muß in tiefen Gedanken sein, unser Haus fiele ihm doch sonst gewiß vor allen übrigen auf. Höre, Nancy – geh einmal rasch hinunter und sage dem jungen Mann dort – siehst Du den, der da gerade um die Ecke biegen will – eine alte Bekannte ließe ihn bitten, einen Augenblick hierher zu kommen – sie wünschte ihn zu sprechen.«

Die Mulattin folgte rasch dem Befehl, und Tom war nicht wenig erstaunt, auf solche Art und in einer ihm wildfremden Stadt angeredet zu werden, gehorchte aber ohne Weiteres der Einladung und stand bald darauf vor Adelen die ihm freundlich grüßend die Hand entgegenstreckte.

»Willkommen in Arkansas, Mr. Barnwell, es ist hübsch von Ihnen, daß Sie des alten Onkel Sam's Territorien nicht ganz vergessen haben. – Mr. Barnwell, von Indiana, Mrs. Dayton, von Georgia.«

»Miß Dunmore!« rief Tom erstaunt und erfaßte wie mechanisch die ihm gebotene Rechte – »Miß Dunmore – träum' ich denn oder wach' ich? – Sie hier in Helena? – und wissen Sie denn? – Nein, nein, wie könnten Sie es denn wissen – Marie –«

»Um Gottes willen!« sagte Adele erschreckt, – »was fehlt Ihnen, Sir, erst jetzt seh' ich – Sie sind leichenblaß – Sie haben Marie gesehen?«

»Ja,« – stöhnte der junge Mann und barg für einen Augenblick das Antlitz in den Händen, dann aber, sich rasch wieder sammelnd, sagte er leise: »Sie ist hier!«

»Ja, ich weiß es,« erwiderte Adele mitleidig, – »wenn auch nicht hier, so doch nicht weit entfernt, in Sinkville.«

»In Sinkville? Nein – hier – hier – in der Stadt.«

»Wer? – Marie?« rief Adele – »und ihr Mann?«

»Oh, Miß Dunmore!« bat Tom, ohne die letzte Frage zu beantworten, ja ohne sie vielleicht zu hören – »Sie waren stets Marien eine treue, liebende Freundin – verlassen Sie [297] jetzt nicht die Unglückliche in ihrer größten, fürchterlichsten Noth –«

»Um aller Lebendigen willen, was ist geschehen?« rief Adele und erfaßte krampfhaft den Arm des Unglücksboten. Dieser aber erzählte der athemlos Zuhörenden die Erlebnisse des gestrigen Abends, und wie und wo er das arme Wesen getroffen, theilte ihr seine Befürchtungen mit und bat sie nochmals, sich der Schutzlosen hier in der fremden Stadt anzunehmen.

Mrs. Dayton, die theilnehmend dem Bericht zugehört hatte, fiel hier, als sie das trostlose Entsetzen in Adelens Angesicht bemerkte, dem jungen Mann in die Rede und versicherte ihm, die Freundin ihrer Adele solle in ihrem eigenen Hause ein Asyl finden.

Das Mädchen faßte dankend ihre Hand.

»Wie aber theilen wir Hawes die Schreckensbotschaft mit?« rief sie ängstlich, »und wie kommt Marie gestern Abend auf den Fluß, da er sie doch erst gegen Morgen auf seiner Plantage verlassen haben kann?«

»Wer – Hawes?« frug Tom erstaunt – »Eduard Hawes? Der muß mit auf dem Boote gewesen sein. Mariens Phantasien kehren immer wieder zu ihrem Gatten zurück, den sie wie ihre Eltern todt sagt.«

»Was ist das?« rief Adele entsetzt – »sie wahnsinnig – ihre Eltern todt – und Hawes hier – gesund und wohl? Großer Gott, wie kann das zusammenhängen – waren wenige Stunden im Stande, solch' fürchterliche Veränderungen hervorzubringen – oder – ich weiß nicht, mir schwindelt selbst der Kopf, wenn ich nur so Entsetzliches denken soll, es kann ja wahrhaftig nicht sein.«

»Fasse Dich, liebes Kind,« beruhigte sie Mrs. Dayton – »gewiß herrscht hier noch irgendwo ein Mißverständniß vor. Marie Hawes, die Mr. Hawes erst gestern Morgen auf seiner Plantage verlassen hat –«

»Liegt jetzt krank, halb wahnsinnig in Mr. Smart's Hotel in Helena,« unterbrach sie Tom erschüttert – »wollte [298] Gott, ich hätte mich wirklich geirrt – doch das Alles ist nur zu wahr – zu fürchterlich wahr.«

»Ich muß hin – ich muß sie sehen,« rief Adele – »komm, Hedwig – nicht wahr, Du begleitest mich?«

»Gewiß, Adele; es wäre mir sogar lieb, wenn uns auch Georg dort aufsuchen wollte. – Er ist Arzt wie Friedensrichter, und ich fürchte fast, das arme Wesen wird die Hülfe des Einen wie des Andern gebrauchen.«

»Oh, so laß uns eilen,« bat Adele – »jeder Augenblick Verzögerung könnte der Tod der Unglücklichen sein – komm, Hedwig, komm.«

Rasch setzte sie das erst abgelegte Bonnet wieder auf, half Mrs. Dayton ein Tuch umhängen und schritt hastig voran zur Thür; Hedwig aber blieb hier noch einmal stehen und hinterließ bei Nancy, die ihnen öffnete: Mr. Dayton, sobald er nach Hause kommen sollte, zu sagen, sie seien in das Union-Hotel gegangen, eine Kranke zu besuchen, und ließen ihn bitten, doch auf jeden Fall dort, sobald ihm das nur irgend möglich wäre, vorzusprechen.

Unten im Hotel trafen sie weiter Niemanden, als den Neger, der ihnen auf ihre Frage mittheilte, Mrs. Smart sei oben bei der kranken jungen Frau, Mr. Smart aber abwesend, und ihm selber wäre befohlen worden, keine menschliche Seele, die hinauf wollte, passiren zu lassen, den Doctor ausgenommen.

»Schon gut, Scipio, schon gut,« sagte Adele und drückte ihm aus ihrer kleinen Börse einen halben Dollar in die rauhe schwielige Hand – »wir müssen die junge Dame sprechen, hörst Du?«

»Ja, Missus, wenn Sie müssen, da ist's 'was Anderes,« lachte der Neger mit breitem Grinsen – »meine Missus hat mir nur ausdrücklich gesagt, alle Die abzuweisen, die hinauf wollten – selbst Massa; – aber wenn Sie müssen,« und er machte eine etwas ungeschickte Verbeugung, während die Damen an ihm vorüber die Treppe hinaufstiegen. Nur erst als Tom ihnen folgen wollte, faßte er dessen Arm und erklärte, er würde ihn unter keiner Bedingung hinauf lassen. [299] Tom aber, darauf wohl vorbereitet, flüsterte ihm, mit einem ähnlichen Geschenk, rasch zu – »es ist meine Schwester, Bursche, und ich muß ebenfalls hinauf,« wonach er auch schon dadurch allen Bedenklichkeiten des Aethiopiers ein Ende machte, daß er diesen ohne Weiteres mit riesenstarker Faust zur Seite schob und den Damen in raschen Sätzen treppauf folgte. Scipio aber steckte die beiden halben Dollarstücke in die Tasche und murmelte, während er sich mit breitem, innig vergnügtem Lachen abwandte:

»Es war doch ein Glück, daß Missus den Posten hierher gestellt hat – hätte sonst das größte Unglück passiren können.«

Im nächsten Augenbick standen die beiden Damen mit Tom an der Thür der Kranken, und auf ihr leises Klopfen öffnete Mrs. Smart dieselbe, das heißt nur so weit, als nöthig war, die Außenstehenden zu erkennen, wobei sie schon mit scharfer Zunge, aber sehr gedämpfter Stimme eine grimmige Zornrede von innen heraus begann. Kaum erkannte sie jedoch Mrs. Dayton und die muntere Miß Adele Dunmore, ihren Liebling, als sich ihr eben noch so finsteres Angesicht auch aufklärte und sie zurücktretend die Frauen und ihren auf dem Fuße folgenden Begleiter eintreten ließ, Stillschweigen übrigens durch alle nur möglichen Zeichen und Geberden als etwas unumgänglich Nöthiges anempfahl und zur Pflicht machte.

Marie schlief, und noch immer trug sie das weiße, dornzerrissene Oberkleid. Die langen Locken hingen ihr wirr und unordentlich um die fast leichenbleichen Schläfen, die rechte Hand hielt sie fest auf das Herz gepreßt, und die linke stützte die blutleere Wange, gegen welche die langen dunklen geschlossenen Wimpern nur noch mehr abstachen und ihre Blässe hervorhoben. Ihre Brust hob sich ängstlich und die Lippen bewegten sich leise – ihr zerrütteter Geist ließ ihr selbst im Schlafe keine Ruhe.

Adele blickte starr und entsetzt auf die Freundin hinüber, und die großen hellen Thränen liefen ihr an den Wangen herab. –

[300] »Marie, o Du arme, unglückliche Marie!« stöhnte sie.

Leise, fast unhörbar waren diese Worte gelispelt worden, dennoch hatten sie das Ohr der Schlummernden erreicht. – Sie öffnete die großen blauen Augen, und ihre Blicke hafteten im ersten Moment erstaunt auf ihrer Umgebung. Dann richtete sie sich halb auf dem Lager empor, strich sich das wirre Haar aus der Stirn und streckte Adelen lächelnd die Hand entgegen. Sie schien gar nichts Außerordentliches darin zu finden, die Freundin, die sie doch weit von da entfernt glauben mußte, so plötzlich hier zu sehen.

»Marie!« rief aber diese und warf sich schluchzend über sie – »Marie – armes – armes unglückliches Kind – wo bist Du gewesen, was ist Dir widerfahren?«

»Das ist schön von Dir, daß Du mich zu besuchen kommst,« sagte die Frau, schob ihr leise mit beiden Händen die Locken zurück und küßte ihre Stirn – »auch Tom Barnwell ist da – armer Tom« – und sie bot ihm mit mitleidigem Blick die eine kleine Hand, die er schweigend nahm und leise drückte.

»Marie – willst Du mir eine Frage beantworten?« flüsterte endlich Adele und suchte sich soviel als möglich zu sammeln, »willst Du mir über Einiges, was uns Beide angeht, Auskunft geben?«

»Ei ja wohl – recht gern« – lächelte die Kranke – »gewiß will ich das, warum nicht?« – Sie war ganz ruhig und gefaßt, nur der unstete, umherschweifende Blick verkündete noch die wilde Richtung, die ihr Geist genommen.

»Gut« – sagte Adele und hielt gewaltsam die Thränen zurück, die ihr fortwährend die Stimme zu ersticken drohten – »wann – wann hast Du Sinkville verlassen?«

»Sinkville?« wiederholte Marie erstaunt – »Sinkville? Den Namen habe ich nie gehört – in Indiana liegt doch kein Sinkville?«

»Ich meine Deine Plantage drüben in Mississippi.«

»Plantage? In Mississippi?« sagte Marie noch eben so verwundert und halb lächelnd – »Du träumst wohl, närrisches Kind – wie sollte ich denn zu einer Plantage in Mississippi [301] kommen? – Ich kenne den Staat gar nicht, und habe ihn nie betreten.«

»Hat sich denn nicht Eduard bei Sinkville angekauft?« frug Adele verwundert.

Marie war bis jetzt vollkommen ruhig gewesen, und augenscheinlich mußte sie die letzten fürchterlichen Vorgänge ganz vergessen haben. Der fremde Ort, an dem sie sich befand, die Personen, von denen keine eine Erinnerung an das Geschehene zurückrief – die Erwähnung fremder, ihr unbekannter Namen lenkte sie mehr und mehr von den Erlebnissen jener Nacht ab, oder mochte ihr diese wenigstens, wenn sie in düsteren Bildern dennoch wieder vor ihrer Seele aufsteigen wollten, wie irgend einen wilden, fürchterlichen Traum erscheinen lassen.

Eduard's Name aber, ihr so plötzlich entgegengerufen, war das Zauberwort, das diesen glücklichen Schleier zerriß. Krampfhaft fuhr sie empor – die Hände preßte sie gegen die Stirn, und die stieren Blicke heftete sie wild auf die zurückbebende Freundin. Dann aber sprang sie rasch von ihrem Lager auf und rief, während sie mit ausgestrecktem Finger, dem ihr Blick in glanzloser Leere folgte nach dem Fenster deutete:

»Dort – dort steigt er hinauf! – Seine Locken sind naß – aber sein helles Lachen schallt über das Verdeck. Eduard! – Heiland der Welt – Eduard, schütze Dein Weib! – Hahaha, Kinder – das ging vortrefflich – über Bord mit dem Aas – gebt ihnen nur die Steine mit – Eduard – schütze Dein Weib – Eduard! – hahahahaha!« und mit krampfhaftem Lachen sank sie bewußtlos auf ihr Bett zurück.

Die Frauen hatten ihr schaudernd zugehört, und selbst Tom's Herz erbebte, als er den markdurchschneidenden Schmerzensschrei der einst – ach dernoch Geliebten hörte. Mrs. Smart war die Erste, die sich wenigstens so weit sammelte, dem armen Kinde alle nur mögliche äußerliche Hülfe zu leisten. Marie kam bald wieder zu sich, und die wilde Angst, die sie bis dahin erfaßt, schien jetzt einem sanfteren [302] Schmerze Raum geben zu wollen. – Sie weinte sich an Adelens Brust recht herzlich aus und horchte wenigstens ruhig den Trostworten der Freunde. Alles aber, was diese versuchten, Aufklärung über das entsetzliche Geheimniß von ihr zu bekommen, blieb fruchtlos, denn was sie darüber äußerte, verwirrte, da es mit Eduard Hawes' Worten so gar nicht zusammen stimmte, nur immer noch mehr.

Dieser mußte nun vor allen Dingen von seines Weibes Zustand benachrichtigt werden, und Adele beschloß, ihn brieflich in ihre eigene Wohnung zu bestellen, um ihn dort erst auf das Gräßliche vorzubereiten. Ein Bote sollte zu diesem Zweck augenblicklich nach Lively's Farm hinausgesandt werden, und während Adele die kurze Note schrieb, berieth sich Mrs. Dayton mit Mrs. Smart, wie und auf welche Weise Marie am besten in ihre eigene Wohnung geschafft werden könne.

Das wollte nun die gute Frau im Anfang allerdings gar nicht zugeben. Da sie aber doch wohl einsehen mußte, die Unglückliche würde sich, von der Freundin gewartet und gepflegt, viel schneller erholen, als das bei ihr möglich sei, so gab sie endlich nach, ja erbot sich sogar, die Kranke in ihrem eigenen Cabriolet hinüber zu schicken, damit sie nicht die Aufmerksamkeit des stets müßigen und gaffenden Volkes zu sehr errege.

Der Bote, der nach Lively's Farm hinausritt, sollte zu gleicher Zeit vor Dayton's Haus halten und Nancy davon benachrichtigen, das kleine Zimmer im oberen Stock herzurichten, damit sie, wenn sie dort ankämen, Alles bereit fänden. Scipio, der zu diesem Dienst erwählt war, hatte denn auch eben Squire Dayton's Wohnung verlassen und den breiten, nach Lively's Farm hinausführenden Reitpfad eingeschlagen, als der Squire selbst zurückkehrte und von Nancy die hinterlassene Botschaft seiner Frau empfing.

»Eine kranke Freundin? Woher?« frug er diese erstaunt.

»Missus sagte nichts davon,« erwiderte das junge Mädchen, »aber Sip, der eben hier war und einen Brief nach Lively's Farm hinausbringen soll, meinte, es wäre die Schwester [303] eines Bootsmanns, der sie mit dem Dampfschiff von New-Orleans gebracht hätte.«

Squire Dayton ging, ohne hierauf etwas weiter zu erwidern, in sein Zimmer hinauf, schloß in den dort stehenden Secretär ein ziemlich großes Paket Papiere, zog den Schlüssel wieder ab und schritt dann in tiefem Nachdenken und augenscheinlicher Unruhe rasch dem Union-Hotel zu.

Marie hatte sich indessen beinahe vollständig von ihrer ersten Aufregung erholt. Adele war nämlich eifrig bemüht gewesen, ihr das Ganze, was jetzt ihre Seele ängstige und quäle, als einen fürchterlichen Traum zu schildern, der aber auch weiter nichts als eben ein Traum sei, denn ihr Eduard lebe, sei gesund und werde sie noch heut Abend in seine Arme schließen. Das aber, was sie da immer von hohen Palmen, einer wunderschönen stolzen Frau und wilden Gestalten phantasire, die ihr Leben bedrohten, sei auch eben nur eine Phantasie, der sie sich nicht so macht- und willenlos hingeben, sondern die sie bekämpfen müsse.

Da wurden Schritte auf der Treppe gehört, und gleich darauf frug, dicht vor ihrer Thür, Squire Day ton's Stimme, in welchem Zimmer sich die Kranke befinde. Kaum aber hatte Marie diese Töne gehört, als sie, ein Bild starren Entsetzens, von ihrem Lager emporfuhr.

»Um Gottes willen, was ist Dir wieder, Marie?« frug Adele erschreckt.

»Hier? gleich in dieser Thür?« sagte noch einmal der Squire draußen, als ihm dieselbe wahrscheinlich von unten herauf bezeichnet worden war.

»Heiland der Welt – das ist er!« schrie Marie entsetzt – »das ist der Fürchterliche – schützt mich vor ihm – er will mich wieder haben.«

»Marie – beruhige Dich doch nur,« – bat sie Adele, »das ist ja Squire Dayton, hier dieser Dame Gatte – ein braver, wackerer Mann, der Dich vor jedem Schaden bewahren wird.«

In diesem Augenblicke öffnete sich die Thür und der Squire trat ein. Marie heftete dabei fest und prüfend den [304] Blick auf ihn und schien mit peinlich ängstlicher Spannung in seinem Innern zu lesen; als aber dieser, nach einigen flüchtig mit seiner Frau gewechselten Worten, auf sie zuging, ihre Hand erfaßte und sie mit seiner gewinnenden Stimme, und zwar jetzt mit den sanftesten Tönen derselben, begrüßte, ließ die Furcht in ihrem ganzen Wesen nach – sie sank auf ihr Lager zurück und wurde ruhig. Nur noch manchmal, wenn sie die Augen schloß und dann nur den Laut seiner Worte vernahm, fuhr sie wieder empor und sah sich scheu im Zimmer um, als ob sie sich überzeugen wolle, wo sie denn eigentlich, und was ihre Umgebung sei.

Der Wagen fuhr indessen vor und die Frauen geleiteten Marie die Treppe hinab. Tom aber, der mit dem Squire noch zurückblieb, erzählte diesem jetzt umständlich, was es eigentlich für eine Bewandtniß mit dem armen Mädchen habe, wie er sie gefunden und wie sein Verdacht durch alles Gehörte immer mehr verstärkt würde, hier irgend eine planmäßige Büberei zu vermuthen, wenn es auch jetzt noch nicht möglich sei, sie zu ergründen. Mr. Hawes' Gegenwart müsse indessen viel dazu beitragen, Licht auf die Sache zu werfen.

»Und Sie glauben, daß Sie die Unglückliche an einer Insel gefunden haben?« frug ihn der Squire, der bis jetzt der Erzählung des jungen Mannes mit dem gespanntesten Interesse gefolgt war.

»Glauben?« sagte dieser – »das weiß ich gewiß – es ist die zweite von hier stromab und muß nach jenes Irländers Bericht Nr. Einundsechzig sein.«

»Wessen Irländers – jenes, der im Union-Hotel aus und ein geht?«

»Das weiß ich nicht, doch sprach ich ihn allerdings mit Mr. Smart am Ufer, und er ist jetzt stromab, um jene Insel zu untersuchen.«

»Wer? der Ire?« frug der Squire schnell.

»Nun ja, er will überhaupt allerlei Verdächtiges in letzter Zeit bemerkt haben, und behauptete sogar, es müsse dort irgend eine Art von Spielhölle existiren, die das böse nichtsnutzige Gesindel so in Helenas Nähe halte. Er war seiner [305] Sache ziemlich gewiß und ist jetzt den Strom hinunter, um sich vollkommen davon zu überzeugen. Ich selbst möchte nur noch abwarten, wie die Veränderung auf den Zustand jener unglücklichen Frau einwirkt, und dann nehme ich meine Jolle und fahre so rasch als möglich nach Victoria, unser Flatboot zu überholen. Unterwegs will ich übrigens selbst dort landen, wo ich die Arme gefunden, und einem alten Jäger, wie ich bin, wird es nicht schwer werden, zu entdecken, was jener Ort verbirgt.«

»Sie fahren allein?« frug der Squire.

»Leider, ich muß Steuermann und Bootsknecht spielen, doch das kann nichts helfen, wenn sich nur der verwünschte Nebel ein klein wenig aufklären wollte.«

»Ja, ja,« sagte Dayton, »wie es jetzt ist, würde es Ihnen auch unmöglich werden, stromab zu gehen; sobald Sie die Ruder eingelegt haben, wissen Sie nicht mehr wohin. Ich rathe Ihnen auf jeden Fall, erst den Nebel abzuwarten, vielleicht finden Sie bis dahin auch eine Begleitung. Es sind fast stets Leute hier, die nach Victoria hinüber wollen.«

»Nun, statt mancher Begleitung führ' ich lieber allein,« meinte Tom. »Wenn mich übrigens Jemand, um seine Passage zu verdienen, hinabrudern wollte, hätt' ich nichts dagegen. Das wird übrigens Keiner thun, und ich habe auch keine Zeit, darauf zu warten. Kann ich in dem Nebel nicht rudern, ei nun, so laß ich das Boot eben treiben, und die Strömung muß es ja dann mit hinab nehmen; jeder Snag, an dem ich vorbeikomme, sagt mir die Richtung der Fluth, und überdies kann ich mich ja auch im Anfange noch ein wenig in der Nähe des Ufers halten. Doch ich muß einmal nach meinem Boote sehen – es ist nicht angeschlossen, und ich traue den Burschen hier nicht besonders viel Gutes zu.«

»So erwarten Sie mich wenigstens, ehe Sie abfahren, an Ihrem Boote,« sagte der Richter; »ich will Ihnen ein paar Zeilen an den Friedensrichter in Sinkville mitgeben, damit Sie, im Fall Sie wirklich etwas Verdächtiges entdeckten, dort gleich Unterstützung fänden. Die junge Dame soll indeß gut aufgehoben sein.«

[306] »Ich fürchte das Schlimmste für die Unglückliche,« seufzte Tom und schritt langsam dem Flußufer zu, während der Richter stehen blieb und ihm lange und sinnend nachschaute.

Noch stand er so, als ein kleiner weißer Knabe auf ihn zutrat und ihm ein locker und unordentlich zusammengefaltetes, aber mit vielen Siegeln fest verklebtes Briefchen gab, das er las und zu sich steckte. Dann ging er langsam Mainstreet hinab und verschwand in der nächsten, rechts abführenden Straße.

22. »Zum grauen Bären«

22.

»Zum grauen Bären.«

Dicht an Helena, und zwar die nördlichste Grenze der Stadt bildend, ja eigentlich fast wie ein verlorener Posten, schon über das Weichbild derselben hinausgerückt, stand ein einsames Häuschen ganz dicht am Ufer, im Norden und Westen hoch von Bäumen, im Osten vom Mississippi, im Süden aber, und zwar nach der Stadt zu, von dichtem, niederem Buschwerk eingeschlossen, das einer vorjährigen, unbenutzten Rodung entwuchert war. Frontstreet führte übrigens bis hier heraus, wenigstens verkündete das ein neben der »ausgehauenen« Straße an eine starke Eiche genageltes kleines Brett, und der ganze umliegende Platz war auch in einzelne »Lots« oder Bauplätze abgetheilt, von Speculanten aber angekauft und liegen geblieben, da sich die meisten Ansiedler lieber dem wacker gedeihenden Städtchen Napoleon, an der Mündung des Arkansas, anschlossen. Dieses erhielt nämlich durch den Arkansas eine ununterbrochene Verbindung mit dem [307] ganzen ungeheuren Westen der Vereinigten Staaten, während Helena gerade im Westen fast gänzlich durch jene ungeheuren Sümpfe von den auch nur sparsam dort zerstreuten Ansiedelungen abgeschlossen war. Nur durch jene niedere Hügelreihe konnte es mit Little Rock und Batesville eine Verbindung unterhalten, die noch überdies nach der ersteren Stadt das ganze Jahr hindurch leichter auf Dampfbooten bewerkstelligt wurde. Selbst nach Batesville liefen kleine Dampfer schon bei nur mäßigem Wasserstande.

Der Besitzer jener dicht am Ufer gelegenen »Lots« schien auch geglaubt zu haben, seine Rechnung in der Bebauung des Platzes selbst zu finden, denn er errichtete dort ein ziemlich geräumiges Häuschen, lichtete den Wald um dieses herum und begann sogar ein in der Nähe gelegenes und ihm gehöriges Feld zu bebauen. Bald aber, wie es bei den westlichen Pionieren und Backwoodsmen gewöhnlich geschieht, fing ihm der Ort an zu mißfallen; Helena hatte sich nicht so rasch, wie er es erwartet, vergrößert, und er verkaufte, kaum zum Betrag der darauf verwendeten Arbeitskosten, sein kleines Besitzthum an einen früheren Bootsmann. Dieser ließ sich dort nieder, erhielt vom Richter die Erlaubniß, spirituöse Getränke – nur nicht an Indianer, Neger und Soldaten, nach dem amerikanischen Gesetze – zu verkaufen, und mußte auch wohl ganz gute Geschäfte machen, denn er legte bald darauf noch ein Flatboot dicht an sein Haus an, das bei hohem Wasser mit diesem fast parallel stand, im Frühjahr aber tief unten auf dem Strome an langen Tauen befestigt lag, während eine in die Ufererde gestochene Treppe die Verbindung zwischen Land und Wasser unterhielt.

Allerdings wollte man in der Stadt ziemlich bestimmt wissen, es werde, besonders auf jenem Flatboote, Nachts, und zwar um bedeutende Summen, gespielt. Der Richter hatte aber schon mehrere Male mit dem Constabler selbst, und zwar ganz unerwartet, Nachsuchung gehalten, ohne auch nur das mindeste Verdächtige zu bemerken, und da das Haus ziemlich getrennt von der Stadt lag und man das nächtliche Singen und Zechen dort nicht hören konnte, so bekümmerte sich bald [308] Niemand mehr darum. Der Wirth, der seine Bedürfnisse ebenfalls nur von Flat- oder Dampfbooten bezog, kam überdies selten oder nie nach Helena hinein, so daß ihn viele Bewohner desselben nicht einmal von Ansehen kannten.

Der Nachmittag war jetzt ziemlich weit vorgerückt, trübe und düster lag er aber auf der niedern Sumpfstrecke, die sich fast nach allen Himmelsgegenden hin in weiter, ununterbrochener, trostloser Fläche ausdehnte. Der Nebel, der bis dahin in einzelnen noch zerrissenen Wolken bald hier bald da hinüberdrängte, und dann und wann kleine Strecken des Flusses, ja manchmal sogar, bei einem etwas stärkeren Luftzug, das gegenüberliegende Ufer sichtbar werden ließ, hatte sich jetzt zu einer festen Masse verdichtet und lagerte ruhig auf der unheimlich unter ihm dahinschießenden Fluth. Selbst der leise, noch nicht ganz erstorbene Wind vermochte nicht mehr auf ihn einzuwirken, und konnte nur dann und wann einen wehenden Streifen von ihm losreißen und über das feste Land hinauspressen. Dieser durchzog es dann in weißen durchsichtigen Wolken, um später, mit den Schwaden der Niederung vermischt, nur neue Kräfte in seinen röthlich ungesunden Dünsten zu sammeln und in das nebelgefüllte Strombett zurückzuführen.

Die Sonne selbst vermochte nicht durch die in ihrem Lichte trotzenden Massen zu dringen, und ihre blutrote Scheibe stand strahlenlos und düster am Firmament. – Die ganze Mittagszeit hindurch hatte sie den Titanenkampf gegen die ineinander gepreßten Schwaden gekämpft, doch vergebens, und jetzt schien es fast, als ob sie voll zornigen Unwillens das unerfreuliche Ringen aufgebe, und ernst und mürrisch in ihr waldumschlossenes Lager niedersteige. Brach sich dann die Abendluft nicht Bahn, und zerstreute diese nicht mit starkem Hauch den stämmigen Feind, dann konnte die Nacht wohl schwerlich seine Massen bewältigen. Feuchter Nachtthau und der Athem der schlummernden Erde nährten ihn mehr und mehr, so daß er sich noch nach allen Seiten ausbreitete und zuletzt sogar den Wald, was ihm am Tage nicht möglich gewesen, bis zum Rand mit milchweißem Schaum erfüllte.

[309] Das dicht am Ufer stehende kleine Haus befand sich ebenfalls im Bereich dieser Schwaden, oder doch wenigstens so dicht an der Grenze derselben, daß bei jedem nur leise herüberwehenden Luftzug der ganze Drang des Nebels sich über dasselbe hinwälzte und es förmlich umhüllte. Wenig schien das aber die darin versammelte lustige Schaar von Bootsleuten zu kümmern, deren Lärmen und Jauchzen nur einmal, und selbst da nur auf Secunden, unterbrochen werden konnte, als ein augenscheinlich nicht zu ihnen gehörender, sehr modern und selbst elegant gekleideter Mann eintrat, und rasch, ohne links oder rechts zu sehen, den menschengedrängten Raum durchschritt, und gleich darauf in einer zu dem hinteren Theil des Gebäudes führenden Thür verschwand.

Als er das auf den Strom hinaussehende niedere Gemach betrat, wollte sich eine andere Person, wie es schien, leise und unbemerkt zur gegenüberliegenden Thür hinausstehlen, des Fremden scharfes Auge vereitelte aber den Versuch.

»Waterford!« rief er ernst – »bleibt hier! – ich will jetzt nicht untersuchen, weshalb Ihr Euren Posten verlassen habt – ich bedarf Eurer – später werdet Ihr vielleicht darüber Rechenschaft zu geben wissen. Ist Toby eingetroffen?«

»Nein, Capitain Kelly!« lautete die demüthig gegebene Antwort des sonst wild und trotzig genug aussehenden Burschen, der mit dem einen funkelnden Auge – das andere hatte er in einem Gouchkampf 1 verloren – scheu unter den grauen buschigen Augenbrauen hervorblinzelte.

[310] »Nein?« rief Kelly und stampfte unmuthig den Boden, »daß die Pest seine faulen Sohlen treffe. – Schick' ihm rasch Jemanden entgegen – er muß unterwegs sein und noch heute Nacht auf der Insel eintreffen – rasch – sende Belwy, der ist leicht und kann dem Rappen eher etwas zumuthen. Er soll sich gleich übersetzen lassen und reiten, bis ihm das Roß unter dem Leibe zusammenbricht, und halt – noch Eins. Sobald Ihr drüben das Raketenzeichen seht, braucht Ihr keine weiteren Befehle von mir abzuwarten. Ihr wißt dann, was Ihr zu thun habt. Seid aber schnell und sendet Alle, die Ihr auftreiben könnt, und zwar Alle auch zu augenblicklicher Flucht gerüstet.«

Der Einäugige verschwand durch die Thür, und der Capitain schritt, mit fest verschlungenen Armen und schweigend, wohl mehrere Minuten lang rasch im Zimmer auf und ab. Endlich blieb er vor Thorby, dem Wirth dieser Diebesspelunke, stehen, der ihm ehrfurchtsvoll, mit der Mütze in der Hand, zuhörte und sagte mit leiser, aber schneller Stimme:

»Es wird – hoffentlich in kurzer Zeit – ein Bote von dem See hier sein – der soll mir augenblicklich auf die [311] Insel folgen, auch dann, wenn es Sander selbst ist – ich muß ihn sprechen. Im Uebrigen haltet Euch heute und morgen ruhig – entfernt Alles, was bei einer etwaigen Hausuntersuchung Verdacht erregen könnte, und – seid wachsam. Daß mir die Burschen an den Raketen ihre Plätze nicht verlassen; vielleicht ist die Vorsicht nur noch –«

Kelly horchte hoch auf, denn heftiges und rasches Pferdegetrappel ließ sich im nächsten Moment hören und hielt, wenn ihn sein Ohr nicht täuschte, vor der Thür. Thorby glitt hinaus, den Besuch zu erkunden, kehrte aber gleich darauf mit dem erschöpften Sander zurück, der in den fremden Kleidern, mit den flatternden Haaren – den Hut hatte er unterwegs in den Büschen verloren – gar wild und verstört aussah.

»Sendet einen Boten nach Kelly« – waren die ersten Worte, die er dem Wirthe flüsternd zurief – »aber rasch – rasch – rasch – habt Ihr die Ohren verstopft, Holzkopf? einen Boten sollt Ihr an Kelly senden.«

»Der Capitain ist hier,« sagte endlich der durch die wilde Anrede und das wunderliche Aussehen Sanders erstaunte Wirth – »er hat schon nach Eurem eigenen Boten gefragt.«

Ohne ein weiteres Wort des Alten abzuwarten, schob ihn der junge Mann zur Seite, warf sich die Haare aus der Stirn und trat rasch in den mit Gästen gefüllten Raum. Lauter Jubelruf schallte ihm hier entgegen, und von mehreren Seiten hoben Einzelne die Becher zu ihm auf, daß er mit ihnen trinken solle. Aber nur einen von diesen ergriff er, leerte ihn, ohne es auch nur erst der Mühe werth zu halten, zu prüfen, was er enthalte, bis auf die Hefe, und trat dann, nicht einmal mit einem Kopfnicken dafür dankend, rasch in die vorerwähnte Thür, die er hinter sich verriegelte.

Kelly war allein und faßte ihn scharf in's Auge, Sander aber, nachdem er nur einmal den Blick scheu im Kreise umhergeworfen hatte, um sich vor allen Dingen zu überzeugen, daß Niemand weiter seine Worte höre, trat dicht an den Capitain hinan und flüsterte leise:

»Wir sind verrathen.«

Erstaunt sah er zu dem Führer auf, denn dieser, anstatt, [312] wie er erwartete, vor der fürchterlichen Botschaft zurückzuschrecken, hielt den ruhigen, kalten Blick fest auf ihn geheftet. Das Einzige, was er darauf erwiderte, war:

»Weshalb habt Ihr Euren Auftrag nicht erfüllt?«

Sander, hierüber fast außer Fassung gebracht, zögerte einen Augenblick, und Kelly, der gewohnt war, in der Seele der Menschen zu lesen, durchschaute ihn im Nu. Der junge Verbrecher aber, vielleicht mehr durch des Capitains Betragen als durch die Frage überrascht, sammelte sich gleich wieder und erzählte nun so kurz, aber auch so genau als möglich die Vorgänge bei Livelys, bis zu des Mulatten Geständniß, bei dem Cook und der Doctor Zeuge gewesen waren. – Seine Gründe, weshalb er zu solcher Zeit den Mulatten nicht verlassen durfte, waren – das wußte er auch recht gut – wichtig genug und alle Nebenpläne mußten jetzt fallen, wo es galt, das Leben vor den aufmerksam gewordenen Bewohnern des Staates zu retten.

Kelly erwiderte ihm keine Silbe, sondern trat nur an das kleine nach dem Strom gelegene Fenster und blickte sinnend in das weiße Nebelmeer hinaus, das seine Fläche bedeckt hielt. Sander schritt indessen ungeduldig auf und ab, bis ihm das lange Schweigen peinlich wurde und er es mit einem halb ängstlichen halb trotzigen »Nun, Sir?« brach.

»Nun, Sir?« wiederholte der Capitain und wandte sich langsam gegen ihn – »das, was ich lange befürchtet, ist endlich eingetroffen, und es wundert mich weiter nichts davon, als daß diese sonst so scharfsichtigen Waldläufer, mit all' ihrem gepriesenen indianischen Spürsinn, die Sache nicht früher herausbekommen und uns jetzt vollkommen Zeit gegeben haben, unser Schäfchen ins Trockene zu bringen.«

»In's Trockene?« sagte Sander erstaunt, »verdammt wenig Schafe sind's, die ich in's Trockene gebracht habe – ich hoffte auf die morgende Theilung der in Euren Händen befindlichen Vereinskasse, und habe mich so rein ausgegeben, daß ich nicht einmal Kajütenpassage nach New-Orleans bezahlen könnte. In's Trockene bringen – zum Henker, Capitain, Ihr nehmt die Sache verdammt kaltblütig! Wißt Ihr [313] denn, daß uns die verdammten Schufte in jedem Augenblick hier auf den Hacken sitzen können? Doch – noch Eins – ich muß Euch um Vorschuß bitten, Sir, man weiß doch jetzt nicht, wie die Sachen stehen und was Einem passieren kann, und da ist's gut, wenigstens so viel in der Tasche zu haben, um vielleicht für den Augenblick eine kleine Reise machen zu können. Schießt mir fünfhundert Dollar vor und zieht sie mir morgen Abend von meinem Antheil ab. Ich muß auch in den Kleiderladen in Helena, und mir neue Sachen schaffen. Ich sehe wahrhaftig wie eine Vogelscheuche im Herbst aus, und kann mich gar nicht so vor den Damen wieder sehen lassen.«

»Ihr thätet überhaupt besser, Euch von denen heut etwas fern zu halten,« sagte Kelly ruhig lächelnd; »wie ich gehört habe, ist dort Besuch angekommen!«

»Besuch? – Was für Besuch? – Ist Lively schon hier?«

»Nein, Damenbesuch – Mrs. Hawes von Sinkville.«

»Unsinn – laßt Euern Scherz jetzt. Donnerwetter, Mann, das Messer sitzt uns an der Kehle, und Ihr steht da und lacht und spaßt, als ob wir uns auf irgend einem guten Segelschiff und etwa tausend Meilen von Amerika entfernt befänden. Mir ist jetzt gar nicht wie spaßen.«

»Und wer sagt Euch denn, daß es mir so wäre?« erwiderte Kelly ernst. »Ich spaße nicht, Sir, – Mrs. Hawes befindet sich in diesem Augenblick in der Pflege von Mrs. Dayton und Miß Adele Dunmore, und heute Nachmittag ist der Ire O'Toole nach Nr. Einundsechzig abgefahren, auf welche unschuldige Insel er solchen Verdacht geworfen hat, daß er eine genaue Untersuchung derselben beabsichtigt. Ebenso wird in etwa einer Stunde ein anderer junger Bootsmann von hier auslaufen, und zwar zu demselben Zweck. – Das sind meine Neuigkeiten; nicht wahr, meine Spione sind gut?«

Sander hatte ihm, starr vor Schrecken und Entsetzen, zugehört.

»Wie in des Teufels Namen ist Marie –«

»Ruhig, Sir,« – unterbrach ihn Kelly – »ich ahne den [314] ganzen Zusammenhang, aber noch ist nichts verloren – die Insel müssen wir allerdings aufgeben, doch uns selber sollen sie nicht fangen. Ich bin gerade deshalb hier, Gegenmaßregeln zu ergreifen. In der Stadt dürft Ihr Euch übrigens, so lange es hell ist, noch nicht sehen lassen, und selbst dann möchte es gerathen sein, irgend ein Tuch um's Gesicht zu binden. Ich selbst will augenblicklich auf die Insel hinunter, um dort die nöthigen Anordnungen zu treffen. Glück genug, daß wir Alles so zeitig erfahren haben, das hätte sonst ein böser Schlag werden können.«

»Und ein junger Bootsmann wird, wie Ihr sagt, von hier auslaufen, die Insel aufzuspüren?«

»Ja,« erwiderte Kelly, und seine Lippen umzuckte ein höhnisches Lächeln – »das ist jetzt wenigstens seine Absicht, doch die wird zu vereiteln sein. Er darf die Stadt nicht verlassen. – Aber das ist das Wenigste. Nichts ist leichter, als einen solchen Burschen auf ein paar Tage unschädlich zu machen – wofür haben wir denn die Gesetze?«

»Die Gesetze?« frug Sander erstaunt.

»Laßt mich nur machen – meine Maßregeln sind schon getroffen.«

»Aber der Ire –«

»Kann die Insel, bis ich hinunterkomme, noch nicht wieder verlassen haben, und wenn auch – ehe unsere langsame Justiz die Sache in die Hände nimmt, sind wir lange außer aller Gefahr.«

»Die Justiz? Ihr glaubt doch nicht, daß die Nachbarn hier auf die warten werden?«

»Desto weniger können sie dann ausrichten. Lebendig fangen sie uns nicht, und in unsere Schlupfwinkel in den Sümpfen von Mississippi sind sie eben so wenig im Stande, uns gleich zu folgen. Auf jeden Fall behalten wir Zeit zur Flucht, und ich glaube fast, daß wir die morgende Nacht noch ruhig abwarten können. Uebrigens sind wir auf das Schlimmste gerüstet. Hier an gewissen Stellen befestigte Raketen, die eine laufende Linie bis zu uns bilden, künden uns unten, ob uns von hier aus Gefahr drohe, und dafür sind meine Pläne [315] ebenfalls bis zur Ausführung fertig. Wollen die Burschen Gewalt, gut, dann soll sich's auch zeigen, in wessen Händen sich die befindet; – wir sind fürchterlicher, als sie es jetzt noch ahnen.«

Er sprach die letzten Worte mehr zu sich selbst als zu dem Kameraden, der indessen, ganz in Gedanken vertieft, mit seinem Bowiemesser lange Späne von dem rohen Holztisch abhieb.

