ÜBERGANG
Rückblick: Das Chaos der Elemente

Der mythische Gott, die plastische Welt, der tragische Mensch – wir halten die Teile in der Hand. Wir haben wahrhaftig das All zerschlagen. Je tiefer wir in die Nacht des Positiven hinabstiegen, um das Etwas unmittelbar bei seinem Ursprung aus dem Nichts zu erhaschen, desto mehr zerbrach uns die Einheit des All. Das Stückwerk des Wissens, das uns jetzt umgibt, schaut seltsam fremd zu uns auf. Es sind die Elemente unsrer Welt, aber wir kennen sie so nicht; es ist das, woran wir glauben, aber nicht so, wie es uns hier entgegentritt, glauben wir daran. Wir kennen eine lebendige Bewegung, einen Stromkreis, in dem diese Elemente schwimmen; nun sind sie herausgerissen aus dem Strom. In der Bahn des Gestirns, das über unserm Leben strahlt, sind sie uns vertraut und glaubwürdig in jedem Sinn; herausgelöst, abgezogen zu bloßen Elementen einer rechnerischen Bahnkonstruktion, erkennen wir sie nicht wieder. Wie sollten wir sie auch erkennen! Erst die Bahnkurve kann ja das Geheimnis der Elemente ins Sichtbare bringen. Erst die Kurve führt aus dem bloß Hypothetischen der Elemente ins Kategorische der anschaulichen Wirklichkeit. Ob die Elemente mehr als bloße Hypothesen waren: erst ihre Fähigkeit zum Aufbau der sichtbaren Bahn kann es bewähren.

Das heimliche Wenn

Das Hypothetische – das ist das Wort, das uns jenes fremde Aussehen der Stücke des All erklärt. Keines dieser Stücke hat einen sicheren, unverrückbaren Ort; über jedem steht ein heimliches Wenn geschrieben. Siehe da: Gott ist und ist seiendes Leben; siehe da: die Welt ist und ist begeistete Gestalt; siehe da: der Mensch ist und ist einsames Selbst; – aber fragst du, wie denn eines zum andern sich finde, wie denn der Mensch in seiner Einsamkeit nun Platz nehme in der geistbewegten Welt, wie denn der Gott in seiner Schrankenlosigkeit es aushalte neben einer in sich geschlossenen Welt, einem in sich einsamen Menschen, wie denn diese Welt in ihrer ruhigen Gestalthaftigkeit noch Raum lasse für unendliches Leben Gottes, ein eigenes Sein des Menschen, fragst du solche Fragen, so stürzt ein ganzer Schwarm von Wenns als Antwort auf dich ein. In ruhiger Festigkeit mögen, ehe du fragst, die drei Elemente nebeneinander zu liegen scheinen, jedes in einem gegen außen blinden Ein- und Allgefühl des eigenen Daseins. Hierin sind sie alle drei untereinander gleich. Auch Gott, auch die Welt, nicht der Mensch allein, sind jedes ein einsames Selbst, das in sich starrend von keinem Draußen weiß; auch Mensch und Welt, nicht Gott nur, leben in der innerlichen Lebendigkeit ihrer eigenen Natur; ohne eines Seins außer dem eigenen zu bedürfen; auch Mensch und Gott, nicht bloß die Welt, sind in sich geschlossene Gestalt und eignen Geists begeistet.

