A.R.P. Wilibaldi Kobolt
Die Groß- und Kleine Welt
Natürlich-Sittlich- und Politischer Weiß zum Lust und Nutzen vorgestellt
Die Groß- und Kleine Welt,
Natürlich-Sittlich- und Politischer Weiß
zum Lust und Nutzen vorgestellt,
Das ist:
Der mehrist- und fürnemsten Geschöpffen natürliche
Eigenschafften, und Beschaffenheit, auf die Sitten,
Policey und Lebens-Art der Menschen
ausgedeutet.
Ein Werck, welches in 4. Theil abgetheilt ist mit mancherley curios- und nutzlichen mehrentheilsallegorischen Concepten, Moralien, Geschicht und Fabeln versehen; mithin zur Auferbauung und Ergötzlichkeit aller Gelehrt- und Ungelehrten /Geistlich- und Weltlichen Stands-Personen / auch zu sonderer Bequemlichkeit deren Prediger gewidmet /verfaßt und in Truck gegeben
von
A.R.P. Wilibaldo Kobolt
Ord. S. Bened. in dem Löbl. Reichs-Gottshauß Weingarten Profess.
Cum Licentia Superiorum.




Widmung

Dem

Hochwürdigen des Heil. Röm. Reichs

Prælaten und Herrn

HERRN

ALPHONSO

Abbten des Hochlöbl. Reichs-Stifft

und Gotts-Hauß Weingarten,


Herrn der Freyen Reichs-Herrschafften Blumenegg, und Brochenzell, der Löbl. Josepho-Benedictinischen Congregation in Ober-Schwaben Præsidi, des Löbl.Collegial-Stiffts Bettenbrunn Commissario Pontificio, und perpetuirlichen Reichs-Deputato etc.


Meinem Gnädigen Herrn.


Hochwürdiger des Heil. Röm. Reichs Prælat

Gnädiger Herr Herr etc.


Der Weiseste unter denen Königen, der Salomon ist es gewesen, wie die Heil. Schrifft bezeuget, welcher zu erst und zum besten von der Wissenschafft und Erkanntnnß der natürlichen Dingen geschriben, und deroselben Beschaffenheit oder Eigenschafften erkläret hat. Disputavit super lignis à cedro, quæ est in libano, usque ad hysopum, quæ egreditur à pariete: & disseruit de jumentis, & volucribus & reptilibus & piscibus: 1 sagt der Heil. Text: Er hat von den Bäumen geredt, vom Ceder-Baum an biß auf den Hysop, der aus der Wand herfür wachst: auch hat er weislich geredt von dem Vieh und den Vöglen, und kriechenden Thieren, und von den Fischen.

Weilen aber die Nachwelt mit der Zeit dieses kostbaren Schatzes (ich will sagen der Salomonischen Schrifften oder Bücheren) mehrentheils ist beraubt worden, so hat der grosse Welt-Herrscher, der KönigAlexander ein Lust bekommen, und die Resolution gefaßt, solchen Verlurst nach Möglichkeit, durch ein neue Beschreibung dieser Dingen, wiederum zu ersetzen.

Dieses grosse Werck und Vorhaben aber glücklich auszuführen hat er kein tauglicheres Instrument zu seyn erachtet, als seinen getreuen und unvergleichlichen Lehrmeister, den weltweisen Aristotelem. Disem also hat er das gantze Geschäfft anvertraut und überlassen: diesem hat er die Natur und Eigenschafften aller Thieren zu erkundigen und zu beschreiben committirt und anbefohlen: welches dann auch ermelterAristoteles mit 50. hiervon geschribenen Bücheren löblichist bewerckstelliget und vollzogen hat. Zu diesem vorgesetzten Endzweck aber, und die erforderliche grosse Kösten zu bestreiten, hat der König demAristoteli ein gewaltige Summen Gelds, nemlich acht hundert Talenten, wie Athæneus schreibet, oder wie andere wollen viermal hundert und achtzig tausend Cronen verschafft und angewisen. Er hat ihm auch sehr viel Mitthelffer, nemlich, wie Plinius sagt, ein und anderes tausend Personen zu geben, und zwar lauter solche Leut, die sich auf das Jagen, Fischen und Voglen verstunden, welche auf sein Anordnung alle Gattungen der Thieren, so viel es immer möglich ware, in dem Griechenland, und in gantz Asien aufbringen, und ihme zuführen müsten, damit er also deroselben Natur und Eigenschafften desto besser erkundigen, und füglicher beschreiben möchte.

Aber wohin solle dieses geredt seyn? Hochwürdiger Reichs-Prælat, Gnädiger Herr Herr!


Si licet in parvis exemplis grandibus uti:

Wanns erlaubt in kleinen Sachen
Ein so grosse Gleichnuß zmachen.

So hab ich auch bereits von dergleichen Materien etwas weniges zusammen getragen, und in gegenwärtige Truck-Blätter verfasset. Ich hab mich beflissen in der Einsamkeit meiner Cellen das weitsichtige Reich der Natur zu durchwandern, die Natur und Eigenschafften der mehresten und fürnehmsten Geschöpffen zu erklären, und mit einer Moralisirung oder sittlichen Application zu begleiten. Wann ich es aber nicht allzeit so eben getroffen hab, wie man es villeicht verlangen möchte, so bitt ich solches einerseits der Menge so viel unterschidlichen Materien, anderer seits aber dem Abgang meiner Kräfften zuzuschreiben, und in Gnaden nachzusehen.

Indessen gleichwie der mehrgemelte Aristoteles seine Bücher de animalibus dem grossen Alexandro, als seinem König und Herrn, fürnemlich zugeeignet und schuld verpflichtet zugeschriben hat, also (si licet in parvis etc. sag ich nochmahlen) als thue ich auch hiermit dieses gegenwärtige Buch de rebus naturalibus moraliter expositis Euer Hochwürden und Gnaden, als meinem Hochgebietenden Gnädigen Herrn und Reichs-Prælaten in Unterthänigkeit dediciren, und selbes Dero hohen Nahmen, als ein schuldverpflichtes Eigenthum zuschreiben, mit angehenckter demüthiger Bitt, solches nicht anderst, als eine offenbahre Zeugnuß meiner hegenden tieffen Veneration, und devotesten Respects in Dero hohen Schutz und Hulden aufzunemmen, und in Gnaden anzusehen. Welches ich um so mehr verhoffe, weilen ich versichert bin, daß Euer Hochwürden und Gnaden aus einer angebohrnen Milde nichts, auch geringes, zu verachten pflegen, wann es immer aus einem aufrichtigen Gemüth, und wohlgesinnter Meynung (wie diese meine gegenwärtige ist) herrühret.

Es hat auch dieses, obwohl geringe Truckwerck, weilen es mit geistlich- und weltlichen Materien oder Sachen zugleich vermenget ist, eine sonderbahre Freyheit in die gnädige Händ Eines solchen Regierenden Herrns eingereicht zu werden, welcher schon vor angetrettener Seiner preißwürdigsten Regierung, in geistlich- und weltlichen Aemteren und Geschäfften bestens erfahren und geübt gewesen ist.

Von der Zeit aber Dero höchst meritirten Erhöhung zu der Reichs-Prælatischen Würde, da hat sich alsobald ein weitsichtiges Tugend-Feld von neuem eröffnet, in welches jetzund mein Feder begierig auslauffen wurde, wann ich nicht wuste, daß ich mit einem solchen Regierenden Herrn zu thun habe, welcher ein vil grösseres Belieben tragt, immerdar mehr preißwürdige Thaten zu üben, als wegen den schon geübten gepriesen zu werden.

Doch aber jenen dreyfachen und ungemeinen, auf einen höchst löblichen Endzweck abzihlenden Eyfer soll ich nicht gäntzlich mit Stillschweigen umgehen: nemlichen den Eyfer der Ehr GOttes, und der Zierd des Hauß GOttes: den Eyfer der Clösterlichen Disciplin oder regularischen Observanz: und den Eyfer der Wissenschafft oder Gelehrtigkeit. Den ersten betreffend, ist selber so scheinbar und klar, als klar und scheinbar ist das Silber und Gold, welches Euer Hochwürden und Gnaden so generos und reichlich als Gottseelig in kurtzer Zeit zur Auszierung der Kirchen und Altären verwendet haben. Der anderte lässet sich täglich und mercklich verspühren durch die fleissige Obsicht und Sorgfalt, daß alles wohl und recht hergehe, daß nichts verabsaumt werde, was immer in einem wohlgeordneten Gottshauß erforderlich ist. Der dritte Eyfer endlichen veranstaltet und verschafft, daß nicht nur die Studia Domestica in beständigem Flor erhalten werden, sondern daß auch an andern hohen Orthen zumahl die Altiores Facultates von Euer Hochwürden und Gnaden mit wohlanständigen Professoribus bereits seynd versehen worden.

Demnach ist nichts mehr übrig, als der aufrichtige Wunsch, und die inbrünstige Bitt aller getreuen Unterthanen, und anderer Wohlgesinnten, welche fürnehmlich dahin abzielen, daß der Allerhöchste, der ein Ausspender aller wahren Güter ist, Euer Hochwürden und Gnaden de rore Cœli & pinguedine terræ, ich will sagen, des Leibs und der Seelen hoches Vergnügen und Wohlergehn, reichlich ertheilen, und mild-Vätterlich segnen wolle, auch Dero preißwürdigsten Regierung ein zahlreiche Nachfolg der glückseeligisten Jahren gnädigst beylegen, so wohl zur Remunerirung der schon bereits erworbenen vielen und hochen Meriten, als auch zur glücklich- und erwünschter Ausführung Dero löblichist vorhabenden Desseins und Intentionen. Mit welchem treu devotisten Wunsch ich, in Unterthänigkeit zu beharrlichen hochen und Vätterlichen Hulden mich gehorsamst empfehlend, es schliesse.


Euer Hochwürden und Gnaden

Meines Gnädigen Herrn Herrn


Weingarten den 31. Dec. 1737.

Unterthänig gehorsamster Sohn F. Wilibaldus Kobolt Professus Weingartensis.

Fußnoten

1 3. Reg. c. 4. v. 33.

Facultas.
Reverendissimi & Amplissimi D.D. Præsidis Congregationis Benedictino-Suevicæ, & Abbatis Weingartensis.

Nos Alphonsus DEi gratiâ Abbas Imperialis Monasterij Weingartensis, & congregationis Benedictino-suevicæ Præses, tenore præsentium facultatem concedimus, ut Liber iste Die groß- und kleine Welt etc. intitulatus à R.P. Wilibaldo Kobolt Monasterij nostri Capitulari compositus, & à duobus Theologis lectus & approbatus, utpote multorum piæ curiositati satisfacturus, publicis typis committi valeat. In cujus rei fidem has Literas manu propria subscriptas, & nostro Abbatiali sigillo munitas dedimus, Die 31 Decembris 1737.

ALPHONSUS Abbas p.t. Præses.

Approbatio Censoris.

Opus hoc, Cujus Titulus, Die große / und kleine Welt etc. prout nec à fide orthodoxa, nec à bonis moribus in minimo recedit, ita tantò præstantiorem promeretur Commendationem, quòd verbi Divini Concionatoribus amplissimam præbeat materiam, auditores instruendi quomodo à creaturis tanquam per scalam ascendere valeant ad cognoscendum & amandum DEum Creatorem nostrum. Augustæ Vindel 10. Ianuarij 1738.


Imprimatur H.S.


Augustæ ex ædibus Viciariatûs

16 Januarii 1738.


Joan. Adamus Nieberlein SS. Th.

Doct. Epis. Diocl. Suffrag. Eystett. Can.

Cath. Eccl. Aug. Consil. & Vic. Gen.


Franc. Jos. de Handl, SS. Th. Lic.


Reverend. & Celsis. & Princip. & Episc. Consil. & Aug. Consil. Eccles. maj. Pœnit. & Librorum Censor, nec non insig. Ecclesiæ ad S. Maurit. Can. & Parochus.

Censura Ordinarii.

Liber præsens, Die groß / und kleine Welt natürlich- und sittlicher weiß zum Lust / und Nutzen vorgestelt / intitulatus, præter curiosum seu dulce habet utile, dum lectorem inspersis ubíque aptè & commodè doctrinîs asceticîs à Creaturis ad ipsum Creatorem, seu ultimum finem, agnoscendum & amandum manuducit. Cùm oroin nihil contra fidem aut bonos mores doceat pro plurium utilitate publicis typis Divulgari potest. Ita censet Constantiæ 25Martij 1737.


Franciscus Ignatius Inselin SS. Th.


Lic. Cels. & Rev. S.R.I. Principis & Episc. Constant. etc. etc. Consil. Eccles. & Insig. Colleg. Eccl. S. Joan. Canon. & Paroch. Censor Lib. Ordinar. mpr.

Vorred

An den geneigten Leser.


Ich kan mir leichtlich einbilden, geneigter Leser, daß du bey dem ersten Anblick dieses gegenwärtigen Buchs dich verwundern und gedencken werdest / es seye etwas zu viel und vermessentlich geredt / daß ich die grosse und kleine Welt, in einem nicht grossen Buch / und zwar natürlich, sittlich, und politischer Weiß, zum Lust und Nutzen vorzustellen versprüche / und mich einer (wie es scheint) so schweren Sach unterfange.

Aber ich lasse mich dieses von meinem Vorhaben gantz und gar nicht abschrecken / sondern glaube vielmehr / daß ich guten Fug und Grund solches zu thun habe.

Ich setze aber zum Voraus meines Beweißthums jenes bey den Lateineren bekannte Axioma oder Sprüchwort: Quilibet verborum suorum optimus interpres est. Ein jeder ist selbst der beste Ausleger seiner Worten. Nun will ich hiemit auch meine Wort des vorgesetzten Titel-Blats auslegen / und sage demnach / daß ich da Erstlich den Macrocosmum, oder die grosse Welt / wolle vorstellen / das ist / die meiste und fürnemste Gattungen der Geschöpff / die in der gantzen Welt befindlich seynd / kürtzlich beschreiben: als nemlich die Himmels-Gestirn / die vier Elementen / Meteora oder Lufft-Gesichter / die Mineralia oder Metallen / die Edelgestein und Erd-Säfft etc. und dieses zwar alles in dem Ersten Theil des gegenwärtigen Buchs.

Alsdann schreite ich weiters zu den beseelten oder lebhafften Creaturen / und zwar in dem Anderten Theil zu dem Menschen / der sich in dem höchsten Grad des vernünfftigen Lebens befindet / und von den Gelehrten insgemein Microcosmus, das ist / die kleine Welt / genennt wird: und dieses zwar darummen /weilen er gleichsam ein Compendium, oder kurtzer Begriff ist aller Creaturen / und mit allen etwas gemein hat / nemlich mit den leblosen Dingen / als mit den Steinen / Feur und Wasser etc. das Wesen oder die Wesenheit: mit den vernünfftigen Thieren aber die Empfindlichkeit / und mit den Englen den Verstand. Dessen innerliche und äusserliche Glieder thue ich mit der Feder gleichsam anatomiren / oder stuck-weiß zertheilen / und dem günstigen Leser für die Augen legen.

Ferners komme ich in dem Dritten Theil zu den unvernünfftigen Thieren / als welche sich in dem mitleren Grad des Lebens befinden / und ein empfindliche Seel haben: und erstlich zwar zu den vierfüßigen / so wohl wilden als zahmen Thieren: hernach aber zu den fürnemsten Fischen und Vöglen deren Natur und Eigenschafften ich beschreibe.

In dem Vierten Theil endlichen handle ich von den wachsenden Dingen / als Bäumen-Früchten / Kräuter und Blumen. Mithin erhellet klar / daß ich nicht ohne billiche Ursach die Groß- und Kleine Welt vorzustellen versprochen habe. Nicht zwar die Welt wie selbe die Mathematici und Geographi nennen / pro Globo Terraqueo, für die Welt-Kugel oder den Erd-Kreiß /welchen sie in unterschidliche Reich / Meer / Flüß und Landschafften abtheilen / und auf denen Land-Charten verzeichnen / sondern die Welt / wie sie diePhilosophi nennen / pro universo, das ist / für die gantze Versammlung aller erschaffenen Dingen.

Dise / sage ich / thue ich vorstellen auf dreyerley Art / natürlich, sittlich und politischer Weiß. Natürlich zwar / weilen ich die natürliche Eigenschafften und Beschaffenheit der Creaturen beschreibe: Sittlich aber / weilen ich insgemein die natürliche Eigenschafften geistlicher Weiß auslege / und durch vielhundert allegorische Conceptlein oder Gleichnussen theils auf die Tugenden / theils auf die Laster appliciere / und anbey dem Christlichen Leser zeige / wie daß er auch von den unvernünfftigen Thieren ja auch von den empfindlichen Creaturen viel Gutes und Löbliches sehen und erlernen könne. Politischer Weiß endlichen stelle ich sie vor / indeme ich / nicht zwar allezeit / doch zum öffteren / wann es sich schicket /und die Materi mir Anlaß gibt / ein kleinen politischen Discurs darüber führe. Ich nimme aber da diePolitic nicht in sensu rigoroso, allein für jene Staats-Wissenschafft und Erfahrenheit / welche einem regierenden Herren / und seinen Ministris vonnöthen ist /Land und Leuth wohl zu regieren / sondern in sensu latiori, in einem weiteren Verstand / nemlich für eine jedem Menschen anständige Lebens-Art / die nach der Richtschnur der Billichkeit / und gesunden Vernunfft einem jeden anzeigt / was er nach seiner Stands-Gebühr zu thun oder zu lassen habe.

Es verspricht ferners der vorgesetzte Titel die Groß- und kleine Welt besagter massen jedermänniglich zum Lust und Nutzen vorzustellen; Weilen ich in Verfassung dieses Buchs mich jederzeit beflissen habe dasjenige zu beobachten / wessen das Sprüchlein des Poeten alle Scribenten oder Schrifftsteller erinneret / nemlichen:


Omne tulit punctum, qui miscuit utile dulci.

Das jenig Buch hat Krafft und Safft /
Das Lust und Nutzen gleich verschafft.

Ob ich es nun also getroffen hab / muß ich einem unpartheyischen Urtheil des geneigten Lesers überlassen. Auffs wenigst hab ich mich zu diesem End beflissen denen geistlichen und ernstlichen Discursen hin und wider etwas curioses einzumischen / und dardurch den Lust des Lesers anzureitzen.

Eben aus dieser Ursach hab ich auch zum öfftern von der Materi / welche directè und für sich selber ist tractirt worden / einen Auslauff und Anhang gemacht von einer andern angehörige Materi: als zum Exempel von dem Gesicht oder den Augen komm ich auf die Spiegel / und Perspectiv: von dem Gehör oder den Ohren auf die Music und musicalische Instrumenten /von den wilden Thieren auf die Jägerey / von den Fischen auf die Fischerey etc. und dieses wiederum mit sittlicher Application. Neben dem daß ich auch nicht selten Apologos morales, oder sittliche Fabel-Reden unterschidlichen Thieren habe beygesetzt.

Was aber das jenig / so ich von den Edelgesteinen /wilden Thieren und Vöglen etc. geschriben / nicht allerdings übereins stimmet mit deme / was / und wie mans etwan in andern Büchern findet / so wolle man deswegen mich nicht verdencken / noch eines Fehlers / oder Unwahrheit beschuldigen (massen ich von unbekanten Sachen nichts geschrieben / was ich nicht in guten und approbierten Authoribus gefunden hab) sondern man wolle es vielmehr der Ungleichheit derAuthorum, so hiervon schreiben / zumessen / als welche / wie ich zum öffteren gefunden hab / sehr different seynd / und manchesmahl einerley Ding / zum Exempel ein Thier / oder ein Edelgestein auf unterschidliche Weiß beschreiben / und nennen / der eine gibt ihm dise Coler / Grösse / Krafft und Eigenschafft / der ander aber ein andere etc. Neben dem / daß es sehr schwer / ja vast ohnmöglich ist / allzeit so genau-und sicheren Bericht oder Kundschafft zu haben / von solchen Dingen / die sich gar weit entfernet / und in einem anderen Welt-Theil befinden.

In Beschreibung der vierfüßigen Thieren hab ich mich meistens an die Thier-Bücher Doct. Gesneri, und der Vöglen an die Ortinologiam oder Historiam de avibus Aldrovandi gehalten: In Beschreibung der Edelgesteinen aber an Erasmi Franc. Indisch- und Sinesischen Lust- und Staats-Garten / auch Hrn. Joan. Hybners Natur- und Kunst-Lexicon etc. In Beschreibung der Bäumen / Kräuter und Pflantzen an Mathioli und Tabernæmontani Kräuter-Bücher etc. In anderen unterschidlichen Materien hab ich mich des Petri Berchorii bedienet / der Polyantheæ, der Summæ Exemplorum & similitudinum, wie auch vieler Commentaristen / Historicorum, Prediger und Asceten / neben dem / was meine wenige Gedancken beygetragen haben: aus welchem allem endlichen dieses gegenwärtige Truck-Werck erwachsen ist.

Daß ich aber in dem vorgesetzten Titel dises Buchs auch den HHrn. Predigeren ein besonderen Vortheil und Beyhülff versprüche / das Geschicht gantz nicht darumen / als wolte ich ihnen Maaß oder Unterweisung geben / sondern es ist nur von einer Bequemlichkeit / und Erspahrung der Zeit und Mühe zu verstehen / indeme sie da von gar unterschidlichen Materien beysammen finden / was sie sonst in vielen Bücheren (die ein mancher auch nicht so gleich beyhanden hat) mit langer Zeit und Mühe aufzusuchen genöthiget wären. Als zum Exempel / will einer etwann einen Heiligen in einer Lob-Predig per allegoriam mit Sonnen / mit dem Löwen oder Adler / mit dem Ceder-oder Palm-Baum etc. vergleichen / so hat er schon beysammen nicht nur die Eigenschafften der Sonnen /deß Löwen oder Adlers / deß Ceder- oder Palm-Baums / sondern auch die Moralia, oder sittliche Application darüber: er hat auch ein kleine Erudition und Bericht von denckwürdigen Begebenheiten / die sich mit solchen Dingen zugetragen haben: er hat weiters auch einige Text von diser Materi aus der Heil. Schrifft / der HH. Vätter und Weltweisen. Wann er dann die Sach noch ein wenig amplificiren oder ausführen will / so wird ihm ausser dem Exordio undEpilogo zu einer vollständigen Predig weiter nichts mehr ermanglen.

Was endlichen den Stylum oder die Schreib-Art /so ich hierinnen gebraucht hab / belanget / so ist selber nicht einerley / sondern nach Unterschid der Materien unterschidlich / bald Historicus in Erzehlung und Beschreibung der Sachen / bald Concionatorius in Lobsprechung der Tugend und Bestraffung der Lasteren etc.

Wann ich aber zu Zeiten nach Erheischung der Materi etwas schärffers schreibe / so soll es gleichwohl geschehen mit all-schuldigem Respect gegen waserley Stands-Personen / und mit Protestation niemand insonderheit dardurch zu tadlen.

Ubrigens gleichwie ich weder hoffen noch prætendiren kan / daß dise meine Schrifften jedermänniglich gefallen werden oder sollen / also verhoff ich gleichwohl hingegen / daß sie auch nicht allen mißfallen werden: und wird mir genug seyn / wann der Christliche Leser / in Ansehung so mancherley wunderbarlichen Werck- und Geschöpffen GOttes (von welchen ich da schreibe) den allmächtigen Schöpffer preyset /und mit mir / ja mit den drey Knaben in dem Babylonischen Feuer-Ofen von Hertzen spricht: Benedicite omnia opera Domini Domino, laudate & superexaltate eum in sæcula. 1 Alle Werck des HErrn lobet den HErren, lobet und erhöhet ihn über alle Ding, und zu allen Zeiten.

Fußnoten

1 Dan. c. 3 v. 57.

Register
Aller Capitel und Absätzen, die sich in diesen Vier Theilen befinden.
Erster Theil
Von der grossen Welt.
Das I. Capitel.

1. Absatz. Von GOtt.Pag.1.

2. Absatz. von der Mutter GOttes.3.

3. Absatz. von den Englen.4.


Das II. Cap.

1. Absatz. Von dem Himmel.7.
2. Absatz. von der Sonnen.8.
3. Absatz. von dem Mond.12.
4. Absatz. von den Sternen.14.
Das III. Cap.

1. Absatz. Von der Morgenröth.16.
2. Absatz. von dem Regenbogen.18.
3. Absatz. von den Comet-Sternen.21.

Das IV. Cap.

1. Absatz. Von der Erden.25.

Anhang zu der Erden / von dem Erdbeben.28.

2. Absatz. von dem Wasser.30.

3. Absatz. von dem Lufft.35.

4. Absatz. von dem Feuer.40.


Das V. Cap.

1. Absatz. Von dem Wind insgemein.45.
Anhang von den vier Haupt-Winden insonderheit.51.
2. Absatz. von den Wolcken.53.
3. Absatz. von dem Regen und Schnee.57.
Das VI. Cap.

1. Absatz. Von dem Thau und Nebel.61.
2. Absatz. von dem Hagel.64.
3. Absatz. von dem Blitz und Donner.67.

Das VII. Cap.

1. Absatz. von dem Meer.73.

Anhang zu dem Meer / von den Seen.78.

2. Absatz. von dem Liecht.80.

Anhang zu dem Liecht / von dem Schatten.84.

3. Absatz. von dem Rauch.85.

4. Absatz. von der Finsternuß.86.

Das VIII. Cap.

1. Absatz. Von dem Gold.90.

Anhang zu dem Gold / von dem Goldmachen.95.

2. Absatz. von dem Silber.98.

Anhang zu dem Silber / von dem Schatzgraben.102.

3. Absatz. von dem Zinn / Kupfer und Eisen.104

4. Absatz. von dem Bley und Quecksilber.107

Das IX. Cap.

1. Absatz. Von dem Diemantstein.111

2. Absatz. von dem Smaragd.115

3. Absatz. von dem Rubin.118

4. Absatz. von dem Saphir und Hyacinth.120

5. Absatz. von dem Beryll / Jaspis und Topas.122

6. Absatz. von dem Ametist / Onych / Sardio125

und Sardonix; von dem Chrysolitho /

Calcedonio / Opal / Türckis / Achat und Granaten.

7. Absatz. von den Perlein.129

Das X. Cap.

1. Absatz. Von dem Magnet und Agtstein.132

2. Absatz. von dem Crystall und den Corallen.133

3. Absatz. von dem Marmorstein / Porphyr137

und Alabaster.

4. Absatz. von dem Salpeter / Schwefel und Pech.138

5. Absatz. von dem Honig und Wachs.140

6. Absatz. von dem Zucker.143

7. Absatz. von dem Saltz.145

Zweiter Theil.
Von dem Menschen.
Das I. Capitel.

1. Absatz. Von dem Menschen und dem Leben des150

Menschen.

2. Absatz. von der menschlichen Seel.156

3. Absatz. von dem Leib des Menschen.158

Anhang von dem sittlichen Leib Christi und der163

Kirchen.

Das II. Cap.

1. Absatz. Von dem Gesicht oder den Augen.165

Anhang zu den Augen von den Spieglen / Perspectiv174

und Augen-Gläsern.

2. Absatz. von dem Gehör oder den Ohren.177

Anhang zu dem Gehör von der Music und den180

Musicanten.

3. Absatz. von dem Geruch und der Nasen.186

Anhang zu dem Geruch / von dem Schnupff- und188

Rauch-Taback.

4. Absatz. von dem Geschmack und dem Fühlen oder191

Berühren.

Anhang von den 5. Sinnen insgemein.193

Das III. Cap.

1. Absatz. Von dem Haupt des Menschen.196

2. Absatz. von dem Hirn.199

3. Absatz. von dem Angesicht.200

4. Absatz. von den Wangen und dem Kinn.203

5. Absatz. von den Zähnen.205

Das IV. Cap.

1. Absatz. Von dem Mund des Menschen.208

2. Absatz. von der Zungen.212

3. Absatz. von dem Haar und Bart.216

Anhang zu dem Haar / von den Peruquen und220

Kahl- oder Glatz-Köpffen.

Das V. Cap.

1. Absatz. Von den Aermen.223

2. Absatz. von den Händ und Fingern.224

Anhang zu den Händ und Fingeren / von den228

Finger-Ringen.

3. Absatz. von denen Füssen.231

Anhang zu den Füssen / von dem Tantzen234.

und Podagra.

4. Absatz. von der Haut des Menschen.238

5. Absatz. von den Gebein des Menschen.241

Das VI. Cap.

1. Absatz. Von dem Hals und der Gurgel243

des Menschen.

2. Absatz. von dem Magen und dem Bauch.246

3. Absatz. von dem Fleisch des Menschen.248

4. Absatz. von dem Blut des Menschen.253

5. Absatz. von dem H. Seiten-Blut Christi auf Erden.257

Das VII. Cap.

1. Absatz. Von den Adern und Nerven.264

2. Absatz. von dem Hertzen.267

3. Absatz. von der Lungel / Leber und Miltz.271

4. Absatz. von der Gall.273

Anhang zu den menschlichen Gliedern insgemein.278

5. Absatz. von der Gleichheit und Ubereinstimmung279

der groß- und kleinen Welt.

Dritter Theil.

Von den unvernünfftigen Thieren.

Das I. Cap.

1. Absatz. Von dem Löwen.295

2. Absatz. von dem Elephanten.303

3. Absatz. von dem Pantherthier / Tyger und308

Einhorn.

4. Absatz. von dem Bären und Wild-Schwein.312

5. Absatz. von dem Wolff.318

Das II. Cap.

1. Absatz. Von dem Hirschen.322

2. Absatz. von den Gämbsen.327

3. Absatz. von dem Fuchsen.329

4. Absatz. von dem Haasen.332

5. Absatz. von dem Dachs und Igel.336

6. Absatz. von dem Affen.338

Anhang zu den wilden Thieren / von der Jägerey342

und dem Jagen.

Das III. Cap.

1. Absatz. Von dem Camel-Thier.347

2. Absatz. von dem Pferd.349

3. Absatz. von dem Esel.353

3. Absatz. von dem Ochsen und der Kuhe.357

Anhang zu der Kuhe; von der Milch.359

5. Absatz. von dem Schaaf oder Lamm.361

6. Absatz. von dem Schwein.365

7. Absatz. von dem Hund.367

8. Absatz. von der Katzen.376

Das IV. Cap.

1. Absatz. Von den Fischen insgemein.382

2. Absatz. von dem Delphin.384

3. Absatz. von dem Wallfisch.388

4. Absatz. von dem Stockfisch und Häring.392

5. Absatz. von etlic. andern Meer-Fischen.394

Das V. Cap.

1. Absatz. Von dem Hecht und Karpfen.398

2. Absatz. von noch etlich andern Fischen.401

3. Absatz. von der Fischerey.403

Das VI. Cap.

1. Absatz. Von den Vöglen insgemein.405

2. Absatz. von dem Adler.408

3. Absatz. von dem Habich und Sperber.418

4. Absatz. von dem Geyer.422

5. Absatz. von dem Falcken.426

6. Absatz. von der Nacht-Eul.429

7. Absatz. von dem Raben.433

Das VII. Cap.

1. Absatz. Von der Nachtigall und dem Canari-Vogel.440

2. Absatz. von dem Distel-Vogel / Zeißlein / Fincken445

/ Meisen / und Zaunschlupfferlein.

3. Absatz. von dem Schwalben und Spatzen.448

4. Absatz. von den Lerchen / der Amsel / und454

dem Staren.

5. Absatz. von den Wachtlen / Rebhun458

und Schnepffen.

6. Absatz. von der Tauben.462

7. Absatz. von der Hennen.469

Anhang zu der Hennen; von dem Ey.473

8. Absatz. von dem Hanen.477

9. Absatz. von dem Pfauen.482

Das VIII. Cap.

1. Absatz. Von denen Schwanen.487

2. Absatz. von der Ganß.489

3. Absatz. von der Enten und dem Eiß-Vogel.493

4. Absatz. von dem Kranich.497

5. Absatz. von dem Reiger- und Ibis-Vogel.500

6. Absatz. von dem Storchen.502

7. Absatz. von dem Straussen.506

8. Absatz. von dem Pelican.509

9. Absatz. von dem Phönix / und Paradeyß-Vogel.511

10. Absatz. Von dem Papagey.513

Das IX. Cap.

1. Absatz. Von der Schlangen /516

2. Absatz. von dem Crocodill / und der Schild-Krot.522

3. Absatz. von dem Seiden-Wurm / und Spinnen.525

4. Absatz. von den Immen oder Bienen.531

5. Absatz. von der Ameissen.535

Der vierdte Theil.
Von den wachsenden Dingen.
Das I. Capitel.

1. Absatz. Von dem Ceder Baum.540

2. Absatz. von dem Palm Baum.544

3. Absatz. von dem Cypreß und Lorber Baum.550

4. Absatz. von dem Ahorn oder Wacholder Baum.552

Das II. Cap.

1. Absatz. Von dem Oel / oder Oliven-Baum.555

Anhang zu dem Oel-Baum. Von dem Oel.557

2. Absatz. von dem Feigen-Baum.560

3. Absatz. von dem Mandel- und Maul-Beer-Baum.564

4. Absatz. von dem Terebinth-Zimmet- und568

Muscaten-Baum.

5. Absatz. von dem Myrrhen- und Weyrauch-Baum.571

6. Absatz. von dem Balsam-Bäumlein.574

Das III. Cap.

1. Absatz. Von etlich gemeinen fruchtbaren Bäumen.579

2. Absatz. von noch andern fruchtbaren Bäumen.584

3. Absatz. von den unfruchtbaren Bäumen.587

4. Absatz. von noch anderen unfruchtbaren Bäumen.591

Anhang oder Anmerckungen zu denen Bäumen594

insgemein.

5. Absatz. von dem Dorn-Busch.597

6. Absatz. von dem Epheu oder Winter-Kraut.600

Das IV. Cap.

1. Absatz. Von der Fruchtbarkeit der Erden602

insgemein.

2. Absatz. von dem Getreyd.604

Anhang zu dem Getreyd. Von dem Brod.608

3. Absatz. von etlich andern Erd-Früchten oder611

Gewächsen.

4. Absatz. von dem Rebstock oder den Wein-Reben.614

5. Absatz. von dem Wein.618

Anhang zu dem Wein. Von der Trunckenheit.623

6. Absatz. von dem Senff und Pfeffer.627

7. Absatz. von dem Hanff / Flachs und Leinwath.630

Anhang zu der Leinwath. Von dem Papier.632

8. Absatz. von dem Gras und Heu.635

Das V. Cap.

1. Absatz. Von dem Roßmarin / Majoran /637

und Lavendel.

2. Absatz. von dem Wermuth / Rauten /640

Cordobenedict.

3. Absatz. von etlich andern Kräutern.642

4. Absatz. von noch andern unterschidlichen646

Kräuteren.

Das VI. Cap.

1. Absatz. Von der Rosen.651

Anhang zu den Rosen. Von dem Rosen-Krantz.656

2. Absatz. von den Ilgen oder Lilien.658

3. Absatz. von der Sonnen-Blum / oder660

Sonnen-Wend.

4. von der Granadill / oder Paßions-Blum.663

5. Absatz. von noch mehr andern Blumen.665

Anhang zu den Bäumen / Kräutern und Blumen.669

Von dem Garten-Wesen insgemein.

Beschluß des gantzen Wercks.674

Der I. Theil

I. Von GOTT - von der Mutter GOttes - und von den Englen
Der 1. Absatz
Der 1. Absatz.

Von GOtt.


Ajove Principium, von dem Obristen der Göttern solle man den Anfang machen / sagte ein gewöhnliches Sprichwort bey der alten Heydenschafft. Aber mit besserm Fug und Recht sollen wir Christen sagen: A Creatore Principium, von dem Erschaffer aller Dingen sollen wir anfangen / wann wir recht und ordentlich von denen Geschöpffen reden oder schreiben wollen. Dann wie ein H. Vatter anmercket / so erfordert die rechte Ordnung / daß man ein Red oder Geschäfft mit GOtt anfange und mit GOtt endige. Optimus ordo incepti sermonis & negotii est à DEO incipere, & in DEum desinere. 1 Aber was soll ich sagen von demjenigen / dessen bloser Nahm auch so wunderbahrlich und unaussprechlich ist? Quàm admirabile est nomen tuum! Wie herrlich und wunderbarlich ist dein Nahm? schreyet David auf. Sein Weesenheit aber ist auf alle Weiß gantz unbegreifflich und unendlich. Incomprehensibilis cogitatu. 2 Es sagt zwar der Weltweise Socrates, GOtt seye der Beste und Glückseeligiste: Es sagt auch der weiseThales, GOtt seye was kein Anfang und kein End hat: es sagt widerum ein andrer / was der Steurmann in dem Schiff / der Fuhrmann bey dem Wagen / was der Oberste Feld-Herr bey dem Kriegs-Heer / das seye GOTT in der gantzen Welt. Aber am allerbesten hat es meines Erachtens getroffen jener Philosophus, [1] welcher / als er von einem gewisen König befragt wurde /was GOtt eigentlich seye / da hat er zu antworten 15. Täg Denck-Zeit begehrt: als aber dise verflossen waren / begehrte er noch andere 30. und als auch dise vorbey / hielt er auf ein neues um zwey Monath Bedenck-Zeit an. 3 Als nun der König wegen dem langwierigen Aufschub verdrüßig wurde / und auf die Antwortt getrungen hatte / da bekennete der Philosophus aufrichtig / daß je mehr und je länger er nachsinne / was GOTT seye / je weniger könne er es sagen und begreiffen. Ja eben dises hat vor längsten der Job bezeuget / sprechend: Ecce DEus magnus vincens scientiam nostram: 4 Sihe! GOtt ist groß und übertrifft all unser Wissen.


Alls einstens der Heil. und hocherleuchte Augustinus an dem Ufer des Meers spatzierte / und in den Gedancken von dem hohen Geheimnuß der allerheiligisten Dreyfaltigkeit gantz vertiefft ware / da ersahe er ein kleines Knäblein / welches mit einem Löffelein in der Hand sich gantz emsig bemühete das weit und tieffe Meer in ein kleines Grüblein heraus zu schöpffen. 5 Augustinus lächelte darzu / und sagte / O mein Kind stehe ab von diser vergeblichen Mühe und Arbeit / es ist ein gantz unmögliche Sach / dero du dich unterfangest. Ja widersetzte das Kind (so ein verstellter Engel ware) vilmehr stehe du ab von Erforschung deß unergründlichen Geheimnuß / deme du nach sinnest: dann gewiß wurd ich vil leichter und bälder das gantze Meer in dises kleine Grüblein heraus schöpffen / als du das allerhöchste Geheimnuß der Heiligsten Dreyfaltigkeit mit deinem Menschlichen Verstand fassen und ergründen. Eine scharpffe Betrohung ist dißfalls ergangen durch jene Wort in Heiliger Schrifft: Qui Scrutator est Majestatis, opprimetur à gloria. 6 Ein Erforscher der Majestät wird von ihrer Herrlichkeit untertrucket werden.

So soll uns dann genug seyn / was hiervon der Glauben lehret: daß nehmlich GOTT seye ein pur lauterer Geist / von aller Materi u. Unvollkommenheit unendlich weit entfernet / einfach in der Wesenheit und dreyfach in den Persohnen / ein Urheber der Natur und der Gnad / ein höchster Verweser und Ober-Herr / ein Belohner des Guten und Abstraffer des Bösen / der Anfang und das End aller Dingen /Ewig / und von sich selber / unendlich in der Weißheit / in der Allmacht / Fürsichtig- und Gerechtigkeit /Güte und Freygebigkeit: Ja ein lautere Versammlung oder Zusammen-Fluß aller unendlichen Vollkommenheiten / wegen welchen er höchstens würdig ist / von uns auf alle mögliche Weiß geliebt / geforchten / geehret / und gepriesen zu werden.

Als einstens / wie man sagt / Aristoteles auf dem Meer schiffete / und die vilfältige grosse Wunder der Natur betrachtend scharffsinnig nachdenckte / wer oder was doch der Ursprung oder Haupt-Ursach aller Geschöpffen seye / wo der 24 stündige An- und Ablauff des Meers / der Lauff der Sternen etc. herkomme / von wem alles so weißlich angeordnet und regiert werde: dises aber als ein Heyd durch das blose Liecht der Natur nicht ergründen konnte / da hat er sich ergeben / sich selber in das Meer gestürtzt / und aufgeschrien: Ens entium miserere mei! O du Ding aller Dingen erbarm dich meiner! als wolt er sagen /weil ich dich nicht fassen kan / so fasse du gleich wohl mich. 7

Wir aber als mit dem Liecht des Glaubens begabt /und wohl wissend / daß GOtt es seye / von welchem alles natürliche und über-natürliche Weesen herkommt / wollen von Hertzens-Grund zu ihme ruffen: O du Erschaffer aller Dingen erbarm dich unser! und weilen wir dich / als auf alle Weiß unendlich nicht fassen können / so fasse du gleichwol uns / wir wollen uns in das unergründliche Meer deiner Güte und Barmhertzigkeit gantz und gar versencken.

Der 2. Absatz
[2] Der 2. Absatz.
Von der Mutter GOttes.

Ein gantz besonderer Platz / und Rang / ein über alle andere Geschöpff weit erhöchte Ehren-Stell gebühret der Mutter des Allerhöchsten und Erschaffers aller Dingen / als einer Königin des Himmels und der Erden / der Engel und Menschen. Es ist zwar das Lob / die Würde und Hochheit Mariæ gantz unermessen groß / doch kan es einiger massen in kurtzem Begriff verfasset werden / wann man nur sagt / sie sey ein Mutter GOttes / und zwar ein Jungfräuliche / ein unbefleckte Mutter / durch eine gantz unerhörte Gnad GOttes ohne alle Mackel der Erb-Sünd empfangen /und von dem Zundel der Sünd / wie die HH. Vätter reden / von aller bösen Begierlichkeit gantz und gar befreyet und ausgenommen. 8

Was ferners ihre Beschaffenheit anbelangt / so ist sie nach Zeugnuß des Himmlischen Bottschaffters voll der Gnaden: ich sage / voll der allerhöchsten und fürtrefflichsten Gnaden / mit welchen sie an Leib und Seel so reichlich begabt und gezieret ist / daß sie alle andere Heilige weit mehr als die Sonn die kleinere Sternen / der Diemant ein gemeines Glas / und das reiniste Gold ein schlechtes Bley oder Eisen über trifft. 9 Gratia plena, & in tantùm plena, sagt Richardus à S. Laurentio, ut ex tuo reduntante totus hauriat mundus. 10 Also voll der Gnaden / daß von ihrem Uberfluß die ganze Welt geniesset.

Es ist zwar ein Gedicht der Poeten / daß der Gott Jupiter einstens alles schöns und Gutes / alles Glück und Heyl / so auf der gantzen Welt zu finden ware / in ein guldene Büchs oder Geschirrlein zusammen verschlossen habe / dieselbige aber der schönen Pandoræ übergeben / und bestens zu verwahren anbefohlen. 11 Aber die Pandora habe aus angebohrnem Weiblichen Vorwitz das Geschirrlein unbehutsam eröffnet zu sehen was doch darinn verschlossen seye /und alsobald seye alles Glück und alles Gutes / als wie ein Vögelein darvon und gen Himmel aufgeflogen / ihr aber nichts als die leere Büchs in Händen geblieben.

Aber ein Christliche Wahrheit ist es / daß Maria seye ein auserwähltes gantz guldenes Geschirr /mit allerley Edelgestein versetzt / ich will sagen mit allen Tugend- und Vollkommenheiten / geziert mit dem Glauben der Patriarchen / mit der Hoffnung der Propheten / mit der Liebe der Apostlen / mit der Gedult und Standhafftigkeit der Martyrer / mit der Andacht und dem Eyfer der Beichtiger / mit der Unschuld und Reinigkeit der Jungfrauen. 12 In disem guldenen Geschirr / in Maria hat der Himmlische Jupiter der wahre GOtt / alles Schöns und Gutes / alle natürliche und übernatürliche Gaaben und Gnaden /alles Glück und alles Heyl für die Menschen eingeschlossen: den Trost für die Betrübte / die Hoffnung für die Kleinmüthige und Verzagte / den weisen Rath für die Unwissend- und Irrende / den Schutz und die Sicherheit für die Angefochtene / die Gesundheit für die Krancke / das Leben für die Todte / die Gnad für die Sünder / und die Belohnung für die Gerechte. Ja sich selbsten hat GOtt in diesem guldenen Jungfräulichen Geschirr / das ist / in Maria eingeschlossen /dann er ware allzeit auf ein absonderliche Weiß mit und bey Ihr: Dominus tecum: 13 In ihrer Empfängnuß durch die Befreyung von der Mackel der Erb-Sünd /in der Geburt durch die vollkommene Eingiessung seiner Gnad / in der Reinigung durch die Aufopfferung seiner Persohn / in der Verkündigung durch die Annehmung der Menschlichen Natur aus ihr / in ihrer Himmelfahrt durch die seeligmachende Anschauung. Dises guldene Geschirr hat der Allerhöchste der schönen Pandoræ, ich will sagen / der [3] Christlichen Kirchen zu verehren anvertraut und anbefohlen. Es ist zwar Maria samt all ihren geistlichen Schätzen und Kostbarkeiten in den Himmel hinauf geflogen / sie ist mit Leib und Seel aufgefahren: doch aber hat sie uns nicht / als wie das Glück und Heyl Pandoram verlassen / sonder sie steht noch immer vor dem Göttlichen Gnaden-Thron / zur Rechten des Himmlischen Königs / für die armseelige Menschen / die sie anruffen /ein Mittlerin und Fürsprecherin abzugeben / ihnen die nothwendige Hülff und Gnaden zu erbitten. 14 Sie ist nicht nur ein Zierd und Freud deß Himmels / sondern auch ein Schutz und Trost der Erden / ein Schrecken der Höllen / sie ist ein Himmlischer Canal / durch welchen uns die Göttliche Gaaben und Gnaden zufliessen / und ein lebendige Schatz-Kammer des Allerhöchsten / aus welcher unser Nothdurfft gehoben /und unser Armuth bereichet wird. So laßt uns dann öffters in dem Leben / und absonderlich in dem Sterben von Hertzens-Grund zu ihr ruffen:


Maria Mater gratiæ,
Mater Misericordiæ:
Tu nos ab hoste protege,
Et horâ mortis suscipe!
Maria Mutter der Gnaden /
Mutter der Barmhertzigkeit:
Daß der Feind uns nicht könn schaden /
B'hüt uns in dem letzten Streit.

Von GOTT / und der Mutter GOttes wird öffters Gelegenheit seyn ein mehrers zu melden in unterschidlichen nachfolgenden Materien.

Der 3. Absatz
Der 3. Absatz.
Von denen Englen.

Das Wort Angelus oder Engel betreffend / so ist dasselbige der Nahm eines Amts / und nicht der Natur /wie der Heil. Pabst Gregogorius anmercket / und heißt so viel als Nuntius, ein Bott; weilen nemlich die HH. Engel Himmlische Bottschaffter seynd / durch welche uns der Willen des Allerhöchsten angedeutet wird. 15 Die Natur aber oder die Weesenheit der Engeln belangend / so seynd sie die edliste und fürtrefflichste unter allen Creaturen: Sie seynd die Erstgebohrne der Göttlichen Allmacht / und gleichsam reine Spiegel / in welchen die unerschaffene Sonn der Gottheit klärer als in andern Geschöpffen leuchtet. Dann ein Engel ist ein pur lauterer Geist / er hat ein verständliches unsterblich- und unzerstörliches Wesen.

Die Zahl oder Menge der Englen ist über die Massen und unaussprechlich groß: Der H. Evangelist Johannes macht eine Meldung davon in seiner heimlichen Offenbahrung / und sagt: er habe um den Thron GOttes herum ein Stimm viler Englen gehört / und ihre Zahl ware vil tausend mal tausend. 16 Dise aber seynd alle in neun Chör oder Ordnungen abgetheilt /also / daß allezeit eine vollkommener und fürtrefflicher seynd als die andere. 17 In dem untersten Chor seynd die Engel / in dem anderten die Ertz-Engel /hernach die Kräfften / die Potestates, die Fürstenthumer / die Herrschafften / die Throni, die Cherubin /und endlich im obersten Chor die Seraphin. Es geziemt sich nehmlichen / daß der höchste König des Himmels so viel edle Hoff-Herren und Bediente um sich habe / die ihm allzeit aufwarten / und seinen heiligsten Willen zu vollziehen fertig stehen. Bald thun sie durch innerliche Erleuchtung oder Eingebung die Menschen in ihrem Thun und Lassen regieren und leiten / zu dem Guten antreiben / und von dem Bösen abmahnen / bald aus Göttlichem Befehl die Gottlose abstraffen / und die Fromme beschützen oder belohnen / den Gewalt und List des bösen Feinds inhalten und hintertreiben / bald aber in der Krafft GOttes Wunder würcken etc. Indessen aber [4] geniessen sie unveränderlich die vollkommene Glückseeligkeit / vermög der seeligmachenden Anschauung GOttes. Angeli eorum semper vident faciem Patris mei. 18

Es werden die Engel gemeiniglich in der Gestalt eines geflügelten Jünglings abgebildet / ihre Lebhaffte und Hurtigkeit dardurch vorzustellen. Sie loben und preisen GOTT unaufhörlich mit dem Lob-GesangHeilig / Heilig / Heilig ist der HErr GOTT Sabaoth. Diejenige Stellen aber / welche durch den Fall Lucifers und seinen Anhang seynd ledig worden / dise werden durch die Menschen / so zu der himmlischen Glori gelangen / ersetzt und erfüllet.

