5. Die Gschicht von dö alten Himmeln

Nämlich hat der Handwerksbursch gsagt, wie er von sein Begräbnis als a Lebendiger wieder z' Haus kommen is in sein Heuschober: »Grüß dich Gott, bucklete Welt«, hat er gsagt, »hon schon gmeint, wir wärn fertig miteinander, und fahr a grad nit vor Freud aus der Haut, daß wir hitzt wieder weiter miteinand fortwursteln sölln, aber um dös, was i alser Toter erlebt hab, reut's mich nöt, daß ich auf der Welt war, nöt, daß ich versturbn, und a nöt, daß i wieder lebig wordn bin. Nur lustig! Halt's oder halt's nit!«

»Sikra hnein«, sag ich, »woher hast dös Sprüchel?«

Sagt er: »Von ein Bauern, den ich da drent troffen hab, Baltzer-Jakob heißt er, acht Täg vor meiner war er verstorbn.«

»Is alles richtig«, sag ich. »Hast 'n im Himmel troffn?«

»Ja, Himmel«, sagt er, »wann's mehr ein gab!«

»Du Höllenbraten«, sag ich, »warst doch selb drenten und bringst solche Lugen aus. Halunk!«

Sagt er: »Halt 's Maul, laß dir verzähln und nachher red! Wie ich da übri komm, hab ich gleich gmerkt, da is was los; dö Seeln – es warn lauter frisch verstorbene, von a acht, höchstens vierzehn Täg her, alle ohne Unterstand – sein durcheinandgrennt wie Ameisen, wenn man in ihren Haufen hneinstört. Ich frag nach, was gschehn wär, sagen s', der himmlische Herr hätt die Himmel inspiziert und sider gestert wären s' alle versperrt.

So wie man halt im Gedräng leicht a Ansprach findt, so bin ich aufn Baltzer troffen, und der hat mir verzählt, wie dös alles hergangen is.

[335] Vor undenklichen Zeiten, manche meinen, gar gleich nach der Schöpfung der Welt, hätt der liebe Gott a Reis gmacht; dö so sagn, berufen sich drauf, wie er die Welt so sorglich eingricht hätt, daß sie sich von selbsten schon a Weil forthelfen könnt; na, is's so oder nit, gwiß wird sein, und grundgscheite Leut sein schon lang draufkemma, daß unser lieber Herr a auf dö andern Stern was zu schaffen und zu verrichten hätt, und so is er halt a gute Weil ausgwesen, und wie er wieder heimkommt, so findt er alle Wolken angeräumt mit lauter Himmelreicher; wie sich's die Menschen derweil erricht haben.

No, er schaut nach in allen Himmeln; in türkischen hat er hineingschaut, wo dö Muselmänner fleißig geraucht haben, sein dabei in die Jasminlauben gsessen und habn sich da gleich dö Pfeifenröhrln schneiden können, und is alle Tag zu ein jeden ein reine Jungfrau hinkommen ... na, es schickt sich frei nöt, daß man's sagt, aber bei dö Weibsbilder war über Nacht wieder alles im alten Stand ...

Pfui Teufel! hat der Gottvater gsagt, is das ein Himmel? Das is ja ein B ....! Und, sagt er zum Erzengel Michel mitm feurigen Schwert, daß d' mir dö Menscher gleich ausjagst, ich hab das Läppeln und Täppeln doch nur gstift und verlaubt, daß mir die Leut nit zweni werdn auf der Welt, so a Löffelei ohne Zweck stund mir an.

Dann schaut er hnein in unsern Himmel, wo die Selign auf dö Wolken herumliegen und Lobgesang und Harfenspiel war. Sagt er, da is's schon solider, aber langweilig, dös halt kein Christenseel auf die Dauer aus.

Und so is er alle Himmel durchgangen, a den hannakischen, wo die Bauern an ein Bach voll Met glegn sein, und übern Berg hrunter sein ihnen dazu d' Knödln ins Maul grollt. Kurz, der Gottvater hat gsagt: Sein dös Himmeln? Wann s' ma unt a bissel gscheiter werdn, verlangt sich eh kein Seel hnein, dös is alles Menschenwerk und folglich nit ewig! Und also hat er die Himmelreicher zugsperrt. Und dann hat er gsagt: Also soll es sein, dö Menschheit soll sich[336] ohne Himmel behelfen, jeder soll seine Pflicht vorerst auf Erden redlich erfüllen, eh er nachfragt, was nachher kommt und mit ihm geschiecht! Und wer da gelebt hat kreuzbrav und grundehrlich auf Erden, der braucht mein Gericht nicht zu fürchten und mein Lohn nit zu erbetteln, der wird auch im guten Vertraun die Augen schließen, daß, wie auch mein Bschluß ausfallt, ich, der Allvater, weiß, was mein Kindern frommt und taugt.

Dazu haben die Engel 'Amen' gsagt.« –

So hat mir der Handwerksbursch verzählt, daß ihm der selige Baltzer verzählt hätt!

Und wie s' no so reden, kommt ein himmlischer Bot und sagt zu dem Burschen: »Du mußt's nit in Übel aufnehmen, aber den Wirrwarr heroben wirst gsehn habn; der Todesengel hat sich an dir vergriffen, was kein Wunder is, denn du heißt 'Huber', er hätt ein andern nehmen sollen, schau also dazu, daß d' wieder auf die Erden hnunterkommst!«

Da hat sich der Huber aufmachen wollen, der selige Baltzer aber hat gsagt: »Schau, Huber, bei der Gelegenheit, wann d' wieder abi kimmst, tust mir ein Gfallen, halt's oder halt's net?«

»Es halt schon!« hat der Huber gsagt.