Das offenkundige Vielleicht

So scheinen alle Grenzen und Unterschiede zu verschwimmen; jedes Teil setzt sich monistisch als das Ganze. Aber es sind eben doch drei Monismen, drei Ein- und Allbewußtseine, die hier nebeneinander aufschießen; drei Ganze waren wohl möglich, drei Alls sind undenkbar. Und so muß die Frage nach den Verhältnissen denn doch gefragt werden. Aber eben sie steigert die Verwirrung aufs höchste. Denn es gibt kein Verhältnis, das hier ausgeschlossen wäre. Es gibt keine feste Ordnung zwischen den drei Punkten Gott, Welt, Mensch; es gibt kein Oben und Unten, kein Rechts und Links. Zu keiner Ordnung der dreie sagt das heidnische Bewußtsein entschlossen Ja oder Nein. Jede wird durchprobiert. Aus den Wenns springen die Vielleichts. Ist Gott der Schöpfer der Welt, der sich selbst dem Menschen offenbarend Mitteilende? Vielleicht; Platon lehrt die Schöpfung und mancher Mythologe Europas und Vorderasiens mit ihm; in Hunderten Orakelstätten, auf Tausenden Altären, im zuckenden Eingeweide des Opfers, im Flug der Vögel, im stillen Wandel der Sterne – überall spricht der Mund der Götter zum Menschen, überall steigt der Gott hernieder und tut seinen Willen kund. Aber siehe da: vielleicht ists auch anders. Sind nicht die Götter Teile und Ausgeburten der ewigen Welt? Aristoteles lehrt es und zahlreiche Theogonien allerorten mit ihm. Und offenbart nicht der alten Erde Mund dem Menschen alles, was ihm zu wissen frommt? der Kampf zwischen Gäa und den Himmlischen um das Recht der Orakel, das ganze Heidentum kämpft ihn nicht aus. Und Götter selber steigen hernieder und holen sich Rats aus der Erde Mund und erfragen ihr göttliches Geschick aus dem Spruche des voraussinnenden, weisen Sohns der alten Mutter. Und der – wer weiß denn, ob er nicht selber, er das Maß aller Dinge, der wahre Schöpfer ist und alles so, wie seine Satzung es fügte, beschaffen. Sind nicht Menschen durch Menschenspruch in die Sterne versetzt? Götter geworden? Ja, wären vielleicht alle, die man als Götter heute verehrt, gestorbene Menschen von einst, Könige und Helden der Vorzeit? Und alles Göttliche nichts als erhöhtes menschliches Selbst? Aber nein – in erdgebundner, götterscheuer Schwäche kriecht das menschliche Leben dahin, mit demütigem Gebet versuchend, den Willen der Himmlischen zu wenden, dem Zwang des Äußern mit zauberkräftigem Gegenzwang begegnend, doch nimmer fähig, die Grenzen des Menschlichen zu überschreiten; der Erde dunkle Macht und des unbegreiflichen Verhängnisses drücken ihm den stolzen Nacken nieder – wie sollte er sich vermessen, der Erde und des Schicksals Herr zu sein?

Vielleicht, vielleicht, – ein Wirbelwind der Widersprüche, in den wir geraten sind: bald scheints, als ob Gott der Schöpfer und Offenbarer oben thronte, Welt und Mensch ihm zu Füßen, bald wieder als ob die Welt auf dem Herrscherstuhl säße, Gott und Mensch ihre Ausgeburten, bald wieder als ob der Mensch zu oberst stünde und Welt und Göttern das Gesetz seiner Art zuwöge, er aller Dinge Maß. Es ist ja kein Drang in den dreien, zu einander zu kommen; jedes ist nur als Ergebnis entstanden, als Abschluß; abgeschlossen in sich, die Augen ins eigene Innere gerichtet, jedes sich selber ein All. Da kann nur die Willkür, nur das Vielleicht Beziehungen behaupten; nein nicht behaupten, vermuten höchstens, und eine Beziehung, eine Ordnung so gut wie die andre. Vielleicht, vielleicht – es gibt keine Gewißheit, es gibt nur ein kreisendes Rad der Möglichkeiten. Wenn steigt über Wenn, Vielleicht sinkt unter Vielleicht.