In sensu morali, das ist / in sittlichem Verstand /können erstlich durch die Engel verstanden / und irrdische Engel genennet werden alle recht tugendsame und vollkommene Menschen / welche annoch in dem sterblichen Leib ein unschuldig und reines / ein gleichsam Englisches Leben führen / und gleichwie die Engel in dem Himmel / also sie auf Erden / stets vor Liebe gegen GOTT und dem Nächsten brennend /die Ehr GOttes / und das Heyl der Menschen zu befördern gantz begierig und beflissen seynd: welche nur dem Leib nach auf der Welt wohnen / mit der Begierd und Gedancken aber / als wie die Engel sich immerdar bey GOtt und in dem Himmlischen Vatterland aufhalten: welche von den fleischlich- und irrdischen Wollüsten sich gäntzlich enthaltend / nur in den geist-und Göttlichen Dingen sich erfreuen und belustigen. 19

Es haben die HH. Engel absonderlich dreyerley fürtreffliche Qualitæt- und Eigenschafften: nehmlich ein sehr hohen Verstand / ein unbeschreibliche Schönheit / und Stärcke. 20 In dem Verstand seynd sie also hocherleucht / daß die Weißheit aller Gelehrten der gantzen Welt ein lautere Einfalt und Unwissenheit dargegen ist. Die Schönheit der Englen belangend / so hat einstens GOtt selber der Heil. Theresiæ geoffenbahret / daß wann ein Mensch auch nur den mindesten Engel mit leiblichen Augen anschauen könnte /so wurde ihm vor lauter Anmuthig- und Süßigkeit alsobald das Hertz in vil tausend Stück zerspringen. Was aber ihre Stärcke betrifft / so thun sie die Himmel und Sternen bewegen / und werden in Heil. Schrifft einem mächtigen Kriegs-Heer verglichen. Ja es hat ein eintziger aus Befehl GOttes in einer Nacht hundert und fünff und achtzig tausend Mann in dem Kriegs-Heer der Assyrier erschlagen. 4. Reg. c. 19.

Fast eben also ist die Seel eines vollkommenen Menschen (wann er schon ungelehrt und einfältig zu seyn scheinet) in himmlisch und Göttlichen Dingen also verständig und hocherleucht / daß die eitle Wissenschafften ein lautere Thorheit dargegen seynd. 21 Ein recht tugendsame Seel ist also schön und zierlich / daß der Himmlische Bräutigam selber sich darein verliebt / und das gröste Wohlgefallen darab schöpffet. Sie ist auch in GOtt also gestärcket / daß wohl von ihr kan gesagt werden: Portæ inferi non prævalebunt adversus eam, 22 die Porten der Höllen / das ist / der Gewalt des Teufels / solle nichts wider sie vermögen / und indem die Engel die Himmel bewegen / thun die vollkommene Menschen GOtt selbsten durch das Gebett bewegen. etc.

Zum anderten können in sensu politico durch die Engel verstanden werden / die Ministri und Favoriten, die Räth und Beamte eines Königs oder Fürsten /welche gleichsam Politische Engel seynd / dann gleichwie die HH. Engel stets und zu nächst bey GOtt seynd / bey ihme in grossen Gnaden / und Ehren stehen / auch seiner Geheimnussen / Seiner Güter und Glori theilhafftig werden / also befinden sich die Hoff-Herren und fürnehme Beamte gemeiniglich nahe bey ihrem König / oder Fürsten / und wann sie wohl bey ihme daran seynd / da vertraut er ihnen all sein Vorhaben und Anschläg / Er macht sie auch theilhafftig seiner Wollüst und Reichthumen. 23 Aber gleichwie die HH. Engel sich wegen ihres grossen Glücks /und hohen Würde niemahl übernemmen oder hochmüthig [5] werden / sich niemahl wider GOtt auflassen /noch die armseelige Menschen verachten / sonder als ein Eben-Bild GOttes lieben und æstimiren / ihr Bestes und ihre Angelegenheiten bey GOtt beförderen /und beflissen seynd / sie bey dem Himmel in Gnaden zu erhalten / also sollen auch die Politische Engel /ich will sagen / die Ministri, Räth und Beamte eines Königs oder Fürsten / sich wegen ihres Glücks /Reichthum und Ansehen nicht übernemmen / und hochmüthig seyn / wider ihren Fürsten und Herrn sich nicht auflehnen / sie sollen die mindere und schwächere Bediente / die arme Unterthanen nicht verachten / nicht pressen und verfolgen / sonder als ihre Neben-Menschen lieben / sich ihnen freundlich und günstig erweisen: Sie sollen ihre Proceß und billiche Gravamina schleunig und getreulich untersuchen / und zu einer billich-mäßigen Endschafft bringen. Sie sollen sich wegen Administrirung der Gerechtigkeit nicht lassen bestechen / oder selbige biegen: von denen Unterthanen nicht als wie die irrdische Götter verehren /gleichsam anbetten / und auf den Händen tragen lassen / sonder vielmehr gedencken / was jener Engel zu dem Heil. Evangelisten Johannes / da er ihm erschienen ist / und diser ihn anbetten wollte / gesprochen hat / nemlichen: Cave ne feceris, conservus tuus sum. 24 Sihe zu / daß du es nicht thust / dann ich bin dein Mit-Knecht / und auch ein Diener unsers allgemeinen Herrns.

Ferners die HH. Engel seynd zwar eyferig die Ehr und Glori GOttes zu beschützen und zu erweitern /aber sie fügen dardurch niemand den geringsten Schaden zu: Eben also sollen zwar die Fürstliche Beamte den Respect, und das Interesse ihres hoher. Principals beobachten / und beschützen / aber sie sollen die Gerechtsame / Jura, und Güter der anderen kleineren Herrschafften und Nachbaren dardurch nicht anfechten / und beschädigen.


Sie sollen auch beflissen seyn die obgemeldte drey Eigenschafften der Engel an sich zu nehmen / nehmlich die Weißheit / die Schönheit und Stärcke. Die Weißheit zwar / damit sie mit klugem und heylsamen Rath ihrem Fürsten und Herrn mögen an die Hand gehen: die Schönheit aber / nicht so viel des Leibs /der prächtigen Kleyder / kostbaren Livreen / Mobilien und Servis / als vielmehr des Gemüths / durch Christlich- und Adeliche Tugenden / auf daß sie dem gemeinen Mann mit gutem Exempel vorgehen: Dies Stärcke endlichen in unverzagter Beschützung der Wahrheit und Gerechtigkeit / von welcher sie keines Weegs durch menschlichen Respect, oder eigenes Interesse sich sollen lassen abwendig machen. Mit einem Wort diese Politische Engel / die Hoff-Leuth und Ministri, sollen die zeitliche Jura und Güter also administriren / daß sie das Recht zu dem Himmel und zu den ewigen Gütern nicht verliehren. Sie sollen ihrem König oder Fürsten also dienen / daß sie nach dem zeitlichen Leben von einem irrdischen in den Himmlischen Hof / in den Dienst und in die Freundschafft des Königs aller Königen aufgenommen werden / alldorten mit den HH. Engeln GOTT zuloben / und zu benedeyen.

[6]
Fußnoten

1 S. Greg. Nazian. in Apolog.

2 Jerem. c. 32. v. 19.

3 Ein Weltweiser kan je länger je weniger fassen was GOtt seye.

4 Job. c. 36. v. 26.

5 Der H. Augustinus muß abstehen von Erforschung der H. Dreyfaltigkeit.

6 Prov. c. 25. v. 27.

7 Aristoteles kan causam primam, den Urheber der Natur nicht begreiffen.

8 Unermessenes Lob Mariä in kurtzem Begriff.

9 Luc. c. 1. v. 18.

10 Lib. I. c. 4.

11 Fabel von der guldenen Büchs Pandoræ.

12 Aplicatio auf die Mutter GOttes.

13 Luc. c. 1. v. 18.

14 Psal. 44. v. 10.

15 Hom. 34. in Evan.

16 Apoc. c. 5. v. 11.

17 Die 9. Chör der Englen.

18 Matth. c. 18. v. 10.

19 Vollkommene Menschen seynd irrdische Engel.

20 Die Weißheit / Schönheit und Stärcke der Englen.

21 Wird appliciert auf vollkommene Seelen.

22 Matth. c. 16. v. 18.

23 Fürstliche Beamte und Hoff-Herren seynd Politische Engel. Wie sie sich verhalten sollen gegen die Unterthanen und Nachbarn.

24 Apoc. c. 19. v. 10.

II. Von dem Himmel - von der Sonnen - Mond und Sternen
Der 1. Absatz
Der 1. Absatz.
Von dem Himmel.

Was erstlich den Obersten und unbeweglichen Himmel anbelangt / welcher Cœlum Empyreum, das ist /der feurig Himmel (nicht zwar von dem Feuer / sonder von dem Glantz) genennet wird / und die eigentliche Wohnung GOttes und seiner Heiligen ist / so wird uns dieser vor gebildet durch die Heilige Stadt / das neue Jerusalem, welches der Heil. Johannes in seiner heimlichen Offenbahrung gesehen hat / und sagt daß sie auferbauet ware von so purem und reinem Gold /daß es durchscheinend als wie ein Glas. 1 Die Gründ der Stadt und der Mauren / sagt er / waren geschmückt mit allerley Edelgestein: Der erste Grund war ein Jaspiß / der anderte ein Saphir / der dritte ein Calcedonier / der vierte ein Schmaragd / der fünffte ein Sardonich / der sechste ein Sardis / der sibende ein Chrysolith / der achte ein Beryll / der neundte ein Topazier / der zehende ein Chrysopraß / der eilffte ein Hyacinth / und der zwölffte ein Ametyst. Die zwölff Porten aber der Stadt waren aus zwölff Perlein gemacht. etc.

Die himmlische Freuden belangend / hat David vor längsten weißgesagt / GOtt werde die Seelige träncken mit einem gantzen Bach der Wollüsten. 2 Ubrigens aber ist es gewiß / und bleibt darbey / was der Heil. Paulus hievon geschrieben hat: Oculus non vidit, nec auris audivit etc. 3 Kein Aug hat es gesehen / kein Ohr hat es gehört / und in keines Menschen Herz ist es gestigen / was GOtt denen so ihn lieben / hat vorbereit: Mithin kan es auch kein menschliche Zung aussprechen / und kein Federbeschreiben: wohl aber sollen wir von Hertzen darnach verlangen / und uns mit allem Fleiß darum bewerben; dann der Apostel setzt hinzu: Es werde nichts beflecktes oder unreines dorthin eingehen. 4

Sonsten wird von den Astrologis oder Stern-Seheren durch den Himmel gemeiniglich verstanden Cœlum Sydereum, der gestirnte Himmel / den man auch das Firmament zu nennen pflegt: und diser ist ein unermeßlichgrosse himmlische Sphæra, oder Himmels-Kugel in einer reinen vesten und liechten Materi bestehend / welche unverweßlich und unzerstörlich ist /und in welcher die Sonn / der Mond und die Sternen /in schönster Ordnung ausgetheilt sich befinden / welche durch ihren gewisen ordentlichen Lauff den Tag und die Nacht / wie auch die vier Jahrs-Zeiten unterscheiden: durch ihre Influenz oder Einflüß aber die unterschiedliche Witterung / die Fruchtbarkeit der Erden / das Auf- und Abnehmen der Thier und Gewächsen / ja unzahlbar viel andere Ding und Würckungen verursachen.

In sittlichem Verstand kan erstlich ein Himmel genennet werden / die Catholische Kirchen / in welcher Christus gleichsam die Sonn / Maria der Mond ist /die HH. Apostel aber / und andere gelehrte und tugendsame Männer die Stell der Sternen vertretten /welche den anderen gemeinen Menschen mit der Lehr und Tugend vorleuchten / und in Glaubens Sachen oder himmlischen Dingen sie unterrichten. 5

Der Himmel ist einer verwunderlichen Grösse und Höhe / er thut alle andere leibliche Geschöpff in seinem Bezirck begreiffen und einschliessen. Auch die Christ-Catholische Kirch thut sich so weit und breit erstrecken / daß sie alle Völcker / wann sie nur wollen / in ihr Schooß aufnimmt / und niemand davon [7] ausschliesset: Sie ist auch über alle Secten und Irrglauben / in Reinigkeit der Lehr und Heiligkeit des Lebens / so weit erhöcht / als der Himmel von der Erden entfernet ist. Der Himmel ist unzerstörlich / und kan von keinem irrdischen Geschöpff einen Gewalt oder Schaden leyden. Von der Catholischen Kirchen hat GOtt selbst gesagt / daß auch die Porten der Höllen /das ist / der Gewalt des Teuffels sie nicht zerstöhren möge. In dem Himmels-Gestirn hat alles sein gewise Ordnung / und sein richtigen Lauff / es stimmet alles miteinander übereins. Auch in der Christlichen Kirchen ist alles gantz wohl und ordentlich eingericht /all ihre Lehr und Grund-Sätz kommen übereins / und eben diese Ordnung und Ubereinstimmung bringt häuffige Früchten der Tugend und guten Wercken herfür. Wann es schon in dem Lufft trübe Wolcken / Ungewitter und Ungestümme abgibt / wann es schon donneret / blitzet und haglet / so bleibt doch der gestirnte Himmel allzeit schön ruhig und heiter / gantz unversehrt / und unverstört. Eben also / wann es schon auf der Welt unter und über sich gehet / wann schon durch Kriegs-Trublen / oder Feindseeligkeiten /und andere Unglücks-Fäll die gemeine Ruhe / und das gemeine beste zerrüttet und verwirret ist / so bleibet gleichwohl die Catholische Kirch allzeit in ihrem Flor / unbeweglich / unversehrt und unverstört; weilen sie nehmlich auf einen starcken Felsen gegründet ist. 6 Sie bleibt gantz schön und wohlgestallt / ohne Mackel und ohne Runtzel / wie der Apostel von ihr bezeugt. 7

Fürs anderte kan man in sittlichem Verstand ein jede H. Religion oder florierenden Ordens-Stand / ja ein jedes wohl disciplinirtes Gotts-Hauß einen Himmel nennen / in welchem die Obere die Stell der Sonnen und deß Monds vertretten / die übrige Geistliche aber an Frommkeit Tugend und Geschicklichkeit / als wie die Sternen leuchten. 8 In einem Ordens-Stand und wohlbestellten Gotts-Hauß / da gehet es vermög der Clösterlichen Observanz als wie in dem gestirnten Himmel / ohngeacht des unruhigen Welt-Getümmels alles gantz ruhig und ordentlich her (deßwegen es auch ein Orden genennet wird / von der guten Ordnung so da gebräuchlich ist) bey Tag und bey Nacht hat alles sein richtigen Lauff und Austheilung / sowohl den Gottesdienst / als andere Geschäfft und Verrichtungen belangend: alles stimmet da übereins / und hat die Ehr GOttes / der Seelen Heyl für sein Zihl und End.

Ja auch ein glücklicher und geseegneter Ehe-Stand / ein wohl angeordnete Hauß-Haltung kan ein kleiner politischer Himmel benahmset werden / in welchem der Hauß-Vatter und die Hauß-Mutter gleichsam die Sonn und der Mond / wohlgezogene Kinder und Christlich gesittete Ehehalten aber die Sternen seynd /welche ihren Mit-Burgern ihrer Gemeind und Nachbarn mit ihrem guten Exempel und auferbaulichen Lebens-Wandel vorleuchten. 9 Auch da gehet alles richtig und ordentlich zu: auf das Gebett folget die Hand-Arbeit / auf die Arbeit die Erquickung und Ruhe etc. Es ist ein gute Harmonie oder Verständnuß zwischen denen Hauß-Genossen / ein friedsamer Ruhe-Stand /und folgends ein reicher Göttlicher Segen. Gleichwie hingegen ein unglücklich- und ungeseegneter Ehestand / oder vielmehr Wehestand einer kleinen Höllen gleichet / ubi nullus ordo sed sempiternus horror inhabitat, allwo kein Ordnung / sonder ein immerwährender Greuel / und ein lautere Verwirrung ist: allwo nichts als Zanck und Hader / Rauffen und Schlagen /Fluchen und Schwören zu hören und zu sehen ist. 10

Der 2. Absatz
Der 2. Absatz.
Von der Sonnen.

Die Sonn ist jenes groß und allgemeine Welt-Liecht /ein Aug der Natur / ein Zier des Himmels / ein Freud der Erden / ein Königin der Planeten / ein Mutter der Fruchtbarkeit / ein Maaß der Zeiten / ein Ursprung aller sichtbarlichen Schönheiten / ein Trost [8] der Menschen und Thieren. 11 Vas adadmirabile, Opus excelsi. 12 Ein wunderbarliches Geschirr / ein Werck des Allerhöchsten / ein absonderliches Kunst-Stuck des himmlischen Werckmeisters.

Schön und annehmlich ist es zu sehen / wie bey anbrechendem Tag und heiterem Himmel die majestätische und Zier-volle Sonn sich so prächtig und eylends empor hebet: wie daß sie mit dem Gold-Stuck ihres Glantzes bekleidet / gleichsam auf einem feurigen Triumph-Wagen so herrlich in die blaue Himmels-Felder herein fahret: Wie daß sie mit dem glantzenden Kriegs-Heer ihrer guldenen Strahlen so ansehnlich sich præsentieret / und mit diesen feurigen Pfeilen die Kohl-schwartze Truppen der nächtlichen Finsternussen so muthig in die Flucht jaget / und hingegen das dunckle Erd-Gebäu mit ihrem Glantz erleuchtet / und die Gemüther der Menschen erquicken thut. Schön und annehmlich / sage ich / ist dieses zu sehen. Dulce lumen & delectabile. 13 Ein Augen-Trost / ein Hertzens-Freud.

Absonderlich seynd vier Stuck oder Eigenschafften an der Sonnen zu bewundern: nehmlich die erstaunliche Grösse derselben / an welcher sie den gantzen Erdboden gar weit und vielmahl übertrifft: Obwohlen sie wegen der erschrecklichen Höhe uns nur als wie ein Kugel oder Scheiben vorkommet: 2. Ihr unbeschreiblich schneller Lauff / indem sie in wenig Stunden vil weiter laufft / als der Umkrays der gantzen Welt ist. 14 3. Der unvergleichliche Glantz / als welchen das menschliche Aug ohne Verletzung / auch nur ein kurtze Zeit nicht anschauen und erdulden kan. 4. Ihr wunder-grosse Hitz und kräfftige Würckung /krafft deren sie alles durchdringt / und nicht nur alle Gewächs der Erden / sonder auch die Mineralia undMetalla, das Gold und Silber etc. welche tieff in der Erden verborgen ligen / auskochet / und zu ihrer Vollkommenheit bringet: ja tausenderley andere Würckungen in denen Kräuteren / Thieren und Gewächsen hat.

Aber geistlicher Weiß ist erstlich und ungezweiffelt durch die materialische Sonn zu verstehen die Göttliche Gnaden-Sonn / die unerschaffene Sonn der Gerechtigkeit / welche die gantze Welt erleuchtet und regiert / das Allerhöchste Weesen / ein Ursprung alles Liechts / aller Zierd / Schönheit und Fruchtbarkeit /der Leiber und Seelen / als ein Urheber sowohl der Natur als der Gnad. 15 Diese Sonn / nehmlich GOtt /ist unermessen groß / Cœli Cœlorum capere eum non possunt: 16 Himmel und Erden können ihn nicht begreiffen. Er hingegen begreiffet alles in sich / und erstrecket sich unendlich weit über alles hinaus. Den Glantz und die Klarheit der Göttlichen Sonn betreffend / so kan kein menschliches Aug / ich will sagen /kein menschlicher Verstand dieselbige ertragen:Lucem inhabitat inaccessibilem: 17 Er wohnet in einem Liecht / da niemand zukommen kan. Ihr Schnelle oder Geschwindigkeit aber erscheinet aus dem / daß GOTT durch ein eintziges Fiat die herrlichste Creaturen erschaffen hat: und daß tausend Jahr vor ihm seynd als wie der Tag / der gestern vergangen ist. 18 Die Hitz der unerschaffenen Sonn belangend / sagt der Heil. Apostel Paulus austruckentlich: Unser GOtt ist ein verzehrendes Feur. 19 Sein Krafft und Würckung endlich ist so groß und allgemein / daß er die erste Ursach aller Dingen ist / und daß ohne seine erste Bewegung alle Geschöpff gantz unkräfftig und unvermögend seynd. Ja omnia opera nostra operatus es in nobis. 20 Du hast auch in uns all unsere Werck gethan. Es ist die unerschaffene Sonn / das ist GOtt / so kräfftig und so mächtig / daß sie das innerste / und verborgenste des Menschen durchdringt: Scrutans corda & renes: 21 also kräfftig und mächtig / daß sie aus den Steinen Kinder Abrahæ machen kan / also mächtig und kräfftig / daß sie die verstockte und Stein harte Hertzen der Sünder / als wie ein weiches Wachs zerschmeltzet: also kräfftig / daß sie die so schwache und blöde Menschen in den grösten Gefahren / ja in den grösten Peyn- und Schmertzen [9] unerschrocken und unüberwindlich macht. 22

Wann die sichtbarliche Sonn an unserem Horizont aufgehet / da werden die Kräfften der Thier und Menschen gestärcket / und nemmen zu biß gegen Mittag: wann sie aber untergehet / da nehmen sie ab / und beginnt der Schlaff sich anzumelden. 23 Auch die Blumen thun sich auf bey aufgehender Sonn / und bey nidergehender schliessen sie sich zu. Eben also wann uns die Göttliche Gnaden-Sonn anscheinet / O da seynd unsere Seelen gestärcket / hurtig und munter in Ubung der Tugend und guten Wercken / wann sie aber uns ihre Strahlen entziehet / da seynd wir gantz schwach und matt / untüchtig etwas Gutes zu würcken / gantz träg und faul: wir verfallen in tieffen Schlaff der Sünden etc.

Endlichen gleichwie die natürliche Sonn zu ihren gewisen Zeiten den gantzen Zodiacum oder himmlischen Thier-Crayß durchlauffet / der in den zwölff Himmels-Zeichen bestehet / welche mit folgenden zwey Versen angezeigt werden:


Sunt Aries, Taurus, Gemini, Cancer, Leo, Virgo,
Libraque, Scorpius, Arcitenens, Caper, Amphora, Pisces. 24

Zu Teutsch:

Der Wider / der Stier / der Zwiling / der Krebs / der Löw / die Jungfrau / die Waag / der Scorpion / der Schütz / der Steinbock / der Wassermann / und der Fisch. Also hat auch die Göttliche Sonn die besagte zwölff Himmels-Zeichen theils im alten / theils im Neuen Testament durchgangen. 25 Und zwar (wie ein gelehrte Feder in einer Lob-Predig von dem H. Augustino anmercket) durch das Zeichen des Widers ist sie gangen / als aus Göttlicher Anordnung der Abraham einen Wider in der Dorn-Hecken behangend angetroffen hat. 26 Durch das Zeichen des Zwillings / da aus Vorsichtigkeit GOttes die Rebecca die zwey Zwilling den Jacob und Esau gebohren. 27 Durch das Zeichen des Löwen / da aus absonderlicher Schickung GOttes der Prophet Daniel unverletzt aus der Löwen-Grub kommen ist. 28 Durch das Zeichen des Fisches / als GOtt das Gebett Jonæ aus dem Bauch des Wall-Fisches erhört hat. 29 Durch das Zeichen der Waag / indeme GOTT die Bühel und Berg mit Gewicht hat abgewogen. 30 Durch das Zeichen deß Stiers / als GOtt dem Gedeon befohlen hat den Stier seines Vatters her zubringen. 31 Durch das Zeichen des Steinbocks / als GOtt befohlen für die Sünd der Menschen ihm einen reinen Bock zu opfferen. 32 Durch das Zeichen des Schützens / als der Schütz Joas gegen Aufgang der Sonnen einen Pfeil des Heyls vom HErrn abgeschossen hat. 33 Durch das Zeichen der Jungfrau / als der Sohn GOttes aus Maria der Jungfrauen ist gebohren worden. 34 Durch das Zeichen des Krebs / als GOtt durch seinen Apostel gesagt hat / unnütz und eitel Geschwätz fresse um sich als wie ein schädlicher Krebs. 35 Durch das Zeichen des Scorpions / als Christus den Aposteln die Krafft ertheilt hat / die Scorpionen unbeschädiget zu tretten. 36 Durch das Zeichen des Waffermanns endlich ist die Göttliche Sonn gangen / als Christus in dem Fluß Jordan ist getaufft worden. 37

Ubrigens gleichwie die natürliche Sonn sich selber nirgends schöner und lebhaffter entwirfft oder abbildet / als in einem klaren und stillen Bächlein / oder Bronnen / also thut GOTT sein Bildnuß / die Gleichheit seiner Vollkommenheiten niemand besser eintrucken / als der menschlichen Seel / wann sie rein ist von Sünd und Laster / auch still und ruhig von dem Getümmel / und verwirrten Händlen der unruhigen Welt. 38

Aber gleichwie die Poeten von dem Icaro dichten /daß er mit seinen wächsinen Flügel zu nah gegen der Sonnen aufgeflogen seye / die ihm deßwegen geschmoltzen / und er ins Meer herab gefallen: also wahrhafftig / wann sich der Mensch mit den schwachen Flügeln seines Verstands und seiner Gedächtnuß der Göttlichen Sonnen zu viel näheret / da verlassen ihn seine Kräfften / und er fallt herab in die Tieffe der Unwissenheit und deß Irrthums / gleichwie [10] es vielen Urheberen der Ketzereyen ergangen ist. 39

Zum anderten ist auch Christus eine sittliche Sonn der Catholischen Kirchen / die er mit dem Glantz seiner Lehr und Heiligkeit erleuchtet und unterweiset: auch durch sein allmögende Krafft so fruchtbar macht (gleichwie die Sonn den Erdboden) daß sie unzahlbare Verdienst / Buß und Tugend-Werck herfür bringt. 40 Ferners gleichwie die Sonn über alle aufgehet / über die Gute und Böse / mit ihren Strahlen alle erleuchtet und erwärmet / also hat Christus allen Guts gethan: Er hat alle / so zu ihm kommen / von ihren Gepresten und Anligen des Leibs und der Seelen geholffen. Pertransiit benefaciendo & sanando omnes. 41

Ferners gleichwie all andere Gestirn ihr meistes Liecht und Glantz von der Sonnen empfangen / also haben die Lehrer der Catholischen Kirchen all ihre Weißheit und Ansehen von Christo her. Wiederum gleichwie die Sonn alle Farben / die Schönheit oder Häßlichkeit aller Dingen anzeigt und offenbahret /also wird Christus der höchste Richter am Jüngsten Tag alle Geheimnussen deß Gewissens / alle Laster und Tugenden offenbahren.

Es seynd zu Zeiten an unterschiedlichen Orthen zwey / öffters auch drey Sonnen zugleich an dem Himmel gesehen worden / welche aber nicht lang gedaurt / und gemeiniglich blutige Krieg und Empörungen vorbeditten haben. 42 Benanntlich in dem Jahr 1503. hat man in Würtemberg drey Sonnen mit Blutfärbigen Schwerdteren gesehen / auf welches ein Aufstand der Bauren in besagtem Hertzogthum erfolget ist. Anno 1520. hat man zu Wien / und auch zu Erfurt den fünfften und sibenden Jan. gleichfalls drey Sonnen gesehen: und selbiges Jahr haben die Türcken Griechisch Weissenburg eingenommen. In Teutschland aber hat Martin Luther das Lutherthum angefangen. Wiederum Anno 1526. kurtz vor dem Tod Königs Ludovici seynd an dem Himmel drey Sonnen erschienen / welche Zweifels ohne beditten haben / daß drey Fürsten um das Reich streiten werden / nehmlich Solymann der Türckische Kayser / Joannes ein Fürst in Siebenbürgen / und Ferdinandus der König. Auch 1669. ist zu Posnen in Ungarn eine doppelte sehr hell-glantzende Sonn am Himmel gesehen worden: worauf jene grosse Conspiration in Ungarn und Crabaten wider den Römischen Kayser erfolget ist etc.

Aber an dem Firmament der Catholischen Kirchen erscheinen beständig zwey Sonnen / ein erschaffene und ein unerschaffene / nemlich die Menschheit und GOttheit Christi: und dise zwey Sonnen bedeuten und verursachen gar keinen Krieg / Conspiration oder Auffruhr / sonder vielmehr Fried und Einigkeit /Glück und Seegen: Ut & ipsi in nobis unum sint, bittet Christus zu dem himmlischen Vatter: Auf daß auch sie alle eins seyen. 43

Es ist die natürliche Sonn ein so edle und fürtreffliche Creatur / daß der Weltweise Plato und Seneca, der Natur-Kündiger Plinius und Firmius, ja viel andere mehr sie für etwas übernatürliches gehalten haben: Sie hielten darfür ihre Gold-glantzende Strahlen seyen ein Göttliche Klarheit: ihr so stet wachtbares Aug sey ein Göttliche Vorsichtigkeit: ihr so lebhaffter Einfluß sey ein Göttliche Krafft und Würckung: ihr hell scheinendes Liecht sey ein Göttliche Schönheit: ihr beharrliche Brunst seye ein Göttliche Unsterblichkeit: Aber nein sie haben weit gefehlt / sie waren bey all ihrer grossen Wissenschafft / und hellem Sonnen-Schein gleichwohl blinde und verblendte Heyden. 44 Wir hingegen mit besserer Erkanntnuß des Glaubens erleuchtet fehlen nicht / wann wir die sittliche Sonn der Catholischen Kirchen / das ist / Christum als wahren GOtt erkennen / und in ihme gantz Göttliche Vollkommenheiten bewundern und anbetten.

Zum dritten soll ein politische Sonnen seyn ein jeder König / Fürst oder Regent in seinem Land und Reich: dann gleichwie die Sonn der herrlichste / fürtrefflich-schönste und kräfftigste [11] Planet an dem gantzen Himmel ist / also ist ein König oder Fürst der edliste / ansehnlich- und mächtigste in seinem Land und Reich. 45 Aber gleichwie die Sonn täglich die weitschichtige Himmels-Felder durchstreichet / und zu gewisen Zeiten den gantzen Zodiacum, das ist /alle zwölff Himmels-Zeichen gleichsam visitiret / also solle auch ein Fürst oder Regent zum öffteren durch sich selber / wo es möglich ist / oder aufs wenigst durch getreue und aufrichtige Commissarios sein Land und Leuth visitiren: alle Ständ solle er fleissig durchgehen / um zu sehen / ob die Gerechtigkeie administrirt werde / ob die arme Unterthanen nicht untertrucket werden / ob die Christliche Tugenden im Schwang gehen / ob die offentliche und ärgerliche Laster abgeschafft und abgestrafft werden. etc.

Es ist zwar nur ein Gedicht / daß der feurige Sonnen-Wagen von denen berühmten vier Pferden / Eton, Eous, Pyrois und Phlegon gezogen werde: aber ein Gewißheit ist es / daß ein Fürst oder Regent von den vier Cardinal- oder Haupt-Tugenden / nehmlich von der Klugheit / Gerechtigkeit / Mäßigkeit und Stärcke solle angeführt / und in allem seinem Thun und Lassen geleitet werden / damit er niemahl aus den Schrancken der Gebühr ausweiche: Dann wie der weise Salomon sagt: Leo rugiens, & ursus esuriens Princeps super populum pauperem: 46 Ein gottloser Fürst / so über ein armes Volck regiert / ist wie ein brüllender Löw und hungeriger Bär. Und wiederum: Wann ein Regent ohne Verstand ist / werden vil mit Gewalt unterdruckt.

Es pflegt zwar die Sonn die Dämpff und Feuchtigkeiten der Erden an sich zu ziehen / aber sie lasset darum die Erden nicht gantz trucken und ausgedorret /sie behaltet die Feuchtigkeit nicht für sich / sonder sie verändert selbige in heylsame Regen / und schicket sie der Erden wiederum zuruck. 47 Eben also kan ein Fürst / oder regierender Herr zwar wohl durch billichmäßige Steur und Anlaagen von dem Haab und Guth der Unterthanen etwas an sich ziehen / aber er soll sie nicht gäntzlich auspressen oder aussaugen / und was er von ihnen empfangen hat / nit für sich allein / nicht auf übermäßigen Pracht / sonder zum Schutz und Nutz deß Lands / zum gemeinen Besten anwenden.

Endlichen gleichwie die Sonn die Dämpff der Erden an sich ziehet / erhöhet und schöne helle Wolcken daraus machet / wann sie zuvor subtil worden /und gereiniget seynd / und dise Wolcken thun alsdann die Hitz der Sonnen mäßigen / der Erden einen angenehmen Schatten machen / und also die Thier und Menschen erquicken. 48 Eben also soll ein Fürst oder Regent diejenige Subjecta von seinen Unterthanen erhöhen / an sich ziehen / zu seinen Räthen und Beamten machen / welche rein und subtil seynd / ich will sagen / welche eines subtilen und scharffen Verstands seynd / auch rein wenigstens von grossen ärgerlichen Lastern / von all zu grossem eignen Nutzen / und Geld-Gierigkeit. Diese Wolcken sollen alsdann die allzugrosse Hitz der Politischen Sonnen / das ist / die allzugrosse Schärpffe und Strengheit des Regenten mäßigen / den Unterthanen durch ihre Intercession einen angenehmen Schatten oder Schutz verursachen /und selbige mit Rath und That trösten und erquicken.

Der 3. Absatz
Der 3. Absatz.
Von dem Mond.

Der Mond ist ein schöner und ansehnlicher Planet /doch viel kleiner als die Sonn / ja kleiner als die Welt. Er ist ein helleuchtende Himmels-Fackel / ein besondere Zierd deß Firmaments / ein Trost und Linderung der nächtlichen Finsternussen / ein Mäßigung der Sonnen-Hitz / ein Mutter des annehmlichen Morgen-Thaus und der Feuchtigkeit / ein Beherrscher deß Meers / in welches der Mond ein absonderliche Krafft und Würckung hat / also / daß dieses nach seinem Lauff sich richtet / ab / oder zufließt.

[12] Durch den Mond ist erstlich zu verstehen in sittlichem Verstand die seeligiste Junfrau Maria / Pulchra ut Luna, schön als wie der Mond. 49 Sie ist ein hellscheinendes Liecht / ein absonderliche Zierd der Catholischen Kirchen / ein Hülff und Trost der Menschen in der finsteren Nacht dieses armseeligen Lebens. Luminare minus, ut præesset nocti. 50 Ein kleineres Liecht / welches vorstünde der Nacht /das ist den Sündern. Sie mäßiget durch ihre Fürbitt und Verdienst die Hitz und Schärpffe der Göttlichen Gerechtigkeit / des Gottlichen Zorns: Sie ist ein Mutter oder Ursach des himmlischen Gnaden-Thaus / deß wahren Trosts und Erquickung: und gleichwie der Mond das Liecht / so er von der Sonnen empfangt /der Welt getreulich mittheilet / also thut Maria die Gnaden und Erleuchtungen / die sie von GOtt empfangt / denen Menschen reichlich mittheilen. Sie laßt auch das Meer dieser Welt die häuffige Einflüß oder Würckungen ihres mächtigen Schutzes gar nachtrucklich geniessen. Aber sie ist niemahlen ein abnehmender / niemahlen ein verfinsterter Mond / sonder sicut luna perfecta in æternum, 51 allzeit schön / vollkommen / und ohne Mackel. Also daß man diesem Marianischen Mond gar wohl kan die Sinnschrifft zueignen:


Omnis defectûs nescia,
Ein voller Mond in hellem Schein /
Der verfinstert nie kan seyn.

Ich sage / allzeit in hell- und vollem Schein / wie jener Himmlische Bottschaffter bezeugte: Gratiâ plena, 52 voll der Gnaden. Durch diesen Marianischen Vollmond werden von dem Horizont der Catholischen Kirchen die schädliche Finsternussen der Sünd und Lasteren / der Irrthumer und Ketzereyen vertrieben etc. Es pflegen zwar offt die neidige Hund den Mond anzubellen / und können ihn nicht leyden /aber ihme auch im geringsten nichts schaden. Eben also die neidige Ketzer und Irrglaubige thun zwar Mariam durch ihre Laster-Schrifften gar hefftig anbellen / und anfeinden / aber sie können ihr durchaus nicht schaden / auch kein Mackel an ihr finden.

Wie die Astrologi beobachten / so begibt sich alsdann ein Finsternuß an dem Mond / wann zwischen ihm und der Sonnen die Welt-Kugel oder der Erdboden sich stellet / und also verhinderet / daß der Mond von der Sonnen sein gewöhnliches Liecht nicht empfangen kan. 53 Aber dieses ware fern von dem Marianischen Vollmond / es konnte weder die Welt mit all ihren Güter und Reichthumen / weder die finstere Wolcken der Trübsal und Widerwärtigkeiten Mariam im geringsten nicht verhindern / daß sie nicht allzeit von der Göttlichen Gnaden Sonnen häuffig bestrahlet und vollkommen erleuchtet bliebe.

Man hat auch aus langwieriger Erfahrnuß / daß aus dem Mond-Schein das zukünfftige Wetter muthmaßlich könne abgenommen werden / laut jenes Lateinischen Vers:


Palida Luna pluit, rubicunda flat, alba serenat: 54


Das ist:

Wann der Mond bleich scheinet / so bedeutet es folgendes Regenwetter: ist er rothlecht / so hat man starcke Wind zu gewarten: wann er aber hell und weiß ist / da ist schön und gutes Wetter zu hoffen. Man habe den Marianischen Vollmond so genau betrachtet als man gewollt / so wird man doch niemahl verspührt haben / daß er sey bleich oder roth gewesen: ich will sagen / niemahl erbleichte Maria von einer unmäßigen Forcht oder Schrecken / sie ware allzeit gantz hertzhafft / und unerschrocken in Uberwindung aller Beschwerden. 55 Sie ware auch niemahl roth / das ist / niemahl entzündet von einiger unzimlichen Hitz oder Begierd / von einer Eyfersucht / Unmuth oder dergleichen / sonder allzeit schön hell und weiß / das ist gantz rein / aufrichtig und unschuldig.Alba serenat, es ist kein Ungewitter zu beförchten /wann diser Silber weisse Mond scheinet / er zeiget günstiges Wetter / freulichen Sonnen-Schein / verstehe der Göttlichen Gnaden-Sonnen an.

[13] Sonsten ist der Mond auch eine Bedeutung der Unbeständigkeit des Menschen; dann gleichwie der Mond dem Menschlichen Aspect oder Aug nach gar veränderlich ist / bald zu bald abnimmt / bald wie ein liechte Kugel oder Scheiben / bald wie ein halber Zirckel uns vorkommt / jetzt mit auffwerts / jetzt mit abwerts gestreckten Enden oder Hörneren sich sehen laßt / jetzund weiß / jetzund rothlecht aussihet / eben also ist der Mensch gar veränderlich und auf alle weiß unbeständig: er ist unbeständig in seiner Meynung und Guterachten / in seinen Vorhaben und Anschlägen / in seinem Thun und Lassen. 56 Er ist unbeständig in der Gnad / und in der Natur / an dem Leib und an der Seel / bald kranck / bald gesund / bald frölich /bald traurig / bald tugendsam / bald lasterhafft. Nunquam in eodem statu permanet. 57 Er bleibt nimmer in einem Stand.

Der Mond hat von Anfang wenig Liecht / in der Mitte bekommt er einen vollkommenen Schein / zuletzt verliehret er wieder allen Glantz. Eben also hat der Mensch von Anfang in seiner Jugend wenig Verstand und Kräfften / in seinem Mannlichen Alter bekommt er mehr Wissenschafft / Erfahrenheit / und Stärcke / in dem hohen und letzten Alter aber verliehrt er gemeiniglich wiederum alles miteinander.

Noch ferners und absonderlich zeigt uns der Mond wegen seiner vielfältigen Veränderung gar wohl an die Unbeständigkeit der Menschlichen Wohlfahrt /und des zeitlichen Glücks; Dann gleichwie der Mond bald ab / bald zunimmt / bald gäntzlich vor unseren Augen verschwindet / also nemmen die zeitliche Wollüst / Ehren und Reichthumen bald ab und bald zu: bald verlassen sie einen gantz und gar / also daß in kurtzer Zeit ein reicher und ansehnlicher Crœsus, ein armer und verächtlicher Codrus wird: wie es unter vilhundert andern nur gar zu wohl erfahren hat ein unglückseeliger Polycrates und Bajazet, ein Andronicus und Bellisarius, ein Alcibiades und Sejanus, ein Conradinus Suevus, Castrucius und Castracanus etc. mit welchen allen das Glück als wie mit einem Ballon gespielt hat / indem sie von dem höchsten Gipffel der Ehren und Glückseeligkeit in die Tieffe der Verachtung und der Armseeligkeit seynd gestürtzet worden. 58 Also wahr ist es was der Heil. Augustinus sagt: Quanto plus honoramur, tanto plus periclitamur. Je mehr und höher man angesehen ist /je grösser ist die Gefahr: Weilen es nehmlich bey hohen Bergen allzeit tieffe Thäler abgibt / in welche man gar leichtlich fallen kan / wann man zum höchsten gestiegen ist. 59 Deßwegen billich dem so unbeständigen Glücks-Rad das Lemma oder die Sinn-Schrifft kan zugeeignet werden:


Nunquam in eodem.
Was jetzund oben stehet
Hernach bald untergehet.

Oder wie der Poet singt:
Crescit, decrescit, in eodem sistere nescit.
Bald nimmt er zu / bald nimmt er ab:
Es ist bey ihm kein B'stand noch Hab.
Der 4. Absatz
Der 4. Absatz.
Von denen Sternen.

Was die Blumen in dem Garten / was die Edelgestein in einem guldenen Gefäß / und was die Augen in dem Angesicht / das seynd die Sternen an dem Himmel /nehmlich ein Lust / ein Zierd und Glantz. 60 Sie bestehen in einer reinen / vesten / durchscheinenden und unverweßlichen Materi. Es seynd derselben zweyerley Gattungen / die eine und zwar die meiste werden von denen Astrologis stellæ fixæ genannt / das ist / unbeweglich / und gleichsam angeheffte Sternen / andere aber stellæ errantes, das ist / bewegliche / oder fahrende Irr-Sternen / welche zu unterschiedlichen Zeiten / ihren unterschiedlichen / doch gewisen und richtigen Lauff haben: nehmlich die [14] siben Planeten / das ist der Mond / so der unterste Planet ist / der Mercurius, dieVenus, die Sonn / der Mars, Jupiter und Saturnus, welches der höchste ist. Diser Planeten wird glaublich ein jeder von einem besondern Engel dirigirt, oder in seinem Lauff gelaitet. Was aber die Zahl oder Menge der Sternen insgemein betrifft / da sag ich nichts anders / als was GOTT selber vor längsten zu dem Abraham gesprochen hat / nehmlichen: Suspice Cœlum & numera stellas, si potes. 61 Schaue an den Himmel / und zehle die Sternen / wann du es kanst. Sie seynd unzahlbar / und GOtt allein bekannt / Qui numerat multitudinem stellarum, & omnibus eis nomina vocat. 62 Er zehlet die Menge der Sternen / und nennet sie alle mit Nahmen.

Die Grösse der Sternen betreffend so seynd die meiste gar viel und weit grösser als die gantze Welt /oder der gantze Erdboden: obwohlen sie uns / wegen der unbeschreiblichen Höhe sehr klein vorkommen. Ubrigens empfangen die Sternen ihr meistes Liecht von der Sonnen / dasselbige theilen sie der Erden mit / und haben ein grosse Krafft oder Würckung in die Cörperliche Ding / die sich auf und in der Erden befinden.

Aber sittliche und geistliche Stern seynd sowohl die Heilige in dem Himmel / als die vollkommene und gelehrte Männer auf der Erden: Dann Qui ad justitiam erudiunt multos, fulgebunt quasi stellæ in perpetuas æternitates. 63 Die, so viel zur Gerechtigkeit gewiesen oder gelehrt haben / werden wie die Sternen scheinen immer und ewiglich. Sternen seynd sie / und zwar lauter stellæ fixæ, beständige /unbewegliche Sternen / sie weichen niemahl ab von dem Weeg der Tugend und Gerechtigkeit / sie lassen weder durch das Liebkosen der betrüglichen Welt /weder durch Trübsal und Widerwärtigkeit / weder durch den List und Gewalt des bösen Feinds von dem Guten sich abwendig machen. Das Liecht und den Glantz ihrer Weißheit u. Heiligkeit empfangen sie von der Göttlichen Gnaden-Sonn / und was sie empfangen haben / das thun sie vertreulich und ohne Vergelt andern mittheilen. Sie seynd zwar an sich selber groß und ansehnlich vor GOtt und seinen Engeln /und dannoch kommen sie ihnen selbst aus Demuth gantz klein / und gering vor: ja auch vor den Augen der verblendten Welt-Menschen scheinen sie klein und schlecht / eben darum / weil sie durch ihr Leben und Lehr so weit über all das irrdische und eitle erhöcht seynd. Den Einfluß und kräfftige Würckung /so dise sittliche Sternen in die Welt haben / belangend / so ist es gewiß / daß offtermahl gantze Reich und Länder zu grund giengen / wann sie nicht durch ihre allmögende Fürbitt und Verdienst der so Gottseeligen und GOtt-geliebten Seelen erhalten wurden: wann nicht durch sie das Ubel und Unheyl abgewendt / und hingegen Glück und Seegen vom Himmel erbetten wurde.


Die natürliche Sternen reinigen und erleuchten den Lufft durch die Bewegung ihrer Strahlen / sie mäßigen und vereinigen die wider einander streitende Elementen in denen Cörperlichen Geschöpffen. etc. Auch die sittliche Sternen erleuchten und reinigen die Welt durch ihr Lehr / Correction und Exempel von der schädlichen Finsternuß der Irrthum und Unwissenheit / von den gifftigen Dämpffen der Sünd und Laster. Die widerwärtige Elementen / das ist / die uneinig-und streitende Partheyen vereinigen und versöhnen sie durch freundliches Zusprechen / und friedliche Unterhandlung: die Sünder aber / die GOTT dem HERRN so sehr zuwider seynd / versöhnen sie mit ihm durch ihr eyfriges Gebett und Fürbitt.


Die vollkommene und hocherleuchte Männer seynd jene Sternen / mit welchen das Apocalyptische Weib (welches mit der Sonn umgeben / den Mond unter den Füssen hatte) gekrönt ware / das ist / die Catholische Kirch / dero Zierd und Glori die Heilige und vollkommene Seelen seynd.

[15] Politische Sternen sollen seyn die Hoff-Herren /Räth und Beamte bey einem König oder Fürsten / und zwar lauter stellæ fixæ, beständig-unbewegliche Sternen / die sich von der Gerechtigkeit / und von der Pflicht und Treu gegen ihren Herrn auf keine Weiß lassen abwendig machen. 64 Sie sollen dem Land /oder dem Gebiet / über welches sie gesetzt seynd /vorleuchten mit Klugheit und Vorsichtigkeit in ihrer Verwaltung: und gleichwie die Sternen des Himmels zwar ein hohes Ansehen und ein weites Aussehen haben / aber dannoch darneben ein liebreiche Apparenz, ein angenehmen Schein / ein austheilige Influenz, und ein zusammen haltende Vereinigung / also sollen dise politische Sternen ihr Authoritæt und hohes Ansehen zwar behaupten / aber nicht durch übermäßigen Pracht / oder strenges Verfahren mit denen armen Unterthanen / sonder durch ruhmwürdige Thaten / und auferbaulichen Lebens-Wandel. Sie sollen von sich geben ein lieblichen Schein der Freundlichkeit und Bescheidenheit. Sie sollen den Bedürfftigen gern und willig mittheilen von ihrem Reichthum und Uberfluß / und also keine stellæ attractivæ, das ist / durch den Geitz alles an sich ziehende Sternen seyn / sonder vilmehr stellæ diffusivæ, das ist / durch die Freygebigkeit austheilige Sternen: Sie sollen auch zusammen halten / oder einträchtig seyn in Beförderung deß gemeinen Bestens. Endlich gleichwie die Sternen ein jeder mit seinem Circul /mit seiner Höhe / Grösse und Glantz zufrieden ist /und die andere in ihrer Station nicht verhinderet /noch verfinsteret / also soll ein jeder Minister, Rath oder Beamte mit seinem Rang / Dienst und Besoldung zu frieden seyn / einem anderen nicht eingreiffen / nicht schaden / ihne nicht beneiden / und nicht verschwärtzen.

Fußnoten

1 Apoc. c. 21.

Beschreibung der himmlischen Stadt Jerusalem.

2 Psal. 35. v. 9.

3 Die himmlische Freuden seynd unbeschreiblich.

4 1. ad. Cor. c. 2.

5 Die Catholische Kirch ist ein sittlicher Himmel.

6 Matth. c. 16. v. 18.

7 Ad Ephes. c. 5. v. 22.

8 Geistlicher Ordens-Stand ist ein sittlicher Himmel.

9 Ein glücklicher Ehestand ist ein kleiner Himmel.

10 Job. c. 10. v. 22.

11 Lob-Sprüch und Eigenschafften der Sonnen.

12 Eccli. c. 43. v. 2.

13 Eccli. c. 11. v. 7.

14 Die Grösse / Schnelle / Hitz und Glantz der Sonnen.

15 GOtt ist die Sonn der Welt.

16 2. Paral. c. 2. v. 6.

17 1. ad Tim. c. 6. v. 16.

18 Psal. 89. v. 4.

19 ad Hebr. c. 12. v. 29.

20 Isa. c. 26. v. 12.

21 Psal. 7. v. 10.

22 Luc. c. 3. v. 8.

23 Die aufgehende Sonn stärcket die Kräfften.

24 Die zwölff Himmels-Zeichen.

25 Applicirt auf die unerschaffene Sonn.

26 Gen. c. 22. v. 13.

27 Gen. c. 25. v. 24.

28 Dan. c. 14. v. 40.

29 Jonæ c. 2. v. 2.

30 Isa. c. 40. v. 12.

31 Judic. c. 6. v. 25.

32 Lev. c. 4. v. 23.

33 4. Reg. c. 13. v. 17.

34 Matth. c. 1. v. 16.

35 2. Tim. c. 2. v. 17.

36 Luc. c. 10. v. 9.

37 Luc. c. 5. v. 21.

38 Reine Seelen seynd Spiegel der GOttheit.

39 Icarus fliegt zu nah gegen der Sonnen. Fabel.

40 Christus ein Sonn der Catholischen Kirchen.

41 Act. c. 10. v. 38.

42 Mehr Sonnen haben zugleich geschienen.

43 Joa. c. 17. v. 21.

44 Die Sonn von alten Heyden für einen GOtt gehalten.

45 Fürsten und Regenten seynd politische Sonnen.

46 Vier Sonnen-Pferdt.

Applicatio.

Prov. c. 28. v. 15. & 16.

47 Steur und Anlaag sollen mäßig gefordert werden.

48 Gute und bescheidene Beamte seynd nutzlich.

49 Maria ist ein geistlicher Mond.

Cant. c. 6. v. 9.

