Friedrich Wilhelm von Hackländer
Europäisches Sklavenleben

Erster Band

1. Kapitel
[7] Erstes Kapitel.
Der Theaterwagen.

Es ist eigenthümlich, theurer und geneigter Leser, daß man beim Beginn einer Geschichte so gern Betrachtungen über das Wetter anstellt, – eigenthümlich, aber durchaus nothwendig. Was wollte man zum Beispiel von einem Gemälde halten, wo sich die Figuren – und wären sie auch noch so interessant – in einer Staffage bewegten, von der man nicht sagen könnte, von welcher der vier Jahreszeiten sie gerade beherrscht werde. Es bringt den Leser nichts so in eine angenehme Stimmung, als wenn er beim Beginn eines Kapitels erfährt, die Sonne habe mit voller Gluth geschienen, der Wind habe gesaust oder der Regen in schweren Tropfen an die Fensterscheiben geklatscht. Bei uns findet er aber von diesen drei ebengenannten Dingen nichts; unsere einfache und dieses Mal vorzugsweise sehr wahrhaftige Geschichte beginnt im Winter, – jener Jahreszeit, wo man die Natur als erstorben betrachtet, ihr als unschön so gern den Rücken kehrt, um in glänzende, durchwärmte Säle einzutreten und sich an künstlichen Blumen und Freuden zu ergötzen, da man lebendige und natürliche so wenige gefunden.

[7] Aber man thut Unrecht, geneigter Leser; es gibt Wintertage, deren eigenthümliche Schönheit wir nicht vertauschen möchten für den blüthenreichsten Frühlingsmorgen, für den glänzendsten Sommerabend. Wir meinen nämlich einen Wintertag, wo die Erde nach einem Thauwetter oder nach einem gelinden Regen mit schweren Nebeln bedeckt war, wo alsdann diese Nebel durch eine plötzliche Kälte zu dichtem Reif erstarrten, wo sich der Boden mit einem Male weiß bezog, ohne aber verhüllt zu sein durch eine langweilige einförmige Schneedecke, die in ihrem kalten Gleichheitsprinzip Berg und Thal zudeckt und ohne Unterschied begräbt und verbirgt endlose Wiesen und Moorgründe, stille Thäler, kleine Seen und allerliebste Gärten. – Gewiß, jener so plötzlich angesetzte Reif ist wunderbar schön; jene Verhüllung, wo doch Alles in seiner ursprünglichen Gestalt erscheint, nur mit weißem, feinem Pelze bedeckt. Die dunkle Erde schimmert leicht durch den Flaum, es ist kein Thal, keine Schlucht verdeckt: Alles behält die ihm eigene Gestalt. Dort auf der Wiese scheint weißes Gras zu wachsen; die kleinen Sträucher sind mit den feinsten Kristallen bedeckt; wenn man einen Baum ansieht, so möchte man darauf schwören, seine Zweige seien von Zucker und er erwarte nur, wie er da ist, auf irgend eine Weihnachtstafel gesetzt zu werden.

Dabei ist die Luft klar und scharf, und wenn du einen Berg hinansteigst, so zieht dein Athem in einer bläulichen Wolke dir voraus; während du aber durch den Hohlweg gehst, um zu dem Plateau zu gelangen, wo die alte Straße mit der neuen Chaussee zusammentrifft, und wo du die weite, große Stadt übersehen kannst, versäume es ja nicht, rechts und links zu blicken und dir genau zu betrachten einen Stein, einen Strauch, ja jeden Gegenstand, den du willst; denn wenn du am heutigen glückseligen Tage irgend etwas genau untersuchst, so entdeckst du Zaubereien ohne Ende, ganze Eiswelten in jedem Maßstabe. Hier von der Wand des Hohlwegs herab hingen gestern noch die kahlen erstorbenen Zweige [8] einer Brombeerstaude, naß, fast triefend von dem angesetzten Nebel, heute ist daraus ein Brillantschmuck geworden, würdig, den Hut einer Fürstin zu zieren, ein Schmuck von Tausenden von Diamantblumen in der phantastischsten Gestalt, und jetzt, wo ein Strahl der Sonne darüber hingleitet, glänzend wie eine ganze Million von Lichtbergen. Ja, so ein Tag verschönert mehr als Frühlingsluft und Sommerhitze; bemerken wir nicht hier neben uns einen Erdhaufen, gestern noch kahl, mit einigen mageren Grashalmen und zerstreutem Stroh, der heute mit einem Mal eine ganze Eisresidenz geworden! Weiße Steine bilden eine förmliche Stadt, die rings von Zaubergärten eingeschlossen ist; man muß nur genau hinsehen und das Ding nicht oberflächlich betrachten. Es sind da Straßen und Plätze mit den regelmäßigsten Alleen von weißbereiften Grashalmen, auch imposante Waldungen; nur Alles, was im Sommer grün erscheint, ist jetzt weiß und hat eine fabelhafte Form. – Ah! es ist schade, daß unsere Illusion durch einen Sperling gestört wird, der jetzt plötzlich in die Stadt hineinfliegt und den größten Platz mit seinen beiden Füßen bedeckt. Aber auch er gehört zur Zauberwelt, denn wie er jetzt nach einem Regenwurme pickt, den Kopf in den Reif steckt, ihn wieder empor hebt, und ihn dann mit der Beute hin und her schlenkert, stieben von allen Seiten funkelnde Brillanten davon. Doch gehen wir weiter.

Wenn wir uns auch nicht mehr so in's Detail einlassen wollen, so erblicken wir doch Sachen, die nicht minder merkwürdig sind. Auf der Spitze des Berges steht eine kleine Laube, vom Ende eines Gehölzes blickt sie in's Thal; ihre Mauern haben eine röthliche Farbe, zwei Fenster funkeln wie Augen. Ueber das Dach schlingen sich wilde Reben, vielleicht auch Geisblatt, und hängen an den Seiten herab, Alles mit Reif überzogen; sie verleihen der Front des Häuschens, das in der Entfernung wie ein colossales Riesenhaupt aussieht, schneeweißes Haar und silberfarbenen Bart. Es ist täuschend, dies Riesenhaupt, und wenn man es so über den [9] Berg herüberlugen sieht, so wendet man unwillkürlich seinen Blick, um zu sehen, was es da unten Merkwürdiges gebe.

Ah! es ist die große Stadt, die vor uns weit ausgestreckt im Thale liegt; in allen Farben zeigen sich die Häuser, ein wahres Chaos von Grau, Grün, Roth, Blau, Schwarz mit ebenso vielen Schattirungen und unbeschreiblichen Tönen. Dazwischen heben sich die riesenhaften Thürme zahlreicher Kirchen hervor, sind aber trotz ihrer ausgezeichneten Gestalt nicht deutlich zu erkennen, denn der Nebel von gestern und vorgestern erscheint plötzlich wieder und zieht graue Schleier über die Stadt; dazu dampfen Tausende von Schornsteinen und Alles das bildet in weniger als einer halben Stunde eine ziemlich dichte Decke, durch welche man nur noch in einzelnen Umrissen die Häusermassen ahnet. Doch wird der Nebel nicht oben bleiben: er sinkt zusehends tiefer und tiefer und gibt uns jetzt einen neuen unbeschreiblich schönen Anblick. Gänzlich verschwunden ist die Stadt und es ist gerade, als ständen wir am Rande eines ungeheuren See's – jenes verzauberten See's, dessen wir uns aus unserer Kindheit erinnern, in welchem die versunkene Stadt liegt, die wir, wenn wir sie auch nicht sehen, doch hören. An unser Ohr schlägt dumpfes Murmeln und Rasseln, zuweilen rollt es deutlich auf dem Pflaster, und wenn wir noch nicht überzeugt waren, so sind wir es im nächsten Augenblicke, denn viele Uhren schlagen hell und deutlich die vierte Nachmittagsstunde.

Da nun aber die vierte Nachmittagsstunde an einem Tage im Monat Dezember nicht weit von der Nacht entfernt ist, so wollen wir unsere Zauberlandschaft verlassen und uns zur Stadt hinab begeben. Fürchte sich der geneigte Leser nicht vor dem Nebel: er scheint artig gegen uns zu sein und sinkt schneller hinab als wir gehen. Schon treten die höheren Gebäude wieder aus der scheinbaren Wasserfluth empor, und jetzt, da wir das Thor erreichen, sind die grauen Schleier mit Hülfe eines leichten Abendwindes zerrissen und wehen nur noch in einzelnen Stücken um unser Gesicht, während [10] sie eilig gen Süden fliehen. Auch die Sonne berührt uns mit einem letzten Blick und färbt die Landschaft rosig und violett.

Das Ende einer langen Straße, in der wir wandeln, führt in's Freie und zeigt, wie holdselig die Sonne der Erde gute Nacht sagt. In unnennbar süße beruhigende Farben hüllt sich die Landschaft ein, bevor sie in Schlummer sinkt, und wie ein liebendes »Gute Nacht!« zittert der letzte Strahl der sinkenden Sonne über sie dahin. – Die stattlichen Gebäude zu unserer Rechten empfangen diesen letzten Gruß schon kälter und gesetzter; es fallen tiefe, scharf ausgeprägte Schatten der gegenüberliegenden Häuser schon auf ihre oberen Stockwerke; nur Fries und Dach ist noch hell beleuchtet. Diese Schatten steigen langsam empor, wie eine Schlafdecke; denn wenn sie das ganze Haus eingehüllt haben, kommt die Nacht, und es schließt seine müden Augen. – – Daß die Sonne nun endlich hinter den Bergen niedersinkt, bemerkt man an einer Gaslaterne, die draußen einsam vor dem Thore steht, denn auf ihren Scheiben blitzte noch vor wenig Augenblicken ein helles Licht, ein Licht, das darauf tief röthlich niederstrahlte und plötzlich ganz verschwand.

Um vier Uhr Nachmittags und auch noch etwas später sind um diese Jahreszeit die Straßen einer großen Stadt ziemlich belebt; man besorgt noch seine Gänge vor der einbrechenden Nacht, man schließt viele Gewölbe und Läden, und dann haben auch alle Schulen ihre Thore geöffnet und ausgespieen eine Legion kleiner Vagabunden, die nun in gewisser Beziehung Straßen und Plätze ziemlich unsicher machen. Da werden Trottoirs benützt zu Schleifbahnen, die kleinen Bursche fassen Posto hinter einander, ihre Tornister auf dem Rücken, und wer zufällig mitten zwischen sie hinein und auf das glatte Eis geräth, wird ohne alle Barmherzigkeit niedergerannt. Was die Schneeballen anbelangt, so hat der Himmel bis jetzt ein Einsehen gehabt und gönnte der Jugend noch nicht dieses Vergnügen zum Schaden ihrer Nebenmenschen. In der Nähe der Schule, [11] wenn auch nicht unmittelbar vor dem Hause selbst, ist der Lärmen nun eine Zeit lang am stärksten. Wenn so der ganze Strom aus dem Thore stürzt, so scheint jeden nur die Lust zu treiben, endlich in's Freie zu kommen; sind sie aber draußen, so finden sie sich gleich wieder in einzelnen Gruppen zusammen, einer der Schlimmsten gibt den Ton an, und dann ziehen sie, wie es heißt, nach Hause, in Wahrheit aber auf so großen Umwegen, daß die Glocken schon alle Fünf geschlagen haben, bis die letzten und wildesten mit blauen Nasen und krumm gefrorenen Fingern in das warme Zimmer treten, wo Mama ihnen den Kaffee aufgehoben hat.

Auf den Straßen und Plätzen ist es nunmehr wieder ruhiger geworden; wer draußen nichts zu thun hat, bleibt im geheizten Zimmer; zum Spazierengehen und Fahren ist es zu spät, und die Zeit, wo man Gesellschaften besucht, noch nicht herangerückt. Es dämmert bereits; der Laternenanzünder mit seinem langen Stocke, an welchem oben ein kleines Lichtchen sich befindet, läuft eilig durch die Straßen, und selbst ernsthafte Vorübergehende unterbrechen zuweilen einen Augenblick ihren Gang, um zuzusehen, wie die Flamme so plötzlich emporstrahlt. Auch die Läden erleuchten sich nach und nach, und helles Licht zeigt die ausgelegten Stoffe in doppelt schönen Farben und verlockt allenfallsige Käufer.

Um diese Zeit, geneigter Leser, rollt ein Wagen über die Straßen der Stadt, meistens durch jene Viertel, wo sonst nicht viele Equipagen zu sehen sind. Dieser Wagen, eine breite Glascalesche, kommt aus den königlichen Marstallsgebäuden und ist gewöhnlich bespannt mit zwei Rappen; auf dem Bock sitzt ein alter Kutscher mit weißen Haaren in einen dicken blauen Mantel gehüllt und mit ziemlich mürrischem Gesicht. Als dieser Würdige am heutigen Tage die Zügel in die Hand nahm, fragte er einen Bedienten im blauen Ueberrock, der im Begriff war, hinten aufzuklettern: »Wird Alles geholt?« worauf dieser erwiderte: »Alles.« –

So rollt der Wagen dahin, und der Bediente hintenauf hält [12] sich bequem an den Riemen desselben fest und schlenkert sanft hin und her; er hat im Gegensatz zum Kutscher ein freundliches, stets lächelndes Gesicht, und er würde seinem Collegen gern ein Wort mittheilen, doch weiß er wohl, daß er von dem da vornen keine Antwort bekommt.

In den entlegeneren Straßen, wohin der Wagen fährt, hält er meistens vor den kleinsten, unscheinbarsten Häusern. Dort springt der Bediente vom Tritt herab, zieht heftig an einer Klingel, die außen am Hause angebracht ist und wartet alsdann, während der alte Kutscher seine Zügel nachläßt, noch ein paar Zoll mehr zusammensinkt und die Peitsche auf den Schenkel aufstützt. Nachdem die Klingel ertönt, öffnet sich irgendwo im Haus ein Fenster, ein Kopf sieht heraus und es wird herabgerufen: »Gleich, gleich, Schwindelmann! Ich will nur meinen Kaffee austrinken;« oder: »Ich packe gerade meinen Korb zusammen.« Darauf brummt der Kutscher etwas in den Bart, Schwindelmann aber pfeift eine Melodie und hüpft von einem Fuß auf den andern, um sich warm zu machen. Bald nachher hört man Tritte auf der Treppe des kleinen Hauses; die Thüre öffnet sich und ein junges Mädchen erscheint in derselben, fest in ein großes Tuch oder einen Mantel gewickelt, während hinter ihr eine Schwester oder eine Mutter ein großes Paket, einen Korb oder dergleichen im Arme hat, welchen Schwindelmann sogleich übernimmt und in den Wagen befördert. Dann läßt er den Tritt herunter, und wenn der Wagen dicht am Hause vorgefahren oder die Straße gerade trocken ist, so hüpft die junge Dame, die unter der Hausthüre steht, gewöhnlich mit einem einzigen Sprung in den Wagen. Ist es aber schmutzig oder die Calesche hat nicht recht herangekonnt, so sagt das Mädchen auf der Hausschwelle: »Schwindelmann, sei artig«, und dann lacht Schwindelmann, hebt sie so leicht auf, wie vorhin das Paket und befördert sie mit einer schwingenden Bewegung in den Wagen, schließt den Schlag und läßt sogleich weiter fahren.

[13] Das geschieht so an vier bis fünf Häusern nach einander, und da hiebei der Wagen durch eben soviel junge Damen angefüllt wird, so tritt Schwindelmann an den Schlag und fragt: »Haben wir noch Platz zu Einer oder Zwei, oder müssen wir heimfahren?« Er jetzt auch wohl hinzu: »Es wird kalt heute Abend und der alte Andreas möchte früh nach Haus! Ihr könnt wohl ein Bischen zusammenrücken.« Und dann lachen die drinnen meistens laut auf, es kreischt auch hie und da Eine, die ein wenig an ihre Füße gestoßen wurde; da aber die Calesche breit ist und die Mädchen den alten Andreas gut leiden können, so drücken sie sich zusammen und machen noch Platz für Zwei, Drei, so daß der Wagen oft mit Acht dahinrollt, nicht mitgerechnet ein paar kleine Kinder, die unterwegs ebenfalls noch mitgenommen werden, die sich aber sehr dünn machen und rechts und links am Schlage stehen bleiben müssen. Die Pakete und Körbe allein verursachen dem ehrlichen Schwindelmann einige Verlegenheiten. Wenn es gutes Wetter ist, weiß er sich zu helfen; er bepackt alsdann die ganze Decke der Calesche, schiebt dem brummenden Andreas auch zuweilen eines der Passagierstücke auf den Sitz, er selbst nimmt nicht selten einen großen Korb auf den Kopf, das heißt, wenn es unterdessen dunkel geworden ist, und so rollt der Wagen dahin, die Pferde langsam trabend, Andreas mürrisch und verdrießlich, und die junge weibliche Welt im Innern meistens lustig und heiter und tausend gute und schlechte Witze machend.

Diese Equipage aber, geneigter Leser, die du in der Residenz wöchentlich mehrere Male zwischen vier und fünf Uhr Nachmittags bei dir vorüberrollen siehst, ist der Theaterwagen, von Leuten mit wenig Witz und viel Behagen auch der Thespiskarren genannt, seiner Abstammung nach eine geborene Hofcalesche, die so lange für die Ehrendamen und Ehrenfräulein benützt wurde, bis diese kostbaren Wesen behaupteten, nicht länger mit Ehren darin fahren zu können.

[14] An dem Nachmittage nun, wo unsere Geschichte beginnt, fuhr der Theaterwagen abermals und ziemlich früh durch die Straßen. Es wurde an diesem Abend ein neues Ballet gegeben, und das ganze große tanzende Personal mußte zusammengeholt werden. Der Wagen war schon ziemlich besetzt und Schwindelmann trat an den Schlag, um sich zu überzeugen, daß noch für Jemand Platz da sei, oder genugsam guter Wille, um zusammenzurücken.

»Wen holen wir noch?« fragte eine Stimme aus dem Wagen.

»Mamsell Clara,« antwortete der Theaterdiener.

»Ah! die Prinzessin!« lachte eine andere Tänzerin aus dem Wagen. »Die vornehmen Plätze sind besetzt; sie wird sich mit einem Rücksitz bequemen müssen.«

Und eine Dritte fügte hinzu: »Ich fürchte, Mamsell Clara wird es übel nehmen, wenn wir sie einladen, als Sechste bei uns zu sitzen.«

Schwindelmann konnte unter Umständen grob werden, bevor aber dies geschah, zupfte er sich selbst an einem seiner Ohren, als wenn er sagen wollte: »Mäßige dich.« Heute that er auch also, mäßigte sich aber nicht, sondern entgegnete mit ziemlich lauter Stimme: »Spart doch euer Geschwätz; wenn Jede von euch auch nur halb so zufrieden wäre wie die Clara, so brauchte man in der Garderobe ein paar Ankleiderinnen weniger, und wir würden in der halben Zeit fertig. Pfui Teufel! so ein Aufheben zu machen! – Wollt ihr oder wollt ihr nicht?«

»Ich habe im Grunde nichts dagegen,« sagte lachend eine Stimme aus dem Wagen.

Zwei Andere erwiderten: »Ich auch nicht, wenn sie sich behelfen will.«

Und eine Vierte rief: »Ich weiß was Neues: die Clara hat ein Verhältniß mit dem Schwindelmann; die wird protegirt,« – ein [15] schlechter Witz, über den aber alle Fünf in Ermangelung eines bessern laut hinaus lachten.

Unterdessen schlug Schwindelmann brummend und murrend den Schlag zu, und der Wagen rollte durch ein paar Straßen, um endlich vor einem alten, aber ziemlich großen Hause zu halten. Dies Gebäude mit hohem, spitzem und ausgezacktem Giebeldach hatte vier Stockwerke, rechnete man aber die Wohnungen in benanntem hohem Giebel dazu, sechs Etagen, in welchen jedoch wenigstens fünfzehn Familien wohnten. Abends, wenn die Fenster beleuchtet waren, sah dies Haus aus wie eine Kaserne oder eine Fabrik, hatte auch sonst mit diesen beiden einige Aehnlichkeit, denn hier hörte man ein ewiges Summen und Rauschen, und den ganzen Tag lief Groß und Klein geschäftig die alten, ausgetretenen Treppen auf und ab.

Schwindelmann sprang von seinem Tritt herab, zog an einer Glocke, die außen angebracht war, und kaum ertönte der Klang, als sich auch schon oben hoch im Giebelfelde ein Fenster öffnete und eine schwache, zitternde Stimme herabrief: »Gleich, gleich – sie kommt schon.«

»Sie wird sich wieder recht abhetzen,« sagte nachdenkend Schwindelmann, worauf die Fünf in dem Wagen ein abermaliges Gelächter erhoben, welches ihnen aber von dem Theaterdiener die Bemerkung eintrug, daß sie sammt und sonders keine Schwäne seien.

Jetzt öffnete sich die Hausthüre und zwei Gestalten wurden sichtbar, eine größere und eine kleinere. Die größere war Clara, die kleinere ihre sechsjährige Schwester, die ein Paketchen unter dem Arm hatte, während die Tänzerin selbst ein größeres trug, das auch Schwindelmann sogleich mit außerordentlicher Sorgfalt abnahm.

»Hast du die Näherei?« fragte Clara darauf ihre kleine Schwester. »Gib sie her, mein Herz, und geh' hinauf, es ist kalt.« Darauf beugte sie sich zu dem Kinde nieder, nahm das Paketchen aus [16] ihrer kleinen Hand und strich ihr leicht über das Haar, ehe sie in den Wagen stieg.

Schwindelmann drückte den Schlag zu und sagte zu dem Kutscher: »In's Theater!« worauf der Wagen davonrasselte.

Clara hatte sich leicht in eine Ecke gedrückt und sprach mit einer ruhigen und sanften Stimme: »Ich kann in der Dunkelheit nicht sehen, wer von euch da ist, ich sage euch aber insgesammt guten Abend, und es thut mir wahrhaftig leid, daß ihr meinetwegen so eng zusammenrücken müßt.«

»O, wir sind das schon gewöhnt,« entgegnete die Tänzerin ihr gegenüber. Und eine Andere versetzte: »Wenn du nur nicht immer so furchtbar viel Gepäck mitbrächtest. Was thust du denn heute wieder mit den zwei Paketen?«

»In dem großen sind meine Tanzröcke,« erwiderte schüchtern das Mädchen, »und in dem kleinen – – ja, darin habe ich eine Arbeit.«

»Eine Arbeit?« lachte eine Stimme aus der andern Ecke. »Bei deinem Fleiße mußt du am Ende noch reich werden.«

Clara antwortete nur mit einem tiefen Seufzer, und da der Wagen, der bis jetzt auf einer chaussirten Straße gefahren war, das Pflaster erreichte, so wurde die Conversation plötzlich abgeschnitten. Wenige Minuten nachher fuhr Andreas bei einem großen Gebäude vor und hielt dicht an einer erleuchteten Treppe.

Das Aussteigen ging wie das Einsteigen vor sich, nur in umgekehrter Ordnung; zuerst empfing Schwindelmann die Pakete und Körbe, dann half er den Eigenthümerinnen aussteigen. Clara, die zuletzt kam, wurde auch hier von dem Theaterdiener wieder einigermaßen begünstigt. »Da Sie zwei Pakete haben,« sprach Schwindelmann, »so will ich Ihnen eins hinauftragen.« Hierauf schloß er den Wagen, sagte dem Kutscher, er müsse um neun Uhr wieder kommen und erstieg hinter den Tänzerinnen die Treppen.

2. Kapitel
[17] Zweites Kapitel.
Schwarze und rothe Schleifen.

Wenige unserer geneigten Leserinnen werden schon in einer Theatergarderobe gewesen sein. Von den Lesern gar nicht zu reden; denn für sie sind die Ankleidezimmer, namentlich die des Ballets, vor, während und nach einer Vorstellung vollkommen verschlossene und unzugängliche Orte, wir wollen nicht sagen ein verbotenes Paradies, obgleich sich auch hier wie dort ein Hüter befindet: vor der Balletgarderobe freilich nicht mit flammendem Schwerte, wohl aber mit großem Stock, angehörend einem alten invaliden Portier von ziemlich mürrischem Gemüthe, und auf die Privilegien der Theaterankleidezimmer eifersüchtig wachend wie ein alter Türke. An ihm scheitert alle Bestechung, und nur wir vermögen es vermittelst der Macht, die uns verliehen, den geneigten Leser unsichtbar einzuschwärzen.

Diese Balletgarderobe besteht aus drei ineinandergehenden großen Zimmern; in jedem befinden sich mehrere Ankleidespiegel, rechts und links mit Armleuchtern versehen, die aus der Wand heraustreten und aus welchen Gasflammen brennen. Diese Armleuchter sind zum Drehen eingerichtet, um dem Spiegelglas eine größere oder kleinere Helle zu verleihen; an den Wänden dieser Zimmer befinden sich kleine, weiß angestrichene Kästen, die wie eben soviele Kommoden aussehen, nur daß sie statt der Schubladen Doppelthüren haben. Jedes dieser Schränkchen ist mit dem Namen der Tänzerin versehen, der es angehört, und hier verwahrt sie die nothwendigen Gegenstände zum täglichen Gebrauch, die sie nicht jedesmal mit nach Hause nehmen will. Es ist das wie der feldkriegsmäßig [18] verpackte Tornister eines guten Soldaten, und enthält alle Mittel für unvorhergesehene Fälle. Da befinden sich neuere und ältere, engere und weitere Tanzschuhe, sowie Vorrathsbänder zu denselben, ein paar Tricots zum Auswechseln, falls irgend ein Unglück geschähe, kleine Lappen und Flecken von verschiedenen Sorten, Nadeln und Faden von allen möglichen Größen und Farben. Auch die Theatertoilettegegenstände sind hier verwahrt: rothe und weiße Schminke, Pomade, Kämme, Haarnadeln, eine Schachtel voll Magnesia zum Pudern und die nothwendige Pfote eines verstorbenen Hasen, um die weiße Schminke auf dem Gesicht gleichmäßig zu vertheilen.

Es mag ungefähr fünf Uhr sein, und der letzte Wagen, den wir begleitet, hat mit seinem Inhalte das weibliche Balletpersonal vollständig zusammengebracht. In den drei Zimmern befinden sich vielleicht vierundzwanzig junge Mädchen, die lachend und plaudernd durcheinander rennen, sich ihrer Mäntel und Halstücher entledigen, ihre verschiedenen Anzüge ordnen und nun mit Hülfe der Ankleiderinnen daran gehen, sich von unten herauf anzuziehen. Sonderbar ist es, daß die Gespräche, namentlich aber Scherzen und Lachen, so lange nicht zum rechten Durchbruch kommen wollen, bis die Kleider und Unterröcke den Tricots und enganliegenden Leibchen nicht Platz gemacht haben. Ist aber erst die ganze leichtfüßige Schaar unten vollständig gerüstet und bis zur Taille mit den enganliegenden Tricots versehen, so scheint ein anderer Geist in sie gefahren zu sein, und Spässe, eigenthümliche Attitüden und unaussprechliche Pas wechseln so drollig ab und werden mit so schallendem Gelächter begleitet, daß sich oftmals die Oberanzieherin veranlaßt sieht, die Hauptschuldigen durch ihre Brille fest anzusehen und ernstlich um Aufhören des Spektakels zu ersuchen. Hierauf wird aber das leise Gekicher und die anscheinend harmlosen Spässe doppelt eifrig fortgesetzt. Ein lauter Schrei erhebt sich dazwischen, denn es wurde heftig an eine der Thüren geklopft; es ist Monsieur [19] Fritz, der Theaterfriseur, der sich von außen erkundigt, ob er eintreten dürfe. Alsbald setzen sich die Damen des ersten Zimmers durch umgeworfene Mantillen oder Tücher, sowie durch Tanzröcke, die provisorisch über den Schooß gelegt werden, in gehörige Verfassung, um den eintretenden jungen unglücklichen Mann gehörig empfangen zu können, was übrigens nicht ohne einiges Gekreisch abgeht. Wir sagen: unglücklichen jungen Mann, und zwar aus doppelten Gründen, denn einmal ist es keine Kleinigkeit, vierundzwanzig junge Mädchen zur Zufriedenheit zu frisiren, und anderentheils hat Monsieur Fritz den Versuch gemacht, gegen die eine oder die andere der hübschen Tänzerinnen gelegentlich zu avanciren, was ihm nun bei jeder Veranlassung auf's Schonungsloseste vorgehalten wird.

Der Theaterfriseur und Schneider werden seltsamer Weise von den Tänzerinnen meistens für Wesen gehalten, welche der Liebe unfähig sind, für geschlechtslose Geschöpfe, und es ist eigentlich sehr gut, daß diese Ansicht besteht, denn sonst wäre des Zierens und Genirens kein Ende.

Monsieur Fritz ist also eingetreten; die Thüre zum zweiten Zimmer wird geschlossen, weil man dort noch nicht so weit angezogen ist, und das Frisiren nimmt unter Scherzen und Lachen seinen Anfang.

Aber man muß nicht glauben, daß Alle in diesen lustigen Ton mit einstimmen, daß es Allen gleichgültig ist, wenn die umgeworfene Mantille zufällig von den Schultern herabrutscht, wenn der Friseur das Haar lockt oder ein Diadem aufsetzt. Nein, diese Stunde des Anziehens und später des Heraustretens vor die Lampen, vor das versammelte Publikum, sind für manche dieser armen Mädchen Stunden der bittersten Qual, ja tiefen Herzeleids. Man wird sagen: warum brauchen sie Tänzerinnen zu bleiben? Sie sind es ja aus freiem Willen geworden. – Doch ist diese Ansicht eine vollkommen falsche; ihr Wille wurde und wird nicht gefragt. [20] Da ist eine Mutter in dürftigen Verhältnissen, die hat zwei kleine hübsche Mädchen; da sie aber für das tägliche Brod zu Haus arbeiten muß und keine Magd anschaffen kann, um ihre armen Kinder, wie so viele Reiche und Glückliche, zu beaufsichtigen und zu verpflegen, so betrachtet sie die Balletschule als eine gute Gelegenheit, die Kinder zu versorgen und bedenkt nicht, wie theuer dieselben dieser erste Schritt meistens zu stehen kommt Die kleinen Mädchen werden untersucht, ob sie gerade Glieder haben, auch hübsche Augen und gesunde Zähne, und dann werden sie eingeschrieben zu einem äußerlich oft glänzenden, aber innerlich meistens erbärmlichen Leben. Anfangs betrachtet man Alles mit dem glücklichen Leichtsinn der Jugend; die kleinen Wesen freuen sich, wenn sie in den engen Tricots mit einem goldenen Gürtel hinaus dürfen, und ahnen nicht, daß all' dieses glänzende Schmuckwerk goldene Ketten sind, die sie zu Sclavinnen machen und an ein bewegtes, ja wildes Leben fesseln. Dies Bewußtsein kommt erst nach einigen Jahren und meistens wenn es zu spät ist, wenn die Tänzerin nichts Anderes gelernt hat und allein auf den Balletsaal und die Bühne angewiesen ist, um von der geringen Gage sich und oft noch Eltern und Geschwister zu erhalten.

Es ist dies ein Leben, in vielen Fällen schlimmer als das einer wirklichen Sclavin; ist diese traurig, ist ihr Herz von Kummer und Schmerz zerrissen, so ist es doch ihrem Herrn gleichgültig, ob sie die Lippen zusammenbeißt, ob eine Thräne über ihre Wange herabträufelt; aber die Tänzerin muß lachen, muß vor den Lampen eine Glückseligkeit heucheln, wenn auch ihr Herz darüber brechen möchte. – Es ist wahr, eine Sclavin wird wie eine Waare untersucht, ihre Gestalt, ihr Wuchs, ihre Augen, ihre Zähne, aber das geschieht nur einige Mal in ihrem Leben; die Tänzerin dagegen muß sich allabendlich von dem gesammten Publikum untersuchen lassen: jedes Glas richtet sich scharf auf sie und jedes Auge prüft genau die Formen ihres Körpers, um dem Nachbar sagen zu können: [21] »Sie ist schöner geworden, sie blüht auf,« oder: »Sie nimmt ab, es geht zu Ende mit ihr.« –

Und das setzt sich auch hinter den Coulissen fort und spielt in's gewöhnliche Leben hinüber. Wem es nur irgend möglich ist und wer hiezu ein Recht zu haben glaubt, macht sich ein Vergnügen daraus, zu untersuchen, ob eine Tänzerin fest geschnürt sei, und jeder Geck glaubt eine Verpflichtung zu haben, diesem armen Mädchen nachzulaufen, eben weil es eine Tänzerin ist. – – Und da bei hat sie nicht einmal das Mitleid ihres Geschlechtes für sich. Was ist eine Tänzerin? – Ein Geschöpf, über welches die Nase zu rümpfen man berechtigt ist, der es ja ein Vergnügen macht, sich so und so vor dem Publikum zu präsentiren. – Nein, ihr Damen vom ersten und zweiten Rang, es macht ihnen in den meisten Fällen kein Vergnügen und es ist nur ein Beweis, daß es auch bei uns Sclaven und freie Menschen gibt, ein Beweis, auf welch' traurige Weise auch bei uns die Glücksgüter vertheilt sind; denn wenn immer nach der Reinheit der Gesinnung und den Gefühlen des Anstandes die Stellen des gesellschaftlichen Lebens vertheilt wären, so säße manche Tänzerin in eurer Loge, nachlässig zurückgelehnt mit verächtlich zugedrücktem Auge, und Manche von euch zeigte sich da unten dem lachenden Publikum. Das heißt, wenn an ihr irgend etwas zu zeigen ist. – – – –

Im dritten Zimmer ist dasselbe Treiben, dieselbe Geschäftigkeit wie in den beiden anderen. Hieher entlud sich der Inhalt des letzten Wagens, den wir begleitet, und da diese Tänzerinnen später kamen als ihre Colleginnen, so ist man hier auch noch weiter im Anzuge zurück. Doch ist jede Tänzerin eifrig beschäftigt; die Ankleiderinnen helfen ihnen angelegentlichst und bald schält sich aus dem Chaos von Tricots, Weißzeug, gestickten Kleidern, falschen Blumen und dergleichen mehr etwas Solides und Fertiges heraus, und das stellt sich nun vor die Spiegel, probirt vorläufig die neue Frisur, schminkt sich nach der Lancaster'schen Methode, oder läßt [22] sich von einer der Schneiderinnen noch hie und da etwas am Anzuge ändern.

Vor einen der Spiegel tritt gerade eine als Nymphe des Waldes gekleidete Tänzerin; fleischfarbene Tricots sind oben mit einem äußerst kurzen Rock bedeckt, der Oberkörper steckt in einem Leibchen von hellgrünem Atlas, das bei jeder Bewegung des Körpers kracht und sich dehnt. Neben ihr auf einem Stuhl sitzt eine andere Tänzerin, die Arme über einander geschlagen, die Füße weit, von sich abgestreckt, so daß der Tanzrock mehr als eine Spanne über dem Knie bleibt. Beide sind sehr schöne Mädchen, die vor dem Spiegel hat dunkle Haare, blitzende Augen und ist tadellos gewachsen. Die Andere, eine Blondine, hat ein sanftes Gesicht und ruhige, weniger leidenschaftliche Bewegungen.

»Hast du bemerkt,« sagte Letztere, »daß die Marie dort in der Ecke wieder eine Thräne um die andere fallen läßt? Warum nimmt das Mädchen auch keine Vernunft an!«

»Wird schon kommen,« erwiderte die vor dem Spiegel, indem sie sich übermäßig stark zurückbog, um zu sehen, ob die Verbindung zwischen Rock und Leibchen nichts zu wünschen übrig ließe. »Wem ist es am Ende nicht so ergangen? Wer von uns hat ein Verhältniß ganz vollkommen nach seiner Neigung anfangen können?«

»Ich,« versetzte die Blonde; »und deßhalb dauert mich die Marie.«

»Nun, du hast was Rechtes,« entgegnete die Andere lachend und hob mit einem gelinden Ausdruck der Verachtung ihre Oberlippe, während sie mit den Händen ihre Hüfte umspannte und sich selbstzufrieden in dem Spiegel besah.

»Aber er wird mich heirathen,« fuhr die Blonde fort.

»Und dann bist du fertig! Nein, nein, Elise, da macht's unsereins ganz anders. Und wenn die Marie nun einmal nicht will, wer kann sie zwingen?«

»Du weißt, daß sie keine Eltern mehr hat und bei ihrer Tanze wohnt.«

[23] »Bei dem Drachen am Kanal! Oeffentlich hat sie Aepfel feil und verkauft Singvögel; was sie aber im Geheimen treibt, wissen wir. – Pfui Teufel! Nun, zwingen soll sie sich nicht lassen; man muß mit ihr sprechen.«

»Thu' das, Therese,« sagte die Blondine. »Du weißt, die Marie ist ein gutes Geschöpf, ruhig und sanft, sie ist keines großen Widerstandes fähig und eine intime Freundin hat sie auch nicht.«

»Man muß mit ihr sprechen,« wiederholte stolz Therese. »Laß mich nur machen.« Mit diesen Worten trat sie noch einmal fest vor den Spiegel hin, hob den Kopf hochmüthig in die Höhe, besah sich rechts und links, griff nochmals sich lang streckend um ihre Taille und wandte sich dann höchlich zufrieden mit einer halben Pirouette vom Spiegel, worauf sie stolz wie eine Kaiserin nach der vorhin angedeuteten Ecke schritt.

Hier war der unvortheilhafteste Platz des ganzen Gemaches; er war neben einem Fenster, wo wenig Licht hinfiel und sich nur ein kleiner Wandschrank befand. Hier mußten sich die Jüngsten begnügen, bis sie endlich älter und erfahrener wurden und durch den Abgang einer Collegin oder durch irgend eine Protektion an einen bessern Platz vorrückten.

Die zwei Mädchen, die sich hier angezogen, waren beide jung, beide schön, sie hatten beide dunkles Haar und dunkle Augen und waren doch unendlich von einander verschieden.

Wir kennen Beide bereits; von der Einen sprachen eben die beiden Tänzerinnen an dem großen Spiegel; die andere war Mamsell Clara, welche zuletzt in den Wagen gestiegen.

Die Erstere war ein Bild der Frische und Ueppigkeit, dabei hatte sie eine gute Taille, starke Arme, ein rundes, blühendes Gesicht, und die Röthe ihrer Wangen drang so stark hervor, daß sie mit keiner anderen Schminke zu bewältigen war; von Nothauflegen war gar keine Rede, und schon nach den ersten Schritten des Tanzes [24] glühte sie so, daß man ihr vorwarf, sie sei ungeschickt und übermäßig geschminkt. Ihre Augen waren dunkel und glänzend, der Gesichtsausdruck aber nicht sehr geistvoll; Hände und Füße ließen auch etwas zu wünschen übrig, woher es denn auch wohl kam, daß es ihr schwer wurde, eine graziöse Stellung anzunehmen, und sie, obgleich wie gesagt ein sehr schönes Mädchen, doch nie in die ersten Reihen gestellt wurde.

Clara war von einer mittleren Größe und mit einer Zierlichkeit und Eleganz gewachsen, die Jedermann in Erstaunen setzte. Dabei hatte sie den kleinsten Fuß, die kleinste Hand, und ihre Taille, nicht unverhältnißmäßig schmal, stand zu dem langen und vollen Oberkörper in so richtigem Verhältniß, daß das schärfste Kennerauge in diesem Körper nur die vollkommenste Harmonie entdecken mußte. Auch Hals und Kopf paßten vortrefflich zu dem Ganzen; ihr Gesicht war lang, doch nicht schmal, die Farbe desselben etwas blaß; dabei hatte sie große Augen und zwischen frischen Lippen glänzend weiße Zähne. Ihr fast schwarzes Haar war wegen seiner Fülle der Kummer des Friseurs, denn Monsieur Fritz war, wie er sagte, nicht im Stande, irgend eine correcte Frisur damit herzustellen. Wenn wir dabei versichern, daß dieses Mädchen mit einer außerordentlichen natürlichen Grazie begabt war, daß keine ihrer Bewegungen etwas Eckiges hatte, daß ihr Körper und ihre Füße schmiegsam und biegsam wie bei keiner Anderen waren, daß sie den größten Pas mit Leichtigkeit lernte und nach dem ersten Jahr vor allen ihren Colleginnen während des Tanzes auffallend hervortrat, so wird man sich wundern, weßhalb sie bei dem Corps de Ballet blieb und nicht zur Solotänzerin ausgebildet wurde. Doch hatte das seine guten Gründe, und Clara, die, wie wir später sehen werden, fast schutzlos in der Welt stand, dagegen viel Schutz zu verleihen hatte, fand nicht die Zeit, täglich die langwierigen Exercitien zu machen, die nothwendig sind, wenn man es in der Tanzkunst zu Etwas bringen will. Dabei fürchtete sie sich auch [25] vor dem ersten Tänzer, der sich ihr anfänglich auffallend genähert hatte, dem sie aber mit ihrem richtigen Gefühl schaudernd auswich. Ueberhaupt konnte sie sich nie mit dem wilden Treiben vieler der anderen Tänzerinnen befreunden und nahm deßhalb eine isolirte Stellung ein, die häufig Veranlassung war, daß sie Spott und Neckereien aller Art ertragen mußte. Mamsell Marie war die Einzige, welche mit großer Anhänglichkeit an Clara hing, sie wahrhaft verehrte und fast unterthänig gegen sie war, wie gegen eine Gebieterin.

Die beiden Mädchen waren stillschweigend übereingekommen, Monsieur Fritz so wenig als möglich in Anspruch zu nehmen, und da sie sich schon seit längerer Zeit so gegenseitig bedienten und, namentlich Clara, eine große Fertigkeit erlangt hatten, so wurde es ihnen nicht schwer, sich gegenseitig die kunstvollsten und schwierigsten Frisuren zu machen. Dadurch waren sie meistens vor allen Uebrigen fertig, so auch heute, und als in allen Zimmern und vor allen Schränken noch große Bewegung herrschte, hatten sie ihre gewöhnlichen Kleider schon aufgeräumt und beschäftigten sich, völlig angezogen, mit etwas Anderem.

Diese Beschäftigung war aber sehr verschiedener Art: Clara hatte sich vor ihr Schränkchen gesetzt, das zweite Paketchen ihrer Näherei geöffnet und fing an zu arbeiten, während Marie an dem Fenster lehnte und mit gefalteten Händen in die dunkle Nacht hinaussah. Uebereinstimmend aber waren die Gesichtszüge beider Mädchen; auf beiden lag ein tiefer Schmerz und die etwas gerötheten Augen zeigten Spuren von häufigem Weinen. Clara hatte stark roth auftragen müssen, um die durchdringende Blässe ihres Gesichts zu bewältigen. Weßhalb die am Fenster geweint, haben wir bereits erfahren, und wenn wir einen Blick auf die Arbeit der Anderen werfen, sind wir auch hier über die Ursache des Schmerzes nicht mehr im Zweifel: Clara nähte an einem Kinderkleidchen und war eben im Begriff, dasselbe mit schwarzen Schleifen zu besetzen.

[26] In diesem Augenblick kam Mamsell Therese von ihrem Spiegel und trat mit erhobenem Kopfe vor die Beiden hin. »So, ihr seid schon fertig?« sagte sie. »Und Clara ist schon wieder am Arbeiten? – Was machst du denn da?«

»Mir ist heute Nacht meine kleine Schwester gestorben,« antwortete das Mädchen. Und als sie ihren Kopf aufhob, um die Tänzerin anzuschauen, standen ihre großen Augen voll Thränen.

»So, so,« entgegnete Therese mitleidig, »deine arme kleine Schwester ist gestorben? Ei, ich habe nichts davon gewußt. Und da machst du ihr das letzte Kleidchen?«

Clara nickte stillschweigend mit dem Kopfe.

»Wie alt war denn das Kind?«

»Sie war zwei Jahre – aber so lieb – so lieb –«

»Nun ihr ist wohl,« versetzte die Andere; »aber es thut mir leid für dich, du hast das Kind gewiß sehr gern gehabt.«

»Wie ihr eigenes,« sagte Marie am Fenster, und unter dem Dunkel des Vorhanges glänzten ihre feuchten Augen hervor.

Einige andere Tänzerinnen in der Nähe, namentlich die blonde Elise, welche ihrer Freundin gefolgt war, hatten diese Unterredung theilweise gehört und traten nun mitleidsvoll näher. Bald war Clara von allen Damen umringt, die sich im Zimmer befanden, und es war ein eigener Anblick, wie die vorhin noch so lachenden Gesichter der jungen lustigen Tänzerinnen auf das dürftige Todtenhemdchen niederschauten. Um dasselbe herum stand nun so plötzlich ein lautloser Kreis, glänzend in Spitzen, Atlas, Silberstoffen und falschen Brillanten. Dabei contrastirte die Stille hier im Zimmer auffallend mit dem Lärmen in den andern; dort wurde geplaudert, gelacht, auch wohl ein lustiges Lied gesungen und zwischen hinein blätterten die Castagnetten und hörte man hin und wieder das taktmäßige Auftreten der Füße, wenn die Eine oder die Andere irgend einen Pas versuchte.

»Aber warum nähst du schwarze Schleifen auf das Kleid?« [27] fragte nach einer längeren Pause Therese, indem sie sich niederbeugte und das Kleidchen mit der Hand berührte. »Man nimmt ja gewöhnlich Rosaband; auch sind die hier von Baumwollenzeug.«

Clara blickte in die Höhe und versuchte zu lächeln, aber es wollte ihr nicht recht gelingen. »Schwarz ist ja die Farbe der Trauer,« sagte sie, »und dann hatte ich diese Bänder schon; Roth ist so theuer.«

»Du hast sie von einem Kleid heruntergetrennt,« fuhr die Andere fort, nachdem sie genauer hingesehen. – »Ich will das nicht leiden.« Dabei richtete sie sich stolz in die Höhe. »Dein Schwesterchen soll nichts Schlechteres haben, als die anderen Kinder. – Allons!« wandte sie sich an die Andern, »sucht rothes Atlasband zusammen, aber eilt euch. – Wie viel Schleifen brauchst du ungefähr?«

»Laß nur gut sein, Therese,« bat Clara, »meine Liebe zu dem armen Kind ist nicht geringer, wenn ich auch schwarze Schleifen hinnähe.«

»Aber es muß einmal so sein,« entgegnete Therese eigensinnig, »du hast ja kaum mit deinem schwarzen Band angefangen. Macht, daß wir rothe Schleifen bekommen!«

Schon auf den ersten Ruf hin waren mehrere der Tänzerinnen zu ihren Schränken geeilt, und eine brachte das Verlangte herbei.

Therese durchschritt alle Zimmer und rief nach rothem Atlasband.

»Wozu?« fragten mehrere Stimmen. »Zu welchem Zweck?«

Und kaum hatte die Tänzerin erklärt, um was es sich handle, so wurden bereitwillig Schränke und Schachteln geöffnet und jede der glänzenden Nymphen, der strahlenden Göttinnen und edlen Ritterfräuleins beeilte sich, ihre rothe Schleife zu bringen, so daß Clara kaum mit dem Annähen fertig werden konnte.

Wie wohl that ihr übrigens diese Theilnahme und wie erfreut [28] war sie, als nun das Kleidchen fertig war und nicht mehr so düster in Schwarz und Weiß aussah, sondern freundlich und rosig, wie es für das liebliche Gesichtchen des verstorbenen Kindes paßte.

»Wann wird dein Schwesterchen begraben?« fragte die blonde Tänzerin, die jetzt in den Kreis trat, in ihrer Hand einen kleinen Kranz haltend von künstlichen Orangenblüthen, fast ihr einziges und bestes Eigenthum, das sie aber gerne hingab, um das Köpfchen der Verstorbenen damit zu zieren. »Wann wird es begraben?« wiederholte sie. »Denn es versteht sich von selbst, daß wir Alle mitgehen.«

»Natürlich,« sagte Therese, »da wird gewiß keine fehlen. Und an Blumen bringen wir mit, was wir auftreiben können; die jetzt gewachsenen und blühenden sind freilich theuer, aber es thut nichts, sollte es auch ein gemachter Strauß sein. Es hat die gleiche Wirkung, wenn es nur vom Herzen kommt.«

»Es soll mich freuen,« erwiderte Clara, »wenn ihr auf den Kirchhof kommen wollt; das Begräbniß ist übermorgen um zehn Uhr.«

»Verlaß' dich darauf, es fehlt keine,« versetzte Therese bestimmt. Und damit nahm sie das fertig gewordene Kleidchen in die Höhe und Alle betrachteten die wohlgelungene Arbeit.

In diesem Augenblicke ertönte eine Klingel dreimal und heftig; es war das Zeichen für die Tänzerinnen, auf die Bühne zu kommen, weßhalb die Schränke eilfertig zugeschlossen wurden. Jede trat noch einen Augenblick vor den Spiegel, streckte den Oberkörper so weit als möglich in die Höhe, zog den Tanzrock herab, betrachtete prüfend die Schuhe, ob nirgendwo ein Fehler zu entdecken sei, und darauf flatterte die leichte Schaar die Treppen hinab und rauschte auf die Bühne, wie ein anderes wildes Heer.

3. Kapitel
[29] Drittes Kapitel.
Sclavinnen.

Wie meistens vor einem größeren Ballet ein kleines Lustspiel gegeben wird, so auch am heutigen Abend. Es geschieht das, um den ersten Hunger des Publikums zu stillen, um den Zuspätkommenden genügende Zeit zu lassen, ihre Plätze einzunehmen, und um Alle, oftmals durch einige Langeweile, empfänglicher zu machen für den nun folgenden Spektakel, für Decorationen, Costüme, Tänzer und Tänzerinnen. Hiezu wird meistens ein harmloses Lustspiel gewählt, an dem man nicht viel verliert, wenn man auch erst in der Mitte desselben in's Theater kommt; es hat gewöhnlich eine einfache Decoration, damit man hinten genugsam Platz hat für die Zurüstungen, sowie eine Stelle, wo sich das Corps de Ballet aufhält und wo die Solotänzerinnen die verzweifeltsten Anstrengungen machen, damit ihre Glieder nachher im höchsten Glanze der Gelenkigkeit erscheinen.

Es ist heute Abend ein Ballet in vier Aufzügen, zwölf Tableaux, mit viel Tyrannei, viel Liebesschmerz und ungeheurem Gefühl. Eine Scene, wo viel des Letzteren vorkommt, muß als sehr schwierig noch probirt werden. Der Herzog, ein gutmüthiger Kerl, – so scheint er wenigstens im ersten Aufzug, obgleich der emporgewichste Schnurrbart und der lange drohende Knebelbart deutliche Vorzeichen sind, daß später einiges Zähneknirschen und Augenverdrehen stattfinden wird, – der Herzog also kommt, wie es in Balleten meistens der Fall ist, unglücklicher Weise in dem Augenblick zu seiner Braut, wo deren eigentlicher Liebhaber, der junge Ritter Astolfo, ebenfalls bei ihr ist. Das gibt eine furchtbare Scene; der Herzog bleibt wie angewurzelt stehen und gleitet [30] dann mit einem fürchterlichen Blick, fast ohne die Füße zu bewegen, bis auf die andere Seite der Bühne. Ritter Astolfo zieht sein Schwert; einige zwanzig Tänzerinnen, die Begleitung der Braut, schaudern im Chor, die Cavaliere des Herzogs schlagen ein Pantomimisches Hohngelächter auf, und die Braut reißt sich endlich aus ihrer Erstarrung in die Höhe, faßt ihren verzweifelnden Liebhaber an der Hand und tanzt vor den Augen des erstaunten Herzogs ein Pas de deux, worin sie ihm deutlich zu verstehen gibt, hier, Astolfo, sei ihr Jugendfreund und schon seit erster Kindheit von ihr geliebt worden, sie könne und werde ihn nie verlassen, sie scheere sich den Henker um den Herzog und sein ganzes Reich, und werde eher sterben, als ihm angehören.

Diese Scene wurde, wie gesagt, nochmals in der Geschwindigkeit durchgemacht, worauf der erste Tänzer in Abwesenheit des Balletmeisters das Corps de Ballet eine kleine Revue passiren ließ. Er schaute nach, ob die Frisuren übereinstimmend mit der Vorschrift waren, ob die Schuhe in gutem Zustande, ob die Tricots fest und sorgfältig angezogen seien. Die meisten der jungen Damen ließen sich diese Untersuchung lachend gefallen, namentlich wenn der Tänzer, ein hagerer junger Mann mit sehr lebhaften Augen, gerade nicht in's Detail einging. Andere, um geschwind fertig zu sein, drehten sich vor seinen Augen lachend mit einer Pirouette, um sich von allen Seiten zu präsentiren und machten darauf ein übermäßiges Battiment, um so Tricots und Schuhe im besten Glanz vorzuzeigen und sprangen dann in die Coulisse zurück. Einige der Tänzerinnen beantworteten die Aufforderung ihres Collegen, näher zu treten, mit einem unbeschreiblichen Blick, drehten ihm ganz einfach den Rücken oder ließen sich auch, die Hände auf den Hüften, nicht im Mindesten in ihrer Unterhaltung stören.

»Wo ist Mamsell Clara?« rief der Tänzer, nachdem er das Mädchen vergebens gesucht, obgleich sie nicht weit von ihm hinter einem gemalten Baume stand. – »Wo ist Demoiselle Clara?« [31] wiederholte er mit lauter Stimme. »Ich muß sie bitten, augenblicklich vorzutreten.«

Diesem zweiten Ruf mußte Folge geleistet werden, und das Mädchen trat, obgleich widerstrebend, aus die halbdunkle Bühne, in deren Mitte der lange Tänzer allein stand.

»Es ist doch sonderbar,« sagte er mit einem häßlichen Lächeln, »daß man Sie immer zweimal rufen muß. – Es wäre wahrhaftig für Ihr Fortkommen besser,« setzte er leise hinzu, »wenn Sie meinen Aufforderungen gleich auf das erste Mal Gehör gäben.«

»Was wollen Sie von mir?« fragte die Tänzerin mit unsicherer Stimme.

»O, für jetzt nicht viel,« entgegnete ihr College. »Sie tanzen in der vordersten Reihe, Sie tanzen zu sechs mit mir, ich möchte nach Ihrem Anzuge sehen; dann könnten wir auch geschwind die letzte Stellung probiren.«

»Mein Anzug ist in Ordnung,« versetzte das Mädchen, indem es einen Schritt zurücktrat.

»Ihre Schuhe nicht zu weit?«

»Ein wenig, aber ich habe sie eingenäht.«

»Ihre Tricots fest angezogen? Ich will keine Falten bemerken. – Lassen Sie sehen.«

Das Mädchen rührte sich nicht. Doch wenn es auf der Bühne nicht so dunkel gewesen wäre, hätte man deutlich bemerken können, wie selbst unter der Schminke eine glühende Röthe ihr Gesicht überfuhr.

»Seien Sie nicht kindisch,« sagte der Tänzer, »und lassen Sie sehen. Sie wissen, Clara, daß ich mit mir nicht spassen lasse und daß Sie auf eine Zulage nächsten Monat durchaus nicht zu rechnen haben, wenn ich Sie immerwährend wegen Ungehorsams und Widersetzlichkeit anzeigen muß. – Nun!«

Das arme Mädchen knitterte mit der rechten Hand ihren seidenen Tanzrock zu tausend Falten zusammen, dann erhob sie ihn ein paar Zoll hoch, so daß ihr Knie sichtbar wurde.

[32] Der Tänzer wollte sich genauer überzeugen, doch trat Demoiselle Clara abermals einen Schritt zurück.

»Sie sind ein kindisches Mädchen,« sprach der Vorgesetzte: »Sie werden noch viel lernen müssen oder Sie bringen es zu gar nichts. – Sind Sie nicht zu fest geschnürt?«

»Ich schnüre mich nie fest,« entgegnete Clara kurz abgebrochen und wollte sich entfernen.

Der erste Tänzer aber faßte ihren Arm und hielt sie fest. »Ich glaube,« sagte er mit leiser Stimme, »die Schneiderinnen behandeln Sie mit gar keiner Aufmerksamkeit; für Ihre unvergleichliche Taille findet sich gar nichts Passendes in der Garderobe; man müßte Ihnen eigentlich immer neue Sachen machen. Und wenn Sie wollen, Clara –«

Das Mädchen versuchte ihre Hand zwischen den feuchten Fingern des dürren Tänzers hervorzuziehen; es durchschauerte sie eisig. Doch hielt er sie fest.

»Es scheint mir,« fuhr er stockend fort, während er sich auf sie herabbeugte, »die Garderobière will Ihnen nicht wohl; sie gibt Ihnen immer alte zu stark wattirte Leibchen. – Ah! ich muß das untersuchen! – –«

Doch wurde dem diensteifrigen Collegen zum Glücke des jungen Mädchens für jetzt keine Zeit zu dieser Untersuchung gelassen, denn als er sie beginnen wollte, kamen aus der Seitencoulisse zwei der Tänzerinnen in einem so rasenden Walzer dahergeflogen, daß sie kein Hinderniß beachten konnten und mit solcher Gewalt gegen den ersten Tänzer anprallten, daß dieser weithin auf die Bühne flog und nur durch eine Säule, die er krampfhaft ergriff, vor einem gänzlichen Falle errettet wurde.

Clara, die hocherfreut aber erstaunt war, sich so plötzlich befreit zu sehen, fühlte sich von den beiden Colleginnen ergriffen und mußte den tollen Wirbel mitmachen, der in einem weiten Bogen über die Bühne ging und nicht eher endigte, bis alle Drei wieder [33] hinter den Coulissen angekommen waren. Dort hielt die Eine, die Kräftigste von Allen, – es war Demoiselle Therese, – das Terzett mit einem plötzlichen Rucke fest, löste ihre Arme aus denen der beiden Anderen und ließ sich laut lachend auf eine gepolsterte Rasenbank niederfallen. Clara schöpfte einen Augenblick tief Athem, dann sagte sie: »Wie danke ich dir, Therese; du hast mir da aus einer sehr unangenehmen und schmerzlichen Scene weggeholfen.«

»Die aber morgen wiederkehren wird, mein Schatz,« lachte die Andere.

»O mein Gott, ich weiß das; aber was kann ich dagegen thun? Ich, ohne Schutz, hülflos und allein dastehend!«

»Dagegen kannst du zweierlei thun,« entgegnete Demoiselle Therese, indem sie ihren rechten Fuß auf das linke Knie hinaufzog, um ihren Schuh anzusehen, ob er bei dem raschen Walzer keinen Schaden genommen. »Wie ich gesagt habe, zweierlei, entweder du läßt dir die Narrheiten gefallen, du läßt dem lächerlichen Kerl seine Grille –«

»Nie! nie!« rief Clara entrüstet.

»Nun wohl,« sagte gleichmüthig die Andere, so schaffst du dir einen Liebhaber an, der unserm ersten und zweiten Tänzer und allen Denen, die das Recht zu haben glauben, deine Taille untersuchen zu dürfen, an einem schönen Morgen zwei Worte sagt, ungefähr des Inhalts: »Mein lieber Freund! Wenn Sie sich nochmals unterstehen, der Demoiselle Clara mit der Spitze Ihres Fingers zu nahe zu kommen, so mache ich mir dagegen das Privatvergnügen, Sie dreimal nacheinander auszischen zu lassen.«

»Oder,« setzte die blonde Tänzerin, welche die Dritte im Bunde gewesen war, hinzu, »dein Liebhaber macht sich das Vergnügen, Abends in einer dunklen Straße dem ersten Tänzer oder sonst Jemand ein paar freundliche Worte zu sagen.«

»Darnach der Liebhaber ist,« antwortete Therese mit etwas [34] verächtlichem Tone, »kann das auch geschehen; doch ist es nicht sehr nobel.«

»Aber ich will keinen Liebhaber,« versetzte schüchtern das junge Mädchen, dem diese Rathschläge gegeben wurden. »O mein Gott, ich bin eine Tänzerin, das ist wahr, aber ich habe mich doch zu sonst nichts verkauft.«

»Aber verkauft hast du dich,« entgegnete Demoiselle Therese, und umspannte mit ihren beiden Händen ihre schlanke Taille. »Verkauft haben wir uns Alle mit Leib und Seele.«

»Das wäre ja schrecklich!« meinte die blonde Tänzerin. »Nein, Therese, du übertreibst; ich habe mich nicht verkauft.«

»Du hast dich nicht verkauft?« fragte Therese hochmüthig, indem sie sich stolz aufrichtete und ihre blitzenden Augen so fest auf die Collegin richtete, daß diese die ihrigen scheu zu Boden niederschlug. »Wir sind hier unter uns, und ich für meine Person will mich wahrhaftig nicht besser machen als ich bin. Erinnerst du dich noch – es sind jetzt drei Jahre, wir Beide waren damals Sechszehn alt – weißt du noch, Schatz, wie man dir eine Zulage versprochen und wie dich der Balletmeister da hinten in's blaue Zimmer bestellte, in das blaue Zimmer mit dem gelben Sopha? – Ja, mein Kind, du bekamst eine Zulage, das heißt, du erhieltest sie später, aber – sprechen wir nicht mehr davon. – Hat man dir noch keine Zulage versprochen, meine schöne Clara?«

»Nein, nein,« entgegnete diese finster, »wenn man mir sie auch verspricht, so gehe ich doch nicht in's blaue Zimmer.«

»Das wird man dir schon sagen, mein Lieb,« erwiderte finster lachend Therese. »Man bestellt dich und du kommst. Damit ist die Sache abgemacht.«

»Ich bin keine Sclavin,« versetzte stolz die junge Tänzerin. Und dabei warf sie ihre Lippen auf und ihr Auge blitzte.

Therese lächelte still vor sich hin, dann blickte sie in die Höhe zu einem gemalten Palmbaume, der seine riesige Blätterkrone über [35] die drei Mädchen ausstreckte und sagte: »wir stehen gerade unter dem rechten Symbol; du meinst, wir seien keine Sclavinnen, das heißt Sclavinnen, was die Leute so darunter verstehen. Sclavinnen, die in jenen Ländern wohnen unter einem freundlich lachenden und sonnigen Himmel, von Blumen umgeben und schönen Früchten, die nicht Kälte und Hunger kennen. Nein, du hast Recht, solche Sclavinnen sind wir nicht. – Aber unsere Sclaverei ist viel härter, viel dauernder, viel grausamer. Diejenigen, welche mit einem dunkeln Gesichte auf die Welt kommen, wissen ganz genau, daß einmal eine Abstufung zwischen ihnen und ihren weißen Schwestern besteht; warum hat Gott die beiden Racen geschaffen? Er hat wohl seine Gründe dazu gehabt. Aber wir, Sclavinnen durch Geburt und Verhältnisse, obgleich unser Gesicht nicht eine Idee dunkler ist, als das der Anderen, die mit Verachtung auf uns herabschauen – übrigens bin ich mit meinem Gesichte wohl zufrieden, – wir haben das volle Recht, unseren Zustand bitterer zu empfinden, als jene Anderen. Und welch Herzeleid thut man ihnen, das uns nicht doppelt geschieht?«

»Weil wir Tänzerinnen sind,« seufzte Clara mit gefalteten Händen.

»Nicht blos weil wir Tänzerinnen sind,« fuhr die Andere fort. Und bei jedem Worte, das sie sprach, blitzten ihre weißen Zähne. »Seht unter all' euren Bekannten nach der ganzen Classe, der wir angehören, alle wir, die wir keine Schuld daran haben, daß wir nicht vornehm geboren wurden, wir alle sind Sclavinnen und haben ein härteres Loos als Jene, die wirklich so heißen.«

»Da ist ein neues Buch geschrieben worden,« sagte Clara; »habt Ihr davon gelesen? Mein Vater übersetzt es zu Hause für einen Buchhändler und ich lese die Correcturbogen.«

»Freilich habe ich es gelesen,« erwiderte die andere Tänzerin. »Und die Absicht der Verfasserin ist gewiß lobenswerth; aber lächerlich ist es, wie man bei uns dafür schwärmt, wie man sich an [36] fremdem, vielfach eingebildetem und übertriebenem Elend wollüstig erlabt, während man dicht vor der Nase dasselbe in noch viel größerem Maßstabe hat.«

»Therese spricht wie ein Buch,« versetzte die Blondine. »Aber es ist begreiflich und ich beneide dich wahrhaftig um deine Sucht, Alles zu lesen und dich über Alles belehren zu lassen.«

»Das kommt daher,« bemerkte Therese mit ruhigem Tone, »weil ich nur mit gebildeten Leuten umgehe und vielen Sinn für alles Schöne und Gute habe. An mir ist mindestens eine ganze Gräfin verloren gegangen.«

»Man sagt sogar, du seiest eine halbe Prinzessin,« meinte lachend die blonde Tänzerin.

Therese zuckte mit den Achseln, dann fuhr sie fort: »und seht nur die Meisten von Denen an, welche für die Leiden jener unglücklichen Geschöpfe scheinbar so warm fühlen und Alles thun zur Verbreitung des Buches, um der Welt zu sagen, wie schrecklich es in jenen fernen Ländern zugehe, wie es so christlich und nothwendig sei, jenen Leuten ein paar stille Thränen zu weihen, seht sie euch doch an! ich kenne ein Paar, die nach der Sclaverei so viele tausend Meilen von sich ausschauen und die zu Hause darüber stolpern; die das Elend jener unglücklichen Menschen täglich und stündlich beklagen, und die in ihrem Hauswesen und für ihre Mitmenschen selbst die scheußlichsten Sclavenhändler sind. – Ah! ich rede mich in eine wahre Wuth hinein.«

»Und du übertreibst,« sagte Elise.

»Worin übertreibe ich? Bist du nicht verkauft – bin ich nicht verkauft, sind es nicht all die tausend armen Mädchen, die für ihr tägliches Brod arbeiten? Vorausgesetzt, daß sie hübsch sind. – Und an wen sind sie verkauft? Vielleicht wie jene Schwarzen an einen Herrn, der sein Interesse dabei hat, sie gut zu behandeln, damit er sie erhält? – Nein! tausendmal nein! Was kümmert sich Dieser oder Jener bei uns um ein armes Mädchen, das ihm [37] heute gefallen? Er läßt sie durch die Finger gleiten, läßt sie so tief sinken als ihm beliebt; er fragt nicht, ob sie Hunger und Kälte ausstehen muß, und wenn er ihr nach Jahren begegnet, dem Mädchen, jetzt abgehärmt und elend, das er früher jung und schön in seine Arme gedrückt, so zuckt er verächtlich die Achseln oder er lacht über sie.«

»Aber man kann mein Kind nicht wie dort verkaufen,« sprach nachsinnend die blonde Tänzerin.

»Leider! leider!« rief heftig die Andere. »Wo könnte man die armen Dinger verkaufen, daß sie in Hände kämen, die sie ordentlich nährten und verpflegten, statt daß Tausende bei ihren Müttern in Kummer und Elend zu Grunde gehen! Und wozu soll Manche ihr Kind erziehen? Zu dem Geschäft, das sie selbst treibt? – Ah! das muß ich sagen, da sieht sie ein glückliches Loos vor Augen und blickt in eine schöne Zukunft, wenn sie ihrem armen kleinen Kinde den rothen Mund küßt!«

»Ja, es ist für Manche besser, wenn sie sterben,« sagte Clara mit leisem, traurigem Tone.

»Aber wir leben,« erwiderte Therese, dies energische und schöne Mädchen. »Und ich meines Theils will Allem trotzig die Stirn bieten, was über mich hereinbrechen will. – Denen da draußen,« – damit streckte sie ihre rechte Hand gegen das Publikum aus, das man lachen und applaudiren hörte, – »denen habe ich einen ewigen Krieg geschworen, und ich führe ihn auf meine eigene Art. Es sollte mich wahrhaftig gar nicht wundern, wenn ich nicht für meine vielen glücklichen Siege noch einmal General würde.« Damit warf sie den Kopf stolz in den Nacken und verschwand in dem Dunkel der Coulissen.

Clara blieb noch einen Augenblick nachsinnend stehen, dann sagte sie still für sich: »Sie hat nicht ganz Unrecht. Habe ich doch gestern in dem Buche gelesen, daß die Sclavinnen, ehe man sie verkauft, wie eine Waare untersucht werden. – Ah! etwas Aehnliches [38] schien der da hinten auf der Bühne auch mit mir vorzuhaben. – Und er wird in seinen Versuchen nicht ablassen. – Fürchterlich! Fürchterlich!« seufzte das junge Mädchen, und ein tiefer Schauder durchbebte ihren Körper.

4. Kapitel
Viertes Kapitel.
Ein Loch im Vorhange.

Das kleine Lustspiel war zu Ende, der Vorhang sank herab, und das Publikum, nachdem es einigen wenigen Applaus gespendet, lehnte sich bequem auf seine Sitze, lachte, scherzte, sprach rechts und links, mit dem Hinter- und dem Vordermann; und so entstand ein artiges kleines Summen in dem weiten Hause. Dazwischen hörte man Logenthüren auf- und zuschlagen, Sperrsitze niederklappen, kurz das Geräusch der Eintretenden, welche das ihnen langweilige Lustspiel vorbeigehen ließen, um sich jetzt mit frischem Sinn an dem Ballet zu ergötzen. Im Parterre unterhielt man sich von den Schönheiten und den Mängeln des eben vorübergegangenen Stückchens, man sprach von dem neuen Ballet, namentlich aber von der Besetzung desselben, die nun natürlicher Weise, wie immer von diesen Kunstrichtern etwas zu wünschen übrig ließ. Da hätte der diese Rolle übernehmen müssen, und jene Tänzerin die Rolle der Anderen. Von den Dekorationen versprach man sich ohnehin nicht viel; und was die Maschinerie anbelangt, was war da von einem Maschinisten zu erwarten, dem jeden Augenblick die Flugwerke in der Luft hängen blieben, bei dem die Vorhänge auf halbem Wege nachdenkend wurden, und nicht herab wollten, und durch dessen Schuld die Leute, die nicht versinken sollten, versanken, [39] dagegen Geister, Gespenster und Hexen, die unter die Erde gehörten, hartnäckig und trotz alles Stampfens auf der Oberfläche blieben! –

Auf der Scene bewegte sich ein noch regeres Leben durcheinander. Die Dekorationen des Lustspiels waren weggeräumt; das Theater stellte einen großen Festsaal vor mit weißen und vergoldeten Säulen; Kronleuchter wurden herabgelassen und angezündet; die Tänzerinnen des Balletcorps schwärmten ab und zu und hielten sich viel in der Nähe des Vorhanges auf, wo an den beiden Löchern, durch welche man auf das Publikum schauen kann, immer wenigstens ein halbes Dutzend stand, die sehnlich auf eine Ablösung harrten, um nach irgend Jemand sehen zu können.

Geneigter Leser, wenn du dich im Theater befindest und der Vorhang niedergefallen ist, so erscheint dir an demselben alles so einfach und unschuldig. Der langweilige rothe oder blaue Faltenwurf, die Masken oder Köpfe, die darauf gemalt sind, das Alles kommt dir außerordentlich harmlos vor; für dich ist die Hauptgardine nichts weiteres als ein Vorhang, der das Publikum von der Bühne vollkommen scheidet. Du bemerkst keine Bewegung an demselben, durchaus nichts Auffallendes, wenn du nämlich kein Eingeweihter bist. Wir sehen das Ding schon mit ganz anderen Augen an, heften unseren Blick fest auf den großen Vorhang und sehen, daß derselbe in Zeichen spricht wie der beste Telegraph. In jeder anständigen Gardine befinden sich wie gesagt zwei Löcher mit einigen schwarzen Flecken umgeben, die von Weitem einem Gesichte nicht unähnlich sind, wie man sie denn auch fast den Abdruck eines Gesichts nennen könnte, denn die dicken pomadisirten Augbrauen, die sich beständig dagegen drücken, dunkeln nach und nach durch, ebenso die Schnurr- und Kinnbärte, und treten so allmählig an der anderen Seite hervor. Durch diese beiden Löcher nun wird eine fortwährende und umständliche Conversation mit Diesem oder Jenem aus dem Publikum unterhalten; natürlich hat jeder seine Zeichen, die er versteht. Eine neue Person, die hinter den Vorhang an [40] jene Stelle tritt, ist dadurch bemerkbar, daß sich derselbe sanft bewegt, was so viel heißt, als: gebt Achtung! Nun wird ein Finger durchgesteckt, mit oder ohne Handschuh, denn das hat Beides seine Bedeutung: der Finger bewegt sich nach rechts, nach links, nach oben oder nach unten, vier neue Zeichen, die wichtige Dinge telegraphiren. Der Finger bewegt sich auf und ab und erzählt so eine ganze Geschichte; der Finger verschwindet mehrere Male und kommt mehrere Male wieder, und erklärt damit, wenn und was nach dem Theater geschehen könnte. Oft erscheint die Oeffnung schwarz, dann wird sie plötzlich weiß; man hält ein Sacktuch daran, ein Zeichen von außerordentlicher Bedeutung. Spricht das Loch im Vorhang nicht, so spricht sie selbst, die sonst so langweilige Gardine; man bemerkt an irgend einer Stelle, wie sie ein Finger berührt, der sich längs eines Theils der Bühne fortbewegt, oder hinter der Leinwand allerlei Figuren macht; man entdeckt ein paar Füßchen, die den Versuch machen, sich unter der Bordure einzubohren; man sieht endlich, wie der Vorhang an den beiden Seiten zuweilen, anscheinend ohne alle Absicht, eine kleine Bewegung macht. Alles das hat seinen Grund, lieber Leser und wenn du dir einmal zufällig die Mühe geben willst, diese Zeichen und damit die strahlenden Blicke deiner Nachbarn und Nachbarinnen, sowie auch andere Zeichen zu beobachten, welche diese gegen den Vorhang machen, so hast du im Zwischenakt viel Vergnügen und du amusirst dich während desselben oft weit besser als in manchen langweiligen Stücken.

Die Solotänzerinnen sind jetzt auch auf der Bühne erschienen. Doch ist es im gegenwärtigen Augenblicke nicht der Mühe werth, viel von ihnen zu sagen. Sie dienen dem Theater schon seit einer ziemlichen Reihe von Jahren und sind dadurch wohl größere Künstlerinnen, aber weder jünger noch hübscher geworden. Es ist das fast bei jedem Theater anders: dort ist das Balletcorps verbraucht und unansehnlich und die Solotänzerinnen jung und frisch, [41] anderswo umgekehrt. Und gerade so war es auch hier der Fall. Dafür ergab sich aber für die jungen hübschen Mädchen vom Chor auch nicht die geringste Aussicht, einen Solotanz zu erhalten; die alte Garde hielt hartnäckig an ihrem Privilegium und nahm keine jungen Rekruten in ihre Reihen auf.

Das Ballet begann wie immer mit einer langen Ouverture; endlich flog der Vorhang empor, das Publikum beklatschte den Glanz und die Pracht der Dekoration, und die Geschichte nahm mit einem strahlenden Ballfeste ihren Anfang. Die Musik erklang lustig und herausfordernd, Tänzer und Tänzerinnen wogten lebhaft durcheinander, jetzt in scheinbarer Unordnung, aus welcher sich aber die schönsten Figuren entwickelten. Die ganze Bühne war angefüllt mit buntfarbenen seidenen Gewändern, mit Gold- und Silberstickerei, mit fliegenden Schärpen, blitzenden Brillanten und wallenden Federn. Vollkommen geblendet war das Auge der Zuschauer und kam erst wieder zur Ruhe nach der ersten Scene, nachdem das Balletcorps auf allen Seiten verschwunden war, nachdem die Klingel ertönt, die Dekorationen gewechselt und das Theater einen Garten bei Mondscheinbeleuchtung darstellte, wo er und sie sich fanden und verstanden.

Nach so einem großen anstrengenden Tanze kommen die armen Tänzerinnen gewöhnlich in einer Verfassung hinter den Coulissen an, welche Aehnlichkeit mit der von jungen Rennpferden hat, welche trainirt werden. Die Stärksten und Ausdauerndsten unter ihnen tanzen von der Bühne ab, um hinter derselben schwer athmend stehen zu bleiben; Andere erreichen zur Noth wohl eine Bank oder einen Stuhl, wo sie sich niederlassen können. Die Schwachen und Unbehülflichen haben aber nicht sobald die schützende Coulisse erreicht, als sie krampfhaft irgend einen Pfahl oder eine Latte fassen, die Hand an das Herz pressen, die Stirne irgendwo anstützen und in Schweiß gebadet allmählig und keuchend ihren Athem an sich ziehen. Alle aber sind erschöpft, und wenn Manche sogar in diesem [42] Augenblicke lachen und plaudern, so geschieht es doch mit großer Anstrengung und mit auf- und abwogender Brust. Dabei wird aber der Anzug und die Frisur nicht außer Acht gelassen und die Eine beschäftigt sich mit der Anderen, hier eine Locke wieder aufzustecken, dort eine Schleife zu befestigen, oder einen Schleier, der sich gelöst hat, wieder anzubinden.

»Das muß ich schon sagen,« meinte Demoiselle Therese, eine der Ersten, die wieder vollständig zu Athem kam. »Der Kapellmeister ist heute wieder einmal ganz von Sinnen. Hat man je ein so rasendes Tempo gesehen? Mir ward mein Leibchen zu eng, und das will doch viel sagen«. – »Armer Schatz,« wandte sie sich an eine schmächtige Collegin, welche, die heiße Stirne an einen Balken gedrückt, vergeblich darauf zu warten schien, daß sich ihr Herzschlag beruhige, »dich habe ich noch zu guter Zeit aufrecht erhalten; ich werd's aber dem da drunten stecken, wenn er im Zwischenakt heraufkommt. – – Fühlst du dich unwohl?« wandte sie sich abermals an die erschöpfte Collegin.

Diese schüttelte mit dem Kopfe und versetzte nach einer längeren Pause: »unwohl gerade nicht, aber es hat mich furchtbar angegriffen; wenn du mich nicht aufrecht gehalten hättest, so wäre ich am Soufleurkasten niedergestürzt. Ich danke dir, Therese.«

»Keine Ursache,« entgegnete diese, »aber ich will dir was sagen: du bist zu fest geschnürt, laß dich ein Bischen loser machen.«

»Ich kann nicht,« sagte die Andere mit leiser Stimme, »mein Kleid ist mir so eng genug; ich würde mich gerne krank melden, aber wenn ich das jetzt schon thue, so muß ich fürchten, entlassen zu werden, und wovon soll ich alsdann leben?«

Demoiselle Therese zuckte die Achseln und wandte sich hinweg. »Armes Geschöpf!« murmelte sie zwischen den Zähnen. Dann winkte sie jener Tänzerin, die sich in der Garderobe neben Clara angezogen, und die mit verweinten Augen in der Fensternische gestanden. [43] Die Beiden gingen etwas abseits und stellten sich hinter eine Felspartie, die im dritten Akte vorkommen sollte.

»Du hast mir etwas mitzutheilen,« sprach Demoiselle Therese hier zu ihrer Collegin. »Elise hat es mir gesagt.«

»Es ist mir recht lieb, daß ich mit dir sprechen darf,« antwortete die andere Tänzerin. – »Aber haben wir auch Zeit?«

»Ueber eine Viertelstunde; die langweilige Gartenscene dauert Wenigstens zehn Minuten, dann kommt der Chor der Ritter und Burgfräulein, bei dem wir ja nichts zu thun haben. – Nun, fängt deine Tante endlich an, dich zu plagen?«

Das junge Mädchen nickte mit dem Kopfe und sah einen Augenblick stumm vor sich nieder. Dann sagte sie: »du kennst meine Tante?«

»Leider kenne ich sie. Der Teufel soll sie holen! – Aber weiter; ich habe immer geglaubt, du erfahrest nichts von ihrem heimlichen Geschäfte.«

»Lange erfuhr ich auch nichts davon,« versetzte Marie. »Gott! wenn man sechszehn Jahre alt ist, hat man ja keine bösen Gedanken. Und dann habe ich im Hause auch nie was Schlimmeres bemerkt; wir leben wie die ruhigsten Bürgersleute.«

»Ja, ja, das glaube ich wohl,« lachte Therese. »Madame vermittelt blos. – Nun, und endlich?«

»Was soll ich sagen, endlich? Schon seit mehreren Wochen spricht sie von der schweren Zeit, von dem wenigen Verdienst, den ich habe; meine Wäsche allein koste mehr, sagte sie, und daß es auf längere Zeit nicht so gehen könne. – – Warum ich mir keinen Geliebten anschaffe? meinte sie neulich.«

»Ah! zu einem Geliebten wird sie schon Einen in Aussicht haben. Tritt dir Jemand häufig in den Weg, auf den du Verdacht hast, oder kommt irgend wer in's Haus, dem sie dich verkaufen will?«

»Nein, nein,« sagte das junge Mädchen, »in meine Nähe kommt Niemand. Und doch hat sie Jemand in Aussicht für mich.«

[44] »Also ein kalter Handel!« sprach verächtlich die schöne Tänzerin. »Pfui Teufel! das ist sehr unangenehm.«

»Nicht wahr, es ist schrecklich, Therese? O gib mir einen Rath! Ich habe ja Niemand auf der Welt, dem ich mich anvertrauen könnte, Niemand, der mir die geringste Hülfe leiht, wenn ich mich weigere.«

»Es ist eine vollkommene Niederträchtigkeit,« entgegnete Demoiselle Therese nachdenkend. »Aber wenn du nichts Näheres weißt, so ist dir schwer zu helfen. – Wer ist's denn? Hat man dir keinen Namen genannt?«

»Den Namen kann ich dir nicht sagen, aber er kam einmal in unser Haus und zufällig war ich im Nebenzimmer und habe an der Thüre gehorcht. Da hat sie freilich gesagt, sie wolle mich nicht zwingen, aber es wäre ihr recht, wenn sie sich so aus der Verlegenheit reißen könne.«

»Du hast ihn also gesehen?«

»Ja!«

»Und kennst du ihn nicht?«

»Nein.«

»Ist es ein junger Mann?«

»So ziemlich; in die Dreißig.«

»Aber liebes Kind,« versetzte halb ärgerlich Therese, »wenn du mir keine genaueren Kennzeichen anzugeben im Stande bist, so kann ich dir keinen Rath ertheilen. Ich muß vor allen Dingen wissen, um wen es sich handelt; ich muß den Feind kennen, wenn wir den Krieg beginnen wollen. Erkundige dich also, wenn du kannst, nach seinem Namen.«

»Vielleicht kennst du ihn.«

»Wohl möglich, wenn ich ihn sehe.«

»Ich will ihn dir zeigen.«

»So ist er also im Theater?«

»Ja, ich habe ihn gesehen.«

[45] »Ah! das ist etwas Anderes,« erwiderte die Tänzerin lachend. »Dann wollen wir ihn im Zwischenakt beobachten, und wenn ich ihn kenne, will ich dir aufrichtig sagen, ob da viel oder wenig zu befürchten ist.«

Hiemit hatte die Unterredung ein Ende, denn der Inspicient rief in diesem Augenblicke: »Meine Damen, das dritte Tableaux beginnt!« Die Klingel ertönte; die Dekoration wechselte abermals; das Theater stellte einen weiten Park vor, die beiden unvorsichtig Liebenden freuen sich ihres Lebens inmitten des ebenfalls lustigen Hofstaates, da erscheint plötzlich der Herzog, begleitet von Fackelträgern und jetzt erfolgt die Scene, wie wir sie schon oben beschrieben. Fürchterlich schön war der Herzog anzusehen, und als er so über die Bühne dahinglitt, angefüllt mit Wuth und Rachedurst, die Fäuste geballt, den Bart ordentlich emporgesträubt, da wurde ihm ein unendlicher Applaus zu Theil. Die unglückliche Braut sinkt nach ihrem großen Pas de deux in Ohnmacht, der ganze Chor macht übermäßige Anstrengungen, Entsetzen, Schrecken, sowie alle möglichen Leidenschaften auszudrücken, und – der Vorhang fällt.

Es war ein Glück, daß die Solotänzer und Tänzerinnen sich im Zwischenakte umziehen mußten, denn sonst wäre an dem Vorhang nicht so bald eine Oeffnung frei geworden. Auch ohnedies mußte Demoiselle Therese ihr ganzes nicht geringes Ansehen aufwenden, um ein halbes Dutzend verschiedenartiger Gespenster und junger Teufel, die im letzten Akt vorkommen, zu verscheuchen, bis sie endlich an der Gardine einen Platz erobern konnte. Dann stellte sie ihre Collegin vor sich hin und sagte: »jetzt schau durch und sage mir, wo er sitzt.«

Die andere Tänzerin legte ihr Auge eine kleine Weile an die Oeffnung, dann trat sie zurück und bat Therese, hinauszuschauen und mit dem Blick ihren Erklärungen zu folgen. »Du siehst,« sagte sie, »die königliche Mittelloge, von der zähle rechts vier Säulen. – Hast du?«

[46] »Allerdings,« entgegnete Therese, »doch ich sehe da Niemand als den alten General von L.«

»Ja, aus dem ersten Rang,« erwiderte die Andre eifrig. »Ich meine aber den zweiten Rang.«

»Ah! du meinst den zweiten Rang!« versetzte Demoiselle Therese in gedehntem Tone. »Das wird sich kaum der Mühe verlohnen. – Nun, wir wollen nochmals zählen. Die erste, zweite, dritte, vierte Säule – halt!«

Hierauf schaute sie einen Augenblick aufmerksam hinaus, dann fuhr sie heftig zurück und rief aus: »ah! Marie! du mußt dich irren; der Herr in der dritten Loge kann's doch nicht sein! Oder ist der, den du meinst, vielleicht grade weggegangen; sieh noch einmal hin.«

Die jüngere Tänzerin sah nach dieser Aufforderung über die Achsel ihrer Freundin, dann, sagte sie ruhig: »nein, er sitzt noch da; sieh, er scheint sich zu langweilen, er legt den Kopf in die Hand.«

»Ganz richtig. Und du irrst dich nicht?«

»Wie sollte ich mich irren! Ich habe ihn vorhin ganz deutlich gesehen und gleich erkannt. – Du weißt also, wer er ist? Und die Dame, die neben ihm sitzt?« –

»Die Dame, die neben ihm sitzt, ist seine Frau. – Schöne Geschichten!«

»Das wäre schrecklich!« rief das junge Mädchen aus. »Was ist da zu thun, Therese? O deute nach; du mußt mir helfen!«

Diese blickte, ohne eine Antwort zu geben, noch eine Zeit lang in das erleuchtete Haus, dann trat sie einen Schritt zurück und auf ihrem schönen Gesichte zeigte sich ein finstres Lächeln. Sie preßte die Lippen zusammen, stemmte die rechte Hand in die Hüfte und fuhr mit der Linken über die Stirne, während sie eifrig nachzudenken schien. – »Ja ja, es wird gehen,« sagte sie nach einer längeren Pause. »Warte, Heuchler!«

»Du kennst ihn also?« fragte Marie.

[47] »O ja, ich kenne ihn, obgleich ich ihn nie gesprochen. Das ist einer von den scheinheiligen Bösewichtern, welche die Achsel zucken, wenn man nur vom Ballet spricht; mit dem Haus habe ich überhaupt eine Geschichte abzumachen. Du weißt, meine Schwester ist eine Nätherin; sie suchte die Kundschaft dieses Hauses nach; Madame war nicht abgeneigt dazu, und meine Schwester glaubte schon so glücklich zu sein, dort hie und da etwas verdienen zu können. Der Herr aber meinte, eine Arbeiterin von unbescholtener Familie wäre ihm lieber. – Von unbescholtener Familie!« setzte die Tänzerin hinzu und biß ihre Zähne übereinander. »Das war vor vier Jahren, und die Aeußerung ging allein auf mich, und war ich doch damals so unbescholten wie nur eines der jungen Mädchen auf allen Gallerien; aber ich war eine Tänzerin und somit ein verlorenes, bescholtenes Geschöpf. – Doch wir wollen uns revanchiren!«

»Was soll ich aber thun?«

»Vorderhand sollst du nichts thun, und mir nur genau berichten, wie die Angelegenheit steht,« antwortete Therese. »Aha!« fuhr sie spöttisch lachend fort und machte einen tiefen Knix gegen den Vorhang, »man will sich mit dem Ballete einlassen – gut denn! ich erkläre dir da oben den Krieg; du sollst einen heftigen Kampf haben und keine Schonung.«

5. Kapitel
Fünftes Kapitel.
Clara.

Wie alles in dieser Welt ging auch das Ballet zu Ende; der Liebhaber der Braut wurde auf die eine oder andere Art tanzgemäß [48] weggeschafft, der Herzog verzieh, und im letzten Akt fand eine ungeheuer glänzende Vermählung statt, wozu der magere Tänzer mit der ersten Tänzerin einen Pas de deux nach allen Regeln der Kunst tanzte. Eines bemühte sich, seinen Körper noch unschöner zu verdrehen als das Andere, und beide zusammen strebten darnach, dem Publikum zu beweisen, zu welch erstaunlich unzweckmäßigen Wendungen und fürchterlichen Verzerrungen man die menschlichen Glieder mit Kunst und Ausdauer zu bringen im Stande sei. Namentlich der magere Tänzer setzte Alles in Erstaunen, und man hätte darauf schwören mögen, er habe im Rücken ein besonderes Gelenk und seine Kniee können sich wie bei einem Nürnberger hölzernen Collegen einwärts und auswärts biegen. Dabei überboten sich beide in übermäßigen Pirouetten und wahnsinnigen Sprüngen. Schnellte die Tänzerin bei einer sanften Melodie einen Schuh vom Boden empor, so brachte es der Tänzer mit Pauken, Trompeten, mit Tschambidibam und Bumbidibum, mindestens auf zwei und einen halben. Und hiebei nicht genug, daß er mit Gottes Hülfe wieder auf seine Füße niederfiel: er machte auch während des Herabfallens die schauerlichsten Versuche, schief gegen den Fußboden zu kommen, was vielleicht außerordentlich schwierig, jedenfalls aber sehr häßlich war. Dazu spielte die Musik immer toller, Tänzer und Tänzerin lachten immer krampfhafter gegen einander und gegen das Publikum; zuletzt hatte die ganze Geschichte etwas Hexenartiges und man konnte der Befürchtung nicht los werden, es sei für die Beiden da oben hier auf Erden Alles vorbei, irgend ein gespenstiger Wirbelwind führe sie fort in unabsehbare Weiten nach öden, unendlichen Haiden, und dort müßten sie sich ohne Publikum fort drehen, immer fort bei Sonnenschein und Mondeslicht; oder plötzlich säßen sie à cheval auf ein paar tüchtigen Besenstielen und führen rechts und links in die Luft auf. Doch ehe es zu diesem fürchterlichen Ende kam, fiel glücklicher Weise der Vorhang, das: Publikum applaudirte und verließ alsdann stürmisch das Theater.

[49] Auf der Bühne wurden die Lampen ausgelöscht und schon nach einer Viertelstunde lagen die vorhin noch so erhellten und belebten Räume in nächtlichem Dunkel und tiefem Schweigen da. Wenn einer der alten Zimmerleute, der über die Bühne hinweg und nach Hause ging, zufällig hustete, so schallte es gerade in dem weiten leeren Hause, als habe oben auf der vierten Gallerie eine sehr bekannte Stimme ebenfalls gehustet.

Die Garderoben allein waren noch voll Leben, Licht und Bewegung. Letztere aber hatte nichts mehr von der ruhigen Emsigkeit des Anziehens; man sah keine Tänzerinnen mehr behaglich vor dem Spiegel stehen, wie zu Anfang des Stückes; jede beeilte sich mit dem Ausziehen, streifte Leibchen und Röcke herunter so rasch wie möglich und schlüpfte in ihre gewöhnlichen Kleider. Die Tricots auszuziehen, hätte für jetzt viel zu viel Zeit in Anspruch genommen, weßhalb die meisten sie anbehielten, Strümpfe und Schuhe darüber zogen und durch diese kleinen Kunstgriffe in einer unglaublich geschwinden Zeit zum Nachhausefahren bereit standen.

Schwindelmann erschien an der Thüre und die, welche zuerst fertig waren, wurden auch zuerst nach Hause geführt; daher auch der Wetteifer, mit welchem das Auskleiden vor sich ging.

Demoiselle Clara hatte ihre Toilette mit größerer Ruhe gemacht, Tricots, Schuhe und was dazu gehört, ausgezogen und ordentlich hingelegt, alsdann ihre Sachen sorgfältig zusammengepackt, das Kleidchen mit den rothen Schleifen ebenfalls in ein Tuch gewickelt, und war gerade fertig geworden, als der Wagen wieder kam und Schwindelmann ihr winkte, mitzufahren.

Es war ein kalter dunstiger Abend; die Gaslaternen brannten mit einem röthlichen Lichte, und den Athem der Pferde sah man deutlich wie weißen Dampf aus ihren Nüstern hervorkommen. Das Rollen der Räder auf dem Pflaster klang dumpf, und da die Calesche ringsum verschlossen war und fünf der ziemlich erhitzten Tänzerinnen in sich schloß, so liefen die Scheiben so dicht an, daß [50] keine derselben ihre Straße erkennen konnte und es bei jedesmaligem Anhalten eine kleine Debatte gab, wo man sich eigentlich befinde. Schwindelmann schlichtete diesen Streit aber augenblicklich, indem er die betreffende junge Dame bei ihrem Namen rief. Endlich erklang der von Demoiselle Clara, worauf diese mit ihren beiden Paketen den Wagen verließ, ihren Colleginnen gute Nacht wünschte und an die Hausthüre trat.

»Soll ich für Sie anläuten?« fragte der freundliche Schwindelmann.

Doch das Mädchen erwiderte eifrig: »Ich danke recht sehr; ich habe meinen Hausschlüssel, und wünsche eine gute Nacht.«

Ehe sich aber Schwindelmann hierauf entfernte, sagte er leise zu der jungen Tänzerin: »Sie werden mir schon erlauben, Fräulein Clara, daß ich morgen Früh ein Bouquet für Ihr kleines Schwesterchen bringe; ich habe einen Freund, der Handelsgärtner ist und der es mir fast umsonst gibt.« Nachdem der Theaterdiener diese Worte angebracht, wartete er keine Genehmigung oder keinen Dank ab, sondern trat an seinen Wagen, schloß geräuschlos den Schlag, nannte dem Kutscher eine Straße und fuhr davon.

Clara blieb an ihrer Hausthüre stehen, ohne den erwähnten Schlüssel herauszuziehen. Sie horchte auf den davonrollenden Wagen, und als er ihr weit genug entfernt schien, verließ sie das Haus wieder und ging die Straße hinab, bis sie in der schon völlig dunkeln Häuserreihe den noch spärlich erleuchteten Laden eines Bäckers erreichte. Hier trat sie ein, zog eine magere Börse hervor, und nachdem sie ein paar kleine Weißbrode gekauft, ging sie sehr langsam nach ihrem Hause zurück. Wir sagen sehr langsam; ja mehrere Male blieb sie beinahe stehen, öfters aber schaute sie hinter sich, und jeden Augenblick horchte sie auf das entfernte Rollen eines Wagens oder auf schallende Fußtritte, die sich in irgend einer Nebenstraße verloren. Dann schüttelte sie den Kopf [51] und sagte mit leiser Stimme: »Sonderbar! Es ist heute das erste Mal, daß ich ihn nicht gesehen; er war nicht im Theater auf seinem Platze, er stand nicht am Wagen, als wir einstiegen, und auch hier ist nichts von ihm zu sehen.«

Mit diesen Worten hatte sie ihre Hausthüre wieder erreicht, suchte ihren Schlüssel hervor, drehte das Schloß auf und wollte gerade in den finstern Gang schlüpfen, als sich eilige Schritte auf der Straße näherten, die Gestalt eines Mannes sichtbar wurde und eine leise Stimme rief: »Fräulein Clara – nur einen Augenblick!«

Die Tänzerin blieb in der geöffneten Thüre stehen und erwartete ruhig die Ankunft dieses Mannes, der darauf in drei Sprüngen neben ihr in dem dunkeln Flur stand. Er holte tief Athem und konnte kaum sprechen. »Ich bin so gelaufen,« sprach er nach einer kleinen Pause, »um Sie noch einen Augenblick zu sehen; wie froh bin ich, daß ich noch zur rechten Zeit komme.«

»Sie waren nicht im Theater,« versetzte das Mädchen. »Ich hatte nicht erwartet, Sie heute Abend noch zu sehen.«

»Ich konnte nicht, Fräulein Clara, es war mir unmöglich, das Theater zu besuchen. Ah! hören Sie, wie ich gelaufen bin; ich war in einer großen, sehr langweiligen Gesellschaft, und erst vor einer Viertelstunde gelang es mir, mich wegzuschleichen. Ich bin nur gekommen, Ihnen eine gute Nacht zu wünschen.«

»Das freut mich in der That,« entgegnete das junge Mädchen und sah ihn treuherzig mit ihren großen Augen an. »Sie haben mich ganz verwöhnt, und wenn ich Sie nicht im Theater sehe oder am Wagen oder hier eine Sekunde, so fehlt mir etwas.«

»Wie danke ich Ihnen für dieses Wort, und wie bin ich so froh, daß Sie mir wenigstens erlauben, Sie einen Augenblick zu sehen und zu sprechen. Ach, Fräulein Clara, wenn Sie nicht so hart und unerbittlich wären, so hätte ich schon lange einen Vorwand gefunden, mich bei Ihrem Vater einzuführen.«

[52] »Nein, nein,« erwiderte eifrig das Mädchen; »ich will keine Vorwände und kann Sie auch bei uns nicht sehen. Ist es nicht genug, daß ich Ihnen hier an der Thüre eine freundliche gute Nacht sage? Ich habe so Etwas in meinem ganzen Leben noch nicht gethan. Sind Sie damit nicht zufrieden?«

»Doch, doch, liebe Clara! ich bin ja damit zufrieden. – Aber Ihre Hand werden Sie mir heute Abend nicht versagen.«

»Nun meinetwegen!« entgegnete freundlich lachend die Tänzerin. »Eine Hand will ich Ihnen reichen, aber dann müssen Sie auch still nach Hause gehen.«

»Und zufrieden,« sagte ebenfalls lachend der junge Mann.

Clara nahm nicht ohne einige Mühe die Pakete, den Hausschlüssel und das Brod in die eine Hand, um die andere ihrem jungen Freunde reichen zu können. Er faßte sie eifrig mit seinen beiden und drückte in aller Geschwindigkeit mehrere Küsse auf ihre niedlichen Finger, eine Überschreitung der gegebenen Erlaubniß, welche Clara dadurch bestrafte, daß sie ihre Hand hastig wegzog, flüchtig gute Nacht rief und die Thüre hinter sich zudrückte und verschloß.

Der junge Mann blieb noch einen Augenblick auf der Schwelle stehen, blickte an dem Hause hinauf, ohne irgend etwas ihn Anziehendes zu sehen, als ein matt erleuchtetes Fenster droben hoch in dem Giebelfelde. Nachdem er dieses eine Weile betrachtet, und nachdem es ihm geschienen, als bewege sich ein weißer Vorhang an diesem Fenster, gerade so, als öffne Jemand die Thüre und trete in's Zimmer, verließ er seinen Standort und ging dann in der That höchst zufrieden seiner Wege.

Clara war unterdessen die dunklen Treppen hinaufgestiegen, hatte ein wahres Labyrinth von finsteren Biegungen und schmalen Gängen hinter sich gelassen und erreichte nun den vierten Stock, wo sie nach einigem Suchen mit der Hand eine Thüre fand, die sie geräuschlos öffnete. Sie trat in ein unerleuchtetes Zimmer, [53] doch hatte sie vor sich eine andere Thüre, durch deren breite Spalten und Risse einiges Licht in dies erste Gemach fiel, hier eine zweifelhafte Helle verbreitend, bei welcher man einen kleinen Tisch entdeckte, auf dem etwas Bettwerk lag, über welche man ein weißes Tuch gebreitet hatte. Clara ging auf den Zehen durch dieses Zimmer, öffnete die andere Thüre und trat in das Wohnzimmer der Familie, welches dem geneigten Leser näher zu beschreiben wir genöthigt sind.

Es war dies ein ziemlich großes und kahles Gemach mit schiefen Seitenwänden, welche der Stellung des Daches folgten, und einem einzigen Fenster, das wir schon von unten beobachtet haben. Das Meublement bestand aus einem großen eisernen Ofen, von dem übrigens, der wenigen Wärme im Zimmer nach zu urtheilen, ein sehr bescheidener Gebrauch gemacht wurde; neben demselben stand in einer Ecke ein Schreibtisch, das heißt, ein großer Tisch mit Büchern und Papieren aller Art bedeckt, hinter demselben befand sich ein Stuhl, auf welchem ein Kissen von rothgestreiftem Zeug lag; in einer anderen Ecke war ein gewöhnliches Bett und ein Kinderbett. Unter dem einzigen Fenster stand ein Tisch und ein paar Stühle, daneben eine große alte Kommode, über welcher ein Spiegel hing. Sonst bestanden die Verzierungen sämmtlicher Wände aus einem Crucifix mit halb vertrocknetem Zweig über dem großen Bette, sowie aus dem Portrait einer berühmten Tänzerin, das dieselbe bei ihrer Anwesenheit einer Jeden vom Ballet zum Geschenk gemacht hatte.

In dem Zimmer befanden sich zwei kleine Kinder, ein Mädchen von sechs und ein Bübchen von vier Jahren, die zusammen in dem kleinen Bette lagen – Clara's Stiefgeschwister, und ihr und Clara's Vater, ein alter Mann, der an dem Schreibtische stand und im Begriffe war, sich eine Feder zu schneiden, wobei er gerade den Kindern einige Ermahnungen zurief, da sie nicht einschlafen wollten, sondern sich unruhig hin und her warfen.

[54] Als Clara in das Zimmer trat, wurde ein Weinen, das aus der Ecke kam, wo die kleine Bettlade stand, plötzlich unterdrückt.

Der alte Mann trug einen langen blauen, fadenscheinigen Rock, den er bis zum Halse zugeknöpft hatte, gelbe Sommerhosen, obgleich es Winter war, und ein paar große, dicke Hauspantoffeln. Trotzdem er auf der Nase eine Brille hatte, mußte er doch die Finger mit der Feder ganz nahe vor die Augen halten, um den Spalt abknixen zu können.

»Seid nur ruhig, seid nur ruhig,« sagte er gegen das Bett gewendet; »eure Leiden sind noch klein, theilweise eingebildet; ihr steigt den Berg aufwärts und könnt schon einigermaßen Mühseligkeiten ertragen, da ihr dereinst Hoffnung auf eine schöne Aussicht habt. Uebrigens kann ich euch wahrhaftig nicht helfen und ihr müßt schon warten bis die Clara kommt, unser aller Hort und Stern.«

Darauf erfolgte das Weinen, von dem wir oben gesprochen, und wurde unterdrückt beim Eintritt der jungen Tänzerin.

»Ah! da ist sie ja!« sprach der alte Mann. »Grüß dich Gott, liebe Clara. Du kannst auch jetzt wieder eine Trostspenderin sein; die beiden kleinen Geschöpfe da haben allerlei Kummer, den sie dir anvertrauen werden.« Bei diesen Worten ließ er sich auf das Kissen von gestreiftem Zeug nieder, schob das Schreibpapier zurecht, murmelte: »Seite zweiundvierzig,« und machte sich wieder an seine Arbeit.

Die beiden kleinen Kinder hatten sich beim Eintritt der Schwester aufrecht in ihr Bettchen gesetzt und schauten aufmerksam und mit leuchtenden Augen allen Bewegungen derselben zu, wie sie ihr großes Tuch ablegte und ihre Pakete, und wie sie darauf das Weißbrod auf den Tisch unter dem Fenster legte. Namentlich das letzte Manöver schien ihren vollen Beifall zu erringen, denn während das kleine Mädchen blos ihren Mund spitzte, sagte der Knabe halblaut und mit lächelndem Gesicht und indem die Thränenfluth auf seinen Wangen plötzlich stockte: »Ein Brod! ein Brod!«

[55] Clara trat an den Tisch, wo ihr Vater emsig schrieb, und bot ihm einen guten Abend. »Bist du noch immer am Schreiben?« sagte sie. »Es ist schon spät, Vater; du solltest deine Augen schonen.«

»Ei, mein liebes Kind,« entgegnete heiter der alte Mann, »vor Thorschluß oder vor dem Läuten der Abendglocke legt man nicht die Hände in den Schooß, es kommt ja nächstens doch eine lange, lange Zeit, wo ich meine Augen schonen kann und muß, deßhalb will ich sie jetzt noch ein Bischen gebrauchen. – Aber siehst du, Clara,« fuhr er sich empor richtend fort, indem er sie fest anschaute, »in diesem Moment mache ich von meinen Augen den mir liebsten Gebrauch.«

»Und welchen?« fragte lachend die Tänzerin.

»Dich anzusehen, mein Kind; das ist Trost und Licht in meinen Tagen. Heute Abend sieht dein Kopf aus wie der einer Fürstin, und wenn ich mein Bischen Phantasie zusammennehme, so könnte ich mir eine Zeit vorstellen, wo du ein wirkliches Diadem trägst und diese falschen Brillanten in deinem Haar echt und von großem Werthe sind.«

»Wenn ich je dergleichen wünschte,« versetzte Clara, während sie eine der weißen mageren Hände ihres Vaters nahm und sie küßte, »so thäte ich es nur um deinetwillen. Welch' schönes Leben würden wir führen! – Aber warum haben die Kinder vorhin geweint? Haben sie dich geärgert, muß ich sie zanken?«

»O nein! o nein!« erwiderte der alte Mann, »sie haben den Abend über recht artig gespielt; ich habe mich selbst an ihren Kindereien ergötzt,« setzte er mit einem fast unmerklichen Seufzer hinzu, und lehnte sich in den Stuhl zurück; »es ist eigenthümlich, sie haben sich große Gastmahle zubereitet und von herrlichem Essen und Trinken gesprochen.«

»Während ihr zu Nacht gespeist?«

»Das könnte ich eigentlich nicht sagen,« antwortete der Vater.

[56] »Richtig, jetzt fällt mir etwas ein, was ich fast ganz vergessen hätte.«

»Doch nicht, das Geld von dem Buchhändler holen zu lassen?« fragte ängstlich das Mädchen.

»O nein! den Versuch habe ich wohl gemacht,« entgegnete schmerzlich lächelnd der alte Mann; »aber der Herr Blasser sei nicht zu Hause, sagte man mir.«

»Und darauf bekamt ihr kein Geld?«

»Natürlicher Weise,« antwortete gutmüthig der Vater. »Wenn man nicht zu Hause ist, kann man auch nicht bezahlen.«

»Und euer Nachtessen? – Ich hatte das so gut angeordnet.«

»Ja, das hattest du, liebes Kind; aber der Mensch denkt, Gott lenkt, und wo nichts ist, hat der Kaiser sein Recht verloren. Uebrigens hatte ich mich an den Phantasien der Kinder gelabt, und während wir gemeinschaftlich ein schwarzes, sehr gutes Brod aßen, träumten wir von Torten und Pasteten und allerlei köstlichen Leckerbissen.«

»Halb und halb habe ich mir das gedacht,« sagte Clara, indem sie zu lächeln versuchte, »und wenigstens einiges Weißbrod mit nach Hause gebracht; ich will geschwind zur Nachbarin gehen, ich sah noch Licht, als ich die Treppen herauf kam, und will mir etwas Milch von ihr geben lassen, dann mache ich euch in aller Geschwindigkeit eine kostbare Suppe.«

Diese letzten Worte sprach sie mehr gegen das kleine Bettchen gewendet, worauf die Kinder sie mit strahlenden Blicken ansahen und mit dem Kopfe nickten; der kleine Bub stand sogar auf, als Clara eilig das Zimmer verließ, und versuchte es, ihr nachzuschauen, was einen äußerst komischen Anblick gab, da seine Kehrseite nicht gehörig bekleidet war.

Der alte Mann hatte sein Buch aufgeschlagen, die Feder eingedunkt und fing wieder an emsig zu schreiben.

Clara ging mit einigem Widerstreben zu der Nachbarin, von der [57] sie vorhin gesprochen. Es war dies eine Wittwe mit zwei Töchtern, von, wenigstens äußerlich, sehr frommem und gottesfürchtigem Lebenswandel; so versäumte sie für ihre Person fast keinen Gottesdienst, und wenn ein Buh- und Bettag angesetzt war, so schlich sie zerknirscht über die Straßen und man hätte darauf schwören sollen, sie, obgleich frei von eigenen Lastern und groben Fehlern, habe sich aus Barmherzigkeit eine tüchtige Sündenlast ihrer Mitmenschen aufgeladen und helfe so aus christlicher Liebe die allgemeine Verderbniß geduldig mittragen. Was ihre Töchter anbelangte, so gingen diese nur in die Garnisonskirche und nur Vormittags von Zehn bis halb Zwölf, zur gleichen Zeit, wo auch fromme Soldaten, von gläubigen Lieutenants geführt, auf hohen und höchsten Befehl zum wohlgefälligen Wandel angehalten wurden.

Die Wittwe mit ihrer Familie gehörte in die Klasse der »verschämten Hausarmen,« und wurde von Glaubensgenossen so reichlich unterstützt, daß sie alle ihre Zeit der Beschaulichkeit zuwenden konnte und nicht viel zu arbeiten brauchte.

6. Kapitel
Sechstes Kapitel.
Die Familie Wundel.

Als Clara auf höfliches Anklopfen in das Zimmer trat, das, obgleich ebenfalls im vierten Stock, doch recht wohnlich und angenehm eingerichtet war, drang ihr der angenehme Duft eines guten Nachtessens entgegen, der von gerösteten Kartoffeln und Bratwürsten herzurühren schien, ein kräftiger Geruch, welcher der müden Tänzerin einen einzigen und stillen Seufzer abpreßte. Die Wittwe hatte sich eben zu Tische begeben und saß in einem guten Stuhle; [58] die eine, ihrer Töchter hatte ebenfalls Platz genommen, die andere befand sich noch vor dem Spiegel, um ihre Frisur wieder in Ordnung zu bringen, die durch Abnahme des Hutes einigermaßen Schaden gelitten. Das Zimmer war von einer lieblichen Wärme erfüllt, denn in dem Ofen krachte und prasselte ein gutes Holz.

»Ei, Fräulein Clara,« sagte die Wittwe, indem sie die ergriffene Gabel wieder niederlegte, »was verschafft uns noch so spät das Vergnügen?«

»Ich wollte Sie nur freundlichst bitten, Madame Wundel,« entgegnete das Mädchen, »mir mit ein wenig Milch auszuhelfen; die unsere ist alle geworden und ich bin so spät aus dem Theater gekommen, daß der Laden im Nachbarhaus bereits geschlossen war.«

»So, so, Milch wollen Sie haben? – Du lieber Gott! wenn wir nur selbst noch etwas haben. Ich fürchte fast, wir haben heute wieder alle zum Kaffee gebraucht. – Weißt du nicht, Emilie,« wandte sie sich an ihre Tochter, die am Tische saß, »ist noch etwas da?«

Hiebei hätte aber ein mehr argwöhnischer Beobachter als die junge Tänzerin deutlich bemerken können, wie Madame Wundel leicht mit ihren Augen zwinkerte.

Emilie, als gelehrige Tochter, verstand übrigens dies Zeichen vollkommen, denn während sie die Schüssel mit den Bratwürsten an sich zog, sprach sie mit dem ruhigsten Tone von der Welt: »Es thut uns wahrhaftig leid, Fräulein Clara, aber wir haben nicht einen Tropfen Milch mehr im Hause.«

»Richtig, ich besinne mich,« bekräftigte die Wittwe und ergriff ihre Gabel wieder, »es ist kein Tropfen mehr da.«

»Und ihr irrt euch alle Beide,« versetzte ruhig die andere Tochter, die vor dem Spiegel stand und sich nun herumdrehte, »man hat heute Abend zwei Töpfe gebracht, und wir können der Clara schon bis morgen einen davon geben.«

Madame Wundel preßte krampfhaft ihre Hand, in der sie die [59] Gabel hielt, zusammen und sandte ihrer jüngern Tochter einen nichts weniger als liebevollen Blick zu. »Wie die es so genau weiß!« sagte sie alsdann. »So sieh' du nach, Emilie. Wenn Milch da ist, so steht sie mit Vergnügen zu Diensten.«

Emilie stieß die Schüssel etwas ärgerlich zurück, und sprang auf, um in die Nebenkammer zu gehen.

Die arme Tänzerin stand wie auf Kohlen, denn trotz ihres arglosen Gemüthes fing sie doch an, die fatalen Hin- und Herreden sowie die finstere Miene der Madame Wundel zu begreifen.

Die jüngere Tochter hatte sich unterdessen an den Tisch gesetzt und schien durchaus nicht von dem Blick der Mutter eingeschüchtert zu sein. – »Ich habe Ihnen auch noch meine Complimente zu machen,« sagte sie ruhig zu Clara. »Sie haben heute Abend vortrefflich getanzt und sehr schön ausgesehen.«

Auf diese unvorsichtigen Worte stieß die würdige, aber vorsichtige Mutter ihre aufrichtige Tochter unter dem Tische so derb mit dem Fuße, daß sie zusammenzuckte.

»Sie waren also im Theater,« fragte die Tänzerin, welche diesen Ausspruch mütterlichen Gefühls nicht bemerkt hatte. »Ja, ich glaube, es ist ein schönes Ballet; wir können das freilich nie genau sagen, weil wir mitwirken, aber es wurde viel applaudirt. – Gehen Sie öfters in's Theater?«

»Sie geht zuweilen hin, natürlich höchst selten,« erwiderte Madame Wundel mit einem Ausdruck sittlicher Entrüstung auf dem Gesichte. »Was wollen Sie? Jugend hat nicht Tugend. Ich und meine ältere Tochter betreten nie das Theatergebäude – niemals; der Herr soll mich bewahren!«

»Es ist aber doch ein angenehmes Vergnügen,« sagte Clara, um etwas zu erwidern, mit einem unruhigen Blick auf das Nebenzimmer, denn sie hörte dort ein starkes und verdächtiges Plätschern.

Madame Wundel lehnte sich in ihren Stuhl zurück und zuckte [60] die Achseln, während sie gen Himmel blickte. »Es wohnt in der Nachbarschaft eine christliche Familie,« versetzte sie, »die zuweilen Billete geschenkt erhält, und da bietet man hie und da meiner Tochter eines an. Sie können denken, daß es mir Kummer verursacht, aber was will ich machen? Es ist traurig, aber wahr, daß trotz der größten Ermahnungen bei manchen Menschen die Gnade nicht zum Durchbruch kommen will.«

In diesem Augenblicke trat Emilie Wundel mit dem ersehnten Topfe aus dem Nebenzimmer, Clara empfing ihn dankend, versprach auf morgen Früh die Wiedererstattung und verließ das Zimmer.

Wir können dem geneigten Leser nicht verschweigen, daß das Abendbrod dieser verschämten Hausarmen, bestehend aus gerösteten Kartoffeln und Bratwurst, wozu noch etwas Bier getrunken wurde, nicht ohne einige Streitigkeiten vorüberging. Von der älteren wurde die jüngere Tochter mit einer wahren Verachtung behandelt und Madame Wundel meinte, ihre Letztgeborene sei und bleibe nun einmal eine kolossale Gans, und es hätte sie wahrhaftig gar nicht gewundert, wenn sie vorhin noch hinzugesetzt hätte, das Theaterbillet sei nicht geschenkt, sondern gekauft worden, – was denn auch leider der Wahrheit sehr nahe gekommen wäre.

Unterdessen hatte im gegenüberliegenden Zimmer der alte Mann fleißig darauf los geschrieben und der kleine Knabe stand hartnäckig an seinem Bettchen aufrecht, obgleich ihn sein entblößtes Hintertheil in dem kühlen Zimmer einigermaßen fror. Es war aber auch kein Wunder, daß der kleine Mann seine Nase beharrlich nach der Gegend hindrehte, wo die Schwester verschwunden war. Es kam nämlich aus dem Zimmer der Wittwe Wundel jener angenehme Geruch, von dem wir vorhin gesprochen, und der, so schwach er herüberdrang, doch von dem Bübchen gleich entdeckt wurde. Kleine arme und hungrige Kinder haben eine gar feine Nase.

»Du,« sagte der Knabe zu seiner Schwester, »Clara bringt uns was Gutes zum Essen.«

[61] »Sie wird nichts mitbringen,« entgegnete das verständigere Mädchen.

»Aber ich rieche was, und was Gebratenes. Bekomm' ich nichts davon?«

»Nein, davon kriegst du nichts; das ist für andere Leute, die es gekauft und gekocht haben.«

»Ihr seid recht dumm,« antwortete das Bübchen; »warum kauft ihr nicht auch etwas und kocht es uns? Tann könnten wir es essen; denn wenn ihr etwas kauft und uns bratet, so gehört es uns und nicht anderen Leuten.«

Der alte Mann, der ebenfalls durch den Geruch aufmerksam geworden war, erhob seinen Kopf und sagte lächelnd: »Das Kind spricht sehr logisch; seine Folgerungen sind ganz richtig; nur ruht seine Thesis auf schwachen Füßen.«

»Komm herab in's Bett,« sprach das Mädchen, als drüben abermals die Thüre aufging; »du wirst dich erkälten, und wenn dich Clara so bloß dastehen sieht, so zankt sie mit mir.«

Jetzt kam die Tänzerin mit ihrem Milchtopf zurück. Die beiden Kinder schauten vergnügt empor, das Bübchen klatschte in seine kleinen Hände und rief: »Siehst du, jetzt kommt das Gebratene.«

»Nein, nein, es ist nichts Gebratenes,« entgegnete lachend die ältere Schwester, »aber was viel Besseres. Jetzt mache ich eine Milchsuppe mit Brocken darin, und ihr sollt sehen, wie das schmeckt!«

»O laß mich zusehen, wie du es machst!« sagte das Bübchen. »Bitte, Clara, laß mich zusehen!«

»Aber es wird dich frieren im Zimmer.«

»O, es thut nichts, wenn es mich friert; ich friere gern, wenn ich nur zusehen darf.«

»Aber dann bekommst du einen Husten,« erwiderte Clara, während sie den Topf mit Milch in die verglimmenden Kohlen stellte, »und wirst krank werden.«

[62] »Das thut nichts,« entgegnete entschlossen der Knabe, »wenn ich zusehen darf, bekomme ich gern einen Husten und werde auch gerne krank.«

»Nun meinetwegen,« versetzte die gutmüthige Schwester, »dann könnt ihr helfen das Brod einschneiden. Aber vorher muß ich dir ein Röckchen anziehen und Strümpfe.« Und darauf nahm sie den kleinen Bruder aus dem Bette, legte ein Kissen auf die Kommode und setzte ihn darauf. Das größere Mädchen zog sich allein an.

Wie war das Bübchen so froh, als es die Hoffnung hatte, zusehen zu dürfen, wie die Milchsuppe eingebrockt wurde. Er schlang seine beiden Aermchen der Schwester um den Hals, drückte sein rundes Gesicht fest auf ihre schwellenden Lippen und sagte: »Du bist die allerbeste Clara, und ich habe dich lieb – so viel und so groß wie – wie – ein ganz großes Haus.« – Nachdem der Knabe hinreichend bekleidet war, um die kühle Temperatur in dem Zimmer aushalten zu können, zu welchem Zwecke ihm die Schwester noch ein großes wollenes Tuch um seine Füße schlang, wurde er auf den Tisch gesetzt, an welchem die jüngere Schwester bereits auf einem Stuhle stand, nachdem sie eine große irdene Suppenschüssel herbeigeschleppt.

Die junge Tänzerin nahm die Milch von den Kohlen, und als sie solche in die Schüssel goß, bemerkte sie an der bläulichen Farbe derselben, daß es nicht räthlich sei, um eine größere Menge zu erzielen, noch etwas Wasser zuzusetzen; dies Geschäft hatte Mamsell Wundel im Nebenzimmer bereits gehörig selbst versehen.

»Mir scheint,« sagte der alte Mann an seinem Schreibtisch, indem er seine Feder einen Augenblick anhielt und durch die Brille nach dem Tische schaute, »wir bekommen noch ein Nachtessen. Ei, ei! das ist, obgleich Verschwendung, doch sehr wohlthätig. Auch trifft das prächtig mit meiner Arbeit hier zusammen; ich übersetze auch gerade ein Souper in Onkel Tom's Hütte, und es ist sonderbar, [63] wenn ich von Essen und Trinken schreibe, da bekomme ich einen stärkeren Appetit.«

»Mir geht's auch so, Papa,« antwortete Clara, wobei sie lachend herum schaute. »Wenn ich zum Beispiele in einem Lustspiele bin und sie fangen auf der Bühne an zu essen und zu trinken, da könnte Einem das Wasser im Munde zusammenlaufen; und es geht nicht allein mir so: Alle, die um mich herum sitzen, haben begehrliche Augen und machen spitze Mäuler, – wie du, du kleiner Fresser.« Damit patschte sie dem Bübchen mit dem Löffel um den Mund, was dieser aber gar nicht übel zu nehmen schien, sondern die herabrinnenden Tropfen begierig ableckte.

Der Vater hatte seine Feder niedergelegt, die Brille abgelegt und wischte sich die trübe werdenden Augen.

»Dieses Innere von Onkel Tom's Hütte,« sagte er nach einer Pause, »ist als recht komfortable geschildert und kommt Einem gar nicht so unrecht vor; es ist ein anständiges, festes Gebäude mit einem kleinen Garten davor; auf dem Herde lodert ein Feuer und verbreitet in dem Zimmer eine behagliche Wärme.« – Er sprach das mit leiser Stimme und mehr zu sich selber.

Clara schien auch nicht darauf zu achten, denn sie wandte sich in diesem Augenblick zu ihrer kleinen Schwester und sagte zu ihr: »Aber warum hast du es hier in dem Zimmer so kalt werden lassen? So kann der arme Papa ja nicht schreiben; seine Finger müssen ihm ganz starr werden.«

»Schon die Idee eines Kamins hat etwas höchst Behagliches,« fuhr der alte Mann fort, indem er sich die Hände rieb; »man sieht in die spielenden Flammen, man stellt sich behaglich davor hin und dreht die mächtigen Holzblöcke mit der Zange herum.«

»Ich hätte gern Holz nachgelegt,« entgegnete das kleine Mädchen, »aber Papa hat selbst zugesehen und meinte, wir müssen noch acht Tage lang mit auskommen, ehe du neues kaufen könntest, und wenn man da zuviel brauche, werde es nicht langen.«

[64] »Ich begreife nur nicht,« sprach Clara, »du bist doch schon so ein erwachsenes und vernünftiges Mädchen, daß du nicht früher zur Madame Wundel gegangen und sie um etwas Milch gebeten hast; sie hätte es dir auch nicht abgeschlagen. Da muß man nachdenken, mein Kind; ihr hättet schon um acht Uhr eure Milchsuppe essen können, und nun habt ihr bis jetzt gehungert.«

»Es war noch ein Stück Brod in der Schublade,« erwiderte die jüngere Schwester, »und das haben wir drei gegessen.«

Der alte Mann schaute träumerisch an die Decke empor und sagte: »Tante Cloe steht am Küchenfeuer und aus ihrer Bratpfanne hervor dringt der Geruch von was Gutem; sie hat eben noch ein Stück Speck hineingethan und bemerkt, daß der Kuchen sich wunderschön färbt, daß er sich zu einem prächtigen Braun anläßt: darauf hebt sie den Deckel der Backpfanne weg und läßt einen schöngebackenen Pfundkuchen sehen, dessen sich kein städtischer Zuckerbäcker zu schämen gebraucht hätte. – Ah!« fuhr er mit lauterer Stimme fort, »es ist etwas sehr Vortreffliches um so einen Kuchen.«

Bei dem Worte Kuchen wandte das Bübchen rasch den Kopf herum und seine Theilnahme für die Milchsuppe wurde augenscheinlich geringer.

»Der Papa spricht von Kuchen,« sagte die kleine Schwester zu Clara; »haben wir vielleicht welchen?«

»O nein,« entgegnete die Tänzerin in bitterem Tone. »Papa spricht nur einiges vor sich hin aus dem Negerleben von Amerika.«

Das Bübchen aber gab sich nicht so leicht zufrieden, sondern er wandte den Kopf herum und rief laut: »hast du Kuchen, Papa? Du hast was von Kuchen gesagt?«

»Ich habe eigentlich nur laut gedacht,« versetzte der alte Mann mit einem trüben Lächeln; »ich hatte vorhin gelesen von den armen Negersklaven –«

»Die Kuchen essen?« fragte das Mädchen.