Und selbst im Innern der dreie herrscht das Vielleicht. Ungewiß bleibt hier nichts Geringeres als Zahl und Ordnung. Wenn jedes sich selber ein All ist, so trägt es in sich die Möglichkeit zur Einheit so gut wie zur Vielheit. Im bloßen Sein ist alles möglich und alles nur möglich. Und was wir bisher fanden, war lauter Sein, lauter Tatsächlichkeit, etwas Großes gegenüber der reinen Ungewißheit des Zweifels: die Tatsächlichkeit des Göttlichen, Menschlichen, Weltlichen; etwas Geringes für das Verlangen des Glaubens. Den Glauben kann die bloße Tatsächlichkeit des Seins nicht befriedigen; er verlangt hinaus über dies Sein, in welchem innerhalb der einen Voraussetzung des Seins noch alles möglich ist; er verlangt nach eindeutiger Gewißheit. Die aber vermag das Sein nicht mehr zu geben. Erst die Beziehung, die als Wirklichkeit zwischen den Tatsachen des Seins vermittelt, erst sie begründet eindeutige Zahl, eindeutige Ordnung. Das gilt schon in den einfachsten Verhältnissen. Ob etwa die Zahl 3 Einheit oder Vielheit ist, das wird erst bestimmt durch die Gleichung, in der sie auf andre Zahlen bezogen wird; erst die Gleichung bestimmt sie etwa als = 1 x 3 zur Einheit oder als = 3 x 1 zur Vielheit; vor der Gleichung ist sie bloßes Sein und als solches Integral, Allheit, Allmöglichkeit, zu bestimmen nur durch das absolut unbestimmte, alle Möglichkeiten in sich enthaltende Produkt aus ∞ und 0. Wie die Zahl, so die Ordnung. Ob das einzelne Sein, etwa der Punkt x₁, y₁, z₁ Element einer Geraden, einer Kurve, einer Fläche, eines Körpers, welcher Geraden, welcher Kurve, welcher Fläche, welches Körpers sei, all das bestimmt sich erst durch die Gleichung, die ihn zu x₂, y₂, z₂ in differentiale Beziehung bringt. Vorher ist der Punkt Allmöglichkeit, gerade weil er als feste Tatsächlichkeit im Raum Sein hat. So können auch die drei Elemente des Alls ein jedes in seiner inneren Mächtigkeit und Struktur, in seiner Zahl und Ordnung erst erkannt werden, wenn sie miteinander in eindeutige, dem Wirbel der Möglichkeiten entrückte, wirkliche Beziehung treten.

Das herrschende Wer weiß

Weil also das Altertum zwar die Tatsächlichkeit von Mensch, Welt, Gott lebendig besaß, aber ihre wechselseitigen Beziehungen nicht aus dem gestaltenschwangeren Nebel des Vielleicht heraus in helle eindeutig beleuchtete Wirklichkeit holte, deshalb konnte es nicht zur Klarheit kommen in allen Fragen, die über die bloße Tatsächlichkeit hinausführen. Ein Gott? viele Götter? ein Reich von Göttern? mehrere Reiche? die mit einander streiten? gegeneinander verbündet sind? die einander in der Folge der Zeiten ablösen? Wer weiß, wer weiß, wer weiß – –. Eine Welt? viele Welten? nebeneinander? übereinander aufsteigend? einander folgend? in geradliniger Folge? kreishaft ineinander laufend in ewiger Wiederkehr? Wer weiß, wer weiß, wer weiß – –. Ein Menschheitsselbst in allen eins? viele Selbste? Menschheiten einander folgend in Geschlechtern? gruppenhaft gegeneinander geschart? ins Unendliche in Einzelselbste zersplittert? oder die Heroen untereinander zusammengefaßt zur heroischen Gemeinschaft? zur einen Walhalls oder Elysions? zum Kampf der Achäer und Troer? zum Nacheinander der Vätergeschichte und der rächenden Epigonen? oder der Held einsam in einer heldenlosen Welt seine Arbeiten verrichtend und einsam im Flammenstoß zu den Göttern steigend? Wer weiß, wer weiß, wer weiß – –