50 Gen. c. 1. v. 16.

51 Psal. 88. v. 38.

52 Luc. c. 1. v. 18.

53 Monds-Finsternuß wann sie sich begebe.

54 Aus dem Mond kan man die künfftige Witterung abnehmen.

55 Wird Mariä appliciert.

56 Menschen seynd veränderlich als wie der Mond.

57 Job. c. 14. v. 2.

58 Unbeständigkeit des zeitlichen Glücks.

59 in Psal. 50.

60 Beschaffenheit der Sternen.

61 Gen. c. 15. v. 5.

62 Psal. 146. v. 4.

63 Sittliche Sternen seynd vollkommene gelehrte Männer.

Dan. c. 12. v. 3.

64 Politische Sternen seynd die Räth und Beamte an einem Hof / und wie sie sollen beschaffen seyn.

III. Von der Morgenröthe - Regenbogen - und Comet-Sternen
Der 1. Absatz
Der 1. Absatz.
Von der Aurorâ, oder Morgenröth.

Durch die Auroram oder Morgenröthe wird von denen Astrologis gemeiniglich jener annehmliche Stern / der am Morgen frühe vor der Sonnen Aufgang sich an dem Horizont (das ist / an dem Bezirck des Himmels / so weit sich das Aug erstrecken mag) præsentirt, und als ein Vorbott der Sonnen das liebe Tag-Liecht ankündet. 1 Oder auch jene schöne Himmels-Röthe / welche zu Zeiten gleich vor der aufgehenden Sonnen sich sehen laßt. Dise Morgenröth ist ein Lust der Augen / ein Freud deß Hertzens / ein Zerstöhrung der nächtlichen Finsternuß / ein Feindin und Schrecken der nächtlichen Dieb und Strassen-Rauber / weilen sie förchten erdappt und gefangen zu werden / sie ist ein Weegweiserin der Wanders-Leuthen / ein Trost und Linderung der Krancken / ein Erquickung der Menschen und Thier / die sich bey anbrechendem Tag besser befinden / und gleichsam wider lebendig wer den.

In sittlichem Verstand bedeutet sie erstlich die seeligste Jungfrau Mariam / Quæ progreditur quasi aurora consurgens, 2 welche herfür tritt als wie die Morgenröth. Sie ist ein Vorböttin der Göttlichen Gnaden-Sonn; dann wen sie anscheinet / das ist / wem sie günstig ist / der hat sich zu versicheren / daß auch GOtt selbsten ihn mit Gnaden werde ansehen: mithin bringt sie den höchst erwünschten Tag des Heyls und der Gnaden. Sie vertreibt [16] die schädliche Finsternussen deß Irrthums und der Unwissenheit / die Nacht der Sünden: Sie verjagt die höllische Strassen- oder vielmehr Seelen-Rauber / als welche ihren Gewalt nicht können ausstehen. Si subitò aparuerit aurora, arbitrantur umbram mortis. 3 Wann der Morgen schnell ankommt ists ihnen als wie der Schatten des Tods. Sie können es nicht ausstehen / wann sie sehen / daß die Marianische Aurora, durch die Andacht / die Verehrung und das Vertrauen in dem Hertzen der Menschen aufgehet / sie fliehen eylends davon. Dise geistliche Morgenröth weiset uns auf der mühsamen Wanderschafft unter den Gefahren dises zeitlichen Lebens den rechten Weeg des Heyls und der Seeligkeit / auf daß wir von selbem nicht abweichen. Sie erquicket die an der Seel schwache und kranck ligende Menschen / sie ertheilt ihnen neue Stärck und Kräfften wider ihre Feind / und hilfft ihnen selbe überwinden.

Die aufgehende Morgenröth thut die unschuldige Wald-Vögelein erfreuen / und mit ihrem gewöhnlichen Gesang GOtt zu loben aufmuntern: hingegen die schandliche Nacht-Eulen und Fleder-Mäuß / die das Liecht hassen / vertreibt sie in ihre Löcher und Hölen. Eben also ermunteret Maria die Innwohner der Einsamkeit / und die Ordens Geistliche am Morgen in der Frühe die nächtliche Ruhe zu verlassen / das Lob GOttes zu singen / zum Gebett und zur Betrachtung sich zu erheben: die verstockte Sünder aber die Ketzer und Irrglaubige / zwingt sie samt ihren Laster-Schrifften / sich zu verkriechen und zu verschlieffen.

Zum anderten kan durch die Morgenröth verstanden werden die Unbeständigkeit des zeitlichen Glücks / und des menschlichen Lebens. 4 Schön und annehmlich ist es zu sehen / wann die Morgenröth herfür bricht und gleichsam eine Tapezerey von der höchsten rothen Farb an dem Himmel ausbreitet / wann die Wolcken und Gipffel der hohen Berg darvon gefärbt /und gleichsam verguldt werden: schön und annehmlich ist es zu sehen / die Menschen und Thier erfreuen sich darob. Aber sie dauret gemeiniglich gar nicht lang / gehlingen kommt ein trübes Wölcklein darzwischen / und da ist alles auf einmahl aus / alle Zier und Annehmlichkeit verschwunden. Eben ein solche Beschaffenheit hat es mit dem zeitlichen Glück / und menschlichen Leben. Ein Freud ist es wann ein Mensch zur Welt gebohren wird / wie das Evangelium selbst bezeuget: absonderlich wann es ein Fürsten-Kind wann es ein Königlicher Erb-Printz ist: O wie ein schöne und annehmliche Morgenröth! was grosse Freud ist es / was für Frolocken / und Ehren-Gepräng an dem gantzen Fürstlichen Hof / in der gantzen Residentz-Stadt / in dem gantzen Land und Reich! was gratuliren und prognosticieren von seiner zukünfftigen glücklichen Regierung etc. 5 Es wird in solcher Begebenheit aufs neue erfüllet was geschrieben stehet: Nova lux oriri visa, gaudium honor & tripudium. 6 Ein neues Liecht ist aufgangen / welches Ehr Freud und Frolocken bringt. Aber wann gehlingen ein finstere Wolcken (wie es gar leicht und öffters geschicht) den Himmel überziehet / ich will sagen / wann dem Hoff ein Unglück oder Traur-Fall zustosset / wann das zarte Kind ein Schwäche / ein Unpäßlichkeit anstosset / oder gar der grimmige Tod mit seiner Sensen die schöne Blum abmehet: oder wann der junge Printz zwar in etwas erwachsen und auferzogen ist / aber keine fürstliche Qualitæten / keine anständige Gemüths-Gaaben zeiget / wann er von Sitten oder Gestalt unartig / und dem fürstlichen Hauß ein Unehr ist etc. O da ist die annehmliche und schöne Morgenröth verschwunden / und folget ein betrübter Tag / ja ein Traur-volle Nacht in dem gantzen Land oder Reich.

Eben also / wann es mit einer verhofften Promotion oder Beförderung zu einem einträglichen Amt / zu einer hohen Ehren-Stell / mit einem gerichtlichen Proceß / oder anderen Geschäfft einen glücklichen Anfang / ein gutes Aussehen hat / O da ist es ein annehmliche [17] schöne Morgenröth / die einen hellen / das ist einen freudigen Tag ankündet: aber wann gehlingen ein unglücklicher Streich darzwischen kommt /wann die Sach zuruck gehet / oder stecken bleibt /wann die geschöpffte Hoffnung in Bronnen fallt / und zu Wasser wird / da verschwindet die schöne Morgenröthe / und der verhoffte schöne Tag wird in eine traurige Nacht veränderet. 7

Es wird absonderlich ein vierfache Veränderung bey denen erschaffenen Dingen beobachtet: die erste ist die Veränderung oder Unbeständigkeit der Natur /welche auch bey den Engeln gefunden wird; dann auch dise seynd von Natur veränderlich (wie es sich an dem obersten Engel dem Lucifer und seinem Anhang gewisen hat) unveränderlich aber und in dem Guten bestättiget durch die Gnad. Die andere ist die Veränderung der zeitlichen Wohlfahrt / von welcher der weise Salomon bezeuget / daß alles ein lautere Eitelkeit seye: Vanitas vanitatum, & omnia vanitas. 8 Die dritte ist die Veränderung des Menschen von dem Stand der Gnaden in den Stand der Sünden / und hin wiederum von dem Stand der Sünden / in den Stand der Gnad. Die vierte ist die Armseeligkeit des menschlichen Lebens / welche der gedultige Job beklaget / indem er sagt: Der Mensch vom Weib gebohren lebt kurtze Zeit / und wird mit vilen Betrübnussen oder Trangsaalen erfüllt. 9 Aus disem allem erhellet klar / wie daß man sich so gar nicht auf das zeitliche Glück und Leben steuren könne und hingegen nach dem ewigen Leben und wahren Glückseeligkeit aus allen Kräfften trachten solle.

Der 2. Absatz
Der 2. Absatz.
Von dem Regenbogen.

Der Regenbogen / Iris oder Himmel-Bogen genandt /ist ein Repercussion, oder Wider-Schein der Sonnen-Strahlen / die in eine wässerige Wolcken / so der Sonnen gerad entgegen stehet / einfallen: es muß aber der Wolcken zum Theil dinn und hell oder durchscheinend seyn / theils aber dick und Dunckel / fast wie ein Spiegel: mithin geschicht es / daß uns der Regenbogen unterschiedliche Farben / als nehmlich ein grüne /ein blaulechte / weißgelb und rothe vorstellet / welches glaublich von den Qualitäten oder Eigenschafften der vier Elementen herkommet. 10 Es laßt sich folgends der Regenbogen nur beym Tag / niemahl aber bey der Nacht sehen: doch niemahl zur Mittag-Zeit /wann die Sonn zum stärcksten scheint. Sein Figur oder Gestalt ist wie ein halber Circkel / mit den zwey Hörner oder Enden berührt er den Erdboden / mit dem oberen Theil aber berührt er den Himmel / und wann helles Wetter vorhergangen ist / da bedeutet er ein mäßigen Regen / nach vielem Regen aber bedeutet er ein folgendes schönes Wetter. Der Regenbogen mäßiget die Hitz der Sonnen / er ziert den Himmel / erlustiget die Augen / und erfreuet das Gemüth.

Es haben derowegen die Alte den Regenbogen nicht unbillich ein Tochter Thavmantis, das ist der Verwunderung genennt; weilen er nehmlich so viel seltzame Geheimnuß und Eigenschafften in sich begreifft / daß selbe mehrers zu bewunderen / als zu ergründen seynd. Es kan auch kein Mahler mit dem Bimbsel die Farben des Regenbogens recht und eigentlich entwerffen oder abmahlen. Ubrigens gereicht es zu sonderm Lob des Regenbogens / daß nach Zeugnuß der H. Schrifft GOtt ihn gesetzt hat zum Zeichen deß Bunds / den er mit dem Noe gemacht hat /nehmlich die Welt hinfüran nicht mehr mit einem allgemeinen Sünd-Fluß zu straffen. Arcum meum ponam in nubibus cœli, & erit in signum fœderis inter me & te. 11

Dises alles schickt sich gar wohl / und bedeutet in sittlichem Verstand das heilwerthe Creutz Christi /und den gecreutzigten Heyland. 12 Christus der gecreutzigte / sage ich / ist jener edle und wunderschöne Himmels-Bogen von welchem der Heil. Geist selber sagt: [18] Vide arcum meum, & benedic eum qui fecit illum: valde speciosus est in splendore suo. 13 Sihe an den Regenbogen / und lobe den / der ihn gemacht hat: Er ist vast schön in seinem Schein. Es ist nehmlich in sittlichem Verstand die heiligste Menschheit Christi ein theils liecht oder helle Wolcken wegen der GOttheit / theils ein dunckle Wolcken wegen der sterblichen Menschheit / in welche der himmlische Vatter / als die Göttliche Gnaden-Sonn häuffige Strahlen wirfft / das ist / unendliche Vollkommenheiten ergiesset. Dieser Himmlische Regenbogen Christus / wird uns nicht nur zu beschauen und zu bewundern / sondern auch zu verehren und anzubetten vorgestellt. Er weiset uns die schönste und höchste Farben der herrlichsten Tugend- und Vollkommenheiten / welche bey keiner puren Creatur zu finden seynd: aber er laßt sich nur bey dem Tag / das ist / bey den Gerechten sehen mit seinem Gnaden-Schein / nicht aber bey der Nacht / das ist / bey denen verstockten unbußfertigen Sündern / welche die Gütigkeit GOttes nicht erkennen. Dieser geistliche Himmels-Bogen ist allezeit gerad der unerschaffenen Sonn entgegen gesetzet / weilen Christus allzeit die Ehr des himmlischen Vatters / für seinen Gegensatz und Endzweck hatte. Mit den zwey Hörner oder Enden / das ist / mit dem Leib und mit der Seel berühret er die Erden: Habitavit in nobis: 14 Er hat in uns gewohnet. Ja es ist sein Freud mit und bey uns zu seyn. 15 Mit dem obern Theil aber / nehmlich mit der GOttheit / ist er unendlich weit über all das Irrdische erhöhet und erhebt: Der Himmel ist sein eigenthumlicher Wohn-Sitz / die Erden aber nur sein Fuß Schemel. 16 Dieser sittliche Regenbogen mäßiget die Hitz der Sonnen / das ist / die Strenge der Göttlichen Gerechtigkeit und verkündiget ein schön-und helles Wetter / das ist / den Gnaden-Schein der Göttlichen Barmhertzigkeit; dann eben zu disem Zihl und End ist dieser geistliche Regenbogen / Christus verordnet / daß GOtt in Ansehung seiner / und seiner unendlichen Verdiensten zur Barmhertzigkeit bewegt werde / und denen sündigen Menschen mit der wohlverdienten Straff verschone. Recordabor fœderis mei vobiscum etc. 17 Ich wird mich erinnern / sagt der himmlische Vatter / daß mein geliebter Sohn durch sein bitteres Leyden und Sterben das menschliche Geschlecht mit mir versöhnet habe / und für die Sünden der Welt genug gethan / ja überflüßig ihre Schulden abgezahlt.

Ein Regenbogen / oder Himmels-Bogen / sag ich abermahl / ist das H. Creutz in sittlichem Verstand: aber kein gegen der Welt ausgespannter Bogen /durch welchen der erzürnte GOTT seine Straff-Pfeil auf uns herab schiesse / sondern vielmehr ein solcher Bogen durch welchen und in Krafft dessen wir all unsere Bitt und Begierden gegen GOtt sollen abschiessen / auf daß wir das rechte Zihl und Endzweck treffen / und der Schuß nicht fehle / ich will sagen unser Bitt uns nicht leer abgehe. 18

In weltlichen Geschichten wird vieles von glücklichen und kunstreichen Bogen-Schützen gemeldet /welche berühmt gewesen seynd / eh daß man die Wissenschafft gehabt hat mit Kugel-Büchsen und Flinten zu schiessen. Ein kunstreicher und glücklicher Bogen-Schütz ist gewesen der Kayser Commodus und Domitianus; Dann jener hat alles mit dem Pfeil richtig getroffen / nach was er nur immer geschossen hat: diser aber hat mit dem Pfeil einem Hirschen in vollem Lauff allzeit das Hertz getroffen. 19 Ein glücklich-und kunstreicher Bogen-Schütz ist gewesen Godefridus Bullionius ein Hertzog in Lothringen / welcher als er mit dem Christlichen Heer die Stadt Jerusalem belägerte / da hat er auf einem hochen Thurn drey Lerchen in einer Linie oder Zeilen sitzend gesehen /auf welche er mit dem Pfeil so glücklich geschossen /daß er alle drey auf einmahl getroffen / und im Lufft gespißt hat: wie dann noch biß heutigen Tag zu einem ewigen Angedencken, diser raren Begebenheit / die Hertzogen von Lothringen drey solche Lerchen in ihrem [19] Stamm-Wappen führen. Eben auch ein glücklich und künstlicher Bogen-Schütz ist gewesen jener hertzhafft und tapffere Schweitzer / Wilhelm Tell mit Nahmen: dann als im Jahr 1307. ein Oesterreichischer Land-Vogt und Richter in der Schweitz / der ein hochmüthiger und unmilder Mann ware / in einem Schweitzerischen Flecken Altorff genant auf offentlichem Platz an einer hohen Stangen einen Hut hatte aufhencken lassen / mit ernstlichem Befehl daß alle Unterthanen / so da vorbey giengen / dem Hut eben solche Ehrbezeugung erweisen sollen / als wann ihr Herr und Oberhaupt selbsten gegenwärtig wäre. Dieser dollsinnige Befehl mißfiele allen Ehrliebenden Leuthen sehr / bevorab dem ermelten Wilhelm Tell /der auch der erste war / so dem ausgesetzten Hut kein Ehr im Vorbeygehen erwise. Der Richter / oder Land-Vogt erzürnte sich darüber und liesse ihn samt seinem Söhnlein gefangen nehmen: und weilen er wuste daß Wilhelm Tell ein guter Bogen-Schütz seye / so setzte er ihm sein eigenes Kind zum Zihl an statt einer Scheiben aus / er legte ihm einen Apffel auf das Haupt / und zwange den Vatter daß er seinem eigenen Kind entweders den Apffel vom Haupt hinweg / oder das Hertz durchschiessen solle. Er aber hat wider den Wunsch und das Verhoffen des Richters so gut und glücklich getroffen / daß er von weitem mit dem Pfeil den Apffel des Kinds unverletzt herab geschossen. Diese unbescheidene Strengheit aber deß Richters hat denen Schweitzeren also schwerlich mißfallen / daß sie das Joch solcher unmilden Obrigkeiten von ihnen haben abgeworffen / von dem Durchleuchtigsten Hauß Oesterreich seynd abgewichen / und unter ihnen selbst eine freye Republic haben aufgerichtet.

Künstlich und glücklich haben all die obgemeldte Bogen-Schützen geschossen und getroffen: aber noch vil besser und glücklicher werden wir schiessen und treffen / wann wir unsere Bitt und Begierden / wann wir all unsere Gedancken Wort und Werck durch den Bogen des Heil. Creutzes und in Vereinigung des Gecreutzigten gegen GOtt und dem Himmel abschiessen / dann wir werden auf solche Weiß gleichsam das Hertz des himmlischen Vatters selber treffen / diese unendliche Schatz-Kammer dardurch eröffnen / und alle Gnaden häuffig daraus fliessen machen. 20 Ja am allerbesten werden wir schiessen und treffen wann wir zu End des Lebens unser eigene Seel auf dem Bogen des Creutzes abtrucken / und in Krafft desselben gen Himmel abschiessen / unser letztes Zihl und End nicht zu verfehlen / wie es viel eyfrige und andächtige Diener und Dienerin GOttes gemacht haben / welche in würcklichem anmuthigen Küssen und liebreichem Umarmen deß Heil. Creutzes / und des Gecreutzigten ihren Geist aufgegeben haben. Die Persianer haben sich unter dem König Cambyses zu Friedens-Zeiten gar fleißig in dem Bogen-Schiessen geübet / auf daß sie zu Kriegs-Zeiten desto geschickter und erfahrner wären. Wie dann einstens / als Prexospes ein Hoff-Herr da er vermeynte der König habe sich rauschig getruncken / und etwan darüber spottete / da hat es den König also verdrossen / daß er des Hof-Herrn seinen Sohn in dem Gartten an einen Baum binden liesse / und sich anstellte als wolt er sich mit dem Pfeil und Bogen üben / gehling aber hat er ihm von weitem das Hertz mitten entzwey geschossen / zu dem Vatter des entleibten Sohns sprechend: Lerne hinfüran von Königen besser urtheilen und reden. Wir sollen uns auch bey Friedens-Zeiten / ich verstehe in dem Leben / in dem ermelten sittlichen Bogen-Schiessen fleißig üben / damit wir zur Kriegs-Zeit / das ist / in dem Tod-Bett zum Schiessen desto geschickter seyen.

Trefflich wohl hat sich in diser Kunst geübet / und ist ein sehr guter Bogen-Schütz in geistlichem Verstand gewesen Ferdinandus II. glorreichen Angedenckens Römischer Kayser / welcher bey lebszeiten zum öfftern und absonderlich in dem Tod sein eyfriges Gebett / und hitzige Begierden auf dem [20] Bogen des Creutzes zu GOtt hat abgeschicket. 21 Absonderlich in jener Begebenheit / als in dem Jahr 1619, in dem Brachmonath gantz unvermuthet ein starckes feindliches Kriegs-Heer aus rebellischen Böhmen / und confœderirten Uncatholischen / über die Donau gesetzet hat / und sich schon würcklich in die Vorstädt zu Wien in Oesterreich eingetrungen / den Kayser Ferdinandum allda gefangen zu nemmen / oder sonst aufzureiben / da auch nicht wenige Abtrünnige in der Stadt selbsten waren / die es mit den Feinden des Kaysers hielten / da hat der gottseelige Monarch / in Ermanglung aller menschlichen Hülff / von gantzem Hertzen sich zu dem gecreutzigten Heyland gewendet / dessen Bildnuß er immerdar in seinem Zimmer mit gröster Ehrerbietung aufbehalten: da hat er sich ihme zu Füssen / ja mit dem gantzen Leib nach der Länge zu Boden geworffen / und mit inbrünstigem Gebett sich gäntzlich GOTT ergeben. Entzwischen begab es sich daß P. Bartholomæus Villerius, aus der löblichen Gesellschafft JEsu / der des Kaysers Beicht-Vatter war / nacher Hof kame / und von einem Cammer-Herrn verlangte angemeldt zu werden: Als dieser mit einem guldenen Schlüssel die Thür des Zimmers eröffnete / findet er Ferdinandum nach der Länge ausgestreckt / vor dem Crucifix auf dem Boden ligend: Der Cammer-Herr erstaunet hierüber vor Verwunderung und zeigt es dem Beicht-Vatter an. Bald aber hernach / als Ferdinandus vom Gebett wiederum aufgestanden / ließ er den Beicht-Vatter für sich kommen / und mit freudigem Angesicht sprach er zu ihm:Mein Pater ich erwegte bey mir selbsten die äuserste Gefahr / die mir von allen Seiten antrohet /die Macht des Feinds vor der Vestung / und die böse Anschläg ungetreuer Unterthanen inner der Stadt / die mir nicht unbewußt sind / und in diser Noth / da kein menschliche Hülff vorhanden, hab ich nach meiner Gewohnheit zu GOtt allein mein Zuflucht genommen / vor dem Heil. Creutz mich nidergeworffen / und um Hülff gebetten: Nun bin ich gantz wohl getröst / und lebe der gäntzlichen Hoffnung / GOTT werde meine Feind zu schanden machen / und ihr Vorhaben zernichten. Es hat ihne auch sein Hoffnung nicht betrogen / dann gehlingen und unvermuthet ist ein Succurs von Catholischen Hülffs-Völckern in der Stadt Wien ankommen / welcher den Feind abzuweichen / und die Rebellen sich zu ergeben gezwungen hat. Es ist auch folgendes Jahr darauf das gantze Königreich Böhmen widerum unter den rechtmässigen Gewalt Ferdinandi gebracht worden. Ubrigens ist von glaubwürdigen Zeugen für gewiß ausgegeben worden / es habe damahls das Crucifix Bild / vor welchem dieser gottseelige Monarch so eyfrig gebettet hat / deutlich mit ihme geredt / und gesprochen: Ferdinande ego te non deseram: Ferdinande ich wird dich nicht verlassen. Deßwegen auch besagtes Crucifix zum ewigen Angedencken in der Kayserlichen Schatz-Kammer zu Wien aufbehalten und verehret wird. Eben auf diesem Creutz-Bogen hat auch Leopoldus I. glorwürdigen Angedenckens Römischer Kayser sein gottseelige Seel gen Himmel abgeschossen / indem er in liebreicher Umfahung /und vielfältig wiederhohltem anmuthigen Küssen des ermeldten Crucifix-Bilds seeligst verschieden ist.

Der 3. Absatz
Der 3. Absatz.
Von den Comet-Sternen.

Der Comet-Stern / Stella , comata ist ein schreckbares Himmels-Zeichen / oder vielmehr ein feuriges Lufft-Gesicht / welches gemeiniglich die Anschauende in Verwunderung und Schrecken setzet. 22 Viel /aber unterschidlich haben von dem Comet-Stern geschrieben; dann seine Natur und Eigenschafften seynd schwerlich recht zu ergründen. Dieses ist gewiß / daß der Comet seye ein truckner und hitziger / auch klebiger feister Dampff oder Dunst / welcher in die Höhe aufsteiget / [21] in dem Lufft entzündet wird / und als wie ein Stern scheinet. Dann wann ein schwefelächtige Hartz und Pech in sich habende Erden einen starcken Dampff in grosser Menge von sich gibet / da wird derselbige / weilen er trucken und hitzig / und folgends leicht ist / durch die Sonnen an sich gezogen /und biß in die dritte Region des Luffts / oder in die oberste Abtheilung erhöhet / allwo er leichtlich von den Sonnen-Strahlen oder von dem Element deß Feurs / welches ihm nahe ist / oder von einem aufwerts schlagenden Donner-Strahl entzündet wird / und wahrhafftig zu brennen anfangt: auch durch die Ansichziehung mehrer dergleichen brennenden Materi erhalten wird.

Was die Figur oder Gestalt der Cometen anbelangt / so ist selbe vielfältig und unterschiedlich / die eine scheinen Haarächtig zu seyn / oder gleichsam gebartet: andere kommen uns vor als wie ein feurige Kugel / ein Schwerdt / oder Pfeil etc. nachdeme nehmlich die angezündte Materi beschaffen / dicker oder dinner /rund oder langlächt ist. Deßgleichen seynd sie auch grösser oder kleiner / und dauren länger oder kürtzer /nachdem sie mehr oder weniger von einer brennenden Materi haben. Die kürtzeste dauren siben Täg lang /die längste bey einem halben Jahr / gemeiniglich aber 1. 2. biß 3. Monath lang / zu Zeiten seynd mehr Cometen auf einmahl an unterschiedlichen Orthen gesehen worden.

Die Farb der Cometen betreffend / so ist selbige gleichfalls unterschiedlich: nehmlichen die eine seynd weißlecht oder Silber-Farb / andere roth oder Blut-Farb / und wiederum andere schwartz und finster. Dann wann der aufsteigende Dampff dinn / und völlig entzündet ist / so ist der Comet-Stern weißlecht /gleichwie es ein weißlechtes Feuer gibt / wann man einen Flachs oder Hanff anzündet: wann er aber dick /und nicht gäntzlich entzündet / doch feurig ist, da scheinet er roth / als wie ein glüende Kohlen. Wann endlichen die Materi fett / klebig und dick zugleich ist / da rauchet sie starck / also daß man das Feuer nicht wohl sehen kan / und deßwegen scheinet der Comet dunckel und schwartzlecht. 23

Von unseren letzten Zeiten / oder dem letzt verwichenen Jahr-Hundert zu melden / so hat unter anderen Anno 1618. ein erschrecklicher Comet-Stern geschienen / welcher schier in der gantzen Welt gesehen worden / auf welchen gleich der Schwedische Krieg erfolget ist / der dreyßig Jahr lang gedauret / und unzahlbare Ubel nach sich gezogen hat. 24 Anno 1652. hat ein Comet 7. gantze Nächt hindurch geleuchtet / der eines sehr schnellen Lauffs ware. Anno 1664. ist ein Comet gesehen worden mit einem sehr glantzenden Schweiff. Wiederum ein anderer grosser und grausamer Comet / mit einem sehr langen Schweiff / welcher Bley-Farb ware / und gedauret hat biß auf den Mertzen des folgenden Jahrs 1665. Anno 1668. hat einer geleuchtet ohne Kopff nur mit dem Schweiff. Hingegen Anno 1675. einer ohne Schweiff. Anno 1680. zu End des Monaths Novembers hat ein erschrecklicher Comet mit einem wunder langen Schweiff geleuchtet. In einem gewisen Bezirck in Franckreich hat er so hell geschienen / daß man bey seinem Liecht / bey sonst finsterer Nacht einen Flecken zwey Meil weit entlegen hat sehen können.

Die Bedeutung der Comet-Sternen betreffend / so ist es der gemeine Wahn / auch die vielfältige Erfahrnuß / daß sie nichts gutes / sonder gemeiniglich (doch nicht allzeit und ohnfehlbar) ein Unglück oder Land-Straff vorbedeuten / als etwann Krieg / Hunger oder Pest / Tod-Fäll grosser Fürsten und Herren / starcke Erdbeben / hefftige Ungewitter etc. wie Cicero bezeuget / Lib. 2. de nat. Deorum, und jener bekannte Vers:


Sub Cœlo nunquàm impunè fulsere Cometæ.
So offt man sieht ein Comet-Stern /
Ist Unglück und Schad nicht fern.

Dieses aber kommt her theils aus ihrer natürlichen Eigenschafft und Beschaffenheit [22] / theils aus absonderlicher Verordnung GOttes / der auf solche Weiß uns die bevorstehende Unglücks-Fäll andeuten will.

Eben darum kan in sittlichem Verstand durch den Comet-Stern die strenge Gerechtigkeit GOttes verstanden werden: nicht zwar die würcklich straffende /sonder die betrohende Gerechtigkeit / inmassen auch der Comet würcklich nicht schaden oder straffen /sonder die Straff oder den Schaden bedrohen und ankünden thut. 25 Dann wann die schädliche und schandliche Dämpff unserer Sünd und Laster von der schlimmen Erden unseres Hertzens aufsteigen / da wird das Göttliche Zorn-Feur entzündet / und gibt sich durch schreckbare Zeichen und Betrohungen / als eben soviel Comet-Sternen zu erkennen. Dergleichen Cometen oder Göttliche Betrohungen seynd viel unterschiedliche Text der Heil. Schrifft / als benandtlich: Nisi pœnitentiam habueritis, omnes simul peribitis. 26 Wann ihr nicht Buß thut werdet ihr alle sammentlich verderben. Omnis arbor, quæ non facit fructum bonum excidetur, & in ignem mittetur. 27 Ein jeglicher Baum der nicht gute Früchten bringt / wird abgehauen und ins Feur geworffen werden. Und wiederum: Ducunt in bonis dies suas, & in puncto ad inferna descendunt. 28 Sie (die Gottlose) haben gute Täg / und in einem Augenblick fahren sie zum Grab (ich sage zur Höllen) hinunter etc.

Aber gleichwie die Comet-Sternen aufhören zu brennen / und verschwinden / wann die Materi / aus welcher sie bestehen / verzehret ist / also wann unsere Sünden nachlassen / oder durch die Reu und Buß verzehret seynd / da hören auch die Göttliche Betrohungen auf. Ja eben auch darum laßt der grundgütige GOtt solche Zeichen erscheinen / damit wir dardurch gewarnet werden auf unserer Hut zu stehen / und noch in Zeiten durch die Buß und Besserung der Straff zu entgehen. Ut fugiant à facie arcûs 29 / gleichwie /wann ein Schütz / eh daß er ein Kugel oder Pfeil abschiesset / ein Zeichen gibt / genugsam andeutet / daß er niemand zu treffen und zu beschädigen verlange /sonder vielmehr daß man sich vor dem Schuß hüten solle.

Ferners in sensu politico, können drohende Comet-Sternen genennet werden / alle unmilde strenge Obrigkeiten / alle unbarmhertzige Richter und Regenten: dann sobald ein solcher an dem Horizont seines Gebiets / oder seiner Herrschafft erscheinet / da erschrecken die Untergebene oder Unterthanen / es geht ihnen nichts gutes vor: es sagt einer zu dem andern Forcht und Kummer voll / O was wird es werden? wie wird es uns ergehen? wann dieser Rauh-Hobel / dieser Leuth-Schinder über uns den Gewalt bekommt? wann dieser Tyrann / dieser Blut-Egel über uns Meister ist? absonderlich wann ein unbescheidener Richter oder Obrigkeit von einem geringen und schlechten Herkommen ist: wann er wie ein stinckender Dampff von der Erden / von der Tieffe aufgangen ist / und in die Höhe zu einem Ehren-Amt / zu einem oberherrlichen Gewalt ist erhebt / mit einem Wort; wann er aus einem Bettler zu einem Herrn worden ist. 30 O da fangt dieser Comet-Stern an zu brennen von dem Feuer des Hochmuths / deß Zornmuths / deß Ehr- und Geld-Geitzes etc. So lang ein solcher Comet am Himmel ist / da sihet und höret man nichts anders als schwere Bedrohungen / bald mit harten Geld- oder Leibes Straffen / bald mit schwerer Arbeit und andern Plagen etc. Aber violenta non durant, sagt das Lateinische Sprüch-Wort / was gewalthätig ist / das ist nicht daurhafft / solche schreckbare Cometen scheinen gemeiniglich nit lang. Wann ein indiscreter unmilder Oberer / Richter oder Regent durch einen höheren Gewalt abgesetzt wird / oder durch den Tod von dem zeitlichen Leben abgeforderet / da verschwindet der drohende Comet-Stern / die Forcht vergehet / die Unterthanen werden wiederum getröst und erfreuet.

Es solle nehmlich das Regiment durch Forcht und Liebe zugleich geführet werden / Forcht und Liebe sollen [23] stets einander die Hand biethen. 31 Es pflegt auch der Himmel nicht allzeit mit Blitz und Donner zu drohen / noch das Meer stets ohne Wind und Wellen zu seyn: Ein kluger Regent solle eines mit dem anderen mäßigen und vermischen / er solle also geforchten werden / daß er zugleich geliebt / und also geliebt / daß er zugleich geforchten werde. Wer einem gemeinen Weesen vorstehet / muß die Strengheit also brauchen / daß er die Milde nicht vergesse / und hingegen etc. Er soll kein grausamer Nero, und auch kein allzugütiger Nerva seyn: Der Reichs-Wagen wird umgestürtzt / wann der Pbaëton ihn nur durch die Lieb und Güte alleinig leitet / und nicht auch des Zaums der Schärffe sich bedienet; dann jene allein / wann sie zu groß ist / eröffnet denen Lasteren die Thür und Thor: diese hingegen bahnet den Unterthanen den Weeg zur Auffruhr und Verzweifflung. Absonderlich soll man der Natur deß Comet-Sterns in diesem nachfolgen / daß man zuvor trohe ehe daß die Straff würcklich ergehet. Gleichwie die andere Sternen des Himmels Augen seynd / also ist der Comet-Stern sein Zungen: Er schröcket / damit er vom Bösen abschröcke / und spricht uns durch diese Zungen zu / daß wir behutsam seyen etc. Eben also mag ein Fürst wohl die Waffen der strengen Gerechtigkeit schärpffen und ergreiffen / aber er soll nicht allzeit gleich darein schlagen / sonder zur Besserung einen Aufschub vergonnen / und eine Weil lang mit Gedult zuwarthen / wie der weise Salomon selber mahnet da er sagt: Noli esse justus multùm. 32 Sey nicht zu viel gerecht. Allen und niemand verschonen ist eines so unrecht und schädlich als das andere. Durch die allzugrosse Gütigkeit hat der König Saul das Reich verlohren / durch die grosse Strengheit ist der Kayser Nero um das Leben und um die Ehr kommen. 33 Besser hingegen hat der König in Aragonien / Alphonsus mit Nahmen / das Mittel getroffen / er pflegte durch die Gerechtigkeit die Gute ihm zu verbinden / und durch die Milde das Gemüth der Bösen zu gewinnen. Dises alles stellet uns des Durchleuchtigsten Hauß Oesterreichs roth und weisser Stamm- und Wappen-Schild klar vor Augen / als welcher die Röthe der Gerechtigkeit / mit der Weisse der Milde mäßiget / und also gleichsam das Blut mit Milch vermischet / wohl wissend / daß /wo man das Ubel mit Bedrohung der Straff abwenden / oder den Fehler verbessern kan / man zur würcklichen Straff nicht schreiten soll: und dahin zihlet ab jenes Sinn-Bild / welches ein Sonnen-Uhr mit einem eisenen Zeiger vorstellet / samt der Beyschrifft:


Umbratiles ictus.
Sie drohet zwar mit Streichen vil /
Doch niemand sie schaden will.
[24]
Fußnoten

1 Annehmlichkeit der Morgenröth.

2 Maria ist ein geistliche Morgenröth.

Cant. c. 6. v. 9.

3 Job. c. 24. v. 17.

4 Morgenröthe mit dem zeitlichen Glück verglichen.

5 Joan. c. 16. v. 21.

Geburth eines jungen Printzen gleichet einer Morgenröth.

6 Esther c. 8. v. 16.

7 Vielfältige Veränderung zeitlicher Dingen.

8 Eccl. c. 1. v. 2.

9 Job. c. 14. v. 1.

10 Wie der Regenbogen formirt werde.

11 Gen. c. 9. v. 13.

12 Christus der gecreutzigte ist ein geistlicher Regenbogen.

13 Eccl. c. 43. v. 12.

14 Joan. c. 1. v. 14.

15 Prov. c. 30. v. 8.

16 Isa. c. 66. v. 1.

17 Gen. c. 9. v. 15.

18 Das Heil. Creutz wird mit dem Regenbogen verglichen.

19 Künstliche und glückliche Bogen-Schützen.

20 Ein geistliches Bogen-Schiessen welches sehr nutzlich ist.

21 Ferdinandus II. ein fürtrefflicher geistlicher Bogen-Schütz.

22 Comet-Stern was er seye und worher er komme.

23 Albert. M.L.I. Meteor. tr. 3. c. 5.

24 Unterschiedliche Comet-Sternen / die gesehen worden.

25 Göttliche Betrohungen gleichen in sittlichem Verstand den Comet-Sternen.

26 Luc. c. 13. v. 3.

27 Matth. c. 3. v. 10.

28 Job. c. 21. v. 13.

29 Psal. 59. v. 6.

30 Ungütige strenge Richter und Obrigkeiten seynd gleich einem Commet-Stern.

31 Politisches Regimment wie es solle beschaffen seyn / nehmlich aus Forcht und Lieb zugleich.

32 Eccl. c. 7. v. 17.

33 Strengheit und Gütigkeit sollen miteinander vergesellschafftet seyn.

IV. Von den vier Elementen
Der 1. Absatz
Anhang zu der Erden
Anhang zu der Erden
Von dem Erdbeben.

Noch ein besonderer und Anmerckens-würdiger Umstand begibt sich zu Zeiten bey dem Element der Erden / nehmlich das Erdbeben / durch welches die Erden hin und wider bewegt / [28] und zitterend gemacht /ja offtermahl durch so hefftig und starcke Stöß verschüttlet wird / daß gantze Häuser und veste Thürn darvon zu Boden fallen / und vom Grund aus umgestürtzt werden / wie es die leydige Erfahrnuß / auch bey unsern letzten Zeiten nur gar zu wohl erwiesen hat. Das Erdbeben aber wie die Philosophi lehren kommt aus dieser Ursachen her / daß wann in den unterirrdischen Hölen und Klüfften des Erdbodens viel schwefelächtige Dämpff die mit Salpeter und Pech oder Hartz vermischt seynd / sich versammlen / und von dem unterirrdischen Feur / oder sonsten entzündet / oder aufs wenigst erhitzet werden / da werden sie dinn / braiten sich aus / und suchen einen Ausgang /und folgends / wann sie keinen finden / da stossen und schüttlen sie den Erdboden mit Gewalt. 20 Wann sie aber noch häuffiger und hefftiger seynd / da brechen sie mit gröstem Gewalt aus / und machen ein starcke Oeffnung in der Erden / also / daß zum öfftern die Berg davon spalten / Feur ausspeyen / die Erden sich aufthut / gantze Städt und Dörffer verschlindet /ja auch gantze Landschafften versincken macht / dero Plätz gemeiniglich ein grosses Gewässer einnimmt. Da hingegen auch gantze Flüß zu Zeiten durch ein Erdbeben verschluckt werden / oder aber andere aufs neue zu fliessen anfangen / und was dergleichen seltsame Würckungen mehr seynd. Auf dem Meer zwischen Civita Vechia und S. Severa, siehet man noch heutiges Tags viel eingesunckene Gebäu und Stein-Hauffen im Wasser / deren ein Theil noch mit Fenstern Porten und Bögen versehen seynd / und von ihrem erlittenen Unglück ein trauriges Angedencken vorweisen. Gegen Puezolo über in der Bajanischen Meer-Enge werden annoch auf dem Grund unter dem Wasser viel Häuser mit Unterschied der Gassen / als ein erbärmliches Exempel des Untergangs einer allda versunckenen Stadt bey hellem Wetter gesehen.

Bey dem Toscanischen Ufer unweit Livorno ist im Jahr 1634. eine gantze Stadt unters Meer gesetzet /und die Häuser der Innwohner zu Wohnungen der Fischen worden etc. Aber es gibt in sittlichem Verstand auch in der Erden des menschlichen Hertzens gewise Erdbeben / nehmlich die hefftige Passiones oder Gemüths-Neigungen / welche das Hertz gar starck bewegen / beunruhigen / und offt mit eben so grossem Schaden als Gewalt ausbrechen. 21 Ein solches Erdbeben / das das Hertz zitterend und bebend macht / ist die Hoffart / der Zornmuth und Rachgierigkeit / die Geilheit / Eyfersucht / Ehr- und Geld-Geitz etc. wann diese im Hertzen aufbrennen oder entzündet werden /und kein Ausgang / das ist / kein Mittel ihr Zihl und End zu erreichen finden / da brechen sie mit Gewalt aus / und wagen alles per fas & nefas ihren Muth zu kühlen / an ihrem Feind sich zu rächen / den bösen Lust zu büssen / zu dem verlangten Ehren-Amt / zu dem erwünschten Guth und Geld zu gelangen etc.

Bey anhaltendem hefftigem Erdbeben / pflegen häuffige und schädliche Dämpff aufzusteigen / die offt den Lufft anstecken / die Sonn und den Mond verfinstern / wie der Heil. Johannes in seiner himmlischen Offenbahrung gesehen hat / terræ motus factus est magnus, & sol factus est niger, & luna sicut sanguis. 22 Es war ein grosses Erdbeben / und die Sonn ward schwartz und der Mond wie Blut. Auch die sittliche Erdbödem / das ist / die hefftige /unordentliche Anmuthungen thun das Gewissen anstecken oder vergifften / sie thun die Sonn / das ist /die Vernunfft des Menschen verfinsteren / und den Mond / das ist / den Willen verkehren: Weilen ein hefftig paßionirter Mensch gantz unvernüfftig handlet / und nicht mehr weiß was er zu thun oder zu lassen hat. Die natürliche Erdböden seynd zwar vast allzeit schädlich / doch gibt es auch sittliche Erdböden in dem menschlichen Hertzen / welche nicht schädlich /sondern höchst nutzlich und rühmlich seynd. Ein solcher Erdbödem ist ein hefftige Reu und Leyd / die das Hertz aus [29] heilsamer Forcht zitteren macht / und verursachet / daß reumüthige Seufftzer herfür brechen / daß häuffige Zäher fliessen und strenge Bußwerck geübt werden: wie es an einer büssenden Magdalena / an einem reumüthigen Petro etc. zu sehen ist. Widerum ein heilsamer Erdbödem des Hertzens ist ein inbrünstige Lieb gegen GOtt / welche den Menschen so hefftig beweget und entzündet / daß es die schwache Natur kaum ertragen mag / wie es unter viel andern einem H. Philippo Nerio begegnet ist / welchem vor hefftiger Lieb GOttes schier das Hertz versprungen /also daß sich zwey Rippen selbst wunderbarlicher Weiß haben aufgethan und erweiteret dem Hertzen Lufft zu machen. Fast eben also ein Heil. Franciscus Xaverius ware von der Liebe GOttes also entzündet /daß er die Hitz zu mäßigen zu Zeiten mit einem nassen Tüchlein die Brust abkühlen muste. O daß auch unsere harte und kalte Hertzen von so heilsamen Erdbeben erschüttet / und von solchen Liebs-Flammen entzündet wären / so wurden sie gewiß eine gebenedeyte Erden seyn / welche hundertfältige Früchten der GOtt gefälligen Wercken herfür brächte! Sie wurde seyn ein Erden im Land da Milch und Hönig fliesset /ich verstehe die Milch der reichlichen Verdiensten /und das Hönig des himmlischen Trosts.

Der 2. Absatz
Der 2. Absatz.
Von dem Wasser.

Das Wasser ist ein von Natur kaltfeucht- und flüßiges Element / zu der Unterhaltung der Menschen / Thier und Pflantzen sehr nothwendig: Es ist eines unter den allerersten Geschöpffen / und nimmt auf dem Erdboden den grösten Platz ein / ja es umgibt die gantze Erden. Das Wasser ist von GOtt dem Allerhöchsten absonderlich geseegnet und so wohl im alt- als neuen Testament mit viel herrlichen Miracklen beglücket und geehrt. Es ist ein absonderliche Beförderung der Früchten und Erdgewächsen. Spiritus Dei ferebatur super aquas, 23 sagt der Heil. Text / der Geist des HErrn überschwebt die Wasser gleich zu Anfang der Welt. Ein grosses Wunder des alten Testaments begab sich in dem Wasser / als der Prophet Moyses mit seinem Stab das rothe Meer zertheilt / und das Israelitische Volck mit trucknem Fuß durchgeführt hat: Ein grosses Wunder / als er mit eben dem Stab aus dem harten Felsen dem durstigen Volck frisches Wasser hat fliessen machen: Als er das Wasser des Flusses Nili in Egypten in Blut verwandlet: Als er das bittere Wasser in süsses verkehrt hat: Als dem durstigen Samson aus dem dürren Kinbacken eines Esels mit dem er 1000. Philisteer erschlagen hat / frisches Wasser geflossen ist etc. 24 Ein grosses Wunder im neuen Testament hat sich mit dem Wasser begeben / als Christus bey der Hochzeit zu Cana in Galiläa das Wasser in Wein verwandlet: Als der Heil. Apostel Petrus / auch der Heil. Abbt Maurus auf dem Wasser mit trockenem Fuß gangen ist: Als es in dem Schwemm-Teich zu gar allerlei Kranckheiten ein Heylbrunn gewesen: Als der Heil. Raymundus de Pennafort seinen Mantel auf dem Wasser hat ausgebreitet und darauf innerhalb 6. Stunden 160. Meil weit gefahren ist etc. Ein grosses Wunder als dem Heil. Paulo das Haupt abgeschlagen worden / hat selbiges noch 3. Spring auf der Erden gethan / und jedesmahl ein frischer Bronn auf eben selbem Platz entsprungen ist. Dieses alles dienet zu grosser Ehr und zu grossem Lob des Wassers. Aber noch mehr / daß Christus das höchstnothwendige Sacrament unserer geistlichen Widergeburt / das ist / den Heil. Tauff in dem Element deß Wassers hat eingesetzt / und dardurch die menschliche Seel von der Mackel der Erbsünd gereiniget wird. Ja zur Zeit des allgemeinen Sündfluß hat er die lasterhaffte Welt nicht anderst als durch das Wasser reinigen wollen. Eben darum kan geistlicher Weiß durch das Wasser die Unschuld und Reinigkeit / ein gutes reines Gewissen und gute Meynung [30] verstanden werden. Dann gleichwie das Wasser nicht nur an sich selber gantz rein und sauber ist /sondern auch andere Ding / so darmit gewaschen werden / von aller Mackel und Unrath reiniget und säuberet / also das reine Gewissen und gute Meynung leidet nicht nur an sich selbsten keine Unreinigkeit der Sünd und Lasteren / sondern sie reiniget auch alle Gedancken / Wort und Werck / alles Thun und Lassen von denen Macklen der Seelen. 25 Dieses seynd die Flüß des lebendigen Wassers / ein Bronn des Wassers /welches springt in das ewige Leben / von welchem Christus im Evangelio meldet. 26

Das Wasser wird bey denen Lateinern genennt /aqua, quasi æqua, das ist / gleich oder eben / auch sanfft oder gelind / æquo animo supportare, mit Gleichmüthigkeit mit Sanfftmuth etwas übertragen. Also recht dann ein gutes Gewissen ist zugleich æqua gleich in Fried und Leyd / in Glück und Unglück / in Trost und Trübsaal / es thut alles gleichmüthig übertragen.

Gleichwie auf der Erden nichts gemeiners und nichts häuffigers ist als des Wassers / von welchem sie überall umgeben / durchschnitten und durchtrungen wird / also ist in dem menschlichen Leben nichts gemeiners / und häuffigers als Creutz und Leyden /Trübsaal und Widerwärtigkeit die den Menschen auf allen Seiten anfallen / und umgeben: aber ein gutes Gewissen / wann es schon mit diesen Wasseren gäntzlich angefüllt / und überschwemmet ist / so ist und bleibt es doch allzeit æqua gleich und in ihm selbst beständig / es übertragt alles starckmüthig /und rufft inzwischen zu GOtt mit dem Psalmisten:Salvum me fac DEus, quoniam intraverunt aquæ usque ad animam meam. 27 Hilff mir O GOTT /dann die Wässer seynd kommen biß an mein Seel. Da er hingegen antwortet: Cum pertransieris aquam tecum ero. 28 Wann du schon durchs Wasser giengest / so will ich bey dir seyn etc.

Wie die Naturkündige anmercken / so seynd die Wasser / welche gegen Aufgang lauffen / besser und gesünder / als die so gegen Untergang lauffen. Ein reines Gewissen und gute Meynung ist ein Wasser /welches seinen Lauff allzeit gegen Aufgang / das ist /gegen GOtt / und dem Himmel richtet / ein böses Gewissen und ein verkehrte Meynung aber richtet sich gegen Niedergang / das ist / nach der Welt / und deßwegen ist jenes geistlicher weiß gesund / dises aber ungesund.