»Pest!« murmelte er nach einiger Zeit, – »daß wirjetzt unser freundliches Plätzchen verlassen müssen – es ist schändlich. – Konnte diese vermaledeite Katastrophe nicht noch wenigstens zwei Tage später kommen! – Nun wie ist's, Capitain, wollt Ihr mir das Geld geben?«

»Ich habe nicht so viel bei mir,« sagte Kelly ruhig und schritt zur Thür, deren Griff er erfaßte, »seid aber um acht Uhr wieder hier, dann sollt Ihr es haben, bis dahin hat es noch keine Gefahr. – Auf Wiedersehen! – Vorsicht brauch' ich Euch weiter nicht anzuempfehlen.«

Er verschwand aus dem Zimmer und Sander blieb noch einige Minuten in tiefem Nachdenken, die Augen fest und finster auf die wieder geschlossene Thür geheftet, sitzen.

»So?« sagte er endlich und stieß, während er von seinem Sitze aufstand, das Messer wohl einen Zoll tief in das weiche Holz, – »Deine Pläne sind also zur Ausführung fertig, aber Du hast nicht einmal lumpige fünfhundert Dollar für Jemanden, der in den letzten Monaten Deiner Privatkasse solch' ungeheure Summen eingebracht? Und warten soll ich, mich hier bis acht Uhr versteckt halten, um dann vielleicht auf's Neue halsbrecherische Aufträge zu bekommen, aber kein Geld? Nein, mein Alterchen, da Du so für Dein eigenes Wohl gesorgt zu haben scheinst, so vergönne mir wenigstens ein Gleiches. Mrs. Breidelford kann unmöglich schon von der uns drohenden Gefahr wissen, die will ich anzapfen. Das Zauberwort, was mich Blackfoot gelehrt, wird, wenn es das fast Unglaubliche vermögen soll, ihre Zunge zu hemmen, doch auch wohl ein paar hundert Dollar aus ihr heraus pressen – die alte Hexe hat früher überdies genug durch meine Vermittelung [316] verdient. An's Werk denn, es kennt mich ja doch Niemand hier in der Stadt als Daytons, und deren Wohnung kann ich vermeiden.«

Er verließ rasch das Haus und verschwand bald in dem sich immer mehr und mehr verdichtenden Nebel, der jetzt sogar selbst die vom Fluß am weitesten entfernten Straßen erfüllte.

Fußnoten

1 Das gouching ist eine, den sonst so kräftigen und offenen Charakter der Amerikaner wahrhaft schändende Sitte, und wird überhaupt nur in einem sehr kleinen Theil der Union, vorzüglich aber in Kentucky ausgeübt. Hat nämlich beim Boxen oder Ringen der eine Kämpfer den andern niedergeworfen, und will dieser sich durch Treten oder Beißen befreien – denn bis der Besiegte nicht sein »enough« – genug – ruft, wird der Kampf nicht für beendet angesehen – so sucht der Obenliegende den schon so weit Ueberwundenen zu gautschen – das heißt, er drängt ihm einen oder auch beide Daumen in die Augenhöhlen hinein, aus denen er, wenn nicht daran verhindert, die Augäpfel herauspreßt. Nicht selten wickelt er dabei mit raschem geschickten Griff die an den Schläfen wachsenden Haare des Opfers um seine Zeigefinger, um dadurch in seinem fürchterlichen Geschäft nicht allein mehr Sicherheit zu gewinnen, sondern auch den Niedergeworfenen zu verhindern, sich die ihm Blindheit drohenden Daumen in den eigenen Mund zu ziehen und mit verzweifelter Wuth abzubeißen. Hunderte können bei solchem Kampfe gegenwärtig sein, Keinem wird es einfallen, das gräßliche Resultat zu verhindern, ausgenommen, der Eine gesteht mit dem Ruf »genug« seinem Gegner den Sieg zu. Dann müssen augenblicklich alle Feindseligkeiten eingestellt werden. Das Gouchen bedingt übrigens nicht jedesmalige Blindheit, zu Zeiten können die Augen wieder in ihre Höhlen, ohne ihre Sehkraft zu verlieren, zurückgeschoben werden; nur zu oft zieht es jedoch seine entsetzlichen Folgen nach sich, und Hunderte sind, die so, theils halb, theils ganz erblindet, die Wirkung eines natürlichen Kampfes durch's ganze Leben schleppen. Der Verlust eines Auges gilt auch dabei als vollkommen hinreichende Entschuldigung, einen angebotenen Kampf auszuschlagen, ohne dabei in den Verdacht der Feigheit zu gerathen, da man es erklärlich findet, der also Verkrüppelte wolle nicht gern auch sein zweites Auge gleicher Gefahr aussetzen.

23. Die unerwartete Verhaftung

23.

Die unerwartete Verhaftung.

Tom schritt ungeduldig in Frontstreet auf und ab. Dem Richter hatte er versprechen müssen, auf ihn zu warten, und der kam jetzt nicht zurück. Seine Jolle befand sich zur Abfahrt bereit, dicht neben dem dort noch immer vor Spring- und Sterntau liegenden Dampfboot Van Buren, das seine Schäden so weit ausgebessert hatte, um am nächsten Morgen elf Uhr wieder abfahren zu können, und zweimal schon war er die vom Fluß abführende Wallnutstreet in aller Ungeduld hinauf und herunter gelaufen, und immer noch wollte sich der Squire nicht sehen lassen. Der Abend brach dabei mehr und mehr herein, und Tom blieb plötzlich mitten in seinem Marsch stehen, stampfte ärgerlich mit dem Fuße und rief:

»Ei so hol' ihn der Henker, ich gehe wieder zum Fluß hinunter, und läßt er dann noch nichts von sich sehen, dann fahr' ich ohne seinen Wisch ab. Wetter noch einmal, der Constabler in Victoria muß mir überdies beistehen, wenn ich gerechte Sache habe, und wenn ich die nicht habe, kann mir auch die Empfehlung nichts helfen!«

Er schritt Wallnutstreet wieder hinab und bog eben scharf [317] um Frontstreet-Ecke, als ihm auch ganz unerwartet ein Mann entgegenkam, der, den Fremden kaum bemerkend, sein Taschentuch schnell vor das Gesicht hielt, als ob er Zahnschmerzen habe, und dann rasch, aber den Kopf gesenkt, an ihm vorüberschritt.

Nebel und Abenddämmerung vergönnten dem scheidenden Tageslicht nur noch einen schwachen Strahl. Dennoch war er dem Scharfblick des jungen Mannes hinreichend, in dem schnell verhüllten Antlitz des Fremden die Züge eines Mannes zu entdecken, die sich, außer ihren ganzen Eigenthümlichkeiten, ihm auch noch mit einer Schärfe in Herz und Gedächtniß eingegraben hatten, um ein Vergessen unmöglich zu machen.

Es war Eduard Hawes – die blonden, flatternden Locken ließen ihm keinen Zweifel, wenn auch der grobe Farmersrock den für einen Moment erweckt haben mochte. – Es war der Mann, der ihn damals, als er in der Nähe der reizenden Marie Morris sein ganzes irdisches Glück zu finden glaubte und wirklich fand, aus all' seinen süßen, seligen Träumen riß und wieder in die kalte Welt hinausstieß. Ach, Marie hatte ja nicht einmal geahnt, mit welcher Gluth und Leidenschaft der rauhe Jäger an ihr hing! – Wie einen Bruder hatte sie ihn geliebt, und als Hawes, mit Reichthum, Schönheit und dem einfachen Kinde imponirenden Geist dazwischentrat, reichte sie ihm, des Schrittes kaum sich bewußt, den sie that, die Hand. Erst als Tom jetzt in Verzweiflung floh und sie beim Abschied seinen tiefen, kaum bezwungenen Schmerz erkannte, mochte ihr eine Ahnung seiner Gefühle dämmern. Da war es aber zu spät – schon am andern Tage legte der alte Friedensrichter Morris, der Onkel der Braut, der Tom Barnwell wie einen Sohn liebte und auf dessen Verbindung mit seiner Nichte schon als auf den Trost seines Alters gehofft hatte, die Hände der beiden Verlobten in einander und drückte dann die weinende zitternde Braut, selbst mit Thränen im Auge, an sein Herz.

Dieser Hawes, dessen Bild sich Tom Barnwell's Seele mit unauslöschlichen Zügen eingeprägt hatte, stand plötzlich [318] vor ihm, und das ganze Wesen und Benehmen desselben mußte in Tom den fast unwillkürlichen Gedanken erwecken, Jener wolle nicht gesehen sein. Mit Blitzesschnelle stiegen da all' die wirren und fürchterlichen Vermuthungen wieder in ihm auf, die er, seit er Marie gefunden, oft hatte fast gewaltsam zurückdrängen müssen. Hawes hier, wo ein Brief an ihn auf das Land hinausgeschickt war, in einem ganz andern Theile der Stadt, als in dem sich Marie befand! – Wollte er wirklich unerkannt sein, oder war diese Bewegung nur Zufall? All' diese Gedanken zuckten pfeilschnell durch Tom Barnwell's Hirn, als er stehen blieb und der Gestalt des rasch Davoneilenden nachsah. Im Augenblick hatte er sich aber auch wieder insoweit gesammelt, einen festen Entschluß zu fassen; auf keinen Fall durfte er jenen Mann aus den Augen verlieren, denn wußte er wirklich noch nichts von seines Weibes Zustand, so war es nöthig, daß er es erfuhr, und wußte er es – ihm blieb keine Zeit zu längerem Ueberlegen, mit flüchtigen Schritten folgte er dem jungen Mann, der gerade um die nächste linke Ecke bog, und wollte ihm, dort angelangt, eben nachrufen. Da sah er ihn, keine zwei Häuser entfernt, vor einer Thür stehen, an die er augenscheinlich eben erst angeklopft haben mußte. – Daß ihm der, dem er begegnet, gefolgt war, hatte er nicht einmal bemerkt.

Die Straße bildete hier eine Art von freiem Platz, denn die linke Reihe der Häuser war, die zwei vordersten abgerechnet, weiter zurückgerückt und enthielt neben anderen Privatwohnungen auch das etwas allein stehende Gerichtshaus und die County Jail oder das Gefängniß. Schräg diesem gegenüber befand sich aber das Haus, vor welchem der vermeintliche Mr. Hawes jetzt stand, und Tom Barnwell schritt rasch und ohne Zögern auf ihn zu. Jener jedoch, viel zu sehr in sein Klopfen vertieft und vielleicht ungeduldig, daß ihm von innen nicht geöffnet wurde, mußte den sich nahenden Schritt des leichten, mit Moccasins bekleideten Fußes gar nicht gehört haben, denn er bog sich eben zum Schlüsselloch und rief ärgerlich hinein:

[319] »Aber in's drei Teufels Namen, Mrs. Breidelford – ich bin es ja, Sander, und muß Euch wichtiger –«

Er schrak empor – dicht neben sich vernahm er in diesem Augenblick zum ersten Mal die Tritte des ihm Folgenden, und als er überrascht auffuhr, blickte er in das ernste, ruhige Antlitz Tom Barnwell's. Dieser stutzte allerdings über die eben gehörten Worte, war jedoch zu sehr mit dem Zustande Mariens beschäftigt, um ihnen auch nur mehr als flüchtiges Gehör zu schenken. Ueber den Mann selbst aber, der vor ihm stand, blieb ihm kein Zweifel mehr. – Es warHawes, und Tom, da er das Zurückschrecken und den ängstlichen Blick seines einstigen Nebenbuhlers bemerkte, der scheu die Straße hinabsah, als ob er sich dem vermutheten Feind durch die Flucht entziehen wollte, sagte, ihn mißverstehend, ruhig:

»Fürchten Sie nichts, Sir – ich bin Ihnen nicht in feindlicher Absicht gefolgt und hege in der That keinen Groll gegen Sie. Wenn das aber auch wirklich der Fall wäre, so müßte er jetzt ganz anderen Gefühlen weichen. Wissen Sie, daß Mrs. Hawes hier in der Stadt ist?«

»Ich? – Ja – ich – ich weiß es – ich bin eben auf dem Wege dorthin!« stotterte der sonst so kecke und zuversichtliche Verbrecher, der aber in diesem Augenblick ganz außer Fassung schien. Stieg ihm der Mann, den er da plötzlich vor sich sah, doch fast wie aus dem Boden herauf, und der Gefahr bewußt, in der er sich befand, vielleicht selbst durch den Platz beunruhigt, an dem er betroffen worden, konnte er sich kaum zu einer Antwort sammeln.

»Was? – Sie wissen es? – und sind auf dem Wege dorthin?« frug Tom erstaunt – »Mr. Haves, ich begreife nicht – wer wohnt denn in diesem Hause?«

»Nun, Squire Dayton doch!« rief Sander, der kaum wußte, was er sagte, und noch nicht einmal gesammelt genug, selbst nur dem fest auf ihm haftenden Blick des jungen Bootsmanns zu begegnen.

»Squire Dayton?« wiederholte Tom langsam und zum ersten Mal mit wirklichem Mißtrauen – »Sie nannten eben [320] einen andern Namen, Sie riefen eineDame an, der Sie Wichtiges mitzutheilen hätten – nicht so?«

»Ich sage Ihnen, ich bin eben im Begriff, Squire Dayton's Haus aufzusuchen!« rief da Sander, jetzt zum ersten Mal seine verlorene Fassung wieder gewinnend. – »Die Dame, die hier wohnt, wollte ich nur – sie sollte Krankenwärterin meiner Frau werden, aber sie – sie scheint nicht zu Hause zu sein.«

»Nein – so scheint es,« erwiderte Tom kalt und war jetzt fest entschlossen, dem Manne nicht von der Seite zu weichen, bis ihm dessen sonderbares Benehmen erklärt sei – »wissen Sie Squire Dayton's Haus?«

»Ja – ja wohl – es liegt an der obern Grenze der Stadt – ich bitte Sie, mich dort anzumelden. – Ich werde gleich nachkommen, Mr. Barnwell, ich hoffe dort das Vergnügen zu haben –«

Er lüftete den Hut und wollte sich von dem jungen Mann abwenden.

»Halt, Sir!« sagte dieser aber und ergriff seinen Arm – »ich kann Sie nicht so fortlassen – Marie – Mrs. Hawes liegt, ihrer Sinne nicht mächtig, nur wenige Straßen von hier entfernt – und Sie – wie ich jetzt kaum anders glauben kann, wissen darum und wandern in diesen Kleidern, offenbar nicht Ihren eigenen, in einem fremden Theil der Stadt umher.«

»Sie nennen Ursache und Wirkung in einem Athem, Sir –« erwiderte Sander mit einiger Ungeduld und jetzt wieder vollkommen gefaßt. – »Ich kann Ihnen aber unmöglich hier auf der Straße erzählen, wie ich zu diesen Kleidern gekommen bin, oder was mich gezwungen hat sie anzulegen. – Sollte Sie das interessiren, so können Sie es morgen von Mr. Lively erfahren – jetzt aber bin ich eben, um diese Lumpen los zu werden, im Begriff, mir andere zu kaufen, damit ich mich vor den Ladies in Mr. Dayton's Hause anständiger Weise sehen lassen kann. Uebrigens fühle ich mich Ihnen für den Antheil, den Sie an Mrs. Hawes nehmen, sehr verpflichtet, möchte Ihnen aber zugleich bemerken, daß ich jetzt, [321] da ich zurückgekehrt und selber im Stande bin, für meine Frau zu sorgen, Sie dieses Dienstes oder dieser Gefälligkeit, wie Sie es nun auch nennen wollen, vollkommen entbinde.«

Sander hatte sich nach und nach ganz wieder in seinen alten Trotz hineingearbeitet, und Tom würde auch wohl bei jeder andern Gelegenheit durch seine jetzige Ruhe und Sicherheit getäuscht worden sein. Seine erste augenscheinliche Verlegenheit aber – die groben Kleider des sonst in dieser Hinsicht förmlich stutzerhaften Gecken, ja sogar die Worte, die er von ihm, als Jener sich unbeobachtet glaubte, vernahm, das Alles hatte einen Verdacht in ihm erweckt, den einfache Unbefangenheit von Hawes' Seite nicht allein besiegen konnte. Nur den Arm des Mannes gab er frei, da aus einigen der nächsten Thüren die Köpfe Neugieriger hervorsahen, die Ursache des etwas lebhafter werdenden Gesprächs zu erfahren.

Auch in Mrs. Breidelford's Hause ließ sich oben mit äußerster Vorsicht die Spitze einer Haube blicken, der dann und wann – jedoch rasch niedertauchend, sobald sich einer der beiden Männer gegen ihr Haus wandte – eine rothglänzende Stirn und ein Paar große graue Augen folgten.

»Sie haben Recht, Sir,« sagte Tom – »die Straße hier ist nicht der Platz zu langen Erzählungen. Ich begleite Sie aber jetzt zu Squire Dayton's Haus, und dort werden Sie hoffentlich den Damen – Ihrer Frau solche nicht verweigern. Folgen Sie mir –«

»Ich sehe nicht ein, Sir, welches Recht Sie haben, mich hier auf öffentlicher Straße anzugreifen,« sagte jetzt Sander mit ärgerlicher, doch unterdrückter Stimme – »Ihre Gesellschaft ist mir überdies nicht angenehm genug, sie bis dorthin zu beanspruchen. Wie ich Ihnen schon einmal gesagt habe, bin ich eben im Begriff, Toilette zu machen, und ehe das geschehen ist, bringen Sie mich nicht einmal in die Nähe jener Damen, viel weniger in ihre eigene Wohnung. Ich denke, Sie haben mich jetzt verstanden!«

»Vollkommen!« sagte Tom; seine Züge nahmen aber einen ernsten, finstern Ausdruck an, und er flüsterte, während er sich [322] zu dem halb von ihm abgewandten Mann niederbog – »Sie wollen nicht mit mir gehen, ich aber schwöre es hier bei meiner rechten Hand – und den Schwur brech' ich nicht, Sir – daß ich Sie zwingen will, mir zu folgen – ein Geheimniß liegt hier zu Grunde, und ich will es enthüllen.«

»Mein Herr!«

»Ha – dort kommt der Squire – so Sir; Widerstand wäre jetzt nutzlos. – Ihres eigenen Selbst wegen vermeiden Sie jedes Aufsehen und folgen Sie uns gutwillig.«

Sander war in peinlicher Verlegenheit. – Wie sollte er die Umstände jener Nacht erklären, die Marie doch jedenfalls schon entdeckt hatte? Sollte er suchen in den Wald zu entkommen? Kaum hundert Schritt von dort, wo sie standen, begannen die Büsche. Er war dabei schnellfüßig wie der Wind und fürchtete kaum, von seinem Feind eingeholt zu werden. Wenn es aber doch geschah – dann hatte er Alles auf eine Karte gesetzt – und verloren. Nein, noch blieb ihm ein anderer Ausweg, Flucht sollte das Letzte sein, denn er wußte recht gut, daß ihm der Kerker von Helena nicht hätte daran verhindern können, die Insel wieder zu erreichen.

»So kommen Sie, Sir,« erwiderte er nach kaum secundenlangem Nachdenken, »kommen Sie, ich will jetzt Ihrem sonderbaren Willen Folge leisten, später aber werden auch Sie sich nicht weigern, mir für ein Betragen Rede zu stehen, das ich in diesem Augenblick nur in Ihrer ungeheuren Frechheit begründet sehen kann.«

»Genug der Worte,« sagte Tom mürrisch, und wandte sich, an des jungen Verbrechers Seite, rasch zum Gehen – »es sind deren schon zu viel gewechselt. – Squire Dayton – ich habe das Vergnügen, Ihnen hier Mr. Hawes vorzustellen –«

»Oh, wahrhaftig, Sir – das ist ein glücklicher Zufall, daß Sie jetzt schon eintreffen – der Brief hat Sie wahrscheinlich unterwegs erreicht. – Aber, Mr. Barnwell, ich suchte Sie unten vergebens an Ihrem Boote, und wurde erst von ein paar Dampfbootleuten herauf gewiesen.«

[323] »Ein glücklicher Zufall ließ mich Mr. Hawes treffen,« sagte Tom hier, mit einem ernsten Blick auf diesen.

»Das Glückliche ist dann ganz auf Ihrer Seite gewesen, Sir,« entgegnete mürrisch der so wider seinen Willen an's Licht Gezogene, »ich habe Ihre Gesellschaft wahrhaftig nicht gesucht –«

»Aber Gentlemen,« sagte Dayton erstaunt – »ich begreife nicht –«

»Das ist er, Mr. Nickleton,« rief da plötzlich eine fremde Stimme von der Mitte der Straße aus, und zwei Männer, die eben an ihnen hatten vorbeigehen wollen, wandten sich jetzt, des Richters Rede unterbrechend, scharf gegen diesen und seine beiden Begleiter um.

»Welcher? Der mit dem Wachstuchhut?« frug der mit Nickleton Bezeichnete, der Constabler von Helena.

»Ja! bei Gott – das trifft sich prächtig!« – jubelte der Andere, »packen Sie ihn, mein wackerer Haltefest – bringen Sie ihn auf Numero Sicher!«

»Sir – Ihr seid mein Gefangener,« sagte der Constabler und legte seine Hand auf Tom's Schulter – »im Namen des Gesetzes!«

Tom blickte ihn erstaunt an, und wirklich kam das Ganze so schnell und unerwartet, und er selbst war mit dem aufgefundenen Gatten Mariens so ganz und gar beschäftigt gewesen, daß er die Gegenwart der Uebrigen erst bemerkte, als sie ihn anredeten. Jetzt aber, mit dem gefürchteten Bannspruch im Ohr, richtete er sich rasch auf und sagte lachend:

»Hallo, Sir! – der Waschbär wird auf dem andern Baume sitzen. – Diesmal habt Ihr Eure Zauberformel wohl an den Unrechten verschwendet, das muß ein Irrthum sein.«

»Seid Ihr nicht gestern den Fluß hinab und dann ganz plötzlich wieder mit einem Dampfschiff aufwärts gefahren?« frug der Fremde.

»Allerdings bin ich das!« erwiderte Tom, »und was weiter?«

»Ich wußte es – ich wußte es!« rief Jener – »thut[324] Eure Pflicht, Constabler, und laßt den Burschen nicht wieder entspringen.«

»Das muß auf jeden Fall ein Irrthum sein, Sir,« unterbrach ihn hier der Richter und legte seine Hand auf den Arm des Constablers, der Tom noch immer an der Schulter hielt. – »Dieser Gentleman ist ein gewisser Mr. Barnwell von Indiana, mit meinem Hause befreundet, und gewiß nicht der –«

»Thut mir leid, Squire – hier hört die Freundschaft auf. Ihr habt mir übrigens selber den Verhaftsbefehl ausgestellt –«

»Ja, auf Den, der bei diesem Manne eingebrochen war und seinen Geldkasten gewaltsam aufgerissen hatte,« sagte Dayton – »aber nicht auf –«

»Und das ist der hier!« rief der Kläger und deutete mit grimmigem Blick auf Tom Barnwell – »das ist der niederträchtige Bursche, der sich heimlicher Weise vom Flußufer aus an einzeln gelegene Häuser anschleicht, und dort, wenn man draußen im Walde an der Arbeit ist, raubt und plündert. – Das ist die Canaille, und ich bin fest überzeugt, er wird schon gestehen, wohin er meine silberne Uhr gebracht hat, wenn er sie nicht etwa gar bei sich trägt.«

Der Abend hatte indessen mehr und mehr gedunkelt, dennoch versammelten sich, durch das laute Gespräch herbeigezogen, eine Menge neugieriger Menschen um Constabler und Richter, und umgaben so die kleine Gruppe. Sander, der es jetzt für das Beste hielt, sich leise zu entfernen, suchte unbemerkt hinter den Bootsmann zu treten, Tom aber ließ ihn, trotz dieser plötzlich gegen ihn auftauchenden Klage, keine Secunde aus den Augen, und Jener sah wohl, daß er, wenn er nicht ebenfalls Aufsehen erregen wollte, die Flucht auf gelegenere Zeit verschieben müsse. Tom Barnwell wandte sich jetzt im Bewußtsein seiner Unschuld ruhig an den Richter und sagte lächelnd:

»Dem Manne hier ist wahrscheinlich Etwas aus seiner Hütte entwendet worden, und er hat nun, Gott weiß aus welchem Irrthum, auf mich einen falschen Verdacht geworfen; [325] ich kann mich auch deshalb nicht durch seine Reden beleidigt fühlen. So unangenehm mir das übrigens in diesem Augenblicke sein mag, so soll es und darf es doch auf keinen Fall die Aufklärung eines gräßlichen Geheimnisses hindern, die uns Mr. Hawes hier wahrscheinlich im Stande ist zu geben. Fürchten die Herren hier, daß ich ihnen entspringe, so mögen sie mit uns gehen – Ihre Gegenwart, Squire, wird hinlängliche Bürgschaft dabei sein. Meine Anklage kann sich nachher bald beseitigen lassen.«

»Was ist denn vorgefallen?« frug der Constabler.

»Auf jeden Fall Etwas, das mich ganz und gar nichts angeht!« rief der Kläger unwillig – »ich bin keineswegs gesonnen, mit dem Burschen hier in der Stadt herum zu laufen, bis er irgend Gelegenheit findet zu entspringen – Constabler, thut Eure Schuldigkeit – Richter Dayton, Ihr müßt mir in dieser Sache beistehen – wenn der Mann entkommt, halt' ich mich wegen Allem, was mir abhanden gekommen, an Euch.«

»Könnt Ihr denn aber beweisen, daß dieser Mann auch wirklich Der ist, für den Ihr ihn haltet?« frug der Richter.

»Kommt nur mit zum Fluß hinunter,« erwiderte Jener – »zwei von meinen Leuten haben ihn gesehen und wollen auf ihn schwören!«

Tom Barnwell, dem das, was er erst für ein tolles Mißverständniß gehalten, doch jetzt anfing zu ernst zu werden, noch dazu da es wirklich drohte ihn in seinen freien Bewegungen zu hindern, that jetzt ernsthaften Einspruch und rief den Richter zum Beistand an. Dieser aber zuckte mit den Schultern und erklärte, »nicht selber gegen das Gesetz handeln zu können,« Mr. Nickleton wisse hier eben so gut wie er, was er zu thun habe, und eine Einrede von ihm würde nicht einmal von Nutzen sein. Tom sah bald, daß er sich den Umständen fügen müsse, denn ein dichter Menschenhaufe umstand schon die Redenden, aus dem ein Entrinnen zur Unmöglichkeit wurde. Nichtsdestoweniger ließ er Sander nicht aus den Augen, und bat nur den Richter, da er selber nicht im Stande sei, es zu thun, jenen Mr. Hawes mit sich nach Hause zu nehmen und dort Aufklärung über das Geschehene zu verlangen. [326] Mr. Dayton versprach ihm das auch und schritt gleich darauf durch die ihm Bahn machende Menge, mit Sander an seiner Seite, in der Richtung dem eigenen Hause zu, während der Constabler, von einem großen Theil Müßiggänger gefolgt, den jungen Bootsmann in die County Jail brachte, und ihn dort seinen eigenen Betrachtungen überließ.

23. Die Schildkröte nähert sich der gefährlichen Insel

23.

Die Schildkröte nähert sich der gefährlichen Insel. – Blackfoot's Plan.

»Hebt die Finnen! – Munter, meine braven Burschen!« rief der alte Edgeworth, während er inmitten auf dem gebogenen Deck seines breitspurigen Fahrzeugs stand und mit dem Blick die Entfernung maß, die sie wohl noch zwischen sich und den letzten, an der Landung liegenden Booten zu fürchten hatten – »greift aus, daß wir hinüber in die Strömung kommen – die Boote drüben gehen ja fast ganz am andern Ufer.«

»Das sieht nur in dem Nebel so aus; sie müssen, wie wir, im Fahrwasser bleiben,« meinte Blackfoot, der sich neben ihn stellte, aber noch immer zurück an's Ufer blickte, wo die Gestalt der empörten Mrs. Breidelford auf- und abflog. Diese schien sich nämlich keineswegs in das Unabänderliche – die Flucht ihres Opfers – gefügt zu haben, sondern durch rachedrohende Gesticulationen irgend einen wohlthätigen Snag zu beschwören, seinen scharfen Zahn in dieses nichtswürdige Fahrzeug zu bohren und es mit Mann und Maus zu versenken.

[327] Der Steuermann, der indessen stromauf zu mit den Augen die dunstige Atmosphäre zu durchdringen suchte, ob vielleicht den vorangegangenen Fahrzeugen noch andere folgten, schien jedoch mit dem Befehl des alten Mannes ganz zufrieden. Er gehorchte ihm wenigstens schnell und willig, und hielt den Bug gerad' über den Strom hinüber, während die Ruderleute mit vorgelegten Schultern gegen die langen, über das Verdeck ragenden Finnen preßten und jedesmal, ehe sie das unten angebrachte Schaufelbrett wieder aus der Fluth hoben, diesem noch mit einem Ruck den stärksten Nachdruck zu geben suchten. Dann drückten sie die Stange an Deck nieder, liefen rasch damit zu ihrem Ausgangspunkte zurück und begannen ihr mühseliges Geschäft von Neuem.

Das Flatboot, schon an und für sich ein unbehülflicher schwerer Kasten, ist auch eigentlich nur auf die Strömung angewiesen, und hat die Finnen einzig und allein dazu, um vorstehenden Landspitzen und drohenden Snags auszuweichen, oder vielleicht mit den Rudern einen nicht gerade durch bloßes Treiben zu gewinnenden Landungsplatz zu erreichen. Die auf solchen Fahrzeugen angestellten Ruderleute thun auch nichts so ungern als gerade rudern, obgleich das die einzige, von ihnen begehrte Arbeit sein mag. Es dauerte deshalb gar nicht lange, so murrten sie gegen das »Querüberschinden«, wie sie's nannten. Bill dagegen machte wenig Umstände, warf ihnen ein paar kräftige Flüche entgegen und nannte sie »faule Bestien«, die lieber ihre breiten Kehrseiten in der Sonne brieten, als ihre Pflicht thun wollten.

Bill war ein breitschultiger kräftiger Gesell, mit ein Paar Fäusten gleich Schmiedehämmern, es mochte auch deshalb nicht gern Einer mit ihm anbinden, noch dazu da sie im Unrecht waren. Edgeworth aber, der jetzt sah, daß sie mit den vorangegangenen Booten in einem Fahrwasser seien, sagte endlich:

»Nun, so laßt's gut sein – ich denke auch, wir sind weit genug hinüber – easy boys – easy – wir rennen sonst am Ende drüben auf die Sandbank, die hier im Navigator angegeben steht.«

»Hat keine Noth,« brummte Bill – »die Sandbank ist [328] schon theilweise weggewaschen, und überdies haben wir die lange passirt – und drüben liegt sie, wo die Nebel dicker und massenhafter herüberkommen. Bleibt nur noch eine Weile bei den Rudern, bis ich's Euch sage – nachher habt Ihr's leichter dafür.«

»Wie weit ist's noch bis zu der hier angegebenen Sandbank?« frug Edgeworth jetzt und deutete auf das Buch, das er in der Hand hielt.

»Noch ein gut Stück,« mischte sich Blackfoot da in das Gespräch; »wenn wir übrigens, wie der Steuermann ganz Recht hat, noch ein bischen in Zeiten überhalten, so bekommen wir gar nichts von ihr zu sehen. – Doch – Alligatoren und Moccasins! der Nebel wälzt sich immer derber herauf. – Nun weiter fehlte uns nichts, als eine recht ordentliche Mississippimütze, die sich uns über Augen und Ohren zöge, nachher könnten wir die Finnen wie Fühlhörner vorstrecken, und wüßten noch nicht einmal, ob wir rechts oder links abkämen.«

»Nun, so gefährlich sieht's doch nicht aus,« meinte Edgeworth – »man kann ja noch den halben Fluß übersehen und die Bäume auf beiden Seiten des Ufers erkennen! – Es sind nur ganz dünne duftige Schatten, die ein richtiger Abendwind leicht vor sich herscheucht.«

»Ich will's wünschen,« sagte der angebliche Handelsmann und schritt langsam zum Steuer zurück, an dem Bill jetzt, beide Hände in den Taschen, nachlässig mit dem Rücken lehnte und wie träumend vor sich niedersah.

»Das thut's,« sagte Einer von den Ruderleuten, der beim Rückgehen die Finnenspitze führte, indem er das lange Ruder, durch Niederdrücken seines Theils, vollständig auf's Verdeck hob und niederlegte – die übrigen folgten darin augenblicklich seinem Beispiel.

»Hallo, was ist das?« rief der Steuermann – »hab' ich Euch geheißen aufzuhören? Bob – Johnson – nehmt Eure Ruder wieder auf, wir müssen noch weiter hinüber.«

»Dem Capitain sind wir weit genug drüben,« erwiderte trotzig der erste Sprecher – eine lange Hosiergestalt mit [329] breiten, scharfen Achselknochen und sehnigen Fäusten – »wenn's dem nicht recht ist, wird er's sagen!«

»Die Pest über Dich, Canaille!« rief Bill wüthend, ließ sein Steuer los und sprang auf den ruhig ihn erwartenden Bootsmann ein.

»Nun, Sir?« lachte dieser, während er sich rasch in Boxerstellung gegen ihn drehte und die beiden Fäuste bis etwa in Schulterhöhe brachte, »bedient Euch – thut, als ob Ihr zu Hause wäret. – Langt einmal aus und seht dann, ob ich nicht klein Geld bei mir habe, Euch zu wechseln.«

»Halt da, Leute!« sagte Blackfoot und trat zwischen sie – »halt – werdet doch auf einem und demselben Boote Frieden halten? – Schiffskameraden und wollen sich untereinander schlagen – pfui! – Geht an Eure Ruder, Leute, und thut Eure Pflicht – 's ist nicht mehr weit und Ihr habt das bischen Arbeit bald überstanden.«

»Ich will verdammt sein, wenn ich's thue,« brummte der Hosier trotzig, »außer Capitain Edgeworth sagt's. – Dann meinetwegen, und wenn wir bis Victoria hinter den Quälhölzern liegen sollten – sonst aber keinen Schritt wieder auf Deck. Donnerwetter, ich habe das Wesen von dem Burschen da satt – warum hielt er denn das Maul, so lange Tom Barnwell noch an Bord war, der ihm die Spitze bot? – Er glaubt wohl, er kann über uns nur so weglaufen? – Steckt da in einem verwünschten Irrthum, den ich ihm gern noch nehmen möchte, ehe wir von Bord gehen.«

Bill heftete sein Auge mit wilder, tückischer Bosheit auf die unerschrockene Gestalt des Rudermannes, und schien nicht übel Lust zu haben, den Streit noch einmal zu beginnen. Blackfoot warf ihm aber einen schnellen, warnenden Blick zu, und trotzig kehrte er, mit leise gemurmeltem Fluch, zu seinem Platz zurück. Edgeworth hatte keine Silbe während der ganzen Zeit gesprochen, und nur, vielleicht der Worte Smart's eingedenk, die Streitenden beobachtet. Dadurch war ihm aber auch der zwischen seinem Abkäufer und Steuermann gewechselte Blick nicht entgangen, der ihm das jetzt fast zur Gewißheit machte, was er bis dahin schon gefürchtet – daß jene beiden [330] Männer zusammen im Einverständniß waren. Natürlich bezog er das noch immer nur auf den Verkauf seiner Waaren und beschloß, ein besonders wachsames Auge nicht allein auf die Ablieferung der Güter, sondern auch auf das dafür zu empfangende Geld zu haben.

Das Boot trieb langsam mit der Strömung hinab, und die Leute waren in verschiedenen Gruppen oben an Deck, theils am Bug, teils in der Mitte des Fahrzeuges gelagert. Auf dem hintern Theile desselben, dem Quarterdeck, wie es scherzweise genannt wurde, standen nur Bill und Blackfoot zusammen, und dieser machte jetzt dem wilden Gesellen leise Vorwürfe über sein unbedachtes Handeln.

»Ei, zum Henker, Bill,« sagte er und deutete dabei nach dem linken Ufer hinüber, als ob er mit ihm über Gegenstände am Lande spreche, »Du bist wohl toll, daß Du noch kurz vor Thorschluß Händel suchst – ich dächte doch, Du könntest Deinen Groll in gar kurzer Zeit vollständig genug auslassen, als daß er jetzt vor der Zeit übersprudeln und vielleicht Alles verderben sollte. – Weshalb hast Du Dich nicht mit den Leuten in besseres Einverständniß gebracht? Vielleicht hätten wir sogar Einige davon für unser Vorhaben gewinnen können.«

»Nicht von denen,« erwiderte Bill trotzig, »nicht einen Einzigen – Dolch und Gift – die Brut haßt mich von oben bis unten. – Selbst der Hund knurrt, wenn ich ihm nur zu nahe komme, und hätte mich neulich, als ich ihn streicheln wollte, fast an der Kehle gepackt. Ich würde die Bestie lange einmal über Bord gestoßen und ersäuft haben – aber sie geht ihrem Herrn nicht von der Seite.«

»Also Hülfe haben wir von denen auf keinerlei Art zu erwarten?« sagte Blackfoot sinnend.

»Nein – eher das Gegentheil, aber hol' sie der Teufel, das soll ihnen wenig frommen. – Sieh nur, daß Du Edgeworth's Büchse einmal auf eine oder die andere Art in die Hand bekommst – hier sind ein paar Stifte und treibe einen von ihnen in's Zündloch, nachher kann er schnappen. – Ich sehe nicht ein, weshalb man seine Haut nutzlos zu Markte tragen soll.«

[331] »Gieb her, ich will's wenigstens probiren, glaube aber kaum, daß mich der alte Bursche das Schießeisen wird haben lassen. Nun, es kommt auf einen Versuch an –«

»Wie wär's denn, wenn Ihr mit den Büchsen tauschtet?« sagte Teufelsbill – »die Deine ist reich mit Silber beschlagen und sieht prächtig aus – schießt auch famos – die seine ist alt und schlecht – er wird leicht dazu zu bringen sein – Du darfst aber dann in der Deinigen den Stift nicht vergessen!«

»Hm – das wäre ebenfalls etwas – die Burschen tauschen alle gern, und wenn ich ihm ein geringes Aufgeld abverlangte –«

»Nur nicht zu wenig, sonst würde er mißtrauisch –«

»Nein, nein, so klug bin ich auch. Wie haltet Ihr's denn diesmal mit dem Zeichen? Wieder das vorige, oder ist etwas Anderes bestimmt? – Ich mag das Schießen nicht leiden –«

»Und doch ist's das Beste,« sagte Bill – »überdies ist nichts Anderes verabredet, und wir werden es beibehalten müssen. Was könnte man denn auch sonst in dem Nebel für ein Zeichen geben? – Denn Nebel, und recht richtigen handfesten Nebel bekommen wir noch in dieser Nacht, darauf kannst Du Dich verlassen.«

»Meinetwegen – ich hoffe nur, die Burschen sind gleich bei der Hand, ehe sie hier an Bord etwas merken.«

»Sie werden doch – wenn aber auch nicht, so haben wir Zeit genug. – Laufen wir in dem Nebel auf den Sand, so ist gar kein Gedanke daran, vor morgen früh davon abzukommen, und Edgeworth ist auch klug genug, den Versuch nicht einmal zu machen.«

»Getraust Du Dich denn die Insel wirklich zu finden, wenn es sich ganz umziehen sollte?« frug Blackfoot jetzt besorgt und schaute ringsum auf die dünnen, milchigen Streifen, die mehr und mehr die Gestalt von kleinen rollenden Wolken annahmen. – »Hol' mich der Teufel, ich glaube wahrhaftig, es wäre besser, wir legten an, ehe wir am Ende vorbeitrieben.«

»Hab' keine Sorge,« lachte Bill, – »als ich das letzte [332] Mal herunterkam, – Ihr waret gerade in Vicksburg, – da konnte man den Nebel mit einem Messer schneiden, und ich fand den Platz, als ob es im hellsten Sonnenschein gewesen wäre. – Treff' ich die Sandbank wirklich nicht oben an der Insel, nun so nimmt mich die Strömung gerade auf die Zwischenhaut, und das wäre auch weiter kein Unglück, als daß wir nachher ein bischen Arbeit hätten, das Boot wieder flott und stromab zu bekommen. – Die Fracht können wir so nicht ganz gebrauchen.«

»Von wo fahren wir denn da ab?« frug Blackfoot, – »denn einen Anhaltepunkt müssen wir doch auf jeden Fall haben.«

»Ei ja wohl – gerade etwa zwei Meilen unter der Weideninsel liegt das Treibholz, das Du kennen wirst. Wenn wir nicht im Stande sind, das zu sehen, hören wir sein Rauschen eine halbe Stunde weit, und von dort an kann man nur durch unausgesetztes Rudern Einundsechzig, oder vielmehr unsern künstlich aufgeworfenen Damm vermeiden. – Im neuen Navigator steht er sogar schon angegeben als eine erst kürzlich durch sich selbst entstandene Sandbank.«

»Gut – sonach kommen wir also etwa gleich nach Dunkelwerden an die Insel; desto besser, dann ist die Geschichte bald abgemacht, und wir können ordentlich ausschlafen. Aber höre, Bill, wird uns der Lasse, der vorausgerudert ist, nicht etwa Verdrießlichkeiten machen? Wenn der das Boot nicht findet, schlägt er auf jeden Fall Lärm.«

»Dafür ist gesorgt,« lachte Bill, »ich habe schon meine Maßregeln danach getroffen. – Aber jetzt Ruhe – der Alte scheint aufmerksam auf uns zu werden. – Geh ein wenig nach vorn, und höre, was er so viel mit dem Weibe zu schwatzen hat – später wollen wir unsern Plan noch besser bereden. – Der Augenblick muß freilich zuletzt immer noch den Ausschlag geben.«

Und damit wandte er sich von ihm ab und arbeitete mit dem Steuer, den Bug ein klein wenig mehr gegen den Strom anzubringen.