[65] »Allerdings, mein Kind,« sagte der Vater träumerisch, »die Kuchen essen und ein warmes behagliches Zimmer haben.« Dabei rieb er sich die Hände und zog den alten fadenscheinigen Ueberrock fester um seine Schultern.

»Ah!« antwortete das kleine Mädchen, indem sie ihren Kopf auf die Hände stützte und in die dünne Milchsuppe schaute, »wenn sie Kuchen essen, so sind sie ja nicht arm. – Wir haben keinen Kuchen zu essen und oft kein warmes Zimmer; also sind wir auf jeden Fall noch viel schlimmer daran.«

»Das Kind hat in mancher Beziehung nicht unrecht,« sprach kummervoll der alte Mann, indem er seinen Blick umherlaufen ließ auf den kahlen Wänden seiner Wohnung, auf den ärmlichen Möbeln und Betten, und ihn dann auf die kleine Schüssel voll Milch heftete, in welche zwei Kreuzerbrode gebrockt waren, und die ein vollständiges Abendessen abgeben sollte für vier Personen, die bis Abends zehn Uhr gefastet. – –

»So, jetzt ist es angerichtet!« rief die Tänzerin mit lustiger Stimme. Sie wollte dadurch alle trüben Gedanken verscheuchen. »Jetzt laß deine Schreiberei sein, Papa, und komm' zu Tisch.«

»Das reicht ja kaum für euch aus,« entgegnete dieser, »eßt nur, eßt nur, ich schreibe noch.«

Doch blickte er, seinen eigenen Worten widerstreitend, sehnsüchtig nach dem Tische, und als das kleine Mädchen ihm entgegenlief und ihn bei der Hand fortzog, brauchte sie gar keine Kraft anzuwenden, um ihn bis an die Milchschüssel zu bringen.

Die Familie setzte sich um den Tisch herum; Jedes hatte seinen Löffel ergriffen, doch ehe das Abendessen eigentlich begann, mußte sich das Bübchen entschließen, sein gewöhnliches Tischgebet herzusagen. Es faltete die Hände und sprach:

»Komm, Herr Jesu, sei unser Gast, und segne was ich bescheeret hab'.«

Es war dies ein Sprachfehler, den man ihm trotz aller angewandten [66] Mühe nicht abgewöhnt hatte, und den er sich heute Abend vollends nicht verbessern ließ, denn seine ganze Seele schwamm in der Milchschüssel.

So ging nun das Nachtessen vor sich, und die kleine Familie beim flackernden Scheine der Talgkerze wäre in ihrer Zusammenstellung ein kleines, herrliches Genrebild geworden. Der alte Mann mit dem wohlwollenden freundlichen Gesichte, der nur mit großen Zwischenpausen aß, die junge schöne Tänzerin in dem ärmlichen Kleidchen, das volle schwarze Haar aber frisirt wie eine Fürstin und aus demselben hervor zahllose falsche Brillanten blitzend. Sie behauptete, fast gar keinen Hunger zu haben, und schaute mit dem liebenden Blick einer jungen Mutter den beiden kleinen Geschwistern zu, die eine Wette eingegangen zu haben schienen, wer von ihnen zuerst auf den Grund der Suppenschüssel gelange. Wir müssen gestehen, daß sich das Bübchen am Tapfersten hielt, namentlich aber viel Milch schlürfte und die Brocken mehr oder weniger verschmähte. Doch ist hiebei nicht zu übersehen, daß es von dem Stück Brod vor ein paar Stunden das größte Drittel erhalten.

»Karl, Karl!« sagte Clara, die ihm lächelnd zusah, »du vergißt wieder ganz die Geschichte von dem Kinde und der Eidechse. Das mußt du ihm erzählen, Marie.«

Und darauf sprach die kleine verständige Schwester: »das Kind saß vor der Hausthüre und hatte ein Schüsselchen mit Milchsuppe vor sich stehen, da kam die Eidechse und aß mit, aber die Eidechse trank blos die Milch und ließ die Brocken liegen, da nahm endlich das Kind sein Löffelchen«, schlug das Thier auf die Schnauze und rief: »wenn du mithalten willst, so iß auch Brocken, du Ding!«

»So iß auch Brocken, du Ding!« wiederholte Clara und schlug den kleinen Bruder zum Scherz abermals mit dem Löffel, auf seinen milchtriefenden Mund, worüber dieser in ein unauslöschliches Gelächter ausbrach, so daß er fast an einem Brocken, den er gehorsam zu sich genommen, erstickt wäre.

[67] Jetzt war die Milch fast verzehrt und es blieb auf dem Grund der Schüssel nur eine kleine bläuliche Fluth.

»Seht ihr wohl,« rief plötzlich das Bübchen mit großem Ernst: »ihr alle habt wieder nicht an die arme Anna gedacht. Soll sie denn gar nichts zu essen bekommen?« – Er meinte damit die kleine todte Schwester, die draußen im Vorzimmer lag und den ewigen Schlaf schlief.

»Sie will nichts mehr essen,« sagte Marie; »sie ist ja gestorben und jetzt im Himmel.«

Clara, die trotz ihrer Beschäftigung den ganzen Abend an die Verstorbene gedacht, die aber durch ihre Erwähnung den Schmerz des alten Mannes nicht verwehren wollte, zwinkerte leicht mit den Augen und blickte ihren Vater von der Seite an.

Dieser hatte, wie schon bemerkt, fast gar nichts gegessen und saß schon lange da mit gefalteten Händen. Denn wenn er auch im Drange der Arbeit nicht so innig an das Kind gedacht, so fiel ihm die Erinnerung an dasselbe jetzt doppelt schmerzlich auf die Seele, als er nun am Tische den leeren Platz sah, wo sonst die kleine Anna auf ihrem Stühlchen gesessen. Er stieß einen tiefen Seufzer aus und seine Augen funkelten auf eine ganz eigenthümliche Art.

»Die Anna ist nicht im Himmel,« sagte entschieden das Bübchen; »wie kann sie im Himmel sein, da sie draußen auf dem Kissen liegt? Sie kommt erst in den Himmel, wenn sie begraben ist, und das geschieht morgen.«

»Schon morgen?« versetzte der alte Mann und sah seine ältere Tochter fragend an. – »Du hast Alles besorgt, nicht wahr, Clara?«

»Alles so gut wie möglich,« erwiderte die Tänzerin; »und wenn die beiden Kinder brav sein wollen, so zeige ich ihnen das Kleidchen, in welchem die Anna ein Engelein wird.«

Sie stand auf, um das kleine Paket zu holen, blieb aber an der Kommode länger als nöthig war stehen, um ihre hervorstürzenden [68] Thränen, namentlich vor den beiden Kindern, zu verbergen. Da aber diese endlich ungeduldig wurden, so mußte sie wieder kommen und ihnen das Kleidchen zeigen. Nachdem sie den Tisch abgeräumt, schlug sie das Tuch auseinander und breitete es vor ihnen aus.

»Das ist schön,« sagte der Knabe; »ich möchte das Kleidchen wohl einmal anprobiren, mir müßte es recht gut stehen.«

»Warte nur, Karl,« entgegnete ernst der Vater, indem er mit der Hand über die Augen fuhr, »einem solchen Kleide entgehst du nicht; wenn du aber recht brav und folgsam bist, so möge der liebe Gott gnädigst bewilligen, daß du eins bekommst, das noch viermal so lang ist.«

»Mir wäre dies schon recht,« antwortete das Bübchen, wobei es die rothen Schleifen durch die Finger gleiten ließ, »das ist wirklich schön. – Und du hast es ganz selbst gemacht?« fragte er die ältere Schwester.

»So schönes rothes Band!« sagte Marie. »Das sieht doch besser aus als die schwarzen Schleifen.«

»Ja, ja, es ist freundlicher,« versetzte der Vater. – »Wo hast du denn das Band noch aufgefunden?«

»Die im Theater haben es mir gegeben,« erwiderte Clara, »und es hat mich recht gefreut, daß sie so viel Antheil nahmen.«

»Es ist sonderbar,« sprach lächelnd der alte Mann, »wie die Dinge in dieser Welt so seltsam ihren Platz wechseln. Dies rothe Band, das vielleicht noch gestern in den Haaren einer Tänzerin geflattert, kommt nun morgen in die kühle Erde. Aber es ist schön, daß sie dir so geholfen, es freut mich; und wenn mein Kind in den Himmel einschwebt, so werden ihnen diese Schleifen dort oben keine üble Nachrede machen. – Amen!« –

»Amen!« wiederholte auch Clara, und dann setzte sie mit gewaltsam verändertem Tone hinzu: »Aber jetzt, Kinder, zu Bett! Ihr habt gegessen und getrunken und könnt nun ruhig schlafen.«

[69] Dabei lächelte sie durch ihre Thränen und sagte zu dem Bübchen: »Gaislein bist du satt?«

Worauf der Knabe lachend erwiderte:


»Oh! wo sollt' ich satt von sein?
Ich sprang über ein Gräbelein
Und fand kaum ein Blättelein.

Aber ich bin schläfrig und bitte dich, liebe Clara, mich zu Bett zu legen.«

Dies geschah denn auch; Clara lockerte zuerst die dünnen Kissen in dem Bett, dann zog sie die Kinder aus und legte sie hinein. Sie krochen dicht an einander hin, um sich zu erwärmen und die ältere Schwester deckte zu dem gleichen Zweck noch einen wollenen Rock über sie hin. Dann sprachen die Kleinen zu ihrem Spasse den Spruch von vorhin ein paar Mal gegenseitig und entschliefen bald unter Lachen und Scherzen.

7. Kapitel
Siebentes Kapitel.
Sklavenleben.

Der Vater setzte sich an den Schreibtisch, um noch einen angefangenen Bogen zu vollenden, und die Tänzerin zündete eine Lampe an, nahm das Kleidchen und den Kranz von Orangenblüthen und ging in's Vorzimmer. – Hier lag das todte Schwesterchen auf emem weißen Kissen und war mit einem Tuche zugedeckt. Als Clara dieses Tuch wegzog, durchschauerte es sie leicht, und als sie darauf das Kind betrachtete, rollte eine Thräne um die andere aus ihrem Auge. Es lag da so ruhig als ob es schliefe, [70] die Augen halb geöffnet, die Händchen über der Brust gefaltet. Daß es wirklich todt war, sah man nur an der gelblichweißen Gesichtsfarbe, an der glanzlosen Haut und an einem schmerzlichen Zug, der um den zusammengepreßten Mund und das spitzige Näschen spielte, und man fühlte das, wenn man, wie Clara es that, das warme lebensfrische Gesicht an die bleichen Lippen des Kindes drückte und dann jene eisige sonderbare Kälte empfand, jene Kälte, die mit nichts Anderem zu vergleichen ist; jene Kälte, welche die unerbittliche Hand des Todes zurückläßt.

Clara deckte das Kleidchen mit den rothen Schleifen über ihre kleine Schwester hin, legte den Blumenkranz auf ihr Haupt und sank dann vor der Kleinen auf die Knie. Das Kind hatte viel gelitten und war in herben Schmerzen gestorben. Vor dem inneren Auqe der Tänzerin gingen Stunde um Stunde die zwei kummervollen Jahre vorüber, welche dies arme Kind durchlebt und welche Clara mit ihm geduldet und gelitten. Das war ein harte Zeit gewesen seit der Geburt der kleinen Anna. Ihre Mutter, Clara's Stiefmutter, war wenige Tage nach der Geburt des kleinen Kindes gestorben und die Tänzerin hatte es aufgezogen als wäre es ihr eigenes. Ah! sie liebte das arme kränkliche Geschöpf mehr als Alles in der Welt. Sie hing in seinen Leiden inniger an ihm, als an dem Vater und den anderen Geschwistern; es war ihr Eigenthum, sie hatte es sich erobert durch durch die unermüdlichste Sorgfalt, durch unzählige Nachtwachen. Ein halbes Jahr nach der Geburt hatte der Hausarzt gesagt: es ist ein Wunder, Fräulein Clara, daß Sie mit Gottes Hülfe das Kind durchgebracht haben. – Ja, es lebte, es gedieh, und das junge Mädchen sah mit Entzücken, wie es stärker und kräftiger wurde, wie es eines Tags zum ersten Mal lächelte, wie dann lange Unterredungen mit ihr hielt, aber in unartikulirten Tönen, nur ihr allein verständlich. – – – – Und doch mußte es sterben. Wie hatte sie dem Tode diese Beute streitig gemacht![71] Wie hatte sie Tag und Nacht über seinem Lager gewacht, am Morgen seinen ersten Blick empfangen, am Abend seinen letzten! Wie war sie athemlos die vier Treppen hinaufgerannt, um hineintretend zu fragen: »was macht das Kind?« – Da endlich überfiel es eine neue Krankheit, und schon nach wenigen Tagen ging sein Athem schnell und schwer, sanken seine Augen ein und wurden Mund und Nase spitzig. Wenn sich auch Clara überreden wollte, das seien nur vorübergehende Symptome, und wenn sie auch an jedem Abend die ganze Familie an das Bettchen führte und fragte: »nicht wahr, heute geht's mit der Anna besser? ihre Augen sind lebhafter, ihr Athem leichter,« so schüttelte doch der Hausarzt den Kopf, und der verzweifelte Blick, mit dem die junge Tänzerin an seinen Lippen hing, verhinderte ihn mehrere Tage, die Wahrheit zu sagen. Endlich aber mußte er doch eingestehen, daß alle Hoffnung vergebens sei. –

An dem Tage war gerade ein neues Ballet, und Clara mußte tanzen und lustig sein; aber im Zwischenakte stahl sie sich von der Bühne weg und ging an eine kleine Thüre, welche auf die erste Gallerie führte, und dort wartete sie, bis der Leibarzt des Königs seine Loge verließ. Das war ein alter freundlicher Herr, und als er vorbeigehen wollte, hatte sie sich ihm beinahe zu Füßen geworfen, auch konnte sie lange vor ihren Thränen nicht sprechen. Dem Arzte erschien es natürlich sonderbar, hier von der glänzend gekleideten, aber weinenden Tänzerin angehalten zu werden, doch da er ihr ein paar liebevolle Worte sagte, so war Clara bald im Stande, ihm ihr Leid mitzutheilen. Er versprach nach dem Kinde zu sehen und kam auch noch an demselben Abend zum Erstaunen sämmtlicher Hausbewohner, die seinen Wagen anfahren hörten. Doch zuckte er ebensogut die Achseln wie der Hausarzt, und nachdem er das Kind einige Minuten angeschaut, auch sich nach den Vorgängen erkundigt, tröstete er das Mädchen so gut er konnte und sagte richtig voraus, das kleine Kind werde die Nacht nicht[72] überleben. – – Am andern Morgen war es todt. In Clara's Leben entstand eine große Lücke; sie sah vor sich ein weites, graues Feld, in dessen Mittelpunkte das todte Kind schwebte, das langsam vor ihren Augen versank. –

Das Alles überdachte sie in der heutigen Nacht, und all' die Tage, welche das Kind gelebt, gingen in einem stillen Gebete vor ihrem Geist vorüber. Endlich erhob sie sich wieder, deckte das Tuch über das weiße Gesicht der Kleinen, nachdem sie dasselbe vorher noch mit ihren Küssen und Thränen bedeckt: dann ging sie gefaßter in das Wohnzimmer zurück.

Der alte Mann schien eben seine Arbeit für heute Nacht beendigt zu haben, er klappte das Buch, aus welchem er übersetzte, zu, und legte die Feder darauf hin; dann lehnte er sich in seinen Stuhl zurück und sah nachdenkend vor sich hin.

Clara, welche noch keinen Schlaf verspürte, setzte sich ihm gegenüber und bedeckte ihre rothgeweinten Augen mit der Hand.

»Das Buch ist ein eigenes Stück Arbeit,« sagte der Vater, »wohl für Amerika berechnet, namentlich jene Distrikte, wo man Sklaven hält oder für deren Abschaffung alle möglichen Schritte thut. Wie es aber mit seinem gewiß vielfach übertriebenen und eingebildeten Elend bei uns so großes Aufsehen machen konnte, ist mir nur dadurch erklärlich, wenn ich überhaupt unsere kindische Sucht nach Fremdem in's Auge fasse, oder eine Art wollüstig kitzelnder Grausamkeit annehme, mit der man nach weit entfernten fremden Leiden schaut, da man nicht den Muth hat, das Auge auf den eigenen Weg vor sich zu senken, um hier eine ungleich härtere Sklaverei zu entdecken, tieferen Jammer, größeres Elend.«

»Glaubst du das wirklich, Vater?« fragte nachdenkend Clara, die an jene Unterredung auf der Bühne dachte.

»Ob ich es glaube, mein Kind!« entgegnete finster der alte Mann. »Fragst du mich das im Ernst? Blicke doch zunächst auf uns Alle, auf dich selbst. Sieh doch, wie es uns bei angestrengtem [73] Fleiße, bei der größten Thätigkeit nicht möglich ist, unsere kümmerliche Lage zu ändern; sieh doch zu, wie ich mich hier bis Mitternacht mit meiner Feder abmühe, und ohne deine Hülfe, mein gutes Kind, doch nicht im Stande wäre, ausreichend für unsern nothdürftigen Unterhalt zu sorgen.«

»Es ist wahr, Vater, es ist sehr wahr.«

»Jener Onkel Tom zum Beispiel ist glücklich gegen mich zu nennen; er ist ein Sklave geboren, und konnte, ich gebe zu, daß es sehr traurig ist, von einem Tag auf den anderen gewärtigen, was ihm endlich zugestoßen. Und wenn nun diese Geschichte wirklich wahr, wenn solche Grausamkeiten dort jenseits der Meere verübt werden, so haben seine Leidensgenossen das Mitleid aller Nationen für sich; man beklagt ihr Dasein, man bejammert ihr Schicksal, man thut durch Wort und Schrift, was man kann für Erleichterung des Looses jener schwarzen Sklaven, während man dagegen zu Hause wieder Alles thut, um uns recht hinabzudrücken, recht den Fuß auf den Nacken zu setzen, uns, den weißen Sklaven der Armuth und Geburt. – – Die Verfasserin,« fuhr der alte Mann nach einer Pause fort, eine Amerikanerin, Augenzeuge des von ihr geschilderten Sklavenlebens, hatte gewiß die schönste und lobenswertheste Absicht. Glaubst du vielleicht, mein Kind, daß der Gedanke, Etwas zur Beglückung jenes gedrückten Theiles des Menschengeschlechtes beizutragen, die zahllosen Buchhändler in unseren damit und mit so vielem Anderem gesegneten deutschen Landen vermocht hat, das Publikum mit Onkel Tom's Hütten zu überschwemmen, in Wort und Bild, in Gesängen und Theaterstücken? – Glaubst du das? – Ich nicht! Ich habe von einem gehört, der seinen Enthusiasmus so weit trieb, daß er seine sämmtlichen Zimmer mit Schilderungen aus jenem Negerleben ausschmückte, in übermäßiger Freude, daß er endlich etwas gefunden, was in den jetzt interesselosen Zeiten nach seinem Ausdrucke zieht. Tritt doch hin vor diesen – geistigen Sklavenhändler, der dir die Arbeit [74] ruheloser Tage und schlaflosen Nächte, der dir ein Stück deines Inneren, das du ihm geschrieben, anbietest, abfeilscht, ja abjaunert, der dir ein paar magere Kreuzer hinwirft für dein bestes Herzblut; – tritt doch vor ihn hin und sage ihm, du habest auch eine Elise gefunden, deren Mann, ein fleißiger Mann, sich von ihr und ihrem Kinde trennen müsse und weit über's Meer fliehen, weil er hier kein Brod für sich und die Seinen mehr findet. Der hiesige Georg ist freilich kein Sklave, und sein Weib und sein Kind sind bei keiner guten Herrschaft, die sie auf's Freundlichste pflegt, auf's Beste erhält, die ihr Hülfe verspricht und in guten tief gefühlten Worten Trost spendet. O nein, mein Kind, die hiesige Elise, obgleich auch einstens schön, jung und blühend, ist nun nach wenigen Jahren ein armes, verkümmertes Weib geworden und sitzt auf einer ungeheizten Bodenkammer mit ein paar traurigen Gesellschaftern, dem Hunger und der Kälte; und dazu pfeift der Wind höhnend durch die Risse des Daches; sie selbst friert gern und muß ja frieren, denn in ihren letzten warmen Rock hat sie ihr Kind gewickelt und es schlummert nun leise an ihrer Brust, und wenn es auch zuweilen stöhnt und sich im Schlafe hin und her wendet, so ist es doch im Augenblick vor der Kälte geschützt, und wenn der liebe Gott im Himmel sie nicht gänzlich verlassen hat, so findet sie wohl im Laufe des Tages eine mitleidige Seele, die ihr mit etwas Suppe aushilft. – Vorderhand aber hungert sie und hofft, hofft auf ihren Gatten, daß er ihr Hülfe sendet, hofft auf die Barmherzigkeit des Himmels, daß er ihren kränklichen Körper genesen läßt, um sich alsdann durch Arbeit wieder fortbringen zu können. – – Und wie sie so sinnt und denkt, erweitern sich vor ihren Augen die zahlreichen Spalten und Risse im Dach, und ihr Blick fliegt hinaus über die Dächer der Stadt hinweg in das weite Land und über andere Städte und andere Länder, und endlich sieht sie vor sich eine weite, graue, hie und da mit Schnee bedeckte Fläche, eine trügliche Ebene, die auf [75] und niederwankt. – Sie fühlt auch den Seewind, denn es fröstelt sie kalt und schaurig an; am Ufer des weiten Meeres aber stehen Leute und erzählen sich von dem großen Sturm, der gestern stattgefunden und von dem großen Auswandererschiff, das mit so vielen Menschen elend zu Grunde gegangen. – –

Wie das Weib an diese Stelle des Traumes gekommen, da schreckt sie zusammen und ein herzzerreißender Schrei erweckt fast das Kind auf ihrem Schooße, sie aber zum klaren Bewußtsein. Sie streicht krampfhaft lachend das Haar aus ihrem Gesichte und redet sich ein, es sei doch lächerlich, eine solch' traurige, solch' schlimme Vorahnung zu haben. – –

»Und sie hat in ihrem Geiste die Wahrheit gesehen,« fuhr der alte Mann erschüttert fort. Und dabei hatte er die Hände gefaltet und blickte mit einem seltsam stieren Gesicht an die Decke des Zimmers. – »Aus der Tiefe auf stiegen nächtlich die Geister der Ertrunkenen und sie flogen unverwandten Blicks aufwärts gen Himmel. Es waren viele, viele darunter, wie sie hier in dem Buche beschrieben sind, und auch ihnen wurden droben als armen Sklaven eilfertig die Thüren des Paradieses aufgerissen und sie trugen Alle an sich ihr Sklavenzeichen, nicht jenes eingebrannteT.F. an der Hand, das man im Nothfall ausschneiden oder mit einem eleganten Handschuh bedecken kann, sondern ihnen war dasselbe auf die Stirne geschrieben, und an den zusammengebissenen Zähnen und auf den weißen eingefallenen Wangen las man ein ganzes Sklavenleben, ein Dasein ohne Lust und Freude, dahingeschleppt in Kummer und Entbehrungen.«

Clara hatte mit Entsetzen diesen wilden, so heftig ausgestoßenen Worten, ihres sonst gemüthlichen und ruhigen Vaters gelauscht. Sie drückte ihre Hand auf seinen Arm, wie um ihn zu erwecken, zu besänftigen, und es gelang ihr auch; seine Augen verloren ihren starren Ausdruck und er blickte sie mit inniger, väterlicher Zärtlichkeit an, die aber nicht ohne eine tiefe Traurigkeit war. [76] Dann legte er seine Hand auf ihr dunkles Haar, auf ihre zierliche Frisur, und warf sie leicht auseinander, daß ein paar falsche Perlen und Brillanten auf den Boden rollten, die er verächtlich mit dem Fuße von sich stieß, dann die junge Tänzerin auf die Stirne küßte, wobei ein paar Thränen aus seinen Augen auf die ihrigen herabträufelten.

»Ich verstehe dich wohl, mein Vater,« sagte Clara nach einer Pause; »auch ich bin ja eine arme Sklavin, tief erniedrigt durch meine Stellung und durch die Bösartigkeit der Menschen.«

»Sei es, mein Kind,« erwiderte ruhiger der alte Mann, »sei es wenigstens äußerlich; aber bewahre dein Inneres, bewahre dein Herz, dein gutes Gewissen, daß du frei und stolz um dich blicken kannst, daß du das Auge Gottes nicht zu scheuen hast. Was kümmern dich dann die Reden der Menschen!« –

Einen Augenblick blieb es hierauf still in dem Gemach, und der Vater blickte während der kleinen Pause mit ungetrübter Zärtlichkeit auf das junge Mädchen, dann aber drückte er sie sanft an sich, sein Blick wurde wieder finsterer, und um seinen Mund spielte abermals ein hartes, ja verächtliches Lächeln. »Da haben sie,« sagte er, »aus dem Buch ein Lied gemacht.« Es behandelt den Moment, wo die Sklavin Elise mit ihrem Kinde über die auf- und abschwankenden Eisschollen des Ohio flieht; allerdings eine entschlossene und schöne That. Dieses Lied ist nun von irgend Einem zierlich in Musik gesetzt und wird nun schmachtend gesungen von Tausenden deutscher Frauen und Jungfrauen zu den Akkorden eines Klaviers oder dem Geklimper einer Guitarre, sich selbst und den Zuhörern zum unaussprechlichen Vergnügen, und es ist eine Heldenthat, deren Vorbild man Tausende von Meilen weit herholen mußte, weil sie nichts Aehnliches aufzuweisen hat im lieben Vaterlande. – So glauben sie – –

»Ich habe aber eine Mutter gekannt,« fuhr der alte Mann [77] fort, indem er sich erhob und im Zimmer auf-und abschritt, »die hat für ihr Kind noch unendlich mehr gethan, und man hat sie nicht gepriesen in Büchern und Balladen. Dieses Weib war ein armes unglückliches Weib, und obgleich sie nicht von Sklavenhändlern gejagt wurde, so jagten sie doch noch viel grimmigere Feinde: Noth und Hunger. Sie schrak nicht vor der Arbeit zurück, aber sie hatte in ihren guten Tagen nur gelernt, mit der Nadel kunstvolle Arbeiten zu machen, und nun waren ihre Finger vor Kälte steif geworden, und da sie zurückgekommen und verarmt war, so wollte ihr auch Niemand mehr etwas anvertrauen, womit sie sich einen Verdienst machen und das Leben ihres Kindes fristen konnte. Dieses Weib war keine geborene Sklavin; sie war von einer guten ehrlichen Familie, und deßhalb konnte es ihr in ihrem tiefen Jammer nicht gelingen, irgendwo nur ein Almosen zu betteln; auch hatte sie nicht das Geschick dazu: glücklichere und erfahrenere Almosensammler ließen sie nicht aufkommen. – Da irrte sie Abends herum, ihr Kind in ein ärmliches Tuch gewickelt, – ich glaube es war um die Weihnachtszeit und da thut es doppelt weh, wenn man mit einem halberfrorenen hungrigen Wurm vor hellerleuchteten Fenstern stehen muß, um zuzusehen, wie andere glücklichere Kinder in der Fülle der Gesundheit jubelnd um den glänzenden Weihnachtsbaum springen; – das arme Weib hatte gerade keinen Neid auf diese Eltern und Kinder, sie wünschte nur ein kleines Brod für das ihrige, und als sie so an einem Bäckerladen vorbeikam, wo viel zierliches Backwerk ausgelegt war, kam ihr der Gedanke, dort etwas für ihr Kind zu stehlen. – – – Anfangs schauderte sie zurück, denn sie war arm, aber ehrlich. Als aber das kleine Kind vor Hunger leise wimmerte, als sie so gejagt war von Noth und Verzweiflung, da streckte sie die zitternde Hand aus und nahm ein kleines Brod hinweg, konnte aber damit nicht entfliehen, denn als das Verbrechen begangen war, stand sie vor Schrecken festgebannt. –Die Sklavin entging nicht ihren [78] Verfolgern, sie wurde jenseits ihres mit schwimmenden Eisschollen bedeckten Ohio's nicht von freundlicher Hand aufgenommen. – Die weiße Sklavin erhielt für sich und ihr Kind kein warmes Zimmer, kein gutes Bett; sie fiel der strafenden Gerechtigkeit anheim; sie ist verschwunden und verschollen, kein Buch beschreibt ihre größere That, keine Ballade besingt ihr Elend und das ihres Kindes.«

– – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – –

Nach diesen Worten hob der alte Mann seine Hand wie beschwörend gen Himmel und durchschritt mit hastigen Schritten das Zimmer nach allen Richtungen. So oft er aber bei dem Stuhle seiner Tochter vorüberkam, berührte diese leicht seine Hand, worauf sein Schritt jedes Mal ruhiger, sein Blick sanfter wurde. Endlich blieb er vor Clara stehen, faßte ihre Hand und sagte, nachdem er ihr eine Zeitlang in die dunklen Augen gesehen, mit lächelndem Ausdruck im Gesicht: »ja, ja, es ist leider wahr, mein Kind, wir Alle sind Sklaven; sieh' nur mich, deinen Vater, an, glaubst du nicht, daß ich eben so gern ein Zuckerfeld bearbeiten würde, wenn das meine Kräfte zuließen, als diese geistigen Frohndienste zu versehen, die vielleicht hundertste Uebersetzung eines Buches zu machen, das mir unangenehm, ja unheimlich ist! – – Aber ich weiß mich zu trösten, liebe Clara,« fuhr er nach einer Pause fort, während welcher sein Gesicht wieder den alten gemüthlichen und heiteren Ausdruck erlangt hatte, während seine Augen wieder sanft und freundlich strahlten und um den Mund wieder das alte zufriedene Lächeln erschien. »Ja, ja, ich weiß mich zu trösten,« sagte er, »denn siehst du, mein Kind, wären wir, ich, du und vielleicht noch Tausende von Menschen der gleichen Klasse allein dazu berufen, die Sklaven aller anderen zu machen, es wäre entsetzlich, es könnte das nicht lange fortbestehen, und bald müßten sich die Niedergedrückten mit einem einzigen Schrei der Verzweiflung gegen die usurpirte Herrschaft ihrer Unterdrücker auflehnen. [79] Aber es ist nicht so: Alle sind Sklaven, Alle haben keinen freien Willen, auch die, welche stolz auf uns herabblicken; und je höher sie stehen, desto herber fühlen sie ihre Sklaverei.«

Das junge Mädchen sah ihren Vater fragend an, und sagte: »Aber, lieber Vater, die Reichen, die sich für ihr Geld alle Genüsse dieses Lebens verschaffen können –?«

»Sind die Sklaven eben dieses Geldes,« versetzte rasch der alte Mann, »die Sklaven ihrer Leidenschaften, die Sklaven eines oft kranken und deßhalb für viele Genüsse unbrauchbaren Körpers. Sieh' dich um, mein Kind, mit offenem, ruhigem Blick, frage durch alle Schichten der menschlichen Gesellschaft, erkundige dich, wer vollkommen glücklich und zufrieden sei; – du wirst Wenige finden, und wahrlich diese Wenigen am wenigsten in den hohen und reichen Ständen. Dort drückt die unzerreißbare Sklavenkette des sogenannten guten Tons, des Herkommens am stärksten, wenn sie auch der oberflächliche Beschauer nicht sieht, da sie unter Gold und Blumen versteckt ist; dort verletzt ein Wort, ein Blick die kranken Herzen, dort gelten freundliche Augen und lachende Lippen nicht für den Ausdruck eines zufriedenen Gemüths; sie dienen nur dazu, Verdruß, Haß, Wuth, Neid zu verdecken: ein Händedruck, ein freundliches Wort will dort nichts sagen, es ist das hundert Mal die Maske eines Sklaven, der viel lieber knirschend in seine Kette beißen möchte, und den nur die Macht, das Ansehen des Anderen dazu zwingt, ein süßes Gesicht zu machen und den Rücken zu krümmen. –«

»Und alle schleppen diese Kette mit sich herum und lassen sie erst fallen, wenn der erstarrten Hand mit ihr zugleich die Zeichen der Macht und des Reichthums entfallen. – Es ist dies wahrlich in der Welt recht schön und klug eingerichtet,« fuhr der alte Mann lächelnd fort; »Einer ist wie gesagt der Sklave des Andern, und so hängen alle Menschen an einer gewaltigen Kette, vom Bettler bis hinauf zum Könige.«

[80] »Aber der König ist frei,« sagte lächelnd das Mädchen, »ihn kannst du nicht zu den Sklaven rechnen.«

»Gewiß, mein Kind, ihn auch,« antwortete der alte Mann und starrte nachdenkend, doch nicht unfreundlich aussehend vor sich hin. »Er ist auch Sklave der Verhältnisse, seines Schicksals, ja theilweise seiner Umgebung; sein Wille vermag nicht immer durchzudringen; und glaube mir, er in seiner Höhe fühlt es doppelt hart, wenn sich ihm eine andere unsichtbare Gewalt gegenüberstellt, wenn sein Befehl an einer Intrigue abgleitet. Es sind vielleicht nur Kleinigkeiten, die den Herrscher mit den unsichtbaren Ketten umgeben und einengen, aber gerade weil er sonst herrscht und gebietet, fühlt er hier um so schmerzhafter, daß er gefesselt ist. – Ja, Alle, Alle sind Sklaven!«

Bei diesen Worten erhob der alte Mann seine Augen, ließ sie einige Minuten auf dem schönen Gesichte seiner Tochter ruhen, dann wandte er sie sinnend gegen die Mauer, welche das Gemach umgrenzte, die aber seinen Blick nicht aufhielt; sie schien sich vor ihm zu öffnen und er in weite Fernen, in andere Verhältnisse, in fremdes Leben zu schauen. Seinen Mund umspielte ein freundliches Lächeln; er sah in Gestalten und Bildern vor sich, was er vorhin in Worten ausgesprochen; er blickte in die Zukunft und zugleich in die nachfolgenden Kapitel dieses Buches.

8. Kapitel
Achtes Kapitel.
Arthur.

Es mochte etwas über zehn Uhr an dem Abend gewesen sein, als der junge Mann, welcher der Tänzerin, Mamsell Clara, so [81] unverhofft, wenn auch vielleicht nicht unerwartet, einen guten Abend gewünscht, das Haus verließ, nachdem sie die Thüre sanft hinter ihm zugemacht. Als er hierauf durch die Straße ging, konnte er sich nicht enthalten, noch öfters nach dem Hause mit dem hohen Giebeldache zurückzuschauen, und da bemerkte er nur noch ein einziges kleines Fenster erhellt; das übrige Haus lag schon in tiefer nächtlicher Ruhe und Dunkelheit. An dem Lichte aber, das noch so freundlich hinaus schien, saß sie wahrscheinlich; sie blickte vielleicht in die Flamme, die auch er jetzt von Weitem sah – sie mochte vielleicht sogar an ihn denken.

Unter diesen angenehmen Träumereien setzte der junge Mann seinen Weg fort wie Jemand, der durchaus keine Eile hat. Er befand sich, wie wir bereits wissen, in einem entlegenen Stadttheile, wo die Straßen krumm und winkelig liefen, bald mit Häusern besetzt waren, bald nur mit einfachen Gartenmauern, hinter denen Bäume ihre nackten Aeste emporstreckten, und die seltsam angestrahlt waren von dem Schein einer Gaslaterne, die auf der Höhe der Mauer brannte und sowohl diesseits als jenseits das Terrain beleuchtete.

Zuweilen wurde in dieser Gegend der Stadt die Straße von Kanälen durchschnitten, und dann passirte man kleine hölzerne Brücken, auf denen der Fußtritt in der nächtlichen Stille so seltsam klang. Allerlei unregelmäßige Gebäude, Kirchen, große Fruchtspeicher, alte Thürme stellten sich dem Wanderer trotzig und verziert mit weißen Schneekappen in den Weg und man mußte genau seine Richtung kennen, um sich in diesem Labyrinthe nicht zu verirren. Es gab auch freilich noch einen andern Weg, um von dem erwähnten Hause mit dem Giebeldach in die besseren und vornehmeren Stadtviertel zu gelangen, doch suchte der junge Mann, den wir eben begleiten, deßhalb diese andere Straße zwischen den alten Häusern hindurch, weil ihn die seltsamen Formen dieser Gebäude anzogen und er sich ergötzte an dem sonderbaren Lichteffekt, der [82] dadurch hervorgebracht wurde, daß die Straßen immerfort in einer Schlangenlinie liefen, weßhalb oft jener Theil grell beleuchtet ward, während die vorspringende Ecke im tiefsten Schatten lag.

Bald befand sich der einsame Spaziergänger in der Nähe des großen Fruchtmarktes, dem ältesten Theile der Stadt, wo es noch mehrere Häuser gab, die durch ihren Aus- und Eingang ein paar Straßen mit einander in Verbindung setzten. Einer dieser Passagen pflegte der junge Mann nie aus dem Wege zu gehen, weder bei Tage noch bei Nacht, und er erfreute sich jedesmal an der förmlichen Tunnelgestalt, welche der Hauptdurchgang zwischen den Gebäuden bildete.

Das waren zwei alte, massive Häuser mit großen Thoren und mehreren Höfen; zwischen jenen lag die Passage, von der wir oben gesprochen. Es war das eine Art gewölbter Gang, der unter dem einen Hause durchlief und mit der Straße in Verbindung stand. In diesem Gange selbst befand sich eine einzige Thüre, welche durch ein eisernes Gitter verschlossen wurde und vermittelst einer steinernen Treppe in den ersten Stock des großen Gebäudes führte, wo sich eine sonderbare Restauration und Gastwirthschaft befand. Hier war nämlich der Aufenthalt sämmtlicher Bänkelsänger, Orgelmänner, Besitzer von Raritätenkasten, Poeten, welche den Leuten Mordgeschichten erklärten, Harfenmädchen und ähnlichem Volk. Alle fanden hier für billiges Geld ein Unterkommen; man nahm es hier mit den Pässen und Papieren nicht sehr genau, und der Wirth dieser mildthätigen Anstalt, Herr Scharffer, galt nicht blos als sehr entschlossen, wenn es darauf ankam, eine unschuldige Harfenistin vor den Krallen der Polizei zu beschützen, sondern man munkelte auch, er habe schon zum öfteren Male sehr gefährliche Mitglieder der menschlichen Gesellschaft längere Zeit vor den Augen der Justiz zu verbergen gewußt.

Dem sei nun wie ihm wolle, dieser Gasthof – er hieß der Fuchsbau – war, wie gesagt, sehr malerisch gelegen, und schon [83] zum Oefteren von armen Künstlern benützt worden, um das Album irgend einer vornehmen Dame mit einem interessanten Gegenstand zu bereichern. Man fand hier Kloster- und andere Höfe, Theile irgend einer Burg, und wenn man dazu eins der Harfenmädchen nahm, die man zuweilen am Fenster sah, so war ein artiges Bildchen fertig.

Der junge Mann, dem wir folgen, durchschritt träumend den äußeren finsteren Hof und blieb, als er jenen Durchgang erreicht, still betrachtend vor dem herrlichen Lichteffekt stehen, der sich seinem Auge darbot. Der ganze Schein einer Laterne war förmlich in diesen Durchgang gepreßt und strahlte nur in einzelnen Blitzen auf den Hof hinaus, hier die schönen Sculpturen eines Thorbogens erleuchtend, dort von den matten Scheiben irgend eines alten Fensters abstrahlend. Nachdem er sich dies einige Augenblicke betrachtet, wollte er seinen Weg fortsetzen, als er hörte, wie das eiserne Thor in dem Durchgange geöffnet wurde; er vernahm deutlich das Klirren der Schlüssel und hörte Fußtritte, welche die Treppe herab kamen. Da man nicht wissen konnte, mit welcher Gesellschaft man hier zusammentraf, so blieb der junge Mann noch einen Augenblick stehen, um die Anderen vorangehen zu lassen und ihnen alsdann zu folgen. Doch mußte er sich eine Weile gedulden, denn zwei Männer, welche aus dem Hause traten, blieben vor der Gitterthüre plaudernd stehen. Der Eine war der Wirth, Herr Scharffer selbst, ein großer Mann in einer grauen Jacke, einer einfachen Hausmütze, unter der ein sehr entschlossenes und markirtes Gesicht hervorschaute; es war eine Physiognomie, die man, wenn man sie einmal gesehen, nicht so bald wieder vergißt und die man mit ein paar Bleistiftstrichen treffend hinzeichnen kann. Er hatte eine große und lange Nase, einen breiten, stets lächelnden Mund und einen kohlschwarzen, struppig abstechenden Backenbart. Der andere Mann, der neben ihm stand, hatte einen großen Radmantel über die Schultern geschlagen, der ihm bis über die Nase reichte [84] und so sein Gesicht schwer erkennen ließ. Er trug einen gewöhnlichen runden Hut und in der Hand unter dem Mantel ein Spazierstöckchen, mit dem er heftig auf seine Stiefel schlug.

Dem Zuschauer im Hofe waren diese beiden Männer vollkommen gleichgiltig, ja er hatte schon die Absicht, bei ihnen vorbei zu gehen, als der Unbekannte mit dem Mantel einige Worte lauter sprach, worauf der Klang dieser Stimme den jungen Mann plötzlich aufmerksam machte.

»Aber sie soll von hier fort,« sagte er mit klarem und bestimmtem Tone. »Sie soll unter allen Umständen und schon morgen fort. Teufel auch! Man hat ihr noch vor einem halben Jahre mit neuen Papieren ausgeholfen und sie mobil gemacht. Ich kann mich nicht so überlaufen lassen.«

»Sie hat so fest darauf gerechnet,« entgegnete der Wirth, »Sie werden ihr nochmals helfen. Deßhalb erlaubte ich mir auch, Sie hieher zu bitten; übrigens ist sie nicht unbrauchbar; es ist ein Teufelsmädchen.«

»Ja, ja,« meinte der Andere nachsinnend, setzte aber mit lauterer Stimme hinzu: »aber zu bekannt, hier viel zu bekannt.«

»Bah!« versetzte der Wirth, »dafür haben wir Mittel, und die ist mit allen Hunden gehetzt. Was gilt die Wette, sie stellt sich Ihnen irgendwo als französische Gouvernante vor, und Sie sollen sie nicht wieder erkennen. Mein Rath wäre wahrhaftig, sie da zu behalten; seit die Lisette verschwunden ist, fehlt uns Jemand derartiges. Du lieber Gott! bei dem ersten größeren Unternehmen befinden wir uns in Verlegenheit.«

»Aber es kann nicht sein, es kann wahrhaftig nicht sein!« erwiderte der Andere, wie es schien, ärgerlich; »wir wollen ihr Empfehlungen geben, sie soll nach B. gehen, aber hier kann ich sie nicht gebrauchen; das wäre compromittirend.«

»Nur ein paar Tage,« bat der Wirth, »sprechen Sie ein kluges Wort mit ihm.«

[85] »Mit wem?«

»Nun, mit ihm,« sagte der Wirth mit leiserer Stimme, indem er sich scheu umblickte.

»Ah! mit ihm ist schlecht Kirschen essen,« entgegnete der Andere. »Und so Kleinigkeiten! Ich habe wichtigere Sachen für ihn!«

»Aber ich bitte herzlich darum,« fuhr der Wirth dringender fort. »Man kann ihm auch einmal wieder einen Gefallen erweisen.«

»Ihr seid wahrhaftig ein eigensinniger Kerl, Scharffer,« sprach der im Mantel, indem er ungeduldig mit den Achseln zuckte. »Laßt sie laufen; glaubt mir, es ist besser.«

»Ich habe es ihr so gut wie versprochen.«

»Nun denn, in's Teufels Namen! Ich will ihn darum fragen; aber wenn er befiehlt, sie solle abreisen, dann macht mir keine Geschichten, und versteckt sie nicht heimlich bei euch.«

»Gegen seinen Befehl? – Gott soll mich in Gnaden bewahren!« sagte der Wirth, indem er erschreckt zurücktrat. »Nein, nein, durch Schaden wird man klug, und ich verlange in meinem Leben nicht mehr, mit ihm auf unfreundliche Art zusammenzukommen.«

»Ja, er kann hart sein,« erwiderte der Andere lachend, während er seinen Mantel, der herabgerutscht war, wieder über die Schultern warf. – »Nun, gute Nacht! Vergeßt mir nicht Zeichen und Adresse für die nächste Woche; sichtbar bin ich für keinen Menschen.«

»Will's schon behalten!« versetzte der Wirth. »Schneegäßchen Nummer vierundachtzig.«

»Schön,« sprach der Unbekannte im Mantel, und ging mit hallenden Tritten den Durchgang hinab.

Der junge Mann, der dieser Unterredung, ohne es zu wollen, gelauscht, wäre gerne gefolgt. – Diese Stimme war ihm nicht unbekannt; doch wenn er daran dachte, der, dem diese Stimme gehörte, solle hier eine solch' vertrauliche Conversation mit dem verrufenen Wirth zum Fuchsbau halten, so mußte er lächeln. Das war ja gar [86] nicht möglich! Und doch – wie gern hätte er sich überzeugt! Aber es war unmöglich, denn Meister Scharffer blieb, sobald der Andere fortgegangen war, aufmerksam lauschend stehen und schaute bald auf die Straße, bald auf den Hof. Erst als die Tritte des Mannes im Mantel gänzlich verklungen waren, trat der Wirth in das Haus zurück, schloß die Gitterthüre hinter sich und stieg langsam die schmale, steinerne Treppe hinaus.

So schnell als möglich eilte jetzt der junge Mann auf die Straße und bis zur nächsten Ecke, wo er horchend stehen blieb. Doch war es für dies Viertel schon Schlafenszeit, und man hörte nirgendwo auf der Straße ein Geräusch; Alles war todtenstill, so sehr er sich auch anstrengte, vernahm er doch keinen Ton von Fußtritten. Kopfschüttelnd schritt er durch mehrere enge Straßen über den großen Fruchtmarkt und kam nach einer Viertelstunde in einen belebteren Stadttheil und in die Nähe des Schlosses. Dort blieb er vor dem hohen steinernen Portal einen Augenblick stehen, denn hier schieden sich drei Wege, die er alle drei verfolgen konnte, den ersten nach Haus, den zweiten in ein beliebtes Kaffeehaus und den dritten zu einem Bekannten, dem jungen Grafen Fohrbach, der vielleicht schon in seiner Wohnung anzutreffen war, und es von jetzt ab bis ein paar Stunden nach Mitternacht gerne sah, wenn man eine Tasse Thee bei ihm nahm und eine Cigarre rauchte. Er entschied sich für das Letztere; er ließ das Schloß rechts liegen, beging die weitläufigen Nebengebäude desselben und gelangte nach kurzer Zeit in jene lange Straße, in welcher der geneigte Leser zu Anfang dieser wahrhaftigen Geschichte bei Sonnenuntergang einen flüchtigen Blick geworfen.

Da wir nun aber im Begriffe sind, dem in der breiten Straße vor uns Wandelnden in eine kleine auserlesene Gesellschaft zu folgen, so halten wir es für unsere Schuldigkeit, dem geneigten Leser zu sagen, daß der junge Mann, dem wir heute Abend gefolgt, der Sohn eines reichen Banquiers der Residenz ist, daß er in einer [87] Akademie zugleich mit den Söhnen der ersten Familien des Landes erzogen wurde, daß er durch sein gebildetes, feines und liebenswürdiges Betragen in allen Kreisen gern gesehen ward, daß er seines Zeichens ein Maler war und mit seinem Vornamen Arthur hieß; – den hiezu gehörigen Familiennamen werden wir später noch kennen lernen.

Graf Fohrbach war der einzige Sohn seines Vaters, des alten Generals und jetzigen Kriegsministers, und wohnte, seit er mündig geworden, in einem kleinen reizenden Hinterhause des väterlichen Palastes. Der nachsichtige alte Herr hatte ihm in der Mauer, die Hof und Garten umgab, einen neuen Eingang herstellen lassen, an dem sich eine Klingel befand, die mit dem kleinen Hause in Verbindung stand. Eigentlich befanden sich hier zwei Schellenzüge, jede für die Dienerschaft des Grafen von besonderer Bedeutung. Die eine war für die Vertrauten und Freunde, und wenn sie erklang, so sprang die kleine Thüre in der Mauer wie von sich selbst auf, um dann hinter den Eingetretenen sogleich durch eine unsichtbare Macht wieder zugedrückt zu werden.

Auf diese Art trat auch Arthur in den winterlichen Garten, dessen Bäume in weißem Reif prangten; die Blumenbeete waren mit Tannenreisern zugedeckt; Spaliere und Statuen unter starrenden Strohdecken gaben so recht das Bild des tiefen Winterschlafs, in den die Natur versunken war. Aus dem Schornstein eines kleinen Gewächshauses zur Seite qualmte eine dicke Rauchwolke, und das war das einzige Zeichen von Leben, das man im Hof und Garten sah; ein Weg, der bei dem großen Hause vorbeiführte, war vom Schnee rein gefegt und brachte den Maler in wenig Augenblicken in die Thüre des Pavillons, in welchem Graf Fohrbach residirte. Auch hier öffneten sich Haus- und Vorthüre wie von selbst und erst, als man die letztere hinter sich hatte, trat man in ein hell erleuchtetes und sanft erwärmtes Vestibül. Ein Diener in Livrée hob schweigend einen schweren Teppichvorhang auf und [88] ließ den Ankommenden in ein Vorzimmer treten, Wo sich der Kammerdiener des Grafen befand.

Dieser war ein alter Mann mit weißen sorgfältig gebürsteten Haaren, und schien derselbe im schwarzen Frack und weißer Halsbinde auf die Welt gekommen zu sein; wenigstens erinnerte sich von der jetzigen Generation Niemand, ihn je anders als in diesem Anzuge gesehen zu haben. Er las gerade in einem Buche, erhob sich aber aus seinem bequemen Fanteuil, als der Thürvorhang rauschte und ging dem Eintretenden freundlich entgegen.

»Ah! Herr Arthur kommen früh,« sagte der alte Mann, der sich diesen vertraulichen Ton seit den Zeiten der Schule, wohin er seinen Herrn begleitet, nicht mehr abgewöhnt hatte und ihn auch auf die genaueren Bekannten und Freunde desselben ausdehnte. Doch war es eine Auszeichnung, also von ihm angeredet zu werden; entfernteren Bekannten oder Leuten, über deren Charakter er nicht genau in's Klare kommen konnte, gab er ihre vollständigen Titel. – »Der Herr Graf ist vor einer halben Stunde aus dem Theater gekommen.«

»Und ist schon Besuch da?« fragte der Maler.

»O ja,« entgegnete der Kammerdiener mit freundlicher Stimme, »Herr Eduard, Herr Eugen sind da, sowie auch,« setzte er mit plötzlich ernster werdendem Tone und feierlichem Wesen hinzu, »der Herr Baron von Brand.« Darauf nahm er halbverstohlen eine Prise – die goldene Dose ließ er fast nie aus der Hand – nickte ernsthaft mit dem Kopfe, als wollte er ausdrücken: es ist gewiß so, wie ich gesagt, und ging sodann auf die Thüre des Nebenzimmers zu, diese zu öffnen.

»Ist der Herr Baron schon längere Zeit im Salon?« fragte Arthur.

»Er kam vor einer kleinen Viertelstunde,« entgegnete der Kammerdiener.

»Zu Wagen oder zu Fuß?«

[89] »Zu Fuß, – wie die Lakaien sagen, von dem Haupthause her; er schien drüben einen Besuch gemacht zu haben.«

»So, so,« erwiderte nachdenkend und mit leiser Stimme der Maler, fuhr aber laut fort, als er den aufmerksamen Blick sah, mit dem ihn der Kammerdiener betrachtete: »ja, das habe ich mir gedacht; ich glaubte schon, ich hätte ihn anderswo gesehen, aber ich habe mich geirrt.« Nach diesen Worten grüßte er den alten Mann freundlich und trat in einen kleinen Salon, der mit ein paar Lampen erhellt war, in dem sich aber Niemand befand. Dicke Teppiche, die den Boden bedeckten, dämpften seinen Schritt und so konnte er einzelne Worte einer Conversation im Nebenzimmer hören, ohne daß man dort seine Annäherung bemerkte.

Arthur hob den Thürvorhang auf und kam in ein achteckiges Gemach, von welchem noch nach drei anderen Seiten Thüren ausliefen: nach dem Eßzimmer, dem Schlafzimmer und nach einem anderen kleinen Vorsaal, der an ein Glashaus stieß, durch welches allein der Pavillon mit der Einfahrt des Haupthauses in Verbindung stand. Zu diesem Eingang besaß nur Graf Fohrbach die Schlüssel, die er selten, fast nie Jemand anvertraute.

Das achteckige Gemach war mit einem außerordentlichen Comfort ausgestattet, und erschien namentlich bei Nacht äußerst wohnlich; silbergraue Tapeten widerstrahlten das Licht eines kleinen Kronleuchters mit Lampen auf die freigebigste Art; die Fensteröffnungen sah man nicht, da Vorhänge von roth gestreifter Seide davor zusammengezogen waren. Von dem gleichen Stoff waren die meisten Möbel hergestellt, und alle von einer wahrhaft raffinirten Bequemlichkeit. Der Salon war ziemlich groß und hatte Platz für eine Menge Divans, Fauteuils, Chaiselongues, die aber alle ziemlich auffallend durcheinander geschoben waren und von denen drei und vier immer einen kleinen Plauderwinkel bildeten. Ein Smyrnateppich bedeckte den Boden und überall, wo es möglich war, sah man obendrein noch kleine persische Vorlagen. Etwas Eigenthümliches [90] hatte übrigens dieser Salon oder vielmehr die Einrichtung desselben. Ueberall, wohin man blickte, herrschte eine malerische Unordnung, ohne daß übrigens irgend etwas verwahrlost gewesen wäre. So lagen zum Beispiel Handschuhe, Bücher, ein Blumenbouquet zusammen auf einem rothseidenen Fauteuil, ein schwerer Kavalleriesäbel stand mitten in einer Gruppe von Blumen und Sträuchern aufgepflanzt, und über den Schultern eines marmornen Amors hing als Schärpe ein reicher persischer Stoff, den der Graf Gott weiß zu welchem Zwecke gekauft.

Obgleich das ganze Haus frei lag und der Wind nach Belieben um dasselbe her sausen konnte, so bemerkte man doch in dem Salon nichts hievon, denn er stieß nur mit der Fensterecke an das Freie; die übrigen Theile waren, wie bereits erwähnt, von anderen Gemächern umgeben, woher es denn auch kam, daß das Zimmer so behaglich, warm und angenehm war. Im Kamin brannte ein helles Feuer, und vor demselben standen einige Fauteuils, in welchen die jungen Leute, von denen der Kammerdiener vorhin gesprochen, so bequem wie möglich ausgestreckt lagen.

9. Kapitel
Neuntes Kapitel.
Coeur de Rose.

In dem Augenblick, als Arthur eintrat, wurde die Unterhaltung nicht gerade besonders lebendig geführt; irgend Einer hatte eine Bemerkung hingeworfen, welche den Anderen vielleicht nicht Wichtig genug erschien, um viel darauf zu antworten. Genug, man hörte einige beistimmende Ja, ein Ah! dann rauchten Alle ruhig ihre Cigarren fort. Graf Fohrbach, der mit dem Rücken gegen den Kamin saß, winkte dem Eintretenden freundlich mit der Hand und [91] sagte: »Es freut mich, daß Sie noch kommen, Arthur; rollen Sie einen Stuhl herbei. Wo das kleine Rauchmaterial ist, wissen Sie; wenn Sie aber eine lange Pfeife wollen, so klopfen Sie nach gutem türkischen Gebrauch dreimal in die Hände.«

Der Maler dankte und nickte den drei anderen Herren zu, welche sich im Zimmer befanden. Zwei von ihnen, welche der Kammerdiener mit Herr Eugen und Herr Eduard bezeichnet hatte, saßen vor dem lodernden Feuer, der Dritte, der Baron von Brand, lehnte dem Hausherrn gegenüber nachlässig an dem Kamingesims, auf welches er den rechten Arm gestützt hatte, während er die linke Hand zwischen dem zugeknöpften schwarzen Fracke verbarg.

Arthur langte nach einer Cigarre und zündete sie an; nachdem er die einfachen Fragen, als: ob er im Theater gewesen, ob es nicht heute Nacht verflucht kalt werde, mit Ja oder Nein beantwortet hatte, lehnte er sich in den Fauteuil zurück und konnte nicht unterlassen, seine Augen mehreremal über das Gesicht und die Gestalt des Baron Brand hingleiten zu lassen, was uns wir im Interesse des geneigten Lesers ebenfalls zu thun erlauben wollen.

Der Baron Brand mochte einige Jahre über Dreißig zählen; er war von mittlerer Größe, schlanker Taille und, obgleich ziemlich mager, sah man an ihm doch eine hochgewölbte Brust und sehr breite Schultern. Nebenbei, daß die Körperformen dieses Mannes etwas sehr Elegantes, ja Graziöses hatten, entnahm man noch an Allem, was er that, eine außerordentliche Gelenkigkeit, welche auf eine große Körperkraft hindeutete, welche er auch in der That besaß und von der er gerne scherzweise Proben ablegte. Seine Kopfform war eher länglich als rund, sein Teint weiß und frisch, die grauen Augen sehr lebhaft, das Haar von sehr hellem Blond, oder wenn man wollte streifte es, aber kaum merklich, in's Röthliche. Er trug es aus dem Gesichte gestrichen, kurz geschnitten und emporstehend, was zugleich mit dem aufgedrehten Schnurrbart seinem Gesichte etwas Keckes, ja Unternehmendes gab.

[92] Von den zwei anderen jungen Herrn war Eugen von S. der Aelteste dieser Gesellschaft – er mochte vielleicht nahe an die Vierzig sein – eine feste, gedrungene Gestalt mit schwarzem Haar und großem Schnurrbart gleicher Farbe, und trug als Major die Königliche Adjutantenuniform. Der Andere, Eduard von B., war ein junger Assessor, der sehnsüchtig nach dem Rathstitel verlangte und sich schon darauf hin ein äußerst bedächtiges Reden und Benehmen angewöhnt hatte.

Graf Fohrbach endlich, der Hausherr, ebenfalls Adjutant des Königs, hatte höchstens achtundzwanzig Jahre und war ein hübscher, lustiger Offizier von gutem, treuem Gemüthe, aber etwas zu fröhlicher Natur und namentlich, wenn er Waffenrock und Säbel abgelegt hatte, zu allerlei kecken, zuweilen unüberlegten Handlungen aufgelegt.

Es trat eine längere Pause ein, während welcher alle Vier rauchten und sich der Hausherr mit dem Kopf an das Kamin lehnte, um mit großer Aufmerksamkeit dem blauen Dampfe zuzuschauen, wie er in kunstreichen Ringeln an die Decke emporstieg.

»Was meinen Sie, Baron?« sagte er endlich. »Ich hätte wohl Lust, die Wette von voriger Woche nochmals mit Ihnen durchzumachen.«

»Was ist das für eine Wette?« fragte der Major.

»Wir saßen neulich beim Kaffee,« erzählte der Hausherr, »als der Baron Brand auf seinem neuen Rappen vorüber kam. Du weißt, wie er mit der Flüchtigkeit dieses Pferdes renommirt.«

»Und da man deine Leidenschaft für Wetten kennt,« sagte der Assessor, »so trugst du ihm natürlicher Weise gleich eine an?«

»Das versteht sich von selbst,« erwiderte lachend der Graf. »Ich schlug ihm also die bekannte Geschichte vor, er solle nach dem eine Stunde weit entfernten A. hin und zurück reiten, und ich wolle unterdessen ein halbes Pfund kleiner Bisquite auf einem Sitze essen. Wer zuerst mit seinem Geschäft zu Ende sei, ich mit dem [93] Essen oder er mit dem Hin- und Herreiten, habe begreiflicher Weise gewonnen.«

»Und ebenso begreiflich verlorst du,« versetzte der Major. »Ich habe diese Wette schon oft machen und verlieren sehen.«

»Freilich verlor ich,« entgegnete der Hausherr, »aber es fehlten keine sechs Bisquit mehr, und ich hätte unfehlbar gewonnen, wenn ich nicht mit meinem verfluchten Husten wenigstens zwei Minuten eingebüßt hätte. Aber wie gesagt, ich proponire die Wette nochmals, ich kann mich nicht so schlagen lassen.«

Der Baron, dem diese Worte galten, blickte auf den Sprecher nieder und lächelte dabei. Aber dieses Lächeln paßte so gar nicht zu der hohen Stirne, zu dem ganzen kecken Kopfe; es war etwas Süßes und Geziertes darin, ebenso wie in seiner Sprache, ja wie in den Worten, die er sprach. Es war eine wirkliche Enttäuschung, ihn, nachdem man ihn gesehen, auch reden zu hören. Dabei war der Klang seiner Stimme frisch und kräftig, aber die Manier, wie er seine Worte aussprach, weichlich, ja läppisch – eine böse Angewohnheit oder der Beweis von einem schwachen, verzärtelten Gemüthe.

»Nein, nein,« sagte er lachend, »die kleine Wette hat mir zu wohl gethan; ich versichere Sie auf Ehre, es ist etwas Deliciöses, eine Wette zu gewinnen. Und bei Ihnen kommt man selten dazu, lieber Graf. Aber wenn Sie dieselbe vielleicht umgekehrt annehmen würden, so könnten Sie versichert sein, ich mache mir das unendlichste Vergnügen daraus.«

»Daß der Baron den Bisquit verschluckte?« fragte der Major mit seiner tiefen Stimme, »das wäre ein Anblick für Götter! Da betheilige ich mich bei der Wette, wenn ich zuschauen darf; ich sehe ihn schon vor mir, wie er mit dem Daumen und dem Zeigefinger jedes Bisquit auf die zierlichste Weise herumdreht, um es mit Anstand in den Mund zu schieben. – Nein, da würden Sie nicht weit kommen.«

[94] Der Baron lächelte wohlgefällig, wobei er zwei Reihen schneeweißer Zähne zeigte, dann fuhr er mit der Hand durch das dichte Haar, zupfte seinen Hemdkragen in die Höhe und entgegnete: »Sie haben Recht, Major, ich könnte meine Wette verlieren, blos durch den Gedanken, vor den Augen Anderer hastig und ungeschickt zu essen. Ich halte das für fürchterlich; wenn ich überhaupt im Stande wäre, eine neue gesellschaftliche Ordnung einzuführen, so gäbe es keine Diners, keine Soupers mehr. Es ist doch in der That nichts unangenehmer und alle Illusion zerstörender, als wenn man um sich herum eine ganze Menge essender Lippen und kauender Zähne sieht. – Coeur de rose! ich verabscheue das, und wenn ich namentlich an einer Dame Antheil nehme, so bin ich völlig unglücklich, wenn ich mich neben sie zu Tische setzen muß. Ich verbleibe alsdann das ganze Diner mit niedergeschlagenen Augen.«

»Unglücklicher Baron!« versetzte Graf Fohrbach. »Man kennt Ihre niedergeschlagenen Augen. Das ist eines von Ihren unwiderstehlichen Mitteln; Sie schauen nur auf Ihren Teller, um dann plötzlich das neben Ihnen sitzende arme Schlachtopfer mit einem einzigen Blicke niederzuschmettern.«

Der Baron lächelte wie ein vollendeter Geck, worauf er vergnügt seine Fingerspitzen besah, dann den aufrecht stehenden Enden seines Schnurrbarts eine noch drohendere Stellung gab, nachdem er seine Cigarre auf das Kamingesims niedergelegt. »Sie thun mir Unrecht,« sprach er; »ich versichere Sie, wenn ich zuweilen meine Augen auch aufschlage, so habe ich gewiß niemals die Idee, indiscrete Blicke umherzuwerfen. Sagen Sie selbst, meine Herren,« wandte er sich an die Uebrigen, »kann man überhaupt zurückgezogener leben, kann man weniger aus sich selbst machen, als ich thue?« Bei diesen Worten und einem Lächeln, das augenscheinlich dazu bestimmt war, seine eigenen Worte Lügen zu strafen, zog er sein Tuch aus der Tasche und fuhr zierlich damit an seinem Bart [95] und seinen Lippen umher. Das Wehen des Tuches verbreitete einen eigenthümlichen, sehr angenehmen Geruch.

»Da hat er wieder ein neues Odeur entdeckt,« sagte Graf Fohrbach, indem er mit der Hand die Luft gegen sich fächelte und dann den Geruch eifrig einsog. »Was Teufel ist das wieder?«

»Das sind seine Geheimnisse,« versetzte lächelnd der Major. »Aber es riecht in der That nicht unangenehm. Wo bekommen Sie das her, Baron? Wie heißt dieses höchst angenehme Parfum?«

Der also Gefragte wedelte mit seinem Schnupftuche hin und her, dann steckte er es in die Tasche und antwortete mit großer Wichtigkeit: »Sehen Sie, meine Herren, das sind meine Geheimnisse. Jeder Mensch hat die seinigen; der Major, als zweiter Chef der Adjutantur, kennt alle geheimen Ordonnanzen Sr. Majestät; unser theurer angehender Rath blickt in die Entstehung der Gesetze hinein; Sie, Graf Fohrbach, beschäftigen sich mit den Geheimnissen verschiedener Anzüge und unser junger Maler untersucht fast dieselben Geheimnisse, nur daß er sich gang an's Aeußere hält. – Aber mein Departement ist das der feinen Odeurs; meine Forschungen sind emsig darauf gerichtet, und meine Arbeiter und Gesandten darauf hingewiesen, mich im Fach des Wohlriechenden beständig an kalt zu halten.«

»Teufel auch!« rief der Major laut lachend, »das war eine schöne Rede. – Aber jetzt wissen wir gerade so viel wie vorher. Nun, seien Sie ehrlich, wie heißt dieser kostbare Wohlgeruch und wo ist er zu haben?«

»Hier ist er vorderhand nicht zu haben,« entgegnete sehr ernst der Baron. »Ich bekomme ihn von einem Freunde aus Konstantinopel, wo fast das ganze Fabrikat in's Serail geht. Er wird nur von einem einzigen Künstler, einem Armenier, gemacht und heißt coeur de rose.«

»Aha! Daher kommt denn auch Ihr neuer Schwur!« erwiderte der Hausherr. – »Ihr werdet doch bemerkt haben, daß der gute Baron seit einiger Zeit nur beicoeur de rose schwört? – [96] Aber ich kenne ihn,« setzte er mit einer Handbewegung hinzu, »morgen Früh erhalten wir Alle einen Flacon coeur de Rose.«

»Das wäre in der That zu viel verlangt,« sagte bedächtig der Assessor, »denn der gute Baron, der im Punkte des Geruchs ein Monopol haben will, müßte sich augenblicklich ein anderes Odeur anschaffen.«

»Aber halten Sie es nicht für gefährlich, Baron,« meinte lachend der Graf, »so ausschließlich ein Odeur für sich zu besitzen? Das könnte doch bei Ihren vielen Eroberungen zu unangenehmen Verwicklungen führen. So ein armer Ehemann kommt in das Boudoir seiner Frau und merkt gleich, daß Sie da gewesen sind.«

»Das ist gewiß schon oft passirt,« sagte der Major. »Und wenn man das recht in's Auge faßt, so kann man sich eine Verstimmung, die man hie und da bemerkt, erklären. – Apropos! um von Verstimmungen zu reden, so muß dem alten Baron von W. auch wieder was in die Quere gelaufen sein.«

»Ei der Teufel!« versetzte Graf Fohrbach aufmerksam, »erzähl' uns das, Major.«

»Es war eigentlich nur ein Spaß,« entgegnete dieser, »denn wenn wirklich etwas daran wäre, so müßtest du an: Ersten davon wissen.«

»Von dem alten Baron weiß ich verflucht wenig,« erwiderte der Hausherr. »Es ist dir bekannt, daß ich gar nicht in seinem Vertrauen stehe.«

»Aber die Baronin kommt doch häufig in euer Hans.«

»Ah! die schöne junge Frau!« sprach melancholisch der Baron Brand, indem er seufzend in die Höhe blickte.

»In unser Haus?« sagte der Graf. »Du weißt doch, daß ich mit Papa kein gemeinschaftliches habe, und was drüben geschieht, davon erfahre ich nicht besonders viel.«

»Aber zu deiner Mutter kommt die Baronin häufig,« erwiderte der Major.

[97] »Das ist wohl wahr,« versetzte Graf Fohrbach; »aber leider nie in den Stunden, wo ich drüben bin.«

»Er hat leider gesagt, dieser vortreffliche Graf!« mischte sich der Baron mit einem süßen Lächeln in das Gespräch. »Das Leider klingt mir ungeheuer verdächtig.«

»Diesmal hat Sie Ihr gewöhnlicher Scharfsinn getäuscht,« entgegnete trocken der Hausherr. – »Aber was meintest du mit einem Auftritt?« wandte er sich an den Major.

»Oh, es ist eigentlich unbedeutend. Du weißt wohl, daß man von unserem Dienstzimmer in den gegenüberliegenden Flügel des Schlosses sieht, wo Seine Excellenz, der Generaladjutant des hochseligen Königs, der Baron W., wohnt; und du weißt auch, daß ich sehr gute Augen habe. Da stand ich nun vorgestern am Fenster, halb hinter dem Vorhang verborgen, und betrachtete mir die gegenüber liegenden Fensterreihen von oben bis unten. An einem dieser Fenster steht Seine Excellenz mit dem gewöhnlichen finstern Blick, aber nicht mit der gewöhnlichen Ruhe. Jetzt fängt er auf einmal an, auf den Fensterscheiben zu trommeln; es schien mir irgend ein Sturmmarsch zu sein, aber er trommelte nur einige Takte.«

»Wahrscheinlich zum Loslassen der Plänkler,« meinte der Assessor.

»Vielleicht wohl. Es muhte etwas vom Loslassen darin vorkommen, denn gleich darauf ließ er sich selbst los. Sein nicht gerade schönes Gesicht wurde dunkelbraun, sein eines Auge blickte eine Zeit lang stier in den Hof hinaus, dann wandte er sich mit einer raschen Bewegung um und gesticulirte und telegraphirte in's Zimmer hinein, was ich mir ungefähr mit den Worten übersetzte: Madame, ich kann und will Ihren Worten nicht glauben, hol' der Teufel die ganze Geschichte! Aber wenn ich noch einmal sehe, Madame, daß Sie die Vorhänge Ihres immer verschlossenen Wagens hinaufziehen oder daß Sie Jemand Anders anblicken wie mich, so scheue ich einen öffentlichen Eclat ganz und gar nicht und schicke Sie nach[98] Schloß Werdenberg, wo Sie mit undurchdringlichen Waldungen und den alten Portraits meiner Familie kokettiren können!«

»Ich möchte den Major mir nicht gegenüber wohnen haben,« sagte der Baron; wobei er sich indessen Mühe gab, ein starkes Gähnen zu unterdrücken. Offenbar war ihm die Erzählung langweilig.

»Aber woher vermuthest du, daß diese ganze Geschichte sich auf die arme Frau bezog?«

»Ich vermuthe nie,« sprach ernst der Major, »sondern ich urtheile nur nach Vorfällen und Thatsachen. Nachdem also Seine Excellenz den wahrscheinlichen Sturmmarsch mehrmals auf die Fensterscheibe getrommelt und öfters wie ein Kreisel in das Zimmer hineingeflogen war, verschwand er plötzlich vor dem Fenster. Ich blieb an dem meinigen stehen und dachte: du willst doch sehen, ob da nichts weiter vorfällt. Nun dauerte es aber nicht lange, so fuhr drüben ein Wagen vor, Seine Excellenz kamen die Treppen herab, setzten sich ein und fuhren davon. Eine lange Weile nachher wurde drüben an den Fenstern nichts sichtbar, und man bemerkte nur etwas wie einen Schatten im Zimmer auf- und abgehen. Endlich erschien die Baronin zwischen den Vorhängen, sie hatte ein weißes Tuch in der Hand, und ich sah deutlich, wie sie ihre vom heftigen Weinen gerötheten Augen an die Scheiben drückte. So blieb sie einen Augenblick stehen, dann zog sie sich in's Zimmer zurück und die Geschichte war zu Ende.«

»Ist denn der Baron so außerordentlich eifersüchtig und gibt ihm seine Frau Ursache dazu?« fragte der Assessor.

»Das erste ja, das zweite gewiß nicht,« erwiderte der Major. »Sie ist ein armes, kleines, gedrücktes Weib, das bei dem alten Währwolf ein rechtes Sklavenleben führt. Wie hätte die Frau so glücklich sein können, wenn sie in die rechten Hände gefallen wäre! Ich kenne in der That kein freundlicheres, besseres und reicheres Gemüth. Daß sie schön ist, wißt ihr selbst am Besten zu beurtheilen.«

»Sehr schön,« sagte der Baron nun wirklich gähnend; »Figur, [99] Gesicht, Alles. Es wäre eine vollendete Schönheit, nur will mir das Haar nicht gefallen.«

»Das Haar? – Ah! da muß ich bitten,« entgegnete eifrig der junge Maler, der hier eine Veranlassung hatte, sich in das Gespräch zu mischen. »Es gibt kein glänzenderes Haar, kein schöneres Blond.«

»Baron, geben Sie das zu!« rief Graf Fohrbach lustig. »Und Sie werden das Haar gewiß schön finden, wenn ich Ihnen sage, daß es mit dem Ihrigen einige Ähnlichkeit hat.«

Alles lachte, doch Arthur sagte sehr ernst: »Der Graf hat recht; es ist da nichts zu lachen; das Haar der Baronin W. hat in der That mit dem unseres Freundes hier eine große Aehnlichkeit; ja, ich möchte noch weiter gehen und behaupten, daß ich sogar in der Gesichtsbildung der beiden Genannten eine gewisse Harmonie finde.«

»Baron, das schmeichelt,« meinte der Hausherr. »Und der Teufel soll mich holen, Arthur hat nicht ganz Unrecht. Forschen Sie einmal in Ihren Geschlechsregistern nach, am Ende sind die Familien Brand und die der Baronin mit einander verwandt.«

Auf das hin flog ein düsterer Schatten über das lachende Gesicht des Barons, er preßte eine Sekunde lang die Lippen auf einander, worauf aber sogleich wieder seine Züge von dem bekannten süßen und unwiderstehlichen Lächeln erheitert wurden. Er stellte sich breit vor den Spiegel, der über dem Kamine hing, betrachtete sich lange und forschend, sowie mit großer Selbstzufriedenheit, und sagte endlich mit entschiedenem Tone: »Nein, meine Herren, ihr irrt euch, die Baronin, so schön sie ist, kann keine Ansprüche machen, mir ähnlich zu sehen.«

Es sollte das natürlicher Weise nur ein Scherz von dem jungen Manne sein, doch alle Anwesenden, da sie mit seinen Schwächen bekannt waren, konnten sich eines schallenden Gelächters nicht erwehren.

»Wir wollen die Sache nicht weiter untersuchen,« meinte der Major; »nur so viel ist jetzt gewiß, daß die Baronin eine sehr schöne Frau ist.«

[100] »Und der Baron ein schöner Mann,« sagte galant der Hausherr. – »Aber,« setzte er ungeduldig hinzu, »ich begreife nicht, wo unser Thee bleibt. Es muß doch eilf Uhr vorüber sein. – Klingeln wir.«

Dabei hob er seinen Arm empor und zog an der über seinem Haupte befindlichen Glockenschnur.

10. Kapitel
Zehntes Kapitel.
Herr von Dankwart.

Fast zu gleicher Zeit öffnete sich die Thüre und der alte Kammerdiener trat herein, gefolgt von einem Lakaien, der auf einem großen Präsentirteller das Theeservice hereinbrachte, einen Tisch in die Nähe des Kamins stellte und auf demselben Geschirr und Tassen zu ordnen begann, dazu Butter und Brod, etwas kaltes Geflügel und eine einzige Flasche Champagner. Er war mit diesem Arrangement noch nicht zu Ende, als der Bediente, der das Service gebracht und sich wieder entfernt hatte, abermals in das Zimmer schlich und dem alten Manne einige Worte in das Ohr flüsterte.

Dieser richtete sich in die Höhe, dachte einen Augenblick nach, schüttelte leicht mit dem Kopfe und ging zu dem Grafen hin, dem er meldete: »Herr Baron von Dankwart sind draußen und lassen fragen, ob der Herr Graf zu Hause seien.«

»Nein,« antwortete dieser ganz ruhig, indem er die Achseln zuckte. »Ich bin für den Herrn von Dankwart selbst am Tage nicht zu Haus; er soll mich in der Nacht ungeschoren lassen!«

Der Kammerdiener blickte auf den Bedienten, die ser zog mit einem sehr verlegenen Gesicht die Achseln in die Höhe, worauf der [101] alte Mann seinem Herrn sagte: »Er hat die zweite Klingel gezogen, weßhalb ihm der Portier sogleich geöffnet.«

»Woher weiß er, beim Teufel! daß an meinem Hause zwei Klingeln sind? Für ihn ist nur die einzige da!«

In diesem Augenblicke schien der Vorhang, der im äußeren Zimmer hing, sich leicht zu bewegen. Der Bediente hustete verlegen, näherte sich seinem Herrn auf einige Schritte, und sagte mit vorgestrecktem Halse zu ihm: »Euer Erlaucht wollen gnädigst verzeihen, aber der Herr Baron von Dankwart sind bereits draußen im Salon.«

Graf Fohrbach, der ebenfalls ganz genau gesehen, daß bei der Thüre sich etwas bewege, blickte scheinbar nachsinnend zur Decke empor und rief dann mit so lauter Stimme, daß man ihn nothwendig draußen hören mußte: »Ah! das kann nur ein Irrthum sein; Baron von Dankwart kenne ich gar nicht: es gibt keinen Baron dieses Namens hier. – Nicht wahr?« wandte er sich an den Assessor.

»Ich kenne auch keinen Baron dieses Namens,« entgegnete der Gefragte mit vollen Backen, denn er hatte eben angefangen, dem kleinen Goutté zuzusprechen.

»Ah! welch' vortreffliche Spässe!« ließ sich eine laute Stimme im Hinterhalt vernehmen, während ein kleiner Mann zwischen den Vorhängen der Thüre sichtbar wurde, der sich die Gesellschaft schalkhaft lachend betrachtete und sich mit außerordentlicher Beweglichkeit und etwas gespreiztem Wesen derselben näherte. Ein paar Mal schaute der kleine Mann mit vieler Wichtigkeit rechts und links, und seine Hände zuckten beständig, als wolle er sie einer Menge unsichtbaren Bekannten zum Schütteln darreichen, – ein Manöver, das er nun am Kamin angekommen, dort ebenfalls genau auszuführen trachtete, ohne aber großen Anklang zu finden.

Der Graf hatte sich einer Tasse Thee bemächtigt, die er mit einer Hand hielt, während er in der andern die Cigarre hatte. – [102] »Ah! Sie sind's, bester Herr von Dankwart?« sprach er scheinbar erstaunt. »Die Bedienten sprechen alle Namen so furchtbar ungeschickt aus; aber Sie werden verzeihen, daß ich Ihnen meine Hand nicht reichen kann, ich mühte sonst die Tasse oder Cigarre fallen lassen.«

Der kleine Mann, der seine gelben Glacéhandschuhe schon zu dem erwähnten Zwecke emporgehoben hatte, kam durchaus nicht aus dem Gleichgewicht; er hob seine Finger etwas höher, um dem Grafen sanft auf die Schulter zu klopfen, wobei er lachend sagte: »wie dieser gute Graf so ungeheuer bequem ist! Nun, unter Bekannten nimmt man's nicht so genau.« Hierauf sah er forschend im Zimmer umher, rief dem Major einen guten Abend zu, grüßte den Assessor vertraulich, und stieß den Baron von Brand, der am Tische beschäftigt war und ihm deßhalb den Rücken drehte, sanft mit dem Finger in die Seite.

Worauf dieser ohne umzuschauen, einfach mit dem Kopfe nickte, und dabei sagte: »Ah! Herr von Dankwart, so spät noch? – Es freut mich, Sie zu sehen.«

»Das ist in der That ein possirlicher Herr!« erwiderte laut lachend der kleine Mann; »dieser theure Baron von Brand behauptet, mich zu sehen und dreht mir den Rücken; das ist außerordentlich komisch!« Alsdann legte er seinen Hut auf eine Chaise longue, sah sehr freundlich aber nicht ohne Wichtigkeit nochmals im Kreise umher, natürlicher Weise, ohne aber den Maler zu bemerken, der ihm am nächsten saß, und ließ sich dann mit einem leichten Seufzer in den neben ihm stehenden Fauteuil hineinfallen.

Der Graf konnte nicht umhin, Arthur dem eben Angekommenen vorzustellen. »Herr Arthur, ein junger talentvoller Maler,« sagte er – »Herr von Dankwart, Geschäftsmann Ihrer Hoheit, der Frau Herzogin.«

Arthur verbeugte sich, und der kleine Mann drehte mit großer Lebendigkeit seinen Kopf herum, indem er versetzte: »Habe noch [103] nie die Ehre gehabt, in der That noch niemals die Ehre, von Ihnen zu hören, was mir eigentlich sehr befremdend ist, denn die Herren alle hier werden mir bezeugen, daß sich jeder Künstler um meine Bekanntschaft bemüht, daß – wie soll ich mich genau ausdrücken? – es für jeden Künstler von Wichtigkeit ist, von mir gekannt zu sein.«

»In dem Falle,« entgegnete Arthur lächelnd, »muß ich dem heutigen Abend besonders dankbar sein, daß er mir das Glück verschafft, Ihre Bekanntschaft zu machen, und mir gestattet, so viel Versäumtes nachzuholen.«

Herr von Dankwart schaute einen Augenblick aufmerksam in das Kamin; er schien die Antwort des Malers vollkommen überhört zu haben; wie es überhaupt eine Gewohnheit von ihm zu sein schien, nur zu sprechen und zu fragen, ohne eine genügende Antwort zu erwarten. – »Sollten Sie es glauben, bester Graf,« sagte er nach einer Pause, »daß die jungen Künstler völlig auf eigenen Füßen stehen wollen und die Protection tüchtiger Männer für gar nichts achten, keine gute Lehre, keinen Rath mehr annehmen wollen? Ich versichere Sie – nun, ich brauche es eigentlich nicht zu betheuern; die Welt weiß, wie ich mich auf Anordnung und Colorit verstehe, – aber die Herren wollen Alles besser wissen. – Haben Sie das Portrait Ihrer Hoheit gesehen, seit es fertig ist – früher etwas mangelhaft, etwas leer in der Staffage, aber jetzt superb, herrlich! gemalt von Herrn Wiesel –?«

»Ein sehr gutes Portrait!« versetzte Arthur.

»Jetzt freilich,« erwiderte Herr von Dankwart mit scharfer Betonung des ersten Wortes. »Ihre Hoheit steht vor dem Portal Höchst Ihres Landhauses und schaut hinaus in die Gegend. Das war Alles recht schön und gilt, die Allerhöchste Figur kann man sehr gelungen nennen, aber sie schaute in eine Gegend, ohne daß sich etwas Interessantes begibt; also blickte Ihre Hoheit, wenn ich mich so ausdrücken darf, aufmerksam in ein Nichts, denn die bekannte [104] Gegend dürfte doch nicht im Stande sein, die gespannte Aufmerksamkeit Ihrer Hoheit zu fesseln. Darin lag der Fehler, ich fühlte das gleich, obgleich ich mich lange vergebens bemühte, dem Maler Wiesel dies ebenfalls begreiflich zu machen; aber es wäre Schade, wenn man es nicht geändert hätte. Ich weiß nicht, ob Sie mich verstehen, aber es war eine Leere da, die dem verständigen Beschauer drückend erschien.«

»Und dieser Leere halfen Sie?« fragte trocken der Major.

»Allerdings,« entgegnete wichtig Herr von Dankwart.

»Was aber nicht schwer sein mußte,« warf der Baron von Brand dazwischen, indem er sich mit dein Battisttuch den Schnurrbart wischte. »Man brauchte ja nur ein zierliches Rosengebüsch anzubringen.«

»Diesmal hatte ich eine bessere Idee,« sagte lächelnd der kleine Mann mit Selbstzufriedenheit. »Wiesel war erstaunt darüber; unter uns gesagt, er äußerte sich, es schmerze ihn tief, daß ihm das nicht selbst eingefallen. Ich ließ also,« – fuhr Herr von Dankwart mit gehobener Stimme fort, wobei er Daumen und Zeigefinger der linken Hand vereinigte und sie bestimmt auf und ab richtete, während er diese Worte sprach, – »ich ließ also hinten aus dem Gebüsche den kleinen Hund der Frau Herzogin heraustreten, wodurch die ganze Scene belebt wurde und ein Gegenstand da war, auf welchen sich der fragende Blick der hohen Frau im nächsten Augenblicke richten würde.«

»Vortrefflich!« meinte der Major, indem er große Wolken aus seiner Cigarre blies.

»Und malte Wiesel den Hund?« fragte Arthur.

»Ob er ihn malte!« entgegnete Herr von Dankwart im wegwerfenden Tone, »auf allerhöchsten Befehl –«

»Ich dachte, Sie hätten es befohlen,« sagte bedenklich der Assessor.

»Ich – nun ja, ich,« erwiderte der kleine Mann mit vieler [105] Würde. »Natürlich ich, aber wie es sich von selbst versteht, im hohen Auftrage, im Namen Ihrer Hoheit, der Frau Herzogin. – Aber wissen Sie auch,« fuhr er nach einer Pause in natürlicherem Tone fort, »weßhalb ich eigentlich hieher gekommen.«

»Nein,« versetzte bestimmt der Graf, »ich habe keine Idee davon.«

»Man hat mich versichert, Sie hätten eine Sendung des vorzüglichsten Latakia erhalten, und nun bin ich da, um zu untersuchen, ob er wirklich von so guter Qualität ist. Sie werden mir zugestehen, daß man bis jetzt die beste Pfeife bei mir rauchte; ist aber die Ihrige vorzüglicher, lieber Herr Graf Fohrbach, so kann ich Ihnen in der That nicht helfen; in dem Falle müssen Sie mir einen Theil erlassen. – Soll ich in die Hände klatschen?« – Nach diesen Worten und einem vergeblichen Versuche, mit den kurzen Füßchen den Fußboden zu erreichen, warf sich Herr von Dankwart graziös in dem Fauteuil hin und her und stützte die Ellenbogen auf die Kniee, die Handflächen ausgebreitet, um sie leicht zusammenschlagen zu können.

»Lassen Sie das Klatschen nur sein,« sprach ruhig Graf Fohrbach, »wissen Sie, mein theurer Herr von Dankwart, man ist hier im Hause nur an meine Befehle gewöhnt und Ihr Klatschen könnte mißverstanden werden. Aber ich will für Sie die Klingel ziehen; mit Vergnügen sollen Sie eine Pfeife haben.« Damit hob der Hausherr seinen Arm in die Höhe, schellte zweimal, worauf sich in der Thüre des anstoßenden Schlafzimmers der Jäger des Grafen zeigte und auf erhaltenen Befehl eine angezündete lange Pfeife brachte, die er dem kleinen Mann in den Mund steckte.

Während demselben auf diese Art das Maul gestopft wurde und endlich einmal stille stand, und während er sich mit Behaglichkeit in dem Fauteuil ausstreckte, haben wir Muße, ihn dem geneigten Leser näher zu beschreiben.

Herr von Dankwart war von sehr kleiner Gestalt, die, an sich [106] in recht guten Verhältnissen, nur zu dem ziemlich dicken und unförmlichen Kopfe durchaus nicht Passen wollte, welcher der ganzen Figur etwas Zwerghaftes verlieh. Der eben erwähnte Kopf bildete ein vollkommenes Dreieck von dem spitzen Kinn an bis zu der breiten Stirne, die nach oben an eine außerordentlich dünne Haarlichtung stieß und sich solchergestalt fast bis zum Hinterkopf fortzusetzen schien. Das Gesicht hatte einen ganz eigenthümlichen Ausdruck; es lag etwas Verschmitztes und zugleich sehr Hochmüthiges darin. Die Wangen waren sehr eingefallen und selbst das Gesträuch des dort wuchernden Bartes war nicht im Stande, diese tiefen Thäler auszufüllen. Der Mund war ziemlich klein, die Augen aber weit geöffnet und von einer unangenehmen bläulichen Farbe und geistlosem Ausdruck. Obgleich Haar und Bart so sorgfältig als möglich gepflegt waren, so machte doch der ganze Kopf den Eindruck, als sei er vernachlässigt worden, habe lange Zeit vergessen in einem Winkel gelegen und sei dort von den Ratten abgenagt worden. – Der Anzug des Herrn von Dankwart war untadelhaft von den fein lackirten Stiefeln an bis zu den steifen und hohen Halskrägen; er befand sich im schwarzen Frack und schien aus einer Soirée zu kommen.

Hier, beim Grafen Fohrbach, hatte sein Erscheinen indeß nicht zur Belebung der Unterhaltung beigetragen. Der Hausherr lehnte ziemlich verdrießlich an dem Kamin und ließ große Rauchwolken aus seiner Cigarre aufsteigen; der Major war still und einsylbig geworden, und während sich der Assessor bei einer soliden Restauration mit Champagner und kaltem Geflügel beschäftigte, tauchte der Baron von Brand verschiedene Bisquits in Zuckerwasser – au fleur d'orange.

Der kleine Mann rauchte seinen Tabak prüfend aus der langen Pfeife, sog den Dampf ein, verschluckte ihn unter verschiedenen Grimassen, trank eine Tasse Thee darauf und ließ eine Weile nachher den Tabaksrauch nach ächter orientalischer Manier wieder dem Magen herauf steigen, um ihn hierauf von sich zu blasen.

[107] »Der Latakia ist gut,« sagte er nach einer Pause, »ich möchte sagen, fast so gut wie der meinige, und wenn es Ihnen recht wäre, mein lieber Graf, so machten wir einen kleinen Tausch. – Apropos,« fuhr er nach einem abermaligen tiefen Zuge fort, ohne vorher eine Antwort abzuwarten, »um vom Tauschen zu reden, so kennen Sie, lieber Major, gewiß den kleinen Fuchsen des Prinzen A. Halten Sie ihn von einer guten Zucht, von einer unverfälschten Race, würden Sie zum Beispiel zu einem Tausche zwischen jenem Pferde und meinem Schimmel rathen?«

Der Major blickte einigermaßen erstaunt empor und entgegnete: »Der Fuchs ist ein vortreffliches Pferd, und bei allem Respekt vor Ihrem Schimmel begreife ich doch nicht, wie einem Kenner hiebei ein Tausch einfallen könnte.«

»Es ist vielleicht dem Prinzen darum zu thun,« meinte der Baron von Brand mit einem süßen Lächeln, »etwas zu bekommen, was dem Herrn von Dankwart gehörte; wie man auch sonst wohl die unbedeutendsten Sachen, wenn sie großen Männern angehören, in hohem Werthe hält.«

Der Graf Fohrbach lächelte in sich hinein, und Herr von Dankwart blickte verwundert auf den Sprecher; doch da er dessen gleichmüthiges, unbewegliches Gesicht sah und sich gnädigst erinnerte, man müsse dessen beschränktem Verstande schon etwas zu gute halten, so begnügte er sich damit, die Achseln zu zucken, die Backen aufzublasen und alsdann aus seinem Pfeifenkopfe eine Menge Rauch zu stoßen.

»Es wird spät,« sagte der Major, »ich gehe nach Hause. – Du kannst morgen nicht auf die Jagd?« wandte er sich an den Grafen.

»Herrendienst!« erwiderte dieser; »ich bin morgen in das Vorzimmer gefesselt. Wenn du Nachmittags zurück kommst, kannst du mir erzählen, wie es draußen ausgesehen.«

»Ich komme gegen Abend und werde dich besuchen,« versetzte [108] der Major, indem er sich erhob. »Nun, Assessor, du fährst doch mit mir?«

»Ich hatte auf einen Platz bei Ihnen gerechnet, lieber Major,« sagte Herr von Dankwart, »und schickte deßhalb meinen Wagen nach Hause.«

»Daran haben Sie bei diesem Wetter sehr unrecht gethan,« entgegnete der also Angeredete. »Den Teufel auch, man muß im Winter nicht so unvorsichtig sein! – Ich könnte Ihnen nur ein kleines Bänkchen in meinem Coupé anbieten, aber es ist voll Pelzfußsäcke und dergleichen.«

»Lassen Sie sich eine Droschke holen, Herr von Dankwart,« meinte der Baron von Brand. »Sie können sich denken, daß ich Ihnen mit großem Vergnügen einen Platz bei mir anbieten würde, aber erstens habe ich da den Maler aufgeladen, und zweitens fahren wir nicht ganz direkt nach Hause. – Sie waren auch einmal ein fröhlicher Garçon und werden mich schon verstehen.« Bei diesen Worten hatte er seinen Hut genommen und Arthur leicht angestoßen, als er bei diesem vorüber kam.

Unter dem allgemeinen Aufbruch, der nun erfolgte, schien das ziemlich lange Gesicht des kleinen Mannes, mit dem er diese Abweisungen erhalten, nur von dem Hausherrn bemerkt zu werden. Dieser führte den Major wie absichtslos in eine Ecke, und sagte dort leise zu ihm: »Rückt in Gottesnamen zusammen und nimmt mir den Kerl mit fort, sonst sitzt er mir dahin, langweilt mich noch eine Stunde, und ich muß ihn am Ende nach Hause fahren lassen.«

»Recht!« erwiderte der Andere, indem er den Mund zum Lachen verzog, »wir wollen ihn in die Mitte nehmen.« Dann wandte er sich an Herrn von Dankwart und sagte ihm: »Sie werden hoffentlich so gut von unserer Galanterie denken, daß wir Sie nicht bei Nacht und Nebel allein und zu Fuß nach Hause gehen lassen. Wenn Sie den Mittelplatz zwischen diesen respektabeln [109] Körpern einnehmen wollen« – dabei zeigte er auf den Assessor und sich selbst – »so wird's uns freuen.«

»Das ist mir wahrhaftig angenehm,« entgegnete hierauf Herr von Dankwart mit großer Lebhaftigkeit; »und ich versichere Sie, den Weg zu Fuß zu machen, wäre mir eine Kleinigkeit, da ich bedingungsweise die kühle Nachtluft liebe; aber ich habe Ihnen einiges nicht Unwichtiges mitzutheilen. Ihre Hoheit nannte beim Frühstück Ihren Namen und – doch davon später! Bringen wir also diesen guten Assessor nach Hause, er wohnt nicht weit von hier, und dann fahren wir äußerst angenehm zu mir.« – Bei diesen Worten erhob sich Herr von Dankwart stolz und beruhigt, zog seinen schwarzen Frack in die Taille hinein, warf den Kopf mehr als gerade nöthig war, in die Höhe und reichte seine Finger mit vieler Grazie rechts und links zum Abschiede. Da aber zufälliger Weise Niemand besonders darauf achtete, so gingen mehrere schöne Händedrücke für diese undankbare Welt verloren.

An der Thüre sagte der Baron von Brand zu dem Hausherrn: »Ich hätte bald vergessen, Sie zu fragen, lieber Graf, wie Sie es morgen bei dem Begräbniß der Fräulein von M. halten?«

»O, ich schicke einfach einen geschlossenen Wagen hin.«

»Kutscher und Bedienten?«

»Natürlicher Weise; je größer die Pracht, desto mehr bezeugt man sein Beileid. – Gute Nacht! – Gute Nacht!« –

Der Wagen des Majors fuhr zuerst ab, er selbst darin mit dem Assessor und dem Herrn von Dankwart; doch muß man durchaus nicht glauben, es habe der Letztere sich des angebotenen Mittelplatzes bedient; im Gegentheil, er setzte sich unter vielen wichtig ausgesprochenen, im Grunde aber sehr unwichtigen Redensarten in die rechte Ecke des Coupé's und versicherte, man könne sagen was man wolle, die in hiesiger Residenz gebauten Wagen seien alle unerträglich, ein Uebelstand, dem er aber abhelfen werde, indem [110] er gerade im Begriffe sei, einen neuen Unterwagen zu construiren, so vortrefflich, ja sinnreich erdacht, daß er nothwendiger Weise bei der Ausführung die allgemeine Bewunderung erregen müsse.

Als Arthur im zweiten Wagen mit dem Baron durch die Straßen fuhr, und dieser über gleichgültige Dinge sprach, fiel dem Maler abermals die Aehnlichkeit mit der Stimme auf, die er heute Abend an jenem Durchgange gehört.

»Es ist sonderbar,« sagte er, »wie sich zwei Organe gleichen können; heute Abend zog ich in den Straßen der Stadt umher und hätte unter anderen Verhältnissen darauf schwören wollen, Sie, Baron, da gehört zu haben.«

»Ei der Tausend,« entgegnete Herr von Brand, »und wo war das, wenn ich fragen darf?« Dabei zog er ein Sacktuch hervor, und der ganze Wagen füllte sich mit dem eigenthümlichen Parfum des schon erwähnten coeur de rose.

»Natürlich ist es eine Täuschung,« fuhr der Maler fort, »es war in der Gegend des Marktplatzes, wo die alten merkwürdigen Häuser stehen, für uns Künstler ein interessanter Platz. Es ist dort ein Durchgang.«

»So, ein Durchgang? – Ich erinnere mich nicht.«

»Das glaube ich wohl,« sagte Arthur lachend. »Dieser Durchgang führt namentlich zu einer sonderbaren Kneipe, wo sich herumziehende Musikanten, Gaukler von der Messe, und allerhand Leute von noch weniger ausgesprochenem, aber doch einträglichem Gewerbe zusammen finden.«

»Ah! das muß nicht uninteressant sein!« meinte der Baron. »Waren Sie schon da?«

»In dem Hause selbst nie.«

»Das ist schade, sonst könnten Sie mich einmal hin führen; man sieht da lustige und pikante – – Scenen; ich liebe dergleichen. – Wie heißt die Kneipe?«

»Zum Fuchsbau,« entgegnete Arthur.

[111] »Habe den Namen nie gehört,« versetzte lachend der Baron, »will mir ihn aber merken.«

Damit war der Wagen an dem Hause Arthur's angekommen; der Kutscher hielt die Pferde an, der junge Maler öffnete den Schlag, sprang heraus und wünschte dankend eine gute Nacht.

Als der Baron seine Wohnung ebenfalls erreicht, verließ er das Coupé, welches nach den Stallungen fuhr, während er in den Thorweg seines Hauses trat. Hier war er eben im Begriff, die Klingel zu ziehen, als er bemerkte, daß ihm Jemand von der Straße nachgefolgt war, der, dicht in einen Mantel gehüllt, ganz nahe vor ihn hintrat.

Der Herr von Brand wich bei dieser plötzlichen Begegnung einen Schritt zurück und griff mit der Hand in seine Brusttasche, vielleicht absichtslos, vielleicht aber hatte er auch dort eine Waffe verborgen.

Der Andere, welcher diese Bewegung sah, rief laut lachend: »Gut Freund! Baron; lassen Sie nur stecken! – Teufel auch! ich glaube, Sie hätten nicht übel Lust, eine Pistole gegen mich zu wenden.«

Der Baron, welcher augenblicklich diese Stimme zu erkennen schien, sprach im Tone der höchsten Ueberraschung: »Wie? Sie sind es, gnädigster Herr? – Ich muß gestehen, ich hätte Euer Durchlaucht nicht zu der Zeit hier erwartet.«

»Daran sind Sie selbst Schuld; man findet Sie ja nie, und wo Sie oft sind, habe ich nicht immer Lust hinzugehen.«

»Ah! zum Grafen Fohrbach!«

»Ganz recht! ganz recht! – Haben Sie Zeit für mich zu zwei Worten?«

»Die ganze Nacht. – Aber wollen Euer Durchlaucht nicht zu mir hinauf spazieren?«

»Nein, nein, ich will nach Hause. – Kommen Sie einen Augenblick in die Straße, es ist gleich abgemacht.« – Damit faßte [112] er den Baron unter dem Arm, und Beide traten aus dem Thorwege hinaus, um bei der Häuserreihe in langsamem Schritt auf und ab zu gehen.

»Sie wissen,« sagte der Unbekannte, »ich habe es mit vieler Mühe durchgesetzt, daß Eugenie von S. zum Ehrenfräulein ernannt wurde.«

»Schön,« entgegnete der Baron, indem er mit dem Kopfe nickte; »sie wird im Schlosse wohnen. – Euer Durchlaucht haben da die beste Gelegenheit, sich ihr zu nähern.«

»Teufel auch! wenn mich das nur was nützt! – Sie soll sehr streng sein und wird hier bald einen Anhang von Leuten haben, die mir gerade nicht besonders gewogen sind; ihre Mutter war eine genaue Bekannte des Grafen Fohrbach, sie selbst ist eine Nichte des Major von S. – Und dann ist Eugenie zu schön, siemuß Aufsehen erregen; man wird sich um sie bewerben. – Ich fürchte wahrhaftig den jungen Grafen Fohrbach.«

»Pah!« lachte der Baron, »wen hätten Sie zu fürchten, gnädiger Herr?«

»Na, lassen wir alle Schmeicheleien,« entgegnete der Andere mit einer ungeduldigen Kopfbewegung; »ich stehe schon für mich ein, aber die Partie ist ungleich: Sie wissen, ich bin weder bei den Fohrbach's noch bei Major S. sehr gelitten, habe also keine Verbündeten.«

»Mit Ausnahme des Vaters,« erwiderte der Baron mit seltsamem Lächeln, das aber der Andere nicht sehen konnte, denn er fuhr ungeduldig fort:

»Was nützt mich der Vater? Ich muß hier auf dem Platze auf sie einwirken können.«

»So muß man Ihnen Verbündete schaffen.«

»Deßhalb wende ich mich an Sie. – Glauben Sie, daß das möglich ist?«

»Auf die großen Familien kann ich begreiflicher Weise nicht [113] einwirken, aber ich sehe wohl ein, es ist nothwendig, daß wir vorderhand von allen ihren Schritten unterrichtet werden, daß wir erfahren, wohin sie geht, wen sie empfängt, mit einem Wort, was sie thut und treibt.«

»Und ist das möglich? – Es wird schwierig sein.«

»Nicht so sehr,« meinte der Baron nach einigem Nachdenken. »Was ich verspreche, das Pflege ich zu halten. – Aber auch Graf Fohrbach muß beobachtet werden.«

»Das ist auch meine Ansicht, bester Baron,« sprach eifrig der Andere; »ich wäre Ihnen zu tausend Dank verpflichtet, wenn Sie im Stande sind, so Etwas für mich anzurichten.«

»Verlassen sich Euer Durchlaucht ganz auf mich; ich mache mich anheischig, Ihnen in kurzer Zeit täglich, ja stündlich die gründlichsten und getreusten Berichte sowohl über Fräulein von S., als auch über den Grafen zu machen. – Dagegen aber, gnädigster Herr, hoffe ich, auch vorkommenden Falls vielleicht auf Sie rechnen zu können.«

»Sie wissen, bester Baron, daß Ihnen mein ganzer Einfluß zu Befehl steht –«

»Und ich werde mir erlauben,« unterbrach ihn Herr von Brand, »Euer Durchlaucht – einstens daran zu erinnern.«

»Das hoffe ich, und – die Sache wäre abgemacht.«

»Vollkommen.«

»Ich erhalte meine Berichte –«

»Sobald das Fräulein da ist.«

»Nun denn, vorderhand meinen besten Dank! – Gute Nacht, Baron!«

»Gute Nacht, gnädigster Herr!«

11. Kapitel
[114] Eilftes Kapitel.
Zwei Begräbnisse.

Es ist seltsam, wie man erst nach und nach dazu kommt, Kirchhöfe zu besuchen und ohne Scheu zwischen den kleinen Hügeln umherzuwandeln. Man geht zuweilen hin bei gewissen Veranlassungen, dem großen Schwarm folgend und irgend eine Person zu ihrer letzten Ruhestätte begleitend, die einem im Grunde ziemlich gleichgültig gewesen ist. Zu der Zeit ist für uns hinter den Mauern des Kirchhofes noch ein fremdes, ja fast gänzlich unbekanntes Land. Vorübergehend schauten wir wohl durch das Gitterthor, und sahen Steine, Kreuze, blühende Rosen und wehende Trauerweidenzweige, und wir liebten es, nicht mehr davon zu wissen, denn der ganze Garten war ein Räthsel, dessen Lösung uns frühe genug klar werden würde. – Wir schritten also im Zuge zwischen den Gräbern dahin, lasen hie und da einen bekannten Namen, traten an ein offenes Grab, sahen Den hinabsenken, den wir begleitet, und kehrten dann wieder zurück, froh darüber, eine oftmals lästige Pflicht erfüllt zu haben. – Da trat der Tod näher in den Kreis der Freunde und zum ersten Mal schritten wir im Zuge, mit wirklichen Thränen im Auge. Wir begleiten Jemand in sein frühes Grab, dessen Augen noch vor Kurzem in das unsrige geblickt, dessen Hand die unsrige gedrückt. Und während wir dahin schreiten auf dem breiten Wege, schauen wir uns schon sorgfältiger um, denn es ist uns schon von größerem Interesse, die Umgebung kennen zu lernen, zwischen der unser Freund ruhen, vielleicht träumen wird. Sie schauen uns nicht mehr so fremd an, die verschiedenartig geformten Steine, die kleinen Gärtchen, von Gitterwerk eingefaßt, die verschiedenen Kreuze in ihrer einfachen Gestalt, nur in der Ausführung [115] so verschieden, vom künstlich gebildeten Marmor bis zum ärmlichen Holz, alle Schichten der menschlichen Gesellschaft darstellend; nein, sie tauschen geheime Zeichen mit uns aus, sie wissen es wohl, daß wir sie auf dem heutigen Gange mit Interesse betrachten. Kommt aber erst die Stunde, wo wir der feuchten Erde draußen etwas anvertrauen, das uns noch näher liegt als Bekannte oder Freunde, kommt jener Augenblick, wo man etwas von unserem warmen Herzen losreißt, um es von den kalten Schollen zudecken zu lassen, so haben wir auf diese Art ein Plätzchen erhalten, ein Eigenthum, an dem wir Stunden lang sitzen können, um träumerisch an vergangene Tage zu denken, während wir auf die sprossenden Pflanzen und Gräser blicken. Und dann hat der Kirchhof nichts Fremdes mehr für uns; wir haben alle Scheu vor seinem stillen Raume verloren, wir machen gerne Bekanntschaft mit seinen Wegen, seinen Bäumen, seinen verschiedenen Monumenten; denn Alles das bildet ja für uns die Umgebung für einen einzigen, sei es auch noch so bescheidenen Platz, für einen Mittelpunkt, der unser Alles ausmacht, für ein kleines Fleckchen Erde, in dem unser Liebstes ruht.

Von da an interessirt man sich auch für die anderen Gräber; – Alles, was sich auf dem Friedhofe befindet, scheint einer einzigen, großen Familie zu gehören, der Verwandtschaft der Todten. – – Man freut sich über bunte Blüthen, die hier und dort entstehen, über einen neuen Stein, der aufgerichtet wird, über ein kleines ärmliches Gipsfigürchen, das einen betenden Engel vorstellt, und das herzliche Liebe auf ein stilles, lange verwildertes Grab gesetzt.

Es gibt Leute, welche sich am Liebsten auf dem Kirchhofe ergehen bei einem düsteren, melancholischen Wetter, wenn ein leiser Wind durch die Bäume rauscht, wenn einzelne schwere Regentropfen melancholisch herabrieseln, oder wenn an den umliegenden Bergen dichte Nebel hangen, die wie graue Schleier tief in das Thal herab [116] hängen, und Monumente, Bäume, und Sträucher nur in undeutlichen Umrissen ahnen lassen: stilles, verdrießliches Wetter, wo die Natur mit trauert, wo die Kapelle des Friedhofes wie ein nebelhaftes Gespenst aussieht, wo an den Brettern, Hauen und Schaufeln ein Tropfen nach dem andern hinabläuft, wo das offene Grab recht freundlich aussieht, wie ein trockener Zufluchtsort gegen die nasse und kalte Witterung draußen. – Wie gesagt, es gibt Leute, die dieser Ansicht sind. Wir aber können uns damit nicht einverstanden erklären; wir lieben den Kirchhof an einem klaren, heitern Tage, wie der des gegenwärtigen Kapitels ist, wo die Sonne mit aller Pracht aufsteigt. – – Auf dem Kreuze der Kapelle und dem Metalldache derselben funkeln Blitze, mit den Bergen rings umher liebäugelnd, die wie im rosigen Licht freundlich lächelnd in's Thal herab blicken.

Im hellen Glänze liegt die ganze Gegend, wie an einem Tag allgemeiner Freude. Obgleich es Winter ist, haben doch die Sonnenstrahlen seit einigen Tagen eine eigene Kraft; halbverwelkte Blätter scheinen ein neues Leben zu empfinden, ein paar frühzeitige Blumen haben unbesonnener Weise ihre Kelche geöffnet, um heute Nacht eines frühzeitigen Todes zu sterben; der Reif an den Bäumen löst sich auf und tropft als Wasser herab; von dem weißen Schnee ist fast nichts mehr zu sehen, und wo noch hie und da in einer Vertiefung etwas liegen blieb, da unterbricht das nicht unangenehm den einförmigen, blätterlosen Kirchhof. Und doch ist hier Alles lebhafter, festlicher geschmückt, als in jedem anderen Garten, denn die vielen Kreuze und Steine brauchen nicht auf neue Blätter und Blumen zu warten, sie stehen da, immer fertig, immer geputzt, von der Sonne bestrahlt und von ihr mit tiefen, scharf ausgezackten Schatten geschmückt. – – Ja, die Immortellenkränze, die hier hängen, sind so warm und schön beleuchtet, daß man glauben könnte, die todten Strohblumen hätten sich eben jetzt geöffnet.

[117] So liegt der Kirchhof da im hellen Morgensonnenscheine; die hohe Mauer, welche mit aus- und einspringenden Winkeln in einer ununterbrochen glänzenden Linie, hie und da tiefe Schatten werfend, ihn umgibt, scheint darauf stolz zu sein, und von ihrem Rande glänzen glatte Kieselsteine, helle Glasscherben und dergleichen mehr gar wunderbar in der Sonne. – Und Alles ist hier so still und aufmerksam; die Arbeiter haben zwei Gräber beendigt, ein großes auf dem schönsten und freiesten Platze des Kirchhofs, ein kleines zwischen alten hölzernen und vermoderten Kreuzen und eingesunkenen Hügeln in einem entfernten Theile, wo man viele Gräber und wenig Wege sieht, wo die Besuchenden sparsam, der blühenden Blumen wenige sind.

Die subalternen Kirchhofbeamten sitzen auf der Treppe der Kapelle, sie haben fadenscheinige schwärze Fräcke an, und Einer läßt eine zinnerne Schnupftabaksdose herumgehen, welche mit den Emblemen seines Handwerks, einem Todtenkopf und zwei Knochen, geziert ist.

Jetzt schlagen die Glocken auf dem Kirchthurme in der Stadt an, und der Schall dringt durch die klare Morgenluft recht hell herüber. Einige Augenblicke scheinen selbst die Kreuze und Steine diesen bekannten Klängen zu lauschen; man könnte glauben, hie und da strecke sich eines von ihnen, um auf den Weg zu schauen und früher zu erfahren, wer denn dort schon wieder gebracht werde.

Der geneigte Leser weiß es bereits, wenn er jetzt aus den Thoren der Stadt zwei Züge hervorkommen sieht, an der Spitze des einen den großen Trauerwagen mit den reich geschirrten Pferden, an der Spitze des anderen aber einen Kirchhofdiener, der unter seinem langen breiten Mantel Etwas trägt; er wird mit uns den ersteren Zug vorbei lassen: eine lange Reihe von reichen Equipagen mit bunten Wappenschildern am Schlag, Kutscher und Bediente in großer Livree, und er will sich dem zweiten Zug anschließen, welcher von dem Hauptwege, den jener andere stolz betritt, [118] bescheiden abweicht und sich in den nämlichen Regionen des Kirchhofs verliert, von denen wir oben gesprochen. Bei beiden Zügen sieht man unter den Sacktüchern Thränen fließen; wenn es aber von der tiefen Trauer der Anzüge abhinge, so müßte dort größerer Schmerz zu finden sein als hier.

Hinter dem Manne mit dem Mantel schreiten die beiden kleinen Geschwister, und die gute ältere Schwester hat das Mögliche gethan, um sie der traurigen Handlung gemäß herauszuputzen. Das kleine Mädchen trägt ein schwarzes Merinokleid, das aber auf allen Nähten und den Aermeln schon stark in's Röthliche schimmert; dem hellbraunen Röckchen des Bübchens eine andere Farbe zu geben, war nicht wohl möglich, weßhalb sich Clara begnügt hatte, an seiner Mütze eine ziemlich lange Florschleife anzubringen, die an der Seite herunter hing und von dem kleinen Leidtragenden mit bedeutendem Stolze betrachtet wurde.

Die junge Tänzerin selbst ging mit ihrem Vater; hinter ihnen folgten die Colleginnen, die, sowie ein Paar Tänzer des Theaters mit dem würdigen Schwindelmann, es sich nicht hatten nehmen lassen, die kleine Leiche zu begleiten. Natürlicher Weise schritt Mademoiselle Therese in erster Reihe; sie trug ein schwarzes Atlaskleid, sehr zierliche Schuhe, einen violetten Sammthut, und das Gesicht mit einem dichten Schleier bedeckt. In ähnlicher Toilette, soviel wie möglich Trauer ausdrückend, befanden sich die übrigen Tänzerinnen; alle hatten in ihren Händen Blumenbouquets, theils wirklich blühende, theils künstlich gemachte.

Die beiden Züge kamen fast zu gleicher Zeit an den betreffenden Stellen an, und von dem Glanz und der Pracht, mit der die verstorbene Stiftsdame zur Erde bestattet wurde, ging ein guter Theil auf das Begräbniß der kleinen Anna über. – »Und ohne daß es nur einen Kreuzer kostete,« – meinte Schwindelmann.

Drüben am Grabe stand einer der ersten Geistlichen, und ein Musikchor unterstützte seine Bemühungen, die Umstehenden in eine [119] recht traurige Stimmung zu versetzen; sie bliesen einen Choral, und einzelne Akkorde derselben hörte man deutlich auch am anderen Ende des Kirchhofs. Ja, die Musik klang dort viel sanfter und angenehmer, und dann vernahm man vor allen Dingen nicht das häßliche Echo der Kirchhofmauer, welche jeden lauten Ton hart und ohne Rücksicht auf den Takt zurückwarf.

Als die Musik geendigt, wurden die Beiden zu gleicher Zeit in ihre Ruhestätte hinabgelassen, und jetzt müssen wir gestehen, daß hier bei der kleinen Anna weit mehr thränende Augen der in dem dunkeln Schooß der Erde Verschwindenden nachschauten, und daß hier alle die kleinen Hände der Tänzerinnen zitterten, als sie eine Hand voll Erde hinab warfen, ja sich dieselben weit bewegter fühlten, als es drüben bei den Herrschaften der Fall war, wo Einer nach dem Anderen, aber Alle in der Reihenfolge ihres Ranges, hervortrat, sich offiziell die Augen wischte, und mit tiefer Trauer die Schaufel ergriff, um der Dahingeschiedenen eine letzte Ehre zu erweisen; dann betete der Pfarrer dort leise das herkömmliche Gebet, hier aber Clara mit lauter Stimme, was ihr gerade ihr Herz eingab, und als sie sagte: »Leb wohl, mein Schwesterchen, es lag nicht in unserer Macht, dich zu retten, obgleich wir Alles an dir nach unseren Kräften gethan. Auch du mußtest sterben, so klein, so lieb und so unschuldig; doch ist es weit besser so: du hättest ein elendes Leben geführt voll Kummer, Noth und Entbehrungen!« – als sie das gesagt und ihre Thränen floßen, da weinte ihr Vater, der alte Mann, ebenfalls vor sich hin, und das Bübchen, welches dies bemerkte und zu gleicher Zeit sah, daß nun die kleine Schwester völlig mit Erde bedeckt war, fing an ganz trostlos zu werden und erhob ein gewaltiges Klagegeschrei. Die umstehenden Tänzerinnen, die bei den Worten Clara's Manches denken mochten, blickten dem Arbeiter aufmerksam zu, wie er nun das kleine Grab ebnete, und Manche hatte, in tiefe Gedanken versunken und her Thränen nicht achtend, die von ihren Wangen herab floßen, [120] die Hände auf einem nebenstehenden nassen Grabstein gefaltet und schien nicht daran zu denken, daß sie ihre neuen Glacéhandschuhe verderbe.

Drüben, wo der Pfarrer eben seine Rede begonnen, war Alles stille wie in einer Kirche; nur hie und da hörte man ein unterdrücktes Husten und Räuspern. – – Da auch fast kein Windhauch die Luft des unermeßlichen glänzenden Himmelsgewölbes bewegte, ertönten die Worte des Geistlichen laut und klar, und drangen weit in die Ferne.

Hier bei dem anderen Grabe hörte man wohl die einzelnen Töne, doch ohne den Zusammenhang zu verstehen, man vernahm nur zuweilen Worte und Ausrufungen, die aber trotzdem recht gut für die kleine Leiche paßten. Es klang herüber von der Liebe Gottes für alle seine Geschöpfe, reich und arm, von einem freudigen Wiedersehen, von einer Vergeltung jenseits nach den guten Thaten hier auf Erden, und nach dem, was man hier geduldet und gelitten. – – Amen! Dieses letzte Wort klang lauter als alle übrigen, und dann vernahm man das Geräusch einer Menge, die sich zum Weggehen anschickte, lautes Husten, Stimmengemurmel, Fußtritte auf dem breiten harten Wege, endlich das Rollen von Wagen, in denen sich Jeder eilfertig nach Hause begab. – Die anderen Leidtragenden im Winkel des Kirchhofes – es waren ihrer auch viel weniger – reichten der armen Clara die Hand, sagten ihr ein paar freundliche Worte und schlichen darauf, nachdem sie ihre Blumen in das frische Grab gesteckt, leise davon. Von den Männern blieb Schwindelmann allein zurück, um die Blumen zu ordnen, die man ihm darreichte; es war eine recht hübsche Menge, und die künstlich gemachten, die am längsten aushielten, rangirte er an dem Kopfende. Endlich war auch dieses Geschäft besorgt, und schickten sich die Letzten an, miteinander fortzugehen. Das war Clara, ihr alter Vater, die beiden kleinen Kinder und Therese. Letztere hatte draußen einen Wagen und ließ es sich nicht nehmen, ihre Freundin nach Hause zu begleiten.

[121] Der alte Mann verließ die Kinder am Thor des Kirchhofes, denn er mußte in der schon gestern besprochenen Angelegenheit einen Gang zu seinem Buchhändler thun. Schwindelmann hatte Dienstgeschäfte und empfahl sich mit einem Händedruck von Clara, worauf er in seinem gewöhnlichen kurzen Trabe in die Stadt zurückkehrte.

Demoiselle Therese hob die Kinder in den Wagen, ließ Clara einsteigen und setzte sich an ihre Seite. Bei dem Bübchen war dies Nachhausefahren das beste Linderungsmittel für den Schmerz um die kleine Schwester; er schaukelte sich in den weichen Kissen, lief mit den Pferden Trab, das heißt, in seinen Phantasten, und indem er seine Beine so schnell als möglich auf und ab bewegte, trommelte er zur Abwechslung auf die Fensterscheiben und verfiel endlich in ein langes und tiefes Nachsinnen, als dessen endliches Resultat er Therese fragte, wo sie den Wagen eigentlich her habe und ob sie seiner Schwester Clara nicht auch einen ähnlichen verschaffen könne.

Clara selbst hatte diese Frage überhört, denn sie dachte an allerlei, an verschiedene Leute, die auf dem Kirchhof waren, sowie an Andere, die sie nicht dagesehen, und als jetzt der Wagen bei einem gewissen großen Hause vorbei rollte – es war ein sehr stattliches Gebäude, welches an der Spitze gothische Fenster und mehrere Balkons hatte – da blickte sie erröthend auf die Seite und seufzte tief auf.

Clara's Vater war inzwischen auf einem anderen Wege zur Stadt zurückgekehrt, und wenn er auch, je näher er an die Häuser kam, um so langsamer ging, so erreichte er dieselben doch am Ende, sowie auch das Ziel seines Ganges, obgleich er recht kleine Schritte, ja sogar wohl absichtlich einen Umweg gemacht; auch rechnete er unterwegs viel zusammen, wenigstens spreizte er im Dahingehen die Finger seiner linken Hand oftmals weiter von einander und fuhr mit dem Zeigefinger der rechten daran herum, worauf er[122] nachdenkend zum Himmel aufblickte. Wir glauben aber nicht, daß das Resultat dieser Berechnungen für den alten Mann angenehm oder befriedigend ausfiel, denn so oft es beendigt zu sein schien, ließ er seinen Kopf ein paar Linien tiefer zwischen die Schultern sinken und zog auch wohl ein rothgelbes Sacktuch aus der Tasche, um damit über das Gesicht zu fahren.

Endlich bog er aus der engen in eine breitere Straße ein und blieb vor einem Hause stehen, neben dessen Thüre ein kleiner schwarzer Schild angebracht war, auf dem mit goldenen Buchstaben geschrieben stand: »Johann Christian Blaffer und Comp.«

Da es uns, geneigter Leser, kraft einer gewissen Zaubermacht, verliehen ist, mit Leichtigkeit uns von einem Ort zum andern zu versetzen, ohne Treppen, Wege und dergleichen benützen zu müssen, ja sogar ganz verschlossene Thüren für uns kein Hinderniß sind, so wollen wir uns in den ersten Stock des gedachten Hauses begeben, und unsichtbar in ein Zimmer an der Treppe eintreten, wo wir den Herrn des Hauses und des schwarzen Schildes, Johann Christian Blaffer, Verlagsbuchhändler, antreffen.

12. Kapitel
Zwölftes Kapitel.
Johann Christian Blaffer und Comp.

Der würdige Mann, der diese Firma repräsentirte, saß bei seinem Frühstückstisch und hatte eine Menge Druckpapiere aller Art: Zeitungen, Broschüren, Correcturbogen und dergleichen neben sich liegen; er stöberte emsig darin herum, hatte aber die Gewohnheit, alle paar Minuten über das Blatt, das er gerade in der Hand hatte, hinwegzusehen und einen Blick in das Nebenzimmer, [123] zu werfen, dessen Thüre halb geöffnet war; meistens blieb es aber nicht bei diesem Sehen, denn sehr häufig räusperte sich Herr Blaffer sehr laut, oder er spuckte auf die Seite und rief alsdann mit heiserem, schnarrendem Tone: »Herr Beil! – Herr Beil! – ich glaube nicht, daß ich Sie auf meinem Comptoir angestellt habe, um Decke und Wände zu betrachtet: Sie thäten weit besser, Herr, wenn Sie sich um Ihr Buch bekümmerten, oder die Bestellzettel sortirten. Was Teufel haben Sie denn immer an die Decke zu schauen?«

»Es ist eine Art Naturwunder, Herr Blaffer, was meine Aufmerksamkeit zufällig in Anspruch nimmt,« antwortete eine tiefe Baßstimme.

»Ich huste in Ihr Naturwunder!« rief entrüstet der Prinzipal, und führte das auch wirklich aus; nur bediente er sich des Spucknapfes dazu.

»Eine Fliege, Herr Blaffer,« fuhr die Baßstimme fort, »im Monat Dezember eine lustige Fliege; sie spazierte soeben an den Wänden und an der Decke umher. Es wäre mir von Wichtigkeit, zu ergründen, ob diese Fliege ein übrig gebliebener Familienvater vom vorigen Jahre oder ob sie ein zufällig neu geschaffenes Geschöpf ist. Ich möchte eine Abhandlung darüber schreiben, vielleicht könnten wir sie selbst verlegen.«

»Sie sind ein Narr!« entgegnete ärgerlich der Prinzipal, indem er emsig in einer Zeitung blätterte; in Wahrheit blickte er aber schärfer als je in das Nebenzimmer.

Es war dies das eigentliche Comptoir, ein Zimmer wie viele der Art, mit weiß getünchten Wänden, an welchen ein Posttarif und ein paar Landkarten hingen, mit einem eisernen Ofen, einem großen doppelten, zweisitzigen Schreibpult und einem Bücherschrank, worin sich die Werke befanden, die Herr Blaffer verlegt oder von seinen Freunden zum Geschenk erhalten.