Ferners gleichwie das frische Wasser die von der Arbeit ermattete Menschen und Thier / wie auch von der Sonnen-Hitz vast ausgedörrte Pflantzen und Kräurer erfrischet / oder erquicket / und gleichsam wiederum lebendig machet / also ein gutes Gewissen stärcket / tröstet und erhaltet die menschliche Seel in Ubertragung aller Mühe und Arbeit / und erquicket sie in der Hitz der brennenden Trübsaal und Verfolgung. Wann ein flüchtiger Hirsch von Jag-Hunden aufs hefftigist verfolgt wird / und schon gantz abgemattet ist / nur ein Wasser erreichen kan / und selbes durchschwimmet / da bekommt er wiederum neue Kräfften mit schnellistem Lauff in ein sicheres Orth zu entrinnen: deßwegen ihm füglich diese Sinn-Schrifft kan zugeeignet werden:


Hinc vires & vitam.
Das Wasser ihm zur rechten Zeit /
Kräfften gibt und Sicherheit. 29

Eben also wann die menschliche Seel zur Zeit der schweren Verfolgungen die sie von sichtbarlich und unsichtbarlichen Feinden leydt / sich nur in das reine Wasser ihres guten Gewissens und ihrer Unschuld begeben kan / da wird sie gestärckt / und in Sicherheit gesetzt / also daß ihr der Feind so wenig als einer Stadt / welche allenthalben mit Wasser umgeben ist /zu kommen und schaden kan: Da hingegen / wo das Wasser abgehet / ein Vestung gar leicht bezwungen und überwältiget wird: Also auch / wen das böse Gewissen trucket / der ist nicht tauglich der Trübsal und Verfolgung lang zu widerstehen. 30 Gleichwie das Wasser den Durst / so groß er ist auslöschet / und die hitzige Leber abkühlet / [31] also thut das gute Gewissen die hitzige Begierd nach denen irrdischen Freuden und Wollüsten auslöschen: dann es ist ihm selbst die gröste Freud und Lust: Secura mens quasi juge convivium, 31 sagt der weise Salomon / ein gutes Gewissen ist wie ein immerwährendes Gast-Mahl. Es ist allerseits vergnüget / wann es in die Höhe schauet /da siehet es / daß ihme der Himmel offen stehet / und daß es GOtt zu seinem Freund hat: Wann es unter sich schauet / da siehet es den Teufel als überwunden zu seinen Füssen ligen / vor / nach / und neben ihm siehet es lauter Verdienst / Tugend / und unsträfflichen Wandel. Es ist nichts erfreulichers / nichts sicherers / und nichts reichers sagt der H. Bernardus, als ein gutes Gewissen / es mag die Welt / das Fleisch oder der Teufel darwider aufstehen so bleibt es doch sicher und unüberwindlich / derowegen gleichwie ein Füncklein Feur / so bald es in ein Wasser fallet / augenblicklich ausgelöscht und zernichtet wird / also wann ein Trübsaal oder Widerwärtigkeit in ein gutes Gewissen fallet / da wird sie alsobald von demselben verzehrt und zernichtet.

Was jetzund weiters die Abtheilung dieses Elements / von dem wir handlen anbelangt / so seynd die fürnehmste Theil desselben das Meer / die Flüß die See und Bronnen. Die erste und fürnehmste Abtheilung der Wässer hat GOTT selbsten gemacht gleich zu Anfang der Erschaffung der Welt wie zu lesen ist in Heil. Schrifft / da er gesprochen hat: Es werde ein Vöste zwischen den Wässern / und scheid die Wässer etc. und widerum / es sammlen sich die Wässer / so unter dem Himmel seynd / von denen Wässeren / so ob dem Himmel seynd und die Sammlung der Wässer hat er genennt Meer. 32 Von dem Meer werden wir hernach an seinem eigenthumlichen Orth handlen. 33 Die fürnehmste Flüß betreffend / so meldet erstlich die Heil Schrifft daß von dem irrdischen Paradeyß ausgangen seyen vier Haupt-Wässer oder grosse Flüß / nehmlich Phison, Gihon, Tygris und Euphrates, welche hernach unterschidliche Landschafften durchstreichen. 34 Durch den ersten kan geistlicher weiß verstanden werden derjenige Fluß / welchen der Prophet Isaias nennet Fluvium pacis, den Fluß des Friedens / verstehe des Friedens und der Ruhe / so aus einem reinen Hertzen entspringt. Durch den andern den Fluß der Andacht /welchen die geistliche Braut den Fluß des Gewürzes benahmset / weilen nehmlich aus einem reinen Hertzen gleichsam ein lieblicher Geruch zu GOtt aufsteiget. Durch den dritten der Fluß der Betrachtung / welcher gleichet einem Crystallenen / oder gläsernen Meer welches mit Feur vermischt ist (wie es der Heil. Joannes in seiner heimlichen Offenbahrung gesehen hat) wegen Hoheit und Klarheit des beschaulichen Lebens. 35 Durch den vierdten aber der Fluß oder überhäuffte Menge der himmlischen Freuden und Glori /welchen David nennet Torrentem voluptatis, einenBach der Wollüsten. 36 Alle diese 4. Wässer /nehmlich der Frieden / die Andacht / die Betrachtung und die Glori fliessen häuffig aus dem Paradeyß eines guten und reinen Gewissens.

Ferners ist ein wohlberühmter Fluß der Nilus / der zu gewissen Zeiten gantz Egypten-Land (allwo es niemahl zu regnen pflegt) überschwemmet und fruchtbar macht. 37 Also thut auch ein gutes Gewissen den gantzen Menschen / welcher von dem Regen der eitlen irrdischen Wollüsten nicht benetzt wurd / überschwemmen und an guten Wercken / an reichlichen Verdiensten fruchtbar machen. Auch der Fluß Jordan ist berühmt schon in dem alten Testament wegen dem wunderbarlichen Durchzug der Arch des Bunds / so mit trucknem Fuß geschehen ist. In dem Neuen aber wegen dem Tauff Joannis der darinn ist ertheilt worden. 38 Ein rechtes Sinnbild der Reinigkeit / als in welchem Christus selbst hat wollen gewaschen werden / dem Wasser die Krafft zu ertheilen hinfüran die Seelen zu reinigen.

Noch viel andere wunderwürdige Flüß seynd in unterschiedlichen Ländern [32] und Reichen anzutreffen: als erstlich der so genante Silber-Fluß in Brasilien / der goldreiche Fluß Tagus in Lusitanien / der Saffran- Fluß Hoang in Sina / wird also genant wegen der gelben Farb seines Wassers / welchen der gelbe Grund verursachet: der Fluß in der Landschafft Suchuen der Perlen-Fluß genant / dieweil in demselben zu Nacht viel Liechter scheinen / von welchen die Sineser glauben / es seyen Carfunckel-Stein. 39 Das Flüßlein so bey der Stadt Koncheu solle ein so leicht und dinnes Wasser führen / daß kein Strohalm oder Spreuer darauf schwimmen könne. Unter der Stadt Foning rinnet aus dem Berg Talao ein Flüßlein / dessen Wasser zu Herbst-Zeit Himmel-blau ist / darinn die benachbarte ihre Tücher färben und waschen.

Der Fluß Kinbey der Stadt Chingthu wird insgemein der damastene Fluß genennt; der Ursach / weil alle Seiden / so in ihm gewaschen wird / einen wunder-schönen Glantz bekommt. Unter Chingtien auf dem Berg Zuaci fließt ein Wasser / welches einen lieblichen Geruch und süssen Geschmack von sich gibt. Bey der Stadt Choxan ist ein Flüßlein / dessen Wasser alle Fleck und Massen aus den Kleyderen gar leicht vertreibt: es soll auch vortrefflich seyn Gewehr und Waffen zu schärpfen / weil es ein heimliche Schärpfe in sich hat. Plinius und Solinus rühmen sehr die 2. Flüß so Choaspis und Euläus heissen / deren Wasser so rein / gesund und wohlgeschmack ist / daß es die Persische und Pharter-König sehr hochgeschätzt und von fern zu trincken / abholen lassen.

Nicht weniger ja mehrers seynd berühmt die grosse zwey Flüß Indus und Ganges / in welchen auch unterschiedliche Edelgestein zu finden: neben mehr anderen goldreichen Flüssen in Ost- und West-Indien.

Aber alle die gemeldte vortrefflich- und berühmte Flüß übertrifft weit das edle Wasser eines guten reinen Gewissens: dann es führet das kostbare Gold der Liebe GOttes / und das Silber der Reinigkeit mit sich. 40 Es seynd in selbem auch Perlein und Edelgestein der herrlichisten Tugend- und Vollkommenheiten zu finden: Es hat auch die schönste Farben / und gibt einen lieblichen Geruch des guten Exempels von sich: Es ist gesund und süß / das ist / nutzlich oder verdienstlich in allem Thun und Lassen / und versüsset die Bitterkeit des Creutz und Leyden / der Trübsal und Widerwärtigkeiten. So viel von Flüssen seye genug.

Was aber weiters die Bronnen anbelangt / welche auch nicht den geringsten Theil dises Elements ausmachen / so gereicht zu ihrem sondern Lob das lateinische Sprüchwörtlein amat sapientia fontes, die Weißheit liebt das frische Bronnen-Wasser. 41 Ja das Bronnen-Wasser ist auch ein Sinnbild der Weißheit /und diese kan selber ein klares Bronnen-Wasser genennt / oder mit selbem verglichen werden. Dann erstlich / gleichwie das frische Bronnen-Wasser zu dem täglichen Gebrauch der Menschen sehr dienlich und nothwendig ist / also ist die Weißheit (ich verstehe die wahre Christliche / nit die eitle Welt-Weißheit (in allem Thun und Lassen sehr nutzlich und nothwendig. Das Bronnen-Wasser ist gut zum Trincken / zum Kochen und Waschen / es löschet den Durst / säuberet die Leinwath / und kochet die Speisen: Auch die Weißheit löschet den Durst / das ist / die dem Menschen angebohrne Begierd zu wissen und zu erkennen: Sie reiniget den Verstand von denen Mackeln der Irrthumen / Fehler und Unwissenheit: sie muß auch alles verkochen / inmassen wann ein Geschäfft oder Vorhaben / nicht wohl ausgekocht / das ist / weißlich überlegt und ausgesonnen ist / so geht es nicht glücklich von statten / es ist kein guter Ausgang zu hoffen. Aber wann man frisches Wasser aus dem Schöpff-Bronnen haben will / da muß man sich darum bearbeiten / und eine Mühe anwenden / wie es das Samaritanische Weiblein wohl erfahren hat / und deßwegen Christum bey dem Bronnen gebetten / er soll ihr von dem lebendigen Wasser zu trincken geben / [33] damit es nicht mehr dürfte / und zu dem Bronnen zu schöpffen kommen müsse. 42 Deßwegen kan einem Schöpff-Bronnen billich die Sinnschrifft zugeeignet werden:


Omnibus affluenter.
Er gibt des Wassers allen viel /
Wer nur immer schöpffen will.

Eben also wer das Wasser der Weißheit erwerben will / muß sich darum bemühen und bearbeiten: dann nach Zeugnuß des gedultigen Jobs: Sapientia non invenitur in terra suaviter viventium: 43 Die Weißheit wird nicht gefunden im Land deren die in Wollüsten leben. Und wann man das Bronnen-Wasser klar und rein erhalten will / so muß man den Bronnen öffters säuberen / und verhüten / daß nichts unreines darein falle: auch die Weißheit gehet nicht ein in eine boßhaffte / unreine Seel / und wohnet nicht in dem Leib / welcher der Sünd unterworffen ist. 44

In der Provintz Chiapa nahe bey dem Dorff Cinacatan, trifft man einen kleinen Bronnen an / welcher dienet die Kranckheiten zu curiren / welche Corrosion und hitzige Artzney-Mittel erfordern: Hingegen sterben die Thier so daraus trincken. 45 In Neu Andalusia in dem Eyland Cubagua kommt man zu einem Bronnen der ein wohlriechendes und sehr heylsames Wasser führet. 46 An etlichen Orthen der ProvintzCaizimu quellen wunderbarliche Bronnen herfür / die obenher süß seynd in der Mitte halb süß und halb saurlecht / auf dem Grund aber gantz saltzig und bitter. Zu Guancavelica in Peru ist ein Bronn darauß heiß Wasser fliesset / welches wann es heraus kommt sich in Stein veränderet / und von solchen Steinen seynd vast alle Häuser desselben Orths gebauet: die Stein lassen sich leicht mit Eisen zubereiten als wie Holtz / seynd auch leicht zu heben und dauren doch lang. Wann aber ein Mensch oder Vieh aus selbem Wasser trincket / so muß es sterben / weil es zu Stein wird in seinem Leib.

In Peru findet man Pech- und Hartz-fliessende Bronnen / die Schiff-Leuth machen es ihnen zu Nutz /und pflegen ihre Schiff-Seiler und Segel darmit zu schmieren. Zu Gualva in der Insul Tercera in Ost-Indien trifft man einen Bronnen an / so alles Holtz mittler Zeit in harte Stein verwandlet. In der Insul Sumatra ist ein Bronn / aus welchem reiner und köstlicher Balsam fließt. In der Landschafft Zantung unter der Stadt Tangcheu ist ein Bronnen der zugleich warmes und kaltes Wasser von sich gibt. Auf dem Berg Lenion in der Landschafft Ensi ist ein Crystall heller Bronnen / der zwar kaum vier Elen tieff / und doch ist das Obertheil desselben sehr kalt / unten aber auf dem Boden so heiß / daß mans nicht erleiden kan.

In der Landschafft Quangsi bey Hingan findet man einen Bronnen / dessen Wasser halb trüb / halb aber sehr klar ist / und wann man es schon unter einander mischet / so bekommt es doch alsobald wiederum seinen vorigen Unterschied. In der Gegend der Stadt Syracusa ist ein Bronn der an und für sich selbsten nicht starck fliesset / sobald aber eine Anzahl Men schen dahin kommet zu trincken / vermehret sich die Quell alsobald; Eben da befinden sich noch zwey andere Bronnen nahe beysammen / davon der eine die Menschen und Thier fruchtbar / der andere aber unfruchtbar machet.

Die bißhero erzehlte Bronnen seynd zwar Wunder der Natur / aber die nachfolgende seynd auf eine übernatürliche Weiß entsprungen. 47 Erstlich hat mein H. Vatter Benedictus durch das Gebett auf dem Gipffel eines hohen Felsens 3. frische Wasser-Bronnen häuffig fliessen gemacht. Zweytens hat sowohl der H.Amatus Abbt / als der Heil. Bischoff Samson mit seinem Staab auf einen Felsen schlagend einen lebendigen Bronnen erweckt.

Drittens der Heil. Bischoff Cadocus als er einstens zu Kernau im Normanner Land grossen Durst litte /stosset seinen Staab in ein öde und dürre Erden / und sihe alsbald quellet eine reiche Wasser-Ader herfür /welche der Heil. Mann geseegnet / und GOtt gebetten hat / daß alle Krancke und Presthaffte so daraus trincken / genesen [34] / und das Wasser alle gifftige Suchten und Würm aus dem Leib vertreibe. Viertens mit dem H. Balensischen Abbt Mochua hat es sich zugetragen / daß / als er von Benchor aus dem Closter in Ultovien gelegen / Krafft des Gehorsams abgereißt / da ist ihme von freyen Stucken ein Bronnen-Quell / in Gestalt einer dicken und schwartzen Wasser-Wolcken /die doch kein Wasser / sonder vielmehr Milch von sich fallen ließ / bey hellscheinender Sonnen nachgefolgt etc.

Wunder- und preißwürdig seynd die erzehlte Bronnen-Wässer: aber das sittliche Wasser der Weißheit übertrifft alle: dann jene haben ihren Ursprung nur aus der Erden / diese aber in dem Himmel / sie ist ein gantz himmlische Gaab / und höchst erwünschlich /wie es gar wohl erkennt hat der weise Salomon / da er vor allem GOtt inständig um die Gnad der Weißheit gebetten hat / und selbige über alle irrdische Güther und Glückseeligkeit hochgeschätzet. 48

Lasset uns auch mit ihme zu GOtt ruffen / und um die wahre Weißheit bitten / mit eben denen Worten:Sende sie herab aus deinen heiligen Himmlen /daß sie bey mir seye und mit mir arbeite / daß ich verstehe / und wisse / was dir angenehm ist. 49 Dann wahrhafftig / wie eben der Salomon bezeuget /die Weißheit ist besser / als die köstlichste Reichthumen / und alles was man wünschen mag / kan ihr nicht gleichen. 50

Den vierdten Theil des Wassers / nehmlich die See betreffend / weilen sie von dem Meer nicht gar viel unterschieden seynd / so verschieb ich biß dahin von ihnen etwas zu melden. Indessen aber beschliesse ich die gegenwärtige Materi von dem Element des Wassers mit folgenden Reimen / die sich nicht übel daher schicken.


Mit Wasser fleißig wasch die Händ /
Mund und Muth mit gutem Wein:
So wird der Mund / der Muth und Händ
Fein sauber und fröhlich seyn.

Oder vielmehr:

Mit Wasser wasch die Händ /
Das G'sicht in Zäher-Fluth:
Das Hertz mit wahrer Reu /
Die Seel in Christi Blut:
Der 3. Absatz
Der 3. Absatz.
Von dem Lufft.

Der Lufft ist ein von Natur feichtes warmes und leichtes Element. Er wird von denen Philosophis in drey Theil oder Regionen abgetheilt: nehmlich in die unterste / mittlere und oberste. 51 Die unterste in welcher wir uns befinden / fangt gleich ob dem Erdboden an /und erstrecket sich biß zu denen Gipffeln der hohen Bergen / beyläuffig in die zwey Meil hoch: Und diese Region ist nicht gar zu kalt / und nicht gar zu warm /sonder mäßig auf daß es die Menschen und Thier erdulden und füglich darinn wohnen können. Die anderte oder mittlere ist vil kälter / sie begreifft die Wolcken in sich und erstrecket sich in die Höhe ohngefähr drey Meilen weit / biß an die Gipfel der allerhöchsten Bergen. Die dritte und oberste fanget an / wo die Wind und Wolcken aufhören / und erhebt sich biß zu dem Elementarischen Feur das gleich ober dem Lufft ist / und diese ist sehr heiß / und erstrecket sich weiter in die Höhe als die andere zwey. Wann aber dieses Element nur in 2. hauptsächliche Theil und Regionen abgetheilt wird / so bestehet der gröste Unterschied dieser beyden in dem / daß der obere Theil deß Luffts gantz ruhig / still und unveränderlich ist / allzeit heiter / leicht / subtil / rein und klar; weilen er nehmlich etwas von der Natur des Himmels / und der Sonnen /welchen er auch näher ist / participiret. Der untere Theil hingegen ist gar unbeständig / veränderlich und unruhig: er ist bald heiter und bald trüb / bald kalt bald warm / bald rein und gesund / bald verunreiniget / bald ungesund; weilen er nehmlich etwas von der Natur des Wassers und der Erden hat / oder mit deroselben aufsteigenden Dämpffen vermischt ist: Deßwegen [35] werden auch im untern Theil deß Luffts unterschiedliche Ding gezeugt / und herfür gebracht / als Wind und Wolcken / Regen und Schnee / Donner /Blitz und Hagel etc.

Im sittlichen Verstand deutet uns der Lufft den Menschen und das menschliche Leben an: dann auch der Mensch bestehet in 2. Theilen / nehmlich in dem Oberen und dem Unteren / das ist / in dem Geist / und in dem Fleisch / in der Seel / und in dem Leib / in der Vernunfft und in der Sinnlichkeit. 52 Das menschliche Leben ist aber ebenfalls zweyfach / nehmlich das beschauliche und würckende Leben. Der ober Theil des Menschen / die Seel / ist an ihr selbsten / und von Natur allzeit hell / subtil / klar und rein / weilen sie wegen dem Liecht des Verstands ein pur lauterer Geist; sie ist unzerstörlich und unveränderlich / weilen sie etwas mehrers von der himmlischen / ja von der Göttlichen Natur participiret: das Fleisch aber und der Leib ist schwer und dunckel / er ist unrein wegen der bösen Feuchtigkeiten / verderblich und unbeständig / bald schwach / bald starck / bald gesund /bald ungesund etc.

In der Vernunfft / als in dem oberen Theil des Menschen gehet es allzeit ruhig und still / recht und richtig / und mit einem Wort vernünfftig zu: aber in dem untern Theil / das ist / in der Sinnlichkeit und Empfindlichkeit gibt es offt grosse Confusion, Ungewitter /und Unordnungen ab: Zu Zeiten ist zwar schön- und stilles Wetter / das ist / der Mensch ist still / ruhig und zu frieden / offt aber thut es winden / regnen und schneien / ja auch donnern / blitzen und haglen: das ist / es blasen die Sturmwind der bösen Begierden /der Hoffart / des Zorns etc. es fallen da starcke Regen der unzimlichen Wollüsten / die Schnee und Reiffen der Eitelkeiten / des Ehr- und Gelt-Geitzes / der Nebel der Unwissenheit / der Frost der Trägheit / auch der Donner des Zancks und Haders / der Rauberey. Es tumultieren und brechen aus die hefftige böse Neigungen / und erwecken ein starckes und gefährliches Ungewitter; weilen nehmlich der untere Theil des Menschen / das ist / der Leib mehr viehisch und irrdisch ist / als geistlich / mit irrdischen Dämpffen der unordentlichen Begierd- und Anmuthungen angesteckt und erfüllet. Daher entstehet der Streit / von welchem der Heil. Apostel Paulus meldet / wann er sagt: Caro concupiscit adversus Spiritum, & Spiritus adversus carnem. 53 Das Fleisch gelüstet wider den Geist /und der Geist wider das Fleisch / sie seynd wider einander. Aber der Geist und die Vernunfft sollen allzeit die Oberhand behaupten und das Regiment führen über das Fleisch und die Sinnlichkeit / und diese nicht Meister seyn lassen / sonsten gehen beyde mit einander zu grund. 54 Es ergehet ihnen als wie jenen zwey Brüdern ergangen ist / deren der eine närrisch / der andere aber gescheid ware. Sie reißten mit einander über Feld / und kamen zu einem zweiffelhafften Weeg der sich in zwey Straffen abtheilte / die eine war schön weit / eben und annehmlich / und sehr viel Leuth wurden da gesehen / die andere Straß hingegen ware sehr rauh / dornächtig und unlustig / und waren gar wenig Leuth darauf anzutreffen / nachdem nun diese zwey Brüder sich eine lange Zeit berathschlagten / welches der rechte Weeg seyn möchte / da liesse sich der gescheidere von dem närrischen überreden / daß sie von dem rauhen abwichen und den schönen guten Weeg antraten / siehe aber gar bald musten sie mit gröstem Schaden und Hertzenleyd erfahren wie weit sie gefehlt haben; dann der gute Weeg nahme ein End / sie wurden verführt / und geratheten zu einer Mörder-Gruben / allwo sie das ihrige samt der Freyheit haben eingebüßt / und alsdann mit spater Reu fienge an einer den anderen zu beschuldigen /daß er die Ursach seines Unglücks und Verderbens seye. Die gemeldte zwey Brüder können gar füglich in einem sitttlichen Verstand auf die zwey Theil des Menschens / nehmlich den Geist und das Fleisch /oder den Leib und die Seel gezogen und ausgedeutet werden / also daß [36] durch den närrischen der Leib /durch den gescheiden aber die menschliche Seel zu verstehen ist: diese zwey mit einandet haben eine langwierige Reyß zu verrichten / indem sie gleich nach ihrer Erschaffung den Weeg zur Ewigkeit antretten / und auf demselbigen unaufhörlich müssen fortgehen / nun begibt es sich zum öfftern auf dieser Wanderschafft / daß sie zu einem solchen zweyfachen und zweifelhafften Weeg kommen / unwissend welchen sie sollen antretten / der eine ist anfänglich etwas rauh / eng und mühsam / hernach aber thut er sich in eine überaus schöne und annehmliche Ebne ausbreiten / der andere hingegen kommt zwar einem von Anfang schön / eben und lustig vor / est via, quæ homini videtur recta, aber novissima ejus ducunt ad mortem 55 dessen Ausgang führet ohnfehlbar in das Verderben; deutlicher zu reden will ich sagen: Das eine ist der Creutz-Weeg / welcher führet zu der Seeligkeit / anfangs rauh und Eng / arcta via est, quæ ducit ad vitam & pauci sunt, qui inveniunt eam, 56 deßwegen auch wenig darauf wandern wollen: Auf dieser Strassen befindet sich Christus mit denen Auserwählten /sprechend / ego sum via, sequere me, ich bin allein der rechte Weeg / folget mir nach so werdet ihr unfehlbar zur Seeligkeit gelangen: Das andere ist die allgemeine Straß der Welt-Menschen / dem Ansehen nach ein gar schöner und guter Weeg / spatiosa via est, quæ ducit ad perditionem & multi sunt qui intrant per eam. 57 Er wird auch gar starck passirt /dann der höllische Feind reitzet die Menschen gar hefftig an / und verspricht ihnen betrüglich er wolle sie führen zu erwünschtem Zihl und End. Es sollte zwar freylich der Geist als der Gescheidere das Fleisch regieren / und durch die Vernunfft die Begierlichkeit zähmen / aber leyder zum öfftern geschiehet es / daß sich die Vernunfft von dem Fleisch lässet verführen / sie weichen ab von dem sichern Weeg der Seeligkeit / und gehen nach dem Weeg der sündlichen Wollüsten / und also fallet der Reiter und das Pferd zusammen in eine Gruben / Leib und Seel gehen miteinander zu Grund. Und eben dieses ist / was der Apostel Paulus austrucklich geschrieben hat: Si secundum carnem vixeritis moriemini: 58 Wann ihr nach dem Fleisch lebet / das ist / wann ihr eurer Begierlichkeit nachgehet / so werdet ihr sterben und verderben.

Zum anderen kan eben auch in sittlichem Verstand durch die obere Region deß Luffts die triumphirende Christliche Kirch / nehmlich die Seelige in dem Himmel / und durch die untere Region die streitende Kirch / das ist / die Catholische auf der Erden verstanden werden. 59 Dann gleichwie die obere Region des Luffts allzeit schön ruhig von dem Elementarischen Feuer und von der Sonnen gantz warm und heiter ist /also / und noch vielmehr ist die himmlische Region /die triumphirende Kirch der Heiligen allzeit unbegreifflich schön gantz ruhig und vergnügt / von keiner Trübsal oder Widerwärtigkeit jemahl im geringsten verstört / sie ist allzeit vollkommen erleuchtet und erhitzet von der Klarheit des unerschaffenen Liechts der Göttlichen Gnaden-Sonn. Die Seelige in dem Himmel seynd in dem beschaulichen Leben / (das in der Erkanntnuß und Liebe GOttes bestehet) gäntzlich unveränderlich von dem allerhöchsten Guth erfüllt und eingenommen / sie wissen nichts von einem aufsteigenden Dampff einer irrdischen Affection, oder von einem Wind-Wölcklein der Widerwärtigkeit / nichts von einem Blitz oder Donner einer Göttlichen Ungnad etc.

Hingegen aber gleichwie die untere Region des Luffts vielem Ungemach und Veränderungen unterworffen ist / viel Unruhe und Ungewitter ausstehen muß / also die Christglaubige in der streitenden Kirchen auf diser Welt / seynd vielen Veränderungen Anstoß- und Ungelegenheiten unterworffen / sie müssen dem mühsamen würckenden Leben obligen / und immerdar mehrere Verdienst sammlen / dann sie werden vielfältig beunruhiget und angefochten von sichtbarlichen und unsichtbarlichen Feinden / sie haben immerdar zu streiten [37] wider die Welt / das Fleisch und den Teufel / wider die gottlose Verfolger der Kirchen /wider die Ketzerey und Irrthumen / wider die böse Begierd und Anmuthungen etc. Sie wandlen annoch in der Dunckle des Glaubens / und müssen bald die Hitz der Begierlichkeit / bald den Frost des Mißtrosts und Verlassenheit / bald die Wind und Regen der Unbilden und Verfolgungen ausstehen.

Gleichwie es in der untern Region des Luffts unterschiedliche feurige impressiones oder entzündte Dämpff abgibt / welche zu Zeiten in der Nacht aus der Lufft herab fallen / und wie Sternen scheinen / da sie doch nichts anders seynd / als eine hitzige und zähe Feuchtigkeit / deren rußige und schmutzige Materie wir nicht sehen / wohl aber den Glantz derselben / der doch bald vergehet und verschwindet: eben also gibt es in der streitenden Kirchen nicht wenig Schein-Heilige / Gleißner und betrügliche Lehrer ab / welche dem äuserlichen Schein nach einen gottseeligen Wandel führen / für fromm und gerecht gehalten werden /aber innerlich seynd sie nichts nutz / gottloß / und lasterhafft / wie die Pharisæer waren: Man siehet und bewundert zwar den äuserlichen Glantz einiger Tugend und guten Wercken an ihnen / aber den innerlichen Schalck das böse und gleißnerische Gewissen die verkehrte Meynung kan man nicht sehen. 60 Sie dauren auch nicht lang / sie verschwinden bald wie ein leerer feuriger Dunst oder Dampff dann in der Nacht der Widerwärtigkeit / wann es ihnen nicht nach ihrem Sinn gehet / haben sie keinen Bestand / sonder fallen offt gar aus dem Lufft der Catholischen Kirchen auf die Erden in den Koth der Irrglaubigen herab / wie es dem Martin Luther und andern seines gleichen ergangen ist / und alsdann wollen ihre Gönner und Nachfolger behaupten / es seye ihnen ein hell-glantzender Stern erschienen / es seye ein hocherleuchter tugendsamer Mann gewesen: Aber nein / sie betrügen sich weit / es ware nur ein falscher Stern / ein betrüglicher Schein / gleich denenjenigen nächtlichen Polter-Geistern / oder feurigen Dämpffen / welche die / so ihnen nachgehen / in tieffe Moos oder stinckende Pfützen verführen etc.

Endlichen gleichwie der Lufft die eigenthumliche Wohnung aller Vöglen ist / nicht nur des Königlichen Adlers / der lieblich klingenden Nachtigall / der reinen und unschuldigen Tauben / sondern auch der Diebischen Raub-Vögeln / der schandlichen Nacht-Eul und verächtlichen Fleder-Mäusen / also stehet auch die streitende Kirch all- und jeden offen / sie behaltet in ihrer mütterlichen Schoos nicht nur die Fromme und Gerechte / sonder auch die Sünder und Gottlose /nicht nur die Gehorsame / die sie zieren und verehren / sonder auch die Widerspennige / die sie betrüben und entunehren / so lang sie immer den wahren Glauben behalten.

Ubrigens ist der Lufft an unterschidlichen Orthen gantz unterschiedlich / anderst ist er beschaffen auf dem Meer / und anderst auf der Erden / anderst auf den hohen Bergen / und anderst in der Fläche / oder in den Thäleren. In Peru ist ein überaus hohes Gebürg Pariacava genannt: auf diesem Gebürg kommt man in einen sehr gefährlichen Lufft / den man den Angst-Lufft oder den ängstigten nennet / weilen er nehmlich zum Athmen oder Schnaufen gar unbequem ist / und folgends die Reysende also ängstiget und quälet / daß sie besorgen gleich auf der Stell Tod zu bleiben: er verursachet grosse Schmertzen in dem Leib und ein so grosses Magen Erbrechen / daß das Blut mitgehet: Er ist so subtil daß er biß auf das Inngeweyd durchtringet / doch bringt er für ordinari die Menschen nicht ums Leben. 61 Wann man von Peru zu Land in das Königreich Chili reyset / trifft man einen sanfften Lufft ein kleines Windlein an / welches aber so schädlich und durchtringend / daß die Leuth offt / ehe sie es recht empfinden / tod darnider fallen: öffters geschieht es daß denen Reysenden die Finger und Zähen darvon absterben und von Händ und Füß abfallen.

Auf dem hohen Gebürg Andes zwischen Peru und Chili ist ein so subtiler [38] Lufft / daß man kaum ohne Gefahr des Verstickens allda sich eine Zeitlang aufhalten kan: welches die Raysende nöthiget / einen Schwammen im kalten Wasser eingetaucht mit sich zu führen und den Lufft dardurch an sich zu ziehen /damit er also mit der Feuchtigkeit vermischt gröber und dicker / und zum Schnauffen tauglicher werde. Ebner massen ist derselbige Lufft also hefftig inflammirt und entzündet / daß er die Wanders-Leuth dermassen erhitzet / daß es scheint als wann sie samt ihrem Athem Feuer-Flammen von sich geben. Indisch und Sinesischer Lust-Garten à f. 1082. & 936.

Das ist durchgehends gewiß daß in der Höhe der Lufft viel subtiler / und aber eben darum viel gefährlicher seye / als in der Nidere. 62 Derowegen wann ich dieses Element nochmahlen in 2. Regionen abtheilen soll / so kan ich durch die obere Region den oberen Theil eines Politischen Regiments / das ist / die vorgesetzte Regenten und Obere / durch die untere Region aber die Gemeine oder Unterthanen verstestehen. Gleichwie nun der Obere Theil des Luffts besagter massen allzeit schön-heiter und beständig ist / und keinem Ungewitter und keiner Veränderung unterworffen / wann es schon in dem untern Theil des Luffts regnet oder schneiet / donneret und blitzet / so lasset sich der obere Theil darum nichts irren / er wird nicht verstöhrt / oder verfinsteret: also sollen auch die Geistliche und Weltliche Regenten / Vorgesetzte und Obrigkeiten allzeit wohl versammlet / erleuchtet / und ruhig seyn / unverstöhrt und standhafftig bleiben in ihrer Verwaltung / wann es schon bey denen Unterthanen Uneinigkeit / und Verwirrungen abgibt: wann schon bey denen Untergebenen dicke Nebel der Unwissenheit aufsteigen / Schnee und Regen der Trägheit oder böser Gelüsten fallen / so solle doch bey denen Oberen die Klarheit des Verstands und guter Erfahrnuß oder Vorsichtigkeit unverfinsteret bleiben /und die Hitz des Eyfers / der Liebe gegen ihren Untergebenen nicht abnehmen. Wann schon bey denen Unterthanen ein böser Lufft des Ehr-Geitzes / des Geld-Geitzes / oder der Mißgunst etc. wehet / so sollen doch die Obere sich nicht darvon lassen anstecken /oder anblasen: sonder jederzeit beflissen seyn mit Nutzen vorzustehen. Præsunt ut prosint. Ihr Glantz und Schein soll nutzlich seyn. 63 Dann wie der Römische Redner sagt: die Menschen werden nicht ehender den Göttern gleich / als wann sie die gemeine Wohlfahrt befördern. In den hohen Ehren-Stellen sich befinden / wie ein irrdisches Gestirn schimmern und und glantzen / über andere herrschen / recht und Gesätz vorschreiben ist zwar ein grosser Ruhm: es wird aber derselbige hefftig verduncklet / wann dises alles nur zu eignem und nicht vielmehr zum gemeinen Nutzen angewendet wird. Ein Vorsteher muß wissen daß er nicht mit ihm selbsten / sonder seinen Untergebenen zugehöre: und daß er seine Mühe und Dienst gar zu eng wurde einschrencken / wann nicht dieselbe allen zu Nutzen kämen. Das grosse Welt-Meer / verschlucket zwar alle Flüß / sie müssen ihm den grösten Zoll bezahlen / doch gibt es ihnen ihre Wasser-Flutten zu ihrem besten wiederum zuruck. Eben also ein Regent solle dasjenige was er von seinen Unterthanen empfangt wiederum zu dero Wohlfahrt anwenden / wie ihne jenes Verslein erinneret:


– – – Tu Consule cunctis,
Non tibi, nec tua te moveant, sed publica vota.
Sey jedermann bedient / schau nicht auf dich allein /
Sonder des Volcks Wohlstand laß dir befohlen seyn.

Ferners weilen auch / wie gemeldt der Lufft in der Höhe gar subtil ist / und aber eben darum viel gefährlicher als in der Nidere (absonderlich wann man ihn starck an sich ziehet) so sollen die Obere sich in Obacht nehmen / daß sie in ihrer hochen Würde den subtilen und schädlichen Lufft der eitlen Ehr nicht begierig hinein schlucken. 64 Hingegen die Unterthanen sollen sich nicht anmassen Häuser in den hohen Lufft[39] zu bauen / das ist / sie sollen nicht unordentlicher weiß nach hohen Würden und Ehren streben; dann neben dem daß ein solches Gebäu kein Fundament oder festen Grund haben würde / so thäten sie sich auch in einen gar schädlich- und gefährlichen Lufft aussetzen / der sie leichtlich verstecken / und ihnen das Lebens-Liecht auslöschen / das ist / der Gnad GOttes berauben konnte.

Der 4. Absatz
Der 4. Absatz.
Von dem Feur.

Das Feur ist ein hitziges und truckenes Element / es ist das leichtest und subtileste unter allen vier Elementen: und eben darum hat das pure Elementarische Feuer seinen eigenthumlichen Wohn-Sitz / nach der Lehr des Aristotelis ober dem Lufft / gleich unter dem Crayß des Monds / allwo es sich in eine unermessene Weite ausbreitet / doch aber gantz keiner Nahrung bedürfftig ist; weilen es nehmlich nichts von aussen hat / weder Kälte / noch Feuchtigkeit / so ihme widerstehe. 65 Da hingegen unser irrdisches oder gewöhnliches Feuer / das wir sehen und empfinden / nicht pur und lauter / sonder mit andern Cörperlichen Dingen vermischet ist / nicht bestehen kan / wann man ihm nicht immerdar Holtz oder andere brennende Materi zu seiner Nahrung oder Erhaltung zuschiebet; weilen es nehmlich von anderen widrigen Dingen / verstehe die Feuchtigkeit des Luffts / und Kälte des Wassers bestritten und angefochten wird. Daß wir aber dieses Feuer nicht sehen / ist die Ursach / weilen es so subtil / und sehr weit von uns entfernet ist.

Sonsten ist das Feur von der grösten Activitæt oder hefftigsten Krafft zu wircken / inmassen es fast alles verzehret / und in Staub und Aschen verwandlet: auch die Kisel-Stein brennt es zu Kalch und Pulver / auch die hartiste Metall zerschmöltzt es / und macht selbe im Feur-Ofen wie einen feurigen Wasser-Strohm fliessen. Seine natürliche Bewegung bestehet in dem /daß es allzeit über sich in die Höhe trachtet.

Das Feuer ist ein sonder fürtreffliches und schon von alten Zeiten ein hochberühmtes Element. 66 Die alte Heydenschafft ware also von dem Glantz des Feurs verblendt und eingenommen / daß sie es für einen Gott gehalten und angebettet. Die Persianer pflegten es auf silbernen Altären mit sich herum zu führen bey ihren Kriegs-Heeren in dem Feld / weil sie von ihm Glück im Streit / und den Sieg verhofften. Auch die Römer führten unter andern Kriegs-Fahnen etliche / auf welchen nichts anders als lauter brennende Feurs-Flammen abgemahlet waren. Sie bestellten und ernährten auch deßwegen die sogenante Virgines Vestales, welches gewise Jungfrauen waren / die Tag und Nacht nichts anders zu thun hatten / als mit gröstem Fleiß und Sorgfalt zu verhüten / daß das Feur auf dem Altar in dem Tempel niemahl verlösche. Es ist sich zwar dessen so viel nicht zu verwundern: dann es waren halt blinde und verblendte Heyden. Aber dieses ist sehr zu verwundern / daß auch der wahre und allerweisiste GOtt selber das Feuer im Werth und Ehren haltet / daß er es nicht nur schon in dem alten Testament auf einem besondern Altar vor seinem Angesicht unaufhörlich brennend / durch ein gewise mit Fleiß darzu bestellte Geistlichkeit zu erhalten befohlen hat.Ignis in altari meo semper ardebit. 67 Das Feur soll auf meinem Altar allzeit brennen. es soll seyn ein ewiges Feur und nimmermehr verlöschen / sondern er hat nach Zeugnuß der Heil. Schrifft in unterschiedlichen und fürnehmsten Geheimnussen sich dieses Elements des Feurs bedient / und durch dasselbige viel grosse Wunder gewürcket. Ja er will selbsten ein Feur genennt / und für ein Feur gehalten werden: DEus noster ignis consumens. 68 Unser GOtt ist ein verzehrendes Feur sagt Moyses. Als der HErr zu Zeiten Eliæ von dem Judenthum für den wahren GOtt wollte erkennt werden / erwieß er es durch das Feur. DEus, qui exaudierit [40] per ignem, ipse sit DEUS, hat es geheissen: Der aus allen Göttern das Volck erhören wird durch Mittel des Feurs / dieser soll für den eintzigen GOtt gehalten werden. Und wann im alten Testament ihme Ochsen / Kälber oder Schaaf geopfferet wurden / da schickte er das Feuer vom Himmel herab / das Opffer zu verzehren / wann es ihme anderst angenehm ware / wo nicht / da ließ er es unberührt verbleiben. Mit einem Wort GOtt bediente sich des Feurs so offt / und in so wichtigen Sachen /daß es scheint / als wann er kein besseres und fürtrefflichers Instrument oder Werck-Zeug in seiner Schatz- Kammer hätte grosse Wunder-Ding auszuwürcken. Was thate nicht an dem Heil. Pfingst-Fest GOtt der Heil. Geist? Er selbsten hat die Gestalt des Feurs an sich genommen / und ist also auf die Welt über die Heil. Apostel ankommen / apparuerunt illis dispertitæ linguæ tanquam ignis, seditque supra singulos eorum. 69 Es erschienen ihnen zertheilte Zungen als wie Feur-Flammen / die setzten sich auf einen jeden der Apostlen: Und was erfolgte daraus? eine sehr verwunderliche und herrliche Würckung /nehmlich repleti sunt omnes Spiritu Sancto. Es seynd alle mit dem Heil. Geist erfüllet worden.

Wegen diesem allem ist das Feuer ein Sinnbild der Liebe GOttes / und des Geists der Liebe selber / das ist / des Göttlichen Heil. Geists. 70 Dann erstlich gleichwie das Feur das reiniste / fürnehmste / oberste und stärckste unter den Elementen ist / also ist die Lieb die edelste / schönste und mächtigste unter denen Theologischen Tugenden: Major autem horum Charitas. Gleichwie das Feuer allzeit über sich begehret / und in der Nidere kein Ruhe noch Rast hat /also ziehlet die wahre Lieb allzeit auf GOtt / und hat an denen irrdischen Dingen kein Vergnügen noch Wohlgefallen. Gleichwie das Feuer so hefftig und mächtig ist / daß es alles / was nur immer brennen kan / verzehret / und in sich verkehret / auch niemahl müßig / sonder allzeit würcksam ist / also ist die Liebe GOttes so starck und kräfftig / daß sie alles übertragt / omnia sustinet, alles zum Guten wendet /ja wann sie nicht würcket / so ist es kein wahre Lieb nicht. Das Feur thut sich unermessen weit ausbreiten über alle andere Cörperliche Ding / und ein Feuer zündet leicht hundert andere Feuer an: Auch die wahre Lieb erstreckt / und giesset sich über alle Menschen aus / über Feind und Freund / über Gutthäter und Widersacher. Das Feuer ist unersättlich und greifft immerdar weiter um sich. Ein mit der Liebe GOttes entzündte Seel zündet mit ihrem Eyfer durch die Wort und Exempel viel andere an: Es ist ihr nichts zuviel / sie verlanget mit dem Apostel Paulo allen alles zu werden / auf daß sie alle Christo gewinne. 71

Ein Gedicht der Poeten ist es / daß der Prometheus aus Leim so künstliche Statuen oder Bilder zusammen gefügt habe / daß ihnen nichts als das Leben abzugehen schiene: diesen Bildern aber den edlen Lebens-Geist zu verschaffen / und die angenehme Bewegung der Glider beyzubringen / habe er sich zum feurigen Sonnen-Wagen erhoben / allda eine Fackel angezunden / und mit derselben die leblose Bilder berührt / da / sihe Wunder / sie fiengen alsobald an sich zu bewegen / die Leiber wurden vollkommen begeisteret und lebendig. 72 Aber eine Wahrheit ist es / daß Christus das Feur der wahren und reinen Liebe GOttes mit sich vom Himmel auf die Welt gebracht habe / und die leimene / oder aus Leim gestaltete / und geistlicher Weiß leblose Menschen darmit beseelet / und in dem übernatürlichen Weesen lebendig gemacht habe. 73 Das Feuer hat unter andern Würckungen die Krafft den Lufft zu reinigen / wie es sich gewisen hat / als einstens zu Athen in dieser grossen Volckreichen Stadt die leydige Pest so hefftig grassirt und eingerissen hatte / daß sie viel tausend Menschen dahin gerissen / da hat ein kluger Medicus oder Artzt dises Mittel erfunden: Er liesse auf denen Gassen und Strassen / und auf dem Feld hin und [41] wider grosse Feuer aufmachen und anzünden / damit also der Lufft durch das Feuer von denen schädlich- und gifftigen Dämpffen geläutert und gereiniget wurde: Es hat auch dieses Mittel einen guten Effect oder Würckung gehabt: und ist forthin zum öffteren gebraucht / und die Pest dardurch vertrieben worden. Nun aber ist es gar zu gewiß / daß auch bey jetzigen Zeiten ein grausame Pest schier in der gantzen Welt regiert. Ein höchstschädliche Pest / welche der Seel den ewigen Tod bringet: nehmlich die Sünden-Pest totus mundus in maligno positus est, schier die gantze Welt / vast alle Menschen /seynd mit dieser Pest inficiert und angesteckt: das ist / mit der Pest der Hoffart / der Geilheit / des Geitzes /des Neid und Haß und dergleichen. O so lasset uns dann das Feur der Liebe GOttes in unsern Hertzen und Seelen erwecken / und anzünden / von welchem Christus der HErr sagt: Ignem veni mittere in terram. 74 Ich bin kommen Feur auf die Welt zu bringen. Und GOtt der Heil. Geist ist auch in Gestalt feuriger Zungen über die Apostel kommen / und hat selbige beredt gemacht / ja die Liebe GOttes ist selbsten ein solches Feur / welche beredt macht diejenige /deren Hertz sie eingenommen / zu dem Lob des Geliebten.

An dem natürlichen Feur werden absonderlich vier Eigenschafften verspüret / wie der gelehrte Berchorius anmercket: nehmlich exterius illuminat, interius ardet, inferius purgat, superius gaudet. 75 Aeuserlich erleuchtet es / innerlich brennt es / unter sich säuberet es / über sich erfreuet es / es hupfet gleichsam freudig auf mit der Spitz seiner Flammen / und schwingt sich in die Höhe.

Auch das sittliche Feur der Liebe GOttes / und der Gnad des Heil. Geists (so die Liebe allzeit begleitet) erleuchtet äuserlich durch die heylsame Lehr und gutes Exempel eines löblichen Tugend-Wandels: innerlich brennet es von dem Eyfer die Ehr GOttes / und das Heyl des Nächsten zu beförderen. 76 Unten her /das ist / den unteren Theil des Menschen reiniget es /will sagen / die Sinnlichkeit und das Hertz des Menschen von denen bösen unordentlichen Begierd- und Anmuthungen: Obenher / den Geist nehmlich und die Vernunfft thut es erfreuen mit wahrem himmlischen Trost.

Es kan noch insonderheit der Heil. Geist selber /wegen seinen siben Gaben durch das Feuer verstanden werden / weilen es auch siben Tugenden an ihme hat. 77 Dann der Heil. Heist gleich einem Feur ernidriget was hoch ist / durch die Gaab einer heylsamen Forcht GOttes. Er erweicht was hart ist / nehmlich die harte Hertzen der Sünder / zur Reu und Buß durch die Gnad der Frommkeit und Andacht. Er erleuchtet was finster ist / nehmlich den Verstand der unwissend ist /durch die Gaab der heylsamen Wissenschafft: Er befestiget was flüßig ist durch die Stärcke. Er läuteret und reiniget das Gemüth durch die Gaab des Verstands. Endlichen erleuchtet und erhebt er den Menschen durch die Gaab der Erkanntnus und Weißheit zu GOTT und Himmlischen Dingen.

Bißhero haben wir von löblichen Eigenschafften des Feurs gemeldet / welche wohl mit denen schönsten Tugenden mögen verglichen werden. Es gibt aber auch ein schädliches und böses Feuer / durch welches die Laster und Untugenden können verstanden werden. Ein solches ist das unterirrdische Feur / welches in denen Klüfften und Höhlenen der Erden verborgen ist / und heimlich wütet / (wo nehmlich die Erden Schwefelächtig ist / viel Hartz / Salpeter und dergleichen Materi / welche gern brennet / in sich hat) biß daß etwann vermög eines starcken Erdbebens mit grossem Gewalt und Schaden ausbricht: wie es der Feurspeyende Berg Vesuvius in Campania, unsern von Neapolis / und der Berg Æthna in Sicilien zum grossen Schaden und Schrecken der Benachbarten nur gar zu offt und klar erweisen. 78

[42] In der Insul Terzera 6. Meil weit von dem BergPicco delle Camarine genannt / ist in dem Jahr 1638. ein Feur mit unbeschreiblichem Gewalt aus der Tieffe herfür gebrochen / welches das Meer selbst nicht auszulöschen vermöchte / obwohl daselbst das Wasser hundert und zwantzig Werck-Schuh tieff ist.

Diese und dergleichen Feuer deuten uns in sittlichem Verstand gewise Laster / die Hoffart / den Zorn / den Neid und Haß / den Ehr–und Geld-Geitz / die Geilheit etc. welches lauter unersättliche Laster seynd / gewaltig um sich fressen / alles angreiffen und verzehren. 79 Von dem Feur der Hoffart hat zu allererst der Lucifer selbst gebrunnen und mit demselben viel andere unauslöschlich angesteckt / als er GOTT dem Allerhöchsten selber hat wollen gleich seyn. Von dem Neid und Haß hat zum ersten der Cain gebrunnen /als er seinen unschuldigen Bruder Abel ermordet hat. 80 Mit dem Feur der andern Laster seynd unzahlbar viel andere angesteckt worden / von welchen eigentlich zu verstehen / was geschrieben stehet: Ich will lassen ein Feur in dir auskommen / das dich fressen oder aufzehren soll. 81 Dann alle diese Laster seynd ein verzehrendes unterirrdisches Feur / welches zu allererst verzehret oder aufreibt denjenigen /dessen Hertz es eingenommen hat / indeme es alle seine Würckungen in dem Hoffärtigen / neidigen /geilen menschlichen Hertzen / mithin in der Erden / in irrdischen Güthern hat / und von dem Gold und Silber / so in der Erden verborgen / sich zu ernähren suchet.