Ein schillernder Glanz des Vielleicht liegt über Göttern, Welten und Menschen. Gerade weil es den Monismus eines jeden dieser drei Elemente im vollendeten Eins- und Allgefühl ihrer Tatsächlichkeit ganz ausgebaut hat, gerade deshalb ist das Heidentum – Polytheismus nicht bloß, sondern Polykosmismus, Polyanthropismus ; gerade deshalb zersplittert es das schon in seine Tatsächlichkeiten zerstückelte All noch einmal in die Splitter seiner Möglichkeiten. Die vollgewichtige, doch lichtlose Tatsächlichkeit der Elemente zerweht in die gespenstischen Nebel der Möglichkeit. Über dem grauen Reich der Mütter feiert das Heidentum den farbenklingenden Geisterreigen seiner klassischen Walpurgisnacht.

Ausblick: Der Welttag des Herrn
Bewegung

Das orgiastische Durcheinander des Möglichen ist so nur die äußerliche sichtbare Erscheinung der elementaren inneren Zerstückelung des Wirklichen. Wollen wir Ordnung, Klarheit, Eindeutigkeit, – Wirklichkeit in jenen Taumeltanz des Möglichen bringen, so gilt es jene unterirdisch zerstückelten Elemente zusammenzufügen, sie aus ihrer gegenseitigen Ausschließlichkeit in einen klaren strömenden Zusammenhang zu bringen und, statt in der Nacht des Positiven zu versinken, wo jedes Etwas die Riesenformen des All annehmen möchte, wiederum aufwärts zu steigen. Aufwärts aber, zurück ins eine All der Wirklichkeit trägt uns nur der eine Strom der Weltzeit, der jene scheinbar ruhenden Elemente selber mit sich führt in rollender Bewegung, und der in dieser Bewegung von Weltmorgen über Weltmittag zu Weltabend die ins Dunkel des Etwas auseinandergestürzten Elemente des All wieder zusammenführt in dem einen Welttag des Herrn.

Aber wie sollen die Elemente ins Strömen kommen? Dürfen wir den Strom ihnen von außen zuführen? Nimmermehr, – dann wäre der Strom selber ein Element und die drei Elemente nicht die seinen. Nein, aus den Elementen selber muß die Bahn der strömenden Bewegung ihren Ursprung nehmen, und ganz und gar und nur aus den Elementen; sonst wären es nicht die Elemente, und unser Glaube an ihre Tatsächlichkeit, den wir bisher mutig zugrundelegten, würde nicht durch das Bild der bewegten Wirklichkeit, in der wir leben, bestätigt. Die Elemente selber müssen in sich die Kraft bergen, aus welcher Bewegung entspringt, und in sich selbst den Grund ihrer Ordnung, in der sie in den Strom eintreten.