[124] An dem Ende des Schreibpultes saß Herr Beil, ein Mann von einer merkwürdigen Persönlichkeit. Er war klein, engbrüstig, und sah bis zum Halse, von unten an gerechnet, etwas verwahrlost aus; aber auf diesem Halse, der ziemlich lang war, befand sich ein Kopf, der wohl zu dem tiefen Basse der Stimme, aber durchaus nicht zum Körper des Mannes paßte. Dieses lange Gesicht, die breite Stirne, dieses schwarze Haupthaar und der wohlgepflegte Husarenbart hätte einem sechsfüßigen Untergestell alle Ehre gemacht, während das Alles zusammen hier ziemlich lächerlich aussah. Herr Beil war dabei ärmlich gekleidet und schien durchaus keine Vorliebe für weiße Wäsche zu haben; unter dem alten blauen Ueberrocke sah man eine graue Weste, welche so fest an die hohe schwarze Merinohalsbinde anschloß, daß man auf die Vermuthung kam, sie sei oben angenäht, was wohl auch der Fall sein mochte. Dieses unvortheilhafte Aeußere war ihm, obgleich er kein schlechter Arbeiter war, schon oftmals bei Erlangung guter Stellen hinderlich gewesen, und er mußte sich daher mit sehr mittelmäßigen begnügen, was einer der Gründe war, weßhalb er sich denn auch jetzt hier auf dem Comptoir des Herrn Blaffer befand. Da ihm aber die Beibehaltung seiner Condition nicht besonders am Herzen lag, er auch wohl wußte, daß der Prinzipal für das wenige Geld, was er ihm gab, nicht leicht einen anderen Arbeiter bekomme, so nahm er sich, wie wir bereits vorhin gesehen, hie und da einige Freiheiten heraus, wofür er ein dankbares Publikum an dem Lehrling des Geschäftes hatte, der, den Prinzipal sehr fürchtend, sich außerordentlich darüber freute, wenn der Andere demselben ein paar passende Worte sagte.

Besagter Lehrling war ein blasser blonder Mensch mit einem immerwährenden, halb blödsinnigen Lächeln auf den Lippen, der, wie wir später genauer erfahren werden, bei dem Herrn Blaffer im Hause wohnte und in seinen Freistünden Dienste verrichten mußte, die gerade nicht mit dem Buchhandel und der Literatur zusammenhängen.

[125] Herr Beil warf einen durchdringenden Blick auf den Lehrling und zeigte ihm die bewußte Fliege, die in der That, aber ziemlich matt, an der Decke umher spazierte, rückte hierauf das große Buch vor sich hin und fing an einzutragen.

Der Prinzipal trat in diesem Augenblicke in das Comptoir.

Dieser war ein magerer, ziemlich großer Mann in die Vierzig; er ging etwas vorn übergebeugt und liebte es, die Hände auf dem Rücken zu halten. Seine Kleidung, ziemlich alt, abgeschaben und nicht gewählt, bestand aus einem blauen Frack, dessen spitze Schöße hinten über einander gingen, aus einer grauen Hose, die, eng anliegend, die Mode der weiten Beinkleider glücklich überdauert hatte, und nun wieder elegant geworden wäre, wenn sich nicht die Schwächen des Alters an den Knieen sehr bemerkbar gemacht hätten. Herr Blaffer trug ziemlich große Schlappschuhe, und um dieselben nicht von den Füßen zu verlieren, hatte er sich einen Schlittschuhgang angewöhnt, vermittelst dessen er nun, die lange dürre Nase und das spitze Kinn emporgehoben, die gebogenen Kniee vorgestreckt, in dem Zimmer auf und ab fuhr. Dabei hatte sich dieser Mann ein unangenehmes Gesichterschneiden angewöhnt, indem er das linke Auge zukniff und den Mund höhnisch verzog. Dies that er namentlich, wenn er sich in einer Gemüthsaufregung befand, was bei seinem giftigen reizbaren Temperament häufig genug vorkam.

Nachdem Herr Blaffer einige Male im Comptoir auf und abgefahren war, blieb er mit einer plötzlichen Wendung vor dem Lehrling stehen, schlug ihn leicht an den Kopf und sagte »Sie sind ein junger verschwenderischer Taugenichts. Meinen Sie denn, das Makulatur hätte kein Geld gekostet, daß Sie mit Ihren Füßen darauf herumtrampeln?«

»Da haben Sie Recht, Herr Blaffer,« versetzte der Commis, indem er geräuschvoll ein Blatt umwandte, »Makulatur ist eine theure Geschichte, namentlich die, womit er gerade einpackt.«

»Ich habe Sie nicht um Ihre Ansichten gefragt,« antwortete [126] entrüstet der Prinzipal, während er sein Gesicht auf die oben beschriebene Art verzog.

»Es ist die Geschichte des türkischen Reiches,« fuhr der Andere mit lauter Stimme fort, »die vor vier Jahren gedruckt wurde, und von welcher von der ersten Ostermesse ein Exemplar mehr zurückkehrte, als fortgeschickt worden. – Ja, ja, so ist's, und Sie machten mir von diesem merkwürdigen Buch ein Exemplar zum Geschenk, das dient mir von da ab jede Nacht zum Einschlafen. – Ein schönes Werk! – Pagina sechsunddreißig – Rostbraten und Comp. – sechs Exemplare: keine Hühneraugen mehr! – 1850, bei Johann Christian Blaffer.« –

Diese letzten Worte sprach Herr Beil mit großer Gemüthlichkeit, während er dabei das eben Bemerkte eintrug.

Der Prinzipal hatte anfangs Lust, sich ernstlich zu ärgern; da er aber seinen Untergebenen kannte, so begnügte er sich damit, die Arme über einander zu schlagen, seinen Commis mit einem festen Blick anzusehen und zu sagen: »Herr Beil, werden Sie denn eigentlich nie vernünftig werden? – Es ist wahrhaftig schade, daß ein Mensch von wirklich einigen guten Anlagen durch seine ewigen Faseleien nie auf einen grünen Zweig kommt.«

»Da haben Sie wieder einmal Recht,« antwortete der Commis scheinbar mit großem Ernste. »Ich bin fürchterlich herunter gekommen, wie gesagt – 1850, bei Johann Christian Blaffer. – Es ist ganz entsetzlich!«

Der Prinzipal hatte keine Antwort erwartet, sondern sich in das Postpaket vertieft, das am frühen Morgen gekommen war, dann sah er nochmals die Bestellzettel durch, bald mit einem Lächeln auf den Lippen, bald mit einem finsteren Stirnerunzeln.

Letzteres trat aber häufiger ein als ersteres, denn da Herr Blaffer zugleich ein Commissionsgeschäft hatte, so gehörten die dickleibigen Postpakete, welche jeden Montag und Donnerstag kamen, dem größten Theile seiner glücklicheren Collegen, und ihm [127] selbst blieb nur äußerst wenig, und noch dazu meistens Artikel, die sich schlecht ausnahmen gegen die schweren Zahlen, die hinter andern Werken prangten.

»Bah! bah!« machte der Buchhändler zuweilen und warf irgend einen Zettel mit geringschätzender Miene auf den Tisch. – »Was das deutsche Publikum nach und nach verwildert!« sagte er dann seufzend, »es ist fabelhaft. Nichts als Schund, Schund und wieder Schund! – Das zieht! – Die schönsten Uebersetzungen gehen nicht mehr und die besten deutschen Originalwerke, für die der Verleger Zeit und Kosten aufgewendet, bleiben schmachvoll liegen. Pfui Teufel! – Die besten, besten Werke!«

»Vierhundert Mittel gegen die Engbrüstigkeit und den Husten,« sprach Herr Beil, indem er seine Feder tiefer als gewöhnlich in's Dintenfaß tauchte. – »Gestatten Sie davon Disponenda?« fragte er den Prinzipal, indem er sein linkes Auge, welches Herr Blaffer nicht sehen konnte, gegen den Lehrling auf eine bedeutungsvolle Art zukniff, so daß dieser harmlose junge Mensch beinahe laut aufgelacht hätte.

Herr Blaffer legte nach einer kleinen Weile das Postpaket seufzend nieder und versetzte: »Wenn Onkel Tom nicht wäre, oder ein paar gangbare Dumas'sche Romane, so sollte mich der Teufel holen, wenn ich noch länger deutscher Buchhändler bliebe. Da haben wir vierzig anständige Bestellungen auf die Hütte; nehmen Sie und lassen Sie solche gut versenden.« – Damit reichte er ein Paket über den Pult hinüber. – »Ich hätte, weiß Gott, nie gedacht,« fuhr er nach einer Pause mit einem grinsenden Lachen fort, »daß der Sklavenhandel so ergiebig wäre. Es ist doch was Schönes darum, wenn man so jeden Posttag seine vierzig Schwarze verhandelt.«

»Ja, ja,« entgegnete der Commis wie tiefsinnig, »dazu haben Sie auch alles Zeug, Herr Blaffer; Sie haben eigentlich Ihre Bestimmung verfehlt.«

[128] »Und welche Bestimmung, Herr Beil, wenn ich fragen darf?«

»Sie hätten Ihren Papa seliger bitten sollen, daß er Sie in irgend einem Sklavenlande geboren werden ließ, da würden Sie mit der Zeit ganz artige Beiträge zu einer zweiten Ausgabe irgend einer Onkel Tom's Hütte geliefert haben.«

Der Principal begnügte sich, die Achseln zu zucken und dann mit der Hand an seine Stirne zu fahren, als wollte er auf solche Art pantomimisch anzeigen, wo die schwache Seite seines Commis eigentlich zu finden sei.

Herr Beil stöberte unterdessen eifrig in den Bestellzetteln und sortirte unter den vierzig, die ihm übergeben, mit sichtlichem Wohlbehagen einige Zehn heraus, die er lächelnd über den Pult zurück schob, indem er sagte: »Sie haben sich ein wenig geirrt, Herr Blaffer; auf diesen Zetteln werden allerdings Onkel Tom's Hütten verlangt, aber von anderen Firmen.«

Der Buchhändler, der unterdessen das Bestellbuch eifrig durchgesehen, würdigte diese Einwendung gar keiner Antwort, sondern schob die Zettel mit der Hand wieder zurück und versetzte anscheinend ruhig und bestimmt: »Wenn ich Ihnen Zettel zur Auslieferung übergebe, so liefern Sie aus und machen mir weiter keine unnützen Bemerkungen, denn – –«

Da der Principal seinen Satz nicht beendigte, so hielt sich der Commis hiezu für verpflichtet und sagte: »Ich bin der Herr und ihr seid die Sklaven. – Also vierzig Onkel Tom's Hütte, erster Theil. – Gut!«

In diesem Augenblicke wurde leise und bescheiden an die Thüre geklopft.

Der Buchhändler, der dies wohl hörte, that übrigens nicht, als ob ihn das Klopfen im Geringsten anginge, Herr Beil ebensowenig, obgleich er einen Augenblick in die Höhe schaute. Nur der harmlose Lehrling, der sich am nächsten bei der Thüre befand, wandte [129] das Gesicht herum und rief von »Herein!« die erste Sylbe, die zweite aber blieb ihm in der Kehle stecken, denn er erinnerte sich augenblicklich eines Verbots des Principals, nicht »Herein!« zu rufen, bis ein zwei- oder dreimaliges Klopfen erfolgt sei.

Herr Blaffer hatte dafür seine guten Gründe und er pflegte zu sagen: wer zwei- oder dreimal klopft, der verlangt selten was von uns, wer aber einmal und so bescheiden anpocht, ist größtentheils ein Bettler oder unbekannter Schriftsteller.

»Habe ich Ihnen nicht schon hundertmal gesagt,« lispelte der Principal mit gedämpfter Stimme, aber trotzdem sehr eindrucksvoll, »daß Sie Ihr Maul halten sollen, wenn angeklopft wird! Wie können Sie überhaupt Herein! rufen? – Wer will zu Ihnen? – Niemand! Sie –«

»Junger Sklave!« ergänzte Herr Beil, wobei er aufmerksam eine Illustration zum bewußten Buche anschaute, als gälte dieser der besagte Ausruf.

Indessen klopfte es zum zweiten Male und etwas lauter.

Auch diesmal gab der Buchhändler keine Antwort; doch wurde der erste Commis von einem gewaltigen Husten überfallen, der ihm einen bösen Blick des Chefs eintrug und worauf sich dieser denn nun veranlaßt sah, sein gastliches »Herein!« erschallen zu lassen.

Die Thüre öffnete sich und der alte Mann trat herein, den wir vom Kirchhofe, vom Grabe seiner Tochter, hieher begleiteten und dem wir vorausgeeilt sind.

Begreiflicher Weise hatte er seinen Hut schon draußen abgenommen, und als er nun so demüthig an der Thüre stehen blieb, strich er verlegen sein weißes Haar von der Stirne zurück, begrüßte den Principal, den Commis und sogar den Lehrling.

»Ah! Herr Staiger!« sagte der Principal, indem er ihn mit einer Handbewegung begrüßte. »Setzen Sie sich einen Augenblick dort auf die Kiste, ich muß hier eben einen wichtigen Artikel in [130] der Buchhändlerzeitung durchlesen, der auch auf Sie einige Beziehung hat.«

Bei diesen Worten warf Herr Blaffer einen schnellen Blick auf seinen Commis, doch war Herr Beil anscheinend gänzlich vertieft in die Beschauung seiner Zettel.

Der alte Mann ließ sich auf die Kiste nieder, nahm seinen Hut zwischen die Kniee und richtete die hellen, klaren Augen auf den Buchhändler, welcher übrigens nicht geneigt schien, diesen offenen Blick zu erwidern.

»Ja,« fuhr Herr Blaffer fort, indem er mit seinem knöchernen Zeigefinger der rechten Hand über die Zeitung fuhr und etwas zu suchen schien; »hier steht's. – Richtig! Onkel Tom's Hütte bei Johann Christian Blaffer. – Geben Sie Achtung, ich muß es Ihnen vorlesen, obgleich es nicht gerade sehr angenehm klingt. – Von dieser unten Uebersetzung, der vierundvierzigsten in hiesiger Stadt und, wenn wir nicht, irren, der sechshundertsten im gesammten Deutschland, tritt uns als Uebersetzer ein ganz obscurer Name entgegen. – Wer ist dieser Herr Staiger, der u.s.w. u.s.w. Man muß indessen nicht zu viel auf Recensionen geben,« sagte Herr Blaffer, indem sein Blick das Zeitungsblatt verließ. »Wissen Sie, der Beurtheiler macht eigentlich mir allein den Vorwurf; ich hätte mir sollen einen bekannten Namen erwerben, um ihn auf den Titel zu setzen, wissen Sie, einen Doktor so und so. Es hat ja deren genug, vollkommen genug, die außerordentlich zufrieden sind, wenn man ihnen Veranlassung gibt, ein anständiges Honorar zu erwerben.«

Bei diesen Worten sah der alte Mann schmerzlich in die Höhe.

»Dann spricht der Artikel ferner,« fuhr Herr Blaffer fort, »von mangelhaften Stellen in der Uebersetzung, und vor allen Dingen beklagt er sich über die Langsamkeit, mit der die einzelnen Lieferungen bei mir erscheinen. – Und das muß wahr sein, Herr [131] Staiger, langsam geht die Geschichte vorwärts. An dem wie vielsten Hefte sind wir eigentlich?«

»Am vierten,« entgegnete ruhig Herr Beil, »während vierundzwanzig andere Buchhandlungen hiesiger Stadt das zweite kaum ausgegeben haben.«

»Die zweite Lieferung!« rief Blaffer mit einem wahren Giftblick auf seinen Gehülfen. »Den zweiten Band wollen Sie sagen. – Doch das ist gleich viel. Sie müssen sich wahrhaftig beeilen, mein lieber Herr Staiger, sonst kommen uns die anderen weit zuvor.«

»Ich arbeite Tag und Nacht,« erwiderte der alte Mann, »denn es ist mir selbst darum zu thun, etwas für mich und die Kinder zu verdienen. Hier ist Manuscript zur fünften Lieferung; sie wäre schon ganz fertig, doch habe ich in den letzten Tagen einiges Herzeleid zu Haus gehabt, was mich am Arbeiten verhindert. Wenn man ein sterbendes Kind vor sich sieht, Herr Blaffer, so will es einmal so gar nicht recht vor sich gehen mit der Uebersetzung des Sklavenlebens eines anderen Welttheils.«

»Es ist Ihnen ein Kind gestorben?« fragte theilnehmend der Commis. »Doch nicht Mamsell Clara?«

»Nein, nein!« entgegnete eifrig der alte Mann; »das hat der liebe Gott denn doch nicht gewollt. Mein kleinstes Mädchen starb, ein armes Kind, das immer kränklich war.«

»Nun, so danken Sie dem Schöpfer, daß er es zu sich genommen. Kinder sind ein Segen, aber auch eine Last. – Nun geben Sie ihr Manuscript her. – Aber da fehlen noch zwei Bogen, bis die Lieferung fertig ist. Ah! ich wollte, wir hätten sie ganz!«

»Das wollte ich auch,« sprach Herr Staiger mit einem verlegenen Lächeln, indem er den Hut zwischen den Händen herum drehte und von der Kiste aufstand. – »Das wollte ich in der That auch, mein verehrter Herr Blaffer, denn sehen Sie, ich hatte darauf [132] gerechnet, die fünfte Lieferung heute Früh noch zu beendigen, – es ist Mitte des Monats, das Bischen Einkommen meiner Tochter Clara ist längst verbraucht, die kleine Leiche hat meine Kasse in Anspruch genommen, und so wäre ich denn außerordentlich glücklich und zufrieden, wenn die fünfte Lieferung fertig wäre, um – um – das Geld dafür – –«

»Auch ich wäre sehr zufrieden, wenn die fünfte Lieferung fertig wäre,« unterbrach ihn rasch der Buchhändler. Es ist sehr traurig, daß sie nicht fertig ist. Da wartet das Publikum, da wird man hinausgeschoben, da kommt man mit dem Buch in's neue Jahr hinein, und da muß man mit der Heimbezahlung warten, daß Einem Hören und Sehen vergeht. – Ah! ihr Schriftsteller seid glücklich gegen uns zu nennen: hier das Manuscript, hier das Geld. Aber wissen Sie, wie lange ich warten muß, wie lange sich der Buchhändler überhaupt gedulden muß?

»Nein, ich weiß es nicht,« sagte geduldig der alte Mann.

»Oft zwei Jahre,« fuhr der Buchhändler mit lauter Stimme fort und betonte die »zwei Jahre« außerordentlich stark. »Zwei volle Jahre! Ja, das ist entsetzlich!«

»Alsdann nehmen Sie aber auch große Summen ein,« entgegnete Herr Staiger. »Aber hier handelt es sich nur um ein paar Gulden, die ich in zwei, höchstens drei Tagen wieder abgearbeitet habe, nur eine Kleinigkeit als – – – Vorschuß.«

»Kommen Sie einem Buchhändler nicht mit Vorschüssen!« rief entrüstet Herr Blaffer. »Diese Vorschüsse bringen doppelten Schaden. Erstens kosten sie uns Geld, das man noch nicht einmal schuldig ist, also verlieren wir Zins, und zweitens entfremdet es den Autor dem Verleger. Nur um Gotteswillen keine Vorschüsse!«

»Aber bei dem wirklich kleinen Honorar, welches Sie mir zahlen,« erlaubte sich der alte Mann mit großer Aengstlichkeit zu sagen, »könnten Sie mir wohl für einmal diesen Gefallen thun. Ich brauche nur vier Gulden.«

[133] »Kleines Honorar!« rief entrüstet der Buchhändler. »Ich bitte Sie um Gotteswillen, Herr Staiger, Sie erhalten für den Druckbogen, glaube ich, einen Gulden und dreißig Kreuzer, und das nennen Sie ein kleines Honorar! – Wer schrieb uns doch gestern,« wandte sich Herr Blaffer an den Commis, und bot uns eine Nebersetzung zu einem Gulden und zwölf Kreuzern per Bogen an? – Es war sogar ein bekannter Name. – War es nicht Doctor Hintermaier? – Soll ich Ihnen den Brief zeigen? fragte er rasch den alten Mann. – »Beil, sehen Sie in H. nach und suchen Sie nach dem letzten Schreiben von Doctor Hintermaier.«

»Da werde ich vergebens suchen,« erwiderte ruhig der Commis, »das ist einer von den Briefen, die Sie angeblich in Ihrer Privatsammlung aufzuheben pflegen.«

»Möglich! möglich!« unterbrach ihn rasch der Principal, denn er fürchtete, noch Unangenehmeres zu hören. »Ich werde ihn wohl in der Tasche meines Ueberrocks haben. – Nun, es ist ja gleichviel! Aber ich versichere Sie: den Bogen zu einem Gulden und zwölf Kreuzern.«

Herr Staiger schüttelte den Kopf und entgegnete gedankenvoll: »Das kann nicht mit redlichen Dingen zugehen; da müßte man von anderen Uebersetzungen abschreiben.«

»Ja, das ist auch eine Kunst,« versetzte der Buchhändler, indem er mit dem Daumen und Zeigefinger seine lange Nase zwickte. »Das ist nicht so ganz schlecht, aus drei Uebersetzungen eine vierte machen. Wenn man es geschickt anfängt, merkt's das Publikum nicht und der Verleger erspart sein theures Geld. – Aber das kann ich Sie versichern, mein lieber Herr Staiger: von Vorschüssen müssen Sie mir nicht sprechen. Vorschüsse bewillige ich selten, und nie bei Artikeln, an denen man so wenig verdient, wie bei diesem unglückseligen Buche.«

Der Buchhändler hatte sich ordentlich in die Hitze hineingesprochen und seine Rede klang um so überzeugter, als er auf dem [134] Gesichte seines ersten Commis zu lesen glaubte, daß dieser mit ihm übereinstimme, was äußerst selten geschah.

Herr Beil hatte die Augenbrauen in die Höhe gezogen, den Kopf nachdenkend auf die Seite geneigt und sagte nach einer Pause mit der größten Ruhe und Ueberzeugung: »Sehen Sie, mein verehrter Herr Staiger, diesmal ist der Herr Blaffer vollkommen in seinem Recht. Sie wünschen einen Vorschuß – zu welchem Zwecke? Wahrscheinlich um Holz zu kaufen, weil es Sie und Ihre kleinen Kinder zu Hause friert. Ferner um Brod zu kaufen, weil es Ihre Familie hungert; dann endlich, um die Kosten des kleinen Begräbnisses zu bezahlen, weil dies, namentlich für arme Leute, ein theurer Spaß ist – – Ernst wollte ich eigentlich sagen. Dazu also wollen Sie Vorschuß? – Habe ich nicht Recht?«

Der alte Mann nickte traurig lächelnd mit dem Kopfe.

»Aber der Herr Blaffer verweigert Ihnen diesen Vorschuß, obgleich es nur ein paar armselige, lumpige Gulden sind. Und der Herr Blaffer, obgleich ein sehr ehrenwerther Mann wie der selige Brutus, kann nicht anders handeln. Sie sollen für ihn ein Buch übersetzen, das von allerlei großen und kleinen Leiden einer Menschenklasse handelt, die man Sclaven nennt. Darin kommen Hunger, Durst, frierende, auch sterbende Kinder und dergleichen schöne Sachen mehr vor. Das aber mit dem richtigen Tone wieder zu erzählen, würde Ihnen schwer fallen, wenn Ihnen nicht die große Güte des Herrn Blaffer Veranlassung gäbe, all' diese schönen Dinge bei sich selbst zu erleben. Sehen Sie, nur aus dem Grund verweigert er Ihnen den Vorschuß. – Sie frieren zu Hans, Sie hungern auch ein klein wenig, Ihre Kinder ebenfalls, und Alles das macht Sie geschickt, die vortrefflichste Uebersetzung zu liefern für das bekannte Haus Johann Christian Blaffer und Compagnie.«

Damit schlug Herr Beil dröhnend sein Buch zu, rutschte von dem Comptoirstuhl herab und verließ das Zimmer, nachdem er zuvor vor einem armseligen Spiegel in der Ecke seinen großen schwarzen[135] Schnurrbart so horizontal als möglich nach beiden Seiten hinaus gestrichen.

Der Buchhändler hatte anfangs nicht gewußt, was die Rede seines Commis bedeuten solle. Ja, sie war ihm zuerst sehr gutmeinend vorgekommen, und er hatte sie mit einem beistimmenden Kopfnicken begleitet. Bald aber hörte dieses Kopfnicken auf, die Nase hob sich drohend und immer drohender, sein aschgraues Auge blitzte und die zuckenden Finger suchten nach irgend etwas Schwerem, um es seinem Gegenüber an den Kopf zu werfen. Doch bezwang er sich männlich, that einen tiefen Athemzug, und indem er mit der einen Hand verächtlich auf Herrn Beil zeigte, wie er noch vor dem Spiegel stand, wiederholte er mit der anderen die Pantomime von vorhin nach der Stirne.

Während jener Rede hatte der alte Mann auf seinen Hut geblickt und den Commis nur ein einziges Mal angesehen. Aber dieser Blick, den er ihm zuwarf, war freundlich, ja dankend. Er schien auch jetzt vollkommen resignirt zu sein und zog sich nach der Thüre zurück, um das Zimmer zu verlassen, als dieselbe nach einem kurzen aber heftigen Anklopfen von außen so rasch geöffnet wurde, daß sie Herrn Staiger beinahe auf die Seite drückte.

13. Kapitel
Dreizehntes Kapitel.
Uebesetzungs-Angelegenheiten.

Der junge Mann, der unter die Thüre des Zimmers trat und sich in diesem einen Augenblick umschaute, ehe er näher kam, war der Maler Arthur, der dem geneigten Leser bereits bekannt ist. Er [136] überzeugte sich durch einen Blick, daß sich Herr Blaffer auf seinem Comptoirstuhl befand, dann nahm er seinen Hut ab und trat in das Gemach.

»Ah! Sie sind's, mein vortrefflicher junger Freund!« rief der Principal, indem er von seinem Sitz herab hüpfte und mit vor gestreckten Händen und Knieen auf den Eingetretenen zurutschte »Ah! Sie sind pünktlich, wie ich es liebe und wie ich es selbst in allen Geschäften bin. Schlag eilf Uhr. Wollen wir nicht in mein Wohnzimmer spazieren?«

»Ich meines Theils befinde mich ganz gut hier,« sagte der Maler, nachdem er für die freundliche Begrüßung mit einem Kopfnicken gedankt, ohne jedoch den doppelten Händedruck besonders stark erwidert zu haben. – »Geschäfte macht man am besten im Geschäftslokal ab, und Anderes führt mich nicht daher.« Bei diesen Worten trat er an den Pult, um Hut und Stock abzulegen; und als er sich darauf umwandte, entdeckte er erst den alten Mann, der den Griff der Thüre erfaßt hatte und sich eben Hinausschleichen wollte.

Herr Blaffer sah sich genöthigt, die beiden Herren mit einander bekannt zu machen. – »Herr Staiger,« sprach er, »einer meiner Uebersetzer, – Herr Arthur Erichsen, einer unserer talentvollsten, geachtetsten jungen Maler, ein Talent, welches so Großes verspricht, und sich dennoch herablassen will, unser geringes Werk zu illustriren.«

Arthur schüttelte unmuthig den Kopf über diese Worte des Buchhändlers; doch konnte einem aufmerksamen Beschauer nicht entgehen, daß er dies eigentlich nur that, um eine augenblickliche Verlegenheit, ja eine gelinde Röthe, die sich über sein Gesicht verbreitete, zu verbergen. Er kannte ganz genau den alten Mann, der vor ihm stand, und er hatte eigentlich gehofft, ihn hier zu treffen. Daß ihn der Vater der schönen Tänzerin, die er so sehr liebte, noch mit keinem Auge gesehen, machte er sich gewissermaßen [137] zum Vorwurf und ging deßhalb auf den alten Mann mit einiger Befangenheit zu, wobei er ihm aber freundlich seine Hand entgegen reichte.

»Ich freue mich in der That, Sie zu sehen,« sagte Arthur; »recht sehr freue ich mich, und obgleich Sie wohl im Begriff zu sein scheinen, wieder hinweg zu gehen, so bitte ich Sie doch, da zu bleiben, indem mir Ihre Ansicht bei der Unterhandlung mit Herrn Blaffer von Wichtigkeit ist.«

Herr Staiger blickte einigermaßen überrascht in das freundliche Gesicht des unbekannten jungen Mannes, der, seinem Aeußeren nach, offenbar den besten Ständen angehörend, sich nicht an sein abgeschabtes Röckchen zu kehren schien und ihm so freundlich entgegen kam.

Der Buchhändler zuckte leicht die Achseln, bat den Maler, ihm gegenüber den Platz des Herrn Beil einzunehmen, und kletterte dann ebenfalls wieder auf seinen Schreibbock hinauf.

Arthur blickte fragend auf den alten Mann, der hinter der Thüre neben der Kiste stehen geblieben war, dann wandte er sich an den Lehrling und sagte ihm ruhig und bestimmt: »Bringen Sie doch dem Herrn einen Stuhl; Sie sehen ja, daß wir sitzen und Herr Staiger uns zu Liebe da bleibt.«

Der Buchhändler nickte verdrießlich mit dem Kopfe, und der junge blonde Mensch eilte nicht ohne ein kaum bemerkbares Lächeln in's Nebenzimmer, von wo er alsbald mit einem der besten Stühle seines Principals zurück kam.

In diesem Augenblicke trat Herr Beil in das Zimmer, wollte sich aber wieder zurückziehen, da er seinen Platz besetzt fand.

Arthur blickte in die Höhe und als er den Commis sah, der ihm wohl bekannt war, nickte er ihm freundlich entgegen und sagte: »Sie werden entschuldigen, lieber Herr Beil, daß ich einen Augenblick Ihren Stuhl eingenommen, ich werde übrigens nicht lange Gebrauch davon machen, da wir bald im Reinen sein werden.«

[138] Bei diesen Worten flog an diesem Morgen das erste freundliche Lächeln über das Gesicht des Buchhändler-Commis. »Ah! Sie sind es!« versetzte er; »freut mich recht, Sie zu sehen. Warten Sie, ich will Ihnen gleich einen Bogen Papier unterbreiten, denn ich sehe, Sie haben schon den Bleistift in der Hand; sonst zeichnen Sie mir wieder allerlei Ungeheuer in mein Hauptbuch.«

»Seien Sie unbesorgt,« entgegnete Arthur lächelnd, »ich habe mir Ihre Lektion von neulich gemerkt.«

»Nun endlich zur Sache!« rief ungeduldig der Buchhändler. »Lassen Sie uns in Frieden, Herr Beil! Schauen Sie lieber diesem jungen faulen Schlingel da zu, der mit einer Langsamkeit einpackt, daß es wahrhaftig zum Erbarmen ist. – Also, Herr Staiger,« wandte er sich an den alten Mann, »da Sie nun einmal da sind, ist es mir lieb, wenn Sie zuhören, auch vielleicht Ihren Rath geben. Herr Erichsen will also die Freundlichkeit haben, zu unserer Ausgabe von Onkel Tom's Hütte vortreffliche Illustrationen zu machen. Es ist mir ein Bedürfniß, Originalzeichnungen zu er halten, denn ich hasse den Nachdruck, selbst wenn er vollkommen erlaubt ist wie hier, wo es sich nur darum handelt, englische Originale zu benutzen.«

Während dieser Rede sah Herr Blaffer so salbungsvoll an die Decke des Zimmers empor, und machte ein so merkwürdig ehrlich sein sollendes Gesicht, daß sich Arthur nicht enthalten konnte, diese herausfordernden Züge mit einigen kecken Umrissen auf das Blatt Papier zu skizziren.

»Was meinen Sie nun,« fuhr der Buchhändler fort, »sollen wir zu jeder Lieferung eine Illustration geben, was allerdings acht für den Band machen würde, oder wollen wir uns damit begnügen, für zwei Lieferungen eine herzustellen? – Was meinen Sie dazu, Herr Staiger?«

»Wenn man zu jeder Lieferung eine Illustration machte,« sagte schüchtern dieser, »so würde das wohl die Kosten bedeutend erhöhen.«

[139] »Auf die Kosten kommt es Herrn Blaffer nicht an,« versetzte der junge Mann, während er ruhig fortzeichnete, wenn die Arbeit nur gut wird.

»Allerdings,« meinte kleinlaut der Principal; »nur ist das Holzschneiden eine sehr theure Geschichte.«

»Dafür kosten Sie ja aber die Zeichnungen fast gar nichts,« warf der Maler leicht hin. »Sie haben mich gebeten sie zu machen, und da ich mich gerade einmal in dem Genre versuchen möchte, so zeichne ich Ihnen die Illustrationen für eine Kleinigkeit.«

»Ja, ja,« sprach mühsam lachend der Buchhändler, »was ihr Herren Kleinigkeiten nennt. – Nun, es kommt mir ja nicht darauf an. Also machen wir zu jeder Lieferung ein Illustration, und Sie werden sie mir gleich auf's Holz zeichnen.«

Arthur nickte mit dem Kopfe.

»So wären wir vorderhand im Reinen,« fuhr Herr Blaffer fort, und sagte, indem er sich an den alten Mann wandte: »Jetzt hätten wir für heute nichts mehr mit einander abzumachen; besorgen Sie mir also das Manuscript zur fünften Lieferung und Sie sollen alsbald haben, was Sie gewünscht. – Guten Morgen, Herr Staiger!«

»Noch einen Augenblick!« bat der Maler, ohne aber von seinem Papier in die Höhe zu sehen. »Im Interesse der Illustrationen wäre es mir sehr erwünscht, mich zuweilen mit dem Herrn Staiger besprechen zu können. Wir wollen doch nicht gerade die gleichen Scenen wie in der englischen Ausgabe illustriren; der Ansicht werden Sie doch auch sein, Herr Blaffer?«

»Jedenfalls etwas ganz Neues,« antwortete der Buchhändler. »Herr Staiger wird gewiß gern zuweilen in Ihre Wohnung kommen.«

»Gewiß,« sagte der alte Mann, »wenn Herr Erichsen mir nur sagen will, wenn ich ihn zu Hause treffe.«

[140] »Gott bewahre!« entgegnete eifrig der Maler, indem er sich aber noch tiefer auf das Blatt Papier niederbeugte. »Das werde ich nimmermehr zugeben, daß Sie Ihre kostbare Zeit in Gängen nach meiner Wohnung verschleudern. Ein Künstler wie ich, der bald hier bald da ein Stück von der Außenwelt gebraucht, schlendert viel in den Straßen umher, und wenn Sie mir – – Ihre Wohnung angeben wollen und mir sagen, wenn ich Sie am besten treffe, so mache ich mit dem größten Vergnügen, – gewiß mit dem größten Vergnügen hie und da einen Sprung zu Ihnen.«

»Es wird mir eine große Ehre sein,« antwortete Herr Staiger, »wenn Sie meine Dachkammern aufsuchen wollen; aber sie sind etwas entlegen – Balkengasse Nummer vierzig über vier Stiegen. – Was die Zeit anbetrifft, wo Sie mich zu Hause finden, so bin ich gemeiniglich den ganzen Tag da; wenn ich je einmal ausgehe, so geschieht das zwischen zwölf und ein Uhr nach meinem Mittagessen.«

»Balkengasse Nummer vierzig,« sprach der Maler mit leiser Stimme, während er eifrig fortzeichnete. »Ich will mir's gewiß merken.«

Unterdessen war Herr Beil an den Pult getreten, und während er that, als betrachte er sich die Zeichnung, welche Arthur auf das Blatt Papier hinwarf, schob er diesem unbemerkt ein kleines Zettelchen zwischen die Finger, worauf die Worte standen: »Erkundigen Sie sich unbefangen nach dem Honorar, was für eine Uebersetzung bezahlt wird.«

Herr Staiger hatte bereits den Drücker der Thüre in der Hand und wollte sich entfernen.

»Apropos!« sagte Arthur ganz gleichgültig, »das Uebersetzen muß doch eigentlich ein gutes Geschäft sein. Man braucht keine Vorstudien zu machen, man schreibt eigentlich nur ab, man bezahlt gute Honorare; es muß doch etwas dabei zu verdienen sein. Nicht wahr, Herr Staiger?«

[141] »O gewiß, wenn man fleißig ist,« entgegnete statt des Gefragten der Buchhändler, »wenn es Einem rasch von der Hand geht.«

»Wäre es indiscret von mir,« fuhr der Maler fort, »wenn ich Sie fragte, wie viel zum Beispiel für einen solchen gedruckten Bogen dieser Onkel Tom's Hütte bezahlt wird?«

Diese Frage mußte allerdings an gegenwärtigem Orte sehr indiscret erscheinen, denn Herr Blaffer zog seine Augenbrauen finster zusammen, Herr Staiger blickte zur Erde, und während Herr Beil eine ungemein freundliche Grimasse zog, sperrte der blonde Lehrling seinen Mund vor Verwunderung und Freude weit auf.

»Das ist eigentlich schwer zu sagen,« nahm der Buchhändler nach einer längeren Pause das Wort; »ich bemerkte schon, wer fleißig ist, wem's von der Hand geht, der kann es schon zu was bringen.«

»Da wäre also die erste Frage,« fuhr der Maler unerschütterlich fort, während er die Gesichtszüge des Principals in einer erschreckenden Ähnlichkeit auf das Papier feststellte, »wie lange schreibt man an so einem Druckbogen? – Nun, Herr Staiger, Sie sind doch gewiß ein recht fleißiger Mann, was bringen Sie also an einem Tage vor sich?«

Der Gefragte wußte nicht recht, ob und was für eine Antwort er geben sollte. Er blickte auf den Buchhändler, der ein Lineal heftig zwischen den Fingern drehte, dann sah er den Herrn Beil an, der ihm auf eine so heftige und eindringliche Art zunickte, daß er sich eines kleinen Lächelns nicht erwehren konnte.

»Nun?« fragte der Maler.

»Ja – a, ja – a – a, es ist eigentlich so, wie Herr Blaffer sagt,« meinte der alte Mann, »wenn man viel arbeitet, so kann man Etwas verdienen; ich zum Beispiel –«

»Aber was kann Sie das interessiren!« warf der Buchhändler [142] dazwischen. »Kommen Sie einen Augenblick in meine Wohnstube, wir wollen unsere Conditionen wegen der Zeichnungen festsetzen, und dann will ich Ihnen auch wohl gern Einiges über die Uebersetzungsgeschichten sagen.«

»Lassen Sie doch den Herrn Staiger sprechen,« entgegnete Arthur gleichgültig. »Gott! mein verehrter Herr Blaffer, wir kennen ja einander. Wenn Sie zu Papa auf die Kasse kommen, so weiß ich, daß man Sie dort gern über alles Mögliche belehrt.« – Dies war eigentlich ein Stich auf den Buchhändler, denn wenn er Geldgeschäfte hatte, Wechsel umsetzte, oder fremde Papiere einhandelte, so studirte Niemand genauer die Kurszettel als der Herr Blaffer, der oftmals unbescheiden genug gewesen war, wegen einiger Gulden die Einsicht in Correspondenzen zu verlangen.

»Nun also –?«

»Gewöhnlich stehe ich des Morgens um vier Uhr auf,« sagte der alte Mann, »mache mir ein kleines Feuer an, rücke meinen Tisch an den Ofen, und wenn meine Finger, die während der ebengenannten häuslichen Geschäfte etwas einfrieren, wieder warm geworden sind, so nehme ich meine Feder und fange an zu arbeiten. Allemal aber habe ich schon eine Stunde vorher in meinem Bette einige Kapitel durchlesen müssen, damit mir die Arbeit nicht ganz fremd ist. So arbeite ich fort bis um sieben Uhr, wo die Kinder aufstehen und – nach ihrem Frühstück verlangen.« – Dies sagte Herr Staiger mit einem trüben Lächeln. – »Darum habe ich mich aber nichts zu bekümmern,« fuhr er fort, »denn meine älteste Tochter Clara sorgt dafür, weßhalb es mir auch keine Zeit wegnimmt. Diese fünf Stunden nun, von Vier bis Neun, sind mir aber die kostbarsten, denn da Clara um neun Uhr fort geht, so befinde ich mich von der Zeit an mit den kleinen Kindern allein und werde alle Augenblicke von ihnen gestört, besonders von meinem Buben, der noch nicht in die Schule geht. Bald muß ich ihn vom Fenster wegholen, bald ihm irgend ein Spielzeug machen, [143] damit er ruhig sitzt, und wenn es eilf Uhr geworden ist, so muß ich auch sehen, daß das Feuer wieder besser brennt, damit Clara, welche um Mittag kommt, in sehr kurzer Zeit unser Essen fertig bringt. Von Zwölf bis Eins nun ist meine Erholung; nach dieser Zeit fange ich wieder an zu arbeiten, und schreibe dann so fort bis neun, zehn, auch Wohl eilf Uhr.«

»Und was haben Sie dann vor sich gebracht,« fragte eifrig der Maler, »in der Zeit eines solchen langen Tages?«

»Wenn es mir gut von der Hand geht, einen ganzen Bogen,« antwortete Herr Staiger. »Wissen Sie, mein lieber Herr, sechszehn enggedruckte Seiten, wie das hier ist keine Kleinigkeit.«

»Das kann ich mir denken,« sagte Arthur seufzend. »Gott! wenn ich mir das vorstelle, unsereins, so an Luft und Freiheit gewöhnt, sollte so hinsitzen über das Papier gebeugt, Stunde um Stunde arbeiten, mit dem Geiste und mit der Hand, immer in zwei Sprachen denken; ah! ich bin überzeugt, ich meines Theils würfe die Feder nach der ersten Stunde weg! – Nun aber haben Sie einen ganzen Bogen beendigt. Jetzt hoffe ich doch, Sie wissen warum? Sie werden nun doch ein Anständiges verdient haben, so daß Sie zum Beispiel nach dreitägiger angestrengter Arbeit in der Woche die übrige Zeit Ihrer Erholung widmen können oder etwas zurücklegen für Ihre Kinder.«

Dem Herrn Blaffer war diese Unterredung offenbar peinlich und unangenehm; er rückte mißmuthig hin und her, er schnappte nach rechts und nach links, er zog an seiner ohnedies sehr langen Nase, und sagte endlich, indem er es, aber nicht ganz logisch, versuchte, ein anderes Thema anzuschlagen: »O, was wollen Sie, bester Freund! arbeiten muß ein Jeder, ich, Sie, der große Theil der Menschen, die da leben, und wenn auch Manche von uns angestrengter arbeiten, als die anderen schaffen müssen, so leben sie dafür in einem wohlgeordneten civilisirten Staate, der ihr Eigenthum schützt, ihren Herd, Weib und Kind beschirmt vor roher Gewalt. [144] – Das muß man einsehen; man muß mit seinem Schicksal zufrieden sein, man muß bedenken, wie viele Tausende von Menschen viel schlimmer daran sind als wir, wie Unzählige in einer Sklaverei leben, gegen deren Leiden unsere Mühe und Noth wahrhaftes Labsal zu nennen ist, – wahrhaftig, aus dem Gesichtspunkte kann man dies vortreffliche Buch der amerikanischen Dame nicht genugsam preisen und loben. Freilich, materielle Entbehrungen haben jene unglücklichen Sklaven im Allgemeinen nicht zu ertragen; sie wohnen gut, sie essen und trinken nicht schlecht, sie sollen sich auch, wie aufmerksame Beobachter versichern, bei der Arbeit nicht übermäßig anstrengen, und überhaupt nur da arbeiten, wo sie durch Drohungen hiezu angehalten werden – eine Erscheinung, die aber rein aus ihrem geknechteten Zustand herzuleiten ist. Sie dürfen Sonn- und Festtage halten, sie haben freilich ihre Tanz- und anderen Vergnügungen; der größte Theil der Herren pflegt seine Sklaven, wenn sie krank werden, hält meistens einen eigenen Arzt hiezu auf seiner Pflanzung, füttert sie aus der Vorrathskammer, wenn zufällig einmal Mißwachs eintritt; – und gerade in dieser guten Behandlung liegt das Empörende. Denn glauben Sie nicht, daß der Pflanzer mit seinen Sklaven aus Mitleid so umgeht! Nein, er thut es nur, weil sie ihm als bloße Waare gelten; er nährt, kleidet, pflegt sie, sorgt auch, wie gesagt, für ihr Vergnügen, aber er thut das nur, um sie, als Waare betrachtet, nicht unter ihren Werth herab zu bringen.«

»Aber er thut es,« versetzte ruhig Herr Beil, »und da er es nun einmal thut, sind die Schwarzen jenseits des Oceans wahrhaftig nicht so schlimm daran, wie ihre weißen Brüder diesseits.«

»Das ist ihr materielles Wohl, das thierische, gemeine Leben. Sehen wir aber die andere, die Schattenseite dieses Bildes, wie sie uns die geistreiche Amerikanerin in diesen vortrefflichen Heften schildert.«

[145] »Bei Johann Christian Blaffer und Compagnie,« murmelte der Commis. »Halten Sie gefälligst Ihr Maul, Herr Beil,« entgegnete der Buchhändler-Principal, der für sein Buch die Lanze eingelegt hatte, und nun, ein zweiter Don Quixote, gegen etwelche Windmühlen loszurennen im Begriff war. – »Also die andere Seite, die eigentliche Knechtschaft! Man achtet nicht das Heiligste, was der Mensch besitzt, die Familienbande; man reißt sie gewaltsam aus einander, damit der Vater hier untergehe in Noth und Jammer, die Mutter dort, die Kinder verkümmern unter der Peitsche ihrer Peiniger.«

»Das kommt auch bei uns vor,« sagte gedankenvoll der alte Mann, »nur daß es nicht gerade öffentlich geschieht auf dem Sklavenmarkt unter dem Hammer des Auctionärs, aber dafür desto mehr im Geheimen. Auch sind es nicht wohlbeleibte Pflanzer, die hier so die Familien zerreißen und Mutter von Kind trennen, sondern viel schlimmere Gebieter: Hunger, Noth und Laster aller Art, und ich möchte in der That wissen, ob jene schwarze Mutter, deren Kind man verkauft, das also den Herrn wechselt, ohne aber deßhalb schlechter gehalten zu werden, schlimmer daran ist, als eine weiße, die gezwungen ist, ihr Kind zum Vetteln herzugeben, und die sehen muß, wie es siech und elend wird, langsam dahin stirbt oder sich durchreißt, um später jedem Laster in die Hände zu fallen.«

»Auch kauft man bei uns Kinder genug,« sagte gleichmüthig Herr Beil, »namentlich Kinder weiblichen Geschlechts, wenn sie über sechszehn Jahre alt sind.«

Der Blick des Principals, welchen er für diese Bemerkung seinem Commis zuschleuderte, war ein entsetzlicher Blick, und die Bewegung, die er hervorgerufen, brachte den würdigen Buchhändler ganz aus seinem Vortrag heraus. Er fuhr mit der Hand über die Stirne, schnappte nach Luft und bemerkte nach einem augenblicklichen Stillschweigen mit erzwungenem Lächeln: »Es ist eigentlich sonderbar, wie so ein gewaltiger Stoff einem die Nerven aufregt.«

[146] »Ja, ja,« erwiderte Arthur, der unterdessen die Gestalt des Buchhändlers, den er als Sklavenhändler skizzirt, mit ein paar Strichen vollendete, »wir sind dadurch ganz von unserem Thema abgekommen.«

»O es ist nicht der Mühe werth,« meinte Herr Blaffer.

Worauf der Commis halblaut sagte: »Es ist freilich nicht der Mühe werth, das Honorar nämlich; – aber er muß es Ihnen aussprechen; dringen Sie nur darauf.«

»Nun, Herr Staiger,« fuhr der Maler fort, »was bringt Ihnen so ein mühevolles Tagewerk? Was verdienen Sie bei der Uebersetzung eines Bogens?«

»Das Honorar ist ein Gulden und dreißig Kreuzer,« sagte der alte Mann.

Welche Worte Arthur mit einem Tone wiederholte, als habe er nicht recht gehört. – »Ein Gulden und dreißig Kreuzer für vierzehnstündige mühevolle Arbeit des Geistes und des Körpers! Ein Gulden dreißig Kreuzer, die Ihnen nur so lange bezahlt werden, bis Ihr Verstand die Marter nicht mehr erträgt, Tage, Wochen lang die Punkte und Striche hinzumalen, die man Buchstaben nennt! Die Sie sogar nicht erhalten, wenn es Ihnen einmal nicht gelingt, einen Tag Ihrer Frohnarbeiten zu vollenden, die Sie an Sonn- und Festtagen nicht haben, wenn Sie auch diese Tage, die doch zur Ruhe bestimmt sind, nicht ebenfalls mit Ihrer schweren, schweren Arbeit ausfüllen!«

»Aber, mein lieber Herr,« entgegnete der alte Mann mit einem sanften Tone, »ich theile da das Schicksal von Tausenden und aber Tausenden meiner Mitmenschen, von allen Denen, die um Taglohn arbeiten, und bin am Ende weit besser daran als diese. Mich hindert doch keine Witterung an meiner Arbeit, ich kann an meinem Schreibtisch sitzen, mag die Sonne scheinen oder mag es regnen oder schneien.«

»Ja, das ist wahr,« versetzte der Maler; »was das anbelangt, [147] leben Millionen unserer Arbeiter in traurigeren Verhältnissen als Sie, verehrtester Herr, aber auch als jene Schwarzen, deren Jammer uns so nachdrücklich vor Augen geführt wird, den Sie übersetzen, den ich illustrire. Mag ihnen dort die Sonne scheinen oder mag Sturm und Regen den Himmel verfinstern, das ist jenen Sklaven gleichgültig: ihr Herr sorgt für sie und ihre Kinder, und ihnen ist es ganz recht, wenn sie wochenlang im angenehmen Nichtsthun vor ihren Hütten sitzen können; ihnen schmilzt nicht jeder fallende Regentropfen das Brod im Schranke wie unserem Taglöhner. – Ah! es wären wahrhaftig für unsere deutschen Leser keine Uebersetzungen und keine Illustrationen nothwendig; sie sollten nur verstehen, auf Straße und Feld zu lesen und zu schauen; aber das Elend, das wir täglich vor uns erblicken, hat für die empfindsamen Leser und Leserinnen jenes Romans nicht das Pikante, das Appetitliche, nicht das wollüstig die Nerven Kitzelnde, wie die Geschichte der jungen schönen Mulattin, die von ihrem Herrn verfolgt wird und bereit ist, eher ihr Leben herzugeben als ihre Ehre. – Ah! das liest sich vortrefflich und sieht sich außerordentlich schön an. Aber wie schon gesagt, um auch das lebendiger und wahrer zu haben, dazu braucht man nicht nach Onkel Tom's Hütte zu gehen; das haben wir Alles bei uns ebenso schön in der lieben Heimath.«

»Sehr wahr,« meinte Herr Beil, wobei er es nicht unterlassen konnte, einen festen Blick auf seinen Principal zu werfen, der unterdessen von seinem Stuhl herabgerutscht war, und nun der ernsten Conversation durch ein ziemlich mißtöniges Lachen eine heitere Wendung zu geben versuchte.

»Eigentlich haben Sie mit Ihrem Lachen Recht, Herr Blaffer,« fuhr Arthur fort. »Warum auch trübselige Gedanken! Kurz ist das Leben, treten wir so viel wie möglich auf die Sommerseite desselben, und wenn wir ja einmal durch schwarze Schatten hindurch müssen, nun, so wollen wir uns bemühen, auch daraus etwas [148] zu lernen. – Jetzt ersuche ich Sie aber, einen Augenblick mit in's Nebenzimmer zu kommen, ich will Ihnen da in der Geschwindigkeit meine Bedingungen wegen der Illustrationen mittheilen. – Herr Staiger,« wandte er sich an diesen, »Sie bitte ich, noch einen Augenblick zu bleiben; wir gehen zusammen fort, wenn es Ihnen recht ist.«

Was nun der Künstler im Nebenzimmer mit dem Buchhändler verkehrte, halten wir nicht für unsere Pflicht, dem geneigten Leser genau anzugeben: nur das Resultat der Unterredung soll er erfahren, weil es für den alten Mann draußen ein angenehmes war. Der Buchhändler nämlich, als er in's Comptoir zurück kam, schritt mit einem gerade nicht zu sauren Gesichte gegen seinen Pult, öffnete die Kasse und händigte dem überraschten Herrn Staiger den gewünschten Vorschuß von vier Gulden ein, wobei er lächelnd sagte: »Sehen Sie, mein Verehrtester, ich mache mir eigentlich ein Vergnügen daraus, Ihren Wunsch zu er füllen: es ist nur meine Gewohnheit, jede Sache reiflich vorher zu überlegen. Wahrhaftig, ich bin nicht unerkenntlich für Ihre an sich gar nicht so schlechte Uebersetzung, und sowie sich die Zahl der Abnehmer unseres Romans auf zweitausend steigert, mache ich es mir zur Pflicht, Ihr Honorar auf drei Gulden zu erhöhen, ja, sobald sich die Abnehmer vermehren, was voraussichtlich in den nächsten Monaten geschehen kann – – wollte sagen in den nächsten Wochen,« verbesserte sich Herr Blaffer, denn er fing einen bedeutsamen Blick des Malers auf, »ja vielleicht mit dem nächsten Posttage; wir wollen sehen, wir wollen sehen!«

Herr Blaffer hatte durch all' das Vorgegangene einen anstrengenden Morgen gehabt, und als sich nun der alte Mann mit Arthur unter vielen Danksagungen entfernt, zog der Principal einen dicken Paletot an, verschloß seinen Pult sorgfältig, nahm Hut und Stock und entfernte sich, um, wie er sagte, noch einen wichtigen Geschäftsgang zu machen. Dergleichen wichtigen Geschäftsgänge [149] kamen übrigens um die Essensstunde einige Mal in der Woche vor; Herr Blaffer war nämlich Junggeselle, also ließ er nicht die zarte Hälfte seines Ich's zu Hause zurück und konnte sich beruhigt in das Wirthshaus begeben, um dort etwas Besseres zu verzehren, als dem Herrn Beil, der ebenfalls im Hause beköstigt wurde, und dem Lehrling vorgesetzt zu werden pflegte.

Der Buchhändler verließ also sein Haus, und der blasse Lehrling, der bis jetzt Bücher eingepackt, eilte an ein Fenster, das auf die Straße ging, und wartete da, bis der Principal um die nächste Ecke verschwunden war.

Herr Beil hatte sich wieder auf seinen Comptoirstuhl gesetzt und nahm mit triumphirendem Lachen das Blatt in die Hand, welches Arthur zurückgelassen. »Sehen Sie,« rief er seinem schmächtigen Untergebenen zu, »da steht er, wie er leibt und lebt, der Sklavenhändler Blaffer, und auch wir sind nicht vergessen, mich hat er auf Ehre als Onkel Tom dahin conterfeit, und da unten das miserable Ding mit den auffallend gekrümmten Schienbeinen und dem verwahrlosten Kopfe gleicht Ihnen wie ein faules Ei dem andern.«

Der Lehrling schien aber keine besondere Lust zu haben, auf diese Spässe einzugehen. Er setzte sich auf die Kiste hinter der Thüre, ließ den Kopf melancholisch auf die Brust sinken und stieß einen tiefen Seufzer aus.

»Nun,« sagte Herr Beil, indem er über den Bogen Papier hinweg sah, »wo fehlt's Ihnen, junger Buchhändler? Sehen Sie nicht wahrhaftig aus wie unser würdiger Chef, wenn er einen Retourzettel erhält, auf dem geschrieben steht: Wird nur gegen Baar expedirt. – Hat Sie die Unterredung von heute Morgen angegriffen?«

Der Lehrling schüttelte betrübt den Kopf.

»Oder ist Ihr Hunger stärker als gewöhnlich? – Auch das nicht? – Nun, dann weiß ich nicht, was Ihnen fehlt. Bitte, sprechen Sie sich deutlicher aus, theuerster Anton!«

[150] »Sie wissen wohl, daß ich nicht Anton, sondern August heiße,« entgegnete betrübt der Lehrling. – »Haben Sie den Herrn Erichsen gesehen?«

»Sonderbare Frage!« meinte Herr Beil, indem er den Bogen Papier weit von sich abhielt, um den Totaleindruck der Zeichnung besser zu genießen.

»Ach! ist das nicht ein angenehmer junger Mann!« fuhr August fort, »so elegant gekleidet, feine helle Handschuhe, so ein schönes und freies Benehmen, und hat was gelernt. Wenn ich dagegen unsereins ansehe –«

»Unsereins!« entgegnete der Commis scheinbar entrüstet, indem er die eine Spitze seines gewaltigen Schnurrbarts in die Höhe drehte. – »Unsereins! Nun ich denke, meine Repräsentation ist auch nicht ganz Ohne, und wenn Sie fleißig Brochuren verpacken, pünktlich Ihre Pakete austragen, und wenn dann einstens Herr Blaffer stirbt und Sie zum Erben einsetzt, so können Sie auch gute Paletots tragen und seine Handschuhe.«

»Ach, machen Sie doch nicht immer Ihre Spässe, mit denen es Ihnen doch nicht Ernst ist!«

»Das ist mein blutiger Ernst, Sie junger Wortklauber; ich halte was auf mich, und wenn ich einmal zufälliger Weise in die rechte Carrière hinein gerathe, so sollen Sie ihr blaues Wunder sehen. – Der Buchhandel,« setzte er mit anderem Tone hinzu, »ist freilich auch nicht das, was mir in meinen süßen Träumen vorschwebt.«

»Ach, Herr Beil,« fuhr der Lehrling fort, ohne seinen Blick vom Boden zu erheben, »hätte man mich nur was Rechtes lernen lassen, glauben Sie mir, ich habe den Kopf dazu. Wollte ich doch auch ein Zeichner und Maler werden, und als ich noch in die Schule ging, da sagten die Lehrer, ich hätte ein schönes Talent und es könnte auch einmal etwas Gutes aus mir werden.«

»Immer die alte Jeremiade!« antwortete Herr Beil, indem [151] er das Papier sinken ließ und den Lehrling nicht ohne Interesse betrachtete. – »Sie sind aber ein junges Ungeheuer,« fuhr er nach einer Weile im früheren Tone fort; »lehrt Sie der Herr Blaffer nicht täglich und stündlich etwas Gutes und Neues, Sie und Ihre Schwester Maria?«

»Ich kann eigentlich nicht verlangen, daß er mich hätte sollen viel lernen lassen,« entgegnete der Andere, »aber so ein paar Privatstunden hätte ich wohl noch haben sollen.«

»Wie nahe ist Ihnen der Herr Blaffer verwandt?« fragte nachdenkend der Commis, der die vorige Rede überhört zu haben schien.

»Eine eigentliche Verwandtschaft existirt gar nicht zwischen uns, nur war er mit meinem Vater sehr befreundet.«

»Und als Ihre Mutter starb, hatte unser ehrbedürftiger Principal, den Gott erhalten möge, diverse Forderungen an sie zu machen. Sie aber hatten keine lebende Seele, weßhalb Sie in's Blaffer'sche Haus kamen!«

»Mit meiner Schwester Marie.«

»Und Ihrem Vermögen, was schon lange darauf gegangen sein soll für Ihren Lebensunterhalt. – So sagt man nämlich, und damit ihr Beide auch als nützliche Mitglieder der menschlichen Gesellschaft heran gebildet würdet, avancirten Sie zum zehnjährigen Lehrling, und sie – Maria nämlich – versieht die Stelle unseres Dienstmädchens.« – Diese letzten Worte sprach Herr Beil mit einer merkwürdigen Weichheit, während er nachdenkend an die Ecke des Zimmers blickte. – Einige Augenblicke darauf aber kehrte er wie gewaltsam zu seinem früheren Humor zurück, indem er laut lachend nochmals auf die Zeichnung schaute, sie alsdann zusammen faltete und in die Tasche steckte. »Meiner Seel'!« sagte er, »es ist zwölf Uhr vorüber, jetzt will ich einmal Hausinspection halten und nach Küche und Köchin sehen.«

Ehe Herr Beil hierauf das Comptoir verließ, zog er einen bessern Rock an, der hinter der Thüre hing, brachte Haar und [152] Bart in Ordnung und ging in's Nebenzimmer, von wo man unterdessen Tellergeklapper vernahm.

Hier befand sich die Schwester des Lehrlings, welche wir dem Leser mit einigen Worten vorzustellen uns veranlaßt sehen. Es ist das ein junges Mädchen von vielleicht achtzehn Jahren, von feiner Gestalt, kleinen Händen und Füßen, einem runden, frischen Gesicht, welches dunkelblondes Haar umgibt, kurz von einem Aeußeren, das eigentlich gar nicht zu der groben Kleidung paßt, die es bedeckt. Noch weniger harmonirt damit ihr eleganter, schlanker Oberkörper, der an der Taille zu umspannen ist, und der gegen oben zu einer wahrhaft bewunderungswürdigen Breite und Fülle aus einander geht. Wenn man die Schwester neben dem Bruder, dem Lehrling nämlich, sah, so hätte man ihrem Wesen nach glauben können, er sei das Mädchen und sie der Knabe. August war zärtlich, erschrocken, mit weichem, biegsamen Gemüth, sie dagegen keck, lustig, ja trotzig und widerstrebend.

Herr Blaffer hatte mit dem Mädchen eine gar eigenthümliche Erziehungs- und Behandlungsweise eingeschlagen, welche übrigens nicht dazu beitrug, ihren Charakter weicher zu machen. Bald schien er in ihr die Tochter eines Freundes zu sehen, und redete ihr lieblich, ja schmeichelnd zu, ja auffallend schmeichelnd, wie Herr Beil behauptete; bald aber behandelte er sie mit der größten Härte, ließ sie alle niedrigen Dienste verrichten und strafte sie unnachsichtlich für die kleinsten Vergehungen. Er behauptete, sie habe ein etwas leichtsinniges Temperament und ein sehr undankbares Gemüth, was sie namentlich darin bewies, daß sie die Freundlichkeit, mit der sie meistens die Männer behandelte, die mit ihr in einige Berührung kamen, durchaus nicht auf ihren Umgang mit ihrem Herrn und Meister ausdehnen wollte; sie war eine widerspenstige Sklavin, wie sich der Buchhändler schon hatte vernehmen lassen, wenn er nämlich nicht daran gedacht, daß sich Herr Beil in seiner Gehörweite befand. Der Commis aber befand sich oft [153] in dieser Gehörweite, ohne daß es der Principal wußte, und wir können dieses an sich tadelnswerthe Betragen nur dadurch entschuldigen, daß sich Herr Beil auf's Heftigste in das Mädchen verliebt hatte und in beständiger Angst lebte, die Zwistigkeiten zwischen Herr und Dienerin, die oftmals ausbrachen, könnten einmal für das Mädchen auf sehr unangenehme Art endigen.

Das mußte schon wahr sein, Maria gab sich häufig nicht einmal die Mühe, ihre Scheu, ja ihren Widerwillen vor ihrem Herrn zu verbergen, namentlich in jenen Tagen nicht, wo er es versuchte, sie durch Liebe und Sanftmuth zu erziehen. Dann war ihre Laune unerträglich, wogegen sie ordentlich aufzuleben schien, und sich auf ihrem schönen Gesichte Frohsinn und Heiterkeit abspiegelte, wenn sie Scheltworte und die schlechteste Behandlung mit oder ohne Veranlassung zu ertragen hatte.

Seit einigen Tagen war in dem Hause vollkommen ruhiges Wetter gewesen, ja Herr Blaffer hatte sich auffallend sanft benommen und sogar einmal die Aeußerung gethan, er sehe ein, das passe sich eigentlich nicht, daß Maria in seinem Hause alle die niedrigen Dienste versehe, und er finde es angemessen, nächstens ein wirkliches Dienstmädchen anzustellen. Diese Aeußerung hatte dem Herrn Beil einen Stich in's Herz gegeben, und er setzte seine Beobachtungen um so eifriger und genauer fort, als Maria ihm sichtlich auswich, oft in tiefen Gedanken vor sich hinstarrte und sich durch keinen lustigen Einfall aufheitern ließ.

Obgleich der Commis, wie schon gesagt, das Mädchen liebte, so sind wir doch durchaus nicht berechtigt, an eine Gegenliebe zu glauben. Sie benahm sich gegen ihn nicht freundlicher und zuvorkommender als gegen jeden Anderen, und Herr Beil warf während vieler schlimmen Stunden in seinem Kopfe die schreckliche Vermuthung umher, irgend ein unternehmender junger Mann habe sich vielleicht in ihr Herz geschlichen und mache es unempfänglich für all' die Beweise von Zuneigung und Liebe, die er ihr schon gegeben.

[154] Unterdessen hatte sie den Tisch gedeckt, das mehr als bescheidene Essen aufgetragen, und die Drei setzten sich dazu hin, ziemlich stumm und einsylbig; der Lehrling ließ den Kopf hängen, der Commis hatte keine guten Einfälle, und wenn er einen höchstens halbwegs ordentlich zu Tage brachte, so hatte dieser nur die Wirkung, daß das Mädchen, das, ohne einen Bissen anzurühren, auf ihren Teller hinstarrte, erschrocken in die Höhe fuhr und mit einem sehr erkünstelten Lächeln um sich schaute.

14. Kapitel
Vierzehntes Kapitel.
Häusliche Scenen.

Auf dem Kirchhofe der Stadt, den wir in einem der vorigen Kapitel verließen, fanden, wie der geneigte Leser bereits weiß, an jenem Morgen zwei Begräbnisse Statt. Das erste, das vornehmere, war das einer sehr alten und sehr adeligen Stiftsdame, die es ihren nun lachenden Erben recht sauer gemacht hatte. Es war eins von jenen kränklichen Wesen, von denen man achselzuckend spricht: »und sie lebt immer noch?« – eine Frage, die aber Jahrzehnte und Jahrzehnte mit einem »Ja!« beantwortet wird. Endlich aber hatte der unerbittliche Tod das hochadelige Wappen nicht länger geachtet und der alten Dame zum letzten Reigen die Hand gereicht, [155] was ihr gerade in diesem Augenblicke sehr unangenehm und unerwartet kam, denn es kreuzte einige Entwürfe, die sie nächstens auszuführen beschlossen hatte. Aber da wir Alle des Todes allerleibeigenste Sklaven sind, so genügte, wie schon gesagt, ein Wink von diesem Tyrannen, und sie, die gestern noch in dem Hofcercle so außerordentlich recherchirt war, und so angenehm mit den hohen und höchsten Herrschaften geplaudert hatte, ließ nun Fächer und Blumen plötzlich den steifen Fingern entgleiten und streckte sich lang aus, jenen gewissen eigenthümlichen Zug im Gesichte, den alle glücklichen, zufriedenen Menschen, wie zum Beispiel ihre gestrige Gesellschaft, nicht ohne einen unerklärlichen Schauder anzusehen vermögen.

Die Stiftsdame war sehr vornehm und sehr stolz gewesen; doch hatte sie sich in allen Ständen der Gesellschaft einen freundlichen Namen erworben, denn sie gab den Armen und sonstigen Hilfsbedürftigen nicht ungern, namentlich aber da, wo die öffentlichen Blätter ihre Gabe, Größe und Zweck derselben, in mehreren dankerfüllten Zeilen dem allgemeinen Publikum tiefgehorsamst ersterbend hinstammelten.

Sie war zur selben Stunde gestorben, wie das kleine Schwesterchen der Tänzerin, nächtlicher Weile, als noch tiefe Schatten über Wald und Flur lagen. Vielleicht hatten die beiden aufschwebenden Seelen einen und denselben Weg, und zogen, nachdem alle Standesunterschiede abgestreift, Hand in Hand dahin. Sollte aber auch sogar der Tod dieses Gleichheitsprinzip nicht durchzusetzen vermögen, so könnten wir auch vielleicht annehmen, der arme kleine Engel sei gerade zur rechten Zeit mit der alten Stiftsdame gestorben, um, hinter ihr drein gleitend, die lange weiße Schleppe zu tragen. Wenn sich aber zufällig ihre Wege theilten, und die kleine unschuldige Seele, an Freuden und Erlebnissen leicht, lustig aufwärts flatterte, während die andere, an Thaten und an Ehren reich, nicht im Stande war, sich so weit empor zu schwingen, so blickte sie vielleicht [156] zum ersten Male sehnsüchtig nach dem armen Kinde und sprach ein leises Gebet, es möge droben ein stilles Fürwort für sie einlegen, oder es möge die kleinen Händchen niederstrecken und sie mit sich empor ziehen.

Das sind übrigens Ansichten und Phantasieen, und das Wahre all der Sache ist, daß das Kind, wie wir bereits wissen, in einem Winkel beerdigt wurde, während der Leichenconduct der Stiftsdame sich über den schönsten Theil des Kirchhofes verbreitete, und dort bei der Begierde, die vortreffliche Rede zu hören, von manchem stillen, bescheidenen Grab Immergrün und Epheu schonungslos niedertrat.

Der Zug war in jeder Hinsicht imposant zu nennen. Da waren alle Schichten der Gesellschaft vertreten, da fuhren glänzende Wagen in der königlichen Livree, denen der Prinzen, der hohen Würdeträger bei Hof, der Minister, des niederen Adels, der reichen Bürgerschaft, der Beamtenwelt, kurz, wer eine Equipage hatte, die sich anständiger Weise hinter die lange Reihe anschließen konnte. Da saßen die Kutscher der höchsten Herrschaften gravitätisch auf ihrer Bockdecke, die Peitsche hoch, das wettergebräunte Gesicht und die rothen Nasen mit einem leichten künstlichen Anflug von Schwermuth schattirt; da kamen ihre minder vornehmen Collegen mit minder vornehmer Haltung, aber in ihren reichsten Anzügen; ihnen folgten endlich die Kutscher der Anverwandten in der schwarzen Trauerlivree, Florepaulettes auf den Schultern, ganz in schwarzes Tuch gekleidet und mit ziemlich zerknirschter Miene. Daß die meisten Wagen leer fuhren, versteht sich von selbst; ihnen schloß sich erst eine unendliche Reihe Fußgänger aller Stände an, würdevoll einher schreitend, den Blick zu Boden, die eine Hand vielleicht in die Brust des Paletots vergraben, und in leisem Gespräch, natürlicher Weise handelnd von den Tugenden der Verblichenen. Wenn man aber auch über andere Dinge sprach, so gab man sich doch das Ansehen, als sei man mit Leib und Seele bei dem traurigen [157] Geschäfte, und es wurde vielleicht über einen Proceß, ein Avancement, über die Fünfprocentigen oder die Preise von Baumwolle und Käse nur mit hoch emporgezogenen Augenbrauen gesprochen, begleitet von ernstem, würdigem Kopfnicken und salbungsvoll herabhängender Unterlippe.

Die Gefühle der meisten Leidtragenden, wenn sie nicht gerade den nächsten Verwandten angehören, treten in ihren Contrasten während des Hin- und Herweges am schärfsten bei einem militärischen Begräbnisse hervor. Wie dumpf und schauerlich wirbeln die Trommeln, wie klagen die Hörner in einzelnen schwermüthigen Accorden auf dem Hinwege, wie abgemessen und langsam ist der Schritt der Colonne, die mit dem Kameraden geht, und wie ernst und düster die Haltung, mit der sie um das Grab stehen, bis es zugeschaufelt ist. Sobald dies aber geschehen, hebt der kleine Tambour seine Trommel in die Höhe, schraubt das Kalbfell schraffer und spuckt auch gelegentlich und verstohlen in die Hände, um seine Schlegel recht behend und flink rühren zu können, denn kaum haben sie dem Kirchhof den Rücken gekehrt, so schwingt der Tambour-Major schon mit einer ganz anderen Miene seinen Stock, und die Trommeln, auf denen es vorhin klang: drum – drrum – drrrrrum – drrum – drum – drrrrum! schallen jetzt Rataplan – rataplan – rataplan – plan – plan, und darauf fällt die Musik ein, aber lustig, heiter und schmetternd; der Choral ist vergessen und irgend ein klingender Marsch führt die Truppen, nun um einen stillen Mann weniger, nach der Kaserne zurück.

Bei bürgerlichen Begräbnissen ist das, wenn auch mit weniger Geräusch und weniger auffallend, die gleiche Geschichte. Die würdigen Kutscher wenden ihre Wagen nach der Ceremonie um und suchen einer an dem andern vorbei in vollem Trabe nach Hause zu kommen, wobei es denn nicht selten eine Bemerkung, ein Wort setzt, das durchaus nicht passen will zu der ernsten [158] Haltung von so eben. Von den Fußgängern sind manche draußen vor dem Thore geblieben, denn der Nasen ist feucht, Erkältungen in dieser Jahreszeit sehr gefährlich, und der Anblick der stillen Hügel mahnt auf so unangenehme Art an die Vergänglichkeit alles Irdischen. Was nun aber, erbaut von der Predigt, wieder heraus kommt, löst sich in einzelne Gruppen auf und geht plaudernd, guter Dinge, auch wohl lachend nach Hause; Mancher schlägt für sich sein Rataplan und denkt: es ist gut, daß ich diesmal noch zu den Begleitern gehöre.

Unter den Haufen, die sich an diesem Morgen nun nach allen Seiten hin zerstreuen, bemerken wir einen dicken Herrn, mit stattlichem, umfangreichem Oberkörper, aber etwas gekrümmten Beinen, die wahrscheinlich der Last, die sie Jahre lang tragen mußten, am Ende erlagen, nachgaben und etwas Sichelförmiges annahmen. Der schon ziemlich alte Herr hat ein volles, wohlwollendes Gesicht und gibt sich offenbar die Mühe, namentlich wenn er grüßt, sehr würdevoll und gravitätisch auszusehen. Zu diesem Zweck zieht er alsdann seine Augenbrauen finster zusammen, ist aber nicht im Stande, einen lachenden Zug um den gutmüthigen Mund zu vertilgen, weßhalb sein Gesicht bei diesen Veranlassungen meistens in einer lustigen Composition von Ernst und Scherz erscheint. Zu beiden Seiten desselben gehen zwei junge Männer von einigen dreißig Jahren, der Eine blond, mit einem offenen, gutmüthigen Gesicht, nachdenkenden Augen, in welchen man hie und da Zerstreutheit liest, der Andere mit dunklem Haar und Backenbart, mit einer Brille auf der Nase, hinter der sich ein paar stechende Augen befinden.

»Ich sage euch,« bemerkte der alte Herr, indem er ruhig eine Prise nahm, »die verstorbene Stiftsdame war eine respektable Frau. Was hat sie nicht Alles den Armenanstalten unserer Stadt gethan, und wie herablassend war sie nicht gegen Jeden, der mit ihr umging! – – Herablassend sage ich und wiederhole[159] es; sie, eine Baronesse von einem der besten Häuser! Hat sie nicht meine Frau, so oft sie uns besuchte, mit – mit – wie soll ich sagen? – ja, mit wahrer Freundschaft behandelt!«

»So oft sie zu uns kam!« versetzte spöttisch der Herr mit der Brille. »Aber welches waren die Veranlassungen zu diesen Besuchen?«

»Nun,« entgegnete der alte Herr, indem er die Hände von sich streckte, »die Veranlassungen waren die edelsten und besten; sie veranstaltete Sammlungen zur Ausstattung armer Mädchen und zur Unterstützung hülfsbedürftiger alter –«

»Schnappstrinker.«

»Wa–s?« fragte der alte Herr, der dies Wort nicht recht verstanden hatte. – »Und abgesehen von diesen Besuchen begegneten wir ihr nie am dritten Orte, ohne daß sie ein charmantes Lächeln, eine freundliche Begrüßung für uns hatte.«

»Und für unsere Kasse,« warf der Andere ein. »Sonst aber ließ sie uns, wie ich es auch begreiflich finde, auf der Stufe stehen, zu der wir gehören, und wenn sie auch gnädiger Weise zu uns herabstieg, so konnten wir doch verschlossene Thüren finden, wenn wir es uns einfallen ließen, einmal eine Treppe höher anzuklopfen.«

Der alte Herr zuckte die Achseln und sagte: »Das finde ich ganz in der Ordnung; streng geschiedener Rang und Stand ist durchaus nothwendig, und daß das auch in meinem Hause so gehalten wird, darein setze ich meinen Stolz.«

»Namentlich Mama,« sagte träumerisch der andere junge Mann mit dem blonden Haar.

»Allerdings; deine Mutter ist von strengen Grundsätzen, und das ist ein Segen, der im ganzen Hauswesen sichtbar wird.«

»Nur bei Einem dieses Hauswesens,« bemerkte lachend der mit der Brille, »ist von diesem Segen nicht viel zu sehen. Arthur hat von den Grundsätzen Mama's nie viel profitirt.«

[160] »Arthur ist leider ein Künstler,« entgegnete der alte Herr, »und kommt hiedurch in Kreise und Berührungen, die freilich nicht besonders gut auf ihn einwirken, aber –«

»Laßt doch die Geschichten gehen!« meinte der mit dem blonden Haar. »Ich weiß nicht, Alfons, daß du nie mit deinen Neckereien und Sticheleien aufhören kannst; wahrhaftig, das wird am Ende unerträglich, und du kannst keine Stunde damit still sein. Ich möchte nicht deine Frau sein.«

»Und ich nicht der Mann deiner Frau,« entgegnete Alfons mit einem unangenehmen Lächeln.

Bei welchen Worten über das Gesicht des andern jungen Mannes etwas wie ein leichter Schmerz zuckte. Er biß sich auf die Lippen, reichte dem dicken Herrn die Hand und sagte: »Ich muß einen Augenblick nach Hause, komme aber später. Adieu Papa!«

Das Zwiegespräch der beiden jungen Leute war ziemlich leise geführt worden, und der alte Herr, der einen Schritt voraus war, hatte es nicht so recht verstanden. Er reichte dem Abschiednehmenden die Hand und rief ihm dann nach: »Vergiß nicht zu Tische zu kommen, Eduard; du weißt, Mama hat euch eingeladen.«

Darauf ging er mit dem Herrn, welcher die Brille trug und der sein Schwiegersohn war, die gerade Straße hinab, der Andere dagegen, sein wirklicher Sohn, bog links ein und schritt langsam einem großen Hause zu, in dessen erstem Stock er wohnte.

Es war, wie wir wissen, Winter, und ein ziemlich kalter und rauher Morgen. Auf der Treppe des Hauses saß ein kleines Mädchen von vielleicht drei Jahren, in einem eleganten feinwollenen Kleidchen, aber es saß auf dem kalten Steine und seine Aermchen und Nacken waren ganz roth vor Kälte.

Der junge Mann trat erschrocken näher, hob das Kind auf und fragte: »Was thust du hier, Anna? Warum bist du nicht [161] droben im warmen Zimmer? – Wer hat dich so allein auf die Straße gelassen? – Ist Oscar droben oder wo ist er?«

Das kleine Mädchen, ein hübsches Kind mit klaren braunen Augen, lächelte über die hastigen Fragen des Papa's. »Ich bin herunter gegangen,« entgegnete es, »die Thüre war offen, Oscar ist freilich auch mit gegangen, aber er ist um die Ecke gelaufen, und will sich um einen Sechser Bindfaden kaufen.«

»Und Mama ist oben?«

»Ich glaube wohl,« erwiderte das Kind gleichgültig, »habe sie aber schon lange nicht mehr gesehen.«

Der junge Mann biß die Zähne über einander, nahm seine Tochter auf den Arm und stieg hastig in den ersten Stock des Hauses, vor dem dies kleine Zwiegespräch geführt wurde. Eine breite und hohe Glasthüre, die von der Treppe auf den Gang führte, stand offen; links befand sich Küche und Kinderzimmer, und aus dem letzteren erscholl ein lautes und lustiges Lachen. Der Hausherr setzte das Kind auf den Boden und schritt rasch auf die Thüre zu, hinter welcher es so fröhlich zuging. Er öffnete sie heftig und sah, was er auch nicht anders erwartet, seine sämmtliche Dienerschaft, Köchin, Stubenmädchen und Kindsfrau in heiterer Unterhaltung begriffen, während draußen die Thüre offen stand und während eines seiner lieben Kinder fast unangezogen in der Kälte vor der Hausthüre saß, und das andere, ein Bübchen von vier Jahren, ohne Aufsicht in der Nachbarschaft herum lief. Man hätte es dem Vater nicht verdenken können, wenn er in diesem Augenblicke seinen Spazierstock zu einem andern Zwecke benutzt hätte; doch bezwang er sich und fragte mit ernster und fester Stimme: »Wo sind die Kinder?«

In dem Augenblicke, wo der Hausherr erschien, hatte jede der drei dienenden Damen mit einer unglaublichen Geschwindigkeit und Geistesgegenwart irgend ein Stück Arbeit ergriffen; die Köchin that, als habe sie sich ein Haushaltungsbuch geholt, das [162] Stubenmädchen fuhr mit der Schürze leicht über den Tisch, und die gewissenhafte Hüterin der Kinder nahm etwas Wäsche aus einem neben ihr stehenden Korbe.

»Die Kinder waren im Augenblicke da,« sagte die Letztere mit ziemlich gleichgültigem Tone, »sie werden im Salon oder Schlafzimmer sein.«

»Sie werden sein!« entgegnete heftig der junge Mann. »Ist das auch eine Antwort: sie werden sein? Sind Sie vielleicht dazu da, um mir so unbestimmte Antwort über das Ihnen Anvertraute zu geben?«

Die also Angesprochene zuckte die Achseln; die Köchin sah ihren Herrn mit einem unfreundlichen Blick an, und das Stubenmädchen eilte naserümpfend hinweg, und man hörte sie draußen auf dem Gange sagen: »Es ist doch in dem Hause keine Ruhe, jetzt haben wir schon wieder Aerger und Lärmen!«

»Anna saß vor der Thüre auf der kalten Treppe,« sprach der Vater des kleinen Mädchens, indem er sich gewaltsam bezwang, »und mein Bube läuft ohne Aufsicht in der Nachbarschaft herum. Heißt das vielleicht Ihre Pflicht erfüllen?«

»Die Kinder sind erst vor ein paar Sekunden fort gegangen. Anna kann sich kaum niedergesetzt haben und Oscar muß da unten vor dem Hause sein.«

»So gehen Sie augenblicklich und holen ihn; schließen Sie die Glasthüre zu und behalten hier die Kinder bei sich im warmen Zimmer. Ich sage Ihnen, Frau Bendel, nehmen Sie sich ja in Acht oder es geht mit uns Beiden auf eine sehr unangenehme Art auseinander.«

»Ich thue was ich kann,« entgegnete die Person weinerlich; »aber ich weiß, Sie mögen mich nicht leiden, und wenn Madame nicht so mit mir zufrieden wäre, so hätte ich schon lang dieses Hans verlassen.«

Der Hausherr gab weiter keine Antwort, doch ballte er die [163] rechte Faust heftig zusammen, seufzte tief auf und trat anscheinend ruhig in das Zimmer seiner Frau.

Obgleich es bereits eilf Uhr war, hatte Madame doch eben erst ihren Kaffee getrunken. Sie war eine junge und hübsche Frau mit stark blondem Haar, welches noch vollkommen unfrisirt unter einer zerzausten, aber mit Blumen besetzten Haube stak. Der übrige Anzug paßte hiezu: sie trug einen wohl feinen und eleganten Morgenrock, doch hatte sie ihn weder um ihre schlanke Taille zusammen gezogen, noch oben gehörig befestigt, und hatte, um die hierdurch entstandenen Blößen zu bedecken, darüber eine Sammtmantille geworfen, die, nur für die Straße bestimmt, jetzt an der Rücklehne und auf dem Sitz grausam zerknittert wurde.

Madame erhob nicht den Kopf beim Eintritte ihres Gemahls, ja sie gab dem kleinen Fauteuil, in welchem sie saß, durch einen heftigen Ruck eine solche Richtung, daß sie dem Eintretenden den größten Theil ihres Rückens zuwendete.

»Ich bin es, mein Kind,« sagte der junge Mann mit ziemlich sanfter Stimme.

Er erhielt keine Antwort.

»Ich bin so eben von dem Begräbniß der Fräulein von M. zurückgekehrt; du warst noch nicht auf, als ich ging. Wie befindest du dich, hast du gut geschlafen?«

Madame zuckte statt aller Antwort die Achseln und öffnete phlegmatisch ein Buch, das in ihrem Schooße lag.

»Ich möchte wissen, wie du geschlafen hast,« fuhr der junge Mann mit etwas stärkerer Stimme fort.

Worauf sie abermals die Achseln zuckte, den Kopf halb herum warf und mit moquantem Tone entgegnete: »Was kümmert dich meine Nachtruhe, überhaupt meine Ruhe? Man hat ja vor dir doch keinen Frieden, nicht bei Tag, nicht bei Nacht.«

»Wie, du hast vor mir keinen Frieden?«

»Oh!« entgegnete Madame mit aufgeworfener Oberlippe, »es [164] war recht ruhig, so lange du fort warst, aber kaum betrittst du das Haus, so beginnt gleich wieder dein Schelten mit den armen Dienstboten.«

»Mit den armen Dienstboten!« erwiderte er, indem sein sonst so sanftes Auge anfing aufzuflammen. »Ah! mit den armen Dienstboten! Hat Jungfer Babett wieder rapportirt? es ist übrigens gar nicht einmal der Fall, daß ich besonders heftig geworden bin, obgleich ich, bei Gott im Himmel! die gegründetste Ursache gehabt hätte.«

Es erfolgte keine Antwort, vielmehr schien sich Madame eifrig in die Lectüre ihres Buches zu vertiefen.

»Du weißt natürlicher Weise nicht, wo die beiden Kinder sind?«

»In sehr guten Händen, hoffe ich; die Kindsfrau hat mein volles Vertrauen.«

»Nun denn, als ich eben nach Hause komme – es hat beiläufig gesagt zwölf Grad Kälte – sitzt Anna in einem dünnen Kleidchen vor der Hausthüre, und Oscar läuft in der Nachbarschaft herum, die drei Frauenspersonen aber sitzen drüben in dem Zimmer, plaudern auf's Eifrigste und thun nicht, als ob überhaupt Kinder für sie in der Welt wären.«

»Und das wundert dich?« sagte Madame nach einer peinlichen Pause.

»Wie verstehe ich deine Frage?«

»Anna wird an die Treppe gelaufen sein, ihren lieben Papa zu empfangen, ihm ihren guten Morgen zu bringen, ihm zu schmeicheln. Es könnte das eigentlich komisch erscheinen; die Kinder werden ja förmlich dressirt, dich als erste, ja ich möchte sagen, als einzige Person im Hause zu betrachten.«

»Und wer dressirt die Kinder so, um mich deines Ausdrucks zu bedienen?«

»Nun, wahrscheinlich du.«

»Und wenn dir nun meine Dressur zuwider ist, warum übernimmst [165] du nicht einmal diese Mühe? Es wäre doch wahrhaftig deine Pflicht als Mutter, die Kinder zu unterweisen. – Aber,« setzte er achselzuckend hinzu, »dann müßtest du sie freilich ein paar Stunden des Tages um dich haben, und das wäre zu viel verlangt.«

»Ich sehe die Kinder, so oft es nothwendig ist,« entgegnete Madame gereizt.

»Heute Morgen schien es dir also noch nicht nothwendig, denn wie mir Anna sagte, hast du noch nicht ein einziges Wörtchen zu ihr gesprochen. – O Bertha! Bertha!« setzte er mit weicherer Stimme hinzu, »es ist fast schon die Hälfte des Tages vorüber und du hast deine Kinder noch gar nicht gesehen. Ich muß dir gestehen, ich begreife das nicht, mir ist es am Morgen der süßeste und liebste Anblick, wenn ich die lieben und unschuldigen Gesichtchen sehe.«

»Ha! ha! ha!« lachte Madame überlaut, »natürlicher Weise dein süßester Augenblick, du hast mich ja vorher gesehen, und darauf brauchst du begreiflich eine Erholung. – Aber der kleinen Katze,« fuhr sie fort und nickte heftig mit dem Kopfe, »werde ich's doch noch ernstlich und fühlbar vertreiben, beständig meine Angeberin zu machen. – Ein anderer Mann freilich würde auf das Gerede der Kinder nichts geben, aber du bist glückselig, sobald es dir gelungen ist, eine Gelegenheit zum Zanken vom Zaune zu brechen.«

»Hat das Kind Unwahrheit gesprochen, hast du ihm vielleicht schon heute Morgen ein freundliches Wort gesagt?«

Es erfolgte wieder einmal keine Antwort, vielmehr schlug Madame eifrig ein paar Blätter des Buches um.

Der junge Mann wiederholte gelassen seine Frage zwei bis dreimal, dann schwoll aber die Ader seiner Stirne und er klemmte die Unterlippe zwischen die Zähne. »Du wirfst mir immer vor,« sagte er endlich mit gepreßter Stimme, »ich bräche die Gelegenheit, mit dir zu zanken vom Zaune. Daß es Zank und Streit in [166] diesem Hause genug gibt, es ist nur zu wahr; der Friede ist leider aus diesen Gemächern und hier aus diesem Herzen gewichen, aber freilich nicht meine Anhänglichkeit an dich, meine innige Liebe zu den Kindern.«

Madame zuckte verächtlich mit den Achseln.

»Diese Anhänglichkeit und Liebe,« fuhr er mit erhöhter Stimme fort, »halten mich wie Ketten an dich, an dies Haus, das mir schon oft zur Hölle, zu einem Orte der fürchterlichsten Marter geworden ist. Dafür sind es aber auch wirkliche Ketten, die ich tragen muß; ich bin leider nicht Mann genug, sie zu brechen, und sie machen mich zum Sklaven deiner Laune, die fürchterlich unerträglich ist.«

Madame blickte finster in die Höhe.

»Ich habe gesagt, deiner Laune, denn ich will dir zu meiner eigenen Beruhigung nicht einmal wirkliche Fehler zuschreiben, sondern es sollen meinetwegen nur Launen sein, die dich veranlassen, deine Kinder den Dienstboten zu überlassen, und wenn ich, dein Mann, mich über die Nachlässigkeit deiner Dienstboten beklage, ihnen noch Recht zu geben. – Es soll Laune sein, Bertha, wenn deine fürchterliche Gleichgültigkeit gegen Alles, was mir, den Kindern im Hause geschieht, mich zur Verzweiflung bringt. Es soll Laune sein, wenn aus deinem Munde Tage, Wochen lang kein angenehmes, liebreiches Wort kommt, wenn du Alles mit verdrießlichem, moquantem Blick betrachtest, wenn dich im reichsten Sonnenscheine des Lebens jener Glanz nicht freut, der dich umgibt, sondern dich jede Fliege ärgert, die um dich summt, wenn du das tausendfach Gute und Schöne, was dir Gott verliehen, nicht sehen willst, und du dagegen emsig nach einer kleinen Wolke spähst, damit du einen Vorwand hast, mir ein verdrießliches Gesicht zu machen.«

»Phrasen! Phrasen! unausstehliche Phrasen!« entgegnete achselzuckend Madame, »Reden? die ich schon zum Uederdruß gehört.«

[167] »Und ich nenne ferner Laune,« fuhr unerschütterlich der Gemahl fort, »wenn du – ja, ich will sagen – eine junge schöne Frau, die in der Nettigkeit ihres Anzugs dem ganzen Hause ein Muster geben sollte, um eilf Uhr Morgens so erscheinst – – – wie du hier vor mir sitzest.«

Einen Augenblick schien Madame über diese letzte Rede, wie sie es schon einige Mal vorher gethan, mit leidig lächeln zu wollen. Doch warf sie verstohlen einen Blick in den Spiegel, und da sie vielleicht finden mochte, daß ihr Gemahl nicht so ganz Unrecht, ja vielmehr vollkommen Recht habe, so flog eine tiefe Röthe über ihr Gesicht, sie preßte die Lippen heftig auf einander und öffnete sie alsdann wieder, als wolle sie etwas zornig erwidern, doch siegte ihr angebornes Phlegma, jene Gleichgültigkeit, von der ihr Mann sagte, daß sie ihn zur Verzweiflung brächte, über diese Aufwallung. Sie warf ihm einen finsteren, verdrießlichen Blick zu, dann senkte sie den Kopf auf ihr Buch herab und vergrub sich tief in den Fauteuil.

Der junge Mann war, wie er vorhin sagte, in der That der Sklave seiner Frau; und seine Sklaverei war von der härtesten Art. Hätte er ihr Gemüth besessen, hätte er Gleichgültigkeit mit Gleichgültigkeit erwiedern können, so würden die Beiden eine Ehe geführt haben, wie leider so viele andere. Ja, oder wäre sie bei seinen Reden ebenfalls heftig geworden, hätte ihr volles Herz ausgesprochen, hätte ihre Ansichten, ihre Ideen, ihre Gründe für dies und das mitgetheilt, so wäre nach einem kleinen, oft wohlthätigen Sturme Alles wieder im gleichen Geleise gegangen. Da sie aber das nicht that, da sie bei jeder Veranlassung die Gekränkte und Mißhandelte spielte, wenn er, ein offener, ehrlicher Charakter, ein rasches Wort dazwischen warf, und da sie dies Spiel mit außerordentlicher Gewandtheit fortsetzte – es war auch wohl ihr wirkliches Gefühl – so glaubte er am Ende fast beständig, er sei zu weit gegangen, und hot also wieder die Hand zur Versöhnung.

[168] Auch heute ging er, die Hände auf den Rücken gelegt, eine Zeit lang unmuthig auf und ab, wobei er es aber nicht unterlassen konnte, von Zeit zu Zeit einen Blick nach seiner Frau zu werfen und dann jedesmal zusammen zuckte, wenn sie so ruhig und theilnahmlos in ihrem Buche weiter las.

»Ah! Bertha,« sagte er endlich nach einem längeren Stillschweigen, »es kann wahrhaftig nicht so fortdauern, das mußt du einsehen. Glaube mir, unser ganzes Hauswesen geht dabei zu Grunde.«

Es erfolgte natürlicher Weise keine Antwort.

»Unsere Kinder, die armen, kleinen, lieben Kinder leiden sehr darunter Noth, wenn du, ihre Mutter, dich nicht um sie bekümmerst.«

Keine Antwort.

»Es sollte dir ja ein Vergnügen sein,« fuhr er zitternd vor Aufregung und doch mit erzwungener Ruhe fort, »ihre kleinen Spiele zu überwachen, sie zu beaufsichtigen, oder wenn du das nicht willst, nur deinen Dienstboten einzuschärfen, daß sie ihre Pflicht thun. Es ist das ja eine Kleinigkeit.«

Madame schien eifrig und mit großer Aufmerksamkeit zu lesen.

»Ueberhaupt,« fuhr er wärmer fort, »wäre es deine Pflicht und Schuldigkeit, nach deinem Hauswesen, deinen Dienstboten zu sehen; ich will dir ja gewiß nicht verwehren, zu thun, was jede Frau deines Standes thun darf: Besuche zu machen, zu lesen; aber es muß doch auch eine Zeit geben, wo du begreifst, daß du nicht blos dazu auf der Welt bist.«

Madame zog ihre Augenbrauen in die Höhe, als interessire sie eine Stelle in dem Buche außerordentlich.

»Dann kann ich dich auch versichern, Bertha, daß du eine große Beruhigung in der Erfüllung deiner Pflichten finden wirst, daß das dein an sich etwas trauriges Gemüth erheitern wird, und dich der Wahn verläßt, als seiest du eine unglückliche Frau. –[169] – Ja ein Wahn, ein schrecklicher Wahn, mein Kind,« setzte er etwas heftiger hinzu; »du bist von Gott begünstigt wie wenige, du lebst nicht nur behaglich, sondern sogar glänzend; dein Mann, deine Kinder sind gesund – sage, was willst du mehr? Hast du kein beneidenswerthes Loos, hast du keine glückliche Existenz getroffen? – Und doch beständig traurig, beständig verdrießlich! – Oh! das ist unerträglich!« rief er ausbrechend, »ganz unerträglich, und wenn ich es auch schon lange in Geduld ertragen, so wird dieselbe doch bald zu Ende sein, denn ein solches Leben führe ich länger nicht mehr!«

Nachdem der junge Mann an der Thüre, wohin er geeilt, noch einen Augenblick gewartet, ob sie nicht vielleicht doch noch ein versöhnendes Wort von sich hören ließe, ein einziges kleines Wort, ja nur einen sanften oder freundlichen Blick, der ihm – wir sagen leider! – Veranlassung gegeben hätte, wieder gegen die Frau einzulenken, nachdem er so eine Zeit lang vergebens gewartet, ging er in erneuertem Zorne durch die Thüre und stieß sie hinter sich ziemlich unsanft in's Schloß.

Auf seinem Arbeitszimmer angekommen, warf er sich in seinen Schreibstuhl und blickte, tiefes Weh im Herzen, rings in dem elegant, ja reich möblirten Gemache umher. Hier war für jede Bequemlichkeit des Lebens gesorgt, hier standen Luxusgegenstände aller Art, und die ganze Einrichtung verkündigte einen reichen Besitzer. Er stützte die Arme auf die beiden Lehnen des Sessels und ließ den Kopf tief auf die Brust herab sinken. Wie hatte er seine Frau geliebt! Wie hatte er sich ein häusliches Glück so schön und zart ausgemalt, einen Familienkreis mit lieben Kindern, eine behagliche Existenz in seinen vier Pfählen, unberührt vom Sturme des Lebens. Ach! und wie war die Wirklichkeit geworden! Hier in seinem Innern sauste der Sturm und riß die schönsten Blüthen ab, und wenn er ja einmal Frieden haben wollte, mußte er sein Hans verlassen, um unnatürlicher Weise Ruhe und Frieden [170] im Gewühl der Welt zu suchen und zu finden. Wie hatte er sich jene Abende so freundlich und schön ausgemalt, an dem großen runden Tische sitzend, beim hellen Schein der Lampe, mit ihr so vergnügt und freundlich zu plaudern, Beide traulich in die Ecke des Sopha's geschmiegt, während draußen die Feinde aller Geselligkeit, Wind und Regen, an die Fenster schlugen. – Ach! auch das hatte er nicht gefunden, und wenn zu Hause die Lampe angezündet wurde, so verließ er meistens seine Wohnung und suchte in einem Kreis von Bekannten, was er zu Haus nicht fand. –

Lange saß er so vor seinem Pulte in tiefe Träumereien versunken, um endlich achselzuckend in die Höhe zu fahren und sich selbst zu versichern, daß er vor der Hand kein Mittel wisse, diesen Zustand zu ändern. Er sah sein Leben dahin ziehen in einer Abhängigkeit, in einer Sklaverei, ärger als die, welche mit hochgeschwungener Peitsche zur angestrengtesten Arbeit treibt.

Madame ihrerseits hatte nicht so bald die Thüre sich schließen gesehen, als sie das Buch, welches sie in der Hand hielt, heftig auf den Boden warf und mit den Füßen weit von sich stieß. Sie legte ihren Kopf in dem Fauteuil zurück, kaute heftig an den Nägeln und murmelte endlich, während sich ihre Brust heftig hob: »Nein, diese ewigen Quälereien sind nicht mehr zu ertragen! Ist es nicht bald so weit mit mir gekommen, daß ich auf Commando bald lachen, bald weinen soll? Auf welch empörende Art bin ich von ihm überwacht! Nicht blos, was ich sage, was ich thue, nein! nein! jeden meiner Blicke beobachtet er und glaubt, es brauche nichts mehr als seinen Befehl, um mich heiter und glücklich zu stimmen. – Ah! das ist ein unerträgliches Leben, ein Leben voll Elend und Knechtschaft! Was nützt mich der Reichthum, der mich umgibt, bin ich nicht in all' dieser Pracht und Herrlichkeit eine elende Sklavin?«

Der geneigte Leser kann sich denken, daß nach dieser häuslichen [171] Scene der junge Mann allein zum Diner in's elterliche Haus ging, Madame schützte Kopfweh vor und blieb zu Hause.

15. Kapitel
Fünfzehntes Kapitel.
Lebende Bilder.

Das Haus des Commerzienrathes Erichsen war in jeder Beziehung auf das Reichste und Comfortabelste eingerichtet. Die Familie bewohnte den ersten Stock; unten waren Comptoir und Kassen.

Den Chef des Hauses haben wir bereits kennen gelernt, ebenso seinen Schwiegersohn, Herrn Alfons, den Mann mit dem schwarzen Haar und der Brille. Er hatte Marianne, die einzige Tochter des Banquiers, geheirathet, und die Mutter, die sich eher entschließen konnte, den Sohn als die Tochter aus dem Hause zu lassen, räumte der Letzteren den zweiten Stock ihrer Wohnung ein, was um so weniger auffiel, da Herr Alfons Theilhaber des Banquiergeschäfts war, und in geschäftlicher Beziehung die rechte Hand des Commerzienrathes.

Dieser würdige Herr war nominell das Haupt der Familie; in Wahrheit aber schwang die Commerzienräthin ein eisernes Scepter und regierte fast völlig unumschränkt. Wir sagen fast völlig unumschränkt, denn der Einzige im ganzen Hause, der es hie und da wagte, ihr offen entgegen zu treten und der auch zuweilen ihr gegenüber Recht behielt, war ihr Schwiegersohn.

Der Commerzienrath, ein heiterer Mann, der gern lebte und leben ließ, hatte sich schon zu Anfang der Ehe die Zügel aus den [172] Händen winden lassen, indem er viele Concessionen machen mußte, um die Hand der reichen Bürgerstochter zu erhalten. Er wurde von dieser stolzen Sippschaft durchaus nicht als ebenbürtig betrachtet, denn einige freundliche Basen hatten nachgewiesen, daß sein Großvater zwei Brüder gehabt, von denen der eine als Rathsdiener starb, und der Andere lange Jahre der selbst eigenhändige Betreiber und schaumschlagende Besitzer einer Barbierstube gewesen. Wenn man dagegen die lange Linie stolzer Vorfahren der jetzigen Commerzienräthin betrachtete, so konnte man eine Mißheirath nicht läugnen. Da folgten sich in stolzer Reihe Stadt-, Kanzlei-, Justiz-, Regierungs-, Hof- und andere Räthe, und eine Seitenlinie hatte sich sogar in ein adeliges Geschlecht verwachsen, während von dem Urahnherrn der Familie zweifelhaft war, ob er nicht sogar ein heruntergekommener Edelmann gewesen sei; wenigstens deutete man so das Wappen mit zwei Beilen, während dagegen boshafte Neider versicherten, diese Emblemen bezögen sich auf die ehrbare Metzgerei, deren Oberzunftmeister jener erwähnte Ahnherr gewesen.

Dem sei nun aber, wie ihm wolle, das Haus der Commerzienräthin war in seiner Sphäre tonangebend, und wer zu ihren Gesellschaften gezogen wurde, der konnte sich überall präsentiren lassen. Familienunglück hatte man freilich auch gehabt, aber es war mit dem Mantel christlicher Liebe und mit schweren Wechselbriefen bedeckt worden. Man sprach in übelwollenden Kreisen von dem zarten Verhältniß einer Nichte des Hauses mit einem unternehmenden Lieutenant der Infanterie, den man am Ende in die Familie aufnehmen mußte, weil es seltsame Umstände ziemlich gebieterisch verlangten. Nachdem aber die Commerzienräthin hiezu, freilich nach langen Bitten, einmal ihren Consens gegeben und ihre wichtige Hand auf das junge Paar gelegt, war es rein gewaschen und brauchte sich nicht schüchtern zu bewegen wie andere minder reiche und vornehme Colleginnen, denen etwas Aehnliches, sehr Menschliches passirt. – Es ist das so der Welt Lauf und kommt häufig vor.

[173] Im Gegensatz zu ihrem Gemahl war die Commerzienräthin eine große, hagere Frau mit einem strengen, magern Gesichte, aus dem die lange spitze Nase wie ein Zeigefinger hervorsah. Wir gebrauchen dieses Bild, um dadurch die Wirkung auszudrücken, die es auf Jeden ausübte, gegen den diese Nase gedreht wurde; es war eine unmittelbare Aufforderung, ein förmliches Hinweisen, eine Erlaubniß, jetzt endlich zu sprechen oder jetzt endlich das Maul zu halten. Diese Nase wurde von den beiden stechenden Augen gleich zweien Trabanten unterstützt, von denen es nur eines Blinzelns bedurfte, um genau zu wissen, was die Commerzienräthin eigentlich wünschte. Hierüber blieb selten Jemand im Zweifel, und wenn sie obendrein ihre Blicke durch ein Wort unterstützte, so wußte man gleich, woran man war; und wie schon vorhin bemerkt, gehorchte alsdann fast Alles ohne Widerrede.

Das Diner war vorüber, der alte Herr, der wie immer sehr gut gespeist hatte, beschäftigte sich mit seiner Verdauung, indem er, die Hände auf den Rücken gelegt, in dem weiten Gemach auf und ab spazierte. Dabei nickte er zuweilen mit dem Kopfe und hob wohl auch hie und da die Nase schnüffelnd in die Höhe, als wolle er erforschen, ob sich nicht bald durch eine Thürritze hindurch ein angenehmer Kaffeeduft bemerklich mache.

Die Commerzienräthin saß in der rechten Sophaecke kerzengerade aufrecht, denn sie hielt es nicht für anständig, daß ihr Rücken die weichen Kissen berühre. In der linken Ecke saß ihre Tochter Marianne, die Frau des Herrn Alfons, und da diese schon mit der Zeit vorgeschritten war, so lehnte sie behaglich hinten über, während ihre Füße einen Stützpunkt auf denen des Tisches gefunden hatten. Es war ein hübsches kleines Weib, blond wie ihre Brüder, und wie der ältere, der neben ihr saß, mit Augen, die viel Sanftmuth, ja Duldung verriethen. Sie hatte ihren Kopf auf die Seite geneigt, und schien ihrem Bruder zuzulauschen, der ihr eifrig etwas zuflüsterte, wahrscheinlich die Erzählung des Auftritts von [174] heute Morgen; sie hörte ruhig und aufmerksam zu, und nur zuweilen, wenn sich seine Stimme etwas laut erheben wollte, drückte sie ihre Hand auf seinen Arm, wobei sie von der Seite einen Blick auf die Mutter warf, die indessen theilnahmlos, mit hoch erhobener Nase, für Niemand Auge und Ohr zu haben schien, und zuweilen mit ihren Fingern gleichgültig auf dem Tische trommelte. Wir sagen schien, denn in Wahrheit entging ihr keine Miene, keine Bewegung all' derer, welche sich im Zimmer befanden.

Die lebhafteste Gruppe von der Familie bildete übrigens Arthur und Herr Alfons, die an einem der hohen Fenster standen und zusammen sprachen, auch wohl lachten. Alfons hatte den hoch erhobenen Arm auf den Fensterrahmen gestützt, den Kopf darauf gelegt und schaute seinem Schwager zu, der, während er hie und da eine Bemerkung hinwarf, zu gleicher Zeit beschäftigt war, mit einem umgekehrten Zahnstocher allerlei Figuren auf die angelaufenen Fensterscheiben zu zeichnen.

»– Sehr gut! – sehr gut! – sehr brav!« sagte Alfons, indem er die vergängliche Arbeit aufmerksam betrachtete; »das wird ein schöner Kopf, und eine Aehnlichkeit. – Jetzt keinen Strich weiter, so steht's vor mir. Wahrhaftig, ich möchte schwören, daß dies Gesicht existirt.«

»Wie kann man nur so etwas sagen!« antwortete lächelnd der Maler, »eine Phantasie, eine Idee. Aber schau nur, wie sich die Gesichtszüge ändern, wie der Hauch auf der Scheibe nach und nach schmilzt. Das Gesicht war vordem lachend und freundlich, jetzt wird es ernst, finster, drohend und jetzt ist es wie von schmerzlichen Thränen überzogen. – Das ist der Lauf der Welt.«

»Ja, man erlebt das häufig,« entgegnete der Schwager; »Freude, Glück verschwinden so schnell, und hat erst so ein Gesicht den kleinsten Anflug von einer Schmerzenslinie angenommen, so greift er immer weiter um sich, und am Ende entstellt und verstört er Alles.«

[175] »Ganz recht,« versetzte Arthur, wie es schien, nicht ohne Beziehung, »aber man muß sich auch hüten, aus einem Gesicht, das uns lieb und freundlich angelächelt, jenen ersten kaum bemerkbaren Zug des Schmerzes hervorzurufen.«

»O, das kommt ganz von selbst. Du, Glücklicher, hast nur keine Gelegenheit, das zu bemerken; du flatterst von Blume zu Blume, und wenn in deiner Praxis so ein Schmerzenszug sichtbar wird, suchst du schon nach einer neuen und frischen Blüthe.«

»Nicht immer,« sagte ernst der Maler.

»Apropos,« fuhr der Andere leiser fort, indem er sich tiefer hinab beugte, »du bist doch ein wahrhaft lockerer Zeisig. Aus welchem Zweck treibst du dich denn so viel in der Nähe der Balkengasse umher? Ich habe das neulich zufällig erfahren. Ist denn da wieder was Besonderes los?«

»Ich?« fragte scheinbar verwundert Arthur. »Daß ich öfter da wäre, als an anderen interessanteren Orten wüßte ich gerade nicht.«

»Ah! so gehört die Balkengasse zu den interessanten Orten?«

»Allerdings, nach den Begriffen des Malers. Da sind die alten pitoresken Häuser, der Kanal, das beständige Gewühl von Menschen; man kann da die besten Studien machen.«

»O, ihr Maler seid in der That ein glückseliges Volk, euch ist gar nicht beizukommen und wenn man euch auf der That ertappt. Streift ihr in der Mitternacht herum, so werden Mond- oder Schattenstudien gemacht, attrapirt man euch am allerfrühesten Morgen in irgend einem verdächtigen Viertel, so habt ihr die wunderbaren Abwechslungen des jungen aufsteigenden Lichtes beobachtet, und trifft man euch in Person bei einer sonderbar ausschauenden Unbekannten, so versteht sich das, ganz von selbst, denn ihr waret gezwungen, an ihr äußerst interessante Studien zu ma chen. Ja, ja, in der That, ihr habt ein beneidenswerthes Gewerbe.«

»Es ist eigentlich schade, daß du nicht auch ein Maler geworden [176] bist,« sagte Arthur, indem er auf die Fensterscheibe hauchte, und mit wenigen Strichen den Kopf eines Satyrs entwarf.

Der alte Herr, der auf seinem Spaziergange durch's Zimmer zufällig hinter den Beiden stehen geblieben war, hatte die letzten Worte gehört und sprach nun lächelnd: »Nein, nein, Alfons, 's ist besser so; Gott soll uns bewahren! Wir haben an Einem Künstler genug; nicht wahr, Mama?«

Die Commerzienräthin wandte ihre spitze Nase ruhig nach dem Fenster, glättete den Kragen ihres Chemisettes und entgegnete: »Das will ich meinen, mehr als genug!«

»Hörst du es, Arthur, was Mama gesagt, mehr als genug –?«

»O, ich habe das schon tausendmal gehört.«

»Und Mama hat Recht,« fuhr der Commerzienrath fort. »Künstler, – nun ja, es soll am Ende auch solche Leute geben, und wer einmal angewiesen ist, sein Brod auf diese Art verdienen zu müssen, der kann es in Gottes Namen thun; aber in unserer Familie bist du der Erste, der sich – wie soll ich sagen? – veranlaßt sah, keinen – eigentlich soliden Geschäftszweig zu ergreifen.«

»Der Erste,« sagte bestimmt die Commerzienräthin; »und von der ganzen Malerei hast du, wie es mir scheint und wie ich mir sagen ließ, die unsolideste Branche erwählt.«

»Eine unsolide Branche?« fragte Arthur verwundert, indem er sein Gesicht vom Fenster in's Zimmer wandte. »Ah, Mama! das genau zu erfahren wäre ich neugierig.«

»Die unsolideste,« entgegnete fest die Commerzienräthin. »Was bringst du eigentlich zu Stande? – Eine Landschaft, an der man sein Vergnügen haben könnte? – Nein! – oder ein würdiges Portrait? – Auch das nicht! Da zeichnest und malst du allerlei Firlefanz, so daß man den Leuten, die für deine Kunstfertigkeit schwärmen, nichts von deinen Arbeiten zeigen kann, ohne in Verlegenheit zu gerathen.«

[177] »Das ist schon wahr,« sagte Alfons leise und lachend, »Venus malst du zu oft, und badende Mädchen, auch Tänzerinnen und dergleichen.«

»Mama hat Recht,« sprach wichtig der Commerzienrath, indem er den Versuch machte, seine Weste herab zu ziehen; »das eigentlich Solide fehlt dir. Hast du nicht vor einem halben Jahr das Portrait unserer Freundin, der Oberregierungsräthin, ganz vergeblich angefangen? Hast du es nicht trotz ihres oftmaligen Erinnerns bis jetzt unvollendet gelassen?«

»Einer so würdigen Frau von so gutem Hause,« setzte ernst die Commerzienräthin hinzu.

»Allerdings,« sagte Arthur, »eine würdige Dame mit rothem Gesichte, röthlichem Haar, die gemalt zu sein wünschte in einer Haube mit rothen Bändern, in einem rothen Kleid und rothem Shawl. Das war nicht auszuhalten. Es hätte meine Augen ruinirt.«

»Es wäre aber ein artiges Bild geworden,« meinte Alfons ironisch, »das vielleicht irgend einmal bei einem Stierkampf hätte verwendet werden können.«

»Thomas!« rief die alte Frau ihrem Gatten, ohne den Worten ihres Sohnes und Schwiegersohnes weiter Aufmerksamkeit zu schenken, »wir sind jetzt alle so ziemlich hier versammelt – nur deine Frau fehlt wie gewöhnlich,« wandte sie sich mit Beziehung an ihren älteren Sohn, – »und könnten also in einige Ueberlegung ziehen, wann und auf welche Art wir die große Soirée veranstalten wollen, die ich für unumgänglich nothwendig gefunden habe, nächstens den uns befreundeten Familien zu arrangiren.«

»Ganz recht, mein Kind,« entgegnete der Commerzienrath, während er sich die Hände rieb; »wir müssen ziemlich ausgedehnte Einladungen machen.«

»Aber in gehörigen Grenzen,« antwortete ernst die alte Dame.

»Das versteht sich ganz von selbst.«

[178] »Bis zur sechsten Rangklasse,« sagte Alfons lächelnd, aber leise zu Arthur.

»Soll getanzt werden, Mama?« fragte Marianne.

»Ueber die Art dieser Soirée bin ich noch nicht mit mir im Reinen,« entgegnete die Commerzienräthin; »ein Ball, ein einfacher Thé dansant ist etwas Gewöhnliches, ich möchte wieder etwas Neues arrangiren, etwas, von dem man auch spräche, das uns Veranlassung gäbe, so viel wie möglich der Bekannten und Freunde einzuladen.«

»So warten Sie doch bis Carneval, und arrangiren Sie alsdann einen maskirten Ball.«

»Ich hasse die Maskeraden. Aber ich habe etwas Anderes ausgedacht.«

»Das ist auf jeden Fall vortrefflich,« sagte der alte Herr, wobei er sich dem Sopha näherte. – »So laß hören!«

»Ich denke,« fuhr die Frau würdevoll fort, »wir veranstalten lebende Bilder; der grüne Saal wäre ganz Passend dazu, es ließe sich da sehr gut ein Vorhang anbringen, und dann hat auch Arthur bei dieser Veranlassung die beste Gelegenheit, den Leuten zu beweisen, daß er auch in seiner Kunst etwas Reelles zu leisten versteht.«

»Die Idee, Frau Mama, ist charmant,« sprach der Maler. »Lebende Bilder, hübsch arrangirt – wahrhaftig ein vortrefflicher Gedanke! Ich werde mich der Sache mit allem Eifer annehmen.«

»Der grüne Saal ist ganz passend dazu,« meinte der Commerzienrath.

»Nicht übel,« sagte Alfons mit einem beistimmenden Kopfnicken.

Und Marianne flüsterte ihrem Bruder zu: »Ich würde mich gern darauf freuen, aber du wirst sehen, mein Mann erlaubt mir nicht, daß ich ebenfalls mitmachen darf.«

»Und meine Frau,« entgegnete der Bruder verstimmt, »wird [179] an so dummem Zeug, wie sie sagt, keinen Spaß finden – nachdem nämlich ihre Laune ist – und mir schon zum Voraus den ganzen Abend verderben.«

»Gewiß, mein Kind,« versetzte der Commerzienrath, »wir sind stolz auf deine Erfindung.«

Die alte Dame fühlte sich einigermaßen geschmeichelt, daß ihr Vorschlag mit Akklamation gut geheißen wurde. Wenn sie auch ihren Willen auf alle Fälle durchgesetzt hätte, so war es ihr doch angenehm, auf keine großen Widerreden zu stoßen.

»Darf ich auch mitmachen?« fragte Marianne ihren Gemahl.

Worauf Alfons, der am Fenster ein ziemlich freundliches Gesicht gemacht hatte, jetzt die Augenbrauen finster zusammen zog, die Brille empor rückte und in wegwerfendem Tone entgegnete: »Liebes Kind, das muß man jüngeren Frauen und Mädchen überlassen. Ueberhaupt kannst du als Tochter des Hauses nur vielleicht daran denken, einen Platz im Hintergrunde einzunehmen, wenn gerade ein solcher vorhanden wäre, und ihn Niemand anders ausfüllen will. Da stehe ich für meine Person in keinem lebenden Bilde, und es würde mir am Ende nicht gerade passend erscheinen, wenn du mit fremden jungen Leuten da in allerhand sonderbare Stellungen kämest.«

Die Commerzienräthin hob ihre Nase um einige Zoll empor und antwortete mit einem scharfen Blick aus ihren grauen Augen: »Die Arrangements sind meine Sache, Herr Schwiegersohn und wenn ich es vielleicht für gut finde, Marianne irgendwo zu plaziren, so würden Sie wohl nichts dagegen haben.«

»Und warum nicht?« fragte Herr Alfons ziemlich hochmüthig. »Sie wissen, Mama, ich achte Ihre Arrangements bis an die Thüre meiner Wohnung; was dahinter zu befehlen ist, besorge ich selbst.«

»Ruhig! ruhig!« sagte beschwichtigend der Commerzienrath, denn er sah, wie der Teint seiner Ehehälfte anfing etwas gelblich [180] zu unterlaufen. »Hat man denn keine Ruhe vor euch? Das wird sich ja Alles finden; Madame wird arrangiren, wie sich von selbst versteht.«

Alfons lächelte seltsam in sich hinein.

»Der sollte deine Frau haben,« sagte die Schwester in der Sophaecke mißmuthig zu Eduard.

»Oder ich etwas von seinem harten und festen Temperament,« entgegnete dieser seufzend.

»Also lebende Bilder!« rief Arthur freudig. »Vortrefflich, in der That, Mama! – Und Sie überlassen mir die Anordnungen?«

»Du wirst den Saal unter meiner Aufsicht herrichten,« erwiderte ernst die Dame, »du wirst über einige Bilder nachsinnen und sie mir zur Auswahl vorlegen.«

»Schön, schön. – Und welche Arten von Bildern wünschen Sie hauptsächlich, Mama? Sollen es Genrebilder sein oder sollen wir auch stellen nach bekannten historischen Gemälden, nach heiligen Bildern und dergleichen?«

»Von Allem etwas,« meinte die Commerzienräthin. »Ich werde dir eine Liste anfertigen von den achtbarsten Personen, die ich zur Mitwirkung einladen will.«

»Nur von den achtbarsten Personen?« fragte der Sohn kleinlaut.

»Wie so?«

»Nun, ich dachte, Mama, man sollte eigentlich auf die schönsten Gesichter und Figuren sehen, und wer am besten hier und dort zu gebrauchen ist.«

»Auch das, aber ich kann den Rang und Stand nicht ganz außer Augen lassen.«

»O weh, Mama!«

»Ich weiß, was sich schickt,« fuhr unerschütterlich die alte Frau fort. »Ich kann doch zum Beispiel in einem Bilde einer Kanzleiräthin nicht eine besonders schöne Figur zutheilen, und von [181] einer Oberregierungsräthin verlangen, daß sie sich mit Geringerem begnüge!«

»Dann lassen Sie lieber Beide weg, Mama, und nehmen nur jüngere Personen.«

»Jüngere Personen?« fragte ernst die Mutter. »Und wer will da eine Grenzlinie ziehen? In lebenden Bildern zu stehen, fühlt sich jede jung genug, und mit Costüm und Schminke läßt sich schon viel ausrichten.«

»Da Sie von Costümen sprechen, Mama,« sagte Arthur nach einer längeren Pause, »wie wollen Sie, daß es damit gehalten wird? Wenn Sie wünschen, so bitte ich den Intendanten des Hoftheaters, uns mit Einigem auszuhelfen.«

»Costüme des Theaters!« versetzte ernst die Commerzienräthin, indem sie den Kopf schüttelte. »Das wird nicht wohl angehen. Kleider von Leuten wie Sängerinnen, Schauspielerinnen, Tänzerinnen und dergleichen Personen in mein Haus bringen zu lassen, wäre mir nicht angenehm; auch würde mir das manche Mutter einer unschuldigen Tochter wegen verübeln.«

»Aber die Kleider können doch ihrer Sittsamkeit nichts schaden!« meinte Arthur halb ärgerlich.

»Solche Personen,« fuhr ernst die Mutter fort, »Tänzerinnen und dergleichen können sich etwas darauf einbilden, auf diese Art mit uns in Berührung gekommen zu sein. Und ich mag das nicht.«

»Aber der Zweck heiligt die Mittel,« sprach begütigend der Commerzienrath. »Und ich glaube, wenn man etwas Schönes arrangiren will, so kann man wahrhaftig nicht ohne die Costüme des Theaters sein.«

»Sie thun gerade, Mama,« bemerkte Arthur, »als würden uns dieselben angeboten und wir hätten nur so das Recht, sie zu verwerfen. Es ist überhaupt noch eine große Frage, ob man uns Costüme bewilligt. Und dann nehmen Sie mir nicht übel, wenn auch die meisten der eingeladenen Damen es sich leider für keine[182] Ehre rechnen, mit Schauspielerinnen und Tänzerinnen in Berührung zu kommen, so werden sie dagegen, wo es sich um Vergnügen handelt, die Kleider derselben nicht verschmähen. Es ist gerade so mit dem Theaterbesuch; ich kenne Herren und Damen genug, die vor einem Ballet auf ihrem Gesicht die außerordentlichste Verachtung zeigen, und die es im Gefühl ihrer Würde und Unschuld nicht begreifen können, wie es einer der Tänzer und namentlich der Tänzerinnen wagen könne, ein paar Hand breit Tricots zu zeigen, die aber, wenn einmal der Vorhang aufgezogen ist, ihr Glas nicht mehr vom Auge lassen.«

»Ah! lieber Freund, das thue ich auch,« sagte salbungsvoll und mit ernstem Gesichtsausdruck Herr Alfons; »aber du wirst mir glauben, daß ich es nicht thue, um die unanständigen Bewegungen zu sehen, sondern daß ich bei mir denke: du willst doch einmal sehen, wie weit eigentlich die Verworfenheit des menschlichen Geschlechtes zu gehen im Stande ist.«

»Ah! mein lieber Schwager,« entgegnete entrüstet der Maler, »dazu brauchst du weder das Theater noch dein Opernglas; das kannst du viel näher haben.«

»Arthur! Arthur!« rief der Commerzienrath. »Muß man denn beständig bei euch den Vermittler machen! Immer Reibereien und unangenehme Reden! Ich werdet Mama noch verdrießlich machen.«

»Das ist möglich; aber auf die Gefahr hin, Mama verdrießlich zu machen, erkläre ich, daß, wenn ihr lebende Bilder aufführen wollt und dazu keine ordentlichen Costüme anschafft, mögt ihr diese her bekommen, woher ihr wollt, aus der ganzen Sache nichts Rechtes werden wird und ich mich nicht da hinein mischen kann.«

Die Commerzienräthin versicherte, sie würde das Beste in dieser Sache auszuwählen wissen, und es dann wie immer verstehen, ihren Willen durchzusetzen. Darauf erhob sie sich mit aufrechtem Haupte aus ihrer Sophaecke und gab damit das Zeichen zum allgemeinen [183] Aufbruch. Marianne ging in ihre Wohnung hinauf, nachdem sie einen fast vergeblichen Versuch gemacht, von dem Gemahl ein freundliches Wort zu erhalten. Herr Alfons drückte die Brille fester an die Augen, knöpfte seinen Rock zu und schickte sich an, in das Comptoir hinabzusteigen, wo Commis und Lehrlinge diesem Augenblicke mit einem unbehaglichen Gefühl entgegen sahen. Der Commerzienrath schloß sich in sein Kabinet ein, um seine Zeitungen zu lesen und über das Fallen und Steigen der Papiere nachzudenken. Arthur aber ging in sein Atelier, das er nur im Hintergebäude des elterlichen Hauses haben durfte; Mama hatte sich ein für allemal dahin ausgesprochen: sie wolle ihr Haus rein erhalten.