In Alvernia trifft man gewise Berg an / in welchen das Feur die Erden unabläßlich auf eine grosse Weite verzehret und verbrennet / also daß von denen Plätzen / die schon verbrennt seynd die Kohlen in grosser Menge zum Gebrauch der Schmiden abgeführt werden. 82 Eben also brennet in denen unersättlichen Geld-Geitz-Hälsen / das Feuer des Geitzes / welches gewaltig um sich frißt / und die umligende Erden / ich will sagen / die Güther und Haabschafften der Nachbarn angreifft / verwüstet und verzehret: ja je mehr es Materi zum Brennen bekommt / je mehr will es zu seiner Unterhaltung haben. Was das Feur der Geilheit anbelangt / so hat selbes gantz keinen Glantz / oder Helle / sondern nur eine Hitz / mit welcher es das Gemüth entzündet / und einen Rauch oder rußigen Dampf / durch welchen es die Vernunfft verfinsteret /und das Gewissen abscheulich verschwärtzet: und dieses ist ebenfalls ein Feur / welches allzeit brennet /und niemahl sagt: Es ist genug. 83

Noch ein sittliches Feur haben wir zu betrachten /welches gut und böß / schädlich und nutzlich ist /nachdem man es anwendet: nehmlich das Feur der Trübsal und Widerwärtigkeit. 84 Dieses Feur brennet zwar den betrangten Menschen schmertzlich / absonderlich wann es lang anhaltet: Und wann man es mit Ungedult leydet / so ist es so schädlich als schmertzlich. Wann man es aber gedultig leydet / da ist es sehr nutzlich: dann es reiniget die Seel von bösen Feuchtigkeiten der unordentlichen Begierden und Anmuthungen / es nimmt hinweg den Rost der Sünden und Untugenden: und gleich einem harten Eisen / wann es durch das Feur glühend gemacht worden / durch die Hammer-Streich sich biegen / formieren und gestalten lasset / wie man es haben will. Also auch das menschliche Hertz wann es durch die Trübsal und Gedult weich worden / da lasset es mit ihm umgehen / wie man will / und gehorsamet GOTT und den Oberen /daß sie ihm mögen ein Tugend-Gestalt geben / nach Belieben. Ja gleich wie das Feuer / nicht nur schlecht Metall / sondern auch das Gold selber purificiret und läuteret / also thut die Trübsal auch die Fromme und Gerechte noch vollkommener purificiren und reinigen: und durch dieses Feur haben so viel tausend Heilige starck müssen probiert und gereiniget werden /ehe daß sie als ein recht rein–und kostbares Gold in[43] die himmlische Schatz-Kammer seynd übersetzt wor den / nach der Lehr und Zeugnuß des Ecclesiastis, da er sagt: Leide gedultiglich / was GOtt haben will daß du leydest: was dir zufällt nimme an /dann gleich wie das Gold und Silber im Feur /also werden die Menschen, so GOTT gefallen im Ofen der Trübsal bewährt. 85 O daß auch wir in Wahrheit mit David zu GOTT sprechen konnten: Probasti cor meum, & visitasti nocte, igne me examinasti, & non est inventa in me iniquitas. 86 Du hast mein Herz geprüfet / und in der Nacht / der Widerwärtigkeit heimgesucht / du hast mich durchs Feur der Trübsal geläuteret / und nichts Unrechtes in mir gefunden.


Solinus de mirabilibus mundi c. 7. schreibt daß viel Heydnische Priester vor Zeiten den Brauch hatten / daß wann sie ihren Götteren opfferten / und das Opffer-Feur am aller stärcksten brennete / daß die Flammen weiß wie hoch hinauf gestiegen / da zogen sie sich nackend aus / giengen hinein / spileten / tantzten / assen und truncken darinnen ohne alle Versehrung ihrer Leiber: Auch sihet man noch zu Zeiten daß etliche Ciarlatani oder Gauckler brennende Kohlen /glüende Eisen / zerlassenes Bley in die blose Händ nehmen ohne allen ihren Schaden / rath nun / wie gehet es zu? 87 Ist es natürlich oder übernatürlich? Der gemeine Mann wurde sagen / es gienge nicht natürlich zu / sondern müsse eine Hexerey oder schwartze Teufels-Kunst darbey seyn! Andere Verständigere aber haltens für natürlich / dann in denen vollkommenen wohlbestellten Apothecken findet man ein KrautSemprevivo genandt / wann man den Safft davon einnimmt / vermischet denselben mit Ochsen-Gall / mit rechtem Arsenico und pulverisirtem Alaun und schmieret sich wohl damit / so kan man Feur / glüende Kohlen und dergleichen in die Händ nehmen / und wird einen nicht brennen: noch ein anderes Gewächs ist / genannt Palma Christi, dessen Safft hat eben die Krafft / wann man die Hand zuvor waschet / und sie hernach wohl damit schmieret.

Dem sey nun wie ihm woll: Gewiß ist es / daß man in sittlichem Verstand / auch mitten in dem Feur unbeschädigt bleiben möge. Ich will sagen / daß man in dem Feur böser Begierden und Versuchungen an der Seel unverletzt bleiben könne; wann man nehmlich mit der Gnad und Liebe wohl versehen / und mit der Christlichen Gedult und Standhafftigkeit wider den bösen Feind verwahret ist: alsdann wird erfüllet die trostreiche Weissagung des Propheten Isaias: Cùm ambulaveris in igne non combureris & flamma non ardebit in te, 88 wann du ja im Feur wurdest gehen / soltest du nicht verbrandt werden / und die Flamm soll dich nicht brennen.

[44]
Fußnoten

1 Was die Corpora simplicia und Mixta seyen?

2 Die Erden wird unterschidlich benamset / und warum?

3 Lobsprüch der Erden.

4 Gen. c. 2. v. 7.

5 Die Erden / wie sie von den Alten ist vorgebildet worden.

6 Die Catholische Kirch wird mit dem Element der Erden verglichen.

7 ad Hebr. c. 11. v. 6.

8 Cant. c. 4. v. 2.

9 Schönheit / Fruchtbarkeit und Freygebigkeit der Catholischen Kirchen.

10 Die Erden ist zugleich ein Frau und willige Dienst-Magd der Menschen.

11 Wird applicirt auf die Catholische Kirchen.

12 Matth. c. 16. v. 19.

13 Fernere Vergleichnuß diser beyden.

14 Psal. 44. v. 14.

15 Homil. 15. in Evang.

16 Zach. c. 9. v. 12.

17 Der Erdboden mit dem menschlichen Hertzen verglichen.

18 Luc. c. 8. v. 12. & 15.

19 Matth. c. 15. 1. 19.

20 Erdbeden woher sie kommen?

21 Hefftige Passiones seynd gleich einem Erdbeben.

22 Apoc. c. 6. v. 12.

23 Gen. c. 1. v. 2.

24 Viel Wunderwerck seynd in dem Wasser gewürckt worden.

25 Ein reines Gewissen und gute Meynung wird mit dem Wasser verglichen.

26 Joan. c. 4. & 7.

27 Psal. 68. v. 1.

28 Isaiæ c. 43. v. 2.

29 Der flüchtige Hirsch bekommt durchs Wasser neue Kräfften.

30 Wird applicirt. Glückseeligkeit des guten Gewissens.

31 Prov. c. 15. v. 15.

32 Gen. c. 1. v. 6. & 9.

33 Gen. c. 2. v. 10.

34 Die vier Flüß des Paradeyß.

35 Apoc. c. 15. v. 2.

36 Psal. 3. v. 9.

37 Andere wunderbarlich- und berühmte Flüß.

38 Marci c. 1. v. 9.

39 Indisch- und Sinesischer Lust- und Staats-Gartenà f. 1280. & seq.

40 Gutes Gewissen übertrifft alle.

41 Die Weißheit wird mit dem Bronnen Wasser verglichen.

42 Joan. c. 4. v. 15.

43 Job. c. 28. v. 13.

44 Ibidem.

45 Bronnen die einer wundersamen Art und Krafft seynd.

46 Indisch- und Sinesischer Lust und Staats-Garten à f. 1262. & seq.

47 Bronnen die miraculoser Weiß entsprungen seynd.

48 Weißheit wird gerühmt.

49 Sap. c. 9. v. 10.

50 Prov. c. 8. v. 10.

51 Die 3. Regionen des Luffts.

52 Der Mensch wird durch den Lufft beditten und mit selbem vergleichen.

53 Ad Gal. c. 5. v. 17.

54 Die Vernunfft soll die Sinnlichkeit regieren.

55 Prov. c. 16.

56 Matth. c. 2. v. 14.

57 Matth. c. 2. v. 12.

58 Ad Rom. c. 8. v. 13.

59 Die triumphirende Kirch wird mit der oberen / und die streitende mit der untern Region des Luffts verglichen.

60 Schein-Heilige seynd wie ein leerer feuriger Dunst.

61 Seltsam und schädliche Lüfft.

62 Der obere und untere Theil des Luffts bedentet ein Politisches Regiment.

63 Die Regenten sollen beflissen seyn allzeit mit Nutzen vorzustehen.

64 Nach Ehren streben ist gefährlich.

65 Des Feurs Eigenschafft und Beschaffenheit.

66 Das Feur vor alten Zeiten ein hochberühmtes Element.

67 Lev. c. 6. v. 13.

68 Deut. c. 4. v. 24.

69 Act. c. 2. v. 3.

70 Das Feur ist ein Sinnbild der Liebe GOttes und deß Heil. Geists.

71 1. Cor. c. 9. v. 22.

72 Fabel von Prometheo.

73 Das Feur reiniget die Lufft / und die Liebe GOttes das Gewissen.

74 Luc. c. 12. v. 49.

75 Vier Eigenschafften des Feurs.

76 Werden applicirt auf die Liebe.

77 Die siben Gaaden des Heil. Geistes werden füglich durch das Feur angeditten.

78 Unterirdische Feur brechem mit grosem Gewalt herfür.

79 Gewise Laster mit dem Feur verglichen.

Apoc. c. 12. v. 9.

80 Gen. c. 4. v. 8.

81 Ezech. c. 28. v. 18.

82 Brennende Erden in Alvernia.

83 Prov. c. 30. v. 15.

84 Trübsal ist ein reinigendes Feur.

85 Eccl. c. 2. v. 3.

86 Psal. 16. v. 6.

87 Wie man im Feur möge unverletzt bleiben.

88 Isaiæ c. 43. v. 2.

V. Von denen Wind- und Wolcken - Regen und Schnee
Der 1. Absatz
Anhang
Anhang
Von denen vier Haupt-Winden insonderheit.

Der erste aus denen vier Haupt-Winden nehmlichSubsolanus oder Ost-Wind wehet unter der hitzigen sogenannten Zona torrida (das ist ein gewiser heisser Himmels-Crayß oder Circkel in welchem die Sonn ihren Lauff fortsetzet) und deßwegen ist dieser Wind warm und trucken sowohl in sich selber / als in seiner Würckung / weilen er eine Zeitlang grad unter der Sonnen sich aufhalt / ehe daß er zu uns kommt / so thut er austrucknen. Durch diesen Subsolanum oder Ost-Wind kan geistlicher Weiß eine hohe geistliche Obrigkeit verstanden werden: dann ein geistlicher Oberer ein Bischoff oder Prälat solle auch ein Subsolanus seyn / er solle sein Herkommen haben von Orient / das ist / seine Promotion und Erhebung zu geistlicher Würde eines Vorstehers solle aus Anordnung des Himmels / aus Göttlicher Disposition und aus Eingebung des Heil. Geists herrühren. 26 Er solle unmittelbar unter der Sonnen der Gerechtigkeit / unter Christo stehen / auf daß er die Hitz der Liebe und deß Eyfers und der Andacht von ihme empfange / auch dirr oder trucken seyn durch die Mäßigkeit und Mortification oder Abtödtung der unordentlichen Gelüsten / und Uberflüßigkeiten. Der Ost-Wind kommet her von eben dem Orth wo die Sonn aufgehet / wann sie Tag und Nacht gleich machet. In diesem solle auch ein sittlicher Subsolanus oder Ost-Wind die Sonnimitiren, er solle Tag und Nacht gleich machen / das ist / gleichförmig und beständig seyn / sowohl bey der Nacht der Widerwärigkeit als bey dem Tag der Wohlfahrt. Widerum soll er Tag und Nacht gleich machen /das ist / nach Proportion gleich halten seine Untergebene / sie seyen gelehrt oder ungelehrt / edel oder unedel / alt oder jung etc. ohne Partialitæt und ohne menschlichen Respect oder Absehen auf die Persohn.

Der Favonius oder West-Wind hingegen kommt von Niedergang her. 27 Er ist kalt und feucht / nicht von eigner sondern von angenommener Kälte und Feuchte: er ernährt und erhaltet mit seiner Feuchtigkeit die Kräuter und Pflantzen / und macht sie wachsen / aber machet das Wasser trüb und unruhig. Diesem seynd gleich die böse oder untugendliche Prälaten / oder geistliche Obrigkeiten / welche alsdann auch in sittlichen Verstand von Niedergang herkommen / wann sie aus menschlichem Respect oder aus zeitlichem Absehen durch ungiltige Mittel und Weeg seynd promovirt worden / und zu geistlicher Würde erhoben. Diese seynd kalt in der Liebe / kalt in dem Eyfer / in der Andacht etc. feucht und überflüßig in der Consumption und ihrer Gemächlichkeit / und kostbarer Verpflegung; sie erhalten und ernähren offtermahl durch ihre Feuchtigkeit / das ist / durch ihre Güter / oder vielmehr durch das Patrimonium Christi die Pflantzen und Kräuter / ich verstehe / ihre Nepoten, gute Freund und Anverwandte / diese machen sie aufwachsen / promoviren und befördern sie unverdienter Weiß zu hochen Ehren-Aemtern / und einträglichen Diensten etc. mithin werden sie billich Favonii à fovendo Günstig oder Gönner genennt. Aber eben darum machen sie das stille Wasser trüb und unruhig / das ist / sie betrüben und beunruhigen andere getreue Unterthanen / die ein solche Unbillichkeit ansehen müssen. Mithin wehen sie als [51] wie der West-Wind den graden Weeg wider Orient, oder den Aufgang /das ist / sie handlen stracks zuwider dem Göttlichen Gesatz / dem Exempel Christi und der HH. Sie seynd gleich einem Hanen auf dem Glocken-Thurn / der sein Gesicht wider den Wind kehret / und doch anzeigt woher er komm; dann obwohl sie mit ihrer Lehr und Worten denen Untergebenen andeuten / woher der gute Wind / das ist / der Heil. Geist und die Gnad GOttes komme / widersetzen sie sich doch diesem Wind mit denen Wercken und in der That. Von diesen stehet geschrieben / quæ dicunt facite, quæ autem faciunt, facere nolite, 28 was sie sagen / das thut /was sie aber selber thun / das lasset unterwegen.

Der Auster oder Sud-Wind kommt von Mittag her /er hat unterschiedliche Eigenschafften und Würckungen. Er ist warm und feucht / und deßwegen verursachet er den Regen und das Thau / eröffnet die Poros oder Lufft-Löcher der Erden / er bring die Sonnen herfür und macht die Erd-Früchten wachsen. Derowegen kan er füglich auf die Tugend und die Gnad GOttes ausgedeutet werden / als welche den Menschen erwärmet mit der Lieb GOttes und befeuchtet mit der Andacht: sie bringt ihme zuwegen das himmlische Thau des innerlichen Trosts / und heilsame Regen der reumüthigen Buß-Zäher / mithin eröffnet er die Erden des menschlichen Hertzens / und macht sie herfür bringen häuffige Früchten der Verdienst und guten Wercken. 29 Also daß wir wohl Ursach haben sähnlich nach diesem so günstigen Wind zu seufftzen und aufzuruffen: Veni auster, perfla hortum meum, ut fluant aromata illius, 30 komme du Sudwind und wehe durch meinen Garten / daß sein Gewürtz trieffe.

Hingegen aber weilen eben dieser Sud-Wind warm und feucht ist / so schadet er dem menschlichen Leib und der Gesundheit nicht wenig: Er verursacht Kranckheiten: er macht schwere und Faule Glieder /er benimmt die Farb / macht dunckle Augen / wann er starck anhaltet: Darum kan er wohl auch mit dem zeitlichen Glück / mit der zeitlichen Wohlfahrt verglichen werden: dann diese ist auch schädlich und gefährlich / der Gesundheit und dem geistlichen Wohlstand der Seelen. 31 Sie gibet Anlaß zu unterschiedenen Kranck- und Schwachheiten der Seel. Sie bringt mit sich die Hitz des Geitzes / die Feuchtigkeit der sinnlichen Wollüst und Begierden: sie verursachet die Nebel oder Verfinsterung des Verstands / sie benimmt die schöne weisse Farb der Reinigkeit / und die Röthe der Schamhafftigkeit / sie machet faul und träg in Ubung der guten Wercken etc.

Der Boreas endlich oder Nord-Wind ist kalt und dirr / weilen er von kalt und dirren Orthen herwehet /und kan deßwegen nicht viel Gutes mit sich bringen. 32 Er verursachet den Husten / constringirt oder ziehet die Nerven ein / lähmet die Glieder / die zarte Blumen / Kräuter und blühende Wein-Reben thut er austrücknen und ausdörren / denen Bäumen benimmt er ihre grüne Gestalt / er versperrt die Erden / und macht sie unfruchtbar. Eben also ein falsch- und schädliche Lehr / böse und ärgerliche Exempel kommen gemeiniglich her von kalt und rauhen Orthen /das ist / von menschlichen Hertzen / welche in der Liebe GOttes und in dem Eyfer gantz kalt und erfroren seynd / im bösen Willen und in böser Gewohnheit erhartet und verstockt seynd: Sie ziehen die Nerven /das ist / die Kräfften zusammen / und verhindern die Händ in Ubung der guten Wercken: Sie ärgern und verderben die blühende Jugend etc. von disem spricht der Prophet Jeremias c. 1. v. 14. von Mitternacht wird alles Unglück herkommen etc. Hingegen gleichwie der rauhe Nord-Wind wegen seiner Kälte nicht zulasset / daß die böse Feuchtigkeiten und Erd-Dämpffresolvirt werden und aufsteigen / mithin den Lufft hell und rein erhaltet / das Wasser aber zur Winters-Zeit gleichsam in ein Christall veränderet und verhärtet: also auch der rauhe Wind der [52] Trübsal und Versuchungen wann man selben zu übertragen / oder ihme wohl zu begegnen weißt / verhindert er daß die schädliche Dämpff der bösen Begierd- und sinnlichen Anmuthungen nicht können über sich steigen / und den Lufft des Gewissens anstecken / oder verunreinigen: er verhärtet die weiche Hertzen / er macht sie daurhafft und standhafftig in allen Zufällen. 33 Gleichwie der Nord-Wind beförderet die Krafft zu verdäuen /und macht Appetit zum Essen: also die Trübsal und Versuchung / wann man derselben gewohnt ist / so hilfft sie manchen harten Bissen / manche Widerwärtigkeit und Verfolgung mit Gedult zu verschlucken und zu verkochen: nach Zeugnuß des Weltweisen Seneca indem er sagt: Invicti esse possumus, inconcussi nequaquam. Unüberwindlich können wir seyn /wann wir nur selbst recht ernstlich wollen / aber unangefochten durchaus nicht. Denen Unvollkommenen und Ungedultigen aber ist dieser Wind nehmlich die Trübsal und Anfechtung schädlich / weil sie ihn nicht mögen ausstehen und durch denselben sich verhindern lassen in Fruchtbringung / das ist / in Ubung des Guten: weilen sie nehmlich aus der Zahl derjenigen sind / so ihr Hauß / das ist / ihren Tugend-Bau nicht auf einen Felsen der Christlichen Starckmüthigkeit / sonder nur auf das weiche Sand der menschlichen Kräfften und Unbeständigkeit gegründet haben / von welchem Hauß oder Bau und Wind geschrieben stehet / Es weheten Wind und stiessen an das Hauß / da fiel es ein etc. 34

Ubrigens ein bewehrtes Mittel sich wider alle die bißhero gemeldte schädliche Wind der Laster und Versuchungen zu beschützen schreibt uns vor der Heil. Antonius von Padua in einer lehrreichen Predig / in welcher er seine Zuhörer ermahnet und unterwiesen hat in allen schwer- und gefährlichen Anfecht-und Versuchungen folgende Wort von Hertzens-grund und mit Vertrauen zu sprechen: Im Namen JESU von Nazareth / der denen Winden und Meer gebotten hat / gebiete ich dir / du unreiner Geist /weiche von mir ab. 35 Dessen wir uns hinfüran in solchem Fall zu unserem Schutz wider den bösen Feind gebrauchen sollen.

Der 2. Absatz
Der 2. Absatz.
Von denen Wolcken.

Die Wolcken sind von dem Wasser / oder von anderen feucht und sumpfigen Orten aufsteigende Dämpf /welche durch die Hitz und Krafft der Sonnen an sich gezogen / und biß in die zweyte Region des Luffts erhoben werden / allwo sie durch die Kälte condensirt /das ist / zusammen gehen / dick und also zu Wolcken werden. 36 Wann nun dise Dämpf etwas reiners / subtil und leichter seynd / so geben sie auch leichtere /hell und weißlichte Wolcken ab: wann sie aber dicke /etwas schwer und unrein seynd / da werden auch die Wolcken dicker / schwer und finster.

Die erstere Gattung der Wolcken wird durch die Krafft der Sonnen in Lufft verwandlet / die anderte aber zu Wasser und Regen gemacht. Was die Figur oder Gestalt / wie auch die Farb und Grösse der Wolcken anbelangt / so ist dieselbe vielfältig und unterschiedlich nachdem die gemeldte aufsteigende Dämpf beschaffen seynd. Die Höhe betreffend / so seynd sie höher oder niederer / nachdem sie dinner und leichter / oder aber dicker und schwerer seynd: inmassen es denen cörperlichen Dingen natürlich ist / daß allzeit das leichteste das oberste ist / deßwegen schwimmet das Holtz ober dem Wasser / ein Stein aber sincket zu Boden / weil das Holtz leichter / der Stein aber schwerer ist / als das Wasser in gleicher Quantität oder Grösse. Daß wir aber durch den Lufft die Sonnen sehen / die wir doch durch die Wolcken nicht sehen / kommt nicht daher / daß die Wolcken schwerer seyn / sondern weil sie finsterer seynd als der Lufft.

Ubrigens seynd die Wolcken kein geringes sondern ein in der H. Schrifft [53] hochberühmtes Geschöpff / als deren sich GOtt selber für seinen Triumph-Wagen /Sitz und Thron zu bedienen beliebet / indem er öffters dem Propheten Moysi erschienen ist / indem er in einer Wolcken gen Himmel aufgefahren / und auch wiederum in denen Wolcken ankommen wird / zu richten die Lebendige und die Todte etc. ja der Königliche Prophet David sagt austrucklich von GOtt:Magnificentia ejus & virtus ejus in nubibus: 37 Sein Herrlichkeit und Gewalt ist in den Wolcken. 38

Im sittlichen Verstand können erstlich durch die Wolcken die Apostolische Männer und Lehrer / die geistliche Obere und Seelen-Hirten verstanden werden. Diese seynd es / über welche sich der Prophet verwunderet und fraget: Qui sunt isti, qui ut nubes volant? Wer seynd diese / die wie die Wolcken fliegen? Diese pflegt Christus / als die wahre Sonn der Göttlichen Gerechtigkeit / durch ihr allmögende Krafft heraus zu ziehen / aus dem Meer der Welt / aus dem Gwässer und Pfützen des sinnlichen und wollüstigen Lebens: Er erhöchet sie durch Verachtung des irrdischen / und erhebt sie in den Lufft der Contemplation oder des beschaulichen Lebens. Allda werden sie purificirt oder gereiniget von dicken und schweren Dämpf- und Feuchtigkeiten der unordentlichen Begierd und Anmuthungen / und also werden sie zu reinen leicht- und liechten Wolcken gemacht. Qui ut nubes volant, welche wie die Wolcken (so von dem Wind getrieben werden) fliegen / wo sie der Geist GOttes und ihr Eyfer hintreibet / ihre häuffige und heilsame Wässer oder Regen der geistlichen Lehr /der nothwendigen Unterweisungen / und des guten Exempels / über die Erden / das ist / über die Menschen auszugiessen / sie zu befeuchten und tauglich zu machen / die erwünschte Früchten der Buß und Tugend-Wercken herfür zu bringen. Assument pennas, ut aquilæ, volabunt & non deficient. 39 Sie werden Flügel an sich nemmen / wie des Adlers Flügel / sie werden lauffen und nicht erliegen / sie werden gehen und nicht müd werden. Ferners /gleichwie die natürliche Wolcken zwischen Himmel und Erden in dem Lufft schweben / die Sonnen-Hitz mäßigen / dem Menschen und Vieh einen angenemmen Schatten machen / den Durst minderen / und alles erquicken. Also die sittliche Wolcken / das ist /die eyferige geistliche Lehrer und tugendsame Vorsteher befinden sich in der Catholischen Kirchen als Mittler zwischen GOtt und dem Menschen / welchen sie durch ihre Fürbitt und Verdienst von GOtt die Verzeyhung der Sünden / die nothwendige Gaben und Gnaden erhalten / die Hitz des Göttlichen Zorns und der strengen Gerechtigkeit mindern / und ihren anvertrauten durch ihre Protection einen angenemmen Schatten / einen sicheren Schutz verschaffen / auch den Durst der hitzig und bösen Begierden in selben auslöschen / und sie mit geistlichem Trost erquicken.Expandit nubem in protectionem eorum. 40 Er /GOtt / breitet eine Wolcken aus zu ihrem Schutz /nemlich der Israeliteren / als er sie durch den Moysen aus der Egyptischen Dienstbarkeit in das gelobte Land führte: auch zum Schutz der Christglaubigen breitet GOTT die mehrgemelte sittliche Wolcken aus / und führet sie vermittelst derselben aus der Dienstbarkeit der Sünden in die Freyheit der Kinder GOttes.

Aber gleichwie die Wolcken / wann sie sich auflösen und ergiessen / oder auf die Erden herab regnen /allgemach abnemmen / sich aufklären / und endlich gar verschwinden / wann sie nicht wieder aufs neue angefüllt und ergäntzet werden / also auch die geistliche Wolcken die Apostolische Männer / geistliche Obere und Seelen-Hirten / wann sie sich immerdar und gar zu starck ausgiessen durch die Sorg über ihre anvertraute / da verliehren sie sich selbst unvermerckt / sie werden lär im Geist / und stehen in Gefahr zu Grund zu gehen / wann sie nicht sorgfältig und beflissen seynd sich selbst wiederum durch innerliche Versammlung im Geist zu erneueren und zu erholen.

[54] Ferners können die Wolcken auch auf den Ehrgeitz und die Ehrgeitzige ausgelegt werden: Dann gleichwie die Wolcken ein schlechtes Herkommen / nemlich aus der Tieffe von dem Wasser / aus stinckenden Pfitzen und Kothlachen / auch eine schlechte Subsistenz und kurtzes Dauren haben / gleichwie sie bald wiederum leer werden und verschwinden / also auch die eitle Ehr und die Ehrgeitzige haben gemeiniglich ein schlechtes Her- oder Aufkommen / sie gründen sich auf nichtige Ding / als etwan auf einen ererbten Adel /ein eitle Kunst oder Wissenschafft / ein schnödes Gut und Geld / Gunst oder Gewogenheit der Fürsten und Herren etc. und deßwegen hat es mit ihnen gar keinen Bestand / gar bald und gehlingen ist es geschehen /daß ihr Stützen / auf die sie sich gesteifft haben / zu Boden fällt / daß sie des Gut und Gelds / der Gunst und Gnad ihres Fürsten und Herrens / der hohen Ehren-Stell / des einträglichen Amt und Ansehens auf einmahl beraubet werden / und alsdann ergehet es ihnen als wie denen Wolcken / welche zwar von der Sonnen hoch in den Lufft seynd erhebt worden / auf die Erden herab fallen / mit dem Koth vermischt und mit Füssen getretten werden: also werden auch die Ehr-Geitzige und hochmüthige offt urplötzlich von der Höhe / von dem Gipffel der Ehren und Glückseeligkeit in die Tieffe der Verachtung und des Unglücks gestürtzt / nachdem sie eine Zeitlang als wie die schwartze Wolcken in der Höhe ihres Stands und Gewalts / mit Donnern und Blitzen / ich will sagen / mit Straffen und Plagen denen Unterthanen gedrohet haben: wie es schon viel tausend mit ihrer eignen so grossen Schand als Schaden erfahren haben. 41

Die Wolcken werden leichter Dings von denen Winden hin und her getrieben / sie haben keinen Bestand / weilen sie keinen vesten Grund haben / auf den sie sich steiffen konnten: Eben also die Ehr-Geitzige werden jämmerlich umgetrieben bald über sich bald unter sich / bald auf diese bald auf jene Seiten /nachdem nehmlich der Wind des Glücks und Unglücks / der Hoffnung oder der Verzweifflung / der Freud oder des Leyds sie anwehet. Von diesen kan wohl gesagt werden: Hi sunt nubes sine aqua, quæ à vento circumferuntur. 42 Diese seynd Wolcken ohne Wasser / welche von dem Wind umgetrieben werden.

Die Wolcken haben von fern ein grosses Ansehen /und breiten sich in die weite aus / also daß sie uns offtermahl des lieben Sonnen-Scheins berauben: und dannoch ist nicht viel dahinder / wann man sie in der Nähe betrachten sollte / da wird man finden / daß sie ein eitles leeres Weesen seynd. Ein gleiche Beschaffenheit hat es mit der eitlen Ehr und denen Ehr-Geitzigen: disen kommt jene so groß und ansehnlich vor /daß sie vermeynen / es sey weiß nicht was für ein grosses Glück / wann sie selbe erhaschen: Sie werden von ihr verhinderet / daß die Sonn der gesunden Vernunfft ja auch die Sonn der Göttlichen Gnaden sie nit beleuchten und anscheinen kan.

Wann mehr unterschiedliche Wolcken zusammen stossen / gibt es ein Ungewitter ab / Sturm-Wind auf dem Meer / und Donner-Wetter auf der Erden. Eben also / wann zwey oder mehr Ehr-Geitzige um einPræcedenz, um eine Promotion oder Ehren-Stell streiten / und keiner dem anderen weichen oder nachgehen will / da verursachen sie offt grosses Ungewitter und Unruhe / das ist / Streit oder Uneinigkeit zwischen ihren Favoriten und Anhängern / die sich darum annehmen und darein legen.

Endlichen gleichwie die Wolcken schädlich und ungesund seynd / den Lufft verderben und anstecken /wann sie von solchen Dämpffen herkommen / welche aus schädlich und ungesunden Wässeren / aus Faul-und stinckenden Pfitzen aufgestigen seynd / also ist auch der Ehr-Geitz oder die eitle Ehr sonderbar alsdann schädlich / wann sie entspringt und herkommt aus unreinen und ungesunden Wässern / ich will sagen / wann sie herrühret aus unzuläßigen Mittlen /wann die Ehr-Geitzige [55] ihren Zweck erreichen / zu einer Promotion, zu hohen Würden und Ehren gelangen / durch Betrug und Falschheit / durch ungerechtes Gut / durch Gleißnerey und Verläumdung der andern.

Wann man gleichwohl die zeitliche Ehren mit Ehren suchte / das ist / durch ehrliche und gültige Mittel / als wie ein Student das Doctor-Hütlein durch seinen Fleiß und Geschicklichkeit: oder durch hertzhaffte Thaten / als wie ein Soldat / der mit dem Schwerdt in der Schlacht ein Officier-Stell: oder durch treu geleiste Dienst als wie der Jacob die schöne Rahel erhalten hat / oder durch Tugend und Frommkeit / als wie ein Seelen-Eyferer das geistliche Hirten-Amt / Gutes zu würcken suchet / so gieng es wohl hin / und wäre nicht zu tadlen: dann Virtus laudata & præmiata crescit. 43 Wann die Tugend gelobt / und belohnt wird / so nimmt sie zu. Aber wann man nach Würden und Ehren strebet auf ein Ehr vergessene Weiß / durch gottlose / heyllose / Gewissenlose Weiß und Mittel / durch krumme Sprüng und falsche Ränck / wann man seinen Nächsten verschwärtzet / nur daß man selber weiß werde / wann man dem anderen den Halß bricht / damit man selbsten den Kopff möge empor heben / oder dem anderen die Flügel stutzt / nur daß man selbst höher fliegen könne / das ist nicht zu gedulden und zu verantworten.

Dem menschlichen Aug nach scheinen die Wolcken sehr hoch und gantz nah bey dem Himmel zu seyn: aber nein / sie betrügen das Gesicht / sie schweben nur in dem Lufft / und seynd von dem Himmel gar weit entfernet: ja sie seynd unvergleichlich näher bey der Erden / als bey dem Firmament. Eine gleiche Beschaffenheit hat es mit denen Ehr-Geitzigen / wann sie reich / adelich oder gelehrt und ansehnlich seynd /wann sie in dem Lufft / das ist / in hohen Ehren schweben / da hat es das Ansehen / als wann sie in der Wahrheit zu höchst daran / biß unter die Sternen erhebt seyen / und mit dem Kopff gleichsam an dem Himmel anstosseten / da sie doch in der Sach selbsten unendlich weit von GOTT und dem Himmel entfernet seynd / nur von jeerem Lufft der eitlen Ehr / und des menschlichen Ansehens aufgeblasen / und nur gar zu nah bey der Erden / ja sie seynd mit dem Gemüth und Hertzen / mit den Sinn und Gedancken gäntzlich in dem Boden / das ist / in das irrdische vertiefft und versenckt.

Dergleichen eitel und schädliche Wolcken siehet man fast überall / fast überall thun sie ob unseren Köpffen herum schweben / und den Lufft verfinsteren. Ich will sagen / schier allenthalben thut sich der Ehrgeitz und die Ehrgeitzige eintringen / nicht nur bey denen Reichen / Adelichen und Gelehrten / sonder auch bey denen Gemeinen / Armen und Ungelehrten. Kein Baur oder Handwercks-Mann hat von seiner rauhen Arbeit eine so hart und dicke Haut / daß es ihne nicht kitzele / wann man ihne lobet / oder ihme ein Ehr anthut. Man hat eben kein Kräutlein lieber in dem gantzen grossen Welt-Garten / als den Ehrenpreiß: man höret kein Gesang lieber in der Welt-Music / als das Gloria in Excelsis, ja man haltet auch kein Fest oder Officium lieber / als welches primæ Classis ist. Die eitle Ehr pflegt überall einzunisten /nicht nur wie die Storcken auf hohen Häusern und Thürnen / das ist / bey Fürsten und Herren / sondern auch als wie die Spatzen unter ein jedes Stroh-Dach und Bauren-Hütten / ja wie die Fleder-Mäuß in einen jeden finstern Winckel. Eben also ist auch selten ein Communität oder Gemeind anzutreffen / wo nicht der Ehrgeitz einschleichet. Auch in dem ApostolischenCollegio bey denen Jüngern Christi hat er sich eingedrungen: Facta est contentio inter eos, quis eorum videretur esse major. 44 Es erhube sich ein Zanck unter ihnen / welcher unter ihnen für den Obersten angesehen wurde. Auch in dem irrdischen Paradeyß / da es geheissen hat: Eritis sicut Dii. 45 Ihr werdet seyn als wie die Götter. Ja auch so gar in dem Empyrischen Himmel / da der Lucifer in seinem Hertzen gesprochen hat: Exaltabo [56] super astra DEI solium meum, similis ero Altissimo. 46 Ich will mei nen Stuhl erhöhen über die Sternen GOttes / und dem Allerhöchsten gleich seyn. Aber gar wohl und recht sagt von allen diesen eitlen und hochfliegenden Wolcken der H. Chrysostomus: Principatus & honor ad insaniam & mentis impotentiam ducunt. 47 Der Ehrgeitz und Regier-Sucht verkehren den Verstand / und machen den Menschen zum Narren. Die Sonn der Göttlichen Gerechtigkeit aber thut alle diese Wolcken zerstreuen / verjagen und zernichten.

Der 3. Absatz
Der 3. Absatz.
Vom Regen und Schnee.

Der Regen und Schnee muß die Wolcken gleichsam für seine Mutter erkennen / dieweilen er in dero Schoos gebohren und ausgekochet wird / dann wann ein wässeriger Wolcken durch die Wärme aufgehet /sich in das Wasser resolvirt / und Tropffen-weiß auf die Erde herab fallet / da gibt es einen Regen ab. 48 Wann nun die herabfallende Tropffen mittelmässig schwer und groß seynd / und nicht gar zu schnell herab fallen / da wird es Imber, das ist / ein gemeiner Regen genannt: wann sie aber grösser und schwerer seynd / also daß sie ohnabgesetzt und mit einer Hefftigkeit herab fallen / da ist es ein Nimbus oder Platz-Regen: Wann endlich ein schwerer Wolcken so gählingen und gäntzlichen resolvirt und zu Wasser wird /daß er schier auf einmahl herab fallet / oder wie mit Schapffen das Wasser herunter giesset / da gibt es einen sogenannten Wolcken-Bruch (auf Lateinisch /Catarracta) der ein grosses Gewässer und Uberschwemmung der Felder verursachet; das Orth / in welchem die Regen gezeugt werden / ist die andere /oder mittlere Region des Luffts. 49

Daß aber die wässerige Wolcken nicht allzeit gantz und auf einmahl herab fallen / dessen ist die Ursach theils die Göttliche Fürsichtigkeit: dann von GOtt stehet geschrieben: Qui ligat aquas in nubibus suis, ne erumpant pariter deorsum. 50 Er fasset die Wasser zusammen in einen Wolcken / daß sie nicht heraus brechen / und mit einander herab fallen, theils weil sie langsam oder nach und nach aufgehen und zu Wasser werden. Ferners weil das Wasser im herab fallen den Lufft an unzahlbaren Orthen gleichsam durchlöcheret / und wiedrum von ihme viel tausendfältig zertheilet wird / deßwegen gibt es so viel unzahlbare Tropffen Regen-Wasser ab.

In dem Mexicanischen Reich soll es so starcke Regen abgeben / daß sie die Menschen zu tödten vermögen. Hingegen ist es der gemeine Ruff / daß es in Egypten gar nie / in Lybien aber sehr seiten regne /die Ursach dessen mag seyn / daß der Erdboden allda so trucken und hart ist / daß keine feuchte Dämpff (aus welchen die Wolcken formirt werden) davon aufsteigen können.

Viel und seltzames melden die Geschicht-Schreiber von wunderbarlichen Regen / die es hin und wider solle gegeben haben / da es zu Zeiten Blut / Milch /Getraid / Wollen / Aschen / kleine Thierlein / auch Stein und Metall solle geregnet haben. 51 Was soll aber hievon zu halten oder zu sagen seyn? Ein schwere Frag / doch ist es glaublich / das mehriste habena türlicher weiß geschehen können. Es habe nehmlich die Sonn durch ihre Krafft und Hitz in dem Lufft ein-und anderes gezeugt und ausgekocht: oder von der Erden in die Höhe aufgezogen: oder ein hefftig und starcker Wind habe einige aus diesen Dingen von einem Orth hinweg geführt / und in einem andern /auch weit entlegenen widerum herab gelassen / oder endlich es seye von GOtt Miraculoser weiß geschehen aus ihme allein bekannten Ursachen. Benanntlich kan vom Blut-Regen (oder vielmehr von dem rothen Wasser-Regen) geglaubt werden / daß die Sonn häuffige Dämpff von einer solchen Erden / die viel Mening oder Berg-Zinnober / oder Röthel-Stein in sich hat /aufgezogen habe / und selbige zu einem rothen Regen-Wasser [57] worden seyen. Eben also kan man auch nach Proportion von dem Milch-Regen / und einer weissen Erden / die viel Kreiden in sich hat /discuriren. Es kan auch geschehen / daß die Sonnen-Strahlen einen so dicken Wolcken antreffen / der ihnen starcken Widerstand thut / alsdann aber vermehren sie sich / und verursachen alldort eine grosse Hitz / durch welche die Wolcken aufgelößt wird / und seine Feuchtigkeit in einen rothlechten Regen verwandlet / der auch die Felder und das Graß entfärben mag: mithin kommt leichtlich der Ruff aus / es habe Blut geregnet.

Durch einen sanfften fruchtbaren Regen können füglich die Göttliche Gaaben und Gnaden verstanden werden / dann gleichwie der Regen dem Erdboden höchst nothwendig ist / also daß ohne denselben nichts wachsen könnte / sondern alles verderben müste / also ist die Gnad GOttes dem Menschen unumgänglich vonnöthen / daß er möge die Früchten der gut und verdienstlichen Wercken herfür bringen. 52 Ein mäßiger Regen befeuchtet die ausgedörrte Erden /er kühlet ab den hitzigen Lufft / und erquicket den Menschen; Eben also die Gaaben und Gnaden GOttes feuchten das truckne Hertz des Menschen an mit dem kostbaren Safft der Andacht und der Christlichen Tugenden: Sie kühlen ab die Hitz der bösen Begierd und unordentlichen Anmuthungen / und erquicken die menschliche Seel mit himmlischem Trost / nach Zeugnuß der H. Schrifft: Er hat Wohlthat geben von Himmel / Regen und fruchtbare Zeiten / und ihre Hertzen erfüllet mit Speiß und Freud. 53 Und wiederum sagt GOtt von ihme selber: Deducam imbrem in tempore suo, pluviæ benedictionis erunt. 54 Ich will einen Regen zu seiner Zeit herab schicken /daß sollen gnädige Regen seyn. Um solche heylsame Regen sollen wir aus allen Kräfften bitten.

Der Regen wie schon gemeldet worden / ist ein Fluß der Feuchtigkeiten / der viel leichter und reiner ist als andere Wässer / und eben darum vil tauglicher zu waschen und reinigen die unsaubere Ding; deßwegen kan er auch wohl auf die Reu und Buß über die begangene Sünden ausgedeutet werden: dann von unseren begangenen Missethathen steigen zwar schändliche und schädliche Dämpff von der Erden unsers Hertzens in die Höhe auf / und verursachen trübe Wolcken: Aber wann die Göttliche Gnaden-Sonn durch die Strahlen ihrer hitzbrennenden Lieb dieselbedissolvirt oder auflöset und zertrennt / da werden sie in einen gar heylsamen Regen der reumüthigen Buß-Zähren veränderet / welcher sehr tauglich ist die Seel und das Gewissen zu säuberen und zu reinigen. 55

Auf ein grosse Hitz folgt öffters ein starcker Regen / welcher alsdann angenehm ist / weilen er die verdorrte Leiber erquicket und erfrischet / auch die Erden fruchtbar machet / und das Wachsen der Kräuter und Pflantzen beförderet. 56 Eben also auf eine grosse Hitz der Liebe GOttes und hefftige Reu wegen den begangenen Sünden / folget gern ein starcker Zäher-Regen / welcher sehr tröstlich und nutzbar ist: tröstlich zwar / weilen wie der Heil. Augustinus von der Erfahrnuß bezeuget: Dulciores sunt lachrymæ pœnitentium, quàm gaudia theatrorum. Die Zäher der Büssenden seynd süsser als die Freuden der Schauspielen. Fruchtbar aber seynd sie / weilen sie herfür bringen oder wachsen machen die Buß und Tugend-Werck in der Erden des menschlichen Hertzens. Doch aber ist zu wissen / daß die würckliche und äusserliche Zäher zu wahrer Reu und Buß nicht nothwendig seynd / sondern die innerliche Zäher des Hertzens / das ist / das Leid und der Schmertz des Hertzens erklecket. Dann auch von disen innerlich und unsichtbaren Zähern ist zu verstehen / was der fromme Tobias zu GOtt gesprochen hat: Nach dem Weinen und Trauren gibest du grosse Freud. 57 Wie auch was David bezeuget: Secundum multitudinem dolorum meorum in corde meo, consolationes tuæ lætificaverunt animam meam. 58 Wann ich viel Bekümmernuß [58] hatte innerlich im Hertzen / so ergötzten deine Tröstungen meine Seel. Ja dise Tröstungen und geistliche Freuden seynd zu Zeiten so groß / daß dieselbe die Schwachheit des menschlichen Hertzens kaum ertragen mag: wie es unter vil andern ein gewisse GOtt-liebende und andächtige Seel wohl erfahren hat / welche zu Zeiten in dem Gebett oder Betrachtung von einem so häuffigen Regen des himmlischen Trosts und Süßigkeit ist übergossen worden /daß sie zu GOtt aufzuschreyen pflegte: Cessa Domine, cessa, satis est! Höre auf / O Herr / höre auf / es ist genug!

Eine nahe Verwandschafft mit dem Regen hat der Schnee: er wird aus kalt- und feuchten Dämpfen gezeugt; dann wann ein wässerige Wolcken durch die Kälte zusammen gehet / und ein wenig gefrieret / da wird ein Schnee daraus / welcher im herab fallen durch den Lufft in unzahlbare weisse Flocken zertheilt wird. 59 Ich sage / ein wenig und gelind gefrohren / zum Unterschied des Eises / welches ein durch grosse Kälte starck und hart gefrohrnes Wasser ist /mit Erd-Dämpfen vermischet. Die weisse Farb aber des Schnees kommt her von der Materi / aus welcher er gezeuget wird / nemlich von denen wässerigen Wolcken / die mit Lufft vermischet und gelind gefroren seynd (gleichwie auch der Speichel / weil er aus Wasser und Lufft bestehet / weiß ist) dann die Kälte macht gemeiniglich weiß / gleichwie hingegen die Hitz schwartz-braun macht: deßwegen auch die Leut in hitzigen Landen schwartz oder braun / in kalten aber weiß seynd.

Bekand ist es / daß es auf denen hohen Bergen mehr und öffters Schnee gebe / als auf der Ebne oder in der Tieffe. Die Ursach dessen ist / weilen die hohe Berg näher bey der anderten Region des Luffts seynd /allwo es eine stärckere Kälte und mehr Wind abgibet. Im übrigen ist der Schnee / wann er zu seiner rechten Zeit fallet / dem Feld und denen Aeckeren nutzlich: dann er thut die warme Erd-Dämpf einhalten / daß sie nicht können heraus schlagen / und treibet die Wärme / so noch in der Erden ist / zuruck in die Wurtzlen der Erd-Früchten / und erhaltet sie also bey ihren Kräfften.

Hingegen weilen die Reiffen gemeiniglich fallen zur Zeit / da die Feld-Früchten blühen oder zu wachsen anfangen und noch zärtlich seynd / so seynd sie wegen der Kälte ihnen schädlich; gleichwie auch der Schnee seyn wurde / wann er zu solcher Zeit fiele.

Im sittlichen Verstand bedeutet der Schnee die Reinigkeit des Gewissens: dann gleichwie der Schnee von oben herab kommt / den Erdboden schön weiß und fruchtbar machet: also kommt die Reinigkeit /weilen sie ein recht himmlische Gab ist / von oben herab / aus absonderlicher Gnad GOttes / sie macht die menschliche Seel überaus schön und annehmlich in den Augen GOttes / den Grund des Hertzens aber fruchtbar an Verdienst und guten Wercken: so wenig auch etwas unsauberes in dem Schnee sich verbergen laßt / so wenig leidet die Reinigkeit einen Unflat der Sünden; auf welches abzielen die Wort des gedultigen Jobs / indem er sagt: Si lotus fuero quasi aquis nivis & fulserint velut mundissimæ manus meæ. 60 Wann ich mich gleich mit Schnee-Wasser wusche / und meine Händ wurden gantz rein scheinen.

Der Schnee dauret viel länger auf denen hohen Bergen als auf der Ebne oder in der Tieffe: doch wann er unter der Erden in einem tieffen Keller mit Stroh bedecket wird / kan er lang erhalten / und im Sommer der Wein / oder anderes darmit abgekült werden. 61 Eben also dauret auch der sittliche Schnee der Reinigkeit viel leichter und länger in der Höhe / das ist / bey denen / die sich auf das beschauliche Leben / und auf die Betrachtung begeben / als bey denen / die sich in der niedere mit dem würckenden Leben beschäfftigen. Doch kan auch der Schnee der Reinigkeit in der Tieffe der Demuth durch die Forcht GOttes bewahrt / und zur Zeit des heissen Sommers / das ist / in der Begierlichkeit [59] des Fleisches bewahret werden. Dann wie der weise Salomon bezeuget: Per timorem Domini omnis declinat à malo. 62 Durch die Forcht GOttes meidet man das Böse.


Aber gleichwie es auf dem hohen Meer niemahl schneiet / weilen nemlich die aufsteigende Vapores daselbst entweders von denen hefftigen Winden zerstreuet oder ehender in einen Nebel und Regen / als in einen Schnee verwandlet werden: also fallet der Schnee der Reinigkeit und der Forcht GOttes nicht leicht auf die Hochmüthige / Reiche und Geitzige; dann wann schon einige gute Begierden und Vorsätz von ihrem Hertzen aufsteigen / so werden sie doch gleich wiederum vom Wind der Eitelkeit zerstreuet /oder werden in die Wasser der Wollüsten verkehrt etc. 63

Es kan auch ferners der Schnee geistlicher Weiß auf die Gleisnerey und Schmeichlerey ausgedeutet werden. 64 Der Schnee / wann er aus dem Lufft auf die Erden herab fallet / da macht er gar kein Getümmel / nicht das mindiste Geräusch / sondern gantz unvermerckt nimmt er über Nacht den Platz ein / und bedecket alles / Wälder und Felder / Wiesen und Aecker / die Fürstliche Palläst so wohl / als gemeine Bauren-Hütten etc. und weilen er schön weiß / so ist er lustig anzusehen: aber wann man lang und starck darein schaut / da verblendt er das Gesicht / und schadet denen Augen. Eben also die Gleißner und Schmeichler gehen gantz glümpfig darein / sie schleichen unvermerckt daher / und nemmen die Hertzen so wohl der Edlen / als Unedlen / Jung und Alten / der Gelehrten und Ungelehrten / Fürsten und Bauren ein. Es können auch die Gleißner und Schmeichler sich äuserlich also anstellen / daß sie beliebt und angenehm seynd: aber sie verblenden die Augen mit ihrem falschen Schein und Schaden dem Gesicht / das ist /der rechten Vernunfft und gutem Gewissen derjenigen / die ihre Augen von diesem schädlichen Schnee nicht zeitlich abwenden. Bevorab verblendet dieser Schnee die Augen der Politischen Klugheit und Gerechtigkeit / das ist / den Verstand der regierenden Fürsten und Herren / daß sie nicht sehen / was zu thun oder zu lassen ist / wie der Nutzen der Gemeind zu beförderen /und der Schaden abzuwenden / wie die offentliche und ärgerliche Laster auszureiten / und hingegen die Christliche Tugenden einzupflantzen seyen etc.