Verwandlung

In sich selbst sollen sie die Kraft tragen, aus welcher Bewegung entspringt? Aber wie denn, – gerade in ihrer Tatsächlichkeit, in ihrer blinden Insichgekehrtheit haben wir sie gefunden; wie sollen sie ihre Blicke nach außen richten? Was bedeutet dies Verlangen? Wie sollen die Ergebnisse Ursprünge werden können? Und doch sollen sie es. Aber wie das? Erinnern wir uns, wie sie uns zu Ergebnissen wurden. Vom Nichts des Wissens aus ließen wir sie, geleitet vom Glauben an ihre Tatsächlichkeit, entstehen. Dies Entstehen ist kein Entstehen in der Wirklichkeit, sondern es ist ein Gang in dem Raum vor aller Wirklichkeit. Nicht an Wirkliches grenzt die Wirklichkeit der drei Ergebnisse, nicht aus Wirklichem sind sie uns entstanden, sondern sie sind Anrainer des Nichts, und das Nichts des Wissens ist ihr Ursprung. So sind die Kräfte, die in dem Ergebnis zuletzt zusammenfließen, Machttat und Schicksalsmuß in Gott, Geburt und Gattung in der Welt, Willenstrotz und Eigenart im Menschen, – so sind diese Kräfte nicht Kräfte der sichtbaren Wirklichkeit, sondern entweder bloße Haltepunkte auf unserm, der Erkennenden, Weg vom Nichts unsres Wissens zum Etwas des Wissens oder, wenn denn, wie wir wohl zugeben müssen, dem Nichts unsres Wissens ein wirkliches Nichts entspricht, geheime Kräfte jenseits aller je uns sichtbaren Wirklichkeit, dunkle Mächte, die im Innern von Gott, Welt, Mensch am Werke sind, ehe daß Gott, Welt, Mensch – offenbar werden. Aber ihr Offenbarwerden rückt dann all jene geheimen Bildekräfte ins Vergangene und macht das, was uns bisher Ergebnis schien, selber zum Anfang. Und ebenso auch, wenn wir denn doch lieber, vorsichtig am Drahtseil des Erkenntnisbewußtseins entlang kletternd, das Nichts nur als Nichts des Wissens ansehen wollten, auch dann beginnt erst beim fertigen Ergebnis dem Wirklichen gegenüber der Anfang. Was wir aber für sei es geheime Bildekräfte vor der Geburt ins Offenbare, sei es für letzte Etappen auf der Straße der erkennenden Konstruktion nahmen, das wird dann, wenn die Ergebnisse sich in Ursprünge umkehren, als erste Offenbarung ihres Inneren aus ihnen hervorsteigen. So wird das, was jenseits der Wirklichkeit in ihnen zusammenfließend sie verwirklichte, als erstes Zeugnis ihrer Wendung zur Wirksamkeit von ihnen ins Diesseits der Wirklichkeit hinausfließen. Eine Wendung ist es, eine Umkehr. Was als Ja einmündete, wird als Nein ausstrahlen, was als Nein einging, ausgehn als Ja. Denn das Offenbarwerden ist die Umkehr des Werdens. Das Werden nur ist geheim. Das Offenbarwerden aber ist – offenbar.

Ordnung

So verwandelt sich das reine Tatsächliche in den Ursprung der wirklichen Bewegung. Aus fertigen Ringen werden Glieder einer Kette. Aber wie ordnen sich die Glieder? Zeigt sich trotz ihrer blinden Insichgekehrtheit in den Elementen selber vielleicht doch schon eine Andeutung wenigstens ihrer Reihe und Ordnung zur Kette der Bahn? Gleich wie trotz ihrer Insichgekehrtheit in ihnen selber schon die Vorbedingung ihrer Umkehr ins Offenbare lag. Sehen wir zu. Wir hatten Gott, Welt, Mensch in den Gestalten gefunden, in denen das reife Heidentum sie glaubte, den Gott als den lebendigen des Mythos, die Welt als die plastische der Kunst, den Menschen als den heldischen der Tragödie. Aber zugleich hatten wir diese lebendigen Wirklichkeiten der geschichtlichen Antike als Gegenwart des Gedankens dargestellt, indem wir im Metaphysischen, Metalogischen, Metaethischen den Grundcharakter der Wissenschaften von Gott, Welt, Mensch behaupteten, ja in der vorausgeschickten Einleitung diese Grundcharaktere der Wissenschaft als die spezifisch modernen und gegenwärtigen zu erweisen suchten. Ein scheinbarer Widerspruch – oder wollen wir mit dieser Modernität der metaphysischen, metalogischen, metaethischen Ansicht etwa unmittelbar das Heidentum erneuern? Schieben wir die Antwort auf die letzte Frage lieber noch für später auf; der scheinbare Widerspruch wird sich schon ohne sie lösen.