16. Kapitel
Sechszehntes Kapitel.
Eine Mutter und ihr Kind.

Es war nun vollkommen Winter geworden, das heißt, die Erde war nicht blos von starkem Frost erstarrt, sondern sie hatte auch die bekannte weiße Livree angezogen und verschwunden waren von ihrer Oberfläche all' die kleinen Poesieen und Merkwürdigkeiten, die wir bei unserm Spaziergang im ersten Kapitel dieser denkwürdigen Geschichte entdeckt und dem geneigten Leser mitgetheilt haben. Alle seinen Nuancirungen draußen hatten aufgehört, Feld und Wiese waren gleichförmig bezogen; wo sich ein Wald befand, da erschien die Gegend etwas mit Grau schattirt; einzelne Bäume waren kaum noch sichtbar, der Schnee lag schwer auf den Zweigen und schien jedem einzelnen Strauche, jedem Baume eine Pelzmütze aufgestülpt zu haben, worunter er sich behaglich und warm verstecken konnte. Isolirt stehende Häuser rings um die Stadt sahen [184] aus dem allgemeinen Weiß recht langweilig hervor, namentlich solche, die sich an der Landstraße befanden, denn hier war es öde und leer. Von den sonst so zahlreichen Fuhrwerken aller Art bemerkte man heute nicht viel; in dem tiefen Schnee gab es keine rechte Bahn, weßhalb sich auch draußen noch keine Schlitten sehen ließen; nur Holzwagen fuhren langsam dahin, und ein einsamer gelber Postwagen aus irgend einem Orte der Nachbarschaft, welchem die Eisenbahn zur Seite lag.

In der Stadt dagegen wurde der tiefe Schnee wie immer als eine Einladung des Winters betrachtet, sich seiner als Schlittenbahn zu bedienen, und nachdem man am Morgen nothdürftig Bahn gemacht, hörte man auf allen Straßen das Klingeln der Schellen und lustigen Peitschenknall, und mußte sich bei dem allgemeinen Leben recht in Acht nehmen, daß man nicht von einem Schlitten umgerannt oder von einem Wagen überfahren wurde, wobei namentlich letztere gefährlich waren, da man kaum das Rollen der Räder vernahm. Heute schienen denn auch die Straßen der Stadt nur dem Vergnügen geweiht, und wer draußen nichts zu thun hatte, der blieb gerne zu Haus. In den vornehmeren Stadtvierteln bewegten sich glänzende Schlitten, das Gestell vergoldet, die Sitze mit Teppichen und Pelzen bedeckt, aus denen heitere Gesichter, sanft geröthet von Frost und eifrigem Gespräch, hervor blickten. Die Fiaker und Droschkenführer hatten ebenfalls ihre Wagen zu Haus gelassen und hielten in langen Reihen, die Pferde vor einfachere Schlitten gespannt, welche von der lieben Jugend umstanden wurden, die sehnsüchtig Jedem nachblickte, der sich eines solchen Fuhrwerks bediente.

Wenn es so aus den breiten Straßen geräuschvoll und lebendig war, so erschienen dagegen die schmalen Gassen und abgelegenen Plätze um so einsamer und stiller. Schlitten sah man hier keine, Wagen rollten selten vorüber, und wenn hie und da einer vorbei kam, so hörte man nur das Klingeln von ein paar kleinen Schellen; [185] das Rollen der Räder selbst war ebenso unhörbar wie der Fußtritt der Vorüberwandelnden. In den meisten dieser Straßen war nur eine nothdürftige Bahn an den Häusern gekehrt, die noch obendrein selten betreten wurde, und wenn nicht da und dort auf einem Platze eine Schaar Knaben ihre Spiele getrieben hätte, sich gegenseitig bombardirt und Schneemänner gemacht, so hätte man glauben können, Häuser und Menschen befänden sich alle zusammen in einem seltsamen Winterschlafe. Nur jene Viertel, durch welche der Kanal floß, von dem wir schon früher sprachen, sahen einigermaßen lebendiger aus. Hier wohnten viele Handwerker, namentlich Schmiede, vor deren Häusern sich der weiße Schnee bald rußig und schwarz färbte oder ganz weggeschmolzen wurde, wo man eine heiße Radschiene zur Abkühlung hinausgewälzt hatte. Auch viele Wäscherinnen befanden sich in dieser Gegend und weil die Trockenplätze bei diesem Wetter für sie unbrauchbar waren, so hatten sie längs dem Kanal lange Seile gezogen und hier hingen nun die verschiedenartigsten gewaschenen Zeuge, deren bunte Farben: grün, blau, roth, gelb, recht lebendig von dem weißen Schnee abstachen.

Wenn uns der geneigte Leser folgen will, so wenden wir uns nach einem dieser Häuser hier, einem alten finstern Gebäude mit hohem Giebeldach, dessen vordere Seite, die uns erst mit ihren vergitterten Fenstern anblickt, zur Fruchtkammer benützt wird, während sich im hinteren Theile, der auf den Kanal geht, verschiedene Wohnungen befinden. Zu ihnen gelangt man durch den Hof des eben genannten Hauses über eine alte Wendeltreppe, deren Stufen ausgetreten sind, deren Steinwände wie polirt glänzen, und wo ein alter schmieriger Strick sich dem unsicher Umhertappenden als treuer Führer in der halben Finsterniß darbietet.

In dem ersten Stocke angekommen, betreten wir ein weites mit Steinplatten belegtes Vestibul, auf das lange Gänge münden, die entweder um den Hof herum nach der Fruchtkammer führen, oder ein anderes ebenso großes Nebengebäude mit dem, welches[186] wir gerade betreten, verbinden. Beides ist übrigens der Fall, und die zwei Gebäude, die hier an der hinteren Seite an dem Kanale liegen, wurden in früheren Zeiten einmal zu einer Kaserne benützt, und durch die eben erwähnten Gänge verbunden. Später hatte man aber für das Militär bessere und hellere Räume erbaut und alsdann die vielen Zimmer hier zu zwei und drei abgetheilt und solche an die verschiedensten Leute und Gewerbe zu Wohnungen vermiethet. Ueber einzelnen Thüren bemerkte man die Nummern der ehemaligen Kasernenzimmer, bei anderen aber waren sie verwischt oder man hatte sie absichtlich übertüncht. Auf dem Vestibul stand alter Hausrath; hier schliffen ein paar Knaben aus dem glatten Steinboden wie auf einer Eisbahn, vermittelst einigen Schnee's, den der Wind durch ein Fenster ohne Scheiben herein geweht hatte.

Die Atmosphäre hier roch etwas moderig und feucht, was sich durch die Nähe des Kanals erklären ließ, sowie auch dadurch, daß die Hausthüren selten oder nie verschlossen wurden und allem Wetter Einlaß gewährten.

Eine dieser Wohnungen in der alten Kaserne nun, die wir unsichtbarer Weise betreten, bestand aus einem ziemlich großen Gemache, dessen Wände weiß getüncht waren, und das durch zwei ziemlich hohe Fenster erhellt wurde. Ein großer Ofen erwärmte diesen Raum recht behaglich; zwischen beiden Fenstern an der Wand befand sich ein großer Tisch, vor demselben gepolsterte Stühle mit gestreiftem Kattunüberzug, in der Ecke ein alter Sopha, an den Wänden ein kleiner Spiegel und ein paar vergilbte Kupferstiche in nußbraunen Rahmen. Zwei Thüren, je eine an jeder Seite dieses Zimmers, führten in andere Gelasse, die außer einer Küche auf der andern Seite des Vestibuls noch zu diesem Appartement gehörten.

Auf dem Tische des Wohnzimmers stand ein Kaffeegeschirr, und wenn auch dasselbe von grobem Steingute war, so duftete doch der Inhalt nicht unangenehm, die Milch sah recht gut aus, und auf einem Suppenteller befand sich Zucker in großen Stücken, während [187] weißes Brod daneben lag. Eine Frau saß an dem Tische und schien sich eine große Tasse Kaffee gemischt zu haben, denn sie rührte langsam mit einem Löffel darin herum. Diese Frau mochte ungefähr fünfzig Jahre alt sein, war von mittlerer Figur, einfach gekleidet, und hatte ein ziemlich breites aber kluges Gesicht, aus dem sich Spuren von früherer Schönheit zeigten; ihr Mund hatte etwas Gutmüthiges, namentlich wenn sie lachte, was sie häufig und wie es schien absichtlich that, um sich ein wohlwollendes Ansehen zu geben, denn sobald sich ihre Gesichtszüge beruhigten, erschienen sie schlaff, ausdruckslos, und dann trat ein scharfer, unheimlicher und zurückstoßender Glanz der Augen hervor.

Ihr gegenüber an dem Tische befand sich eine junge Person, die ungefähr zweiundzwanzig Jahre alt war, obgleich ihr Aeußeres auf höheres Alter deutete. Es war das ein schmächtiges Mädchen, ziemlich dürftig angezogen, mit eingefallenen blassen Wangen, aus denen jene leichte Röthe spielte, die man im Munde des Volkes »Kirchhofsrosen« nennt. Dabei hatten ihre Augen einen unheimlichen trockenen Glanz, und die weißen Hände, die sie vor sich auf dem Tisch gefaltet hielt, zitterten öfters, wenn auch kaum merklich. An dem einen Fenster saß auf einem Stuhle ein anderes Mädchen, welches in der Frische und dem Schimmer einer blühenden Gesundheit den vollkommensten Gegensatz zu der eben Geschilderten bildete, und die wir bereits kennen; denn es war Mademoiselle Marie vom Balletcorps. Die Frau am Tische ist ihre Tante, Madame Becker, und die schwindsüchtige Person ihr gegenüber eine Nähterin aus der Stadt, die vor einigen Augenblicken eingetreten war, und über deren ziemlich unverhoffte Erscheinung die Frau nicht gerade erfreut zu sein schien. Sie hatte ihr ziemlich mürrisch einen Platz angeboten und rührte nun langsam ihren Kaffee herum, während sie sagte: »Nun sprech' Sie, Katharine, was führt Sie eigentlich daher? Wenn ich Ihr helfen kann, so wollen wir sehen, was sich machen läßt. Aber in der Angelegenheit ist nicht viel zu thun.«

[188] Die Nähterin war offenbar zu sehr aufgeregt, um augenblicklich mit vollkommener Ruhe antworten zu können. Sie versuchte es, einen tiefen Athemzug zu thun, wobei ihre Nasenflügel leicht erzitterten und die Röthe auf den Wangen noch mehr hervortrat.

»Ich bin wirklich etwas zu schnell gegangen,« sprach sie nach einer Pause. »Wenn man im Tagelohn arbeitet, so muß man so wenig Zeit als möglich verlieren. – Ich wäre gerne schon gestern Abend gekommen – aber ich weiß, daß Sie nach acht Uhr nicht gestört sein wollen, und heute Morgen um sieben Uhr war es auch noch zu früh.«

»Sie hätte ja die Agnes schicken können,« warf Madame Becker leicht hin, »Ihre jüngere Schwester.«

Ein eigenthümliches Lächeln überflog die bleichen Züge der Anderen, während sie hastig erwiderte: »Nein, nein, die Agnes hat keine Zeit, gewiß nicht, gar keine Zeit. – – Aber ich bin so unruhig, daß ich eigentlich gar nicht sprechen kann.« Damit wandte sie ihren Kopf nach der hinter ihr sitzenden Tänzerin und sah darauf die Frau an, als ob sie fragen wollte, ob sie vor dem jungen Mädchen sprechen dürfe.

Madame Becker nickte mit dem Kopfe und versetzte halblaut: »Nur ungenirt, es kann nichts schaden, wenn sie weiß, wie's im Leben zugeht. Halb und halb kann ich mir schon denken, was Sie von mir will, Katharine.«

»Nicht wahr, das können Sie sich denken?« entgegnete hastig die Nähterin, und ihr Auge flammte heftiger. »O, das können Sie sich gewiß denken; aber ich habe keine Ruhe mehr. Sie wissen, die Woche über kann ich nicht fort, nun war ich aber schon zwei Sonntage draußen bei der Frau, und jedesmal war sie nicht zu Hause, das Kind ebenfalls nicht. Ach! und das ist hart für mich!«

Madame Becker zuckte scheinbar gleichgültig mit den Achseln. »Das ist zufällig,« sagte sie; »Sie will doch nicht verlangen, [189] Katharine, daß die Frau Ihretwegen am Sonntag zu Haus bleibt? Sie hat auch ihre Gänge zu machen.«

»Aber es ist hart für mich,« entgegnete die Andere, während sie die Hände faltete. »Wofür arbeite ich die ganze Woche vom Morgen bis in die Nacht hinein? Was hält mich aufrecht, wenn ich oft glaube, nun kann ich nicht mehr? – Nichts, nichts, als das kleine Kind; das ist meine Freude, mein Glück, das ist die Feier meines Sonntags, sein liebes Gesichtchen zu sehen, es tausend und tausendmal zu küssen, seine Haare, seine Stirne, seine Augen, seine Aermchen und Hände. – Ach! und es kannte mich recht gut! – Jeden Sonntag habe ich ihm was mitgebracht; – und das blaue Wollenkleidchen war so hübsch! – – Und nun habe ich es seit vierzehn Tagen nicht gesehen!« –

Die arme Person hatte das Alles in fieberhafter Erregung gesprochen; dabei blitzte ihr Auge umher; ohne die Frau vor sich anzusehen, schien sie weit, weit in die Ferne zu blicken, als sähe sie dort das Lächeln ihres Kindes, als drücke sie ihm die Küsse aus, wie sie eben beschrieben.

Madame Becker zuckte die Achseln, trank ihre Kaffeetasse leer, dann sagte sie: »Katharine, Sie ist immer noch so lebhaft und stürmisch wie früher, immer oben hinaus, nie eine ruhige Ueberlegung.«

»Nein, ich bin nicht mehr wie früher,« entgegnete schmerzlich die Nähterin: »ich habe vierzehn Tage gewartet, nachdem ich zwei Sonntage vergebens draußen war und ruhig heim ging, ohne mein Kind gesehen zu haben, da man mir sagte, die Frau käme wahrscheinlich nicht vor später Nacht nach Hause. – – Das hätte ich freilich früher nicht gethan,« fuhr sie lebhafter fort, während sie ihre Augen weit öffnete. – »Früher wäre ich auf der Treppe sitzen geblieben, die ganze Nacht und den andern Tag, und so viel Nächte und so viel Tage, bis sie mit meinem Kinde nach Hause gekommen wäre. – Aber es thut sich nimmer mehr,« [190] fuhr sie zusammensinkend fort; »wenn auch der Wille da ist, die Kraft fehlt.«

»Jetzt habe ich Sie ruhig ausreden lassen,« versetzte Madame Becker nach einer längeren Pause, während welcher sie ihre Haube zurecht zog und einigemal freundlich zu lächeln versuchte, doch wollte ihr das nicht recht gelingen, und der unheimliche Blick ihres Auges drang überwiegend vor. »Jetzt habe ich Sie also ruhig ausreden lassen; jetzt sag' Sie mir, was will Sie eigentlich; soll ich vielleicht hinaus gehen und nach Ihrem Kinde sehen, oder was muthet Sie mir sonst zu?«

Die Tänzerin am Fenster, die beschäftigt war, ein paar fleischfarbene Schuhe mit neuem Bund zu versehen, hatte die Hände mit dieser Arbeit in den Schooß sinken lassen und lauschte aufmerksam den Reden der Nähterin. Ja, sie erhob sich langsam und stellte sich in die Fenstervertiefung, scheinbar, um auf die Straße hinaus zu sehen, in Wahrheit aber, um besser zu hören, was Jene sprächen.

Die Nähterin hatte ihre beiden weißen Hände auf den Tisch gelegt und beugte sich so weit wie möglich zu der ihr gegenüber sitzenden Frau hin, die sie fest anschaute und mit ihrem Blick zu bannen schien.

»Sie wissen, Frau Becker,« sagte sie alsdann mit leiser aber eindringlicher Stimme, »was damals mit ihm ausgemacht wurde. – Sie haben das ja selbst besorgt. – Als er mich verlassen, habe ich jede Hülfe von ihm zurückgestoßen, jede Unterstützung für mich und mein Kind; – das wissen Sie ganz genau, – denn ich wollte nichts mehr von ihm; es war ein Fluch an dem, was aus seiner Hand kam. – O, ich habe das lange geahnt! Er sollte also gehen, wohin er wollte, und machen was ihm beliebte, aber dafür mußte er mir mein Kind lassen, – mein Kind, für das zu arbeiten mir eine wahre Lust ist. – O ein Vergnügen, Frau Becker; denn wenn ich Abends müd' und matt nach Hause [191] komme und küsse die Locken, die ich von ihm habe, so bin ich wahrhaft frisch und munter und schlafe ohne viel Beschwerden, weil es mir dann im Traume erscheint und sich an meine Brust drückt, an meine Brust, die mich oft so seht schmerzt! –«

Die Frau machte ein Zeichen der Ungeduld.

»Ich komme schon zu Ende,« fuhr die Andere fort, nachdem sie tief Athem geholt und einen Augenblick geschwiegen. »Aber wissen Sie, Frau Becker,« sagte sie matt lächelnd, »Sie müssen mir schon verzeihen, wenn ich das Kind so oft erwähne, ich habe ja Anderes nichts zu denken. – Nun, also! Er schien sich auch, Gott sei Dank! um das kleine Ding gar nicht mehr zu bekümmern, ich erfuhr überhaupt nichts mehr von ihm, bis vor drei oder vier Wochen, da sagte mir die Babett, die mit mir zusammen nähte: weißt du auch schon, daß er heirathen will? – Es ist mir gleichgültig, entgegnete ich; habe ich doch mein Kind. – Ja, aber das Kind möchten sie gern haben. – Wer? rief ich erschrocken. – Nun, sie, seine Familie; sei doch nicht so dumm, das kannst du dir ja denken, es kann ihnen doch wahrhaftig nicht gleichgültig sein, daß ein Kind von ihm und dir lebt und gedeiht.«

»Das dumme Schwatzmaul!« murmelte die Frau in sich hinein.

»Bei den Worten,« fuhr die arme Person fort, indem sie sich über die Stirne wischte, »brach mir der kalte Angstschweiß aus, – wie jetzt, und ich wäre gleich zu der Frau hinaus gerannt, aber es war mir un möglich. Auch war es Freitag, und den Sonntag darauf ging ich ja hin, das war, wie ich Ihnen vorhin sagte: sie war ausgegangen und hatte das Kind mitgenommen. – Wie mich das bestürzt machte, Sie können es sich gar nicht denken, Frau Becker. Ich konnte mich nur etwas wieder trösten, als ich das kleine Bettchen sah und seine Alltagsschuhe, die daneben standen. – – Nun, nehmen Sie mir's nicht übel, deßhalb bin ich eigentlich hier, Sie will ich ja nur fragen, auf's Gewissen [192] fragen, wie es mit der Sache steht. Sie kennen ja die Familie und haben vielleicht sogar mit ihm zu thun. Ob er sich verheirathet, ist mir ja ganz gleichgültig, aber das Kind ist mein; von dem Kinde darf er nichts mehr wollen. Nicht wahr, das sehen Sie auch ein? – Und er hat ja kein Recht an das Kind, hat sich ja auch nie darum bekümmert, und ich habe auf der weiten, weiten Welt nichts Anderes, was mich an dies Leben festhält!«

Madame Becker hatte sich bei dieser längeren Rede eine neue Tasse Kaffee zurecht gemacht und besorgte dies Geschäft absichtlich sehr langsam, wahrscheinlich um Zeit zu gewinnen, ihre Antwort zu überlegen. Sie mußte von der Sache wissen, denn während die arme Person ihr gegenüber sprach, räusperte sie sich ein Paarmal nicht ohne Verlegenheit, schaute auch wohl gegen die Straße hinaus und nach ihrer Nichte, der Tänzerin, hin, die sich aber so fest in die Fensternische hinein gedrückt hatte, daß die Frau nicht wußte, ob das Mädchen da sei oder ob sie in's Nebenzimmer gegangen.

»Sieht Sie, Katharine,« sprach sie endlich sehr langsam, um ihre Worte überlegen zu können, »was ich vorhin sagte ist wahr. Sie handelt immer vorschnell und oben hinaus und denkt immer das Schlimmste von den Männern. Das muß man nicht thun. Am Ende freilich ist was Unangenehmes passirt; wer kann für so ein kleines Kind einstehen?«

»Nicht wahr? – nicht wahr? – o mein Gott!«

»Ja, ich sage, es sei möglich, ohne daß ich das weiß. Daß die Frau Bilz zweimal nach einander nicht zu Haus war, hätte an sich nicht viel zu bedeuten; das kann vorkommen. Aber neulich ist sie mir begegnet und hat den Kopf geschüttelt, als ich nach dem Kinde fragte, – ich frage immer darnach, Katharine, – da sagte sie: ja, es ist recht kränklich, und selbst bei der sorgfältigsten Pflege weiß man doch nicht, was mit dem armen Wurm geschieht.«

[193] »Aber mein Kind war nicht kränklich,« sagte ängstlich die Nähterin, »wenigstens noch nicht vor vierzehn Tagen; da fand ich es frisch und gesund.«

»Na! frisch und gesund wollen wir gerade nicht behaupten,« entgegnete die Frau, nachdem sie aus einer kleinen Dose verstohlen eine Prise genommen; »einen Treff hat das Kind leider schon bei der Geburt gehabt. Denkt nur an den Jammer, mit dem Ihr es getragen.«

»Ja, ich habe damals unendlich viel Jammer ausgestanden.«

»Und das feste Schnüren in der ersten. Zeit! Ihr hattet damals eine reputirliche Kundschaft, Katharine, lauter feine, solide Häuser, und da läßt man so was nicht gern merken. Aber die armen Würmer leiden darunter.«

Die Nähterin schüttelte ungläubig den Kopf und sah gedankenvoll vor sich hin. »Nein, nein!« sagte sie nach einer Pause, »dem Kinde hat nichts gefehlt, das hat mich der Arzt versichert. Ich habe ihn ja fast auf den Knieen gebeten, mir die Wahrheit zu sagen.«

»So glaubt, was Ihr wollt,« versetzte Madame Becker scheinbar ereifert; »mir kann es ja recht sein. Aber wie ich Euch schon sagte, die Frau Bilz machte über den Zustand des Kindes so ein bedenkliches Gesicht, daß ich schon im Begriffe war, Euch aufzusuchen; doch wußte ich nicht, wo Ihr den Tag über seid und Abends habe ich keine Zeit.«

»Dann hätte die Frau aber zu mir kommen sollen, das wäre doch nicht mehr als recht und billig gewesen.«

»Ja, ja, sie hätte es gekonnt, aber sie hat auch viel zu thun. Nun, hoffen wir das Beste!«

»Was kann ich machen!« seufzte die Nähterin betrübt, indem sie die Hände faltete. »Und wenn das Kind krank würde und stürbe – du lieber Gott im Himmel! das war' auch mein Ende; aber ich müßte es über mich ergehen lassen. – Das Andere [194] aber, Frau Becker,« fuhr sie heftiger fort, indem sie ihre rechte Hand drohend erhob, »das Andere aber ließe ich nicht ruhig geschehen, so schwach ich bin, das können Sie mir glauben. – Aber nicht wahr, ich habe nichts zu befürchten, sie wollen mir das Kind nicht nehmen?«

»Ei! wo denkt Ihr hin? Es fällt gewiß Niemand ein, das zu thun,« antwortete die Frau und wandte ihren Kopf der Thüre zu, wo sich ein leises Klopfen vernehmen ließ.

»Wenn Sie nur das denken, so beruhigt es mich,« erwiderte Katharine; »und nur um ein wenig Trost zu haben, kam ich hieher. Ich habe einen halben Tag Arbeit versäumen müssen,« fuhr sie schmerzlich lächelnd fort, »und das fällt mir schwer. – Aber nicht wahr, Frau Becker, noch einmal, es geschieht mir gewiß nichts Schlimmes?«

Es klopfte zum zweiten Male an die Thüre.

»Was soll ich wissen?« meinte Frau Becker, die ungeduldig den Kopf herum wandte und dann ihrer Nichte rief und ihr auftrug, sie solle nachsehen, wer an der Thüre sei.

Die Nähterin erhob sich langsam, wobei sie ihre eine Hand auf den Tisch stützte und leise hustete.

17. Kapitel
Siebenzehntes Kapitel.
Falsches Zeugniß.

Die Tänzerin ging nach der Thür, öffnete sie geräuschlos und sprach einige Worte mit Jemand, der draußen stand und ließ alsdann eine ältliche Bauersfrau in's Zimmer treten, die ziemlich verlegen an der Thüre stehen blieb und die ihre Blicke fragend nach[195] der Madame Becker richtete, welche ebenfalls aufgestanden war und etwas erschrocken auf die Eingetretene sah. Katharine wandte gleichfalls ihren Kopf herum und stieß einen lauten Schrei aus, worauf Madame Becker ungeduldig mit dem Fuß stampfte und einen leisen Fluch zwischen den Zähnen murmelte.

»Da ist die Frau!« sagte das Mädchen, indem sie ihre Augen weit aufriß und die Blässe ihres Gesichts wahrhaft gespenstig wurde. – »Da ist die Frau! – Jetzt werde ich doch etwas erfahren über mein Kind!«

Die Bauersfrau kam ziemlich unbehülflich näher, streckte ihre beiden Hände aus und verwandte kein Auge von dem Gesicht der Madame Becker; that sie das nun, um sich an den Mienen derselben Raths zu erholen, oder scheute sie sich vielleicht, die unglückliche Mutter des Kindes anzusehen.

»Nun?« rief ihr Madame Becker ziemlich eifrig entgegen. – »Was will Sie eigentlich? – Zu mir? – Gewiß zu Katharine. – Da steht sie. Sag' Sie, was Sie weiß. – Ist vielleicht ein Unglück geschehen?«

Die Bauersfrau zog ihre Achseln entsetzlich in die Höhe, wobei sie mit einiger Anstrengung nach dem Himmel hinauf zu schielen versuchte, es aber nur zu einem häßlichen, verdrehten Blick brachte.

Madame Becker zuckte hierauf ebenfalls mit den Achseln und warf einen mitleidig sein sollenden Blick auf die Nähterin, die da stand, ein Bild des Jammers, mit bleichen Wangen, auf denen jetzt allmählig kleine rothe Punkte sichtbar wurden, – die schon erwähnten Kirchhofsrosen, die nun bald in ihrer ganzen schrecklichen Pracht auf dem stillen Gesichte wieder aufflammen sollten.

»So ist dem Kind etwas passirt?« fragte Madame Becker nach einer langen und schrecklichen Pause. »Was hat's da gegeben?« – –

»Todt!« entgegnete die Bauersfrau, ohne daß sie es wagte [196] dem flammenden Blick der Mutter zu begegnen. – »Todt! – todt! – Das Kind ist todt!«– –

In diesem Augenblicke trat die Tänzerin vor und legte ihre warme Hand sanft aus die kalte Rechte Katharinens, schlang ihren Arm um sie und drückte sie in tiefstem Mitgefühl fest an die Brust, die, sein leises Schluchzen unterdrückend, sich hoch und gewaltsam hob und senkte.

»Also todt!« sagte Madame Becker. »Und wie ist das gekommen?«

»Wie kommt das bei so kleinen Kindern!« entgegnete die Bauersfrau, indem sie den Kopf auf die rechte Seite senkte; »vorige Woche noch ziemlich gesund und wohl, gestern Nacht mausetodt. – Hier ist der Schein, Alles in Ordnung ausgestellt. – Ja, es ist traurig aber wahr.«

Katharina blickte mit trockenen und heißen Augen wie in einem tiefen Traume um sich her. Lange schaute sie die beiden Weiber vor sich an, bald die Eine, bald die Andere, und keine konnte diesen Blick ertragen. Dann aber bog sie ihren Kopf leicht zurück und streifte so die glühende Wange der Tänzerin; und es war, als ob diese Berührung eines guten, mitfühlenden Wesens eine Beruhigung über ihre Seele gebracht hätte, denn ein paar Sekunden nachher senkte sie ihren Kopf auf ihre Brust und brach zwischen den Armen des jungen Mädchens zusammen, die sie sanft auf einen Stuhl niedergleiten ließ und dann neben ihr kniete, um ihr Haupt zu unterstützen.

Jetzt erst wagte die Bauersfrau das unglückliche junge Weib anzusehen; doch that sie es scheu und verlegen, machte auch gar keine Miene, der Niedergesunkenen beizuspringen, sondern sagte zu Madame Becker: »Es ist wahrhaftig ein Jammer; aber was kann man machen? Jetzt übersteht sie es auf einmal und sonst wäre es doch für ihr Leben eine immerwährende Last und Plage gewesen.«

Die Angeredete hatte beide Arme auf den Tisch gestützt und [197] blickte in das bleiche Gesicht der Ohnmächtigen. »Ob es besser ist,« sprach sie mit scharfem unangenehmem Tone, »was geht es uns eigentlich an? Geschehen sollt' es und geschehen ist es; und ich hoffe,« setzte sie leise hinzu, »daß Sie Alles gut besorgt hat, Frau, denn es ist im Grunde eine kitzliche Geschichte, für welche Sie den größten Theil empfangen und für welche Sie auch mit Ihrer Haut einstehen muß.«

»Bst! bst!« entgegnete die Bauersfrau, indem sie ihre Augen einen Moment auf die Tänzerin heftete und sich dann der Frau näherte, zu der sie sagte: »Kommt doch da weg, wenn Ihr schwätzen wollt, geht mit in's Nebenzimmer! Ich habe Euch noch allerlei mitzutheilen.«

Damit gingen die beiden Weiber in das andere Gemach und ließen die Tänzerin bei der Unglücklichen allein.

Marie befand sich in großer Gemüthsbewegung; sie athmete schnell und heftig und sandte den beiden Weibern einen forschenden Blick nach. Dann lehnte sie sanft das Haupt Katharinens an die Stuhllehne und eilte in ihr Schlafzimmer, wo sie vom: Bett ein Kissen, von der ärmlichen Toilette ein kleines Fläschchen mit kölnischem Wasser nahm. Das Kissen schob sie unter den Kopf der noch immer bewußtlos Daliegenden, drückte diesen sanft hinein und goß dann einige Tropfen des wohlriechenden Wassers auf ihr Tuch, worauf sie Schläfe und Stirn des armen Mädchens leicht damit rieb.

Das Alles that sie mit einer seltsamen Hast und warf dabei verstohlen die Blicke auf die Thüre des Nebenzimmers, welche Madame Becker nicht fest hinter sich zugezogen hatte. Nachdem sie darauf wieder ein paar Sekunden lang aufmerksam in das bleiche Gesicht der Kranken geblickt, erhob sie sich rasch, als sie sah, wie sich deren Lippen langsam öffneten und ein leichter Seufzer aus der Brust emporstieg. Darauf öffnete Katharine matt ihre Augen und sah die Tänzerin mit einem dankbaren Blicke an.

[198] Maria lächelte ihr zu, zeigte mit der linken Hand auf 's Nebenzimmer und legte alsdann einen Finger der rechten Hand auf ihren Mund, als wollte sie sagen: Stille! sprich kein Wort; mach' kein Geräusch!

Katharine schien das vollkommen zu verstehen und auch wohl zu begreifen, daß dort im Nebenzimmer etwas verhandelt würde, was für sie von großem Interesse sei, denn sie schloß ihre Augen und öffnete sie wieder zur Beistimmung, faßte die Lehne des Stuhls mit ihren Händen und folgte dann mit den Augen der Tänzerin, welche sich geräuschlos und geschmeidig wie eine Schlange um den Tisch herum wandte, an die etwas geöffnete Thüre des Nebenzimmers gelangte, ohne daß man nur einen Fußtritt gehört hätte. Dort blieb sie einige Minuten lauschend stehen und kehrte dann ebenso vorsichtig und leise zu Katharine zurück, kniete vor sie nieder, legte abermals den Finger auf den Mund und drückte darauf ihre beiden Hände fest auf die der armen Person, wobei sie ihr bedeutungsvoll in die Augen sah.

»Sprich kein Wort!« flüsterte sie, »ja, wenn die Beiden heraus kommen, so schließe deine Augen wieder. Kannst du es ertragen, wenn ich dir was sage, das nicht so schlimm ist, als was du eben gehört?«

Katharina nickte mit dem Kopfe.

»Lange nicht so schlimm, aber auch nicht angenehm. – Sei ruhig – im Grunde doch angenehm. Aber du mußt nicht aufschreien!«

Katharine machte mit den Augen ein verneinendes Zeichen.

»Bst!« fuhr die Tänzerin fort, indem sie einen ängstlichen Blick nach der Thüre warf; »es ist wahr, was du vorhin sagtest: er wird sich verheirathen.«

Katharine seufzte.

»Und das Kind –« fuhr Marie leise fort; –

»Nun, das Kind? – – Das Kind –?«

[199] »Es ist nicht todt,« hauchte das Mädchen kaum vernehmlich. – »Es lebt, aber sie haben es fortgebracht.«

– »Mir gestohlen –!«

»Wohin sie es gebracht haben, weiß ich nicht, aber ich erfahre es; sei ganz ruhig. Wir haben auch unsere Freunde!«

»Sie haben es fortgebracht! O, ich kann mir denken, um es zu verderben – das arme kleine Kind! Glaubst du nicht auch, Marie?«

Jetzt nickte die Tänzerin traurig mit dem Kopfe.

»Sie hätten es geschwind umgebracht, aber sie fürchteten sich. O, ich kann mir denken, wohin sie es gebracht haben. Zu so einem schrecklichen Weib, da wollte er damals schon, ich sollt' es hinthun. Gott! mein Gott! Da brauchen sie es nicht auf einmal umzubringen, da geht es langsam zu Grunde, da stirbt es stündlich – täglich – an – Hunger – Kälte – – Elend! –«

Bei diesen letzten Worten sank das arme Geschöpf abermals in die Kissen zurück, ihre Augen schlössen sich und fielen tief ein, und zwischen den bleichen Lippen zeigte sich ein einziger Blutstropfen.

»Sie stirbt!« rief die Tänzerin. »Sie stirbt!« schrie sie laut hinaus.

Und auf diesen Ruf hin kamen die beiden Weiber aus dem Nebenzimmer heraus und traten an den Sessel.

»Die arme Creatur!« sagte Madame Becker und stellte ihre Schnupftabaksdose auf den Tisch, um eine der kalten Hände Katharinens zu ergreisen, die jetzt schlaff herunter hingen. Der Pulsschlag zitterte nur noch in den Adern und schien nächstens ganz erlöschen zu wollen.

Aber das menschliche Herz ist stark und leistet fast das Unmögliche im Ertragen von Jammer und Elend.

»Wenn sie sterben würde,« sprach die Bauersfrau, »es war' das wahrhaftig kein Unglück für sie. Was soll die auch ein wenig [200] länger auf der Welt? Wenn sie heute nicht erliegt, treibt sie es doch vielleicht kein halbes Jahr mehr.«

Unterdessen hatte sich die Tänzerin über die Ohnmächtige hingebeugt und ihre frischen Lippen berührten fast den bleichen Mund der Anderen, während eine schwere Thräne um die andere aus ihren Augen herabrann.

»Seid doch stille!« bat sie nach einer Pause. »Sprecht nicht so laut, man sagt, so Ohnmächtige könnten manchmal Alles hören, was man neben ihnen spricht. Seht, sie ist gewiß nicht todt, ihre Lippen zittern, ihre Augen fangen an sich zu bewegen.«

»Ich habe genug von vorhin,« sagte die Bauersfrau, »und habe nicht Lust, noch einmal dieselbe Geschichte zu hören. Wenn sie wirklich wieder aufwacht, so gebt ihr den Todtenschein, er ist ächt und richtig.« – Sie warf Madame Becker einen bedeutsamen Blick zu. – »Auch kann sie die Bettchen und Kleider holen, wenn sie will.«

»Ich werde es ihr sagen,« entgegnete Madame Becker mit einem scheinheiligen Ausdruck im Gesicht; »und was die Begräbnißkosten anbelangt, so kann Sie sich an mich halten, Frau. Du lieber Gott! man hilft gern so einer armen Creatur ihren Kummer lindern.«

»Sind nicht groß, die Kosten,« versetzte kopfschüttelnd die Bauersfrau; »meine Schwester hat's heute Früh besorgt in ihrem Dorfe. Es war das ein kleines Loch, wenig Arbeit. Jetzt liegt schon der Schnee darauf; das wird ihr ein Trost sein, – denn wenn sie's nächstes Frühjahr aufsuchen kann,« setzte sie mit bedeutsamem Achselzucken hinzu, »so ist ihr Jammer auch schwächer geworden. – Adieu, Jungfer Marie!«

Die Tänzerin nickte stumm mit dem Kopfe, ohne aufzublicken, denn sie war beschäftigt, das Gesicht der Ohnmächtigen abermals zu waschen.

Madame Becker steckte ihre Schnupftabaksdose in die Tasche, nahm ein warmes Tuch vom Nagel, das sie umhing, und schickte [201] sich an, mit der Bauersfrau das Zimmer zu verlassen. An der Thüre warf sie noch einen scheuen Blick auf die Kranke. – »Es kommt mir doch etwas grauselich vor,« sagte sie dann leise zu ihrer Begleiterin. »Wenn ich mir das Mädchen so von hier aus betrachte, so meine ich wahrhaftig, es sei todt und wir trügen davon die Schuld.«

»Ach was!« entgegnete die Andere, »seid nur nicht so kleinmüthig, so was kommt schon im Leben vor. Todt ist sie auch nicht; seht, sie reißt ihre Augen auf und schaut nach uns her.«

»Ja, ja, Frau, Ihr habt Recht, sie blickt nach uns her, aber mit einem schauerlichen Blick.«

Damit zog sie die Andere zur Thüre hinaus.

Es brauchte wohl eine Viertelstunde Zeit, ehe sich Katharine so weit erholt, daß sie die Tänzerin um die näheren Umstände befragen konnte.

Marie sagte, was sie gehört:

Das Kind war also nicht gestorben, aber man hatte ein anderes, das gestern Nacht seinen Leiden erlegen, unterschoben und so wirklich einen Todtenschein erhalten. Wohin sie das lebende Kind gebracht, hatte keines der Weiber gesagt, wohl aber, daß es auf den Antrieb seiner Familie geschehen, die damit das letzte Band zwischen ihm und seiner ehemaligen Geliebten zerreißen wollte.

»Sei nur ruhig,« sagte die Tänzerin zu der Unglücklichen, deren Hände heftig zitterten, »sei ruhig, wir wollen schon erfahren, wohin sie das Kind gebracht.«

»Von deiner Tante glaubst du es zu erfahren?«

»Nein! nein! die sagt mir nichts; ich habe schon meine Wege.«

»Aber bald, Marie, nicht wahr? Bald, bald suchst du es zu erfahren, denn glaube mir, wohin sie auch das Kind gebracht haben, es befindet sich an einem Orte, wo es nicht lange leben kann; ich kenne solche Anstalten. – Du siehst mich schaudernd an? – ja, Marie. Gott erhalte deine Unschuld; sie nennen das keinen [202] Mord, wenn so ein Kind langsam dahinsiecht. – Es ist dann gestorben.« –

Die Tänzerin bedeckte ihr Gesicht mit beiden Händen und finstere Gedanken bewegten ihr Herz. Hatte sie in der Umgebung, wo sie sich befand, vielleicht eine bessere Zukunft zu gewärtigen, als die Unglückliche, die vor ihr saß? Hatte ihre Tante nicht schon Andeutungen genug fallen lassen über nutzlos verschwendete Jugend und Zeit, über ein Kapital, das man nicht ruhig könne liegen lassen und das seine Zinsen tragen müsse! – Gräßlich! gräßlich! – – Und das unglückliche Mädchen vor ihr hatte doch der Liebe Alles gegeben, was sie besaß, sie aber stand in Gefahr, verkauft zu werden, wie die geringste Sklavin! –

»Wie dank' ich dir, Marie,« sagte die Nähterin, die sich allmählig wieder erholt, »wie dank' ich dir für deine Güte, für deine Hülfe! Glaube mir, ich will für dich beten und es wird dir keinen Unsegen bringen. – Für mich selbst wag' ich es kaum; du bist so gut, so unschuldig, so frisch und gesund und kannst einmal recht glücklich werden. Dann denke auch zuweilen an mich, die gewiß lange todt ist. Und wenn du, liebe, gute Marie,« fuhr sie leiser fort, indem sie ihre beiden Arme um den Hals der Tänzerin schlang, »wenn du einmal einen braven Mann hast und es dir gut geht, und du hast eine halbe Stunde Zeit, so besuche mein Grab und gib meinem armen Kinde, wenn es noch lebt und du es an irgend einer Ecke stehen siehst, ein kleines Almosen.«

Bei diesen Worten stürzte ein erleichternder Thränenstrom aus den Augen Katharinens, und die beiden Mädchen hielten sich eine Zeit lang umschlungen und weinten heftig; die Eine, indem sie mit trübem Blick an die Vergangenheit dachte, die Andere, indem sie finster in die Zukunft schaute. –

Der laute Klang eines Glöckchens vor dem Fenster riß sie aus ihren Träumereien empor.

»Ist es denn schon so spät,« fragte die Tänzerin, »daß der [203] Theaterwagen drunten hält, mich abzuholen? Verzeih', Katharine, da muß ich mich eilen; ich darf den Schwindelmann nicht warten lassen.«

»Und ich will auch gehen,« sprach seufzend die Andere, indem sie sich schwankend erhob. »Aber nicht wahr, Marie, ich sehe dich morgen oder sobald du etwas weißt?«

»Gewiß, Katharine, gewiß!« antwortete die Tänzerin, während sie ihren großen Korb auf den Tisch stellte, noch einmal flüchtig die Gegenstände darin übersah und die Tanzschuhe, an denen sie vorhin gearbeitet, dazu legte. »Ich werde heute Abend noch mit Einigen darüber sprechen. O, die Mädchen bei uns wissen recht gut Bescheid und Manche kennen die ganze Stadt.«

»Und du kommst dann zu mir Abends nach acht Uhr? – Mit welcher Ungeduld will ich dich erwarten!«

»Verlaß dich auf mich; ich thu', was ich kann.«

Damit band die Tänzerin ein Tuch um ihren Kopf, wickelte sich in einen alten verblichenen Shawl, noch ein Erbstück ihrer verstorbenen Mutter, nahm den großen Korb unter den linken Arm und begleitete mit dem rechten Katharinen sorgfältig nach der Thüre, die sie abschloß und den Schlüssel im Ofenloch versteckte.

Es ging etwas langsam die Treppe hinunter und Schwindelmann, der unten an der Thüre stand, trippelte ungeduldig von einem Fuß auf den anderen. Drei bis vier Colleginnen streckten ihre Gesichter aus dem Wagenfenster hervor und blickten neugierig auf das bleiche Mädchen, das mit einem Händedruck und bittenden Blick sich von Marie verabschiedete und nun langsam an den Häusern dahin schlich.

»Der Teufel auch!« sagte Schwindelmann, »Mamsell Marie, Sie lassen uns lange warten. Das sind wir bei Ihnen nicht gewöhnt.«

»Es thut mir leid,« entgegnete die Tänzerin, »und ist wahrhaftig nicht meine Schuld.«

[204] »Wer ist denn das?« fragte Schwindelmann, indem er auf Katharina zeigte, die schon an den nächsten Häusern erschöpft stehen blieb.

»Eine unglückliche Person, der es sehr schlecht ergangen,« erwiderte Mamsell Marie.

»Und wo wohnt sie?« fragte eine der Tänzerinnen aus dem Wagen.

»In der Schlossergasse.«

»Dahinfahren wir gerade auch,« sagte nachdenkend Schwindelmann. Und als ihn ein bittender Blick des jungen Mädchens traf, rief er in den Wagen hinein: »Was meint ihr da drinnen, haben wir bis zur Schlossergasse noch Platz für eine arme kranke Person, die sonst vielleicht im Schnee stecken bleibt? – Es hat nicht Jedermann einen Wagen, wie ihr Prinzessinnen, und was man seinem Nächsten thut, das wird Einem im Himmel gut geschrieben.«

»Gott! der Schwindelmann wird fromm!« lachte eine lustige Stimme aus dem Wagen. »Mir ist es gleichviel.«

»Mir auch!« riefen ein paar Andere.

Und darauf sprang Mamsell Marie in den Wagen, der Schlag blieb offen. Andreas fuhr fort und Schwindelmann trabte neben der Equipage her, bis zur armen Katharine, die zu ihrer großen Verwunderung solcher gestalt auf die angenehmste und bequemste Art nach ihrer Wohnung in der Schlossergasse befördert wurde.

Schwindelmann aber wurde seit jenem Abend von den Tänzerinnen zum Hoftheater-Samariter ernannt.

18. Kapitel
[205] Achtzehntes Kapitel.
Hinter der achten Coulisse.

Wenn auch schon in Schrift und Zeichnung so tausenderlei mitgetheilt worden ist von dem Leben und Treiben hinter den Coulissen, so war das insofern recht oberflächlich, als es nur jenen Theil derselben behandelte, welcher, ziemlich hell vom Lampenlicht beschienen, dicht an der Bühne liegt. In die weiter zurückgezogenen Räume, namentlich in die Tiefen des Theaters hinter dem letzten Vorhang, sowie in die dunkeln Nischen zwischen Einschlag-, Donner- und Regen-Apparat, oder jenem stillen Raume, wo die Seile der verschiedenen Glockengeläute hängen, drangen wenig neugierige Blicke Uneingeweihter; von all' diesen dunkeln Orten wurde noch wenig Interessantes und Wahres berichtet, und diese sind doch, wie alle Räume im Himmel und auf Erden, mit Wesen, und zwar mit geschäftigen und sehr wichtigen Wesen bevölkert.

Hier haust nämlich seit unvordenklichen Zeiten und sobald die Dekoration eines jedesmaligen Actes steht, das Geschlecht der Maschinisten und Zimmerleute, der Feuerwächter und der Aushelfer. Der Glanz und der Lärm der Bühne ist ihnen verhaßt, sie suchen gern ein stilles Plätzchen, wo sie ruhig zusammen plaudern oder auch einzeln über so Manches nachdenken können. Das sind meistens keine ganz gewöhnlichen Menschen, und Viele von ihnen haben schon verschiedene Carrièren versucht, ehe sie endlich hier als die unsichtbaren Lenker der Pracht und Herrlichkeit des Theaters hängen geblieben sind. Den ganzen Tag hier in einem ewigen Halbdunkel beschäftigt, haben sie sich allmählig daran gewöhnt und lieben die stillen Räume mit ihrem sanften, zweifelhaften [206] Lichte mehr wie den Glanz der Sonne. Ja, wenn sie Mittags nach Hause gehen, so drücken sie ihre Mützen tief in's Gesicht und scheinen ordentlich scheu auf der Straße dahin zu flattern, wie aufgestörte Nachtvögel. Unlieb ist ihnen bei der Arbeit der neugierige, scharf blitzende Sonnenstrahl, der zuweilen bei einer Tagesprobe durch eine Oeffnung aus die finstere Bühne zuckt und mit einen langen, schmalen Streifen so reines Gold, so glühendes Licht zwischen die schwarzen Schatten hinein wirft, daß die gemalten Blumen erbleichen und das abendlich noch so frische Grün grau und moderig aussieht.

Sie, diese armen Arbeiter, den ganzen Tag in der Finsterniß umhertappend, lieben überhaupt den Sommer und den Sonnenschein wenig, wenn letzterer draußen über Berg und Thal scheint und alle Menschen sich an seinem Strahle erfreuen, sich an der frischen Luft erlaben, welche die duftenden Blumen und Bäume aushauchen, während sie die knarrenden Seile auf und ab ziehen, bestaubte Coulissen aufhängen und einen künstlichen Donner und Regen hervorbringen, der nichts Erquickendes hat und nur Legionen von Motten und einige Fledermäuse aufjagt.

Der Winter ist ihnen lieber; da sind die anderen Menschen auch in's Haus gebannt, und da sitzt es sich gar nicht unbehaglich an dem breiten eisernen Ofen hinter der achten Coulisse, während draußen der Sturm heult oder der Regen auf das Zinndach des Theaters niederprasselt.

Ja, hinter der achten Coulisse ist ein recht heimliches Plätzchen, wie gemacht zum Versammlungsort der Maschinisten und Zimmerleute. Gleich rechts daneben ist die Flugmaschine, mit der es auf den Schnürboden hinauf geht und links die eine Treppe, welche unter das Podium führt; die Zeichen zum Donner und Regen hängen dicht daneben und zwei Sprachrohre münden hier ebenfalls, durch welche man Befehle augenblicklich nach allen Theilen der Bühne hinschleudern kann. Da stehen meistens Fauteuils und [207] sonstige Sitzgelegenheiten, die in den nächsten Akten gebraucht werden und worauf man es sich bequem macht.

Auch in anderer Beziehung hat dieses Plätzchen so weit nach hinten seine guten Eigenschaften. Das unangenehme Volk der Statisten in ihren seltsam duftenden Anzügen treibt sich mehr vorn am Eingange herum und tritt hier Niemand in den Weg und auf die Hühneraugen; den Künstlern ersten und zweiten Ranges ist es da hinten natürlicher Weise viel zu dunkel und einsam und selbst das leichtfüßige Corps de Ballet hüpft, wenn es ja einmal auf die andere Seite des Theaters muß, mit einem großen Sprunge bei der achten Coulisse vorbei, denn es zieht da manchmal sehr stark, namentlich dringt gewöhnlich eine kalte Luft unten aus dem Podium hervor.

Die Dekoration des ersten Aktes steht und es ist eine jener angenehmen Opern, in denen allaktlich die Scene stehen bleibt, weßhalb die meisten Maschinisten und Zimmerleute nichts zu thun haben. Hinter der achten Coulisse ist nun ein artiges Plauderstübchen eingerichtet und wer nicht gerade einen bestimmten Posten auf der anderen Seite hat, der findet sich hier ein. Da ist ein königlicher Thron, der nachher gebraucht wird und auf welchem der erste Maschinist sitzt; doch hat er das Kissen von rothem Sammt herumgedreht und begnügt sich mit dem ledernen Unterfutter.

Dieser erste Maschinist war Herr Hammer, ein schon ältlicher Mann, der sehr stark schnupfte, sehr gern erzählte und dazu beständig mit dem Kopfe nickte, welches Nicken er vielfach mit dem Ausrufe: »Ja – a! ja – a!« begleitete, was er wahrscheinlich that, um seine Zuhörer zu versichern, seine Erzählung sei wahr und nicht erfunden, welch' Ersteres von dem ganzen Theaterpersonal stark bezweifelt wurde, denn der erste Maschinist war dafür bekannt, daß er etwas heftig lüge, besonders wenn er auf die Feldzüge zu sprechen kam, die er mitgemacht.

Wir können hier eine andere Persönlichkeit nicht übergehen, [208] die sich ebenfalls oft hinter der achten Coulisse einfindet, aber dem Range nach eigentlich später genannt werden müßte. Es ist dies der Schneidergehülfe Herr Schellinger, eine kleine dürftige Gestalt mit stark gekrümmtem Rücken und etwas zitternden Händen. Herr Schellinger war an die Sechszig, hatte Zeit seines Lebens in jeder Beziehung stark gearbeitet und erfreute sich nun dafür ziemlich dürftiger Umstände und einer mangelhaften Gesundheit. Er war ein denkender Künstler gewesen, ein Mann von tiefer Phantasie, und da er auf dem Schneidertische so viele freie Stunden hatte, in denen sein Geist unabhängig von der Knechtschaft der Nadel umher ziehen konnte in der weiten Welt, so reiste er beständig, das heißt immer in Gedanken, und hatte dabei die Eigenthümlichkeit, daß er sich nach der Rückkehr von einer so weit ausgesponnenen Tour steif und fest einbildete, er habe wirklich diese Reisen gemacht, und daß er die wunderbarsten Dinge davon erzählte. – Wenn er in der Garderobe mit dem Anziehen fertig war, so stahl er sich auf die Bühne und placirte sich meistens in die Nähe des ersten Maschinisten, von dem er komischer Weise behauptete, es sei auf der ganzen Welt Niemand, der so lügen könne wie der Herr Hammer. Deßhalb paßte er auch jedem Worte desselben auf und suchte ihm augenblicklich nachzuweisen, wo er blau färbe.

Auf der linken Seite des Thronsessels befand sich ein schwarzer Sarg, der aus der letzten Scene von Romeo und Julie, die gestern Abend auf der Bühne geliebt und gelitten, stehen geblieben war. Auf dem Kopfende desselben saß der Garderobegehülfe, die Hände über den Knieen gefaltet, den Kopf etwas nach der linken Seite geneigt, um besser hören zu können. Neben ihm befanden sich ein paar Zimmerleute: rechts vom Throne stand eine Gestalt, die des näheren Betrachtens werth ist.

Es war dies ein kleines zartes Männchen in einem abgeschabten [209] schwarzen Frack, mit einem klugen Gesichte, auf welchem das Alter und vielleicht auch ein lustiges Leben tiefe Furchen gezogen hatten. Aus dem schwarzen Halstuch ragte ein ziemlich hoher Hemdkragen hervor, aschfarben wie der Teint dieses Mannes, welchem nur ein paar scharfe dunkelblaue Augen etwas Lebhaftes verliehen; den Scheitel bedeckte eine kleine fuchsige Perrücke, die aber nirgendwo mehr festliegen wollte und rings herum struppig und drohend in die Höhe stand. Das Merkwürdigste an diesem Manne aber war unbedingt eine ziemlich große Wasserspritze, die er geladen und aufgezogen an seinem linken Arm trug. Dies war Herr Wander, ein Mann, der seltsame Schicksale gehabt. Von guter, vermöglicher Familie, hätte er in seiner Jugend ein unabhängiges Leben führen können, wenn ihn nicht eine unüberwindliche Leidenschaft zum Theaterleben an den Thespiskarren gespannt hätte, wo er übrigens mehr zum eigenen Vergnügen als zur wirklichen Hülfe mit lief. Das ging Alles so lange gut, als Jugend und Geld ausreichte; dann aber wollte sich kein Theaterdirektor mehr mit dem Herrn Wander einlassen, er durfte die geliebten Bretter nicht ferner betreten, und da es ihm denn doch einmal unmöglich war, von dem für ihn so anziehenden Leben und Treiben zu lassen, so half er aus, wo man gerade seiner kleinen Dienste bedurfte. So diente er nach und nach als Inspicient, Requisiteur, Souffleur, ja er frisirte sogar eine Zeit lang in der Herrengarderobe, und als das Alles nicht mehr ging und ihn Niemand mehr haben wollte, so kehrte er in seine Heimath, die Residenz, zurück, wo er das doppelte Glück hatte, eine kleine Erbschaft zu machen, sowie von dem Intendanten die gnädigste Erlaubniß zu erhalten, bei großen Vorstellungen als überzähliger Spritzenmann aushelfen zu dürfen.

Der Spritzenmann, geneigter Leser, ist eine Person, welche mit dem sehr großen Exemplare eines Instrumentes, das dir unter einem unaussprechlichen Namen bekannt ist, hinter den Coulissen auf und ab [210] wandelt und sorgsam an Lampen und Decorationen umher späht, um zuzuspritzen, wo sich ein verdächtiger Funke zeigt.

Vor dem Thronsessel auf einer künstlichen Rasenbank saß Herr Schwindelmann, der jetzt ebenfalls, sobald sich sämmtliche Künstler und Künstlerinnen im Theater befanden, nur am Ende eines jeden Aktes zu thun hatte, denn seine Nebenbeschäftigung war alsdann, den großen Portalvorhang herab zu lassen.

An der Coulisse Numero acht, die sehr weit hineingeschoben war, lehnte der Sohn des Herrn Hammer, ein junger Mensch von einigen zwanzig Jahren, eine schöne, kräftige Gestalt. Er war ebenfalls Maschinist und sprach gerade mit einem Kameraden, der neben ihn auf einem hölzernen Blocke saß, und der dem Aeußern nach den vollkommensten Gegensatz zu ihm bildete. War der junge Hammer mit seiner breiten und muskulösen Gestalt, mit dem frischen gutmüthigen Gesichte ein Bild der Gesundheit und des Lebens, so war der Andere ein leibhaftiges Conterfei der Krankheit, ja des Todes. Er saß mit gefalteten Händen, an den Fuß und wenn er so schwer und tief athmete, so bemerkte man auf dem Rücken durch das dünne Röckchen hindurch, womit er bedeckt war, wie die Schulterblätter zitternd auf und ab gingen. Sein Gesicht war eingefallen, und er schien, in tiefes Nachdenken versunken, auf die schwarze, schauerliche Bank zu stieren, auf welcher Herr Schellinger saß.

»Ja – a, ja – a,« sagte der erste Maschinist, mit dem Kopfe nickend, indem er sich an den kranken Mann wandte, »nur nicht den Muth verloren, Albert. Dann kann und wird Alles gut gehen. Wenn einmal der Winter vorbei ist, mit seinem ewigen Schnee und Frost – wenn der Frühling kommt –«

»Und wenn er reisen könnte,« meinte der Garderobegehülfe mit näselnder Stimme und aufgehobenem Zeigefinger. »Wenn er reisen könnte, da links herüber nach Italien, wo die meisten [211] Leute über hundert Jahre alt werden. – Als ich damals dort war –«

»Wir wissen die Geschichte schon, ja – a, ja – a,« unterbrach ihn Herr Hammer. »Als Ihr in Italien waret und ebenfalls krank, und als sie Euch mit dem bewußten Mückenfett kurirt.«

»Nein, es war Schlangenhaut,« entgegnete ruhig der Schneider, »von der großen Schlange, die sich am Baume aufhängt und dann selbst ihren Balg abstreift. Ich habe ein Stück davon mitgebracht. – Wollt ihr es sehen? – –«

»Später! später!« sprach ungeduldig Herr Hammer, und fuhr dann zu dem Anderen gewendet fort: »Wie ich Euch sagte, Albert, laßt Euch nur zuweilen vor den Regisseuren und dem Obermaschinisten sehen. Faßt nur hie und da ein Tau an und thut, als wenn Ihr was schafftet. Haltet Euch dabei immer nur an meinen Sohn Richard, der reißt Euch schon durch. Und im Grunde ist es ja ganz einerlei, man thut damit der Theaterkasse keinen Abbruch, denn Richard arbeitet für zwei.«

»Ich bin ihnen sehr dankbar dafür,« erwiderte der Kranke, »denn wie sollte ich existiren, wenn man mich als untauglich entließe! Da wäre mein letztes Brod gebacken und ich müßte gerade Hungers sterben. Sie haben überhaupt schon so viel an mir gethan, daß ich gar nicht weiß, wie ich es wieder gut machen soll. – Ach! wer würde mich als Taglöhner nehmen!«

»Ja, es ist eigentlich ein prekäres Geschäft, so von seiner Händearbeit im Taglohn leben zu müssen,« sagte Herr Wander. »Ich habe das oft mit angesehen, wenn man sechs Tage schafft, so hat man sechs Tage Lohn; aber nun kommt der Sonntag, der doch zur Ruhe und zur Freude für Menschen und Vieh geschaffen ist, und an dem ist nichts da zu beißen und zu nagen, wenn man nicht von den paar Kreuzern der Wochentage sich etwas aufhebt. Das ist schlecht eingerichtet.«

»Und wenn man erst krank wird,« versetzte Albert, indem er [212] langsam den Kopf erhob; »ich sage es noch einmal: wenn ich von euch keine Hülfe hätte, ich wäre mit Weib und Kindern ein verlorner Mann!«

»Dafür sollte dem, für den man schafft, auch die Verpflichtung obliegen, Einen zu unterhalten, wenn man keine Hand mehr regen kann,« meinte der junge Hammer.

»Das wäre nicht so übel,« sagte nachdenkend der Schneider. »Und ich will dir was sagen, Richard, das kannst du haben. Da mußt du dich schwarz anstreichen lassen und zu die Geschlafen gehen; da hast du's, wie es dein Herz begehrt: du arbeitest da ziemlich hart, das ist wahr –«

»Bah!« erwiderte der junge Zimmermann, »was das harte Arbeiten anbelangt, davon kann unsereins auch erzählen. Ich will am Ende nicht einmal vom Theater sprechen; aber man sollte einmal so ein Dutzend lumpige Neger, die sich in ihrem Baumwollenfeld bei ihrem Schaffen und ein Bischen Prügel beklagen, man sollt' die sein thuenden Hallunken auf einmal auf einen Zimmerplatz hinaus thun, so wo es gilt, mit achtziger Balken zu arbeiten, namentlich im Spätherbst, wenn ein Dach aufzusetzen ist, und wo jeden Morgen das helle Glatteis auf den Balken sitzt. Da hat man immer sein Todtenhemd an; und was die Prügel anbelangt, da braucht man nur einen jähzornigen Obergesellen zu haben, der ein Lattenstück gut anzugreifen versteht; da fliegen die Funken davon, das kann ich euch versichern.«

»Aber dafür seid Ihr ein freier Mann,« meinte Herr Wander, indem er seine Spritze vorsichtig auf den Boden stellte, und eine Prise aus der dargebotenen Dose des ersten Maschinisten nahm.

»Ein freier Mann!« lachte der Andere. »Ja, Ihr versteht's! – Jetzt bin ich frei, dachte auch der Esel eines Tages, an welchem er die Säcke abgeworfen, und sagte das dem Wolf einen Augenblick vorher, ehe dieser ihn auffraß.«

[213] »Der Richard hat nicht ganz Unrecht,« sagte leise Herr Schellinger. »So ein Geschlaf hat's gar nicht schlecht; ich möchte auch eins sein. So ein Kerl sitzt in seiner Hütte, ißt den ganzen Tag die theuersten Früchte, nährt sich von Reißbrei und jungen Hühnern, und wenn er einmal nicht schaffen will, so gibt er Bauchschmerzen vor und bleibt zu Hause.«

»Das kannst du auch thun,« bemerkte Schwindelmann.

»Ja, aber nicht unter den vorhin angegebenen Bedingungen,« entgegnete der Schneider. »Wo bleibt dann der Reißbrei und die Früchte?«

»Pfui, Schellinger!« sagte lachend Herr Wander, »du bist eine knechtisch gesinnte Natur! Was nutzt dich das Bischen Essen und Trinken, wenn du dafür von allem Erhabenen und Schönen, was die Freiheit bietet, nichts erreichen kannst?«

»Was habe denn ich armer Schneider je Erhabenes und Schönes zu erreichen gehabt?«

»Wenn du ein Geschlaf bist,« entgegnete lachend Richard, »so kannst du dir kein eigenes Vermögen erwerben, kein Haus besitzen.«

»O, das wäre schade!« grinste der Schneider.

»Ja – a, ja – a!« sprach der erste Maschinist, »und könnte niemals Abgeordneter oder Stadtrath werden.«

»Wozu ich als freier Mann freilich hier alle Aussicht habe,« meinte höhnisch Herr Schellinger.

»Aber Spaß bei Seite!« warf der Schwindelmann dazwischen, indem er seinen Nachbar verstohlen an die Seite stieß, »über das Geschlafenleben kann uns Niemand besser aufklären wie der Schellinger. Nicht wahr, du bist ja da hinten in Südamerika gewesen, und hast den Onkel Tom besucht?«

»Es ist das schon lange her,« entgegnete kopfnickend und träumerisch der Schneider; »ich glaube so an die zwanzig Jahre, aber ich erinnere mich seiner noch recht gut. – Unter uns gesagt, der [214] Onkel Tom« – damit schob er wichtig die Unterlippe vor, zog die Augenbrauen in die Höhe und schüttelte mit dem Kopfe – »der Onkel Tom, na! ihr versteht mich!«

»War er ein etwas verwegener Bursche?« fragte Richard, indem er sich, um besser zu hören, fester in die Coulissen hinein drückte.

»Der Hafer hat ihn gestochen,« fuhr Herr Schellinger fort. »Er hatte es zu gut; es war so ein Bischen Wühlerei dabei, was Demokratisches, weßhalb er auch verkauft wurde. Und das Buch,« sagte er geheimnißvoll, indem er den Zeigefinger erhob, »soll auch eigentlich keine Bibel gewesen sein, sondern eine Verfassungsurkunde, die er für die Schwarzen entworfen. – Ich habe es in der Hand gehabt.«

»Aber das Verkaufen wirst du nicht rechtfertigen wollen? Denke dir, du hast Weib und Kind, mit denen du schon lange Jahre lebst, nun will man dir deine Frau verkaufen.«

»Ja, das hätte er sich schon gefallen lassen,« sagte Herr Wander. »Nicht wahr, Schellinger, darüber hättest du kein Buch geschrieben?«

Der Schneider gab über diese schlechten Spässe keine Antwort, er blickte nachdenkend an den Schnürboden hinauf und erwiderte dann: »Das Verkaufen ist allerdings sehr hart. Aber als ich da hinten war, da hat mich so ein amerikanischer Oberamtmann darüber aufgeklärt. Man muß das Ding nicht mit unserem Maßstab messen. Was Teufel! Wenn ich hier bei uns heirathe und Kinder bekomme, so hat kein Mensch ein Wort darein zu sprechen; Frau und Kinder sind mein, das weiß ich, denn ich lebe in einem Lande, wo man mir alles Andere, nur nicht die Familie verkaufen kann.«

»Wenigstens nicht öffentlich,« sagte Richard finster.

»Nun also,« fuhr der Schneider fort, »ich versichere euch, als ich damals da hinten war – ich kam gerade von Mexico herüber, [215] wo ich mich eine Zeit lang bei den Schwarzen aufhielt – da hatte ich auch nicht übel Lust, mich zu verheirathen.«

»Wenn das deine Alte gewußt hätte!« meinte Schwindelmann. Wir waren so zu sagen schon einig, da ging ich eben zu jenem Oberamtmann und trug ihm die Sache vor. Er dachte eine Zeit lang nach, spuckte – mit Respekt zu vermelden – mehrere Male gerade aus an die Bäume, und das mit solcher Kraft und Geschicklichkeit, daß ein Kolibri, den er treffen wollte, todt herunter fiel.

»Ah! – Schellinger!«

»Gott straf mich, es ist wahr! – Seht ihr die Honoratioren da hinten herum, die zu faul sind, ein Gewehr zu tragen, gehen auf solche Art auf die Vögeljagd, und wenn man so durch den Wald geht, da sieht man sie bald hier und bald da mit gespitztem Maule stehen, und auf einmal patsch! – patsch dich! – prrdauz! Da rappelt's droben und herunter fällt euch so ein Lämmergeier, der mit ausgespreitzten Flügeln seine sechsunddreißig Fuß mißt.«

»Lüg' du und der Teufel!« rief Schwindelmann. – »Schellinger, wie kann man so unverschämt sein!«

»Es ist leider wahr,« entgegnete traurig der Schneider; »man gewöhnt sich in Amerika das Spucken auf diese heftige Art so leicht an. Als ich hieher zurück kam, könnt' ich's nimmer lassen, und eines Tages passirte mir ein großes Unglück. Da stand mein ältester Sohn vor mir, ich – patsch dich! und fliegt ihm die linke Hand fort.«

»Aber, Schellinger,« sagte ziemlich ernst der erste Maschinist, »du hast ja nie einen Sohn gehabt!«

»Das ist leicht möglich – aber gewiß ohne meine Schuld,« versetzte unerschütterlich der Schneider. »Ich habe es meiner Frau immer gesagt. Nun, dann war es der älteste Sohn von sonst Jemand. Aber wahr ist die Geschichte, und wenn Einer die Probe davon machen will, da steh' ich zu Befehl.«

[216] »Na, wir glauben es ja!« erwiderte Schwindelmann. »Aber jetzt bleib' bei deinem Oberamtmann. Er rieth dir also vom Heirathen ab?«

»Das versteht sich,« erzählte Schellinger weiter. – »Siehst du, sagte der Oberamtmann, – er sprach natürlicher Weise amerikanisch – wenn du hier heirathest, so hast du freilich den Schutz der Gesetze, aber der ist verflucht gering, und wenn du Kinder kriegst und es gibt so 'ne rare Rasse, wie du selber bist, da geht dein Herr gleich her, ehe sie noch ausgeflogen sind –«

»Was, Schellinger, ehe sie noch ausgeflogen sind? – Was soll das heißen?«

»Habt ihr denn nie gehört, daß es da gewisse Stämme gibt, die sich ordentliche Vogelnester in die Bäume hinein bauen; es sind eigentlich Menschennester, und darin führen sie ihre Haushaltung, und wenn die Kleinen anfangen zu laufen, da müssen sie zuerst den Baum herunter und herauf trappeln, und das nennt man ausfliegen. Das ist nämlich der Stamm der sogenannten Vögelneger.«

»Und darunter habt Ihr Euch vorzugsweise wohl aufnehmen lassen?« fragte Herr Hammer.

»Es war nur ein vorübergehendes Gelüste,« antwortete der Schneider, indem er die Hände auf seine Kniee legte und den Kopf tief herab sinken ließ. – »Aber was nutzen mich meine schönen Geschichten! Ihr seid wahrhaftig zu dumm, die Moral davon heraus zu finden.«

Der erste Maschinist legte den Finger an die Nase, nickte mit dem Kopfe und sprach: »Ja – a, ja – a, es ist nicht ganz ohne, was der Schellinger meint; er will nämlich sagen, wenn es auch eine totale Ungerechtigkeit ist, so einem armen Geschlafen sein Weib und seine Kinder zu verkaufen, so ist es doch lange nicht so schlimm, als wenn so was bei uns geschähe. Der Geschlaf weiß vorher, wenn er sich verheirathet, daß dort so Mode [217] ist, sein Vater ist vielleicht verkauft worden, seine Mutter, seine Brüder, was weiß ich! Und da kann es ihm mit seiner Familie auch so gehen; er sieht das immer vor Augen, meint der Schellinger, und gewöhnt sich am Ende daran, und so wäre es denn lange nicht so schlimm, denkt der Schellinger, als wenn man unsereins Frau und Kinder verkaufen wollte.«

Der Schneider nickte stumm mit dem Kopfe, als wollte er sagen, seine Rede sei vollkommen richtig ausgelegt worden.

»Ja,« meinte Richard, indem er die Arme über einander schlug, »so Eines weiß es nicht besser, wie die Köchin von dem Aal sagte, als sie ihm lebendig das Fell abzog. Und dagegen müßte man schon Schritte thun.«

»Das muß man aber den Amerikanern überlassen,« mischte sich Herr Wander in's Gespräch. »Gott! was geht uns die Geschichte eigentlich an, und was können wir dazu thun? Ich begreife nur eigentlich nicht, wie die Geschichten der amerikanischen Miß, die das Buch geschrieben, bei uns so viel Spektakel haben machen können.«

Der Schneider lächelte kopfschüttelnd vor sich hin, wurde aber nicht beachtet.

»Aber da finden sie ein Vergnügen daran, sich Grausamkeiten erzählen zu lassen, die weit weg von uns geschehen, darüber ein Maul zu machen und zu jammern. – – Und weßhalb haben die meisten dieser Enthusiasten kein Herz, wenn man ihnen vom Unglück zu Hause erzählt, und schmachten über den Ozean hinüber, wenn da einmal ein Onkel Tom verkauft wird oder irgend eine Mulattin davon läuft? – Ich will es euch sagen: den Jammer haben sie wohlfeil, da hat man ihnen gut sagen: na! wenn euch denn das Elend da hinten in Amerika so ungeheuer schmerzt, so thut was dafür, – da zucken sie die Achseln und entgegnen: was können wir thun? Wir haben nur unsere Thränen. – Ja, Thränen sind wohlfeil!«

[218] »Sie haben aber auch Adressen an die Amerikanerinnen gemacht, die Weiber in England,« sagte Schwindelmann.

»Ganz richtig!« lachte Herr Wander; »aber die gescheidten Amerikanerinnen haben ihnen artig heimgegeigt und ihnen gesagt: bekümmert euch um die Sklaverei bei euch, die ist viel härter und grausamer als die unsrige.«

»Ja – a, ja – a, und haben Recht gehabt. Es gibt bei uns wahrhaftig mehr Sklavenhalter als in Amerika. – Apropos, es heißt ja, sie soll auch hieher kommen, die Amerikanerin; sie macht eine Rundreise durch Europa und läßt sich sehen.«

»Da wollen wir ihr ein festlich beleuchtetes Haus veranstalten,« meinte Richard. – »Aber etwas muß man dem Buch doch lassen, man sieht, daß es Jemand geschrieben hat, der das Leben in Amerika genau kennt.«

Der Schneider schüttelte abermals und mit ziemlich verächtlichem Lächeln den Kopf.

»Nicht, Schellinger? Hat die Amerikanerin ihr Land nicht gut beschrieben?«

»Das hat gar keine Amerikanerin geschrieben,« sprach der Schneider mit schmerzlichem Tone.

»Was Teufels! ist denn Madame – – Stowe keine Amerikanerin?«

»O ja,« entgegnete Schellinger, indem er das spitze Kinn in sein rechtes, mageres Händchen stützte; »die Stowe ist eine Amerikanerin; ich kenne sie ganz genau, eine recht brave Frau, sie wohnte da links um die Ecke; wenn man nach Amerika fährt, kommt man dicht am Hause vorbei, gleich nebenan ist das Wirthshaus zum weißen Roß, wo man einen sehr guten Clevner trinkt. Der Wirth ist ein Spanier und heißt Schwitzgäbele.« – Das Alles erzählte er mit so melancholischem Tone und stierte dabei vor sich hin, daß man glauben konnte, ihn schmerze tief die Erinnerung an jene schöne Reise, und [219] er sehe leibhaftig vor sich das weiße Roß und den Spanier Don Schwitzgäbele.

»Und da wohnte die Stowe?«

»Da wohnte sie gleich nebenan. Ich reiste damals mit einem Preußen, der den Spleen hatte und überall Berlin vor sich sah, denn als er den Mississippi erblickte, rief er aus: ganz wie bei uns zu Hause; nur ist die Spree zur Regenszeit ein wenig größer und meistens viel klarer. – Die Stowe nahm uns freundlich auf, wir speisten bei ihr zu Mittag, sehr gut und sein. Alles war von Bernstein, die Schüsseln, Gabeln und Löffeln, kurz Alles, Alles.«

»Von Bernstein?« fragte Herr Wander erstaunt. »Hat man in Amerika so viel Bernstein?«

»Da wird er gefunden,« entgegnete ruhig Herr Schellinger.

»Ah! der kommt ja aus der Ostsee, das weiß ich besser!« rief Schwindelmann.

»Das ist ein großer Irrthum,« fuhr der Garderobegehülfe fort. »Von den amerikanischen Pferden kommt der Bernstein her; wenn sie wild aufgefangen werden, so hebt man ihnen den linken Vorderfuß auf, und da hat jedes ein großes Stück Bernstein, das schlägt man los und macht die schönsten Sachen daraus.«

»Aber, Schellinger!«

»Als wir bei der Madame Stowe gegessen hatten, ließ sie ein paar wild gefangene Pferde herein kommen, schlug den Bernstein vor unseren Augen los und gab Jedem von uns ein Stück. – Ich weiß wohl, daß ihr mir nicht glaubt, aber ich will euch überzeugen. – Seht her.« Bei diesen Worten fuhr er mit der Hand in, seine Rocktasche und brachte eine unbedeutende Cigarrenspitze von Meerschaum hervor, an welcher sich ein kaum nennenswerthes Stück Bernstein befand. – »Da schaut her,« fuhr er fort, »das habe ich mir davon machen lassen, und wenn ihr mir bei allem dem nicht glauben wollt, so schreibt in Gottes Namen an den Preußen in Berlin, der mit mir gereist ist. Seine Adresse weiß [220] ich freilich nicht mehr, aber er ist nicht schwer zu finden, denn er heißt Müller.«

»Was machen sie draußen auf der Bühne?« fragte der erste Maschinist seinen Sohn. »Haben wir bald Actus?«

»O nein, es sind noch vier lange Scenen. Der Schellinger kann schon noch seine Geschichten zu Ende bringen. – Also die Stowe ist nicht die Verfasserin von dem bekannten Buch?«

Der Schneider schüttelte mit dem Kopfe, rieb sich die Hände und blickte, seit längerer Zeit zum ersten Mal, in die Höhe, als er mit großer Bestimmtheit sagte: »Die Frau denkt nicht daran; das ist ein braves Weib, die ihre Hühner und Gänse füttert, ihren Kindern die Strümpfe stoppt und ihre Wäsche pünktlich besorgt, viel zu pünktlich – die schreibt keine Bücher – Stowe, sagt' ich zu ihr, als wir nach Tische eine Cigarre mit einander rauchten –«

»Wie? sie rauchte auch?«

»Alle Amerikanerinnen rauchen zu Hause. Also ich sagte zu ihr: Stowe, hat Sie das Buch geschrieben oder nicht?«

»Wenn hast du diese Reise eigentlich gemacht, Schellinger?« fragte Richard lächelnd.

»Ich habe euch schon einmal gesagt, daß es ungefähr zwanzig Jahre her sein mögen,« entgegnete der Garderobegehülfe.

»So, vor zwanzig Jahren hast du sie gefragt, ob sie das Buch geschrieben hat? – Na, das hab' ich nur wissen wollen.«

»Aus ihr Ehrenwort habe ich sie damals gefragt,« versetzte ruhig der Schneider, indem er aufblickte, »und sie sagte: nein, Schellinger, ich hab' es nicht geschrieben, Gott straf' mich! Ich kenne aber den Verfasser: es ist von einem pietistischen Pfarrer in Rheinpreußen.«

Die Zuhörer hatten lange an sich gehalten, jetzt aber brachen sie in ein so lautes Gelächter aus, daß der Inspicient, der mit seinem Buche hinter den Coulissen hin und her ging, erschrocken herum fuhr und eifrigst Ruhe gebot.

Schellinger zuckte die Achseln und sprach nach einer Pause: [221] »Ihr seid so verwildert, daß man euch gar nichts Vernünftiges mehr erzählen kann, und ich bin einmal so ein Narr und kann es nicht lassen, an jene Zeit, welche die glücklichste meines Lebens war, zurück zu denken. Ich versichere euch, wenn man hier unsere miserable Kälte annimmt, so ist es eine wahre Wonne, da mit den Negern so still und friedlich zu leben, unter den Palmenbäumen zu sitzen und reife Orangen zu verspeisen. So ein Negerdorf hat etwas sehr Angenehmes, und sie wohnen ganz charmant. Na! ihr habt das ja in der Beschreibung gelesen; auch essen sie vortreffliche Kuchen, trinken Dattelwein und singen dazu: ›Noch ist Polen nicht verloren.‹ Das kann ich euch versichern – Gott straf' mich! – an das lumpige Leben hier zu Land habe ich nicht mehr gedacht, wenn ich so Abends mit ihnen vor ihren Hütten auf der seinen Matte lag, neben so einem behaglichen Schwarzen; die Weiber saßen daneben und vor ihnen im Grase spielten die weißen Kinder.«

»Die weißen Kinder, Schellinger?«

»Die weißen Kinder!« entgegnete nachdrücklich der Schneider. »Wißt ihr denn nicht, weßhalb die Schwarzen so schwarz sind? – Nun, das will ich euch sagen. Die Sonne hat eine so furchtbare Kraft, daß sie einen dort in fünf, sechs Jahren ganz schwarz brennt.«

»Du bist aber weiß geblieben, Schellinger!«

»Ja, ich hatte keine Anlage zum Schwarzwerden,« erwiderte der Garderobegehülfe; »man muß dazu gestimmt sein wie die Neger –«

»Aber, Schellinger –« wollte Richard fortfahren ihn zu examiniren.

»Laßt ihn doch,« rief Schwindelmann, »daß wir fertig werden; draußen der Herzog hat schon seinen Degen gezogen und wird im nächsten Augenblick seinen Freund erstechen, dann fällt der Vorhang. – Also die Negerkinder kommen weiß aus die Welt?«

»Und mit einer Anlage zum Schwarzwerden?« fragte Richard lachend.

[222] »So ist es,« entgegnete der Schneider, indem er sich ruhig erhob, denn auch seine Zeit war gekommen, in die Garderobe zu gehen. »Die Negerkinder kommen weiß aus die Welt, aber sie haben um den Bauchnabel einen kleinen schwarzen Ring, der immer größer und größer wird, bis sie zuletzt vollkommene Neger sind.«

Nach diesen Worten legte Herr Schellinger seine beiden Hände auf den Rücken und ging gesenkten Hauptes ruhig davon, ohne sich weiter um seine Zuhörerschaft zu bekümmern, die aber auch im nächsten Augenblick aus einander stob; Jeder eilte an seinen Posten und Schwindelmann ließ den großen Portalvorhang herab.

19. Kapitel
Neunzehntes Kapitel.
Richard und Marie.

Der Zwischenakt auf einem großen Theater bietet wieder ein ganz anderes belebtes und nicht minder interessantes Bild dar, als das Treiben hinter den Coulissen. Dort befindet sich nun Niemand als die Arbeiter, welche neue Coulissen aufhängen, Versatzstücke heran tragen, »aus dem Wege!« rufen, dort plötzlich stehen bleiben, wenn ihnen ein Vorgesetzter des Theaters in den Weg kommt, hier Einen der niederen Völker, der nicht schnell genug ausweicht, unsanft auf die Seite stoßen. Alles Andere strömt auf der halbdunkeln Bühne zusammen, wo sich auch gewöhnlich der Intendant einfindet, seine kleinen Audienzen ertheilt, sowie Tadel und Lob spendet. Die ersten Künstlerinnen sind in die Garderoben geeilt, nachdem ihnen vorher die Sängerin-Mutter vor einer der Coulissen einen warmen Shawl umgeworfen.

Lieber Leser, der du vielleicht nicht weißt, wie eine Sängerin-Mutter [223] beschaffen ist und woran sie zu erkennen, betrachte dir während der Vorstellung eine Dame, die, ehe der Akt anfängt, hinter der Prima Donna die Bühne betritt, ihr während des Gehens den Schleier in malerische Falten wirst oder eine Feder etwas kokett herab biegt, die ihr bei langen Kleidern die Schleppe sorgfältig nachträgt und meistens eine große Tasche am Arm hat, worin sich kölnisches Wasser, Eibischsaft, etwas Hustenzucker und ein Fläschchen mit Gerstenschleim befindet, – eine Frau, gewöhnlich nicht sehr groß, aber meistens wohlbeleibt, gekleidet mit einer halb verblichenen, kümmerlichen Eleganz. Wenn du sie näher anschaust, erinnerst du dich dunkel, jene Mantille oder diesen Kopfputz früher einmal auf der Bühne gesehen zu haben. – Sie lobt ihre Tochter in den Zwischenakten, damit diese den Muth nicht verliert, sie bringt ihr einen Stuhl, bis eine neue Seine kommt, und dann schickt sie dieselbe mit einer guten Ermahnung hinaus vor die Lampen. Ist die Sängerin-Mutter früher selbst Sängerin gewesen, so bleibt sie an der Coulisse stehen und singt die ganze Partie mit, natürlich leise, wobei sie sich gesteht, daß sie das zu ihrer Zeit Alles viel besser und schöner gemacht, daß es keine Stimme mehr gäbe, daß die Kunst zu Grabe gehe und daß sie selbst der letzte Mohikaner gewesen. – Ist die Sängerin-Mutter aber eins jener harmlosen Wesen, das zu Hause kocht, wascht, bügelt, auf der Straße die Sonnen- und Regenschirme trägt, ihre Tochter auf allen Reisen begleitet, im Vorzimmer schläft, die zudringlichen Courmacher abweist, sowie die guten Freunde des Hauses unterhält, bis Mademoiselle ihre Toilette gemacht, die aber dafür keine Vergangenheit hat, und, wenn sie einmal nach Hause schreibt, nur verstohlener Weise den Namen des kleinen Gäßchens auf die Adresse setzt, wo sie einstens gelebt, – so trippelt sie hinter den Coulissen aus und ab, folgt seitwärts der Tochter in großer Angst, bald vor- bald rückwärts, entsetzt sich über die Todtenstille des Hauses oder athmet tief auf bei [224] dem kleinsten Applaus, ist in beständiger Furcht, ihre Tochter möchte irgend ein Unglück haben, einen Fehltritt thun, kurz, ist das rührende Bild einer jener unglückseligen Hennen, die zufälliger Weise statt Hühnern Enten ausgebrütet und die nun verzweiflungsvoll am Ufer des Teiches zurück bleiben müssen, während jene in dem gefährlichen Element lustig umher plätschern.

Auch die Tänzerinnen erscheinen im Zwischenacte, leicht geschürzt, kurz geröckt, mit feinen Knöcheln und sehr starken Waden, und drängen sich eifrig um den großen Portalvorhang, dessen beide Oeffnungen beständig von einem neugierigen Auge benützt werden. Man sieht, ob dieser oder jener Platz besetzt ist; man gibt sich kleine Zeichen und tritt endlich seine Stelle schmollend einer Anderen ab.

Nachdem das wichtige Geschäft des Hinaussehens beendigt, umgaukelt die Sylphidenschaar den Intendanten, der ruhig und groß in dieser Brandung stehen bleibt, ein unerbittlicher und hier wenigstens unerschütterlicher Fels. Da naht sich eine von ihnen tänzelnd und schwänzelnd, die Hände auf die Hüften gestützt, mit hin und her wiegendem Oberkörper, und trägt keck eine Bitte vor um Urlaub, Zulage, von der sie übrigens zum Voraus weiß, daß sie nicht bewilligt wird. Dort pirouettirt eine aus der Coulisse in rasendem Umdrehen und steht endlich vor dem Beherrscher dieser Bretter mit einem großen Applomb still, indem sie erschreckt thut, als habe sie ihn jetzt erst gesehen.

Auch junge Schauspieler treiben sich in dem Zwischenact auf der Bühne umher, schauen ebenfalls gelegentlich durch den Vorhang, sprechen mit Sängerinnen und Tänzerinnen, machen dem Intendanten eine tiefe Verbeugung, des Winks gewärtig, wo er die Gnade haben wird, sich zu erinnern, daß sie ebenfalls auf der Welt sind. Auch würdige alte Männer stehen da, ruhig und groß; der Regisseur im dicken Paletot und großen Filzschuhen, grämlich und verdrießlich,[225] wenn nicht Alles nach Wunsch gegangen; der Inspicient, der sich entschuldigt; daß die Pistole nicht zur rechten Zeit los gegangen, oder daß Herr X. einen Augenblick zu spät aufgetreten. Und zu ihnen tritt der Kapellmeister, wischt seine Brille ab, vertheilt eine Prise und meint, der erste Akt sei nicht ganz schlecht gegangen, nur seien es der Bässe zu wenig, die Violinen zu schwach besetzt, und wenn dem nicht abgeholfen würde, solle der Henker dirigiren.

Die Choristen und Choristinnen halten sich in der Nähe der großen Oefen auf; Erstere sind gelangweilt, denn sie haben den ganzen Abend draußen zu stehen, und dann wird die Geschichte voraussichtlich bis gegen zehn Uhr dauern; von den Choristinnen stehen Einige in Gruppen bei einander, unterhalten sich nicht ohne Neid von den neuen und viel geschmackvolleren Costümen der Tänzerinnen, daß da nichts gespart werde an Sammt und Seide, daß die Tricots immer schöner und die Röcke immer kürzer würden. So sprechen die Jüngeren vom Chor, während die alte Garde daneben auf einigen Bänken von dem langen, ermüdenden Stehen ausruht und wollene Strümpfe strickt.

Das dauert hier Alles so lange, bis der Obermaschinist gemeldet, die neue Decoration stehe, meistens aber, bis der Inspicient aus den Garderoben zurückkommt und dem Regisseur anzeigt, daß Madame X oder Fräulein Y mit ihrer Toilette so weit gediehen sei, daß der zweite Akt beginnen könne.

Das Umkleiden der Damen ist ein schrecklicher Hemmschuh im Theater, und manches Stück, das durch ein rasches Spiel sich die Gunst des Publikums erwerben würde, wird zu Grabe getragen, weil der erste Liebhaber oder die erste Liebhaberin es für nöthig findet, sich jeden Akt in einem neuen Costüm zu zeigen. Von einer Dame kann man sich das schon gefallen lassen, aber bei einem Manne grenzt solch maßlose Eitelkeit schon an's Fabelhafte, und sollte nicht geduldet werden.

[226] »Platz vom Theater!« ruft der Regisseur. Und das hat dieselbe Wirkung, wie der erste Hahnenschrei nach der Walpurgisnacht. Rechts und links stieben sie aus einander die glänzenden, luftigen Gestalten, verbergen sich vor dem Lichte, das gleich von den Prosceniumslampen aufsteigen wird und flattern in die dunkeln Winkel zurück, wo sie angewiesen sind, sich ruhig und still zu verhalten, bis abermals ihre Zeit gekommen. Wenn sie aber auch nach dem Theaterreglement angewiesen sind, kein Geräusch zu machen, nicht hörbar zu plaudern und nicht laut zu lachen, so wird diesem Befehle doch zum Oefteren keine Folge geleistet, und der Inspicient muß sein: »bssst – bsssst! – seien Sie doch still in's Kukuks Namen? –« vielmals und meistens ohne großen Erfolg wiederholen.

Jetzt zum zweiten Akt ist noch ein Zuwachs auf die Bühne gekommen, der während des ersten Akts mit dem Ankleiden beschäftigt war, das Ballet nämlich, welches nun auch gerade nicht zur Vergrößerung der Ruhe beiträgt. Hinter dem letzten Vorhang arbeitet ein Pas de cinque und macht einen schwierigen Pas nochmals durch; dazu klopft der erste Tänzer, der ihn arrangirt, so leise wie möglich in die Hände, um sich vornen nicht bemerkbar zu machen; aber die Prima Donna auf der Scene hört diesen Lärm doch; namentlich wenn sie an das große Bogenfenster im Hintergrunde tritt, um nach ihrem Geliebten auszuschauen, bemerkt sie deutlich, wie die vier Tänzerinnen auf die Bretter springen, daß es jedesmal einen dumpfen Schlag gibt, was gerade nicht zu ihrer Erheiterung beiträgt, vielmehr sagt sie ein paar spitzige Worte, als sie nach der nächsten Scene abgeht, welche sich aber die Tänzerinnen nicht sehr zu Herzen nehmen, denn die Prima Donna ist verhaßt, weil sie neulich einmal gesagt, der Tanz sei keine Kunst, und die Tänzerinnen nur beziehungsweise Künstlerinnen. –

Mademoiselle Marie hatte sich während des Anziehens fortwährend mit dem Schicksal der armen Katharine beschäftigt: sie sprach mit ihrer Freundin Clara darüber, doch hatte diese sie mit [227] ihren großen klaren Augen so unbefangen und unschuldig angesehen, und eine so unpraktische Antwort gegeben, daß Marie wohl einsah, die Andere wisse in dem Falle eben so wenig zu helfen als sie selbst.

»Weißt du was,« hatte Clara gesagt, »sprich mit Therese darüber, die wird dir einen guten Rath ertheilen können, denn wie sie kennt Niemand die Stadt und ihre Verhältnisse.«

Darauf hatte Marie ihre Toilette beendigt, indem sie ein Hütchen mit Blumen recht keck und verwegen auf der linken Seite des Kopfes befestigte. Unter demselben wallten die üppigen Haare hervor, und als sie sich im Spiegel besah, mußte sie gestehen, daß sie gar nicht unvortheilhaft aussehe. Und darin hatte sie Recht; sie war nett und zierlich vom Kopf bis zu den Fußspitzen.

Mit sich selbst zufrieden, tänzelte sie die Treppen hinab, und als sie auf die Bühne trat, warf sie einen forschenden Blick rechts und links, vielleicht um Mademoiselle Therese zu finden, vielleicht auch nicht; und Letzteres erscheint uns sehr wahrscheinlich, denn Therese lehnte an der ersten Coulisse und schien gleichgültige Dinge mit einem der Tenoristen zu sprechen. Marie aber wandte sich nach dem Hintergrunde und schritt, die Füße sehr auswärts, mit dem Rock hin und her wedelnd, langsam bei der achten Coulisse vorbei, wo sich wieder Einige aus der Gesellschaft des ersten Aktes versammelt hatten. Andere aber fehlten, unter diesen Richard, der ganz hinten beschäftigt war, irgend ein neues Seil über eine Rolle zu werfen. Daß er dies sehr ungeschickt that, wollen wir ihm im gegenwärtigen Augenblicke nicht übel nehmen, denn er sah weder auf das Tau noch auf die Rolle, vielmehr aufmerksam hinter die Coulisse, wo sich die Tänzerin vorsichtig näherte.

Diese bemerkte beim Näherkommen den Zimmermann recht wohl, that aber nicht dergleichen, sondern wandelte über die Bühne, scheinbar in der einzigen Absicht, um auf die andere Seite zu gelangen.

[228] Richard ließ das Seil los, das er in der Hand hatte, welches nun mit ziemlichem Geräusch auf den Boden niederpolterte, und die natürliche Folge hievon war, daß die Tänzerin heftig erschrak, stehen blieb und sich umschaute, wer ihr diesen Schrecken eingejagt.

»Ah! verzeihen Sie, Marie!« sagte der Zimmermann, »wenn ich Sie ein wenig erschreckt, aber ich konnte nicht dafür! Als ich Sie kommen sah, glitt mir das Tau aus der Hand, und da liegt es.«

»So, so, Sie sind es, Richard?« entgegnete das junge Mädchen unbefangen. »Ich habe wahrhaftig geglaubt, es fiele mir etwas auf den Kopf. – Man muß sich sehr in Acht nehmen,« setzte sie altklug hinzu, »denn alle Augenblicke passirt hier Etwas, wie der Regisseur sagt.«

»Ei der Tausend!« versetzte schmunzelnd der Zimmermann, »beim Ballet ist doch lange nichts vorgefallen, denn da geben wir alle doppelt Achtung, das können Sie mir glauben.«

»Und weßhalb geben Sie beim Ballet doppelt Achtung, Herr Richard? – Das wird den meisten von euch ebenso gleichgültig sein, als wenn einmal bei der Oper oder beim Schauspiel ein Unglück geschieht.«

»Denn meisten freilich,« erwiderte Richard, indem er die Hände reibend näher trat, »aber mir ist ganz besonders daran gelegen, das können Sie mir glauben, Marie. Und wenn Sie auf eine Flugmaschine müssen,« setzte er lächelnd hinzu, »da schau ich die Drähte ganz besonders an und habe meine Augen überall. Wehe denen drunten an der Wende, wenn sie mir nicht genau aufpassen! Ja wahrhaftig, ich würfe ihnen einen Gewichtstein an den Kopf.«

»Dafür bin ich Ihnen sehr dankbar,« sagte das Mädchen, das bereitwillig stehen geblieben war; »es ist immer angenehm, wenn Jemand da ist, der ein klein wenig Interesse an Einem nimmt, wenn man auf der Bühne ist.«

»Nun, ein klein wenig brauchen Sie gerade nicht zu sagen,« [229] entgegnete der Zimmermann, indem er sich durch das volle Haar strich; »sagen Sie nur keck ein großes Interesse. Sie wissen doch, Marie, daß es so ist, und auch nicht blos auf dem Theater, sondern auch sonst, – wo es nun gerade ist, auf der Straße, in Ihrem Hause, wo ich Sie sehe und wo ich Sie nicht sehe.«

»Ei der Tausend! Sie machen nur ja eine förmliche Liebeserklärung, Richard!«

»Wenn Sie es so nennen wollen, so thun Sie es, Marie; aber der Name ist gleichgültig. Die Sache ist jedoch wie ich gesagt – soll mich der – na! – ich will nicht fluchen! – ich habe es Ihnen schon lange einmal gestehen wollen, aber ich weiß wohl, ihr vom Ballet seid ganz eigenthümliche Frauenzimmer; da mag jeder Narr kommen und euch schöne Sachen vorschwatzen, das ist euch schon recht und ihr hört gerne zu; aber wenn es Unsereins mit euch gut meint und euch das gerade heraus sagt, so lacht ihr ihn aus und lauft nachher zu den Anderen und sprecht: denkt euch nur, das und das hat mir der Richard gesagt. Aber wenn ich so etwas erführe, Marie, das wäre mir – hart, recht hart.«

Nun müssen wir dem geneigten Leser versichern, daß diese Liebeserklärung, wie die Tänzerin es nannte, ihr eigentlich nicht so unverhofft kam, wie man von einem Blitz sagt, der aus heiterem Himmel herabfährt. Der junge Zimmermann hatte ihr schon unterschiedliche Proben seines Wohlwollens gegeben, hatte, wie er vorhin angedeutet, bei allen vorgekommenen Schwierigkeiten gewissermaßen über sie gewacht, die Versenkungen, wenn es ihm möglich war, selbst geleitet, die Flugmaschine durch sein eigenes beträchliches Gewicht jedesmal vorher probirt. Auch waren alle diese kleinen Aufmerksamkeiten nicht unbemerkt an dem Herzen der Tänzerin abgeglitten; wir müssen das eingestehen, wie wir auch vorhin nicht verschwiegen, daß Marie vielleicht etwas Anderes gesucht als ihre Collegin Therese. Bis jetzt hatte sie aber dies Benehmen Richards gegen sie nur für Scherz gehalten und demselben weiter keine Folge [230] gegeben. Was wollte sie auch? Er war der einzige Sohn eines ziemlich vermöglichen Vaters, ein hübscher Mensch, dem wohlhabende Bürgerstochter nachschauten, und in seinem Handwerke, der Zimmerei' so wohl erfahren, dabei mit der Mechanik des Theaters so wohl vertraut, daß ihm hier eine dauernde Anstellung nicht fehlen konnte. – Und nun sagte er ihr mit einfachen Worten, daß er nur an sie denke, daß er sie liebe. –

Das Mädchen schrak ordentlich zusammen und in ihrem Geiste tauchten allerlei seltsame und schöne Phantasieen auf. Sie glaubte daß er wahr spreche; ach! und dieser Gedanke war doch zu süß, um ihn unbedingt annehmen zu können. Sie, in den traurigsten und gedrücktesten Verhältnissen geboren und erzogen, bis jetzt von dem fürchterlichen Willen ihrer Tante abhängig, sollte einstens noch glücklich werden können, sollte nicht untergehen in dem Abgrund, neben dem sie schon lange gewandelt; denn daß es Richard mit ihr ehrlich meine, wenn er es einmal gesagt, davon war sie fest überzeugt. Er war als sehr solid und arbeitsam selbst bei den Theaterleuten bekannt, und sogar der Intendant hielt große Stücke auf seine Redlichkeit und gab Alles auf sein Wort, denn bei schwierigen Flugwerken zum Beispiel mußte sich Richard immer zuletzt überzeugen, ob Rollen und Taue auch in Ordnung seien, und erst wenn er gesagt, es sei Alles richtig, gab sich der Chef zufrieden.

Marie hatte nicht bemerkt, daß während sie so träumte, Richard ihre beiden Hände ergriffen hatte und freundlich lachend den Versuch machte, ihr in die niedergeschlagenen Augen zu blicken. Sie sah das lange nicht, denn jetzt plötzlich fielen ihr die Worte der armen Katharine ein, als sie zu ihr gesagt: wenn du einmal einen braven Mann hast und es dir gut geht, und du hast eine halbe Stunde Zeit, so besuche mein Grab und gib meinem armen Kinde, wenn es noch lebt und du es an einer Ecke stehen siehst, ein kleines Almosen. – – Diese Worte verwandelten sich in ein freundliches Bild, und sie stand mit Richard Hand in Hand an einem kleinen [231] armseligen Grabe und legte auf Dornen und Disteln, die dort wucherten, einen frischen Kranz von duftenden Rosen. – Ah, wenn das wahr würde!

Da schrak sie empor, denn draußen im Saale applaudirte grade das Publikum lang und heftig; – etwas von ihren Phantasieen war der Wahrheit gemäß, denn wenn auch nicht neben einem Grabe, so stand sie doch Hand in Hand mit Richard auf der halb dunkeln Bühne, und er sagte lachend: »Na, Mädel, lange genug hast du dich bedacht, ob du Ja oder Nein sagen sollst. – – Nun, was ist's, Marie? Bin ich dir angenehm oder nicht? Willst du es mit mir wagen oder hast du auch so verfluchte Liebschaften im Kopf wie die Anderen und willst lieber ein kurzes lustiges Leben führen?«

»Nein, nein,« entgegnete eifrig das Mädchen, »gewiß nicht, Richard.«

»Na, ich glaub's schon,« versetzte er gutmüthig. »Ich glaube, daß du ein braves, ehrliches Mädchen bist; es ist das freilich ein Wunder, wenn man deine Tante – die Gott verdammen soll! – ansieht. Aber glaub' mir, Marie, ich habe dir aufgepaßt, so genau ich konnte, und namentlich immer auf deine Arme und Hände gesehen –«

»Und warum das?« fragte sie lächelnd unter Thränen, die langsam aus ihren Augen hervor quollen.

»Ei, das will ich dir sagen,« entgegnete er lustig. »An den Armen und Fingern sieht man's gewöhnlich bei euch zuerst, weißt du, da lassen sich auf einmal verdächtige Ringe sehen und eine Armspange; und das sind des Teufels Ketten, mit denen ihr fest geschlossen werdet. – Neulich hatt' ich dich schwer im Verdacht.«

»Ich weiß, ich weiß,« erwiderte sie fröhlich. »Da hatte mir auf der Bühne Therese eins von ihren Armbändern geliehen. Ich mußte doch als Hofdame geschmückt kommen!«

»Jetzt aber plaudern wir bald eine Viertelstunde zusammen,« [232] sagte er nun scheinbar ungeduldig, »und ich weiß noch nicht einmal, woran ich bin. Gleich muß ich hinüber zum Verwandeln, deßhalb sage mir, wie du es meinst, einfach Ja oder Nein. Wenn du Ja sagst, so ist die Sache abgemacht und ich komme dann nächstens zu deinem alten Drachen, um mit ihr ein ernstes Wort zu reden. – Nun? – Wenn du aber Ja gesagt, so habe ich ein Recht auf dich wie du auf mich, und dann, Marie, nimm dich in Acht und stelle dich so, daß die bösesten Leute nur Gutes von dir sagen können; denn wenn mir einmal Einer herkäme und so allerlei schlechtes Zeug in die Ohren zischelte, da gäb's ein Unglück, das kann ich dich versichern. – Nun, wie ist's?«

»Ja – ja!« sagte die Tänzerin, nachdem sie ihre beiden Hände zurückgezogen: »ich mag dich wohl leiden, Richard; und was das Andere anbelangt, da kannst du ganz ruhig sein. Du weißt, wie mir das Treiben so vieler junger Mädchen verhaßt ist.«

»Amen!« sprach er, indem er ihre rechte Hand ergriff und sie schüttelte. »Wenn es nicht so strenge gegen das Theaterreglement ginge, dann müßtest du mir einen Kuß geben, aber ich hole mir ihn später nach; wenn du an deinem Kanale aussteigst, wirst du mich schon sehen. – Adieu, Marie!«

Damit ging er an sein Tau zurück, während die Tänzerin über die Bühne hinüber flog und sich an einem einsamen Plätzchen auf eine Rasenbank unter einer Gruppe von gemalten Palmbäumen niederließ. Warum sie hier ihre Hände faltete und eine Zeit lang heftig weinte, wußte sie nicht. Aber endlich erschrak sie, daß sie es gethan, denn sie dachte an ihre rothe Schminke, und als sie erschrocken auf ihren Busen sah, bemerkte sie auf dem hellgrünen Atlas große dunkle Flecken.

Bald waren diese Schäden übrigens wieder vertilgt; Clara hatte ihr geholfen, sich auf's Neue zu schminken und dabei einen Theil des süßen Geheimnisses erfahren. Clara war hiedurch ebenfalls nachdenkend geworden, und als die Andere nun abermals [233] hinab hüpfte, um Therese aufzusuchen, blieb sie droben in der Fensterecke sitzen, stützte den Kopf auf die Hand und versank in tiefe Träumereien.

Therese befand sich noch immer hinter der ersten Coulisse: sie hatte ihren rechten Fuß auf einen kleinen Schemel gestellt und hielt sich mit der einen Hand an der Ranke einer Waldblume, die über ihrem Kopfe herabhing. »Wo steckst du denn, mein Schatz?« rief sie der heran kommenden Marie zu. »Ich habe schon nach dir gesehen, aber du warst verschwunden. – Ich hoffe doch nicht –«

»Ich suchte dich auf der andern Seite,« entgegnete Marie.

»Hast du was Neues erfahren? – Von ihm – von dem sauberen Herrn auf der zweiten Gallerie?«

»Nein, nein! Meine Tante läßt mich, Gott sei Dank! in Frieden; sie hat in den letzten Tagen nichts darüber gesprochen: ich hoffe schon, sie hat meinen inständigen Bitten Gehör gegeben.«

»So, das hoffst du?« erwiderte Therese. »Da kennst du die Alte schlecht. Ich will dir gelegentlich einmal erzählen, wie sie es mir gemacht hat. Nimm dich aber zusammen, das rathe ich dir. Der, den du mir da oben gezeigt hast, läßt nicht so leicht nach, das ist einer von den stillen Scheinheiligen, die im Trüben fischen und im Dunkeln langsam aber sicher gehen.«

»Aber am Ende habe ich doch meinen freien Willen!« sagte ängstlich Marie.

»Den hast du nicht, arme Sklavin,« entgegnete die Andere, indem sie sich hoch aufrichtete. »Schau mich an, ich sehe auch gerade nicht aus wie Jemand, der sich leicht zwingen ließe. Und doch – man wird am Ende müde. – Aber sprechen wir nicht mehr darüber!« Damit warf sie die Oberlippe trotzig in die Höhe, und ließ die Federn ihres Kopfputzes langsam durch ihre Finger gleiten und setzte mit ruhigem Tone hinzu: »Du hast mich also gesucht! nun denn, was soll's?«

[234] Marie erzählte nun ihrer Collegin von der armen Nähterin, von dem Kinde, das man derselben geraubt, von dem man aber den Todtenschein beigebracht, und das sich nun wahrscheinlich irgendwo befände, wo es, so befürchte die Mutter, langsam dahin siechen werde.

Ueber die Züge Theresens hatte sich während dieser Erzählung ein so höhnisches, ja böses Lächeln gelagert, daß man ordentlich davor zurückschrecken konnte. Sie biß ihre Zähne auf einander und schien angelegentlich die Spitze ihres seidenen Schuhes zu betrachten. In Wahrheit aber schaute sie weit hinaus durch Gebälk und Fundament, tief in die Erde und mußte dort etwas Schreckliches erblicken, denn plötzlich schrak sie auf, schauderte zurück und preßte ihre Hand mit einem tiefen Athemzuge auf's Herz.

»Du hast mich nicht angehört,« sagte Marie, während sie ihre Freundin ängstlich betrachtete. »Du hast mich gewiß nicht verstanden.«

»Oh! es ist leicht, das zu verstehen,« entgegnete Therese; »ich begreife dich vollkommen und weiß was du willst. Es gibt solche Orte, wo man kleine Kinder aufbewahrt, bis der gnädige Gott sie zu sich abruft. Aber dahin zu kommen, ist sehr schwer; sie sind verschlossen wie das Grab, dessen Vorzimmer sie ja auch sind. – Laß' mich nachdenken; mit Gewalt durch die Polizei ist nichts zu machen, sie hat ja einen Todtenschein erhalten, also existirt das Kind eigentlich nicht mehr. – Wenn ich mich auch irgendwo hinwenden wollte, wo eine solche Anstalt besteht, glaube mir, man läßt mich eben so wenig eindringen, wie die Mutter jenes Kindes. O, die sind schlau wie der Teufel!«

»Aber du könntest mir doch eine Adresse geben, damit ich's ihr mittheile.«

»Die ziehen bald hierhin, bald dorthin – aber wart' einmal, – da fällt mir eben ein, in dem Hause, wo der alte Schellinger wohnt – du kennst ihn doch, unsern armen Freund, da hinten steht er, – da soll sich so was befinden.«

[235] »So wollen wir hin und ihn fragen.«

»Das wäre sehr unklug; bei dir hätte es am Ende nichts zu sagen, aber ich könnte mich in ein schönes Licht bringen,« entgegnete Therese, sonderbar lächelnd. »Nein, nein, das müssen wir gescheidter anfangen. Ich traue in dem Punkt dem alten Fuchsen nicht recht', wir müssen Jemand an ihn abschicken, der ihn vorsichtig ausholt.«

»Du hast Recht, Therese,« versetzte das junge Mädchen. »Aber wem sagen wir es?«

Die Andere zuckte die Achseln und antwortete nach einigem Nachdenken: »Das ist für mich eine unangenehme Commission; wenn ich es auch Einem sage, so machen sie ihre schlechten Witze; und ich hasse das.«

»Ich weiß schon, was ich thue,« sagte eifrig Marie. »Ich erzähle die ganze Geschichte dem Zimmermann Richard, der soll mit dem Schellinger sprechen.«

»So, dem Richard erzählst du es, mein Schätzchen?« entgegnete die andere Tänzerin lachend. »Ah! das ist dein Vertrauter! Ja, ja, man treibt so allerlei, wenn man mich sucht und sich dann erst ungeheuer lange hinter dem letzten Vorhange aufhält. – Nun, erschrick nur nicht: du brauchst dich dessen nicht zu schämen, und wenn er es gut mit dir meint, was ich hoffe und glaube, so greis' zu, und wie ich schon früher gesagt, nimm dich zu Hause doppelt in Acht. – Aber jetzt geh' und sprich mit Richard darüber, erzähle ihm offen die ganze Geschichte, wie du mir so eben gethan.«

Diesen Rath befolgte denn auch Marie, und man kann sich leicht denken, daß sich der Zimmermann von der Tänzerin gerne hinter eine Coulisse führen und sie da unter vielen Neckereien die traurige Geschichte vortragen ließ.

Das Resultat dieser Erzählung war, daß er während des dritten Aktes den Garderobegehülfen auf die Seite nahm und ein [236] längeres Gespräch mit ihm hielt, worauf er von ihm zurück hinter die achte Coulisse trat, wo diesmal der erste Maschinist selbst, der Herr Hammer Vater, die Conversation leitete und von seinen Kriegsthaten erzählte.

Der alte Schellinger hatte sich indessen auch bald wieder näher geschlichen; er zuckte oftmals die Achseln, wenn der Andere irgend etwas besonders Seltsames vorbrachte, schüttelte bedeutsam den Kopf und flüsterte auch wohl dem Schwindelmann zu: »Ich versichere dich, er lügt fürchterlich!«

Bald ging die Oper zu Ende, der Vorhang fiel für heute Abend zum letzten Male, wurde dann langsam wieder empor gezogen, nachdem die Zuschauermenge fast das Haus verlassen. An den Eingangsthüren wogten und drängten noch die letzten Massen und in den Gängen sah man noch Kopf an Kopf.

Richard, der heute Abend gar keine Eile zu haben schien, befand sich auf der halb dunkeln Bühne und neben ihm stand Schellinger, während etwas rückwärts Herr Hammer einigen der Zimmerleute und Maschinisten noch eine merkwürdige Geschichte erzählte.

»Ja–a, ja–a,« sagte er, »das habe, ich noch vergessen, wie es damals in dem Kriege bei uns zuging. Als mich eines Tags der selige Bernadotte zu sich kommen ließ und mir eine Depesche auftrug, – es handelt sich vom Auswendiglernen und ich erzähle euch das nur, weil heutigen Tages unsere Schauspieler so viel Wesens daraus machen, wenn sie einmal in ein paar Tagen eine lumpige Rolle memoriren müssen, – Hammer, sagte Bernadotte zu mir, hier ist eine Depesche an Napoleon. Hast du wohl Courage, sie durch die feindliche Armee an den Kaiser zu bringen? Wenn sie dich aber damit erwischen, so schießen sie dich todt. – Ist denn der Inhalt so gefährlich, Excellenz? fragte ich. – Sehr wichtig und gefährlich, entgegnete er und zeigte sie mir. Das waren sechszehn enggeschriebene Seiten Französisch. – Wissen Sie was, Excellenz, sagte ich ihm, vertrauen Sie mir die Depesche eine halbe Stunde an, [237] dann komme ich wieder und Sie sollen mit dem Hammer zufrieden sein. – Und er gab sie mir und eine halbe Stunde nachher brachte ich ihm seine Depesche wieder und sprach: Excellenz wollen die Gnade haben und mich gefälligst überhören zu wollen. – Und das that er, und ich sagte ihn die Depesche her, alle sechszehn Seiten und irrte mich nur zweimal, indem ich Allerhöchstdieselben sagte, wo nur Höchstdieselben stand.«

»Brrr!« machte Schwindelmann. Die Andern lächelten verstohlen und Schellinger blickte melancholisch im Kreise umher, als sei er betrübt, daß man ihm den Rang abgelaufen. Dann schlich er zu dem Theaterdiener hin und sagte ihm abermals: »Nein, der Hammer übertreibt; was der Mann sich das Lügen angewöhnt hat!«

»So, nun sind wir fertig!« rief der erste Maschinist; »das dauert immer lange, bis das Haus leer ist. Ja–a, ja–a, wenn ich mir denke, daß es hier einmal brennen könnte, das müßte ein fürchterliches Unglück geben.«

»Noch schlimmer als in C.,« sagte Schellinger, »denn da hatten sie doch weite Treppen und Gänge, und Viele konnten entfliehen; die da verbrannten, blieben sitzen, weil sie vor Schrecken wie erstarrt waren.«

»Nein, nein,« entgegnete Herr Wander, »so ist es nicht, Schellinger; der Rauch hat sie gleich betäubt und erstickt.«

»Vor Schrecken blieben sie sitzen,« sprach hartnäckig der Schneider; »ich war dabei.«

»O Schellinger, wie kannst du lügen!« sagte der erste Maschinist. »Haben wir nicht an dem Abend zusammen hier gestanden, gerade wie heute?«

»Ja, ja, – es ist möglich,« entgegnete traurig der Garderobegehülfe; – »aber es ist doch wahr, daß sie vor Schrecken gestorben sind, ich habe die besten Nachrichten. – Den Tag nach dem Unglück hatte ich Briefe von C. – ganz ausführliche und [238] unzweifelhafte, denn sie kamen – von Einem, der selbst mit verbrannt ist.«

In diesem Augenblick erloschen sämmtliche Lichter am Kronleuchter, Alle entfernten sich lachend, und die Bühne blieb öde und leer.

20. Kapitel
Zwanzigstes Kapitel.
Toiletten-Geheimnisse.

Das kleine Appartement des Grafen Fohrbach nahm sich bei Tage, trotzdem, daß es Winter war, außerordentlich reizend und elegant aus. Wenn auch die meisten der Fenster auf den Garten gingen und man dort nichts sah als schneebedeckte Wege, kahle Aeste, eingehüllte Bäume und hie und da durch die nackten Gesträuche ein Stück der Gartenmauer, so bildete dagegen der Salon in dem wir uns neulich Abends befanden, einen höchst angenehmen und wohlthuenden Contrast. An diesen Salon nämlich stieß ein großes Glashaus, welches den Pavillon des jungen Grafen mit dem elterlichen Hause verband, und auf Befehl der alten Excellenz als neutraler Grund betrachtet wurde, das heißt, der junge Graf konnte hier wohl auch mit einigen Bekannten spazieren gehen, seinen Kaffee da nehmen, eine Cigarre rauchen; doch war ihm nicht erlaubt, dies allerliebste Gewächshaus insofern zu seinen Appartements mit heran zu ziehen, um auch hier kleine Feten und Gesellschafter: zu geben. Dies Recht hatte sich der Papa vorbehalten, weßhalb denn auch der Kammerdiener des jungen Grafen angewiesen [239] war, so oft sich größere Gesellschaft bei sei nem Herrn befand, diese Eingänge zum Gewächshaus zu schließen, damit nicht unwillkürlich gegen den Befehl des Papa und Kriegsministers gehandelt werde.

Heute Morgen dagegen – es mochte zehn Uhr vorüber sein – standen die weiten Flügelthüren, die vom Salon aus in's Gewächshaus führten, offen, und es ist uns schon erlaubt, einen neugierigen Blick hinein zu werfen.

Das Glashaus bildete den vierten Theil eines Kreises, sowie oben ein spitzes Gewölbe in gothischer Form, bestand auf beiden Seiten aus Eisen und Glas, und enthielt einen förmlichen Wintergarten. Von dem Salon des jungen Grafen aus stieg man ein paar Stufen hinab. Auf den hohen Ruhebänken dieser kleinen Treppe standen rechts und links Marmorfiguren in einem wahren Wald von blühenden Pflanzen aller Art, an deren Postament Schlinggewächse empor rankten und sich oben mit anderen Wucherstauden zusammenschlangen, die an der Decke des Glashauses emporkrochen und ihre sonderbaren Blüthen, tiefblaue und weiße Glocken, über die Häupter jener Figuren herab hängen ließen. Dunkler Epheu umschlang die Wände der kleinen Treppe sowie die Ruhebänke, und aus dem tiefen Grün dieser Blätter glänzte hie und da eine brennend rothe, fremdländische Blume, die jetzt ihren Sommer hatte, wo bei uns Schnee und Eis lag, hervor.

Die Wege des Glashauses waren mit dem feinsten hellgelben Sande bedeckt und schlängelten sich in der willkürlichsten, eigensinnigsten Form um Gruppen und Bosquetten herum, die aus Orangen, Lorbeer, Citronen, fremden Nadelhölzern bestand und deren Ecken meistens mit Krystallgefäßen geschmückt waren, in welchen Goldfische herum schwammen oder irgend eine seltene Blume sich recht auffallend präsentirte.

Die Mitte des ganzen Glashauses bildete eine große Kuppel mit hochstämmigen Bäumen besetzt, die einen marmornen Springbrunnen [240] umstanden, aus dessen oberster Etage ein Strahl empor sprang, der, sich in der Luft vertheilend, von Schaale zu Schaale mit melodischem Plätschern zurück fiel. An vier Seiten dieser Kuppel befanden sich Volièren, deren gefiederte Bewohner, arme Sklaven, schon jetzt freudig ihre muntern Lieder sangen, während draußen ihre freien Kameraden noch mit allen Mühen des Lebens, mit Hunger und Frost, zu kämpfen hatten.

Jenseits der Kuppel setzte sich das Glashaus in gleicher Weise wie diesseits fort; dort befand sich ebenfalls eine kleine Treppe mit Ruhebänken, Epheugewinden, mit Blüthen, Blumen, Schlingpflanzen und Marmorstatuen; doch waren die Flügelthüren, welche in das Haus Seiner Excellenz führten, fest verschlossen, sowie die inwendigen Vorhänge herab gelassen.

Aus dem diesseits geöffneten Glashause drang in den Salon des jungen Grafen ein äußerst angenehmer Duft; es strich die duftige Atmosphäre herüber, die in gut erhaltenen Glashäusern herrscht, jener nicht zu bezeichnende Geruch, bestehend aus den verschiedensten zarten Dünsten, welche die Pflanzen aushauchen, wenn nach dem Bespritzen mit frischem Wasser über die erquickten Blätter so langsam ein Tropfen nach dem andern herab rieselt.

Im Salon des Grafen war es behaglich warm, ohne heiß zu sein. Aus dem Glashause strömte auch erwärmte Luft herein, und im Kamin spielte ein lustiges Feuer. In der Nähe des letzteren stand ein großer runder Tisch mit Geschirren verschiedener Art beladen, aus deren Unordnung man ersah, daß dort eben gefrühstückt worden war; es befanden sich hier zwei Couverts mit darüber hingeworfener Serviette und leeren Stühlen davor, während ein dritter Sessel noch besetzt war und zwar durch den Baron Brand, der behaglich in demselben ausgestreckt war, von Zeit zu Zeit eine neben ihm stehende Chocoladetasse an den Mund brachte, dazu eine Cigarre rauchte und in einem Journale las.

[241] An diesen Salon stieß, wie wir bereits wissen, das Arbeitszimmer des Grafen, sowie Garderobe und Schlafgemach. In letzterem befand sich der Hausherr; vor einem großen Spiegel stehend war er beschäftigt, sich anzuziehen. Die Thüre in's Arbeitszimmer stand offen, und hier bemerkte man den Maler Arthur, der an einem Fenster saß, vor sich ein weibliches Portrait hatte und im Begriffe war, von demselben eine Copie in Aquarell zu machen.

Der Eingang in den Salon war verschlossen und es hing diesseits vor demselben ein dicker persischer Teppich herab.

Graf Fohrbach hatte seine Toilette ungefähr halb beendigt, und an seinen Stiefeln mit Sporen und an einem Beinkleid mit rothen Streifen bemerken wir, daß er im Begriffe ist, sich in Uniform zu werfen. Der alte Kammerdiener stand mit dem ernstesten Gesichte von der Welt neben ihm und reichte ihm die verschiedenen nöthigen und unnöthigen Geräthschaften, die das wichtige Geschäft des Ankleidens erforderte. Jetzt hatte er eine kleine silberne Büchse mit weißer Bartwichse aufgeschraubt, der Graf nahm etwas davon mit Daumen und Zeigefinger und drehte mit Hilfe dieser wohlriechenden Masse seinen Schnurrbart keck in die Höhe, wobei er sich nicht ohne Wohlgefallen im Spiegel besah.

»Wenn man euch Herren so bei der Toilette sieht,« rief der Maler aus dem Nebenzimmer, »so begreift man vollkommen, daß euch von der vielen Zeit, die ihr habt, doch so wenig übrig bleibt. Jetzt sind Sie bereits eine halbe Stunde mit Ihrem Anzug beschäftigt und, wie ich sehe, noch nicht übermäßig vorgerückt.«

»Der Anzug, mein Lieber, ist eine wichtige Sache,« gab der Graf zur Antwort, »namentlich wenn man, wie ich heute, den Dienst hat. Ich versichere Sie, da kommen eine solche Menge Leute in's Vorzimmer, die oft Stunden lang warten, Fremde, Herren vom Civil, Vorgesetzte und Kameraden, und das fängt zuerst an, die Wände zu besehen, Plafond und Fußboden, und dann kommen wir [242] an die Reihe. Ah! ich versichere Sie, das Alles betrachtet uns genauer, als es eine Geliebte oder junge Frau macht.«

»Das habe ich nicht gewußt,« entgegnete Arthur lachend.

»Deßhalb müssen wir in unserem Anzug so außerordentlich, ja übermäßig correct sein. Glauben Sie mir, für die Minister und dergleichen, die zum täglichen Rapport kommen, oder überhaupt für Alle, die Audienz haben, sind wir Adjutanten ein wahrer Barometer. Aus uns fiel der erste allerhöchste Sonnenblick, wenn ein solcher da war, oder wir bemerkten die ersten Wolken am Horizont aufsteigen, und diese Witterung zeigen wir nun an und verheimlichen sie, je nach Umständen.«

»Durch den Anzug?«

»Durch den Anzug, durch den Ausdruck unseres Gesichts, ja durch die Stellung unseres Bartes.«

»Ah! das ist ja erstaunlich!« rief Arthur. »Und wer versteht sich auf diese kleinen und seinen Nuancen?«

»Alle, denen was daran gelegen ist. Ja, ihr meint, das Ding sei so leicht, man habe da nur im Vorzimmer zu stehen und eine Meldung zu machen. Nein, nein! Das will Alles durchdacht sein, denn ich versichere Sie, so gut es bei den Schauspielern denkende Künstler gibt, so gibt es auch bei uns denkende Adjutanten.«

»Erstaunlich!« entgegnete lustig der Maler. – »Und wie betrachtet man einen solchen Barometer, den Sie heute vorzustellen das Glück haben; das heißt, wie liest und versteht man seine Zeichen?«

»Das ist nicht leicht zu sagen,« erwiderte der Graf, indem er seinen Waffenrock zuknöpfte, den ihm der Kammerdiener zu gleicher Zeit fest in die Taille hinein zog. »Sehen Sie, zum Beispiel man hat seine Freunde, die man gerne avertirt, wie es drinnen aussieht, ohne ein Wort zu sprechen, denn Sie wissen, in dem Vorzimmer halten sich oft die Kammerdiener auf, die immens seine Ohren [243] haben. Ist es ein schönes klares Wetter, so geht man vergnügt auf und ab, summt auch, natürlicher Weise pianissimo, eine kleine Arie oder steht in ruhiger Beschaulichkeit an einem der Fenster. Gibt es dagegen Wolken, so macht man ein ernstes Compliment, dreht den Schnurrbart ein klein wenig in die Höhe, oder rückt häufig an Säbel und Schärpe, um ja Alles in bester Ordnung zu haben.«

»Und wenn nun der Barometer Sturm anzeigen soll?«

»Dann lehnt man sich gedankenvoll an eine Tischecke,« erwiderte der Graf, indem er seinen Säbel festhakte, »und hält vor allen Dingen den Federhut unter dem Arm. Es zeigt das an, daß man jeden Augenblick gewärtig sein kann, zu irgend einer unangenehmen Commission hinaus gesprengt zu werden.«

Jetzt war die Toilette beendigt; der Kammerdiener steckte seinem Herrn ein parfumirtes Sacktuch in die linke Tasche des Waffenrocks, reichte ihm Federhut und Handschuhe, und verließ darauf mit unhörbaren Schritten das Zimmer. Der Graf trat in das Nebengemach, stellte sich hinter den Stuhl des Künstlers, indem er das bald fertige Aquarell mit Wohlgefallen betrachtete.