Der Schnee bedecket und verbirgt manchen s.v. stinckenden Mist-Hauffen / und macht ihne dem Ansehen nach gantz weiß / aber wann er zergehet und zerfliesset / da findet man erst den schönen Schatz /so in dieser Silber-Grub verborgen lag / da siehet man erst / wie der Schnee die Augen so übel betrogen habe / wann die böse und ungesunde Dämpff von der entblößten Erden aufsteigen.

Eben also thun die Gleißner durch ihre Scheinheiligkeit die eigne Laster / die Schmeichler aber durch ihr flattiren ander Leuthen Fehler und Mängel verdecken. Laudatur peccator in desideriis animæ suæ, & iniquus benedicitur. 65 Der Gottloße wird gerühmt in denen Gelüsten seiner Seel / und der Ungerecht wird gelobt. Aber wann die Gleißnerey entdeckt wird / wann das Schmeichlen aufhört / da kommen die heimliche Laster an den Tag / und geben einen schlimmen Geruch der Aergernuß von sich.

[60]
Fußnoten

1 Psal. 134. v. 8.

2 Wo der Wind herkomme?

3 Wie viel Wind seyen?

4 Sturm- und Wirbel-Wind.

5 Der Heil Geist wird mit dem Wind vielfältig verglichen.

6 Act. c. 2. v. 2.

7 Joan. c. 3. v. 8.

8 Rom. c. 5. v. 5.

9 Kräfftige Würckung des Heil Geists.

10 Ezech. c. 37. v. 3 & 9.

11 Jacobi c. 1. v. 15.

12 Psal 147. v. 18.

13 Die Wind werden auf die 8. Seeligkeiten ausgedeutet.

14 Matth. c. 5. v. 3. & seq.

15 Die 7. Tod-Sünden mit dem Wind verglichen. Hom. 17. inter. 17.

16 Das Ohren-Blasen ist ein höchst schädlicher Wind.

17 Avincenna de natura ventorum.

18 Daniel. c. 7. v. 2. & 7.

19 Ein Ohren-Blaser wird abgebildet.

20 Er ist sehr schädlich?

21 Gen. c. 37. v. 33.

22 L. Si quis fumo 49. ff. ad legem Aquil.

23 Æolus ein GOtt der Winden.

24 Denen Ohren-Blasern soll man kein Gehör geben.

25 Prov. c. 26. v. 20.

26 Geistliche Obrigkeiten sollen gleich seyn einem Ost-Wind.

27 Böse oder untugendliche Prälaten seynd gleich dem West-Wind.

28 Matth. c. 23. v. 3.

29 Die Tugend und Gnad GOttes wird durch den Auster- und Sud-Wind beditten.

30 Cant. c. 4. v. 16.

31 Zeitliches Glück wird durch den Sud-Wind beditten.

32 Nord-Wind ist schädlich. In sittlichem Verstand bedeutet er böse Lehr und Exempel.

33 Auch die Trübsal und Anfechtung.

34 Matth. 7. v. 27.

35 Mittel wider die Wind der Laster und Versuchungen.

Serm. in Domin. 4. Epiphaniæ.

36 Woher die Wolcken kommen?

37 Psal. 67. v. 35.

38 Die Wolcken seynd in Heil. Schrifft berühmt.

39 Isaiæ c. 40. v. 31.

40 Psal. 104. v. 39.

41 Eitle Ehr und Ehrgeitzige seynd gleich denen Wolcken.

42 Ep. Judæ v. 12.

43 Wie man nach Ehren streben möge.

44 Luc. c. 22. v. 24.

45 Gen. c. 3. v. 5.

46 Isaiæ c. 14. v. 13.

47 Hom. 65. in Joann.

48 Regen und Schnee kommen aus denen Wolcken her.

49 Der Regen seynd dreyerley Gattungen.

50 Job. c. 26. v. 8.

51 Wundersame Regen.

52 Die Gnad GOttes ist gleich einem fruchtbaren Regen.

53 Act. c. 14. v. 16.

54 Ezech. c. 34. v. 27.

55 Auch die Reu und Buß.

56 Zäher-Regen ist sehr nutzlich und fruchtbar.

57 Tobiæ c. 3. v. 22.

58 Psalm. 93. v. 19.

59 Was es für eine Beschaffenheit mit dem Schnee habe?

60 Der Schnee wird mit der Reinigkeit verglichen. Job. c. 9. v. 30.

61 Wie der Schnee der Reinigkeit zu erhalten seye?

62 Prov. c. 16. v. 6.

63 Auf dem Meer schneiet es nicht.

64 Gleißnerey wird mit dem Schnee verglichen / wie auch die Schmeichlerey.

65 Psal. 9. v. 3.

VI. Von Thau und Nebel - Hagel - Blitz und Sonner
Der 1. Absatz
Der 1. Absatz.
Von dem Thau und Nebel.

Das Thau ist ein subtiler Dampff / so in dem Lufft nächtlicher Weil durch ein gelinde Kälte zusammen gehet: in aller Frühe aber Tröpfflein Weiß unvermerckt sich herab lasset / und über die Kräuter und Pflantzen ausbreitet. 1 Das Thau wird durch die Krafft deß Himmels oder des Monds / auch durch die Feuchtigkeit deß Sud-Winds in der untersten Region des Luffts gezeuget: Es macht die Erden fruchtbar / indem es die Kräuter und Pflantzen / welche durch die Sonnen-Hitz verbrennt und welck worden seynd / wiederum erfrischet / und gleichsam lebendig machet: und obwohlen es scheint / als wann dasselbe durch die Sonn gäntzlich wiederum aufgetrücknet und ausgesogen werde / so verbleibt dannoch die Krafft desselben in denen Gewächsen / die es feißt und Kräfftig macht. Das Thau fallet nur alsdann / wann der Lufft still /und haiter ist / und zwar mehrentheils auf nidrigen Orthen / nicht aber auf hohen Bergen / wo es trüb oder windig ist / dann da wird das subtile Thau leicht verhinderet oder zerstreuet. Es kühlet ab den erhitzten Lufft / und vertreibt oder minderet die Krafft der gifftigen Thieren; hingegen machet es fruchtbar und schwängeret gleichsam die Meer-Muscheln / daß sie die kostbare Perlein empfangen und gebähren: Es speiset und ernähret auch die junge Raben / da sie in ihren Nestern noch ungefidert seynd / und noch nicht schwartz. Wegen diesen herrlichen Eigenschafften kan das Morgen-Thau im sittlichen Verstand füglich auf die Gnad GOttes ausgedeutet werden. 2 Dann erstlich kommt ja freylich diese kostbare Gaab / gleichwie das Morgen-Thau / von oben herab / nach Zeugnuß des H. Apostels Jacobi / von dem Vatter der Liechter / als dem Urheber alles Guten / der uns dieses unschätzbare Kleinod aus seiner himmlischen Schatz-Kammer zusendet: und gleichwie das Thau durch die Krafft des warmen Sud-Winds und Mitwürckung des Monds gezeuget / und der Erden ertheilt wird / also empfangen wir die Göttliche Gnad durch die Krafft des Heil. Geistes und Zuthun oder Vorbitt Mariä. 3 Aber gleichwie der kalt und rauhe Nord-Wind das angenehme Thau vertreibt und zerstöhret / also bemühet sich der höllische Feind durch den hefftigen Wind der starcken Versuchungen und durch die Sünd das himmlische Gnaden-Thau von uns abzuwenden / oder aus unserem Hertzen / aus unserer Seel zu vertreiben. Ferners das natürliche Thau / wie gemeldet worden / erforderet / daß der Lufft still und ruhig seye / und auch das sittliche Thau der Gnaden erfordert ein haiteres von Sünden reines Gewissen /und ein ruhiges Hertz / welches befreyhet ist von unruhigem Welt-Getümmel. Wiederum das Materialische Thau fallt viel lieber auf die flache Felder oder in tieffe Thäler / als auf die Berg und Bühel / also auch[61] GOtt resistit Superbis, humilibus autem dat gratiam, 4 widersetzt sich denen Hoffärtigen / denen Demüthigen aber gibt er Gnad.

Das Thau macht den Erdboden fett und fruchtbar /es erquickt und erfrischet die Erd-Gewächs: Eben also das Thau der Gnaden und des himmlischen Trosts macht die menschliche Seelen fruchtbar / es macht sie herfürbringen die häuffige Früchten der Buß und Tugend-Wercken / die Hertzen / welche von der Hitz der Begierlichkeit gleichsam verdorret und eingeschnurrt seynd / thut sie mit der Feuchtigkeit der Andacht und Tugend abkühlen / und erfrischen. 5 Ja auch die junge Raben / ehe daß sie schwartze Federn bekommen / ich will sagen / die noch unschuldige Seelen / welche von der Sünd noch nicht verschwärtzet seynd / die werden von denen himmlischen Gaaben und Gnaden-Thau gespeiset und ernähret; dann gleichwie das Brod ein Speiß des Leibs ist / also ist die Gnad ein Speiß der Seelen. Die gifftige Thier aber / ich verstehe die böse Feind / werden durch das Göttliche Gnaden-Thau abgetrieben von den jenigen Seelen / die damit begossen seynd / also daß sie ihnen durchaus nicht schaden können. Absonderlich hat dises himmlische Thau eine kräfftige Würckung bey den jenigen Seelen / welche in der Einsamkeit als wie in einer Muschel oder Schalen verschlossen seynd; dann bey diesen thut es auskochen das edle Perlein der Reinigkeit und kostbare Edelgestein der raristen Tugenden. Ja eben auf solche Weiß / nemlich durch das Göttliche Gnaden-Thau /ich will sagen / durch die Gnad des Heil. Geists / welcher Mariam überschattet / ja gäntzlich übergossen hat / ist in ihr gezeuget worden das alleredleste und kostbarste Perlein Christus JEsus: auf welches sittliche Thau und Perlein die Alt-Vätter in der Vorhöll mit ihren hitzigen Begierden abgezielet haben / als sie so inbrünstig geseufftzet: Rorate cœli desuper, & nubes pluant justum: 6 Ihr Himmel lasset den Thau herab fallen / und ihr Wolcken regnet den Gerechten. Dieses geistliche Gnaden-Thau hat auch verstanden der fromme Patriarch Isaac / als er seinem Sohn Jacob den Seegen ertheilet hat / sprechend:GOtt gebe dir von dem Thau des Himmels / und von der Feiste der Erden. 7

Ubrigens / wann der obgemelte subtile Dampf im Lufft durch ein grössere Kälte etwas stärckers zusammen gehet / und schier weiß ist als wie ein Schnee /da gibt es einen Reiffen ab: daß also der Reiffen nichts anderes ist / als ein gefrornes Thau. Der Reiffen aber ist insgemein mehr schädlich als nutzlich; dann er verbrennt gleichsam die Blumen und Kräuter / die Pflantzen und Früchten / absonderlich wann sie noch zart / und in der Blühe seynd. 8 Doch wird er bald widerum von der aufgehenden Sonnen verzehret. Derowegen ist der Reiffen gleich der eitlen Ehr und dem eitlen Wohlgefallen: massen die eitle Ehr die Blum und Früchten der Tugend und guten Wercken verbrennt und verderbt. Er benimmt ihnen den Glantz und den Werth / daß sie vor GOtt nicht mehr so schön und ihme gefällig seynd / auch nicht mehr so reichlich belohnt werden. Doch wann die Göttliche Gnaden-Sonn ihre Strahlen ergehen laßt / da vergeht dieser schädliche Reiffen / und die Tugendwerck werden mit Hindansetzung der eigenen / auf die Göttliche Ehr allein gerichtet etc.

Was den Nebel anbelangt / so wird er gleichfalls in dem Lufft aus wässerigen Dämpfen gezeugt. 9 Dises aber geschieht auf zweyerley Weiß: Erstlich nach dem Regen / wann der mehrere Theil eines feuchten Wolcken schon zu Wasser worden ist / und das übrige /welches zu dünn ist für einen Regen / in dem untersten Theil des Luffts sich ausbreitet. Andertens /wann die Sonn oder ein anders Gestirn einige dickere und gröbere Erd-Dämpff aufziehet / welche aber wegen Schwachheit der Wärme nicht weiter als in die unterste Region des Luffts erhebt werden / und allda einen Nebel abgeben.

[62] Der Nebel ist insgemein dem Leib schädlich und ungesund / weil er von denen feuchten Erd-Dämpffen herkommt: er wird von unterschiedlichen mit unterschiedlichen Dingen verglichen. 10 Meines Erachtens aber kan er im sittlichen Verstand füglich auf die eigene Lieb ausgedeutet werden / welche der Seel sehr schädlich und ungesund ist; weil sie aus einer Weichmüthigkeit und von der Sinnlichkeit entspringt / auch mancherley Kranckheiten der Seelen verursachet /indem sie zu den mehristen Sünd und Laster Anlaß gibet. Der Nebel verfinsteret den Lufft und verursachet / daß die Sonn mit ihren Strahlen uns nicht beleuchten kan. Eben also die eigene Lieb verfinsteret den Verstand / und machet / daß die Göttliche Gnaden-Sonn uns nicht erleuchtet / wie sie sonst thäte. Der materialische Nebel ist sowohl den Schiffenden auf dem Meer / als denen Reysenden auf dem Land beschwehrlich und verhinderlich / weilen sie vor ihm nicht sehen können / wo sie hingehen oder fahren sollen / ja sie werden offtermahl also durch den Nebel verführt und betrogen / daß sie ihren vorhabenden Endzweck oder Zihl nicht erreichen / sonder gar weit davon abweichen und verirren / oder gar zu Grund gehen in dem Meer / oder in einem Morast stecken bleiben auf dem Land. Auch der sittliche Nebel der eigenen Lieb ist sehr schädlich und verhinderlich denen Menschen / solang sie auf dem gefährlichen Meer diser Welt schiffen / oder auf der mühsamen Wanderschafft des zeitlichen Lebens sich befinden /dann er verblendet sie / daß sie gar nicht weit hinaus sehen / und bekümmert seynd / wie sie dem Leib und der Sinnlichkeit nach wohl und vergnügt leben mögen: mithin verfehlen sie gar leicht das sichere Gestad / den erwünschten Port der glückseeligen Ewigkeit / sie gehen in dem gefährlichen Welt-Meer zu Grund / oder versincken in einem Sumpff / in einer stinckenden Pfitzen des verbottenen Wollusts: und müssen mit spater Reu beklagen und sagen: Ergo erravimus à via veritatis etc. 11 So seynd wir dann irrgangen von dem Weeg der Wahrheit / und das Liecht der Gerechtigkeit hat uns nicht geleuchtet / und die Sonn des Verstands ist uns nicht aufgangen: weilen wir nehmlich von dem dicken Nebel der eignen Lieb gäntzlich verblendet waren.

Hingegen ist der Nebel günstig und angenehm den Nacht-Dieben / denen Strassen-Räuberen und Feinden; dann sie können unter seiner Bedeckung sich verbergen und gehlingen die Wanders-Leuth überfallen / berauben / und ihre Dieb-Stähl verüben / gleichwie auch die Wölff bey dem Nebel in den Schaaf- Stall einschleichen. Ja ein gantze feindliche Armee kan zu Zeiten unter dem Favor eines dicken Nebels anrucken / und unvermerckt einem Lager / einer Stadt oder Vestung sich nähern. Ein gleiche Beschaffenheit hat es mit der eignen Lieb; dann indem dieselbe den Menschen verblendet / also daß er die Gefahren nicht vermercket / da thun sich die höllische Strassen-Rauber / die Feind seiner Seelen derselben bedienen / sie kommen ihm unversehens über den Halß / sie berauben ihne seiner geistlichen Schätz und Güthern / sie nehmen ihn gefangen / oder bringen ihn gar um das Leben der Gnad. Wie es unter tausend anderen der Heil. Augustinns vor seiner Bekehrung wohl erfahren hat / als welcher von ihm selbsten bekennt: Exhalabant nebulæ de limosa terra concupiscentiæ carnis & obfuscabant cor meum. 12 Es stiegen auf die Nebel von der lettigen Erden der Begierlichkeit des Fleisches / und überzogen mein Hertz / mein Seel mit Finsternuß.

Ubrigens ist es von der Erfahrnuß bekannt / wann der Nebel aufsteiget / so gibt es trübes Wetter und Regen ab / wann er aber von der Sonnen untertrucket / und nicht hinauf gelassen / oder verzehret wird / da gibt es schön und helles Wetter. Ingleichem wann die eigne Lieb die Oberhand gewinnt / und über die Vernunfft Meister wird / da gibt es schlimm und trübes Wetter in dem Gewissen ab: wann sie aber durch die Liebe GOttes untertruckt [63] und überwunden wird / da ist ein schön und gutes Wetter / es scheint die göttliche Gnaden-Sonn in vollem Glantz. Endlichen gleichwie der Nebel / wo er aufgehet sich in die Weite ausbreitet / und gleichsam alles in Besitz nimmt / alles überziehet / die Fürstliche Lust-Gärtten und Palläst sowohl als die öde Felder und gemeine Bauren-Hütten / also die eigne Lieb breitet sich in alle Welt / bey allen Menschen aus / sie nimmt die Gemeine sowohl als die Herren ein / sie herrschet oder vielmehr tyrannisiret über alle. Ich sage tyrannisiret / dann die eigne Lieb kan billich genennt werden blandus Tyrannus ein gelimpfig und liebkosender Tyran oder Wütterich / der offentlich schmeichelt / und heimlich verwundet: sie führet in die Höhe / und stürtzet eben darum in die Tieffe. Ihre Zufriedenheit und Vergnügen zu finden nöthiget sie den Menschen tausenderley Unanständigkeiten zu begehen / Mühe und Arbeit auf sich zu nehmen / in die gröste Gefahren sich zu begeben. Zu diesem End thut sie auch alle Laster vermäntlen / und mit einem falschen Färblein der Tugend anstreichen. Die Hoffart nennet sie eine Ehrbarkeit / den Geitz ein Häußlichkeit / den Zorn und die Rach einen billichen Eyfer / den Fraß und Füllerey eine leibliche Nothdurfft / die fleischliche Wollüst eine Ergötzlichkeit /die Trägheit eine Ruhe / den Betrug eine Klugheit etc.

Die eigne Lieb ist ein reiche aber gifftige Bronn- Quell / aus welcher alles Ubel herfliesset; dann sie wird begleitet von der Eigensinnigkeit / und dem eignen Willen / der in das Verderben führet: derowegen billich in den Rechten beschlossen worden / daß niemand in seiner eignen Sach Richter seyn könne; weilen nehmlich die eigne Lieb verblendet und kein gesundes Urtheil fällen laßt. 13

Der verderbte und sinnliche Mensch ist gleich einem Baum / der für sein Wurtzel hat die eigne Lieb / für den Stammen die Neigung zum Bösen / für die Aest lasterhaffte Gewohnheiten / und für die Früchten die sündige Gedancken / Wort und Werck.

Die eigne Lieb ist blind in ihren urtheilen / hochmüthig in den Ehren / angsthafftig in den Sorgen / unruhig in dem Argwohn / begierig in dem Einnehmen /sorgfältig in dem behalten / gesparsam in dem ausgeben / rachgierig in denen Unbilden / unbehutsam in dem erwählen / und also indem sie sich selber in allem unordentlich suchet / und ihren Nutzen zu schaffen vermeynt / schadet sie ihr selber am aller mehristen / wie Christus der HErr austrucklich im Evangelio bezeuget: Qui amat animam suam, perdet eam. 14 Wer sein Seel lieb hat / wird sie verliehren / das ist / wer sich selber unordentlich liebt / ihme selber unzuläßige Ding zulasset / der thut sich selber zu Grund richten.

Der 2. Absatz
Der 2. Absatz.
Von dem Hagel.

Auch der Hagel wird in dem Lufft oder in denen Wolcken aus kalten feuchten Dämpffen gezeuget / und ist nichts anders als ein gefrorner Regen / indeme die Regen-Tropffen in würcklichem herabfallen durch die Kälte in grössere oder kleinere Körner zusammen gefrieren. Der Hagel ist schädlich / er zerschlagt und beschädiget die Blühe und Früchten auf dem Feld / und an denen Bäumen / wie auch die Trauben an dem Reb-Stock etc. er fallet öffters bey Tag als bey Nacht: sein Gestalt ist gemeiniglich rund als wie die grosse Erbis / öffters auch eckig / und so groß als ein Hasel-Nuß / oder gar wie ein Hennen-Ey / wie geschehen ist zu Grätz in Steurmarck Anno 1588. In Francken-Land aber Anno 1678. seynd neben dem Hagel auch gantze Stücker Eiß grösser als ein Hand aus dem Lufft herab gefallen. Nachdem nehmlich das Wasser häuffiger von den Wolcken ausfliesset / und von einer hefftigen Kälte mehr oder minder zusammen gehet /ehe daß es in viel kleine Theil oder Tropffen zertheilt wird.

Es werden offtermahl Haar / Spän Scherben /Stroh-Hälm und dergleichen mit dem Hagel vermischt / oder [64] mit demselben eingefroren gefunden: welches nicht gleich einer Zauberey zu zuschreiben ist / sonder wohl natürlicher weiß geschehen mag; da nehmlich dergleichen Ding mit starcken Erd-Dämpffen vermischt samt denenselben in den Lufft aufgezogen werden / oder von einem hefftigen Wind anderstwo hergeführt mit denen Regen-Tropffen eingefroren.

Es wird von einigen ungewöhnlichen Hagel-Wettern gelesen / welche zweifels ohne aus absonderlicher Verordnung GOttes etwas übernatürliches gewesen seynd zur Straff oder zum Schrecken der Menschen. Als zur Zeit des verstockten Königs Pharaonis / welchem GOTT durch den Moysen getrohet hat /sprechend: Ich will einen sehr grossen Hagel regnen lassen / dergleichen in Egypten nicht gewesen ist. 15 Widerum zur Zeit deß Kaysers Valentis in Constantinopel ist ein unerhört grosser Hagel gefallen / der Ursachen / wie billich geglaubt worden / weil so viel gottseelige Priester / benandtlich der HeiligeJoannes Chrysostomus ungerechter Weiß ins Elend verwiesen worden.

Aber noch greulicher hat es gehaglet / als Rom von dem Alarico eingenommen worden / daß es Stein geworffen / welche etliche Pfund schwer waren. 16 Endlich am allerärgsten An. 1395. in Nordischen Landen / da es Hagel-Stein geben / auf welchen menschliche Angesichter zu sehen waren / und zwar die Mannliche mit Bärten / die weibliche aber mit Schleyern bedeckt. Die Hagel-Stein aber so zu Cremona 1240. gefallen seynd / hatten die Figur des Creutzes / und das Angesicht Christi in sich: in der Grösse waren sie einer Nuß groß wie Nauclerus Zahan und andere melden. 17

In sittlichem Verstand wird durch den Hagel Zwitracht und Uneinigkeit / Zanck und Hader beditten /dann gleichwie der Hagel herkommet von kalten Feuchtigkeiten / welche durch die äuserliche oder umstehende Hitz in das innerste der Wolcken getrieben werden / allwo sie durch die Kälte wiederum zusammen gehen und verharten / also wann die böse Anmuthungen durch die Hitz des Zorns / des Geitzes / der Hoffart etc. in die Hertzen so an der Liebe GOttes und des Nächsten gantz erkaltet / ja durch die Boßheit gantz erfroren und verhartet seynd / getrieben werden / und allda verharten / da gibt es einen Hagel ab / das ist / einen Zanck und Hader / man streitet und zancket um das Gut und Geld / um die Ehr und Vorzug / um Land und Leuth etc. da wird erfüllet was geschrieben steht: à petrosa ira plenæ mittentur grandines. 18 Von dem harten Zorn werden viel Hagel-Stein fallen. Ich verstehe die Hagel-Stein des Schänden und Schmähens / des Fluchen- und Schwörens / des Rauffen und Schlagens etc. Der Hagel fallt gehlingen und mit einer Hefftigkeit oder Ungestümme / er macht ein Geräusch in dem Lufft / und wann er groß ist / so schlagt er hart / was er antrifft / ja er verletzt auch die Thier und Menschen. Eben also / die dem Zanck und Hader ergeben seynd / brechen gehlingen aus wegen jedem schlechten Ding: Sie thun mit ihrer Ungestümme einen grossen Tumult und Unruhe in dem Hauß oder in der Gemeind erwecken: Sie treffen und beschädigen bald diesen bald jenen / mit ihrem bösen Maul und bißigen Zungen. Der Hagel / wie gemeldt /fallet öffters bey dem Tag als bey der Nacht / glaublichen darumb / weilen die Wolcken zu Nachts niederer und näher bey der Erden seynd / als bey dem Tag und folgends die herab fallende Wasser-Tropffen im Lufft nicht so geschwind gefrieren und zu Hagel werden. Gleichfalls der Zanck und Hader Zwitracht und Uneinigkeit begibt sich öffters an dem Tag der zeitlichen Wohlfahrt / und Glückseeligkeit / als in der Nacht der Trübsal und Armseeligkeit: öffters unter denen Reichen und Adelichen als Armen und Verachten / weilen nehmlich diese demüthig / und niderträchtig seynd und folgends nicht viel haben um was sie streiten /und zancken können / weder Geld im Beutel / weder Ruhmsucht im Hertzen. Sie lassen sich mit einem Stuck [65] Brodt / einfältigem Kleid und schlechter Wohnung vergnügen und befriedigen / wo andern gantze Herrschafften nicht erklecken: ja immer darum ein mehrers zu zancken / und anderen das ihrige streittig zu machen / Anlaß geben / wie es der Weltweise Aristoteles und Seneca austrucklich bezeugen: dann jener sagt: Nobilitas generis, & divitiæ principia & fontes sunt seditionum. 19 Der Adel des Geschlechts und die Reichthumen seynd die Bronnen-Quell und der Ursprung der Aufruhren. Dieser aber quietissimam, vitam agerent homines in terra, si hæc duo verba à natura omnium rerum tollerentur. 20 Meum & Tuum. Die Menschen wurden ganz ruhig auf der Welt leben / wann das mein und dein nirgends wäre. Aber der schädliche Hagel des Zancken und Haderens schlagt überall ein. 21. Schon zwischen dem Cain und dem Abel / zwischen den Hirten Abraham und Loths / zwischen dem Esau und Jacob / dem Jacob und Laban / dem Saul und David / ja auch zwischen den Jüngeren Christi / dem Paulum und Barnabam hat es Streit und Zwitracht abgeben.

Bey Erbauung des Hauß Gottes / des prächtigen Tempels zu Jerusalem ist kein eintziger Hammer-Streich ja gar kein Eisen gehört worden (dann die Stein waren schon alle vorher zubereitet) aber jetziger Zeit ist schier kein Hauß und kein Häußlein / wo nicht zum öfftern das Zanck-Eisen und die Hammer-Streich / ja Hagel-Streich des Haderens gehöret werden. 22 Auch der unschuldige Joseph hat in seines Vatters Hauß von seinen zänckischen Brüdern kein gutes / und friedliches Wort haben können / sondern sie haben immerdar mit ihm zancken wollen / non poterant ei quidquam pacificè loqui: 23 Und dieses Hader- oder Hagel-Wetter hat endlich so übel ausgeschlagen / daß sie sich entschlossen haben / ihne gar ums Leben zu bringen / obwohlen GOTT dieses durch eine absonderliche Vorsichtigkeit hat abgewendet.

Der grosse Freund GOttes der Prophet Moyses ware der sanfftmüthigste Mann von der Welt / und dannoch zanckten die Israeliter öffters starck mit ihm. Damahls ware der Abgang des Wassers in der Wüste daran schuldig: aber heutiges Tags ist zum öfftern nicht der Mangel des Wassers / sondern der Uberfluß des Weins und Biers in dem Wirths-Hauß am Zancken und Haderen schuldig / das Sauffen macht Rauffen / Haglen und schlagen. 24 Der Leim mit welchem die Schreiner / oder Küstler umgehen / vereiniget leichtlich also zwey Bretter zusammen / daß mans für eines ansihet / wann sie aber lang an einem feuchten Orth seynd / oder gar zu naß werden / da gehen sie von einander und werden entzweyt. Eben also seynd offt zwey gute Freund also einig und einträchtig / daß es scheint als wann sie nur ein Hertz und nur einen Sinn hätten: aber wann sie zu offt und zu lang in einem feuchten Orth / ich verstehe in dem Wirths-Hauß beysammen sitzen / wann sie vom Wein oder Bier gar zu starck genetzt werden / da lasset der Leim ihrer Freundschafft / ihre Gemüther werden zerspalten / und gehen von einander / es gibt Spän ab / das ist Zwitracht und Uneinigkeit ab / es gibt Zanck und Hader / Rauffen und Schlagen ab.

Der Heil. Franciscus Seraphicus wollte niemahl in die Stadt Arezo gehen / weilen ein grosser Zanck und Streit unter denselben Burger- und Innwohnern ware /welche sehr wider einander verbittert waren: O wie viel weniger wird Christus / der ein friedsamer König / ein Fürst des Friedens ist mit seiner Gnad in die Hertzen eingehen / in welchen Zwytracht und Uneinigkeit regiert! Der Heil. Franciscus hat mit Augen gesehen / wie daß zwey Teuffel in leiblicher Gestalt auf dem offentlichen Platz unter denen Leuthen herum gelauffen / und sie zur Uneinigkeit zum Zancken und Streiten haben angehetzt und aufgestifft: aber was da einmahl sichbarlich geschehen ist / das geschieht anderstwo tausendfältig unsichbarlich; massen nicht nur die Fürsten und König in [66] dem Feld mit denen Waffen um Land und Leuth streitten / sondern auch die junge Knaben auf der Gassen um Glucker und Nussen rauffen und schlagen / auch die alte Weiber auf dem Acker / und in dem Kraut-Garten einander mit Ruben und Häptlein bombardieren / oder gar mit einer Bürde Schlüssel in der Hand attaquiren. 25

Aber wo kommt es doch her / daß so manchesmahl der Hagel des Zanck und Haders / wo nicht die Fenster gar einschlaget / doch bey denen unfriedlichen Ehe-Leuthen blaue Fenster machet? die Ursachen seynd unterschiedlich: doch thun zum öfftern die böse Mäuler / und bißige Zungen einen solchen Hagel-Regen ausspeyen. Sermo durus suscitat furorem. 26 Ein hartes Wort richtet Grimmen an. Und wiederum: Labia stulti immiscent se rixis & os ejus jurgia provocat. 27 Die Leffsen des Narren kommen in Zanck / und sein Mund ringet nach Hader / sagt der weise Salomon. 28 Hierdurch aber gewinnet man eben das / was jener Löw und Bär gewonnen haben /welche / als sie ein junges Kitzlein auf der Hayd zugleich angetroffen haben / und ein jeder dieses gute Bißlein für sich allein behaupten wollte / da wurden sie sehr uneins / und raufften so lang und hart miteinander / biß daß sie beyde gantz Krafftloß zu Boden fielen / welches der Fuchs von weitem sehend / ihme zu Nutzen gemacht / das Kitzlein alleinig angriffen /und aufgefressen hat. Eben so viel haben mit Zancken gewonnen zwey hungerige Tropffen / welche um einen Hafen voll Bettler-Suppen eyfrig gestritten /und hitzig geraufft haben / der dritte entzwischen wollte bey diesem Duell keinen Secundanten abgeben / sonder bediente sich der guten Gelegenheit / machte die Suppen beut / und lieffe darmit auf und davon: denen streitenden Partheyen aber bliebe nichts übrig als die truckne Faust-grosse Brocken / die sie selbst einander in das Maul gegeben haben. Also wahr ist jenes Lateinische Sprüchwort:


Duobus litigantibus gaudet tertius.

Wann zwey miteinander zancken /
Hat der dritt dem Glück zu dancken.

Aber auf was Weiß kan und soll man sich vor dem so schädlichen Hagel des Zanck und Haders hüten und schützen? Antwort: erstlich soll man gedencken /daß mit einem minderen zancken und streitten schändlich seye / mit einem gleichen gefährlich / und mit einem mehr- oder stärckeren unsinnig. Das andere Mittel gibt uns an die Hand das Buch der weisen Sprüch: Verbum dulce multiplicat amicos. 29 Ein süsse Red oder gutes Wort macht viel Freund /und stillet die Feind. Das dritte Mittel heißt. Si iram non potes vincere, tempera etc. Wann du den Zorn nicht gäntzlich kanst überwinden / so mäßige ihn gleichwohl. Fuge, tace, schweig still / oder gehe davon / so hast du rühmlich obgesiget.

Der 3. Absatz
Der 3. Absatz.
Vom Blitz und Donner.

Das Hochgewitter / so im Blitz / Donner und Strahl bestehet / ist eine Betrohung des Himmels / ein Zorn der Wolcken / ein Zerrüttung des Luffts / und ein Schrecken der Menschen / von der Natur seynd diese drey Ding nehmlich der Blitz / Donner und Strahl so nah mit einander verbunden / daß sie öffters zugleich und in einem Augenblick in denen Wolcken auf folgende Weiß gezeuget werden. 30 Wann die warme und truckene Dämpf durch die Krafft der Sonnen von der Erden biß in die anderte Region des Luffts erhoben worden / in den Wolcken eingeschlossen seynd /und aber durch die Bewegung / durch die Sonnen-Strahlen erhitzet und dünner worden und aus einander gehen (ja auch / indem sie schwefelächtig seynd / gar angezündet werden) also daß sie ein grösseres Orth zu haben verlangen / da schlagen und stossen sie hin und wider innerhalb der Wolcken an / und suchen einen Ausgang sich auszubreiten / oder brechen mit Gewalt aus / [67] und zersprengen gleichsam den Wolcken. Dieses Anschlagen oder Anstossen verursachet ein grosses Getöß und Brummlen / das ausbrechen aber einen starcken Knall / so wir den Donner oder das Donnern nennen.

Ferners eben diese angezündte und ausbrechende Dämpff machen ein gehling durchtringendes Feur in dem Lufft / welches / wann es in dem Lufft wiederum vergehet oder verschwindet / da wird es ein Blitz oder Wetterlaich genennet. Wann es aber mit grossem Gewalt und Schnelle biß auf die Erden herab schiesset /und was es antrifft zerschmetteret / zerschmeltzt oder verbrennt / da wird es ein Donner-Streich oder Donner-Strahl genennt.

Aus diesem erhellet der Irrwohn des gemeinen Volcks / welches vermeynt / der Strahl seye ein feuriger Pfeil oder ein Stein / der von denen Wolcken herab geschossen werde / es konnte ja ein solcher die subtileste Poros oder allerkleiniste Lufft-Löchlein /ohnverletzt des übrigen Cörpers nicht durchtringen /wie wir den Strahl es thun sehen / da er öffters zum Exempel das Silber oder Gold in einer wohl versperrten Küsten zerschmeltzet / oder den Wein in dem Faß verzehret / ohne alle Verletzung der Küsten oder des Fasses etc. doch ist es nicht ohne daß der feurige Strahl zum öfftern einen Stein (der aus dicken und groben Erd-Dämpffen / die in denen Wolcken zusammen gangen / und verhartet seynd / bestehet) mit sich führe / welches dann wohl ein Strahl-Stein oder Donner-Keul mag genennt werden.

Daß man aber den Blitz ehender sihet / als den Donner höret / kommt daher / weilen die Species oder Gestalten des Feurs oder eines andern sichtbarlichen Dings viel geschwinder von weitem durch den Lufft zu dem Gesicht / als die Species des Thons zu dem Gehör gelangen. Welches alles einiger massen kan erklärt werden durch die Losbrennung eines Geschützes / dann gleichwie das Schieß-Pulver in einem Stuck /wann es angezündt wird / sich auszubreiten oder zu erweitern suchet; weilen es aber innerhalb des Stucks solches nicht kan / so dringt es mit grossem Gewalt und starckem Knall zur fordern Oeffnung hinaus / und führet die Stuck-Kugel mit sich durch den Lufft: faß eben also / wann die hefftige und häuffige Dämpff in einer dicken Wolcken eingeschlossen / erhitzet oder entzündt werden / da begehren sie einen grössern Platz zu haben / und brechen mit Gewalt aus / verursachen ein grosses Getümmel / und führen offt einen Strahl-Stein mit sich.

Was aber die unterschiedliche Effect und Würckungen des Strahls oder Donner-Streichs anbelangt / so seynd derselben so viel und unterschiedliche / daß man leicht gantze Bücher darvon anfüllen konnte: und zwar so wunderbarliche / daß sie offt unglaublich zu seyn scheinen / wann nicht bey heisser Sommers-Zeit die tägliche Erfahrnuß selbe glaubwürdig ja unfehlbar und gewiß machte.

Im sittlichen Verstand kan der Blitz und Donner auf unterschiedliche Ding ausgedeutet werden. 31 Erstlich zwar bedeutet er die Macht und den Zorn GOttes. Dann / gleichwie wann die Erd-Dämpff aufsteigen / und in denen Wolcken erhitzt werden / ein Wetter verursachen / welches der Erden mit Blitz und Donnern trohet / ja offt auch würcklich einschlaget /also wann die böse Dämpff der Sünd und Laster gegen den Himmel aufsteigen / da thut der Allmächtig und erzürnte GOtt denen sündigen Menschen mit schreckbaren Zeichen gewaltig trohen / ja zum öfftern mit der würcklichen Straff darein schlagen / einen heylsamen Schrecken ihnen einzujagen / u. zur Buß und Besserung zu vermögen / wie es dann gewiß ist /daß ein recht starckes und hefftiges Donner-Wetter auch die hertzhafftist- und verwegniste Menschen erschrecken mag. Auf dieses scheint abzuzihlen der Königliche Prophet David wann er sagt: Ab increpatione tua fugient, à voce tonitrui tui formidabunt. 32 Von deinem Schelten fliehen sie / von der Stimm deines Donners werden sie sich entsetzen / indem nehmlich billicher massen [68] besorgen / es möchte sie GOtt mit gäher Straff überfallen. Nichtweniger thun auch die Gottseelige das Hochgewitter fürchten. 33 Der Heil. Bischoff Ceadda aus dem Orden des Heil.Benedicti pflegte allzeit / wann es gedonnert und geblitzet / sich in die Kirchen zu begeben / und auf dem Angesicht ligend so lang in dem Gebett zu verharren /biß das Wetter nachgelassen hat. Als er aber von denen seinigen gefragt wurde / warum er das thue /gab er zur Antwortt: habt ihr nicht gelesen / was geschrieben stehet: Intonuit de Cœlo Dominus etc. 34 Der HErr donnert vom Himmel / und der Höchste ließ seine Donner hören mit Hagel und feurigen Kohlen: Er schoß seine Pfeil und verderbet sie / er ließ sehr blizen und erschrecket sie. GOtt der Allmächtige sagte er / beweget die Lufft / er lasset die Sturm-Wind blasen / er lasset donnern und blitzen / bey denen Menschen ein heylsame Forcht zu erwecken / und des Jüngsten Gerichts ingedenck zu machen. Ein gewise andere auch gottseelige Persohn förchtete gleichfals das Hochgewitter überaus starck /sie ist auch würcklich vom Donner-Strahl erschlagen worden / aber bald darauf geoffenbaret / daß dieses ihr Fegfeuer gewesen seye / und sie alsdann sogleich in den Himmel aufgefahren / da indessen die böse Welt wohl hätte urtheilen mögen / es seye dieses wegen grossen heimlichen Lastern geschehen. 35

Ferners gleichwie das Wetter zwar allzeit mit Blitz und Donner trohet / doch nicht allzeit einschlagt und schadet / sonder zu Zeiten nur die Erden verschüttet und auflucket / oder in einen fruchtbaren Regen sich ausgiesset / also der erzürnte GOtt zwar trohet / doch nicht allzeit den Strahl der würcklichen Straff ergehen laßt / sonder zum öfftern durch seine Schreck-Zeichen die sündige Hertzen beweget und erweichet / auch einen heylsamen Regen der Reumüthigen Buß-Zäher fliessen macht / fulgura in pluviam fecit, 36 der die Blitz zu Regen macht / und eben darum kan das Hochgewitter auch mit der Reu und Buß verglichen werden / bevorab wann die menschliche Anmuthungen als sittliche Dämpff von der Liebe GOttes erhitzet werden / von dem Hertzen gewaltsam durch die Beicht ausbrechen / und einen starcken Schein der Buß und Tugend-Wercken von sich geben: nach der Ermahnung des Evangelistens: Sic luceat lux vestra etc. 37 also solle scheinen euer Liecht vor denen Menschen / das sie sehen eure gute Werck. 38

Der Donner-Strahl vertreibt und verzehret das Gifft eines gifftigen Thiers / das von demselben getroffen wird / hingegen thut ein hefftiger Donner-Klapff die Geburth der forchtsamen Schachteln oder Hirsch-Kühe beschleunigen / und verursachet / daß sie bälder gebähren / als sonsten geschehen wäre. Eben also das sittliche Donner-Wetter / das ist / die Göttliche Straff und Betrohung vertreibt das Gifft der Sünden in dem menschlichen Hertzen / das sie berührt oder schlaget: und hingegen macht es / daß der Mensch aus einer heylsamen Forcht die gute Werck und Vorsätz / so er empfangen hat / bälder gebähren und herfür bringen thut / als sonsten geschehen wäre / wann er nicht also wäre erschreckt und zerknirscht worden. Die Men schen / so von dem Donner verschlagen / verfaulen nicht / wie Plutarchus anmercket; weilen der Fäulung nichts mehrers widerstehet als das Feur / indem es alle Feuchtigkeit / von welcher die Fäulung herkommt / verzehret. 39 Auch die wahre Reu und Buß lasset den Menschen durch die Trägheit nicht verfaulen /und verzehrt in ihme die Feuchtigkeit der bösen Gelüsten etc. Endlichen gleichwie der Donner öffters in die hohe und harte Ding schlaget / als in die nidere und weiche / also auch der sittliche Donner des Göttlichen Zorns trifft öffters die Hochgetragene und Hartnäckige / als die Niderträchtige und Weichmüthige. DEus superbis resistit, humilibus autem dat gratiam. 40 GOtt widerstehet den Hoffärtigen / denen Demüthigen aber gibt er Gnad. Im Gegentheil der heylsame Donner der Reu und Buß trifft öffters [69] die niedrige und weiche / als die hochmüthige und harte Hertzen.

Noch ferners kan auch ein Prediger mit dem Donnerwetter verglichen werden: dann er solle auch zu Zeiten / wann es vonnöthen ist / auf der Cantzel blitzen und donneren / (doch niemahl einschlagen / das ist / niemand durch Unbescheidenheit schaden oder verletzen) mit Trohungen und Straff-Worten wider die Sünd und Laster / wider die hartnäckige und offentliche Aergernussen etc. wie es viel heilige Bischöff und eyfrige Prälaten mit unerschrockenem Muth gemacht haben / indeme sie dißfalls auch Fürsten und Königen nicht verschont haben / noch durch ihre Macht und hohes Ansehen sich von ihrer Schuldigkeit haben abhalten lassen. 41

Ja auch die zweyfache Ankunfft Christi auf diese Welt ist einiger massen dem Donnerwetter gleich: Dann gleichwie der Donner zu Zeiten gelind und glimpfig ist / von einem fruchtbaren Regen begleitet /und alsdann ist er weder schädlich noch erschrecklich: zu Zeiten aber hefftig und starck mit Feur vermenget /und alsdann ist er schädlich und grausam / er verheert und verderbt alles / was er antrifft / nichts kan seinem Gewalt widerstehen. 42 Eben also ist die erste Ankunfft Christi auf diese Welt in seiner Geburt gantz sanfft und gelind gewesen / gantz trostreich und erfreulich / mit einem fruchtbaren Regen der himmlischen Gaaben und Gnaden / die Erden / oder vielmehr die Hertzen der Menschen anfeuchtend und erquickend / wie auch die Hitz der Göttlichen Gerechtigkeit mäßigend.

Aber sein anderte Ankunfft an jenem allgemeinen strengen Gerichts-Tag wird seyn ein Donnerwetter mit Feur vermengt / und ohne Regen / das ist / ohne Gnad und Trost / für die Sünder ein strenge Gerechtigkeit /wie der Prophet Isaias hat weiß gesagt. Quia ecce Dominus in igne veniet & quasi turbo quadrigæ ejus etc. 43 Der HErr wird mit Feur kommen / und seine Wägen wie ein Wetter / damit er seinen Zorn mit Grimmen vergelte / und sein Bescheltung mit Feuer-Flammen. Das erstemahl ist er ankommen als ein sanfftmüthiges Lämmlein / aber das anderte mahl wird er kommen als wie ein grimmiger Löw. Leo rugiet, quis non pavebit? 44 Dieser Löw wird brüllen oder donnern / wer soll ihn nicht förchten? Ja auch die Kräfften des Himmels werden sich bewegen. 45 Der allerschrecklichste Donner-Streich aber dieses grausamen Wetters wird seyn das unwiderrufliche End-Urtheil wider die Gottlose:Ite maledicti in ignem æternum. 46 Gehet hin ihr Vermaledeyte in das ewige Feur.

Endlichen kan auch noch gar füglich der Donner und Blitz mit dem Laster des Fluchens und Schwörens / oder Schelten und Lästerens verglichen werden: als welches gemeiniglich herkommt von denen aufsteigenden Dämpfen des Hochmuths und Zornmuths /des Geld- und Ehr-Geitzes / welche in denen Hertzen / die in der Liebe GOttes und des Nächsten gantz erkaltet seynd / sich auszubreiten suchen / und mit Gewalt ausbrechend / einen grossen Tumult und Unruhe verursachen / donneren und blitzen / gleichsam Feur und Gifft wider GOTT / und die Menschen ausspeyen: ja öffters auch würcklich einschlagen / und wo nicht mit dem Donner-Keul der Waffen und der Händen / doch mit dem Keul des bösen Laster-Mauls /und der Zungen / bald diesen und bald jenen Neben-Menschen schmertzlich treffen / und schwerlich verwunden / ja auch öffters durch ihr Fluchen und böses wünschen den Tod und Teufel / den Hagel und Donner-Strahl / ihnen selbst oder anderen zur billichen Straff über den Halß / über Hauß und Hof / über ihre Felder / Wem-Reben und Aecker / sowohl mit grosser Verantwortung / als grossem Schaden ziehen. 47

Ein grosses Elend ist es / ein grosser Schrecken und Schaden / wann der Donner oder Hagel einschlagt: deßwegen macht man billich das Heil. Creutz darwider / man seegnet sich darwieder / man läuthet alle Glocken [70] darwider / und dannoch ist es ein so grosse Thorheit / als höchst-sträffliche Gewohnheit / daß man so manchesmahl aufschreyet / daß der Donner und Hagel verschlag / schlag mich der Donner etc. 48 Ja nicht nur dem Donner und Hagel von dem Himmel herab / sondern auch dem Teufel aus der Höllen herauf ruffen so manchesmahl / die dem verfluchten Laster des Fluchens ergebene tollsinnige Schwermer: dann was ist öffters zu hören als Fluchen und Schwören / bey Edel- und Baurs-Leuthen / bey Kauffleuthen u. Kriegsleuthen / bey Eheleuthen und Fuhrleuthen /bey Handwercksleuthen Bettelleuthen / bey jungen und alten Leuthen heißt es gar offt / holl mich der Teufel / oder des Teufels bin ich / wann es nicht so und so ist / wann ich nicht das und das thue etc. Ein Wunder-Ding ein unbegreiffliche Thor- und Vermessenheit ist es / diesen Höllen-Hund selbsten herlocken / welcher doch / wann es GOtt zuliesse (und wer weiß / ob er es nicht zulasse) für sich selbsten so gern käme / und so geschwind als wie der Wind / in aller Eyl als wie ein Pfeil zu beissen und zu verreissen / als welcher ja kein grössere Freud hat (wann er immer eine haben kan) als dem Menschen ein Leyd zuzufügen /ein anderes Glück / als den Menschen in Unglück zu bringen / und kein andere Seeligkeit / als den Menschen der Seeligkeit zu berauben. Dem Teufel rufft ein mancher / da doch / wann er käme / kein Mensch auf der gantzen Welt so viel Hertz im Leib hätte /ihne nur einen Augenblick anzuschauen. Ja die Heil.Catharina Senensis bezeugte / sie wollte lieber lange Zeit in einem feurigen Ofen brennen / als nur einen Augenblick den Teufel ansehen: ja auch Christus selbst hat der Heil. Brigitæ geoffenbaret / daß wann sie die höllische Larven müste anschauen / so wurde sie nicht ohne grossen Schmertzen leben / oder gar des gähen Tods sterben.


Martinus Delrio in disquis. Mag. schreibt / daß einstens drey verwegene Studenten / zu Pariß von ihrem Spiritu familiari, oder heimischen Teufel der ihnen in menschlicher Gestalt gedienet hat / begehrten / er soll sich ihnen einmahl in seiner eignen teuflischen Gestalt zeigen: Er aber weigerte sich solches zu thun / mit Vermelden sie wurden sein abscheuliche Heßlichkeit nicht können ausstehen. 49 Sie aber aus Fürwitz wollten nicht aussetzen mit ihrem Begehren /biß daß er sich vor ihren Augen in so erschrecklich und grausamer Gestalt hat sehen lassen / daß einer von ihnen urplötzlich tod darnider gefallen / der andere aber vor Schrecken zum Fenster hinaus gesprungen ist / und den Halß gebrochen hat / der dritte endlich kame zwar mit dem Leben davon / ist aber vor lauter Forcht Eißgrau worden / zitterte immerdar am gantzen Leib / und begabe sich in den Orden des Heil. Francisci Buß zu würcken / darinn er auch bald gestorben ist.

Wie schädlich und gefährlich aber es sey ihm selbst oder andern den Teufel anwünschen / erhellet aus folgenden Begebenheiten: Es begabe sich in dem Jahr 1614. in der Stadt Barri / daß etliche Cammeraden mit Würffeln spieleten / und als einer von ihnen alles verspielt hatte / stihlet er heimlich dem anderen einen Gold-Gulden hinweg / und als der andere ihn des Diebstahls bezüchtigte / hat er es durchaus gelaugnet / und sich selbsten verflucht / es soll ihm der Teufel den Kragen umreiben / wann er es gethan habe: und sihe / augenblicklich fallt er zu Boden / und wird ihme unsichbarlicher Weiß der Halß umgerieben /also daß das Gesicht hinder sich auf dem Rucken stunde / er lage als todt eine Zeit lang abscheulich vergstaltet auf der Erden da: als er aber wider zu sich selber kommen / da bekennte er / daß ihn der Teufel gleich nach gethanem Fluch in Gestalt eines grossen Hunds habe angefallen / und ihm den Halß umgeriben. 50 Er gabe darauf das gestohlene Geld / so er in einem Schuh verborgen hat / wiederum zuruck / und hinterliesse allen freventlichen Fluchern ein ernstliche Warnung und schreckbares Beyspiel.