Inmitten des Bootes, mehr jedoch nach vorn zu, standen [333] die Effecten der jungen Frau, und diese saß, der letzten Scene noch immer mit unheimlicher Angst gedenkend, auf dem einen Koffer, während ihre Sachen, unordentlich, wie sie die Ruderleute an Bord geworfen, um sie her lagen. Seit dem letzten Streite der rohen Bootsmänner, der das Interesse Aller erregt zu haben schien, kümmerte sich auch Niemand weiter um sie. Nur Wolf, des alten Edgeworth treuer Schweißhund, hatte sich, mitten in das Gepäck hinein, neben Mrs. Everett, und zwar seinen Kopf so auf ihren Fuß gelegt, als ob sie ganz alte liebe Bekannte wären; diese ließ das auch gern geschehen, hatte doch selbst eines Hundes Annäherung unter all' den fremden wilden Männern etwas Wohlthuendes und Beruhigendes für sie.

Edgeworth schritt endlich auf sie zu, setzte sich auf die neben ihr stehende große Kiste und sagte freundlich:

»Aengstigen Sie sich nicht, Madame – Bootsleute sind fast stets roh und derb, und einige der unseren vorzüglich, Ihre Fahrt wird aber bald beendet sein. – Wenn dieser Nebel nicht gar so bösartig werden sollte, hoff' ich, Victoria bald nach Abend zu erreichen. Wird es dunkel, so laß ich Ihnen hier oben von meinen Decken ein kleines Zelt aufschlagen, und da können Sie dann ganz ungestört schlafen, bis wir an Ort und Stelle die Taue auswerfen.«

»Sind Sie in Victoria bekannt, Sir?« frug Mrs. Everett jetzt, und heftete ihre großen thränenfeuchten Augen auf den alten Mann.

»Nein, Madame,« sagte der Greis und streichelte den Kopf seines wackeren Hundes, der sich jetzt an ihm aufrichtete, – »ich war nie in Victoria, habe aber den Platz oft erwähnen hören.«

»So sind Sie ganz fremd in dieser Gegend?« frug die Frau besorgt, – »mit dem Wasser und seinen tückischen Gefahren unbekannt, und fürchten nicht, in diesem Nebel an Sandbank oder Drift aufzulaufen?«

»Die Gefahr ist wohl nicht so groß, als Sie glauben,« erwiderte Edgeworth. – »Wir haben einen sehr guten Steuermann, [334] der den Fluß genau kennt, und nicht mehr weit zu fahren; der Mann, der meine Ladung gekauft hat, befindet sich ebenfalls an Bord und ist mit dem Strom vertraut, da glaub' ich wirklich nicht, daß viel zu fürchten ist.«

»Ach Gott, es verunglücken so viele Menschen auf diesem bösen Wasser!« seufzte die arme Frau.

»Ja wohl, Madame, ja wohl,« stimmte ihr mit wehmüthigem Kopfnicken der Alte bei, – »an diesem und den anderen westlichen Strömen Tausende – aber es giebt auch böse Menschen. Nicht der Strom allein reißt die zahlreichen Opfer in seine Tiefe.«

»So haben auch Sie schon von jenen Fürchterlichen gehört, die hier auf dem Mississippi ihr Wesen treiben sollen?« flüsterte Mrs. Everett erschreckt und ängstlich – »vielleicht wissen Sie etwas Näheres über ihr Bestehen?«

»Ich verstehe nicht recht, wen Sie meinen, Madame,« sagte Edgeworth.

»Sie haben in Helena gehört, daß mein Bräutigam vor kurzer Zeit im Fluß verunglückte?« frug die Frau dagegen.

»Ja, – Mrs. Smart sprach davon.«

»Man sagt, das Boot sei auf einen Snag gerannt.«

»Das ist wenigstens das Wahrscheinlichste. – Du lieber Gott, so mancher arme Bootsmann hat ja schon auf solche Art seinen Tod gefunden.«

»Ich glaube es nicht,« – flüsterte Mrs. Everett, – aber noch viel leiser als vorher.

»Was?« frug Edgeworth erstaunt.

»Daß Holk's Boot auf natürliche Weise untergegangen sei,« erwiderte die junge Frau, wie früher flüsternd, – »ich habe einen fürchterlichen Verdacht, und will eben nach Victoria ziehen, wo sich ein Bruder von mir, ein wackerer Advocat, niedergelassen hat. Der soll sehen, ob er die Thäter nicht aufspüren kann.«

»Wäre aber da nicht Holk's Sohn, der, wie ich höre, des Verstorbenen Land so schnell verauctioniren ließ, eine viel passendere Person gewesen?« meinte der alte Mann; »ich [335] weiß doch nicht, ob eineFrau im Stande sein sollte, gegen dieses Volk aufzutreten – wenn es nämlich wirklich existirte.«

»Holk hatte gar keinen Sohn,« fuhr Mrs. Everett noch eben so leise als früher fort. – »Mein Leben setze ich zum Pfande, daß jener Mann, der sich für seinen Sohn ausgab, ein falsches Spiel spielte. Ich habe oft – oft mit dem armen Holk über seine Familie gesprochen, und er verbarg mir nichts. Ach, wie manchmal hat er mir versichert, er stehe ganz allein in der Welt, und habe nur mich, auf die er sein künftiges Lebensglück baue. Hätte er den Sohn verleugnen sollen? Nie!«

»Hm!« murmelte Edgeworth und schaute eine ganze Weile sinnend vor sich nieder – er gedachte dessen, was ihm Smart noch vor seiner Abfahrt gesagt hatte. – Unwillkürlich schweifte dabei sein Blick nach den beiden Männern hinüber, die jetzt in sehr angelegentlichem Gespräch begriffen schienen, – »hm – ich wollte, Tom wäre hier. Weiß auch der Henker, weshalb ich den Jungen allein voranfahren ließ. Hör' einmal, Bob-Roy« – und er wandte sich damit zu Einem der Bootsleute, der ihm am nächsten stand, und zwar an denselben, der schon früher den Streit mit dem Steuermann gehabt, – »was hältst Du von dem Nebel? Du bist doch auch nicht das erste Mal auf dem Mississippi.«

»Ich halte davon, daß wir sobald als möglich irgendwo an Land laufen oder den Nothanker über Bord lassen,« sagte der Mann unwillig, – »hier so in den Nebel hineinzusegeln, ist wahre Tollkühnheit. – Wenn uns ein Dampfboot begegnet, sind wir verloren, und begegnet uns keins, so bleibt uns doch noch immer die ziemlich sichere Aussicht, irgendwo fest zu rennen. Wenn ich ein Boot zu befehligen hätte, so wüßte ich so viel, daß es bei solchem Nebel lieber Mississippisand als Mississippiwasser unter sich haben sollte – obgleich beides noch Manches zu wünschen übrig läßt.«

»Also Ihr meint, wenn der Nebel dichter würde, sollte ich beilegen?«

»Gewiß meine ich das, wenn Ihr mich denn einmal drum fragt,« sagte der Rudermann, »'s ist mir ohnedies ein [336] unheimliches Gefühl, so gar nicht zu sehen, wohin man fährt, und dann dem Burschen da –« und er wies rückwärts über die Schulter mit dem Daumen nach Bill hin – »anvertraut zu sein.«

Edgeworth folgte der Bewegung mit den Augen, brach aber jetzt, als Blackfoot langsam auf ihn zuschritt und bald darauf neben ihm Platz nahm, das Gespräch mit dem Mann ab.

»Es wird trüb'!« sagte der, während er dabei den Strom hinabdeutete, wo die Nebelmauer höher und höher zu steigen schien, – »es wird verdammt trüb'. – Wir können froh sein, daß wir einen so guten Lootsen an Bord haben.«

»Ja, ja,« erwiderte Edgeworth und blickte unruhig umher, »es sieht bös dort unten aus – dauern diese Mississippi-Nebel lange?«

»Sehr verschieden, Sir, – sehr verschieden – manchmal treibt sie ein leichter Abendwind wie gar nichts vor sich hin, manchmal aber liegen sie so zäh auf dem Strom, als ob sie von Gummi elasticum wären und immer weiter und weiter sich ausbreiteten, je mehr der Wind daran zerrte und zöge. – Wahrscheinlich wird's aber, wenn der Mond aufgeht, besser; jedenfalls können wir noch ein oder zwei Stündchen ruhig fortfahren, bis wir einmal in die Nähe von Dreiundsechzig kommen. – Dort pflegen die Boote gewöhnlich beizulegen.«

»So? Also nachher rathet Ihr mir selbst, das Boot irgendwo zu befestigen? Ich hatte Lust, schon früher anzulegen.«

»Nein, ja nicht!« rief Blackfoot – »wozu die schöne Zeit versäumen, wenn es nicht unumgänglich nöthig ist. Habt nur keine Angst, Sir, mir liegt, wie Ihr Euch denken könnt, die Wohlfahrt des Bootes jetzt ebenso am Herzen als Euch, und ich würde seine Sicherheit gewiß nicht unnütz oder leichtsinnig auf's Spiel setzen. – Ihr habt da eine stattliche Büchse – Kentucki-Fabrikat oder pennsylvanische?«

Edgeworth hatte seine Büchse noch zwischen zwei dort stehenden Fässern lehnen und griff jetzt hinüber, sie an sich [337] zu nehmen – jeder Jäger hört es gern, wenn seine Waffe gelobt wird.

»Ja,« sagte er, während er das gute Gewehr vor sich auf den Schoß legte, die Mündung jedoch vorsichtig dabei dem Wasser zu richtete – »es giebt wohl schwerlich ein besseres Stück Eisen in Onkel Sam's Staaten, als dieses alte, unansehnliche Ding hier. – Manchen Hirsch hab' ich damit umgelegt und manchen Bären dazu; auch gute Dienste gegen die Rothhäute hat sie schon geleistet und manchen heißen blutigen Tag gesehen.«

»Ihr möchtet sie wohl nicht gegen irgend ein anderes, wenigstens besser und zierlicher aussehendes Gewehr vertauschen?« warf hier der Fremde ein und hielt dem Alten seine eigene Büchse hin, die er noch nicht aus der Hand gelegt hatte. Es war ein herrliches, reich mit gravirtem Silber verziertes und beschlagenes Gewehr, mit damascirtem Lauf und wunderlichem Sicherheitsschloß versehen, wie es dem alten Jäger noch gar nicht vorgekommen.

»Hm,« sagte er und nahm die fremde Waffe fast unwillkürlich in Anschlag, – »das ist ein prachtvolles Stück Arbeit – liegt vortrefflich – ganz ausgezeichnet – gerade wie ich's gern habe – mit hellem Korn und nicht zu grobem Visir; muß viel Geld gekostet haben in den Staaten – sehr viel Geld. Schießt es gut?«

»Ich parire, auf sechzig Schritt aus freier Hand einen viertel Dollar achtmal, auch zehnmal zu treffen.«

»Ei nun, das wäre aller Ehren werth, – warum wollt Ihr's aber vertauschen?«

»Aufrichtig gesagt,« – meinte der Andere und blickte sinnend dabei vor sich nieder – »thut mir's weh, von der Büchse zu scheiden, dann aber auch wieder hab' ich mich fest entschlossen. – Sie kommt aus lieber Hand und erweckt dadurch nur zu oft recht bittere und schmerzliche Erinnerungen. – Ich gebe sie auf jeden Fall weg, und – wenn sie doch einmal in eines Fremden Hand kommen soll, so wäret Ihr gerade der Mann, dem ich sie wünschen könnte. Kommt, Ihr [338] findet mich gerade in der Stimmung und könnt einen guten Handel machen.«

»Ich wäre der Letzte, Vortheil aus der Stimmung eines Andern zu ziehen,« sagte der alte Jäger; »das aber bei Seite, so scheinen wir auch in einer andern Sache sehr verschiedener Ansicht zu sein. – Was Euch durch schmerzliche Erinnerung peinigt, macht es mir theuer, und ich möchte mich nicht um vieles Geld von dieser alten lieben Waffe trennen. Ich hatte einst einen Sohn, der sie zuerst führte – ich brachte sie ihm aus Kentucky mit – und der arme Junge – doch einerlei das. – Dies ist das einzige Andenken, was ich noch von ihm habe, und es soll bei mir ausharren in Freud' und Leid.«

»Also Ihr habt keine Lust zum Tausch?«

»Nicht die mindeste, und wenn Euer Gewehr so von Gold strotzte, als es jetzt von Silber thut.«

»Ach, Mr. Edgeworth, das Silber ist das Wenigste an einem guten Gewehr,« sagte der Händler, – »das wißt Ihr selber wohl besser, als ich es Euch sagen kann; der Werth liegt im Innern, und da habt Ihr denn wohl ganz Recht, wenn Euch das Eure, unscheinbare, genügt – das finde ich auch schon ohne irgend einen andern Grund, der es Euch noch werther machen könnte, natürlich. – Bitte, erlaubt mir einmal Euer Gewehr – – steht der Stempel des Fabrikanten nicht daran?«

»Ich weiß wirklich nicht,« sagte Edgeworth, – »ich habe nie danach gesehen. – Es bleibt sich auch ziemlich gleich, ob der Mann John oder Harry geheißen hat, wenn seine Arbeit nur gut war.«

»Ja, allerdings – aber ich bin mit mehreren Büchsenschmieden in Kentucky befreundet, und es wäre mir interessant, einen bekannten Namen hier zu finden.«

Er nahm bei diesen Worten die Büchse in die Hand und drehte sie langsam nach allen Seiten hin, betrachtete besonders aufmerksam den Lauf, an dem noch einige, wenngleich undeutliche Zeichen sichtbar waren, und öffnete endlich auch die Pfanne.

[339] »Gebt Acht – Ihr werdet mir das Pulver herunter schütten,« rief Edgeworth.

»Es scheint ohnedies vom Nebel feucht geworden zu sein,« erwiderte Blackfoot, »während er sein eigenes Pulverhorn hervorzog, – wir wollen anders darauf thun.«

Mit der linken Hand hielt er die Büchse, und die rechte, mit der er zugleich das Pulverhorn öffnete, bewahrte einen der kleinen, von Bill empfangenen Stifte. – Edgeworth wollte aber noch immer nicht den Blick von ihm wenden.

»Was habt Ihr für Pulver?« frug er den Fremden.

»Dumont'sches – natürlich,« – erwiderte Blackfoot, – »haltet einmal Eure Hand her – nun seht das Korn. – Ist das nicht herrliche Waare?«

Edgeworth prüfte das Pulver mit dem Finger, und in demselben Augenblick saß der Stift im Zündloch seiner eigenen Waffe – Blackfoot schüttelte gleich darauf frisches Pulver auf und schloß die Pfanne wieder.

»Ja, das Pulver ist gut,« sagte der Alte, während er er es noch mit der Zunge kostete, »reinlich und von gutem Geschmack – man bekommt's selten von der Art in Indiana. – Ich will mir auch ein Fäßchen davon mit hinaufnehmen – es steht schon auf meinem Zettel,« – und damit nahm er sein Gewehr wieder aus Blackfoot's Hand und stellte es neben sich. Mrs. Everett hatte dabei gesessen und nur manchmal und flüchtig den Blick zu den Männern erhoben.

»Hallo, Sir!« rief da plötzlich der Händler und zeigte auf die junge Frau, – »was ist denn mit der Lady – die wird ja plötzlich leichenblaß.«

»Um Gott, Mrs. Everett,« sagte Edgeworth aufspringend, – »fehlt Ihnen etwas? Sie sehen wahrlich ganz aschfarben aus.«

»Es wird schon vorübergehen,« flüsterte die junge Frau leise und hielt sich einen Augenblick ihr Tuch fest gegen die Augen gedrückt – »es war nur so ein Anfall – die Aufregung in Helena – der schnelle Wechsel – vielleicht auch die feuchte Flußluft –«

»Ja, ja,« sagte Edgeworth, – »die ist hauptsächlich daran [340] schuld, ich hätte das schon früher bedenken sollen. Aber warten Sie nur, ich hole Ihnen gleich die Decken herauf, und dann wollen wir schon ein ordentliches Lager für Sie herrichten; es giebt nichts Besseres, feuchte Luft abzuhalten, als wollene Decken.«

Und der alte Mann ergriff sein Gewehr und schritt, ohne weiter auf die Einwendungen der Frau zu achten, vorn zum Bug und dort eine kleine Treppe hinunter in den untern Raum. Von dort kehrte er auch bald mit drei großen Makinawdecken zurück, und ging nun mit Blackfoot's Hülfe emsig daran, eine Art Zelt herzustellen, unter dem sich Mrs. Everett ungesehen und ungestört der Ruhe überlassen konnte. Es ist dies eine Art Galanterie und Aufmerksamkeit für das weibliche Geschlecht, wie sie selbst der roheste Hinterwäldler fast instinktartig beweist, und jede Frau kann deshalb auch, ohne fürchten zu müssen, der geringsten Unannehmlichkeit ausgesetzt zu sein, die ganzen Vereinigten Staaten allein durchreisen. Sie wird in jedem Fremden, der durch Zufall ihr Begleiter geworden, einen bereitwilligen, aber fast selten oder nie benöthigten Schutz finden.

Mrs. Everett schien übrigens, so herzlich sie auch dem alten Mann für seine Güte dankte, dennoch keinen Gebrauch von derselben machen zu wollen, denn sie blieb unruhig an Deck und schien von jetzt an besonders aufmerksam die noch immer sorglos gelagerten Gestalten der Flußleute zu betrachten. Sie befanden sich auch alle oben; nur Einer von ihnen war unten im Raume beschäftigt, auf dem dort befindlichen Roste oder Kochofen das einfache Abendmahl der Mannschaft zu bereiten, und tauchte von dort manchmal mit glühend rothem Gesicht auf, um sich entweder abzukühlen, oder Holz von oben mit hinunter zu nehmen.

»Hallo – was für Land ist das da drüben?« sagte da plötzlich Edgeworth, als er auf einen im Nebel kaum erkennbaren, etwas dunkleren Streifen deutete, den sie zu ihrer Linken liegen ließ, »kann das wohl das Mississippi-Ufer sein?«

»Oh bewahre!« erwiderte ihm Blackfoot – »das muß [341] ja der Steuermann wissen. – Was für Land ist das, Sir?«

»Runde Weideninsel!« erwiderte Bill lakonisch und drückte den Bug etwas davon ab, denn er fürchtete selbst eine von dieser Insel auslaufende Sandbank, auf welcher ja auch das Dampfschiff Van Buren festgesessen hatte.

»Wie wär's denn, wenn wir hier eine Weile vor Anker gingen?« meinte Edgeworth, – »wenigstens so lange, bis sich der Nebel etwas verzogen hätte.«

»Geht nicht!« rief Bill ruhig dagegen. – »Wir können nicht bis an hundert Schritt von der Insel selbst kommen. – Der Sand läuft hier ein tüchtiges Stück in den Strom hinein – nehmt einmal das Senkblei!«

Edgeworth nahm die Leine, an welcher das Blei befestigt war, und warf dieses über Bord – Bill hatte Recht, der Strom war hier höchstens acht Fuß tief, und sie durften allerdings nicht wagen, näher hinan zu halten. Die Strömung lag aber – dem Navigator nach – von hier an rechts an der Insel vorüber dem Arkansasstaat zu, und drängte erst von dort aus, etwa vier bis fünf Meilen unterhalb, der Mitte des Stromes wieder zu. Nr. Einundsechzig lag, wie schon früher erwähnt, dreizehn englische Meilen unter der Weideninsel.

Durch den Nebel noch beschleunigt, fing es jetzt recht ernstlich an dunkel zu werden, und der alte Farmer schüttelte gar bedenklich den Kopf, als selbst die letzten bis dahin fast noch immer sichtbar gebliebenen Wipfel der nächsten Uferbäume verschwanden. Sie trieben ja auch nun, fast auf gut Glück und ohne den leisesten Halt von irgend einer Seite aus, stromab und, wie er recht gut wußte, zwischen unzähligen Gefahren hin. Er stand vorn auf dem Bug und lauschte auch dem unbedeutendsten Geräusch, ob er nicht das Brechen der Wasser an irgend einer Drift, oder das Wehen der vielleicht nahen Uferbäume hören könne. Aber Alles lag ruhig und still, kein Laut ließ sich vernehmen, die ganze Natur schien wie ausgestorben, und selbst der Wind, der noch früher den Nebel einigermaßen zertheilt hatte, mußte gänzlich eingeschlafen sein, denn die Dünste lagen wie ein graues Leichentuch fest [342] und unbeweglich auf dem Strome, und müde und träumend schwamm das schläfrige Boot auf seiner mattblinkenden Fläche.

Eine halbe Stunde mochte auf diese Weise verflossen sein, und Edgeworth war oft ungeduldig zum Steuermann gegangen, um mit diesem eine mögliche Gefahr zu bereden, dann wieder mit raschen Schritten auf dem runden Verdeck hin und her gelaufen – unschlüssig, was er thun, ob er seinem Lootsen folgen, oder selber handeln solle, wie er es für gut finde, das heißt augenblicklich zum nächsten rechten Ufer rudern und dort anlegen, bis sich der Nebel verziehen möchte. Blackfoot hatte sich indessen fast immer an seiner Seite gehalten, um jeden möglicher Weise in ihm aufsteigenden Verdacht abzulenken. Jetzt aber, da sie sich mehr und mehr dem verhängnißvollen Punkt näherten, war noch so Manches, was er mit dem Verbündeten zu besprechen wünschte, und er zog sich nach und nach dem Steuer wieder zu, wobei er zuerst eine Zeit lang in Bill's Nähe auf- und abging, ohne ein Wort an diesen zu richten. Endlich that er einige laute Fragen über den Fluß in dieser Gegend und knüpfte zuletzt ein leiseres, dem Ohr des entfernter Stehenden unverständliches Gespräch mit dem Steuermann an.

Mrs. Everett hatte sich erst in ganz letzter Zeit in ihr hergerichtetes Zelt zurückgezogen, oft aber den Vorhang gelüftet, der es verschloß, und jenen Theil des Verdecks mit ihren Augen überflogen, auf dem sich Mr. Edgeworth befand. Jetzt, da sie ihn zum ersten Mal auf kurze Minuten allein und ungestört sah, verließ sie ihr Lager wieder und schritt – mit flüchtigem Blick sich überzeugend, daß Keiner der übrigen Männer in der Nähe sei, auf ihn zu.

»Ach, Madame,« sagte der alte Mann, als er ihren Tritt hörte und sich nach ihr umwandte, »Sie sind auch noch munter? Ja, ja, man hat keine Ruh', wenn man nicht weiß, wo man ist, und Gefahren jeden Augenblick erwarten kann, ohne im Stande zu sein, sie zu sehen. – Geht mir's doch selbst nicht besser.«

»Ich fürchte nicht die Gefahren, die uns der Fluß selber entgegenstellt,« flüsterte jetzt Mrs. Everett rasch und sah sich [343] scheu nach den Männern am Steuer um – »Ihnen – vielleicht uns Allen droht etwas Schlimmeres, und gebe nur Gott, daß es noch Zeit ist, es zu vermeiden.«

»Was haben Sie, Mrs. Everett!« sagte Edgeworth erstaunt – »Sie scheinen ja ganz aufgeregt – wasfürchten Sie?«

»Alles,« sagte die Frau, aber immer noch mit unterdrückter Stimme – »Alles, sobald Sie nicht der Treue Ihrer Leute gewiß sind.«

»Aber ich begreife nicht –«

»Wo haben Sie Ihre Büchse?«

»Unten an meinem Bett.«

»Gehen Sie hinab und untersuchen Sie das Schloß!«

»Das Schloß?«

»Zögern Sie keinen Augenblick, der nächste kann unser Aller Verderben besiegeln.«

»Aber was fürchten Sie denn? Was ist mit dem Schloß meiner Büchse?«

»Sie gaben es vorhin in die Hand jenes Mannes – ich selber aber, im Walde auferzogen und oft gezwungen, die Schußwaffe zu führen, wenn Everett Tage und Wochen lang auf der Jagd blieb, warf fast zufällig den Blick auf jenen Menschen, als er aus seinem eigenen Horn Pulver auf die Pfanne schüttete. Wäre mir der Gebrauch jener Waffe fremd, so hätte ich nichts Auffallendes in seinem Benehmen finden können – er trug etwas Spitzes in der Hand und öffnete scheinbar damit das Zündloch, aber der lauernde Blick, den er dabei auf Sie warf, machte mich zuerst stutzig – ich lehnte den Kopf in die Hand und behielt, ohne daß er mein Gesicht sehen konnte, seine Hand im Auge. Wohl drehte er sich, während Sie sein Pulver prüften, so weit von Ihnen ab, daß sein eigener Arm das Schloß verdeckte, deutlich aber erkannte ich, wie er irgend etwas, ob Holz oder Nagel weiß ich nicht, in das Zündloch drückte, und seine Hand zitterte, als er gleich darauf wieder Pulver auf die Pfanne schüttete – ich sah, wie das Pulver reichlich an Deck hinabfiel. So übermannte mich bei dieser Wahrnehmung Angst und Schreck, daß mir das [344] Blut stockte und ich beinahe ohnmächtig an Deck niedergesunken wäre. Seit der Zeit war es mir aber nicht möglich, Ihnen auch nur eine Minute lang unbemerkt meinen Verdacht mitzutheilen, und ich fürchte nur, es ist fast zu spät, dem zu begegnen, was Jene Schreckliches beabsichtigen mögen.«

Edgeworth stand mehrere Minuten lang in tiefem Nachdenken versunken und starrte schweigend in den sein Boot jetzt dicht und undurchdringlich umgebenden Nebel hinaus – endlich sagte er, während er sich langsam gegen die Frau umwandte:

»Gehen Sie ruhig wieder in Ihr Zelt, meine gute Mrs. Everett – ich danke Ihnen für Ihre Mittheilungen, wir dürfen aber für den Augenblick noch Jene nicht merken lassen, daß wir irgend Verdacht geschöpft haben. Ich durchschaue jetzt Alles, oh, daß Tom doch hier wäre! Doch – es wird auch ohne ihn gehen, ich will nur gleich unten nach meiner Büchse sehen und sie wieder in Stand setzen. – Fürchten Sie aber nichts – meine Indiana-Männer sind treu wie Gold.«

Er schritt langsam dem vordern Theil des Fahrzeugs zu, wohin die Bootsleute einige der Kisten geschafft hatten, damit sie beim Rudern nicht im Wege wären, und wo sich auch der alleinige Eingang in das untere Deck und zu den Schlafstellen der Männer befand. Dieser bestand in einem viereckig ausgeschnittenen und nur drittehalb Fuß im Durchmesser haltenden Loche, in dem eine kurze Leiter lehnte. Er stieg hinab und verschwand gleich darauf im untern Raum.

25. Das Flatboot legt bei. - Der Piraten List

25.

Das Flatboot legt bei. – Der Piraten List.

Der Nebel hatte sich, während die Schildkröte mit der reißenden Strömung rasch hinabtrieb, mehr und mehr verdichtet. Die [345] nur kurze Strecke vom Boot entfernten Stücken Floßholz ließen sich kaum noch erkennen, und an eine Bestimmung des Ufers war längst nicht mehr zu denken. Blackfoot, der den Strom nicht so genau kannte wie sein Kamerad, fing denn auch bald an unruhig zu werden, blickte oft forschend nach allen Seiten hinaus, und wandte sich endlich mit etwas ängstlicher und bedenklicher Miene an den Steuermann.

»Höre einmal, Bill,« sagte er, »die Sache fängt an verdammt unklar zu werden. Bist Du auch sicher und Deiner Sache gewiß, daß Du die Insel findest? Bedenke wohl, die Strömung ist jetzt, durch das steigende Wasser, selbst viel stärker geworden, und ich bin fest überzeugt, sie würde einen Gegenstand, den sie früher vom Arkansas-Ufer aus gerade auf unsere Sandbank warf, wie die Sache jetzt steht, weit darüber hinweg führen.«

»Darin magst Du Recht haben,« erwiderte, mit dem Kopfe nickend, Bill: »Du weißt aber auch, daß unsere Insel ein paar Meilen lang ist und wir, fast die ganze Strecke daran hin, das Brechen des Wassers gegen die in den Strom geworfenen Baumstämme hören können. Leicht wird es dann sein, die Bootsleute zum Anlegen zu bewegen, denn es fängt ihnen allen schon jetzt an unheimlich auf dem Wasser zu werden. Wenn's nicht dasselbe mit mir wäre, wollte ich sagen, es gäbe Ahnungen.«

»Hm – ja, das möchte gehen – haben wir noch weit bis zur Landspitze?«

»Meiner Berechnung nach kann's keine halbe Meile mehr sein – geh aber indessen einmal vorn auf's Boot und horch' ein wenig aus, ob Du das Rauschen noch nicht hören kannst. Halt, noch Eins – bist Du auch sicher, daß des Alten Büchse von der Pfanne blitzt?«

»Haha« – lachte der dunkle Geselle höhnisch, »das war ein verdammt guter Einfall – der kann schnappen, bis ihn der Finger schmerzt. Vielleicht war es aber gar nicht nöthig, er hat das alte Schießeisen heruntergetragen, damit ihm das Pulver nicht feuchtet, und da unten wird's denn auch wohl liegen, wenn er sich's hier an Deck wünschen soll.«

Still und höhnisch vor sich hin lächelnd schritt der Pirat [346] nach vorn und traf hier Mrs. Everett, die noch immer mit gefalteten Händen und gesenktem Haupt auf einer ihrer Kisten saß, und sich nicht entschließen konnte, den freien Raum zu verlassen. Ihre ganze Gestalt zitterte und bebte, als sie der schlauen List der Fremden dachte, die auf Fürchterliches schließen ließ.

»Nun, meine junge Lady,« sagte der Händler, als er neben ihr stehen blieb und in das bleiche, rasch und erschreckt zu ihm aufgehobene Antlitz des jungen Weibes sah – »noch immer die Scene mit der Dame nicht verschmerzt? Hahaha! Mrs. Breidelford ist ein wenig oben hinaus, wenn sie sich in ihren Rechten gekränkt glaubt – was war denn eigentlich vorgefallen?«

»Gott weiß es,« stöhnte die Arme und zwang sich gewaltsam, gefaßt zu bleiben – »irgend ein Mißverständniß wahrscheinlich. – Ich bin ihr nie zu nahe getreten, ja habe früher nie ein Wort mit ihr gewechselt, noch ihre Schwelle je überschritten.«

»Wunderlicher Kauz das, diese Mrs. Breidelford,« lachte Blackfoot – »sehr wunderlicher Kauz – aber seelensgut, wo 'was zu verdienen ist – aufopfernd für Freunde, wo sie Nutzen erwartet – uneigennützig wie Keine, wenn sie Alles hat, was sie will – und nützlich – Sie glauben gar nicht wie nützlich, Mrs. Everett. – Eine sehr vortreffliche Frau, diese Mrs. Breidelford.« –

Der Mann war augenscheinlich in äußerst guter Laune, denn er schritt lachend bis an den Vordertheil vor, und blieb hier, auf die Vorfinne gelehnt, jetzt aber mit nicht zu verkennender Aufmerksamkeit lauschend, stehen. Er hörte gar nicht, wie Edgeworth wieder in diesem Augenblick, von dem langen Hosier gefolgt, die Leiter heraufkam. – Die übrigen Leute waren kurz vorher in den Raum hinabgestiegen.

»Hallo, Sir,« sagte Blackfoot plötzlich, als er sich umwandte und den alten Mann mit der Büchse neben sich stehen sah – »wollt Ihr Nebelkrähen schießen? Ich hatte eben Lust, mein Gewehr hinunter in's Trockene zu tragen, und Ihr bringt das Eurige wieder herauf?«

[347] »Eine alte Angewohnheit,« sagte der Jäger – »ich kann nicht gut ohne die Büchse sein, und da ich die Nacht an Deck schlafen will, soll sie wenigstens neben mir liegen. Meine Pfanne schließt ausgezeichnet, und das Pulver, was Ihr mir aufgeschüttet habt, wird sich ja wohl trocken halten.«

»Ei gewiß, aber ich würde Euch nicht rathen, oben zu schlafen, die Nässe dringt förmlich durch, und in Euren Jahren –«

»Schadet nichts – bin's gewohnt, und habe schon manchmal in Sturm und Regen draußen gelegen. Aber komm, Bob Roy,« – wandte er sich dann an den Hosier – »ruf einmal die Anderen auch herauf – ich denke, wir legen lieber bei – ich mag nicht länger in dem Nebel herumfahren!«

»Beilegen jetzt?« sagte Blackfoot rasch – »das ist noch zu früh – Bill meint, es hätte jetzt noch gar keine Gefahr.«

»Ich will aber auch nicht warten, bis Bill meint, daß es wirklich Gefahr hätte,« erwiderte Edgeworth. »Ob wir nun noch ein paar Meilen weiter fahren, oder jetzt anhalten, das wird sich in der Zeit ziemlich gleich bleiben. – Da drüben hör' ich die Schläge einer Axt, und zwar gar nicht weit entfernt, dort muß also auch Land sein, und da wollen wir denn nicht warten, bis uns die Strömung wieder mitten in den Fluß hineinnimmt. Von dort an fahr' ich auch nicht eher wieder ab, bis es nicht heller lichter Tag geworden und der Nebel gewichen ist.«

Die Bootsleute kamen jetzt rasch an Deck, machten die Finnen frei und stellten sich bereit, sobald das Steuerruder gerichtet wäre, einzufallen. Bill aber, der von seinem Platz aus die ganze Bewegung mit keineswegs freudigem Staunen beobachtet hatte, rief jetzt ärgerlich aus:

»Ei! Zum Donnerwetter, – wer hat Euch denn gesagt, daß Ihr rudern sollt? Ihr wollt wohl auf irgend einen Snag mit aller nur möglichen Gewalt auflaufen?«

»Nein, Bill,« sagte Edgeworth, stellte seine Büchse an das Zelt, neben dem Wolf noch immer lagerte, und ging auf ihn zu – »wir wollen dort drüben, wo Ihr noch jetzt die Axt [348] hören könnt, anlegen, bis sich der Nebel verzogen hat. Haltet ein bischen hinüber –«

»Unsinn,« brummte der Steuermann – »das Ufer dort drüben starrt vor lauter Snags und Sawyers – wenn wir nicht ganz genau den Landungsplatz treffen, so laufen wir so sicher auf, wie wir jetzt gutes Fahrwasser unter dem Rumpfe haben. Legt die Finnen wieder hoch und wartet noch ein paar Stunden – am Fuß von Zweiundsechzig ist ein trefflicher Landungsplatz, und ich glaube auch, wir können am östlichen Ufer von Einundsechzig ohne Gefahr eine Stelle erreichen, wo wir im Stande sind, die Taue zu befestigen.«

»Schadet nichts, Bill,« sagte der alte Mann ruhig, »haltet nur nach Arkansas hinüber, ich will lieber ein bischen zu vorsichtig sein, als nachher Boot und Ladung einbüßen.«

»Aber ich sage Euch, Sir!« fiel Blackfoot hier etwas ärgerlich ein – »wir dürfen die schöne Zeit nicht noch länger nutzlos versäumen. – Ich muß die Ladung morgen früh mit Tagesanbruch in Victoria haben, wenn ich sie überhaupt gebrauchen kann.«

»Ei, Sir, von muß darf hier gar keine Rede sein,« erwiderte Edgeworth ernst. »Wenn es übrigens blos die Ladung wäre, so möchte es noch angehen, ich würde sagen, laßt's uns riskiren, geschähe ein Unglück, so wäre weiter nichts als Geld verloren, aber hier stehen auch Leben auf dem Spiel. Wir haben nicht einmal die Jolle am Boot, um uns bei irgend einem Zufall hinein zu flüchten – die Dame hier hat mir ebenfalls Alles anvertraut, was sie noch auf dieser Welt besitzt, und wir müssen deshalb vorsichtig, ja vielleicht vorsichtiger sein, als es sonst nöthig wäre.«

»Aber mir nützt die Ladung nicht einen Cent, wenn ich sie nicht –«

»Ei, so laßt sie in Gottes Namen mir,« erwiderte Edgeworth kaltblütig. – »Liefere ich Euch die Güter nicht zur bestimmten Zeit nach Victoria, so seid Ihr an nichts gebunden; die Waaren sind doch deshalb nicht schlechter geworden, daß schon Jemand darauf geboten. Haltet hinüber, Bill, oder wir treiben wieder vorbei.«

[349] Blackfoot stampfte ärgerlich mit dem Fuße, Bill aber, der wenige Secunden unschlüssig dagestanden, schien sich jetzt eines Besseren besonnen zu haben, hob rasch das Ruder, drückte es nach Larbord hinüber und ließ den Bug langsam gegen die Richtung zu anluven, von wo aus die regelmäßigen Schläge der Axt noch immer herübertönten. Die Ruderleute legten sich dabei scharf hinter die Finnen, denn sie wußten doch nun einmal wieder, nach welcher Richtung zu es eigentlich ging, und langsam strebte der breite Bug, ein klein wenig nach oben gehalten, quer durch die Strömung, daß sich die Wasser leicht an seiner Starbordseite kräuselten. Einzelne niedertreibende Stämme und Holzstücke legten sich dabei nicht selten gegen die mächtige Flanke des Bootes, so daß sie dieses, wenn der Andrang und das Gewicht solcher Holzmassen zu schwer wurde, völlig stromauf halten mußten, um jene Anhängsel abwerfen zu können.

»Aber sag' einmal, Bill, bist Du denn ganz des Teufels, daß Du diesem alten Seehund gehorchst?« zürnte Blackfoot, als er, während die Leute eifrig mit ihrer Arbeit beschäftigt waren, zu dem Kameraden an's Steuer getreten war. »Wenn wir jetzt anlegen und bis Tagesanbruch hier liegen bleiben, so ist Zehn gegen Eins zu wetten, daß unser schöner Plan zu Wasser wird. – Der Nebel geht dann allerdings fort, aber wir haben helles Tageslicht und müssen gewärtig sein, daß uns vorbeitreibende Flatboote oder Dampfboote die Ausführung unserer Absicht total vereiteln.«

»Bist Du nun fertig?« grollte der Steuermann, während er das Boot eben wieder gerade stromauf hielt – »Avast da mit den Starbordrudern – so – das thut's – nun wieder ein!« Die laut gerufene Rede galt den Bootsleuten, die solchem Befehl auch willig gehorchten. »Willst Du Dich jetzt widersetzen?« fuhr dann Bill nach kurzer Zeit mit gedämpfter Stimme fort – »wo wir Zwei gegen die Ueberzahl nicht allein nichts ausrichten könnten, sondern uns selbst noch muthwillig in die größte Gefahr stürzten? Willst Du jetzt einen Verdacht erwecken, der jenen Burschen dann gleich von vornherein gegen uns mißtrauisch machen müßte?«

[350] »Aber wie, zum Henker –«

»Bist doch sonst nicht so auf den Kopf gefallen,« höhnte der Steuermann, ohne die Einrede zu beachten – »so nimm die fünf Sinne auch jetzt ein bischen zusammen, und laß ihnen für den Augenblick den Willen – Du hast den Alten durch Dein tolles Dazwischenfahren ohnedies schon stutzig gemacht. – In zwei Stunden, von hier aus, treiben wir hinunter an Ort und Stelle. Haben sie aber jetzt ihr Boot befestigt, und finden sie, daß wir ebenfalls damit einverstanden sind, so legen sie sich ruhig auf's Ohr, und es ist dann nichts leichter, als das Tau sachte zu lösen oder durchzuschneiden, das uns an's Ufer befestigt hält. Merken sie's nicht, so erwachen sie, wenn sie eben so gut hätten bis in die Ewigkeit fortschlafen können, und sehen sie's vor der Zeit, ei, dann haben wir einen kleinen Tanz zu bestehen, aber ändern können sie nachher nichts mehr an der Sache, noch dazu, da der Alte nicht einmal einen Compaß bei sich führt und des Nebels wegen ruhig wird stromab treiben müssen

»Das ist eine gefährliche Sache,« sagte Blackfoot mürrisch – »Gift und Klapperschlangen, wenn die verwünschten Hosiers nur noch eine Stunde gewartet hätten. Da muß aber jener vermaledeite Holzhacker da drüben noch bis in die späte Nacht hinein an seinem Holze herumschlagen, und richtig, die alte Landratte hört kaum die bekannten Laute, da segelt sie auch schon mit vollen Backen darauf los – hol' sie der Böse!«

»Steht bei dem Springtau!« rief Bill jetzt, seinen Gefährten nicht weiter beachtend, laut den Bootsleuten zu – als plötzlich vor ihnen die dämmernden Schatten der Uferbäume sichtbar wurden. Edgeworth stand vorn am äußersten Ende des Bugs und suchte mit den Augen die Dunkelheit zu durchdringen, denn er fürchtete nicht mit Unrecht die in der Nähe des Landes stets häufigen Snags. Dicht unterhalb tauchten da plötzlich die weitgespreizten weißen Arme einer erst kürzlich stromeingestürzten Sykomore auf, und gleich unter dieser zog sich – das konnten sie deutlich erkennen – der Strom wieder scharf nach Westen hinüber. Diese Spitze einmal passirt, so konnten sie nur durch gewaltiges Rudern, und vielleicht selbst dann[351] nicht, das Ufer wieder gewinnen, da die Strömung von hier aus mit ungeheurer Kraft zur Mitte zurückschoß.