»Geh zu mein Weib«, hat der selige Baltzer drauf gsagt, »und sag, ich laß s' schön grüßen, und sag ihr, was mein Hoffnung is. Sag ihr: ich hoff, wie sie war, wird s' a für ihr Lebzeit verbleibn, sie soll um Gottswilln auf ihr Hauswesen schaun wie früher, damit's nit heißt, ich hätt s' vielleicht erst zur Arbeit und Reinlichkeit antreiben müssen, wo sie doch mein brave Hauswirtin war, so ihr Gott vergelt und ihr weiter Kraft und Stärke geb! Und nur recht soll sie wirten, und fürs Kind soll s' sorgen, damit das nit an der Mutter irr wird, sundern sich denkt: Hab so a brave Mutter, wird wohl der Vater a brav gwest sein! Was mich ins Grab hinein gfreun möcht! Und aufziehn soll sie das Kind durch ihr Beispiel, und das war bisher und so soll sie's auch ferner bestehn lassen: redlich die Pflicht auf Erden erfüllen, ohne Nachfrag, [337] was nachher kommt und gschiecht, kreuzbrav und grundehrlich. Halt's oder halt's net!«

Da is der Huber lebendig wordn – i weiß nit, ob sich der Baltzer selig ausgredt hat ...


»'s halt schon«, sagte die Bäurin, welche dem Steinklopfer die eine freie Hand reichte, denn am andern Arm trug sie das Kind.

»Ketzerlump«, sagte der Lehner-Franzl, »taugt dir kein Himmel, die Höll mit ihrer ewign Qual wirst du schon verspürn. Du bist 'm Teufel sicher.« Damit rannte er auf und davon und hat sich auch später nimmer blicken lassen.

»Vergelt dir's Gott, Hanns«, sagte die Bäurin. Und als er schon sein »Bhüt Gott!« gesagt hatte und an der Tür stand und an die Klinke faßte: »Du, Hanns?! ...« – »Was, Bäurin?« – »Is die Gschicht wahr?« – »Hm«, sagte der Steinklopfer, »und wann s' nit wahr wär?« – »Mein doch«, sagte die Bäurin, »ich nehm mir heraus, daß mein Jakob, Gott hab 'n selig, es nit anderschter hätt meinen können!« – »Dös is a d' Mural!« sagte der Steinklopfer und ging.

Und seither is der Baltzer-Lies ihr Anwesen wieder eines der nettesten und einträglichsten. Und an ihrer Seite wirkt ein kleines, munteres Dirndl, und wenn es ja einmal müßig über die Gasse geht, so hat es auch da Arbeit, denn jeder und jede will von ihr gegrüßt sein und will eins mit ihr plaudern und nach der alten Liese fragen, die gar nicht zu sehen wär vor lauter Geschäftigkeit. Aber wann das Dirndl dem Steinklopferhanns begegnet, da lacht es schon von weitem, denn der, wenn er herankommt, macht gar verliebte Augen und seufzt: »Jakobe, verflixt Dirndl, wie wird mir's dereinst ergehn? Zwegn dir hab ich den Himmel eingschlagn; du hast mir's angetan.« – »Ich weiß«, lacht die Jakobe, »schon damal in der Wiegen.« – »Sikra«, sagt der Hanns, »bist a Blitzdirndl, hast einm schon damal schwach gmacht. Aber sag, habts noch so ein guten Kornbranntwein?« – »Versuch 'n!«


[338] Was jetzt erzählt werden soll, ist wohl im Anhang zu dem vorigen, fällt aber nicht in die Zeit, wo wir der Zukunft vorgegriffen haben und wo die Jakobe schon als mannbares Mädel über die Straße geht, sondern vielleicht den dritten oder vierten Tag danach, nachdem die obbemeldete Jungfrau noch als »Fratz« von der rauhen Hand des Steinklopferhanns gestriegelt worden war.

Zufällig, oder nicht, trafen sich der Steinklopfer und der alte Lehner-Franzl gegen Abend im Walde; der letztere hatte es sicher nicht darauf angetragen, denn es wurde ihm nicht ganz wohl bei dieser Begegnung. Der zehnte mag's nicht leiden, daß man ihn so mir nichts dir nichts dem höllischen Erbfeind zuspricht, und wenn's in seine Macht gegeben ist, so tränkt er's gewiß dem Gelegenheitsmacher des Teufels ein, und wer wollte das wohl jetzt dem Steinklopferhanns verwehren? Ja, wenn nur der Ferdl dagewesen wäre, da hätte seinem alten Vater leichter ums Herz sein mögen, aber der »Himmelsackermenter« saß um die Zeit für sicher im Dorfwirtshaus oder ... weiß der Himmel, wo sonst!

Nicht umsonst ging das im Geiste dem alten Lehner vor, denn der Steinklopfer hatte sich richtig vorgenommen, extra für ihn auszutipfeln:


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TextGrid Repository (2026). Anzengruber, Ludwig. 5. Die Gschicht von dö alten Himmeln. Corpus of Literary Modernity (Kolimo+). https://hdl.handle.net/21.11113/4fk05.0