[71] Ein anderer freventlicher Flucher sagte: es soll ihne der Teufel hohlen / wann er mehr in seiner Schwester Hauß gehe: aber über ein Zeit lang achtete er seinen Fluch nicht mehr / gehet widerum hin / und wird von dem bösen Feind zerrissen.

Wiederum ein anderer räuschiger Naß-Kittel / weilen der Knecht nicht gleich da ware / ruffet dem Teufel / er solle kommen / und ihme die Stifel ausziehen /er kommt wahrhafftig alsbald / reisset ihme aber samt dem Stifel auch den Fuß vom Leib hinweg. Noch ein anderer voller Zapf rufft dem Teufel im gähen Zorn /er soll ihne holen / dieser stellt sich gehorsam ein in erschrecklicher Gestalt / und fragt / was er verlange? der Flucher erschrickt von Hertzen / und protestirt es seye ihme nicht Ernst gewesen / er habe ihn nicht gemeynt: aber mir ist es Ernst / sagte der Teufel / aber ich meyne dich: er nimmt ihn bey der Gurgel und trucket ihme den Halß ein. Zeilerus in Hist. Trag. Nun lasse sich mehr einer gelusten / und sage: Holl mich der Teufel / oder deß Teufels bin ich (deme wir doch alle in dem Heil. Tauff so ernstlich abgeschworen haben) aber Christus der in dem Heil. Evangelio zu denen Pharisäern gesagt hat: Gebt dem Kayser was des Kaysers ist / und GOTT was GOttes ist / wird wohl auch einstens zur Zeit des Gerichts sagen: Gebt dem Teufel was (wie der Flucher sagt) des Teufels ist. 51

Eben so übel und sträfflich thun diejenige / welche ihren Neben-Menschen / das so edle Ebenbild GOttes dem hällischen Fuhrmann wegzuführen übergeben und anbefehlen: und dannoch höret man so manchesmahl nicht nur einen Feind über den andern / sondern auch die Ehe-Leuth über einander / auch die Eltern über die Kinder fluchen und sagen: daß dich der Teufel holl / daß dirs der Teufel geseng etc. (des Donner und Hagels / der Pestilentz und des Tods / ja auch des Sacramentieren und GOttlästerens kürtze halber zu geschweigen) O was für greuliche Wetter und Unglück haben schon manches mahl solche donnerende Mäuler und blitzende Zungen ihnen selbst und anderen über den Halß gezogen! Ein gewise Mutter verfluchte ihr kleines schreyendes Kind: Schweige still /sagte sie: daß dir der Teufel das Maul verstopff: ja es hat alsobald geschwigen / ist aber auch sein Lebtag stumm verblieben. Cæs. l. 5. c. 26. Ein Vatter verfluchte sein fünff jähriges Töchterlein / als es schleckerhafftig von einer Milch trancke: Ey so sauff daß du den Teufel hinein sauffest / sagt er: es ist auch geschehen / das Kind wurde von Stund an besessen / und biß in das hohe Alter vom bösen Feind geplagt.

Aber noch ärger hat das Donnerwetter / oder der Fluch jenes Vatters ausgeschlagen / (wann er doch ein Vatter und nicht vielmehr ein Mörder zu nennen ist) von welchem Zeilerus in theat. Trag. folgendes erzehlet: Zu Bacherach einer Stadt am Rhein gelegen /begab es sich im Jahr 1595. daß ein groß schwangeres Weib zu ihrem groben und räuschigen Mann ins Wirthshauß kame / und ihne schönstens bate / er sollte doch des Sauffens ein End machen / und mit ihr nacher Hauß gehen. 52 Wie was schrie der Limmel /du lose Vettel / was hast du mir einzureden / scherr dich fort samt dem lebendigen Teufel den du in dem Bauch tragest / oder ich schlage dich samt ihm zu tod. Das betrübte Weib gienge gleichwohl weinend und klagend nacher Hauß / und die Stund ihrer Niderkunfft kame herbey / sie gebahre / aber was? keine Menschliche Frucht / sonder ein Monstrum ein abscheuliches Abentheur / welches zwar mit dem oberen Theil einem Menschen / mit dem untern Theil aber einer Schlangen gleich sahe / dessen Schweif drey Ehlen lang ware. Das Geschrey von dieser Mißgeburt kame in das Wirthshauß dem Mann zu Ohren / dieser laufft alsbald gantz furios nacher Hauß um zusehen /was geschehen sey: und aber sobald er in das Zimmer kame / wo die Mutter samt der unglückseeligen Leibs-Frucht lage / und nach seiner Gewohnheit zu[72] donnern und zu poldern anfangen wolte / da sprang das ungeheure Monstrum auf ihne zu / fiel ihn mit Gewalt an / und wickelte seinen langen Schweiff ihme also um den Halß / daß es ihne auf der Stell vertroßlet hat / und er gantz erschwartzet / nidergefallen ist /und den Geist aufgeben hat. Nun aber


Felix quem faciunt aliena pericula cautum:

Glückseelig ist den fremde G'fahr
Beweget / daß er sich bewahr.

Prohibe linguam tuam à malo. 53 So haltet doch inn eure Laster-Mäuler und gifftige Zungen / stehet doch ab von dem Fluchen und Schwören / auf daß ihr nicht durch solches Donnerwetter nach zeitlichem Unglück auch den ewigen Schaden euch selber über den Halß ziehet.

Fußnoten

1 Wo das Thau herkomme / und was für Würckung es habe.

2 Das Morgen-Thau wird mit der Gnad GOttes verglichen.

3 Jacobi c. 1. v. 17.

4 1. Petri c. 5. v. 5.

5 Würckung oder Früchten der Gnad GOttes.

6 Isaiæ c. 45. v. 8.

7 Gen. c. 27. v. 8.

8 Der Reiffen ist schädlich und gleich der eitlen Ehr.

9 Woher der Nebel komme?

10 Die eigne Lieb ist gleich einem Nebel.

11 Vielfältiger Schaden der eignen Lieb.

Sap. c. 5. v. 6.

12 Lib. Confess.

13 Von der eignen Lieb entspringt alles Ubel.

14 Joan. c. 12. v. 25.

15 Exodi c. 9. v. 18.

16 Nicephorus lib. 13. c. 36.

17 Albertus Krantzius I. 9. Vandal. c. 32.

18 Zanck und Hader wird mit dem Hagel verglichen.

Sap. c. 5. v. 23.

19 Lib. 5. Polit.

20 Lib. de Moribus.

21 Zanck und Hader ist ein so gemeines als schädliches Laster.

22 Lib. 3. Reg. c. 6.

23 Gen. c. 32.

24 Exodi c. 5.

25 Der Teufel stifftet Zanck und Hader an.

26 Prov. c. 15. v. 1.

27 Ibidem c. 18. v. 6.

28 Mit Zancken gewinnt man nichts.

29 Eccles. c. 6. v. 5.

30 Donnerwetter wo es herkomme.

31 Die Macht und der Zorn GOttes wird mit dem Hochgewitter verglichen.

32 Psal. 103. v. 7.

33 Auch heilige Männer förchten das Hochgewitter.

34 Psal. 17. v. 14.

35 Bucolin. in Menol. 2. Martii.

36 Psal. 134. v. 7.

37 Matth. c. 5. v. 15.

38 Reu und Buß gleichet einem Donnerwetter.

39 Lib. 4. Sympos. q. 2.

40 1. Petri c. 5. v. 5.

41 Wie ein Prediger auf der Cantzel donnern soll.

42 Zweyfache Ankunfft Christi auf diese Welt gleichet einem Donnerwetter.

43 Isaiæ c. 64. v. 15.

44 Amos c. 3. v. 8.

45 Luc. c. 21. v. 26.

46 Math. c. 25. v. 34.

47 Fluchen und Schwören ist gleich einem Donnerwetter.

48 Fluchen und Schelten ist nicht nur höchst gefährlich und schädlich sonder auch unsinnig.

49 Abscheulichkeit und Grausamkeit des Teufels.

50 Wird mit Exemplen bewiesen durch Bestraffung der Flucher.

51 Marci c. 12. v. 17.

52 Ein grausamer Fluch gehet an. Historia.

53 Psal. 33. v. 14.

VII. Von dem Meer - von dem Liecht - Rauch und Finsternuß
Der 1. Absatz
Anhang zu dem Meer
Anhang zu dem Meer.
Von den Seen.

Nachdem ich oben von dem Wasser insgemein / von den Flüß und Bronnen / auch jetzund von dem Meer gehandelt hab / ist noch übrig von denen Seen etwas zu melden. Durch die See aber verstehe ich ein stehendes Wasser / welches nicht fließt / nicht ab- und zulaufft / doch Schiff- und Fischreich ist / aber dickerer und schwerer als ein Fluß- oder Bronnen-Wasser /und deßwegen zum Trincken nicht gesund: der Grund oder Boden in denen Seen ist insgemein lettig und kothig / und gibt öffters einen bösen Geruch und Dampff von sich / es nähret auch zu Zeiten unreine Thier als Frösch und Krotten etc. Wann es ein grosser See ist / so ist er einem kleinen Meer nicht gar ungleich: wann er aber klein ist / so pflegt mans auch einen Weyher oder Fisch-Teich zu nennen. Viel wunderbarliche und berühmte See seynd in unterschiedlichen Landschafften anzutreffen. 24

In Norwegen bey der Stadt Drontheim ist ein See /dessen Wasser niemahl gefriert / so kalt das Wetter auch immer ist. Es ist der See zwar oben kalt / unten aber auf dem Grund so heiß / daß wann man einen Topff oder Hafen mit Speiß hinunter lasset / so wird die Speiß gar bald darinn gekochet wiederum herauß gezogen.

Lacus Cocanicus ist ein See in Sicilien dessen Wasser täglich rings herum an dem Rand ein gute Menge schön weisses Saltz auswirffet. Der See Naphtica hat ein so stinckendes Wasser / daß es den Lufft derselben Gegend vergifftet / und denen / so da herum wohnen / grossen Schaden verursachet.

In der Peruanischen Provintz Calao ist ein See mit Nahmen Titicaca gelegen / welcher so groß und ungestümm ist / daß er einem Meer-Busen gleichet / in welchen wohl 10. Flüß hinein rinnen / er hat in seinem Umkreyß bey 80. Meil / sein Wasser ist zwar nicht so scharpff / als wie das Meer-Wasser / doch so dick und trüb / daß mans nicht trincken kan.

In Neu Hispanien zu Mexico befindet sich ein See /darinn man zwey unterschiedliche Wasser antrifft /eines ist gesaltzen wie das Meer-Wasser / das andere aber süß und frisch wegen den darein fallenden Flüssen. Mitten in dem See ligt ein sehr annehmliche Klippe / auf welcher man Bad-Stuben hat vom warmen und gesunden Wasser / das von sich selber fliesset. Von Sinesischen wunderbarlich- und merck-würdigen Seen und Wässeren ist eine lange Reihen von 60. biß 70. an der Zahl zu sehen / in dem Indisch- und Sinesischen Lust-Garten à fol. 1306.

In Italien unweit von dem Gebürg Monte Secco trifft man den so genanten Zinnß- oder Wucher See an / welcher niemahlen alles dasjenige widergibt / was man hinein tauchet: und wann man zum Exempel 3. Eyer in einem Körblein hinein henckt / so ziehet man nur 2. wider heraus / indem er den dritten Theil für einen Tribut zuruck behaltet. Wann man Speiß hinein setzt / so bekommt man sie nur halb gekocht wider herauß / und biß auf die Helffte weniger. Sein Wasser ist schwartz / dick und strudlet stets auf.

In Burgund ist ein unergründlicher See / der setzet ob dem Wasser einen so zähen Leim / welcher mit der Zeit so hart wird / daß man darüber gehen kan. Bey Nebel und trübem Wetter laßt sich das Wasser gar nicht [78] sehen / sonder nur wann die Zeit hell und klar ist / da tringet es durch etliche Löcher und Oeffnungen des zähen Leims in grosser Menge herfür.

In Engelland hat es einen zimlich grossen und Fischreichen See / Gufer genannt / der an Fischen einen Uberfluß / dabey aber diese seltzame Eigenschafft hat / daß / so lang es jedermann darinn zu fischen erlaubt ist / eine unglaubliche Menge Fisch abgibet: so bald aber ein Verbott deßwegen ergehet / da hat es die Erfahrnuß schon zum öffteren geben / daß die Fisch in selbem See sich alsbald verliehren / und sich nicht mehr sehen lassen / biß daß solches Verbott wiederum aufgehoben ist.

Geistlicher weiß mögen wohl die zeitliche Güther und Wollüst mit einem See verglichen werden; nicht zwar als wann sie ein stehendes Wasser wären /indem sie nur gar zu schnell dahin fliessen und zerrinnen / sondern weilen die Menschen sich in denenselben so viel und gern / als wie die Fisch im Wasser aufhalten: weilen sie unrein und schwer seynd / folgends träg machen / und der Gesundheit oder dem Wohlstand der Seelen schädlich seynd: Weilen sie viel Ungezifer und gifftige Thier ziglen / ich will sagen / viel Sünd und Laster verursachen: weilen sie einen bösen Geruch von sich geben / und den Lufft des Gewissens mit schädlichen Dämpffen anstecken: weilen sie endlich auf dem Grund lettig und kothig seynd / also daß man leicht darinn stecken bleibt oder gar versinckt / und sich nicht mehr heraus schwingen kan. 25

Es ist der See auch ferners ein Sinnbild des Geitzes: inmassen / gleichwie ein See zwar andere Wässer / die in ihn fliessen / alle gern annimt / aber nichts mehr zuruck gibt / andern nichts mittheilet / also die unersättige Geitz-Hälß wollen von allen nur immer einnehmen / nichts mehr zuruck geben / sondern alles für sich allein behalten. 26 Sie stecken auch in ihrem Gut und Geld vertiefft / als wie die Fisch im Leth und Koth des Wassers / und geben einen schlimmen Geruch eines bösen Ruffs von sich. Ja gleichwie ein stehendes Wasser gern das Ungezifer zeuget / also zeuget der Geitz viel andere Laster / die Ungerechtigkeit /Arg-List / Betrug und Unbarmhertzigkeit etc.

Ein solcher in dem lettigen See-Wasser deß Geitzes vertieffter Mensch ist gewesen jener berühmte Wassermann / Cola Pesce mit Nahmen / oder wie ihne andere nennen / Niclas Pescecola, ein sehr behender Schwimmer von Catanca gebürtig / welcher sich von Jugend auf also zum Schwimmen gewohnt hat / daß er mehr und lieber in dem Wasser unter den fischen (von denen er sich auch nährte) als auf dem Land unter denen Menschen wohnete. 27 Er bliebe öffters biß 5. Täg lang beständig in dem Wasser / und schwumme gewöhnlich aus Sicilien nach Calabrien /und gabe einen schwimmenden Postilion oder Brieff-Trager ab: dann seine Lung hatte sich dermassen ausgedehnt / daß er auf einmahl so viel Lufft und Athem schöpffen konnte / als er an einem gantzen Tag zum Schnauffen vonnöthen hätte. Er pflegte in dem Grund des Meers die Austern / Muschlen und Corallen etc. zu sammlen / und auf das Land zubringen. Man erzehlet von ihme / er habe durch so langen Auffenthalt in dem Wasser seine Natur also geänderet / daß er mehr einem Amphibio, das ist / einem halb Land- und halb Wasser-Thier seye gleich worden / als einem Menschen; dann es wuchsen ihme zwischen denen Fingern Krosplen / als wie an einem Ganß-Fuß / das Schwimmen zu beförderen etc.

Als nun einstens der König von Sicilien zu Messana sich aufhielte / und viel von diesem Wasser-Tretter gehöret hatte / und zugleich auch begierig ware die Beschaffenheit des obgemelten Wasser-Schlunds oder Meer-Wirbels Charybdis zu erkundigen / da liesse er den besagten Colam Pesce beruffen / und frischete ihn an in diesen Meer-Wirbel sich hinab zu wagen /und zu sehen wie er innerlich und in der Tieffe beschaffen seye. Cola weigerte sich anfänglich / und wendete die Entschuldigung vor / daß er es ohne [79] grosse und augenscheinliche Lebens-Gefahr nicht thun könne. Doch endlichen weil der König ihm eine gantz guldene Schalen oder Schüssel hat hinein werffen lassen / mit Versprechen sie solle sein gehören / wann er sie von der Tieffe heraus hohle / da hat er es gewagt /stürtzte sich in die Tieffe des grausamen Wasser-Schlunds / und kommt nach drey Viertel Stunden samt der guldinen Schüssel zwar mit gröster Mühe doch wiederum glücklich hervor. Nachdem er sich erhohlet und ausgerastet hat / wurde er von dem König genau erforschet / was er gesehen und erfahren hab? Er konnte aber nicht genugsam erzehlen / was grosse Gefahr Mühe und Schrecken er habe ausgestanden /theils wegen dem Gewalt und Ungestümme deß hefftig reißenden Wasser-Strohms / theils wegen grausamen Klippen und Felsen / die sich da unter dem Wasser befinden / wie auch wegen der unterirrdischen Fluß-Röhren / die mit gröstem Gewalt mitten durch die Felsen heraus brechen / und absonderlich wegen der Menge der ungeheuren Black-Fischen oder Viel-Füssen / die an denen Klippen und Felsen anhafften und mit ihren weit ausgestreckten Füssen mir sagte er / durch das blose Anschauen einen Grausen verursachet / und mich bey nahe vertappt hätten: In denen Wincklen und Höhlen der Felsen aber halten sich auf die sogenannte Meer-Hund oder Hund-Fisch / die mit einer dreyfachen Reyhen der Zähnen / so schärpffer als ein schneidiges Schwerdt / bewaffnet seynd / und an der Grösse einem Delphin gleichen / vor dero Wuth und Grimmen niemand sicher ist. Er setzte hinzu / daß er / wann er alles so vor gewußt hätte /nicht das halbe Königreich wurde genommen haben etc. und dannoch


Auri sacra fames! quid non mortalia cogis Pectora?

Verfluchter Geitz und Gelds-Begierd!
Mancher durch dich verführet wird.

und dannoch / nachdem man ihme von neuem zugesprochen und ihme abermahl durch Hineinwerffung einer guldenen Schaalen samt einem Beuttel voll Gold angeritzt hatte / liesse er sich überreden / und wagte sich noch einmahl hinein: Er ist aber nicht mehr heraus kommen / sondern glaublich durch den Gewalt der reissenden Wasser-Ströhm an einem Felsen zerschmettert / oder in dem Bauch einer hungerigen Meer-Bestien begraben worden / da er ihme selbsten hätte mögen die Grab-Schrifft machen: Infixus sum in limo profundi, & non est substantia. 28 Ich bin versuncken oder stecken bliebẽ in dem tieffen Schleim des Geitzes / da kein Grund ist / welcher unersättig ist. Ein grosse Vermessen- und Thorheit ist es gewesen / daß der gemeldte Cola Pesce wegen einem Stuck Gold in einen so gefährlichen Wasser-Schlund zum zweyten mahl sich gestürtzt hat: aber ein noch viel grössere ist es / daß ein mancher wegen einem Stuck schnöden Gelds oder anderen verbottenem Wollust sich gar in den Höllen-Schlund stürtzet.

Der 2. Absatz
Anhang zu dem Liecht
Anhang zu dem Liecht.
Von dem Schatten.

Nachdem ich von dem Liecht gemeldet hab / kan ich nicht umgehen von dem Schatten / der so nahe mit dem Liecht verbunden ist / kürtzlich etwas zu melden.

Es ist zwar der Schatten ein leeres und eiteles Weesen / doch stellt er uns offt grosse Ding vor / die er mit dem Pemsel der Natur lebhafft entwirfft / und deßwegen wohl grande Nihil, ein groß- und ansehnliches nichts kan genennt werden. Einen Schatten aber gibt es alsdann / wann das Liecht (der Sonnen oder eines Feurs) auf etwas dunckles und nicht durchsichtiges einfallet. 49 Umbra est objecto corporis opaci ad luminosum. der Schatten ist der Gegenwurff oder Gegensatz eines finstern Leibs und eines hellen.

Der Schatten ist kein wahrhaffter Leib / sonder nur ein Entwurff oder Abbildung desselben: Er hat kein selbständiges Weesen / keinen Bestand oder Dauren /sonder ist immerdar veränderlich / nachdem das Liecht oder der Leib / der den Schatten macht / bewegt wird / und so bald das eine abgehet / verschwindt er gantz und gar. Der Ursachen ist der Schatten ein Anzeigen des menschlichen Lebens /welches eben auch so flüchtig und veränderlich ist /wie es der Prophet David gar wohl erkennet hat /indem er sagt: Meine Täg / das ist / mein Leben /seynd abgewichen / oder zergangen / als wie ein Schatten. 50 Eben also der gedultige Job: Unser Leben ist wie ein Schatten auf Erden. 51 Er ist auch zugleich eine Erinnerung des Tods / dann gleichwie der Schatten in dem Liecht und einem duncklen Cörper bestehet / also bestehet der Mensch im Leib /der ein finsterer Erd-Schollen / und in der Seel / die ein hell liechter Geist ist: und aber gleichwie der Schatten überall dem Leib auf dem Fuß nachfolget /also thut der Tod dem menschlichen Leben immerdar aufpassen und nachstellen.

Ferners gleichwie der Tag wachset oder zunimmt /und die Sonn aufsteigt / da nimmt der Schatten ab und wird kleiner / hingegen wann der Tag abnimmt / und die Sonn absteigt / da wachset der Schatten / er wird grösser oder länger: also auch wann die menschliche Glückseeligkeit / die zeitliche Wohlfahrt groß / und in einem hohen Grad ist / da nimmt gemeiniglich der Schatten des zeitlichen Lebens ab / das Leben wird abgekürtzt / theils weil man in Wollüsten und Uberfluß mehr Feind hat und Nachstellungen: theils weil man öffters zum Schaden der Gesundheit selbe mißbraucht: hingegen wann der Tag der zeitlichen Güther und Wohlfahrt kurtz ist / da ist der Schatten des menschlichen Lebens gemeiniglich länger.

Plinius lib. 12. c. 1. meldet von einem Baum / auf dessen Schatten ein Zoll ist geschlagen und willig bezahlet worden. 52 Noch theurer ware der Schatten eines Esels / um welchen ihrer zwey hefftig gestritten / oder wohl auch gar einander geschlagen haben: dann als sie bey heissem Sonnen-Schein mit einander über ein weites Feld giengen / und kein Hauß noch Baum antraffen / da wollte der / so dem anderen den Esel abgekaufft hat / an dessen Schatten sich niderlegen /da ruhen / und sich vor der Sonnen-Hitz zu schirmen ein gutes Recht zu haben vermeynend / der andere aber protestirte hefftig darwider und sagte; es habe ihm der Käuffer nur den Esel / nicht aber seinen Schatten abgekaufft und bezahlet: O wie manches mahl thut man in der Welt um den Schatten eines Esels / ich will sagen / um gar schlecht und nichtige Ding hefftig und hitzig streiten und zancken.

Viel schätzbarer ist gewesen der Schatten des Heil. Petri / welcher auch nur im Vorbeygehen die unheylsame Kranckheiten geheilet hat. Noch schätzbarer ist gewesen der Schatten Christi an dem Heil. Creutz /welcher den rechten Schächer überschattet zur vollkommenen Reu und Seeligkeit gebracht hat. Unter diesen Schatten [84] sollen wir uns begeben / und von Hertzens-Grund zu dem gecreutzigten Heyland ruffen: Sub umbra Alarum tuarum protege me. 53 Beschirme mich unter dem Schatten deiner Flügel. Aber noch eins mein Christlicher Leser: indem ich dich unter den Schatten des Creutzes weise / sollest du wissen / daß diejenige Trübsal / Beschwernuß- und Widerwärtigkeiten / so du in deinem geistlichen oder weltlichen Stand zu übertragen hast / gegen dem Creutz Christi gerechnet (obwohlen sie dich so hart ankommen / und so schwer zu seyn geduncken) wahrhafftig nichts anders als ein bloser Schatten seyen / ab dem du dich nicht beschwehren / sonder gedultiglich leyden sollest / so wird dieser Schatten des Creutzes dich beschützen von der Hitz des Göttlichen Zorns etc. 54

Der 3. Absatz
Der 3. Absatz.
Von dem Rauch.

Der Rauch ist ein lüfftige Materi / die von denen verbrennten Leibern durch die Krafft der Hitz ausgehet; dann das Wässerige und Lüfftige / so die Hitz nicht verzehren kan / das wird in einen Rauch verkehrt. Nachdem nun die Materi / so verbrennt wird / beschaffen ist / so ist auch der Rauch unterschiedlich /nehmlich mehr oder minder rein / dinn / wohlschmeckend und gesund / oder hingegen dick / unrein / übel schweckend und ungesund: und ein solcher Rauch ist dem Gesicht und dem Hirn schädlich und den Augen /Mund und Nasen beschwerlich / wie es die Erfahrnus gibt / wann zum Exempel ein ausgelöschte Unschlitt Kertzen rauchet. Der Rauch hingegen so von verbrennter Myrrhen / Mastix / Storax ausgehet / der ist annehmlich / gut und gesund / er stärckt das Haupt und erquicket die Nasen. Deßwegen kan auch der Rauch auf Gutes und Böses ausgedeutet werden. Dann erstlich gleichwie man auf glüende Kohlen ein Rauch-Werck Gewürtz-Werck oder Blumen-Werck leget / da steigt ein subtil und lieblicher Rauch auf: Also wann das menschliche Hertz von dem Feur der Liebe GOttes erhitzet und entzündet wird / da steigt ein subtil- und lieblicher Rauch des eyfrigen Gebetts und der Andacht der guten Anmuthungen und Vorsätzen gegen GOTT und den Himmel auf: wie geschrieben stehet: Ascendit sumus incensorum de orationibus Sanctorum, de manu Angeli coram DEO. 55 Der Rauch des angezündten Rauch-Wercks von dem Gebett der Heiligen. Und wiederum: Wer ist die /welche aufsteigt aus der Wüsten wie ein gerader Rauch / wie ein Geruch von Myrrhen / Weyrauch und allerley Specereyen? Eben dieses kan auch gesagt werden von dem heylsamen Rauch der Reu und Buß / welcher von dem reumüthigen Hertzen eines Bekehrten Sünders vermög der Contrition ausgehet /den graden Weeg zu GOtt aufsteiget / und ihme ein grosses Wohlgefallen / dem Menschen aber den grösten Nutzen verursacht / obwohl er gleich dem natürlichen Rauch die Zäher aus den Augen treibet.

Von diesem Rauch der Reu und Andacht kan in der Wahrheit gesagt werden / was der Ertz-Engel Raphael zu dem Tobias gesagt hat: Fumus iste omne genus dæmoniorum extricat. 56 Dieser Rauch vertreibt alle böse Gespenst der Teuffel.

Plinius der Naturkündige schreibet: wann man von der Lungen eines Esels einen Rauch mache / und ein Hauß darmit ausräuche / so werde alles kriechende Ungezifer daraus vertrieben. Ob nun deme also / lasse ich dahin gestellt seyn / aber gewiß ist es / daß der sittliche Rauch der Andacht und der Reu / so von dem Hertzen eines demüthigen einfältig- und gedultigen Menschen ausgehet / alles Ungezifer der Sünd und Laster aus der Seel und dem Gewissen vertreibe.

Hingegen wann der Rauch unrein / dick und übelriechend ist / da ist er schädlich / beschwehrlich und ungesund. Ein solcher schlimmer Rauch im sittlichen Verstand ist die eitle Ehr und der Hochmuth / die zeitliche Wohlfahrt und Menschen-Gunst / absonderlich die Gunst und Gewogenheit der grossen [85] Fürsten und Herren. 57 Dann erstlich steigt dieses zwar alles in die Höhe auf / breitet sich aus / und macht ein Ansehen /aber gar bald nimmt es wieder ein End / und verschwindet alles gleich wie der Rauch im Wind. Also bezeuget es David / da er sagt: Inimici Domini mox ut honorificati fuerint & exaltati: deficientes quemadmodum fumus deficiunt. 58 Die Feind deß HErrn so bald sie zu Ehren kommen / und erhöcht werden / da werden sie verschwinden / wie der Rauch verschwindet.

Der natürliche Rauch verblendet die Augen und verschwärtzet das Angesicht: auch der sittliche Rauch verfinsteret die Vernunfft / daß sie nicht siehet / was zu thun oder zulassen / was Nutz oder Schad seye /und verschwärtzet das Gewissen. Er besudelt es mit denen Schand-Flecken unterschiedlicher Sünden undExcessen.


Gleichfalls steiget von dem menschlichen Hertzen /als wie von einem brennenden Feur-Ofen so von dem Feur der hefftigen Versuchungen und Begierlichkeit entzündet ist / von disem / sage ich / steiget auf der schädliche Rauch der bösen Begierden und unordentlichen Anmuthungen etc. Dieser Rauch ist figurirt oder angedeutet worden in der heimlichen Offenbahrung Joannis / da geschrieben steht: Aperuit puteum abyssi, & exivit fumus sicut fornacis magnæ & obscuratus est sol de fumo putei. 59 Ein Engel thät den Brunnen des Abgrunds auf / und der Rauch von dem Bronnen stieg auf gleich wie der Rauch eines grossen Ofens / und es ward die Sonn verfinsteret. Und dannoch thun die blinde Menschen diesem Rauch / absonderlich dem Rauch / der menschlichen Gunst / der Gewogenheit grosser Fürsten und Herrn so eyfrig nachjagen / und selben so begierig hinein schlucken / und suchen sich / aber vergeblich / darmit zu ersättigen. Wie es unter viel anderen im Werck wohl erfahren und aufrichtig bekennt hat ein verdorbner Edelmann und geweßter Hoff-Herr eines Königs in Engelland / da er also gesprochen:


Vitam animas & opes Aulis impendimus omnes,
Præmia pro meritis quæ retributa putas?
Aula dedit nobis scripta notata papyro,
Et sine mente sonos, & sine corde manus. 60
Zu Teutsch wollte er so viel sagen:
Thut man das Leben / Guth und Blut
Zum Dienst des Hoffs anwenden:
Mit Worten ers bezahlen thut /
Weißt ab mit leeren Händen.

Nun urtheile ein jedwederer / ob es der Mühe werth und der Vernunfft gemäß seye / um ein so eitel und leeren / ja um einen so schädlich und ungesunden Rauch / das ist / um eitle Ehr und Menschen-Gunst sich also hefftig bewerben / und selben so theur /nehmlich um Guth und Blut an sich erkauffen / ja auch manches mahl mit Verlust und Hindansetzung der Seel und Seeligkeit einhandlen?

Der 4. Absatz
Der 4. Absatz.
Von der Finsternuß.

Tenebræ die Finsternus wird (wie der gelehrte Petrus Berchorius, und andere anmercken) also genennet à tenendo, weilen sie die Augen hält / daß sie nichts sehen können: dann sie ist ein dunckle des Luffts / so herkommt aus Abwesenheit des Liechts / und verursachet ein traurige Nacht. Deßwegen kan sie wohl mit dem Unverstand / Irrthum und Unwissenheit verglichen werden / dann gleichwie die Finsternuß den Lufft verduncklet / und die Farb / die Beschaffenheit oder das Aussehen der leiblichen Dingen verbirget /weil sie die Augen vom Sehen verhinderet: Also thut der Irrthum / Unverstand und Unwissenheit / absonderlich / wann sie von der Sünd herkommet / die Vernunfft verduncklen / und verursachen / daß sie nicht siehet / oder wahrhafftig urtheilen kan von der Sachen Beschaffenheit / zum Exempel von der Nichtigkeit der zeitlichen Güther / von der Heßlichkeit der Sünd /und Schönheit der Tugend / von der [86] Strenge der Gerechtigkeit / und Menge der Barmhertzigkeit GOttes etc. 61 Widerum die Finsternuß verhinderet den Wandersmann in dem gehen auf seinem Weeg / weil er nicht siehet / wo er daran ist / ob er nicht anstosse /ob er nicht in eine Grub oder Graben falle: Wie die Heil. Schrifft selber bezeuget. Qui ambulat in tenebris, nescit quo vadat. 62 Wer in Finsternuß wandlet / weißt nicht wo er hingehet. Auch die gemeldte sittliche Finsternuß verblendet den Menschen gar übel auf der Wanderschafft des zeitlichen Lebens / auf dem Weeg seines Heyls / daß er nicht siehet und erkennt die Gefahren seiner Seel / die Nachstellungen des bösen Feinds / die Stein der Aergernuß / die Gruben der bösen Gelegenheiten etc. 63 Der Weeg der Gottlosen ist dunckel / und sie wissen nicht wo sie hinfallen werden / sagt der weise Salomon: absonderlich wann der Weeg schlüpfferig / das ist / gefährlich oder verführerisch ist. 64

Ferners verursachet die Finsternus dem Menschen ein Forcht und Schrecken / wo auch kein Gefahr ist /absonderlich wann er alleinig / und weit von den Leuthen entfernt ist; Wann sich nur ein Maus oder Läublein rühret / da meynt er schon / es seye weiß nicht was. Hingegen minderet und vertreibt die Finsternuß die Schamhafftigkeit / deßwegen die / so ein Schand-oder Ubelthat gethan haben oder thun wollen / suchen und lieben die Finsternuß. Eben also die Unwissenheit und der Unverstand / so von der Sünd ist verursachet worden / macht das irrende und böse Gewissen forchtsam und erschrocken / öffters wo auch nichts zu förchten wäre / wie David beobachtet. Trepidaverunt timore, ubi non erat timor. 65 Sie haben ihnen geforchten / wo kein Forcht ware: Dominum non invocaveruut, weilen sie nehmlich allein waren / und GOtt nicht haben um Hülff angeruffen. Doch seynd diese Forchtsam und Erschrockene also beschaffen /daß sie sich in ihrer Finsternuß nicht schämen und scheuen zu thun / was sie sich bey hellem Tag / und vor denen Leuthen bey weitem nicht getrauten: von welchen geschrieben stehet: Confusione non sunt cofusi & erubescere nescierunt. 66 Sie haben sich in ihrer Schand nit geschämt / und haben sich nicht wollen schämen.

Endlichen gleichwie die nächtliche Finsternuß ein Feindin und Zerstörerin ist des menschlichen Gewerbs / des Handel und Wandels / und zum Schlaff oder Müßiggang anreitzet / die Menschen und Thier träg und verdrossen macht / ausgenommen die Nacht-Dieb / Ehebrecher und Strassen-Rauber / denen siefavorisiret oder günstig ist / und ihr böses Vorhaben beförderet: also auch die sittliche Finsternuß der sträfflichen Unwissenheit und des Unverstands verhinderet den Menschen sehr in Ubungen der Tugenden und verdienstlichen Wercken / sie reitzet ihne an zur Trägheit und Müßiggang. Von dieser Finsternus sagt Christus im Evangelio. Venit nox quando nemo poterit operari. 67 Es kommt die Nacht / da niemand würcken kan. Hingegen aber thut sie opera tenebrarum, die Werck der Finsternuß / das ist / die böse sündhaffte Werck nur gar zuwohl promoviren /beförderen und vertuschen. Absonderlich ist diese Finsternuß denen Geitz-Hälsen / den Unzüchtigen /denen Verläumderen und Neidigen günstig und bequem / ihre Laster (welche vor andern verlangen heimlich gehalten und vermäntelt zu werden) füglich auszuüben.

Aber aus diesen ihren freywilligen Finsternussen werden die Unbußfertige Sünder verstossen in tenebras exteriores, in die äuserste und höllische Finsternussen / welche noch weit ärger seynd / als die Egyptische Finsternussen / mit welchen GOtt zur Zeit des verstockten Königs Pharaonis das Egypten Land gestrafft hat / welche wie die H. Schrifft austrucklich bezeuget / so erschrecklich und dick waren / das mans greiffen konnte / und niemand den andern sahe / noch aufstund von dem Orth / da er war / in 3. Tägen / so lang sie gedaurt haben. 68

Es ist zwar die Finsternuß der Unwissenheit und des Unverstands an allen Menschen / doch absonderlich an denen Vorstehern und Obrigkeiten sehr schädlich und schändlich / gleichwie [87] wie es der Welt viel schädlicher ist / und wann die Sonn / als wann nur ein Stern verfinstert wird. 69

Die alte Heyden haben die Klugkeit oder Wissenschafft unter den guten Dingen für das allerbeste und edliste gehalten / den Unverstand und Unwissenheit aber für das ärgste unter den schlimmen Dingen. Unicum bonum est scientia, contra ignorantia unicum malum, sagte der Weltweise Socrates. Dieses hatte vor Zeiten wohl erkennt ein gewiser adelicher / reich und weiser Herr / der einen Sohn hatte / welcher mit dicker Finsternuß der Unwissenheit behafftet / und ein lauterer Idiot ware. Der Vatter führte ihne deßwegen zu dem Delphischen Oraculum Apollinis, und fragte um Rath / wie doch seinem unverständigen Sohn zu helffen wäre? das Oraculum gabe ihme zur Antwort /er solle ihn dem Silentio dem Stillschweigen widmen / und aufopfferen / dann das Stillschweigen seye das eintzige Mittel seinen unverständigen Sohn für gescheid zu verkauffen. Ja wann der Teufel / so sonst ein Vatter der Lugen ist / jemahl die Wahrheit geredt hat / so hat er es dißmahl gethan. Dann etiam stultus, si tacuerit, sapiens reputabitur. 70 Auch ein Narr /wann er stillschweiget / wird für weiß gehalten. Aber es thun diß Mittel die Unverständige manches mahl nicht in Obacht nehmen / indem sie gemeiniglich zu erst und am meisten das Maul brauchen / und seynd die Geschwätzigiste / mithin aber sich selber verrathen und zu schanden machen.

Der H. Geist gibt selber den Unterschied zwischen einem Weisen und Thoren / da er sagt: Oculi sapientis in capite ejus, stultus autem in tenebris ambulant. 71 Die Augen eines Weisen stehen in seinem Haupt / ein Narr aber gehet in der Finsternus. Und wiederum: Ich sahe die Weißheit / die übertraff die Thorheit als wie das Liecht die Finsternuß. Weilen nehmlich gleichwie einer / so in der Finstere umdappet / nicht weiß / wo er daran ist / bald da und bald dort anstosset / oder in eine Gruben fallt /also ein Unverständiger Mensch weist offt selber nicht / was er redet er irret sich da und dort / er fallt und fehlet gröblich in seinen Reden. Disem allem stimmt der Prophet Jeremias bey / indem er sagt: Erraverunt cæci in plateis. 72 Die Blinde / das ist / die Thorrechte Sünder / seynd irrgangen auf der Gassen. Daß man in einem weitem Feld oder dicken Wald irrgehe / ist sich so viel nicht zu verwunderen / aber auf der ordentlichen Gassen / allwo der Zulauf des Volcks ist / irr gehen / ist gar weit gefehlt: und also gehen irr die thorrechte und Unverständige / sie fehlen mit ihrem Urthel nicht nur in grossen schweren Sachen und Erkantnuß hoher Dingen / sondern auch in geringen und gemeinen / die sie gar leicht konnten und sollten wissen und verstehen / absonderlich in der Materi oder in Sachen / die das Göttliche Gesatz und der Seelen Heyl betreffen. O wohl ein höchst-schädlich u. schändliche Finsternuß des Verstands ist dises! mit dieser seynd absonderlich behafftet die Ketzer und Irrglaubige / welche dem Liecht der Wahrheit die Augen ihres Verstands nicht eröffnen wollen / und bey hellem Sonnenschein nicht sehen.

Es kan aber durch die Finsternuß auch noch die Demuth verstanden werden: inmassen gleichwie man einen Schatz oder Kleinod will sicher und verborgen haben / daß es nicht einem jeden unter die Augen komme / da thut man selbiges an einem finstern Orth in Geheim bewahren / also thun die Gerechte ihre geistliche Schätz / ich verstehe ihre Tugenden und gute Werck aus Demuth vor den Augen der Menschen verborgen und geheim halten / auf daß sie derselben durch die eitle Ehr nicht beraubt werden. 73 Eben der Ursachen halten sie sich auch selber gern still und einsam / sie erscheinen ohne Noth nicht viel vor denen Leuthen / und werden vor der Welt für einfältig und verächtlich gehalten / aber eben darum seynd sie mit dem Liecht der wahren Weißheit begabt / und werden zu gelegener Zeit aus der Finstere herfür gezogen werden / und auf einen Leuchter / zu Ehren / gesetzt / auf daß sie allen leuchten / die in dem / das ist /in der Kirchen GOttes seynd. 74

[88]
Fußnoten

1 Gen. c. 1. v. 10.

2 Die Beschaffenheit des Meers.

3 Bewegung deß Meers und woher sie komme.

4 Eccli. c. 43. v. 26.

5 Das Meer ist sehr gefährlich und beschwehrlich zu schiffen.

6 Indisch- und Sine sischer Lust- und Staats-Garten.fol. 1397.

7 Maria wird mit dem Meer verglichen.

8 Eccli. c. 1. v. 7.

9 Gen. c. 1. v. 2.

10 Luc. c. 1. v. 35.

11 Seltzames Graß und Blumen-Meer auf die Mutter GOttes applicirt.

12 Indisch- und Sinesischer Lust- und Staats-Garten.fol. 67.

13 Isaiæ c. II. V. 1.

14 Apoc. c. 15. v. 2.

15 Die Schmertzen Mariä seynd gleich dem Meer.Thren. c. 2. v. 13.

16 Tom. 3. Serm. 6.

17 Die Welt wird mit dem Meer verglichen.

18 Isaiæ c. 52. v. 20.

19 Psal. 68. v. 3.

20 Job. C. 14. v. 1.

21 Scylla und Charybdis was sie seyen.

22 Meer-Strudel bey Norwegen.

23 Wird applicirt.

24 Wunderbarliche und bezühmte See.

25 Zeitliche Güther und Wollüst werden mit einem See verglichen.

26 Stehendes See-Wasser ist ein Sinnbild des Geitzes.

27 Cola Pesce der verwunderliche Wassermann.

Historia aus dem Indisch- und Sinesischen Lust und Staats-Garten gezogen.

28 Psal. 68. v. 2.

29 Das Liecht ist sehr schön fürtrefflich und nothwendig in der Welt.

30 Eccli. c. 11. V. 7.

31 Joan. c. 3. v. 20.

32 Tobiæ c. 5. v. 12.

33 Joan. c. 8. v. 12.

34 Der Sohn GOttes ist ein sittliches Liecht der Welt / das wird vielfältig erwiesen.

35 Malach. c. 3. v. 6.

36 Sap. c. 7. v. 26.

37 Marei. c. 15. v. 28.

38 Vier absonderliche Eigenschafften oder Fürtrefflichkeiten des Liechts werden Christs applicirt.

39 Eccli. c. 24. v. 5.

40 Psal. 18. v. 6.

41 Psal. 44. v. 3.

42 Joann. c. 1. v. 3.

43 1. Cor. c. 4.

44 Was dann Christus für ein Liecht seye?

Exodi c. 13. v. 21.

45 Joan. c. 14. v. 6.

46 Die Vernunfft und Weißheit wird durch das Liecht beditten.

47 Matth. c. 5. v. 16.

48 Eccli. c. 6. v. 18.

49 Was der Schatten seye?

50 Das sterbliche Leben wird durch den Schatten angezeigt.

Psal. 101. v. 12.

51 Job. c. 8. v. 9.

52 Der Schatten wird hoch geschätzt.

53 Psal. 16. v. 6.

54 Schatten des Creutzes was er seye.

55 Der Rauch der Andacht der Reu und Buß ist nutzlieblich und kräfftig.

Apoc. c. 8. v. 4.

56 Tobiæ c. 6. v. 8.

57 Eitelkeit / zeitliches Glück und Menschen Gunst ist ein leerer schädlicher Rauch.

58 Psal. 36. v. 20.

59 Apoc. c. 9. v. 2.

60 Das Hoff-Danck ist schlecht.

61 Irrthum und Unwißenheit ist ein Finsternuß des Verstands.

62 Joann. c. 12. v. 35.

63 Die Finsternuß der Sünd ist sehr schädlich.

64 Prov. c. 4. v. 19.

65 Psal. 13. v. 5.

66 Jerem. c. 6. v. 15.

67 Joan. c. 9. v. 4.

68 Exodi c. 10. v. 22.

69 Die Wissenschaft ist ein grosses Gut und die Unwissenheit ein grosses Ubel.

70 Prov. c. 17. v. 28.

71 Eccli. c. 2. v. 14. & 13.

72 Thren. c. 4. v. 14.

73 Demuth wird durch die Finsternus beditten.

74 Matth. c. 5. v. 15.

VIII. Von denen Metallen
Der 1. Absatz
Anhang zu dem Gold
Anhang zu dem Gold.
Von dem Goldmachen.

Obwohl die freygebige Natur / wie ich in vorgehendem Titul gemeldet hab / in unterschiedlichen Bergen und Flüssen der Welt vieles Gold reichlich spendiret /so will es doch dem angebohrnen und unersättlichen Geitz der Menschen nicht erklecken / sondern es heißt da: Ars est simia naturæ, gleichwie die Affen denen Menschen fast alles wollen nachmachen / also will die Kunst in Herfürbringung des Golds der Natur es nachthun. 20 Es bemühen sich nicht wenig / die in derAlchymi oder Kunst die Metallen zu scheiden etwas erfahren seynd / aus / weiß nicht was für allerley Materi den wahren Lapidem Philosophicum heraus zu bringen / und vermittelst desselben / anderes Metall in reines Gold zu verwandlen. Zu diesem End bemühen sie sich unendlich viel / sie studiren und speculieren /probiren / laboriren / proceßiren Tag und Nacht / eine auf dise / andere auf andere Weiß und Art. Ob es nun möglich sey durch die Kunst und würcklich wahres Gold zu machen / oder ob es bey einer puren Speculation verbleibe / das will ich da nicht disputirlich ma chen / sonder dahin lassen gestellt seyn. Ich will auch nicht taxiren / oder tadlen diejenige so fleissig als kunstreiche Laboranten / die mit ihrer Müh und Kunst nichts anders intendiren / oder suchen / als zu erforschen und der Welt die geheime Krafft und Würckung der Natur zu zeigen / und zu erweisen / wie selbe so wunderbarlich procedire in Verwandlung eines Metalls oder anderen Dings in das andere etc. Ich will auch nicht urtheilen diejenige / welche durch ihre Kunst und Fleiß kein anderes Zihl und End haben /als ein Gold Artzney weiß zu Erhaltung der Gesundheit zu wegen zu bringen etc. Aber diejenige welche aus sträfflichem Fürwitz / ohne gründliche und genugsame Wissenschafft und Erfahrenheit / aus eitel Geitz und unmäßiger Begierd reich zu werden / sich unterstehen wahrhafftes Gold zu machen / welche zu disem End alle Zeit und Mittel anwenden und verschwenden / sich selbst und die ihrige in Bettel und Armuth stecken / welche die Leuth mit falschem Schein / und leerer Hoffnung betrügen / sie um das ihrige bringen /und das Geld aus dem Beutel schwätzen / welche so hartnäckig und eigensinnig wider alles Einrathen und vernünfftige Einwürff dannoch in ihrem vorgenommen und eingebildeten Goldmachen unabläßlich verharren / auch nachdem es ihnen schon hundert mahl gefehlt hat / nachdem schon so offt das Silber samt der Hoffnung [95] aus dem Digel und Brenn-Ofen zum Camin ausgefahren und im Rauch aufgangen ist /nachdem sie schon so offt an statt der 10. Ducaten /die sie eingesetzt / etwann kümmerlich wiederum 5. oder gar nichts haben herausgenommen / dise / sage ich / so verbeinte und so vernarrete Goldmacher kan ich nicht ohngerupfft und ohngezupfft passiten lassen: sondern ich sag ihnen frey / und ohne Scheu / was es mit ihrem Goldmachen sey / nehmlichen:


Goldmachen ist ein solche Kunst /
Bey der die Zeit unds Geld umsonst:
Ja wanns allzeit dem Recht nachgieng /
Der Künstler offt am Galgen hieng:
Dann mehrentheils ists nur Betrug /
Ein falscher Schein / und lauter Lug. 21
Die Kunst bringt gern um Haab und Guth /
Offt noch darzu um Leib und Blut.
Drum rath ich euch verlaffet sie /
Weils ja nichts nutzt und kost viel Mühe.
Es soll euch ja ein Warnung seyn
Der Schad / die Schand und Hertzens-Pein
Der schon so viel eures gleichen
Nicht haben können entweichen /
Eh sie euch gibt den letzten Stich /
Sagt / vor der Kunst GOtt b'hüte mich.

Dann wahrhafftig wie der hocherfahrne P. Kircherus S.J. anmercket / die sich gar zu starck auf die so mißliche Kunst des Goldmachens ergeben / denen stellt der Teufel gemeiniglich absonderlich nach: als welcher gar wohl weißt / daß die unmäßige Begierd reich zu werden / ein starckes und sich weit ausstreckendes Garn seye / die Menschen zu fangen: indem es gar offt geschieht / daß / indem die Goldmacher gar zu eyfrig und begierig seynd / sie unsägliche Mühe und Kosten darauf wenden / und doch immerdar einen Fehler oder Verhindernuß finden / wordurch sie eine Zeitlang zwischen Forcht und Hoffnung aufgezogen und angetrieben werden / immer mehr nachzuforschen / und ihre Mittel daran zu wagen. Endlich aber /indem sie keinen Ausgang finden / gerathen sie in Verzweifflung / begeben sich auf aberglaubisches Schatz-Graben und Teufels-Künsten / und lassen sich mit dem bösen Feind in Gemeinschafft und Bündnuß ein / von dem sie doch schändlich betrogen werden /sie finden kein Gold und verliehren die Seel. Viel dergleichen Traur-Fäll und leydige Casus seynd bey Delrio, Pererio und anderen zu sehen.