»Hurrah,« jubelte Blackfoot mit unterdrückter Stimme – »die Sache geht besser, als ich dachte – ich glaubte noch gar nicht, daß wir der Spitze so nahe wären. Jetzt sollen sie's wohl bleiben lassen, das Land zu erreichen, und sind wir nur erst einmal wieder so weit ab, daß uns der Nebel umgiebt, dann brauchst Du den Bug nur ein klein wenig weiter nieder zu halten, und wir treffen die westliche Sandbank unserer Insel nach Herzenslust.«

Bill erkannte gleichfalls, wie ihr Plan hier ganz unerwarteter Weise durch Ufer und Strömung begünstigt wurde, und wollte eben den Bug wieder abfallen lassen, damit sie an den starren Aesten der Sykomore vorbeitrieben, Bob Roy aber, der mit dem Springtau vorn am Bug stand und diese Bewegung von vornherein beobachtet hatte, schrie ihm wild zu:

»Port, Sir – hart an Port – verdamm' Euch! Wollt Ihr unsere ganze Arbeit zu Schanden machen?«

»Geht zum Teufel!« fluchte Bill und hob das Ruder nach der entgegengesetzten Seite, Edgeworth aber sprang rasch nach dem vorn eingefügten Stiershorn und riß es nach der Larbord-Seite hinüber. Bill schien nicht übel Lust zu haben, sich dem zu widersetzen, Blackfoot war aber nach vorn zu gegangen, um wahrscheinlich zu sehen, was Bob Roy eigentlich mit dem Springtau wolle, und die Ruderleute hatten sämmtlich ihre Finnen herausgehoben und, zum Wiedereinsetzen bereit, zurückgetragen, was die Hintersten bis dicht an den alten Mann brachte. Die Uebermacht war unstreitig gegen ihn und er fügte sich. Seine Aufmerksamkeit wurde übrigens in diesem Augenblick ebenfalls nach vorn gelenkt, denn Bob Roy's sonore Stimme rief aus:

»Steht bei hier – Boys – steht bei – nehmt das Tau – ahoi!« und ehe nur irgend Einer recht begreifen konnte, was er eigentlich meine, denn er rief gerade, als ob er Jemandem, der draußen stände, das Tau zuwerfen wolle, schleuderte er es mit kräftigem Wurf über den alten Sykomore-Stamm [352] hinüber und folgte dann mit Blitzesschnelle dem vorangesandten.

Alles drängte sich jetzt nach vorn, das Resultat eines solchen Wagstücks zu sehen, denn das Boot trieb rasch vorüber, und gelang es ihm nicht, in wenigen Secunden das Tau so zu befestigen, daß es dem ganzen ungeheuren Druck des schweren Bootes widerstehen konnte, so war Zehn gegen Eins zu wetten, daß es ihn selbst in die Fluth hinabriß, wo sein Untergang zwischen den starren, knorrigen Aesten der Sykomore ziemlich gewiß war. Bob Roy hatte das Ganze aber keineswegs unternommen, ohne sich ziemlich sicher in der Ausführung zu fühlen. Kaum erfaßte er einen der gerade emporragenden Zweige, als er auch mit der Gewandtheit in solchen Sachen geübter Matrosen das Tau um einen starken Ast schlug, und das ziemlich kurze Ende einmal durchzog und befestigte. Den zweiten, sichern Halt war er noch nicht im Stande ihm zu geben, als sich plötzlich das starke Tau straffte, etwa zwei Fuß auf der schlüpfrig- nassen Rinde fortglitt, und dann, als es in anderen Aesten Widerstand fand, mit fürchterlichem Ruck vom Gewicht des ganzen Bootes gezogen, den zitternden Stamm aus seinen Fugen zu reißen drohte.

Der alte Baum saß aber gar ingrimmig fest in seinem schlammigen Bett und war nicht so leicht zu überreden, den lange behaupteten Platz zu verlassen; – er wich und wankte nicht, aber der blattlose Wipfel wurde durch den Anzug tief hinein in den Strom gerissen, und ein Schrei der Angst rang sich gewaltsam aus der Brust der sonst gerade nicht sehr empfindsamen Bootsleute, als plötzlich, im entscheidenden Moment, der ganze weitästige Baum mit dem fest daran geklammerten Kameraden in der gelben, sprudelnd aufgähnenden Fluth verschwand.

Es war aber auch nur ein Augenblick, denn gleich darauf tauchten wieder einzelne Spitzen aus der kochenden Stromfläche empor, und während das tolle Anschäumen der Wasser, gegen den breiten Bug des Flaatboots, und das rasche Herumschwenken seines Sterns verrieth, wie es wirklich und glücklich von dem so keck befestigten Tau gehalten werde, kam auch das nasse, [353] von langem braunen Haar umklebte Gesicht des Bootsmannes wieder zum Vorschein. Der aber öffnete die Augen nur eben weit genug, um den Ort zu erkennen, wo das Tau saß, ergriff dieses rasch, den angefangenen Knoten erst noch fester durch ein zweites Umschlagen zu schürzen, und arbeitete sich dann an dem straffgespannten Tau so schnell als möglich zum Boot zurück. Er fürchtete nämlich nicht mit Unrecht, durch den hier wirbelnden und reißenden Strom unter das Boot gezogen zu werden, wenn er es mit Schwimmen erreichen wollte, denn die Anziehungskraft solcher flachen »Bottoms« ist ungemein stark und äußerst gefährlich.

Aller Arme streckten sich ihm hier entgegen, und während ihm noch ein Theil vollends heraufhalf, bemühte sich der andere, das Tau auch an Bord ordentlich und sicher zu befestigen. Das Ganze aber hatte kaum so viele Secunden gedauert, als ich hier Minuten Zeit zum Erzählen brauchte, und noch standen die Männer, über die Tollkühnheit des Kameraden plaudernd, zusammen, als auch dieser schon wieder in trockenen Kleidern oben erschien und sich behaglich auf seine dort ausgebreitete Decke streckte. Das Abendessen, das vorher durch den schnellen Aufruf zum Rudern unterbrochen war, wurde jetzt beendet, wobei der Whiskybecher fleißig im Kreise herumging, und die Mannschaft schien sich überhaupt, mit der solchen Leuten eigenen Sorglosigkeit, ungestörtem Frohsinn hinzugeben. War ja doch für den Augenblick jede Gefahr und Ungewißheit beseitigt, und ihr Boot lag sicher und ruhig vor starkem Tau. Brach sich mit der Morgendämmerung dann der Nebel, so konnten sie ruhig und bequem stromab treiben und ihre Fahrt beenden.

Mürrisch ging Blackfoot indessen an Deck auf und ab, während sich Bill dagegen den Zechenden an schloß, und in bester Laune von der Welt mit dem jetzigen Beilegen des Bootes vollkommen einverstanden schien. Edgeworth hielt sich von seinen Leuten etwas abgesondert, und sprach nur einmal, als er an ihm vorüberging, einige Worte mit Bob Roy, während sich Mrs. Everett in ihr Zelt zurückzog und dort Gott in heißbrünstigen Gebeten anflehte, sie Alle aus einer Gefahr [354] zu retten, die um so peinlicher und fürchterlicher war, da sie ihren Umfang wie ihre Nähe nicht einmal kannten.

Nach und nach wurde es ruhiger an Deck – die Leute waren meistens in ihre Schlafkojen hinabgegangen. Nur Blackfoot und der Steuermann lagen, dieser am Steuer, der Andere dem Vordertheil des Bootes näher, wo das Springtau an Bord befestigt war, und zwar mit seinem Kopf auf dem Coil desselben. Edgeworth hatte sich gleichfalls mehr nach vorn, aber dicht an dem dort aufgeschichteten Gepäck ein Lager gesucht, neben dem auch Wolf, dicht zusammengerollt, schlief und träumte.

Obgleich Edgeworth aber still und regungslos dalag, so schlief er doch keineswegs, und horchte vielmehr mit durch innere Aufregung noch mehr geschärften Sinnen selbst dem leisesten Geräusch, das ihn umgab. Das heute Erlebte ließ ihn nicht ruhen, und er konnte auch kaum noch einen Zweifel hegen, daß jene beiden Männer, sein Steuermann und der fremde Händler, ein Einverständniß, und zwar zu unrechtlichen, ja vielleicht gar gewaltthätigen Zwecken mitsammen hatten. Den in sein Zündloch geschobenen Stift hatte er richtig gefunden, und einen Grundmußte der Fremde gehabt haben, seine Waffe unbrauchbar zu machen. Was es aber auch sei, er fürchtete es nicht, und es lag ihm jetzt fast eben so viel daran, ihre Pläne zu ergründen und zu nichte zu machen, als die Schuldigen zu gleicher Zeit zu ergreifen und der strafenden Gerechtigkeit zu überliefern.

Mehrere Stunden waren so verflossen und dunkle, rabenschwarze Nacht lag auf dem Strom. – Lautloses Schweigen herrschte, und nur das Wasser schäumte und rauschte um die emporragende Aeste der Sykomore und gegen den breiten Bug des Flatbootes an. Oben vom Himmel aber, doch nur gerade über ihren Häuptern, denn, der Nebel erlaubte ihnen nicht in schräger Richtung seine finsteren, undurchsichtigen Massen zu durchdringen, blitzten einzelne Sterne wie aus mattem Schleier hernieder, und vom nicht fernen Ufer trug dann und wann ein starker Luftzug das Quacken der Frösche und den einsamen Ruf des Whip-poor-will herüber. Es war [355] eine stille, aber unfreundliche Nacht auf dem gewaltigen Strom. – Die ungesunden Dünste der Niederung rollten in immer dichteren Massen hervor und mischten sich mit dem zähen Nebel des Mississippi, und wenn der Himmel auch klar und heiter darüber ausgespannt blieb, so fiel doch ein häßlicher feuchter Schwaden nieder und durchnäßte die ihm Ausgesetzten fast stärker, als es ein derber, aber schnell vorübergehender Regen gethan haben würde.

Bill, der schon seit einigen Minuten mehrmals den Kopf erhoben und über das ruhige Boot hingehorcht hatte, warf jetzt seine Decke von sich und stand leise auf. Nichts regte sich, und die ausgestreckten Gestalten Blackfoot's und des Alten waren das Einzige, was seinem Blick begegnete. Leise und vorsichtig schritt er dem Bug zu und lauschte hier mehrere Minuten aufmerksam irgend einem entfernten Geräusch. – Er kannte es gut genug, es war das Schäumen der Wasser an der gar nicht weit mehr entfernten Drift. Trieb das Boot von hier fort, so führte es die Strömung unrettbar gegen den künstlich gebildeten Damm von Einundsechzig, wo es, wenn die Ruder nicht scharf dawider anarbeiteten, auf jeden Fall festrennen mußte.

Nur Eins blieb zu fürchten – der Ruck, den das Boot that, sobald es sich in solcher Strömung von seinem Tau befreite oder plötzlich von ihm getrennt wurde, mußte fast die Schläfer erwecken, die überhaupt auf längeren Reisen eine Art gemeinsames Leben mit ihrem Fahrzeug zu haben scheinen und fast jeden Stoß, jede unregelmäßige Bewegung desselben so genau fühlen, als ob die Einwirkung unmittelbar auf sie selbst geschähe. Fanden sie dann das Tau durchschnitten, so war ein Verdacht unvermeidlich, und die Folgen konnten für sie Beide gefährlich werden. Außerdem blieb es auch ziemlich wahrscheinlich daß sich die Hosiers in diesem Falle aus Leibeskräften in die Finnen legen würden, um ihr Fahrzeug, so lange sie noch wußten, auf welcher Seite das nächste Land eigentlich lag, auch in der im Navigator angegebenen Strömung zu halten.

[356] »Ist es Zeit?« frug jetzt Blackfoot, der dicht neben ihm lag und vorsichtig den Kopf hob.

»Ja,« sagte Bill leise – »aber ich weiß nicht –« er sah auf den Kameraden nieder und bemerkte, wie dieser, ohne weiter eine Erklärung seiner Absicht zu geben, den Arm ausstreckte, so daß seine Hand auf das fest und stramm angespannte Tau zu liegen kam; im nächsten Moment vernahm das scharfe Ohr des Steuermanns das Reißen einzelner Hanffasern.

»Gut!« murmelte er leise und lächelte still vor sich hin – »sehr gut – wenn Du aber –«

Blackfoot winkte ihm ungeduldig, sich zu entfernen, um die Aufmerksamkeit der vielleicht Erwachenden nicht unnützer Weise hierher zu lenken, und Bill, nachdem er noch einen flüchtigen Blick umhergeworfen, folgte schnell der Aufforderung, deren Zweckmäßigkeit er selber einsah. Eben so leise, als er gekommen, schritt er wieder auf seinen früheren Platz zu rück und warf sich hier, in seine Decke gehüllt, auf's Neue nieder, jetzt aber mit dem Gesicht dem Steuerruder zu, damit er, sobald sich das Boot von seinem Halt losrisse, die Richtung, die es nähme, im Auge behalten und seine Berechnung der Inselnähe danach machen könne.

Edgeworth hatte, als der Steuermann nach vorn ging, vorsichtig nach seiner Büchse gegriffen und den Kopf gehoben, um zu sehen, was Jene mitsammen trieben. Die stille Nacht trug ihm auch die leise gemurmelten Laute einer Stimme, aber nicht die Worte selbst herüber, und als er bald darauf die lange Gestalt seines Lootsen wieder auf ihren früheren Platz schreiten sah, und hörte, wie sie sich dort an Deck streckte, ließ auch er den Kopf zurücksinken auf sein hartes Kissen, und das matte Blinken der auf ihn niederscheinenden Sterne, das melancholische, monotone Rauschen der Wasser, das Murmeln und Plätschern des rasch vorbeifluthenden Stromes fing bald an den Schlummer auf seine müden Augenlider herabzuziehen.

Es dauerte nicht lange, so verschmolzen die äußeren ihn umgebenden Scenen mit seinem innern Geist, und Traum und Phantasie führten ihn zurück zu den Ufern des Wabasch, an [357] das Grab seines Sohnes, über dem die kreuzbezeichnete Eiche rauschte und wunderlich wilde Weisen in ihren weitausgestreckten Aesten und Zweigen sang und murmelte.

Das starke Tau aber, durch welches sein gefährdetes Boot an sicherem Ankerplatz gehalten wurde, zitterte und zuckte unter der leichten, doch scharfen Schneide des feindlichen Stahls – Faser nach Faser gab wiederfibrirend nach, und kaum ein Drittheil des Ganzen hielt noch die gewaltige an ihm hängende Last. Blackfoot lag jetzt ebenfalls regungslos still – er erwartete geduldig die Wirkung des einmal verletzten Taues. Das aber schien in seinen letzten Theile auch seine zäheste Kraft vereinigt zu haben, und ein kaum daumenstarkes Seil stemmte sich wacker gegen Strömung und Fluth der auf es eindringenden Wassermasse. Da glitt noch einmal rasch und vorsichtig die scharfe Schneide über die schon ohnedies zum Zerspringen angespannten Fasern hin, von denen zum Bestehen des Ganzen keine einzige mehr entbehrt werden konnte. – Blackfoot hörte, wie in rascher Reihenfolge eine nach der andern sprang, und jetzt – ängstlich und selbst erschreckt hob er den Kopf – jetzt riß auch der letzte schwache Halt, und mit plötzlichem Ruck, aber sonst still und geräuschlos, verließ das Boot im nächsten Augenblick pfeilgeschwind die alte Sykomore, die nun, von ihrer gewaltigen Last befreit, in dem sie umschäumenden Strome auf- und niederflog und sich in grimmer Lust zu freuen schien.

26. Die Entscheidung. - Das Zeichen und der Erfolg

26.

Die Entscheidung. – Das Zeichen und der Erfolg.

Der entscheidende Schritt war gethan – das Boot trieb in der reißenden Strömung rasch hinab, der Insel und seinem [358] sichern Verderben entgegen; Die aber, über deren Haupte das haargehaltene Schwert noch hing, träumten ruhig fort und schienen alles das, was am vorigen Abend ihre Seelen mit Besorgnis erfüllt hatte, vergessen zu haben. Selbst Mrs. Everett, durch die Aufregung der vorigen Stunden ermüdet, lag in leichtem Schlummer auf ihrer für sie unter dem Zelt ausgebreiteten Decke.

Bill war jetzt aufgestanden und schlich nach vorn zu dem Gefährten, und als dieser seinen Schritt auf den schwanken Brettern mehr fühlte als hörte, hob er den Kopf und folgte dann leise seinem Beispiel.

»Wir sind dicht an der Insel,« flüsterte Bill, als er an Jenes Seite stand – »ich höre schon den Bruch der Wasser in den an der obern Spitze hineingeworfenen Wipfeln.«

»Das hab' ich auch gehört,« erwiderte Blackfoot mit vorsichtig gedämpfter Stimme – »aber es kommt mir fast so vor, als ob es zu weit rechts wäre. Möglich könnte es doch sein, daß uns die Strömung weiter hinübergenommen hätte, als wir erwarteten; am Ende ist's besser, Du gehst an's Steuer und lenkst den Bug ein klein wenig rechts hinüber – vorbei fahren wir an der rechten Seite auf keinen Fall.«

»Das geht nicht,« sagte Bill – »das Knarren des schweren Ruders würde die Schläfer, oder doch auf jeden Fall den Alten wecken – bst – der Hund knurrt schon. Wenn ich nur die verdammte Bestie über Bord hätte.«

»Dort drüben hör' ich Land!« flüsterte Blackfoot rasch – »das muß bei Gott die Insel sein, und zwar rechts – Höll' und Teufel, wie weit uns der Strom hinübergetrieben hat. Wie wär's denn, wenn wir die Mannschaft rasch an Deck und an die Finnen riefen. – Die Burschen sind jetzt alle schlaftrunken und werden sich, wenn sie das zerrissene Tau sehen, aus Leibeskräften auf die Sandbank rudern.«

»Vielleicht,« sagte Bill kopfschüttelnd, »und wenn wir das verbürgt wüßten, wäre der Plan vorzüglich; wollen sie aber nicht, so haben wir verspielt oder setzen uns selbst fast gewisser Todesgefahr aus. Nein, sobald wir noch eine Meile weiter unten sind, mag sie mein Schuß wecken, vorher aber [359] schieben wir die schwere Kiste, die dicht an der Luke steht, über diese, und daß nachher aus der keiner der Eingesperrten herausklettert, soll meine Sorge sein. Du fertigst indessen rasch den Alten ab – Dein Schuß mag zugleich unser Signal werden, und wir schlagen so, während Du von seiner Büchse nicht das Mindeste zu fürchten hast, zwei Fliegen mit einer Klappe. Wenn Du nachher mit Deinem Kolben das hier zu Larbord angebrachte kleine Küchenfenster bewachst, damit uns von da aus Keiner an Deck steigt, so haben wir die ganze Gesellschaft wie in einer Rattenfalle gefangen und können sie nachher einzeln, wie wir sie herauf lassen, abfertigen. Die Burschen drüben werden doch aufpassen?«

»Ei gewiß!« rief Blackfoot. – »Das Enterboot wird schon, nach Deinem Brief, seit gestern Abend ununterbrochen von sich ablösenden Wachen besetzt gehalten und stößt in dem Augenblicke, wo es den Schuß hört, vom Lande. Das zweite Boot folgt dann augenblicklich nach. Es schadet übrigens nichts, wenn wir auch an der Insel hier vorbeitreiben; sobald die Unseren an Bord kommen, legen wir uns in die Ruder und sind nachher mit leichter Mühe im Stande, die Nothröhre zu erreichen. – Das wird Kelly ohnedies lieber sein, als wenn wir das Boot gleich oben hätten aufrennen lassen.«

»Desto besser,« sagte Bill – »aber jetzt laß uns auch keinen Moment länger verlieren – wir müssen schon ein hübsches Stück an der Insel hinunter sein. Wetter – die Kiste ist schwer – nimm Dich in Acht, daß sie nicht so scharrt.«

»Das wird's thun – so –« flüsterte Blackfoot – »die kleine Ecke –«

»Nein – wir dürfen kein Luftloch lassen – mehr hier an dieser Seite,« erwiderte ihm rasch der Steuermann, und Beide stemmten eben wieder, alles Andere um sich her vergessend, die Schultern gegen die schwere riesige Kiste an.

Der alte Mann indessen, den Müdigkeit zu kurzem Schlummer übermannt hatte, schlief wirklich nicht fest genug, um alles das, was keineswegs geräuschlos um ihn her vorging, zu verträumen. Der Schritt des Steuermanns, der, [360] als er an ihm vorüberschlich, auf dieselbe Planke treten mußte, auf der er lag (da die Deck-Bretter solcher Flatboote stets über das ganze Fahrzeug von Larbord nach Starbord hinüberreichen, und zwar an beiden Seiten etwas niedergebogen, in der Mitte dagegen etwas rund erhöht sind), wie das leise Knurren seines Hundes hatten ihn geweckt, und wenn er auch regungslos seine Stellung beibehielt, so lauschte er doch mit der gespanntesten Aufmerksamkeit den leise geflüsterten Lauten der beiden Männer. Das Boot glaubte er aber natürlich noch immer an seinem früheren Platz festgebunden. Da fiel sein Blick zufällig auf einen dunkeln Schatten, der nicht weit von ihnen festzuhalten schien. Noch halb im Schlafe blickte er darauf hin, plötzlich aber richtete er sich erschreckt empor – der Gegenstand, den er sah, befand sich ja auf der Starbordseite, und ihr Boot, das mit dem Bug stromauf gehalten wurde, hatte jetzt doch das Land auf Larbord –

»Träum' ich denn?« flüsterte er halblaut vor sich hin – »ist denn das da nicht der schwimmende Wipfel eines Baumes? – bei Gott – die Schildkröte treibt!«

Rasch ergriff er die Büchse, sprang empor und sah, wie die beiden, ihm jetzt schon mehr als verdächtigen Männer eifrig bemüht waren, die eine der Kisten dem Rande des Bootes zuzuwälzen.

»Hallo da!« rief er fast unwillkürlich aus, und sein Fuß stampfte das Deck – sein Zeichen für Bob Roy, rasch herauf zu kommen – »beim ewigen Gott, wir sind los –«

»Da hast Du's,« brummte Bill – »nun geht der Tanz los – jetzt mach' schnell und fertige ihn ab.«

»Nun? – werdet Ihr Rede stehen? – Was ist das? Mein Boot schwimmt – was soll's mit der Kiste dort?«

»Werd' es Dir gleich auseinandersetzen,« knurrte Blackfoot vor sich hin und sprang nach seiner Büchse, die er neben sich hingelegt hatte, um bequemer an der Kiste arbeiten zu können. Edgeworth stand halbverdeckt von einem großen Koffer, der ebenfalls auf anderem Gepäck lag; der Pirat aber nahm die Büchse in Anschlag und that rasch noch ein paar [361] Schritte nach vorn, um die Brust seines Feindes frei zu bekommen und ein sicheres Ziel zu haben.

»Höll' und Teufel!« schrie in dem Augenblick Bob Roy von unten – »wer hat den Eingang hier versperrt? Bahn frei, Ihr Schufte, – oder Euch soll der –« seine Rede wurde in gewaltsamen, wenn auch noch erfolglosen Versuchen erstickt, die mächtige Last zu lüften, denn die eine Leitersprosse, auf der er stand, konnte das so übermäßig vermehrte Gewicht nicht tragen und brach unter ihm. Der augenblickliche Versuch war aber dennoch hinreichend gewesen, Bill davon zu überzeugen, wie die Last einem erneuten, und von Mehreren ausgeführten Angriff vielleicht doch nicht widerstehen konnte. Einen flüchtigen Blick nach dem alten Edgeworth hinüberwerfend, rief er dem Gefährten also schnell zu:

»Schieß in's drei Teufels Namen und gieb damit das Zeichen – wir können's brauchen!« Er hatte auch die letzten Silben noch nicht ausgesprochen, als schon der scharfe Krach einer Büchse durch die stille Nacht dröhnte.

Rasch wandte er den Kopf, den Erfolg zu beobachten, fuhr aber mit wildem Fluch empor, als er sah, wie sein Kamerad, die Büchse hoch in der Hand, taumelte, ein paar Schritte nach vorn that und dann schwerfällig an Deck niederstürzte. Der alte Jäger, mit der eigenen Waffe schußfertig, hatte kaum gesehen, wie sein Feind die Maske abwarf und die Büchse zum tödtlichen Angriff erhob, als er auch rasch sein treues Rohr in die Höhe riß und die Kugel mit fast nie fehlender Sicherheit durch den Kopf des Verräthers sandte.

Hiermit aber nicht zufrieden – denn er mußte jetzt natürlich in seinem eigenen Steuermann einen eben so feindlichen Gegner vermuthen – sprang er rasch vor, um sich der noch geladenen Waffe zu bemächtigen; Bill jedoch wußte seinerseits eben so gut wie er, daß er, wenn Jener seine Absicht wirklich ausführte, ganz in dessen Hände gegeben sein würde. In gleicher Schnelle flog er also dem Kampfplatze zu, erfaßte zugleich mit dem alten Mann das Rohr und schrie dabei mit vor Wuth erstickter Stimme:

[362] »Warte, Canaille – warte – hab' Deinem Sohn in die Ewigkeit geholfen, will ihm jetzt den Alten nachschicken – wehr' Dich, mein Bursche!« – und mit riesiger Kraft, der die altersschwachen Sehnen des Greises nicht widerstehen konnten, entriß er diesem die Waffe. Diese entlud sich allerdings in demselben Augenblick und sandte die Kugel harmlos in die Luft, wer weiß aber, wie der Kampf für den alten Mann geendet haben würde, denn die beschriebenen Vorgänge folgten blitzesschnell aufeinander, und der schwere Kolben einer amerikanischen Büchse blieb ein fast noch tödtlicheres Werkzeug in der Hand eines solchen Giganten, als das bloße Kugelrohr. Die Worte aber, die dieser sprach, wirkten mit wahrhaft elektrischer Kraft auf die fast schon ermatteten Arme des Alten.

»Ha – Mörder – Mörder!« schrie er und fuhr in wildem, sein eigenes Leben mißachtendem Sprung nach der Kehle des Buben, daß dieser dem raschen und schon nicht mehr vermutheten Angriff kaum begegnen konnte. Er faßte nur gerade noch die ihm Verderben drohende Hand und preßte sie zwischen seine Eisenfinger, hob aber auch zu gleicher Zeit mit dem rechten Arm die gewonnene Büchse und wollte sie eben auf das Silberhaar des Greises niederschmettern, als ein anderer Feind auf dem Kampfplatz erschien.

Wolf, der bis dahin den Lärm nur insoweit beachtet hatte, daß er nach dem ersten Schusse aufgefahren und rasch von einer Seite des Boots zur andern gelaufen war, das erlegte Wild zu erspähen – denn sein Herr hatte schon früher manchmal Wildenten und andere Wasservögel von Bord aus geschossen –, sah jetzt kaum den Kampf und hörte die in Wuth fast erstickte Stimme seines Herrn, als er wild nach dem Nacken des ihm ohnedies verhaßten Steuermanns fuhr, und diesen dadurch zwang, die Büchse fallen zu lassen. Edgeworth hatte ihn indessen um den Leib gefaßt, und alle Drei stürzten ringend an Deck.

Die durch die schwere Kiste in den Raum geschlossenen Leute waren aber unter der Zeit auch nicht müßig gewesen, drückten, durch rasch hingerollte Fässer erhöht, die eigenen [363] Rücken unter die Last, und schoben diese mit gemeinsamer Kraft doch wenigstens so weit von ihrer Stelle, daß ein einzelner Mann sich hindurch zwängen konnte. Dies hatte Bill auch schon früher berechnet, und sein Plan war demnach ganz richtig gewesen. Konnte er nämlich an seinem Posten bleiben, so vertheidigte er diesen Engpaß, ohne die mindeste Gefahr für sich selbst, so vollkommen, daß Jeder rettungslos verloren sein mußte, der den eigenen Schädel in den Bereich des feindlichen Armes brachte. Jetzt sah er sich dagegen gezwungen, diesen Platz zu verlassen; die List mit dem Unschädlichmachen des Gewehres war dabei ebenfalls nicht allein gescheitert, sondern ein wirklicher und gefährlicher Gegner erwuchs ihm sogar da, wo er vorher nur einen alten Mann geglaubt hatte, den die Kugel des Kameraden noch überdies schnell beseitigen würde.

Bob Roy preßte sich zuerst aus dem engen Raum heraus und flog seinem »Capitain«, wie der Alte gewöhnlich genannt wurde, zu Hülfe. Der Kampf war auch bald entschieden; trotzdem aber, daß er dem übermannten Verräther das eben gezogene Bowiemesser entwand und ihn, der in wilder Verzweiflung gegen die Uebermacht ankämpfte, vollkommen unschädlich machte, konnte er den Greis nicht bewegen, seinen Hals los zu lassen. In blinder, nichts mehr achtender Wuth hing der alte Mann mit der einen Hand fest eingeklammert in den Kleidern von seines Sohnes Mörder, während seine Augen, die fast aus ihren Höhlen drängten, stier auf dem bleichen Antlitz desselben hafteten, und die andere convulsivisch zitternde Hand vergebens nach dem ihm im Kampfe entfallenen Messer an seinem Körper umhersuchte.

Wolf, der seinen Herrn noch immer in persönlichem Kampfe sah, dachte eben so wenig daran los zu lassen, und hielt Halstuch und Rockkragen des gefangenen Verbrechers so fest, als ob er ihn im Leben nicht wieder freigeben wollte.

Die übrigen Ruderleute kletterten jetzt ebenfalls nach, banden mit einzelnen an Deck liegenden Seilen den unausgesetzt dagegen anwüthenden Lootsen, und suchten nun den alten Mann zu bewegen, ihn ihrer Wachsamkeit zu übergeben. Da richtete [364] sich Bob Roy plötzlich auf und rief, während er über Bord hinüber horchte:

»Still – ich höre ein Ruderboot – dort drüben ist's.«

»Boot ahoi!« schrie da plötzlich der gebundene Steuermann und versuchte mit letzter Anstrengung eine kleine, an einer Schnur ihm locker um den Hals hängende Pfeife zu erfassen – »ahoi – ih!« und der letzte Ruf drang gellend über die stille Wasserfläche, Bob Roy's Hand lag aber in der nächsten Secunde fest auf seinem Munde, während er rasch und flüsternd sagte:

»Halt – um Gottes willen still – mir fängt die Sache an klar zu werden. – Einen Knebel her – rasch, und Ihr hier, Leute, bei Eurem Leben, keinen Laut mehr!«

Ein scharfer Schrei, wie ihn der Nachtfalke manchmal ausstößt, wenn er in stürmischer Nacht die Luft mit den starken Fittigen schlägt, antwortete und schien des Bootsmanns Verdacht bestätigen zu wollen; dieser flüsterte aber jetzt leise:

»Ruhig – rühre sich Keiner von Euch – dieser Bube hier gehört mit zu jenem Boot – sind wir aber still, so können wir ihnen vielleicht in dem Nebel und in so finsterer Nacht entgehen – haltet ihm die Füße fest – der Bestie liegt jetzt nur daran, einen Laut von sich zu geben. – Mr. Edgeworth, nehmen Sie den Hund zu sich, ein einziges Bellen von ihm könnte unser Aller Tod sein – bst –«

»Ahoi – ih!« rief in diesem Augenblick die Stimme aus dem Boot herüber – »Bill – ahoi ih!, hol' Dich der Böse! So antworte doch!«

Edgeworth lauschte, seinem Halt an dem Gefangenen jetzt zum ersten Mal entsagend, aufmerksam nach jener Richtung hin, während die Männer den fast rasenden Steuermann nur mit größter Anstrengung und allein durch ihr sämmtliches Gewicht so niederhalten konnten, daß er nicht mehr im Stande war, auch nur ein Glied zu regen.

Da knarrte ihr Steuerruder ein wenig, und Bob Roy schritt rasch dorthin zurück und wollte es, um auch den geringsten ihnen Gefahr drohenden Laut zu vermeiden, aus [365] dem Wasser heben. Aber es war ungewöhnlich schwer – irgend ein fremdes Gewicht mußte daran hängen, und der Bootsmann suchte mit vorgebeugtem Körper zu erspähen, was die Ursache davon sei. – Die Nacht war jedoch so dunkel, und die lange Steuersinne reichte so weit ab vom Boot, daß ihm das unmöglich wurde. – Er erkannte wohl auf dem etwas heller schimmernden Brett einen dunkeln Gegenstand, was dieser aber sei, oder aus was er bestehe, konnte er nicht bestimmen, drückte also die Ruderfinne, soweit es die Last erlaubte, an Deck nieder und verhinderte dadurch, indem er sie in dieser Lage hielt, das ihnen sonst gefährlich gewordene Knarren derselben.

»A – hoi – ih!« riefen jetzt plötzlich die Männer in dem Ruderboote, und zwar gar nicht weit mehr entfernt, aber etwas mehr in den Strom hinaus als früher, »a – hoi – ih, – Bill – wo zum Teufel steckst Du?«

Bill machte einen neuen verzweifelten Versuch, auch nur ein Zeichen seines Daseins von sich zu geben, vier kräftige Männer lagen aber über ihn hingebeugt und acht Arme hielten jedes seiner Glieder wie mit eisernen Banden an Deck gezwängt. – Nicht einmal den Kopf konnte er auf die Bretter niederschlagen, obgleich er selbst den Versuch machte. Einer der Leute, der seinen linken Arm umklammert hielt, nahm den Kopf zwischen die Kniee und hielt ihn da wie in einem Schraubstock.

Das Boot kam jetzt – nach den Ruderschlägen konnten sie es deutlich hören – wieder zurück, und es war fast, als ob es in gerader Richtung hinter ihnen herfahre – eine Pause fürchterlicher, peinlicher Erwartung machte fast den Athem der Männer stocken – die Verfolger konnten kaum zwanzig Schritt von ihnen entfernt sein, und mit jedem Augenblick erwarteten sie den Ruf, daß sie entdeckt wären. Da hörten, für kurze Zeit, die Ruderschläge auf. – Jene hielten wahrscheinlich eine kurze Berathung, wohin sie ihren Cours richten söllten, denn einige Minuten lang blieben sie halten, und so nahe lagen sie damals dem Flatboot, mit dem sie jetzt stromab trieben, daß sie auf diesem die Stimmen [366] von dort herüber hören und sogar abgebrochene Worte und Flüche verstehen konnten. Endlich griffen die fremden Bootsleute wieder zu den Rudern – sie fürchteten sicherlich zu weit hinab zu kommen und dann im Nebel den Rückweg zu missen. Dicht hinter dem Indianaboot strichen sie vorbei, und zwar dorthin zu, wo Edgeworth Land vermuthete, und gleich darauf tönte noch einmal der frühere Ruf über den Strom – er wurde nicht beantwortet, und lautlos glitt die Schildkröte mit der Fluth fort, während die Ruderschläge nach und nach in immer weiterer Ferne langsam verschollen.

27. Georginens Verdacht. - Kelly rettet seinen Neger

27.

Georginens Verdacht. – Kelly rettet seinen Neger.

An demselben Abend, an welchem Kelly im »grauen Bären« jene Anordnungen traf, die den Schlag, wenn auch nicht von ihren Häuptern abwenden, doch ihn noch aufhalten sollten, bis sie selbst einer Entdeckung wie Verfolgung lachen konnten, ging Georgine, die Königin des Verbrecherstaats, mit raschen ungeduldigen Schritten in ihrem kleinen prachtvollen Gemach auf und ab. Nur dann und wann blieb sie am Fenster, um hinaus zu horchen, als ob sie Jemanden erwarte, der immer und immer noch nicht kommen wolle.

Die Augen des schönen Weibes glühten in Zorn und Unmuth; ihre kleinen schwellenden Lippen waren fest zusammengepreßt, ihre feingeschnittenen Augenbrauen berührten sich fast, und der zierliche Fuß stampfte mehrmals in rücksichtslos ausbrechendem Unmuth den teppichbelegten Boden. Kelly hatte am Donnerstag Morgen, fast mit Tagesanbruch, die Insel verlassen [367] und sie seit der Zeit nicht wieder betreten, ihr ausgesandter Bote, der Mestize, ein Knabe, den sie aufgezogen und der sich nur ganz und allein ihrem Dienst geweiht, war ebenfalls nicht zurückgekehrt, und ihre Gefangene entflohen – Gott allein wußte wohin; Grund genug ein Gemüth wie das ihre zu äußerster Aufregung zu treiben. Zwar hatte sie schon mehrere Boten dem Mestizen nachgeschickt, doch umsonst; keiner konnte ihr Nachricht über ihn bringen, keiner wollte ihn gesehen haben. Nur noch Einer war jetzt aus – Peter – und lange Stunden hatte sie in immer peinlicher werdender Ungeduld gewartet, ihn zu sehen und günstigen Bericht von ihm zu hören.

Endlich konnte sie das ruhige, unthätige Harren nicht länger ertragen, sie öffnete rasch und heftig die Thür und wollte eben nach Bachelors Hall hinüberschreiten, als das schmale Eingangsthor knarrte und gleich darauf Peter's breitschulterige Gestalt aus dem jetzt dicht auf der Insel lagernden Nebel hervortrat. Dieser, als er die winkende Bewegung der Herrin sah, schritt auf sie zu und mußte ihr augenblicklich zurück in das Haus folgen. Hier aber kündete sein ernstes, bedenkliches Gesicht keineswegs Gutes, und er wollte auch im Anfange gar nicht so recht mit der Sprache heraus; Georgine jedoch, die ihn erst mehrere Secunden lang scharf und prüfend fixirte, faßte plötzlich seine Hand, zog ihn zur eben entzündeten Ampel, die ein sanftes, wohlthuendes Licht über den kleinen Raum warf, und flüsterte endlich – als ob sie durch den leisen Ton der Frage die gefürchtete Antwort zu mildern hoffe:

»Wo ist Olyo?«

»Ich weiß nicht,« lautete die halb scheue, halb mürrische, kurz herausgestoßene Antwort des Narbigen, der dabei den Kopf zur Seite wandte und mit der andern, ihn frei gelassenen Hand emsig in seiner Tasche nach dem Kautabak suchte.

»Wo ist Olyo?« wiederholte aber, mit noch dringenderem, ernsterem Tone die Gebieterin – »Mensch, sieh mich an, und beantworte mir meine Frage – wo ist Olyo?«

»Ich weiß es nicht – habe ich Euch schon gesagt,« knurrte der Bootsmann und spuckte seinen Tabak ziemlich ungenirt auf die blankgescheuerten Messingzierrathen des Kamins – »ich [368] bin im ganzen Walde herumgekrochen, hab' ihn aber nicht finden können.«

»Im Walde? Weshalb im Walde?« frug Georgine mißtrauisch – »in der Stadt mußte er sein, nicht im Walde – weshalb suchtest Du ihn im Walde?«

»Weil er nicht in der Stadt war – Donnerwetter, durch die Luft kann er nicht davongeflogen sein, und da glaubt' ich, müßt' ich ihn entweder in der Stadt, im Walde oder im – oder wo anders finden. – Irgendwo muß er doch stecken aber umsonst – in der Stadt ist er nicht, im Walde auch nicht –«

»Und im Wasser, Peter? – im Wasser?« flüsterte Georgine mit kaum hörbarer Stimme.

»Im Wasser?« sagte der Bootsmann erschreckt und blickte sich scheu nach ihr um – »wie kommt Ihr dar auf?«

Georgine begegnete seinem Auge in stummem Entsetzen und stöhnte endlich – aber so leise, daß er die Worte kaum verstehen konnte:

»Also im Wasser – im Wasser hast Du ihn gefunden? Mensch, rede – Du bringst mich beim ew'gen Gott noch zur Verzweiflung.«

»Nein – auch nicht!« sagte der Alte und biß ein großes Stück von seinem Tabak herunter.