Es war das Portrait einer schönen Frau, deren Jugend in die letzte Hälfte des vorigen Jahrhunderts fiel; das sah man an dem gepuderten Haar, und dem eigenthümlichen Schnitt des Kleides, – das Bild der Großmutter des Grafen, von welchem Arthur seinem Freunde gerne eine schöne Copie machte.

»Ich bin Ihnen für Ihre gelungene Arbeit sehr dankbar,« sagte der Hausherr; »ich habe schon lange gewünscht, dies Bild zu besitzen.«

»Von Dank kann keine Rede sein,« entgegnete der Maler. »Ich bin noch stark in Ihrer Schuld; die beiden alten köstlichen Reiterpistolen, die Sie mir neulich verehrten, sind wahre Meisterwerke und machen den schönsten Theil meiner Sammlung aus.«

[244] »Kleinigkeiten!« versetzte der Graf, indem er sich auf die Lehne des Stuhles stützte. »Wenn das Aquarell fertig ist, so werde ich noch eine Büchse dazu auftreiben. Es ist schade, daß ich Ihre Liebhaberei für alte Waffen nicht früher kannte, ich habe schon so manches werthvolle Stück verschleudert. – Doch indem ich hier plaudere, fällt mir ein, daß draußen der Baron sitzt und wahrscheinlich ungeduldig meine Rückkunft erwartet.«

»Das glaube ich nicht; er sitzt ruhig am Tische, trinkt seine Chocolade und liest die Zeitung. – Eigentlich ein seltsamer Herr.«

»Allerdings ist er in manchen Beziehungen ein sonderbarer Mensch, aber ein guter Kerl und ich mag ihn wohl leiden.«

Der Maler schaute sich nach dem Salon um; als er aber sah, daß der Teppich vor der Thüre hing, blickte er wieder auf seine Arbeit.

»Unbesorgt!« lachte Graf Fohrbach, der diese Bewegung gesehen; »das ist Alles bei mir wohlweislich eingerichtet. Ich mag es nicht leiden, wenn die Bedienten zu viel hören; ich muß doch irgend ein Asyl haben, wo ich vollkommen allein sein kann. – Beide Thüren, die zum Schlafzimmer und die zum Salon, haben geheime Federn und bleiben nie offen stehen. Sie fallen geräuschlos in's Schloß und sind so sorgfältig gearbeitet, daß nicht das lauteste Wort durchdringen kann.«

»Kennen Sie den Baron schon lange?« fragte anscheinend gleichgültig der junge Maler.

»Seit ungefähr einem halben Jahre; ich gehe sonst nicht leicht neue Bekanntschaften ein, aber er brachte mir von W., woher er kam, ganz außerordentliche Empfehlungen von guten Freunden. Auch amusirt mich zuweilen sein geziertes Wesen; er ist dabei gutmüthig, sehr gebildet, hat viel gesehen, und, wenn er will, erzählt er vortrefflich. Eine innige Freundschaft möchte ich gerade nicht mit ihm eingehen, aber zum gewöhnlichen Umgang gefällt mir die Art, wie [245] er sich gehen läßt und wie man ihn ebenfalls gehen lassen kann. Jetzt sitzt er zum Beispiel draußen; wenn ich ihn ruhig da lasse und mich durch die Hinterthüre entferne, um meinen Geschäften nachzugehen, so findet er das ganz natürlich und kommt Abends zum Thee mit demselben freundlichen und unbefangenen Gesicht.«

»Ich brachte das Gespräch nicht ohne Absicht auf den Baron,« sagte Arthur.

»Wie so?«

»Ich will Ihnen das gelegentlich einmal erzählen, es ist ein höchst eigenthümlicher Vorfall und doch vielleicht wieder ganz unbedeutend! ich weiß selbst nicht, was ich davon denken soll. – Aber Sie sind eilig, und ich will Sie heute Morgen nicht aufhalten.«

»Aufrichtig gesagt, ja, lieber Arthur,« erwiderte Graf Fohrbach. »Aber vergessen Sie Ihre Geschichte nicht, ich gestehe wohl, daß ich mich für den Baron interessire.«

»Hat er Vermögen?«

»Für das was er ausgibt, muß er reich sein. Ich traf ihn neulich bei Ihrem liebenswürdigen Papa – meinem Banquier, der ihm auf die freundlichste Art von der Welt ein Paket Banknoten einhändigte. Der Kassier verbeugte sich tief vor ihm, und das ist ein guter Barometer – wie Sie wohl am besten wissen –«

»Wie Sie im Vorzimmer Seiner Majestät!«

»Allerdings, junger Spötter! – Doch – – Teufel! wie vergeßlich ich bin! Da habe ich Sie um etwas bitten wollen – was war es doch? – Richtig, jetzt fällt mir's ein. – Wie viel Uhr ist es wohl?« unterbrach er sich. – »Lassen Sie nur stecken, ich will im Salon nachsehen, da ist eine Standuhr, die täglich nach der im Schloß gerichtet wird.«

Damit hob er den Thürvorhang auf und ging in's Nebenzimmer.

Der Baron saß noch ruhig bei seiner Chocolade und las aufmerksam [246] seine Zeitungen. Doch studierte er besonders die hinteren Seiten derselben, wo sich die Annoncen befanden. Als der Graf eintrat, wandte er kaum den Kopf herum, nickte vielmehr nur leicht, als ihm dieser sagte: »Verzeihen Sie, Baron, daß ich Sie sitzen ließ, aber Sie wissen, Herrendienst geht vor allem Anderen. Ich muß um elf Uhr in's Schloß, und es ist wahrscheinlich schon halb vorbei; da muß ich mich ungeheuer beeilen.«

»Ei, mein lieber Graf,« entgegnete der Baron mit sanfter Stimme, indem er seine Tasse niedersetzte und sich auf die zierlichste Art von der Welt den Schnurrbart strich, »da haben Sie Zeit genug. Ihr vortrefflicher Kutscher bringt Sie ja in zwei Minuten an die Thüre der Freitreppe.«

»Da haben Sie Recht, mein Bester,« versetzte der Graf, der aus einer reich mit Gold und Steinen incrustirten Mappe eine Lage Postpapier heraus nahm. »Aber ich bin Geschäftsmann und muß vorher noch einen wichtigen Brief schreiben. Doch um Sie nicht in Ihrer Lectüre zu stören, will ich mich in's Nebenzimmer begeben.«

»Ich lese Anzeigen,« sprach gähnend der Baron, »fand aber da etwas, was mich erschreckte. Da ist ein Kerl, der kündigt einen Odeur an, von dem er sagt, es sei das feinste Oel, was man den Rosen entziehen könne und habe den sanften Geruch dieser Blume, ohne jedoch an das Scharfe, Unangenehme des gemeinen Rosenöls zu erinnern.«

»Das wäre Ihr coeur de rose!« entgegnete Graf Fohrbach. »Ei, ei! Baron, am Ende hat Sie Ihr Armenier verrathen und Ihr Geheimniß ist in Jedermanns Munde.«

»Unbesorgt!« sagte der Baron, indem er sein Battisttuch hervorzog und es unter die Nase preßte; »diese Feinheit bringt nur er hervor, und wenn der Kerl da in der Zeitung wirklich etwas Aehnliches anpreist und verkauft, so wird doch die gemeinste Nase den Unterschied deutlich riechen.«

[247] »Das ist ein Trost für Sie,« erwiderte der Graf, der bei diesen Worten in's Nebenzimmer eilte. Doch rief er noch durch die Thüre: »Nur einen Augenblick, Baron! Ich bin gleich wieder bei Ihnen.«

Die Thüre fiel zu und man hörte deutlich, wie das Schloß einschnappte.

Zweiter Band

21. Kapitel
[7] Einundzwanzigstes Kapitel.
Jäger und Kammerjungfer.

Der Baron schaute in diesem Augenblick über seine Zeitung hinweg, dann ließ er die linke Hand, in der er sie hielt, langsam sinken und wandte den Kopf nach rechts und nach links, während er forschend durch das ganze Zimmer blickte. Dabei war der Ausdruck seines Gesichtes auf einmal ein ganz anderer geworden: das Auge, das sich gewöhnlich so affektirt und matt hinter den herabfallenden Augenlidern verbarg, blitzte unter den scharf zusammengezogenen Augenbrauen hervor; seine Lippen, die meistens halb geöffnet waren und von einem süßen Lächeln umspielt wurden, erschienen voll Spannkraft und Energie, und ließen, als sie sich leicht emporzogen, zwei Reihen schneeweißer Zähne sehen. – Er legte die Zeitung nieder, stützte die rechte Hand leicht auf den Tisch und erhob sich von seinem Stuhle, ohne das geringste Geräusch zu machen. Dann wandte er sich um, glitt durch den Salon nach dem Schreibtische des Grafen, wo sich in einer breiten Schaale von Bronze Bleistifte und alle möglichen Schreibmaterialien befanden. Dazwischen lag ein kleines Petschaft, dessen Griff aus [7] Gold in getriebener Arbeit bestand und reich mit Steinen besetzt war. Dieses Petschaft nahm der Baron geräuschlos aus der Schale fort, betrachtete es einen Augenblick, steckte es in die Tasche seines Rocks und ging dann ebenso leise wie er gekommen, zu seinem Stuhle zurück, auf welchen er sich wieder setzte. Nun nahm er abermals die Zeitung in die Hand, wandte den Kopf, wie vorhin beschrieben, rechts und links, um alle Ecken des Salons zu besichtigen und dann nahm sein Gesicht plötzlich wieder jenen weichen und schlaffen Ausdruck an, den wir bereits kennen.

Jetzt klingelte der Graf im Nebenzimmer und der alte Kammerdiener ging durch den Salon, kehrte aber gleich wieder dahin zurück, zündete eine Wachskerze an, nahm Siegellack und wühlte alsdann einige Augenblicke vergeblich in der Bronzeschaale. Er schien überrascht zu sein, blickte im Zimmer umher und ging dann in's Nebenzimmer, wo er unter der Thüre stehen blieb und seinem Herrn einige Worte sagte.

»Mein Petschaft muß da sein,« hörte man den Grafen antworten; »das kleine mit dem goldenen Griff, es liegt in der Bronzeschale.«

»Euer Gnaden verzeihen,« entgegnete der Kammerdiener, »es liegt nicht an seinem gewöhnlichen Platze.«

»Das müßte mit dem Teufel zugehen,« erwiderte der Graf. »Ich habe es gestern Abend noch da gesehen.«

Mit diesen Worten trat er in den Salon, ein Briefchen in der Hand; der Kammerdiener folgte mit dem brennenden Lichte.

»Jetzt bin ich vollkommen beruhigt hinsichtlich meines Odeurs,« sagte der Baron mit wichtigem Tone; »jener Fabrikant nennt es Rosensaft. Ich bitte Sie, Rosensaft! Dabei fällt mir gleich so 'ne schmutzige Brühe ein. Ah! coeur de rose ist eine schöne Erfindung.«

»Gewiß, gewiß!« entgegnete zerstreut und einigermaßen ärgerlich der Graf, denn er hatte ebenfalls vergeblich in der. Bronze [8] schale und auf dem ganzen Tische nach dem Petschaft gesucht. Er sah den Kammerdiener an; dieser zuckte die Achseln.

»Wer hat das Zimmer heute Früh in Ordnung gebracht?« fragte er mit heftigem Tone.

»Der Jäger, Euer Gnaden.«

»Wieder der Jäger! – Wann soll denn der Geschichte einmal ein Ende gemacht werden?«

»Es ist eigenthümlich,« sprach der alte Mann, »der Mensch hatte so vortreffliche Empfehlungen und wie sehr ich beständig aufgepaßt, ich habe nie etwas Unrechtes bemerkt.«

»Aber Sie werden mir nicht ableugnen können, daß seit einem halben Jahre, als der Mensch in meinen Diensten ist, jeden Augenblick aus diesem Salon Etwas verschwindet.«

»Leider!«

»Haben Sie sonst auf Jemand von den Leuten Verdacht, auf George vielleicht oder auf Karl?«

»Gott soll mich bewahren!«

»Nun, also bleibt's an dem Jäger hängen, und der Sache soll ein Ende gemacht werden; ich will's!«

»Aber, gnädigster Herr, man kann ihm Nichts beweisen.«

»Das braucht's auch gar nicht; ich will gewiß nicht sein Unglück; man zahlt ihm einen halbjährigen Lohn, sagt ihm, er habe mir nicht convenirt und gibt ihm meinetwegen ein erträgliches Zeugniß.«

Der alte Mann nickte mit dem Kopfe.

»Wie Sie selbst sagten, kann man ihm Nichts beweisen, also wollen wir auch seiner Zukunft nicht hinderlich sein. Aber mir ist es unheimlich, daß hier alle Augenblicke so was vorfällt.«

Der Graf hatte etwas heftig und laut gesprochen, während er sich an dem Schreibtische im Salon niedergelassen, um besser in der Bronzeschale suchen zu können, so daß sich sogar der gleichmüthige Baron veranlaßt sah, aufzustehen und näher zu kommen.

[9] »Ja, was ist denn vorgefallen, mein bester Graf?« fragte er, indem er sich in dem Spiegel über dem Kamin Haar und Bart zurecht strich und dann an dem Feuer seine Fußspitzen wärmte. »Sie sind ja wahrhaftig ganz aufgeregt!«

Der Graf wollte von dem Petschaft sprechen, doch der Kammerdiener sah ihn bittend an. »Ach!« sagte er mit verdrießlichem Tone, »ich bin mit einem meiner Leute nicht zufrieden, mit meinem Jäger, ich muß ihn fortschicken, was mir sehr unangenehm ist. Es ist überhaupt so schwer, ordentliche Leute zu bekommen.«

»Das weiß Gott!« entgegnete der Baron, indem er sich umwandte und die Hände auf den Rücken legte. »Aber da fällt mir was ein. Vor ein Paar Tagen wurde mir Jemand empfohlen, von sehr guter Hand und dringend empfohlen, ein Mensch, der schon längere Zeit in W. in den besten Häusern diente, und obendrein ein gelernter Jäger. Für seine Ehrlichkeit und Treue kann man garantiren; wenn Sie's mit dem versuchen wollten!«

»Warum nicht, auf Ihre Rekommandation! – Er soll sich bei meinem Kammerdiener melden, ich nehme ihn an.«

»Schön,« sagte der Baron mit seinem sanftesten Lächeln; »da haben wir einmal wieder ein gutes Werk gethan.« – Er trat an den Tisch, stützte sich mit der linken Hand darauf und schlug mit einem Finger der Rechten auf die Bronzeschale, daß sie einen hellen Klang von sich gab. – »Aecht? – Antik?« fragte er.

»Ich habe sie von einem Bekannten erhalten, der sie in Pompeji erbeutet. – Aber Teufel! Es ist schon drei Viertel auf Elf. – Lassen Sie meinen Wagen vorfahren,« sagte er zu dem Kammerdiener, der sich verdrießlich entfernte. »Jetzt muß ich siegeln und habe mein Petschaft verloren. Ah, Baron!« rief er aus, »Sie können mir helfen.« Dabei fielen seine Blicke auf die goldene Uhrkette des Anderen, an welcher sich eine Menge Kleinigkeiten, unter Anderem auch ein orientalischer Ring mit einem Carniol befand, auf den einige arabische Buchstaben geschnitten waren. [10] »Leihen Sie mir einen Augenblick Ihren Ring, um meinen Brief damit zuzusiegeln, es ist ja kein Wappen darauf. – Also kann es Sie in keiner Weise kompromittiren,« setzte er lachend hinzu.

Der Baron zuckte mit der Hand nach seiner Uhrkette und sein gleichmüthiges, lächelndes Gesicht war im Begriff, einen ganz anderen Ausdruck anzunehmen. Wie aber ein geschickter Equilibrist sich noch in dem Momente, wo er fallen will, kräftig und gewaltsam in's Gleichgewicht hinein schwingt, so auch der Baron. Seine Finger, welche hastig die Uhrkette, wie um sie zu verbergen, ergreifen wollten, glitten jetzt leicht daran herunter und blieben an dem bewußten Ringe hängen. »Ah! Sie wollen mit meinem Talisman siegeln, bester Graf!« sagte er alsdann mit seinem gewöhnlichen freundlichen Lächeln. »Nehmen Sie sich in Acht! Sie wissen doch, daß diese mysteriös geschnittenen Steine nur für den heilbringend sind, der sie besitzt, und daß, wenn sich ein Anderer derselben bedient, zum Beispiel wie Sie, lieber Graf, jetzt zum Siegeln, dies für den Empfänger von unangenehmen Folgen sein kann!«

»Sind Sie denn wirklich abergläubisch, Baron?« fragte der Graf und hob eine Stange Siegellack an das brennende Licht, während er den Brief vor sich hinlegte. – »Uebrigens,« fuhr er lächelnd fort, »ist mir am Wohl und Wehe des Empfängers oder der Empfängerin nicht viel gelegen, und wenn also Ihre Befürchtungen wirklich wahr wären, so könnte es derjenigen, welche diesen Brief erhält, am Ende Nichts schaden, wenn dieser Brief einige Dornen auf ihren Pfad streute.«

»Coeur de rose!« sagte der Baron, indem er sich höchst verwundert stellte, »da führen Sie ja eigenthümliche Korrespondenzen. Ich will nicht hoffen, daß der Brief an Jemand aus der Gesellschaft geht!«

»Seien Sie ganz unbesorgt, Baron! Glauben Sie denn, ich würde mich in dem Fall eines Ihrer Siegel bedienen? Ah! das wäre indiscret! Dieses Schreiben geht an ein ganz obscures Wesen, [11] von dessen Existenz Sie gar keine Ahnung haben; eine stille Wittwe, die hie und da meine gewissen kleinen Privatangelegenheiten arrangirt. – Aber jetzt geben Sie Ihren Ring her, mein Siegellack ist flüssig.«

»Armer Talisman!« sagte der Baron mit affektirter Wehmuth, während er die Kette loshakte und den Ring seinem Bekannten darbot; »ein Abdruck von dir scheint mir da in schöne Hände zu kommen. – Coeur de rose! das hätte sich die reizende Griechin, die ihn mir verehrt, gewiß nicht träumen lassen.«

Der Graf siegelte rasch und sorgfältig das Villet, dann betrachtete er aufmerksam die sonderbaren für ihn unleserlichen Schriftzeichen und versetzte: »So, der Abdruck ist schön gelungen; meinen herzlichen Dank! – Jetzt muß ich aber eilen, sonst komme ich zu spät in's Schloß und das wäre entsetzlich. – Kann ich Sie mitnehmen?«

Der Baron sann eine Sekunde nach. »Besuch auf dem Kastellplatz,« murmelte er, »dann in der Königsstraße, in der hohen und breiten Straße, – ja, ja, bester Graf, ich nehme einen Sitz in Ihrem Wagen an! Sie lassen mich an der Ecke des Kastellplatzes entspringen.«

»Schön,« erwiderte Graf Fohrbach; »gehen Sie nur voraus; ich folge in der Sekunde.«

Während nun der Baron in das Vorzimmer ging, sich dort den Paletot anziehen ließ, einen dicken Cachemir um den Hals schlang, den Hut aufsetzte und nach dem Wagen schritt, eilte der Graf in sein Arbeitskabinet, wo der Maler saß und sagte diesem: »Adieu, lieber Arthur, ich muß in den Dienst. Bleiben Sie hier, so lange Sie wollen; Sie wissen, wo Cigarren und Pfeifen sind. Aber wenn Sie fortgehen, erzeigen Sie mir, dem Freunde, eine Gefälligkeit. Werfen Sie diesen Brief auf die Stadtpost, aber heute Morgen noch; es liegt mir Alles daran, daß er im Laufe des Tages an seine Adresse gelangt, besonders aber, daß meine [12] Dienerschaft die Adresse nicht sieht. Ich stehe zu allen Gegendiensten bereit.«

»Mit großem Vergnügen,« entgegnete Arthur, indem er das Billet neben sich legte. »Wenn ich für meine Person die Adresse lesen darf und es mir nicht zu sehr aus meiner Route liegt, so werde ich ihn selbst besorgen, wenn es Ihnen recht ist.«

»Natürlicher Weise!« entgegnete der Graf lachend, während er fort eilte; und er sagte noch unter der Thüre: »aber wenn Sie ihn selbst überbringen, so nehmen Sie sich in Acht; Sie könnten da in ein Kreuzfeuer von schönen Augen hineinkommen, das selbst einem Maler gefährlich werden dürfte. – Adieu!«

Damit eilte er fort, ließ sich im Fluge den Mantel umwerfen und traf den Baron schon an der Gartenthüre neben dem kleinen Coupé stehend. Beide setzten sich ein und der Wagen schoß mit einer außerordentlichen Geschwindigkeit davon.

»Da fällt mir eben ein,« sagte der Baron, der sich jetzt in seine Ecke geschmiegt hatte, »Sie könnten mir einen kleinen Dienst erzeigen, Graf Fohrbach, und ich bin überzeugt, keine Fehlbitte zu thun, da heute Ihr Herz gegen mich von Dankbarkeit erfüllt sein muß. Bedenken Sie, daß ich Ihnen einen vortrefflichen Jäger verschafft, und daß ich Sie mit meinem Talisman siegeln ließ. Coeur de rose! Das sind keine Kleinigkeiten!«

»Sie wissen, bester Baron, daß ich mir auch ohne das ein Vergnügen daraus machen würde, Ihnen nützlich sein zu können. Wovon handelt es sich?«

»Ich komme mir ordentlich als Dienerschafts-Kommissionär vor,« entgegnete gutmüthig lachend Herr von Brand. »Ich habe, wie gesagt, den Jäger plazirt, jetzt habe ich noch eine vortreffliche Kammerjungfer zu vergeben, für die ich eine gute Stelle suche, wo möglich im Schlosse. Es ist ein sehr braves und empfehlenswerthes Geschöpf.«

»Ist sie jung und hübsch?«

[13] »Ah! mein lieber Graf, Ihre Frage könnte mich beleidigen! Ich versichere Sie, ich sehe blos auf die inneren Eigenschaften dieses Mädchens. Aber um tugendhafte Bedenken Ihrerseits zu beschwichtigen, versichere ich Sie, daß die erwähnte Person gerade nicht zu jung und auch gerade nicht zu hübsch ist, so – so wie ich glaube; aber sie kann einer Toilette assistiren wie keine und spricht französisch.«

»Das wird sich machen lassen,« meinte Graf Fohrbach, »und wenn Ihnen wirklich ein Gefallen damit geschieht, Baron, so können Sie Ihrer Empfohlenen sagen, sie sei schon so gut wie plazirt. Und Sie wünschen, daß sie in's Schloß kommt?«

»Gerade daran wäre mir etwas gelegen; – sie soll eine sehr brave Person sein.«

»Ich werde mit der Frau von B. gelegentlich davon sprechen. Aber hier ist der Kastellplatz, wo ich Sie absetzen soll.« – Er zog bei diesen Worten heftig an der Schnur, die zum Kutscher draußen führte, worauf der kleine Wagen fast augenblicklich stille hielt.

»Meinen doppelten Dank!« rief der Baron lachend, nachdem er ausgestiegen; »für die Kammerjungfer und die Fahrt.«

»Und meinen gleichfalls,« entgegnete der Graf, »für den Jäger und den Talisman.«

Und der Wagen rollte davon.

Der Herr von Brand blieb an der Ecke des großen Kastellplatzes stehen; es war dies, wie schon der Name besagt, ein weiter Raum in der Nähe eines alten Schlosses, in welchem sich Archive und Möbelmagazine befanden. Dies alte düstere Gebäude war mit Thürmen flankirt, und hatte eine Menge ein- und ausspringender finsterer Winkel, von denen einige dazu dienten, das herabstürzende Regenwasser aufzufangen, weßhalb sich auf dem Boden derselben große zusammengekittete Steinplatten mit einer vergitterten Oeffnung versehen befanden, durch welche alle Feuchtigkeit ablief.

[14] Heute Morgen, wo der Frost der letzten Tage von einem starken Thauwetter verdrängt worden war, wo es ziemlich heftig regnete und der Schnee auf den Dächern mit außerordentlicher Geschwindigkeit schmolz, stürzte das Wasser in kleinen Fällen aus den seltsam geformten Dachrinnen hervor in jene Winkel hinab, um alsdann durch die erwähnte Oeffnung sprudelnd und schäumend unter der Erde zu verschwinden.

Der Baron schritt um das alte Kastell herum bis zur hinteren Seite, wo sich zwischen einem Thurme und einem riesenhaften Kamin der dunkelste dieser Winkel befand. Hier öffnete er behutsam Paletot und Rock, nahm das uns bekannte Petschaft aus letzterem heraus und ließ es auf den Steinboden niederfallen, so daß es alsbald von der Fluth des Regen- und Schneewassers in den Schooß der Erde hinabgeschwemmt wurde. Darauf lächelte er eigenthümlich, knöpfte Rock und Paletot wieder zu, schob die Hände in die Taschen und verschwand in einer engen Straße, die auf den Kastellplatz mündete.

22. Kapitel
Zweiundzwanzigstes Kapitel.
Auf der Polizeidirektion.

Der Baron hatte sich eine seltsame Tournure angewöhnt; er ging nämlich, wenn er allein über die Straßen schritt, scheinbar in Gedanken vertieft, den Kopf etwas vornüber gebeugt, die Augen vor sich auf die Fußspitzen geheftet. Wir sagen, er sah nur scheinbar so achtungslos aus, denn in Wirklichkeit bemerkte er Alles, was ihm begegnete, und wenn er hie und da sein Auge leicht aufschlug und um sich schaute, so faßte er in einer Sekunde die [15] Häuser der beiden Seiten auf und wußte ganz genau, ob Jemand im zweiten, dritten oder vierten Stock am Fenster gewesen.

Seine Freunde spotteten darüber und sagten ihm lachend, er kokettire mit seinem tiefen Nachdenken, mit seinem gänzlichen Unbeachtetlassen der ganzen übrigen Welt, – wenn aber an einer Straßenecke, sei es auch auf Tausend Schritte Entfernung, der lumpigste Junge seine Mütze schwenke, so sehe er das augenblicklich, halte es für eine Begrüßung und lüpfe respektvollst den Hut.

Daß der Baron gerne grüßte, das leugnete er selbst nicht. – – »Was wollt ihr!« sagte er, »ich bin einmal ein Mensch, der, das weiß ich ganz genau, keine glänzenden Eigenschaften, keine überraschenden Talente entwickeln kann; um aber nun Etwas zu haben, das mich vielleicht vor vielen andern Menschen auszeichnet, so befleißige ich mich einer musterhaften Höflichkeit und besitze eine außerordentliche Artigkeit.« – »Und ein eigens für Sie erfundenes Parfum,« hatten die Freunde lachend hinzugesetzt. – Worauf der Baron sehr wichtig erwiderte: »Das ist wahr –coeur de rose.«

So ging er denn auch am heutigen Tage sinnend dahin, ließ den Kastellplatz hinter sich, sah fast immer auf den Boden und warf nur hie und da einen Blick auf die Vorübergehenden und auf die Häuser zu beiden Seiten. Er durchschritt mehrere Straßen, wandte sich rechts, dann links und kam an einen andern Platz der Residenz, wo nämlich die eleganten und reichen Stadtviertel anfingen, deren zwei Hauptstraßen hier zu beiden Seiten in eines der größten Kaffeehäuser mündeten. Diesem Café gegenüber lag ein stattliches Gebäude – die Polizeidirektion.

Mit einem einzigen Blick überschaute der Baron den ziemlich großen Platz, als er in der Nähe des Café's wie immer scheinbar gedankenlos schlendernd, aus einer der Seitenstraßen heraustrat. Ihm gegenüber mußte aber plötzlich Etwas erscheinen, was seine ganze Aufmerksamkeit fesselte, denn er blieb mit einem Male stehen, [16] wandte sich und, um den ihm Begegnenden nicht aufzufallen, nach einem Bilderladen, wo er angelegentlichst ein paar Kupferstiche zu betrachten schien, in der That aber seine Augen fest auf die andere Seite des Platzes gerichtet hielt.

Dort befand sich ebenfalls ein eleganter Laden, und ein Strom von Menschen trieb bei ihm vorbei; es war das eine ziemlich wirre Masse von Fußgängern aller Art: Herren in Paletots, Damen in Mänteln, viele Regenschirme und viele Equipagen, die ab und zu fuhren und bald vor diesem, bald vor jenem Gewölbe hielten.

Während der Baron da stand und schaute, änderten sich seine Gesichtszüge in der gleichen Art wie vorhin im Salon des Grafen Fohrbach, nur mit dem Unterschiede, daß jetzt Entschlossenheit weniger vortrat, dagegen eine gespannte Aufmerksamkeit alle Muskeln seines Gesichtes zusammenzog.

Ohne unsere Hilfe wird der geneigte Leser unmöglich errathen, was der Baron so aufmerksam betrachtete, weßhalb wir es für unsere Schuldigkeit halten, diesen Gegenstand näher zu bezeichnen.

Zwischen dem Gewühl der Wagen und Fußgänger bemerken wir einen Bedienten in anständiger Livrée, ohne Regenschirm, den himmlischen Wassern trotzend, der anscheinend vollkommen sorglos und durchaus nicht eilig an den Häusern vorbei schleicht. Jetzt hatte er beide Hände in die Hosentaschen gesteckt, im nächsten Momente zog er sie hervor und legte sie auf dem Rücken zusammen. Dabei blieb er zuweilen einen Augenblick stehen, schaute an den Himmel hinauf und schien Etwas in Ueberlegung zu ziehen, worauf ihn das Resultat dieses Nachdenkens vorwärts trieb, denn er machte ein paar schnelle Schritte, um gleich darauf wieder nachdenkend stehen zu bleiben; endlich pflanzte er sich vor einem der Gewölbe auf, beschaute aber nicht die ausgelegten Waaren, sondern blinzelte nach der Polizeidirektion, die nur noch wenige Schritte vor ihm lag.

[17] Das Alles bemerkte der Baron vor dem Bilderladen und sprach leise zu sich selber: »Wenn der Kerl da einen Auftrag hätte, so würde er sich bei dem scheußlichen Wetter wahrscheinlich beeilen, da er aber auf Etwas zu spekuliren scheint und auf alle Fälle über Etwas nachdenkt, so will mir sein Herumschlendern dort bei dem verdächtigen Gebäude durchaus nicht gefallen. – Passen wir auf.«

Jetzt hatte der Lakai wieder einige Schritte gethan und befand sich an dem großen Eingang der Polizeidirektion. Er blieb hier abermals stehen, betrachtete das Haus von oben bis unten, blickte verstohlen in das Vestibul, las hierauf eifrig die an der Mauer aufgeklebten Anzeigen, dann setzte er einen Fuß auf die unterste Treppenstufe, zog ihn aber wieder zurück und schlich an dem Hause vorüber.

Der Baron athmete tief auf. – Jetzt aber ballte er krampfhaft die rechte Hand, streckte sich hoch empor und sein Auge blitzte; drüben war der Bediente wieder umgekehrt und nach abermaligem Zaudern nun in der Thüre des Polizeidirektions-Gebäudes verschwunden.

Einen Augenblick verharrte der Baron in der eben beschriebenen Stellung, dann biß er die Zähne über einander, nickte mit dem Kopfe und murmelte: »Das war ein glücklicher Zufall!« worauf er in das Kaffeehaus trat, eine Cigarre verlangte, eine Zeitung nahm und sich an die Thüre stellte; anscheinend in das Journal vertieft, blickte er fast jede Sekunde auf den Platz hinaus.

Er mußte nun eine gute halbe Stunde warten, bis der Lakai drüben wieder aus dem Gebäude heraustrat. – »Ich will nun sehen, wie er davon geht,« dachte der Baron, »schleicht er unentschlossen zurück, wie er gekommen, so ist vielleicht Nichts verloren; – wenn nicht – – ah! der Hallunke!« – Dieser Ausruf entfuhr ihm etwas lauter als er es gerade gewollt, da er bemerkte, wie der Bediente drüben förmlich die Treppe hinabstürzte und als werde er gejagt über die Straße dahin flog.

[18] Ein Paar harmlose Zeitungsleser in dem Kaffeehause, die das laute Wort des Barons vernommen, blickten erstaunt in die Höhe, schrieben es aber wohl einem Artikel zu, den der Baron in seinem Journal gelesen, denn dieser bezwang sich augenblicklich und schaute so harmlos in die Spalten, als interessire ihn sonst Nichts auf der ganzen weiten Welt; auch blieb er noch eine gute Viertelstunde an der Thüre stehen, worauf er ruhig von dannen ging und ebenso über den Platz schritt bis zum nächsten Fiakerstand. Dort setzte er sich in einen Wagen, gab dem Kutscher eine Adresse, forderte ihn auf, schnell zu fahren und befand sich kurze Zeit darauf an der Thüre seiner Wohnung.

Da wir später und zu gelegenerer Zeit dem Baron einen Besuch zu machen gedenken, so wollen wir uns jetzt nicht mit einer Beschreibung dieser Wohnung aufhalten, um so weniger, da der Herr des Hauses selbst außerordentlich eilig zu haben scheint. Schon auf der Treppe pfiff er auf eine eigenthümliche Art, worauf ein Bedienter herbeisprang und die Glasthüre aufriß, die in den ersten Stock führte. »Sogleich meinen Wagen!« befahl der Baron, indem er vorüberschritt und sich in sein Ankleidezimmer begab, wo ihn der Kammerdiener erwartete. Kurze Zeit nachher hörte man einen Wagen vorfahren, und als der Bediente die Meldung davon brachte, hatte sich der Baron bereits umgekleidet. Er trug einen eleganten einfachen Morgenanzug, ließ von dem Kammerdiener ein rothes Band in das Knopfloch befestigen, zog einen leichten Paletot an, und eilte ebenso geschwind die Treppen hinab, wie er hinaufgestiegen war.

»Nach der Polizeidirektion!« rief er dem Kutscher zu; das leichte Coupé flog davon und hielt kurze Zeit darauf vor dem uns bekannten Gebäude.

Von dem Gesicht des Barons war unterdessen jede Wolke verschwunden, und ein heiterer Sonnenschein lächelte aus allen seinen Zügen. Er schritt leicht und gewandt die breite Treppe [19] hinauf, die sich oben theilte und links zu den Kanzleien, rechts zu der Wohnung des Präsidenten führte. Die letztere Richtung nahm der Baron, und bei der großen Glasthüre angekommen, zog er ziemlich stark an der Klingel. Ein Bedienter, welcher öffnete, machte eine tiefe Verbeugung und führte ihn in einen eleganten Salon, wo er ihn mit den Worten allein ließ, er werde der gnädigen Frau augenblicklich den Besuch des Herrn Baron melden, und er zweifle auch nicht, daß die gnädige Frau sichtbar sei.

Das war denn auch der Fall; der Baron brauchte nur kurze Zeit zu warten, die er dazu anwandte, sich vor das Bild einer ziemlich hübschen und sehr wohlbeleibten Frau zu stellen, und dort wie in Entzücken versunken stehen zu bleiben. Endlich hörte er eine Thüre öffnen und fuhr mit einem halberschreckten: »Ah!« herum, als er das Original dieses Bildes erblickte, welches sanft lächelte, da es seine Verwirrung bemerkte.

Dieses Original, die Gemahlin des Polizei-Präsidenten, war nicht mehr ganz so hübsch wie das Portrait, wohl aber noch um Einiges beleibter. Sie verwandelte ihr sanftes Lächeln in ein freundliches, als ihr der Baron, den Hut in beiden Händen haltend, verbindlichst näher trat und mit Beziehung auf das Gemälde, bei dessen Anschauung man ihn ertappt hatte, ausrief: »Ah! gnädigste Frau, so oft ich eben das Bild betrachte, hasse ich unsern Künstler immer mehr; – was hätte er daraus machen können! – Ein so lohnendes Werk! – Doch schweigen wir von der Copie, da ich so glücklich bin, dem schönen Original die Hand küssen zu dürfen.« Darauf führte er die dicken Finger der Präsidentin an seinen zierlich zusammengezogenen Mund und ließ sich auf einen Fauteuil nieder, wohin ihm die gnädige Frau dankbarlichst winkte.

»Sie werden gewiß erstaunt sein, daß ich Ihnen schon wieder lästig falle,« sagte der Baron, nachdem er sich auf's Zierlichste gesetzt, mit einem süßen Lächeln; »aber es müssen schon vier Wochen sein, daß Sie die Gnade hatten, mich letztmals zu empfangen.«

[20] »Ei, Baron,« entgegnete lächelnd die Präsidentin, »es sind noch nicht acht Tage.«

»Unmöglich!« entgegnete er erstaunt. »Ich versichere Sie: volle vier Wochen.«

»Es war vergangenen Donnerstag,« beharrte sie freundlich lächelnd, »und heute haben wir Mittwoch, Da Sie meinen Worten nicht zu glauben scheinen, bester Baron, so will ich Auguste rufen lassen, die Ihnen gewiß genau sagen wird, wann Sie da waren.«

Der Baron verstand die zarte Anspielung der Mutter, doch schien ihm offenbar dieses Glück zu groß. Er athmete tief auf, schlug die Augen nieder und betrachtete angelegentlich seine lederfarbenen Handschuhe.

Die Präsidentin klingelte, und da ihre Tochter Auguste ganz zufälligerweise selbst kam, um sich nach ihren Befehlen zu erkundigen, so konnte sie gleich da bleiben, was sie denn auch nicht ohne einige sehr gut an den Tag gelegte Verwirrung that.

Auguste war ein hübsches blondes Mädchen von einigen zwanzig Jahren. – Als Mama ihre Entscheidung über den streitigen Fall von vorhin verlangte, schlug sie sanft die Augen nieder und sagte erröthend: »Sie waren in der That am vergangenen Donnerstag hier, Herr Baron.«

»Und ich dachte, es seien volle vier Wochen,« entgegnete er. – »Wie ist mir die Zeit so lange geworden!« setzte er leiser hinzu, indem er der Mutter eine Sekunde in die Augen sah und alsdann einen verheerenden Streifblick auf die Tochter warf.

Letztere antwortete mit einer vollen Lage aus ihren hübschen blauen Augen und wandte sich darauf scheinbar in Verlegenheit ab, doch manöverirte sie wie ein gut geführtes Kriegsschiff und lud nach dieser Bewegung ihre Geschütze zu einem neuen Angriff.

»So muß ich also doppelt um Verzeihung bitten,« sagte eifrig der Baron, »daß ich Sie heute schon wieder belästige.«

[21] »Ihre Besuche sind uns jeder Zeit angenehm,« versetzte die Mutter.

»Ah!« seufzte der Baron, indem er die Augen öffnete und schloß wie ein vollkommener Geck, »das ist in Ihrem Munde nur ein freundliches Kompliment; aber ich zähle Stunden und Tage, bis mir wieder das Glück zu Theil werden darf, mich nach Ihrer kostbaren Gesundheit erkundigen zu dürfen.«

»Und verzählen sich?« sprach lächelnd Auguste.

»Doch ohne meine Schuld,« antwortete der Baron und machte eine Bewegung, als wolle er die rechte Hand zierlich auf sein Herz legen und mit einem Blick, der deutlich sagte: Kann ich dafür, daß entfernt von Ihnen mir Tage zu Wochen werden? –

Es entstand hier eine kleine liebliche Pause. Der Baron schien in tiefes Nachdenken versunken, aus dem er jetzt aber empor fuhr und hastig sagte: »Aber mein jetziger Besuch, gnädige Frau, ist nicht ganz ohne Grund. Denken Sie sich, wir waren gestern Abend beim Grafen Fohrbach und es kam die Rede auf Ihre letzte Soirée. Natürlicherweise sprachen wir über elegante Toiletten, und darauf behauptete ich, Sie, gnädigste Frau, seien damals in einer veilchenblauen Atlasrobe mit weißen Camelien im Haar erschienen; Graf Fohrbach stritt für eine von Rosafarbe, und ich muß gestehen,« setzte er fast beschämt hinzu, »daß wir darüber eine kleine Wette eingingen. – Nun war ich vorhin drüben in dem Kaffeehause –«

»Gegenüber unserem Hause?« fragte Auguste lächelnd, und wir glauben, daß sie ein wenig erröthete.

»Ja, mein Fräulein,« erwiderte der Baron, indem er abermals die Augen niederschlug, »Ihren – Fenstern gegenüber.«

Worauf ihn wiederholt eine volle Lage ihrer Blicke traf.

Nachdem sich der Baron einigermaßen erholt, nahm er seine Rede wieder auf und lispelte: »Ich war also in dem Kaffeehause. – Ich bin oft dort. – Heute aber erwartete ich mit Ungeduld [22] die schickliche Stunde, um Ihnen meine Aufwartung machen zu können und Ihr Urtheil, unsere Wette betreffend, zu vernehmen. Da sah ich denn, daß mir Graf Fohrbach leider schon zuvorgekommen.«

»Graf Fohrbach?« fragte verwundert die Präsidentin. »Ich weiß Nichts von ihm; du auch wohl nicht, Auguste?« wandte sie sich an ihre Tochter.

»Er war nicht hier,« versicherte diese bestimmt.

»Nicht in Person,« sagte der Baron, setzte aber mit einem fast schmerzlichen Lächeln hinzu: »doch ich bin vielleicht indiskret. – Nein, nein, ich kann mich nicht irren, ich erkannte deutlich die Livrée des Grafen, der wahrscheinlich schriftlich um Ihre Entscheidung bat.«

»Theuerster Baron, da haben Sie falsch gesehen,« lachte die Präsidentin. »Wir Beide wissen von keinem Schreiben des Grafen Fohrbach,« setzte sie hinzu, nachdem sie ihre Tochter mit einem Blicke befragt.

»Es gibt allerdings Momente, wo man trüber als gewöhnlich sieht, zum Beispiel, wenn man zu lange in ein helles Licht geschaut,« versetzte der Baron mit Beziehung und in einem schwärmerischen Tone, »aber diesmal irre ich mich nicht: es war einer der Leute des Grafen, der ungefähr vor einer halben Stunde in Ihr Haus trat. Oh! ich habe die Thüre genau beobachtet.«

»Vielleicht hat der Graf an Papa geschrieben,« meinte Auguste mit einem kalten Blick auf das Nebenzimmer.

»Ich glaube nicht,« sagte die Präsidentin; »und wenn auch, doch gewiß nicht in Ihrer Angelegenheit.«

»Es wäre mir aber sehr interessant,« erwiderte der Baron, »das genau zu erfahren. Sie wissen, gnädigste Frau, wenn man einmal eine Wette eingegangen hat, so überwacht man gern alle Schritte seines Gegners, selbst die unschuldigsten.«

»Leichtsinnige junge Leute!« rief die Präsidentin, indem sie [23] schalkhaft mit dem Finger drohte. – »Wetten da auf die Camelien, die ich im Haar trage,« setzte sie sehr geschmeichelt hinzu.

»Wenn Sie wünschen, will ich Papa fragen,« sagte Auguste.

»Ja, ja,« meinte auch die Präsidentin, »das kann ja gleich geschehen. Laß dem Präsidenten sagen, der Herr Baron von Brand sei da; er wird sich gewiß ein großes Vergnügen daraus machen, auf einen Augenblick herüber zu kommen.«

»Aber wir stören ihn in seinen wichtigsten Amtsgeschäften,« sprach der Baron.

Worauf die Präsidentin sich verbeugend erwiderte: »Für einen Freund des Hauses hat mein Mann immer eine Viertelstunde übrig.«

Auguste ging hinaus, um den Papa zu benachrichtigen, und der Polizei-Präsident machte dem Worte seiner Gemahlin alle Ehre, denn er erschien fast augenblicklich, rieb sich vergnügt die Hände, und freute sich auf's Außerordentlichste, den angenehmen Besuch begrüßen zu dürfen.

23. Kapitel
Dreiundzwanzigstes Kapitel.
Räubergeschichten.

Der Polizei-Präsident war ein kleiner magerer Mann mit einem ernsten, dürren Gesichte, grauen stechenden Augen und einer langen Nase, mit welcher er sich übrigens viel zu thun machte. Er faßte sie häufig, zog sie bald rechts und bald links, und boshafte Spötter behaupteten, er steure damit seinen ganzen Körper, indem er zuerst immer die Nase gewaltsam in die Richtung brächte, welche [24] er einschlagen wollte. So viel war übrigens gewiß, daß er seine Richtung oft veränderte; stand dieser würdige Beamte aber einmal stille, so drückte er sanft an seiner Nase herum, als wolle er sie sich für künftige Dienste freundlichst geneigt erhalten.

Der Baron war aufgesprungen und machte dem Chef der Polizei ein tiefes, ehrerbietiges Kompliment, dann folgte ein freundschaftlicher Händedruck, dann die Bitte, sich gnädigst niederlassen zu wollen, mit dem Versprechen, es ebenso zu machen, worauf Beide in ihre weichen Fauteuils zurücksanken, der Präsident steif, in aufrechter Haltung, nachdem er zuvor seine Nase sanft befühlt, der Baron elegant, graziös, dabei schlaff und zusammengesunken: jeder Zoll ein vollkommener Roué.

»Ich hatte einen kleinen Streit mit den Damen,« sagte er mit niedergeschlagenen Augen, »den Sie, Herr Präsident, allein im Stande sind zu schlichten.«

»Der Baron behauptet nämlich,« ergriff die Präsidentin lachend das Wort, »der junge Graf Fohrbach habe heute Morgen an uns geschrieben; es betrifft eine Wette, die dich übrigens nicht interessirt. Wir versicherten den Baron, keinen der Leute des Grafen gesehen zu haben, er aber beharrte auf dem Gegentheil und behauptete am Ende, wenn wir Nichts davon wüßten, so habest du ein Schreiben des Grafen Fohrbach erhalten.«

»Von Seiner Excellenz dem Kriegsminister?« sagte nachdenkend der Präsident, indem er seine Nase tief herabzog. – »Habe Nichts von ihm erhalten.«

»Ach Gott! nein,« entgegnete seine Gemahlin, »von dem jungen Grafen, dem Adjutanten Seiner Majestät.«

»Von dem noch viel weniger,« erwiderte der Chef der Polizei. »Worauf gründen Sie Ihre Behauptung, bester Baron?« wandte er sich an diesen, wobei er seine Nase losließ, die nun ein paar Zoll in die Höhe schnellte.

»Auf meine beiden Augen,« erwiderte der Baron; »vor einer [25] halben Stunde sah ich die Livrée des Grafen in dieses Haus treten.«

»Ah! mein Bester, da haben Sie sich gewaltig geirrt,« sagte der Präsident; »es kam in der That ein Bedienter in Livrée in dieses Haus, aber er trug einen dunkelgrünen Rock, während die Leute des Grafen Fohrbach dunkelbraun, fast schwarz tragen.«

»Ah! – ah!« machte der Baron mit verblüfftem Tone, »dann habe ich mich gewaltig geirrt und ich bitte die Damen tausendmal um Verzeihung; dem Grafen Fohrbach habe ich in der That Unrecht gethan. Sprechen wir von was Anderem; wie gesagt, ich bitte inständigst um Verzeihung.«

»Und wer war denn eigentlich bei dir?« fragte die Präsidentin, deren Neugierde erregt war, ihren Mann, der in Nachdenken versunken schien und seine Nase auf der linken Seite kratzte.

»Das ist eine ganz eigenthümliche Geschichte,« antwortete er nach einer Pause, »eine ganz sonderbare Geschichte. – Läßt sich ein Bedienter bei meinem Sekretär melden und dieser bringt ihn zu mir. Wie gesagt, dunkelgrüne Livrée – amarant aufgeputzt und gelbe Knöpfe.«

Der Baron schüttelte nachdenkend und nachsinnend den Kopf. »Dunkelgrüne Livrée,« sagte er, »amarant und goldene Knöpfe. Wissen Sie auch bestimmt, Herr Präsident, daß es dunkelgrün und nicht dunkelbraun war, wie die Leute des Grafen Fohrbach?«

»O pfui, Baron! schämen Sie sich,« versetzte lachend die Präsidentin. »Sind Sie immer noch nicht überzeugt?«

»Vollkommen, meine Gnädigste; aber ich dachte eben darüber nach, welches Haus dunkelgrün mit Amarant und Gold hat, und ich kann nicht darüber in's Klare kommen. – Der Obersthofmeister hat dunkelgrün mit Gelb; der Herzog Alfred dunkelgrün mit Blau; die Herzogin Schwester die gleiche Farbe mit Violett, und das ist Alles. – Es muß das ein ganz obscures Haus sein.«

[26] »Das ist es auch,« erwiderte der Präsident und setzte seine Nase in Freiheit, da er mit der rechten Hand in die Rocktasche griff und daraus ein Papier hervorzog. »Die Livrée,« fuhr er fort, »die auch mir ganz unbekannt war – und das will viel sagen, denn auf der Polizei sind wir so ziemlich von allem Dem unterrichtet – gehört einem Herrn A., einem Privatmann, Rentier – was weiß ich? – kurz einem alten Herrn, der in seinem Hause vor dem E'schen Thore wohnt.«

»Richtig!« rief der Baron, indem er sich an die Stirne klopfte, »wie kann man so vergeßlich sein? Dem alten A. gehört die Livrée, – ganz recht! ganz recht! Nun, mein lieber Herr Präsident,« setzte er mit einem vergnügten Lachen hinzu, »wenn Sie mit dem in Verbindung treten, – denn ich entnehme Ihren Worten, daß Sie ihn noch nicht kennen – so werden Sie die Bekanntschaft eines ganz närrischen und sonderbaren Kautzes machen.«

»Ei, ei!« machte der Chef des Polizeidepartements, indem er ziemlich bedächtig drein schaute.

»Ein ganz eigenthümlicher und sonderbarer Kautz,« fuhr Baron Brand fort; »ein Original.«

»So, ein Original?« fragte lebhaft die Präsidentin. »Das ist mir interessant. Wir sind wohl nie mit ihm in Berührung gekommen?«

»Gewiß nicht, meine Gnädigste,« bemerkte der Baron, nachdem er vorher mit großer Aufmerksamkeit die Glieder seiner goldenen Uhrkette geordnet, die sich etwas verdreht hatten. »Gewiß nicht; es ist das ein Mann hoch in den Sechzigen, der selten aus dem Hause geht, Gesellschaften nie besucht, auch fast gar keinen Umgang hat. Sie werden bei seiner kleinen Villa vor dem E'schen Thor zuweilen vorbei gekommen sein; es ist das ein Gebäude ganz von dem Aussehen einer Festung en miniature, rings herum Gräben, dahinter Mauern, mit Eisen beschlagene Thore, kurz alle Apparate, um sich einen gewaltigen Feind vom Leibe zu halten.«

[27] »Ah! Das ist in der That merkwürdig,« sagte der Präsident. »Und was fürchtet der Mann in einem wohlgeordneten Polizeistaate, bei einer Gesetzgebung, die mit unnachsichtlicher Strenge die Verbrechen aufsucht und bestraft? – Ja, Herr Baron, ich kann Sie versichern: aufsucht und findet. Wollen Sie mir wohl glauben, daß von zwanzig Morden im vergangenen Jahre die betreffenden Thäter eingefangen wurden?«

»Mit dem größten Vergnügen glaube ich das,« erwiderte der Baron mit sanfter Stimme. »Aber als sie die Thäter einfingen, waren die Mordthaten alle geschehen.«

»Allerdings,« sprach der Chef der Polizei mit einiger Entrüstung, »es versteht sich von selbst, daß die Frevelthaten geschehen waren; und das war an sich sehr gut, denn die Polizei muß doch, was das Einfangen anbelangt, in der Uebung bleiben.« Und bei diesen Worten ergriff er abermals seine unglückliche Nase und zog sie tief herab, wobei seine Augen so vergnüglich glänzten, als habe er eben einen Kapitalverbrecher eingefangen. »Ich denke darin wie jener berühmte englische Staatsmann, der, wie Sie wissen, sagte: wenn es im Parlament keine Opposition gäbe, so würde ich mir eine kaufen. – Und wenn es bei uns keine Diebe und Mörder gäbe, so würde ich mir à tout prix welche anschaffen, denn sie sind der Schleifstein, auf welchem der Eifer der Beamten, um mich richterlich auszudrücken, stets scharf und blank erhalten wird.«

»Ah, Papa, das sind ja schreckliche Grundsätze!« meinte Auguste, während sie den Baron von der Seite anblickte.

Dieser erwiderte lächelnd: »O, seien Sie unbesorgt, mein Fräulein, vorderhand braucht Papa dergleichen nicht zu kaufen, es gibt noch genug davon im Lande, und ist auch noch nicht Alles entdeckt, das kann ich Sie versichern; die Polizei hat immer und vollauf zu thun; nicht wahr, Herr Präsident?«

Dieser nickte ernst und bedeutsam mit dem Kopfe, worauf [28] seine Gemahlin sagte: »Aber mit euren Räuber- und Mordgeschichten erfahren wir nimmermehr, welche Art von Original der Herr A. ist! – Baron, seien Sie so artig und erzählen Sie uns das.«

Der Herr von Brand hatte unterdessen durch verschiedene brennende Blicke mit der Tochter des Hauses scharf geplänkelt, und sein Feuer war lebhaft erwidert worden, ja er hatte schon eine kleine Pantomime riskirt, indem er seine rechte Hand sanft auf die Stelle des Herzens legte, worauf sie die Augen niederschlug, fast ein klein wenig erröthete und einen stillen Seufzer mühsam unterdrückte. Man sah das an der heftigen und dann plötzlich unterbrochenen Hebung ihres Busens.

»Ja so!« erwiderte der Baron auf die Frage der Präsidentin, indem er plötzlich aus einem tiefen Traume aufzuwachen schien, »ja so, – richtig – vom Herrn A., Räubergeschichten glaube ich. – Ah! Das hätte ich beinahe rein vergessen.«

»Nein, keine Räubergeschichten, bester Baron,« sagte die Präsidentin mit einem zweifelhaften Lächeln, »Sie wollten von den Seltenheiten dieses Herrn erzählen.«

»Ja, darin kommen auch Räubergeschichten vor,« erwiderte der Baron mit einer graziösen Verbeugung.

»Ei der Tausend!« sprach aufmerksam der Präsident und ließ seine Nase wieder so hastig los, daß sie augenblicklich empor schnellte und zu schnüffeln anfing, als wittere sie arme Sünder.

»Räuber und Mörder,« fuhr Herr von Brand fort, »aber – nur in der Phantasie. Stellen Sie sich nämlich vor, meine Damen, dieser Herr A., ein reicher Kapitalist, kann nun einmal von der Idee nicht loskommen, man laure ihm den ganzen Tag auf, man wolle ihn um's Leben bringen, man wolle sein Geld rauben. Auf jedem Schritte fürchtet er Räuber und Mörder; deßhalb ist sein Haus mit Graben und Mauer umgeben und deßhalb hat dieser arme Mann bei Tag und Nacht keine ruhige [29] Minute, er vertraut Niemand den Schlüssel zum Hof- und Hausthor an; so oft es klingelt, öffnet er selbst, und sowie es anfängt dunkel zu werden, bewaffnet er sich und seine Bedienten und macht drei-bis viermal des Nachts eine förmliche Patrouille durch das ganze Gebäude. Er hat alsdann einen Säbel umgeschnallt, ein paar Pistolen im Gürtel stecken; sein Bedienter trägt ein Gewehr sowie eine Laterne an einer langen Stange, und so ziehen sie denn vom Keller bis hinauf auf den Söller und untersuchen jeden finsteren Winkel, jeden Riegel, jedes Schloß.«

»Ja, ja, – so, so,« machte lächelnd der Präsident; »ich glaube, mir geht ein Licht auf.«

»Es ist auffallend,« fuhr der Baron in gleichmüthigem Tone fort, »wie eine solche Furcht vor Räubern und Mördern ansteckt.«

»Doch Sie nicht?« fragte die Präsidentin.

»O meine gnädige Frau, ich für meine Person wäre beinahe zur Furchtsamkeit geneigt, aber ich kenne das Schalten und Treiben unserer vortrefflichen Polizei und bin deßhalb äußerst ruhig. – Aber nein, ich wollte Ihnen nur sagen, daß ein solches Beispiel der Furchtsamkeit auf sehr merkwürdige Art schwache Charaktere mit ergreifen kann. Als ich nämlich vor zwei Jahren hier war, bekam ich zufällig einen Bedienten, den jener Herr A. entlassen; es war dies ein ganz brauchbarer und tüchtiger Mensch, bis auf seine Furcht vor Räubern und Mördern. Darin hatte ihn das Beispiel seines früheren Herrn so verdorben, daß ich fast einen andern Burschen gebraucht hätte, um jenem bei Tag und Nacht Gesellschaft leisten zu lassen. Sobald es dunkel wurde, scheute er sich, allein über Korridore und Treppen zu gehen. Da er aber, wie gesagt, sonst ein ordentlicher Mensch war, so nahm ich ihn über diese Lächerlichkeiten vor und versuchte es, sie ihm auszureden. – Umsonst! Sein früherer Herr hatte die Phantasie des Burschen systematisch mit Räubergeschichten vollgepfropft, wie man einen Kettenhund, um ihn schärfer zu machen, dadurch [30] reizt, daß man von außen an's Hofthor oder an seine Hütte schlägt.«

»Und er glaubte an diese Räubergeschichten?« fragte sehr aufmerksam der Präsident.

»Vollkommen; in seiner Phantasie existirte eine ganze wohlorganisirte Räuberbande, die sollte ihren Sitz – ich weiß nicht mehr wo – haben, und von der fabelte er mir ein Langes und Breites vor.«

»Ganz dieselbe Geschichte,« sagte der Präsident, wobei er seinem Riechwerkzeuge mehrere zärtliche Nasenstieber gab.

»Ich mußte ihn entlassen,« fuhr Herr von Brand fort, ohne, wie es schien, auf jene Worte zu achten. »Er hätte mir die ganze Dienerschaft angesteckt, ja es war das ganz eigenthümlich, bei diesem Menschen complet zur fixen Idee geworden. Wenn er mit dem Wagen vor irgend einem Laden hielt, so konnte er mir sagen, während er den Schlag öffnete: Sehen Sie, Herr Baron, hier oder dort das schlechte Gesicht; der gehört auch mit dazu.«

»Und ließen Sie sich von ihm nie einen Ort nennen, von dem er glaubte, dort könne die Räuberbande ihren Sitz haben?«

»O ja! – Und darin hatte er eine lebhafte Phantasie; da nannte er mir scheinbar verdächtig aussehende Orte und Winkel, irgend ein einsames Haus in einem stillen Stadtviertel, oder eine halb verfallene Schenke vor den Thoren. Ich weiß das nicht mehr so genau; ich habe die Details vergessen.«

Der Polizeipräsident streckte sich würdevoll in die Höhe, schaute einen Augenblick an die Decke, dann sagte er: »Ja, es ist kein Zweifel: ganz dieselbe confuse Geschichte. – Aber es ist doch höchst merkwürdig.«

Der Baron schien die Worte des Papa's gar nicht zu beachten, sondern beschäftigte sich häufig mit der Tochter, deren Sitz er durch allerhand kleine Manöver mit seinem Fauteuil Zoll um Zoll näher rückte. Bald ließ er einen Handschuh fallen, und um [31] ihn zu erreichen, mußte er seinen kleinen Lehnstuhl ein wenig vorrollen, bald suchte er während des Sprechens ein Gemälde an der Wand aufmerksam zu betrachten, und um das thun zu können, brauchte er nur eine für seine Zwecke entschieden günstige Bewegung zu machen.

»Es scheint wohl heute einmal der Tag der Geschichten zu sein,« sagte neugierig die Präsidentin zu ihrem Gemahl. »Was ist denn das, worauf du anspielst?«

»Dasselbe, was der Baron soeben erzählte,« erwiderte der Beamte, indem er das Papier, welches er vorhin aus der Rocktasche genommen, langsam entfaltete. »Wie schon gesagt, da kommt heute Morgen ein Bedienter zu meinem Sekretär auf die Kanzlei –«

»Ah! der in der Livrée: dunkelgrün, amarant ausgeputzt mit gelben Knöpfen! – Ich vergesse so was nicht: aber Sie müssen mir zu meiner Entschuldigung eingestehen, daß sie der des Grafen Fohrbach auffallend ähnlich sieht. – – Doch verzeihen Sie, Herr Präsident,« unterbrach der Baron sich selbst, »tausendmal bitte ich um Entschuldigung; – Sie wollten eine Mittheilung machen?«

»Allerdings; dieser Bediente also läßt sich bei meinem Sekretär melden, thut anfänglich sehr verlegen und spricht endlich von einer weitverzweigten Räuberbande in hiesiger Stadt.«

»Der Bediente des Herrn A.?« rief lachend der Baron. »Sehen Sie, meine Damen, das ist also in dem Hause noch immer dieselbe Wirthschaft, – eine wahre Manie.«

»Ich muß gestehen«, fuhr der Präsident fort, »daß sowohl mir wie meinem Sekretär diese Angabe eigentlich komisch erschien. – In hiesiger Residenz, wo wir die Zügel des Gesetzes mit Kraft und Umsicht führen, sollte sich eine Bande wohl organisirt und fast unsichtbar aufhalten können! – Lächerlich! – Aber dieser Mensch beharrte so fest und entschieden auf seiner Angabe, wollte uns so genaue Beweise vorlegen, ja machte sich anheischig, uns das Haupt [32] jener Spitzbubenbande in die Hände zu spielen, daß es uns ordentlich stutzig machte.«

»Sehen Sie diese Phantasien!« rief lachend der Baron. »Ja wahrhaftig, man sollte diesem Herrn A. alle Dienerschaft verbieten; er macht aus den armen Teufeln complette Narren.«

»Ja, ich glaube auch, daß es diesem Kerl nicht recht im Kopfe war; er verlangte zweitausend Gulden und dann wollte er uns den Ort, die Zeit der Zusammenkünfte, Alles auf's Bestimmteste angeben; natürlich habe ich darüber nicht zu verfügen, und müßte zuerst an die vorgesetzte Behörde berichten.«

»Was du aber jetzt nicht thun wirst,« sprach ziemlich entrüstet die Präsidentin; »man könnte ja in die Gefahr kommen, sich vollkommen ridicul zu machen.«

Der Präsident zuckte mit den Achseln. »Es wäre wahrhaftig geschehen,« sagte er, »ohne die interessanten Mittheilungen des vortrefflichen Barons; ich war eigentlich von Anfang nicht dafür; die Sache zu beachten, aber mein Sekretär meinte das Gegentheil.«

»Ueberflüssiger Diensteifer der Subalternen!« sprach wegwerfend die Präsidentin.

Der Baron zuckte beistimmend mit den Achseln.

»Er wollte ihn sogar da behalten,« fuhr der Chef der Polizei fort, »ich aber, der die Lächerlichkeit dieser Angabe halb und halb durchschaute, begnügte mich damit, ihn seinen Namen und Wohnort auf dies Papier schreiben zu lassen und schickte ihn seiner Wege, wobei ich ihm anbefahl, er solle morgen wieder kommen.«

»Ohne mich im Geringsten in den Gang Ihrer Geschäfte mischen zu wollen,« sagte der Baron mit einer ehrerbietigen Handbewegung, »muß ich mir doch erlauben, Ihrer Handlungsweise vollkommen beizupflichten. Es würde den alten Mann draußen unsäglich alterirt haben, wenn sein Bedienter so plötzlich verschwunden wäre; es hätte seiner traurigen Phantasie von Räubern und Mördern neue Nahrung gegeben.«

[33] »Das war auch meine Idee,« erwiderte der Präsident, »weßhalb ich glaube, Alles auf's Beste arrangirt zu haben. Hier ist das Papier, lesen Sie, Baron! Kommt der Bursche morgen wieder, so wollen wir ihm allerdings etwas genauer auf den Zahn fühlen, und sollten wir darauf hin uns weiter mit ihm einlassen, so wäre es nur, daß er neue und glaubwürdige Angaben machte.«

»Woran ich sehr zweifle,« antwortete der Baron, während er mit gleichgiltiger Miene das Papier in die Hand nahm. Doch zuckten seine Finger fast unmerklich, als er es nun öffnete. – »Ja, ja,« sagte er, »das ist die ungebildete Handschrift eines Bedienten, und die Adresse auf's Genaueste angegeben, auch beigefügt, auf welche Art man ihn benachrichtigen könne, ohne daß sein Herr Etwas merkt. In der That, ich fürchte auch, der Verstand dieses Burschen hat einigermaßen noth gelitten.«

»Lassen Sie das Papier sehen«, sagte die Präsidentin und streckte die Hand darnach aus.

Der Baron reichte es ihr auf die graziöseste Art, doch folgte sein blitzendes Auge scharf beobachtend allen ihren Bewegungen und seine Zähne preßten sich unwillkürlich aufeinander, als sie das Papier, nachdem sie es gelesen, zusammen knitterte und Miene machte, es in den lodernden Kamin zu werfen.

Der geneigte Leser muß schon unseren Worten glauben, daß dies ein qualvoller Moment für den Herrn von Brand war. Obgleich sein Gesicht die größte Gleichgiltigkeit affektirte, so wagte er doch kaum zu athmen und fühlte sich in die größte Spannung versetzt; glücklicherweise aber hielt Auguste die Hand ihrer Mutter auf, entnahm ihr das Papier und faltete es langsam auseinander, um es ebenfalls zu lesen. Hiebei durfte der Baron ungezwungen ihre kleinen weißen Hände betrachten, die das unglückselige Blatt hielten, sowie dem Lauf ihrer Augen folgen, welche die harten Schriftzüge durchliefen. Nachdem sie gelesen, knitterte sie das Papier ebenfalls zusammen, warf es aber nicht [34] in den Kamin, sondern ließ es achtungslos neben sich auf den Teppich fallen.

Der Baron blickte mit gierigem Auge darauf hin, indem er mit Sehnsucht auf eine glückliche Gelegenheit lauerte, den kleinen Knäuel an sich zu bringen. Doch ließ sich dies nicht leicht ohne Aufsehen thun, er hätte zwischen Vater und Mutter hindurch schlüpfen oder es sich noch einmal zur Ansicht reichen lassen müssen; und dies gab seine Klugheit nicht zu.

Unterdessen hatte sich auch sein Besuch über die gewöhnliche Zeit ausgedehnt und er mußte fürchten, dem Präsidenten beschwerlich zu fallen. Indessen half ihm sein gutes Glück über diese Klippe hinweg.

»Sie werden mir verzeihen,« sagte nämlich der alte Herr, »daß ich Sie verlassen muß, aber meine Geschäfte rufen mich in die Kanzlei. Es ist meine Stunde, wo ich den Rapport der verschiedenen Polizei-Kommissäre empfange; bleiben Sie aber ruhig bei den Damen. Ich glaube nicht, daß ihr etwas Besonderes vorhabt.« – Dabei sah der Chef der Polizei seine Frau an, und der Baron warf auf Auguste einen der glühendsten Blicke, den er aufwenden konnte, worauf Beide wie aus einem Munde sagten, daß sie sich außerordentlich geschmeichelt fühlten, wenn der liebenswürdige Freund des Hauses sie noch einige Zeit so vortrefflich unterhalten wolle wie bisher.

Der Präsident erhob sich ernst und würdevoll, seine Finger glitten von der Nase herab, als er seine Hand dem Baron zum Abschied reichte.

Dieser sprang elastisch in die Höhe, versicherte, er verdanke dem Präsidenten eine angenehme Morgenstunde, werde aber nächstens um dieselbe Zeit wieder kommen, – »wenn es mir nämlich,« setzte er hinzu, »einmal erlaubt wäre, höchst indiskret zu sein.«

Der Präsident sah ihn fragend an.

»Es ist kindisch, was ich da sage,« fuhr der Baron lachend [35] fort. »Aber es würde mich auf's Höchste interessiren, wenn es mir vergönnt wäre, einmal so einem Polizeirapporte beizuwohnen. Da müssen doch ganz merkwürdige und seltsame Dinge zu Tage kommen.«

»Gewiß,« versetzte der Chef der Polizei, »dieser Rapport ist zuweilen sehr interessant; man könnte ganze Romane daraus zusammen stellen. Wenn Sie in der That einmal anwohnen wollen, so soll es mir ein großes Vergnügen machen. – Ich werde Sie alsdann den Beamten,« setzte er lächelnd hinzu, »als einen neuen geheimen Sekretär vorstellen.«

»Zu viel Ehre und Glück für mich, Herr Präsident,« erwiderte der Baron. Doch wenn er auch die Worte an den Papa richtete, so sah er doch dabei die Tochter mit einem innigen Blicke an. – »Aber ich halte Sie beim Wort; nächstens wird sich Ihr geheimer Sekretär bei Ihnen melden.«

»Abgemacht!« sprach der Präsident mit freundlicher Geberde, aber einem ziemlich steifen Kopfnicken und verließ dann den Salon.

24. Kapitel
Vierundzwanzigstes Kapitel.
Papier und Schlüssel.

Der Baron war eine kleine Weile neben seinem Fauteuil stehen geblieben, nun aber wandte er sich geschickt gegen die Kaminecke, wobei er zur Präsidentin gewendet sagte: »Ich weiß wahrhaftig nicht, gnädige Frau, wie es kommt, aber wenn ich einmal in Ihrem Hause bin, so wird es mir schwer, dasselbe zu verlassen; es ist hier Alles so zuthunlich, so heimlich, – gewiß, ich darf nur [36] selten kommen, denn sonst müßte ich befürchten, Ihnen überlästig zu werden.«

Bei diesen Worten hatte er sich mit dem Rücken gegen das Kamin gestellt; vor ihm saß Auguste, zu deren Füßen der kleine Papierknäuel lag. Er hätte ihn mit der Spitze seines Stocks erreichen können.

In diesem Augenblicke trat ein Bedienter ein und meldete eine Frau von B., welche der Präsidentin aufzuwarten wünsche.

»Ah! jetzt muß doch geschieden sein,« sagte seufzend Herr von Brand und schlug die Augen nieder, um sie gleich darauf mit einem unaussprechlichen Ausdruck zu Auguste zu erheben. – Er mußte jenes Papier mit sich fortnehmen, mochte es kosten was es wolle, ja er war schon im Begriff, als letztes Mittel sich ohne Weiteres darnach zu bücken und es aufzuheben, als Auguste bei einer kleinen Wendung des Fauteuils ihren zierlichen Fuß darauf setzte.

Die Präsidentin war rasch aufgestanden, um den neuen Besuch zu empfangen, und sagte zu ihrem Gaste: »Bleiben Sie ja, Baron, bleiben Sie ohne Umstände, ich kann die Damen im Nebenzimmer empfangen, wenn du es nicht vielleicht vorziehst, Auguste, unserem Freunde im Kabinete deine Zeichnungen und Blumen zu zeigen.«

Nun würde der Baron zu jeder andern Zeit sich Nichts daraus gemacht haben, die Zeichnungen und Blumen anzuschauen; aber wenn er in diesem Augenblicke den Salon verließ, so war jenes Papier, jetzt unter dem Fuße des jungen Mädchens, für ihn verloren, weßhalb er um jeden Preis bleiben mußte. – »Wenn mir Fräulein Auguste erlaubt,« sagte er so herzlich und verbindlich als möglich, »und mich für würdig hält, ihre herrlichen Zeichnungen und Blumen zu sehen, so werde ich mir dafür morgen eine eigene Stunde ausbitten. – Sie sehen, wie unbescheiden ich bin, doppelt unbescheiden, da ich, trotzdem sich Ihnen ein neuer Besuch ansagt, [37] doch noch zaudere, Ihren freundlichen Salon zu verlassen. – Aber ich muß wohl.« Dies letzte Wort begleitete er mit einem tiefen Seufzer und warf dabei einen solch schwermüthigen Blick auf das junge Mädchen, daß dieses ordentlich zusammen schrak und ihre Augen auf den Boden herabsenkte.

Die Präsidentin dagegen lächelte äußerst freundlich bei diesen Worten und verließ den Salon, indem sie eifrig sprach: »Ich versichere Sie, Baron, Sie erzeigen mir eine wahre Freundschaft, wenn Sie noch einige Zeit bei uns verweilen; der Besuch daneben wird mich nicht lange aufhalten, ich werde gleich wieder da sein.«

Nachdem sich die Thüre hinter der Präsidentin geschlossen, warf Herr von Brand einen forschenden Blick im Zimmer umher; und er that das auf so auffallende Weise, damit Auguste sehe, er schaue nur um sich, um zu erfahren, ob sie auch wirklich recht allein seien. Dabei dachte er: »Ich habe vielleicht zehn Minuten Zeit, bis Madame zurückkehrt, während derselben muß ich ohne Aufsehen das Papier erobern, koste es mich selbst eine Liebeserklärung.« – Er verließ seinen Platz, setzte sich in den Fauteuil des Papa's und brachte denselben durch eine geschickte Wendung in die Nähe des Kamins, dem Augustens dicht gegenüber.

In dem Gespräch entstand eine kleine verlegene Pause, welche übrigens der Baron dazu benützte, dem jungen Mädchen schwärmerisch in die Augen zu blicken.

Sie erröthete leicht und griff ein Gespräch gewaltsam wieder auf.

»Sie erwähnten vorhin einer Wette,« sagte sie, »ich glaube, es betraf die Farbe der Camelie, welche Mama bei der letzten Soirée in ihrem Haare trug. Sie haben auf Weiß gewettet, Graf Fohrbach auf Rosa; er hat gewonnen: Mama trug allerdings eine Rosacamelie.«

»O ich wußte das, Fräulein Auguste,« erwiderte er und spielte befangen mit dem Knopfe seines Stockes; »ich wußte ganz [38] genau, wer in dem schönen blonden Haar eine weiße Camelie trug. – Ich muß es Ihnen gestehen – es war in dem Augenblick nur der Wunsch, ja das Bedürfniß meines Herzens, von Ihrem Hause, von Ihrer Mutter, von – Ihnen ohne Verdächtigung reden zu können, was mich veranlaßt, jene Wette einzugehen. – Sie, Fräulein Auguste, trugen eine weiße Camelie. Wie könnte ich so etwas vergessen!«

»Es ist wahr,« entgegnete das Mädchen, indem sie die Augen niederschlug, »ich trug eine solche Blume.«

»Und während der letzten Française entfiel derselben ein einziges kleines Blättchen,« fuhr der Baron inniger fort, »das ich – niederfallen sah,« verbesserte er seine Rede, welche dem Blicke nach, von welchem sie begleitet war, hätte heißen müssen: »das ich aufhob und nun, obgleich verwelkt, auf meinem Herzen verwahre.«

Auguste hatte übrigens diesen Blick verstanden und seine Rede richtig ergänzt, denn als sie nun scheu und erröthend zu ihm aufblickte, wurde ihre Brust offenbar von einem kleinen, aber süßen Seufzer geschwellt.

»So angenehm jener Ball Anfangs für mich war,« sagte der Baron nach einer kleinen Pause, »so fühlte ich mich doch im Verlauf desselben – ich kann es nicht läugnen – auf's Schmerzlichste berührt. War es mir doch nur möglich, von Ihnen, theuerstes Fräulein, zwei Walzer, eine Française und eine Mazurka zu erhalten; ach! und ich hatte gehofft, so den ganzen Abend mit Ihnen dahinzufliegen! – Gewiß, Auguste, ich habe da schreckliche Stunden verlebt, und Sie fühlten das nicht einmal. Sie sahen es nicht, wie ich in einer Ecke des Salons stand, wie Ihnen meine Augen folgten, während Sie so froh dahin flogen, Sie ahnten nicht, daß ich etwas Ungeheures darum gegeben hätte, wenn Sie nur ein einziges Mal den Kopf gewandt, wenn Sie mir, dem ferne Stehenden, nur einen einzigen Ihrer süßen Blicke geschenkt hätten.«

[39] Während der Baron diese Worte sprach, beugte er sich vorn über, so daß der Hauch seines Mundes ihre Stirne berührte. Auch faßte er bei den letzten Worten eine ihrer Hände, hob sie sanft empor und drückte sie fest, innig und zu wiederholten Malen an seine Lippen.

Das Mädchen schrak zusammen, ihr Körper zuckte sichtlich, und dabei zog sie den linken Fuß, der bis jetzt auf dem Papier gestanden, zurück, während sie zu gleicher Zeit das erröthende Gesicht gegen den Boden wandte. – Vielleicht um ihre Verlegenheit zu verbergen, vielleicht auch um ihre Hand auf schickliche Art denen des Barons entziehen zu können, beugte sie sich hastig vorn über, ihre Blicke suchten irgend einen Gegenstand, und da sie zufällig vor sich das bewußte Papier erblickte, so bückte sie sich schnell darnach, hob es auf, glättete es auf ihrem Knie und legte es alsdann zu einem langen Streifen zusammen, den sie sich langsam um den Finger wand.

Während dieser bedeutungsvollen Pause hatte indessen Herr von Brand seine Zeit nicht verloren. Er rückte seinen Fauteuil noch etwas näher zu dem Mädchen hin und legte seinen Arm geschickt auf die Lehne des Stuhles, von wo er nur langsam herabzusinken brauchte, um genau die Stelle ihrer feinen Taille zu treffen. Dabei blickte er ihr von unten herauf sanft lächelnd in die Augen, und während er natürlicherweise für seine Kühnheit von vorhin – ihr nämlich die Hand geküßt zu haben – um Verzeihung bat, beging er eine noch weit größere, da sie nicht sogleich eine Antwort gab, indem er seine Hand ihrem Kinne näherte und ihren Kopf ganz leise hob und aufwärts wandte; und er that das mit einem Blicke voll Innigkeit und Liebe. – – Dem konnte das Mädchen nicht widerstehen, weil sie hiezu nicht den festen Willen hatte, doch schlug eine tiefe Röthe auf ihrem Gesicht empor, als sie ihm, doch nur eine Sekunde lang, fest in die glühenden Augen schaute. Aber sein Blick war so feurig, daß er unmöglich zu ertragen war, weßhalb[40] denn auch das Mädchen mit einem leichten Seufzer ihre Augen schloß in der festen Ueberzeugung, es schließe nun auch ihr Leben mit einem süßen Ende oder es geschehe ihr sonst etwas Schreckliches. – Und so war es auch; denn kaum schloßen sich ihre Augen, so fühlte sie den weichen Druck zweier fremden Lippen auf den ihrigen und ein unnennbares Gefühl durchzuckte sie so heiß und stürmisch, daß sie in der That einer halben Ohnmacht nahe war.

Wie schon oben angedeutet, hatte der rechte Arm des jungen Mannes die Lehne des Fauteuils zur gelegenen Zeit verlassen, hatte sich um ihren schlanken Körper gelegt und drückte sie leicht auf die Seite, während seine linke Hand langsam ihre rechte erhob, – dieselbe rechte Hand, um deren Zeigefinger sie das bewußte Papier geschlungen hatte. Als der Baron so diese Hand erhob, that er es gewiß nur in der Absicht, um zuerst die kleinen niedlichen Fingerspitzen zu küssen, und darauf das gleiche Geschäft bei den seinen Grübchen auf den Knöcheln zu versehen. Begreiflicherweise mußte er zu diesem Zwecke den Papierstreifen abwickeln, was er denn auch muthwillig, scherzend that. Auguste, die nun das A des Liebesalphabets glücklich hinter sich hatte, ging, wenn auch mit feuchten Augen gerne durch diesen Scherz auf das B über, ja sie lächelte recht freundlich, als nun der Baron das Papier neckend um jeden einzelnen Finger wickelte, diesen darauf küßte und es dann wieder entfernte. Das war ein recht harmloses Spiel, das auch ziemlich lange fortgesetzt wurde; bald aber verschwand der Streifen gänzlich von der Hand und alsdann begnügte sich der junge Mann nicht mehr damit, daß er die Hand küßte, sondern er wandte sich nun an den Arm und avancirte dort über glattes Gold und kalte Steine hinweg und so weit hinauf, bis undurchdringliches Spitzengewebe und ein anschließender seidener Aermel seinen weiteren Forschungen für diesmal ein Ziel setzten.

Es ist wunderbar, wie ein erster gelungener Kuß im Stande ist, so viele bis dahin unübersteigliche Schranken zu Boden zu [41] werfen, wie er weite Klüfte ausfüllt, die uns bis dahin trennten, wie er eine Vertraulichkeit hervorzuzaubern vermag, an die man bis dahin in seinen kühnsten Träumen nicht gedacht. Das geht im Allgemeinen so und man sah es auch in diesem speziellen Falle; Auguste zog ihre Hand nicht mehr zurück, sondern ließ sie in der des Barons ruhen, auch schloß sie ihre Augen nicht wieder, sondern sah den jungen Mann, der an ihrer Seite saß, zuweilen recht forschend und fest an, warf auch wohl zuweilen einen Blick auf die Thüre des Nebenzimmers, durch welche die Mama verschwunden war.

»Wir haben nun zusammen ein kleines, theures und liebenswürdiges Geheimniß,« sagte der Baron schmeichelnd, indem er ihre Hand an seine nun wirklich brennende Stirne legte. »Bewahren wir es noch für eine kurze Zeit, Auguste, lassen wir es noch eine Weile verborgen vor den Augen der übrigen Welt, uns freuend, daß wir Beide Etwas gemeinschaftlich besitzen, von dem die Uebrigen keine Ahnung haben. O, eine solche Heimlichkeit ist so süß, mein Mädchen; es gibt nichts Seligeres, als so im Gewühle der Welt scheinbar fremd an einander vorbei zu streifen, wo doch ein Blick, ein leiser Druck der Hand, ein verstandenes Wort deutlich spricht und vollständige kleine, liebe, heimliche Geschichten erzählt, während wir öffentlich einem langweiligen Gespräch zu lauschen scheinen.«

»Gewiß, gewiß,« versetzte Auguste, »ich freue mich darauf.«

»Und jetzt brauche ich nicht mehr mit tiefem Weh im Herzen von ferne zu stehen, wenn du im Arme anderer Tänzer an mir vorüberfliegst, mein süßes Kind. Ja, ich werde sogar glücklich sein, wenn sie dir schön thun, wenn ich sehe, daß sie in deiner Gunst Fort schritte zu machen scheinen, während ich doch weiß, daß die – mir Glücklichem ganz allein gehört. – Und dann wirst du auch zuweilen den Kopf nach mir wenden, wirst mir einen kleinen, kleinen Blick schenken. Nicht wahr, meine liebe, süße Auguste?«

[42] »Ja, ich werde das thun und werde es gern thun,« entgegnete das Mädchen. Und dabei senkte sie ihren Kopf etwas auf die Seite, wodurch es ihm möglich gemacht wurde, sie leicht auf die Stirne zu küssen.

Der Baron hatte noch immer ihre Hand mit der seinen gefaßt, und beide ruhten auf ihrem Schooße auf der kühlen Fläche des glatten Atlaß, womit sie bekleidet war. An dem Gürtel trug das Mädchen eine Chateleine von polirtem Eisen, deren Ende mit den vielen bekannten Kleinigkeiten versehen auf ihrem Knie ruhte. Zuweilen ließ der Baron ihre Hand los und faßte die glänzenden Kettchen an, die er leicht aufhob, um dann ein paar Sekunden lang mit dem Fingerhut, der Scheere, dem kleinen Büchlein und anderen Sachen, die daran hingen, zu spielen.

Nach Augenblicken, wie der vorhergegangene, ist es angenehm, sinnend und betrachtend stillschweigen zu dürfen, oder Fragen über gleichgiltige Dinge zu stellen, die aber, in einem gewissen unbeschreiblichen Tone gestellt, liebenswürdig neckend und mit zärtlichem Ausdrucke der Stimme beantwortet werden.

»Ah!« sagte der Baron nach einer Pause, »was ist das für ein Schlüssel? – Aber gestehen Sie mir die Wahrheit, Auguste; er ist zu groß, als daß er zu irgend einem Necessaire oder Kästchen einer jungen Dame gehören könnte.«

»Das ist mein Geheimniß,« entgegnete sie schalkhaft, »und ich werde es Ihnen unter keiner Bedingung anvertrauen.«

»Jetzt gerade verlange ich es zu wissen. Sie haben meine Neugierde erregt und die muß befriedigt werden. – Nehmen Sie sich in Acht, Auguste,« setzte er sie zärtlich anblickend hinzu, »ich bin eifersüchtig wie Othello. Und bei diesem außergewöhnlichen Schlüssel erwacht begreiflicherweise mein Argwohn.«

»O Tyrann, der Sie sind! Vorhin haben Sie kaum gewagt, zu bitten, jetzt wollen Sie schon verlangen. – Nein, nein! Die Bestimmung dieses Schlüssels sage ich Ihnen nicht, denn ich will [43] Ihnen nur gestehen, das könnte wahrhaftig Ihren Argwohn erregen.«

»Ah! kleine Verrätherin!« entgegnete der Baron neckend. »Sie sind noch so jung und tragen schon verdächtige Schlüssel bei sich. Aber es ist meine Pflicht, für Ihr Bestes zu wachen, und somit lege ich feierlich auf diesen Schlüssel Beschlag und nehme ihn an mich; denn das ist eine Waffe, die in Ihrer unerfahrenen Hand gefährlich werden könnte.«

»Aber er hält fest an mir,« erwiderte lachend das Mädchen, als sie sah, daß er vergebliche Bemühungen machte, den Schlüssel von dem Stahlringe zu trennen. Es war dies übrigens ein gefährliches Spiel auf ihrem Knie und der junge Mann beeilte sich auch nicht, an der ihm wohl bekannten verborgenen Feder zu drücken, welche den Ring öffnete. Endlich that er dies doch und der Schlüssel fiel in seine Hand.

»Sehen Sie,« sprach er, indem er denselben triumphirend in die Höhe hob, »hier wäre das Instrument, das ich, wie schon gesagt, verpflichtet bin, zu mir zu nehmen. Seien Sie aber jetzt ein artiges Kind und sagen Sie mir, welche Thüre dieser Schlüssel aufmacht.«

»Ich sage es nicht,« entgegnete sie kopfschüttelnd; »gewiß nicht. Den Raub kann ich nicht hindern, doch soll er ein Räthsel in Ihrer Hand bleiben.«

»Aber wenn ich dich herzlich um die Auflösung bitte, mein süßes, süßes Mädchen?« sagte der Baron schmeichelnd, indem er ihre Hand ergriff und sie abermals an seine Lippen führte. – »Vertrau es mir an, es ist das ein kleines, angenehmes Geheimniß mehr.«

»Nein, nein!« versetzte Auguste eifrig. Und dabei suchte sie den Schlüssel zu fangen, den er neckisch in die Höhe hielt. »Nein, nein, ich werde es nicht sagen; deßhalb geben Sie mir ihn nur wieder, denn was nützt er Sie, da Sie seine Bestimmung doch nicht wissen?«

»O ich werde sie erfahren,« entgegnete er heiter und vergnügt, [44] »ich werde mich nächtlicher Weise einschleichen wie ein Dieb, ich werde sämmtliche Schlösser deines Hauses untersuchen, bis ich weiß, wo das rechte ist.«

»Dazu wären Sie wahrhaftig im Stande,« sagte das junge Mädchen mit einem seltsamen Blicke; »weiß Gott, ich traue Ihnen so Etwas zu. Und das wäre ja ein wahres Unglück.«

»So beuge diesem Unglücke vor und sage die Wahrheit, – die kleine, süße, angenehme Wahrheit.«

»Und wenn ich es thue, erhalte ich meinen Schlüssel wieder?«

»Wir wollen sehen.«

»Nein, nein, von: ›Wir wollen sehen,‹ darf keine Rede sein; ein einfaches Ja oder Nein! – Bekomme ich alsdann meinen Schlüssel wieder?«

»Wenn er nichts Gefährliches verschließt, ja.«

»Keine Bedingungen; darauf lasse ich mich gar nicht ein. Ich sage Ihnen, zu welcher Thüre der Schlüssel paßt, und Sie geben ihn mir zurück. Gehen Sie das ein?«

Der Baron zuckte lächelnd die Achseln, dann sagte er: »Sie sind grausam, Auguste; aber was kann ich machen? Sie haben mich in der Hand. – Doch ich will Ihnen noch einen andern Vorschlag machen: Sie sagen mir die Bestimmung dieses Schlüssels, darauf gebe ich Ihnen denselben zurück und dann erlauben Sie mir, Sie nach Umständen wieder darum zu bitten.«

Das Mädchen zauderte, eine Antwort zu geben, endlich aber sprach sie: »Das ist eine gefährliche Bedingung; wenn Sie sich auf's Bitten legen, da weiß ich am Ende nicht, was ich machen soll. Nein, nein, es ist mir zu gefährlich.«

»Aber Sie können mir ja meine Bitten abschlagen,« erwiderte er so innig und zärtlich als möglich.

»Und wenn ich nun nicht im Stande wäre, Ihnen diese Bitte abzuschlagen?« sagte das Mädchen nach einer kleinen Pause mit unsicherer Stimme.

[45] »O, dann wäre ich ja doppelt glücklich!« rief der Baron, indem er sie leidenschaftlich an sich drückte und ihre Lippen suchte, deren Auffinden sie ihm gerade nicht besonders schwer machte. – »Doppeltes, seliges Glück! – – Hier ist der Schlüssel,« sagte er nach einer längeren Pause; »darf ich nun wissen, was er verschließt?«

»Gewiß, obgleich wir eigentlich viel Lärmen um Nichts gespielt haben. Sie kennen ja unseren Garten hinter dem Hause; am Ende desselben befindet sich ein kleiner Pavillon, von dem eine Thüre auf die Straße führt. Diese Thüre nun –«

»Oeffnet dieser Schlüssel!« rief der Baron hastig. »Ah! meine geliebte Auguste, jetzt bitte ich Sie doppelt, zehnmal, tausendmal darum. – Nicht wahr, Sie sagten ja vorhin, Sie können mir Nichts abschlagen?«

Das Mädchen nickte mit dem Kopfe und reichte stillschweigend den Schlüssel wieder zurück, den er eifrig ergriff, zu gleicher Zeit aber faßte er auch ihre Hand, die er, sowie den vollen weißen Arm, mit unzähligen heißen Küssen bedeckte.

In diesem Augenblicke mußte der Besuch im Nebenzimmer entlassen worden sein. Die Präsidentin, eine kluge, verständige Frau und gewiß auf's Innigste besorgt für das Wohl ihrer einzigen und heirathsfähigen Tochter, hustete laut und vernehmlich, ehe sie die Thüre zum Salon öffnete. Gewandt rückte der Baron seinen Fauteuil zurück, ehe die Mutter eintrat, und gewandt griff das junge Mädchen ein plötzlich hingeworfenes Gesprächsthema auf, in das nun die Beiden so vertieft schienen, daß sie den Eintritt der Präsidentin gar nicht bemerkten und laut hinaus lachten über die köstliche Geschichte der Frau von A., die neulich Abends nach dem Theater zufälligerweise in ein ganz fremdes Coupé gestiegen sei.

Auf einmal aber bemerkte der Baron die Mutter, sprang nun leicht und graziös in die Höhe, indem er versicherte, jetzt müsse alle Geduld erschöpft sein und er habe die Damen mehr gelangweilt, als bei der größten Freundlichkeit zu verantworten sei.

[46] Umsonst versicherte die Präsidentin, die Unterhaltung des werthen Gastes werde ihr eine wahre Erholung sein nach der Fatigue des eben gehabten Besuches. Der Baron war nicht zu halten, obgleich ein langer und schmerzlicher Blick auf Auguste dieser deutlich zu verstehen gab, wie schwer es ihm sei, sich jetzt loszureißen. Darauf küßte er die Hand der Mutter flüchtig, die der Tochter mit einer wahren Inbrunst und verschwand leicht und gewandt aus dem Salon.

Auf der Treppe athmete der Baron tief auf, schaute einen Augenblick wie forschend um sich her, sprang dann flüchtig die Stufen hinab und warf sich in seinen Wagen, nachdem er dem Kutscher zugerufen: »Nach Hause!«

Die Pferde zogen an, das leichte Coupé flog dahin, und der junge Mann griff mit einem seltsamen Blicke des Triumphes in seine Brusttasche, wo er das bewußte Papier und den Schlüssel verwahrte. »Das ist viel auf einmal,« sprach er laut zu sich selbst, während sein Auge blitzte, »dieses für mich so kostbare Blatt, unbezahlbar nach dem, was ich über den Schreiber desselben erfahren, und dann ein Schlüssel, um ungehindert zu jeder Zeit in den Gartenpavillon des Polizeipräsidenten gelangen zu können. – Glück, du warst mir günstig! – Aber das arme Mädchen droben! – Ah! es war ein trauriges Mittel zum traurigen Zweck. Sie ist schön und gut, auch noch ziemlich unerfahren. – Arme – arme Auguste!« – An diese letzten Worte, die der junge Mann noch ziemlich heiter aus sprach, mußten sich plötzlich ernste, finstere Gedanken reihen, Gedanken, die ihm in kurzer Zeit furchtbar wurden, denn das Auge verlor fast mit einem Male seinen Glanz und stierte matt mit schrecklichem Ausdruck in die Ecke des Wagens, und der Kopf sank auf die Brust herab, während er die Unterlippe heftig zwischen die Zähne klemmte. Darauf wurde sein Gesicht aschfarben und fahl, und nach und nach trat ihm ein kalter Schweiß auf die Stirne. Man hätte glauben sollen, es habe ihn ein heftiger Krampf befallen, der sein Herz stille stehen ließ und [47] seine Glieder löste; willenlos sank er in sich zusammen, und wenn er sich nicht zuweilen aufgerafft hätte und tief seufzend mit der Hand über die Stirne gefahren wäre, um einen Augenblick auf die Straße zu schauen, hätte man meinen können, auf dem weichen Kissen liege ein schwer Erkrankter – ein Sterbender. Ja, wer ihn vor einigen Minuten am Hause des Präsidenten so leicht und gewandt in den Wagen springen und dann bei seiner Wohnung hätte aussteigen sehen, würde darauf geschworen haben, das sei nicht derselbe Mensch: dieser hier, welcher langsam die Treppen hinauf schlich, sei mindestens um zehn Jahre älter als jener, der dort die Stufen so flüchtig hinabgesprungen.

Wir können aber dem geneigten Leser nicht verschweigen, daß der Baron Brand zuweilen solche fürchterliche Augenblicke hatte, wo ihn ein entsetzliches Seelenleiden befiel und dahin warf, wie Jemand, den eine tödtliche Krankheit erfaßt. Sein alter Kammerdiener kannte diesen Zustand, und er führte alsdann seinen Herrn langsam zu einem weichen Fauteuil, mischte ihm ein niederschlagendes Pulver, verdüsterte das Zimmer, indem er die Vorhänge zuzog, und überließ ihn dann seinen finsteren Träumereien.

So geschah auch heute, und dann schlich der Kammerdiener leise auf den Zehen gehend zum Zimmer hinaus und trat in das anstoßende Gemach, wo er einen großen Schrank von geschnitztem Eichenholze sorgfältig abschloß und den Schlüssel zu sich steckte.

In diesem Schranke aber befanden sich die Pistolen und sonstigen Waffen des Barons.

25. Kapitel
[48] Fünfundzwanzigstes Kapitel.
Das Siegel des Herrn von Brand.

Der Maler Arthur Erichsen hatte unterdessen in dem Arbeitszimmer des Grafen Fohrbach das Aquarell beendigt, von dem Zeichenbrette herabgeschnitten, auf einen großen weißen Carton befestigt, und dann neben dem Original im günstigsten Lichte aufgestellt. Hierauf nahm er das Billet, welches neben ihm lag, betrachtete einen Augenblick das Siegel und las die Adresse:

»An Madame Becker, Kanalstraße Nr. 8.«

»Kanalstraße Nr. 8,« sagte Arthur, »das muß in einem der sehr alten Häuser sein mit den langen unheimlichen Gängen. Nun, es bringt mich nicht gerade übermäßig weit von meinem Wege ab, und da dem Grafen viel daran gelegen zu sein scheint, daß der Brief bald besorgt wird, so will ich den Gang selbst unternehmen. Ich treibe mich überdies gern in so einem alten Gebäude herum.«

Arthur steckte das Billet in die Tasche und ging durch den Salon in's Vorzimmer, wo er seinen Ueberrock fand, und wo der alte Kammerdiener neben einem Lehnstuhle stand und mit dem bisherigen Jäger des Grafen verkehrte. Dieser schien sich mit Mühe aufrecht zu halten, während seine Finger krampfhaft mit den glänzenden Knöpfen seiner Uniform spielten, und während sein Gesicht erschrocken und bleich aus dem schwarzen Bart hervorleuchtete.

»Das ist hart, Herr Kammerdiener,« hörte ihn Arthur sagen, »wenn man so plötzlich fortgeschickt wird. Sie haben gut reden von einem Zeugnisse; alle Welt kennt den Herrn Grafen Fohrbach und weiß, daß er nicht leicht Jemand wegschicke. Da werden alle[49] Herrschaften die Achseln zucken und Wunder meinen, was ich begangen hätte. – Und was habe ich denn begangen? – Ich weiß es nicht und Sie sagen es ja nicht.«

»Von einem Vergehen wird ja auch nicht gesprochen,« antwortete der alte Mann, indem er seine Blicke auf die Schnupftabaksdose, die er in der Hand hielt, heftete. »Der Herr ist einmal der Herr, und wenn ihm unsere Nase nicht mehr gefällt, so hat er das Recht, uns aus dem Dienst zu schicken.«

»Und vielleicht für Zeit Lebens unglücklich zu machen! – O! das ist ja entsetzlich! Ich habe meinen Dienst gethan, wie Jeder, das müssen Sie mir bezeugen; ich war der Erste und der Letzte auf dem Platze, denn ich hoffte hier ein dauerndes Brod zu finden. – Haben Sie mir je ein böses Wort gesagt, Herr Kammerdiener? – Gewiß nicht! Ich nahm mich zusammen, denn ich dachte an Weib und Kind. Bei Unsereinem geht es bitter zu, wenn man eine Zeit lang keine Condition hat. – Was werden sie daheim sagen, wenn ich so plötzlich fortgeschickt bin!«

Der Kammerdiener zuckte die Achseln und entgegnete: »Ich kann darin Nichts machen; der Herr Graf haben befohlen und ich darf der Sache nicht einmal mehr erwähnen. Doch will ich Ihnen im Vertrauen einen guten Rath geben; daß er hilft, glaube ich kaum: Wenden Sie sich an einen der Freunde des Herrn, daß er ein gutes Wort für Sie bei dem Grafen einlegt.«

Das war ein sogenannter Kanzleitrost und als solchen schien ihn auch der verabschiedete Jäger aufzunehmen. Er seufzte tief auf, fuhr sich mit der Hand über die Augen und ging in sein Zimmer. Dort legte er wahrscheinlich seine glänzende Uniform ab, zog einen ärmlichen Rock an und ging nach seiner Wohnung, wo er der Frau und vier Kindern, die um eine Schüssel mit Kartoffeln saßen, die Kunde von seiner unverhofften Entlassung zum Nachtisch brachte.

Arthur ging unangenehm erregt seines Weges und nahm an [50] der nächsten Ecke eine Droschke, die ihn in kurzer Zeit nach der Kanalstraße brachte.

Hier stieg er aus und schritt über den öden Hof, den wir dem geneigten Leser in einem der vorigen Kapitel geschildert, nach dem Hintergebäude mit der steinernen Wendeltreppe; diese stieg er hinauf und befand sich nun in einem der langen Gänge, wo er ungewiß war, an welche Thüre er klopfen sollte. Der Zufall führte ihn übrigens ziemlich glücklich, denn nachdem er zwei Thüren vergeblich geöffnet und in zwei Zimmer geblickt, aus denen ihm eine warme, unangenehme Atmosphäre entgegen drang, wo er zerlumpte und schlecht genährte Kinder auf dem Boden sitzen und scheltende, schmierige Weiber am Kochfeuer stehen sah, welche ihn ziemlich unfreundlich hinaus wiesen, kam er endlich an die Wohnung, die er suchte. Es war die dritte Thüre, an welche er klopfte; von innen rief man »Herein!« und als Arthur in das Gemach trat, sah er am Fenster eine Frau stehen, die ihm augenblicklich ein paar Schritte entgegen kam, und, wohl in Folge seines feinen und eleganten Anzugs, einen tiefen Knix machte.

»Ich suche Madame Becker.«

»Ihnen aufzuwarten habe ich die Ehre vor Ihnen zu stehen,« entgegnete die Frau mit ihrem besten Lächeln, worauf sie abermals knixte und den jungen Mann mit einer Handbewegung bat, auf dem Sopha Platz zu nehmen.

Arthur lehnte das aber ab, indem er entgegnete: »Ich danke Ihnen recht sehr; unser Geschäft ist bald abgemacht.«

»Sie sind an mich empfohlen?« fragte verschmitzt lächelnd die Frau.

»Das eigentlich nicht,« versetzte Arthur. »Ich komme nur im Auftrage eines Bekannten, des Grafen Fohrbach.«

»Ah! des Herrn Grafen!« sagte die Frau doppelt freundlich. Doch zog sie gleich darauf ihren Mund lächelnd in die Breite, die Augenbrauen in die Höhe, schüttelte bedächtig den Kopf und meinte [51] »der Name des Herrn Grafen ist eine der besten Empfehlungen, – ein charmanter junger Herr! liebenswürdig und gutmüthig; aber schwer, schwer im Umgang, das kann ich Sie versichern. Und doch war er nie unzufrieden mit mir. – Nun, wir wollen schon sehen. Bitte recht sehr, gefälligst einen Augenblick Platz zu nehmen.«

Den Maler interessirte das Gesicht der Frau; er schaute sie mit einem prüfenden Blicke an und studirte offenbar in diesen seltsamen Zügen, die Verschlagenheit, Gutmüthigkeit, List neben anderen gewiß recht schlimmen Leidenschaften ausdrückten. – Er zog das Billet aus der Tasche hervor, um es Madame Becker darzureichen.

»Ah! noch eine schriftliche Empfehlung!« sagte diese; »das wäre vollkommen unnöthig gewesen, der Herr empfehlen sich schon hinlänglich durch Ihr angenehmes Aeußere, und da ich durch den Namen des Herrn Grafen sicher bin, auf alle Verschwiegenheit rechnen zu können, so bitte ich nur frei heraus zu sagen, womit ich dienen soll.«

»Und womit können Sie mir eigentlich dienen?« fragte lächelnd Arthur, den diese sonderbare Unterhaltung zu interessiren begann.

»Ah! das ist eine seltsame Frage,« entgegnete Madame Becker, während sie ihren Mund spitzte und den Versuch machte, schelmisch auszusehen. »Ich erwarte nur Ihre Befehle, wie es Ihnen der Herr Graf auch wohl gesagt haben wird. Anbieten kann ich Ihnen Nichts, das werden Sie natürlicherweise bei mir voraussetzen; aber die ganze Stadt kenne ich wie meine Tasche, und wenn Sie mir einen Namen nennen, Straße, Haus und Nummer, so erfahren Sie in wenig Tagen, ob ein Besuch möglich oder unmöglich ist.«

»Ah so!« versetzte Arthur laut lachend. »Vorderhand ist es mir nicht möglich, Ihnen irgend dergleichen anzugeben, da ich selbst darüber noch im Unklaren bin.«

»Das thut auch Nichts,« antwortete wichtig die Frau, indem sie die rechte Hand auf die Hüfte legte und mit dem Zeigefinger [52] der linken den jungen Mann vertraulich auf den Arm stieß. »Wir kennen unser Geschäft. Eine Beschreibung der Person, eine Straße, wo sie meistens gesehen wird, ein Haus, in das sie häufig geht, das ist Alles, und dann verlassen Sie sich auf Madame Becker; es müßte mit dem Teufel zugehen, wenn wir in acht Tagen nicht wüßten, woran wir sind.«

»Nun, ich will mir das merken,« sprach immer noch lachend der Maler; »aber vorderhand bin ich nur bei Ihnen, um diesen Brief zu übergeben.«

»Richtig, den Brief!« entgegnete die Frau. »Das hätten wir bald vergessen. Nehmen Sie einstweilen Platz; ich will meine Brille holen. In die Ferne sehe ich natürlicherweise wie ein Falke, aber mit dem Geschriebenen geht's nicht mehr so leicht. Und dann haben der Herr Graf eine feine, kaum leserliche Hand wie ein Frauenzimmer.«

Mit diesen Worten eilte sie in's Nebenzimmer und Arthur ließ sich auf dem Sopha nieder.

Gleich darauf kam Madame Becker zurück, setzte sich neben den Maler und nahm aus einem Futteral eine Brille, die sie mit großer Bedächtigkeit auf ihrer Nase befestigte. Dann nahm sie den Brief in die Hand und sagte: »Gewiß, gewiß, lieber Herr, mit Seiner Gnaden, dem Grafen Fohrbach, ist es eigentlich schwer Geschäfte zu machen. Das werden Sie wohl einsehen; es ist nicht Alles möglich auf dieser Welt, und meistens ist er auf das Unmögliche versessen. – Nun, wir wollen sehen!«

Damit brachte sie das Billet dicht an die Augengläser, las die Adresse, nickte mit dem Kopfe und wandte alsdann das Schreiben auf die andere Seite, um als eine kluge Frau auch das Siegel zu betrachten. Doch kaum hatte sie einen Blick auf die arabischen Buchstaben desselben geworfen, so fuhr sie erschrocken zurück, ließ Hand und Brief abermals sinken und betrachtete den neben ihr sitzenden jungen Mann mit einem Ausdrucke der höchsten [53] Ueberraschung, ja eines unverkennbaren Schreckens, von oben bis unten.

»Der Brief ist von dem Herrn Grafen Fohrbach?« fragte sie nach einer Pause.

»Allerdings; ich dachte mir, Sie kennten ja die Handschrift,« entgegnete Arthur, dem das plötzliche ängstliche Wesen der Frau auffiel.

»Die Handschrift wohl – aber das Siegel? Haben der Herr Graf diesen Brief wohl selbst gesiegelt?«

»Ohne Zweifel; ich glaube nicht, daß er ähnliche Schreiben von Anderen siegeln läßt.«

»Sehen wir, sehen wir!« sprach eifrig Madame Becker, indem sie das Couvert hastig abriß. »Wenn er nur was Mögliches verlangt! Heiliger Pancratius! wenn er nur was Mögliches verlangt!«

Sie entfaltete das Schreiben, zog die Augenbrauen in die Höhe, und während sie las, ließ sie ihre Unterlippe schlaff herabhängen. Nachdem sie geendigt, schüttelte sie bedeutsam den Kopf und stieß einen tiefen Seufzer aus. – »Sie sind natürlich der Vertraute des Herrn Grafen,« sagte sie und blickte den jungen Mann lauernd an; »Sie wissen wahrscheinlich, was in dem Brief steht?«

»Nein, nein, ich weiß es nicht!« entgegnete Arthur hastig, dem das sonderbare Wesen der Frau im höchsten Grade auffiel. – »Ich weiß es nicht und verlange es auch nicht zu wissen. Meinen Auftrag habe ich erfüllt: der Brief ist in Ihrer Hand und ich bin fertig.« Damit stand er auf.

Gegen alle Regeln der Höflichkeit, die Madame Becker sonst gewissenhaft gegen ihre Kunden, wozu sie auch im Geiste schon den jungen Mann rechnete, beobachtete, blieb sie nachdenkend auf dem Sopha sitzen, legte die Hände in den Schooß und starrte träumerisch vor sich hin. »Das wird rein unmöglich sein,« murmelte sie. [54] – »Aber das Siegel! – Wie kommt das Siegel dahin? Das scheint mir ein gemessener Befehl zu sein. – Nun, ich muß Alles versuchen, helf' was helfen mag!« Sie seufzte abermals tief auf, schien dann plötzlich aus ihrem Nachsinnen zu erwachen und sprang eilig vom Sopha in die Höhe, als sie sah, daß sich der junge Mann der Thüre bereits genähert hatte. Sie zupfte an ihrer Haube, ihre Züge nahmen das uns bekannte Lächeln an, dann rieb sie sich die Hände und sagte: »Wenn Sie den Herrn Grafen sehen und etwas sagen wollen, so bitte ich ihm zu vermerken –«

»Geben Sie mir keine Kommissionen, Madame,« antwortete Arthur. »Verstehen Sie mich gar nicht falsch: ich sollte nichts als Ihnen diesen Brief übergeben, kann daher auch durchaus keine Antwort über nehmen. – Ich wünsche recht guten Morgen!«

»So habe ich denn die Ehre, mich Ihnen bestens zu empfehlen,« erwiderte die Frau mit einem tiefen Knix. »Bitte, vergessen Sie vorkommenden Falls meine Wohnung nicht und wenden sich alsdann an Ihre unterthänigste Dienerin!«

Die Thüre schloß sich hinter dem Maler, Madame Becker öffnete sie nochmals, um Höflichkeits halber auf den Gang hinaus zu grinsen, dann zog sie sich in ihr Zimmer zurück, nahm hastig das Couvert von dem Sopha und eilte an's Fenster, wo sie wiederholt das Siegel genau betrachtete. – »Es ist kein Zweifel,« murmelte sie, »es ist sein Petschaft, er muß ihn kennen. – Oh je! oh je! Das wirkt freilich mehr, als wenn er mir fünfhundert Gulden versprochen hätte. Also er schreibt: Sie wohnt Balkenstraße Nr. 40 über vier Treppen, ihr Vater ist, wie ich höre, ein armer Schriftsteller, und das Mädchen müssen Sie kennen, sie heißt Clara Staiger und ist Tänzerin am Hoftheater. Thun Sie alle Ihre Schritte, beste Madame Becker, es kommt mir diesmal nicht auf die glänzendste Belohnung an. – – Der braucht mir da wohl Name und Wohnung anzugeben! kenne sie wohl mit ihrem Trotz und Hochmuth, kenn' die ganze Bagage, den alten Simpel, [55] ihren Vater, und weiß wohl, was ich da zu erwarten habe. – Ei, Herr Graf, da haben wir schon mehrere Mal angebohrt und schöne Antworten bekommen. Der Teufel auch! Das ist eine saubere Kommission! – Wenn nur das Siegel nicht auf dem Briefe stände! – Aber da muß schon ein Uebriges geschehen. Wir wollen das überlegen; ich darf gar nicht mehr in das Haus hinein. Ich glaube, der Alte macht' einen Höllenlärm und hetzt mir sämmtliche Miethsleute auf den Hals. – Wir wollen doch einmal sehen, ob da Niemand aus- und eingezogen ist. Ich habe mich um den Fratz lange nicht mehr bekümmert.«

Bei diesen Worten holte sie aus einem alten Schreibtische ein Buch hervor – es war ein Wegweiser der Residenz und – blätterte eifrig darin. – »Balkenstraße Nr. 36 – 38 – 40. Da ist's! – Ah! ah! Unten wie früher, Belletage und zweiter Stock ebenfalls; dritter Stock: Steuerinspektor Weiß – kenne ich nicht! – vierter Stock: Schriftsteller Staiger, Clara Staiger, Tänzerin. – Aha!« fuhr sie lächelnd fort, »da hat's eine Aenderung gegeben. – Schön! schön! die Frau Wundel ist eingezogen. Na, das gibt einen Anhaltspunkt. – Und wohnt Thür an Thür mit dem hochnasigen Balletmädchen. Die Wundel gehört zu meiner Bekanntschaft, und wenn man der ein paar Kronenthaler verspricht, so läuft sie für einen durch's Feuer.«

Hierauf schlug Madame Becker das Buch zu und nahm bedächtlich und sichtlich erheitert eine Prise. –

Kopfschüttelnd verließ Arthur das alte Haus, stieg nachdenkend die Wendeltreppe wieder hinab und suchte seine Droschke auf, die er in einer Nebenstraße wartend fand; er stieg hinein und fuhr fort. Wenn er auch als junger Mann von großem Vermögen, als lustiger Gesellschafter seiner vornehmen Freunde, sowie als Maler in mancherlei Verhältnisse des geheimnißvollen Lebens der großen Stadt, die er bewohnte, eingeweiht war, so hatte er doch bis jetzt von der Existenz der Madame Becker, sowie von deren eigentlichem [56] Geschäftsbetrieb noch gar keine Ahnung gehabt. Das war ja förmlicher, wohl organisirter Sklavenhandel, nur daß sich das arme Schlachtopfer, welches hier ausersehen und verkauft ward, diesem Handel nicht durch die Flucht entziehen konnte, denn es wußte ja nicht, daß man es verfolgte. Leise und vorsichtig wurden ihm Fallen gestellt, wurden ihm unsichtbare Schlingen um die Füße gelegt, und auf einmal stürzte es hin, verrathen, verkauft, in die Arme seiner Verfolger, um darauf hin immer tiefer zu fallen, hinab in den schmutzigsten Schlamm des menschlichen Lebens, der, zäh und gewaltig, seine Beute nicht wieder fahren läßt.

Diese Gedanken hatten den jungen Mann einigermaßen unmuthig gestimmt, und es war ihm leid, den Brief an seine Adresse überbracht zu haben. »Wer weiß,« sagte er sich selbst, »ich bin vielleicht somit die Ursache, daß jenes Weib ihre Kreaturen auf irgend ein armes Mädchen losläßt! – Aber,« tröstete er sich, »was ich nicht gethan, hätte morgen der Postbote besorgt, gewiß nicht harmloser und unwissender als ich heute.«

Arthurs Selbstgespräch wurde hier unterbrochen, als er an einer vorher bezeichneten Stelle hielt; er sprang aus dem Wagen, sah sich flüchtig um und eilte nun von den höheren Gegenden der Stadt einem tiefer gelegenen Viertel zu und durchkreuzte mehrere schmale Gassen mit hohen Häusern, deren spitze Giebel vor Alter etwas gegen einander geneigt waren, was im Sommer diese Wege angenehm kühl, im Winter aber frühzeitig dunkel und unendlich schmutzig machte. Auch über kleine Plätze kam er, ging wieder eine Zeit lang an den nächsten Kanal, wie an jenem Abend, wo wir ihn zum ersten Male gesehen, überschritt einige glatte schlüpfrige Brücken und befand sich jetzt am Eingang der Balkenstraße.

Der geneigte Leser wird vielleicht das Ziel seiner Wanderung errathen. Waren doch schon mehrere Tage verflossen, seit er den alten Herrn Staiger bei seinem Buchhändler getroffen, seit er ihm einen Besuch versprochen, einen Besuch, den er zu machen gedachte, [57] natürlicher Weise nur in der Absicht, um sich Raths zu erholen behufs der Illustrationen zu Onkel Tom. Warum er jetzt gerade zur Mittagsstunde hinging, diese Frage könnten wir dahin beantworten, daß es jetzt überhaupt zu Besuchen die schicklichste Zeit war, denn wir sind weit entfernt, zu glauben, es habe Arthur gewußt, daß der Balletsaal um Mittag geschlossen würde und die Tänzerinnen alsdann nach Hause gingen.

So oft auch schon der Maler, das müssen wir gestehen, Clara bis an die Hausthüre begleitet hatte, so war er doch nur Einmal weiter als zwei bis drei Schritte in den Flur hinein gelangt, und das bei einem fruchtlosen Versuch, ihre Hand noch länger festzuhalten, nachdem sie einige Minuten mit ihm geplaudert hatte. In Fällen wie der vorliegende aber haben sich gewiß viele unserer geneigten Leser schon zurecht gefunden, und Arthur that dies ebenfalls ohne große Schwierigkeit. Er passirte den ersten, zweiten und dritten Stock, und nur auf dem vierten geschah es ihm, daß er an eine falsche Thüre klopfte. Man rief »Herein!« und er sah eine ältliche Frau vor sich, recht anständig gekleidet, die eine weiße Schürze umgebunden hatte und einen Kochlöffel in der linken Hand hielt. Sie kam augenscheinlich von ihrem Herde und beschäftigte sich mit Bereitung ihres Mittagessens, denn ein angenehmer Duft von Zwiebeln und gebratenem Fleische drang auf den Gang heraus.

Der junge Mann sah gleich, daß er falsch gegangen war, denn er wußte, daß Clara's Mutter schon vor mehreren Jahren gestorben war.

»Verzeihen Sie,« sagte er, »ich suche Herrn Staiger.«

Worauf Madame Wundel, die es in eigener Person war, ihm freundlich erwiderte, gleich nebenan sei die gesuchte Thüre, er möge aber nur ohne anzuklopfen durch das Vorzimmer gehen, indem sich dort gewöhnlich Niemand aufhalte.

Arthur dankte auf's Freundlichste, was die Wittwe sehr huldreich und herablassend hinnahm. Sie hatte offenbar ihr Wohlgefallen [58] an dem hübschen jungen Manne, und da sie eine brave Frau war, die möglicherweise mit ihren Töchtern Alles gemeinschaftlich genoß, so rief sie diese durch ein leises Räuspern herbei und zeigte ihnen durch die Thürschwelle den Besuch, der zu Staigers gehe.

»Die Clara ist aber nicht daheim,« sagte die ältere Tochter Emilie, indem sie ihren Kopf so weit als möglich zur Thüre hinaus streckte.

»Ach was, Clara!« entgegnete die Mutter; »der war von guter und stiller Familie. Der läuft keinen Tänzerinnen nach; ich wette Zehn gegen Eins, der hat den alten Schreiber wegen irgend einer Schuld zu mahnen. – Paßt mir auf, Emilie, der kommt bald wieder zurück.«

»Ich will ein paar Bücher und Noten draußen auf dem Gange abstäuben,« versetzte die ältere und sehr gelehrige Tochter.

»Thu' das, mein Kind,« erwiderte die Mutter. »Aber streich' die Haare zurecht, du siehst ein wenig zerzaust aus.«

Damit ging sie an ihren Kochherd zurück, während Arthur zu gleicher Zeit durch das fast dunkle Vorzimmer schritt und nun an die Thüre des Wohnzimmers klopfte.

»Herein!« klang es ihm entgegen: und eine feine Kinderstimme setzte hinzu: »Wenn's kein Schneider ist!«

26. Kapitel
Sechsundzwanzigstes Kapitel.
Illustrationen.

Arthur hatte sich vorgenommen, die Wohnung des Mädchens, das er still und wahr liebte, behaglich und angenehm zu finden, wenn auch gerade nicht viel von dem, was zum Comfort des Lebens [59] gehört. Das Vorzimmer erschien ihm aber etwas zu ärmlich; er bemerkte Nichts als in einer Ecke ein Bett und in der anderen einen alten Stuhl. Das Wohnzimmer kennt der geneigte Leser bereits; wenn er es auch nur bei Nacht gesehen, so müssen wir ihm doch leider die Versicherung geben, daß es heute beim trüben Tageslicht – einem falben Lichte, das sich kaum nothdürftig durch die hohen, finsteren Dächer und den Schnee und Regen, der draußen fiel, herein stehlen konnte, – nicht viel wohnlicher aussah.

Herr Staiger in seinem unvermeidlichen blauen Ueberrock saß am Fenster und schrieb wie immer eifrig darauf los. Wärmer war es heute freilich in dem Zimmer, als an jenem Abend, und das kam daher, weil das kleine Mädchen gerade im Begriff war, einen Topf Kartoffeln in dem Ofen sieden zu lassen. Die Thüre desselben stand halb offen, und es drang ein leichter Wasserdampf daraus hervor, der von dem Bübchen, das neben seiner Schwester stand, begierig aufgesogen wurde.

Der alte Mann an dem Fenster richtete seinen Blick von der Arbeit auf und sah den Eingetretenen scharf an. Es dauerte ein paar Sekunden, ehe er ihn erkannte, dann aber steckte er die Feder hinter das Ohr, erhob sich freundlich und eilte seinem Bekannten entgegen, um ihm herzlich die Hand zu schütteln.

Das Bübchen schaute aufmerksam zu; es hatte auf seinem Kopfe einen Hut von Papier in militärischer Form und in der Hand ein sehr kunstlos gearbeitetes hölzernes Schwert. Es hatte vorhin von dem Schneider gesprochen, und als der Fremde eintrat, den Griff seines Schwertes erfaßt. Jetzt aber, als es sah, daß der fremde Mann in friedlicher Absicht zu kommen schien, fuhr es mit der Hand an seinen papierenen Hut und grüßte militärisch.

»Sehen Sie, ich halte Wort,« sagte Arthur, »und wäre schon früher gekommen, aber ich wollte Ihnen Zeit lassen, um wegen unseres Geschäftes zu überlegen.«

»Ah! was die Illustrationen anbelangt! Ja, ich habe mich [60] auch schon damit beschäftigt und Einiges aufgeschrieben. Kommen Sie an meinen Arbeitstisch und nehmen Sie Platz.«

Arthur setzte sich dem alten Manne gegenüber an's Fenster und blickte nachdenkend hinaus. Es war dies dasselbe Fenster, durch welches er so oft Licht schimmern sah, wenn es ihm erlaubt war, die Tänzerin bis an's Haus zu begleiten. Jetzt war er ohne ihr Vorwissen in ihr Asyl gedrungen und hatte damit gewissermaßen ihren dringenden Wunsch, ihren Befehl übertreten. Doch entschuldigte er sich mit den Umständen, welche ihn hieher geführt, und redete sich ein, er würde ja im Auftrage des Buchhändlers den alten Herrn auch besucht haben, selbst wenn er nicht gerade Clara's Vater wäre, was auch so halb und halb seine Richtigkeit hatte.

»Haben Sie schon an unsere Sache gedacht?« fragte Herr Staiger. »Wird es Ihnen nicht schwer werden, hier in unserem stillen Leben Physiognomien zu Ihren Gebilden zu finden, oder wollen Sie sich ganz Ihrer Phantasie überlassen?«

»Nein, nein!« entgegnete Arthur, »ich werde mich so viel als möglich an Personen halten, die mir gerade aufstoßen, natürlicherweise, ohne gerade Porträts zu liefern. O, es gibt hier Köpfe, genug, die ganz prächtig für Sklaven und ihre Käufer und Verkäufer passen.«

»Glauben Sie?« sagte der alte Mann und sah ihn mit einem leuchtenden Blicke an. »Das habe ich mir auch schon gedacht; und meinen Sie nicht auch, daß es hier bei uns nicht nur Menschen gibt, die den in diesem Buche beschriebenen gleichen, sondern daß sich auch für manche unserer Verhältnisse darin große Aehnlichkeiten finden?«

»Gewiß!« erwiderte Arthur lächelnd, und dachte an Madame Becker und Herrn Blaffer. Dem Gedanken an den letzteren lieh er auch Worte, indem er sagte: »ich würde mir gar gern das Vergnügen machen, unseren gemeinschaftlichen Buchhändler und Freund als Sklavenhändler darzustellen. Aber er wird es nicht zugeben, daß man ihn auf solche Art in Holz schneidet und verewigt.«

[61] »Nein, gewiß nicht!« versetzte Herr Staiger. »So Etwas wollen wir auch gar nicht unternehmen; Gott soll mich bewahren! Das müßte mich ohne Weiteres um seine Kundschaft bringen.«

Das Bübchen war unterdessen näher geschlichen, steckte den Kopf unter den Arm seines Vaters und sah den fremden Mann mit seinen großen treuherzigen Augen an.