Folge

Es war nämlich in den drei Fällen nicht allemal das gleiche Verhältnis, in das unsre Darstellung die moderne Wissenschaft zu ihrer jeweiligen Verwirklichung in der Geschichte setzte. Beim mythischen Gott war der Ort der geschichtlichen Wirklichkeit die geglaubte Gottesvorstellung der Antike, beim tragischen Menschen ihr lebendiges Selbstbewußtsein, bei der plastischen Welt ihre erzeugte Weltanschauung. Der Unterschied scheint nicht tief zu greifen; in Wahrheit reicht er sogar tiefer als uns in diesen bloß überleitenden Bemerkungen darzustellen erlaubt ist. Denn in der geglaubten Gottesvorstellung finden wir die Erbschaft, die aus einer unvordenklichen Vergangenheit der Antike überkommen war; im lebendigen Selbstbewußtsein sehen wir die Luft, die sie atmete, in der erzeugten Weltanschauung das Erbe, das sie den Kommenden übermachte. So erscheint die Antike in dreierlei zeitlicher Gestalt: einem ihr selber in der Vergangenheit liegenden Vorleben, einer mit ihr selbst gekommenen und vergangenen Gegenwart und einem über sie hinaus führenden Nachleben. Das erste ist ihre Theologie, das zweite ihre Psychologie, das dritte ihre Kosmologie. In allen dreien haben wir nur Elementarwissenschaften zu sehen gelernt – denn auch in ihrer Modernität gelten sie uns nur als Lehre von den Elementen. Elementarwissenschaften, d.h. gewissermaßen Wissenschaften von den Vorgeschichte, von den dunkeln Gründen des Entstehens; die antike Theologie, Psychologie, Kosmologie gilt uns also sozusagen für Theogonie, Psychogonie, Kosmogonie. Und nun haben wir den bedeutsamen Unterschied festgestellt, und zwar festgestellt, ohne besonders darauf auszugehn, bloß in der Durchführung unsrer allgemeinen Aufgabe, den Unterschied, daß die Theogonie, die Geburtsgeschichte Gottes, schon der Antike eine Vergangenheit bedeutete, die Psychogonie, die Geburtsgeschichte der Seele, ein gegenwärtiges Leben, die Kosmogonie endlich, die Geburtsgeschichte der Welt, eine Zukunft. Das hieße also, daß Gottes Geburt vor dem Ursprung der Antike läge, die Geburt der Seele in der Antike geschehe und die Geburt der Welt erst nach Untergang der Antike sich vollende. Und damit wäre uns in diesen drei Geburten aus dem dunkeln Grund, diesen drei – wenn wir das Wort einmal wagen wollen – Schöpfungen, eine Verteilung der Elemente angedeutet über den großen Welttag, den Himmel, an dem die von ihnen gebildete Bahn sich abzeichnen wird. Formulieren wir es kurz und überlassen die breitere Ausführung ruhig dem weiteren Verlauf: Gott war von uran, der Mensch ward, die Welt wird. Wie wir diese drei Geburten aus den Gründen, diese drei Schöpfungen, auch weiterhin noch unterscheiden mögen, dies erste, ihre weltzeitliche Abfolge, konnten wir schon hier erkennen. Denn was wir bisher vom All erkannt haben, indem wir die immer währenden Elemente erkannten, war nichts andres als das Geheimnis seiner immerwährenden Geburt. Ein Geheimnis: denn es ist uns noch nicht offenbar und kann uns nicht offenbar sein, daß diese immerwährende Geburt aus dem Grunde – Schöpfung ist. Dieses Offenbar werden des immerwährenden Geheim nisses der Schöpfung ist das allzeit erneute Wunder der Offenba rung. Wir stehen an dem Übergang, – dem Über gang des Geheim nisses in das Wunder.


Rechteinhaber*in
Niedersächsische Staats- und Universitätsbibliothek Göttingen

Zitationsvorschlag für dieses Objekt
TextGrid Repository (2026). Books. 1.5_ÜBERGANG. Star of Redemption. Niedersächsische Staats- und Universitätsbibliothek Göttingen. https://hdl.handle.net/21.11113/40zxt.7