»Also hast Du doch im Wasser nach ihm gesucht? Du mußt Verdacht geschöpft haben – Duglaubtest ihn dort zu finden. – Sprich und reiße mich aus einer Ungewißheit, die fürchterlicher ist, als selbst die gräßlichste Wahrheit sein könnte.«

»Im Wasser gesucht? Ich? – Unsinn. Weshalb sollt' ich im Wasser suchen? – Harris meinte nur –«

»Was meinte Harris, Peter?« frug Georgine jetzt mit erkünstelter Fassung, da sie bemerkte, daß der Narbige endlich zu erzählen begann, und ihn irre zu machen fürchtete, wenn sie sich nicht soviel als möglich bezwang.

»Ei nun, daß der Mestize nicht an's Ufer gekommen wäre,« – fuhr der Bootsmann fort und hustete dabei ein paar Mal, als ob die Worte nicht recht aus der Kehle [369] wollten – »Harris sah das Boot an's Land kommen, und wollte gern nachher mit Olyo sprechen. Den einzigen möglichen Weg aber, der von dort aus, wo das Boot eingelaufen, in den lichteren Wald führte, hatte er nicht betreten, und kein Mensch antwortete ihm auch, als er später nach allen Richtungen hin den Namen rief –«

»Olyo wird sich versteckt haben,« flüsterte Georgine mit kaum hörbarer Stimme – »er – er traute sicherlich dem Rufe nicht und wünschte ungesehen zu bleiben.«

»Ja, das meinte Harris auch,« fuhr Peter fort, der jetzt durch die angenommene Fassung der Frau selbst beruhigt und sicher gemacht wurde, – »das meinte Harris auch, es – es kam ihm aber sonderbar vor, daß der Neger so schnell wieder zurückruderte, da er ihn doch eigentlich, wie es am wahrscheinlichsten gewesen wäre, wenigstens so weit hätte begleiten müssen, daß er sich nicht mehr verirren konnte. Bolivar trieb überdies noch ein ganzes Stück stromab, ehe er wieder zu rudern anfing, und war indessen emsig mit Etwas beschäftigt, das Jener aber, der weiten Entfernung wegen, nicht erkennen konnte. Nachher wollte er gern sehen, wo das Boot in der kleinen Bucht, in der es eingelaufen, gelandet wäre – nirgends aber war eine Spur davon zu entdecken, und der weiche Erdboden hätte auf jeden Fall selbst den leisesten Eindruck bewahren müssen.«

»Nun? – Und was weiter?« frug Georgine, als Jener einen Augenblick schwieg und dann unschlüssig zu der Frau aufblickte. Aber er sah nicht das leise, kaum merkbare Zucken der Lippen, er sah nicht das innerliche Beben der ganzen Gestalt – er sah nicht, wie die eine kleine Hand krampfhaft die Stuhllehne umklammert hielt, auf die sie sich stützte, als ob sie in das reichgeschnitzte Mahagoniholz die zarten Finger fest und tief eingraben wollte. – Nur die todtenbleichen Wangen sah er und das kalt und ruhig auf ihn geheftete Auge, und fuhr nach kurzem Zögern wieder fort:

»Am Ufer war nichts zu erkennen – aber auf dem Wasser –«

[370] »Auf dem Wasser?« – wiederholte Georgine leise und tonlos.

»Ei zum Teufel, er kann sich auch geirrt haben!« brach da der Bootsmann die Mittheilung plötzlich kurz ab – er wußte recht gut, wie Georgine an dem Knaben hing, wenn er auch dafür keinen Grund angeben konnte. Es wurde ihm dabei selber peinlich, eine Geschichte, die ihm selbst fatal schien, so aus sich herauspressen zu lassen, während er sich doch auch wieder scheute, gerade von der Leber weg zu reden.

Georgine war aber nicht gesonnen, ihn so wieder los zu geben, da sie jetzt wohl fühlte, er wisse mehr, als er gestehen wollte.

»Er hat etwas auf dem Wasser schwimmen sehen, Peter,« sagte sie, fast eben so leise als vorher – »was war es? Verheimliche mir nichts – selbst wenn es nur noch Vermuthung sein sollte –«

»Hm, Unsinn,« brummte Peter und sah sich sehnsüchtig nach der Thür um. Die jetzt auf ihm haftenden Augen des schönen Weibes ließen ihm aber nicht Ruhe noch Rast, wohin er den Blick auch wenden mochte. Er wußte, der ihrige war auf ihn geheftet, und er knurrte endlich, während er halb trotzig den alten schwarzen Filz mit beiden hornigen Fäusten knetete:

»Zum Donnerwetter, wenn Ihr's denn einmal wissen müßt, so kann mir's auch recht sein – Blut, meinte er, wär's gewesen, fettige Blutflecke, mit ihren häßlich schillernden Farben, die sich in der kleinen Bucht herumtrieben und, gerade als er den Platz erreichte, dem Einfluß zuströmten – auch ein paar gelbe Schaumblasen waren dabei, – andere, als sie der Regen auf den Fluß ruft. Der ganze Platz sah unheimlich aus, und ihm, sagt' er, war' es ordentlich so vorgekommen, als ob sich das ganze Schilf des Ufers hinauf- und von dem einsamen Platze fortdrängen wollte.«

»– Hat er die Leiche gefunden?« flüsterte Georgine, aber so leise, daß sie die Frage wiederholen mußte, ehe sie der Bootsmann verstand.

»Die Leiche? Nein, Gott bewahre – es ist ja auch noch [371] immer nur ein Verdacht, den er hat; Olyo kommt vielleicht heute oder morgen wieder zurück, und dann ist die ganze Sorge um nichts gewesen.«

»Peter –« sagte die Frau nach kurzem Sinnen, während sie die Hände fast bewußtlos auf die Stuhllehne faltete, auf welche sie sich jetzt wirklich stützen mußte – »willst Du mir in dieser Sache – Gewißheit verschaffen? Willst Du mir –«

»Die könnte am besten der Neger geben,« entgegnete Peter mürrisch – »aufrichtig gesagt möcht' ich auch mit der ganzen Geschichte nicht viel zu thun haben. – Der – der Capitain könnt' es nicht gern sehen.«

»So? Vermuthest Du das auch?« frug Georgine rasch.

»Nun ja – er machte sich so nicht besonders viel aus dem Knaben, und wußte auch, daß er ihm aufpassen sollte –«

»Er wußte das? Und so glaubst Du vielleicht gar, daß es ihm lieb sein möchte, den Knaben auf solche Art losgeworden zu sein – daß es vielleicht gar auf seinen Befehl –«

»Bitt' um Verzeihung,« rief Peter rasch und erschrocken, »so lange in meinem Kopf nur ein Fingerhut voll Verstand bleibt, soll solche Behauptung wahrhaftig nicht über meine Lippen kommen. Das sind auch überdies Sachen, um die ich mich nie bekümmere. Ich thue meine Arbeit und lasse den Rest in Ruh', so lange sie mir ein Gleiches gönnen.«

»Gut dann, Peter, das ist recht von Dir, aber – würdest Du Dich weigern, mir, wenn ich Dich recht dringend darum bäte, einen großen Dienst zu leisten? – einen Dienst, den ich Dir fürstlich lohnen wollte?«

»Einen Dienst zu leisten? – weigern? Ei, Gott bewahre! Es wäre ja nur eigentlich meine Pflicht und Schuldigkeit, besonders gegen eine Lady!«

»Gut – Du versprichst mir also, meine Bitte zu erfüllen?«

»Wenn ich es kann, von Herzen gern.«

»Gieb mir Deine Hand darauf.«

Peter zögerte; die Sache fing ihm an zu ernsthaft zu werden, und es gereute ihn schon fast, sein Wort so ganz bestimmt gegeben zu haben. Georgine streckte ihm aber die weiße [372] und jetzt marmorkalte Hand so bittend entgegen, daß er nicht nein sagen konnte und einschlug. Die Hornfinger ruhten für einen Augenblick in dem weichen Griff der zarten Rechte.

»Du hast Dein Wort gegeben,« flüsterte jetzt die Frau, »Du wirst es als Mann nicht brechen wollen. – Nimm Haken und Seile mit – jene Bucht, von der Du sprichst, wird nicht so tief sein – und schaffe mir die Leiche – Du kannst einen von den Enterhaken mitnehmen – der, auf dem Boden hingezogen, muß sich in die Kleider –« sie hielt einen Augenblick inne und barg das Gesicht in den Händen, gleich darauf aber fuhr sie mit der vorigen Ruhe und Festigkeit fort – »in die Kleider des unglücklichen Knaben einhaken. Die Leiche schaffst Du mir, sobald Du sie hast, hier hierüber – Olyo soll wenigstens ein Grab in trockener Erde haben. Willst Du das thun?«

»Wenn aber Capitän Kelly indessen kommt und nach mir fragt?«

»Die Entschuldigung Deiner Abwesenheit laß meine Sorge sein – willst Du mir die Leiche schaffen?«

»Meinetwegen denn, ja,« – brummte Peter – »die Bucht ist höchstens zehn Fuß tief, vielleicht nicht einmal das, wo aber schaffe ich den – den Cadaver hin?«

»Hier in mein Haus – dort, in jenes Cabinet, das Weitere besorg' ich selber. Doch jetzt noch Eins – wo habt Ihr den Neger aufbewahrt?«

»Der liegt in dem einen Stalle drüben, den sie für ein zeitweiliges Gefängniß hergerichtet haben,« sagte Peter, »Corny ist heute richtig an den Bißwunden gestorben – es war doch wohl eine Ader gesprengt und nicht recht gebunden, und wir wollen jetzt nur des Capitains Ankunft abwarten, daß dieser beschließt, was mit dem Schuft werden soll. Wenn's kein Neger wäre, so hätten wir uns allerdings nicht so viel Müh' um die Sache gegeben, denn Corny hatte ihn auch genug gereizt, und sie konnten's zusammen ausmachen. Daß sich aber ein Neger an einem Weißen ungestraft vergreifen sollte, dürfen wir doch nicht gestatten, sei's auch nur des bösen Beispiels wegen, und Capitain Kelly mag deshalb bestimmen, was mit [373] ihm werden soll. Losgeben darf er ihn aber nicht; die Leute sind wüthend auf das schwarze Fell.«

»Bring' ihn hierher!« sagte Georgine jetzt, als sie wie aus tiefem Sinnen emporfuhr.

»Wen? Den Neger?«

»Bolivar – gebunden wie er ist – und – schick' mir zwei von den Männern mit – wähle ein paar von Corny's Freunden!«

»Hm,« meinte der Alte, »da bedeutet das wohl nichts Gutes für den Schwarzen. – Wenn Ihr übrigens glaubt, daß Ihr den zu irgend einem Geständniß zwingt, so seid Ihr verdammt irre – der ist stöckisch wie ein Maulesel. Doch meinetwegen; ich gehe indessen, mein Wort zu lösen; wenn Ihr mir und Euch übrigens einen Gefallen thun wollt, so erwähnt nichts gegen den Capitain, wenn er etwa kommen sollte.«

Er verließ mit diesen Worten das Zimmer, Georgine aber, kaum von seiner Gegenwart befreit, warf sich auf die Ottomane, und machte ihrem gepreßten und bis dahin nur gewaltsam bezwungenen Herzen Luft in einem wilden, lindernden Thränenstrom. Der Schmerz des schönen leidenschaftlichen Weibes konnte sich aber nicht auf solch' sanfte Art brechen; ihr Charakter wollte nicht leiden und dulden, er wollte ankämpfen gegen den Druck, der ihn beengte, und Rache üben an Dem, der es wagte, ihr feindselig gegenüber zu treten. Grenzenloser Liebe war sie fähig, aber auch grenzenlosen Hasses, und diese Leidenschaften wurden nur verstärkt, da Zweifel und Eifersucht die eine umnachtete, während noch immer die Gewißheit fehlte, der andern freien und ungehinderten Lauf zu lassen. Sie hatte Richard Kelly mit einer Stärke geliebt, die sie selbst erbeben machte – Alles – Alles hatte sie ihm geopfert, Gefahren mit ihm getheilt, Verfolgung und Noth mit ihm getragen, in seinen letzten Schlupfwinkel war sie ihm gefolgt – unter dem Auswurf der Menschheit lebte sie mit ihm – für ihn – jede Rückkehr in das gesellschaftliche Leben war ihr abgeschnitten – ihre einzige Hoffnung auf dieser Welt er; der einzige Stern, zu [374] dem sie bis jetzt mit Vertrauen und Liebe emporblickte, er; der einzige Gott fast, zu dem sie gebetet, er, und jetzt – zum ersten Mal der fürchterliche Verdacht – nein, fast die Gewißheit schon, daß er falsch sei. Das Alles machte ihr Hirn schwindeln, jagte ihr das Blut in Fieberschnelle durch die Adern. Er war schuldig – wozu brauchte er denn auch sonst ihren Boten zu fürchten – wozu hätte er – großer allmächtiger Gott – die Sinne vergingen ihr, wenn sie den Gedanken fassen wollte – dasKind ermorden lassen.

»Gewißheit!« stöhnte sie mit krampfhaft gefalteten Händen – »Heiland der Welt, gieb mir Gewißheit, nur Gewißheit, und überlaß das Uebrige mir – Richard, Richard, wenn Du Dein Spiel mit mir getrieben –«

Ein Stimmengewirr wurde vor der Thür laut, und als sie diese öffnete, standen etwa ein halbes Dutzend der Insulaner davor, von denen einige Fackeln trugen, andere den gebundenen Neger in der Mitte führten. Bolivar schritt trotzig zwischen ihnen einher; den Kopf umwand eine Binde, und das eine Auge war ihm, vom Kampfe mit der Uebermacht, angeschwollen. Des Messers hatten sie ihn beraubt, daß er nicht doch noch Unheil damit anrichte.

Georgine trat auf ihn zu, sah ihm erst einige Secunden lang fest und starr in das halb trotzig halb scheu zu ihr aufgeworfene Auge, und sagte dann, während sie ein kleines silberverziertes Terzerol spannte und in der Hand hielt, jetzt aber auch in kaum zwei Fuß Entfernung von dem Afrikaner stehen blieb:

»Bolivar – Deine That ist verrathen – Du bist in meiner Macht, und kein Gott könnte Dich vor der verdienten Strafe retten, wäre nicht noch ein Anderer hineinverwickelt, dessen Entdeckung mir wichtiger ist als Dein Leben, Sclave! Du hast den Knaben, der Deiner Obhut anvertraut wurde – ermordet, in jener Bucht drüben den Leichnam versenkt. Du siehst, ich weiß Alles, jetzt gestehe aber auch, so Dir Dein schwarzes Leben nur den Werth einer Glasperle hat,was und wer Dich dazu bewogen. Der Knabe hatte Dir nie ein Leid gethan – er war manchmal übermüthig, nach der Knaben [375] Art, aber sonst noch fast ein Kind – in Deinen Händen mußte er wie die Taube in des Geiers Krallen sein. Wer hat Dich also gedungen, Mensch, oder wessen Befehlen hast Du dabei gehorcht? Sprich, denn ich weiß Alles, aber ich will nur erst durch Deinen Mund Gewißheit – sprich!«

»Ich weiß nicht, wer Euch all' den Unsinn in den Kopf gesetzt,« knurrte Bolivar, »aber so viel ist gewiß, daß ich hier um nichts und wieder nichts niederträchtig behandelt werde. – Wäre Massa Kelly hier –«

»Der würde Dir beistehen, das glaub' ich,« flüsterte die Frau – »doch Deine Ausflüchte helfen Dir nichts – gestehe, sag' ich, oder, beim ewigen Gott! ich jage Dir diese Kugel durch's Hirn – Du kennst mich, daß ich Wort halte, wenn es gilt, eine Drohung auch auszuführen.«

»Ja, darin kenn' ich Euch!« trotzte der wilde Sohn der Wüste – »darin kenn' ich Euch nur zu gut, aber ich lache Eurer Drohungen. Dieses Leben, das ich in letzter Zeit hier geführt, ist doch kaum besser als das eines Hundes gewesen – drückt in drei Teufels Namen ab, aber glaubt nicht, daß ich mich vor solchem Kinderspielwerk fürchten soll – 's wäre lächerlich.«

»Löst ihm die Hände und bindet sie an jenen Baum,« rief Georgine jetzt, die ihren Entschluß geändert hatte, während sie die kleine Unterlippe fast blutig mit ihren hellglänzenden Zähnen preßte. – »Ich will doch sehen, ob ich die schwarze Bestie nicht zum Reden zwingen kann. – Tusk, bringt die Peitsche heraus, und peitscht ihn mir so lange, bis er bekennt, und wenn Ihr ihm das schwarze tückische Fell in Streifen vom Rücken ziehen solltet. Tod und Verdammniß dieser mörderischen Canaille; er soll mir, wenn er nicht gestehen will, unter der Knute verbluten.«

»Das war mein Rath von vornherein,« rief der angeredete Bootsmann; er hatte seinen Namen von einem eberähnlich vorstehenden Zahn erhalten, der seinem Gesicht etwas Fürchterliches gab. – »Hier hab' ich die Knute gleich mitgebracht, und nun wollen wir doch einmal sehen, ob das Blut eben so schwarz ist wie die Schwarte, unter der es steckt. – Herunter mit [376] dem Kittel, mein Mohrenprinz, und thu mir den Gefallen und schrei nicht gleich ›genug‹, daß der Spaß nicht so bald aus ist.«

Bolivar warf ihm einen wilden, trotzigen Blick zu, aber kein Laut kam über seine Lippen, und schweigend ertrug er es, als der herkulische Bursche die schwere Sclavenpeitsche nach besten Kräften über seinen nur mit einem dünnen Kattunhemd bekleideten Rücken zog, so daß dieses bald in Streifen herunterhing und das helle Blut den fürchterlichen Streichen folgte. – Schweigend knirschte er nur mit den Zähnen, als sie ihn seiner Abkunft und Race wegen verhöhnten, seine Eltern verfluchten und ihm in übermüthigem Grimm in's Gesicht spieen. Schweigend hörte er die Drohungen noch fürchterlicherer Strafe Georginens an, die mit zornfunkelnden Augen vor ihm stand und in der Empfindung befriedigter Rache Gefühl und Weiblichkeit vergessen zu haben schien. Bolivar blieb aber standhaft; seine zerrissenen Schultern zerfleischte die unbarmherzige Knute mehr und mehr; seine Glieder zuckten im gräßlichen Schmerz und die Kniee zitterten unter ihm, er konnte kaum noch aufrecht stehen; aber abgebissen hätte er eher die Zunge, ehe sie seinen Henkern das verrieth, was sie begehrten. – Fest auf einander knirschte er die Zähne und fest auf das stolze Weib heftete er den wilden, drohenden Blick. Vor seinen Augen fing es jetzt an sich in tollen schwarzen und schillernden Nebeln zu regen – Sterne blitzten auf und nieder, und eine unbezwingbare Schwäche überkam ihn. – Er wollte sich mit letzter Anstrengung aufrecht halten – er lehnte seine Schulter an den Baum, der seine Fesseln hielt – aber es war vergebens – die Gestalten fingen an sich vor seinen Augen zu drehen – purpurschimmernde Nacht folgte, und er sank halb ohnmächtig in die Kniee.

»Will die Bestie beten?« rief der Eine mit dem Eberzahn – »auf, Canaille, wenn wir mehr Zeit haben – rufe Deine schwarzen Götzen an, eh' Du gehangen wirst, – jetzt ist's noch zu früh –«

»Halt!« rief da dicht neben ihnen eine Stimme, und zwar so kalt und gebieterisch, so ruhig und doch so fürchterlich ernst, daß die Henker überrascht in ihrer blutigen Arbeit inne hielten [377] und auch Georgine sich erschreckt dem wohlbekannten Tone zuwandte. Es war Kelly, der, den bunten mexikanischen Mantel über die Schultern hängend, den schwarzen breiträndigen Filz tief in die Stirn gedrückt, dicht neben ihnen stand und die Hand gegen die mit Peitschen Bewaffneten ausstreckte. – »Wer hat hier ein Urtheil zu vollziehen, das ich nicht gefällt?«

»Ich sprach das Urtheil!« sagte Georgine mit fest auf ihn gehefteten Augen, indem sie die noch immer gegen die Männer ausgestreckte Hand ergriff, »ich verurtheilte ihn, weil er – den Knaben ermordet hat Das Kind, das ich aufgezogen und gepflegt, hat er mit seinen teuflischen Händen erwürgt, und Du darfst mich nicht hindern, ihn zu strafen – Du darfst es nicht –« und sie zischte die letzten Worte mit leiser, vor innerer Aufregung fast erstickter Stimme – »wenn Du nicht – selbst als ein Theilnehmer jenes Mordes erscheinen willst.«

»Bindet den Neger los,« lautete des Capitains ruhiger, den Einwand gar nicht beachtender Befehl – »bindet ihn los, sag' ich – die That soll untersucht werden.«

»Sie ist untersucht, Mann!« rief Georgine, sich heftig und wild emporrichtend – »ich, ich trete gegen ihn auf und rufe den allmächtigen Gott zum Zeugen an, daß er den Mord verübt. Willst Du ihnjetzt noch schützen und befreien?«

»Bindet ihn los! sag' ich,« wiederholte Kelly mit finsterer, drohender Stimme – »zurück da, Georgine – Dein Platz ist nicht hier – willst Du alle meine Befehle übertreten?«

Georgine wandte sich erbleichend ab, der Eberzahn aber rief, sich trotzig gegen den Gebieter kehrend:

»Ei, zum Henker, Sir, der Bursche hier hat Hand und Zähne an einen weißen Mann gelegt, und verdammt will ich sein, wenn er nicht dafür hängen soll. Subordination ist ganz gut, muß aber auch nicht zu weit getrieben werden. Wir sind freie Amerikaner, und die Majorität entscheidet sich hier für Strafe. Nichts für ungut, aber den Neger binde ich nicht los.«

Schneller zuckt kaum der zündende Blitz aus wetterschwangerer [378] Wolke in den stillen Wald, als Kelly's schweres Messer in seiner Hand blitzte, zurückfuhr und dem trotzigen Gesellen im nächsten Augenblick mit fürchterlicher Sicherheit das Herz durchbohrte. Er blieb noch mehrere Secunden mit stieren, entsetzt vor sich hin starrenden Augen stehen, schlug dann die Arme empor und stürzte, eine Leiche, nach vorn auf sein Gesicht nieder. Die Anderen sprangen wild empor, Kelly aber, unbewaffnet die Gefahr verachtend, warf sich ihnen entgegen und rief zürnend:

»Rasende – wollt Ihr Euch selbst verderben? Verrath umgiebt Euch von allen Seiten – unsere Insel ist entdeckt – Spione von Helena durchziehen nach allen Richtungen hin den Strom – unser Leben und das, was wir mit saurem Schweiß erbeutet, steht auf dem Spiele, und Ihr hier, in wahnsinnigem Uebermuth, fröhnt dem eifersüchtigen Trotz eines Weibes und schlagt gegen die Hand an, die allein im Stande ist, Euch zu retten. Thoren und Schufte, die Ihr seid, an Eure Posten! Ein fremdes Boot ist hier gelandet, und sein Besitzer liegt vielleicht nur wenige Schritte von uns versteckt, unser Treiben zu belauschen. Er darf die Insel nicht wieder verlassen, Fort – in Bachelors Hall erwartet meine Befehle – ich bin im Augenblick bei Euch – bindet den Neger los, sag' ich, und Ihr Beiden – schafft den Leichnam hinaus aus der Fenz und begrabt ihn. – Der Bursche kann froh sein, noch so aus dieser Welt hinausgeschickt zu sein – er hatte Schlimmeres verdient. – Er war in Helena schon einen Contract eingegangen, uns zu verrathen – nur die Gier, noch höheren Lohn zu erhalten, hatte ihn bis jetzt daran verhindert – fort mit ihm, und Du, Bolivar, erwartest mich hier, bis ich zurückkehre.«

Die Männer gehorchten schweigend den Befehlen, Kelly aber folgte Georginen in ihre Wohnung, wo ihn diese mit kaltem mürrischen Trotz empfing.

»Wo ist die Kranke?« sagte er, als er, in der Thür stehen bleibend, mit seinen Blicken den kleinen geschmückten Raum überflog – »wo ist das Mädchen, das Du hier bei Dir behalten und bewahren wolltest?«

[379] »Wo ist der Knabe?« rief Georgine jetzt, vielleicht noch durch das Bewußtsein eigener Schuld gereizt, wild und heftig dagegen auffahrend, »wo ist der Knabe, den jener teuflische Afrikaner auf Deinen Befehl erschlug? Wo ist das Kind, das ich mir aufgezogen hatte – das einzige Wesen, das mit wahrer aufopfernder Liebe an mir hing, und dessen alleinige Schuld nur – die Treue gegen mich gewesen sein konnte. Kelly – Du hast ein entsetzliches Spiel mit mir gespielt, und ich fürchte fast, ich bin das Opfer einer gräßlichen Bosheit geworden.«

»Du phantasirst,« sagte Kelly ruhig, während er den breiträndigen Hut abnahm und auf den Tisch warf – »was weiß ich, wo der Knabe ist – weshalb hast Du ihn von Dir gesandt? – Ich rieth Dir stets ab. – Ueberhaupt kann er ja auch heute oder morgen zurückkehren, wer weiß, ob er nicht, froh der neugewonnenen Freiheit, in tollem Uebermuth in Helena herumtummelt, wo unser Aller Leben an seiner kindischen Zunge hängt. Wo ist das Mädchen? – ruf es her!«

»Zurückkehren?« rief Georgine in bitterem Schmerz – »ja, seine Leiche – Peter holt sie aus der Bucht drüben, wo sie der Neger versenkte – sein »toller Uebermuth« wurde in gieriger Fluth gekühlt, und seine kindische Zunge droht keinem Leben mehr Gefahr.«

Der lange zurückgehaltene Schmerz des stolzen Weibes brach sich jetzt endlich in wilden, undämmbaren Thränen Bahn; Georgine barg das Antlitz in ihren Händen und schluchzte laut.

Kelly stand ihr erstaunt gegenüber und hielt das dunkle Auge fest und verwundert auf ihre zitternde Gestalt geheftet.

»Was war Dir jener Knabe?« sagte er endlich mit leiser, schneidender Stimme – »welchen Antheil nimmst Du an einem Burschen, der, aus gemischtem Stamm entsprossen, Dir nur als Diener lieb sein durfte? – Georgine – ich habe Dich nie nach jenes Knaben Herkunft gefragt, jetzt aber will ich wissen, woher er stammt.«

»Aus dem edelsten Blut der Seminolischen Häuptlinge!« rief das schöne Weib und richtete sich, ihren Schmerz gewaltsam [380] bezwingend, stolz empor – »seines Vaters Name war der Schlachtschrei einer ganzen Nation; er ist unsterblich in der Geschichte jenes Volks.«

»Und seine Mutter

Georgine fuhr wie von einem jähen Schlage getroffen zusammen; – ihre ganze Gestalt zitterte, und fast unwillkürlich griff sie, eine Stütze suchend, nach dem Stuhl, neben welchem sie stand. Kelly's Lippen umzuckte ein spöttisches Lächeln, aber er wandte sich, als ob er ihre Bewegung nicht bemerke, oder doch nicht bemerken wolle, rasch dem kleinen Cabinet zu, wo Marie ihren Schlafplatz angewiesen bekommen.

»Wo ist die Kranke?« frug er, den Ton zu dem gleichgültigen Gesprächs verändernd – »ist sie in ihrer Kammer?«

»Sie schläft!« sagte Georgine, wohl überrascht über das kurze Abbrechen seiner Frage, doch schnell gesammelt – »störe sie nicht – sie bedarf der Ruhe!«

»Ich will sie sehen!« erwiderte der Capitain und näherte sich dem Vorhang, der das kleine Gemach von dem Wohnzimmer trennte.

»Du wirst sie wecken,« bat Georgine – »thu mir die Liebe und laß sie ungestört.«

Kelly wandte sich gegen sein Weib und schaute ihr mit so scharfem forschenden Blick in's Auge, als ob er ihre innersten Gedanken ergründen wollte. – Ihr Antlitz blieb aber unverändert und sie ertrug ohne Zucken den Blick. Schweigend drehte er sich von ihr ab und lüftete den Vorhang. – Das Bett stand diesem gerade gegenüber, und auf ihm, die schlanken Glieder von warmer Decke umhüllt – den Rücken ihm zugewendet, daß nur der kleine, von wirren Locken umschmiegte Kopf, ein Theil des blendend weißen Nackens und die rechte, auf der Decke ruhende zarte Hand sichtbar blieben, lag eine weibliche Gestalt. Die äußeren Umrisse hatten auch Aehnlichkeit mit dem entflohenen Mädchen: aber Kelly's scharfer Blick entdeckte rasch den Betrug.

Im ersten Moment machte er allerdings eine fast unwillkürliche Bewegung, als ob er noch weiter vortreten wolle – plötzlich aber hielt er wieder ein, ließ noch einmal seinen Blick [381] erst über die ausgestreckte schlummernde Gestalt, dann über das schöne, doch marmorbleiche Antlitz seines Weibes schweifen, und verließ dann rasch die Kammer und das Haus.

Draußen schritt er an dem Neger vorüber, der noch neben dem Baum kauerte, an welchem er mißhandelt worden, und trat zwischen die jetzt in Bachelors Hall versammelten Männer. Die Zeit drängte – keinen Augenblick durfte er verlieren, denn der nächste konnte schon Verderben bringend über sie hereinbrechen, und in kurzen klaren Befehlen vertheilte er Einzelne der Schaar über die Insel, von denen einige die Ufer nach einem gelandeten Kahn absuchen, andere die Dickichte durchstöbern sollten. Fanden sie den Kahn, so war weiter nichts nöthig, als ihn wohlversteckt zu bewachen, der Ire mußte dann in ihre Hände fallen. Ahnte er aber, daß er endeckt sei, und hielt er sich verborgen, nun so konnte er auch die Insel nicht verlassen und war für den Augenblick unschädlich gemacht, bis ihn das Tageslicht seinen Verfolgern entdecken mußte. Posten wurden dann auch, jeder andern, bis jetzt noch unbekannten Gefahr zu begegnen, an all' den Plätzen ausgestellt, wo eine Landung überhaupt möglich war, und die Bewohner der Insel erhielten gemessenen Befehl, ihre Sachen gepackt in Bereitschaft zu halten, um jeden Augenblick zum Aufbruch fertig und gerüstet zu sein. Ihre Boote mußten zu diesem Zweck doppelt bewacht und überhaupt Alles gethan werden, den Ausbruch des ihnen drohenden Wetters so lange als möglich zu verzögern. Noch war ja auch nicht einmal die Gewißheit da, daß ihr Schlupfwinkel ernstlich verrathen sei, denn die Beiden, die auf dessen Erforschung ausgegangen, konnten unschädlich gemacht werden.

Ließen sich die Bewohner von Helena, oder besonders die der Umgegend wieder beruhigen, so wäre es thöricht gewesen, in unkluger Furcht voreilig einen Platz zu verlassen, wie es vielleicht keinen zweiten für sie in den Vereinigten Staaten gab. Auf jeden Fall konnten sie ihn dann so lange behaupten, bis sie im Stande waren, all' ihre Habseligkeiten in die südlicher gelegenen Staaten, besonders nach Texas und Mexiko zu schaffen, so daß, wenn später ja einmal eine Nachsuchung gehalten [382] wurde, die Nachbarn höchstens den leeren Horst, die Geier aber ausgeflogen fanden. Zu diesem Zweck mußte Kelly jedoch augenblicklich wieder nach Helena hinauf, und wollte nur in dem Fall gleich zu ihnen zurückkehren, wenn unverzögerte Flucht nöthig werden sollte. Galt es die letzte Rettung, so blieb ihnen auch immer das letzte Mittel gewiß, sich Bahn zu hauen, ehe die Feinde auch nur eine Ahnung bekamen, wie stark und zahlreich sie wären.

Diese Anordnungen waren alle so umsichtig getroffen und die Kräfte derer, deren Macht sie zu fürchten hatten, so genau dabei berechnet, daß wirklich eine ganz genaue Kenntniß jener Verhältnisse dazu gehörte, mit solcher Sicherheit selbst den letzten Augenblick abzuwarten, wo eine einzige versäumte Stunde Alle in's Verderben stürzen konnte. Sei es aber nun, daß die Insulaner nicht von der Nähe der Gefahr so genau unterrichtet waren. denn Kelly theilte ihnen nur das mit, was sie nothwendiger Weise wissen mußten, oder vertrauten sie ihm und seiner Klugheit wirklich so viel, kurz die Meisten schienen die Sache ungemein leicht zu nehmen und trotzten sogar auf ihre Uebermacht. Solch lange Ungestraftheit ihres verbrecherischen Treibens hatte sie übermüthig ge macht, und Einige äußerten sich sogar ganz offen darüber, es wäre ihnen gleichgültig, ob sie entdeckt seien oder nicht. Den wollten sie sehen, der sie hier in ihrer eigenen Veste angriffe.

Kelly dachte hierüber freilich anders und kannte recht gut die Gefahr, die ihnen drohte, wie die Mittel, die ihnen zu Gebote standen, ihr zu begegnen. Ihn beunruhigte aber auch jetzt das Ausbleiben des schon längst von Indiana erwarteten Bootes, denn der Zeit nach, und wenn es fortwährend flott geblieben, hätte es die Insel lange erreichen und passiren müssen. Der entsetzliche Nebel erklärte freilich in etwas dieses Zögern. Entweder hatte der alte Hosier die Sicherheit seines Bootes nicht preisgeben wollen, oder Bill mochte auch selbst gefürchtet haben, vielleicht zu früh aufzulaufen oder gar vorbei zu rennen und die kostbare Beute dadurch auf's Spiel zu setzen. Es schien indessen, als ob sich der Nebel lichten würde, der Wind fing wenigstens an zu wehen, immer hierfür ein gutes Zeichen, und [383] es war also möglich, daß jenes Fahrzeug mit oder vielleicht gleich nach Tagesanbruch eintreffen würde.

Während sich jetzt die Männer über die Insel zerstreuten, um die gegebenen Befehle zu erfüllen und ihr Asyl gegen Verrath zu schützen, schritt Kelly langsam zu dem Neger zurück und legte leise seine Hand auf dessen Schulter. Der Afrikaner zuckte zu sammen, als er den leichten Druck der Finger auf seiner Achsel fühlte, sie hatten eine durch die Peitsche gerissene Wunde getroffen. – Bald erkannte er aber seinen Herrn und erhob sich schweigend.

»Bolivar,« flüsterte der Capitain und blickte finster in das Antlitz des Negers – »sie haben Dich mißhandelt und mit Füßen getreten, weil Du mir ergeben bliebst?«

Der Neger knirschte mit den Zähnen und warf den funkelnden Blick nach dem hell erleuchteten Fenster der Herrin hinüber.

»Ich weiß Alles,« sagte Kelly und hob beruhigend die Hand gegen ihn auf – »aber – vielleicht ist es gut, daß es so gekommen, auf keinen Fall soll es Dein Schade sein. Doch hier darfst Du nicht bleiben,« fuhr er nach kurzer Pause fort – »Georgine weiß, was Du gethan, und kennt in diesem Punkte keine Grenze ihrer Rache – wir haben uns Beide dagegen zu wahren. Packe das, was Du mitzunehmen gedenkst, zusammen und komm mit mir.«

Bolivar blickte staunend zu dem Capitain empor. Es lag ein finsterer Ausdruck in diesen Worten – wollte er die Insel – wollte er Georgine ihrem Schicksal überlassen?

»Kehren wir nicht zurück?« frug er, als er den Blick des Herrn von sich abgewendet sah.

»Du nicht, wenigstens nicht in nächster Zeit – ich vielleicht schon morgen,« sagte Kelly – »doch eile Dich, eile Dich – unsere Minuten sind gemessen, wir haben manche lange Stunde gegen die Strömung des Mississippi anzurudern.«

»Ich kann nicht rudern!« murrte der Neger – »meinte Arme sind gelähmt – die Peitsche hat mich meiner Kraft beraubt.«

»Du wirst steuern,« sagte der Capitain – »hast mich [384] manchmal hinübergerudert und magst heute Deine Arme ruhen lassen. Doch, Bolivar, willst Du fortan auch mir nur folgen, Dein Leben meinem Dienst weihen und in unveränderter Treue an mir hängen? Willst Du gehorchen, was auch immer der Befehl sein möge?«

»Ihr habt mich heute gerächt, Massa,« flüsterte der Neger, und seine dunkelglühenden Augen hafteten an der Gruppe, die eben den Leichnam des Erstochenen durch die Einfriedigung schleppte. »Das Blut jenes Schurcken, von Eurer Hand vergossen, ist über mich weggespritzt, und jeder einzelne Tropfen war wie Balsam auf meine brennenden Wunden; glaubt Ihr, daß ich das je vergessen könnte?«

Kelly's prüfender Blick haftete wenige Secunden auf ihm, dann sagte er leise:

»Genug – ich glaube Dir – geh jetzt und rüste Dich; mein Boot liegt auf seinem gewöhnlichen Platz.« Und rasch wandte er sich von ihm ab, ihn zu verlassen. Da hemmte des Negers Ruf noch einmal seine Schritte.

»Massa!« sagte Bolivar und griff in die Tasche seiner Jacke – »hier sind zwei Briefe, die – der Rothhäutige bei sich gehabt hat – sie scheinen aber nicht für Euch bestimmt.« »Schon gut,« flüsterte Kelly und nahm sie an sich – »ich danke Dir« – und schnell verließ er durch das kleine nordwestliche Thor die innere Einfriedigung, die ein schmaler Pfad mit dem obern Theil der Zwischenbank verband. Bolivar aber schlich in seine eigene Hütte, raffte dort das Beste seines Eigenthums zusammen und verließ, ohne Gruß oder Wort weiter an irgend ein lebendes Wesen der Insel zu richten, durch den feuchtdunstigen Nebel hin und dem wohlbekannten Pfade folgend, die Colonie, um seinen Capitain an dem bestimmten Platz zu treffen.

28. Patrick O'Toole's Abenteuer

[385] 28.

Patrick O'Toole's Abenteuer.

Patrick O'Toole schritt, als er die Männer am Ufer verließ, rasch zu des Richters Wohnung hinaus. Diesen wollte er jedoch nicht sowohl von seiner Absicht in Kenntniß setzen, denn er verlangte die Hülfe des Gesetzes noch nicht, sondern ihn vielmehr um den Compaß bitten, da der Nebel immer dichter und hartnäckiger zu werden schien. Er fand aber, wie wir schon früher gesehen haben, den Richter nicht zu Hause, und da ihm die Leute dort auch nicht einmal bestimmt angeben konnten, wann er wieder zurückkehren würde, so beschloß er kurz und gut auch ohne Compaß aufzubrechen und sein gutes Glück zu versuchen. Ohne weiteres Zögern schritt er also zu seinem kleinen Boot zurück, machte es flott, und ruderte nun langsam am westlichen Ufer hin, Bredschaw's Wohnung zu, die er mit der Strömung in etwa einer Stunde erreichen konnte. So lange er sich so nahe zum Lande hielt, daß er das Ufer oder wenigstens die dunkeln Schatten der Bäume noch erkennen konnte, ging das auch recht gut. Von Snags und Sawyern hatte er nichts zu fürchten; sein Fahrzeug war zu leicht, um von diesen ernstlich bedroht zu werden, und warf ihn auch die Fluth dagegen, so trieb er bald wieder los. Höchstens konnte ihn vielleicht, wie das in der That manchmal geschieht, ein plötzlich emporschnellender Sawyer so auf die Seite werfen, daß er etwas Wasser einnahm. Das kam aber sehr selten vor, und rüstig, nur manchmal den Kopf wendend, ob er nicht ein erhebliches Hinderniß vor sich sehe, legte er sich scharf in die Ruder. Der leichte Kahn schoß fast pfeilschnell auf der schäumenden Strömung und an Wald und steiler Uferbank vorübergerissen hin, bis sich rechts die Bucht ihm öffnete, die Bredschaw bewohnte. In diese lief er ein [386] und hörte nun von dem jungen Mann dieselbe Kunde, nur noch ausführlicher und bestimmter, wie jener sie dem Indiana-Bootsmann mitgetheilt. Er fühlte sich jetzt auch ziemlich fest überzeugt, daß sein Verdacht nicht allein begründet gewesen, sondern daß er sogar die ziemlich sichere Spur habe, dem nichtsnutzigen Gesindel, gegen das er einen unbesiegbaren Groll hegte, auf die Spur zu kommen.