Nothwendigerweise mußte jetzt Arthur fragen: »Das sind Ihre Kinder, Herr Staiger?«

Und eben so sicher war es, daß der alte Mann darauf antwortete: »Es sind meine beiden jüngsten; meine älteste Tochter wird bald nach Hause kommen. Die haben Sie gewiß schon oft gesehen?«

So unbefangen nun diese Frage an und für sich war, so verursachte sie doch dem Maler einiges Herzklopfen, denn er wußte nicht, ob der Vater das öftere Sehen auf das Hoftheater bezog, oder ob er am Ende Kunde hatte, daß der vor ihm sitzende junge Mann seine Clara schon zum öfteren Male nach der Balkenstraße begleitet habe.

Doch fuhr der alte Herr gleich darauf arglos fort: »Meine Tochter ist bei dem Ballet angestellt, und da wäre es doch möglich, daß Sie vielleicht schon ihren Namen gelesen und sie gesehen haben.«

»Clara tanzt sehr schön,« sagte das Bübchen mit Bestimmtheit; worauf es sich aber augenblicklich dieser Worte schämte und seinen Kopf unter den Arm des Vaters verbarg.

»Woher weißt du das, kleiner Mann?« fragte Arthur lachend. »Du gehst doch gewiß noch nicht in's Theater.«

»Sie haben bei der Schwester so lange gebettelt,« antwortete Herr Staiger statt des Gefragten, »bis Clara sie einstens in eine Generalprobe nahm. Auch übt sie sich zuweilen hier zu Hause.«

»Dort an der Stange,« setzte der Knabe hinzu; »und dann hat sie ein kurzes Röckchen an und einen schwarzen Spenser. Wenn [62] du es einmal sehen willst, so mußt du morgen früh kommen; jetzt ist es dazu zu spät, denn wir werden gleich essen.«

»Das ist wahr; daran habe ich nicht gedacht,« entgegnete Arthur, »und ich bin zu einer ganz ungelegenen Zeit gekommen.«

»Clara wird gleich nach Hause kommen,« sprach das Bübchen, »dann kannst du sie sehen. Aber tanzen thut sie nicht.«

»Ich wäre auch zu einer schicklicheren Stunde gekommen,« fuhr Arthur fort, anscheinend ohne auf das Geplauder des Kleinen zu achten, »aber Sie sagten mir selbst, von Zwölf bis Eins sei die Stunde Ihrer Ruhe.«

Es ist für alle Fälle des Lebens gut, wenn der Mensch mit Verstand und Ueberlegung zu lügen versteht.

»Die Kinder plaudern immer von dem, was sie am liebsten thun,« erwiderte Herr Staiger; »und dazu gehört namentlich das Essen.«

»Wir haben heute Kartoffeln mit Gänsefett,« sagte Karl mit dem größten Ernst; »und das mag ich; vielleicht bringt auch Clara eine Wurst mit. Willst du mitessen?«

Die vorsichtigere und einige Jahre ältere Schwester hatte sich in diesem Augenblicke hinter den Stuhl ihres Vaters geschlichen und zog den kleinen Indiskreten ein paar Schritte zurück: erstens, um ihm die Nase zu putzen, und zweitens, um ihm artiges Betragen einzuschärfen. Doch war er nicht so leicht von dem Gaste – ein solcher war nämlich in der Familie etwas Seltenes – wegzubringen, und Arthur ermunterte ihn, da ihm die unbefangenen Reden des Kleinen Spaß machten.

Herr Staiger zog unter seinen Papieren einen beschriebenen Bogen hervor und sagte: »Sie haben mich neulich gebeten, einige Momente aufzuschreiben, die ich zu Illustrationen für besonders geeignet hielte. Ich habe es mit Schüchternheit gethan, und hier sind nun ein paar verzeichnet. Man muß natürlich die grassesten Episoden hervor heben, und daran fehlt es in dem Buche nicht. [63] Es ist da zusammen getragen, was ein Menschenherz nur erschüttern und zerschmettern kann.«

»Und läßt sich leicht zeichnen,« versetzte Arthur, »da dort Alles ohne Scheu und öffentlich vor sich geht. – Aber gerade diese Oeffentlichkeit,« fuhr er fort, »mit der jene Sachen in den Sklavenstaaten betrieben werden, gewährt für die armen Schlachtopfer eine Art Trost. Man bringt sie auf den Markt, sie wissen, daß sie verkauft werden, es geht das Alles nach bestimmten, wenn auch harten Gesetzen, nicht wie bei uns, wo dieselben schauderhaften Geschichten im Geheimen und mit raffinirter Grausamkeit betrieben werden. Hier wäre es schwieriger, eine Onkel Tom's Hütte zu illustriren, denn man kann dem hiesigen Sklavenhändler nicht das Zeichen seiner Würde, die große Peitsche anhängen. Der ist hier gekleidet, wie jeder andere ehrliche Mensch auch, und verschwindet förmlich unter der Menge ohne besondere Kennzeichen.«

»Ein Merkmal haben sie doch öfters an sich,« sagte der alte Mann nachdenkend, indem ein leichtes Lächeln über seine Züge flog; »sie schlagen gern die Augen nieder, befleißigen sich eines scheinheiligen und äußerlich sehr frommen Lebens.«

»Ah ja! von denen, die keine Betstunde versäumen und dagegen ihren sündigen Nebenmenschen mit so leichtem Gewicht messen!«

»Und Zehn vom Hundert nehmen.«

»Und Rechnungen zum zweiten Male schicken, wenn sie vielleicht voraussetzen, man habe die Quittung von der ersten verloren.«

»Ah! wir kommen da in's Zeug hinein,« sprach lachend der alte Mann, »wie ein paar böse Klatschschwestern bei ihrem Kaffee. Ich ertappe mich in jüngster Zeit leider oftmals über so menschenfeindlichen Gedanken, die mir früher gänzlich fremd waren. Ich weiß nicht, was daran schuld ist.«

»Vielleicht die Uebersetzung Ihres Buches; man stellt da Vergleichungen an über Menschen und Zustände, die gerade nicht zur Erheiterung und zum Erhalten der guten Laune beitragen.«

[64] »Darin haben Sie nicht ganz Unrecht,« meinte der alte Mann. »Aber wenn ich lange übersetzt habe, so nehme ich gewöhnlich ein angenehmes Gegengift; hier habe ich es in diesen Büchern.«

»Ah! Charles Sealsfield!« erwiderte Arthur freudig, indem er eins der dargereichten Bücher aufschlug und den Titel las. »Das sind herrliche, liebenswürdige Schilderungen desselben Lebens, welches uns die Verfasserin von Onkel Toms Hütte gibt. Ginge es dem Rechten nach, so müßten diese Lichtstrahlen weit mehr Auflagen, weit größere Verbreitung finden, als diese tiefen Schatten. Aber leider gibt es so viele Menschen, denen es nur im Trüben wohl ist.«

»Und die das Licht scheuen,« entgegnete Herr Staiger ernst und feierlich und sah wie träumend an die Decke des Zimmers. – – »Aber sie sind mächtig in ihrem Schatten,« sprach er nach einer längeren Pause, »und sie beschwören ihn von allen Seiten herauf durch heuchlerische Gebete und Zuschautragen von falscher Buße. Wie dichter Nebel steigt es langsam empor und kämpft mit den heiteren Sonnenstrahlen; aber glauben Sie mir, diese Nacht wird das Licht überwältigen; langsam aber sicher wird der heitere Glanz eines lustigen und darum doch nicht sündenhafteren Erdenlebens verschwinden. Der Gesang fröhlicher Vögel verstummt, denn diese lieben das Sonnenlicht, und nur Geschöpfe der Nacht werden sich künftig gütlich thun in den dichten grauen, stinkenden Nebeln, die sich langsam aber sicher um uns schlingen; – der Gesang der Freude verstummt nach und nach, und der einzige Klang, der noch an unser Ohr schlägt, ruft uns melancholisch und traurig zu: thut Buße, geht in euch; ihr habt kein Recht auf das freundliche Sonnenlicht, das ein gütiger Schöpfer ausströmen läßt durch das ganze Firmament; ihr habt kein Recht an den Genuß dieser Erdengüter, an Lust und Freude; denn ihr seid [65] allesammt geborne Sünder und unwerth der Gnade! – Doch ich predige Ihnen da schreckliche Sachen vor,« unterbrach sich der alte Mann plötzlich, indem er mit der Hand über die Augen fuhr. »Sie sind ja jung, gewiß auch glücklich, und sehen mir gerade aus wie Jemand, der die Kraft in sich fühlt, des Lebens Güter im rechten Maße zu genießen. Thun Sie also und es wird Sie nicht gereuen! – Aber wovon sprachen wir doch, ehe ich ein so finsterer Seher ward? – Ah! richtig, von den Werken Sealfields! – Ja, das ist wahr, an diesen frischen kräftigen Schilderungen, an diesem Buche, dem die Wahrheit aus den Augen spricht, erfreut sich mein Herz. Das ist ein Leben, wie es wirklich ist; das sind Geschöpfe, wie sie existiren, keine krankhaften Gestalten, die unter allen Verhältnissen die rechte Backe hinhalten, nachdem die Linke ihren Schlag empfangen. – Sehen Sie, wenn ich müd und matt vom Arbeiten bin, da habe ich so meine Stellen, die ich durchlese, wie diese hier, wo das Zeichen ist.«

Das Bübchen, das sich bei diesen für ihn unverständlichen Reden offenbar gelangweilt hatte, war unterdessen dem Maler näher und näher gerückt, hatte zuerst sanft seinen Rock berührt, dann seinen Hut von einem benachbarten Stuhle genommen und probirte ihn nun statt der früheren militärischen Kopfbedeckung.

»So einen Hut möchte ich auch,« sagte es plötzlich und stellte sich vor Arthur hin, so daß dieser laut auflachte über den komischen Anblick des kleinen Mannes.

»Da mußt du erst groß werden,« erwiderte er, »da wird es dir hoffentlich nicht an einem solchen Hute fehlen.«

»Vor allen Dingen mußt du aber erst etwas Tüchtiges lernen,« meinte der Vater. »Aber jetzt lege den Hut wieder dahin; es ist nicht schicklich, Sachen anzugreifen, die einem nicht gehören. Wenn das Clara sähe, würde sie böse werden.«

Auf diese Mahnung hin legte Karl den Hut wieder auf den [66] Stuhl und wandte sich dann mit der naiven Frage an Arthur: »Hast du denn auch Etwas gelernt?«

»O ja,« entgegnete dieser lächelnd; »und Etwas, das dir gewiß große Freude machen wird, wenn ich es dir zeige.«

»Was ist denn das?«

»Ich habe Zeichnen und Malen gelernt. Wenn ich wieder komme und du hast ein klein Blatt Papier und ein Bleistift, so will ich dir zeigen, was ich kann.«

»Eine Tafel habe ich,« entgegnete das Bübchen, »und darauf malt Clara allerlei schöne Sachen.«

»So laß mich sehen, was dir Clara malt,« sagte eifrig der junge Mann.

»Jetzt habe ich es ausgewischt,« erwiderte der Kleine; »aber sie kann mir die schönsten Schlangen malen, auch Krokodile, Soldaten und Offiziere.«

»So, auch Offiziere?«

»Ja freilich; die haben Alle einen großen Schnurrbart, einen dünnen Leib und gerade Beine.«

In diesem Augenblicke wandte das Bübchen hastig seinen Kopf herum, dann brach es plötzlich alle Unterhaltung ab, indem es jubelnd rief: »Clara kommt!« und zur Thüre hinaus in's Vorzimmer eilte.

Die Schwester mußte ebenfalls Tritte auf der Treppe gehört haben, denn auch sie war hinausgegangen, kluger Weise, um Clara auf den unbekannten Besuch vorzubereiten.

Arthur erhob sich von seinem Stuhle; ihm klopfte das Herz und er fühlte sich ungemein befangen. Wie wird sie diesen plötzlichen Besuch aufnehmen? dachte er. Wird sie nicht zürnen, da sie dir ausdrücklich verboten, das Haus ihres Vaters zu besuchen? – Daran war aber jetzt nichts mehr zu ändern, und der Maler hoffte, daß sich schon Gelegenheit geben würde, eine kleine Verstimmung [67] des geliebten Mädchens in die Erlaubniß umzuwandeln, von jetzt ab ferner kommen zu dürfen.

»Und wer ist es denn?« vernahm er jetzt die Stimme Clara's im Vorzimmer, worauf das kleine Mädchen Etwas zischelte, was man nicht verstand, das Bübchen aber laut erwiderte: »Ein Mann mit einem schwarzen Hute, und er hat mir gesagt, er könne allerhand schöne Dinge malen, Schlangen und Krokodile, besser als du, und wenn er künftig wieder kommt, wird er mir auch Soldaten und Offiziere machen. – Hast du eine Wurst mitgebracht?«

»Pfui, Karl! sei stille! – Ein Maler also? – Ah!«

Damit öffnete die Tänzerin die Thüre, blieb aber überrascht auf der Schwelle stehen, und ihr Gesicht, Hals und Nacken überzog sich mit tiefer Röthe. Sie erkannte ihn augenblicklich; obgleich es eine Wirkung der Freude war, welche das Blut gewaltsam nach ihren Wangen trieb, so war es doch auch wohl die Erwartung, was er hier bei dem Vater zu thun habe, und daneben auch ein klein wenig Verdruß, als sie aus seiner Anwesenheit ersah, daß er ihrem strengen Befehl nicht Folge geleistet habe.

»Meine Tochter Clara,« sagte Herr Staiger, der aber glücklicherweise gerade sein Manuscript zusammen schob und das Buch von Sealfield darauf legte. – »Meine Aelteste, der Stolz der Familie!«

»Ah Papa!« versetzte das Mädchen in großer Verlegenheit. Und da hiedurch ihr liebes Gesicht das Recht erhielt, einige Verwirrung zu zeigen, so brauchte sie diese nicht zu verbergen, als nun der alte Mann lachend sagte:

»Ei mein Kind, du darfst nicht erröthen: wer so mütterlich für uns Alle sorgt, der darf in Wahrheit der Stolz der Familie genannt werden. Habe ich nicht Recht, Karl?«

Das Bübchen hatte sich an ihren Arm gehängt und ergriff statt aller Antwort ihre Hand, die er nun bald hier bald da an [68] sein Gesichtchen drückte; die kleine Schwester dagegen nahm Hut und Tuch in Empfang, die Clara eilig ablegte. Dann warf sie verstohlen einen Blick in den Spiegel und näherte sich nun leicht, graziös und unbefangen dem Fenster, an welchem Arthur stand.

27. Kapitel
Siebenundzwanzigstes Kapitel.
Ein einfaches Mittagessen.

Wie war das Mädchen, erhitzt von dem Tanze und der Aufregung, so wunderbar schön! Wie glänzten ihre dunklen Augen, wie leicht und elegant schritt sie daher! Arthur sah mit der innigsten Liebe auf sie, und er mußte sich gestehen, lange kein so liebliches Bild gesehen zu haben. Er senkte seinen Blick in ihr Auge, tief, innig und bittend, und namentlich der letztere Ausdruck schien ihren Unmuth zu verscheuchen.

»Das ist Herr Arthur Erichsen, ein junger Maler und ein neuer freundlicher Bekannter, den ich mir erworben. Wir trafen uns neulich beim Buchhändler Blaffer, von dem er den Auftrag hatte, Onkel Toms Hütte zu illustriren, und er kam nun hieher, um sich mit mir über diese Illustrationen zu besprechen.«

»Gewiß, mein Fräulein,« nahm Arthur eifrig das Wort, »ich besuchte Ihren Papa in der Absicht, um mir seinen Rath zu erbitten, auf welche Art diese schwierige Arbeit am besten anzugreifen sei.«

Clara lächelte ein wenig, aber so unmerklich, daß nur Arthur es sah. Ein Liebender bemerkt ja Alles, und auch für ihn nur war deßhalb der momentane Blitz in ihren Augen verständlich, [69] sowie ein unbedeutendes Zucken der Mundwinkel, – dieser kleinen, reizenden Mundwinkel.

Die Röthe von vorhin war von ihrem Gesichte gewichen, ja hatte einer leichten Blässe Platz gemacht, als sie vor Arthur stand, die Hand auf den Tisch gestützt, und ihm sagte: »Es freut mich sehr, daß Sie Papa besucht haben und daß Sie so gütig waren, mit ihm über Ihre Arbeit zu plaudern. – Ach!« setzte sie hinzu, »es kommt so selten Jemand zu ihm, der mit ihm zu sprechen versteht, gegen den er seine Ideen und Ansichten austauschen kann, daß es ihm gewiß, gewiß recht lieb war, daß Sie ihn besuchten.«

Wir müssen gestehen, daß Arthur athemlos auf ihre Worte gelauscht; und als sie ihn so treuherzig und lieb ansah und ihm sagte, es sei dem Papa gewiß – gewiß recht lieb, daß er gekommen, da durchzuckte ihn ein unnennbar süßes Gefühl, sein Herz schien einen Augenblick die Pulsschläge auszusetzen und still zu stehen vor übergroßer Freude und Seligkeit. Er gestand sich oft, dies sei einer der süßesten Momente seines Lebens gewesen, und es thue ihm nur leid, daß er gewaltsam seine Thränen zurückgehalten habe, die im Begriffe waren, ihm in die Augen zu treten.

Auch Clara fühlte Aehnliches, denn nachdem sie gesprochen, wie wir soeben hier niedergeschrieben, blieb sie noch eine Sekunde ruhig vor ihm stehen, schaute ihn so herzlich an, wie er sie, und Beide hatten den gleichen Gedanken: sie waren froh, daß sie sich jetzt endlich einmal im hellen Licht des Tages sahen, und so nahe, – nicht wie früher immer im Halbdunkel der Straße, wenn sie aus dem Wagen sprang, oder beim falschen Glanz der Lichter.

Wie lange dieses gegenseitige Beschauen wohl gedauert hätte, weiß der liebe Gott. Glücklicherweise aber legte sich das Bübchen in's Mittel und zog die beiden hochfliegenden Seelen in den Bereich der Wirklichkeit zurück.

»Die Kartoffeln sind fertig,« sprach es mit bestimmtem Tone, »sie platzen schon auf.«

[70] »Dann ist es Zeit!« rief Arthur, indem er wie aus einem tiefen Traum erwachte; »und ich muß mich entfernen, um Sie nicht in Ihrem Mittagessen zu stören.«

Bei diesen Worten sah der alte Mann seine Tochter bedeutsam an, und als Clara sanft lächelte, sagte er: »O, lassen Sie sich gar nicht stören, lieber Herr Erichsen, bleiben Sie noch eine Weile da; wir plaudern vielleicht noch ein wenig. Ich kann Ihnen leider von unserer einfachen Kost Nichts anbieten, – nun – eben – weil sie gar zu einfach ist. – Aber draußen,« setzte er hinzu, indem er durch's Fenster sah, »schneit und stürmt es so gewaltig, daß Sie unmöglich in diesem Augenblicke fort können; auch speisen Sie gewiß später.«

Wenn man Etwas gerne thut, so läßt man sich leicht dazu überreden. Arthur blickte fragend auf Clara, die lächelnd ihre Augen niederschlug. Doch schien ihm dies Augenniederschlagen von einem kleinen Kopfnicken begleitet zu sein, weßhalb er sich denn eifrigst und gern bereit erklärte, noch eine halbe Stunde da zu bleiben.

Die jüngere Schwester hatte unterdessen den Tisch gedeckt, Clara ging in das Vorzimmer, und ihr folgte das Bübchen, welches eine richtige Ahnung hatte, daß sie sich vor dem Gaste geniren würde, die bewußte Wurst aus der Tasche zu ziehen, daß dies aber draußen unverzüglich geschehen müsse. – Und so war es denn auch. Die Tänzerin kam alsbald mit einem Teller wieder herein, auf dem der erwähnte Leckerbissen lag. Dann setzte sich Alles um den Tisch herum; er war ärmlich aber reinlich gedeckt mit einem groben doch weißen Tischtuch und glänzenden Zinntellern.

Der Maler, der eine Aufforderung zum Mitessen ablehnte, setzte sich einen halben Schritt rückwärts neben Clara. Er konnte so seinen Arm auf die Lehne ihres Stuhles stützen, und wenn er nun den Kopf vorn über lehnte, und sie ihm plötzlich Etwas [71] sagen wollte, so berührte ihr kühles, volles, duftiges Haar seine heiße Stirne.

»Karl, du mußt beten,« sagte die jüngere Schwester zu ihrem Bruder, der an seinem Platze saß und die Augen unverwandt auf einen Punkt des Tisches gerichtet hatte. Das dort auf dem Zinnteller nahm seine ganze Aufmerksamkeit so sehr in Anspruch, daß er mechanisch seine Hände faltete und gedankenlos sein Morgengebet anfing:


»Engelein komm',
Mach' mich fromm!«

Doch wurde ihm diese Nachlässigkeit nicht gestattet und er brachte nun den uns schon bekannten Tischspruch vor, natürlicherweise mit unverbesserlichem Fehler, setzte auch hinter dem »Amen!« rasch hinzu: »Jetzt bekomme ich auch Wurst.«

Nun nahm das Mahl seinen Anfang, der Vater und die jüngeren Kinder griffen herzhaft zu; nur Clara spielte mit ihrem Essen, und es schien ihr fast unmöglich, einen Bissen hinunter zu bringen.

Arthur munterte sie lächelnd auf, sich selbst nicht zu vergessen, und er that dies, indem er das außerordentlich schöne Aussehen der Kartoffeln lobte; darauf erfolgte nun natürlicherweise die Einladung des alten Herrn, auch eine zu versuchen, und er forderte Clara zu diesem Zweck alsbald auf, einen Teller zu bringen.

Dies lehnte aber Arthur eifrigst ab, und nach einigem Hin- und Herreden, Nöthigen und Weigern entschloß er sich endlich, einen Bissen von dem Teller der Tänzerin und zwar mit deren Gabel zu nehmen. Hiebei bewährte sich nun aber das Sprichwort, daß der Appetit während des Essens kommt, denn dem ersten Bissen folgte ein zweiter, ein dritter und ein vierter, zwischen welchen aber jedes Mal die Gabel gewechselt wurde, das heißt, einmal nahm sie Clara, und dann erhielt sie der Maler wieder. Da sich hiebei auch ihre Hände berührten, ihre Blicke viel Schönes zu [72] einander sprachen, und das Haar der Tänzerin häufig sein Gesicht streifte, so hielt Arthur ein Mittagsmahl, wie es kein König besser und köstlicher haben konnte.

Leider war das Diner bald zu Ende; aber als sich nun Arthur endlich alles Ernstes entfernen wollte, denn sein Herz war übervoll, meinte das Bübchen, nach dem Essen ginge man nicht gleich fort, wie es schon gehört habe, und bat den Maler, er möge nun so artig sein, ihm eine Schlange oder ein Krokodil zu machen. Er brachte deßhalb seine Tafel herbei, zerrte den Künstler an das Fenster und zwang ihn, dort wieder Platz zu nehmen.

Der alte Mann stellte sich einen Augenblick daneben, und nachdem er seinen Sohn vergeblich ersucht, den Herrn nicht zu plagen, verlor er sich in's Vorzimmer, wo er sich auf einen Stuhl setzte, ein Taschentuch über sein Gesicht hing und ein kleines Mittagsschläfchen machte.

Die jüngere Schwester und Clara räumten den Tisch ab, dann setzte sich letztere an die andere Seite desselben. Arthur hatte die Tafel ergriffen und entwarf eine solch' riesenhafte Schlange, daß die berühmte des Kapitän Boa dagegen nur ein Regenwurm war. Während des Zeichnens aber warf er einen Blick im Zimmer umher, und als er bemerkte, daß das kleine Mädchen in einer Ecke neben dem Ofen mit dem Spülen des Geschirrs beschäftigt und die Thüre des Vorzimmers fest zugezogen war, sagte er zu Clara: »Sind Sie mir böse, daß ich hergekommen?« worauf diese nach einer Pause erwiderte: »Ich hatte mir wohl gedacht, daß dies am Ende geschehen würde.«

»Aber erst viel später,« entgegnete Arthur, »denn ich hätte Ihren Befehl gewiß respektirt; aber es ist so, wie Ihr Vater gesagt: wir trafen uns bei dem Buchhändler, und wenn auch hier nicht Ihre Wohnung gewesen wäre, so hätte ich doch den Uebersetzer von Onkel Tom's Hütte aufsuchen müssen. – Nicht wahr, Sie zürnen mir nicht?«

[73] Clara schüttelte den Kopf und antwortete: »Ich weiß nicht, was icj davon halten soll; ich kenne Sie schone seit einiger Zeit, aber ich kannte Sie bis jetzt nur wie Etwas, das kommt und verschwindet wie ein Traum – wie der Schein der Sonne; oder auch,« setzte sie lächeldn hinzu, »wie Regen und Sturm.«

»Und wie Etwas,« bemerkte Arthur, indem er den Griffel sinken ließ, »was uns eigentlich nicht viel kümmert, was uns gleichgiltig ist, wenn es auf einmal ganz ausbleibt, an das wir nicht mehr denken, wenn es nicht wieder erscheint.«

»O nein!« erwiderte die Tänzerin, »nicht so ganz. Sagen wir lieber, wie etwas – Angenehmes, das uns widerfährt, und das wir dankbar hinnehmen, dem wir vielleicht betrübt nachblicken, weil es uns plötzlich ganz verschwindet, das wir aber kein Recht haben, zurückzurufen, weil – weil – wir nun einmal kein Recht dazu haben.«

»Aber die Schlange hat noch keine Zähne,« sprach das Bübchen. »Mach' ihr große! Und dann will ich auch ein Krokodil haben.«

»Soll ich dir nicht lieber deine Schwester Clara zeichnen?« fragte der Maler.

»Mir wäre ein Krokodil lieber,« entgegnete das Kind; »Clara sehe ich den ganzen Tag. Wenn du sie aber nachher zeichnen willst, ist es mir auch recht.«

Arthur that wie ihm befohlen, dann aber nahm er das Gespräch von vorhin wieder auf.

»Und weßhalb,« fragte er, »hätten Sie kein Recht, – mich zurückzurufen?«

»Und auf welche Art sollte ich es thun, wenn Sie plötzlich ausgebliebe wären? – Wenn ich auch vielleicht gewollt hättem ich sah Sie ja nur auf Augenblicke, bald hier, bald da, ich wußte ja kaum Ihren Namen. Und dann hatten Sie mir auch nie gesagt:

[74] morgen sehe ich Sie wieder, oder übermorgen, – ein solches Versprechen hätte mich auch ängstlich gemacht.«

»Weil Sie mir wohl hätten antworten müssen: ja, es ist mir recht, ich will Sie morgen oder übermorgen wieder sehen, – und weil Ihnen das wie eine Verpflichtung vorgekommen wäre, und weil Sie keine Verpflichtungen gegen mich übernehmen wollen.«

»Es ist vielleicht so,« sagte Clara, indem sie ihn lächelnd anblickte, »ich habe mich immer davor gefürchtet. Und deßhalb bat ich Sie auch, nicht in unser Haus zu kommen.«

»Sehen Sie, Clara,« versetzte der Maler halb und halb betrübt, »es ist doch, wie ich mir dachte: Sie spielten mit mir, und wenn Sie mir einmal nicht mehr erlauben wollten, Ihnen an der Treppe des Theaters oder am Wagen gute Nacht zu sagen, so wären Sie vielleicht rasch an mir vorübergeeilt und hätten mich gar nicht mehr angesehen.«

»Das hätte ich gewiß nie gethan, so lange Sie sich mir so ruhig und still gezeigt, wie Sie thaten. Glauben Sie mir, die anderen Tänzerinnen schelten mich kalt, gefühllos, ja hochmüthig, weil ich es nun einmal nicht machen kann wie sie; aber ich bin es nicht. Von Hochmuth kann ja auch keine Rede sein; doch habe ich immer davor zurückgebebt, mit irgend Jemand in nähere Berührung zu kommen. Ich weiß ja wohl, daß ich eine arme Tänzerin bin, daß ich mich hinausstellen muß vor die Lampen, daß mich Jedes ansieht wie es mag, und daß nun Jeder das Recht zu haben glaubt, mit dem Mädchen so geradehin zu sprechen, wie es ihm in den Mund kommt. Das fürchtete ich auch von Ihnen, und deßhalb schrak ich zurück, als Sie das erste Mal mit mir sprachen.«

»Aber Ihre Furcht war überflüssig.«

»Gewiß, und ich danke Ihnen herzlich dafür,« erwiderte Clara. – »Aber wissen Sie wohl,« fuhr sie nach einem kleinen Stillschweigen fort, in der Absicht, das Gespräch zu ändern, »wissen [75] Sie wohl, daß ein paar von den anderen Tänzerinnen es wohl gemerkt haben, daß ich mit Ihnen hie und da gesprochen?«

»Sie hatten mich schon auf der Bühne gesehen?«

»Nein, da nicht, aber neulich Abends, als Sie am Wagen standen, wie wir einstiegen. Da sind Alle mit Reden über mich gefallen. Ich hätte mich so lange verstellt und immer Alles abgeleugnet, und nun käme es auf einmal heraus und ich sei furchtbar versteckt, aber jetzt könne ich nicht mehr leugnen.«

»Und was sollten Sie nicht läugnen können?«

»Daß ich Sie Abends am Wagen gesehen.«

»Und ist das so schlimm?«

»Ah!« sagte Clara lachend, »nehmen Sie mir nicht übel! wenn man so plötzlich aus dem Dunkel daher schießt und einer Tänzerin sagt: o wie vortrefflich haben Sie heute getanzt! O wie schön sahen Sie aus!« –

»Ja, das habe ich gesagt,« unterbrach sie Arthur träumerisch.

»Und wenn man einen obendrein bei der Hand faßt, das ist doch schlimm genug. Und an dem Abend habe ich mich auch eigentlich vor Ihnen gefürchtet.«

»Aber ich mußte Ihnen damals ein Wort sagen, Clara. Ich konnte nicht nach Hause gehen, ohne Ihre Hand berührt zu haben; mein Herz war zu voll. Waren Sie wirklich böse auf mich?«

»Nur eine Weile,« entgegnete das Mädchen, indem sie ihn mit ihren großen Augen anschaute, »und eigentlich auch nur, weil mich die Anderen so neckten.«

»Was sagten sie denn?«

»Ob jetzt endlich ein Prinz gekommen sei oder ein regierender Herr, den ich für würdig genug befunden, daß er mir den Hof machen dürfe. – Aber ich erzähle Ihnen da lauter dummes Zeug, worüber Sie lachen werden,« setzte sie schmollend hinzu.

»Gewiß nicht, Clara, es interessirt mich auf's Höchste.«

»Und der Schwindelmann hatte es sogar bemerkt.«

[76] »Wer ist Schwindelmann?«

»Schwindelmann,« entgegnete sie einigermaßen erstaunt, »ist der Theaterdiener, der uns zu den Vorstellungen abholt und im Wagen wieder nach Hause bringt.«

»Ein junger Mann?« fragte Arthur mit einer eifersüchtigen Regung.

»O, Sie müssen Schwindelmann kennen!« fuhr sie fort, ohne den Sinn seiner Frage zu verstehen. »Er läßt den großen Portalvorhang herab und kennt namentlich mich genau. Er und mein Vater sind zusammen in die Schule gegangen.«

»Ah so!« sagte Arthur sichtlich erheitert. »Und der Schwindelmann hat es gesehen, daß ich Ihnen die Hand gab?«

»Das will ich meinen, und er war sehr mürrisch. Sonst trägt er mir immer meinen Korb und nimmt ihn hinten zu sich auf den Wagen; aber an dem Abend schob er ihn zu mir herein und brummte allerlei in den Bart.«

»Das scheint mir ein braver Mann zu sein, der Theaterdiener,« sagte Arthur.

»Auch fuhr er mich an dem Abend nicht zuerst nach Haus wie sonst, sondern zuletzt. Und dann ließ er den alten Andreas, den Kutscher, nach Hause, blieb bei mir an der Treppe stehen und hielt mir eine starke Predigt.«

»Und das Alles, weil ich Ihnen die Hand gereicht?«

»Allerdings; natürlicherweise bildete er sich noch viel mehr ein. Es sei schade um mich, sagte er, ich hätte mich so gut gehalten, Alle hätten die größte Achtung vor mir, man könne mir nicht das geringste Ueble nachsagen, und nun finge ich auf einmal so dumme Streiche an!«

»Schwindelmann scheint mir bösartig zu sein,« versetzte Arthur einigermaßen ärgerlich.

»Nein, er ist sehr gut,« versetzte die Tänzerin. »Wissen Sie, er hat beim Theater schon sehr viel erlebt,« sprach sie mit sehr [77] ernster Stimme; »er hat gesehen, wie schon manches Mädchen unglücklich wurde, und da er mich, wie gesagt, gern hat, so warnte er mich auf's Allerernstlichste.«

»Vor einem Händedruck?«

»Nicht nur ganz davor,« entgegnete sie heimlich lachend, »aber er sagte, das wäre der Anfang, und er hatte nicht Unrecht darin. Es ist bis jetzt Alles gekommen, wie der Schwindelmann mir vorher gesagt,« sprach sie auf einmal sehr ernst werdend, indem sie vor sich niedersah. – »Zuerst würden Sie sich mir Abends in den Weg stellen, mit mir zu sprechen; und das haben Sie auch gethan, – anfänglich weniger und dann häufiger. – Dann aber« – hier stockte sie einen Augenblick, und fuhr erst fort, als sie Arthur aufmerksam und fragend anblickte – »dann aber würden Sie unter irgend einem Vorwand in unser Haus kommen; und dann – – wäre ich auf dem Wege des Verderbens – o mein Gott!« –

Diese letzten Worte sprach das Mädchen mit gepreßter Stimme und in sichtlicher Angst, und als sie ausrief: »O mein Gott!« preßte sie ihre beiden Hände vor das Gesicht, sprang auf und eilte zu ihrer kleinen Schwester, der sie emsig half, Teller und Gläser zu ordnen, ohne sich im Augenblick weiter um ihren Gast zu bekümmern.

Arthur war überrascht sitzen geblieben und hatte die Tafel in den Händen des Bübchens gelassen, welches sie eifrig an sich nahm und mit zu den Schwestern hin sprang, um ihnen das Krokodil und die schöne Schlange zu zeigen.

Auch der alte Herr trat jetzt nach vollbrachter Mittagsruhe wieder in's Zimmer und mußte ebenfalls die seltsamen Thiergestalten bewundern.

Obgleich der Maler dem aufgeregten Mädchen gerne noch einige begütigende Worte gesagt hätte, so war dies doch nicht möglich. Sie kam nicht an das Fenster zurück, sie ließ ihn ruhig [78] seinen Hut nehmen und wandte sich erst nach ihm um, als er dem Vater die Hand reichte, dem Bübchen auf den Kopf pätschelte und der jüngeren Schwester freundlich zunickte. Dann bot auch sie ihm einen freundlichen guten Tag, wobei er allein bemerkte, wie sie durch Thränen lächelte.

Als er hierauf gedankenvoll die Treppe hinab ging, schüttelte er den Kopf und sagte: »Thränen bei mei nem ersten Besuch, und Schlangen, die ich zeichnen mußte; wenn das nur keine bösen Vorzeichen sind!«

Eine lange Zeit hatte, während Arthur bei Herrn Staiger war, draußen auf dem Gange Mademoiselle Emilie Wundel Bücher und Noten ausgeklopft, auch hie und da einen Vers aus irgend einer Arie getrillert, ohne daß der angenehme junge Mann zurück gekommen wäre. Endlich war Clara erschienen, und als er auch jetzt noch nicht kam, ging die Ausklopferin achselzuckend in ihr Zimmer zurück. – »Da hätte ich schön warten können,« sagte sie hohnlachend, »das ist ja eine abgekartete Geschichte! Wie man auch so dumm sein kann!« – Damit meinte sie die vorsorgliche Mutter. – »O die Clara! Ich für meine Person habe ihr nie was Gutes zugetraut, das kann ich euch versichern; die hat's lange heimlich getrieben; jetzt wirft sie alle Scham bei Seite und läßt ihre Liebhaber am hellen Tage in's Haus kommen. Ihr werdet schon sehen: Einen nach dem Andern. – Pfui Teufel über dies Volk vom Ballet!« –

28. Kapitel
[79] Achtundzwanzigstes Kapitel.
Betrachtungen.

Wir wissen nicht, theurer und geneigter Leser, ob du in deinem Leben schon in den Fall gekommen bist, in lebenden Bildern mitzuwirken. Daß du öfter welche gesehen, nehmen wir unbedingt an. – Es ist das Stellen lebender Bilder in Familiencirkeln eine Krankheit, die hie und da einreißt, die oftmals sporadisch auftritt, dann aber auch für gewisse Winter ganze Städte epidemisch beherrscht. Das sind Zeiten der forcirten Bewunderung, wo man oftmals nach ausgestandenem Jammer den Lenker aller Dinge anklagen möchte, daß es überhaupt Bilder gibt, und daß Jemand auf die – schöne Idee kam, lebende Bilder zu arrangiren.

Wie schon bemerkt, so erfaßt die Lust nach diesem Vergnügen oftmals ganze Städte, und alsdann entgeht keiner seinem Schicksale; wer nicht zum Mitstehen gepreßt wird, der muß zusehen; und welche Art von Schlachtopferei menschlicher Grausamkeit die schlimmere sei, soll der Beurtheilung einer zweiten Miß Stowe vorbehalten bleiben.

Man hat alle Arten von Vergnügen erschöpft, man hat große Kaffeegesellschaften arrangirt, in welchen eine ungeheure Menge von Backwerken verzehrt, eine Anzahl guter Namen zerrissen, ja eine Masse von Zukunften vernichtet wurde. Was das Letztere anbelangt, – die harmlosen Zuthaten zum Kaffee nämlich, – so müssen wir den geneigten Leser versichern, daß die Vieruhr-, überhaupt die Nachmittagskaffeegesellschaften die schlimmsten, die blutdürstigsten sind. Das Mittagessen ist vorüber gegangen, und der Gemahl, der vielleicht in der Kanzlei von einem Vorgesetzten bedeutend geärgert wurde, kam verdrießlich zu Tische und findet, daß die Suppe versalzen, die lange Sauce des Gemüses zu mehlig [80] und die Räucherung des Schweinefleisches nicht vollkommen gelungen sei. Es gab das eine kleine häusliche Scene, die Kanzleiräthin erlebte einige scharfe Bemerkungen, welche in viel kräftigerer Tonart, aus allen Registern klingend, in der Küche wiedergeorgelt wurden. Darauf ist das Bäbele verdrießlich geworden; »es ist überhaupt keine Freude in dem Hause;« denkt sie, und statt daß sie mit dem Spülen um halb Drei fertig wäre, zieht sie dies Geschäft bis halb Vier hinaus, wo sie dann erst langsam die Hände mit Seife wascht, um darauf der ängstlich harrenden Gebieterin das Kleid zuzumachen. Diese, geärgert, echauffirt, kann mit dem übrigen Anzug kaum fertig werden, und erscheint nun statt um vier Uhr eine Viertelstunde später – der geneigte Leser mag selbst beurtheilen in welcher Laune – zum Kaffee.

Wie schon angedeutet, diese Nachmittagsgesellschaften sind entsetzlich, und der Geist der Verleumdung muß sie einstmals in höchsteigener Person erfunden und dazu geladen haben den gelben Neid, die grüne Bosheit, gräuliche Heuchelei, und alle andern Schwestern und Brüder dieser Geschlechter. Hier wird Alles, was in den Bereich der giftigen Zungen kommt, zerstückelt, zerrissen, verdammt ohne alle Gnade und Barmherzigkeit. – Abends bei einem harmlosen Thee geht es schon einige Grade sanfter und gemüthlicher zu. Am Ende des Tages ist man überhaupt versöhnlicher gestimmt, ist zu Liebe und Duldung geneigter jeder Mensch, ja sogar die Zunge der schlimmsten Frau. Da geht es denn oftmals ohne bedeutendes Blutvergießen ab; es herrscht hier – mit Ausnahmen natürlich – ein Geist der Sanftmuth; nur zuweilen wird ein guter Name geknickt, ein bis dahin guter Ruf vernichtet.

Aber im Laufe des Winters werden sie langweilig diese Gesellschaften, man hat sich schon zum Oefteren auf gleiche Weise beisammen gesehen, man hat schon unzählige Mal die neu plattirte Theemaschine bewundert oder das Porzellanservice, das voriges Jahr [81] angeschaffte; auch weiß man, daß der Silbervorrath aus achtzehn Löffeln besteht; die neuen Ueberzüge des Sopha's und der Stühle geben keinen rechten Stoff mehr zur Unterhaltung, ja sogar die eigenen Zungen sind abgenutzt und die Zähne haben sich stumpf gebissen an dem Wohl und Wehe des lieben Nächsten. Was das Schlimmste ist, es ist vielleicht keiner der glühenden Wünsche erfüllt worden, mit denen man die Wintersaison eröffnet, – es kamen die Wasser all', die gebeten wurden, aber die Einladungen dagegen fielen spärlich aus. Madame konnte sich trotz des großen Aufwands von Zucker, Thee und Backwerk nicht aus der siebenten Rangklasse erheben und hineinschmuggeln in höhere Regionen.

Man vergrößert nun die Theegesellschaften; statt daß man, wie bis jetzt, die Magd oder einen entlehnten Bedienten herum schickt und auf eine Tasse mit Zuthaten einladen läßt, werden nun Karten geschrieben, auf denen es heißt: Herr und Madame Backstein bitten Frau Regierungsräthin Hintenüber mit vier Töchtern zu einem Thé dansant auf morgen Abend etc. Unten links in der Ecke steht das bekannte: U.A.w.g. – Um Antwort wird gebeten; die jüngeren Damen übersetzen es sich aber: Und Abends wird getanzt.

Zur gewöhnlichen Theegesellschaft war doch nur eine kleinere Anzahl von Gästen versammelt, die der Salon ohne viele Schwierigkeiten in sich aufnehmen konnte, eine Anzahl Auserwählter, ein Elitencorps, ein Cadre der Armee; zum tanzenden Thee dagegen ist nun die sämmtliche Mannschaft einberufen wor den: Kriegsreserve, Landwehr ersten und zweiten Aufgebots, ja längst schon nicht mehr dienstfähige und sehr strapazirte Invaliden. Da rüstet sich nun Alles, diesem Rufe Folge zu leisten, und erscheint zu Fuß und zu Wagen. Einige Zeit nach der angegebenen Stunde sind dann die hinteren Zimmer auch glücklich mit Menschen vollgepropft, und die vorderen füllen sich nach und nach ebenso an. Man becomplimentirt sich, man stößt einander, man tritt sich auf die Hühneraugen, man [82] kann nicht zu einer hübschen Frau gelangen, denn sie ist von einem Kreis von Vaterlandsvertheidigern umgeben, und wenn man endlich glaubt, durchbrechen zu können, wird man von einem langweiligen Kerl zurückgehalten, der durch die hinten Stehenden fast auf uns hinaufgeschoben wird, der mit stets offenem Munde spricht, uns beständig in gelinder Anfeuchtung erhält, und der, ehe er sich in eine Unterhaltung mit Jemand einläßt, auf alle Fälle vorher ein stärkeres Parfüm sich hätte aufgießen sollen.

In einem der hinteren Zimmer sitzt die corpulente Hauswirthin in schwitzender Selbstwonne, zählt unruhig die Häupter ihrer Lieben und denkt mit Wallenstein:


– – – – – – – – – – – – – – – So Vielen
Gebietest du! Sie folgen deinen Sternen
Und setzen, wie auf eine große Nummer,
Ihr Alles auf dein einzig Haupt, und sind
In deines Glückes Schiff mit dir gestiegen.
Doch kommen wird der Tag, wo diese Alle
Das Schicksal wieder aus einander streut;
Nur Wen'ge werden treu bei dir verharren.
Den möcht' ich wissen, der der Treuste mir
Von Allen ist, die dieses Lager einschließt.
Gib mir ein Zeichen, Schicksal! Der soll's sein,
Der an dem nächsten Morgen mir zuerst
Entgegen kommt mit einem Liebeszeichen.

Während dem steht der dürre Gemahl im altmodischen schwarzen Fräckchen an der äußern Zimmerthüre und freut sich, wie ein Kind auf die Weihnachtsbescheerung, über jeden Neuangekommenen. Rechts und links streckt er die Hände zum sanften Drucke aus, während er einem Dritten zuwinkt und zu einem Vierten sagt: »Ei, Sie kommen sehr spät, Herr Hofkapellmeister.«

Letzterer ist aber offenbar der Klügste, denn zu einem solchen [83] Thé dansant in einem stillen Bürgershause früh zu kommen und spät zu gehen, dazu gehört mehr Heldenmuth als mancher Mensch besitzt. Hat man erst einmal seine Pflicht gethan, der Frau vom Hause ein Compliment gemacht, hat sich darauf wieder wie ein Krebs zurückgezogen – eigentlich ein schlechter Vergleich, denn ein Krebs braucht nicht rückwärts zu schauen und läuft behaglich im kühlen Wasser, während an dir sehr unbehaglich das Wasser herunter läuft und du jeden Augenblick hinter dich sehen mußt, um nicht die Perle irgend einer Rangklasse umzurennen – so kann man sich ja das Uebrige am andern Morgen von einem Freunde, der bis zum Ende geduldet und gelitten, der Morgens früh um drei Uhr, an allen Gliedern wie gerädert, der Hausfrau zum Abschied die Hand geküßt und ihr versichert hat, daß er lange keinen so charmanten Abend verlebt, erzählen lassen, kann da behaglich den Bericht anhören, wie der Andere die Tanzmusik noch von ferne gehört, den Thee und manches Andere von Nahem gerochen, das Backwerk gesehen und das Souper geahnet habe.

Aber auch die Gastgeberin fand nicht ihre Rechnung bei der Sache, keine Belohnung für die aufgewendeten großen Kosten: ihr Sohn, der angehende Referendär, hat umsonst der Tochter des Präsidenten den Hof gemacht; ihre beiden Töchter waren vergeblich in der glänzendsten Toilette erschienen, in ganz neuen blauen und rosa Barègekleidern; einige junge Leute, für welche man diese Fallen gestellt, waren nur tändelnd um dieselben herum geflogen, keiner hatte sich die Flügel am Strahlenlicht ihrer Augen verbrannt, – und Friederike war doch schon seit vier Jahren beinahe Zwanzig vorüber und ihre Schwester Louise ein paar Monate älter. Auch schien der Hausherr verdrießlich über die großen aufgewendeten Kosten und legte den Fascikel »Thé dansant vom vierten,« seufzend zu seinen Haushaltungsrechnungen. Sein Chef und Kanzleidirektor hatte ihm nicht die gehörige Aufmerksamkeit erwiesen, und die Frau des Ministers war nur einen Augenblick da gewesen, hatte [84] sogar zwei und ein halbes Mal gegähnt und über ungeheure Fatigue geklagt, als sie sagte, sie müsse heute Abend noch in eine andere Soirée fahren, zur Baronin Schnabilinsky. – –

Das hat man nun Alles hinter sich; man will keinen Thé dansant mehr veranstalten, man will auch nicht zurückgreifen zu den langweiligen Theegesellschaften, und da taucht einem erfindungsreichen Kopfe die Idee auf, lebende Bilder zu stellen; es ist das eine schöne Abwechslung und ein vielversprechendes Vergnügen. – Aber wie es dem armen Menschenkinde so oft geht: er sieht nur die Außenseite, ohne sich um die Schattenpartien zu bekümmern.

Wir können ein Wort darüber mitsprechen, geneigter Leser, denn wir kennen das Kapitel lebender Bilder, wir haben dieses Vergnügen durchgekostet und genossen in allen seinen betrübenden Einzelheiten. Wir haben in lebenden Bildern mitgewirkt in der unschuldigsten und angenehmsten Art derselben, wo sie harmlos improvisirt waren, wo eine einfache Stubenthüre das Proscenium bildete, wo vorhandene Shawls, Tücher, Hüte, Hauben, Mäntel und Mantillen die ganze Garderobe ausmachten.

Wir haben das ferner mitgemacht, wo in großen reichen Häusern appart eine Bühne aufgeschlagen wurde und Costüme eigens für diesen Abend gemacht waren, wo renommirte Künstler die Tableaux arrangirten und wo nichts gespart war an Dekorationen und Gewändern.

Wir haben endlich mitgewirkt an der Aufführung lebender Bilder in großen öffentlichen Lokalen, wo keine Einladungen stattfanden, wo die Zuschauer sich Billete kauften und wo die Einnahme für einen guten Zweck bestimmt war; wir haben dabei die traurigsten Erfahrungen gemacht, haben dabei gesehen, welch' unendliche Schwächen das Menschengeschlecht hat, wie Wenige unter ihnen wirklich einer guten Sache zulieb, die man vorschiebt, etwas thun, wie das eigene Ich überall selbstsüchtig hervorbricht, wie ein armer Unternehmer von dergleichen Geschichten beständig am Rande des [85] tiefen Abgrundes hintaumelt, in welchen er hinein stürzen und sich auf's Allerhöchste blamiren kann, weil Madame oder Fräulein A. am Tage vor der Aufführung absagen läßt, da ihr die Rollen nicht brillant genug sind, den andern Abend aber dafür in ihrer Loge sitzt und die schärfste Kritik übt; weil ferner die Madame B. die Madame C., D. und F. dir abwendig macht, da auch Mamsell Y. und Z. mit wirken sollen, die, Beide einer anderen Rangklasse angehörend, nicht würdig genug befunden worden sind, neben den Reichern und Vornehmern für die leidende Menschheit zu wirken. Man kann es Jenen eigentlich auch nicht übel nehmen, daß sie sich zurückziehen, denn es könnte da ja der traurige Fall eintreten, daß eine der Rangklasse nach geringere, in Wahrheit aber vielleicht viel bessere und edlere Mitwirkerin bei den lebenden Bildern einen Tag nach der Aufführung es wagen würde, die andere eines freundlichen Grußes zu würdigen und ihr dergestalt an ihrem Credit schadete bei Vettern, Nichten, Basen und Muhmen, ja bei der ganzen hochpreislichen unfehlbaren wirklichen und Geldverwandtschaft. –

Einer kleinen Andeutung des oben Gesagten konnten wir uns nicht enthalten, denn es wird gewiß auch anderswo zuweilen mit ähnlicher Lieblosigkeit verfahren, einer Lieblosigkeit der sogenannten bevorzugten Klassen gegen andere, die in ihren Aeußerungen so sehr nachhaltig und verletzend, ja die im Stande sein kann, Zukunft und Lebensglück zu untergraben, die sich nicht in einer einzelnen Mißhandlung gegen den Nebenmenschen Luft macht, sondern die ein schwaches Gemüth, wie es deren ja viele gibt, durch fortgesetzte Quälereien und Nadelstiche zu Tode martert. Es ist das ein Kapitel, welches in keiner Sklavengeschichte fehlen darf, und das auch in Onkel Tom's Hütte vorkommen würde, wenn es dort bürgerliche Rang- und Klassenunterschiede gäbe, und wenn sich in Amerika eine schwarze Kommerzienräthin zieren würde, mit einer Gleichgefärbten am nämlichen Tische ihren Thee zu nehmen, weil sie selbst vielleicht nur die Urenkelin eines Barbiergehilfen ist, [86] während der Vater dieser vielleicht noch im gegenwärtigen Zeitpunkte seine Kunden einseift. – Darin sind die Schwarzen glücklicher, denn sie kennen keine Standesunterschiede und haben, wenn auch gleiche Leiden, doch in dieser Beziehung auch gleiche Freuden, wogegen bei uns freien Weißen neben der großen Peitsche, die das allgemeine Schicksal über uns schwingt, noch so viele Peitschen um unsere Ohren sausen, deren Schlag, heimtückisch und aus dem Dunkel nach uns geführt, viel schmerzlicher ist als der Schlag der großen Zuchtruthe. Diese Schläge aber, geliebter Leser, sind unsichtbar wie die gewissen zauberhaften Ohrfeigen, und es wäre gar zu komisch, wenn es auf einmal möglich gemacht würde, all' die kleinen Geißeln zu sehen, die ein Mensch gegen den andern schwingt. Das wäre erstaunlich amusant, wenn du zum Beispiel bemerken könntest, wie jener Mann, der dir so theilnehmend erzählt, man habe von dir ausgesagt, du hättest neulich diese oder jene Schlechtigkeit begangen, aber es sei eine niederträchtige Verleumdung, und er selbst wisse das ganz genau, – wie er bei diesen Worten seine kleine Peitsche schwingt und dich recht absichtlich tief in's Herz trifft. – Ja, in der That, wir wüßten nicht, was wir um den Anblick geben würden, unsere lieben Nebenmenschen so auf einmal zu sehen bei Spaziergängen, in Gesellschaften, im Theater, bei freundschaftlichen Mittagessen, Alle in gegenseitiger Prügelbeschäftigung, Alle mit langen und scharfen Geißeln in der Hand. Aber es ist doch besser, wenn sie unsichtbar bleiben, denn es würde der geneigte Leser auch wahrnehmen, wie wir, seine harmlosen und ganz unterthänigsten Erzähler, zuweilen eine tüchtige Schnur an unsere Feder binden, um rechts und links um uns zu hauen, zur Belustigung der Unparteiischen, aber auch zur Strafe unserer Weißen Sklavenbesitzer.

29. Kapitel
[87] Neunundzwanzigstes Kapitel.
Eine Probe lebender Bilder.

Der Kommerzienrath Erichsen hatte in seinem Namen und in dem seiner Frau die nothwendigen Einladungen besorgt und eine Auswahl unter den Honoratioren der Residenz freundlichst gebeten, sich zu einer ersten vorbereitenden Probe lebender Bilder an einem gewissen Tage bei ihm Nachmittags drei Uhr einfinden zu wollen. Das Gerücht von diesen Einladungen hatte in den betreffenden Kreisen keine kleine Aufregung hervorgebracht. Manche Dame, die wohl erwarten konnte, zur Aufführung eingeladen zu werden, hoffte aber mit Zittern und Zagen auch auf ein an sie gerichtetes Gesuch zur Mitwirkung und schrak bei jedem Tone der Klingel zusammen, ob der ersehnte Bediente nicht erscheine. Manch' schüchterne Frage an das Schicksal, das heißt in diesen Fällen an die Mutter und den Spiegel, wurde gethan, ob es denn wohl möglich sei, da ausgeschlossen zu werden, wo die Erwählten sich in schönen Stellungen und noch schöneren Costümen vor der ganzen Gesellschaft zeigen werden.

Der Kommerzienrath war der Erste, der seit langen Jahren wieder die Tableaux in Aufnahme zu bringen versuchte, und man bemerkte deutlich an so Vielem, daß diese Idee eine zeitgemäße sei. Man hofirte dem alten Herrn, noch mehr aber der finsteren Räthin auf die auffallendste Art von der Welt; es kamen Besuche über Besuche und deßhalb die alte Dame tagelang nicht von ihrem Sopha, der Bediente nicht von der Hausthüre hinweg. Im Theater schmachtete man im ganzen zweiten Range nach der Loge des Banquiers, wie es der gesammte Adel im ersten Range bei festlichen Gelegenheiten nach der Loge Seiner Majestät zu machen pflegt. Der Kommerzienrath war in diesem Augenblicke nicht blos der König [88] der Börse, er war auch der König seiner Gesellschaft, und wenn er in seine Loge trat, so zuckte es rechts und links von den Stühlen empor; mancher lange Hals von der Weiße eines Schwans und der Kehlengelenkigkeit einer Gans that das Uebermögliche, um sich um einen neidischen Pfeiler herum biegen zu können. Unternehmende Beamtentöchter der Kommerzienräthin gegenüber bemühten sich auf's Auffallendste, ihre körperlichen Reize in's beste Licht zu setzen; sanfte Blondinen stützten sich schüchtern und melancholisch auf den Arm und schlugen in unnachahmlicher Weichheit zuweilen die Augen auf, um ihre Qualifikation zu irgend einer Heiligen oder gar zur Himmelskönigin darzuthun. Andere mit blitzenden Augen und vollen schwarzen Haaren sahen verwegen über die linke Schulter irgend einen zusammengehockten Rechnungsrath an, als fühlten sie die Kraft einer Judith in sich und sähen sich vielleicht veranlaßt, nächstens ihrem stillen Nachbar den Kopf abzuschlagen.

Arthur hatte übrigens während dieser Zeit zu Hause mit Mama bedeutende Kämpfe zu bestehen. Die Costümfrage war glücklicher Weise zu Gunsten des Theaters entschieden worden, und sogar mit Beihilfe einer alten geizigen Oberregierungsräthin, die von Adel war, wenn gleich etwas zweifelhaftem, dabei drei eingeladene erwachsene Töchter besaß, und die förmlich vor dem Gedanken zurückschauderte, denselben Costüme machen zu lassen.

Was aber die Einladungen betraf, so konnte der Maler zu seiner großen Verzweiflung hierin nicht den Sinn der Mutter ändern. Er hatte natürlicher Weise die schönsten Frauen und Mädchen aufgeschrieben, sowie Männer von guten Gestalten und interessanten Köpfen; die unbeugsame Mutter aber verfuhr streng nach dem Gesetz: sie fing oben bei ihrer Rangliste an, und da die gelben Töchter des Kanzleidirektors begreiflicher Weise vor der schönen, jungen Sekretärsfrau und vor den reizenden Töchtern des Postmeisters kamen, so wurden jene zur Aufführung eingeladen, diese aber zum Zusehen verdammt.

[89] Der verhängnißvolle Tag der ersten Probe kam so heran; Arthur hatte den größten Saal des väterlichen Hauses dazu eingerichtet, indem er vorn auf verschie denen Staffeleien die auserwählten Bilder aufstellte, im Hintergrunde aber eine kleine Estrade errichtet hatte, worauf probirt werden sollte. Der Kommerzienrath hatte sich von dieser Probe zu entschuldigen gewußt – er war auch in Wahrheit gänzlich überflüssig, und die alte Dame verstand, wie wir wissen, auch ohne ihn das häusliche Scepter zu schwingen. Sie saß steif in ihrer Sophaecke; ihr hartes Gesicht war noch ernster als sonst, und wenn man die finster herabgezogenen Augenbrauen betrachtete, so bemerkte man, daß sich die Dame in keiner freundlichen Gemüthsstimmung befand.

Außer dem alten Herrn war so ziemlich die ganze Familie versammelt; Marianne saß wie damals neben ihrer Mutter in der anderen Ecke des Sopha's; Alfons, der Schwiegersohn, ging mit den Händen auf dem Rücken im Zimmer auf und ab, und die beiden Söhne des Hauses, Arthur und Eduard, standen neben einander am Fenster. Ueber Alle aber schien sich ein verdrießlicher Geist niedergelassen zu haben.

Die Kommerzienräthin hatte in den letzten Tagen mancherlei Aerger erlebt, ihre Schwiegertochter war mürrischer und unaufmerksamer gegen Mann und Kinder als je gewesen, und Alfons hatte ebenfalls mit seiner Frau einige heftige Scenen, die lebenden Bilder betreffend, gehabt. Er erklärte es nämlich für unpassend, daß sie selbst mitwirke, hatte auch unter Anderem gesagt, er finde diese Tableauxgeschichte durchaus nicht anständig und begreife nicht, wie Mama dergleichen arrangiren möge; er für seine Person werde sich wohl hüten, in irgend einem Bilde mitzuwirken; – wofür ihm Arthur übrigens sehr dankbar war; – auch halte er es für unschicklich, hatte er ferner gemeint, mit jungen Männern oder auch mit jungen Damen in so vertrauliche Gruppen zusammen zu treten, wie es so häufig die Bilder erforderten. Die Kommerzienräthin [90] hatte darauf ziemlich heftig zu Gunsten ihrer Soirée gesprochen, doch war immer von diesem ausgestreuten Samen ein Körnchen bei ihr aufgegangen, welches von einem dem Hause befreundeten Geistlichen genährt wurde, der unter Anderem mit niedergeschlagenen aber dabei verdrehten Augen nur ganz ergebenst darum gebeten hatte, keine Heiligenbilder oder Darstellungen aus der heiligen Schrift zu wählen.

Arthur stand, wie gesagt, bei seinem älteren Bruder am Fenster, und wenn auch letzterer angelegentlich auf die Straße zu blicken schien, so warf er doch zuweilen verstohlener Weise einen Blick in die hinterste Ecke des Zimmers, wo seine Frau in einem Fauteuil lag, die Fingerspitzen beider Hände an einander hielt und sehr beruhigt an den winterlichen Himmel hinauf blickte. Eduard schien dagegen wie oft sehr aufgeregt.

»Du kannst dir nicht denken,« sagte er leise zu sei nem Bruder, »wie diese Frau es versteht, mich zu plagen und zu quälen. Ich will nichts davon sagen, daß sie mir täglich ein finsteres, mürrisches Gesicht macht, so daß ich es im ganzen Jahre ohne Anstrengung behalten kann, wenn sie mich einmal heiter anblickt, – aber ihre Gleichgiltigkeit gegen mein Haus, gegen ihre Geschäfte als Frau, ja gegen meine Kinder ist oft wahrhaft empörend!«

Arthur zuckte die Achseln. »Euch Beiden ist schwer zu helfen,« sagte er.

»Das sehe ich leider Gottes ein. Aber soll ich denn diese Geschichten ewig ertragen? – Ich mag nach Hause kommen, wenn ich will, so finde ich Ursache zum Klagen und zum Streit.«

»Du nimmst auch Alles zu genau.«

»Ich nähme Alles zu genau!« erwiderte Eduard vorwurfsvoll; »ich möchte dich sehen, wenn du an meiner Stelle wärest! Du weißt zum Beispiel, wie sehr ich auf Ordnung in meinem Schreibzimmer sehe.«

[91] »Ja, ja; darin hat ja deine Frau nichts zu thun und kann also nichts in Unordnung bringen.«

»Sie geht selbst auch nicht hinein; aber sie läßt meine Papiere, meine so zierlich aufgestellten Sachen den Kindern zum willkommenen Spielzeug.«

»Das ist freilich arg.«

»So komme ich denn gestern nach Hause; sie ist in ihrem Salon, unsere Mägde halten Kaffeegesellschaft im Hinterzimmer, mein Herr Sohn und meine Fräulein Tochter beschäftigen sich gerade damit, aus ganz wichtigen medizinischen Gutachten, die ich da liegen habe, Düten zu schneiden, in welchen sie meinen feinen Tabak und Streusand unter einander mischen, um sich einen Laden zu arrangiren. Dazu haben sie meine Pfeifen von den Gestellen herabgenommen, ein paar sind schon zerbrochen, und ich komme noch gerade recht, um größeres Unheil zu verhüten.«

»Da würde ich in Zukunft mein Schreibzimmer abschließen und den Schlüssel beständig bei mir tragen.«

»Allerdings hätte ich vielleicht dort Ruhe, aber um nicht den ganzen Tag Ursache zum Aerger vor mir zu sehen, müßte ich schon das ganze Haus abschließen und Niemand darinnen lassen als mich und meine Kinder. Du hast gar keine Idee davon, Arthur, was diese Frau für ein Talent zur Unordnung besitzt; es ist dies ein wahres Talent zu nennen und wäre unter anderen Bedingungen erstaunenswerth. Sie schließt keine Thüre und kein Fenster, sie legt keinen einzigen Gegenstand an den gehörigen Platz; läßt sie sich einmal herab, dem Hund sein Futter zu geben, so bekommt er dasselbe in irgend einer meiner kostbaren japanischen Tassen; zieht sie eine Uhr auf, so sprengt sie entweder die Feder oder verwickelt die Ketten in einander. – Nun, von ihrer Toilette will ich gar nicht sprechen, das hast du ja vor Augen und wirst es mir deßhalb glauben. Betrachte sie ein einziges Mal, ob der Anzug, den sie trägt, vollkommen zu einander paßt! Ich wette hundert [92] gegen eins, daß dir eine ganze Menge Unordnungen beim ersten Anblick in die Augen springen werden. – Siehst du, Arthur, und das macht mich unaussprechlich elend; ich befinde mich den ganzen Tag in einer krankhaften Aufregung.«

»Wodurch du aber die Sache nicht besser machst,« entgegnete der Maler. »Eben diese krankhafte Aufregung ist schuld, daß du wie ein Falke nach Allem spähst und gewissermaßen froh bist, wenn du etwas findest, was dir gestattet, diese Aufregung explodiren zu lassen.«

»Nein, gewiß nicht.«

»Was du mir da Alles erzählt hast, sind an sich nur Kleinigkeiten; aber obgleich ich mir wohl denken kann, daß sie dich auf's Tiefste verstimmen, wenn sie beständig vorkommen, so solltest du dir doch einmal fest vornehmen, dich dadurch nicht zum Zorn hinreißen zu lassen, sondern ruhig und bestimmt das zu sagen, was du sagen willst, dann dich auf dem Absatz umzudrehen und deiner Wege zu gehen.«

»Du hast Recht, lieber Arthur,« versetzte seufzend der Bruder. »Wenn ich das nur könnte! Aber ich bin es nicht im Stande; wenn ich zu Hause nur einen einzigen Menschen hätte, der es mit mir hielte, der mich unterstützte! Aber ich versichere dich, bis auf die Kinder hinab komplottiren sie gegen mich. – Und erst unsere Dienerschaft! Die handelt vollkommen nach dem Beispiel von Madame. – Unordnung und Gleichgiltigkeit vornen und hinten.«

»Aber denen kannst du doch befehlen.«

»Ich befehle auch, um von ganz gewöhnlichen Dingen zu reden, daß zum Beispiel meine Kinder Punkt acht Uhr jeden Morgen ihren Kaffee haben sollen, und zwar an einem bestimmten Tische; ich setze es nicht durch, Gott bewahre! Eins wird im Bett gefüttert, das andere verzehrt sein Frühstück auf dem Waschtisch, und ich bin schon dazu gekommen, daß Oskar in aller Gemüthlichkeit [93] sein Brod in das Seifenwasser tunkte und dann aufaß. Sollen Einem da nicht die Haare zu Berge stehen?«

Arthur zuckte beistimmend die Achseln.

»Du weißt, ich will immer um ein Uhr zu Mittag speisen,« fuhr Eduard fort; »aber ich bringe es nicht dahin. Bald will sie Nachmittags etwas vorhaben, und es steht dann die Suppe schon nach zwölf Uhr auf dem Tisch, bald ist es Zwei und ich mag klingeln wie ich will, es erscheint Niemand. – Das sind freilich Alles keine großen Sachen, aber es ist viel schlimmer als ein schweres Unglück, das uns betrifft und mit einem Mal zu Boden schlägt, – es martert uns mit beständigen Nadelstichen zu Tode.«

»So wird also deinen Befehlen nicht Folge geleistet, und wenn du hie und da eine Scene aufführst, was nicht selten bei dir vorkommt –?«

»So habe ich selbst den Schaden davon. Madame zieht bei dem leisesten Wort ein Gesicht und sagt mir während vier Wochen nicht die Tageszeit, ich bin in meinem eigenen Hause wie die reine Gottesluft, ich existire als Gegenstand für Niemand – man sieht mich gar nicht an. Und das zu ertragen bin ich einmal nicht im Stande!«

»Und deßhalb bist du der Erste, der wieder gute Worte gibt!« sagte Arthur mit leisem Tone.

»Was soll ich machen? – Ich kann solch' ein Leben zu Haus nun einmal nicht ertragen. Du hast gar keine Idee davon, was es heißt, so ein finsteres Gesicht vor sich zu sehen. Morgens vom Aufstehen, bis Abends, wo man zu Bette geht, kein Zorn, kein Aerger, der sich dem meinen entgegensetzt, nein – nein, eine unheimliche Gleichgiltigkeit, die Schwüle eines Gewitters, das nicht zum Ausbruch kommt, das keine wohlthätigen Blitze herabsendet, welche die Luft reinigen, und bei dem man nur in der Ferne ein gelindes Donnern hört. – Letzteres besorgen an solchen Tagen meine freundlichen Dienstboten, die im Verein mit Madame mich [94] zu bestrafen trachten, indem sie meine Befehle schlecht und mürrisch ausführen, jeden Augenblick Gläser und Schüsseln hinfallen lassen und die Thüren zuschlagen, daß Einem Hören und Sehen vergeht.«

Obgleich Eduard diese Schilderung seiner häuslichen Sklaverei dem Bruder im Tone des tiefsten Schmerzes machte, so konnte sich doch dieser eines kleinen Lächelns nicht erwehren. – »Es sind das allerdings Nadelstiche,« sagte er, »aber du mußt sie zu pariren wissen. Waffne deine Haut mit Geduld, tritt fest auf, zeige deinen Frauenzimmern den Herrn, und wenn sie anfangen mit dir zu boudiren, so zwinge dich, darüber zu lachen und nimm die Sache ebenfalls gleichgiltig.«

»Wie oft habe ich mir das schon vorgenommen!« versetzte Eduard mit betrübtem Tone; »aber ich kann nicht. Ach! wie könnten wir so glücklich sein, wenn meine Frau anders wäre! Ich liebe sie immer noch wie damals, und wenn hie und da ihr Gemüth freudig ist und sich in ihrem Auge ein Sonnenstrahl zeigt, so bin ich der glücklichste Mensch von der Welt, vergesse und vergebe Alles, trage sie auf den Händen und –«

»Verderbe damit Alles,« warf Arthur ein. – »Aber ich habe gut predigen, wir haben vom Vater das weiche Gemüth, vielleicht ginge es mir gerade so. Du mußt dich in Geduld fassen.«

»Ja,« seufzte der Andere, »ich muß mich in Geduld fassen. Aber wenn die Geduld einmal bei mir zu Ende ist, wenn mein trostloses Hauswesen von keinem Strahl der Freude mehr erhellt und wenn es rings um mich immer finsterer wird, dann – – gibt es doch noch einmal ein gräßliches Unglück,« setzte er mit ganz leiser Stimme hinzu.

Während dieser Unterredung, die am Fenster und natürlicher Weise nicht laut geführt wurde, schien für die Uebrigen ein Engel oder ein Polizeidiener, wie man zu sagen pflegt, durch das Zimmer zu schweben, denn es sprach weiter Niemand; nur die alte Dame machte hie und da einiges Geräusch, indem sie mit den [95] Fingern leicht auf dem Tische trommelte, was bei ihr jedoch immer als ein Zeichen ziemlich übler Laune anzusehen war.

30. Kapitel
Dreißigstes Kapitel.
Gesellschaftliche Correspondenzen.

Um drei Uhr sollte die Probe beginnen, und man hatte bis dahin noch ungefähr eine halbe Stunde Zeit.

Der Bediente trat in das Zimmer und überreichte der Kommerzienräthin zwei Briefe. Sie öffnete dieselben, las sie durch und reichte sie dann ihrem Sohne Arthur.

»Hochverehrtheste Frau Räthin,« hieß es in dem einen; »Sie werden wahrscheinlich überzeugt sein, wie außerordentlich schätzenswerth und höchst angenehm mir jede Ihrer freundlichen Einladungen ist. Deßhalb kämpfte ich auch bis heute, ja bis um diese Stunde, ehe ich den Entschluß fassen konnte, Ihnen vorliegende Zeilen zu übersenden, mit denen ich Ihnen, hochgeschätzte Frau, unter tiefstem Bedauern anzeigen muß, daß es mir unmöglich ist, in den lebenden Bildern mitzuwirken. Natürlicher Weise können Sie verlangen, den Grund dieses meines harten Kampfes und späten Schreibens zu erfahren; aber nehmen Sie es mir nicht übel, werthgeschätzte Frau, wenn ich Ihnen die Wahrheit sage. Es wurde gestern nämlich gerüchtsweise bei Obertribunalraths erzählt, es sei durch Ihren Herrn Sohn Arthur auch eine Einladung zu den lebenden Bildern an den Doktor F. mit seiner Frau gelangt! – Wenn diese Leute auch hie und da in größeren Gesellschaften gesehen werden, so bin ich fest überzeugt, daß Sie, werthgeschätzte Frau, doch Anstand nehmen, sie zur Aufführung lebender Bilder einzuladen. [96] In einer Soirée kann man sich ausweichen, aber in einem Tableau – meine Töchter befinden sich in unbeschreiblicher Aufregung und Angst. Denken Sie, wenn es Ihrem Herrn Sohn, dem Herrn Maler Arthur, am Ende einfiele, die Frau Doktor F. in einem Bild neben meine Julie oder meine Emilie zu plaziren! Ich bin fest überzeugt, die Frau würde darauf hin eine nähere Bekanntschaft versuchen, und dafür müßte ich – doch ganz besonders danken. Uebrigens bin ich wie immer mit aller Freundschaft


Ihre

Albertine Wasser,

verwittwete Tutelar-Räthin.«


Die Kommerzimräthin hatte, während ihr jüngster Sohn las, jede Miene desselben mit Ruhe aber großer Bestimmtheit betrachtet, ja, sie war mit ihrer langen spitzen Nase seinen Augen gefolgt, wie sie auf dem Papier hin und her liefen, und als bei Erwähnung des Doktors F. und Frau ein verächtliches Lächeln über seine Züge flog, drückte die alte Dame ihre Augenbrauen finster herab und trommelte drohend und in einer unbeschreiblichen Taktart auf dem Tische.

»Nun?« fragte sie streng, nachdem Arthur den Brief durchlesen und nun lächelnd aufschaute. »Was ist an dieser Geschichte?«

»Sie kennen ja den Doktor F. und seine liebenswürdige Frau,« erwiderte Arthur, – »einen meiner besten Freunde; sie wurden Ihnen durch mich vorgestellt.«

»Das weiß ich; – aber die andere Geschichte!«

»Sie machten mit Papa auch einen Gegenbesuch.«

»Schicklichkeitshalber. Aber –«

»Sie luden die Beiden im vergangenen Winter zu dem großen Thé dansant ein,« fuhr der Sohn ruhig fort.

»Das that ich,« entgegnete sehr ernst die Mama, »erstens, [97] weil ich auf deine Bitten die Vorstellung geduldet, zweitens, weil sich die Leute, so lange sie hier sind, nicht unanständig aufgeführt, und drittens, weil, wie die verwittwete Tutelar-Räthin ganz richtig bemerkt – das bei einer großen Soirée in der Menge verschwindet.«

»Aber F.'s waren auch später noch einmal da,« sagte Arthur, indem er den Brief leicht auf den Tisch warf und die rechte Hand fest auf diesen stützte – eine Haltung, die Jemand annimmt, der zum ernstesten Widerstand entschlossen ist.

Die Nase der Kommerzienräthin erhob sich einen halben Zoll höher. Sie hörte auf zu trommeln und griff nach ihrem Sacktuche, in das sie leise hinein hustete. – »Allerdings hast du Recht,« fuhr sie darauf mit nicht weniger Ruhe fort, als ihr Sohn; »das geschah abermals auf deinen dringenden Wunsch und war eine ganz kleine Gesellschaft, die ich mit großer Umsicht für die F.'s ausgesucht. Dabei war unter Anderem der Buchhalter deines Papa's nebst seiner Frau, dein – Freund und Kollege, der Professor C. und ähnliche Leute. – Aber die Geschichte, die in dem Briefe angedeutet ist, wie ist es damit?«

»Doktor F. wurde mit seiner Frau von Ihnen zum Zusehen eingeladen, ist also doch einmal von der Gesellschaft. Da ich nun die Frau in einem der Bilder sehr gut brauchen kann,« fuhr Arthur in sehr entschiedenem Tone fort, »so bat ich ihn ebenfalls zur Probe. – So ist die Geschichte, und also hat die verwittwete Tutelar-Räthin Recht.«

»Ah!« machte die alte Dame, und ihre Augen schoßen ein paar Blitze auf den ungerathenen Sohn. Sie ergriff darauf abermals ihr Taschentuch und hustete stärker hinein als früher. Dann brachte sie ihre rechte Hand wie vorhin auf den Tisch und begann ihr Trommeln von Neuem. Diesmal aber war es unverkennbar der Rhythmus eines Sturmmarsches.

Einen Augenblick schaute sie alsdann fragend im Kreise umher, [98] als wollte sie jeden Einzelnen auffordern, über diese unerhörte That einige mißbilligende Worte zu sagen.

Aber Alle schwiegen; nur Alfons neigte den Kopf auf die Seite, lächelte fatal und sagte: »Das hättest du nicht thun sollen, Arthur.«

»Und warum nicht?« fuhr dieser auf.

»Weil die F.'s nun einmal nicht zu unserer – Gesellschaft gehören.«

»Sie sind uns vorgestellt, sie kommen in unser Haus!«

»Aber sie haben nicht das Recht, eine Einladung zu prätendiren; sie sind nur geduldet,« meinte Alfons, während er seine Brille näher an die Nase drückte.

»Und weßhalb sind sie bloß geduldet?« brauste der Maler stärker auf. »Wer hat das Recht, den Doktor F., dessen Name, ja dessen kleiner Finger mehr werth als zwei Dutzend Räthinnen mit ihrem Anhang, nur zu dulden? Wer kann sich unterstehen, dieser braven Frau gegenüber von Duldung zu sprechen? – einer ehrbaren, verständigen, musterhaften Frau, in jeder andern Stadt eine Zierde der Gesellschaft.«

»Und eine schöne Frau,« sagte Alfons höhnisch.

»Ja wohl, eine schöne Frau, Alfons!« rief der Maler. »Das wirst du, wie ich mich erinnere, ganz genau wissen, und ebenso kannst du mir am besten beistimmen: eine brave und tugendhafte Frau. – Nicht wahr, Alfons, davon –«

Er wollte sagen: »davon hast du einstens Beweise erhalten,« aber er bemeisterte sich glücklicherweise, doch wohl nur, weil er einem bittenden Blick seiner Schwester Marianne begegnete.

»Was ist es denn eigentlich mit dieser Frau?« fragte die Schwiegertochter der Kommerzienräthin von ihrem Fauteuil aus, ohne aber ihre Lage dabei im Geringsten zu verändern.

»Das will ich dir sagen, Bertha,« fuhr der Maler fort. »Wir sind ja hier unter uns.«

[99] »Stille!« rief die Kommerzienräthin. »Nach deinen heftigen Reden von vorhin zu schließen, bitte ich mir aus, daß du es unterläßt, diesen Punkt vor den beiden Frauen zu erörtern. Ueberhaupt gehört das nicht hierher, und ich möchte mir fast erlauben, den Papa herauf rufen zu lassen, um mich mit ihm zu besprechen, was in diesem eigenthümlichen Falle zu thun wäre.«

»O, dazu brauchen Sie nicht den Papa,« erwiderte Arthur nicht ohne Beziehung; »Sie werden schon selbst einen Entschluß fassen, Mama. Aber Sie wissen um die Sachlage; ich habe den Doktor F. mit seiner Frau nun einmal eingeladen, er wird in einer Viertelstunde da sein. Haben Sie nun vor, etwas gegen ihn zu thun und mich so zu compromittiren, so verlassen Sie sich darauf, daß ich mich nicht scheuen werde, die Sache Jedermann zu erzählen, der sie hören will!«

Während die Kommerzienräthin, ohne viel auf die Rede ihres Sohnes zu achten, mit sich zu Rathe ging, was hier zu beschließen sei, näherte sich der arme Eduard seiner Frau; er hatte schon vorher alle Versuche gemacht, einen freundlichen Blick von ihr zu erhaschen, aber sie schien heute nun einmal für nichts Anderes Sinn zu haben, als für den grauen winterlichen Himmel, den sie mit der größten Aufmerksamkeit betrachtete. Jetzt aber, wo sie auf ihre Frage von vorhin keine Antwort erhalten, schien es dem unglücklichen zuvorkommenden Ehemann die passendste Gelegenheit, seiner mißstimmten Frau einige Aufmerksamkeit zu widmen.

Er näherte sich dem Fauteuil und sagte leise: »Du hast vorhin wissen wollen, was es mit den F.'s für eine Bewandtniß habe, und weßhalb man sie nicht gern in die Gesellschaften ziehe?«

»O, es ist mir ganz gleichgiltig, wenn ich es auch nicht weiß,« entgegnete Madame.

»Aber du fragtest ja darnach!« sprach Eduard eifriger.

»Ja, wie man so fragt.«

»So will ich es dir sagen,« flüsterte er. »Den Doktor F. [100] kennst du ja – er ist einer unserer geschicktesten und talentvollsten Aerzte, noch sehr jung, hat aber schon eine sehr große Praxis.«

»Allerdings größer als die deinige,« entgegnete die liebenswürdige Frau.

Eduard biß sich auf die Lippen, bemeisterte sich aber und fuhr ruhig fort: »Der Vater der Doktorin ist ein unbedeutender Rechnungsbeamter – eine arme aber brave Familie. Doch ist ein Fehltritt vorgekommen, – – mit ihrem jetzigen Manne natürlich. Die Sache konnte nicht verheimlicht werden, denn ihr ältestes Kind kam etwas frühzeitig auf die Welt.«

»Das ist die ganze Geschichte?«

»Das ist Alles, was man der Frau nachsagen kann, denn sonst ist sie ein Muster von Ordnung, liebt ihren Mann und erzieht ihre Kinder auf's Sorgfältigste.«

»Unbegreiflich!« entgegnete hierauf Madame, und im Gegensatz zu dem soeben geführten Gespräch mit so lauter Stimme, daß man es deutlich im ganzen Zimmer hören konnte. – »Das kommt ja zuweilen vor; ist denn nicht eurer Cousine Emma, der jetzigen Hauptmännin S., ganz die gleiche Geschichte passirt?«

»Nun ja; sprich doch leise!«

»Und davon hat man ja gar kein Aufhebens gemacht; die kommt ja nach wie vor in alle Gesellschaften,« sagte Madame noch lauter.

Die Kommerzienräthin war bei diesen Worten heftig zusammengeschreckt, sie hustete und trommelte abwechselnd und war schon im Begriffe, ihrer Schwiegertochter eine passende Antwort zuzuschleudern, doch fragte Arthur in diesem Augenblicke ziem lich gelassen:

»Nun, Mama, was beschließen Sie wegen – dieser Geschichte? Die Zeit drängt; wir haben nur noch einige Minuten Zeit, und ich bin überzeugt, daß Doktor F. sehr pünktlich sein wird.«

[101] »Das glaube ich auch,« versetzte Alfons höhnisch lachend. »Solch eine Gelegenheit kommt nicht sobald wieder.«

Die Kommerzienräthin hatte ihren Entschluß gefaßt. Sie trommelte noch leise auf den Tisch, daß es klang wie ein dumpfer entfernter Donner. Dann sagte sie: »Die Sache ist nun einmal geschehen, und kann ich, ohne den Anstand des Hauses zu verletzen, nichts mehr daran ändern; ich will dich also vor den Leuten nicht bloßstellen, dagegen sei es deine Aufgabe, die F. äußerst wenig in den Bildern zu beschäftigen, vielleicht nur in einem, wozu ich selbst mit Sorgfalt die anderen Personen aussuchen werde. Und dieses Bild, worin sie plazirt werden soll, wird alsdann in der Aufführung begreiflicherweise nicht gestellt; du hast das also dem Doktor F. zu unterbreiten und ihn zu veranlassen, bei der Vorstellung nicht unter den Mitwirkenden zu erscheinen. Wie du es anfängst, ist deine Sache; möge es dir recht schwer werden, denn die Voreiligkeit, die du begangen, verdient ihre Strafe!«

Arthur kannte seine Mutter und wußte, daß vorderhand eine Erwiderung zu nichts führen würde. Er trat an das Fenster zu Eduard und zeichnete gedankenvoll mit seinem Nagel eine fürchterliche Fratze auf die angelaufene Scheibe.

»Hast du was mit – der Wasser gehabt?« fragte Eduard.

»Nein,« entgegnete Arthur, »aber ich mag die Familie nicht, das wissen sie wohl. Ihre Töchter, die aufdringlichen Schneegänse, hassen mich ganz besonders; ich hätte sie einmal zeichnen sollen, habe mich jedoch für diese Ehre bedankt.«

»Weßhalb haßt denn die Tutelar-Räthin die Doktorin F. so grimmig?«

»Das ist sehr einfach; es hat der Wasser selbst die größte Mühe gemacht, in den Kreisen der Gesellschaft, wo sie jetzt gelitten ist, durchzudringen. Und das mit einigem Recht, weil über ihre Familie ein sehr räthselhaftes Dunkel schwebt und weil sie eine boshafte, gallsüchtige kleine Person ist. Hauptsächlich aber dringt [102] sie auf Ausschließung der F., weil sie doch gar zu schlecht neben ihr aussehen würde. Denke dir die schöne Doktorin und die kleine, halbverwachsene Frau ohne alle Taille, mit ihrem gelben Teint und dem bösartigen Blick!«

»Pfui, Arthur!« sagte Eduard lächelnd, »man sollte ja glauben, du seiest in einer Kaffeegesellschaft. Wie kann man sich so ereifern! – Sei jetzt stille, Mama hat ihren zweiten Brief gelesen und ihn Alfons übergeben. Er soll ihn vorlesen, sagte sie; geben wir Achtung!«

Alfons nahm in der That das zweite Billet aus den Händen seiner Schwiegermutter und nach einem gebieterischen Kopfnicken von Seiten derselben las er:

»Liebe Lotte! Deine Einladung habe ich allerdings erhalten, es ist mir aber wahrhaftig unmöglich, davon Gebrauch zu machen. Wie sich wohl von selbst versteht, wird dein Schwiegersohn, Herr Alfons, mitwirken, und da kann ich meinem Sohn doch nicht zumuthen, mit von der für uns so angenehmen Partie zu sein. Du weißt, daß sie einige heftige Worte zusammen hatten, und obgleich sich dein Schwiegersohn im größten Unrecht befand, so sah er sich doch bis heute nicht veranlaßt, meinem Karl einige versöhnliche Worte zu schreiben.


Sonst wie immer

deine treue Freundin

Louise.«


Marianne hatte bei dem Vorlesen dieses Briefes die Lippen zusammengebissen, Alfons zuckte nach Beendigung desselben mit den Achseln. »Ich kann da nichts sagen und thun,« meinte er. »Wenn Madame glaubt, ihr Herr Sohn habe Recht, so kann ich mir das ruhig gefallen lassen; ich aber behaupte, er hat Unrecht, und ich habe mir nun einmal vorgenommen, diese jungen Herren ihre Zudringlichkeiten fühlen zu lassen.«

[103] »Und was hat denn der, von dem es sich handelt, so Schlimmes begangen?« fragte ernst die alte Dame.

»Auf dem letzten Balle,« sagte Alfons sehr wichtig und ruhig, »tanzte er mit Mariannen zweimal. Ich hatte nichts dagegen; als er sie nun aber gar zum dritten Male auffordern wollte, verbat ich mir das, und da erlaubte er sich einige unpassende Bemerkungen, die ich ihm aber sehr passend zurückgab. Ich halte sehr auf den Anstand, Mama, wie Sie wissen, und will nicht, daß meiner Frau gegenüber etwas geschieht, worüber die Leute die Nase rümpfen können.«

»So etwas wird Marianne wohl schon selbst nicht thun, Herr Schwiegersohn,« erwiderte die Kommerzienräthin. »Uebrigens sehe ich gar nicht ein, wie ein dreimaliges Tanzen mit dem Sohne eines sehr befreundeten und sehr achtbaren Hauses unanständig sein könnte.«

»Ich sehe das auch nicht ein, Mama,« sagte die Tochter mit leiser Stimme.

»Das mag sein,« entgegnete Alfons mit erhobenen Augenbrauen, indem er die rechte Hand unter den Rock auf seine Brust steckte. »Es mag sein,« wiederholte er bestimmt, »daß meine Begriffe von Schicklichkeit und Anstand etwas genau und scharf ausgeprägt sind, aber ich halte sie einmal fest, wie ich sie fühle; und man thut in dem Punkt lieber zu viel als zu wenig.«

»Sie hatten nachher in einer Ecke des Saals tüchtige Händel zusammen,« flüsterte Eduard dem Maler zu, worauf Arthur beistimmend mit dem Kopfe nickte.

»Und es sollen da allerlei Dinge zur Sprache gekommen sein,« fuhr der Andere fort, »die sich mit seinen scharf ausgeprägten Begriffen von Anstand und Schicklichkeit nicht gut vereinigen ließen.«

»Ich war nicht da,« entgegnete Arthur zerstreut.

»Nun,« sagte Eduard, »der junge Mann ließ ein paar Worte fallen, die Marianne tief verletzen müßten, wenn sie dieselben erfahren [104] hätte. Es war das bekannte Thema, daß man Niemand hinter dem Busch suche, wenn man nicht selbst stark seinen Aufenthalt daselbst genommen.«

Man kann sich denken, daß nach dem, was soeben in der Familie vorgefallen und was wir dem geneigten Leser erzählt, die Gesichter der sämmtlichen Anwesenden durchaus nicht, wie man zu sagen pflegt, mit einem rosigen Schimmer übergossen waren, vielmehr schien Eines noch düsterer und verstimmter als das Andere. Doch gab es ein gutes Mittel dagegen, den Anfang der Probe nämlich und das Erscheinen der ersten Gäste.

Es ist wahrhaft erstaunlich, was der Mensch Alles kann, wenn er will, und wie sich hier, sobald man Schritte auf der Treppe hörte, die Züge Aller aufheiterten, die Augen einen anderen Ausdruck erhielten, und die Gesichter mit einem freundlichen Lächeln überstrahlt wurden. Bei Manchem gelang diese Umwandlung zwar erst nach einiger Anstrengung, aber sie gelang doch. Die Kommerzienräthin trommelte und hustete nicht mehr, Marianne saß sanft gegen sie hingebeugt, als habe sie ihr irgend eine zärtliche Bemerkung in's Ohr geflüstert; ja Alfons, der eben noch so verstimmte Alfons, stützte die rechte Hand auf den Tisch, während die linke soeben erst von der Schulter seiner Frau herabgeglitten zu sein schien. Es war das in Wahrheit eine rührende Gruppe.

Eduard hatte sich ebenfalls an den Fauteuil seiner Frau begeben und flüsterte ihr zu: »Es kommen Leute, wie du weist, Bertha, mach doch ein freundliches Gesicht und zeige wenigstens nicht vor der Welt deine ewige und traurige Verstimmung!«

Arthur zuckte verstohlen die Achseln und dachte: »Laßt den Doktor F. und seine Frau nur einmal bei der Probe gewesen sein, so wird das Andere sich schon machen« – worauf auch er eine heitere Miene annahm.

Kurz es war erstaunlich, wie das ganze kommerzienräthliche Haus nun auf einmal das Bild der Zufriedenheit und Heiterkeit [105] bot; Alle sahen aus wie das personifizirte Wohlwollen gegen einander und gegen die äußere Welt, und hätte die Kommerzienräthin ihren stechenden Blick und ihre lange spitze Nase verbergen können, so würde die Gruppe auf dem Sopha sogar eine liebliche gewesen sein.

31. Kapitel
Einunddreißigstes Kapitel.
Winterhalter's Decamerone.

Da öffnete sich die Thüre und es erschien zuerst die Familie des Oberregierungsraths von D., für heute aus drei erwachsenen Töchtern bestehend, die von einem emporgeschossenen, noch ziemlich grün aussehenden Bruder, der die gegründetste Hoffnung hatte nächstens zum Justizreferendär zu avanciren, in Abwesenheit von Mama chaponirt wurden. Mama, eine gute, aber etwas dicke und alte Frau, hatte nur eine Einladung zum Zusehen erhalten, wogegen der Vater wegen seiner Amtsgeschäfte unmöglich erscheinen konnte.

Wenn wir sagen, daß Arthur die Töchter zur Ausfütterung irgend eines dunkeln Hintergrundes bestimmt hatte, so ist ihr Aeußeres sattsam beschrieben. Was den Bruder anbelangt, so war es schade, daß keine Thierstücke gestellt wurden: er hätte in seinen unbeholfenen, schweren Bewegungen die Stelle eines jungen Jagdhundes vortrefflich ausgefüllt.

Ihnen folgte in majestätischem Aufzuge die Familie des Obertribunal-Präsidenten. Er, ein großer korpulenter Mann mit einem breiten rothen Gesichte von etwas blutdürstigem Ausdruck, sie, scharf und schneidend im Aeußern, in Reden und Bewegungen, konnte an seinem Arme sehr wohl als Symbol des Schwertes der Gerechtigkeit [106] dienen. Beider Sohn schritt hinter ihnen drein, eine noch nicht vollkommen erklärte Größe, die sich ebenfalls dem Criminalistischen zugewendet hatte, dem Aeußern nach eine schlechte Copie des Vaters und bei allen jungen Damen sehr gefürchtet war, denn da er nichts Besseres zu reden wußte, so unterhielt er sich von seinen Gerichtssitzungen und erzählte gern die schauderhaftesten Mordgeschichten. – Die ganze Familie schritt äußerst würdevoll daher, aufrechten Hauptes, steif und großartig, als eröffneten sie den Zug irgend eines zum Tode Verurtheilten.

Glücklicherweise aber erschien hinter ihnen das wohlgenährte freundliche Gesicht eines jovialen Steuerraths mit Gemahlin, drei Töchtern und zwei Söhnen, und verwischte so das angedeutete traurige Bild. Der Steuerrath begnügte sich nicht mit einem stummen Kopfnicken, sondern er versicherte, daß er sich schon den ganzen Morgen ungeheuer auf die Probe gefreut habe, daß er mitwirken werde, es aber unter einem Adonis oder Apollo schon gar nicht thue, und daß er ferner hoffe, es komme auch irgend eine Rolle in einem Genrebild vor, wo er sich als Fiedler auf dem Fasse auf's Prächtigste ausnehmen würde.

Er würde noch mehr dergleichen vergnügtes Zeug geschwatzt haben, doch erschien jetzt sein Chef, der Obersteuerdirektor, ein noch nicht alter, vornehmer Herr mit mehreren Ordensbändern und zwei blühenden Töchtern, bei deren Anblick der Maler, der wieder ziemlich verdrossen nach seiner Fensterecke zurückgekehrt war, ein freundlicheres Gesicht machte. Diesen beiden Mädchen waren natürlicherweise Hauptrollen zugedacht, und sie wußten wohl, daß sie hiezu berechtigt waren. Sie begrüßten die Kommerzienräthin herablassend, Marianne freundlich, die andern jungen Damen sehr oben hinüber, und der junge Jagdhund, sowie der blutdürstige Criminalist, die ein freundliches Wort anbringen wollten, wurden gar nicht beachtet.

Nach und nach kamen jetzt immer mehr der Eingeladenen, unter [107] Anderem auch der Bankpräsident, ein bleicher, dicker Mann mit außerordentlich spärlichem Haarwuchs, das heißt auf dem Kopfe. Auf den Zähnen hatte er aber desto mehr, und er war mehr wegen seiner außerordentlichen Grobheit als seiner Umsicht bei den Geschäften der Bank berühmt. Als vornehmerer Kollege des Kommerzienraths wurde er von der Dame des Hauses durch ein Aufstehen vom Sopha geehrt und ihm gleich ein Fauteuil untergeschoben, auf dem er sich auch niederließ, ohne in seinem durch Nichts berechtigten unergründlichen Hochmuthe die übrige Gesellschaft weiter eines Blickes zu würdigen.

Als die Kommerzienräthin vorhin aufstand, verband sie als kluge Frau dabei das Angenehme mit dem Nützlichen; denn nach dem Empfang des Bankdirektors begab sie sich in das anstoßende eigentliche Vorzimmer, um dort jene Klasse von Gästen zu empfangen, die es nicht so recht wagten, in das Gemach vorzudringen, wo sich die höchsten und allerhöchsten Herrschaften des Honoratiorenstandes befanden.

Auch Arthur folgte seiner Mutter in dieses Nebenzimmer, denn er wußte, daß dort eine größere und angenehmere Auswahl für die lebenden Bilder sein werde.

Hier fand sich denn auch bald eine zahlreiche Gesellschaft zusammen, und wuchsen auf dieser Schichte der menschlichen Gesellschaft, die um einige Grade tiefer stand, schon anmuthigere Blumen als droben auf der Höhe bei der dürren Vegetation. Hier waren jüngere Kaufleute mit ihren Frauen, versprechende Beamtentöchter, jüngere Räthe und Räthinnen, und Alle lachten, plauderten und summten vergnügt durcheinander, während drinnen nur hie und da ein ernstes und gemessenes Wort fiel.

Dort füllte es sich aber auch nach und nach, denn es wanden sich immer noch dürre Tannen in Gestalt von Regierungs- und Oberregierungsräthinnen, und kümmerliche Fichten, sowie mageres Gestrüpp aller Art, ältliche Gemahlinnen von Finanzdirektoren, geheimen [108] Hofräthen und dergleichen mehr durch das frische und noch grün belaubte Unterholz des Vorzimmers, um die Höhe des Lebens zu erreichen, wo sie eigentlich hingehörten.

Arthur spähte nach seinem Freunde, dem Doktor F., der noch immer nicht erschienen war; aber er hatte als Arzt viel zu thun und mußte vorerst seine Geschäfte besorgen, ehe er an das Vergnügen denken konnte.

Da es übrigens drei Uhr geworden war, so ließ die Kommerzienräthin die Flügelthüre zu dem besprochenen grünen Salon öffnen und die Menge strömte dort hinein. Das jüngere Volk eilte alsbald zu den Staffeleien und betrachtete die aufgestellten Bilder, wobei sich beinahe Jedes eine Rolle aussuchte, die, so sagte man, für seine Persönlichkeit wie gemacht sei. Einige waren dabei bescheiden und meinten, sie würden sich mit Diesem und Jenem begnügen, Andere aber hielten sich für jede Rolle passend; und leider befanden sich Letztere in der Mehrzahl.

Arthur wurde von allen Seiten bestürmt, geschwinde anzugeben, auf welche Art er die Figuren vertheilt habe; doch er war klug genug, dieß nicht zu thun und versicherte, er müsse nach der Ordnung verfahren und zu einem Tableau nach dem andern die betreffenden Namen aufrufen.

Das ging nun ziemlich gut von statten, doch nicht ohne leise Reklamationen der Kommerzienräthin und sehr laute Einreden der betreffenden Damen.

Der Maler mußte schon in einen sauern Apfel beißen, und manche gelbe und magere Räthin als jugendliche Erscheinung vorschieben, während frische Mädchengesichter hinten zu stehen kamen. Dabei überließ sich Arthur auch zuweilen einer lustigen Laune; so übergab er zum Beispiel die Rolle des Holofernes dem Obertribunal-Präsidenten mit dem wilden Gesichtsausdruck, stellte den Bankdirektor als Judas Ischariot und bildete aus drei der vornehmsten und stolzesten Damen eine Gruppe, die er als Nymphen bezeichnete, die aber [109] in Wahrheit Furien vorstellten, was ihm dieselben außerordentlich übel nahmen, als sie es später erfuhren.

Jetzt wurde das Decamerone von Winterhalter vorgeschoben, das duftige, schöne Bild, welches dem geneigten Leser gewiß bekannt ist. Es ist jener herrliche Garten bei Florenz, wo an einem Springbrunnen die sieben schönen Paare junger Mädchen und Männer in anmuthigen Gruppen ruhen und der erwählten Königin zulauschen, die erhaben zwischen ihnen sitzt, das schöne Haupt mit Blumen bekränzt.

»Ah!« machten sämmtliche Damen, umringten in einem weiten Kreise das Bild, und auch viele der jungen Herren streckten die Hälse vor, um sich einen passenden Platz auszusuchen. Wenn es allen Wünschen der Anwesenden gemäß gegangen wäre, so hätte man das Bild wenigstens achtmal besetzen können, denn da war fast Keine, die sich nicht für berechtigt hielt, mindestens als Königin da zu sitzen. Einige Ausnahmen fanden wohl statt, das waren aber schon Solche, die mehrmals vortheilhaft beschäftigt waren, oder sehr ältliche Damen, in deren Herzen aber jener angedeutete Wunsch zu Gunsten ihrer verschiedenen Töchter laut wurde.

Da Arthur bei mehreren Tableaux schon bewiesen hatte, daß er nicht zu bestimmen war, von seiner Liste abzugehen, so wandten sich mehrere vorsorgliche Mütter an die Kommerzienräthin, um eine Einsprache zu Gunsten ihrer Angehörigen zu erwirken, wodurch die alte Dame in augenscheinliche Verlegenheit kam, denn es waren zu wenig Figuren in dem Bilde, um allen diesen Privateinsprüchen genügen zu können. Sogar der Obertribunal-Präsident ließ sich herbei, eine Figur als äußerst passend für seine Emilie zu bezeichnen. Der junge Jagdhund verwandte sich auf's Lebhafteste für seine Schwestern, so daß am Ende die Kommerzienräthin in Folge aller dieser Bestürmungen ihren Sohn auf die Seite nahm und ihn in ernsten und dürren Worten [110] anwies, den billigen Wünschen einiger der vornehmsten Damen, die sie ihm namentlich bezeichnete, nachzukommen und das Decamerone, welches Tableaux den Glanzpunkt des Abends bilden sollte, nach ihrer Angabe zu besetzen. Vergebens waren die Einwendungen Arthur's: Mama hob ihre Nase so hoch als möglich in die Höhe und sagte kurz und bestimmt, sie habe schon während der früheren Bilder sich manche Abänderungen seitens ihres Sohnes gefallen lassen, dießmal aber beharre sie auf ihrem Wunsche, nöthigenfalls Befehle, und wolle von keiner Widerrede etwas wissen.

Arthur dachte einen Augenblick nach, dann flog ein eigenthümliches Lächeln über seine Züge; er nahm seine Liste, änderte Einiges darin ab und bat die zusammengedrängte Schaar der Damen und Herren um etwas Platz, damit er im Stande sei, das Bild stellen zu können.

Erwartungsvoll wich Alles aus einander, der junge Maler arrangirte die Sitze auf der kleinen Estrade im Hintergrunde des Saales und sagte dann, nachdem er einige Worte mit der Kommerzienräthin gesprochen, mit lauter Stimme: »Das Decamerone ist ein Lieblingsbild von Mama, und hat sie die meisten Damen und Herren, die darin vorkommen, selbst bezeichnet.«

»Vortrefflich! – Sehr schön! – Ah! das muß ein superbes Bild werden!« murmelte es vergnüglich durch einander, wobei namentlich die Bittsteller und Bittstellerinnen, die vorhin mit der alten Dame unterhandelt, heitere Gesichter zeigten. Andere aber, die dies wohl bemerkt, stießen sich leicht an, schüttelten die Köpfe und man konnte verschiedene Reden hören: wie man wohl denken könne, was dabei beschäftigt sei, daß man sich an dergleichen Zurücksetzungen gewöhnen müsse, daß bei der Aufführung das Publikum wohl ein richtiges Urtheil haben werde, und dergleichen mehr.

Arthur fing an, die Namen der Damen und Herren abzulesen, und der geneigte Leser wird unserer Versicherung glauben, daß das [111] Decamerone in dieser Zusammenstellung wenn auch kein reizendes Bild doch ein vornehmes wurde.

Was die Männer anbetraf, so konnte man schon zufrieden sein und wurden dabei auch wenig Bemerkungen laut, obgleich sich der junge Jagdhund eine Rolle herausgeschlagen hatte und sich hinstellte wie ein unglücklich ausgestopfter Storch, der durch Selbstmord in's Jenseits gewandert und deßhalb ein melancholisches Air behalten. – Die Damen aber, die nun erschienen und meistens stolz und sicher ihre Plätze einnahmen, mußten schon ein gelindes Spießruthenlaufen aushalten.

»Zwei Töchter des Herrn Oberregierungsraths von D. –«

»Gott!« sagte eine dicke Kanlzeirathstochter, »die Emilie und Auguste! da wird viel weiße Schminke verbraucht werden.«

»Es ist nur ein Glück,« setzte eine ziemlich junge Kaufmannsfrau hinzu, »daß die Emilie sitzt und man ihren Rücken nicht sehen wird.«

»Sie ist wirklich ein bischen ausgewachsen,« meinte eine Andere.

»Das nennst du ein bischen?« sprach eine Vierte. »Mich hat die Corsettmacherin versichert, sie sei ganz in Eisen eingeschnürt, und wenn das nicht der Fall wäre, so müßte sie zusammenknicken wie ein Taschenmesser.«

»Fräulein Pauline von W.,« sagte Arthur.

»Ah! die häßliche Nichte des Ministers!«

»Und in dem schönen Decamerone!«

»Florenz hatte damals eine betrübte Zeit,« sagte boshaft eine andere Stimme; – »Hungersnoth und Krankheit – Pauline wird das recht natürlich darstellen.«

»Aber nehme mir kein Mensch übel, das wird ja ein schreckliches Bild!« bemerkte entrüstet die Kanzleirathstochter. »Ich mache ja durchaus keine Ansprüche, da mitzustehen – denn ich weiß, daß ich nicht schön bin,« setzte sie kokett hinzu; »aber wenn [112] ich so aussähe, wie Pauline, so würde ich mich bedanken, wenn man mich so zur Schau stellte.«

Pauline hatte nun auch wirklich nicht die entfernteste Aehnlichkeit mit einer dieser hübschen Gestalten Winterhaler's, aber sie war die Nichte des Finanzministers, und ihre Mutter die stolz und breit vor dem Bilde saß und wohlgefällig auf ihre Tochter blickte, hatte Connexionen bei Hofe.

Eine Vierte, die der Maler nun aufrief, gefiel eben so wenig als die vorbenannten Drei, und die Vier bildeten auch, um die Wahrheit zu sagen, einen gar betrübten Anblick, der durchaus nicht vermindert wurde, als nun Arthur die beiden schönen Töchter des Steuerdirektors dazu plazirte, die in Jugendfrische und Schönheit strahlten.

Der Platz der Königin war allein noch unbesetzt.

Arthur hatte sich schon mehrmal im Saale umgesehen und endlich gefunden, was er suchte. Es war das eine junge schöne Blondine, ein herrliches, prachtvolles Weib, die bescheiden zurückgezogen neben ihrem Manne, dem Doktor F., stand, der mit dem Steuerdirektor im eifrigen Gespräch an einer Fensternische lehnte. Das Umherschauen des Malers war von verschiedenen jungen Damen falsch gedeutet worden, und Manche, die sich woh berufen fühlte, eine Königin darzustellen, drängte sich auffallend hervor, ja die dicke Kanzleirathstochter, ein unternehmendes Wesen, lehnte sich, um einen Contrast hervorzubringen, schmachtend an eine dürre Hofräthin und sagte zu dem Maler im Gegensatz zu ihren früheren Aeußerungen: »Ah! das wird ein schönes Bild; wie prächtig verlehnen schien, wozu sie leicht die Achseln zuckte und den Knopf neigte, als wollte sie sagen: ich gehöre nicht in den vornehmen Kreis.

[113] »Nun, die Königin!« sprach freundlich die Kommerzienräthin, die sehr geschmeichelt war über die vielen Komplimente, die man ihrem Talente, Tableaux zu arrangiren, von allen Seiten machte.

»Ach ja, die Königin!« wiederholten sehnsüchtig mehrere Damen und blickten erwartungsvoll auf Arthur, der nun durch die Reihen schritt und die widerstrebende Doktorin F. auf den erhöhten Sitz führte.

Hätten aber mehrere Blitze vor der Herrin des Hauses, vor der Frau von W. und den meisten der alten Räthinnen dicht eingeschlagen, die Gesichter hätten nicht länger, die Mienen nicht bestürzter sein können, als nun, da die schöne Königin sich elegant auf ihrem Sitz niederließ und – jeder Zoll eine Herrscherin – ihre Untergebenen betrachtete.

Die Gruppe des Decamerone glich nun einem Strauche, dessen eine Seite voll duftender Blüthen hängt, während über die andere ein eisiger Nordwind fuhr, der nicht nur keine Blume aufkeimen ließ, sondern sogar das Laub verwelkte und verdorrte.

Frau von W., die sich zuerst zu fassen schien, warf der Kommerzienräthin einen nichts weniger als freundschaftlichen Blick zu, dann zuckte sie die Achseln und fragte hierauf ihre Tochter: »Nicht wahr, mein Kind, du sitzest sehr schlecht?«

»Ja, Mama,« erwiderte diese, »es ist sehr anstrengend, und ich werde es an dem Abend kaum aushalten können.«

»Dann bitte ich, sich nicht zu geniren,« versetzte Arthur, indem er sich auf die Lippen biß. »Wenn es Ihnen wirklich zu anstrengend ist, so können wir die Sache anders einrichten.«

Da erhob sich Fräulein von W., trat zu ihrer Mutter zurück, und sagte so laut, daß es die Dame des Hauses hören könnte: »Das kann man doch nicht von mir verlangen, neben der – – Frau Doktorin F. zu stehen!«

»Unter ihr zu sitzen!« sprach entrüstet die Mutter. »Die Probe ist doch bald zu Ende,« wandte sie sich kalt an die Kommerzienräthin, »Sie werden erlauben, daß ich mich leise empfehle.« [114] Damit stand sie auf, machte ein förmliches Kompliment und rauschte mit ihrer Tochter nicht ohne einiges Aufsehen zum Saale hinaus.

Die Schwestern des jungen Jagdhundes sahen sich bedeutsam an und fingen an unruhig auf ihren Sitzen hin und her zu rücken; er selbst, der Justizreferendär-Aspirant, hob die Nase in die Höhe und sagte geringschätzig: »Ihr habt doch eigentlich da einen schlechten Platz bekommen.«

»O ja, das fühlen wir auch,« entgegneten die Beiden einstimmig; und die eine setzte boshaft hinzu: »Wir scheinen doch nicht recht in dieses Bild zu passen,« worauf sie sich langsam erhoben, um sachte auf die Seite und von der Estrade hinab zu rutschen.

Arthur hatte alles Dies vorher gesehen, und um in seine Schlachtordnung keine auffallende Lücke zu bringen, das zuerst ausgetretene Fräulein von W. durch die dicke Kanzleirathstochter ersetzt, was ihn allerdings einen süßen Blick und einen Händedruck kostete, als er sie auf ihren Platz führte.

Der Doktor F. war unterdessen mit dem Obersteuerdirektor näher getreten, und Beide hatten wohl bemerkt, um was es sich handle. Der Doktor biß sich gelind auf die Lippen und warf seiner Frau aus der Entfernung einen Blick zu, den sie mit einem unbefangenen Lächeln erwiderte.

Der Obersteuerdirektor trat dicht an die Estrade heran und sagte seinen beiden Töchtern: »Ihr habt da einen vortrefflichen Platz; sitzt nur recht ruhig und macht dem schönen Tableau alle Ehre!« – eine Bemerkung, wofür ihm die schöne Königin einen Blick des innigsten Dankes zuwarf, denn wir brauchen dem geneigten Leser nicht wohl erst zu sagen, daß diese Frau mit ihrem zarten Gefühl augenblicklich die niedrige Unverschämtheit begriffen hatte, welche die schlecht erzogenen Töchter gebildet sein wollender Stände gegen sie begangen.

Auch das vierte von der Kommerzienräthin octroyirte verwelkte Blatt entfiel dem Strauße und säuselte den Töchtern des Ober regierungsraths [115] nach, um sich in einer Ecke des Saales über die erlittene Kränkung zu besprechen.

Natürlich wurden sie von Arthur augenblicklich durch drei frische Mädchen ersetzt, und als bald der junge Jagdhund, der sich wiederholt eines sonderbaren Hüstelns beflissen, von dem Maler scheinbar ruhig, aber mit einem gewissen festen Blick, gegen einen größeren Herrn umgetauscht worden war, stand das Bild so vortrefflich und schön, daß die Unbefangenen aus der Gesellschaft, als nun probirt wurde, einhellig in die Hände klatschten.

Den Gemüthszustand der alten Räthin bei dieser für sie so empörenden Scene brauchen wir wohl dem geneigten Leser nicht zu schildern; ihre Finger umspannten krampfhaft das Taschentuch, und da sie keinen Tisch vor sich zum Trommeln hatte, so machte sie ihrem Zorn auf andere Art Luft und schien von einem wahren Krampfhusten befallen zu sein.

Die Probe ging nun zu Ende, die Eingeladenen verschwanden, nachdem sie der Herrin des Hauses versichert, die Aufführung der lebenden Bilder werde einen köstlichen Abend geben und sie freuten sich ungemein darauf.

Arthur war mit dem Doktor F. weggegangen und die Räthin schloß sich in ihr Boudoir ein, um ruhig zu überlegen, was auf diese scandalöse Geschichte zu thun sei.

32. Kapitel
Zweiunddreißigstes Kapitel.
Im Fuchsbau.

Der geneigte Leser wird sich vielleicht erinnern, daß wir ihn in einem früheren Kapitel in einen entlegenen Theil der Stadt [116] führten, wo sich in der Nähe des großen Fruchtmarktes, in dem ältesten Theile der Stadt, ein Zusammenbau von alten massiven Häusern befand, die mit zahlreichen Gin- und Ausgängen auf verschiedene Straßen ziemlich sichere Schlupfwinkel waren für allerlei Leute, welche Ursache hatten, die Oeffentlichkeit zu scheuen und der spähenden Polizei nicht unter die Augen zu kommen.

Diese Gebäude, in früheren Zeiten einzeln stehend, waren nach und nach durch Anbaue der verschiedensten Art vereinigt worden. Nach Bedürfniß hatte man Gänge angebracht, Mauern durchschlagen, Höfe überbaut und solchergestalt die Wohnungen unter einander verbunden, so daß aber das Ganze im Innern ein wahres Labyrinth wurde, durch welches den Ein- und Ausgang zu finden für einen Uneingeweihten sehr schwierig, ja in gewissen Theilen ganz unmöglich wurde. Hier befanden sich Ausgänge, die auf irgend einen finstern Hof mit vielen Thüren führten, wo ein des Weges Kundiger, wenn er gerade verfolgt wurde und nur wenige Schritte Vorsprung hatte, plötzlich verschwand, um durch einen andern Eingang des Gebäudes wieder zurückzukehren, ehe der Verfolger ihn zu Gesicht bekam.

Der wirklichen Ausgänge auf die Straßen waren es außerordentlich viele, und obgleich man sie alle kannte, und es nicht schwer gewesen wäre, sie im Falle einer Durchsuchung zu besetzen, was übrigens schon häufig genug geschehen war, so zuckten doch die erfahrensten Polizei-Offizianten bei solchen Veranlassungen die Achseln und nannten das ein vergebliches Bemühen; denn sie seien überzeugt, so sagten sie, es befänden sich da geheime Ein- und Ausgänge durch benachbarte Keller oder Gott weiß wo sonst, von denen Keiner von ihnen eine Ahnung habe.

Natürlicherweise war aber der Sicherheitsbehörde der Eintritt in diese Gebäude durchaus nicht verwehrt und konnte sie hier ihren Amtsgeschäften nachgehen, so oft sie es für nöthig erachtete.

Es wohnten hier eine Menge Familien von den verschiedenartigsten [117] Gewerben, ja in einem Theile befanden sich sogar ein paar elegante Läden, sowie Werkstätten von Schmieden, Wagnern, Sattlern und dergleichen mehr. Von dem Ganzen besaß die hohe Polizei einen sauber gearbeiteten und sehr korrekten Grundriß, den man einstens durch den Stadtbaumeister aufnehmen zu lassen für nothwendig besunden hatte, und darin waren auch die Familien verzeichnet, wo sie wohnten, wie viele Zimmer sie inne hatten, und es wurde strenge darauf gehalten, daß die verschiedenen Aus- und Einzüge der Behörde augenblicklich gemeldet wurden.

Obgleich nun so das ganze Anwesen scheinbar klar und durchsichtig vorlag, so war der Fuchsbau dennoch, wie wir schon oben angedeutet, eine wahre Räuberhöhle und wimmelte von Dieben, Betrügern und allem möglichen Gesindel mit seinem so nothwendigen und zahlreichen Anhang von Hehlern jeder Art. Wie oft hatte man auf dringenden Verdacht plötzliche Haussuchungen angestellt, ohne je etwas gefunden zu haben; der gegründetste Verdacht war nie gerechtfertigt worden, und so fand denn auch die Gerechtigkeit keinen triftigen Grund, den Fuchsbau, wie man schon mehrmals in Vorschlag gebracht hatte, entweder ganz niederzureißen, oder in seiner ehemaligen Gestalt wieder herzustellen durch Entfernung der verschiedenen Anbaue mit ihren labyrinthischen Treppen und Gängen, – ein Vorschlag, dessen Ausführung übrigens auch noch wegen des Kostenpunkts und der Gefährlichkeit in baulicher Beziehung seine Schwierigkeiten gehabt hätte.

Wir haben schon vorhin gesagt, daß das Ganze den Namen des Fuchsbaues hatte; ein besonderer Theil hieß aber der Gasthof zum Fuchsbau, und in diese stillen Gemächer wollen wir den geneigten Leser unsichtbar einzuführen uns erlauben, was so ohne Gefahr geschehen kann, wogegen er in Wirklichkeit mit einem guten Rock bekleidet ein sehr unwillkommener Gast sein würde.

Es ist draußen ein unheimliches naßkaltes Wetter; Schnee, Regen und Wind jagen einander in den engen Durchgang hinein, [118] von dem wir schon früher sprachen, und da bei dieser Hetze die erstgenannten leichten Gesellen verschmolzen und verflogen sind, ehe sie der Sturm recht erfassen kann, so läßt er nun seine Wuth an einer alten Laterne aus, die an rostigen Ketten von dem Gewölbe niederhängt und ächzend hin und her weht.

In dem Durchgang befindet sich jene uns schon bekannte kleine eiserne Gitterthüre, von schweren Stangen gemacht, mit einem sehr soliden und künstlichen Schlosse, sowie oben und unten mit Riegeln versehen, die, wenn sie vorgeschoben sind, ungreifbar in das Eisen zurückfallen und nur durch eine künstliche Vorrichtung wieder zurückgezogen werden können.

Hinter dieser Thüre beginnt eine schmale steinerne Wendeltreppe, die oben auf eine einzige, wieder verschließbare Thüre führt; dann kommt ein gewölbter Gang, spärlich von einem stark eingetriebenen Gaslicht beleuchtet, auf welchen mehrere Thüren münden.

Durch eine derselben treten wir geräuschlos ein und befinden uns nun in einem großen Gemache mit braunen Holzwänden, eben solcher Decke und einem mächtigen Kachelofen. Das Mobiliar desselben besteht aus langen, schweren, eichenen Tischen und Bänken; in einem hohen Eckschranke sind Gläser und Flaschen aller Art verwahrt. Neben diesem Buffet befindet sich ein einzelner Stuhl, ein alter Lehnsessel, in welchem ein kleines vertrocknetes Weib sitzt, welches die Hände in den Schooß gelegt hat und das eine Kellnerin vorstellt. Sie scheint unachtsam vor sich hinzustarren, doch sieht ein aufmerksamer Beobachter, daß sie unter ihren grauen buschigen Augenbrauen die glänzenden kleinen Augen unruhig hin und her laufen läßt. Vor ihr liegt ein großer Hund, dessen zottiges Fell ihr als Fußschemel dient; neben ihr, zwischen dem Eckschranke und der Wand, befinden sich, an starken Dräthen von der Decke herabhängend, mehrere Handgriffe, die wie Klingelzüge aussehen; es sind dies aber nicht so ganz harmlose Gegenstände und aus ihnen beruht theilweise die Sicherheit des Hauses. Der Zug an einem derselben [119] gibt dem Hausknecht ein Zeichen, die Thüren zu öffnen und zu schließen, ein anderer ist eine Art Telegraph, der durch gewisse Zeichen mit den Nebenzimmern kommuniziren kann, ein dritter steht mit einer Allarmglocke für das ganze Haus in Verbindung, und der vierte endlich beherrscht die Gasleitung des Gebäudes und kann durch einen einzigen Zug Alles in die dichteste Finsterniß versetzen.

Das Zimmer, in dem wir uns befinden, ist also, obgleich das allgemeine Schenkzimmer des Gasthofes zum Fuchsbau, zugleich auch die Portierstube für sämmtliche Gebäude, und das alte Weib, ein hartes, verschlagenes, listiges Wesen, wurde mit großer Sorgfalt zur Pförtnerin auserwählt. Und man hätte keine bessere finden können: sie hatte alle Abstufungen des Diebslebens durchgemacht und wer sie bei Vertheilung von Beute oder beim Verkauf gestohlener Gegenstände überlisten wollte, der mußte sich zusammen nehmen.

An einer der langen Tafeln befanden sich vier Männer, von denen drei in eifrigem Gespräch begriffen waren, der vierte aber mit dem Kopf an die Wand lehnte und zu schlafen schien. Dies war ein schlank gewachsener großer Mann in den Dreißigen, der regelmäßige Züge, schwarzes Haar und einen gut gepflegten dichten schwarzen Bart hatte. Seine Kleidung dagegen wahr sehr unordentlich und abgerissen; er trug einen fadenscheinigen grauen Jagdrock, an dem sich vorn auf der Brust nur ein einziger Knopf befand, schwarze, zerlumpte Hosen, und wenn man den einen Fuß genau betrachtete, den er vor sich auf die Bank gelegt, so sah man, daß der Stiefel aufgetrennt und die Sohlen fast gänzlich zerrissen waren.

Die drei Anderen saßen etwas entfernter; einer mit krausem, röthlichem Haar hatte beide Ellenbogen auf den Tisch gestützt und den Kopf auf die Fäuste gelegt. Er hatte ein plumpes, obgleich nicht unangenehmes Gesicht, das aber, besonders die Nase, stark geröthet war. Dieser war einfach, aber gut gekleidet; er trug Lederhosen, hohe Stiefel und ein Wamms von dickem, dunkelblauem Wollenstoff.

[120] Der Zweite lehnte hinten über an die Bank, war mit schäbiger Eleganz gekleidet, hatte ein hiezu passendes mageres Gesicht mit abgefeimten Zügen. Derselbe rauchte eine Cigarre, deren Dampf er empor blies, um ihm behaglich nachzuschauen.

Der Dritte endlich beugte sich über den Tisch, ließ kleine Brodkugeln aus seinen Fingern fallen und schien irgend etwas erzählt zu haben. Dieser, obgleich am besten gekleidet, – er trug eine gutgemachte und saubere herrschaftliche Livrée, – hatte das unangenehmste, ein wahrhaft widerliches Gesicht. Sein vorn fast nackter Schädel wurde von wenigen Haaren umflattert, die er von hinten hervorzukämmen versuchte, und an denen er beständig mit der Hand strich, um die widerspenstigen nach seinem Willen zu gewöhnen. Er schielte ein klein wenig und machte beständig ein spitzes Maul, um welches fast immer ein fades Lächeln spielte.

Diesen Männern gegenüber, fast hinter dem Ofen, befanden sich zwei Frauenzimmer, deren Gewerbe nicht zu verkennen war, denn neben der einen lehnte eine Harfe an der Wand, während auf der Bank zwischen Beiden eine Guitarre mit einem Band von verblichener Farbe war. Zwei Bündel befanden sich auf dem Tische neben einer Schüssel, woraus sie eine Suppe gegessen zu haben schienen; der Löffel der einen lehnte am Rande des Gefässes, während die andere den ihrigen vor sich niedergelegt hatte. Sie waren von verschiedenem Alter und sehr ungleichem Aeußern; die erste mochte wohl an die Dreißig sein, während die andere das zwanzigste Jahr kaum zurückgelegt hatte. Die ältere erschien als eines jener leichtfertigen Wesen, welche Musik treiben, so lange Jemand da ist, der ihnen zuhört, dann aber gerne an einer freundlichen und innigeren Unterhaltung theilnehmen. Sie hatte ein rothkarrirtes Wollenkleid an, und da es ziemlich tief ausgeschnitten war, so bemerkte man ihre vollen Formen, die sie auch durchaus nicht zu verbergen strebte, denn ein kleines Halstuch hatte sie neben sich auf die Bank gelegt. Ihr Gesicht war wettergebräunt, [121] hatte einen kecken, verwegenen Ausdruck, dicke, etwas aufgeworfene Lippen und dunkle, lebhafte Augen. Das Haar trug sie in zwei schwarzen Flechten, die um die Ohren herum an den Hinterkopf liefen, dabei hatte sie einen sogenannten schiefen Scheitel, und war das offenbar ein Mittel, um einige sehr dünne Stellen ihres Haarwuchses zu verdecken.

Die andere, die, welche den Löffel neben sich gelegt hatte, war ein schlankes, schmächtiges Mädchen mit einem schmalen, bleichen Gesichte und blondem Haar. Ihre blauen Augen konnte man selten sehen, da sie meistens vor sich niedersah; ihre Züge drückten Bescheidenheit, Furcht und Scham aus; auch schien sie sich in ihrer Umgebung gar nicht behaglich zu fühlen, denn wenn sie, was bisweilen geschah, einen schnellen Blick rings durch das Zimmer und über die nebensitzenden Männer laufen ließ, so überflog ihre blassen Wangen eine leichte Röthe, und wenn je einer vom anderen Tische herüber sah, so schrak sie ordentlich zusammen.