Allerdings rieth ihm Bredschaw ebenfalls ab, solchen Weg so unvorbereitet und allein, wie auch bei solchem Nebel zu unternehmen, wo er ja gar nicht im Stande sein würde, die Insel zu finden; O'Toole aber, störrisch das einmal angenommene Ziel verfolgend, erklärte, unter jeder Bedingung wenigstens den Versuch machen zu wollen, und meinte dabei ziemlich richtig, eigentlich sei solches Wetter gerade das geeignetste, da jener Platz, wenn er wirklich der Aufenthaltsort von Verbrechern wäre, heute gewiß nicht so sorgsam bewacht würde als sonst. Er hielt sich denn auch, um die schöne Zeit nicht unnöthig zu versäumen, nur kurze Zeit bei Bredschaw auf und nahm, von diesem fast gezwungen, noch eine wollene Decke mit, im Fall er genöthigt sein sollte, länger auszubleiben, als er jetzt beabsichtigte. Dann band er mit frohem Muthe sein Fahrzeug los, dem jungen Mann noch dabei zurufend, er solle bald wieder von ihm hören, den Bootsschuften wolle er's aber eintränken, ihn auf solche Art behandelt zu haben.

Bredschaw blieb am Ufer stehen und sah ihm nach, bis das Boot seinen Blicken entschwand; nur noch eine Zeit lang hörte er die regelmäßig langsamen Ruderschläge des wackern Irländers, und dann verschollen auch diese endlich in weiter, weiter Ferne.

O'Toole ging keck und unverzagt, ein ächter Sohn der »grünen Insel«, seinem Abenteuer entgegen, und mehr noch war es fast ein glücklicher Leichtsinn, ein sorgloses Ueberlassen der Zukunft, als reiner thierischer Muth, der ihn zu allerdings ungeahnten Gefahren trieb. Niemand in Arkansas hatte es aber auch für möglich gehalten, daß sich inmitten civilisirter Staaten, auf dem breiten, jedem Boot offenen Wege des ganzen [387] westlichen Handels, eine so wohlorganisirte und so fürchterliche Bande festsetzen und behaupten konnte, als es hier wirklich der Fall gewesen. Nicht einmal Waffen hatte er mitgenommen, ein einfaches kurzes Jagdmesser ausgenommen, das er unter der Weste, mit einem Bindfaden befestigt, am Knopf seines Hosenträgers, und eigentlich mehr zum wirklichen Haus- und Feldgebrauch, denn als Vertheidungswaffe bei sich führte.

Der Abend konnte nicht mehr fern sein. So angenehm unserem Kundschafter aber auch sonst wohl dieser Umstand gewesen, da er ihn immer noch mehr vor Entdeckung schützte, so zweifelhaft wurde es ihm nun selber, ob er in solch' undurchdringlichem Nebel jene Insel auch wirklich finden würde. Weit entfernt war er auf keinen Fall mehr davon. Die Distance von der Weideninsel bis Einundsechzig wurde auf dem Wasser nur für acht Meilen gehalten, und die Strömung allein mußte ihn bei dem gegenwärtigen Wasserstand fünf Meilen die Stunde führen; ruderte er also nur ein wenig zu, so konnte er recht gut die ganze Strecke in eben der Zeit zurücklegen. So lange er dicht am Ufer blieb, ging das auch an, er sah das Flußufer neben sich und behielt dadurch die genaue Richtung bei, jetzt aber, und nicht weit unter der Weideninsel, machte der Mississippi nach Arkansas hinein einen starken Bogen und zwang ihn dadurch, wenn er sich nicht ganz aus dem Wege fahren wollte, das Ufer zu verlassen.

Nun war O'Toole allerdings noch nie in einem recht ordentlichen Mississippinebel auf diesem Strome gewesen, sonst hätte er das auch wohl schwerlich ohne Compaß gewagt. Er arbeitete im Gegentheil noch immer mit dem Glauben, die Strömung müsse ihm ja auf jeden Fall die Bahn zeigen, wohin der Fluß gehe, wobei das zahlreich treibende Holz einen vorzüglichen Wegweiser abgeben werde. Außerdem war die Insel Einundsechzig ziemlich lang und breit, und er durfte, wenn er sich nur in der Mitte des Stromes halten konnte, allerdings hoffen, sie zu erreichen. Eins jedoch hatte er in dieser sonst vielleicht sehr vorzüglichen Berechnung vergessen, daß nämlich die Bestimmung einer Strömung ganz unmöglich wird, wo jeder feststehende Haltpunkt für das Auge fehlt. [388] Ebenso wie man auf der See auch nur dadurch die Richtung der Meeresströmungen bestimmt, daß man das Fahrzeug auf kurze Zeit entweder durch einen wirklichen oder bloßen Nothanker soviel als möglich auf einer Stelle festhält und die Bewegung irgend eines in die Fluth geworfenen schwimmenden Gegenstandes beobachtet, ebenso ist es auf einem so ungeheuren Strom wie der Mississippi unmöglich, irgend eine Richtung anzugeben, wenn man sich in starkem Nebel auf seiner ruhigen Fläche befindet.

O'Toole ruderte nun zwar, als er das Ufer nicht mehr erkennen konnte, noch eine ganze Weile ruhig und zwar nach der Gegend fort, die er für die rechte hielt, gar bald aber machten ihn einzelne Stücke schwimmenden Holzes irre, und er hielt einen Augenblick, um zu sehen, welchen Weg diese trieben. Ja – die lagen, als er selbst mit Rudern aufhörte und also ebenfalls seinen Kahn der Fluth überließ, gerade so ruhig da, wie er selbst, und das Ganze sah aus wie ein von dichtem Dampf umschlossener See, der weder Ab- noch Zufluß habe und vollkommen still stehe. Er beobachtete nun eine Zeit lang einzelne treibende Stämme, um zu sehen, auf welche Seite die Fluth gegen sie drücke, das war aber nicht möglich – sie schwammen eben ungedrängt im Wasser und zeigten, da sie der Fluth auch nicht den geringsten Widerstand leisteten, sondern sich ruhig mit fortnehmen ließen, auch nicht den mindesten Einfluß derselben. Er fing jetzt wieder an zu rudern, aber auch das blieb sich gleich – es war eben, als ob er auf einem Teiche oder stillen See herumfahre, und wo Ost, Nord, Süd oder West sein könnte, wurde ihm jetzt zu einem vollständigen Räthsel. Der Fluß lag in spiegelglatter Ruhe um ihn her, und nur die Nebel schwebten in dichten, fest in einander gedrängten und wie es schien vollständig mit einander verbundenen Wölkchen darüber hin und wichen und wankten nicht. Was hätte er jetzt für einen einzigen, noch so fernen Blick des Ufers gegeben, um nur eine Idee zu bekommen, wo er sich eigentlich befinde. Der Wunsch schien aber nicht in Erfüllung zu gehen, ja die Dämmerung fing sogar an deutlich merkbar zu werden, und er verzweifelte nun fast daran, nicht [389] allein die Insel, sondern sogar in vielen Meilen Entfernung ein Ufer zu erreichen.

Nun giebt es allerdings ein Mittel, selbst in solchem Verhältniß und ohne Compaß eine gerade Richtung beizubehalten; ist man nämlich gänzlich in Zweifel, woher die Strömung kommt oder wohin sie geht, so braucht man nur so lange im Kreise herumzurudern, bis man die Fluth vorn unter dem Bug rauschen hört. Dann kann man überzeugt sein, daß man gegen die Strömung anhält, und ist nun im Stande, die zu nehmende Richtung zu bestimmen. Allerdings würden aber selbst dann nur wenige Ruderschläge den Rudernden wieder auf den alten Fleck bringen, denn weil die seitwärts gegen das Fahrzeug andrängende Wassermasse auch den Bug bald stärker, bald schwächer niederdrückt, je nachdem man ein ganz klein wenig mehr auf- oder abhält, so wäre es unmöglich, die Richtung so genau im Gefühl der Hand zu haben. Das einzige Mittel in diesem Falle ist – da man doch in einem zweirudrigen Boot mit dem Rücken nach vorn sitzt – die Augen fest auf das Fahrwasser seines Kahns zu halten, d.h. auf den Streifen, den das Boot beim schnellen Durchschneiden des Wassers hinter sich läßt. So lange dieser eine durchaus gerade Linie beschreibt – denn eine kurze Strecke kann man selbst beim stärksten Nebel sehen – so lange behielt auch das Boot dieselbe bei, denn die geringste Abweichung würde es gleich hinter dem Stern durch eine krumme Linie verrathen. Man darf aber während dieser Zeit natürlich keinen Augenblick mit Rudern aufhören oder nachlassen, denn eine gleichmäßige Fortbewegung ist zu solcher Bestimmung unumgänglich nöthig.

Davon hatte jedoch O'Toole, der sich sonst wenig mit Wasserfahrten beschäftigte, keine Ahnung; er wußte nur, daß er noch nicht weit genug vom Land entfernt sein könne, um sich schon oberhalb der Insel zu befinden. Trieb er also jetzt mit der Strömung abwärts, so führte ihn diese an seinem Ziele vorbei, und rasch griff er daher wieder zu den Rudern. Nur einmal noch betrachtete er mit prüfendem Blick die ruhige Nebelfläche um sich her, drehte dann den Bug dorthin, wo [390] er die Mitte des Stromes glaubte, und zeigte in Handhabung der elastischen Ruder bald so guten Willen, daß das Wasser an seinem Buge rauschend schäumte und hoch aufspritzte. So arbeitete er wohl eine volle Stunde lang, daß ihm der Schweiß in großen perlenden Tropfen auf der Stirn stand und er bei richtiger Führung den Mississippi schon zweimal gekreuzt haben konnte, aber kein Land bekam er zu sehen, weder rechts noch links, weder vor noch hinter sich, und er fühlte nun wohl, daß er die falsche Richtung gefahren sei.

Einen Augenblick ließ er die Ruder sinken und wischte sich den Schweiß von der Stirn, dann aber ergriff er sie wieder und legte sich von Neuem mit aller Kraft und bestem Willen hinein, bis er endlich einsah, daß alle seine Anstrengungen vergeblich sein mußten. Das Beste also, was er jetzt thun konnte, war, nach Arkansas zurückzukehren, um den Versuch ein anderes Mal unter günstigeren Verhältnissen zu erneuen. – Aber guter O'Toole, es erwies sich als eben so schwer, nach Arkansas, wie nach Mississippi hinüberzuhalten. Nacht und Nebel umgab ihn bald mit undurchdringlichem Schleier, keinen Laut hörte er, nicht einmal das Gequake von Fröschen, das ihm die Nähe des Landes – gleichviel nun welchen Ufers – verrathen hätte. Er mußte sich inmitten des gewaltigen Stromes befinden.

Da hielt er endlich, nachdem er sich noch eine ganze Zeit lang bis zu tödtlicher Ermattung abgemüht, mit Rudern ein, warf die Ruder in den Kahn und streckte sich selbst – gleichgültig gegen Alles, was ihn befallen könnte, in dem Stern des Bootes aus. – Einmal mußte er ja doch irgendwo antreiben, oder doch wenigstens Geräusch von irgend einem Boot oder dem Ufer, in dessen Nähe ihn die Strömung zuerst bringen würde, hören, und er hatte eingesehen, daß er selbst nicht im Stande sein würde, das Mindeste dafür oder dagegen zu thun. Er war förmlich verirrt und wußte in der That nicht mehr, wo er sich befand, ob er irgendwo festhänge, oder immer stromab, der Mündung des Arkansas zutreibe.

In dumpfem Brüten lag er in seinem Boot ausgestreckt und schaute schweigend zu der grauen Masse hinauf, die ihn [391] in fast fühlbarer Schwere und Feuchtigkeit umgab – da war es ihm plötzlich, als ob er das Quaken eines Frosches höre – er horchte hoch auf. Fast in demselben Augenblick vernahm er ein dumpfes Rauschen, und ehe er sich noch recht umschauen konnte, von welcher Richtung dies eigentlich komme – da er es natürlich auf der ganz entgegengesetzten Seite erwartet hatte – trieb auch sein schwankendes Boot schon in den starren Wipfel einer Eiche hinein.

Land hatte er jetzt – Bäume wenigstens – und er wußte doch nun, daß er nicht mehr weiter stromab und von Helena fortgenommen werden könnte. Wo er sich aber befand, ob in Arkansas, Mississippi oder an einer der weiter unten gelegenen Inseln, vielleicht Drei- oder Vierundsechzig, das war ihm unmöglich zu bestimmen, ja, so hatten sich seine Gedanken verirrt, daß es einer langen Zeit bedurfte, bis er mit sich überhaupt im Reinen war, er befinde sich noch im Mississippi und sei nicht etwa in irgend einen Fluß oder eine Bayo unversehens hinein-, und diese Gott weiß wie weit hinaufgerudert. Das Einzige, worüber er vollkommen Gewißheit zu haben glaubte, war, daß erwenigstens fünfzig bis sechzig Meilen von Helena entfernt sein müsse. –

Wo aber befand er sich? Im Anfange wollte er rufen, denn vielleicht befanden sich Menschen in seiner Nähe, die ihn hörten. Doch konnte es nicht eben so gut möglich sein, daß er gerade in jenes Nest gerathen wäre, nach dem er suchte, und welchen Empfang durfte er von Denen hoffen, die ihm noch vor kurzer Zeit so unzweideutige Beweise ihres Hasses gegeben? Nein – da heute nun doch einmal kein Gedanke daran war, Einundsechzig noch zu erreichen, und der Nebel auch auf jeden Fall den Morgenwinden weichen mußte, so beschloß er, seinen Kahn an einer sichern Stelle zu befestigen und nachher ruhig darin ausgestreckt den Tag abzuwarten.

Das war nun freilich nicht so leicht, als er es anfangs erwartet hatte. Eine Masse Baumgewirr versperrte ihm überall den Eingang, und dort bleiben, wo er sich gerade befand, konnte er eben so wenig. Die Fluth preßte gerade dagegen, und brachte sie irgend einen fortgeschwemmten Baumstamm [392] mit, so mußte ihm dieser, mit der Gewalt solcher Wassermasse vereint, unfehlbar das leichte Fahrzeug zertrümmern und ihn selber unter das Treibholz schwemmen. – Er arbeitete sich jetzt also mit aller Anstrengung links hin, bis er zu einer Art Landspitze kam, denn die Strömung brach sich hier mit großer Stärke am Ufer und schoß dann rasch und schäumend vorbei. Dort hatte auch augenscheinlich die Kraft des Wassers einen früher dagelegenen Baum zur Seite geschwemmt, so daß eine Art kleine Bucht dadurch entstanden war. In diese lief er ohne Zögern ein und richtete nun, gegen äußere Gefahr geschützt, sein Lager, so gut es gehen wollte, her, um wenigstens ein paar Stunden schlafen zu können.

Kurze Zeit mochte er so gelegen haben, und das gleichförmige Rauschen des Wassers begann, trotz des harten Lagers, seine Wirkung auf ihn auszuüben, als es ihm, schon halb im Traume, vorkam, als ob er Stimmen höre, die in ziemlich lebhaftem Gespräch mit einander begriffen wären. Im Anfange horchte er halb bewußtlos den unverständlichen Tönen, er hatte schon geträumt, er sei in die See hinausgetrieben, und vom Ufer aus riefen sie hinter ihm her und warnten ihn vor den Gefahren des Golfes. Mehr und mehr aber wieder munter werdend, staunte er zuerst über den Ort, wo er sich befand, und konnte sich endlich nur mit vieler Mühe des Vorgefallenen erinnern.

Nun war O'Toole allerdings nicht Waldmann genug, ein solches Lager in dem feuchten Flußnebel einem warmen Bette vorzuziehen, dennoch aber hielt ihn eine gewisse Angst zurück, jene Sprechenden anzurufen, denn die Absicht schon, in der er ausgezogen war, ließ ihn in jedem Menschen, den er traf, einen Räuber, Mörder und falschen Spieler erblicken. Er kroch also, um vor allen Dingen zu recognosciren, wo er eigentlich sei und in welcher Umgebung er sich befinde, aus seinem Boot heraus, über ein paar umgestürzte Stämme an's Ufer und schlich nun hier, so geräuschlos als es ihm die jetzt wirklich außergewöhnliche Dunkelheit und die rauhe Wildniß erlaubten, vorwärts, dem Schalle nach.

Das Geräusch und Sprechen schien auf einem Orte zu [393] bleiben, und O'Toole vermuthete hier natürlich nichts weiter als eine Farmerwohnung, zu der er nur nicht den rechten Pfad getroffen habe, sondern in irgend eine neue Rodung gerathen sei. Er hatte denn auch, obgleich mit entsetzlicher Anstrengung, schon einen ziemlichen Theil des Dickichts durchdrungen, als plötzlich Alles wieder ruhig war, und jetzt nur noch das einförmige Quaken der Frösche und das Zirpen einzelner Locusts die Todtenstille unterbrach. Nichtsdestoweniger behielt er die Richtung bei, in der er früher die Laute gehört, und erreichte gerade einen kleinen, ziemlich freien Platz, als er aus dem Nebel, und zwar dicht vor sich, zwei Gestalten treten sah, so daß er nur noch eben Zeit genug behielt, hinter einem niedern Busch auf die Erde zu sinken.

»Und ich sage Euch, Jones, Ihr dürft die Insel bei Gott nicht verlassen, ohne den Schwur geleistet zu haben« betheuerte jetzt plötzlich der Eine von ihnen, während er stehen blieb und sich gegen seinen Begleiter umwandte. – »Es ist uns Allen streng befohlen worden, Euch nicht fortzulassen.«

»Aber ich habe ja den Schwur leisten wollen,« rief der Andere ärgerlich – »Höll' und Teufel, ich kann doch nicht mehr thun, als Euch sagen, ich will beschwören, was Ihr begehrt? Es ist schändlich, mich jetzt hier, gegen meinen Willen, zurückzuhalten, wo ich in Mississippi drüben die besten Geschäfte machen könnte.«

»Auch das wißt Ihr, warum das jetzt nicht möglich ist,« erwiderte ihm der Andere – »solcher Schwur muß seine gehörige Feierlichkeit haben und von Allen gehört werden, damit es später keine Ausrede giebt. – Die Versammlung ist aber erst morgen Abend, und bis dahin werdet Ihr Euch also zu gedulden haben.«

»So? und wenn nun bis morgen Abend schon die saubere Bescheerung hereinbricht, von welcher der Capitain gemunkelt hat,« brummte Jones – »was hab'ich dann für ein Interesse, meine Haut ebenfalls dabei zu Markte zu tragen, eh? Gehör' ich schon mit dazu, und würd' ich nicht, mit gefangen, auch ganz unschuldig mit gehangen werden?«

»Unschuldig?« spöttelte der Andere.

[394] »Ja, ja, unschuldig,« rief Jones mürrisch – »wenigstens in dieser Sache, und was am Ende noch viel fataler wäre, mit dem Bewußtsein, daß die Canaillen aus Versehen den Rechten erwischt hätten. Nein, Ben, Ihr müßt mir einen Kahn verschaffen; ich will Euch den Eid leisten, und das wird Euch doch genügen können.«

»Mir? verdammt will ich sein, wenn ich meinen Kopf statt Euren in die Schlinge zu stecken gedenke,« brummte Ben und wandte sich wieder zum Gehen, jetzt aber gerade auf den Iren zu, der dicht und regungslos an die Erde geschmiegt lag. – »Sobald Ihr einmal versprecht, den Eid zu leisten, so seid Ihr auch – Gift und Donner!« rief er plötzlich, vor der Gestalt zurückprallend, die sein Fuß berührt hatte.

»Was ist's?« frug Jones erschrocken und blickte scheu umher.

Der Ire rührte sich nicht. – Die Unterredung der beiden Männer hatte ihm bald verrathen, er befinde sich an seinem Ziel, obgleich er jetzt noch nicht wußte, wo das eigentlich lag, und theils lähmte die Angst seine Glieder, theils war er auch noch unentschlossen, wie er sich verhalten solle. Floh er, so mußten ihn die mit dem Platz Vertrauten augenblicklich wieder einholen können – stellte er sich zur Wehr – er war fast unbewaffnet, die Feinde dagegen sicher mit Messern und Pistolen versehen. – Endlich beschloß er, sich zu stellen, als ob er schlafe; sie mußten dann wenigstens glauben, daß er nichts von ihrer Unterhaltung gehört habe, und suchten in diesem Falle vielleicht selber ihn so schnell als möglich wieder fortzubringen.

Das waren etwa die Gedanken, die ihm pfeilschnell durch's Hirn schossen, und er stellte sich für den Augenblick schlafend. Ben's nächste Worte theilten ihm aber nicht allein eine andere Rolle zu, sondern ließen ihn auch die Gefahr ziemlich deutlich ahnen, in welcher er sich befand.

»Seeschlangen und Meerwölfe!« rief Jener, während er heruntergriff und den Arm des Regungslosen erfaßte – »soll mich dieser und der holen, wenn die verdammten Halunken nicht Tusk hierher geschleppt und liegen gelassen haben. – [395] Hol' doch der Teufel das faule Zeug! – Nicht einmal zu dem Ort ihn hinzutragen, wo wir ihn einscharren wollen. Ei da mag er zum Donnerwetter auch hier liegen bleiben; 's ist weit genug von der Fenz, und er schläft hier eben so gut wie hundert Schritt weiter oben.« Damit warf er das Werkzeug, das er trug, neben den vermeintlichen Leichnam von der Schulter nieder und fing an, die Erde mit der schweren Hacke aufzuschlagen.

»Dann will ich indessen hingehen und einmal zusehen, ob nicht irgendwo hier oben ein Boot befestigt ist,« sagte Jones – »so lautete ja Kelly's Befehl.«

»Ja – und mich hineinsetzen, nicht wahr? Und ruhig den Strom hinabrudern?« äffte ihm der wilde Bootsmann nach, während er mit der Hacke auf den Boden stampfte – »ei zum Teufel, Sir, Ihr müßt uns doch hier für gotteslästerlich dumm halten, daß Ihr uns auf solch' erbärmliche Art anzuführen gedenkt. Ihr bleibt hier – die Ursache, weshalb Ihr mir zur Gesellschaft mitgegeben seid, ist: das Grab mit graben zu helfen und nachher des Irländers Boot aufzuspüren, sowie den Burschen abzufangen – wenn wir ihn erwischen, heißt das. Also greift zu, wenn's gefällig, und glaubt nicht, daß Ihr mich von der rechten Fährte durch irgend einen Seitensprung abbringt.«

Damit warf er dem kleinen Mann den Spaten zu und bedeutete ihn, die Erde aus-, aber nicht zu weit fortzuwerfen, damit sie dieselbe zum Aufhäufen gleich wieder bei der Hand hätten.

O'Toole zitterte all allen Gliedern. – »Dicht neben ihm wurde ein Grab gegraben, in das er lebendig hineingeworfen werden sollte, sobald er nur regungslos liegen blieb – und zeigte er, daß er noch lebe, so war sein Tod ebenfalls gewiß. Er war verrathen, so viel sah er ein – aber durch wen? Und wie konnte die Botschaft schon an diesen von Helena so entfernten Punkt gelangt sein? Hatte er nicht die ganze Zeit aus Leibeskräften gerudert und seinen Entschluß, hier herabzugehen, erst kurz vor seiner Abfahrt irgend einem Men schen, und dann natürlich nur lauter Freunden, mitgetheilt?« Es [396] blieb ihm aber keine Zeit zu langen Betrachtungen, die Gefahr lag hier zu fürchterlich nahe, und jede ausgeworfene Erdscholle brachte ihn seinem Geschick näher.

Das Einzige, was ihn möglicher Weise retten konnte, war ein schneller Entschluß. – Er wollte emporspringen, und die Männer, die ihn jetzt noch für irgend einen Erschlagenen hielten, waren vielleicht im ersten Augenblick so überrascht, daß er, ehe sie sich ermannten, sein Boot wieder erreichen konnte. Der Eine schien überdies, so viel sich in der Dunkelheit erkennen ließ, klein und schwächlich, und den Andern hätte im schlimmsten Falle, ehe er ihm selbst gefährlich wurde, ein Messerstich unschädlich gemacht. Vorsichtig griff er also, um sich durch keine Bewegung zu verrathen, nach dem scharfen Stahl, zog ihn leise aus der Scheide und bog sich langsam auf die linke Seite hinüber – er hatte sich die Richtung, von der er gekommen, ziemlich genau gemerkt, und an rasche Verfolgung war dorthin überhaupt nicht zu denken. – Einmal dann im Nebel wieder auf dem Strom, hätte ihn auch nur der Zufall seinen Verfolgern verrathen können. Der Eine der Männer stand nur jetzt gerade zwischen ihm und dem Stamm, über den er zuerst wegsetzen mußte – den Raum wollte er erst noch frei haben, ehe er den Angriff wagte. Es war Ben, er hatte die Hacke bei Seite geworfen und den zweiten Spaten in die Hand genommen, der dort lag. Jetzt trat er wieder zurück auf seinen früheren Platz, undjetzt war auch der einzige, vielleicht letzte Augenblick gekommen.

»Ben?« rief da plötzlich eine leise, unterdrückte Stimme, die gerade von der Richtung her tönte, wo sein Fahrzeug lag, und in den dichten Büschen und Dornen rauschte es und regte es sich.

»Ja,« sagte dieser und hielt in seiner Arbeit ein, »was giebts? Wer ruft da?«

»Hier liegt bei Gott das fremde Boot,« flüsterte die Stimme wieder – »laßt Euer Graben jetzt lieber sein und kommt mit hierher, es giebt vielleicht nachher gleich Zwei hineinzuwerfen.«

O'Toole's Herzblut stockte – nicht allein der Rückweg war [397] ihm abgeschnitten, sondern sein Boot sogar entdeckt. – Er konnte, falls er sich wirklich auf einer Insel befand den Platz gar nicht wieder verlassen. Seine einzige Hoffnung blieb jetzt nur noch die, daß die Todtengräber dem Rufe Folge leisten und ihn allein lassen würden.

»Wo liegt es denn?« frug Ben und hielt inne mit Erdeauswerfen.

»Gleich hier – dicht an der äußersten Landspitze, unter der alten Sykomore –«

»So thut, wie Euch Kelly befohlen, und haltet das Maul,« brummte der Bootsmann – »wer weiß denn, ob er nicht gerade hier in der Gegend herumkriecht. Nehmt Eure Plätze ein und verhaltet Euch ruhig – kommt er zurück, so fertigt ihn ab – doch ohne Schuß.«

»Wie wird's aber, wenn Teufelsbill mit dem Flatboot kommen und das Zeichen geben sollte?« frug Jener, aber immer noch mit unterdrückter Stimme, zurück.

»Das geht Euch nichts an – Ihr bleibt auf Eurem Posten, und wir Anderen, wenn das Boot abgefertigt ist, treiben nachher die Insel von unten herauf vor – finden wir ihn dann nicht, so läuft er Euch in die Hände.«

Wieder fing er an zu graben, und die Gruft mußte bald tief genug sein, denn ein ziemlich bedeutender Erdhaufen lag schon an ihrer Seite. – Des Iren Herz schlug so laut, daß er schon durch dessen Klopfen verrathen zu werden fürchtete – auch die letzte Stimme hatte er erkannt: es war jener Bube, den er in Helena zu Boden geschlagen. Erbarmen hatte er hier nicht zu hoffen; wurde er entdeckt, so konnte kein Gott ihn retten. Ein Gedanke durchzuckte ihn jetzt, wenn er nun vielleicht, während Jene sich emsig mit ihrer Arbeit beschäftigten, leise in die Büsche kroch, dann, erst einmal im Dickicht, entweder im Sumpf einen Schlupfwinkel suchte, oder auch, sobald er den Fluß erreichte, hinausschwamm in den Nebel? – Es trieb jetzt so viel Holz im Strom, daß er nicht zu fürchten brauchte, zu ertrinken – und das wäre ja doch noch immer besser gewesen, als sich hier wie einen Hund todtschlagen zu lassen.

[398] Langsam schob er den linken Arm zur Seite, um sich darauf zu stützen und den Körper nachzuziehen, doch das raschelnde Laub machte die größte Vorsicht nöthig. Zwar gruben die beiden Männer noch immer eifrig und das Geräusch der fallenden Erde übertäubte jede nicht zu auffällige Bewegung, auch hatte er sich schon auf diese Art wohl zwei Schritt zurück und dicht zum Rand eines wirren Dornbusches gezogen, hinter dem ihm ein weicher moosiger Fleck raschere Bewegung möglich machte. Gerade aber, als er sich ein wenig aufrichten wollte, über einen dort liegenden heruntergebrochenen Ast zu gleiten, preßte er mit der Hand auf einen dürren und morschen Zweig desselben, der mit ziemlich lautem Krachen abbrach.

O'Toole schrack zusammen und blieb regungslos in der gerade eingenommenen Stellung liegen. Ben aber sprang rasch aus dem fast beendigten Grabe heraus, auf den Erdhügel hinauf und blickte überall forschend in die nebelige Nacht hinein.

»Hörtet Ihr nichts, Jones?« frug er nach einem kleinen Zwischenraum, »mir war's, als ob irgend Jemand auf einen Ast trat –«

»Ich habe nichts gehört,« brummte der Andere, während er mürrisch den Spaten aus der Grube warf und selbst nachkletterte – »so – das Loch ist jetzt tief genug, hol' der Teufel das Maulwurfsgeschäft! Wenn Ihr glaubt, daß ich hier auf die Insel gekommen bin, Todtengräber zu werden, so habt Ihr Euch verdammt geirrt – werft das Aas hinein, daß wir fertig werden. – Verwünscht unheimliches Geschäft ohnedies, so in Nacht und Nebel dazustehen und Leichen einzugraben – Ihr habt wohl derlei Arbeit manchmal hier?«

»Daß Ihr doch das Maul nicht halten könnt und in einem fort Euer ungewaschenes Zeug schlabbern müßt,« brummte Ben. – »Mir war's, als ob hier Jemand auf einen Zweig trat – nun? Donnerwetter – wo ist denn der Leichnam? Ah hier – ich dachte, er läge weiter drüben. – Kommt, Jones – der Bursche ist schwer, schleppt ihn mit über den Hügel hinüber. – Zum Teufel, fürchtet Euch nicht, ihn anzufassen [399] – es wird nicht die erste Leiche sein, die Ihr mit unter die Erde bringen helft.«

»Er ist noch ganz warm,« sagte Jones, während er schaudernd dem Befehl gehorchte – »am Ende lebt er gar noch?«

»Unsinn,« sagte Ben lachend, »wer Kelly's Messer einmal geschmeckt hat, braucht keine Medicin mehr. – Warum soll er denn auch schon kalt sein, er ist ja kaum eine Stunde todt.«

Sie faßten den vermeintlichen Leichnam und trugen ihn an die Grube. – Jones, der die Schultern hob, rutschte dabei aus und fuhr in die frischaufgeworfene Erde, so daß er den Oberkörper des Iren loslassen mußte, der allein in sein Grab hineinglitt.

Jetzt war auch der Augenblick erschienen, wo er handeln oder verderben mußte, denn noch sah er sich unendeckt. Zwar zuckte er zusammen, als ihn jener fallen ließ, und griff fast unwillkürlich mit den Armen aus, sich zu schützen, doch die Dunkelheit der Nacht verhinderte Ben daran, es zu sehen. Er fühlte wohl das Zucken, schrieb es jedoch dem Uebergewicht des schweren Körpers zu, und ließ jetzt die Beine ebenfalls hinab, die Erde wieder einzuwerfen und die Arbeit zu beenden.

Die erste Scholle fiel auf den entsetzten Iren. – Sprang er auf und floh er, so war sein Verderben fast gewiß – die Männer hätten ihn nie fortgelassen, und einmal entdeckt, wußte er recht gut, daß er kein Erbarmen zu hoffen habe – blieb er aber liegen, so war er in wenigen Minuten lebendig begraben. – Nureine Möglichkeit auf Rettung sah er noch – Jones' Worte erweckten einen neuen Gedanken in ihm. Sobald sie ihn für noch nicht todt hielten, begruben sie ihn auch nicht, und in solcher Dunkelheit brauchte er kaum zu fürchten, gleich entdeckt zu werden. Auf jeden Fall gewann er dadurch Zeit, und das war ihm jetzt – das sichere Verderben hier vor Augen – Alles.

Der zweite Spaten voll Erde fiel auf ihn nieder und er stöhnte laut.

»Herr Jesus!« schrie da Jones, erschreckt zurückfahrend – »hab' ich's Euch nicht gesagt? Der lebt noch – beinahe hätten wir ihn lebendig verscharrt.«

[400] »Hm,« brummte Ben und hielt mit Erdewerfen ein – »wäre auch noch kein so fürchterlicher Verlust gewesen; aber was, zum Donnerwetter, fangen wir den da –«

Ein ferner Schuß unterbrach hier seine Worte – und er sprang, als er den Knall vernahm, rasch empor und horchte hoch auf. Ein scharfer Pfiff – das wohlbekannte Zeichne der Bande – wurde in demselben Augenblick laut und schien sich mit Blitzeschnelle am ganzen Ufer hin fortzupflanzen.

»Das ist Teufelsbill! – bei Gott!« rief der Pirat und schwenkte jubelnd den Hut – »hurrah, da giebt's frische Beute. Jetzt aber – alle Wetter! Den Cadaver hätte ich bald vergessen. Jones, scharrt ihn einmal wieder aus und seht, was Ihr mit anfangen könnt – ich bingleich wieder da, und will nur einmal nach dem Boot oben springen, daß die Burschen ihre Schuldigkeit thun.«

»Aber, bester Sir,« rief Jones ängstlich – »ich soll doch nicht –«

»Thut, beim Teufel, was man Euch sagt, und rührt Euch nicht hier von der Stelle,« rief Ben drohend, »in zwei Minuten bin ich wieder da,« und ohne seine Einrede weiter zu beachten, warf er den Spaten hin und sprang im nächsten Augenblick über den nebenliegenden Stamm hinweg, dem Orte zu, wo des Iren Boot angebunden lag.

O'Toole wußte jetzt aber, daß für ihn der einzige, vielleicht letzte Moment zum Handeln gekommen sei, und er war nicht der Mann, der den hätte unbenutzt vorübergehen lassen.

»Hülfe!« stöhnte er mit halbunterdrückter Stimme leise und kläglich – »Hülfe – ich – ich ersticke!«

»Ei, so wollt' ich denn doch,« murmelte Jones vor sich hin, während er in die Grube sprang, den Iren unter die Arme faßte und mit äußerste Anstrengung seiner Kräfte emporhob – »daß den verdammten Wassertreter der Teufel hole – läßt mich hier mit dem – schweren – Burschen – Herr Gott! Hat der Mensch ein Gewicht – ganz allein. So, Sir, könnt Ihr das eine Bein heben? – Ich will Euch nur für jetzt – alle Wetter, Ihr seid ja ganz kräftig auf den Füßen – was ist denn d–«

[401] Er hatte alle Ursache erschreckt zu sein, denn der vermeintlich schwer Verwundete, den er aus der Grube mit emporheben half, richtete sich plötzlich und anscheinend mit aller Leichtigkeit auf, faßte, ehe der zum Tode Erschreckte auch nur einen Hülfeschrei ausstoßen konnte, diesen mit der Linken und schlug ihn im nächsten Augenblick mit der geballten Rechten so urkräftig und boxerrecht zwischen die Augen, daß dem so gewaltig Getroffenen mit Blitzesschnelle die ganze Himmelskarte vor seinem innern Gesicht vorüberflog und er bewußtlos neben dem Grabe zusammenknickte.

O'Toole war denn auch nicht lässig, die ihm jetzt gebotene Freiheit zu benutzen, rasch übersprang er das ihm nächste Gewirr von Aesten und Strauchwerk, und floh dem Strome zu, als Ben eben wieder zu dem Grabe zurückkehrte.

»Jones!« rief er hinter dem Davonspringenden her – »Jones – wo zum Teufel wollt Ihr denn hin? Ei, so hol' doch die Pest den Halunken!« brummte er dann halblaut in den Bart; »wenn der glaubt, daß ich ihm in solchem Dickicht nachrenne, ist er verdammt irre, und fort kann er auch nicht, so viel ich weiß, denn vom Schwimmen versteht er nichts und die Boote sind besetzt – wird schon wiederkommen. Aber zum Donnerwetter,« wandte er sich dann, als er mit dem Fuß an den regungslosen Körper stieß, gegen diesen, »wirklich todt, und nur noch einmal zuguterletzt gestöhnt? Nun dann komm, Tusk, dann wollen wir auch keine längeren Umstände mit Dir machen. – Dank's überhaupt dem Capitain, der Dir den Strick erspart hat.« – Er stieß bei diesen Worten den Körper in die Grube zurück, tappte dann nach dem Spaten umher, und der nächste Augenblick fand ihn eifrig beschäftigt, den nur betäubten Genossen – lebendig zu begraben.

29. Der blinde Passagier. - Der Black Hawk

[402] 29.

Der blinde Passagier. – Der Black Hawk.

Lautlos trieb die Schildkröte mit dem Strom hinab – Bob Roy hielt, fest im eisernem Griff, das schwankende Steuer, und die Männer, noch immer um den Lootsen gedrängt, machten es ihm unmöglich, auch nur das geringste Zeichen den nahen Freunden zu geben. Wohl eine Stunde konnte so in peinlicher Erwartung verflossen sein; lange schon waren die Ruderschläge des fernen Bootes verhallt, und weiter, immer weiter ließen sie den Platz zurück, der ihnen bald so verderblich geworden wäre. Aber noch immer wußten sie nicht, wo sie sich eigentlich befänden und ob mit der Vermeidung des einen Feindes die Gefahr auch wirklich vorüber sei.

Edgeworth lud indessen, so rasch und geräuschlos als möglich, die beiden Büchsen, aber kein Auge verwandte er dabei von dem Mörder seines einzigen Sohnes, der jetzt in grimmem Trotz, doch ohne weiteren, überdies nutzlosen Widerstand zu leisten, von Seilen umwunden an Deck lag. Bob Roy dagegen beobachtete seinerseits kaum weniger aufmerksam und immer noch mißtrauisch das Steuer, an dem unstreitig irgend ein fremdartiger Körper hing. Was es aber sei, konnte er unmöglich erkennen, und hoffte nur auf das nicht mehr ferne Tageslicht. Bis dahin sollte er jedoch nicht über den Gegenstand seiner Neugierde und Besorgniß in Ungewißheit gelassen werden; noch stand er und suchte durch irgend eine vielleicht zufällige Bewegung des Anhängsels dessen Natur zu erkennen, als plötzlich sein scharfes Gehör ein leises Stöhnen vernahm. Es blieb ihm jetzt kein Zweifel mehr, daß irgend ein Mensch – ob Freund, ob Feind, mußte noch dahin gestellt bleiben – an dem weit in den Strom hinausragenden Holze hing.

Wäre das übrigens wirklich ein Feind gewesen, so hätte [403] er sicherlich schon früher das gethan, was der gefesselte Bill in verzweiflungsvoller Anstrengung umsonst versucht – ein Zeichen den nahen Kameraden zu geben. Wenn aber das Gegentheil, weshalb hing er sich da so heimlicher Weise an ihr Boot und verrieth durch keinen willkürlichen Laut seine Gegenwart? Bob, um die Ungewißheit, die ihm peinlich wurde, los zu werden, winkte dem Capitain. Dieser aber, hätte er seine Bewegungen auch wirklich in der dunkeln Nacht erkennen können, achtete nicht auf ihn, und die übrigen Leute waren ebenfalls so mit sich selbst beschäftigt, daß er endlich beschloß, die Sache auf eigene Hand abzumachen.

»Hallo the boat!« sagte er in dem gewöhnlichen Anruf mit halb unterdrückter Stimme und bog sich, so weit er konnte, über Bord hinaus, dem fremden Gegenstande zu. – Keine Antwort erfolgte, und es war augenscheinlich, der »Passagier hintenauf« wünschte incognito weiter zu reisen.

»Hallo the boat!« wiederholte Bob Roy und schüttelte das eine Ende der langen Steuerfinne, das er in der Hand hielt, ein wenig, um wahrscheinlich dem am andern Ende Befindlichen dadurch anzudeuten, daßer gemeint sei. Die Worte – es waren die ersten, die nach jenem Kampf an Bord der Schildkröte gesprochen worden, erregten die Aufmerksamkeit der Uebrigen, und sie wandten Alle die Köpfe zurück, während Edgeworth leise, die Büchse im Anschlag, dem Steuer zuschritt. »Hm,« meinte der lange Hosier, als seine freundliche Anrede noch immer erfolglos blieb – »verstockter Geselle das, wie es scheint – verdammt schweigsam – liebt trockene Unterhaltung, müssen ihn einmal ein wenig anfeuchten;« und indem er dem Wort die That folgen ließ, hob er das bis dahin niedergedrückte Steuer, welches er in den Händen hielt, empor und tauchte dadurch, da es ziemlich auf der Mitte balancirte, das andere Ende, an welchem er den geheimnißvollen Besuch vermuthete, natürlich unter Wasser. Das geschehen, zog er die Spitze wieder, so weit wie früher, herunter, lehnte sich mit der Brust darauf und rief nun noch einmal, als ob in der Zwischenzeit gar nichts Besonderes vorgefallen wäre:

»Hallo the boat!«

[404] Lauteres Schnaufen und Athemholen war die Folge dieses Experiments, aber immer noch kam keine Antwort, wonach Bob ohne besondere Umstände die Taufe wiederholte, das Steuer diesmal aber etwas länger unter Wasser hielt als früher.