Der in der Livrée hob sein fast leeres Glas in die Höhe, schlürfte den letzten Tropfen daraus, und wandte alsdann seinen Kopf der Alten zu, die in ihrem Lehnstuhle zu schlafen schien.

»He da! Wein!« rief er, indem er seine leere Flasche auf den Tisch stieß.

»Zuerst Geld,« entgegnete die Alte, ohne ihre Stellung zu verändern.

»Geld?« sagte der Andere, gezwungen lachend. »Ich habe keins mehr; du kannst ankreiden oder kannst mich auch meinetwegen traktiren. Es wäre nicht mehr als billig, wenn wir Alle hier auf Unrechtskosten lebten.«

»Gebt ihr Geld, so bekommt ihr Wein,« erwiderte ruhig die Alte.

»Ich sage dir aber, ich habe keinen Kreuzer mehr.«

»Und Durst für viele Gulden,« meinte der mit dem rothen Haar.

[122] »Es ist mein Ernst,« fuhr der in der Livrée fort, »daß du es aufschreiben sollst, Alte. Man wird doch wohl hier in dem verfluchten Hause noch Kredit haben?«

»Ihr aber habt in dem verfluchten Hause nicht den geringsten Kredit mehr,« erwiderte das Weib. »Ueberhaupt habt ihr genug gesoffen und könnt nach Hause gehen.«

»Du willst uns heimschicken?« entgegnete der Andere höhnisch. »Ich habe nun einmal Lust, die ganze Nacht da zu bleiben; ich will Wein haben und da die Harfenmädel sollen aufspielen. Nachher bitte ich mir ein Zimmer aus; – was meinst du, Nanett?« – Dabei kniff er gegen das ältere der beiden Mädchen das linke Auge zu.

Die Alte würdigte ihn übrigens gar keiner Antwort mehr.

»Na, ich gebe dir noch einen Schluck,« sagte der im schwarzen Frack, indem er seine Cigarre aus dem Munde nahm und seine etwas gelben Vatermörder in die Höhe zupfte. »Du bist trotz deiner glänzenden Livrée doch ein armes Luder. Ich möchte nicht in deinem Rocke stecken.«

»Bah! Und warum nicht? – Wegen des elenden Messerstichs?«

»Ja, ja, wegen des elenden Messerstichs!« lachte der mit dem rothen Haar, indem er seinen Kopf erhob und mit der frei gewordenen Faust sein Glas ergriff, das er austrank.

»Wie war doch die Geschichte eigentlich?« fragte der elegant Aussehende.

Der Gefragte warf ihm einen prüfenden Blick zu, der sagen wollte: kann ich dir auch trauen oder hast du vielleicht im Sinne, die Geschichte irgendwo zu berichten? – doch zuckte er gleich darauf die Achseln und sprach wie zu sich selber: »Teufel! es ist ja ziemlich bekannt und es fällt mir auch gar nicht ein, es zu leugnen. – Wir brachen in der Vorstadt ein, wie ihr Alle wißt, Thomas, der schwarze Johann und ich.«

[123] »Bei deinem Herrn?« sagte lachend der Eine.

»Aber nicht in seiner Livrée!« meinte der Andere.

»Laßt doch eure schlechten Spässe! – Genug, wir brachen ein, – es ist eigentlich kein Einbruch zu nennen, denn ich hatte ja alle Riegel zurückgeschoben; auch ging Alles glücklich von statten, – wir nahmen eine hübsche Summe und Silbergeschirr, nachdem wir vorher den Alten gebunden, und kamen glücklich in's Freie.«

»Dabei hättest du es auch belassen sollen,« sagte der mit dem rothen Haar. »Weßhalb gingst du wieder zurück?«

»Eigentlich nur in der Absicht, um nachzusehen, ob wir ihn auch recht fest gebunden. Und meine Vorsicht war nicht unnöthig, denn er hatte die rechte Hand frei gemacht und wollte sich gerade den Knebel aus dem Munde ziehen; deßhalb gab ich ihm einen tüchtigen Messerstich.«

»Falsch! falsch!« versetzte der im schwarzen Frack, indem er den Dampf der Cigarre weit von sich blies. »Er wurde noch am andern Morgen fest gebunden und geknebelt gefunden, und die Zeitungen machten nun ein großes Geschrei wegen der Unmenschlichkeit der Räuber. Wie hieß es doch? – Eine solche That muß um Rache schreien, und die Vergeltung kann nicht ausbleiben. Nicht genug, daß die eingedrungenen Verbrecher den armen Mann knebelten, einer dieser Bösewichte kehrte auch zurück und versetzte ihm aus teuflischem Muthwillen mehrere Messerstiche.«

»Hörst du?« sagte der Rothhaarige. »Aus teuflischem Muthwillen! Und das soll der Herr gewaltig übel genommen haben.«

»Welcher Herr?« fragte der andere in naseweisem Tone und warf verächtlich die Lippen auf.

»O Bürschlein, Bürschlein!« lachte der im schwarzen Frack; »nimm dich zusammen; hier haben die Wände Ohren.«

»Was geht das mich an? – Bin ich deßhalb ein Dieb geworden, um mich schulmeistern zu lassen? Das sollte mir fehlen!«

[124] »Er hat zu viel getrunken. – Ich will dir einen guten Rath geben: mach' daß du nach Hause kommst, und wenn du ausnahmsweise einmal klug sein willst, so laß' dich in den nächsten vier Wochen nicht im Fuchsbau sehen.«

»Das wird ihn wenig helfen, wenn er ihn suchen läßt; und ich glaube fast, er hat ein Auge auf dich geworfen.«

»Gleichviel; jetzt will ich trinken!« erwiderte der Andere, indem er mit der Faust auf den Tisch schlug. »Wein her! – Und wenn du mir nicht auf mein ehrliches Gesicht borgen willst, alte Canaille, so nimm' hier meine Uhr; ich löse sie morgen wieder ein.« Damit stand er auf, um zu dem Weibe zu gehen, die noch immer keine Silbe geantwortet hatte. Als er aber in die Gegend des Ofens kam, wo die beiden Mädchen saßen, blieb er lächelnd stehen, stützte beide Arme auf den Tisch und sagte leise und widerlich lachend zu der Aelteren: »Ich versetze die Uhr nur um deinetwillen, Schatz, denn ich weiß, daß du eine kostbare Geliebte bist.«

Das Mädchen zuckte verächtlich mit den Achseln, schlug alsdann die Arme über einander und schaute ihn mit einem festen und unaussprechlich frechen Blicke an.

»Nun, nun,« sagte er, halb zurückfahrend; »beiß mich nur nicht! Willst du denn nie und nimmer zahm werden, nie freundlich und nachgiebig?«

»O ja!« entgegnete das Mädchen laut lachend; »gegen Jeden, der mir gefällt, aber nie gegen dich – dich, unseres Herrgotts miserabelsten Knecht.«

»Ich will dir was sagen,« versetzte der Lakai; »was soll man sich mit dem dürren Holze abplagen, wenn grünes daneben wächst! Mach' mir Platz, ich will mich ein wenig bei der kleinen Blonden niederlassen. – Gott verdamm' mich! mach Platz, sag' ich, oder ich will dir zeigen, wo du her bist, Harfenmensch erbärmliches!«

Die Aeltere von den beiden Mädchen, die wohl wußte, daß hier eine kleine an ihr verübte Mißhandlung nicht sehr beachtet [125] würde, besonders da augenblicklich keiner ihrer Freunde und Beschützer da war, duckte sich auf die Seite, um dem Kerl zwischen sich und dem andern Mädchen Platz zu machen. Diese aber faßte verzweiflungsvoll ihren Arm, drückte sich fest an sie und flehte mit leiser Stimme, sie möge sie um Gotteswillen nicht in der Gewalt des rohen Menschen lassen.

»Das pipst auch schon gegen mich,« sagte er hohnlachend; »die hast du wahrscheinlich dressirt: es ist mir aber gleichviel, ob du freiwillig oder unfreiwillig mit mir gehst. Wer einmal hierher kommt, der bietet sich an; das ist von jeher so gehalten worden und wirst du nicht ändern wollen.«

Das junge Mädchen schaute ihre Gefährtin mit einem verzweiflungsvollen fragenden Blicke an, als wenn sie sagen wollte: ist das so, spricht er die Wahrheit? – bin ich hier in die Gewalt eines Jeden gegeben, der seine Hand nach mir ausstreckt? – Es war das ein entsetzlicher Blick, ein Blick voll Jammer und unaussprechlichem Elend, den sie jetzt auf ihre ältere Gefährtin richtete. Dabei öffnete sie erschrocken den Mund, und zwei Thränen rollten langsam über ihre blassen Wangen hinab.

Der Lakai bemühte sich gerade, zwischen dem Tisch und der Bank herum zu kommen und sich neben seine Beute zu setzen, als er sich auf einmal auf die Schulter getupft fühlte. Er wandte sich um und sah den mit dem schwarzen Frack hinter sich stehen; dieser streifte ruhig die Asche seiner Cigarre mit den Fingern ab, dann sagte er im freundlichsten Tone von der Welt: »Laß deine Finger davon, Jakob, ich war eher da als du und habe mit der kleinen Mamsell schon Alles in's Reine gebracht. – Nicht wahr, mein Schatz?«

Das blonde Mädchen, dem sein Beschützer in diesem Augenblick nicht minder schrecklich erschien wie sein Verfolger, blickte in die Höhe und wußte nicht, was es antworten sollte.

[126] »Sage nur ja,« flüsterte ihr Nanette zu, »das ist doch Zeit gewonnen.«

»Nicht wahr, mein Kind?« fuhr der Elegante fort, indem er sich unternehmend durch sein Haar strich; »wir kennen uns schon; sage nur ungenirt diesem Herrn, daß du mir unbedingt den Vorzug einräumen wirst. Ich denke, da wird keinem vernünftigen Mädchen die Wahl schwer werden.«

Als ihre Begleiterin sie nochmals anstieß, hauchte das arme Geschöpf ein leises Ja, worauf eine tiefe Röthe ihr Gesicht überflog, und sie den Kopf weit herab auf die Brust sinken ließ.

»Ich bitte, sich also nicht weiter zu bemühen,« sagte der neue Beschützer zu dem Lakaien. »Komm hinter dem Tische vor und mach' keine Ungelegenheit. Wenn ich auch weiß, daß man Streitigkeiten hier nicht gerne sieht, so soll es mir doch gar nicht darauf ankommen, dir nöthigenfalls ein paar Knochen im Leibe zu zerschlagen. – Aber darum keine Feindschaft.«

»Nein, um solche Waare gewiß keine Feindschaft,« entgegnete der Lakai, der sich schnell faßte, die Sache in einen Scherz verwandelte und darauf lustig lachend hinter dem Tische vorkam, worauf Beide zusammen sich wieder an ihren alten Platz zurückbegaben.

Die Mädchen blieben stumm neben einander sitzen; Nanette hatte ihre beiden Hände vor sich auf den Tisch gelegt und schien aufmerksam ein paar Ringe an ihren Fingern zu betrachten, in Wahrheit aber schaute sie darüber hinweg und war in tiefes Nachdenken versunken.

Nach einiger Zeit stieß die Jüngere sie an und sagte leise: »Können wir nicht irgend wohin zu Bette gehen? ich bin so furchtbar müde.«

Nanette fuhr darauf aus ihren Träumereien empor, ließ sich die Frage nochmals wiederholen und entgegnete alsdann: »Hast du Geld?«

»Noch zwei Gulden,« versetzte die Blonde, »und ich will sie gern opfern, um mit Ihnen allein sein zu können.«

[127] »Nun, es ist mir am Ende auch lieber als hier auf der Bank,« antwortete Nanette; »wir können noch ein wenig plaudern.« Dann stand sie auf, ging zu der Alten hin und sagte ihr leise einige Worte.

Diese nahm aus ihrem Schrank einen Schlüssel und einen zinnernen Leuchter mit einem Talglichte und händigte Beides dem Mädchen ein, jedoch nicht eher, als bis sie vorher ihre knöcherne Hand aufgehalten und dafür einiges Geld in Empfang genommen hatte.

Nanette nahm die Harfe und ihr Bündel, die andere ihre Guitarre, und darauf verließen Beide das Zimmer.

Der mit dem schwarzen Frack wandte den Kopf herum. – »Welche Nummer?« fragte er das Weib.

»Vierundzwanzig,« entgegnete diese; worauf derselbe beruhigt mit dem Kopfe nickte.

33. Kapitel
Dreiunddreißigstes Kapitel.
Sklavengeschichten.

Die beiden Mädchen schritten unterdessen durch den langen Gang bis an eine Thüre, hinter welcher sich eine Wendeltreppe befand.

Nanette, die hier genau Bescheid zu wissen schien, stieg voran, und ihre Gefährtin folgte ihr bei dem flackernden Scheine der Talgkerze abermals über einen langen Gang, dann wieder ein paar Stufen hinab, und so gelangten sie in Nummer vierundzwanzig.

Dies war ein ziemlich großes und kahles Gemach mit einem [128] schlechtem Tische und ein paar wackeligen Stühlen, einem Feldbett mit Strohsack und Wollenmatratze, über welche eine alte schwere Decke lag. Von Leintüchern war nichts zu sehen. Das Zimmer hatte zwei Fenster; in einem derselben fehlten mehrere Scheiben, der Wind sauste zuweilen herein, und Regen und Schnee hatten auf dem Boden eine artige Wasserlache gebildet.

»So, hier wären wir in unserm Appartement,« sagte Nanette; »sehr wohnlich sieht es gerade nicht aus, aber ich habe schon schlechter geschlafen. Du vielleicht auch?«

»Ich – – nicht,« entgegnete die Andere, indem sie ihre Guitarre auf den Boden niedergleiten ließ und einen trostlosen Blick in dem öden Gemach umher warf; »ich gewiß nicht. Doch wie Gott will!«

»Schätzchen!« lachte Nanette, »ich glaube fast, du bist eine verwunschene Prinzeß. Ich habe das gleich heute Abend gedacht, als du in der Scheune zu mir kamst. Es war mir das recht auffallend; aber du mußt gestehen: naseweis bin ich nicht, denn ich habe dich eigentlich noch gar nicht gefragt, woher du so plötzlich kamst, weßhalb du so ängstlich und erschrocken thatest?«

»Das ist wahr,« entgegnete das blonde Mädchen, »und ich danke Ihnen recht sehr dafür. Sie haben mich gerettet; – aber bin ich hier in diesem Hause in Sicherheit? – Dabei schüttelte sie den Kopf und warf einen trostlosen Blick umher.«

»Ehe ich sagen kann, ob du hier in Sicherheit bist,« versetzte Nanette, »muß ich zuerst wissen, was du zu fürchten hast. Als du heute zu mir kamst, da that mir dein Jammern weh, und glücklicherweise konnte ich dir helfen. Die blonde Agnes war mir mit der ganzen Baarschaft davon gelaufen, hatte mir aber ihre Guitarre und, was wichtiger ist, unsere Legitimationspapiere hier gelassen, unter deren Schutz wir vorderhand sicher reisen können. – Daß du nichts von Musik verstehst, habe ich schon gemerkt; dein Kleidchen da schaut auch nicht nach langem [129] Herumreisen aus; also denke ich, du bist irgendwo davon gelaufen.«

Die Andere nickte stumm mit dem Kopfe und ein Schauder überflog sie, vielleicht, weil sie an die Vergangenheit dachte, vielleicht auch, weil in diesem Augenblicke gerade der Wind wieder heftig durch das Fenster herein sauste.

»Dich friert,« sagte Nanette. »Weißt du was: lege dich in's Bett unter die Decke und wenn du warm geworden bist, so erzähle mir von deiner Sache, was du magst; ich höre gern allerlei Unglück; – und Gutes wirst du mir nicht viel zu berichten haben.«

»Können wir nicht die Thüre verschließen?« fragte ängstlich das junge Mädchen. »Ich sehe ja keinen Riegel.«

»Die gibt's hier nicht,« erwiderte Nanette achselzuckend; »das Verschließen ist gegen die Hausordnung und wird namentlich auf den Zimmern, die wir bekommen, nicht geduldet.«

Die Andere faltete die Hände und sah ihre Gefährtin mit einem trostlosen Blicke an. Dann ging sie seufzend nach dem Bette und legte sich, da sie wirklich heftig fror, mit den Kleidern auf die Matraze und unter die Decke.

Nanette nahm einen der Stühle, rückte ihn an das ärmliche Lager und setzte sich so, daß sie sich mit dem Oberkörper und dem Kopfe ebenfalls auf das Bett legen konnte, worauf sie einen Theil der Decke über ihren entblößten Busen zog. – »Also,« sagte sie, »wo kamst du her, das heißt, wenn du mir dein Geheimniß anvertrauen willst?«

»Es ist nur ein schreckliches Unglück, aber kein Geheimniß,« versetzte das junge Mädchen. »Ich kam aus dem Städtchen N., wo ich geboren und aufgezogen wurde.«

»Von deinen Eltern?«

»Nur bis zum zehnten Jahre, dann waren beide todt. Eine entfernte Verwandte nahm sich meiner an; sie hatte keine Kinder [130] und ich durfte bei ihr bleiben; sie lehrte mich stricken, nähen und dergleichen, und brachte mich so weit, daß ich mit sechszehn Jahren einen Dienst annehmen konnte.«

»Du nahmst also einen Dienst an?«

»Ja, bei einem jungen Kaufmanne, der eine ältliche Frau und ein einziges Kind hatte.«

»Das war von deiner Verwandten nicht klug gewählt.«

»O doch! Er stand in dem Ruf eines christlichen und frommen Mannes, es sprach Keiner so schön und gut wie er, und Niemand besuchte häufiger die Kirche.«

»Das sind oft die Schlimmsten!« sagte Nanette.

»Ja, ja, er war schlimm,« fuhr das junge Mädchen fort; »aber ich hatte ja keine Ahnung davon, ich wußte ja lange nicht, was er von mir wollte. Ach! sein Kind, das kleine Mädchen, hatte ich sehr lieb und es mich gleichfalls, und er schien es gern zu sehen, wenn ich mich so recht freundlich mit dem Kinde abgab. Die Frau war kränklich und reiste jeden Sommer in's Bad.«

»Dann warst du mit ihm allein im Hause?«

»Ja,« erwiderte die Andere mit leiser Stimme. Dann fuhr sie fort: »Anfänglich fiel mir nichts Böses dabei ein, daß er häufig lange dabei stand, wenn ich mit dem Kinde spielte oder es aus- und anzog, daß er auch wohl seine Hand auf die meinige legte, ja daß er mich zuweilen scherzend um den Leib faßte. Ich nahm das Alles ganz unbefangen auf, und umsomehr, da er gleich darauf wieder ernste und belehrende Worte zu mir sprach, von der Verdorbenheit der sündigen Welt, daß die Menschen im Allgemeinen so schlecht seien, voll Trug und Arglist, und daß sich namentlich ein junges Mädchen glücklich schätzen müsse, das in einem guten Hause ein Asyl gefunden und dem treue Freunde zur Seite ständen. – Auch – – – auch,« sagte sie mit stockender Stimme, »auch betete er oft mit mir und nahm mich alsdann bei der Hand und schien [131] so ergriffen zu sein, daß er mich am Ende zuweilen auf die Stirne küßte.«

»Schön gemacht!« rief lachend Nanette; »den möcht' ich kennen!«

»Ich lernte ihn kennen,« fuhr das junge Mädchen fort, indem ein Schauder über ihren Körper flog. »Aber erst, nachdem ich ein Jahr im Hause war und vor ein paar Tagen. Die Frau war auf kurze Zeit zu ihren Verwandten gereist, und da eines Abends, als ich in mein Zimmer gegangen war und –«

»Das Uebrige kann ich mir denken,« sagte Nanette, während sie mit einer Hand ein Stück von der Decke zusammen ballte; »du bist ein schwaches Geschöpf, du hattest nicht den Muth zu widerstehen, auch nicht die Kraft dazu –«

»O ja,« entgegnete die Andere, »ich hatte Kraft und Muth zum Widerstand. – Und das war vielleicht gerade mein Unglück. Gott im Himmel! als er mich mit geballten Fäusten verließ, da sagte er es mir vorher, gab mir auch noch eine halbe Stunde Bedenkzeit, mich seinem Willen zu fügen, sonst wolle er mich zertreten wie einen Wurm. Er sei der Herr und ich ein armes, wehrloses Geschöpf, – seine Sklavin, ich müsse mich glücklich schätzen, wenn er ein Wohlgefallen an mir fände. – Eine halbe Stunde gäbe er mir Bedenkzeit, und wenn ich ferner ein angenehmes und vergnügtes Leben führen wolle, so solle ich meine Zimmerthüre, die er offen stehen ließ, hörbar schließen und wieder öffnen. – Aber ich that es nicht; ich warf die Thüre in's Schloß und schob den Riegel vor.«

»Du hattest einen Geliebten?« fragte Nanette, indem sie lächelnd den Kopf herum wandte; »gewiß, du hattest einen!«

»Woher können Sie das wissen?« fragte erschreckt das junge Mädchen. Dann verbarg sie verzweiflungsvoll ihr Gesicht in das grobe Kissen und versetzte: »Ja, ich hatte einen; aber ich habe ihn verloren, wie Alles auf dieser Welt.«

[132] »Das habe ich mir gedacht. – Aber nun weiter! obgleich ich mir denken kann, was erfolgte.«

Das Mädchen wischte ein paar Thränen aus ihren Augen, richtete sich in dem Bette empor und sagte mit leiser Stimme: »Nein, Sie können sich das Schreckliche nicht denken, was nun erfolgte. Ich wurde am andern Morgen aus dem Hause gejagt; – ich hätte gestohlen, sagte er. Was weiß ich, wie er es gemacht, aber als ich mit dem kleinen Kinde von der Straße herein kam, war er mit der Köchin auf meinem Zimmer; ich mußte meinen Koffer öffnen und da fanden sich allerlei Sachen, von denen nur der barmherzige Gott wissen kann, wie die hinein gekommen.«

Bei diesen Worten drehte sich die andere langsam herum und schaute ihre Gefährtin mit einem langen und prüfenden Blicke an. Dann warf sie die Oberlippe in die Höhe, schüttelte mit dem Kopfe und sagte: »Das war sehr dumm. – Und die Polizei –? Doch was brauche ich da zu fragen! Ich kenn' das ja; was sind wir arme niedergetretene Wesen, wenn so eine from me, christliche Seele Böses gegen uns aussagt, und wenn überdies noch der Schein gegen uns spricht! – O,« fuhr sie fort und ihre Augen schossen Blitze, »ich hatte eine Schwester, der es gerade so erging, eigentlich noch viel schlimmer, denn auch sie, ein junges unschuldiges Mädchen, sollte sich ihrem Herrn ergeben, und als sie sich weigerte, beschuldigte man sie allerhand schlimmer Sachen, worauf mein Vater Jenem volle Macht verlieh, die Widerspenstige zur Ordnung und Zucht zurück zu bringen. – Das wurde denn auch mit Hunger und Schlägen probirt, und nachdem sie das eine Zeitlang ertragen, kehrte sie denn freilich zur Ordnung zurück, aber die Zucht – war von der Stunde an beim Teufel. – Doch weiter! – Sie steckten dich ein?«

»Sie wollten es thun,« fuhr das junge Mädchen unter nieder strömenden [133] Thränen fort, »aber er hatte einen Buchhalter, der bat für mich.«

»Ah! der Buchhalter? –«

»Und darauf jagten sie mich einfach aus dem Hause mit der Weisung, nicht wieder zu kommen. O, das war von Allem der entsetzlichste Moment; ich mußte mir ein Bündel mit dem Nothwendigsten zusammen packen, und da ich vorn zur Hausthüre nicht hinaus wollte, – es waren da böse Leute, die von der Geschichte gehört hatten und auf mich warteten, – so öffnete mir der Buchhalter die Thüre des Gartens, die auf das freie Feld führte. Ich faßte in meiner Verzweiflung mit der Hand so heftig in die Dornenhecke, daß mein Blut heraussprang und auf den Schnee tropfte; dann sah ich hinauf an den grauen Winterhimmel und auf den weißen, weißen, einförmigen Schnee, der sich so weit und unabsehhar vor mir ausbreitete. Da war nichts Lebendes zu sehen als eine Schaar Raben, die schreiend über das Feld wegflogen. – Sehen Sie, Henriette, sagte der Buchhalter, da hinaus wenden Sie Ihren Weg, und wenn Sie auch schwer gefehlt haben, er, der die Raben auf dem Felde nährt und die Lilien kleidet, wird sich auch Ihrer erbarmen.«

»Er war fromm wie der Herr,« sagte höhnisch Nanette.

»Darauf wollte er durch den Garten zurück, aber ich schrie laut auf und versuchte, freilich etwas verworren und unklar, ihm den Verlauf des Ganzen zu erzählen. Aber er schüttelte den Kopf und sprach: Henriette, fügen Sie nicht zu dem, was Sie gethan, auch noch Verläumdung und Lüge. Ich kenne den Herrn, – das ehrbarste und beste Gemüth, und so gut, so gut, er könnte einem Kinde nichts zu Leide thun. – Da raffte ich mich zusammen, erhob die Hand und sagte: die Schande überlebe ich nicht, ich thue mir ein Leides an und mein Blut komme über ihn. Damit sprang ich in das Feld hinaus und erst, als ich schon ziemlich weit gelaufen war, blickte ich nochmals um. Da stand er noch immer an der schneebedeckten[134] Hecke und blickte auf die rothen Blutstropfen, die dort von meinen Fingern niedergefallen waren.«

»Das war eine Strafe für ihn!« rief Nanette. »Denn als er das Blut sah, fürchtete er sich und dachte an deine letzten Worte.«

»Ich that mir aber kein Leides an,« fuhr bitter lächelnd das arme Mädchen fort; »ich hatte nicht den Muth dazu, und als ich an einen Fluß kam, wo die Eisschollen neben und über einander hin schliffen, da schauderte mich und ich eilte wieder von dem Ufer hinweg. Ich lief, bis es Abend wurde, und dann kam ich an die offen stehende Scheune, wo ich Sie fand.«

»Das ist eigentlich eine ganz gewöhnliche Sklavengeschichte, wie sie zu Dutzenden vorkommen,« sagte das Harfenmädchen. – »Und wenn es dich interessirt, etwas von mir zu erfahren, so will ich dir gerne damit aufwarten. Eine Ehre ist der andern werth. Doch ist meine Geschichte ein Bischen anders. – Schau mich an,« fuhr sie fort, indem sie sich aufrichtete, »ich sehe nicht aus wie Jemand, der gern duldet und leidet, und damit habe ich mich auch in meinem Leben sehr wenig abgegeben. Wir waren unserer vier Geschwister, die, als der Vater starb und uns als Waisen zurück ließ, sich noch im Hause befanden, das heißt in zwei elenden Dachkammern, wo kein Nagel unser war. Die Schwester, von der ich vorhin sprach, rechne ich gar nicht mit, denn die war damals versorgt; später ist sie freilich im Spital gestorben. – Nun, wir vier, das kann ich dir versichern, wir waren gut aussehende hübsche Mädchen; ich kann das schon sagen, ohne mir zu schmeicheln, denn es ist ja schon ziemlich lange her. Nun hielten wir einen Familienrath, dem eine alte Tante beiwohnte, welche uns versicherte, es könne uns nicht fehlen, wenn wir arbeiten wollten und Lust hätten, uns ehrlich durchzuschlagen. Dabei sprach sie achselzuckend von der fünften Schwester und ermahnte uns, an der ein Exempel zu nehmen und meinte, wir sollen recht tugendhaft bleiben. Aber die Alte hatte gut reden! Die Tugend ist eine schöne Sache für vornehme und [135] reiche Mädchen; da leuchtet sie und glänzt, und wenn sie auch schon Schaden gelitten hat, das thut nichts, da wird sie doch als vollkommen unverletzt dargestellt und es wagt Niemand, öffentlich daran zu rühren. – Aber bei uns armen Geschöpfen, da glaubt Jeder, in dessen Klauen wir gerade fallen, wir seien für ein mageres Brod sein mit Leib und Seele, als hätte er uns auf dem Sklavenmarkte gekauft. – Ich versichere dich, anders sehen es die Meisten, bei denen wir um's Taglohn arbeiten, gar nicht an.«

»Ich kam denn auch gleich in die Hände eines solchen Herrn, eines Fabrikanten, der seine Arbeiterinnen ansah wie der Türke seinen Harem, und der uns mit einem Draufgeld, welches wir erhielten, förmlich von seinen Unterhändlern kaufte. Ich hatte Wind davon erhalten und wollte nicht zu ihm; aber ein altes Weib, das er zu mir schickte, und die er außerordentlich bezahlte, wußte mir die Sache recht lockend darzustellen. Ich ging also in die Fabrik, aber nicht in die Falle; und als nicht lange darauf der entscheidende Moment kam, erhielt mein Herr ein paar tüchtige Ohrfeigen, was meine sämmtlichen Kolleginnen in's höchste Erstaunen setzte, denn die und – Gott verzeih' es ihnen – auch viele ihrer Eltern, hatten sich oder die eigenen Kinder zu allen Diensten förmlich verkauft, und wenn so ein unglückliches Geschöpf sich wohl bisweilen gewaltig wehrte und um Schonung und Erbarmen flehte, so wurde sie meistens von den Anverwandten zur Pflicht zurück geführt. – Ha! ha! ha!« unterbrach sich das Mädchen mit einem lauten Gelächter, »ich versichere dich, es gibt keine größere Sklaverei, als die der tausend armen Mädchen, worunter auch wir gehören, mögen sie nun sein, was sie wollen. – Sklaverei in jeder Richtung; harte Arbeit, kaum das tägliche Brod, um nicht Hungers zu sterben, Mißhandlung aller Art, geistige und körperliche; – und zuletzt wirft man sie weg, nachdem nichts mehr an ihnen zu verderben ist. Und wenn man von Menschenhandel sprechen will, so lasse man nur Einige von uns ihre Geschichte erzählen, das gebe ein artiges Buch [136] zusammen, daß Jedem, der es lesen würde, die Haare zu Berge stehen könnten.«

»Natürlicherweise verließ ich am gleichen Tage, wo ich mich mit dem Herrn entzweit, die Fabrik. Ein junger Musiklehrer, den ich kennen lernte, fand, daß ich eine gute Stimme, auch hinreichendes Taktgefühl; er unterwies mich eine Zeit lang, und dann suchte und fand ich eine Anstellung als Choristin bei unserm Stadttheater.«

»Das war aber dieselbe Sklavenanstalt wie die Fabrik, das kann ich dich versichern, ja insofern noch viel schlimmer, weil es dort nur einen, hier aber viele Herren gab. Auch versteht es sich ja von selbst, daß so eine junge anfangende Choristin in nichts widersprechen darf, wenn sie nur die geringste Aussicht haben will, zu Etwas zu kommen, um gerade vom Hungertode bewahrt zu sein. Der Direktor selbst warf mir freundliche Blicke zu; sein Bruder, Regisseur und erster Tenorist, trug sich mir zum Lehrer an; er wolle meine Stimme ausbilden, sagte er, und nebenbei ein kleines Verhältniß mit mir eingehen. Ich wies das Alles anfänglich zurück und dachte, wenn ich recht fleißig sei, meine Schuldigkeit im Gesang thue, nie zu spät komme und dergleichen mehr, so könne man nichts weiter von mir verlangen. Ich wollte damals trotz der gemachten Erfahrungen noch nicht einsehen, daß wir eine Klasse von Geschöpfen sind, die sich einmal verkaufen müssen, um ihr tägliches Brod zu erwerben.«

»Da war aber auf jenem Theater eine alte würdige Frau, – sie spielte Anstandsdamen und souflirte zuweilen, – ein sehr praktisches Weib, ich sehe sie heute noch vor mir mit ihrem dicken rothkarrirten Shawl, einem großen Beutel am Arm, worin sie Bücher und Obst hatte, eine Brille auf der Nase und mit der Schnupftabaksdose, die sie beständig in der Hand hatte. Sie mochte mich wohl leiden, und eines Tags, als ich dem Bruder des Direktors eine recht schnippische Antwort gegeben und ihm geradezu [137] den Rücken gekehrt hatte, nahm sie mich in den dunkelsten Winkel hinter die Koulissen und sagte mit ihrer schnarrenden Stimme: Mein liebes Kind, mit der Sprödigkeit geht's nun leider einmal nicht in so vielen abhängigen Verhältnissen, namentlich nicht beim Theater, und je mehr man sich dagegen wehrt, um so größeres Herzeleid macht man sich selber. Tugendhaft sein, ist eine schöne Sache, aber es gehört Geld dazu, dann ist es sehr angenehm und leicht. Was sollen aber wir arme Geschöpfe machen? So ein Vorgesetzter, mag er nun heißen wie er will, peinigt dich bis auf's Blut, und wenn er dich am Ende fortschickt, so treibt dich der Hunger zu noch viel Schlimmerem. – Aber das ist ja mehr als Sklaverei! fuhr ich damals auf. Ich habe doch das Recht, zu thun und zu lassen was ich will; wer will mich zwingen? – Mit Gewalt Niemand, antwortete darauf die Alte, das geschieht nur höchst selten, und dann bist du ein armes Schlachtopfer. Aber nein! nein! du mußt Alles freiwillig hergeben und doch gezwungen; das ist die härteste Nuß bei der ganzen Geschichte. – Ich fühlte wohl, daß sie Recht hatte, aber da ich es so recht deutlich fühlte, ballte ich meine Hände zusammen und biß mir die Lippen blutig. Doch wollte ich lange, lange dieser Ermahnung nicht folgen. Aber sie plagten und mißhandelten mich auf alle Weise, sie quälten mich, daß es einen Stein hätte erbarmen sollen. Ich stand allein da, verlassen, und fühlte, daß ich so gar kein Recht gegen diese Behandlungen erlangen konnte, ich fühlte es, daß ich nichts sei als eine arme Sklavin, und wunderte mich nur über mich selbst, daß ich nicht schon gleich Anfangs dem Befehl des Direktors nachgekommen sei, als er mir sagte, ich solle in seine Wohnung kommen, er wolle mir eine kleine Solopartie übertragen und mit mir einstudiren. – Ein ganzes Jahr lang hatte ich ertragen, was ein Mädchen zu ertragen im Stande ist, wurde von meinen Kolleginnen verspottet, von den Männern beim Theater auf alle Weise geneckt und geplagt. – [138] Ja, ein ganzes Jahr hatte ich es ausgehalten, da – nahm ich die mir dargebotene Rolle an und sang eine kleine Solopartie.« –

»Warum blieben sie aber nicht beim Theater,« fragte die Andere; »namentlich wenn Sie Talent dazu hatten?«

»Ich hatte aber kein Talent,« entgegnete das Harfenmädchen finster; »Alle, die mir das gesagt, hatten mich belogen: ich hatte nichts als ein hübsches Gesicht und einen Körper in der Frische der ersten Jugend. Das verlor sich aber schnell, ich sang keine Solopartien mehr, und da die Truppe, bei der ich mich befand, bald aufgelöst wurde, so stand ich mit vielen Andern, die sich um mich so wenig bekümmerten wie ich mich um sie, auf der Straße. Glücklicherweise hatte ich von einem der Orchestermitglieder etwas Harfenspielen gelernt, mein altes Instrument, welches ich jetzt hier habe, wurde mit allem Uebrigen versteigert und ich erhielt es als Bezahlung, da ich einige Gegenansprüche zu machen hatte. – So bin ich jetzt reisende Virtuosin geworden,« setzte sie lachend hinzu, »und wenn ich in der ersten Zeit meiner Laufbahn Manches hinunter schlucken mußte, so habe ich mich jetzt an Vieles gewöhnt und lebe lustig und vergnügt in den Tag hinein, bis ich einstens – hinter einer Hecke sterbe.« –

Diese letzten Worte sprach sie so leise, daß sie ihre Gefährtin nicht verstehen konnte. Auch war diese in ein tiefes Nachdenken versunken, und schrak jetzt, als Nanette schwieg, aus ihren Träumereien auf.

»Aber was soll mit mir werden?« sagte sie und faltete ihre Hände. »Was bin ich schon geworden? – in welches Haus bin ich gerathen?«

»Das sind drei Fragen auf einmal,« entgegnete Nanette, »die schwer oder leicht zu beantworten sind, wie man will. – Was aus dir werden soll? – Nun, bleibe vorderhand was du bist, das heißt, behalte die Guitarre und singe mit mir herum. Du dauerst mich [139] und wenn ich dich jetzt fahren lasse, so bin ich überzeugt, daß du bald in schlechte Gesellschaft geräthst.«

Das junge Mädchen sah bei diesen Worten ihre Gefährtin mit einem sonderbaren Blicke an.

Darauf erwiderte diese lachend: »Ich weiß wohl, weßhalb du mich so komisch betrachtest; du meinst, die Gesellschaft, in der du dich gerade befindest, sei auch eben nicht die respektabelste. Doch glaube das nicht; ich bin reisende Künstlerin, und wenn ich will, kann ich mein Brod auf ganz ehrliche und unbescholtene Art verdienen. – Aber,« setzte sie leiser hinzu, »die Verführung ist so groß. – Deine andere Frage, was aus dir schon geworden sei, kannst du dir am besten selbst beantworten; und drittens endlich, was die Beschaffenheit des Hauses, in dem wir uns gerade befinden, betrifft, so heißt dasselbe der Fuchsbau, macht billige Zechen und gewährt hinlänglichen Schutz vor der Polizei mit ihrem Anhang. – Für tugendhafte Frauenzimmer,« fügte sie bei, indem sie ihren Kopf und Oberkörper auf die Decke zurückwarf und sich lange ausstreckte, »für tugendhafte Frauenzimmer ist das Haus freilich ein wenig gefährlich, denn es sind hier an den Thüren keine Riegel zum Verschließen. – Und du scheinst mir noch recht tugendhaft zu sein?«

»Ach mein Gott!« seufzte das Mädchen und verbarg eine Zeit lang ihr Gesicht, das auf's Neue von Thränen überströmt wurde, in beide Hände. – Welch' unsägliches Elend war nicht seit so kurzer Zeit über dies arme Geschöpf herein gebrochen! Vor ein paar Tagen noch war sie in einem vor der Welt anständigen Hause, in einer guten Stellung, freundlich behandelt, ja zu freundlich, mit der Aussicht auf eine ruhige und behagliche Zukunft. – Und nun aus Allem dem herausgerissen, in diese unheimliche Welt hinein geschleudert, sah sich das junge, bis jetzt noch unverdorbene Mädchen an die Gefährtin, die vor ihr saß, gewiesen, und mußte sich glücklich schätzen, daß das Harfenmädchen sich ihrer annahm [140] und ihr Schutz gewährte. Aus ihrem netten Stübchen, wo das Bett des kleinen Kindes stand, das sie so sehr liebte, befand sie sich jetzt mit einem Mal in dem öden Gemache des verrufenen Hauses, wo Wind und Schnee zu dem offenen Fenster herein jagte, und wo einmal über das andere Mal ein Schauder ihren Körper überflog und die Kälte ihre Glieder erschütterte. Auf Augenblicke hielt sie alles Das für einen Traum, sank in sich zu sammen und schloß die Augen fest, um vielleicht freundliche Bilder, die sie umgaukelten, festzuhalten. – Jetzt aber fuhr sie wieder empor, warf ihre Blicke auf die Gefährtin, die neben ihr ruhte, und fühlte alsdann, wie sich ihr Herz in tiefem Schmerz krampfhaft zusammen zog.

»Nun, antworte mir,« sagte Nanette; »du hast lange genug überlegt. Du behältst Guitarre und Papier der fortgelaufenen Agnes, ich bringe dir morgen ein paar Akkorde bei, lehre dich einige Lieder, und mit deinem Gesichte, mit den verschämt niedergeschlagenen Augen, können wir in den Gasthöfen gute Ernte machen. – Aber,« setzte sie nach einer Pause hinzu, »ich fürchte, du wirst zu vornehm thun, und was das anbetrifft, da muß ich wahrhaftig zu dir sprechen, wie seiner Zeit die alte Theaterprinzeß zu mir. – Reisende Musikantin zu sein ist an sich nicht so übel, aber du verkaufst dich dadurch der ganzen Welt: der Sechser, der in meinen Teller fällt, ist ja nicht für unser Spiel und Gesang, – er gilt meinem vollen Busen oder deinen sanften schmachtenden Augen, deinem schlanken Wuchse. Und darauf glaubt der, der ihn gespendet, sich ein Anrecht erworben zu haben.«

»O Gott! mein Gott!« jammerte das Mädchen.

»Aber man gewöhnt sich daran,« fuhr finster die Andere fort. »Es gibt freilich Leute, die das nicht glauben und die nicht begreifen wollen, warum so ein armes Harfenmädchen, das sich auf's Unverschämteste muß begaffen lassen, das jede freche Hand berühren darf, nicht lieber in's Wasser springt, um so seiner Schande und seinem Dasein ein Ende zu machen. Aber die das nicht begreifen, [141] kennen unsere Lage nicht, obgleich sie so gern aus ihrem warmen Zimmer, von ihrem guten Mittagessen hinweg achselzuckend über uns und unseres Gleichen urtheilen. – Aber entschließe dich! Es ist das Beste, was du ergreifen kannst; denke nicht, daß du nach Hause zurückkehren kannst: dein Herr ist gezwungen, die Klage gegen dich aufrecht zu erhalten. In den Augen der Leute dort bist und bleibst du eine Diebin.«

»O stille! stille!« bat das arme Mädchen, die sich in den heftigsten Seelenleiden auf dem Bette krümmte wie ein zertretener Wurm.

In diesem Augenblicke hörte man Etwas auf dem Gange schleichen und eine Hand, welche an der Thüre vorbei rutschend die Klinke suchte.

34. Kapitel
Vierunddreißigstes Kapitel.
Er! –

»Was ist das?« fragte entsetzt das junge Mädchen, indem sie sich erhob und ängstlich lauschte.

»Es wird der im schwarzen Fracke sein, dem du vorhin seine Frage bejahtest. Er kommt nun, wie er mit dir ausgemacht.«

»Aber ich habe nichts mit ihm ausgemacht!« schrie das Mädchen im Tone der Verzweiflung. »Nichts! nichts! Gott erbarme sich meiner! – O helfen Sie mir! was soll ich thun?«

»Mit mir ziehen, dich unter meinen Schutz begeben,« entgegnete ruhig das Harfenmädchen, ohne den Kopf zu erheben, – »aber warum sich auch so gewaltig sperren? – Oder ihm folgen!«

[142] »Eher den Tod! – ich stürze mich dort zu dem Fenster hinaus.«

»Bist du so tugendhaft?« fragte Nanette mit einem zweifelhaften Lächeln.

Die Andere gab keine Antwort, sondern starrte mit weit aufgerissenen Augen nach der Thüre.

»Gewiß und vollkommen tugendhaft?« fuhr das Harfenmädchen dringender fort zu fragen, und richtete sich halb empor, um die Antwort ihrer Gefährtin besser vernehmen zu können.

Doch schien diese den Sinn der Frage nicht gleich zu verstehen, und als sie ihn endlich begriffen, zuckte sie zusammen, blickte empor und sagte mit aufgehobener Hand: »Ja, ja! bei Gott im Himmel! ja!«

»Ah! wenn das ist,« sprach lustig Nanette, »so wollen wir diesen Tölpel ablaufen lassen; das wären Perlen vor die Säue geworfen!«

Jetzt öffnete sich langsam die Thüre; der Mann, von dem das Harfenmädchen vorhin gesprochen, und der sich drunten zum Beschützer der Andern aufgeworfen, erschien wirklich und blickte vorsichtig in das Gemach. In der Hand trug er ein ausgelöschtes Licht. – »Das ist heute ein furchtbarer Sturm,« sagte er lächelnd; »wo der Wind die geringste Oeffnung findet, da fährt er herein.«

»He, was soll's?« rief Nanette, indem sie sich halb erhob und dabei eine Faust unternehmend in die Seite stemmte. »Wollt Ihr vielleicht Euer Licht bei uns anzünden? – Nun, darauf soll es mir meinetwegen nicht ankommen.«

»Das weniger,« entgegnete grinsend der Eingetretene; ich hätte wohl die Absicht, euer Licht ebenfalls auszulöschen.

»Nun, ich will Euch was sagen, Sträuber,« erwiderte das Mädchen mit bestimmtem Tone, »für Eure schlechten Spässe sucht Euch ein anderes Zimmer. Wir haben das unsrige bezahlt und wollen Ruhe haben.«

[143] »Man will auch von dir nichts, du böses Maul!« sagte der im schwarzen Frack. »Nimm dich in Acht, sonst sollst du es büßen.«

Trotz dieser Drohung blieb er aber ruhig an der Thüre stehen.

»Von wem willst du denn sonst etwas?« fuhr das Harfenmädchen fort, indem sie sich von ihrem Stuhle erhob. »Vielleicht von meiner Schwester? – Willst du sie vielleicht verkaufen, Sklavenhändler, Seelenverkäufer!«

»Von deiner Schwester? -hahaha!- du würdest dich freuen. Das ist aber eine ganz andere feinere Race als die eurige.«

»Mag es nun eine Race sein, welche es will, so sage ich dir, sie ist für dich nicht gewachsen, und wenn du dich nicht bald aus dem Zimmer hinaus machst, so komme ich dir entgegen; und ich glaube, du kennst mich.«

»Du bist eine wilde Katze,« versetzte giftig der Andere. »Und wenn du meinst, ich hätte Lust, mich mit dir herumzuschlagen, so irrst du dich gewaltig. Ich will nur den Lakaien herauf holen, der soll dich halten und dann kannst du zusehen.«

»O, ich habe vor euch Beiden keine Angst, ihr Jauner, ihr miserable! – Nicht wahr, bei ein paar armen Mädchen habt ihr große Mäuler. Soll ich den Mathias bitten, herauf zu kommen? Warte nur, Sträuber; aber ich sage dir im Guten, nimm dich in Acht!« Dabei ging sie einige Schritte vor, und während sie ihm eine ihrer geballten Fäuste entgegen warf, blitzten ihre Augen. »Dieser Abend ist noch nicht vorüber, und es müßte mich Alles trügen, wenn der Johann nicht noch käme. Da will ich dann sehen, was du für ein Gesicht machst, du Vieh, wenn ich mich über dich beklage.«

Diese Drohung, so versteckt sie auch war, machte doch auf den Herrn Sträuber einen sichtlichen Eindruck. Er versuchte zu lächeln und sagte: »Du bist doch in Wahrheit eines der verwegensten Weibsbilder, die ich je gesehen. Von dir will ja eigentlich Niemand etwas, ich halte mich an die Andere; und bin ich nicht in [144] meinem vollkommenen Rechte, wenn ich herauf komme, hat sie drunten nicht Ja gesagt?«

»Ja hat sie allerdings gesagt,« erwiderte das Harfenmädchen, indem sie jetzt ihre beiden Arme in die Seiten stemmte. »Aber weßhalb hat sie es gesagt? – Du wirst dir doch wohl nicht einbilden, daß es ihr Ernst war? – Sie hat Ja gesagt, weil sie sich vor dem Schuft, dem Lakaien, fürchtete. Das wirst du wohl begreifen; für so dumm halte ich dich doch nicht.«

Jetzt hörte man drunten im Hause eine helle Glocke mehrmals anschlagen, und der eigenthümliche Ton derselben klang scharf durch die gewölbten Gänge.

Herr Sträuber zog plötzlich die Augenbrauen in die Höhe, ließ die Unterlippe herab hängen und lauschte aufmerksam.

»Das wird an der kleinen Hinterthüre sein,« sprach Nanette; »Johann kann nach Hause kommen.«

»Nein, nein,« entgegnete der im schwarzen Frack eifrig, indem er die Thürklinke wieder in die Hand nahm, »das ist ganz was Anderes – horch! ich kenne die Glocke.« Dabei erbebte er sichtlich, gerade wie Jemand, den ein plötzlicher Frost überweht oder ein großes Entsetzen anwandelt.

»Was gibt es denn?« fragte jetzt auf einmal das junge Mädchen, welches die Veränderung an dem vorhin noch so kecken Herrn Sträuber bemerkte.

»Ich weiß nicht,« entgegnete dieser mit leiser Stimme; »aber es gibt was. – Horch!« Dabei hielt er den Kopf auf den Gang hinaus. – Aber, sagte er plötzlich, »löscht euer Licht aus, es darf kein Schein davon die Treppe hinab fallen.«

»Ist das nicht eine neue Finte von dir?« fragte argwöhnisch Nanette.

»Nein! nein! sei verdammt!« erwiderte er unruhig, – »aber halte dein Maul! Wenn du das Licht nicht auslöschen willst, so [145] komm mit vor die Thüre, oder bleib drinnen, wie du willst, aber laß sie mich in's Schloß ziehen. – So – leise!«

Das Harfenmädchen hatte dem Mann einige Augenblicke forschend in's Gesicht gesehen, als sie aber da nichts von Hinterlist und Falschheit entdecken konnte, vielmehr nur den Ausdruck des Schreckens sah, so siegte die weibliche Neugierde und sie trat mit ihm auf den finstern Gang hinaus.

Einen Augenblick herrschte tiefe Stille in dem weiten Gebäude, dann aber hörte man den Klang der kleinen Glocke wieder, und darauf hin wurde in einem Stockwerke tiefer eine Thüre geöffnet, man vernahm schwere Männerschritte auf den Steinplatten des Korridors und es wurde eine Stimme laut, welche ängstlich fragte: »Nun was soll's denn eigentlich? – Treibt doch keinen schlechten Spaß mit mir!«

»Der Lakai!« sagte das Mädchen.

»Ja, der Lakai,« antwortete schaudernd Herr Sträuber.

Jetzt verwandelte sich drunten die Stimme desselben aus einem scherzhaften und bittenden Tone in einen trotzigen und widerspenstigen. – »Nun ja,« hörte man ihn sprechen, »was soll's denn? Darnach habe ich wohl ein Recht zu fragen. Wenn ich nach Hause will, so kann ich das thun. – Wer hat ein Recht, mich zu halten?«

Hierauf vernahm man die Schritte wieder, doch statt daß sie wie vorhin in gleichmäßigem Tempo klangen, trampelten sie jetzt eine kleine Weile unordentlich durch einander. Dann hörte man ein Aechzen aus tiefer Brust und hierauf ein Schleifen, als schleppe man eine schwere Last mit sich fort.

»Alle Heiligen!« sagte das Mädchen, »steht uns in Gnaden bei! – da hat's ein Unglück gegeben.«

»Noch nicht,« entgegnete schaudernd Herr Sträuber, »aber es gibt wahrscheinlich eins.« – Dabei horchte er mit erneuter Aufmerksamkeit.

[146] Nachdem das Schleifen da drunten ein paar Sekunden gedauert, hörte man eine andere tiefe Stimme sagen: »Nun, wenn du lieber auf den Füßen gehen willst, ist es mir auch recht; aber laß allen Widerstand, der ist hier vergebens.«

Darauf stieß der Lakai einen tiefen Seufzer aus und entgegnete: »Ich will ja thun, was man verlangt.«

Endlich verklangen die Schritte in die Ferne, es schloß sich wieder eine Thüre und Alles war todtenstill wie vorher.

Die Beiden oben an der Thüre lauschten noch eine Weile, dann trat der Herr Sträuber langsam in das Zimmer zurück. Nanette folgte ihm. – »So sprecht denn!« sagte sie, »was kann es denn da unten geben?«

»Weiß ich's!« entgegnete er verlegen, indem er die Achseln zuckte.

»Ihr wißt mehr, als Ihr sagen wollt. Kanntet Ihr den Klang jener Glocke?«

»Bst! – bst!« machte Herr Sträuber und zog das Mädchen weiter mit sich in's Zimmer hinein. – »Er ist im Hause –«

»Er?« fragte das Mädchen erschreckt.

»Ja, ja, er,« erwiderte der Andere. »Und ich mache, daß ich fort komme, – wenn die Thüre überhaupt heute Nacht noch geöffnet wird,« setzte er nachdenkend hinzu. »Schlaft ruhig! was gehen euch die Geschichten da unten an! Gute Nacht!«

Damit schlich Herr Sträuber zur Thüre hinaus und schritt leise durch den Gang und die Treppen hinab.

Das junge Mädchen im Bette hatte sich halb erhoben und saß da, ein Bild der Angst und des Jammers. Ihr blondes Haar hatte sich aufgelöst und hing über ihr bleiches Gesicht herab, ohne daß sie den Versuch machte, es wegzustreichen. Auch sie hatte drunten verworrene Stimmen und Schritte gehört, hatte das natürlicherweise für eine Gefahr gehalten, die sie bedrohe, und zitterte am ganzen Körper. Erst nachdem Herr Sträuber wieder das Zimmer verlassen, athmete sie tief auf und beruhigte sich etwas.

[147] Nanette trat gedankenvoll an das Bett und sagte: »Leg' dich nur ruhig hin; an uns denkt heute Niemand mehr. Aber du kannst ein klein wenig auf die Seite rücken, ich will mich auch niederlegen, wir haben Platz genug. Vorher aber will ich das Licht auslöschen.«

»Lassen Sie es lieber brennen,« bat das junge Mädchen.

»Nein, das ist gegen die Hausordnung,« entgegnete eifrig die Andere, »man sähe drunten vom Hofe das erleuchtete Fenster, und ich möchte um Alles in der Welt keine Ursache zu irgend einer Klage geben. – Nein, gewiß nicht!« Damit that sie, wie gesagt, drehte die Talgkerze in dem Leuchter um, um sie auszulöschen, warf ihr Oberkleid von sich und legte sich zu ihrer Gefährtin auf das schmale Feldbett, das unter der doppelten Last bedenklich krachte, auch kaum Platz für die beiden bot. Die Mädchen aber behalfen sich so gut wie möglich, theilten sich in die Decke und bald zeigten die tiefen und regelmäßigen Athemzüge des Harfenmädchens an, daß sie ruhig entschlummert sei.

Die Andere wollte nicht so bald der freundliche Schlaf in seine Arme nehmen; wohl preßte sie die Hand auf ihr heftig klopfendes Herz, wohl schloß sie die Augen und suchte mit Gewalt die Erinnerung der vergangenen Tage zu verdrängen, und dann senkte sich auch wohl auf Augenblicke ein leichter Schlummer wie ein durchsichtiger Nebel über sie hin. Doch entrückte er sie nicht der Wirklichkeit: er flog über sie hin, ein leichter, durchsichtiger Hauch, hinter dem schreckliche, hohnlachende Gestalten um so seltsamer ihr Wesen trieben, und den ein tieferer Athemzug, ein lauterer Herzschlag plötzlich durchriß, um wieder auf sie einströmen zu lassen, die schreckliche, fürchterliche Wirklichkeit. – Dann fuhr das Mädchen empor, strich sich angstvoll die Haare aus dem Gesicht und blickte um sich; doch konnte sie nichts erkennen: die dichteste Finsterniß herrschte in dem Gemach, und nur ein leichter unbestimmter Schein ließ die Stelle ahnen, wo sich die Fenster befanden. Nach wie vor sauste der Wind durch die zerbrochenen Scheiben, er heulte um die [148] Ecke des Gebäudes und durch die winkeligen Höfe. Der einzige freundliche Ton, der an das Ohr des armen Mädchens schlug, war eine mitleidige Glocke, welche die zehnte Abendstunde anzeigte.

»O Gott! noch so früh!« seufzte sie. Und dann legte sie sich wieder neben ihre Gefährtin hin, bemühte sich, ruhig zu sein, und derselbe schreckliche Zustand zwischen Wachen und Schlafen kam wieder über sie. – Sie hatte jenen Diebstahl in der That begangen, sie floh, man verfolgte sie. Jetzt stand sie an der Dornenhecke, die den kleinen Garten umschloß, wo sie schon so glücklich gewesen; jetzt sah sie die Blutflecken auf dem weißen Schnee und flog mit den Raben über das Feld hinweg; aber sie wollten sie nicht unter sich dulden und hackten auf sie los, so daß sie zur Erde niederstürzte und, an allen Gliedern gelähmt, langsam fortkroch. – So bewegte sie sich mühsam dahin, immer ihre Verfolger dicht hinter sich, immer eine Faust in ihrem Nacken, die nach ihr faßte und die mit jedem Pulsschlage näher kam; und es schien Jahre zu dauern, bis sie die schützenden Mauern erreichte, hinter denen sie sich jetzt befand. – Ah! endlich einen Augenblick Ruhe! – Die Nebel um ihr Haupt wurden dichter und dichter, die Gestalten verschwammen im einfachen Grau; sie schienen von unten herauf zu zerschmelzen: Füße, Körper und Arme all' der phantastischen Gestalten schwammen weit aus einander und wurden immer undeutlicher, nur die schrecklichen Köpfe waren noch längere Zeit zu erkennen, die Köpfe mit den seltsam lachenden und grinsenden Gesichtern, und vor Allem die unzähligen starren Augen, die sie leuchtend und unverwandt anblickten. – Lange, lange noch sah sie diese Augen durch den Nebel durchschimmern, als die Gesichter schon längst verschwommen waren, zuerst als wirkliche Augen, dann als glänzende Punkte, die langsam zurückwichen, und endlich nur noch lebhafte blaue und grüne Ringe, die zuletzt ebenfalls in Nichts zerflossen. –

35. Kapitel
[149] Fünfunddreißigstes Kapitel.
Ein geheimes Gericht.

So mochte das Mädchen eine Zeit lang ruhiger geschlummert haben, da fühlte sie im Schlafe, daß Jemand ihre Hand ergriff und daran zog. Augenblicklich erwachte sie, griff um sich, faßte den Arm ihrer Gefährtin; und als sie an demselben aufwärts tastete, um sich zu überzeugen, daß es auch das Harfenmädchen sei, welches ihr Handgelenk festhielt, bemerkte sie, daß diese es wirklich war, aber daß sie aufrecht neben ihr im Bette saß. – »Was ist's?« flüsterte das junge Mädchen angstvoll.

»Stille!« antwortete Nanette mit leiser Stimme; »ich muß erwacht sein an dem Schlag der Uhren; es ist elf Uhr. Doch jetzt soeben, als ich wieder einschlafen wollte, hörte ich leises Schleichen auf den Treppen; – hoch! und jetzt auf dem Gange.«

»Was kann das sein?«

»Vielleicht noch ein später Gast, der nach seinem Zimmer geht. – Aber nein, das ist der Schritt eines Weibes. O, ich habe ein feines Gehör. Weißt du, das wird geschärft bei unserem Leben.«

Und das Mädchen hatte Recht; es waren in der That leise schlürfende Tritte, die langsam näher kamen.

Die beiden Mädchen lauschten mit zurückgehaltenem Athem.

Jetzt faßte eine Hand die Thürklinke, drückte langsam das Schloß auf, die Thür öffnete sich und ein Lichtstrahl fiel herein. Doch konnten die Mädchen augenblicklich nicht erkennen, wer der Träger dieses Lichtes war, denn dieser hielt die Hand vor das Gesicht und ließ den vollen Schein des Lichtes in das Zimmer fallen.

»Was soll's?« fragte Nanette scheinbar mit entschlossenem Tone, doch zitterte ihre Stimme ein wenig. Dann rutschte sie [150] mit voller Geistesgegenwart vom Lager herab, um stehenden Fußes erwarten zu können, was es gebe.

Das junge Mädchen hielt ihren Arm umklammert und drückte sich fest an sie.

»Ja, ich bin recht,« sprach eine Stimme an der Thüre; »ich hatte die Nummer vergessen. Richtig, es ist doch vierundzwanzig.«

»Ah! seid Ihr es, Frau?« sagte Nanette nach einem tiefen Athemzuge, denn sie erkannte die Stimme des alten Weibes drunten aus der Schenke. »Ich hatte Angst, als Ihr so langsam die Thüre öffnetet.«

»Ei, ei!« entgegnete grämlich das Weib, »du bist doch sonst nicht so furchtsamer Natur.«

»Das ist richtig, aber es war heute Abend so unruhig im Hause. – Doch was soll's, Frau, wollt Ihr zu uns?«

Die Alte drückte sorgfältig die Thüre hinter sich in's Schloß, dann stellte sie das Licht auf den Tisch und näherte sich dem Bette.

»Schläft die Andere?« fragte sie.

»Nein, nein, ich schlafe nicht!« entgegnete eifrig das junge Mädchen.

»Nun, das ist gut, mein Schatz, dann brauche ich dich nicht zu wecken.«

»Mich zu wecken? – Barmherziger Gott! Wollt Ihr etwas von mir?«

»Ich eigentlich nicht, mein Kind, aber –«

»O Frau, laßt das arme Geschöpf in Frieden!« bat das Harfenmädchen. »Der Sträuber war da, wir haben Mühe gehabt, ihn hinaus zu bringen. Seht Ihr nicht, wie das unglückliche Ding vor Angst zittert!«

»Was Sträuber!« sprach die Frau verächtlich. »Meinst du, ich kümmere mich um solche Lumpen? – Da ist schon was ganz Anderes im Spiel. – Er ist im Hause,« setzte sie leiser hinzu.

[151] »Ich habe es gehört,« erwiderte Nanette. »Aber das kann uns doch nicht betreffen; er weiß kaum, daß wir in der Welt sind.«

»Er weiß Alles,« sagte ernst die Frau. »Und der beste Beweis ist, daß ich hier bei euch bin. Ich habe den Befehl, die da zu holen.«

»Die da? – das junge Mädchen?« rief entsetzt die Harfenspielerin und sprang vom Bette, auf welchem sie bis jetzt saß, als habe sie eine Schlange gestochen. »Alle Heiligen! er läßt sie holen?«

Die Alte nickte mit dem Kopfe.

»So hast du wahrscheinlich Schlimmeres begangen, als du mir gesagt,« fuhr Nanette zu dem Mädchen gewendet fort. »Wozu kann er dich sonst holen lassen! Um Gotteswillen! Wer bist du? – Ah! du hast mir von Blut an deinen Händen erzählt! – Gräßlich! – Sollte das nicht so zufällig an deine Finger gekommen sein?«

Das junge Mädchen blickte um sich, als sei es noch immer in einem schweren, schrecklichen Traume befangen. – »Man will mich holen?« brachte sie endlich mühsam hervor. Und als die Alte ihr entgegnete: »Ja, ja, drum stehe geschwind auf!« setzte sie händeringend hinzu: »Wohin will man mich holen? – O, habt Erbarmen! laßt mich da, ich habe Euch ja nichts zu Leide gethan!«

»Da ist keine Zeit zu verlieren,« sagte kalt die Alte. »Steh auf und bring deinen Anzug etwas in Ordnung.«

»O, Sie waren so gut gegen mich!« flehte das arme Geschöpf, indem sie sich an das Harfenmädchen wandte, das drei Schritte von dem Bette stehen blieb und mit einem wahren Ausdruck des Entsetzens auf ihre bisherige Gefährtin blickte. »Sie wollten mich ja beschützen, lassen Sie mich nicht von hier fort! – Wer kann etwas von mir wollen? Das muß ein Mißverständniß sein; kenne ich doch außer Ihnen keine Seele in dem Hause. Nicht wahr, Sie lassen mich nicht fort von hier?«

[152] »Er hat's befohlen,« versetzte ernst die Alte, »und da hilft kein Widerstreben.«

Das arme Geschöpf blickte fragend zu dem Harfenmädchen hin.

»Nein, da hilft kein Widerstreben,« sagte auch dieses, »gewiß nicht. Komm, steh auf und – helfe dir Gott!« setzte sie leiser hinzu.

Darauf hin ließ das junge Mädchen willenlos geschehen, daß ihr die Alte vom Bett in die Höhe half und daß sich auf einen Wink derselben das Harfenmädchen näherte, ihre herabgefallenen blonden Flechten in die Hand nahm, sie etwas glättete und dann sorgfältig über ihrem Kopf befestigte.

Das alte Weib hakte ihr das Kleid zu und bat sie, ihre Schuhe wieder anzuziehen und sich überhaupt zu beeilen. Dann nahm sie vom Stuhle das Tuch des Mädchens, hing es ihr um die Schultern und zog sie an der Hand mit sich fort.

Nanette begleitete sie bis an die Thüre, und als das Mädchen dieser dort die Hand reichte und ihr dankte für die Freundlichkeit, mit welcher sie sie behandelt, blitzten die dunkeln Augen Nanettens stärker als gewöhnlich, und als sich nun die Thüre hinter den Beiden schloß, rollten ihr ein paar schwere Thränen über das Gesicht herab.

Das junge Mädchen ließ sich von der Frau führen; alle ihre Kraft war dahin und ihre Kniee wankten so, daß sie sich mehrmals an die Wand stützen mußte, um nicht niederzufallen, weßhalb sich das Weib veranlaßt sah, sie mit einigen Worten zu trösten. »Habe nur keine Angst,« sagte sie, »es geschieht dir gewiß nichts. – Nicht wahr, du bist zum ersten Mal hier im Hause?«

»Ja gewiß,« hauchte das Mädchen.

»Und du kennst keinen von den Gesellen, die du heute Abend drunten im Zimmer gesehen? Du hast noch nie mit einem was zu thun gehabt?«

[153] »O mein Gott, nein, nein!« erwiderte schaudernd die Gefragte.

»Nun, so weiß ich nicht, was er von dir will, und da kannst du dich auch ziemlich beruhigen, es wird nichts so Schlimmes sein. Aber jetzt laß' uns eilen, wir haben schon Zeit genug verloren.« – Damit schritt sie rasch voran, Treppen auf, Treppen ab, über lange Gänge hinweg, die sich bald rechts, bald links bogen, dann kamen sie sogar quer durch einen Hof, wieder eine Treppe hinauf, und hielten endlich an einer Thüre stille.

Die Alte klopfte dreimal an; es wurde augenblicklich geöffnet, und das Mädchen fühlte sich plötzlich in ein erleuchtetes Zimmer geschoben. Hinter ihr fiel die Thüre wieder in's Schloß, und als sie sich auf dieses Geräusch hin umwandte, bemerkte sie, daß ihr das alte Weib nicht gefolgt war.

Das Zimmer war groß, geräumig, mit anständigen Tischen und Stühlen versehen, und ein mächtiger Ofen verbreitete eine behagliche Wärme. Ein großer Mann, der in der Mitte des Gemachs auf und ab ging, wies das Mädchen an, sich auf einen der Sitze niederzulassen, dann legte er wie vorhin die Hände auf den Rücken und schritt wieder gleichmüthig hin und her.

Der geneigte Leser, der uns bis hieher zutrauensvoll gefolgt, wolle sich auch unserem ferneren Schutz überlassen und mit uns in ein anderes Zimmer treten, das von dem, in welchem sich das junge Mädchen befand, durch ein kleines, dunkles Kabinet getrennt ist.

Es war dies ein Gemach, höher und weiter als selbst das Schenkzimmer, doch auch wie dieses mit eichenem Holz ausgetäfert. Wände und Decke aber waren besser erhalten, und an letzterer bemerkte man ein ziemlich dunkel gewordenes Gemälde, sowie gut erhaltene Vergoldungen. Wo hier Fenster und Thüren waren, konnte man nicht gut bestimmen, denn beide waren gleichmäßig mit großen dunklen Vorhängen versehen, die von dem Fries bis auf [154] den Boden herab hingen. In einer Ecke dieses Zimmers befand sich ein großes Kamin, in dem mächtige Holzblöcke stammten; daneben stand ein alter geschnitzter Tisch, mit einer grünen Decke behängt, und neben diesem ein Stuhl mit hoher Lehne. Dem Tisch und Stuhl gegenüber in der anderen Ecke des Zimmers befanden sich mehrere Männer von starkem, kräftigem Körperbau und verwegenen Gesichtern, aus denen unternehmende Augen hervor blitzten; Einige von ihnen hatten Bärte, andere waren glatt rasirt. In ihrer Mitte war jener Mann in der Livrée, den wir in der Schenkstube gesehen und dessen Stimme wir auf dem Gange gehört. Er stand aber nicht so aufrecht da wie die Andern, seine Kniee schlotterten, sein Rücken war gekrümmt und seine bleichen Züge vor Angst verzerrt und entstellt.

Alle aber blickten unverwandten Auges nach jener anderen Ecke des Zimmers, und wir ersuchen den geneigten Leser, gleichfalls dahin zu sehen. Dort an dem Sessel mit der langen Lehne stand ein junger Mann, ziemlich groß, dabei aber schlank und von den angenehmsten gefälligsten Körperformen und Bewegungen, die Leichtigkeit und große Kraft ausdrückten. Er trug ein sehr eng anliegendes Beinkleid und hohe glänzende Reitstiefel, die aber bis zu den langen, schweren Sporen hinunter, wie nach einem starken Ritt, dicht mit Koth bespritzt waren. Den Oberkörper bedeckte eine Art Blouse von einem dunkelblauen wollenen Stoffe; die Aermel derselben waren sehr weit, und wenn er die seine, jedoch etwas gebräunte Hand zufällig empor hob, so fielen sie zurück und zeigten weiße, glänzende Wäsche. Um den Leib trug er einen ledernen Gürtel, und an der linken Seite desselben hing ein Tscherkessendolch, eine jener furchtbaren Waffen, die ungefähr anderthalb Schuh lang, oben handbreit sind, und nach unten spitzig zulaufen. Die Scheide war von dunklem Leder, mit Stahl und eingelegtem Golde verziert, und der Griff bestand aus weißem Elfenbein, hatte aber an der Spitze einen gewaltigen [155] Eisenknopf, der offenbar dazu diente, im Handgemenge einen Gegner von oben herab niederzuschlagen.

Der Kopf dieses Mannes war von ebenso gefälligen und angenehmen Formen wie der Körper, nur war sein Teint dunkel gefärbt wie der eines Zigeuners, und dazu paßte auch das kohlschwarze Haar, sowie der Bart von derselben Farbe, den er lang herabhängend trug. Seltsam kontrastirten hiemit die blauen Augen.

In dem Momente, wo wir unsichtbar eintreten, hatte er den rechten Arm auf die Lehne des Stuhles gestützt, und die Finger des linken spielten mit dem Stahlknopfe des Dolchgriffs.

»So stehen also die Sachen,« sprach er mit einer kräftigen, angenehmen Stimme, »und da ich nicht gern Jemand ungehört verdamme, so kannst du sagen, was du noch zu deiner Entschuldigung vorzubringen hast; oder auch sonst Jemand, der für ihn sprechen will, kann vortreten.«

Der Lakai schluckte mehrere Male heftig und blickte scheu und zitternd die Männer an, welche um ihn standen, die ihn aber keines Blickes würdigten und noch viel weniger eine Silbe laut werden ließen.

»So sprich denn selbst!«

»Ach Herr! ich weiß nicht, was ich sagen soll!« jammerte der Gefragte. »Und wenn es denn gar so arg ist, daß ich jenen freilich überflüssigen Messerstich gethan, so bestrafen Sie mich; aber ich flehe Sie an, machen Sie es nicht so streng mit mir!«

»So sei,« antwortete der junge Mann, – »vielleicht zum ersten Mal in deinem Leben – ehrlich und offenherzig. Jener schändliche, niederträchtige Messerstich ist freilich schlimm genug, aber ich will ihn dir verzeihen, wenn du mir gestehen willst, was du sonst noch gegen uns begangen.«

»Ich sonst noch gegen Sie begangen?« entgegnete bestürzt der Lakai und ließ seine Augen im Kreise umherlaufen; »will ich [156] doch verkrummen und verderben, wenn ich etwas gegen Sie gethan habe.«

»Sei ehrlich!« sagte ernst der Frager. »Ich rathe dir, sei ehrlich oder es nimmt mit dir ein fürchterliches Ende.«

»Worin soll ich ehrlich sein? – Ich weiß nichts.«

»Du weißt nichts?«

»Nein, nein!« jammerte der Lakai. »Blickt mich nicht so entsetzlich an – ich – weiß nichts.«

»Nun, so will ich für dich sprechen,« fuhr der junge Mann fort, indem er vor den Stuhl trat, sich ein paar Zoll höher streckte und die rechte Hand in die Seite stemmte, ohne daß aber die linke den Griff des Dolches fahren ließ. – »Paßt mir auf, ihr Männer, und erinnert euch, was ich euch schon vor längerer Zeit von diesem Menschen sagte! Denkt daran, wie ihr für ihn gebeten, als ich ihn schon vor einem halben Jahre wollte verschwinden lassen, denkt daran!« Diese Worte sprach er langsam, bestimmt, aber mit solch schauerlicher Kraft und Kälte, daß jedes derselben wie ein Keulenschlag auf das Haupt des Lakaien niederfiel. Dann setzte er in gefälligerem Tone hinzu: »Weißt du noch nichts, hast du mir noch nichts zu sagen?«

»Nein,« entgegnete der Andere, während er die Zähne über einander biß.

»Nun wohlan, so will ich für dich sprechen. Ich erfuhr vor ein paar Tagen zufällig, daß er, dort jener Mensch, sich – zum Polizeidirektor begeben.«

Dieses Wort wirkte wie ein Donnerschlag sowohl auf den Betreffenden, als auf die umstehenden Männer. Wie auf ein Kommando faßten ihn zwei derselben an den Schultern, als scheine es ihnen, er habe die Absicht, zu entfliehen, woran der Elende jedoch nicht dachte; vielmehr schienen die Kniee unter ihm zusammen zu knicken, und er wäre vielleicht auf den Boden gestürzt, wenn ihn die Männer nicht gehalten hätten.

[157] »Er war also beim Polizeidirektor, sprach dort von einer Verbindung gefährlicher Menschen, die ihm bekannt sei, und machte sich anheischig, deren Aufenthalt, Schlupfwinkel, kurz Alles, was nöthig sei um sich ihrer zu bemächtigen, anzugeben, wenn ihm dafür eine große Summe Geld ausbezahlt würde. – Er verlangte zweitausend Gulden; der Polizeidirektor aber, ein kluger Mann, der überzeugt war, es sei unmöglich, daß sich im Gebiete seines Bezirks eine solche Bande aufhalten könne, glaubte diesen Worten nur halb, und statt den Angeber, wie ich gethan hätte, festzuhalten, ließ er ihn laufen, sagte ihm, er solle wieder kommen, einige Beweise liefern, und machte ihm sogar darauf hin einige Hoffnung aus die gewünschte Belohnung. – Seht, ihr Männer, ich wache über euch, denn ich erfuhr diesen Anschlag noch am selben Tage; eure Freiheit und euer Leben hingen an einem Haare; vergeßt das nicht: nur die eure, ich bin ja ein Wesen, das nicht existirt, das euch beschützt und nur zuweilen hervortritt, um zu bestrafen, um zu belohnen, – eure Vorsehung, wenn ihr wollt, und wie auch dieser Fall wieder beweisen wird! – Denn,« fuhr er kälter fort, »der Sekretär des Direktors war nicht so arglos, wie dieser selbst; er beauftragte einen sichern Polizeidiener, euren Genossen da zu beobachten, ihn auf Schritt und Tritt zu bespähen. Aber habt keine Angst,« setzte er hinzu, als er sah, daß die Männer sich unruhig bewegten, »ich lenkte ihn auf eine andere Fährte und er verfolgt in diesem Augenblicke einen vollkommen harmlosen Menschen. – Sprich du nun, habe ich die Wahrheit gesagt? – Verhält sich die Sache so?«

»Es ist ein Irrthum, Herr!« heulte der Angeklagte; »gewiß, gewiß ein entsetzlicher Irrthum! O wie käme ich dazu!«

Statt aller Antwort steckte der junge Mann die rechte Hand unter seine Blouse, zog eine Brieftasche hervor, nahm aus derselben ein Blatt Papier, das er entfaltete und fragte ihn dann ruhig: »Wie heißest du?«

[158] Der Lakai ließ den Kopf auf die Brust niedersinken und gab keine Antwort.

»Nun, ihr Andern wißt doch, wie er heißt. So lest dieses Blatt, das er dem Polizeidirektor gab, als ihn dieser um seine Adresse fragte. Vielleicht kennt Jemand von euch die Handschrift; den Namen aber werdet ihr auf alle Fälle kennen.«

Auf einen Wink trat einer der Männer vor, nahm das Blatt, blickte hin, übergab es dem Nebenstehenden, und so machte es die Runde bei sämmtlichen Anwesenden. Der Letzte, der sich die Schriftzüge betrachtete, überreichte es dem jungen Manne wieder, indem er sagte: »Ja, Herr, es ist so, wir sind vollkommen überzeugt.«

»Nun denn, so wißt ihr auch, wie ihr einen Verräther bestraft. Nehmt ihn hinweg! Fort mit ihm!«

Umsonst versuchte der Verurtheilte, das Herz seiner Richter zu erweichen; er brachte auch keinen zusammenhängenden Satz zu Stande und stotterte nur unverständliche Worte, dazwischen schluchzte er, schluckte krampfhaft und wand sich in Todesangst unter den Händen der zwei Männer, die ihn fest bei den Armen und Schultern hielten. »Gnade! Gnade!« flehte er und wollte vorwärts stürzen zu den Füßen des jungen Mannes. Dieser wandte verächtlich den Kopf ab und blickte in die Gluth des Kaminfeuers; dabei streckte er die Hand gegen die Männer aus und sagte: »Es bleibt dabei, laßt ihn ohne Aussehen verschwinden!«

Während zwei derselben den Verurtheilten zu einer Thüre hinaus zogen, welche in entgegengesetzter Richtung von derjenigen lag, die zu dem Zimmer führte, wo sich das Mädchen befand, trat einer in jenes Gemach zu dem Manne, welcher bis jetzt ruhig auf und ab geschritten war, nun aber plötzlich stehen blieb und sich an den Eintretenden mit der Frage wandte: »Wie ist's? – Hat er gestanden?«.

»Nichts, aber der Herr hat ihn vollkommen überführt.«

[159] »So wird er verschwinden?«

»Ja, ich soll es dir sagen. – Aber ohne alles Aufsehen.«

»Das versteht sich von selbst,« sprach der Andere mit einem unangenehmen Lächeln. »Es ist spät am Abend, die Straßen einsam, führt ihn hinaus. – Er kann zufrieden sein, denn er erhält sicherlich einen Nachruf; morgen wird man in den Blättern lesen, es habe sich ein bedauerliches Unglück zugetragen, der Lakai eines guten Hauses, so und so mit Namen, sei wahrscheinlich etwas berauscht aus dem Wirthshaus gekommen und in den Kanal gefallen.«

36. Kapitel
Sechsunddreißigstes Kapitel.
Jäger und Kammerjungfer.

Nachdem die Leute das Zimmer verlassen hatten, in dem sich der junge Mann befand, machte dieser ein paar rasche Gänge durch dasselbe, dann trat er vor das hohe Kamin, stützte seinen Arm auf das Gesims und versank in tiefes Nachdenken. – »Bah!« sagte er nach einer längeren Pause, indem er sich erhob und um sich schaute, »laß die Sache gehen, wie sie eben geht. Einer ist einmal der Sklave des Andern, und der Stärkere hat Recht. Die Idee von einer Wiedervergeltung kann und will ich nicht leugnen; was heute dem Einen geschieht, kann morgen dem Andern begegnen, und ich – heute noch Herr dieser ungeachtet alles Trotzes und aller Wildheit doch sklavischen Naturen – könnte vielleicht morgen vor ihnen stehen und mein Urtheil erwarten. – Ah! es ist doch etwas Schönes darum,« fuhr er fort und erfaßte den Griff seines Dolches, »so Herr zu sein über die ganze Welt, der Gebieter des Geringsten [160] und des Höchsten, des alten reichen Podagristen, der uns mit Entsetzen kommen hört, und des jungen, reizenden Mädchens, das von uns erzählt und vielleicht verstohlen und erschrocken ihrer Vertrauten sagt, indem sie dabei auf die andere Seite schaut: Ach! es war eine schreckliche Nacht, und der Letzte, der das Zimmer verließ, trat noch einmal an mein Bett und hob die Lampe hoch empor. O, ich würde ihn wieder erkennen, denn ich that ja nur als ob ich schliefe. – Und das haben mir solch' schöne Lippen schon selbst erzählt. O, dies Leben ist zu beneidenswerth, als daß – es ewig dauern könnte!«

Nach diesem Selbstgespräch war er wieder in tiefe Träumereien versunken; doch raffte er sich rasch empor, schritt durch das Zimmer und zog an einer Klingelschnur, die sich in der Ecke befand.

Gleich darauf trat einer der Männer herein. Auf ein leises Wort zog sich dieser wieder zurück und nach einer kleinen Weile öffnete sich die Thüre abermals, durch welche jetzt der Mann mit dem schwarzen Haar und Bart, den wir in der Schenkstube schlafend gefunden, herein trat.

Dieser hielt sich schüchtern in der Ecke, erhob nur ein paar Mal den Blick verstohlen, um den jungen Mann zu betrachten, der wieder neben dem Lehnstuhle stand, ihn langsam und forschend ansah und dann zu ihm sprach: »Es ist dir schlecht ergangen, wie mir scheint, Josef?«

»Sehr schlecht, Herr,« entgegnete der Gefragte.

»Es ist seltsam aber wahr: was der Teufel einmal gefaßt hat, läßt er nicht sobald wieder fahren. Wenn wir auch unseren Nebenmenschen gegenüber ziemlich freie Geschöpfe sind, so sind wir anderntheils doch wieder erbärmliche Sklaven – Sklaven unserer Thaten, Sklaven unseres Gewissens.«

»Keines von diesen hat mich wieder hergebracht, obgleich Beide mich oft sehr gequält,« entgegnete Josef.

[161] »Ich habe erfahren, daß du kommen werdest.«

»Ich glaube es, Herr; so was bleibt nicht lange verschwiegen.«

»Es thut mir eigentlich leid um dich, Josef, denn ich bin überzeugt, daß du nicht freiwillig zu uns zurückkehrst.«

»Gewiß nicht, Herr. Aber da ich Sie als gut und großmüthig kenne, da Sie mich damals bereitwillig ziehen ließen, als ich Ihnen sagte, ich könne es nicht mehr unter den Genossen hier aushalten und es dränge mich, wieder ein anderer besserer Mensch zu werden –«

»Ein besserer Josef?« fragte lächelnd der junge Mann.

»Verzeiht, Herr, ein anderer denn! – Als Sie mich also ziehen ließen und mich so freundlich und gütig unterstützten mit Empfehlungen, daß ich alsbald eine gute Stelle fand und wieder frei athmend unter meines Gleichen treten konnte, da dachte ich immer an Sie und segnete Ihr Andenken, und als das Unglück geschehen war, als ich nach dem traurigen Schusse nun wieder ausgestoßen aus der Menschheit dastand, war wieder mein erster Gedanke an Sie und es drängte mich, zu Ihnen zurückzukehren.«

»Und zu den Genossen –«

»Wenn es nicht anders sein kann, was will ich thun?«

»Du weißt, Josef, daß ich von jeher große Stücke auf dich gehalten; ich hätte dich in meine eigenen Dienste genommen, aber Jemand, der wie ich, wenn ich mich so ausdrücken kann, nur hie und da erscheint, bedient sich am besten selbst. Doch scheint mir, du hast deinen größten Fehler, die Heftigkeit, immer noch nicht abgelegt. Teufel auch! man schießt nicht gleich auf seinen Vorgesetzten.«

»Wenn er uns aber als sein Vieh, als seine Sklaven behandelt? O Herr, ich hätte Sie sehen mögen!«

»Ja, ich stehe für mich gar nicht ein! – Du hast dich verheirathet?«

»Ja, Herr, es war ein schönes junges Weib.«

[162] »Das war unklug, Josef, siehst du, die Welt liegt im Argen. Wenn man Jägerbursche ist und in einem kleinen einsamen Hause im Walde wohnt, da bleibt man für sich allein und läßt seine ganze Familie aus ein paar guten Jagdhunden bestehen.«

»Wenn er mich in meinem Revier gelassen hätte,« sprach der Andere mit einem trüben Lächeln, »so hätte das gar nichts gemacht. Mein Häuschen lag mit ten darin und ich konnte Alles mit Muße beaufsichtigen.«

»Und er schickte dich in andere Waldungen?«

»Meilenweit, so daß ich Tage und Nächte von Hause sein mußte. O Herr, es war nicht klug von ihm gethan, daß er mich so auf die einsamen Waldplätze hinaussandte. Wenn ich da stand, so Stunden lang an irgend eine alte Eiche gelehnt, und an mein Haus und das Alles dachte, und wenn nun der Abend aufstieg und ich mußte bleiben, wo ich war und ich stellte mir vor, daß sich vielleicht ein Anderer nach meinem Hause schlich, – Herr, ich versichere Sie, da stand ich Qualen aus, die kein Menschenherz auf lange zu ertragen im Stande ist. Das Blut stieg mir siedend zu Kopf, es war mir oft, als hörte ich weit entfernten Hilferuf; doch war es Täuschung, denn der Hund lag ruhig neben mir und spitzte nicht einmal die Ohren. Auch wäre es zu weit gewesen.«

»Und eines Tages verließest du deinen Posten und gingst nach Haus?«

»Ja, Herr.«

»Und fandest Unrechtes?«

»Ich weiß es nicht genau, Herr; aber es mußte wohl so sein. Er kam aus meinem Hause, und da nahm ich, meiner selbst nicht mehr mächtig, die Büchse –«

»Genug! genug!« sagte der junge Mann, indem er sich gegen das Feuer umwandte. »Das Andere wissen wir bereits, auch dachte ich, daß du kommen würdest, und da ich dir, wie schon früher gesagt, wohl will, sorgte ich für dich. Der Waldschütze, von dem [163] du so eben erzähltest, hat den Seehafen erreicht und ist über's Meer –«

»Ich, Herr?«

»Her Waldschütze; so stand es in allen unseren Journalen. Auch war seine That für ihn so vortheilhaft beleuchtet, daß Mancher mitleidig an ihn dachte. – Du bist also ein ganz neuer Mensch und heißest von heute an Franz Karner. Hier sind die Papiere, mit denen du dich legitimiren kannst.«

Mit diesen Worten hatte der junge Mann die Brieftasche wieder hervorgezogen und nachdem er dem Andern ein Zeichen gegeben, näher zu kommen, überreichte er ihm ein zusammengefaltetes Blatt.

»Dann ist ferner hier ein Brief,« fuhr er fort, »den bringst du morgen an seine Adresse. – Lies die Aufschrift!«

»Herrn Baron von Brand.«

»Richtig! Dieser Herr wird dir Anweisung ertheilen, wohin du dich zu begeben hast, und soviel ich vernommen, sollst du in einem sehr guten und vornehmen Hause die Stelle als Jäger erhalten.«

»O wie danke ich Ihnen, Herr!« erwiderte der Andere gerührt, während er die Hand des jungen Mannes ergriff und sie an seinen schwarzen Bart drückte. »Möge Gott mich vergessen, wenn ich Ihrer je vergesse! Aber,« sprach er auf einmal mit ernstem Tone, »wie kann ich meinem neuen Herrn und zugleich Ihnen dienen?«

»Auf die einfachste Art; du hast deine Berichte zu machen über Alles, was in dem Hause geschieht, vornehmlich aber hast du in einem anderen Hause, in welchem der Vater deines neuen Herrn wohnt, irgend eine solide Verbindung anzuknüpfen, wenn dieß geschehen, es zu melden und darauf meine Befehle in Empfang zu nehmen.«

Der junge Mann zog sofort abermals die Klingel und sagte [164] als er die Thüre öffnen hörte, in's Vorzimmer hinaus: »Der Jäger wird anständig gekleidet, du hast dafür zu sorgen, daß er morgen auf unverfängliche Art das Haus verläßt. – Laß das Mädchen kommen!« – Dann winkte er Josef freundlich mit der Hand und dieser zog sich zurück.

Gleich darauf wurde die Thüre zum kleinen Vorzimmer langsam geöffnet und das Mädchen, welches unter derselben erschien, sanft hineingeschoben. Sie hatte ihre Thränen getrocknet, doch war ihr Gesicht mit einer erschreckenden Blässe bedeckt; dabei irrten ihre Augen ängstlich in dem Gemache umher, blieben eine kleine Weile auf dem lodernden Kaminfeuer haften und erblickten erst dann den jungen Mann, der sich wie absichtlich hinter die Lehne des Stuhles zurückgezogen hatte. Sie zuckte erschreckt zusammen; er trat einen Schritt vor.

»Komm näher, mein Kind!« sagte er. »Nur näher, fürchte dich nicht, – ganz nah.«

Das zitternde Mädchen that wie ihr befohlen wurde, doch machte es so kleine Schritte, daß es trotz vieler derselben kaum die Mitte des Zimmers erreichte.

»Hör' auf meine Worte und antworte mir deutlich auf meine Fragen! – Willst du?«

»Ja,« brachte sie mühsam hervor.

»Du kamst heute Abend hier an in Gesellschaft einer Harfenspielerin. – Ich will dir etwas sagen,« unterbrach er sich, indem er das erschreckte Gesicht des armen Geschöpfes bemerkte und ihre in diesem Momente fast glanzlosen, weit aufgerissenen Augen sah, »wenn ich dich etwas frage und es ist so, so brauchst du meinetwegen nichts zu antworten, wenn es dir schwer wird; dein Schweigen ist mir Bejahung. – Du trafst also mit dem Harfenmädchen heute Abend in A. zusammen? Du kamst von N., wo du einem anständigen, frommen Hause entlaufen bist, nachdem du gestohlen.«

[165] »Nein, Herr! nein!« erwiderte jammervoll das Mädchen, »bei Gott im Himmel! das ist nicht so.«

»Man klagte dich aber an, du habest gestohlen, man jagte dich deßhalb fort, alle Menschen, welche die Sache erfuhren, glaubten deinem Herrn und hielten dich für eine Diebin.«

»Aber bei Gott dem Allmächtigen, ich bin's nicht, gewiß, ich bin's nicht!«

»Möglich,« versetzte der junge Mann, »aber bringe Beweise dafür; gegen dich liegen deren genug vor. Du bist ausgestoßen von der Welt, Jedermann wendet sich mit Abscheu von dir, was bleibt dir übrig? – Du mußtest Schutz bei jenem Mädchen suchen. Und worin besteht der Schutz derselben? Das will ich dir sagen: sie wird dich einige Accorde auf der Guitarre lehren, dann ein paar Schelmenlieder; sie zieht mit dir herum in Gasthöfen und Kneipen, und wenn du heute noch keine Diebin bist, so kannst du es doch in ganz kurzer Zeit werden.«

Das Mädchen faltete ihre Hände und blickte mit einem Ausdruck des tiefsten Jammers zu dem Manne auf, der allwissend schien und der ihre Vergangenheit und Zukunft so schonungslos enthüllte.

»Ich weiß nun nicht,« fuhr dieser fort, »ob du nicht im Grunde eine leichtfertige Dirne bist, ob dir das Leben, welches ich dir so eben bezeichnet, nicht vielleicht sehr gut gefällt, ob dir das Herumtreiben nicht lieber ist, als wenn man es dir möglich machte, auf anständige Art dein Brod zu verdienen.«

»Nein! nein!« rief das Mädchen aus, und zum ersten Male drückte der Ton ihrer Stimme nicht Furcht und Entsetzen aus; es war ein Ton der Hoffnung, die das Wort des Fremden in ihrer Brust geweckt, der ihr Herz plötzlich erfüllte, und der sich auch in den zitternden Lauten kund gab, mit denen sie »Nein! nein!« rief.

»Nun denn,« sprach der junge Mann, »man hat Mitleiden mit dir, man will dich vom Abgrund zurück reißen, in den du [166] unfehlbar gefallen wärest. Du sollst eine anständige sichere Existenz haben; du sollst in ein gutes Haus kommen, und es wird von dir abhängen, ob deine Zukunft gut oder schlecht ist.«

Das Mädchen erhob bei diesen Worten die Hände, doch zitterten dieselben so heftig, daß sie kaum im Stande war, sie zusammen zu legen; dann hielt sie dieselben an ihre Stirne, bedeckte ihre Augen und schien eine Sekunde nachzusinnen, ob sie vielleicht nur träume und ob sie nicht etwa in irgend einer Scheune oder wie vorhin in dem Bette neben ihrer Gefährtin erwachen würde. Als sie aber ihre Hände wieder langsam sinken ließ und bemerkte, daß sie sich noch in dem Gemache befand, in das sie vorhin eingetreten, als sie das Kaminfeuer noch immer lodern sah und den Blick des jungen Mannes wahrnahm, der theilnehmend auf ihr ruhte, da war es ihr, als sei dieser ein Engel, vom Himmel zu ihrer Rettung gesandt. Ihren Augen entfielen die Thränen in großen Tropfen und sie sank mit einem lauten Aufschrei zu den Füßen des Fremden nieder, der sie lächelnd aufhob.

»Diesen Zeichen glaube ich,« sprach er.

Das Mädchen erwiderte: »Gott lohne es Ihnen, wenn Sie nichts Uebles von mir denken. Gewiß! ich habe nicht gestohlen, ich bin nicht schlecht; ich bin nur ein armes, unglückliches Geschöpf.«

»Nun gut denn,« erwiderte der junge Mann, der wieder an den Kamin zurückgetreten war, »man hat sich vorgenommen, für dich zu sorgen. Du sollst in die Garderobe einer vornehmen Dame kommen, natürlicherweise als ihre letzte Dienerin, denn ich kann mir denken, daß du nicht viel gelernt hast. Was man im Allgemeinen von einem Frauenzimmer verlangen kann, wirst du zu leisten vermögen; das Andere lernt sich bald, wenn man Lust und Liebe zu seinen Geschäften hat. – Hast du zufällig eine Sprache gelernt?«

»Etwas französisch,« sagte das Mädchen, »in früher Jugend [167] von meiner Mutter, die mit ihren Eltern von Frankreich eingewandert ist.«

»Gut. – Man wird dich nachher in ein ordentliches Zimmer führen, du wirst dort anständige Kleider finden und morgen früh erhältst du neben der Adresse, an welche du dich zu wenden hast, einen Paß und eine Instruktion. Letztere wirst du eifrig studiren, auch dir genau merken, wie du von heute an heißest, denn du erhältst einen andern Namen, ferner, wo du früher gewesen bist, woher du gerade kommst, wer deine Eltern sind und dergleichen mehr. Lerne dies genau, denn man wird dich gewiß darüber examiniren. Verwisch deinen Namen und deine Vergangenheit aus deinem Gedächtnisse, es ist das für deine eigene Sicherheit nothwendig. – Hast du mich genau verstanden?«

»Gewiß, gewiß!« entgegnete das Mädchen. »Aber womit kann ich meinen Dank ausdrücken, womit kann ich Ihnen, meinem Wohlthäter, beweisen, wie sehr ich die unendliche Gnade anerkenne, die mich von einem fürchterlichen Leben zurück reißt, die mir erlaubt, anderen Menschen wieder frei in die Augen sehen zu dürfen?«

»Womit du mir danken kannst? – Das soll dir nicht verborgen bleiben,« versetzte der junge Mann mit ruhigem Tone. »In deiner Instruktion wirst du eine andere Adresse finden, eine Hausnummer, den Namen eines Mannes, zu welchem du dich anfänglich in der Woche einmal zu begeben und dem du alle Fragen, die er dir stellt, mit der vollsten Wahrheit zu beantworten hast. Er wird zum Beispiel wissen wollen, wann deine neue Herrin ausgeht, wohin sie geht, wer zu ihr kommt, was sie zu Hause macht, an wen sie schreibt und dergleichen mehr. Auch wird dir jener Mann zuweilen einen Auftrag geben, den du pünktlich zu erfüllen hast.«

Die Rede machte auf das Gemüth des Mädchens sichtlich einen niederschlagenden Eindruck; sie athmete tief auf, schaute dann zu dem Gesichte des vor ihr Stehenden empor, und als sie auf demselben [168] keine Spur von Scherz, sondern den tiefsten Ernst erblickte, ließ sie ihren Kopf auf die Brust herab sinken.

»Mein Wunsch mag dir hart erscheinen,« fuhr er fort, »aber ein Dienst ist des andern werth, und was ich dir gebe ist mehr, als was ich von dir verlange. Du hast aber noch die Wahl, sage Nein und du sollst ungehindert zurückkehren in das Zimmer, wo du gewesen, zu der Gesellschaft, die du soeben verlassen.«

Er erwartete eine Antwort, da diese aber nicht erfolgte, sondern das Mädchen eifrig mit dem Kopfe schüttelte, so sprach er mit erhobener Stimme und feierlichem Tone, indem er dicht vor sie hintrat: »Wohlan denn! Willst du die Bedingungen eingehen, die ich dir vorgeschlagen, so reiche mir die Hand und sage: ich schwöre bei Gott, der mich strafen soll, wenn ich meinen Schwur breche.«

Das arme Geschöpf zuckte zusammen, blickte zweifelnd um sich und darauf in das Gesicht des ernsten Fragers. Als sie aber sah, wie trotz der finstern Worte seine Züge freundlich waren und sein Auge sie mit Theilnahme betrachtete, als sie sich die Schilderung zurückrief, die er ihr von dem Leben gemacht, welches sie mit dem Harfenmädchen führen würde, und als sie an die vergangenen Tage dachte, an das Haus, aus welchem man sie als Diebin verstoßen, da schrak sie zusammen, blickte scheu hinter sich, als verfolge sie Jemand, und indem sie sich dem jungen Manne hastig entgegen warf, reichte sie ihm die Hand und sagte: »Ich schwöre es!« –

Doch war in den letzten Tagen, namentlich aber an dem heutigen Abend zu viel Entsetzliches auf das Herz des bis jetzt so unerfahrenen Mädchens eingestürmt; ihre Kraft verließ sie, sie sah das Feuer des Kamins vor ihren Augen hoch emporlodern, dann fühlte sie, wie sie in die Kniee sank, worauf sich dichte Schleier um ihr Haupt zu ziehen schienen, diesmal aber ohne Traum, ohne schreckliche Gestalten.

Als der junge Mann sah, daß sie ohnmächtig wurde, umschlang er mit seinem linken Arm ihren Leib und hielt sie sanft [169] aufrecht, während er mit seiner Rechten aus der Blouse ein Taschentuch hervorzog und ihr damit über das Gesicht fächelte. Sie lag da wie schlafend in seinen Armen, und als er sich über sie niederbeugte, um den wiederkehrenden Athem zu erspähen, bemerkte er erst das liebliche Gesicht des jungen Geschöpfes, die schönen, regelmäßigen Züge, die seinen, jetzt schmerzhaft zusammen gepreßten Lippen. Es war nichts Derbes, nichts Ungraziöses an ihrer Gestalt, und er hielt es leicht in seinem Arm, das kleine, warme, eben erst aufgeblühte Mädchen.

»Wenn ich nun ein gewöhnlicher Sklavenhändler wäre, wie so viele meiner geringen und vornehmen Kollegen,« sagte er, »so könnte ich mir leicht für meine Wohlthaten einen süßeren Dank nehmen. Doch begnüge ich mich mit einem einfachen Kusse auf diese gewiß unentweihten Lippen, mit einem Kusse, der ihren Seelenfrieden nicht stören wird, da sie ihn unbewußt empfängt.«

Damit beugte er sich auf sie nieder, küßte sie leicht auf den kleinen Mund, und als er nun sah, wie ihre Brust von stärkerem Athem geschwellt, sich wieder höher hob, hielt er ihr abermals das Taschentuch vor das Gesicht und bald schlug sie die Augen auf.

»Das ist mir nie geschehen,« sagte das Mädchen nach einer längeren Pause, indem sie leicht erröthend einen Schritt von dem Manne zurück trat. »Ich bin in den letzten Tagen recht schwach geworden.«

»Das ungewohnte Leben,« versetzte er; »nun, du wirst dich schon wieder erholen! – Jetzt aber verlaß mich, geh' zurück in das Gemach hier nebenan, da wirst du die alte Frau finden, die dich hergeleitet. Sie zeigt dir ein Zimmer und ein gutes Bett; lege dich ohne Furcht hinein, du könntest im Himmel nicht mit größerer Sicherheit ruhen, als jetzt hier in diesem Hause.«

Das Mädchen, im Begriffe diesem Befehle Folge zu leisten, blieb einen Augenblick schüchtern an der Thüre stehen und sagte [170] mit niedergeschlagenen Augen: »Und Ihnen darf ich später nicht mehr danken, wenn ich in dem Hause aufgenommen bin?«

»Nein, nein!« entgegnete eifrig der junge Mann, »ich glaube und hoffe nicht. Wir Beide werden uns wahrscheinlich niemals wieder sehen.«

»So will ich denn für Sie beten,« erwiderte sie, »recht innig und inbrünstig für Sie beten, indem ich Ihnen oftmals und herzlich danke für das, was Sie an mir gethan. Und so oft ich diesen Dank ausspreche, werde ich gerne an Sie denken.«

»Amen!« sprach er mit lauter Stimme, nachdem die Thüre hinter ihr geschlossen war und der Vorhang wieder herab fiel. »Hätte ich in meiner ersten Jugend,« sagte er nachsinnend, »vielleicht ein solches Mädchen gefunden, es wäre Manches anders gekommen. Aber so geht es, wenn man immer aufwärts blickt und deßhalb mit den Füßen so Vieles zertritt. Dies Geschöpf, gut erzogen, in Sammet und Seide gekleidet, könnte eine Herzogin vorstellen. – Wir wollen sie nicht aus den Augen verlieren.«

Nachdem er diese Worte laut vor sich hin gesprochen, hob er rasch den Kopf empor, ging abermals an das Vorzimmer und sagte dem Manne, der draußen war, einige Worte; dann kehrte er zurück, nahm von einem Tische einen breitkrämpigen Hut, trat wieder holt hinter den großen Lehnstuhl und war plötzlich aus dem Zimmer verschwunden, ohne daß eine Thüre nur im Geringsten geknarrt, ohne daß einer der Vorhänge sich nur im Mindesten bewegt hätte.

Da wir aber in einem aufgeklärten Zeitalter, das nicht an Hexerei glaubt, leben, und wir auch nicht die Absicht haben, ein Märchen zu schreiben, so versichern wir den geneigten Leser, daß Alles auf die natürlichste Art von der Welt zuging. Neben dem Kamine befand sich eine verborgene Thüre, durch einen Druck an einer gewissen Stelle spielte eine Feder, und die Thüre drehte und schloß sich vollkommen geräuschlos.

[171] Der junge Mann aber stieg eine Wendeltreppe hinab, schritt durch ein paar lange dunkle Gänge und trat durch eine gleiche Thüre, wie die neben dem Kamin war, in's Freie. Ehe er aber dieses betrat, nahm er aus einer Nische im eben erwähnten Gange einen Mantel, den er leicht über sich warf, so Blouse und Dolch verdeckend. Hierauf schritt er eilig durch die Straßen dahin, in welchen noch immer Wind, Regen und Schnee ihr tolles Wesen trieben, und verschwand bald in der Dunkelheit.

Dem Mädchen geschah droben, wie er vorausgesagt: die Alte führte sie auf's Freundlichste in ein kleines, behagliches, warmes Zimmer, sie half ihr beim Entkleiden, legte sie sorgsam zu Bette, indem sie ihr freundliche Worte sagte und sie schmunzelnd pätschelte, wie es vielleicht eine Mutter mit ihrem Kinde zu machen pflegt. – Bald schloß sie ihre Augen, doch konnte sie nicht begreifen, daß sie ohnmächtig geworden, und nicht vergessen, wie sie darauf so plötzlich in den Armen des jungen Mannes erwacht sei. Und vorher hatte sie ein eigenthümlicher Duft umweht, so merkwürdig sein, als wenn sie in Rosen gelegen, oder als hätte Jemand eine der prachtvollsten Centifolien recht nahe an ihr Gesicht gedrückt.

37. Kapitel
Siebenunddreißigstes Kapitel.
Ueber das Husten bei Hofe.

Der junge Graf Fohrbach hatte wieder einmal Dienst im Vorzimmer Seiner Majestät. Da es der Adjutanten gerade nicht viele waren, so kam die Reihe ziemlich häufig an ihn. Ehe er sich in das Schloß begab, war zu Hause nichts Wichtiges vorgefallen; [172] er hatte keinen Besuch wie damals, deßhalb frühstückte er auch in aller Stille allein und zündete sich darauf eine Cigarre an, die heute mit besonderem Genuß geraucht wurde, denn sie war für diesen Tag, wenigstens bis zum späten Abend, die einzige und letzte. Dazu waren die Thüren in's Ankleidezimmer wie immer fest verschlossen, damit nicht die leiseste Ahnung eines Tabakgeruchs sich in der Uniform festsetzen könne und so eingeschwärzt werde in das königliche Residenzschloß, Seiner Excellenz dem Herrn Obersthofmeister zum größten Entsetzen, zu einem wahren Horreur aber für sämmtliche Hofdamen, mochten die letzteren auch in ihren respektiven, oft sehr beschränkten Familienappartements von Papa, Bruder oder sonst Jemand seit frühester Jugend gehörig eingeräuchert worden sein. – Das thut die Hofluft. Sie ist so rein, so ätherisch, und Lungen und Herzen werden in derselben so zart und gefühlvoll, daß der geringste befremdende Duft und oft das kleinste Wort ein sehr bemerkbares Hüsteln zur Folge hat.

Ueberhaupt ließe sich über das Husten bei Hof ein ganzes Buch schreiben. Da ist die Art, der Ton, die Stärke und Schwäche desselben von der allergrößten Bedeutung. Einer der Prinzen des allerhöchsten Hofes zum Beispiel stellt sich herablassend zu irgend einer Gruppe Kammerherren, Offiziere und höherer Hofbeamten; er tritt anscheinend ganz vertraulich heran und ein leichtes Hüsteln macht ihn bemerkbar und will andeuten, er wünsche nicht, daß man sich seinetwegen genire. Augenblicklich erweitert sich der bis jetzt kleine Kreis und will damit symbolisch das große und weite Vergnügen ausdrücken, welches Alle empfinden, daß Seine Königliche Hoheit die außerordentliche Gnade hat, sich so freundlich zu nähern. Die Kecksten oder Erfahrensten bringen dieses Gefühl der Treue und Anhänglichkeit durch einige tiefgefühlte Worte zu Tage, die Anderen aber begnügen sich mit einem respektvollen Räuspern, worauf der Prinz, wenn er zufälligerweise nichts Anderes zu sagen weiß, was zuweilen vorkommen soll, stärker hustet und laut versichert, [173] das naßkalte Wetter sei unausstehlich, und wenn es sich nicht bald ändere, so würde es keinem Menschen möglich sein, den Katarrh los zu bringen. Natürlich stimmt Alles bei mit Worten und mit Husten; es zeigen sich auf einmal sehr viele Schnupfenanfälle, und ein junger Kammerherr, der begierig ist, seine tiefe Ergebenheit an den Tag zu legen, blickt verstohlener Weise zum Fenster hinaus und liebäugelt mit einem einsamen Sonnenstrahl so lange, bis ihn ein heftiges Niesen befällt, wodurch er so glücklich ist, auf's Allerdeutlichste die Bemerkung Seiner Königlichen Hoheit zu bewahrheiten.

Darauf ersucht vielleicht der Prinz, die angefangene Conversation fortsetzen zu wollen. – »Hm! hm!« macht er, »wie es scheint, wurde soeben eine pikante Geschichte erzählt. Darf ich daran theilnehmen?«

Der ganze Kreis lächelt verstohlen, und nur ein Einziger hustet auffallend und verlegen. Es ist das ein so bedeutungsvoller Husten, daß sich Seine Königliche Hoheit veranlaßt sieht, ihn in der gleichen Tonart zu beantworten, wobei er leicht mit einem Auge zwinkert und dann freundlich sagt, er bitte, dennoch fortzufahren, er liebe zuweilen eine recht pikante Geschichte.

Die Geschichte wird nun erzählt, nicht ohne viel hm! hm! hm! hm! von allen Seiten, und wenn nun die Pointe kommt, die einigermaßen saftig zu nennen ist, so ergeht sich Seine Königliche Hoheit in einem auffallenden Gehuste, vielleicht der Erzählung beistimmend, worauf sich Alle bemühen, einen ähnlichen Ton von sich zu geben, bis zu dem Erzähler, der nun vor Freude einem völligen Erstickungsanfall fast zu erliegen scheint. Ist dagegen die Geschichte höchsten Orts nicht recht ergriffen oder begriffen worden, so werden die Augenbrauen in die Höhe gezogen, der Husten ist bei Seiner Königlichen Hoheit ein ziemlich trockener, bei den Andern ein mißbilligender, der Erzähler aber, um seine Verlegenheit zu [174] verbergen, zieht sein Tuch aus der Tasche und hustet lange und anhaltend da hinein.

Wie verschieden aber von diesem ist der Ton des Hustens, den vielleicht in der Mitte der Geschichte plötzlich der Kammerherr von sich gibt, als er mit scharfem Auge erspäht, daß sich ein paar unschuldige Hofdamen zufällig dem Kreise nähern. Es ist das wie der Pfiff einer auf Vorposten ausgestellten Gemse; die Geschichte wird plötzlich unterbrochen, und der ganze Kreis spitzt die Ohren. – Wir ersuchen den geneigten Leser, dies jedoch natürlicherweise nur bildlich verstehen zu wollen.

Sind nun die unschuldigen Hofdamen, die sich nähern, wirklich unschuldige Damen, so husten sie mit einer kleinen Verlegenheit, daß sie so plötzlich an einem Kreis tangiren, in welchem sich Seine Königliche Hoheit befindet. Sind sie aber schon vollkommen erfahren in der Sitte des Hofes und lesen an dem Ausdruck der Gesichter, an der Stellung und Haltung einer Gruppe, um was es sich gerade handelt, so wird der erzählende Kreis in einem großen Bogen umgangen, die älteste der Hofdamen blickt hinter ihrem Fächer auf den Kreis, hustet sehr laut und auf eigenthümliche Art und gibt die Uebersetzung dieses Hustens ihrer Gefährtin, indem sie ihr zuflüstert: »Da werden wieder schöne Geschichten abgemacht!«

Um einige Stufen tiefer hinabzusteigen, so wissen namentlich alte gediente Lakaien, Tafeldecker und Kammerdiener ihre verschiedenen Husten auf's Feinste zu nuanciren. Der Lakai, der den Schlag des Wagens schließt, räuspert sich gelinde, wenn vielleicht eine Hofdame in tiefen Gedanken versunken nicht angibt, wohin sie fahren will, wonach er sich hintenauf schwingt und nun oftmals den Kutscher mit lautem Gehuste dirigirt.

Der Kammerdiener im Zimmer des Herrn blickt hustend auf die Uhr, wenn irgend eine bestimmte Stunde herangekommen ist, und erweckt mit einem lauten Gehuste den Thürsteher aus seinen [175] Träumereien, der fast vergessen hätte, voraus zu springen und den Wagen vorfahren zu lassen.

Endlich bei Tafel dirigirt der Hoffourier mit einer wahren Verschwendung von dem feinsten und leisesten Husten das ganze Diner, der Tafeldecker macht den Lakaien auf gleiche Art mit vielsagendem Räuspern auf seine Dummheit aufmerksam, die er begangen, auf einen zerbrochenen Teller oder ein leeres Glas, und ein junger Hofbedienter prallt erschreckt und gelinde hustend vor dem fürchterlichen Abgrund zurück, in den er fast gestürzt wäre, da er im Begriffe war, dem ersten Kammerherrn einen wilden Schweinskopf von der rechten Seite zu präsentiren.

Um nicht zu ausführlich zu werden, wollen wir nur noch des vielsagenden Hustens gedenken, in welchem sich zwei vornehme Staatsbeamte, die sich durchaus nicht leiden können und die nun plötzlich im Vorzimmer zusammenstoßen, steif und gemessen begrüßen. Jeder hat geglaubt, er komme dem Andern zuvor und könne Allerhöchsten Ortes seinem Kollegen eine unangenehme Suppe einbrocken. Dieser Husten klingt wahrhaft nervenerregend, und wir sind überzeugt, daß sich in gleicher Weise zwei Tigerkatzen begrüßen würden, die nur durch ein breites Wasser verhindert sind, sich ihrem glühendsten Wunsche gemäß die Augen auszukratzen.

Ein Husten der furchtbarsten Art aber stört oft den Minister in seinem Vortrage, wenn er zum Beispiel irgend eine Auszeichnung, einen Orden, ein Geschenk für einen armen Künstler verlangt und er mit eindringlichen Worten spricht, wie aufmunternd ein solcher Sonnenstrahl der Allerhöchsten Huld sei, wie das Talent nur wachsen und gedeihen könne im warmen Schein der Königlichen Gnade: ein Husten Seiner Majestät nämlich, wobei sie sich an das Fenster wendet und die Excellenz versichert, es werde doch jetzt endlich ein beständigeres Wetter eintreten. –

Doch kehren wir in die Wohnung des Grafen Fohrbach zurück, der unterdessen Cigarre und Toilette beendigt hat, und nun, im [176] Begriff an den Wagen zu gehen, durch den Kammerdiener einen Augenblick aufgehalten wird, der sich erlaubt, ihm den neuen Jäger vorzustellen.

Das war, wie wir bereits wissen, ein großer, schlank gewachsener Mann, der sich jetzt in der glänzenden Livrée, mit dem schwarzen, wohl gekämmten und frisirten Barte ungemein stattlich ausnahm. Dabei hatte sein Gesicht ein angenehmes Aussehen und sein Auge hielt den festen Blick des Grafen, der ihm einige Fragen stellte, sehr gut aus.

Um drei Viertel auf elf Uhr fuhr Graf Fohrbach am Schlosse vor und stieg die breiten Treppen hinauf bei zahlreichen Wachen, Thürstehern und Lakaien vorbei. Ein verschmitzt aussehender Kammerdiener legte die Hand an den Drücker, um die Thüre zu öffnen und hustete in diesem Augenblicke ziemlich bedeutungsvoll. Es war dies wieder einer jener Husten, von denen wir vorhin gesprochen.

Der Adjutant wandte augenblicklich den Kopf herum und der Kammerdiener lächelte.

»Gibt es was Neues?« fragte Graf Fohrbach leicht hin.

»Nicht viel Besonderes,« entgegnete der Kammerdiener, indem er die Augenbrauen in die Höhe zog. »Die Herren und Damen vom Dienste frühstücken in der gelben Gallerie und es erscheint heute zum ersten Mal das neue Ehrenfräulein Ihrer Majestät.«

Nach diesen Worten öffnete der Kammerdiener leise die Thüre, und sobald der Adjutant eingetreten war, zog er sie geräuschlos wieder in's Schloß, zupfte seine weiße Halsbinde in die Höhe und rieb sich alsdann still lächelnd die Hände.

Graf Fohrbach schritt durch mehrere Vorzimmer, die, wie in den Königlichen Schlössern gewöhnlich, einander ziemlich ähnlich sahen, nur daß Farben der Tapeten und Möbelstoffe in jedem verschieden waren, daß in diesem Alabaster- und Marmor-Vasen, dort welche aus China und Japan standen. [177] Um diese kleine Verschiedenheit aber wieder auszugleichen und eine gewisse Harmonie herzustellen, waren die Gemälde an den Wänden meistens Protektionskäufe, gleich unbedeutend, gleich langweilig.

In der gelben Gallerie, wo der Frühstückstisch servirt war, befand sich außer einigen Lakaien, die emsig und wichtig, geräuschlos und schnell auf einem Nebentische Porzellan und Silber ordneten, vorderhand nur ein alter einsilbiger Kammerherr, der damit beschäftigt war, nachdem er den Barometer prüfend betrachtet, die grauen am Himmel hinziehenden Schneewolken zu beobachten, und unser Bekannter, der Major S., den Graf Fohrbach heute ablöste. Der Major stand in einer Fenstervertiefung, und als er bemerkte, daß ihn der Graf mit den Augen suche, hustete er leicht.

»Wie gehts?« sagte der neue Adjutant, während er zu seinem Freunde in die Ecke trat.

»So, so! – Das Wetter ist nicht ganz klar, es scheinen mir trübe Wolken umher zu ziehen; auch haben wir noch keine Rapporte gehabt, was kein gutes Zeichen ist. Ferner wurde der Intendant des Hoftheaters auf ein Uhr bestellt.«

»Da wird man aufpassen müssen.«

»Für dich gibt's eigentlich nicht viel zu thun. Nach dem Rapport sind einige Audienzen, deren Namen du im Vorzimmer aufgeschrieben findest; das Papier liegt im Pult.«

»Schön. – Wirst du mit uns frühstücken?«

»Ich habe nicht Lust, muß auch nach Hause. – Apropos! du wirst eine Bekanntschaft machen: das neue Ehrenfräulein Ihrer Majestät hat heute den ersten Dienst und kommt zum Frühstück.«

»Ist sie schön?«

Der Major erhob den Kopf, zog die Augenbrauen in die Höhe und entgegnete: »Ob sie schön ist! – ein glänzender Stern am dunkeln Nachthimmel.«

»Nun, wir können dergleichen Sterne brauchen, es war zuweilen [178] recht finster bei uns. – Wie heißt sie? – Nicht wahr, es ist ein Fräulein von S.? Ihr seid ja wohl weitläufig verwandt.«

»Ziemlich entfernt. Sie heißt Eugenie von S. – eine vornehme, aber nicht reiche Familie. Das Mädchen ist kaum Neunzehn, aber groß und majestätisch gewachsen, eine Figur wie Ihre Majestät; dabei dunkles Haar, ein glänzendes Auge und die herrlichsten Zähne von der Welt, ah! ich sage dir, Zähne, glänzend weiß; man ist glücklich, wenn sie den Mund öffnet.«

»Nur wegen der Zähne?« fragte lachend der Graf.

»O nein, sie ist zugleich eines der gebildetsten und gescheidtesten jungen Mädchen, die ich seit längerer Zeit kennen lernte.«

»Natürlicherweise wird sie häufig in euer Haus kommen?«

»Ich hoffe so; weißt du – eine Verwandte –«

»So werde ich mich bemühen, deine Frau zu warnen.«

»Damit du einen Vorwand hast, öfters zu kommen,« erwiderte lachend der Major. »Nimm dich in Acht, junger Mann, wenn sie dich anblitzt und du hast gerade einen erregbaren Moment, so ist's um deine Ruhe geschehen. – Aber,« fuhr er lebhafter fort, während er einen Schritt vortrat, »sage mir offenherzig, hast du sie schon irgendwo gesehen – kennst du sie?«

»Ich gewiß nicht.«

»Du wußtest nicht, daß sie so außerordentlich schön und liebenswürdig ist?«

»Auf mein Wort, nein. Ich habe nur im Allgemeinen von ihr sprechen gehört. – Aber wozu diese Fragen?«

»Nun, ich glaube dir. Vorhin unterhielt ich mich mit der Frau von B. –«

»Mit der Obersthofmeisterin?«

Der Major nickte mit dem Kopfe. »Wir sprachen über die Einrichtung der jungen Dame, über ihre Wohnung und dergleichen –«

»So, über ihre Wohnung! Wird die im Schlosse selbst sein?«

[179] »Natürlicherweise; sie ist aber sehr gut ausgewählt, das kleine Appartement Numero sechzehn, die Fenster der Zimmer gehen auf den geschlossenen Hof, wo es euch nicht vergönnt ist, mit euren armen Pferden halsbrechende Courbetten zu machen. – Aber jetzt höre! Wir sprachen auch von ihrer Dienerschaft: eine ältere Kammerfrau brachte sie mit, ein jüngeres Kammermädchen bekommt sie hier.«

»Ja, was geht das mich an?«

»Ein jüngeres Kammermädchen, das – du empfohlen.«

»Ich empfohlen? – Und an wen?«

»Besinne dich. Du hast der Frau von B. neulich von einem Kammermädchen gesprochen, das eine Stelle suche.«

»Ah richtig!« sagte sich erinnernd der Adjutant. »Ich kenne sie aber nicht; der Baron Brand hat mich darum gebeten.«

»So, so, Baron Brand,« erwiderte der Major nachdenkend. »Das ist ein gefährlicher Mensch bei den Damen; sogar die alte Obersthofmeisterin schwärmt für ihn, und das will viel sagen. Er war gestern Abend bei ihr zum Thee, zugleich mit Fräulein Eugenie von S.; da kam die Rede auf deine Empfohlene und ob sie vielleicht passend sei für das neue Ehrenfräulein. Die Obersthofmeisterin schüttelte lächelnd den Kopf und meinte, sie wisse doch nicht recht, ob deine Rekommandationen in dieser Richtung zu beachten seien; aber Baron Brand erinnerte sich zufällig desselben Mädchens, – was weiß ich! sie habe bei einer seiner Cousinen gedient und besitze die glänzendsten Zeugnisse. – Was glaubst du wohl? Darauf änderte sich mit einem Mal die Ansicht Ihrer Excellenz und deine Empfohlene ist angestellt.«

»Das sind schöne Geschichten!« sprach lachend Graf Fohrbach, indem er seine Säbelkuppel herabzog. »Nun ich hoffe, die Person wird vorkommenden Falles einiges Dankbarkeitsgefühl besitzen.«

»Gegen dich oder gegen den Baron?«

[180] »Ich denke gegen mich, denn ich bin doch der unmittelbare Empfehler.«

»Aber nimm dich in Acht, coeur de rose ist ein verfluchter Kerl. Es sollte mich gar nicht wundern, wenn er der schönen Eugenie nächstens ein Parfum aufschwätzt.«

»Nein, dazu ist er zu klug; das könnte sie in einen üblen Geruch bringen. – Aber stille! der Kammerdiener an der Thüre hat sich schon dreimal geräuspert – man kommt.«

Die Flügelthüren des anstoßenden Saales wurden jetzt in der That geöffnet und die Damen vom Dienste erschienen. Es waren das meistentheils gereifte Schönheiten, künstlich erhaltene Blumen, aber ohne erquickenden Duft, gerade so wie ihre Schwestern von Papier und Seide, und ebenso wie diese rauschend und klappernd.

Eugenie von S., die bescheiden als die Letzte kam, hätte nicht so wunderbar schön zu sein gebraucht, als sie wirklich war, um zwischen ihren Kolleginnen wie eine Sonne aus grauem Gewölk hervorzustrahlen.

Graf Fohrbach war in der That überrascht von der lieblichen Erscheinung der jungen Dame und einigermaßen befangen, als er ihr von seinem Freunde, dem Major, vorgestellt wurde. Sie verneigte sich auf's Freundlichste und versicherte im Laufe des Gespräches, sie wisse ganz genau, daß sie von ihrer Mutter Sr. Excellenz dem Herrn Kriegsminister empfohlen sei, sie hoffe, diese Empfehlung werde freundlich auf genommen worden sein und ihr so recht bald Gelegenheit werden, einen Mann kennen zu lernen, den sie sehr schätze und verehre.

Natürlicherweise erwiderte der Graf etwas auf diese Worte Passendes, dann setzte man sich zum Frühstück, der Major empfahl sich, Messer und Gabeln fingen an zu klappern, die Bedienten schoßen hin und her wie emsige Schwalben, und bald war das Frühstück beendigt, worauf sich die Damen dahin zurückzogen, woher sie gekommen. Der einsilbige Kammerherr und der Adjutant [181] begleiteten sie bis an die Thüre, und hier hoffte der Letztere noch einen Blick der schönen Eugenie aufzufangen. Sie verneigte sich auch freundlich gegen die beiden Herren, doch galt ihnen Gruß und Blick zu gleichen Theilen, worüber der Graf eben nicht besonders erfreut war.

38. Kapitel
Achtunddreißigstes Kapitel.
Goldene Fesseln.

Den von seinem Freunde erhaltenen Instruktionen gemäß, das heutige Wetter betreffend, nahm nun der neue Adjutant, nachdem er das Vorzimmer zur Wohnung Seiner Majestät betreten, seiner Stellung als Barometer gemäß, eine sehr ernste und würdevolle Haltung an. Der Säbel hing korrekt eingehakt an der Kuppel, die Uniform war fast hermetisch verschlossen, der Federhut wurde mit beiden Händen auf dem Rücken gehalten und darauf ging der Adjutant mit gemessenen Schritten auf und ab, hie und da den Kammerdiener betrachtend, der sich zwischen der Thüre und einer großen Standuhr befand, die er beide zugleich im Auge behielt.

Bald nachher hörte man draußen Equipagen vorfahren, die Tritte fielen herab, die Schläge wieder zu, dann schlürften leise Schritte auf den Steinplatten des Korridors, die Thüren öffneten sich und die obersten Staatsbeamten traten ein.