»So, mein Herzchen,« sagte er dann, als er es zum zweiten Mal an Deck niederdrückte, »wenn Dujetzt nicht redest, so laß ich Dich wieder hinab und stemme dann hier den Stock unter die Finne, nachher wirst Du –«

»Nehmt mich – nehmt mich – an – Bord!« stöhnte da eine menschliche Stimme, und Edgeworth, der jetzt wohl einsah, daß ihnen von dieser Seite keine Gefahr drohe, ließ den Hahn seiner Büchse nieder und legte sie an Deck.

»Ja – nehmt mich an Bord!« brummte Bob Roy leise vor sich hin, »das ist leicht gesagt, aber wie? – Die Jolle ist nicht da – kannst Du nicht am Ruder heraufklettern, mein Herzchen?«

»Nein – ich kann – nicht!« lautete die Antwort, und die Sprache schon bewies, wie der Fremde erschöpft und selbst kaum noch im Stande sei, sich dort festzuhalten, viel weniger denn mit den nassen, schweren Kleidern an der schlüpfrigen Stange hinaufzuklimmen.

»Wir wollen ihm ein Tau zuwerfen,« flüsterte Edgeworth.

»Wird auch nicht viel helfen,« meinte Bob – »er scheint halb fertig – ich werde wohl wieder hinaus müssen.«

»Wenn es nun Einer jener Buben wäre!«

»Glaub' es kaum,« sagte Bob, und warf Jacke und Hose an Deck – »aber wenn auch, er ist caput und – auf solche Art möchte ich ihn doch nicht dahinten umkommen lassen. Steht einmal hier bei dem Tau ein paar von Euch, aber haltet fest – ich will hinunter und es ihm um den Leib schlagen, nachher kann er sich mit größter Bequemlichkeit wie ein Katfisch an Deck ziehen lassen.« Und damit kletterte er rasch, das eine Ende des Taues in der Hand, auf dem Steuerruder hinauf, bis er einen fest an das nasse Holz geklammerten Arm ergreifen konnte, an dem fühlte er sich hin, ließ sich rasch neben ihm in's Wasser hinab, schlang das Tau um den Körper [405] des Fremden, zog den Knoten fest und rief nun, während er selbst mit der Rechten in die Schlinge griff:

»Holt an Bord!«

Wenige Minuten später lag der also Gerettete an Deck, aber es bedurfte geraumer Zeit, ehe er sich nur insoweit erholt hatte, einzelne an ihn gerichtete Fragen verständlich zu beantworten. Kälte und Angst hatten ihn fast seiner Sinne beraubt, und er mußte in wollene Decken eingeschlagen und tüchtig gerieben und geknetet werden. Sein erstes Wort nach allen diesen Vorbereitungen war ebenfalls eine Art instinctartigen Gefühls des besten Hülfsmittels – er stöhnte »Whisky«, und die Bootsleute, welche selbst die vorzüglichste Meinung von solcher Arznei hegten, waren rasch mit dem Labsal zur Hand. Als er sich aber so weit erholt hatte, einen nur etwas umständlichen Bericht über sich geben zu können, und zugleich einsah, er befinde sich unter guten, ehrlichen Menschen – wobei er allerdings noch manchmal scheu den Blick nach dem erschossenen Insulaner wie nach dem gebundenen und wohlbewachten Lootsen warf – entdeckte er dem alten Edgeworth, wer er sei und was ihm begegnet wäre.

Es war O'Toole, der, als er das Ufer des Mississippi erreicht hatte, ohne Zögern in den Strom sprang und, so weit er konnte, hinausschwamm, um in dem Nebel jede Verfolgung unmöglich zu machen. Da der Mississippi stieg, so wußte er auch, daß er, sobald er die Strömung erreichte, Treibholz genug finden würde, sich darauf auszuruhen. Zu diesem Zweck hielt er, so weit er das vermochte, quer über, bis er plötzlich das Flatboot vor sich sah und an dessen Steuerruder stieß. Wohl erfaßte er es augenblicklich, aber der Lärm an Bord machte ihn schon unschlüssig, ob er es doch nicht lieber wieder fahren lassen und suchen sollte, irgend einen schwimmenden Stamm zu erreichen. Da vernahm er dicht hinter sich das Rudern des Bootes – er wußte, es waren seine Verfolger, und in Angst und Entsetzen klammerte er sich fester an das Holz, das ihn jetzt noch hielt und vielleicht allein retten konnte. Eben dieses [406] feste Anklammern machte aber das freihängende Ruder auch knarren und bewog Bob Roy, es festzuhalten. Der Ire fürchtete indessen immer noch in Feindes Hände zu gerathen, wenn er sich Denen an Bord zu erkennen gäbe, und erst das gewaltsame Eintauchen des Ruders, bei dem er, hätte Bob seine Drohung wahr gemacht, ersticken mußte, zwang ihn, sich auf Gnade oder Ungnade zu ergeben. – Seine Kräfte waren erschöpft – er konnte nicht mehr.

Aufmerksam lauschten jetzt die Männer dem Bericht über das, was O'Toole gesehen und erlebt, und Edgeworth schauderte zusammen, als er der Gefahr dachte, der sie so glücklich und fast wunderbar entgangen. Großer Gott – wie weitverzweigt mußte diese Bande sein, der er selbst, aus dem Norden Indianas kommend, durch einen ihrer Helfershelfer hatte in die Hände gespielt werden sollen. Was aber jetzt thun? In der nächsten Stadt die Anzeige machen und die Bewohner aufrufen, den Platz zu zerstören? War es wahrscheinlich, daß sich gleich Männer genug zusammenfanden, einen solchen sicherlich wohlbefestigten Ort mit Erfolg anzugreifen? Und mußten sie nicht, im entgegengesetzten Falle, jene selbst vor der Gefahr warnen, daß sie sich ihr durch die Flucht entziehen konnten? Ja, war das nicht vielleicht jetzt schon durch all' das Vorhergegangene geschehen, und welches Elend konnte über das Land gebracht werden, wenn sich eine solche Verbrecherbande nach allen Richtungen hin zerstreute? –

Rasch trieben sie indessen mit der Strömung hinab – sie mochten vielleicht, seit sie die gefährliche Insel verlassen hatten – zehn bis zwölf englische Meilen gemacht haben. – Da rief der Mann, der vorn als Wache auf dem Boot saß, ein Licht an – neben dem sie rechts vorbeitrieben und das, wie sie bald fanden, von einem dort gelandeten Dampfboot herrührte. Die Ofenthüren waren geöffnet, und so nahe strichen sie daran vorüber, daß sie deutlich zwei vor den halb niedergebrannten Kesselfeuern lagernde Neger erkennen konnten.

»Greift zu den Finnen, meine Burschen!« rief Edgeworth, »rasch, Boys, das Ufer kann hier kaum fünfzig Schritt entfernt sein. – Komm, Bob, laß den Bug anluven – halt – ruhig [407] noch mit den Larbordfinnen – so, nun greift zusammen aus – ein bischen mehr hinauf, Bob, wir kommen sonst zu weit von dem Dampfer ab – das wird's thun –«

Und mit raschen und kräftigen Ruderschlägen trieben die Leute das schwere Boot dem Lande zu, warfen um den ersten Baum, den sie erreichen konnten, das Tau, und lagen bald, etwa zweihundert Schritt unter dem Dampfer, ruhig und sicher vor Spring- und Sterntau. O'Toole aber, der sich jetzt wieder vollkommen erholt und erwärmt hatte, sprang mit Edgeworth an Land, um auf der noch trocken gelegenen Uferbank hin das Dampfboot zu erreichen und den Capitain desselben von den Ereignissen der letzten Nacht in Kenntniß zu setzen.

Das Dampfboot war der Black Hawk – von Fort Jonesboro, am Redriver, für St. Louis bestimmt, und führte die von der indianischen Grenze abgelösten Truppen nach der Missouri-Garnison hinauf. Der Nebel hatte es ebenfalls gestern Abend gezwungen, hier beizulegen, und es mußte sich ohnedies, als altes, schon ziemlich mitgenommenes Boot, gar sehr in Acht nehmen und schonen, um nicht durch ein zufälliges Aufrennen der größten Gefahr ausgesetzt zu werden.

Kaum vernahm übrigens Capitain Colburn – selbst ein alter Soldat und früher Capitain der texanischen Insurgenten – das Nähere jener von O'Toole beschriebenen Verbrechercolonie, als er erklärte, unter jeder Bedingung dort landen und den Platz untersuchen zu wollen. Lag ein Irrthum zum Grunde, so konnten es ihm die Ansiedler nur Dank wissen, daß er wenigstens den Willen gezeigt habe, ihnen beizustehen, und erwies sich die Sache als begründet, so war es viel leicht nur durch augenblickliche und nachdrückliche Maßregeln zu ermöglichen, die Flußpiraten zu überraschen und gefangen zu nehmen.

O'Toole warf zwar hiergegen ein, daß er eben so wenig eine Idee habe, wo jene Bande hause, als wo er sich selber gegenwärtig befinde, da er im Nebel förmlich blind umhergefahren sei. Edgeworth dagegen bezeichnete Capitain Colburn ziemlich genau den Platz, wo sie am letzten Abend gelandet waren, und da von dort aus die Strömung gerade auf Nr. [408] Einundsechzig zuführte, so blieb es denn auch nicht langem Zweifel unterworfen, daß diese bis dahin für öde gehaltene Insel der Zufluchtsort der Verbrecher sei.

Vor allen Dingen wurden einige Matrosen mit der Jolle nach dem Flatboot hinunter gesandt, um den Steuermann Bill an Bord des »Black Hawk« zu bringen, dieser aber verharrte trotz Versprechungen und Drohungen in hartnäckigem Schweigen, und ließ nur, als er die fremden Matrosen um sich sah, den Blick von Einem zum Andern schweifen, ob er nicht doch vielleicht ein ihm freundlich gesinntes Antlitz darunter entdecke. Ueberall aber hafteten die Augen der Männer mit dunklem, Unheil verkündendem Ernst auf seiner gefesselten Gestalt, und er wandte sich endlich mit wildem Unmuth in Wort und Miene ab von der feindlichen, von flammenden Kienholzspänen grell beleuchteten Schaar.

Ehe sich der Nebel zertheilte, war übrigens ein Vordringen unmöglich, denn erstlich hätten sie stromauf die Insel gar nicht auf's Ungewisse hin gefunden, und dann durften sie sich auch nicht der Gefahr aussetzen, auf den Sand zu laufen, da sich sonst die Verbrecher leicht und ungestraft auf Booten gerettet hätten.

Edgeworth wollte nun allerdings auf seinem Fahrzeug bleiben, um nicht allein seine Ladung stromab zu nehmen, sondern auch das Mrs. Everett gegebene Versprechen zu halten. Das sah er aber bald durch zwei Umstände unmöglich gemacht, erstlich durch den Capitain Colburn selbst, der seine Gegenwart unbedingt verlangte, um ihn auch für diese eigentlich willkürliche Handlung bei der nächsten Behörde zu vertreten, mehr aber noch durch die feste und bestimmte Erklärung seiner Leute, lieber den letzten Cent ihres Gehalts im Stiche zu lassen, ehe sie nicht das Räubernest mit aufsuchen und die Schlangen zertreten möchten, die die giftgeschwollenen Fänge auch gegen sie erhoben hätten. Allein konnte Edgeworth das Boot unmöglich stromab nehmen. Der Capitain beseitigte aber endlich auch die letzte seiner Bedenklichkeiten dadurch, daß er, als er erst erfahren hatte, welche Ladung Jener führe, erklärte, die Waaren selber, und zwar für die Garnison am [409] Missouri ankaufen zu wollen. Ueber den Preis verständigte er sich leicht mit dem alten Mann, und da er selbst fast gar keine Fracht an Bord hatte, so ließ er sein Dampfboot langsam den Strom hinab bis neben das Flatboot schaffen. Während nun die Mannschaft beider Fahrzeuge, von den Soldaten redlich dabei unterstützt, mit einem Eifer arbeitete, als hinge ihre künftige Glückseligkeit an dem schnellen Ueberladen der Fracht, und als handle es sich hier nicht darum, einem Kampf mit Verzweifelten, vielleicht dem Tod entgegen zu gehen, schlossen die beiden Männer in der Kajüte den Handel ab. Das der Dame gegebene Versprechen durfte den alten Mann jetzt auch nicht länger hindern, denn diese erklärte, nach den Vorfällen der letzten Nacht viel lieber wieder mit dem Black Hawk nach Helena zurückkehren und das nächste Dampfboot stromab benutzen zu wollen, als sich noch einmal solcher Gefahr auszusetzen. Ueberdies konnte man nicht wissen, ob die Verbrecher nicht vielleicht auf ihren Booten flüchtig geworden wären oder noch würden, und dann machten sie gewiß den Strom auf die nächste Zeit unsicher.

Die Zertheilung des Nebels war nun das Einzige, was noch abgewartet werden mußte, und ein frischer Morgenwind, der sich gegen Sonnenaufgang erhob, ließ sie in dieser Hinsicht das Beste hoffen. Indessen verträumten sie ihre Zeit nicht unnütz; alle Vorbereitungen wurden getroffen, einem gefährlichen Feind zu begegnen, die Waffen in Ordnung gebracht und die Leute gemustert. Der Capitain wollte anfangs Freiwillige auswählen, die erste Landung mit diesen zu wagen, sah sich aber bald gezwungen, selbst eine Auswahl zu treffen, denn Alle traten vor und verlangten, den ersten Fuß an Land setzen zu dürfen. Außer ihren gewöhnlichen Waffen empfingen die Leute noch, um das von O'Toole beschriebene Dickicht zu durchdringen, Beile, Aexte und schwere Messer, so viel sich auftreiben ließen, und ihr erster Angriff sollte sich auf den Platz richten, von dem die Männer auf der Insel gesprochen – die untere Spitze, wo aller Wahrscheinlichkeit nach ihre Boote versteckt lagen. Gelang es, sich dieser zu bemächtigen, so schnitten sie den Piraten die Flucht ab, [410] und der Tapferkeit der Angreifenden blieb es in dem Fall allein überlassen, der gerechten Sache den Sieg zu gewinnen.

30. Mrs. Breidelford und ihre Gäste

30.

Mrs. Breidelford und ihre Gäste.

Der Leser muß noch einmal mit mir zu jener Zeit zurückkehren, wo Tom Barnwell, so unerwarteter Weise angeklagt und verhaftet, von dem Constabler dem Gefängniß oder der sogenannten County jail zugeführt wurde, während der Squire mit Sander den Weg nach dessen eigenem Hause einschlug. Diese Jail befand sich aber in derselben Straße mit Mrs. Breidelford's Haus, und zwar gerade schrägüber von ihm, auf der andern Seite des schon früher erwähnten freien Platzes, so daß also die beiden Männer, sobald sie in die links abführende Straße traten, den dem Gefangenen nachdrängenden Menschenhaufen verließen. Tom dagegen sah sich bald darauf in einer kleinen, nach dem Platz hinausführenden Zelle einquartirt und seinem eigenen, nichts weniger als angenehmen Nachdenken überlassen.

Unruhig schritt er in dem engen, dunkeln Raum auf und ab und suchte sich die wunderlichen Vorgänge dieses Abends nach Möglichkeit zusammen zu reimen; doch umsonst, des Richters Betragen selbst blieb ihm räthselhaft, und daß Hawes ein Schurke sei, bezweifelte er jetzt keinen Augenblick mehr. War er verhaftet worden, um an der Entdeckung irgend eines Bubenstücks verhindert zu werden? Er blieb – als ihm dieser Gedanke zum ersten Mal das Hirn durchzuckte, schnell [411] und betroffen stehen und sah starr vor sich nieder. War das möglich? – Nein, nein, der wirkliche Constabler hatte ihn ja verhaftet – der Richter war dabei gewesen, das konnte nicht sein; ja der Mann selbst, der ihn beschuldigt, war ihm fremd, er hatte ihn in seinem ganzen Leben noch nicht gesehen, das wußte er gewiß; es mußte also ein Irrthum sein, der sich bald aufklären würde. Sollte er aber indessen hier sitzen? Edgeworth hätte unmöglich so lange auf ihn warten können – und Marie? – Was wurde aus dem armen, unglücklichen Wesen?

Wiederum schritt er schnell und heftig auf und ab und suchte in der raschen Bewegung auch jene wilden, tobenden Gefühle zu beschwichtigen, die ihm Herz und Sinn durchglühten. Endlich, als sein Blut anfing, sich ein wenig abzukühlen, trat er an das kleine, durch schwere Eisenstäbe wohlverwahrte Fenster und blickte in die nebligte, nur hier und da von einem mattschimmernden Licht erhellte Straße hinaus.

Der Platz vor der Jail war menschenleer; Die, die ihm dorthin gefolgt, hatten gesehen, wie sich die schwere eichene Thür hinter ihm schloß – eben diese Thür dann noch eine Weile angestarrt und nun langsam wieder den Weg nach ihren verschiedenen Wohnungen eingeschlagen. Nur ein einzelner Mann kam durch die Straße herunter und blieb – er hatte sich den Ort deutlich genug gemerkt – gerade vor demselben Hause stehen, vor dessen Thür er jenen jungen Mann überrascht hatte. Sollte das Hawes wieder sein? War er zurückgekehrt von seinem kranken Weibe? Und suchte er jetzt noch einmal da, wo ihm der Einlaß früher verweigert worden, Zutritt zu erhalten? Es dunkelte zu sehr – er konnte die Gestalt nicht mehr erkennen, deutlich aber vernahm er das mehrmalige, zuletzt ungeduldige Klopfen, und endlich wurde es in dem Hause lebendig. An den unteren Fenstern erschien ein Licht, bald darauf öffnete sich die Thür – ein heller Strahl fiel wenigstens auf den Weg hinaus – und gleich darauf verschwand die Gestalt. Nach und nach erstarb auch das letzte Geräusch; die letzten Lichter, die er theils oben, [412] theils unten an der Straße beobachtete, erloschen. Nur in jenem Hause blieb es hell.

Stunde nach Stunde stand Tom so an dem kleinen Fenster und blickte hinaus in die feuchte, trostlose Nacht; Stunde nach Stunde lauschte er dem fernen monotonen Geräusch der Frösche und dem wunderlichen, dann und wann die Stille unterbrechenden Schrei einzelner über die Stadt hinwegstreichender Nachtvögel. Träumend hingen seine Augen an dem Nebel, und er dachte der vergangenen Tage – der vergangenen Liebe. Manche Thräne war ihm dabei, so recht heiß aus dem Herzen kommend, über die gebräunte Wange geträuft, und er gab sich nicht einmal die Mühe, sie wegzuwischen, ja er fühlte sie vielleicht nicht einmal.

Allein – ganz allein stand er in der Welt, keine Seele hatte er mehr, die ihn liebte, kein Herz, das an ihm hing; starb er jetzt, wer war da, der sich viel um ihn gekümmert, der seiner vielleicht mit einer Thräne gedacht hätte? – Niemand, Niemand, und als ihn der Gedanke durchbebte, barg er tief aufseufzend das Antlitz in den Händen und starrte in die wilden, wirren Bilder hinein, die an seinem inneren Auge vorüberstürmten.

Einmal fuhr er empor – es war ihm fast, als ob er über die Straße herüber einen schwachen Schrei gehört hätte – sein Blick traf auf das noch schimmernde Licht in dem geheimnißvollen Hause, aber Alles war ruhig, kein Laut störte die tiefe Stille, und ermüdet warf er sich endlich auf sein hartes Lager nieder, um ein paar Stunden zu schlafen und wenigstens für kurze Zeit alles das zu vergessen, was ihn jetzt mit so schmerzlichem Weh erfüllte.


* * *


Gar lebhaft ging es indessen in dem kaum zweihundert Schritt entfernten und noch erleuchteten Hause zu, wo Mrs. Louise Breidelford ihre, wie sie oft äußerte, »bescheidene und anspruchslose Wohnung« aufgeschlagen hatte. Allerdings hatte Tom Barnwell ganz recht gesehen, oder wenigstens recht[413] vermuthet – jene Gestalt, die bald nach seiner Gefangennehmung vor das Haus zurückkehrte, war wirklich die des vermeintlichen Hawes gewesen, und lange mußte er wieder klopfen, ehe er Einlaß erhielt. Der junge Verbrecher war aber nicht so leicht abzuweisen, und viel zu schlau, als sich durch ein einfaches Ruhigverhalten der Inwohnenden gleich davon überzeugen zu lassen, das Haus sei wirklich für den Augenblick unbewohnt. Er kannte seine Leute besser und vermuthete gar nicht mit Unrecht, daß Mrs. Breidelford, trotz ihrer sonst in der That ungewöhnlichen Schweigsamkeit, sicherlich hinter der Thür stehe und jede seiner Bewegungen belausche. Als sein Klopfen deshalb immer noch erfolglos blieb, bog er sich zum Schlüsselloch nieder und flüsterte durch dieses:

»Meine verehrte Mrs. Breidelford, es thut mir zwar unendlich leid, daß Ihnen meine Gesellschaft nicht übermäßig interessant oder wünschenswerth zu sein scheint, ich muß aber nichtsdestoweniger Einlaß haben, und wenn Sie die Thür nicht öffnen, so klopf' ich hier so lange, bis die ganze Nachbarschaft rebellisch wird – dort unten hör' ich schon wieder Leute kommen.« Und wiederum begann er mit beiden Fäusten an die Thür zu hämmern. Keine halbe Minute hatte er es diesmal fortgesetzt, als er von innen einen schweren Riegel zurückschieben hörte – gleich darauf noch einen, dann war Alles wieder ruhig. Er versuchte jetzt die Thür zu öffnen, diese mußte aber auf jeden Fall noch verschlossen sein, und ohne sich auf weitere Demonstrationen einzulassen, begann er sein Klopfen auf's Neue.

»Herr Du mein Gott!« sagte da die entrüstete Stimme der ehrsamen Mrs. Breidelford, während sie jedoch den Schlüssel im Schloß umdrehte und die Thür ein klein wenig aufmachte – »daß sich unser Herr Jesus erbarme – wer in aller Welt –«

Sander schnitt ihr hier den Redeschwall kurz ab, denn kaum zeigte die Thür so viel Oeffnung, daß er einen Fuß dazwischenschieben konnte, so legte er sich rasch mit seinem ganzen Gewicht dagegen und befand sich im nächsten Augenblick im innern Raum. Ohne jedoch hier den Ausruf des [414] Schrecks wie die entfernte Andeutung unverweilt eintretender Krämpfe weiter zu beachten, warf er die Thür schnell hinter sich zu und verwahrte sie nun seinerseits eben so sorgfältig mit Schloß und Riegeln wieder, wie sie vorher verwahrt gewesen war.

»Aber ich bitte Sie um Gottes willen –« rief die bestürzte Frau.

»Ruhe, meine süße Lady!« bat Sander lächelnd, »Ruhe, holde Louise – Deine Unschuld ist unbedroht, Deine freundlichen Augen sind nicht gefährdet, nur Deine herzigen Lippen mußt Du verschließen,


Und wenn Dir dann das Herz, zu voll,

Im wilden Drange überquillt,

Dann wirf Dich, Lieb', an diese Brust,

Und all' Dein Sehnen ist gestillt,

Dein Sehnen, das Dir –«


»Der Henker ist Euer Du!« unterbrach ihn jedoch hier Louise Breidelford auf nicht gerade freundliche Art; »was in des Teufels Namen vollführt Ihr für einen Lärm an einsamer Wittwen Thüren, als ob Ihr Euch ein Gewerbe daraus gemacht hättet, die Füllungen einzuschlagen. Mensch, seid Ihr rasend, oder wollt Ihr mich und Euch selber unglücklich machen?«

»Keins von Beidem, holde Ariadne,« sagte Sander und machte einen Versuch, seinen rechten Arm um ihre Taille zu legen, welche Bewegung sie aber auf geschickte und ärgerliche Weise parirte – »keins von Beidem, ich hatte nur Wichtiges mit Ihnen zu bereden, und da meine Zeit etwas beschränkt ist – aber, holdseligste der Krämerinnen Helenas, wollen Sie mich denn hier die ganze Nacht auf der Hausflur stehen lassen? Ich bin kalt, naß, hungrig, durstig, beraubt, verliebt und in Gefahr – Eigenschaften, von denen jede einzelne hinreichend sein müßte, bei einer so liebenswürdigen entzündlichen Frau auch das größte Interesse für den Eigenthümer zu erwecken. Zuerst bitte ich also um Beseitigung der ersten vier, nachher wollen wir über die anderen reden. Mrs. [415] Breidelford, mein Name ist Sander, und ich habe schon früher das Vergnügen gehabt –«

»Ei so soll Einem doch der liebe Gott in Gnaden beistehen!« rief die Frau im höchsten Erstaunen aus – »geht dem nicht das gesegnete Mundwerk wie die Yankee-Dampfmühle am Whiteriver. Was wollt Ihr von mir, Sir? Was kommt Ihr in später Nacht in einzelner und allein stehender Frauen Häuser, und macht zuerst einen Lärm vor der Thür, daß die ganze Nachbarschaft aufmerksam werden muß? Bin ich hier in Helena, um Logis für vagabondirende Landstreicher zu halten, soll ich jeden hergelaufenen Bootsmann bei mir aufnehmen, jeden nichtsnutzigen Galgenstrick der gerechten Strafe entziehen? Aber das geschieht mir schon recht, mein Seliger – wenn er jetzt von oben auf mich herabsieht, weiß er, daß ich die Wahrheit rede – mein Seliger hat mir das schon immer tausendmal gesagt – und tausendmal reichen nicht – Louise, sagte er – halt, was soll's da? Die Thür ist verschlossen – was wollt Ihr an der Thür?«

»Nur Einlaß, holde Louise,« sagte lächelnd Sander, »wenn nicht hier, doch oben – ich höre solche moralische Bemerkungen des alten seligen Breidelford ungemein gern, aber ich muß ein Glas heißen Grog oder Stew vor mir und einen weichen, behaglichen Sitz unter mir haben – also, wenn's gefällig wäre –«

»Die Thür da ist verschlossen, sag' ich,« rief Mrs. Breidelford jetzt wirklich ärgerlich, »hol' Euch doch der Henker, Mann, was wollt Ihr? Weshalb kommt Ihr her?«

»Nachtquartier will ich, theuerste Louise,« erwiderte Sander mit unzerstörbarem Gleichmuth – »Nachtquartier, ehrbare Wittib, und einen guten warmen Imbiß, um dabei mit Dir von einigen Geschäftssachen reden zu können.«

»Das geht nicht – ich beherberge Niemanden,« rief Mrs. Breidelford schnell – »kommt morgen am Tage wieder, wenn Ihr Geschäfte mit mir abzumachen habt.«

»Mrs. Breidelford!«

»Geht zum Teufel mit Eurem Unsinn, ich will nichts [416] mehr hören – macht, daß Ihr fortkommt, oder ich rufe, so wahr ich selig zu werden hoffe, den Constabler.«

»Mrs. Breidelford,« sagte Sander mit sanfter, schmelzender Stimme – »theure Mrs. Breidelford – wollen Sie einen Unglücklichen von Ihrer Schwelle, wollen Sie mich jetzt in den feuchten Nebel, fast in der Gewißheit eines lebensgefährlichen Schnupfens und Katarrhs, hartherzig hinausstoßen?«

»Geht gutwillig, Sir, oder ich rufe wahrhaftig den Constabler,« rief die Frau und schob die beiden Riegel wieder zurück. Sander aber, der jetzt einsah, daß er den Scherz weit genug getrieben, flüsterte ernst und drohend:

»Halt, Madame, nicht weiter! – Gutwillig wollen Sie mich nicht hören, meine Bitten konnten Sie nicht bewegen, so mag die Furcht Sie dazuzwingen!«

»Furcht, Sir?« rief Madame heftig auffahrend.

»Soll ich Ihnen vielleicht einen Namen nennen, der, wenn nur laut geflüstert, Ihren Hals schon dem Henker überliefern würde?« sagte Sander jetzt mit immer gesteigerter Stimme, – »soll ich Ihnen einen Nagel nennen, der der Nagel Ihres Sarges werden könnte? – Soll ich Ihnen – doch nein,« brach er plötzlich ruhiger ab, »ich will das nicht thun, ich bitte Sie nur um ein Nachtlager und Speis' und Trank, das Uebrige bereden wir drin – ich bin ein Freund – Sie verstehen, was ich damit meine. Kann ich hier bleiben?«

Mrs. Breidelford sah ihn verstört an – ein leichtes Lächeln spielte um seine Lippen, und seine Augen schienen ihr in nur zu deutlicher Sprache zu sagen: ich weiß mehr, als ich Dir jetzt mittheilen will – hüte Dich. – Ihr Gewissen schlug sie – ihr Herz klopfte ängstlich – und sie sagte mit zitternder Stimme, die sie nur noch durch angenommene Verdrießlichkeit zu verdecken suchte:

»Ei, zum Henker! Sir, Ihr gebraucht sonderbare Worte, Jemanden um eine Gefälligkeit zu bitten, aber – geht nur hinauf – 's ist ein häßlicher Abend heut, und – es ist auch noch Jemand oben, den Ihr vielleicht kennt. Eigentlich ist mir's sogar lieb, daß ich mit dem – mit dem Herrn nicht [417] ganz allein bleibe. – Nein, hier ist die Treppe – ach Du lieber Gott, ob denn mein Seliger nicht Recht hatte, wenn er sagte – Louise – es sind seine eigenen Worte –«

»Bitte, Madame, wen soll ich oben finden, wenn ich fragen darf?« unterbrach sie Sander hier, »Sie werden begreifen, daß ich nicht jede Gesellschaft –«

Louise Breidelford sah sich einen Augenblick um, als ob sie selbst hier fürchte, gehört zu werden, und flüsterte dann, während sie mit dem Lichte rasch an ihm vorbei- und die Stiegen hinaufschritt:

»Henry Cotton – Ihr werdet begreifen, daß ich Ursache hatte, vorsichtig zu sein, ehe ich Gäste einnahm«.

»Hm,« sagte Sander und blieb, sinnend das rohe Treppengeländer mit der einen Hand erfassend, noch einen Augenblick unten an der Treppe stehen – »hm – wunderbar – Henry Cotton jetzt hier, und heute Morgen – doch – was thut's? Vielleicht ist es sogar gut, daß ich ihn hier treffe.« Und mit flüchtigen Sätzen folgte er der schon vorangeschrittenen Lady, die jetzt ein Seitenzimmer öffnete und dem späten, wenig willkommenen Gast hineinleuchtete.

Es war ein kleines, düsteres Gemach, von innen und nach der Straße zu mit Gardinen verhangen; die Wände nicht tapeziert, doch die Spalten der Stämme, aus denen sie bestanden, wohlverklebt und das Ganze übertüncht; der Fußboden auch ziemlich rein und sauber gehalten. Die Möbel schienen übrigens, wenn auch einfach, doch bequem, und das im Kamin lodernde Feuer, über dem ein breitbauchiger kupferner Kessel zischte, gab dem Ganzen etwas Heimliches und Gemüthliches. Dies aber schien besonders dem hier schon früher eingetroffenen Gaste wohlzuthun. Er lag, die Hände auf der Brust gefaltet, in einem großen Sorgenstuhl, dem sonstigen Leibsitz der Eigenthümerin, behaglich zurückgelehnt und mußte so ganz in die Betrachtung des vor ihm stehenden halbgeleerten Glases vertieft sein, dessen purpurrother funkelnder Inhalt von einer hellbrennenden Studirlampe beleuchtet wurde, daß er den jetzt Eintretenden kaum eines Blickes würdigte. Er that auch wirklich, als ob er hier Herr im Hause und nicht ein Flüchtling [418] und vogelfreier Verbrecher wäre, auf dessen Einlieferung sogar schon bedeutende Prämien gesetzt worden. Uebrigens wußte er recht gut, daß ihm seine Wirthin Niemand bringen würde, der ihm gefährlich war, und es freute ihn sogar, Gesellschaft zu bekommen, da er in der alleinigen Gegenwart von Mrs. Breidelford wohl nicht mit Unrecht einen höchst langweiligen Abend befürchtete. Madame hatte nämlich, um selbst nicht in die Gefahr zu kommen, daß ihr Dienstmädchen ahnen konnte, wer ihr Gast sei, dieses heute Nachmittag, und noch ehe Cotton ihr Haus betrat, unter irgend einem Vorwande zu ihren Eltern geschickt, von wo sie vor morgen früh auf keinen Fall zurückkehren würde.

Sander schritt auf den Tisch zu, an dem der Flüchtling saß, und sagte lachend:

»Nun wie geht's, Sir? Die Bewegung gut bekommen?«

Cotton sah staunend zu ihm auf, und es dauerte wohl eine halbe Minute, ehe er den früheren Kameraden und Gehülfen erkannte, dann aber streckte er ihm rasch und freudig die Hand entgegen und sagte schnell:

»Ach, Sander, bei Gott – das ist kostbar, daß ichEuch hier finde – haben uns verdammt lange nicht gesehen.«

»Nun, so verdammt lange ist das eigentlich nicht,« meinte der junge Verbrecher, die dargebotene Hand ergreifend – »es müßte denn sein, daß Ihr einen so ausgedehnten Begriff von zehn oder zwölf Stunden hättet.«

»Von zehn oder zwölf Stunden?« frug Cotton verwundert, und Sander erzählte ihm jetzt lachend, wie und auf welche Art er einer seiner Verfolger geworden sei, und sehr wahrscheinlich, vielleicht auch etwas unfreiwillig, das Leben des mit dem Pferde gestürzten Cook gerettet habe.

»Ei, zum Teufel, das hätte ich wissen sollen!« rief Cotton erstaunt und schlug mit der Hand auf den Tisch – »die Pest noch einmal, wie hätte ich dem vermaledeiten Hund den Ritt versalzen wollen! Doch – 's ist vielleicht so eben so gut; es hätte das County nur noch rebellischer gemacht, das mir überdies gerade genug auf den Hacken sitzt.«

[419] Die beiden Männer unterhielten sich jetzt von seiner Flucht und den am Fourche la fave vorgefallenen Szenen, über die Sander wenig Bestimmtes wußte, während Mrs. Breidelford geschäftig das Abendbrot auftrug, das sie für ihre Gäste reichlich und schmackhaft bereitet hatte. Diese ließen sich denn auch nicht lange dazu nöthigen. Cotton, obgleich er schon zu Mittag wirklich fabelhafte Portionen zu sich genommen, fing noch einmal an zu essen, als ob er Wochen lang gefastet habe, und Sander, der ebenfalls seit diesem Morgen gehungert hatte, unterstützte ihn hierin mit einem Eifer, der die würdige Wittib bald für ihre Speisekammer besorgt machte. Während des Essens wurde denn auch, nach amerikanischer Sitte, fast kein Wort zwischen den Männern gewechselt. Jeder schien zu sehr mit sich selbst beschäftigt, um an irgend etwas Anderes zu denken, und erst als die Mahlzeit beendet und die Bowle mit dem dampfenden Gebräu gefüllt war, lösten sich wieder ihre Zungen, und Cotton fing nun an – ein Gegenstand, den sie bis dahin Alle vermieden – von der Insel zu reden, über die er von dem Gefährten Auskunft verlangte.

»Hol's der Henker,« rief er dabei – »ich sehe ein, daß ich's am Ende doch nicht umgehen kann. Die Pest über die Schufte, aber sie hetzen mich wie einen Wolf, und es ist ordentlich, als ob sie mir nur mit Willen den einen Schlupfwinkel offen gelassen hätten. Gut – sie treiben mich zum Aeußersten, so mögen sie's denn haben. – Wer dick aufstreicht, darf sich nachher nicht wundern, wenn ihm das Brod zu fett wird – es wäre möglich, daß ich der Brut auch noch einmal zu fett würde. Sander, ich bin Euer Mann – nehmt mich morgen, oder meinetwegen noch heute Nacht, mit auf die Insel hinunter – aber nein, heute und morgen muß ich mich erst einmal ordentlich ausruhen – ich bin halbtodt gehetzt, und abgemattet mag ich mich da unten nicht vorstellen. Aber nun sagt mir auch – wie steht's mit der Insel – wie sind die Bedingungen, unter denen man aufgenommen werden kann, und was hat man dafür zu thun? Es ist nicht um der Gewissensbisse willen, aber man möchte doch gern, eh' man in eine solche Falle geht, ein klein wenig vorher wissen, was dort von [420] Einem verlangt wird. Nun? Ihr schweigt? Ihr habt doch nicht etwa Angst, daß ich Euch verrathen könnte?«

Sander schüttelte mit dem Kopf und sah eine Weile sinnend vor sich nieder. – Sollte er jetzt dem Mann von der Gefahr sagen, in der sie schwebten? – Daß Alles auf dem Spiele stand und ihre ganze Sicherheit an einem Haar hing? – Nein – Mrs. Breidelford war noch im Zimmer, oder ging doch wenigstens ab und zu, und erfuhr sie das, so blieb ihm natürlich keine Hoffnung, auch nur einen Cent von ihr zu erhalten. –

»Das hat keine Gefahr, Cotton,« sagte er endlich, »also Ihr wollt mit hinüber? – Kennt Ihr denn schon die Wirksamkeit der Insel?«

»Ih nun, Rowson hat mir einmal einen kurzen Ueberblick gegeben. – Es existirt auch ein gewisses Zeichen, nach dem sie Einen aufnehmen.«

»Allerdings – kennt Ihr aber auch den Schwur, den Ihr leisten müßt?«

»Ich kann ihn mir wenigstens sehr lebhaft denken,« brummte Cotton – »doch – heraus mit der Sprache – seid nicht so verdammt geheimnißvoll. Donnerwetter, Mann, bei mir habt Ihr doch weiß Gott nichts zu fürchten, denn wenn irgend Einer in der weiten Welt Ursache hat, Schutz zu suchen, so bin ich es.«

Mrs. Breidelford hatte in diesem Augenblick das Geschirr hinausgetragen, und Sander bog sich rasch zu Cotton hinüber und flüsterte:

»Laßt die Alte nur erst zu Bette sein. Ich habe Euch wichtige Nachrichten mitzutheilen, von denensie aber gerade nichts zu wissen braucht.«

»So? Ueber die Insel?«

»Ruhig – sie kommt wieder – reden wir jetzt lieber von etwas Anderem.«

In diesem Augenblick trat die würdige Dame wieder ein, und Sander erzählte jetzt lachend dem Kameraden, wie sie vorhin, unten vor ihrer Thür, einen ganz unschuldigen Mann verhaftet [421] hätten, von dem sie fürchteten, daß er ihnen gefährlich werden könnte.

»Nun, wie ist's?« sagte da Mrs. Breidelford und trat mit zum Tisch – »wie steht's? Schon verabredet? Geht Cotton mit hinunter? 's ist das Beste, Mann, was Ihr thun könnt, und ich würde noch diese Nacht dazu benutzen«. Louise, sagte mein Seliger immer, »schneller Entschluß, guter Entschluß – nur nicht zaghaft, wenn Du auch eine Frau bist.« – »Ein merkwürdiger Mann war Mr. Breidelford – Gentlemen, und –«

– »Mußte ein so unglückliches Ende nehmen,« fiel Sander hier mit einem Seitenblick auf Cotton ein.

»Unglückliches Ende, Sir?« rief Madame schnell, und ihre Blicke flogen von einem der Männer zum andern. – »Unglückliches Ende? Oh, ich weiß recht gut, was Sie damit meinen, Sir. – Pfui, schämen Sie sich, Mr. Sander, solche niederträchtigen Gerüchte auch noch in den Mund zu nehmen, seine Zunge solchen nichtswürdigen Verläumdungen zu leihen. – Aber ich sehe wohl, wie es ist; mein Seliger, das liebe, gute Herz, hatte ganz Recht – Louise, sagte er immer –«

»Lassen Sie's gut sein, meine liebe Mrs. Breidelford,« sagte Sander rasch und suchte ihre Hand zu ergreifen, die sie ihm jedoch unwillig entriß – »'s war wahrhaftig nicht so bös gemeint, Sie müssen auch nicht immer gleich das Schlimmste darunter verstehen. Haben Sie mir nicht selbst einmal versichert, daß Ihr Seliger gesagt hätte – Louise, sagte der gute Mann, der nun im Grabe liegt – denk nicht gleich von Jedem das Schlimmste – die Welt ist besser, als man sie macht?«

»Ja, Mr. Sander, das hat er gesagt, mehr wie tausendmal hat er das gesagt,« fiel hier die Frau, an ihrer schwachen Seite angegriffen, schnell beruhigt wieder ein, »und darin hab' ich ihm auch gefolgt. – Breidelford, sagte ich oft – ich weiß, Du hast Recht, und wir sind Alle sündige Menschen, aber ich kenne meine Schwäche, und wenn ich auch in manchen Stücken selbst schwach und fehlerhaft sein mag, meine Nebenmenschen acht' ich und verehr' ich, und bisse mir eher die Zunge ab, [422] eh' ich mir ein böses Wort gegen sie über die Lippen kommen ließe.«

»Nun sehen Sie wohl, beste Madam,« fiel hier Cotton, mit einem spöttischen Zucken um die Mundwinkel, beruhigend ein – »es ist manches nicht so schlimm, wie es aussieht. Aber – um was ich Sie noch bitten wollte – Sie redeten mir da erst von Cigarren. – Denken Sie, ich habe seit drei Wochen keine vernünftige Cigarre geraucht und vergehe fast vor Sehnsucht danach. – Nicht wahr, Sie thun mir den Gefallen?«

»Und habe nachher mein bestes Zimmer so verräuchert, daß ich mich zu Tode pusten kann? Der Geruch zieht Einem in die Betten, daß ihn zehn Pfund Seife nicht wieder herausbringen!« erwiderte Mrs. Breidelford.