Graf Fohrbach ging ihnen entgegen und empfing Jeden ernst, würdevoll, aber alle auf verschiedene Art. Die Minister erhielten ein sehr tiefes Compliment, begleitet von einem vollkommen gleichgiltigen Gesichte; nur bei dem des Königlichen Hauses – er war [182] ein genauerer Bekannter des Grafen – zog dieser auf einen fragenden Blick die Augenbrauen etwas in die Höhe und zuckte leicht mit den Achseln.

Die Excellenz nahm den Adjutanten beim Arm und zog ihn in eine Fenstervertiefung, wohin bald nachher noch einige der Vertrauten, nachdem sie den Größen des Staats einige verbindliche Worte gesagt, folgten.

Diese, die Minister, gingen zu Zwei und Zwei auf der anderen Seite des Zimmers mit leisen Schritten und fast unhörbarem Geflüster auf und nieder oder blieben auch an dem Marmorkamine stehen, Hut und Papier in der Hand, mit langen Gesichtern, ernsten Blicken und dem allerwürdevollsten Aussehen. Sie führten eigentlich keine zusammenhängende Konversation; sie sprachen nur Vermuthungen aus und räusperten sich häufig mit vorgehaltener Hand, nickten zuweilen taktmäßig mit dem Kopfe und warfen jede Sekunde die sehnsüchtigsten Blicke nach der gewissen Thüre, nach dem Kammerdiener und nach der Uhr.

Die Gruppe an der Fensternische war schon etwas lebendiger und gesprächiger; man handelte das innere und äußere Wetter ab und brachte Beides mit einander in Verbindung.

»Wird Seine Majestät heute ausreiten?« fragte der Minister des Hauses den Oberststallmeister, welcher diese Frage mit einem bedeutsamen Achselzucken beantwortete, und darauf versetzte:

»Ich weiß nicht, ob es räthlich ist.«

»Es ist auf drei Uhr ein Pferd bestellt,« flüsterte der Kammerdiener aus seiner Ecke in der demüthigsten Haltung und mit einem ganz unterthänigen Spitzen des Mundes, begab sich aber hierauf augenblicklich an die andere Seite der Thüre, nachdem ihm der Hofmarschall für diese Einmischung einen sehr strengen Blick zugeworfen.

»Man kann Seine Majestät bei diesem Wetter unmöglich ausreiten lassen,« sagte der Minister des Innern. »Der König ist [183] ohnedies etwas erkaltet, und das Wetter ist, wie mich der Leibarzt versichert, seiner Constitution durchaus nicht zuträglich.«

»Aber wenn Seine Majestät befohlen hat,« bemerkte schüchtern der Hofmarschall, »so sind Allerhöchstdieselben nicht wohl anders zu bestimmen.«

Der Minister des Hauses warf dem Oberststallmeister einen bedeutsamen Blick zu, worauf sich der letztere durch sein spärliches Haar fuhr und, nachdem er diesen Blick zurückgegeben, ruhig sagte: »Seine Majestät kann unmöglich bei diesem Wetter ausreiten, Seine Majestät wissen nicht, welch' kalter Wind draußen geht.«

»O ja,« warf der Hofmarschall ein, »Sie machten vor dem Frühstück einen kleinen Spaziergang.«

Die Exzellenzen wandten sich hierauf gleichmäßig dem Fenster zu, und die beiden Anderen verstanden diese Bewegung und zogen sich diskreter Weise etwas zurück.

»Seine Majestät soll heute nicht reiten,« sagte der Minister; »ich werde mir auf drei Uhr eine Audienz erbitten, ich habe da etwas Wichtiges vorzutragen und will ihn schon eine halbe Stunde beschäftigen.«

Mittlerweile waren die Minister einzeln in das königliche Kabinet getreten und kamen wieder zurück: einer an der Thür noch mit einem ziemlich verdrießlichen Gesicht, das er aber gewaltsam aufzuklären bemüht war, sobald er in's Vorzimmer zurückkam, um dem Kollegen eine Niederlage, die er erlitten, nicht anmerken zu lassen; ein anderer aber kehrte äußerst strahlend wieder und befolgte das umgekehrte Manöver, weil ihm Alles daran gelegen war, daß die Uebrigen nicht erfahren sollten, es sei ihm ein wichtiger Vorschlag durchgegangen.

Zu denen am Fenster war noch der Intendant des Hoftheaters getreten, der ein sehr verdrießliches und unbehagliches Gesicht machte. »Ich bin da in großer Verlegenheit,« sagte er. »Seine Majestät haben auf heute Abend den schwarzen Domino zu befehlen [184] geruht und das wirft mir mein ganzes Repertoir durcheinander.«

»Wie so, bester Baron?« meinte der Oberststallmeister. »Das sind Kleinigkeiten! Es kann ihnen ja gleichviel sein, was Sie heute Abend geben. – Und dann verlangt seine Majestät durchaus nichts Unmögliches: der schwarze Domino ist vollkommen montirt, war in den letzten Wochen glaube ich fünfmal und macht deßhalb durchaus keine Schwierigkeiten.«

»Excellenz halten mir zu Gnaden, das ist in Wahrheit schwieriger, als es sich ansieht. Allerdings war diese Oper fünfmal in den letzten Wochen; aber gerade das ist mein Kummer: ich wollte sie für den nächsten Sonntag aufheben.«

»Um eine bessere Einnahme zu machen?« fragte lachend der Minister des Hauses.

»Nicht so ganz, Excellenz; vielmehr um der ersten Sängerin ihren Willen zu thun.«

»Wie so?« –

»Wie sie wissen, Excellenz, war die Oper fünfmal an Wochentagen bei mäßig besetztem Hause, also natürlicherweise auch ohne viel Spektakel, ohne großen Applaus, weßhalb Frau Wiesengrün-Spitzkopfin, meine Coloratursängerin, erklärte, sie werde den schwarzen Domino das nächste Mal nur an einem Sonntage singen.«

»Wer hat denn beim Theater eigentlich zu befehlen?«

»Dem Namen nach ich, Excellenz, in Wirklichkeit dagegen sämmtliche Künstler und Künstlerinnen, die Regisseure, der Inspizient, die Maschinisten, die Schneider und dann die Zimmerleute.«

»Ja, ja es ist ein eigenthümliches Verhältniß,« meinte der Oberststallmeister, indem er still vor sich hin lächelte. »Wir kennen das; namentlich die ersten Damen der singenden und der tanzenden Kunst haben mir vor der Zeit graue Haare gemacht.«

[185] »Das ist ja die umgekehrte Welt,« sagte der Minister des Hauses; »da wären Sie ja der Sklave ihrer Untergebenen.«

»Und welcher Sklave!« versetzte wehmüthig der Intendant, der nachdenkend zum Fenster hinaus blickte. »Von welchen Launen bin ich abhängig, von welchen Kleinigkeiten! Ich will nicht sprechen von großen Ereignissen, die überall vorkommen können, von einem Unwohlsein, das ohne alle Verschuldung eintritt, von der Krankheit, welche sich eine Sängerin geholt, weil sie die Laune hatte, am ersten feuchten, kalten Frühlingstage den Kaffee im Freien trinken zu wollen. Ich klage nicht über Störungen, die oftmals beim Theater entstehen, wenn sich ein zartes Verhältniß knüpft oder löst, oder über eine heftige Migräne, die gewöhnlich eintritt, weil eine Kollegin besser gefallen oder mehr applaudirt wurde. Gott der Gerechte! davon will ich nicht sprechen; nein! nein! aber ich werde auf dem Bureau in meinem Hause, zu jeder Tagesstunde geärgert, geplagt, geschunden wegen einer nichtswürdigen Grille, einer Laune, wegen einem neuen Kleide, oder einem Besatz auf ein altes, wegen einer Schleife, wegen eines Wortes, das der Regisseur oder der Kapellmeister einer dieser Prinzessinnen zu viel sagte, wegen eines Zeitungsartikels, und Gott weiß, wegen was Allem sonst noch.«

»Sie sind wirklich ein beklagenswerther Mann,« antwortete lächelnd der Oberststallmeister. »Aber, mein lieber Baron, keine Rose ohne Dornen; – und das müssen Sie schon zugeben«: Rosen wachsen genug in Ihrem Garten.

»Euer Excellenz haben gut reden,« entgegnete der Intendant des Hoftheaters, indem er sich verbeugte; »aber ich versichere Sie nochmals, die Sklaverei, in der ich lebe, ist oft unerträglich. Ich sitze zitternd an meinem Kaffee, – es klingelt. Der Theaterdiener. – Das Stück kann heute Abend nicht sein, Herr H. ist unwohl und kann nicht spielen; das heißt in Wahrheit, er hat sich ein paar neue himmelblaue Tricots von Paris verschrieben und die sind noch nicht angenommen, oder seine Frau hat ihm gesagt, er [186] plage sich in der letzten Zeit übermäßig und solle nun auch einmal einen Anderen für sich arbeiten lassen. – Bei meinem Mittagessen dieselbe Geschichte: mein Ohr hört oft nicht auf das, was meine Frau spricht, nicht auf das Geplauder der Kinder, es erwartet nur den fatalen Ton der Klingel. Das quält mich so fort den ganzen Tag, beunruhigt Nachts meine Träume; ja, da erscheint mir der Theaterdiener mit der Meldung, das ganze Personal sei plötzlich davon gelaufen oder gestorben und ich müsse heute Abend Robert den Teufel ganz allein spielen.«

»Das mag allerdings hart sein, mein bester Baron,« sagte die Excellenz vom Stalle. »Aber glauben Sie mir, auch ich muß Meldungen der unangenehmsten Art anhören.«

»O, Excellenz können Ihr Departement nicht mit dem meinigen vergleichen!« entgegnete eifrig der Intendant. »Sie haben es mit ruhigen, sanften, ja man kann sagen mit vernünftigen Thieren zu zu thun. – Ich aber –«

»Stille! stille!« bat der Minister des Hauses. »Lieber Baron, wenn das ihre Primadonna hörte, wir hätten wahrhaftig in dem nächsten halben Jahr keine Oper. – Aber um wieder auf besagten schwarzen Domino zurückzukommen –«

»Euer Excellenz scheinen sich gern mit dem schwarzen Domino zu befassen?«

»O lieber Freund,« lächelte einigermaßen geschmeichelt der Minister, »ein ältlicher Mann wie ich!« – wobei er aber doch einen verstohlenen Blick in den Spiegel warf und dort bemerkte, daß die neue sanft melirte Perücke eine vortreffliche Wirkung hervorbringe. – »Was ich also bemerken wollte,« fuhr er fort, »so hat der Herr für heute Abend ausdrücklich den schwarzen Domino befohlen. Sie wissen, er war die letzten drei Mal verhindert, die Oper zu besuchen.«

»Ich kann Seiner Majestät diesmal wahrhaftig nicht helfen,« sprach achselzuckend der Intendant. »Gott der Gerechte! ich habe [187] es ja bei Madame Wiesengrün-Spitzkopfin auf's Allerdringlichste versucht, aber schon bei der leisen Andeutung fuhr sie mit der Hand über die Stirne und versicherte mich, es werde ihr jetzt schon ganz dunkel vor den Augen.«

Während dieses Gesprächs war der Hofmarschall ebenfalls leise wieder näher getreten, wurde aber in seiner Aufmerksamkeit durch einen der Oberhoffouriere gestört, der ihm ein Blatt Papier überreichte und ihm ein paar Worte zuflüsterte.

»Das ist ja ganz unmöglich!« rief der Hofmarschall, während Jener sich wieder entfernte. – »Vollkommen unmöglich! – gar nicht zu machen?«

»Was haben Sie, bester Freund?«

»Seine Majestät läßt mir soeben sagen,« antwortete er, »Sie wünschen Ihr Diner im kleinen blauen Saale zu halten. Ich bitte Sie, meine Herren, bei der jetzigen Jahreszeit!«

»O! das wird ganz gut gehen,« bemerkte der Minister des Hauses.

»Im kleinen blauen Saale?« fragte mit einem wahren Schrecken der Hofmarschall. »Ich versichere Sie – ganz unmöglich.«

»Aber wenn der Herr befiehlt,« sagte lachend der Oberststallmeister, indem er sich der Worte des Andern von vorhin bediente.

»Der blaue Saal ist zu klein und zu groß,« versetzte wichtig der Hofmarschall. »Lasse ich einheizen, so haben wir dort gleich eine unerträgliche Hitze; lasse ich nicht einheizen, so klappern die Zähne vor Kälte. Das ist ein Lokal für den Sommer, man muß die Hausordnung nicht so unterbrechen wollen.«

Der Minister das Hauses war unterdessen in das innere Zimmer getreten, kehrte aber bald still lächelnd wieder zurück und sagte dann: »Ich habe um drei Uhr meine Audienz.«

Ihm folgte der Oberststallmeister zum Rapport. Doch blieben Seine Excellenz auch nicht lange im kleinen Kabinet, und als er zurückkam, sagte er zu dem Minister, indem er sanft die Augen zufallen [188] ließ und dabei schmatzte, als genösse er etwas sehr Angenehmes: »Seine Majestät werden nicht ausreiten, Sie haben nach drei Uhr einen ihrer kleinen Wagen befohlen und dabei ausdrücklich gewünscht, die neuen Rappen zu probiren.«

»Ist das möglich?« fragte die andere Excellenz.

»Es wird sich thun lassen,« entgegnete der Oberststallmeister; »natürlicherweise hänge ich auch von meinen Untergebenen ab, namentlich von meinem ersten Stallmeister, denn er muß mir die Versicherung geben, daß die beiden Rappen vollkommen eingefahren sind, und das wird er auch schon thun, wenn er bei guter Laune ist.«

Jetzt kehrte auch der Intendant von dem Rapport zurück und stellte sich wieder achselzuckend zu der Gruppe am Fenster. »Der schwarze Domino!« seufzte er kläglich. »Ich weiß in der That nicht, weßhalb Seine Majestät auf diese an sich langweilige Musik so versessen ist.«

»Sie werden aber doch den allerhöchsten Befehl befolgen müssen?«

»Ich befinde mich da zwischen zwei Feuern; hier befiehlt Seine Majestät, dort will die erste Sängerin nicht.«

»Ich fürchte, wir haben den schwarzen Domino nicht,« sagte der Oberststallmeister, »denn Madame Wiesengrün-Spitzkopfin wird sich nicht erweichen lassen.«

»Ich glaube es auch nicht,« meinte der Intendant des Hoftheaters. »Ich muß auf die Nachsicht Seiner Majestät bauen; um mit Schiller zu sprechen: – der See kann sich, der Landvogt nicht erbarmen.«

»Aber diesmal wird es schwer halten,« versetzte der Hofmarschall. »Seine Majestät sagten mir, Sie freuen sich auf die heutige Vorstellung außerordentlich.«

»Und zu mir sprach der Herr,« entgegnete einigermaßen pikirt der Intendant, »es speise sich im blauen Salon vortrefflich, [189] und er liebe es ebenfalls außerordentlich, da zu diniren.«

»Jeder so gut er kann!« antwortete der Hofmarschall. »Was geschehen kann, geschieht ja gerne. Aber Seine Majestät haben sicherlich nicht an die Beschaffenheit des blauen Saales gedacht.«

»Es thut freilich Jeder, was ihm möglich ist,« meinte wichtig der Oberststallmeister; »es ist ja unsere Pflicht, für das Wohl und die Gesundheit des Herrn zu sorgen. Aber bei solchem Wetter auszureiten, ist gewiß unthunlich.«

Damit entfernten sich die beiden Excellenzen Arm in Arm, nachdem sie den Grafen Fohrbach freundlichst gegrüßt. Der Intendant ging ebenfalls seufzend seiner Wege.

Der Hofmarschall gab, ehe er sich entfernte, einem der Hoffouriere noch einige geheime Befehle, und da wir auf die Diskretion des geneigten Lesers bauen, so wollen wir demselben in's Ohr flüstern, daß der Hofmarschall anordnete, in dem blauen Salon die Vorhänge und Portièren behufs nothwendiger Ausbesserung herunter zu nehmen, auch die Kette des großen Kronleuchters zu untersuchen, die so schadhaft sein müsse, daß es dringend nothwendig sei, sie noch heute durch eine neue zu ersetzen.

Das Vorzimmer blieb einen Augenblick leer und der Adjutant ging nachdenkend auf und ab, hie und da lustig in sich hinein lachend, über Alles, was er während des Rapports vernommen. Es dauerte indessen nicht lange, so fuhr draußen abermals ein Wagen an; es näherten sich Schritte, doch waren sie nicht leise wie die der Minister und Hofbeamten, sondern man vernahm Sporengeklirr und hie und da ein leichtes Aufstoßen eines Kavalleriesäbels: auch hörte man, wie die Wachen ihr Gewehr präsentirten, worauf der Kammerdiener beide Thüren aufriß, um Seine Excellenz den Herrn Kriegsminister einzulassen, der nun in das Zimmer trat im eifrigen Gespräche mit dem Generalstabsarzte der Armee, welcher zugleich als zweiter Leibarzt fungirte.

[190] Der Adjutant nahm seine schönste Haltung an, um den hohen Chef und Vater bestens zu begrüßen.

Der Kriegsminister war ein großer, stattlicher Mann mit stark ergrautem Haar und Bart, ein schöner alter Herr, der in der Generalsuniform vortrefflich aussah und dessen zahlreiche Orden ebensoviele Gefechte und Schlachten zu bedeuten hatten.

Der Generalstabsarzt dagegen war klein, wohlbeleibt, von beweglichem Wesen. Wenn er eifrig sprach, so fuhren seine Augen lebhaft hin und her und sein Arm arbeitete wie ein Telegraph.

Seine Excellenz begrüßte den Sohn freundlich mit der Hand, wobei sie ihm zurief: »Bon jour, mon garçon!« Dann wandte sie sich wieder zu dem Arzte, der sein Gespräch einen Augenblick unterbrochen hatte, und nun zu dem Adjutanten hinlief, mit seiner Rechten dessen Hand freundlich schüttelte und zu gleicher Zeit die Linke auf die breite gewölbte Brust des jungen Offiziers legte. Dann wandte er den Kopf pfiffig lächelnd gegen den Kriegsminister, indem er sagte: »Sehen Euer Excellenz, hier in ihrem Sohne kann ich meine Behauptung ad oculos demonstriren; das ist eine Kavallerie-, überhaupt eine Militärgestalt, das kann was im Sattel aushalten. Bemerken Sie wohl die gut geformte Taille, die aufschwellende Brust und die breiten Schultern?«

Der alte General sah zufrieden lächelnd auf seinen Sohn und schien dem Arzte Recht zu geben.

»Hier kann man die Schultern zusammendrücken, wie man will, da zeigt sich keine Spur von Husten, und wenn man vornen hinklopft, da ist es gerade als höre man ein entferntes Glockengeläute. Und das Untergestell, – solches Zeug braucht man zum Dienst, wenn man es zu Etwas bringen will. – Aber gehen Sie mir nur mit Ihrem Herzog!« schloß er achselzuckend.

»Aber, lieber Freund,« entgegnete ruhig der Kriegsminister, »Sie verkennen offenbar den Standpunkt der Sache. Seine Majestät der König, vielleicht von Bitten bestürmt, haben einmal [191] nachgegeben, haben erlaubt, – nein, haben befohlen, daß der Herzog die Universität und mithin auch die Civilcarrière verlassen soll, um in das Gardedragonerregiment einzutreten.«

»In das Gardedragonerregiment!« rief der Arzt mit einem wahren Aufschrei, indem er beide Hände auf dem hervortretenden Bäuchlein zusammenlegte. »In das Gardedragonerregiment!« wiederholte er und blickte kopfschüttelnd in die Höhe.

»So ist es,« versetzte die Excellenz. »Sie wissen, wie sehr sich Ihre Majestät die Königin dafür interessirt, den Sohn Ihrer Schwester –«

»Statt im schwarzen Frack in der glänzenden Uniform zu sehen,« sagte der Arzt krampfhaft lachend.

»Meinetwegen soll es so sein; aber wie bemerkt, Ihre Majestät baten mich sogar darum, ersuchten mich auf's Freundlichste, mich bei dem König für die Sache zu verwenden.«

»Und Seine Majestät?« – entgegnete der Arzt mit einem pfiffigen Gesichtsausdruck.

»Seine Majestät verlangt natürlich Ihr Gutachten,« erwiderte der Kriegsminister.

»Weil Seine Majestät,« versetzte der Doktor mit erhobenem und wichtigem Tone der Stimme, indem er zu gleicher Zeit mit der rechten Hand zu jedem Wort den Takt in der Luft schlug, »ein Herr von der größten Ueberlegung sind, ein Herr, der selbst genau weiß, was zum Militär nöthig ist, wie man zu einem Gardedragoneroffizier aussehen muß, ein Herr, der mit einem Worte – selbst ein vollkommener Soldat ist.«

»Aber, lieber Doktor, sind Sie nicht kindisch!« sagte fast bittend der alte General. »Mir kann es ja am Ende gleichgiltig sein; aber ich versichere Sie, Ihre Majestät hat sich einmal auf dieses Projekt capricirt; es ist in der That ein Wunsch von ihr, und es würde sie schmerzen, wenn der Herzog nicht unter das Gardedragonerregimet käme.«

[192] »So soll man ihn nehmen! – nehmen! – nehmen! – aber man soll mich nicht fragen. Dann können Sie ihn meinetwegen zum Dragoner, zum Artilleristen, ja zum Kürassier machen; – oder,« sprach der Arzt plötzlich in einem andern Tone, während er die Hände auf den Rücken legte, »sagen doch Euer Excellenz: der Generalstabsarzt hat diesmal total Unrecht; garantiren Sie für seine Gesundheit, Sie, ein langgedienter Kavalleriegeneral, – und ich will Ihnen in keinem Titelchen widersprechen.«

Bei diesen Worten hustete der Kammerdiener an der Thüre bedeutungsvoll, öffnete dann die Flügelthüre, und die beiden Herren, welche wußten, was es zu bedeuten habe, beeilten sich, in das Kabinet zu treten.

Sie blieben nicht sehr lange darin, und als sie wieder heraustraten, sagte der Kriegsminister, indem er den Arzt scheinbar ärgerlich am Arme schüttelte: »Sie sind ein alter hartherziger Kerl; nächstens halte ich eine große Kavallerieparade und lasse Sie in der Suite mitreiten, bis sie schwarz werden.«

»O Excellenz,« entgegnete pfiffig lachend der Doktor, »warum desavouirten Sie mich nicht soeben? Der Herr schien das fast zu erwarten, aber Sie sind ein – Ihnen ist der Herzog auch lieber auf der Universität als unter dem Gardedragonerregiment. Sprechen Sie über mich bei Ihrer Majestät was Sie wollen und mögen: ich halte still, – denn Recht habe ich. – Sie, Graf Fohrbach,« wandte er sich an den Adjutanten, »müssen mir beistimmen, Sie kennen den Herzog. – Ist das ein Kavallerist? – Nie! nie! ebensowenig als ich selber, und wenn mir Einer das Gegentheil beweist, so will ich alles Praktiziren bleiben lassen und Bärte scheeren.«

»Was vielleicht ein großer Vortheil wäre für die leidende Menschheit,« sagte lachend der Kriegsminister, während er seinem Sohne vertraulich die Hand schüttelte und dann mit dem Arzte das Zimmer verließ.

[193] Damit war der Rapport beendigt, und der geneigte Leser, den wir nun einmal in die Geheimnisse eingeführt, kann auch von uns verlangen, daß wir ihm ferner mittheilen, wie der heutige Tag bei Hofe zu Ende ging. Wir thun dieß um so lieber, als wir ihm dadurch der Tendenz unserer wahrhaftigen Geschichten gemäß beweisen, daß kein Mensch auf dieser Welt der Sklaverei entgeht und im Stande ist, beständig seinen Willen durchzusetzen, nicht die Bettler, nicht die Höchsten dieser Erde.

Seine Majestät der König ritten nicht spazieren wie Sie gewünscht. Dieselben fuhren auch nicht mit zwei Rappen, wie Sie befohlen, und das aus einem ganz eigenthümlichen Grunde. Der dienstthuende Stallmeister nämlich hatte sich herausgenommen, die Pferde vor dem kleinen bekannten Wagen zu verschiedenartigen telegrafischen Depeschen zu benützen, vermittelst deren er mit einer Dame zu korrespondiren pflegte. Fuhr Seine Majestät mit Braunen, so hieß das Ja, hatten dagegen Höchstdieselben Rappen vor dem Wagen, so bedeutete das Nein. Weil nun aber am heutigen Tage dieser dienstthuende Stallmeister aus den angegebenen Gründen für nothwendig hielt, zwei Braunen einspannen zu lassen, so waren die Rappen noch nicht vollkommen sicher und vertraut, weßhalb Seine Majestät auf den gewiß sehr billigen Wunsch, mit ihnen zu fahren, verzichten mußte.

Ferner war auch das Diner nicht in dem kleinen blauen Saale, sondern in dem großen rothen. Dasselbe ging auch ziemlich einsilbig und unerfreulich vorüber, denn Ihre Majestät die Königin hatte rothgeweinte Augen, und ließ sich deßhalb entschuldigen. Sie speiste auf dem Zimmer mit ihrer Schwester, der Frau Herzogin, das heißt, sie speisten vielmehr nicht, sondern ergingen sich in verschiedenen Klagen über verfehlte Wünsche im Einzelnen und über den Druck dieses Lebens im Allgemeinen.

Dafür endete aber auch dieser Tag wie er angefangen, und als seine Majestät in's Theater trat, wurde gemeldet, daß Madame [194] Wiesengrün-Spitzkopfin erkrankt sei und daß dafür Fräulein Topf die – –Norma singen werde, was an sich auch eine sehr schöne Gegend ist.

39. Kapitel
Neununddreißigstes Kapitel.
Unter dem Dache.

In dem Hause des Buchhändlers Blaffer, Firma Johann Christian Blaffer und Kompagnie, befanden sich unter dem Dache einige Kammern, von denen ein paar, um den Kunstausdruck zu gebrauchen, gegipst waren, die Wände anderer dagegen die ganz gewöhnliche Holzvertäfelung zeigten, mit welcher auch das Dach unterhalb beschlagen war.

Eine dieser gegipsten Kammern war die Wohnung des Herrn Beil, welche durch einige höchst merkwürdige Lithographien, durch ein paar alte zerrissene Vorhänge, sowie durch ein Stück Teppich vor dem Bette so comfortable als möglich gemacht war. Da zufälliger Weise durch diese Kammer das große Kamin des Hauses lief, so befand sich hier ein kleiner Ofen, was eigentlich polizeiwidrig war. Doch wußte Herr Beil die Behörde hinter's Licht zu führen, denn so oft eine Bauschau oder ein Schornsteinfeger in's Haus kam, so brach er die Röhre dieses unbedeutenden Ofens ab und stellte diesen selbst in eine Ecke wie ein altes Rumpelwerk.

An Möbeln war in diesem Zimmer nicht viel vorhanden: ein altes Bett, ein paar Stühle, und in einer Ecke eine Kiste, welche der erfinderische Eigenthümer dadurch, daß er einen kleinen Strohsack darauf gelegt und darüber ein Stück carrirten Zeug gebreitet, solchergestalt zu einem Sopha eingerichtet hatte.

[195] Auf diesem Sopha nun saßen Herr Beil und August, der Lehrling, stillschweigend neben einander. Es mochte vielleicht sieben Uhr Abends sein; auf einem kleinen wackeligen Tische, den wir seiner Unbedeutendheit wegen beinahe anzuführen vergessen hätten, stand ein sogenanntes Sparlicht in einem abgenutzten blechernen Leuchter, und die trübe, rothe Flamme desselben verbreitete eine zweifelhafte Helle in der Kammer. Hiezu kamen noch verschiedene Luftströmungen, die sich von mehreren Seiten bemerkbar machten und das Licht hin und her wehten, auch der Beleuchtung noch mehr Eintrag thaten, indem nun lange dunkle Schatten bald hierhin bald dorthin flogen.

Herr Beil hatte seinen Kopf gegen die Wand gelegt, die Nase erhoben und schaute an das Dach empor, während er die Füße weit von sich abgestreckt hatte, und die gefalteten Hände auf seinen Knieen ruhen ließ.

Der Lehrling dagegen saß vornüber gebeugt, hatte seine Ellbogen auf die Beine aufgestützt, betrachtete aufmerksam den Fußboden und stieß hie und da einen tiefen Seufzer aus.

Herr Beil rauchte eine Papiercigarre, in deren Bereitung er sehr kunstfertig war. – »Aecht spanisch,« pflegte er zu sagen, »ich glaube wahrhaftig, ich habe etwas von dem Blute irgend eines Don Jose di Mendoza ben Calatravera Bajazzo in mir.«

Heute Abend aber war er nicht zu Spässen aufgelegt, denn wenn der Lehrling häufig laut seufzte, so that der Commis nicht selten dergleichen leise.

In dem Zimmer befand sich in dem Augenblick noch eine dritte Person; das war eine alte Magd, die eben im Begriffe war, die wenigen Reste eines sehr spärlichen Abendessens abzuräumen. Bald war sie damit fertig, wünschte gute Nacht und verließ dann die Kammer, worauf es hier ganz still wurde. Man hörte nichts als zuweilen das Picken der silbernen Taschenuhr des Lehrlings, die auf dem Tische lag, und dann wieder das Sausen eines Windstoßes, [196] der gegen die Dachziegel strich und ihnen durch diese unsanfte Bewegung einen eigenthümlichen Ton des Mißbehagens entlockte.

»So ist denn Alles aus!« ergriff nach einer längeren Pause der Lehrling das Wort, während er kummervoll sein Gesicht in die Höhe wandte, »Alles! – Alles!«

»Für Sie nicht, junger Anfänger!« entgegnete Herr Beil. »Was thut's auch, wenn ich morgen dies Haus verlasse; Sie werden schon einen anderen Commis an die Seite bekommen, der Sie sogar wahrscheinlich viel weniger schuhriegeln wird als ich, der viel behaglicher und freundlicher ist.«

»Möglich, möglich!«

»Sehen Sie, undankbares Krokodil, Sie finden das selbst schon möglich. O, ich werde bald gänzlich vergessen sein.«

Diese letzten Worte sprach Herr Beil mit solch schneidendem Tone des tiefsten Weh's, daß der junge Mensch an seiner Seite sanft die Hand auf seinen Arm legte und hastig entgegnete:

»Ich habe gesagt, es sei möglich, daß nach Ihnen Jemand zu uns käme, der weniger – wie soll ich sagen? – ja, der zuweilen vielleicht weniger rauh mit mir wäre, der mich aber gewiß nicht so lieb hat wie Sie.«

»Hm! diese Möglichkeit will ich zugeben; aber sprechen wir nicht weiter davon. Wenn ich am heutigen Tage ein Wort von Liebe höre, so möchte ich vor Vergnügen aus der Haut fahren.«

»Was haben Sie denn eigentlich mit Herrn Blaffer gehabt?« fragte August nach einer Pause.

»Das kann ich Ihnen so genau nicht sagen,« entgegnete der Commis, wobei er tüchtige Rauchwolken aus seiner Cigarre blies. – »Und doch sollte ich es Ihnen eigentlich sagen; ich will sehen, ob ich eine Handhabe finde, mit der ich die Sache ergreifen kann. – Aber ist es hier nicht unerträglich heiß?« sagte er nach einem [197] augenblicklichen Stillschweigen, während er seinen Rock aufknöpfte; »man merkt wahrhaftig, daß der Winter in den letzten Tagen keine rechte Kraft hatte, so ein bischen elendes Holz erwärmt das kleine Zimmer übermäßig.«

»Ja, ich finde es angenehm warm hier; doch wenn es Ihnen zu heiß ist, können wir die Thüre öffnen.«

»Gut, öffnen Sie die Thüre,« erwiderte der Commis, »oder noch besser, verlassen wir einen Augenblick diese Kammer und gehen wir in die andere da gegenüber! Es ist das eine gute Abkühlung für mich.«

»In die meinige?« fragte der Lehrling.

»Nein, in die andere da neben an.«

»Also in die, wo Marie gewohnt hat?«

»In dieselbe, theuerster Bruder,« sagte Herr Beil. Darauf erhob er sich langsam von seinem Sitze und trat an den Tisch, um den langen Docht des Lichtes mit einer alten Scheere zu putzen. Nachdem er dieß gethan und die Flamme wieder hell brannte und sein Gesicht, das über dieselbe hingebeugt war, vollkommen beleuchtete, konnte man deutlich sehen, wie blaß er war, wie abgespannt seine Züge erschienen. Sein Haar, sonst gut gepflegt und geordnet, hing wild und wüst an seinem Kopfe herunter; nur seine Augen glänzten, doch war der Glanz mehr ein unheimliches, fieberhaftes Brennen.

»Gehen wir also,« sagte er.

Und damit verließen die Beiden die Kammer, um in eine gegenüber liegende einzutreten.

Diese hatte ebenfalls weiße Wände, war aber noch unbehaglicher als die andere, indem das ganze Ameublement hier aus einer alten Bettstelle bestand, in welcher ein Strohsack lag, der in der Mitte auseinander klaffte und seine Eingeweide sehen ließ. Ferner war hier eine große Bücherkiste, die zu Häupten des Bettes stand, und auf welche sich Herr Beil niederließ.

[198] Der Lehrling trat an das Fußende und blickte betrübt zu seinem Freunde hinüber.

»Da ist ein gewisser Goethe,« sagte der Commis nach einem längeren Stillschweigen, »der läßt einen sicheren Faust bei einer ähnlichen Veranlassung sehr schöne Worte sagen«; ungefähr so:


Mich faßt ein wahrer Wonnegraus;
Hier möcht ich volle Stunden träumen!

»Und ich möchte gerade so sprechen, nur daß mich statt der Wonne ein tiefer, tiefer Schmerz ergreift, ein Schmerz, den zu ertragen ich nicht im Stande bin, der mein Herz brechen wird. – O Gott! wie kann ein vernünftiger Mensch ein solches Vieh sein! So sein Alles, sein ganzes Denken und Fühlen, sein Leben und seine Zukunft an ein Mädchen zu hängen! – Es ist wahr, aber unbegreiflich.«

»O nein,« entgegnete August schüchtern, »ich begreife es.«

»Was begreifen Sie, junger angehender Weltbürger, was begreifen Sie von allem Dem, was im Stande ist, mich rasend zu machen?«

»Ich begreife, daß Sie meine Schwester Marie lieben,« erwiderte der junge Mensch.

»Das wäre an sich gerade kein Unglück,« sagte der Andere, indem er seinen Kopf auf das hölzerne Gestell stützte und in das leere Bett schaute. – »Lieben ist eine schöne Sache, aber hoffnungslos lieben ist die Hölle. – Hoffnungslos, weil ich ein armer Teufel bin, weil es dem reichen Manne gefällt, die schöne Frucht zu pflücken, da er gerade Appetit darnach verspürt. – Es ist das wieder eine schöne Sklavengeschichte: der Herr befiehlt, dieses schöne und reizende Mädchen solle ihre Mitsklaven verlassen und aus der elenden Dachkammer hinabsteigen in die schönsten Gemächer des Hauses, damit sie – glücklich werde. Ein anderer Mitsklave, dem das harte Leben, das er Jahre lang geführt, nur dadurch erträglich wurde, daß sie hie und da über seinen Weg schritt, daß sie ihn zuweilen freundlich [199] ansah, daß es ihm dann und wann erlaubt war, ihre Hand zu streifen oder mit schauerndem Vergnügen ihren Arm, ihre Schulter zu berühren, wagt es, darüber Vorstellungen zu machen, und da man ihn nicht durchpeitschen kann, so öffnet man ihm die Thüre und stößt ihn wie einen Hund hinaus. – Mich – mich, mich stößt man hinaus in das kalte nasse Wetter, in den Winter der Jahreszeit und meines freudenlosen Lebens, während er mit ihr im warmen behaglichen Zimmer bleibt, und lächelnd von ihrem Lager hinweg an die dunstigen Fensterscheiben zu treten, die er mit einem Tuche abwischt, das vielleicht von ihren Thränen feucht ist, und hinaus sieht auf die finstere Straße, wo ein bleiches Gespenst vorüber schreitet, das im Grabe keine Ruhe finden kann, weil es die Sehnsucht empor zieht und an jenes Haus zwingt, daß es dort hinstehen muß und hinauf schauen an das matt erleuchtete Zimmer. O, ich begreife jetzt, wie ein Mensch nach und nach wahnsinnig werden kann und dabei deutlich fühlt, wie die Narrheit über ihn herfällt.«

Der junge Mensch hatte seine Hände gefaltet und schaute auf den Anderen mit ängstlichen Blicken. »Aber lieber Herr Beil,« sagte er, »was führen Sie für gräßliche und verworrene Reden? – Reden, die mich auf's Tiefste ängstigen, wenn ich sie auch nicht ganz verstehe.«

Der Commis schien ruhiger geworden zu sein und hatte sich wieder auf die Kiste gesetzt, die er vorhin verlassen. »Ja, ja,« sprach er, tief Athem schöpfend, »das sind Narrheiten, aber es ist doch ein Körnchen Verstand darin. Und dies Körnchen Verstand will ich Ihnen zu Ihrem eigenen Nutzen und Frommen mittheilen, soweit es ihnen dienlich ist und soweit Sie es begreifen können. – Hören Sie mich an!«

»Sie kennen sattsam unseren großen Sklavenhändler Blaffer; er hatte der Sklaven nicht viele, aber einige; er hat sie auch nicht gekauft, denn das ist bei uns unmöglich, aber sie waren an ihn [200] gekettet durch drückende Verhältnisse – Verhältnisse, die ihnen nicht erlaubten zu thun wie unsere glücklichen Brüder in Amerika, nämlich davon zu laufen. Wissen Sie, mein lieber junger Sklave, darin haben wir es nämlich sehr schlimm; wenn es die drüben nicht mehr aushalten können und davon laufen, so finden sie überall Unterstützung und Hilfe und man nimmt sich ihrer an, man sorgt für sie, man hilft ihnen zu ihrem Fortkommen, man unterstützt sie mit Rath und That, und verschafft ihnen, wenn es irgendwie möglich ist, eine angenehme sorgenfreie Existenz. Wir aber, wenn wir einmal nicht mehr im Stande sind, die schlechte Behandlung, die wir erfahren müssen, die wirklichen und moralischen Fußtritte zu ertragen, die uns ein tyrannischer Dienstherr versetzt, wir können nicht davonlaufen, denn wir werden nicht weit kommen; wir sind alsdann faule und nichtsnutzige Diener, widerspenstige Buben oder, ich spreche auch für das andere Geschlecht – liederliche Mädchen, für die sich anzunehmen eine Schande wäre, die nirgendwo Hilfe und Unterstützung finden, und die, wenn sie eine mitleidige Polizei in's Loch steckt, zurückkommen müssen und die Ruthe küssen und sie bitten, daß man sie wieder gnädig aufnimmt.

So stehen unter Anderem die Sklaven des Herrn Johann Christian Blaffer und Compagnie, namentlich seine beiden Leibsklaven, das sind Sie und Ihre Schwester Marie. – Neulich kam ich zufälligerweise dazu, wie Sie, junger Mensch, in einer der vielen Nachahmungen von Onkel Tom's Hütte lasen, und ich erwischte Sie gerade an einer pikanten Stelle, so daß ich mich nicht enthalten konnte, Ihnen einen kleinen Katzenkopf zu appliziren. Ich bin fest überzeugt, daß Sie, sobald ich Ihnen den Rücken gekehrt hatte, jene Stelle mehrmals lasen und sie Ihrem sonst sehr schlechten Gedächtnisse vollkommen einprägten. – Ist es wahr oder ist es nicht wahr? Seien Sie ehrlich.«

»Ich weiß nicht, welche Stelle Sie meinen,« stotterte der Lehrling doch merkte man ihm deutlich an, daß er eine Lüge sprach.

[201] »Denken Sie an den Katzenkopf,« sagte ernst Herr Beil, »und erinnern Sie sich jener Stelle: es war, wo der Pflanzer das Mädchen nöthigen wollte, sein – Zimmer zu theilen, wo er sie mit Hunger und Schlägen traktirte, um sie willfährig zu machen.«

»Ach ja, ich erinnere mich! – und dann entsprang sie.«

»Richtig, sie entsprang und kam glücklich zu zwei reichen und vornehmen Damen, die außerordentlich erfreut waren, eine entsprungene Sklavin unterstützen zu dürfen.«

»Sie nahmen sie mit sich.«

»Und lobten sie, daß sie standhaft Hunger und Schläge ausgehalten und doch unschuldig geblieben sei.«

»Und davon gelaufen, um ihre Ehre zu retten.«

»Sie nahmen sie dann mit sich in ihren Wagen, gaben ihr schöne Kleider, machten sie zu einer Art Kammerjungfer, sie befand sich darauf froh und munter wie Gott in Frankreich –«

»Ja, es ging ihr sehr gut.«

»Und wenn sie nicht gestorben ist, so lebt sie noch, wie es in den alten Mährchen heißt.« – Damit fuhr sich Herr Beil durch sein struppiges Haar und der Lehrling setzte lächelnd hinzu:

»Das war eine recht schöne und angenehme Geschichte, und ich habe den gewissen Katzenkopf gern dafür in Empfang genommen.«

»Und doch nichts dabei gelernt,« sagte fast wehmüthig Herr Beil. – »Denken Sie einmal ein wenig nach, finden Sie denn zwischen jener Sklavengeschichte und Manchem, was hier im Hause geschehen ist, nicht eine gewisse Aehnlichkeit?«

»Nicht sogleich,« entgegnete August.

»Na, besinnen Sie sich einmal, ist Ihnen nie was von Hunger und Schlägen passirt?«

»O ja doch, dessen erinnere ich mich wohl.«

»Und Ihre Schwester? –«

[202] »Auch sie hat mir manchmal geklagt, er habe sie gestoßen und dergleichen.«

»Und dann sie wieder gehätschelt und ihr gute Worte gegeben –?«

»Ja, und jetzt fällt mir noch eine Aehnlichkeit ein.«

»Nun, Gott sei Dank! daß Ihnen endlich ein Licht aufgeht.«

»Meine Schwester ist auch einmal heimlicher Weise fortgegangen.«

»Sehen Sie wohl,« sagte Herr Beil, indem er die Zähne auf einander biß. – »Und da fanden sich auch zwei vornehme und reiche Damen, die ihr halfen?«

»Nein,« erwiderte traurig der junge Mensch, »sie ging zu ihrer Pathin, einer wohlhabenden und sehr frommen Frau. Die hat sie aber schön empfangen. Wie kannst du dich unterstehen, sprach sie, von einem so braven Herrn wegzulaufen, wie der Herr Blaffer ist! Glaubst du, ich werde dich in deinem Ungehorsam unterstützen? Nicht eine Stunde darfst du hier in meinem Hause bleiben, darfst mich überhaupt nie mehr besuchen, bis du mir schriftlich von deinem Herrn bringst, daß er dir deine Unart verziehen und wieder vollkommen mit dir zufrieden ist.«

»Das Zeugniß wird er ihr jetzt geben können,« sagte düster und wie zu sich selbst sprechend Herr Beil. Dann wandte er sich wieder an den Lehrling. – »Und Marie hat der Alten nicht gesagt, weßhalb sie das Haus verlassen?«

»O ja, das that sie; aber da hob die Pathin die Hände zum Himmel auf, verdrehte andächtig ihre Augen und erwiderte: Gott sei uns Sünder gnädig! der Mensch ist schwach und wenn dein Herr je so etwas gesagt hat, so hast du ihn gewiß durch ein leichtfertiges Betragen hiezu aufgemuntert.«

»Amen!« sprach laut lachend der Commis.

»Darauf schickte die Pathin meine Schwester aus dem Hause, und Marie kam wieder hieher zurück.«

[203] »O ich weiß, ich weiß das!« rief gewaltsam ausbrechend der Andere. »Sie blieb einen Tag auf ihrem Zimmer; hier in dieser Kammer, auf diesem Bette saß sie, ein Bild des Jammers; und ich schlich mich zu ihr herauf, nahm ihre Hand und versuchte sie zu trösten.«

»Ich weiß, ich weiß.«

»Da kam jener schreckliche Auftritt! Der Sklavenhändler kam hier herauf, und da er mich sah, übermannte ihn eine eifersüchtige Wuth und er schlug mir mit dem Stocke, den er in der Hand trug, über den Kopf; die Narbe wird nie vergehen. Aber nur Marie ist schuld, daß ich ihn damals nicht umgebracht. Ja, ich hätte ihn doch niedergeworfen, obgleich er fester auf seinen Füßen steht als ich. – Darauf mußte sie hinunterziehen in den ersten Stock, und dort blieb sie ein paar Tage eingeschlossen; wir haben sie Beide nicht mehr gesehen. Es wurde eine Magd angeschafft, wir beide speisten Mittags und Abends allein, und ich – bekam meinen Abschied. – Hurrah: das vergnügte Leben fängt an!«

»Aber nach allem dem, was Sie hier erduldet, muß es Ihnen doch im Ganzen angenehm sein, wenn Sie dieses Haus verlassen können,« meinte der Lehrling.

»Lieber Freund, Sie sprechen wie Sie es verstehen. Glauben Sie denn, daß ich es ohne die gewichtigsten Gründe überhaupt länger als ein paar Tage bei dem Herrn Blaffer ausgehalten hätte? Ach! durch gewisse Sachen, deren Mittheilung Ihnen nichts nützen würde, hatte er mich von Anfang an in der Hand; dann erschien auch Ihre Schwester, und das war ein starkes Band, welches mich an dieses Haus kettete; ja, das würde mich an die Hölle festschließen, wenn ich am Ende aller Qualen nur den kleinsten Hoffnungsstrahl glänzen sähe. – Aber so ist Alles Nacht, – tiefe, dunkle Nacht.«

»Aber wenn Sie meine Schwester wirklich so gerne haben, wie Sie sagen, so müßte es Sie doch eigentlich freuen, daß sie nicht [204] mehr die Magd hier im Hause zu machen braucht und daß sie nicht mehr nöthig hat, hier oben in der kalten Kammer zu schlafen. Ich versichere Sie, es geht ihr jetzt recht gut, sie bewohnt drunten ein angenehmes Zimmer und näht und stickt den ganzen Tag.«

Der Commis schaute bei diesen Worten den jungen Menschen achselzuckend an, dann murmelte er zwischen den Zähnen: »Da helfen keine Katzenköpfe, um den zur Erkenntniß zu bringen. – Also sie näht und stickt?« fuhr er lauter fort; »und was treibt sie nebenbei? lacht sie oder weint sie?«

»Singen habe ich sie freilich lange nicht gehört, auch schaut sie ziemlich betrübt aus; aber Sie wissen, daß sie schon seit langer Zeit nicht recht heiter war.«

»Ja, ich weiß das,« entgegnete Herr Beil, »und ich kann mir auch die Ursachen davon erklären. Aber jetzt will ich Ihnen etwas sagen: gehen Sie in mein Zimmer zurück, ich folge Ihnen sogleich: Sie können auch das Licht mitnehmen, ich brauche es nicht, denn ich will nur ein wenig da zum Fenster hinaus sehen; es ist hier die Wetterseite, und ich möchte wissen, ob es schneien oder frieren wird. Gehen Sie nur, ich komme gleich.«

August nahm das dünne Talglicht und verließ das Gemach, worauf er nach der gegenüberliegenden Kammer ging.

40. Kapitel
Vierzigstes Kapitel.
Ein Abschied.

Der Commis ließ sich auf das Bett nieder, stützte Hände und Kopf auf das hölzerne Gestell und versank in tiefes, finsteres Hinbrüten. Es waren schreckliche, wilde Gedanken, die in seinem Kopfe [205] erschienen, und die gleich drohenden Gespenstern all' sein besseres Denken und Fühlen fast erstickten. – Wie hatte er dieses Mädchen geliebt, wie hatte er sich im Dienste seines Herrn geplagt, indem ihm lange die Hoffnung blieb, es würde möglich sein, daß ihm doch noch einmal das Glück lächle und daß er im Stande sei, ihren Besitz zu erringen. Bei solchen Gedanken hatte er vor Wonne geschaudert. Wenn er sich recht heitere Stunden machen wollte, so träumte er glänzende Träume, wie er endlich vor sie hintreten würde und ihr Alles anbieten, was er habe – eine kleine aber sorgenfreie Existenz. Freilich würde sie ihm vielleicht sagen: sehen Sie, Herr Beil, ich fühle gerade keine übermenschliche Liebe zu Ihnen, aber das wird sich vielleicht später finden; vorderhand achte ich Sie, schätze ich Sie hoch und nehme Ihren höchst achtbaren Antrag an. – Das wäre Alles ganz im Geheimen abgemacht, und der Herr Blaffer damit fürchterlich überrascht worden, – fürchterlich, indem man ihm eine so sicher geglaubte Beute entriß. – Aber das hatte das Schicksal nicht gewollt, es sandte keine Lichtblicke hernieder in sein Leben, es streute nicht irgend eine kleine Gabe auf seinen Pfad, es schien nicht zwei Wesen vor dem Verderben retten zu wollen, – es rauschte finster, gewaltig und unaufhaltsam über sie dahin, und schmetterte sie zu Boden, sie, die vielleicht unter anderen Verhältnissen ein bescheidenes, glückliches Loos hätte finden können.

Er mochte ziemlich lange so gesessen haben auf dem Rande des Bettes, und allmälig lösten sich die wilden Schmerzen seiner Brust in tiefe Wehmuth auf, er fühlte erquickende Thränen in seinen Augen aufsteigen und dann über die Finger, die er davor gepreßt hielt, herabrieseln. Er dachte eigentlich gar nichts mehr, der stechende, wilde Schmerz seiner Seele war verschwunden, und nur ein allgemeineres, aber sanfteres Weh erfüllte ihn vollständig.

Endlich stand er auf, doch wie er sich dabei mit der Hand auf das Lager stützte, raschelte das Stroh unter seinen Fingern, [206] er zog ein paar zerknitterte Halme her, zerdrückte sie in der Hand und schob sie in die Tasche. Dann kehrte er in sein Zimmer zurück, wo August an dem Tische saß, den Kopf auf die Hände gelegt und finster in das flackernde Licht starrend.

»Ich will Ihnen Etwas sagen,« sprach der Commis nach einer Pause, während welcher er ein paar Mal durch das Zimmer geschritten war, »ich hatte mir anfänglich vorgenommen, dieses Haus morgen zu verlassen; aber ich kann es unmöglich noch eine Nacht mit ihm und ihr unter demselben Dache aushalten und bin deßhalb entschlossen, noch heute Abend fortzugehen.«

»Aber es ist ja finstere Nacht,« versetzte erschrocken der Lehrling. »Und wo wollen Sie denn eigentlich hin?«

»O, ich finde wohl noch einen stillen Ort, der mich freundlich aufnimmt,« entgegnete wehmüthig lächelnd der Andere. »Sorgen Sie nicht für mich, machen Sie überhaupt keine so trübe Miene; wenn es einmal geschieden sein muß – und dieser große Moment ist unwiderruflich da – so wollen wir das in guter Laune und mit bestem Humor thun.«

»Sie sehen aber gar nicht aus wie Jemand, der zum Scherzen aufgelegt ist,« sagte August, indem er bedenklich in das verstörte Gesicht seines Freundes sah, in dessen Augen und auf den eingefallenen Wangen noch die deutlichen Spuren der eben vergossenen Thronen zu bemerken waren.

»Da irren Sie sich sehr,« erwiderte Herr Beil, der gewaltsam Athem holte; »ich sehe nur von außen ein wenig griesgrämig aus, bin aber dafür innerlich um so vergnügter; es geht mir in dem Punkte wie den Maikäfern.«

»Wenn es wirklich wahr wäre, so sollte es mich freuen, denn Sie haben mir mit Ihren Worten vorhin und mit Ihren Seufzern förmlich Angst gemacht.«

»Das ist möglich; aber in der That, Sie können mir glauben, [207] die schwarze Stunde ist vorüber; was jetzt noch hinten drein folgt, ist Alles Kinderspiel.«

»Und ist es Ihr fester Entschluß, heute Abend noch dies Haus zu verlassen?«

»Dazu bin ich entschlossen ohne Widerrede; und da ich ziemlich leicht reisen möchte, so will ich mich auch nicht mit viel Gepäck behängen. Sie sollen mein Haupterbe sein, und wenn Sie etwas von meinen Habseligkeiten benutzen können, so thun Sie es ja. Daß mein Inventarium leider nicht groß ist, dafür hat schon der Herr Blaffer seiner Zeit gesorgt; wahrhaftig, das allein könnte mich traurig machen, wenn ich nämlich bedenke, daß die Früchte meiner langjährigen Arbeit in ein paar alten Anzügen und etwas defekter Leibwäsche bestehen. Nun, es ist einmal meine Bestimmung gewesen und ich will mich nicht dagegen auflehnen. – Kürzlich hatte ich auch noch eine Uhr, aber ich versetzte sie vor einiger Zeit bei einer gewissen Gelegenheit, die ich Ihnen nicht nennen kann, will Ihnen aber den Schein des Leihhauses da lassen, und wenn Sie sie je einlösen sollten, so zeigen Sie solche Ihrer Schwester Marie – die Uhr ist damals stehen ge blieben – und sagen ihr dazu, das sei die gewisse Stunde. – Hier ist ferner noch ein kleiner Ring, den bitte ich Marien so bald als möglich einzuhändigen; bemerken Sie ihr hiebei, es habe unser Leben viel Unglück betroffen, aber es werde wahrscheinlich eine Zeit kommen, wo wir Beide in eine gewisse Klarheit kämen, und in einen Zustand, den man ein schöneres Wiedersehen nennt. Wenn das, wie ich nicht anders glaube, körperlich vor sich geht, so werde ich sogleich nach ihrer Hand schielen und nach jenem Ringe, und es sollte mich innig, innig freuen, wenn ich ihn an einem ihrer Finger bemerken, das heißt, wenn ich ahnen würde, daß sie ihn mir zum Andenken so lange getragen.«

August schüttelte den Kopf und sah seinen Freund verwundert an. – »Sie sprechen da Worte,« sagte er, »die ich nicht völlig [208] verstehe, und thun Dinge, die ich nicht begreife. – Warum wollen Sie alle Ihre Sachen hier lassen, da Sie doch nicht mehr in dies Haus zurückkehren werden, und da Sie keine anderen haben, wie ich wohl weiß?«

»Das Letzte ist vollkommen richtig,« entgegnete lächelnd Herr Beil; »aber unter uns gesagt, ich bin eben im Begriff, in eine neue Carrière zu treten, und einen ganz anderen Menschen anzuziehen. Und daran würden mich diese Fetzen hindern; sprechen wir also nicht weiter darüber, thun Sie, was ich Ihnen gesagt und lassen Sie mich ohne Sang und Klang meiner Wege ziehen.«

»O, es kann Ihr Ernst nicht sein, heute Nacht dies Haus zu verlassen! Es ist schon spät, Sie werden kaum noch sonst irgendwie eine Thüre offen finden.«

»O ja, ich finde schon noch ein Haus offen,« versetzte der Andere mit einem leichten Schauder, »und wenn ich da einmal eingetreten bin, so wird meine Ankunft einiges Geräusch verursachen. Es werden sich um mich Leute bemühen, die mich bis jetzt gar nicht gekannt, man wird mich aufs Feinste bedienen und ich werde mehrere Kammerdiener haben, die für meinen Anzug und meine Frisur sorgen; darauf wird man sich auch bemühen, mir ein eigenes Haus zu bauen, und wenn ich dort eingezogen sein werde, so könnte es mir am Ende auch wie einem hohen Herrn ergehen, der von seiner Grafschaft Besitz nimmt, bei dessen Ankunft die Glocken zusammen läuten und das Volk herbeiströmt.«

»Ach! Sie machen wieder Ihre Spässe,« entgegnete der Lehrling. »Wenn Sie ein solches Haus haben könnten, so würden Sie schon lange dahin gegangen sein und hätten nicht Jahre lang dieses Leben geführt.«

»Da haben Sie wieder einmal Recht,« sagte tief bewegt Herr Beil, während er seine Hand auf die Schulter des jungen Menschen legte. »Kinder und Narren sprechen die Wahrheit. Ich hätte [209] allerdings meinem Herzen Manches erspart, wenn ich früher heimgegangen wäre, vielleicht ganz früh, als ich noch ein kleines Kind war und nichts von Sklavengeschichten wußte. Damals hätte es meine Eltern gefreut, wenn ich ihnen gefolgt wäre.«

»Aber Sie werden mir doch Nachrichten von sich geben,« meinte August. »Thun Sie das doch ja, und wenn Sie nicht gar zu weit weg wohnen, so werde ich Sie, sobald ich kann besuchen.«

»Ihnen Nachrichten zu geben wird etwas schwer sein; von dort hieher sind die Posteinrichtungen noch ziemlich mangelhaft; aber was einen Besuch betrifft, so können Sie darüber ganz ruhig sein, ich bin überzeugt, daß es über kurz oder lang dazu kommen wird und wir alsdann ein freudiges Wiedersehen feiern.«

August schüttelte den Kopf und meinte nach einer Pause: »Sie sprechen immer in so unbestimmten Ausdrücken, und ich begreife nicht, weßhalb Sie vor mir all' die Heimlichkeiten haben. Sie könnten mir wenigstens eine Adresse da lassen, damit ich im Stande wäre, Ihnen nächstens einmal Nachrichten von uns zu geben; es wird Sie doch gewiß interessiren, zu erfahren, wie es mir und Marie eigentlich geht.«

»Seien Sie unbesorgt,« erwiderte der Commis, »ich werde das seiner Zeit gewiß schon erfahren. – Wissen Sie,« setzte er eigenthümlich lächelnd hinzu, »wenn auch das Haus, in das man mich dringend eingeladen hat, ziemlich abgelegen ist, so bin ich doch überzeugt, daß es in mannigfaltigem Rapport mit der äußeren Welt steht, namentlich Sommers, wo die Nachtigallen schlagen, wo die Rosen blühen und verschiedenartige Blumen ihre kleinen Wurzeln tief, tief hinab in die Erde treiben. – – Es ist das ein ganz merkwürdiges Haus,« fuhr er nach einem längeren Stillschweigen fort, »und es hat Aehnlichkeit mit den Palästen und hängenden Gärten der Semiramis, denn man wohnt dort parterre und hat über sich die schönsten Terrassen, bedeckt mit [210] Grün und blühenden Blumen. – Aber jetzt genug der Faseleien: die Zeit verrinnt; leben Sie wohl, theurer Antonius!«

Der junge Mensch nahm mit seinen beiden Händen traurig die dargebotene Rechte und sagte mit wehmüthiger Stimme: »Leider weiß ich wohl, daß, wenn Sie einmal einen Entschluß gefaßt haben, es ganz unmöglich ist, Sie davon abzubringen. Aber Sie hätten wohl das Haus morgen Früh verlassen können; wer weiß, es hätte sich doch vielleicht noch Manches besser gemacht.«

»Das ist Alles vorbei, vorbei!« rief der Andere aus, während er seine Rechte an sich zog und darauf beide Hände auf die Schultern des jungen Menschen legte. »Es ist vorbei, August, vollkommen vorbei; machen Sie mir doch eine Rose wieder, die der Sturm zerblättert, oder ein Spiegelglas, das zerschlagen; jene wird Sie nie mehr durch ihren Geruch entzücken, die Stücke des letzteren werden Ihnen nur verzerrte Bilder entgegen werfen. – Ja, es muß geschieden sein!«

Darauf hin zog er den Lehrling einen Augenblick an sich, hob ihm das Gesicht empor, und wie er in die blassen und noch so ganz kindlichen Züge sah, füllten sich seine Augen abermals mit Thränen. – »Du siehst ihr doch sehr ähnlich, August,« sagte er nach einer kleinen Pause; »erschrecklich ähnlich, nur daß sie dunklere Augen hat und einen kleineren Mund. – O, diese Augen und dieser Mund! Wenn ich daran denke, so sehe ich auf allen Seiten die wahnsinnigsten Bilder auftauchen. – Bei Gott im Himmel!« sprach er mit tiefem, klagendem Tone, während er seine Hände schlaff herabsinken ließ, »ich kann nicht mehr da bleiben, und wenn du selbst einen Engel herabsenden würdest, um mich zu trösten. Was wäre mir ein Engel in Reinheit und Tugend gegen ihre Schönheit in Laster und Sünde! – Fort! – fort!«

Damit riß er nochmals den Knaben an sich, drückte leidenschaftlich einen Kuß auf seine Stirne und eilte zu der Kammer hinaus.

[211] An der Treppe blieb er tief athmend und lauschend stehen, und schlich alsdann Stufe um Stufe hinab.

Das Haus lag ruhig und still da; man hörte keinen Laut, als von oben herab das Heulen des Windes und von unten das Picken einer Uhr in der Küche.

So kam er langsam in den zweiten Stock, und war schon die halbe Treppe zum ersten hinabgestiegen, als er auf einmal den vorgestreckten Fuß wieder zurückzog und sich fest an die Wand drückte, um nicht gesehen zu werden; denn es öffnete sich unten in diesem Augenblick eine Thüre und Jemand kam mit einem Lichte heraus und schritt über den Gang daher, um in die Zimmer zu gelangen, welche hinten nach dem Hofe hinaus lagen, wo der Prinzipal wohnte. – Er war es selbst, er kehrte aus den vorderen Zimmern zurück, und da er die rechte Hand vor das Licht hielt, so warf dasselbe glücklicherweise keinen Schein auf die Treppe zum zweiten Stock, wohl aber beleuchtete es seine Züge auf's hellste und ließ sie deutlich erkennen.

Das Gesicht des Herrn Blaffer war immer das gleiche unangenehme und hagere; nur hatte er jetzt seinen Mund lächelnd geöffnet, seine Augen strahlten heiter und zufrieden, und in allen seinen Mienen sprach sich eine gewisse Befriedigung aus. Seine Haltung und sein Gang dagegen waren ebenso schlaff wie früher; er hatte die Kniee gebogen und schlürfte auf seinen weiten Pantoffeln über den Gang, beinahe ohne die Füße aufzuheben. Als er an die Thüre seines Schlafzimmers kam, nahm er langsam einen Schlüssel aus der Tasche seines langen Rockes, schloß auf, trat in das Zimmer und machte die Thüre wieder hinter sich zu.

Der Andere stand während dieser Zeit regungslos auf der Treppe, und wenn er sich auch im tiefen Schatten befand, so war es doch ein Glück, daß Herr Blaffer nicht zufällig aufblickte, denn er hätte sonst das Leuchten der beiden Augen sehen müssen, die [212] fest und mit schrecklichem Ausdrucke auf ihn gerichtet waren; es war ein Glück, sagen wir, denn auf eine solche Entdeckung wäre vielleicht ein gräßlicher Auftritt gefolgt.

Noch einige Sekunden verharrte der Commis in seiner Stellung, dann schritt er noch behutsamer als früher die weiteren Treppen hinab bis auf den ersten Stock, und dort stand er eine Weile unschlüssig, tief aufathmend, in eifriger Ueberlegung. Neben ihm war die Treppe, die weiter hinab führte, gerade vor ihm befand sich eine Thüre, die ihn mächtig anzog. Doch hatte er sich schon der Treppe zugewandt, um aus dem Hause zu entfliehen, als er einen kleinen Lichtschein bemerkte, der nicht breiter als ein Messerrücken von diesem Zimmer auf den Gang heraus fiel. In dem Gemach auf der andern Seite hörte er jetzt den Prinzipal laut husten, und bei diesem Geräusche machte er einen Schritt gegen die leuchtende Spalte, er that auch noch einen zweiten, dritten und vierten, und endlich stand er dicht vor der Thüre, die, wie er sah, nicht verschlossen war. Sie gab dem Drucke seiner Hand nach, und er trat in ein kleines Zimmer, welches in ein anderes führte, aus dem auch der Lichtstrahl kam, den er vorhin auf dem Gange bemerkt hatte.

Leise näherte er sich dem letzteren, dessen Thüre geöffnet war, und als er jetzt auf der Schwelle stand, sah er in das Schlafzimmer des Mädchens und bemerkte sie selbst, die halb entkleidet auf ihrem Bette saß und die Hand auf dem Schooße gefaltet hatte; und obgleich sie den Kopf tief auf die Brust herabgesenkt, bemerkte er doch, daß sie weinte, denn dicke Tropfen fielen glänzend in dem Strahl des Lichtes auf ihre Kniee herab.

Das Geräusch, das er machte, als er unter die Thüre trat, hörte sie augenblicklich, denn sie erhob den Kopf, erschrak auch wohl ein wenig, doch faßte sie sich gleich wieder, als sie sah, daß es Herr Beil war, der nun langsam in ihr Zimmer trat.

Wenn auch zwischen diesen beiden Leuten nie ein Verhältniß [213] geherrscht, das mit gegenseitiger Liebe etwas zu thun hatte, – obgleich wir wohl wissen, wie er das Mädchen anbetete – so bestand doch zwischen ihnen jener Grad von Vertraulichkeit, der ihnen erlaubte, ihre Geheimnisse einander anzuvertrauen und ohne Scheu über die seltsamsten Dinge sprechen zu können.

Als der junge Mann nun aber einige Schritte vortrat, erschrak sie mehr als bei seinem ersten Anblick, denn sein Aussehen war fürchterlich, seine sonst so ruhigen Züge entstellt, seine Augen roth unterlaufen, seine Blicke glühend. Sie machte eine Bewegung, als wolle sie aufspringen und das Zimmer verlassen, doch als er sich hierauf langsam in eine Ecke zurückzog und ihr die Hände wie beschwörend entgegenstreckte, auch sie bittend, ja stehend ansah, da sank sie wieder auf das Bett zurück, preßte die Hände vor das Gesicht und weinte laut und bitterlich.

»Ja, ja,« sagte er nach einer schrecklichen Pause, »es mußte am Ende so kommen.«

»Ja, es mußte so kommen,« erwiderte das Mädchen mit tonloser Stimme.

»Und es kam so?«

»Ja, es kam so.«

»Und sonst keine Hilfe und Rettung?«

»Keine! – keine!«

»Aber ich hätte doch noch ein wenig widerstrebt,« sprach er mit einem schrecklichen Lächeln und einem eisigen Tone. »Man muß nicht sogleich nachgeben.«

Statt aller Antwort entblößte das Mädchen ruhig und schweigend, in diesem Moment, wie es schien, ohne alle Scheu, ihre linke Schulter, nachdem sie das weiße Nachtkleid vorher auf der Brust geöffnet. Und auf dieser weißen vollen Schulter sah man verdächtige dunkle blaue Flecken. – »Das war die letzte Unterredung,« sagte sie mit einem matten Lächeln.

[214] »Sehr triftig und überzeugend,« erwiderte er, »aber ehe es so weit kam, hätte man noch etwas Anderes thun können.«

»Und was denn?« fragte sie, wobei ihr Auge aufflammte.

»Man hätte zum Beispiel in's Wasser springen können.«

»Ach ja!« entgegnete sie mit einem tiefen schneidenden Wehelaute. – »Ach ja, ich habe das auch gedacht, aber ich hatte nicht den Munz dazu.«

»Das ist freilich etwas Anderes,« versetzte er scheinbar ganz ruhig. »Sie hatten Angst, Marie, weil Sie sich fürchteten, diesen unbekannten Weg allein zu machen. – Aber ich wäre mit Ihnen gegangen, o, so gerne wäre ich mit Ihnen gegangen.«

»Mit mir in den Tod?«

»Mit Ihnen in den Tod! – Und wenn wir zusammen in das Wasser gesprungen wären, so hätte ich nur eine Bitte gehabt; Sie hätten mich dann nur bei der Hand festhalten müssen und sagen: Ich danke Ihnen herzlich, daß Sie mich nicht allein ließen, Sie, mein einziger und treuer Begleiter. – Ein so inniger Dank von Ihnen, wenn auch im letzten Augenblick, hätte mich glücklich gemacht. – Und dann schon die Wonne, mit Ihnen sterben zu dürfen! – Wissen Sie wohl,« fügte er seltsam lächelnd hinzu, »daß ich an einen solchen gemeinschaftlichen Tod die ausschweifendsten Hoffnungen knüpfte? – Daß ich in meiner jetzigen Gestalt wohl nicht geliebt werden kann,« sprach er, indem er an seinem seltsam geformten Körper hinab sah, »weiß ich selbst wohl am besten; aber man läßt ja alles Das hier zurück, und wenn wir Beide so zusammen hinauf geschwebt wären, wer weiß, Marie, ob Sie nicht ruhig Ihre Hand in der meinigen gelassen hätten und ob Sie nicht vielleicht auf die Frage: Willst du mit dieser Seele vereint bleiben? ein lautes und freudiges Ja geantwortet hätten. – Doch genug der Worte, – ich komme, um Abschied zu nehmen.«

[215] »So verlassen Sie wirklich dieses Haus?« fragte erschrocken das Mädchen.

»Heute freiwillig,« entgegnete er; »morgen würde mich der Herr Blaffer vor die Thüre werfen.«

»Und mein Bruder, der so sehr an Ihnen hing –?«

»Hat jetzt den Schutz der Schwester, die allmächtig im Hause ist,« entgegnete er mit Bitterkeit. »Doch will ich an alles Das nicht mehr denken,« fuhr er gleich darauf fort, indem er sich mit der Hand über die Augen wischte; »ich will Sie nur sehen, Marie, wie Sie waren, als ich zu Ihnen, einer himmlischen Erscheinung, aufgeblickt, will es nicht wissen, daß dieß herrliche Bild von schmutziger Hand zerstört wurde, will nur einmal und zum ersten Mal vor sie hinknieen, Ihre beiden Hände ergreifen und sie an meine Lippen drücken.«

Bei diesen Worten hatte er sich zu ihren Füßen niedergeworfen, hatte wirklich ihre beiden Hände ergriffen, und während er sie in seinen schwarzen Bart drückte, träufelten seine heißen Thränen darauf hin. – »So leben Sie wohl, Marie,« sagte er, »möge es Ihnen besser gehen, als bisher; gedenken Sie meiner zuweilen, und wenn Sie noch aus vollem Herzen beten können, so nennen Sie auch meinen Namen, wenn Sie sich nach oben um Erbarmen wenden!«

Damit wollte er sich erheben, doch faßte das Mädchen mit ihren beiden Händen krampfhaft seine Arme und versuchte es, ihn festzuhalten; er dagegen wandte alle Kraft an, sich los zu machen, und wie sie so mit einander rangen, zog er sie empor, da er der Stärkere war; doch ließ sie ihn darum nicht los, sie schlang ihre Arme um seine Schultern, indem sie ausrief: »Gehen Sie nicht so fort, verlassen Sie nicht dieses Haus, Ihr Blick ist schrecklich, Sie haben Entsetzliches vor!«

»Ganz und gar nicht,« entgegnete er, nachdem er sanft ihre Hände los gemacht, sie aber fest in den seinigen hielt, »ich habe [216] nichts Schlimmes vor. – Aber Sie sehen ja wohl,« setzte er hinzu, indem er die Zähne Zusammenbiß, »daß hier meines Bleibens nicht ist, jetzt nicht mehr, und könnte ich damit Millionen verdienen. Sie waren mir eine heilige und reine Blume, deren Anblick, deren süßer Duft mich glücklich machte, Sie waren das Ideal, zu dem ich empor blickte; und nun – ist ja Alles dahin, mein Tempel ist zertrümmert, meine Altäre sind umgestürzt, ich habe nichts mehr, an das ich glauben kann auf der ganzen weiten Welt. – Darum will ich mir Besseres suchen und gewiß, ich werde es finden.« – –

Er ließ ihre Hände los, sie sank laut weinend auf das Bett zurück; nachdem er sie noch mit einem schmerzlichen Blick betrachtet hatte, eilte er geräuschlos durch das Vorzimmer auf den Gang hinaus und die Treppen hinab.

Vielleicht wäre sie ihm gefolgt, um noch einen Versuch zu machen, ihn festzuhalten, aber sie fürchtete, es möchte Jemand im Hause erwachen, und weil sie das fürchtete, ließ sie ihn ziehen, obgleich ihr wohl ahnete, wohin ihn seine Schritte führen würden.

41. Kapitel
[217] Einundvierzigstes Kapitel.
Am Kanal.

Herr Beil eilte durch eine Hinterthüre auf den Hof, und da er hier mit der Oertlichkeit wohl vertraut war, so überstieg er ein paar Zäune und befand sich in kurzer Zeit auf der offenen Straße.

Es mochte nahe an Mitternacht sein, als er so einsam zwischen den Häusern langsamen Schrittes dahin ging; er hatte die Hände auf den Rücken gelegt und war so in tiefe Gedanken versunken, daß er es nicht einmal bemerkte, wie der scharfe Nachtwind, da er ohne Hut war, sein Haar empor lüpfte und von der Stirne wehte. Auf den Weg, den er machte, achtete er nicht, wenigstens blickte er nicht in die Höhe und schien sogar nach einiger Zeit verwundert, als er sich auf einmal durch eine Barrière aufgehalten fühlte, gegen die er hingeschlendert war, ohne gerade heftig daran zu stoßen.

Diese Barrière befand sich ziemlich weit außerhalb des Mittelpunkts der Stadt, in einer öden und verlassenen Gegend, wo nur noch hie und da einige Häuser standen; sie lief am Ufer des Kanals hin und hatte den Zweck, Jemand, der vielleicht sorglos umherspazierte, vor dem Hineinfallen in das Wasser zu bewahren, denn der Kanal war sehr tief und auch ziemlich reißend, da er ein paar hundert Schritte abwärts von dieser Stelle in den Fluß mündete, der eine Seite der Stadt in einem weiten Bogen umschloß.

Unser Nachtwandler lehnte sich mit beiden Armen auf das Geländer und schaute gedankenvoll in das dunkle Wasser hinab. Man mußte das Auge zuerst an die Finsterniß da unten gewöhnen, [218] ehe man bemerken konnte, wie sich der Wasserstrom zwischen den engen Ufern dahin bewegte, oder man mußte abwarten, bis droben am Himmel die fliegenden Wolken zuweilen ein Stück des Mondes oder ein paar Sterne entschleierten, deren Licht alsdann auf das trübe Wasser fiel und es auf Augenblicke erhellte. Das Ohr vernahm schon deutlicher das feindselige Element drunten, denn wie dieses bei den Ufermauern vorbeifloß, schliff es in allerhand Tönen gegen die Steine derselben, rauschte in einer unfernen Ecke, und gluckste dort, Wirbel bildend, als lechze es nach irgend einer Beute.

Lange schaute Herr Beil so hinab auf den Kanal, und immer folgten seine Blicke dem Laufe des Wassers. Es war ihm gerade, als winke es ihm zu folgen, und nachdem er so eine Zeit lang träumend gestanden, hatte er alle Schauer vor einem kalten nassen Tode überwunden und fühlte eine wahre Sehnsucht, den flüsternden Wassern zu folgen. Anfangs rauschte das eintönig an seinem Ohr vorüber; nach und nach kam aber ein gewisser Takt und eine Melodie hinein, eine einfache, kindliche Melodie, welche die Fluthen mit leisem Tone immer und immer fort zu singen schienen. Er hatte sie schon oft gehört, diese Weise, und wie er nun die Hand vor die Stirne legte und darüber nachdachte, so fiel es ihm ein, es sei ja nichts Anderes, als das Wiegenlied, mit welchem ihn die früh verstorbene Mutter so oft in den Schlaf gesungen.

Richtig! das war es; es waren dieselben weichen, schläfrigen Töne, und als er wieder eine Zeit lang hinab gelauscht, da meinte er auch Worte zu vernehmen; nur waren sie anders, als die, welche damals zum Wiegenlied gesungen wurden. Die hier erzählten von einem hellen lichten Tage, dem sie aus der finsteren Nacht entgegen fließen, und von lachenden Gefilden, mit Blüthen und Früchten bedeckt, so unendlich verschieden von dem kalten, schmutzigen Lande, das jetzt ihre Ufer bildete. – Und Ruhe, Ruhe gibt's [219] da unten, flüsterten sie, – angenehme behagliche Ruhe; – komm und folge uns! –

Er beugte sich tief auf das Wasser hinab und dachte auf einmal klar und hell an seine Jugendzeit, wo er sich oftmals im Strome gebadet bei einer Stelle, die besonders reißend war, wo tückische Wirbel Alles in die Tiefe zogen, was er damals als rüstiger Schwimmer nicht beachtet. Aber eines Tags, als er auch wie der so keck hinein sprang, schien sich der Flußgott über diese Verwegenheit zu erzürnen und hielt ihn drunten beim Fuße fest, – das war in der That seine erste schreckliche Idee, als er sich unten gehalten fühlte: in Wahrheit aber war er mit dem Fuße in eine Faschine gerathen und konnte nicht wieder los kommen. Die Sekunden, welche er sich da unten bemüht hatte, den Fuß loszureißen, schienen ihm lange, lange Jahre zu sein; als er aber fühlte, daß es nicht ging, ergab er sich ruhig in sein Schicksal, öffnete weit die Augen und sah tief unten im grünen Wasser mit Verwunderung, wie so seltsam das Sonnenlicht auf der Oberfläche sich spiegelte und strahlte, wie der ganze Fluß einem hellgrünen Kristallgewölbe glich, auf dem sich tausendfache Strahlen brachen, – einem Feenpalast mit unsichtbarer, seltsam klingender Musik, denn auch hier summten und rauschten ihm die Wasser in den Ohren und tönten jenes bekannte Lied; nur ward es schwächer und immer schwächer, endlich wurde die Melodie zerrissen und unverständlich, obgleich die unsichtbaren Sänger immer näher zu kommen schienen, bis sie zuletzt dicht sein Haupt umringten und ihn betäubten mit wilden Tönen, mit Sausen, Rauschen und Klingen, in ganz leiser Weise und doch so eindringlich und verständlich. – Und darauf war er todt, gestorben ohne Schmerz und Klage, – so glaubte er wenigstens damals, in Wirklichkeit aber brachte den Ohnmächtigen ein tüchtiger Taucher an die Oberfläche und somit in's Leben zurück. –

[220] Daran dachte er jetzt, und wie der Wassertod so gar nichts Unbehagliches oder Schreckliches habe. Heute war es freilich dunkel; kein Sonnenstrahl erhellte das Wasser, aber das erschien ihm um so besser; er sah da nichts mehr, was ihn an das freundliche Leben draußen gemahnt hätte, er konnte die Augen getrost schließen, um abzuwarten, bis jener geheimnißvolle Gesang näher und immer näher komme.

Schlafen, schlafen – Ruhe! flüsterte es drunten; und eine andere Stimme sagte etwas dazwischen, was ihm schrecklich war, aber doch wieder Trost verlieh. Er hatte nämlich den Blick einen Moment gegen den Himmel erhoben und bemerkte da einen klaren glänzenden Stern, der strahlend im blauen Lichte die Wolkenmasse durchbrechen zu wollen schien. Dabei hatte er plötzlich an sie gedacht, wie ein Blitz hatte ihr Bild seine ganze Seele erfüllt und darauf grauste es ihm eine Sekunde lang vor dem finsteren Wasser, um ihn gleich darauf wieder mächtiger hinzutreiben. Der Stern verschwand, das Licht in seinem Herzen erlosch, und es war dort wieder nächtlich finster. Er beugte sich abermals über das Wasser herab und sogleich begannen die Wellen wieder ihre beruhigende, verständliche Melodie; schlafen, schlafen – Ruhe! sangen einige, und andere, die vielleicht wußten, daß er ein paar Augenblicke vorher an das Mädchen gedacht, rauschten dazwischen und murmelten: sie wird dir folgen, – sie wird dir gewiß nachfolgen, – o sie kommt auch noch zu dieser Stelle, und wenn sie vor uns zurückschaudert, so singen wir ihr alsdann gerade wie dir heute ein beruhigendes Wiegenlied, und wollen ihr getreulich erzählen, daß du voran gegangen und drüben auf sie warten werdest. – Gewiß, sie kommt, glaube uns, wir sind mitleidig und gut, und wir wollen ihre Seele rein waschen, daß sie es vermag, in herrlicher Klarheit vor dich hinzutreten. – –

Ach! jede Wasserfläche hat für ein tief betrübtes und zerbrochenes [221] Herz etwas so unendlich Beruhigendes und zugleich Verführerisches. Es ist gefährlich, an stillen Wassern vorüber zu gehen, wenn Einem die Seele mit Kummer und Schmerz beladen ist; anfänglich beugt man sich ohne Absicht auf die Fluthen nieder, tiefer und immer tiefer, und kann den Blick nicht mehr wegwenden von der geheimnißvollen Fläche. Ist doch da unten ein ewiges Vergessen zu finden für Alles, was uns hier im Leben geängstigt und bedrückt.

Er, der einsam hier an der Barriere stand, hatte dieselben Gedanken, und sein Auge erweiterte sich, als er nun mit sich im Reinen war und so tief sinnend auf das dunkle Wasser sah. Er vermochte es nicht, den Blick abzuwenden, während er hastig die letzte Scheidewand überkletterte, die zwischen ihm und dem Tode stand. Erst, als er tief athmend sich jenseits derselben befand, brachte er es über sich, noch einen Blick rückwärts zu werfen auf die Stadt, deren Häuser still und finster da lagen. – –

Doch wie er so um sich schaute, faßte er unwillkürlich wieder die Schranke hinter sich fester mit den Händen, denn mit einem unerklärlichen Entsetzen bemerkte er, nicht zwei Schritte von sich, in unbestimmten Umrissen eine Gestalt, die gerade so an der Barrière lehnte, wie er einen Augenblick vorher. Sie war in einen weiten dunkeln Mantel gewickelt und hatte entweder ein Ende desselben um den Kopf geschlungen oder ihn mit einer Kaputze verhüllt, denn man bemerkte weder Schultern noch Hals; das Ganze war nur eine unförmliche schwarze Masse, die aber ein Gesicht hatte, denn Herr Beil sah deutlich zwei Augen glänzen, die ihn forschend zu betrachten schienen.

Daß sich seine Nerven in diesem Augenblick in höchster Aufregung befanden, wird uns Jeder glauben, und ebenso, daß er mehr als überrascht war, hier in der stillen Nacht in tiefer Einsamkeit, wo er sich fern von jedem menschlichen Wesen glaubte, [222] so plötzlich und unverhofft beobachtet zu werden. Seine Seele war noch wenige Momente vorher trotz seines schrecklichen Vorhabens so ruhig gewesen, und jetzt fühlte er mit einem Male sein Herz heftiger schlagen; eine unerklärliche Furcht bemächtigte sich seiner, bannte ihn fest und zwang ihn sogar, fortwährend die beiden leuchtenden Augen zu betrachten, die ihn bewegungslos anstarrten.

Wußte die unheimliche Gestalt, was ihn hieher getrieben, hatte sie sein Inneres ergründet, – konnte es wohl ein menschliches Wesen sein, was so unbeweglich da lehnte, und, wie es schien, auf den Moment begierig war, wo er als Selbstmörder enden würde?

Er wich unwillkürlich einen Schritt auf die Seite, hielt aber das Geländer mit beiden Händen fest, und er vermochte es nicht, den Blick von dem Wesen neben ihm abzuwenden. Seine unerklärliche Angst vor dieser Gesellschaft vergrößerte sich immer mehr, und es ist unbegreiflich aber wahr: er, der einen Augenblick vorher den Tod gesucht, fürchtete sich jetzt, diesem Wesen den Rücken zu kehren, indem er dachte, es könnte vielleicht unvermuthet über ihn herfallen und ihn in den Kanal hinabstürzen.

Aber es blieb ruhig an seiner Stelle; nichts regte sich an ihm; nur blickten die gespenstigen Augen immer herüber.

Was sollte er thun? Er hatte sich mit dem Gedanken an den Tod vertraut gemacht, doch wollte er endigen in stiller, verschwiegener Nacht, aber nicht indem er einen so sonderbaren Zuschauer hinter seinem Rücken ließ, der Gott weiß was beginnen konnte, sobald er in den Kanal gesprungen.

Und das konnte ihm am Ende doch gleichgültig sein! – – Aber es war ihm nicht gleichgültig; er hätte nicht ruhig sterben können bei dem Gedanken, diese seltsamen Augen würden jetzt nach ihm schauen, während er untersinke, und das Wesen selbst eine laute Lache aufschlagen, sobald ihn die Fluthen verschlungen.

[223] Es trat eine peinliche Pause ein, während welcher die Augen immerfort herüber blickten und Herr Beil abermals einen halben Schritt auf die Seite wich.

Endlich machte die Gestalt eine kleine Bewegung, sie richtete sich etwas in die Höhe, man bemerkte, wie sie mit großer Ruhe unter dem Mantel die Arme über einander schlug. Dann sprach sie mit einer tiefen klangvollen Stimme ein einziges Wort, aber dies Wort, an sich unbedeutend, durchzuckte den Körper des Anderen auf eine sehr unangenehme Art.

Die Gestalt sagte nämlich wie Jemand, der lange vergeblich gewartet, mit fragendem Tone: »Nun –?«

»Nun,« wiederholte Herr Beil, indem er scheu auf die Seite blickte. – »Nun? – Was nun?«

»Ich meine, ob es bald vor sich geht,« erwiderte das seltsame Wesen; »ich habe jetzt schon lange genug darauf gewartet.«

»Und was soll vor sich gehen?« fragte schaudernd der Andere mit kleinlauter Stimme. »Ich glaube nicht, daß ich Jemand hieher gerufen, um zuzuschauen, was hier vielleicht geschehen könnte.«

»Gewiß nicht,« sagte die Gestalt, »ich bin nicht mit Worten gerufen worden, aber es zog mich auf eigenthümliche Weise daher, und da ich nun einmal da bin, möchte ich nicht lange mehr vergeblich warten; die Sache könnte wohl vor sich gehen, das Vorspiel war lange genug.«

»Und wer bist du?« fragte Herr Beil mit gesteigertem Entsetzen, »daß es dir ein teuflisches Vergnügen macht, zuzuschauen, wie ein unglücklicher Mensch, dem das Dasein zur Last wurde, seinem traurigen Leben ein Ende macht?«

»Wer ich bin, thut nichts zur Sache,« entgegnete die Gestalt, »vielleicht bin ich der Schutzengel der Selbstmörder und habe die Macht, ihnen ein sanftes Ende zu geben, vielleicht bin ich auch [224] sonst ein Wesen, das besonderen Geschmack an den Narrheiten der Menschen findet.«

»An den Narrheiten der Menschen!« wiederholte der Andere; »kann man wohl eine That Narrheit nennen, deren Beweggründe man nicht kennt und begreift?«

»Jeder Selbstmord ist Narrheit und Feigheit,« antwortete das Phantom, indem es sich abermals behaglich an die Brüstung lehnte. »Nur ein Narr und ein Feiger verläßt freiwillig diese Welt: der Erstere, weil er seine Verhältnisse Herr über sich werden ließ, der Andere, weil er nicht den Muth hat, ein vielleicht trauriges Leben bis an sein natürliches Ende zu tragen.«

»Ah! du fühlst es nicht, wie schwer es ist, von dem Licht der Sonne, von einem Dasein, selbst dem ärmlichsten, Abschied zu nehmen, sonst würdest du eine solche That nicht feige nennen.«

»Der Muth, der vor den Augen der gewöhnlichen Welt vielleicht dazu gehört, eine Pistole vor seiner eigenen Stirne abzubrennen, oder in's Wasser zu springen, ist kein wirklicher Muth; es ist das mehr ein Ausbruch der Verzweiflung, unterstützt von Nervenaufregungen, der so mit einem Schlage ein ganzes Leben hinter sich wirst, weil der Selbstmörder, wie schon gesagt, zu schwach war, um eine lange Reihe von traurigen Jahren zu durchleben.«

»Und du glaubst, es sei kein Fall denkbar, wo der Selbstmord zu entschuldigen sei?« meinte Herr Beil mit bitterem Lachen.

»Zu entschuldigen nie,« entgegnete die Gestalt, »zu verzeihen nur in einem einzigen.«

»Und dieser einzige Fall –?«

»Es ist nicht der deinige.«

»Aber nenne ihn mir.«

»Du wirst ihn vielleicht nicht einmal begreifen, ja du kannst ihn unmöglich verstehen.«

[225] »Wer weiß! Nach den harten Worten, die du vorhin zu mir gesprochen, möchte ich wohl wissen, unter welchen Bedingungen du den Selbstmord entschuldigen würdest.«

»Nun meinetwegen,« sagte die Gestalt, indem sie sich wieder etwas empor richtete; »man solle einem Sterbenden keine Bitte abschlagen, und da du ein solcher bist, so will ich dir meine Ansicht mittheilen. – Das Verbrechen, von dem wir eben sprachen, könnte ich, wie gesagt, nur in einem einzigen Falle entschuldigen, das wäre nämlich, wenn ein Selbstmörder wieder in's Leben zurückgerufen würde und er dann von neuem Hand an sich legte, um so dem Schlimmsten, was einen Menschen treffen kann, dem allgemeinen Hohne, der allgemeinen und verdienten Verachtung zu entgehen.«

»Dem Hohne und der Verachtung!« versetzte der Andere, und seine Zähne klapperten auf einander. – »Aber nein, nein!« rief er nach einer Pause leidenschaftlich, »ich weiß, wer du bist, du bist der Teufel! Du willst mich von meinem Glücke zurückhalten, um die Lust zu haben, mich noch Jahre lang quälen zu können.«

Nach diesen Worten lachte das Phantom laut auf, aber es war ein gellendes, unheimliches Gelächter. – »Nein, nein,« sagte es, »ich bin nicht der Teufel, – vielleicht mit ihm verwandt; die trüben Leidenschaften, die sich deines Gehirns bemeistert haben, lassen dich völlig unklar denken; wenn ich der Teufel nach euren Begriffen wäre, so müßte ich an deinem Schritt meine Freude haben, denn deine Seele wäre mir gewiß und ich bekäme sie bald. – Aber beruhige dich: für euch Selbstmörder gibt es weder Teufel noch Engel, weder Belohnung noch Strafe, und das ist gerade eure Strafe; mit dem Sprung in's Wasser laßt ihr all' eure Hoffnung hinter euch. Diesseits könnt ihr nicht mehr Buße thun, um ein ewiges Leben, an das wir ja Alle glauben wollen, zu erringen; denn ein ewiges Leben, wenn auch voll Noth und Qual, aber doch mit einem Schimmer von Hoffnung, ist [226] nicht für euch: ihr habt das Anrecht daran freiwillig weggeworfen.«

»Ah!« machte der Andere, »das ist eine seltsame Ansicht. Ich hoffe sehr auf eine bessere Zukunft.«

»Aber vergeblich; was du diesseits verachtungsvoll wegwirfst, wird man dir nicht jenseits entgegenbringen. – Aber nun laß uns den unnützen Wortstreit enden. Mache dein Geschäft ab; ich möchte gern nach Hause.«

»So geh' deiner Wege!« rief Herr Beil mit schmerzlichem Tone. »O, wärst du nie gekommen, um mich zu belauschen, Alles wäre nun vorüber, während so –«

»Dein Entschluß wankend geworden ist?« fragte die Gestalt.

»Deine Augen, die so starr auf mich geheftet sind, beunruhigen mich. Ich glaube, während ich in's Wasser spränge, würden sie schrecklich, entsetzlich immer näher auf mich eindringen.«

»Da hast du Recht; das wird auch der Fall sein, denn ich habe mir einmal fest vorgenommen, deinem Ende beizuwohnen, ich interessire mich dafür und werde nicht von der Stelle weichen.«

»Das will ich erwarten,« sprach Herr Beil zähneklappernd, indem er sich an das Geländer lehnte, und, wie es vorhin die Gestalt gemacht, ebenfalls seine Arme, die aber heftig zitterten, über einander schlug.

Es entstand eine längere Pause; endlich sagte der im Mantel mit einem Anflug von Heiterkeit in seiner Stimme: »Mir scheint, wir haben hier Beide vor, eine seltsame Soirée zu begehen. Du bist der Wirth, ich bin zur Komödie eingeladen oder meinetwegen auch unberufen erschienen. Nehmen wir also an, ich sei der Gast, so finde ich es doch nicht mehr als billig, daß du für meine Unterhaltung Sorge trägst. Und dazu will ich dir ein gutes Mittel vorschlagen: erzähle mir deine Geschichte so kurz oder so lang du magst, erzähle mir vor allen Dingen, was dich [227] hieher getrieben, und ich will dir nachher meine offenherzige Meinung sagen, wie groß deine Narrheit eigentlich ist.«

»Und wenn du meine Narrheit, wie du es nennst, alsdann nicht übermäßig groß findest,« entgegnete Herr Beil, »willst du dann ruhig deiner Wege gehen und mich meinem Schicksal überlassen?«

»Das ist eine Bedingung,« versetzte nun wirklich lachend das Gespenst, »und wenn ich sie eingehe, so kann ich das nur thun, indem ich dir ebenfalls eine stelle.«

»So laß hören!«

»Wenn ich zugebe, daß deine Narrheit klein ist, so will ich mir also das Vergnügen versagen, dich in den Kanal springen zu sehen; ist aber deine Narrheit groß, so schiebst du dein Vorhaben auf, bis – wir uns wieder gesehen.«

»Es gilt,« sprach Herr Beil nach längerem Ueberlegen.

Und darauf wandte er sich, obwohl zögernd, gegen die sonderbare Gestalt, die wieder unbeweglich wie vorher an dem Geländer lehnte, und erzählte mit geflügelten Worten seinen traurigen Lebenslauf, wie er schon als Kind mit seiner schwächlichen halbverwachsenen Gestalt der Spielball aller Launen seiner Kameraden gewesen, wie seine Eltern ihn nicht geliebt, sondern gegen die andern Geschwister zurückgesetzt, und wie bei all' den Kränkungen, die er erduldet, das Schlimmste gewesen sei, daß er ein weiches, fühlendes Herz erhalten, das alle Menschen mit inniger Liebe umfaßt, und das nun doppelt schmerzlich empfunden, wie man ihn überall zurückgestoßen. – Seine Leiden vermehrten sich mit den Jahren, man brachte ihn mit großer Mühe als Lehrling unter, und als er ausgelernt hatte, fand sich lange keine Stelle für ihn, er mußte Jahre lang in seinem Geschäfte die niedrigsten Arbeiten versehen, und als er endlich die Stelle erhielt, in der wir ihn kennen gelernt, mußte er sich mit einem Gehalt begnügen, der zu wenig zum Leben, zu viel [228] zum Sterben war; er mußte dabei alle Launen des Prinzipals ertragen und er that das wohlgemuth, bis jene beiden Kinder in das Haus kamen, bis ihm Marie erschien, bis sein Herz durch die Liebe zu ihr so namenlos unglücklich wurde.

Als er in seiner Erzählung an diese letzte Zeit seines Lebens kam, zitterte seine Stimme und die Thränen tropften ihm langsam aus den Augen. Er schilderte mit glühenden Farben seine Liebe zu dem Mädchen und die thörichten Hoffnungen, die er genährt, – Hoffnungen, die er aber gern unterdrückt hätte, wenn sie glücklich geworden wäre. Nun aber kamen jene Vorfälle, und davon sprach er dem Phantome gegenüber mit fieberhafter Hast; es drängte ihn, über diese schrecklichen Stunden hinüber zu kommen. Er erzählte von dem vergangenen Abend, von seiner Unterredung mit ihr, von seinem festen Entschlüsse, das Leben endigen zu wollen, von seinem Gange durch die dunklen Straßen, von seiner Ankunft hier am Kanale und sogar von der Melodie, die ihm das Wasser vorgesungen, von dem alten Wiegenliede – schlafen – schlafen – Ruhe! –

»Und nun bin ich fertig,« sagte er, als er geendet; »aber die Ruhe, mit der ich hierher ging, ist aus meinem Herzen verschwunden. Ich war nicht mehr unglücklich, jetzt bin ich es wieder, o namenlos, namenlos unglücklich! – Und nun sprecht nach Eurer Ueberzeugung, bin ich thöricht oder bin ich es nicht?«

Bei diesen letzten Worten schlug er die Hände vor's Gesicht und beugte den Kopf tief hinab auf das Geländer.

Einige Augenblicke hörte er nichts als das Rauschen des Wassers, dann vernahm er die Stimme des seltsamen Wesens neben ihm; und diese Stimme, bis jetzt hart und scharf, klang nun weich und milde. »Ich habe deine Geschichte angehört,« sagte es »und muß gestehen, daß allerdings viel Unglück darin vorkommt, aber nicht genug, daß ich dir, wie wir bedungen, mit [229] einem Worte die Erlaubniß geben dürfte, dein Leben zu endigen. Denk' daran, was du mir versprochen, lebe, bis wir uns wieder sehen, und glaube mir, wir sehen uns bald wieder. Sei auch versichert, daß du meinem Blicke nicht entgehst, und wenn du je dein gegebenes Wort brechen und doch zum Selbstmörder werden wolltest, so schaue vorher auf die Seite, du wirst meine Augen auf dich gerichtet finden, dich warnend und zurückziehend, wie ich es in dieser Stunde gethan. – Und nun lebe, und lebe so gut du kannst!« –

Damit schwieg die Stimme, und als sich der junge Mann ein paar Minuten nachher empor richtete, um einige Worte zu entgegnen, bemerkte er zu seinem größtem Entsetzen, daß die Gestalt neben ihm verschwunden und nirgends mehr zu sehen war. Und doch hatte er weder einen Tritt noch das Rauschen des Mantels vernommen. Er war wieder ganz allein in der Nacht, Alles um ihn her in tiefe Finsterniß gehüllt, nur der Himmel über ihm sah etwas lichter aus, und der glänzende Stern mit dem bläulichen Lichte strahlte in heller Pracht auf ihn hernieder.

Zu gleicher Zeit schlugen die Kirchenglocken klar und deutlich ein Uhr nach Mitternacht.

42. Kapitel
Zweiundvierzigstes Kapitel.
Spaziergänge des Herrn Sträuber.

Noch in der letzten Hälfte der Nacht, von der wir im vorigen Kapitel erzählten, änderte sich das Wetter; der Wind war nach Osten herumgesprungen, hatte die trüben Wolken vor sich hergejagt [230] und Alles frisch und blank gefegt für eine blitzende Wintersonne, die wenn auch in diesem Monat spät, doch klar und freundlich aufging. – Wie sah in ihrem Lichte Alles ganz anders aus, als gestern im Schatten der Nacht! Da war der Kanal, da die Barrièren, an welchen Herr Beil jene Gestalt gesehen, die ihn glücklicherweise von seinem traurigen Vorhaben abgebracht; aber heute Morgen hatte das Alles durchaus nichts Unheimliches, und wenn jetzt auch noch so viele Wesen in schwarzen Mänteln und mit noch blitzenderen Augen dort gelehnt hätten, es würde sich Niemand weiter um sie bekümmert haben.

Auf dem Wasser des Kanals lag ein heller, freundlicher Schein; seine Ufer hatten sich mit Reif bedeckt, auf welchem die Sonnenstrahlen zahllose Brillanten hervorzauberten. Die kahlen Aeste der Bäume waren auf einer Seite wie vergoldet, während die andere eine bläulich unbestimmte Farbe hatte. Auch die Barrière war hell angestrahlt und warf einen koketten Schatten auf den Weg, der an ihr vorüber führte. Die einzelnen Häuser, die in der gestrigen Nacht so sehr entfernt zu stehen schienen, – denn man sah durch Dunkelheit und Nebel kaum ihre Umrisse, – waren jetzt im hellen Lichte näher gekommen und standen frisch und wohlgemuth da mit ihren glänzenden Fensterscheiben, mit den hohen rothen Dächern, die wie eine Morgenmütze aussahen, und aus deren Spitze der hellblaue Rauch empor wirbelte, – eine lustig aufgesteckte Feder.

Auch an mannigfaltiger Staffage fehlte es nicht: kleine Buben sprangen sich scheu umsehend und eilfertig dem Wasser zu, um nachzuschauen, ob nicht bald für eine solide Eisdecke Hoffnung sei; Hunde aller Rassen machten ihren Morgenspaziergang und trieben sich namentlich in der Nähe der Barrière herum, an der sie jeden Pfuhl beschnüffelten und hierauf zarte Erinnerungszeichen zurückließen; Weiber mit großen Körben voll Wäsche auf dem Kopfe drängten sich an die Treppen, die zum Kanal hinab führten, und [231] hatten einander, ehe sie ihre Arbeit begannen, wichtige Begebenheiten mitzutheilen. Von draußen herein kamen Bäuerinnen und brachten Eier und Butter auf den Markt, sie hatten meistens schon einen weiten Weg zurückgelegt, sahen etwas übernächtig und verschlafen aus, und wenn sie zuweilen tiefaufathmend einen Augenblick stehen blieben, so kam der Hauch aus ihrem Munde wie eine blaue Wolke hervor. – Das ging aber Alles an einander vorüber und Keines bekümmerte sich viel um die Begegnenden; die Buben liefen in das Haus zurück oder auf ihre Spielplätze, die Hunde suchten den warmen Ofen wieder auf und die Wäscherinnen begannen, immerfort plaudernd, ihr Geschäft.

So mochte es vielleicht neun Uhr geworden sein, als von draußen herein gegen die Stadt zwei Leute kamen, die in eifrigem Gespräch neben einander gingen. Es war ein Mann und eine Frau, letztere in der Tracht der Bauernweiber, und daß wir es dem geneigten Leser nur gestehen, Beide gehören bereits zu unserer Bekanntschaft: sie war jene Bauersfrau, welche wir bei Madame Becker gesehen, wo sie der unglücklichen Nähterin den Tod ihres Kindes angezeigt; und wenn wir von dem Manne, der neben ihr ging, sagen, daß er trotz der Kälte des Morgens einen ziemlich dünnen, abgeschabten schwarzen Frack trug, hohe, etwas gelbe Hemdkragen hatte, dazu einen fuchsigen Hut, und daß er mit großem Anstande daher schritt, so wird Niemand mehr im Zweifel sein, daß es der sehr ehrenwerthe Herr Sträuber war, den wir in jener Nacht im Fuchsbau kennen zu lernen das Vergnügen hatten.

Herr Sträuber trug heute zur Vervollständigung seiner Toilette graue baumwollene Handschuhe, auch dampfte in seinem Munde eine Cigarre. Er ging mit großer Würde neben der Frau her, und wenn er so zuweilen im Gespräche steif und wichtig mit dem Kopfe nickte, so gab er sich das Ansehen eines vornehmen Herrn, der zufällig mit einer ganz geringen Person spazieren geht [232] und sich vorgenommen hat, dabei sehr herablassend zu thun. Zuweilen blieb er auch stehen, stemmte beide Arme in die Seite und hob seine Nase gewaltig hoch empor, und dann stellte sich die Frau vor ihn hin, sprach eifrig mit ihm, und je ärger sie mit den Händen gestikulirte, desto ruhiger und würdevoller sah er auf sie herab; dann erfolgte ein abermaliges ernstes Kopfnicken und sie zogen weiter.

Als sie so an die Barrière kamen, wo gestern Nacht der Herr Beil gestanden und wo jetzt die Wäscherinnen lachten und plätscherten, versuchte es Herr Sträuber, einen großen Bogen zu machen, um nicht zu nah bei diesen Damen vorbei zu müssen. Die Bauersfrau achtete aber nicht darauf, daß sie in diesem Augenblicke besonders lebhaft erzählte, sondern sie ging so hart an der Schranke vorbei, daß sie im Eifer ihres Vortrags zuweilen ihre Hand auf dieselbe legte und den darauf gefallenen Reisen herab wischte, der sprühend auf die Erde fiel.

»Bst! bst!« machte eines der Waschweiber, als die Beiden näher kamen, mit leiser Stimme zu den andern, »schaut euch den an, der da kommt, das ist ein Seelenverkäufer, ein Sklavenhändler.«

»Ei der Tausend!« meinte eine andere, die sehr stämmig aussah, »sollen wir ihn nicht ein wenig unter die schmutzige Wäsche tauchen und sauber waschen?«

»Das wäre vergebliche Mühe,« entgegnete die erste; »wenn man den hundert Jahre in den Kanal versenkte, so käm' er doch wieder schwarz wie eine Kohle an Leib und Seele heraus.«

Die Bauersfrau, die diese Worte gehört, ging absichtlich langsam und zuckte verächtlich mit den Achseln. Ihr Begleiter dagegen machte einige lange Schritte, eilte ihr voraus, und als sie ihn in kurzer Zeit darauf wieder eingeholt, spuckte er grimmig aus und sagte: »Diese Bestien!«

[233] »Es weiß aber auch der Teufel,« meinte die Bauersfrau, »woher es kommt, daß Ihr in ein so schlechtes Renommée gerathen seid, und daß Euch alle Welt kennt wie einen bunten Hund.«

»Ich weiß es wohl,« entgegnete er mit zorniger Stimme; »ich kann mich nun einmal mit dem Pack nicht gemein machen; es ist eine Leidenschaft von mir, auf mein Aeußeres was zu halten. Ginge ich in einer schmierigen Jacke einher wie die Anderen, so wäre es freilich besser; aber dazu kann ich mich nun eben nicht entschließen.«

»Ja, ja,« erwiderte die Bauersfrau, indem sie ihn lächelnd von der Seite ansah, »Euer Aeußeres ist schon von dem unsrigen verschieden; aber ich möchte aus Eitelkeit nicht so frieren wie Ihr.«

Herr Sträuber zuckte mit den Achseln, während er entgegnete: »Das versteht Ihr nicht. Leider Gottes! kann ich wohl sagen, bin ich auf einer anderen Stufe als Ihr geboren, und kann das nun einmal nicht verleugnen. Und dann glaubt mir auch, es ist für uns Alle besser, daß auch Jemand, wie ich bin, da ist, mit dem honette Leute ein vertrauliches Wort sprechen können.« – Damit strich er sanft seinen Hemdkragen, zupfte darauf an den Handschuhen und drückte den Hut etwas näher an's rechte Ohr, ehe er fortfuhr: »Deßhalb halte ich es auch für Pflicht, etwas auf meine Reputation zu sehen, und darum wäre besser, Frau Bilz, wenn wir uns hier, wo die Straßen anfangen, für kurze Zeit trennten; in einer kleinen halben Stunde komme ich zu Meister Schwemmer und da sehen wir uns wieder.«

»Mir ist das auch schon recht,« sprach die Frau lachend; »aber haltet Euch nicht zu lange bei Euren vornehmen Bekanntschaften auf und kommt pünktlich.«

Herr Sträuber nickte statt aller Antwort nur, steckte die rechte Hand unter den zugeknöpften Frack und lenkte mit erhobenem [234] Kopfe in eine der breiteren Straßen ein, die hier anfingen; die Frau dagegen verlor sich in eine Seitengasse.

Er schritt mit ruhiger Behaglichkeit weiter, schaute rechts und links an die Häuser, blieb hier vor einem Laden stehen, betrachtete dort einen Augenblick die Leute, welche in's Kaffeehaus gingen oder heraus kamen, und gewann darauf immer wieder die Mitte der Straße, namentlich wo andere Gassen seinen Weg kreuzten. Da blieb er auch wohl einen Augenblick stehen, sa sich forschend nach allen Seiten um und veränderte hierauf nicht selten seine Richtung.

So that er auch jetzt wieder und schoß mit großer Geschwindigkeit in eine Seitenstraße, wobei er den Blick nicht von einer Stelle auf dem Pflaster verwandte. Als er sie erreicht, schaute er um sich her, bückte sich und griff Etwas vom Boden auf, das er hierauf lächelnd in seine Tasche steckte. Es war ein kleines Portemonnaie, das Jemand da verloren haben mußte. Und so war es auch, denn kaum hatte Herr Sträuber einige Schritte weiter gethan, so stürzte aus einem Hause ein junges Mädchen heraus, das sich überall auf dem Boden umsah, und dann auch den im schwarzen Frack im Vorübergehen fragte, ob er nicht Etwas gefunden, worauf dieser begreiflicherweise die Achseln zuckte und bedauernd verneinte.

»Das ist kein schlechter Anfang,« sprach er zu sich selber, als er wieder in eine belebtere Straße eingebogen war, »und da uns der Zufall so günstig ist, so könnte auch am Ende mit leichter Handarbeit Etwas zu verdienen sein.«

So denkend, stellte sich Herr Sträuber wenige Augenblicke nachher vor einen großen Bilderladen, vor dem sich schon eine Menge Personen befanden, und schien sich angelegentlich die Kupferstiche und Lithographen zu betrachten, in Wahrheit aber erforschte er genau die Physiognomien seiner Nachbarschaft, und mochte endlich seinen Mann gefunden haben, denn er schob sich leise hinter [235] einen jungen Herrn, der eine Dame am Arme hatte und eifrig bemüht war, derselben die Schönheit irgend eines großen Blattes zu erklären. Die Dame trug einen mit Pelz besetzten Sammetmantel und einen grauen Muff, aus welchem ein zierlich gesticktes Sacktuch hervor sah.

Herr Sträuber, der voll Enthusiasmus für eine büßende Magdalena zu sein schien, die sich in Kupferstich ebenfalls an dem Fenster befand, drängte sich, dabei sehr um Entschuldigung bittend, zwischen die junge Dame und einen dicken Herrn, der auf der andern Seite stand, worauf denn auch geschah, was er sich gedacht: die Dame in ihrer Artigkeit, wahrscheinlich befürchtend, mit ihrem vorgehaltenen Muff zu viel Platz für sich wegzunehmen, zog die rechte Hand heraus und nahm ihn leicht in die linke, worauf sich Herr Sträuber augenblicklich tief herabbückte, um am Kupferstich der büßenden Magdalena den Namen des Künstlers, der das Blatt gestochen, lesen zu können, zu gleicher Zeit aber auch, um durch einen unbemerkbaren Ruck das reichgestickte Taschentuch an sich zu bringen, worauf er nichts Eiligeres zu thun hatte, als, sich zurückziehend, dem Gedränge zu entschlüpfen und mit möglichster Schnelligkeit in einen benachbarten Laden zu treten, wo er sich von dem gefundenen Gelde eine neue Cigarre kaufte.

Er zündete diese mit äußerster Langsamkeit an, dann fragte er nach dem Preise verschiedener Artikel, ließ sich auch einige Sorten feinen Tabak vorlegen, sprach über dies und das mit dem einfältig aussehenden Ladendiener, und als er fast eine Viertelstunde nachher den Laden verließ und wieder auf die Straße trat, er hatte natürlicherweise vorher auf's Sorgfältigste nach dem Bilderladen hinübergespäht, – fand er zu seinem größten Erstaunen, daß sich ein ganzes Paket Cigarren zufällig unter die Schöße seines Fracks verirrt hatte und nun freiwillig mitgegangen war. Er hielt aber die Sache [236] für zu geringfügig, um deßhalb nochmals in den Laden zurückzukehren.

Hierauf verließ Herr Sträuber die Hauptstraßen und wandte sich den stilleren und entlegeren Stadtvierteln zu. Er schritt gedankenvoll durch eine enge Gasse, die auf einen freien Platz müngete, wo sich eine Kirche befand. Es war dies ein altes Gebäude mit dicken Strebepfeilern, zwischen denen man kleine Kramladen eingebaut hatte. Die Kirche stieß mit dem Chor an ein altes Kloster, das den Platz absperrte, und in welchem sich nur ein langer und finsterer Thorweg befand, der die einzige Verbindung zwischen hier und den hinten liegenden Straßen war. Diesem Eingänge schlenderte Herr Sträuber zu, mit außerordentlich langsamen Schritten und zwar so langsam, daß er ein kleines Mädchen von acht bis zehn Jahren, welches mit einem Körbchen in der Hand vor ihm ging, nicht einmal überholte; doch blieb er dicht hinter ihr und betrat fast zu gleicher Zeit mit der Kleinen das einsame halbdunkle Gewölbe. Dann blickte er scharf ausspähend vorwärts und rückwärts, und als er kein menschliches Wesen weder auf dem Platze noch in der anderen Straße gewahrte, hatte er mit einem Schritt das Mädchen erreicht, faßte es mit raschem Griff fest an ihrem Hals und sagte: »Sobald du schreist, bring' ich dich um!« – Das arme Geschöpf war wie vom Schlage gerührt, und wenn sich auch ihr Mund krampfhaft öffnete, so brachte sie doch keinen Laut hervor, fing aber an leise zu weinen, als er sie nun bis in die Mitte des Thorwegs schleppte, ihr dort mit großer Geschicklichkeit die kleinen goldenen Ohrringe entriß, und dann, ihr nochmals mit der Faust drohend, in raschen Sprüngen entschwand. Hinter dem Gewölbe bog er rechts in eine kleine Gasse, dann links in eine andere, und beeilte sich soviel als möglich, in ein anderes Stadtviertel zu kommen, was ihm auch nach einer kleinen Viertelstunde ungefährdet gelang.

[237] Hier ging er langsamer, zog ruhig seinen Frack in die Taille herab, der ihm bei dem raschen Laufe etwas in die Höhe gerutscht war, richtete auch seine Vatermörder auf und schob den Hut wieder auf die Mitte des Kopfes. Als dies geschehen, betrachtete er die Straße, in der er sich befand, und schlug dann eine neue Richtung ein, die ihn bald in die Nähe des Fuchsbaues brachte. Doch ging er hier vorüber, durchschritt noch einige kleine Gäßchen und kam so in die Nähe der alten Stadtmauer, wo die Häuser lichter wurden und hie und da kleine Gärten zwischen ihnen zerstreut lagen. Auf einen der letzteren schritt er zu; dieser war mit einer ziemlich hohen Mauer umgeben und hatte ein kleines Thor, das nur angelehnt war. Er öffnete es und ging zwischen den kahlen Gartenbeeten einem kleinen und baufällig aussehenden Hause zu, welches eigentlich das Ansehen hatte, als sei es unbewohnt und werde nur von dem Gartenbesitzer als Scheune benutzt. Die Fundamente dieses Hauses mußten auf einer Seite gewichen sein, denn es stand vollständig schief und sah deßwegen sowie auch, weil sämmtliche Fensterladen verschlossen waren, recht trostlos aus. Wenn man es betrachtete, so drängte sich Einem unwillkürlich die Idee auf, es habe sich dort einmal ein Selbstmörder aufgeknüpft, und sei da lange, lange Jahre vergessen hängen geblieben.

Dies Haus wurde in seinen unteren Theilen auch nur zum Aufbewahren von Stroh und alten Geräthschaften benützt, oben schien nur noch ein einziges Zimmer praktikabel zu sein, und das war die Wohnung unseres Bekannten, des Theaterschneider-Gehilfen-Schellinger. Von der Treppe existirten nur noch einige halbmorsche Balken und Bretter, die in ihrer traurigen Gestalt nur sehr undeutlich anzeigten, wo es für einen Wagehals möglich sei, hinauf zu steigen.

Herr Sträuber öffnete dieses Haus, trat hinein und schloß die Thüre wieder sorgfältig hinter sich zu, dann schritt er durch [238] den öden Gang und zu einer hinterm Thüre wieder hinaus auf einen kleinen Hof, an dessen Ende sich ein anderes und besser erhaltenes Gebäude befand.

Augenscheinlich bildete das verlassene Haus vorn eine Art von Schutz und Schirm für das hintere, denn dieses, in einem Winkel der Stadtmauer gelegen, und vorne gedeckt, verbarg sich so vollkommen vor den Blicken aller Unberufenen.

43. Kapitel
Dreiundvierzigstes Kapitel.
Hehlerei.

Nachdem Herr Sträuber durch den Hof geschritten war, klopfte er leise an die Thüre des anderen Hauses; diese wurde augenblicklich geöffnet und er trat in einen Gang und von da in ein Zimmer, in welchem eine sehr unangenehme warme Atmosphäre herrschte. Der Ofen schien übermäßig geheizt zu sein, und es roch hier nach kleinen Kindern, mit deren Reinlichkeit man es nicht gerade sehr genau zu nehmen pflegt.

Frau Bilz saß am Fenster, sie hatte ihren Kopf in die Hand gestützt und sprach mit einem Manne, der neben dem Ofen in einem alten ledernen schmutzigen Lehnsessel ruhte. Dieser Mann war nicht über vierzig Jahre, sah aber aus wie ein kranker Sechziger; er war angethan mit einem dunkeln Schlafrock von nicht mehr zu erkennender Farbe, und seine Füße, die in dicken Filzschuhen [239] staken, lagen über einander auf einen kleinen Fußschemel; auf seinen Knieen hatte er ein rothkarrirtes Schnupftuch ausgebreitet, mit dem er sich häufig die Nase putzte und das er oft vor seinen Mund hielt, wenn er nämlich anfing zu husten, was alle Augenblicke geschah. Es war ein schlimmer Husten, der ihn sehr zu plagen schien; er brachte ihn ganz außer Athem und röthete dann auf Sekunden seine tief eingefallenen bleichen Wangen.

Auf diesen Mann ging Herr Sträuber zu, reichte ihm nachlässig seine Hand und begrüßte ihn, wobei er aber seinen Hut auf dem Kopfe behielt. Jener dagegen nickte ihm lächelnd zu und nahm dann eine Schnupftabaksdose, die neben ihm auf dem Tische stand, öffnete sie und bot dem eben Eingetretenen eine Prise. Herr Sträuber nahm einige Körner und that nur so, als schnupfe er, indem er seine Finger leicht hinauf an die Nase warf, in Wahrheit aber ließ er den Tabak auf den Boden fallen und schnüffelte dazu auf eine unangenehme Art.

»Aber es ist hier verdammt heiß,« sagte er hierauf, während er sich auf einen Sitz am Fenster niederließ, seinen Hut abnahm und mit dem bewußten feinen Spitzentuch, das er aus der Brusttasche gezogen, seine Stirne abtrocknete.

Die Frau neben ihm sah diese Bewegung, und da sie wohl wissen mochte, welcher Art Taschentücher sich der Herr Sträuber gewöhnlich zu bedienen pflegte, so lächelte sie verschmitzt und streckte die Hand nach dem kostbaren Spitzengewebe aus, indem sie sagte: »Was soll der Lappen kosten?«

»Ich habe Euch den Lappen noch gar nicht angeboten,« entgegnete der Andere, während er Miene machte, das Tuch wieder in seine Brusttasche zu stecken. »Ihr seid ein furchtbar rohes und habgieriges Weib, Frau Bilz; aber ich will Euch verzeihen, da Ihr nicht eine Spur von Bildung genossen habt, sonst müßte offenbar dies zudringliche Fragen nach Sachen, die Euch durchaus nichts angehen, mit einem stolzen Stillschweigen beantwortet werden. – [240] Im Uebrigen kostet das Tuch zwei Gulden, nicht einen Kreuzer weniger.«

»Zwei Gulden!« lachte die Frau mit geringschätzender Miene, erfaßte aber eifrig einen Zipfel des fraglichen Gegenstandes, um ihn näher zu betrachten.

»Halt da!« sprach Herr Sträuber mit großer Gelassenheit, »zwei Gulden und dann das Tuch.«

»Aber ich darf es doch vorher ansehen?«

»Nicht die Idee einer Tertie vorher; das Tuch hat zehnmal so viel wirklichen Werth. – Dann kommt es auch,« setzte er seufzend hinzu, »von einer schönen Herzogin, die –«

Der Mann am Ofen wollte laut hinaus lachen, brachte es aber nur zu einem gräßlichen Hustenanfall; worauf sich der Andere geringschätzend nach ihm umwandte und verächtlich die Achseln zuckte.

»Nun, ich will Euch was sagen,« meinte Frau Bilz, »für das Tuch gebe ich Euch einen Gulden, und lege noch dreißig Kreuzer darauf für das Andenken an die schöne Herzogin. – Hier ist klingendes Geld, nehmt es, denn ich weiß, daß Ihr sehr auf dem Trockenen seid.«

»Da irrt Ihr Euch,« entgegnete gelassen Herr Sträuber und zog das gefundene Portemonnai heraus. »Seht her, wie ich bei Kasse bin, – das Honorar eines Clienten, für den ich einen schwierigen Prozeß gewonnen; es handelte sich dabei um nichts Geringeres, als die ersten Advokaten des Gerichtshofes total hinter das Licht zu führen. – Ich that es.«

»O weh! er hat Geld,« rief die Frau; »da kostet mich das lumpige Tuch zwei Gulden.«

»Und vierundzwanzig Kreuzer,« sagte gravitätisch Herr Sträuber; »sein Werth steigt mit jedem Zaudern.«

»Nun denn, in's Teufels Namen, gebt her!« versetzte ärgerlich [241] das Weib, warf einen Fünffrankenthaler auf den Tisch und zog dann das Tuch hastig an sich. – »Das sind vier Kreuzer weniger, das hält uns an einander.«

Bei diesen Worten breitete sie das Tuch gegen das Licht aus, und als sie sah, daß es vollkommen unversehrt war, steckte sie es schmunzelnd ein.

»Braucht Ihr auch Ohrringe?« fragte Herr Sträuber nach einer kleinen Pause, während welcher er aus seiner Cigarre mächtige Züge gethan. – »Fast neue goldene Ohrringe.«

»Auch von einer Herzogin?«

»Nein, Herzoginnen tragen nur Brillanten. Doch wie solltet Ihr das wissen? Diese Ohrringe ließ ich für ein Pathchen von mir machen, sie waren aber etwas zu groß ausgefallen, und nun will der Spitzbub von Juwelier sie nur für den Goldwerth zurücknehmen. – Da sind sie.«

»Ei!« rief der Mann am Ofen, »Goldsachen! – Das ist mein Geschäft; laßt die Finger davon, Frau Bilz, und begnügt Euch mit Euren Lumpen. – Gebt mir die Ohrringe einmal her!«

»Hier sind sie,« sagte die Frau; worauf sie dem Meister Schwemmer die Ringe gab. »Aber Euer Pathchen,« wandte sie sich hierauf an Herrn Sträuber, »muß ein recht ungewaschenes Ding sein: von einmaligem Anprobiren sind die Ohrringe schon ganz angelaufen! – Da ist auch ein Blutflecken.«

»Laßt mich aus mit Euren Dummheiten!« schnaubte sie Herr Sträuber an. – – »Blut, Blut! Mit Eurem miserablen Gewäsch! Ihr wißt wohl, daß ich das nicht leiden kann.«

»Richtig,« sprach der Mann am Ofen, »er kann das nicht leiden, kann's auch weder sehen noch riechen, das hat er bei vielen Veranlassungen bewiesen. – Nun, ihr braucht Euch nicht zu ärgern, es ist einmal Eure Art so, Ihr habt Sympathien für schöne Herzoginnen, aber nicht für das Dreinschlagen.«

Meister Schwemmer hustete hierauf gewaltig, dann erhob er [242] seinen Knotenstock und klopfte damit auf ein Blech hinter dem Ofen, worauf eine Weiberstimme aus dem Nebenzimmer sogleich fragte: »Was gibt's denn?«

»Bring' mir den Probirstein und die Goldwage.«

Bei dem Schlag auf das Blech war der Herr Sträuber erschrocken zusammen gefahren. Wahrscheinlich hatte das Gespräch von Blut seine Nerven irritirt, denn er warf hastig seinen Kopf herum und murmelte alsdann etwas von rohem Volk, von Mangel an Erziehung und Bildung und vom Unglück eines honetten Menschen, der durch Ungunst der Verhältnisse gezwungen sei, unter solcher Canaille zu leben.

»Das Gold ist gut,« sagte Meister Schwemmer, »sechzehnkarätig; ich zahle Euch dafür einen Gulden und dreißig Kreuzer; und wahrhaftig nur so viel, weil der Blutflecken daran ist; seit ich meinen Bluthusten habe, macht es mir doppeltes Vergnügen, dergleichen auch von Anderen zu sehen. – Wollt Ihr einen Gulden und dreißig Kreuzer?«

»Meinetwegen! meinetwegen!« versetzte hastig Herr Sträuber, »obgleich ich den bittersten Schaden daran habe, denn mich kosten sie sechs Gulden.«

Beide Theile schienen indessen mit dem gemachten Handel wohl zufrieden zu sein. Herr Sträuber strich sein Geld ein und Meister Schwemmer polirte mit dem rothkarrirten Taschentuch eifrigst an den Ohrringen, bis sie wieder in hellem Glanze strahlten.

Es trat hier eine Pause ein, nur zuweilen unterbrochen von einem leisen Husten des Mannes am Ofen, oder von einem Geklapper im Nebenzimmer, wo das Weib, welches vorhin die Goldwage gebracht, mit allerlei Kesseln und Eisenwaaren herumhantirt