»Wir rauchen Jeder nur eine einzige,« betheuerte Sander – »seien Sie nur nicht so hartherzig. – Ach, Mrs. Breidelford, ich habe auch drüben einen Kasten mit Bändern und Pariser Blumen stehen.«

»Wie die Herren artig und höflich sein können, wenn sie von einem armen Frauenzimmer etwas haben wollen,« sagte Mrs. Breidelford, aber schon bedeutend milder gestimmt – »also Bänder und Blumen? Ach Du lieber Gott, was sollte eine alte Frau, wie ich bin, mit Bändern und Blumen? Uebrigens sehen möcht' ich sie doch einmal – es wäre doch möglich –«

»Alte Frau?« wiederholte staunend Sander – »alte Frau? Mrs. Breidelford, ei, ich möchte Ihnen nicht gern widersprechen, aber so viel weiß ich doch, daß Sie es in manchen Stücken mit den Jüngsten –«

»Oh – Schmeichler!« – sagte Madame und schlug naiv lächelnd nach ihm – »aber ich sehe schon, ich werde die Cigarren holen müssen. Nein, ich danke, ich brauche kein Licht – ich bin gleich wieder oben;« und mit raschen Schritten verließ sie das Zimmer und eilte die Treppe hinab.

»Ihr könnt nicht auf die Insel!« flüsterte Sander schnell, als sich die Thür hinter der Frau schloß – »der Mulatte, der mit Euch floh, ist gefangen und hat Alles bekannt. [423] – Wir sind verrathen und müssen sobald als möglich fliehen.«

»Was? Die Insel verrathen?« rief Cotton wirklich erschreckt – »also auch der letzte Zufluchtsort abgeschnitten – Pest und Tod! Das fehlt noch – und was habt Ihr jetzt im Sinn?«

»Mrs. Breidelford muß mir Geld vorstrecken. Sie weiß noch nichts von der uns drohenden Gefahr, und braucht es auch jetzt noch nicht zu erfahren.«

»Hat sie Geld?«

»Sie leugnet es zwar immer, ich bin aber fest überzeugt, daß sie Tausende liegen hat – sie ist zu schlau, als daß sie umsonst Jahre lang die Hehlerin eines solchen Geschäfts gewesen sein sollte.«

»Und Ihr glaubt, daß sie Euch gutwillig Geld giebt?« frug Cotton rasch.

»Ruhig – nicht so laut – ich hoffe es wenigstens, das bleibt auch meine einzige Aussicht, denn wir Alle müssen jetzt flüchtig werden, und verbreitet sich erst einmal das Gerücht im Lande, daß ein solches Nest aufgehoben und die Mannschaft zerstreut sei, dann wäre Der, der ohne Geld entkommen wollte, rein verloren. Jeder erbärmliche Farmer würde zum Polizeispion, und er würde den Gerichten überliefern, was ihm nur irgendwie verdächtig vorkäme.«

»Und wann wollt Ihr fort?« frug Cotton.

»Ich ginge gleich,« erwiderte Sander mürrisch – »aber noch hoff' ich, daß wir bis morgen Abend ungestört bleiben; dann haben wir unten unsere Hauptversammlung und auch Theilung der Beute. – Jedenfalls muß ich mich aber auf das Aeußerste vorsehen, und dazu soll mir unserer freundlichen Wirthin Schatzkammer helfen.«

»Wenn aber,« sagte Cotton sinnend und sah starr vor sich nieder – »wenn aber nun – wenn wir aber nun – noch diese Nacht ein sicheres Unterkommen brauchten – wäre das hier in Helena zu finden?«

Sander sah ihn fragend an und sagte dann endlich mit einem halb spöttischen Lächeln:

[424] »Das sicherste liegt uns hier schräg gegenüber – ein guter Bekannter von mir ist dort einquartiert.«

»Unsinn,« brummte Cotton – »wißt Ihr keinen Platz – bst – ich glaube, die Frau kommt wieder – wißt Ihr keinen Platz,« fuhr er schnell, mit noch viel leiserer Stimme fort, »wo man, so lange es morgen Tag ist, vor Nachforschungen sicher wäre?«

»Gerade über der Stadt oben – fragt nur nach dem ›grauen Bären‹,« flüsterte Sander schnell zurück »ha – ich glaube, unsere Mistreß horcht!«

Die beiden Männer saßen einige Minuten schweigend neben einander, bis die Thür, ohne daß sie vorher einen Schritt gehört hätten, aufging und Mrs. Breidelford mit den erbetenen Cigarren eintrat. Sander war nun allerdings ganz Freundlichkeit. Er bat die Dame, an ihrem Tische mit Platz zu nehmen, um doch auch ein Glas von dem höchst delicaten Stew zu kosten, während Cotton, ganz in seine Gedanken vertieft, fast bewußtlos näher zum Lichte rückte, die Cigarre an der hellen Flamme zu entzünden. Mrs. Breidelford dankte aber und schöpfte sich nur ein kleines Töpfchen voll Stew aus der Bowle, trug dieses in die entfernteste, dunkelste Ecke des Zimmers, wohin sie sich auch einen anderen Lehnstuhl zog, und schien nun – ihrer sonstigen Gewohnheit sicherlich ganz entgegengesetzt – gar nicht den mindesten Antheil mehr an dem ferneren Gespräch der Männer zu nehmen. Ja, als diese noch ein halbes Stündchen etwa unter sich geplaudert, bewies der vorgebeugte Oberkörper und das unregelmäßige, oft lebensgefährlich aussehende Nicken des großbehaubten Kopfes, daß Madame dem Schlummergott in die Arme gesunken und heut Abend auf jeden Fall für die Unterhaltung verloren sei.

Dem war keineswegs so – Madame behielt ihre Sinne so gut beisammen wie irgend einer der beiden Männer, aber ihr Verdacht war erregt worden. An der Thür draußen hatte sie gehört, wie jene leise zusammen flüsterten – sie horchte eine ganze Weile, konnte jedoch kein Wort davon verstehen, und beschloß nun auf jeden Fall herauszubekommen, was es [425] sei, das sie so geheim zu halten wünschten. Durch Fragen würde sie nie etwas erfahren haben, das wußte sie recht gut, List mußte ihr also helfen, und ihr eifriges Nicken wie ihr ziemlich gut nachgeahmtes schweres Athmen täuschte auch die beiden Verbrecher bald so weit, daß Cotton, dem jetzt vor allen Dingen daran lag, etwas Näheres über die Gefahr, die ihnen drohe, zu hören, erst eine Weile nach der Schlummernden hinüberhorchte und sich dann mit leise geflüsterter Rede wieder an den Kameraden wandte.

Sander erzählte ihm jetzt, aber ebenfalls noch mit unterdrückter Stimme, die Begebenheiten auf Lively's Farm (wobei er jedoch natürlich verschwieg, was ihn selbst dorthin geführt habe) und rieth ihm dann, sich nur an Kelly zu wenden und Unterstützung von ihm zu verlangen. – Er würde sie ihm keinesfalls versagen.

»Aber treff' ich den Capitain auch?« frug Cotton ängstlich – »bedenkt, Mann, hier kann das Leben an jeder Secunde hängen. Finden sie mich, so werden, davon mögt Ihr überzeugt sein, wahrhaftig keine Umstände gemacht – mich knüpfen sie an dem ersten besten Baum auf. Hätt' ich den Rückhalt der Insel nicht gehabt – nie würd' ich so keck den ganzen Staat fast herausgefordert haben. Jetzt ist mir der mit einem Schlage abgeschnitten, und ohne einen Cent in der Tasche weiß ich bei Gott nicht, wie ich entkommen soll. Wie wär's denn, wenn wir lieber gleich aufbrächen und nach dem ›grauen Bären‹ hinaufgingen? Die Straßen sind ruhig, und mir brauchen nicht zu fürchten, daß uns Jemand sieht.«

»Noch nicht,« sagte Sander – »erst muß ich mit der Frau da reden.«

»Und glaubt Ihr, daß sie Euch gutwillig Geld auszahlen werde?« frug Cotton lauernd.

»Ja,« sagte der junge Verbrecher – »ich kenne einen Zauberspruch, der sie wahrscheinlich überreden wird.«

»Hm – vielleicht derselbe, der mir hier Einlaß verschafft hat – aber sie muß sich fügen. – Die Pest über sie! – sie hat das Geld, und wir –« sein Blick flog, durch die [426] linke Hand gegen den blendenden Schein des Lichts gedeckt, nach der Gestalt der Frau hinüber, aber mit einem lauten Ausruf der Ueberraschung sprang er empor und rief, als er die großen grauen Augen der schlafend Geglaubten fest und entsetzt auf sich gerichtet sah – »verdammt, sie schläft nicht!«

»Nun, Sir?« frug die Witwe, die trotz der fürchterlichen Angst, die ihr für den Augenblick den Athem zu benehmen drohte, dennoch ihre Geistesgegenwart behielt – »das ist dann wahrhaftig nicht Eure Schuld. Wenn Ihr so verwünscht langweilige Geschichten erzählt, könnt Ihr kaum verlangen, daß man die Augen offen behält – Jesus, die Lampe geht ja beinahe aus – wie spät ist's denn?«

Die Blicke der beiden Männer begegneten sich, was sollten sie thun? – Wie sollten sie sich benehmen?

»Zehn Uhr muß es vorbei sein,« sagte Sander endlich – »ich habe die Stöcke der Wachen schon unten an der Straßenecke gehört.«

»Dann will ich noch ein wenig Oel für die Lampe holen,« sagte Mrs. Breidelford, während sie aufstand und sich nach der Thür wandte – »nachher zeig' ich Euch Euer Bett – Ihr müßt Beide vor Tagesanbruch unterwegs sein und wollt doch vorher ein wenig schlafen.«

Sie erfaßte die Klinke und wollte eben die Thür öffnen, aber das Herz drohte ihr dabei vor Furcht und Entsetzen die Brust zu zersprengen. Der Blick des Mörders, dem sie begegnet, hatte ihr das Schrecklichste verrathen – ihr Leben stand auf dem Spiel. – Nur noch zwei Schritt, und sie konnte die Thür von außen verriegeln und das Freie erreichen – nur noch eine Secunde, und sie war gerettet – ihr Fuß betrat die Schwelle, und Sander, der an einen Gewaltstreich kaum gedacht, sah ihr unschlüssig nach. Da sprang Cotton, der ihre Absicht ahnte, und jetzt wußte, es galt das Aeußerste, rasch auf sie zu und faßte, als sie gerade die Thür hinter sich zuziehen wollte, ihren Arm.

»Mörder!« schrie die Frau in Todesangst, und der Ruf hallte gellend und schauerlich in dem leeren Hause wieder – »Mör –«

[427] Es war ihr letztes Wort gewesen – Cotton's Faust, voll riesiger Kraft geführt, schmetterte sie mit einem einzigen Schlag bewußtlos zu Boden, und Sander sprang in wildem Entsetzen empor. Kein Laut unterbrach Minuten lang die Stille, und der ausgestreckte Körper der unglücklichen Frau lag auf der Schwelle ihres eigenen Zimmers.

»Cotton,« flüsterte Sander endlich und sah sich erschreckt um, »was habt Ihr gethan – ist sie todt?«

»Ich weiß nicht,« brummte der Mörder und wandte sich scheu von der zu Boden Geschlagenen ab – »macht jetzt schnell, daß wir finden, was wir brauchen – wo hat sie denn wohl ihr Geld aufbewahrt? Donnerwetter, Mann, steht nicht da, als ob Ihr mit Thran begossen wäret; jetzt ist keine Zeit mehr zum Gaffen; 's ist geschehen, und an uns liegt's nun, den Zufall so gut als möglich zu benutzen.«

»Wie soll ich wissen, wo sie ihr Geld hat,« sagte Sander – »doch wohl dort, wo sie schläft –«

»Dann kommt,« entgegnete Cotton – »der Platz muß gleich hier nebenan sein – ich sah die Thür offen stehen, als ich eintrat. – Nun? – Fürchtet Ihr Euch etwa, über den Cadaver zu treten? Ihr habt wohl noch keine Leiche gesehen?«

Cotton hatte die Lampe ergriffen und war über den Körper weggestiegen – Sander folgte ihm, doch die Schlafkammerthür fanden sie verschlossen, und der Mörder drehte sich noch einmal gegen sein Opfer um.

»Ach beste Mrs. Breidelford,« sagte er höhnisch, und sein Gesicht verzog ein in diesem Augenblick wirklich teuflisches Lächeln -»dürft' ich Sie wohl einmal um Ihre Schlüssel ersuchen?«

Er bog sich rasch zu dem Körper nieder und hakte das Schlüsselbund auf; Sander hatte ihm die Lampe aus der Hand genommen, und Beide betraten nun das Schlafzimmer der Wittwe. Vergebens durchstöberten sie aber hier alle Winkel und Kasten, vergebens wühlten sie selbst das Bett auf und suchten jede einzelne Schieblade aus. Es war Alles umsonst, keinen Cent an Geld fanden sie, nur einzelne [428] Schmucksachen, die sie zu sich steckten, die ihnen aber doch für den Augenblick das nicht waren, was sie bedurften. Wer kannte in dieser Wildniß den Werth solcher Sachen, und mußte nicht allein schon der Besitz derselben den Verdacht noch mehr auf sie lenken? –

»Schöne Geschichte das,« knirschte Sander endlich, als er eine Masse werthlosen Plunders mit wildem Fluch neben sich auf die Erde schleuderte – »das kommt von Eurem verdammten gleich mit Fäusten Dreinschlagen. Hättet Ihr mich gewähren lassen –«

»So war Madame jetzt auf der Straße und schrie Zeter und Mord!« erwiderte Cotton unwillig. »Sie hatte gemerkt, was wir wollten, und wäre auf jeden Fall geflohen.«

»Und jetzt?«

»Verräth sie wenigstens nicht mehr, wen sie beherbergt,« brummte der Mörder. »Doch ich dächte, wir beeilten uns ein wenig; – wo nur die alte Hexe ihre Schätze stecken hat? – Hol's der Teufel, mir wird's unheimlich hier, und je eher wir den Mississippi zwischen uns und –«

Ein lautes donnerndes Pochen an die Thür machte, daß er entsetzt emporfuhr und fast krampfhaft den Arm seines Kameraden faßte.

»Pest,« zischte er dabei und sah sich wild nach allen Seiten um – »wir sind verloren! Können wir nicht hinten hinaus entfliehen?«

»Ich weiß nicht,« flüsterte Sander – »der Teufel traue aber, der Platz hier ist mir völlig unbekannt, und sprängen wir in einen fremden Hof und würden von Hunden angefallen und gestellt, so wär' es um uns geschehen.«

»Hallo da drinnen!« rief jetzt eine rauhe Stimme von außen, und der schwere Hickorystock schlug gegen die Thür an – »Mrs. Breidelford, was giebt's da? Sind Sie noch munter?«

Cotton stand wie vom Schlage gerührt, Sander aber, dem die Nähe der Gefahr auch wieder seinen ganzen kecken Uebermuth gab, riß schnell eine der vielen im Zimmer umhergestreuten [429] Hauben der Ermordeten vom Boden auf, zog sie sich über den Kopf und schritt nun rasch damit zum Fenster.

»Was wollt Ihr thun?« frug Cotton erschreckt.

Sander gab ihm gar keine Antwort, schob die Gardinen von innen zurück, öffnete das Fenster ein wenig, so daß sein Kopf von unten herauf nur etwas sichtbar blieb, und frug, die kreischende Stimme der Mrs. Breidelford auf das Treffendste nachahmend, anscheinend ärgerlich und rasch:

»Nun, was giebt's da wieder? Hat man denn in diesem unseligen Neste nicht einmal des Nachts Ruhe, daß sich eine arme alleinstehende Frau –«

»Hallo – nichts für ungut,« rief da eine rauhe Stimme von unten, die, wie Sander augenblicklich hörte, von einem der in den Straßen postirten Wachmänner oder sogenannten Watchmen herrührte – »mir war's, als ob ich hier im Hause einen Schrei gehört hätte, und da ich durch die Fensterspalten noch Licht sah –«

»Schrei – Fensterspalten!« rief unwillig die vermeintliche Mrs. Breidelford und zog sich vom Fenster zurück – »wer weiß, wo Ihr die Ohren gehabt habt. Geht zum Teufel und laßt arme alleinstehende Frauen –« das Andere wurde dem Nachtwächter draußen durch das Zuschlagen des Fensters unverständlich.

»Nu, nu,« sagte der Mann lachend, als er hörte, mit welcher Heftigkeit sich Madame zurückzog – »wieder einmal nicht richtig im Oberstübchen? – der Stew muß heut Abend absonderlich gut geschmeckt haben – hahahaha, das hat mein Seliger tausend und tausendmal gesagt; – Louise, sagte er immer, ich weiß, Du verabscheust geistige Getränke, und mit Recht – sie passen auch nicht für das zarte Geschlecht; aber Du mußt das auch nicht übertreiben – sagte er, ach, ich sehe ihn noch vor mir, das liebe, gute Herz, das jetzt kalt in seinem Grabe liegt – es giebt Zeiten, wo ein Tröpfchen Rum, mit Mäßigkeit genossen, Arznei werden kann, und Du bist eine zu verständige Frau, Louise – das waren seine eigenen Worte, Ladies – als daß Du nicht wissen [430] solltest, wann Dir ein Tröpfchen nützen und wann es schaden könnte – hahahaha!«

Und der Mann ging, halblaut dabei die im ganzen Städtchen bekannten Redensarten der würdigen Dame citirend, während er mit dem rechten Arme dazu gesticulirte, langsam die Straße hinunter. Erst an der Ecke stieß er den schweren Stock, den er bis dahin im linken Arm getragen, auf die Steine nieder: ein Zeichen, das von anderen Theilen der Stadt beantwortet wurde, und hauptsächlich dazu diente, die Wachen gegenseitig zu überzeugen, ihre Kameraden seien munter und sie könnten im Nothfall auf deren Schutz rechnen.

Die Schritte des Wächters waren lange verhallt, und noch immer standen die beiden Verbrecher laut-und regungslos neben einander. Sander aber, der, sobald er den Laden geschlossen, die Mütze gleich abgeworfen hatte, brach zuerst das Schweigen und flüsterte:

»Wir sind gerettet – den Wachen wird es jetzt nicht wieder einfallen, nachzufragen, und die ganze Nacht bleibt uns, das versteckte Geld zu suchen; vergraben kann es doch unmöglich sein.«

»Wär' es nicht besser, wir flöhen jetzt, wo es noch Zeit ist,« sagte ängstlich der Mörder – »mir graut es hier in dem Hause.«

»Ist Euch das Herz in die Schuhe gefallen, weil Ihr da unten den Zauberstab habt klopfen hören,« lachte höhnisch Sander, der in der plötzlichen Angst des Gefährten und durch die gelungene List neuen Muth gewann – »nein, nun wollen wir auch sehen, ob unsere blutige Saat nicht goldene Früchte tragen wird. Geld befindet sich hier im Hause, davon bin ich überzeugt, nur den Platz brauchen wir zu finden.«

Und rasch nahm er die vorhin auf den Tisch gestellte Lampe wieder auf und begann, von Cotton dabei eifrig unterstützt, seine Nachforschungen auf's Neue. Es blieb aber Alles vergebens, sie öffneten zwar mit den Schlüsseln alle Thüren und Kästen und durchstöberten jeden Winkel, aber keine Spur von Geld konnten sie entdecken – Waaren und Güter genug, [431] nur nicht das, was in diesem Augenblick für sie zehnfachen Werth gehabt hätte – Silber oder Banknoten.

Der dämmernde Tag mahnte sie erst, ihre nutzlosen Bemühungen einzustellen und auf die eigene Rettung zu denken; – traf man sie in diesem Hause, so konnte selbst Dayton sie nicht retten. Sie verschlossen also rasch wieder die Thüren, um nicht gleich, beim ersten Betreten des Hauses, augenblicklichen Verdacht zu erregen, trugen dann den Leichnam der Unglücklichen auf ihr Bett – lauschten vorher sorgfältig aus dem jetzt dunkeln Zimmer auf die Straße hinaus, ob auch keiner der Wächter in der Nähe sei und sie aus dem Hause der Wittwe kommen sähe, schlichen dann schnell die Treppe hinunter in's Freie, und eilten nun, als sie erst einmal die Stadt hinter sich hatten, schnellen Schrittes der Schenke zu, in welcher sie den Capitain zu sprechen und Hülfe und Schutz zu erwarten hofften.

31. Cook kommt nach Helena

31.

Cook kommt nach Helena.

Der Tag dämmerte – die Dunkelheit der Nacht wich unbestimmten grauen Schatten, die, Grabesschleiern gleich, das ganze düstere, noch immer von dichtem schwadigen Nebel erfüllte Land wie den leise gurgelnden Strom überhingen. Die Massen aber, die bis dahin mit der Nacht verschmolzen gewesen, schienen sich jetzt erst wieder zu einem festeren, compacteren Ganzen auszuscheiden. Es sah fast so aus, als ob sie den Feind ahnten, der sich im Osten gegen sie rüste, denn immer drängten sie ineinander und bildeten bald einen förmlichen [432] Schutz und Wall gegen den gefürchteten Gegner. Wolke thürmte sich über Wolke, und links und rechts klammerte sich der wilde Nebelkreis mit den milchweißen Armen kräftig ein in Busch und Baum des waldigen Ufers; links und rechts stemmte er sich gegen die Landspitze, ja gegen jeden in den Strom hinausragenden Baum, als ob er selbst durch die kleinste Hülfe und Stütze auch neue Kraft und Festigkeit gewinnen könnte. So matt und entkräftet aber auch gestern die Sonne, als sie der Uebermacht weichen mußte, in ihr stilles Lager gestiegen war, so kampfesmuthig und frisch erstand sie heute Morgen wieder, und schon der kühle Luftzug, den sie voraussandte, trieb die Plänkler des Feindes zu Paaren, und warf sie auf die Hauptmacht zurück. Das waren aber auch eben nur Plänkler, kleine naseweise Wölkchen, die in tollem Muthwillen hoch oben in freier Luft spielten, und die ersten sein wollten, die dem Vater Nebel das Nahen des Feindes verkündeten. Schon sein Anblick jagte sie wie Spreu vor sich her, und hoch erröthend, von seinem rosigen Licht übergossen, flüchteten sie schnell in die Arme des Vaters, der sie sich rasch in den Busen schob und nun dem anrückenden Kämpfer die Stirn bot.

Von Westen aus hatte gestern der Sonnengott umsonst gesucht, mit seinen Pfeilen den Schuppenpanzer des Alten zu durchbohren, heute griff er die Sache vom andern Ende an. Der scharfe Nord lieh ihm dazu die Hülfstruppen – pausbäckige Gesellen, die sich rücksichtslos auf den Feind warfen; rohes Volk freilich, aber zu solchem Kampfe ganz geeignet. Die griffen denn auch ohne Zögern von allen Seiten zugleich an, und als sich der Kern der Bestürmten mehr und mehr in sich selbst zusammenzog, da demaskirte plötzlich Gott Phöbus seine gewaltigen Batterien. – Hellleuchtende Strahlen schoß er mitten hinein in die scheu Zurückweichenden – wie glühende Keile trieb er die Licht- und Sonnenboten selbst in das Herz der nach allen Himmelsgegenden hin geformten Carrés, von oben herab kamen seine Streiche, das Haupt trafen sie, trotz Schild und Wehr, und zurückgeworfen von der fürchterlichen, [433] unwiderstehlichen Gewalt, wichen die Massen und geriethen in Schwanken.

Das aber hatten die leichten Bataillone der derben Nordwinde kaum bemerkt, als sie sich mit erneuter Kraft auf den einmal in Unordnung gebrachten Feind stürzten. Hier und da sonderten sie einzelne schwache Schwärme von dem Hauptcorps ab und trieben sie rasch hinaus in alle Weite – mehr und mehr drangen sie nach dem Centrum vor, wo noch der trotzige Alte in voller Stärke die weiße wehende Fahne schwang, immer näher rückten sie dem Panier, immer näher und näher, und jetzt – jetzt hatten sie es erreicht, jetzt trieben sie die um dieses geschaarten Kerntruppen erst langsam und schwerfällig, dann immer rascher vor sich hin, und nun, – einmal zum Weichen gebracht, zeigte das ganze Gefilde bald nichts als flüchtige Massen, die sich links und rechts in wilder, unordentlicher Eile durch die wehenden Wipfel des Urwalds jagten. Hinterdrein aber, daß die alten Bäume gar bedenklich dazu mit den wehenden Zweigen schüttelten, die jungen schlanken Weiden aber den Flüchtigen sehnend die Arme nachbreiteten, stürmten die kecken Nordbrisen immer toller, immer muthwilliger, und drangen durch den rauschenden Hain und sprangen über die leichtgekräuselte Fluth. Droben am Himmel indeß, in all' ihrer siegreichen Herrlichkeit, stieg die glühende, funkelnde Sonnenscheibe empor, zu stolz, den Feind zu verfolgen, den sie geschlagen, zu rein aber auch, um sich ihr helles Himmelslicht durch seinen giftigen Hauch verhüllen zu lassen.

Adele stand in Hedwig's Zimmer an dem Eckfenster und blickte sinnend nach dem aufsteigenden Tagesgestirn hinüber, dessen Strahlen eben die Nebel theilten und ihr holdes Antlitz mit zartem rosigen Hauch übergossen.

»Sieh, Hedwig,« sagte sie jetzt plötzlich und wandte sich nach der Freundin um – »sieh nur, wie die Sonne jetzt auch den letzten Zwang abzuwerfen scheint und frei und rein aus den häßlichen Schatten heraustritt; man sieht fast, wie sie hoch aufathmet und ordentlich froh ist, all' den Zwang und Dunst überwunden zu haben. – Ach, ist mir's doch gerade so, wenn ich aus der Stadt komme und den Fuß [434] in den freien, herrlichen Wald mit seinen Blüthen und Blumen setze.«

Mrs. Dayton war neben sie getreten und schlug das große treue Auge zu dem reinen, von keinem Wölkchen getrübten Firmament empor. Zwei klare Thränen hingen aber an ihren Wimpern, und sie wandte sich ab, sie zu verbergen.

»Hedwig,« sagte Adele leise und ergriff die Hand der Freundin – »was fehlt Dir? Du bist seit gestern Abend so ernst geworden – hat Dich Mariens Zustand –?«

Mrs. Dayton schüttelte leicht mit dem Kopf und sagte seufzend:

»Weiß ich's denn selbst, was mich drückt? Seit gestern, ja seit wir von Livelys zurückritten, ist mir das Herz so beklemmt, daß ich in einem fort weinen möchte und doch nicht sagen kann warum.«

»Jener Vorfall dort hat Dich so angegriffen,« beruhigte sie die Freundin, »liegt mir's doch selber seit der Zeit ordentlich in den Gliedern. Es war recht häßlich, daß wir auch gerade draußen sein mußten.«

»Ach nein – das ist es nicht allein,« erwiderte Mrs. Dayton unruhig – »auch hier – das ganze Verhältniß in Helena wird mir von Tag zu Tag drückender. Dayton lebt jetzt mehr außer dem Hause als bei uns, und ist seit kurzer Zeit total verändert.«

»Ja, das sei Gott geklagt,« betheuerte Adele, »sonst war er froh und heiter, oft sogar selbst ausgelassen lustig – weißt Du noch, wie Du über mich lachtest, als ich mich deshalb vor ihm gefürchtet hatte – und jetzt ist er ernst wie ein Methodist, spricht wenig, raucht viel, und fährt vom Stuhl auf, wenn nur irgend Jemand unten vorbeigeht.«

»Er hat davon gesprochen, daß wir Helena verlassen wollen,« sagte Mrs. Dayton – »wollte Gott, das könnte heute geschehen. – Helena wird mir mit jedem Tag verhaßter, je mehr die Einwohner wilder und roher zu werden scheinen.«

»Das sind die Einwohner nicht,« entgegnete Adele, »die verhalten sich ziemlich ruhig, nur die vielen fremden Bootsleute, [435] welche hier fortwährend kommen und gehen, werden die Ursache des ewigen Haders und Unfriedens; ach, ich wollte ja auch froh sein, wenn ich Helena verlassen könnte. Ist denn Mr. Dayton die Nacht noch nach Hause gekommen? Ich hörte die Thür öffnen.«

»Ja, er kehrte etwas nach zwei Uhr und todtmatt zurück – das ewige Reiten, und noch dazu in Nacht und Nebel und in der feuchten Sumpfluft, muß ihn ja endlich aufreiben. – Aber es wird bald Zeit, daß ich ihn wecken lasse, er wollte um acht Uhr aufstehen.«

»Wer war denn der fremde Neger, dem ich heute Morgen hier unten im Hause begegnete?« frug jetzt Adele – »er schaute ganz entsetzlich wild und verstört drein – ich erschrak ordentlich, als er mich ansah.«

»Den hat Dayton, wie er mir nur flüchtig sagte, gestern von durchziehenden Auswanderern billig gekauft – er ist wohl unterwegs krank geworden. Morgen oder übermorgen will er ihn auf eine Plantage nach Mississippi hinüberschicken. Aber wie geht es denn Marie?«

»Hoffentlich besser – ich sah heute Morgen einen Augenblick in ihre Kammer hinein, und sie schlief sanft und süß; Nancy soll mich rufen, wenn sie er wacht. Vorher werde ich auch noch auf einen Augenblick nach Mrs. Smart hinübergehen müssen; sie hat mich darum gebeten, ihr Nachricht von dem Befinden der Kranken zu geben.«

»Dann leg' Dich aber auch nachher selbst ein wenig nieder,« sagte Mrs. Dayton, »Ruhe wird Dir gut thun, Du hast ja fast die ganze Nacht kein Auge geschlossen.«

»Ich bin nicht ermüdet,« entgegnete Adele wehmüthig – »ach wie gern wollte ich Nacht für Nacht an der Unglücklichen Bett sitzen, wenn ich nur dadurch ihren Zustand um das Mindeste lindern könnte. Wo aber Mr. Hawes sein mag? Wie Mrs. Lively Cäsar draußen gesagt hat, ist er schon gestern Nachmittag hierherzu aufgebrochen. Es ist doch kaum wahrscheinlich, daß er gleich übergefahren wäre, ohne noch einmal hier erst vorzusprechen.«

»Sollte er vielleicht von dem Zustand seiner Frau Kunde [436] erlangt haben und, ihren Aufenthalt nicht kennend, nach Hause gesprengt sein? – Aber wahrhaftig – da kommt er die Straße herab und zwar im vollen Carrière gerade auf unser Haus zu. – Der arme – arme Mann!«

»Das ist Mr. Hawes nicht!« rief Adele, die sich rasch nach ihm umwandte und den Blick hinabwarf, »das ist der Mann, dessen Kleider er gestern trug – Mr. Cook – was mag der wollen?«

Der Reiter zügelte in diesem Moment, und zwar dicht vor ihrem eigenen Hause, sein schnaubendes Pferd scharf ein, sprang aus dem Sattel und gab sich nicht einmal die Mühe, das schäumende Thier anzuhängen. Ruhig ließ er ihm den Zügel auf dem Sattelknopf liegen und trat rasch in die Thür, während sein Pony erst den schlanken, schöngeformten Hals schüttelte und den Kopf auf- und niederhob, daß der weiße Schaum rings um es her flog, und dann mit dem rechten Vorderhuf den Grund vor sich zerscharrte und stampfte, als ob es nur ungeduldig hier des Herrn warte und die Hetze so schnell als möglich fortzusetzen wünsche.

Im nächsten Augenblick wurde Cook's rascher Schritt auf der Treppe gehört und seine Stimme frug nach Squire Dayton. Mrs. Dayton übernahm aber hierauf die Antwort; sie öffnete die Thür und bat den jungen Farmer einzutreten. Dieser leistete allerdings der Einladung augenblicklich Folge, entschuldigte sich aber auch zugleich mit der dringenden Nothwendigkeit der Sache, daß er so ungebeten und in so wildem Aufzug vor ihnen erschiene.

»Ich muß den Squire sprechen, Ladies, und möchte Sie bitten, mich sobald als möglich zu ihm zu führen. – Es betrifft Sachen von dringendster Wichtigkeit,« sagte er heftig.

»Ich will ihn gleich rufen, Sir,« erwiderte Mrs. Dayton, »er schläft noch, müde und matt von gestriger, vielleicht zu großer Anstrengung –«

»Dann thut es mir leid, ihn gleich wieder so in Anspruch nehmen zu müssen,« sagte Cook, »aber die Sache, wegen der ich hier bin, betrifft Leben und Eigenthum von vielleicht Tausenden und wird, wie ich fast fürchte, unserer ganzen [437] Energie, unseres stärksten Zusammenwirkens bedürfen, ihr mit Erfolg zu begegnen. Doch Mr. Hawes hat dem Squire wahrscheinlich gestern schon einen ungefähren Ueberblick über das, was wir entdeckten, gegeben.«

»Mr. Hawes?« riefen beide Frauen erstaunt und zu gleicher Zeit aus, und Mrs. Dayton, die schon die Thürklinke in der Hand hatte, blieb stehen.

»Mr. Hawes war nicht hier – wir haben ihn jede Stunde, ja jeden Augenblick erwartet,« versicherte Adele – »der Neger brachte den Brief an ihn wieder zurück.«

»Ja – allerdings, aber – wie ist mir denn?« sagte Cook verwundert, »er kann sich doch wahrlich auf der ebenen, breit ausgehauenen Straße nicht verirrt haben, und sprengte doch gestern Nachmittag nicht allein nach Helena, um selber Squire Dayton aufzusuchen, sondern sogar mit in unserm Auftrag, um ihm vorläufig eine Meldung zu machen, damit er die nöthigen Schritte thun könne.«

»Er war nicht hier.«

Cook blickte sinnend vor sich nieder und stampfte endlich, ziemlich in Gedanken, ungeduldig und fest den schweren Hacken so stark auf den Teppich, daß die Gläser auf dem Tische aneinander stießen. Er schrak zusammen und erröthete; andere Gedanken verdrängten aber bald diese Kleinigkeit. – Er strich sich, wie im Nachdenken über etwas, das er nicht recht begreifen könne, langsam mit der Linken über die Stirn und flüsterte dann noch einmal, aber mehr mit sich selber redend, wie als Frage:

»Also Mr. Hawes war nicht hier?«

»Nein, mit keinem Schritt!«

»Ach, bitte, Mrs. Dayton – rufen Sie den Squire,« sagte der junge Farmer jetzt plötzlich – »ich muß ihn wahrhaftig sprechen, denn ich fürchte fast –«

»Was fürchten Sie?« rief die Frau besorgt – »ist denn etwas so Erschreckliches vorgefallen – betrifft es meinen Mann selber?«

»Nein, nein,« beruhigte sie Cook, »ganz und gar nicht, ich verlange auch nicht Mister Dayton, sondern den Squire [438] in ihm zu sehen. – Ich habe überhaupt noch gar nicht einmal das Vergnügen, ihn persönlich zu kennen.«

»So will ich ihn rufen; bitte, bleiben Sie einen Augenblick hier bei Adelen, ich bin gleich wieder zurück.«

Sie verließ rasch das Zimmer, und Cook, die junge Dame fast gar nicht beachtend, ging rasch und mit untergeschlagenen Armen auf und ab in dem kleinen Raume.

»Sie finden Mrs. Hawes' Betragen sonderbar?« sagte Adele endlich, »Sie scheinen sogar unruhig darüber.«

Cook blieb vor ihr stehen und sah ihr einige Secunden, noch ganz in seine Gedanken vertieft, in's Auge.

»Ja, Miß,« sagte er dann und nickte leise mit dem Kopfe – »ja, räthselhaft und – verdächtig; verdächtig von vornherein. Doch das sind Sachen, wegen deren ich lieber mit dem Squire sprechen will, und ich hoffe, wir werden schon Alles zu gutem Ende führen.«

»Wie befindet sich denn der Verwundete?« frug jetzt Adele. – »Haben Mr. Hawes' Mittel ihm genützt?«

»Mr. Hawes' Mittel? Hawes ist doch kein Doctor!«

»Allerdings – wenigstens sagte er uns, daß er deswegen zurückbleiben müsse.«

»Hm – also nur deshalb – doch es mag sein. – Ja, der Verwundete befindet sich besser – seine kräftige Natur läßt ihn vielleicht sich wieder erholen. Also Mr. Hawes wollte ihn curiren? – Und gerade er war es doch, der ihn, ohne der Uebrigen Dazwischenkunft, getödtet hätte. – Ich will verdammt – ah – bitte um Verzeihung, Miß, aber – ha, ich glaube, der Richter kommt – ich höre Schritte.«

Squire Dayton war es wirklich, der seine Kleider, als ihn Mrs. Dayton von dem Besuch benachrichtigte, rasch übergeworfen hatte und eben jetzt in's Zimmer trat. Er ging auf den jungen Farmer zu und sagte, ihm die Hand entgegenstreckend:

»Herzlich willkommen, Sir, in Helena und in meinem Hause. – Das müssen wichtige Dinge sein, denen ich Ihren angenehmen Besuch so früh zu verdanken habe.«

Er sah blaß und angegriffen aus; die Haare hingen ihm [439] noch wirr um die marmorbleiche Stirn, und die Augen lagen tief in ihren dunkeln Höhlen. Es war fast, als ob Krankheit ihren Schreckensarm nach der sonst so kräftigen Gestalt des starken Mannes ausgestreckt und seine Sehnen erschlafft habe.

»Squire Dayton,« erwiderte Cook, und hielt dabei den Blick fest und erstaunt auf den Richter geheftet, als ob er hier Jemandem gegenüberstehe, den er schon früher einmal gesehen habe, und sich nun gar nicht erinnern könne, wo und wann das gewesen, »Squire Dayton – ich weiß nicht – alle Wetter, ich muß – ich muß Sie doch schon irgendwo einmal – ha – Mr. Wharton – am Fourche la fave. – Waren Sie nicht, vor vierzehn Tagen etwa, bei dem Regulatorengericht am Fourche la fave?«

»Ich? Nein, in der That nicht,« lächelte der Squire und sah dem jungen Mann unbefangen in's Auge. – »Ein Regulatorengericht würde zu meiner Stellung als Friedensrichter auch gerade nicht besonders passen. Wie kommen Sie darauf?«

»Dann haben Sie eine merkwürdige Aehnlichkeit mit irgend einem andern Mann, der sich – am Fourche la fave wenigstens – für einen Mr. Wharton von Little Rock ausgegeben hat,« sagte Cook, sah aber noch immer dabei dem Squire fest und wie es schien ungläubig in's Auge. – »Eine solche Aehnlichkeit in den Gesichtszügen wäre noch gar nicht dagewesen.«

»Wharton – Wharton,« wiederholte sinnend der Richter – »den Namen habe ich erst kürzlich gehört – Wharton, Wharton – wer erzählte mir doch von einem Wharton – Advocaten, ganz recht. Nun es wird mir schon wieder einfallen. Trösten Sie sich übrigens, ich bin schon mehrere Male für einen Andern angesehen worden. – Mein Gesicht muß doch so ziemlich alltäglich sein, daß es einer Menge anderer gleicht.«

»Das wüßt' ich gerade nicht,« erwiderte, immer noch fest das Auge auf ihn geheftet, Cook – »Squire – mich soll der Teufel holen, wenn ich nicht glaube – nein, wenn [440] ich es nicht fast gewiß weiß, daß Sie jener Wharton sind. – Ich habe mir die Züge des Advocaten damals zu deutlich eingeprägt.«

»Mr. Cook,« sagte der Richter jetzt lachend, »ich habe das Vergnügen, Ihnen hier Mrs. Dayton, meine Frau, vorzustellen. Der werden Sie doch wenigstens glauben, daß ich nicht der Advocat Wharton, sondern George Dayton, Friedensrichter hier in Helena und dem County bin.«

Cook machte eine etwas verlegene Verbeugung gegen die ebenfalls lächelnde Dame und sagte dann, jedoch immer noch wie halb zweifelnd:

»Eine wunderbare, merkwürdige Aehnlichkeit bleibt es dann aber – eine Aehnlichkeit, wie sie mir noch gar nicht vorgekommen ist. Selbst die kleine Narbe da auf der Stirn hatte jener Wharton.«

»Und was war es, was mir die Ehre Ihres Besuches heute verschaffte?«

»Kann ich ein paar Worte mit Ihnen allein reden?« sagte Cook – »durch