Wer der erste Goldmacher gewesen sey / ist nicht leicht zu errathen: doch können meines Erachtens die arme Goldmacher gar wohl den reichen Midas einen König in Phrygien / für ihren Principal und Heer-Führer erkennen / und verehren. 22 Dann diser (wie die Poeten dichten) als er einstens den Gott Bacchum gastirt und wohl bewirthet hatte / bekame er zur Recompens von Baccho die Erlaubnuß ein Gnad zu begehren oder zu wünschen / was er immer wolle / mit Versicherung daß er es erhalten solle. Der geitzige Midas aber wünschte ihm nichts mehrers / als daß alles / was er immer anrühre / zu lauter Gold werden sollte. Der Gott Bacchus lachte zwar über dieses thorrechte Begehren: doch sein Wort zu halten / hat er ihne seiner Bitt gewähret / ja es soll geschehen. Midas ware voll der Freuden / weilen er die Goldmacher Kunst so leicht und bald ergriffen: Er tastete eylends bald dieses bald jenes grosse Stuck Holtz oder Stein an / und alles wurde unverzüglich in lauter Gold verwandlet. Als ihn aber Lust zum Essen ankommen / da setzt er sich zur Tafel / langet nach Speiß und Tranck: so bald er aber einen Bissen oder einen Trunck hat angerührt /und mit diesem dem Mund zufahren wollen / da ist augenblicklich alles zu lauter Gold worden / welches er ja weder essen noch trincken konnte / und also von Hunger und Durst gewitziget / hat lernen müssen /wie thorrecht er gehandelt habe. Er bate deßwegen die Götter auf ein neues / sie wollten doch diese allzugrosse Gnad / [96] oder vielmehr Straff und Plag ihme wiederum ab und zuruck nehmen / und an statt eines Klumpen Golds ein Stuck Brod vergonnen / den Hunger zu stillen. Sie habens auch gethan / und sich über ihn erbarmt mit Befehl: er solle sich in dem Fluß Pactolo baden / worvon dieser Fluß das Gold-Sand zu führen angefangen hat. Doch hat der Gott Apollo ihme zur Straff und Angedencken seines närrischen Wunsches an statt der Königlichen Cron ein langes paar Esel-Ohren aufgesetzt und wachsen lassen.

Ich lise von gewisen Indianer / bey welchen das Gold / wie gemeldet worden / so häuffig ist / daß wann sie von ihrem König zu Gast geladen werden /da thun sie für ein Zierd ihren gantzen blosen Leib mit Gold überschmieren / auch mit vielen guldenen Adlern sich behencken. Aber die jetzige Goldmacher vermögen mit all ihrer Kunst nicht einmahl einer Mucken die Flügel / will geschweigen / sich selber gantz zu vergulden oder guldene Adler aufzubringen. Ihr Hertz und ihre Gedanchen seynd zwar verguldet /ja voller Gold / aber nur in der Begierd und eitlen Hoffnung: in der Sach selbsten aber bleiben sie arm /oder wann sie es lang treiben / werden sie doch arm.

Dise Goldmacher kommen mir vor als wie desÆsopi Hund: dieser hat ein gutes Stuck Fleisch erwischt / mit diesem laufft er bey hellem Mond-Schein über einen Steeg / und siehet im Wasser in dem Schatten einen andern Hund / der noch ein grösseres hatte / er war ihm neidig darum und möcht es gern haben: als er aber das Maul aufthät / und darnach schnappte / ließ er sein eigenes ins Wasser fallen /verlohre es / und noch weniger bekame er ein grösseres. 23 Eben also die etwas Mittel haben / und aus Geitz sich hinter das Goldmachen lassen / und in Hoffnung reicher zu werden / ihr Geldlein darwenden / die bekommen von neuem nichts und verliehren das Alte: die Hoffnung zu dem Gold fallet in das Wasser /und das Silber verschwindet in dem Lufft oder gehet in dem Rauch auf.

Es kan zwar das Gold füglich auch mit der Weißheit / ja mit der Tugend insgemein verglichen werden wegen seiner Schön- und Kostbarkeit / wegen dem Glantz und der Reinigkeit / wegen dem schweren Gewicht / der Daurhaffte und Nutzbarkeit. Aber das Goldmachen (verstehe das so mißlich und betrügliche Goldmachen) ist weder ein Tugend / noch ein Weißheit / sonder vielmehr ein Laster und Thorheit: inmassen es ja ein Thorheit ist / sein Haab und Gut in ein so mißliches und gefährliches Spiel setzen / welches so selten wohl / gemeiniglich aber sehr übel ausschlagt: Ein Laster aber und Boßheit ist es / weilen es ehrlichen Leuthen durch leere und betrügliche Hoffnung / durch falschen Schein das ihrige abnehmen /das Geld aus dem Beutel schwätzen / und in das Verderben bringen thut.

Nun sihe ich ein andere weit sicher- und richtigere Kunst Gold zu machen / die unvergleichlich nützlicher und einträglicher ist: nehmlich aus eisenen und bleyenen Wercken lauter silberne und guldine zu ma chen das ist / aus indifferenten Wercken / die an ihnen selber weder gut noch böß seynd / und keinen Werth oder Verdienst haben / als wie lesen / schreiben / gehen etc. GOtt gantz gefällig und hochverdienstlich zu machen. 24 Diese Kunst aber bestehet in dem / daß wir alles / was wir thun und lassen / aus reiner guter Meynung und aus Liebe GOttes thun /dann weil die Liebe / wie erwiesen worden / dem Gold gleichet / so thut sie all unsere Werck / die aus Lieb GOttes geschehen / gleichsam vergulden / ja zu lauter Gold machen. Diese Kunst und Weiß geistliches Gold zu machen / lehren und rathen die H H. Vätter und alle geistliche Lehrer: Ja Christus der HErr selbsten hat sie mehrmahlen seinen Liebhabern als höchst nutzlich und verdienstlich persöhnlich gerathen und anbefohlen. Dise gut und reine Meynung /wann sie von Hertzen gehet und zum öfftern wiederholet wird / ist der wahre Lapis Philosophicus oder Gold-Stein / der andere Materien / die erberührt / in Gold verwandlet. Da hingegen [97] alle obwohlen vor den Augen der Menschen höchst ansehnlich und hochgepriesene Werck ohne die Liebe und gute Meynung /als gantz nichtig und unnutz von GOtt angesehen / ja gäntzlich verworffen werden; darumen ermahnet uns der Apostel getreulich / sprechend: Ihr esset oder trincket / oder thut etwas anders / so sollt ihr alles thun zu der GOttes Ehr. 25

Wann man endlich ja auch sichbarliches und Materialisches Gold haben will / so gibt es noch wohl eine zuläßliche und sichere Weiß und Art / Gold oder Geld zu machen: und dise bestehet kürtzlich in deme / daß der Mensch nach seiner Stands-Gebühr auf ein oder andere Wissenschafft / freye Kunst / ehrliches Gewerb / oder Handthierung mit beständigem Fleiß sich begebe und derselben emsig oblige / oder wann es sein Stand zulasset / ein Æconomie oder Haußhaltung mit Nutzen und Vortheil / klug und vorsichtig anstelle /mäßig lebe / in der Kleydung / Nahrung und in dem Hauß-Geräth / Recreation etc. keinen Uberfluß ihme selber und den Seimgen gestatte: forderist aber durch tägliches Gebett den Göttlichen Seegen fleißig erbitte / und beynebens der Wercken der Barmhertzigkeit /absonderlich deß Allmosens nicht vergesse. 26 Auf solche Weiß sage ich / wird man leicht so vil Gold machen / welches wo nicht zur Reichthum und Uberfluß / doch zur Nothdurfft und ehrlichen Unterhalt erklecken mag.

Der 2. Absatz
Anhang zu dem Silber und Geld
Anhang zu dem Silber und Geld.
Von dem Schatz graben.

Denen Goldmachern / von welchen ich in dem vorgehenden Absatz gehandelt habe / seynd die Schatzgraber in primo gradu affinitatis verwandt; dann wann die Goldmacher an ihrer Brod-losen Kunst verlegen /oder verzweifflet seynd / oder wann ihre Mittel schon alle darauf gangen seynd / da begeben sie sich gern auf das Schatzgraben / als ihre letzte Zuflucht / des Bettlens sich zu erwehren. 39 Beyde ligen / wie man zu sagen pflegt / in einem Spital kranck / und leiden an einem Zustand / nemlich / sie haben die Gelb- oder Gelt-Sucht / das ist / die Begierd nach Gut und Geld. Ich weiß aber nicht / welche aus beyden armseeliger /mehr Lachens- oder Bedaurens-würdig seynd. Jene


Wollen Gold machen / und könnens doch nit
Diese aber
Wollen Gold suchen / und finden es nicht.

Die Goldmacher kommen zwar mit leeren Händen jedoch ungeschlagen darvon: die Schatzgraber hingegen verliehren zwar nichts darbey / sie werden aber offt vom Teuffel jämmerlich verschlagen / und därffen doch kein Wörtlein sagen. Aber sie lassen sich nicht abschröcken / wann sie schon viel Ungemach / viel Mühe und Arbeit / ja auch viel Forcht und Schröcken müssen ausstehen. Ist alles der Mühe werth / sagen sie / vielleicht ligen so und so viel tausend Gulden da vergraben. Es heist da bey ihnen


Tune cede malis, sed contra audentior ito.

Viel verhoffen / lang verharren
Macht d'Schatzgraber gern zu NN.

Dann die sich aus Geitz und Geldgierigkeit auf das Schatzgraben begeben / so bald sie hören oder ihnen traumen lassen / daß unter einer alten Mauer oder zerfallnen Gebäu / in einem Keller / in einer Höhle oder Berg-Klufft ein Schatz solle begraben seyn / da seynd sie so eyfrig und begierig darauf / daß sie all ihre Sinn und Gedancken dahin stellen / wie sie ihn erheben und bekommen mögen. 40 Sie seynd weit mehr beflissen / das Geld in der Erden / als GOtt in dem Himmel zu suchen. Zu diesem End muß ein aberglaubische oder aufs wenigst sehr verdächtliche [102] Glücks-Ruthen /ja offt der Teuffel selbst durch einen heimlichen / wo nicht offentlichen Pact verhülfflich seyn / und das beste thun. Wann schon der böse Feind in Gestalt der Schlangen / Krotten / grausamer schwartzer Hund etc. auf dem vergrabenen Geld liget / und selbes verwahret / wann schon das alte Gemäuer / oder die untergrabne Berg oder Erd-Klufften das Einfallen und die Uberschüttung betrohen / so wagen sie es gleichwohl / sie setzen das Gewissen auf die Seiten / sie geben Leib und Leben in die Gefahr / alles nur aus Hoffnung ein Stuck Geld zu erheben und reich zu werden. O blinde Thorheit!

Was nimmt es aber für einen Ausgang / was gewinnen sie darmit? gemeiniglich wenig / oder gar nichts /selten wird man von einem hören / der mit Schatzgraben seye reich worden / wohl aber bettel arm: dann nachdem sie sich lang genug bemühet haben / und auch Kösten daran gewendt / nachdem sie der Teuffel lang genug für einen Narren gehabt / mit leerer Hoffnung aufgezogen / geschrecket und geplagt hat / da müssen sie endlich unverrichter Sachen abstehen /und mit leeren Händen abziehen / offt aber büssen sie gar das Leben ein / und werden aus Schatzgraber /ihre selbst eigene Todtengräber.

Also ist es jenem ergangen / welchem ein Zauberer einen Schatz gezeigt hat / so unter einer Höle vergraben lag / als nun dieser in Beyseyn seines Freunds selben wolte ausgraben / ist er zwar zu einer grossen Kisten kommen / bey welcher aber ein greulicher schwartzer Hund lage / welchen er zu vertreiben / und die Kisten auszuheben sich bemühte: der Hund aber wolte ihm den Gefallen nicht thun / er ware nicht so höfflich / daß er einen Schritt auf die Seiten gienge: unterdessen aber ist die Grub eingefallen / und hat den unglückseeligen Menschen lebendig vergraben. 41

Also ist es auch ergangen jenen 10. Schatzgrabern zu Magdeburg / welchen der böse Feind zwar viel von Silber und Gold geoffenbart hat / als sie aber denselben reichen Schatz wolten ausgraben und erheben / da ist ein alter Thurn eingefallen / und hat sie allesamt jämmerlich erschlagen. Wiederum ein anderer / wieAndreas Tenetus schreibt / als er würcklich beschäfftiget ware mit Ausgrabung eines Schatz / ist er selbst in die Tieffe gesuncken und lebendig von der Erden verschluckt worden.

Ferners ein gewisser Advocat zu Lyon in Franckreich gienge bey nächtlicher Weil mit seinen Gesellen an ein Ort / von deme man viel sagte / daß ein Schatz alldorten solte begraben seyn: diese / nachdem sie den Teuffel / so gut sie vermochten / beschworen haben /fiengen an mit Pickel und Schauffeln zu graben: aber sie hörten alsobald ein jämmerliches Geschrey und grausame Stimm eines nahe darbey auf dem Rad ligenden Menschen / welcher überlaut ruffte: Fanget die Dieb / fanget die Dieb! worüber die Schatzgraber erschracken / und eilends alle davon geloffen seynd. Aber der Teuffel hat schnellere Flügel als diese Nacht-Vögel / er hat sie auf dem Weeg verfolgt / und biß zu dem Hauß des Advocaten gewaltig abgeprügelt.

Nicht besserer ist es ergangen jenem Frantzosen /der mit seinen Gesellen unweit von Pariß einen vergrabenen Schatz verkundschafftet hat / auch so weit darmit kommen ist / daß er ihne würcklich ausgegraben hat: und als er vermeynte das Küstlein mit Geld schon allbereit in Händen zu haben / da wurde es ihm gehlingen durch einen ungestümmen Wind widerum entrissen und hinweg geführt: zugleich fiele ein gutes Stuck von einer Maur auf ihn / worvon er sein Lebtag hat hincken müssen. Noch viel andere dergleichen Begebenheiten konnte ich beybringen.

Also wahr ist / was der Apostel 1. ad Tim. c. 6. schreibet: Qui volunt divites fieri, incident in tentationem & in laqueum diaboli etc. Die reich werden wollen / fallen in Versuchung / und Strick deß Teufels / in viel thorrechte und schädliche Gelüst / welche die Menschen ins Verderben / und Verdammnuß versencken, Und wiederum: Radix omnium [103] malorum est cupiditas. Der Geitz ist ein Wurtzel alles Ubels.

Aber weit glückseeliger als die obgemeldte in Erfindung eines Schatzes ist gewesen Tiberius ein griechischer Kayser / welchem ein Creutz denjenigen grossen Schatz / so Narses ein geweßter gewaltiger Kriegs-Obrister vergraben hat / aus sonderbarlicher Schickung GOttes angezeigt und entdecket hat / weilen er sehr freygebig gegen den Armen ware / welchen er auch erhebt und nutzlich angewendt hat. Noch glückseeliger ist gewesen ein gottseeliger Priester aus der Gesellschafft JEsu / der in seinem Tod-Bett den grösten Schatz gefunden hat: Dann als er sich noch beym Sterben im Angesicht und in den Gebärden gantz frölich erzeigt hatte / und die Ursach dessen befragt wurde / gab er zur Antwort: wann einer einen grossen Schatz von Silber / Gold und Edelgestein vor ihm sahe / und versichert wäre / daß selber ihm zu theil und eigen werden solle / dardurch ein Adeliches Land-Gut zu erkauffen / wurde er nicht lustig und frölich seyn? nun aber / sagte er / sihe ich vor Augen einen unendlichen Schatz / nemlichen / die Verdienst /das Leyden und Sterben Christi JEsu / und bin versichert / daß ich diß alles mein eigen machen / und das Himmelreich dardurch erkauffen kan / so habe ich mich ja billich zu erfreuen. 42 Eben auf solche Schatz-Gruben der HH. fünf Wunden gibt uns den Fingerzeig der Heil Bernardus sprechend: Bonus thesaurus, bona Margarita, quæ fosso agro corporis JESU invenitur. 43 Ein herrlicher Schatz / ein kostbares Perlein / so in dem Acker des durchstochenen oder durchgrabenen Leib JEsu gefunden wird. Ja Christus der HErr selber lehret uns Schatzgraben / da er sagt: Simile est regnum cœlorum thesauro abscondito in agro etc. 44 Das Himmelreich ist gleich einem ver borgenen Schatz im Acker / um diesen Schatz sollen wir uns bewerben / und alles daran wenden; dann wann wir diesen finden / so seynd wir reich genug und ewig glückseelig.

Als einstens der König in Spanien einen Abgesandten an die durchleuchtige Republic zu Venedig abgeschicket hatte / da haben die Venetianer diesem Gesandten unter andern Ehr-Beweisungen auch ihren Schatz gezeiget / benanntlich neben andern Kostbarkeiten viel grosse Truhen voller Gold. Der Abgesandte besahe sie gar eben / lächelte darzu / und fragte: Ob diese Kisten und Kästen auch einen Boden haben? und als man ihm mit ja geantwortet / sagte er / aber meines Königs seine Schätz / Küsten und Kästen haben keinen Boden. Er alludirte nehmlich auf die reiche Gold und Silber-Gruben / welche Spanien im Reich Peru in America oder West-Indien besitzet. Ein Schatz-Kasten ohne Grund / das ist / ein unendlicher Schatz-Kasten ist das gebenedeyte Hertz JESU / als in welchem alle Schäz der Weißheit und Erkanntnuß verbogen ligen. 45 Aus diesem Schatz kan und soll ein jeder nach Belieben heraus nehmen alles / was ihme nothwendig ist / die Verdienst / die Gnad / die Freyheit und das Leben / ohne daß der Schatz an sich selber jemahl im geringsten abnehme.

Der 3. Absatz
Der 3. Absatz.
Von dem Zinn, Kupffer und Eisen.

Das Zinn Stannum oder Weiß-Bley ist die dritte Gattung der Metallen / es bestehet aus einem etwas reinen und feinen Mercurio, aber mit Vermischung eines scharpffen und unzeitigen Schwefels / deßwegen es auch gegen dem Silber und Gold gerechnet (als welches viel dicker und vester ist) unter die weichere und geringere Metall gerechnet wird. 46 Der Güte nach ist das Zinn unterschiedlich: das beste so in unsern Landen gebräuchlich / ist das Englische / und hernach das Böhmische Zinn. Das Zinn wird ferners in 3. Sorten oder Gattungen abgetheilt / das erste ist das glatte Zinn / welches auch das rechte und pure ist / das zweyte ist das Klingende / welches mit Kupffer /Zinck und Wißmuth [104] vermischt ist / welche Sachen ihm den Klang geben: die dritte ist die gemeinste und mit Bley vermischte Art.

Ubrigens wird das Zinn wie andere Metall aus denen Bergen gegraben. Das Zinn zertheilt die unterschiedliche Metall und söndert sie ab von einander /und erhaltet sie vom Verbrennen. Es ist schön weiß /und werden die Spiegel mit ihm gemäßiget / und auch das Bleyweiß daraus gemacht.

Durch das Zinn kan die Klugheit und Unterscheidungs-Krafft verstanden werden. 47 Dann gleichwie das Zinn ein Metall von dem andern unterscheidet /und absönderet / also thut diese Tugend und Klugheit das Böse von dem Guten / und das Gute von dem Böseren unterscheiden und absönderen. Widerum gleichwie die Klug- und Mäßigkeit alle andere Tugenden leitet und beschützet / ohne welche sie wurden zu Grund gehen und keine Tugenden mehr wären; dannvirtus consistit in medio, die Tugend bestehet in einer Mittelmäßigkeit zwischen 2. äussersten Dingen / als zum Exempel die Tugend der Hertzhafftigkeit haltet das Mittel zwischen der Vermessen- und Zaghafftigkeit / die Tugend der Freygebigkeit trifft das Mittel zwischen dem Geitz und der Verschwendung etc. hingegen alles was zu viel oder zu wenig / das ist kein Tugend mehr / sondern es ist Mangel- und Tadelhafft. Also thut auch dieses Metall das Zinn wegen seinem mittelmäßigen Temperament zwischen anderen Metallen mittlen und sie erhalten; dann obwohlen das Eisen und Ertz sehr hart ist / so wird es doch weich / wann es ohne Vermischung des Zinns in das Feur kommt /verbrennt. Auch die Tugenden haben keinen Bestand in dem Feur der Verfolgung / wann sie nicht mit diesem sittlichen Zinn der Klugheit und der Discretion vermengt wird. Ferners gleichwie die Spiegel mit dem Zinn / so man ihnen hintersetzt / gemäßiget werden /und gleichsam eingeschränckt / ohne welches man nur dardurch / nicht aber sich selbst darinn sehen wurde /also müssen alle andere Tugenden von der klugenDiscretion gemäßiget und eingeschränckt werden /auch die Weißheit selber: non plus sapere, quam oportet sapere, damit man nicht gar zu gescheid seyn wolle.

Cuprum das Kupfer ist unter denen geringen Metallen eines der fürnemsten / und bestehet aus einem Purpur-Farben Schwefel / mit etwas Vitriol und Mercurio vermischt. 48 Von dem Purpur-rothen Schwefel bekommt es die rothe Farb / von dem Vitriol die Blumen / oder sogenanten Grünspan: daß es aber etwas wenigers als das Bley und Zinn flüßig ist / das ist dem zimlich wohl figirten Mercurio zuzuschreiben: und eben darum wird es auch sehr gern mit dem Gold und Silber vereiniget / und gibt gleich dem Silber eine schöne blaue Tinctur von sich: Es behaupten einige /daß wann man dem Kupfer mit Vortheil die rothe Farb benemme / es selbst zu Silber werde / und wann mans mit dem Gaum vermische / die schöne Farb des Golds an sich nemme und zu einem Meßing werde. Neben dem / daß das Kupfer von Natur schier ins gemein etwas Gold mit sich führet. Es werden auch von dem Kupfer / als wie von andern Metallen viel Præparata gemacht: und hat man in der Medicin ad darvon oleum crocum, spiritum tincturam, sal und flores.

Ubrigens ist das Ertz / wann es unvollkommen ausgearbeitet oder ausgekocht ist / eben das Kupfer / und hat den Nahmen von der Insul Cypern / allwo es zu erst erfunden worden / wann es aber sein Vollkommenheit erreicht hat / wird es lediglich æs Ertz genennt: und endlich wann es polirt ist / und glantzend gemacht / da wird es Rausch-Gold aurichalcum, welches in dem Glantz dem wahren Gold nachahmet.

In sittlichem Verstand mögen wohl durch dieses Metall die Schmeichler verstanden werden; inmassen es zwar schön und sonor ist oder wohlklingend / und einen guten Thon gibt / aber es ist ungesund / wann man Speiß darinn kochet / oder daraus trincket. 49 Also auch die Schmeichel-Reden in [105] dem Mund der Schmeichler seynd / zwar schön und zierlich gestellt /sie lauten wohl / sie geben einen guten Klang in den Ohren dessen / der gelobt wird: aber wann sie zu dem Hertzen eintringen / da seynd sie sehr schädlich: inmassen der Schmeichler nichts als unter falschem Schein der Freundschafft seinen eignen Nutzen sucht /auch mit Schaden dessen / dem er schmeichlet. Adulatio est falsa laude seductio, sagt der Heil. Augustinus. 50 Der Schmeichler thut mit falschem Lob verführen. Gleichwie aber das Kupfer gar leicht verrost /und sein Schönheit verliehrt / wann es nicht zu Zeiten mit Oel geschmieret wird / also werden auch die schöne Schmeichel-Wort und Lob-Reden bald aufhören /wann du nicht zum öfftern das Oel der Freygebigkeit /der Schanckungen oder anderer Gefälligkeiten zugiessest.

Das Eisen ist ein Metall / welches mehrentheils bestehet in einer guten quantität säurlichen Saltzes und fixer Erden / sprödem Schwefel / und wenigem Mercurio. 51 Das Eisen ist hart und schwer / und laßt sich ungern schmeltzen / worzu ein grosses und starckes Feuer vonnöthen ist / welches endlich es als wie ein kleines feuriges Bächlein aus dem Schmeltz-Ofen fliessend macht. Die Schwere und Härte des Eisens / wie auch / daß es sich nicht so leicht schlagen laßt /kommt her von häuffig beygemischter Erden und wenigem Mercurio, hingegen der beygesellte Schwefel /und das säurliche Saltz verursacht / daß es leicht rostig wird. Wann der bessere Theil des Eisens auf seine gewisse Art noch mehr gehärtet und purificirt wird / da gibt es einen Stahl ab / der sich gar schön und subtil arbeiten / und poliren oder schleiffen und glantzend machen laßt. Das Eisen wird aus denen Bergen in die Schmöltz-Oefen und Hammer-Schmidten gebracht / allda in starcke Stangen geschmiedet /und zum Verkauff behalten.

So häuffig und gemein bey uns das Eisen ist / für so rahr und kostbar wird es an vielen Orthen in Indien / wo hingegen die Menge des Golds zu finden ist / gehalten / allwo man einem Europäer / so dahin kommt / gar gern für eine Axt oder Messer etc. einen grossen Klumpen Gold gibet. Der erste Eisen-Schmidt ist gewesen der Tubalian, nicht lang nach Erschaffung der Welt / daß also die Schmidt sich wohl ihres alten Herkommens rühmen mögen.

Es ist dieses das nothwendig oder dienlichste Metall zu gar unterschiedlichem Gebrauch / und vielerley Instrumenten oder Werckzeug / so man absonderlich in dem Bauen / und in dem Krieg / Waffen daraus zu schmieden / gebraucht / deßwegen es wohl auch auf Lateinisch ferrum à feriendo, das ist / vom schlagen genennet wird.

Es ist auch nicht unnutzlich Artzneyweiß zu gebrauchen; dann wann man ein glüendes Eisen in dem Wasser oder Wein ablöschet / so ist es gut für dieDissenterie oder den Durchlauff / wie auch für einen schlimmen Magen; dann es hat die Krafft zu stärcken und zusammen zu halten. Auch der Rost vom Eisen mit Eßig vermischt / macht das Kyfer und Zahnfleisch vest / und verhinderet oder stellet ein das Ausfallen der Haaren. In Eisen-Bergwercken ist auch die Eisen-Blühe flos ferri, oder schneeweisse / zu Zeiten silberfärbige Eisen-Blumen zu sehen / die gantz leicht und subtil: diese Eisen-Blumen seynd ein mineralischer Stein / so in denen Bergen auf einigen Metallen / absonderlich auf denen Eisen-Steinen aufwachset / und in die Höhe schießt / als wie geschmeidige Aestlein oder Corallen-Zincken / gleichsam mit zarten Fäden umwunden. Sie præsentiren öffters gar unterschiedliche Figuren / so die Natur für sich selbsten gestaltet hat. Magnificus P. Romoser in tract. de Meteor: schreibet: Er habe Anno 1698. in dem Steyrischen Eisen-Bergwerck eine Schnee-weisse Tauben gesehen / welche die Natur aus den Eisen-Blumen für sich selber formirt oder gestaltet habe / mit 2. Flügelein ordentlich versehen und überall mit Strahlen umgeben /gleichwie man den Heil. Geist zu mahlen und zu schnitzlen pflegt.

[106] Durch das Eisen kan wegen seiner Härte und Daurhafftigkeit die Stärcke verstanden werden; weilen gleichwie das Eisen vast alle cörperliche Ding mit einem Gewalt zerbricht / und zerschlaget / also die Stärcke alle Gefahr und Beschwerden überwindet. 52 Ja die Heil. Schrifft macht selber diese Gleichnuß /Dan. c. 2. v. 40. mit folgenden Worten: Das. 4te Königreich wird so starck seyn als Eisen: dann wie Eisen alle Ding zerbricht / zerschlagt und zwingt / also wird es auch diese alle zermahlen und zerbrechen.

Das Eisen dauret im Feuer und Wasser / es haltet alles Ungewitter aus: auch ein recht starcker Mensch bleibt standhafftig / Eisen-vest / und unverstöhrt in allen Zufäll- und Begebenheiten. Das Eisen ist ein schier allgemeines Instrument alle starcke und schwere Arbeiten zu vollziehen: absonderlich in dem Krieg und Feldschlachten muß es dienen und das beste thun / so wohl sich selber zu beschützen als den Feind zu bestreiten und zu verfolgen: aber noch mehr ist zu eben solchem Zihl und End die Stärcke vonnöthen /ohne welche das Eisen nicht viel nutzen oder ausrichten wurde / weilen ja das Schwerdt und der Degen in der Hand eines schwachen Kinds / so es nicht regieren kan / wenig zu achten oder zu förchten ist.

Der 4. Absatz
Der 4. Absatz.
Von dem Bley und Quecksilber.

Das Bley ist ein bleiches / schweres und unreines oder unauskochtes Metall ohne Klang / und fliesset gar leicht. 53 Es bestehet in einem unreinen Saltz / unauskochtem Mercurio und irrdischem Schwefel: Es verdirbet leichtlich andere Metall und besudelt den / der mit umgehet. Es ziehet die dicke unreine Erd-Dämpff an sich / und wird dardurch vermehret. Es ist das Bley dreyerley / eines ist weißlecht / das andere schwartzlecht / und das dritte gantz schwartz. Alle drey Gattungen werden in Teutschland gefunden. Aus dem Bley wird das Menig / Minium (ist ein gewisse rothe Farb) gemacht: daraus werden die Schüß-Kuglen gegossen / Wasser-Röhr und viel andere Ding gemacht: Es kan ohne Bley kein Silber aus denen Ertzen oder Steinen gebracht werden: es hat auch alles Bley etwas weniges von Silber bey sich / im Schmeltzen aber läßt es sich von einander scheiden. Das Bley wird auch zu külenden Artzneyen gebraucht / und wann man es zu einer Blatten schlagt / und auf das Haupt legt / da nimmt es die Haar hinweg; weilen es nemlich die Feuchtigkeit an sich ziehet / und folgends die Haar ausfallen.

Wann man schon ein brinnheisses zerlassenes Bley auf ein Papier schüttet / so verbrennt es doch selbes nicht / wohl aber thut es solches wegen seiner Schwere durchlöchern oder durchbrechen: und wie Plinius 24. c. 17. schreibet: wann man ein bleyenes Geschirr mit einem zarten Faden verwicklet und in das Feur setzt / so verbrennt er nicht; weil das Bley ihn wider das Feur bewahret.

Das Bley erhaltet die Stimm / wann man eine Laminam oder geschlagenes Blat von Bley auf der Brust traget / welches einstens viel Musicanten zu thun gepflegt haben / vielleicht weilen es die Feuchtigkeiten an sich ziehet / die sonst der Stimm die Reuhe benemmeten. Endlichen soll es auch ein Krafft haben wider die Geilheit / die fleischliche Begierden oder Bewegnussen zu hemmen / oder zu unterdrucken / wann man an beyden Lenden ein Blat von geschlagenem Bley oder eine Gurtel von Bley tragt: welches Fr. Ambrosius de Senis ein heiligmäßiger Mann / Ord. S. Dominici gethan hat (wie man nach seinem Tod gefunden) welcher auf alle Weiß sich beflissen hat / seine Jungfräuliche Reinigkeit unversehrt zu erhalten.

Aber wegen seiner Schwere und Unreinigkeit kan das Bley füglich mit der Sünd verglichen werden. 54 Die Sünd ist jener schwere Last / der die menschliche Seel also beschweret / unter sich trucket und in die Tieffe / in den [107] Abgrund des Verderbens ziehet: mithin verhindert / daß der Mensch mit seinen Begierden und Anmuthungen nicht übersich auf GOtt und den Himmel abzihlet / sondern in das Zeitliche vetriefft immerdar an der Erden anklebet.

Die Sünd ist jene Bürde / welche uns der Apostel Paulus ermahnet / abzulegen / da er also schreibt: Deponentes omne pondus, & circumstans nos peccatum, 55 Lasset uns ablegen alles was uns trucket und die anklebende Sünd etc. Auch unrein ist die Sünd / ja die Unreinigkeit selber / so alle Zierd und Schönheit der Seel zerstöhret / das schöne Kleid der Unschuld bemacklet / und den gantzen innerlichen Stand des Menschen häßlich verstaltet. Ja gleichwie das Bley nicht nur an sich selber unsauber ist / sondern auch andere Metall / mit denen es vermischet wird / verunreiniget / also thun auch gemeiniglich die offentliche und ärgerliche Sünder / andere so mit ihnen Gemeinschafft haben / oder umgehen / wann sie sich nicht wohl in obacht nemmen / anstecken und verunreinigen: daß es also dann heisset: Quidquid tetigerit immundus, immundum faciet: 56 Alles was der Unreine anrührt / wird unrein werden.

Das Bley gibt zwar keinen guten Klang von sich /und zerfliesset gleich / wann es in das Feuer kommt. Auch der Sünder hat einen bösen Klang / das ist /einen bösen Ruff bey denen Gottseeligen und Tugendsamen: und wann er in das Feur einer Trübsaal und Verfolgung gerathet / da hat er gar keinen Bestand /sondern verfliesset vor Weichmüthigkeit / und wird zu nichten.

Das Quecksilber endlichen / argentum vivum vel Mercurius, wird darum von denen Alchymisten ein belebtes Silber genennt / weil es in beständiger Bewegnuß ist / und immerdar von einem Orth zu dem andern umlauffet / als wann es lebendig wäre. 57 Das Quecksilber ist ein Mineralischer Liquor, ein flüßiges Metall / welches schwer / glantzend oder Silber-weiß / und flüchtig oder immerdar unruhig ist. Es setzet oder henckt sich gern an das Gold und Silber. Bißweilen wird es pur und lauffend in denen Bergen gefunden: insgemein aber aus einer Mineralischen Erden gezogen und rectificirt: mithin seynd zweyerley Quecksilber zu unterscheiden / nehmlichen Nativum und Artificiale, das natürliche und gemachte. Das Quecksilber wird vielfältig in denen Apothecken gebraucht / allwo sich unterschiedliche Præparationes von dem Mercurio befinden / als Calcinatio, Distillatio, Purgatio, Extractio, Liquatio, Salificatio undSublimatio, woraus dann ferners unterschiedlichePræparata kommen / als Sudorifera, Purgantia, Vomitoria, Corrigentia etc. Das Quecksilber hat ein sonders grosse Krafft durchzudringen. Wann es auf seine gewise Arth wohl und recht præpariret / und in geziemender Dosi, oder Quantitæt genommen wird /so ist es sehr dienlich zur Gesundheit: wann aber dieses nicht geschicht / so ist es so schädlich als wie ein lauteres Gifft. Die Materi aber / von welcher das Quecksilber herkommt / ist mehrentheils ein grosse Menge Wässeriger Dämpffen etc. mit etwas Erd-Dunst vermischet und unvollkommen ausgekocht: deßwegen es auch sehr feucht und kalter Natur ist /ehe daß es sublimirt etc. dann hernach ist es sehr hitzig wegen seiner Schwere / Krafft welcher es alles /was es unter sich hat / durchdringt oder durchbohret /kan es nicht wohl anderst / als im Glas / Leder / Holtz oder irrdenem Geschirr aufbehalten werden. Es tauget auch andere Metallen zu reinigen / und zu unterscheiden. Alle andere Metall schwimmen in dem Quecksilber / weil sie leichter seynd / das Gold allein ausgenommen / welches sich darein versencket; dann es wird diese sonderbare Eigenschafft an dem Quecksilber bemercket / daß es das Gold umfahet / und sich verbirgt: so bald es in der Nähe ein Gold verspüret /da laufft es ihme gleich zu / hengt sich vest daran /und vereiniget sich so genau mit demselben / daß es das Gold entblöset von allem anderen Metall / mit welchem es vermischt [108] gewesen. Damit der gifftige Rauch / so von dem Quecksilber ausgehet / wann es ins Feur kommet / einem nicht schade / thut man sich mit Gold / das alles an sich ziehet bewahren.

Ferners wann kein Gold vorhanden ist / so laufft der Mercurius gleichwohl dem Silber nach / und umfanget es / doch etwas langsamers / und säuberet auch selbes ohne Feuer / damit aber das Silber von demMercurio wider loß werde / muß man das Feur brauchen: andere Metallen achtet es nicht / sondern fliehet vielmehr von ihnen / es durchbohret und durchnaget sie. Das lebendige Quecksilber zertheilt sich offt in tausend Tropfen / welche / obwohlen sie sehr klein seynd / so wird doch keiner verlohren / sonder sie lauffen wider zusammen / und versammlen sich: und obwohlen es das schwereste Metall ist / so kan es doch in einem Augenblick in das leichteste Ding /nehmlich in den Rauch verwandlet werden / welcher /wann er im Aufsteigen an einem harten Cörperlichen Ding anstosset / oder einen kalten Lufft empfindet /da fallt es herab und wird wiederum zu Quecksilber /welches gewißlich eine Wunderwürdige Veränderung ist.

Was die Erfindung des Quecksilber anbelangt / so findet man selbes in denen Berg-Minen / in einer gewisen Art von Steinen / von welchen auch der Zinober / so von den Alten Minium ist genennt worden / herkommt. 58

Ein grosse Menge Quecksilbers gibt es in Peru und auch in Spanien / der à Costa, so in dem Indisch- und Sinesischen Lust- und Staats-Garten angezogen wird /schreibet / daß der Catholische König jährlich aus denen Quecksilber Minen bey 400000. Pelos erheben könne / ein Pelos aber / ist etwas weniger als 14. Realen. Aus denen Minen zu Gancavilca allein werden ein Jahr in das andere 3000. Quinal Quecksilber gezogen: ein Quinal aber bey denen Spanier ist ein Gewicht / wie ich schon oben gemeldt / so viel als bey uns ein Centner.

Durch das Quecksilber aber kan meines Erachtens nicht ungereimt ein falscher Freund und Schmeichler angeditten und verstanden werden. 59 Dann gleichwie das Quecksilber besagter massen das Gold überaus liebet / ihme zulaufft / sich mit ihm anhängig macht /und selbes gantz einnimmt oder umgibet / also ein falscher Freund / der nichts / als sein eigenes Interesse, oder Nutzen und Vortheil suchet / wann er einen Patronen findet / der reich und mächtig ist / da laufft er ihm eilends zu / er bewirbt sich sein Gunst und Freundschafft zu gewinnen / und dardurch ein Vortheil / Gewinn oder Promotion zu erhalten. Zu disem End umgibt / ja überhäufft er ihn / und nimmt ihn gäntzlich ein mit Complimenten und Bedienungen /mit Schmeichlen und Liebkosen: Eben der Ursachen er durch Verläumdung und übeles nachreden alle andere abtreibt / die sonsten bey seinem Gutthäter etwas golten haben / und mit ihm in Freundschafft gestanden seynd / (gleichwie das Quecksilber alle andere Metall von dem Gold absonderet) damit er nehmlich alleinig bekommen und geniessen möge / was sonsten auch anderen zukäme. Dann ein falscher Freund und Schmeichler ist eigentlich derjenige / der andere unter dem Schein der Freundschafft zu betrügen sucht / und nur redet / was man gern hört / damit er also die Gunst und Gewogenheit seiner Patronen gewinne /und ihm es selber zu Nutzen mache / oder darbey seinen Vortheil spiele.

Aber wann das Gold in das Feur kommt / und probirt oder ausgebrennt wird / da haltet das Quecksilber keinen Stand mehr / es verlasset das Gold alsobald /es fliehet darvon und gehet im Rauch auf. Eben also ein falscher Freund / wann sein Patronus oder Gutthäter Noth / Gefahr oder Schaden leydet / wann er selbsten nicht viel mehr hat / oder bedürfftig wäre /daß man ihm beyspringte / O da nehmen die vermeynte gute Freund gar bald das Reiß aus / sie wenden ihme den Rucken / und wollen sich seinetwegen in kein Gefahr geben / und kein Mühe [109] auf sich nehmen /sie lassen ihne allein im Stich; laut jenes Sprüchleins des Poeten:


Donec eris felix multos numerabis amicos,
Tempora si fuerint nubila solus eris.
So lang es dir gantz wohl ergehet
Hast du der Freunden viel.
So balds mit dir nicht recht mehr stehet /
Dich niemand mehr kennen will.

Ja auch so lang das Quecksilber dem Gold würcklich anhanget und selbes umgibet / hat dises keinen Nutzen davon / vielmehr wird sein Glantz dardurch verdunckelt / und sein Krafft gehemmet: Auch ein falscher Freund / da er würcklich liebkoset und aufwartet / schadet mehr als ein offentlicher Feind / vor deme man sich gleichwohl zu hüten weiß. Wie der weise Salomon bezeuget / indem er sagt: es seyen besser die Wunden eines aufrichtigen Freunds / als das Küssen eines falschen Schmeichlers. 60 Und der H. Augustinus wünscht vielmehr von einem gescholten oder gestrafft zu werden / als von einem Schmeichler gelobt: und wiederum anderstwo sagt er: Adulatio fallax crudelis est. 61 Ein falsches Schmeichlen ist ein wahre Grausamkeit.

Es ist gar ungesund und gefährlich mit dem Quecksilber umgehen / wann der Rauch darvon einem in den Mund / Ohren oder Nasen kommt so tringet er ein bis zu dem Hertzen / durchfrisset das Inngeweid / verursacht Schmertzen und Kranckheit. Auch mit falschen Freunden und Heuchlern umgehen ist schädlich und gefährlich; dann der böse Dunst / ich will sagen /die Süßigkeit und der liebliche Klang ihrer Schmeichel-Worten und ihrer Gebärden schleichen zu den Augen und Ohren ein / sie tringen biß zum Hertzen /und verderben den gantzen innerlichen Stand des Menschen. Simulator ore decipit amicum suum. 62 Durch den Mund des Heuchlers wird sein Freund verderbt / sagt abermahl der weise Mann. Der H.Hieronymus aber nennet die falsche Schmeichler hostes, & scintillas diaboli, Feind und Feur-Funcken des Teufels. Ja auch der Heydnische Seneca hat dises wohl erkennt / indem er gesprochen: Adulatio apertis & propitiis auribus recipitur, in præcordia ima descendit, venit ad me pro amico blandus inimicus, 63 wann man dem Schmeichlen williges Gehör gibt / so tringt es biß zum Hertzen / und schleichet an statt eines Freunds ein liebkosender Feind ein. Andere Weltweise hielten darfür / es seye besser denen Raben unter die Klauen kommen / als unter die falsche Schmeichler / dann jene sagten sie / kratzen nur denen Todten die Augen aus / diese aber verblenden die Lebendige.

Es kan ferners auch die Hoffart einiger massen mit dem Quecksilber verglichen werden: dieweilen /gleichwie dieses Metall nur dem Silber und Gold zulauffet und anhanget / mit dem andern schlechtern Metall aber gar kein Gemeinschafft hat / ja gleichsam davon fliehet / also ein hoffärtiger Mensch will nur mit reichen / adelich- und vornehmen Leuthen zu thun und Gemeinschafft haben: die Arme und Gemeine aber thut er fliehen u. verachten. 64 Das Quecksilber haltet keinen Bestand / es fliehet leichter Dings darvon / und gehet im Rauch auf. Auch des Hoffärtigen Freundschafft hat kein dauren / wann er ein wenig offendirt wird / oder es ihme nicht recht ergehet / da ist er gar kurtz angebunden / er zertrennet die Freundschafft / reißt ab und brennet auf. Wiederum das Quecksilber trucket wegen seiner Schwere / was unter ihm ist / und will auch nichts ob- oder neben ihm leyden / es ist aller unruhig / und will den Platz alleinig behaupten / es nimmt mit keinem Oerthlein ruhig fürlieb. Eben also der Hoffärtige trucket und presset die unter ihm / oder weniger seynd als er: er beneidet die mehr oder höher seynd als er / und beunruhiget die neben oder ihm gleich seynd. Er wollte gern überall alleinig Meister seyn etc. Dieses seynd die siben Haupt-Gattungen der Metallen / zu welchen andere /als Meßing / Blech / Zinck / Stahl etc. müssen gezogen werden.

[110]
Fußnoten

1 Was und wie vielerley Metall und Mineralien seyen?

2 Job. c. 28. v. 1. & 2.

3 Fürtrefflichkeit / Krafft und Schönheit des Golds.

4 Groß und schädlich ist die Begierd zu dem Gold.

5 Historia.

6 Dauroultius in flor. exempl. V. Avar.

7 Das Gold wird mit der Liebe verglichen.

8 1. Cor. c. 13.

9 Cant. c. 8. v. 7.

10 Apoc. c. 3. v. 18.

11 Cant. c. 8. v. 6.

12 1. Cor. c. 13.

13 Jacob. c. 5. v. 20.

14 Das Gold verblendet die Augen und das Gemüth.

15 Eccli. c. 20. v. 31.

16 Exodi c. 23. v. 8.

17 Auch die Lieb macht blind.

18 Geschicht.

19 Geschicht.

20 Was von dem Goldmachen zu halten sey.

21 Goldmacherey ist gar mißlich und gefährlich.

22 Midas der fürnehmste Goldmacher.

Fabula.

23 Goldmacher mit Æsopi Hund verglichen.

24 Kunst geistlicher Weiß Gold zu machen.

25 1. Cor. c. 1.

26 Noch ein andere Weiß Gold zu machen.

27 Von der Beschaffenheit des Silbers.

28 Menge des Silbers.

29 Lib. 1. Paral. c. 29.

3. Reg. c. 10.

30 Die Evangelische Lehr wird mit dem Silber verglichen.

31 Geitz oder Geldgierigkeit wird als unersättlich getadlet.

Jerem. c. 22. v. 17.

32 Eccl. c. 5. v. 9.

33 Geitzige seynd thorrecht.

34 Luc. c. 12. v. 2.

35 Geitz ist dem Leib und der Seel schädlich.

36 Job. c. 27. v. 19.

37 Baruch. c. 3. v. 18. & 9.

38 Eccli. c. 10. v. 10.

39 Die Schatzgraber seynd denen Goldmacheren nächstens verwandt.

40 Schatzgraben ist sehr mißlich und gefährlich.

41 Geschicht.

42 Geistlicher Schatz in wem er bestehe?

43 Serm. 15. in cant.

44 Matth. c. 13. v. 44.

45 Ad Coloss. c. 2. v. 3.

46 Wie das Zinn beschaffen seye?

47 Die Klugheit und Discretion wird durch das Zinn verstanden.

48 Von der Beschaffenheit des Kupfers.

49 Schmeichlerey durch das Kupfer beditten.

50 Super Ps. 49.

51 Natur und Eigenschafft des Eisens.

52 Das Eisen bedeutet die Stärcke.

53 Das Bley ist ein schweres unreines Metall.

54 Das Bley wird mit der Sünd verglichen.

55 2. ad. Hebr. c. 12.

56 Num. c. 19. v. 22.

57 Des Quecksilbers wunderliche Beschaffenheit /Krafft und Eigenschafften.

58 Grosse Menge des Quecksilbers.

59 Ein falscher Freund ist gleich dem Quecksilber.

60 Prov. c. 27. v. 6.

61 Lib. 9. de Trinit.

62 Prov. c. 11. v. 9.

63 Epist. 43.

64 Das Quecksilber bedentet einen Hoffärtigen Menschen.

IX. Von den Edelgesteinen
Der 1. Absatz
Der 1. Absatz.
Von dem Diemantstein.

Adamas der Diemantstein wird insgemein für den köstlichsten und gleichsam für einen König unter denen Edelgesteinen gehalten. 4 Er ist klein / und wird nicht leicht grösser als ein Hasel-Nuß groß befunden: aber so hart / daß er faß keiner Materi auch dem Eisen nicht weichet / wie Plinius vorgibt / hingegen das Metall und die Stein zerbricht. Doch wird er im warmen Bocks-Blut erweichet und zerbrochen / wie man sagt. Er ist nicht gar so klar als wie Crystall / doch gibt er einen starcken Glantz von sich. Wann er auf den Magnet-Stein gelegt wird / so benimmt er ihm die Krafft das Eisen an sich zu ziehen. Er soll auch Krafft haben wider das Gifft / wann man ihn an der Hand tragt / und den Menschen muthig und behertzt machen.

Ost-Indien und benanntlich die Landschafft Decan ist der eigenthumliche Wohnsitz dieses Edelgesteins /allwo es zwey oder drey Berg gibt / aus denen man ihn zu graben pflegt. In dem Berg Roravelha findet man Diemanten die allbereit geschnitten / [111] und von der Natur also herfür gebracht werden. Wo man einige eines Manns tieff ausgegraben hat / da findet man in drey oder vier Jahren wiederum andere aufs neu herfür Gewachsene. Doch geben die in der Insul Borneo und meistens bey Canda an der Schön- und Kostbarkeit keinem etwas nach. Es gibt zwar auch in Engelland in dem Hertzogthum Somerseth, ja auch in Böhmen und anderen Orthen eine gewise Arth von Diemanten /welche aber nicht so edel und kostbar seynd als wie die Orientalische. Zu Zeiten werden wohl auch Diemanten gefunden / die über hundert ja auch (aber gar selten) zweyhundert Gran im Gewicht haben. 5 Einer aus den allergrösten / die jemahl seynd gesehen worden / solle wohl gewesen seyn derjenige / von welchem Petrus Martyr. dec. 3. in fine. lib. 4. schreibet /daß ihn ein Schiffer mit Nahmen Andreas Morales von einem West-Indischen Jüngling aus Cumana (welches ein Landschafft in Neu-Andalusien ist) um einen Spott eingehandelt / nemlich um etliche Steinlein von grün- und blauem Glas / die aus Europa seynd dahin gebracht worden / vertauscht habe. Selbiger Diemant ware ungemein groß und köstlich / eines fast unschätzbaren Werths; dann seine Länge ware 2. Glieder des mittleren Fingers: an beyden Enden war er zugespitzt / und hatte 8 zierlich geschliffene Eck /die dicke aber eines starcken Daumen Fingers: Er soll auch so hart gewesen seyn / daß man damit tieffe Ritzen in einen Ambos machen / auch eisene Stangen durchschneiden konnte ohne geringsten Schaden des kostbaren Diemants. O wohl ein ungleicher Kauff! wirst du sagen / geneigter Leser / wie einfältig und dumm muß dieser junge Indianer gewesen seyn? ja das ist zwar nicht ohne / aber wollte GOtt: daß nicht auch täglich und stündlich solche ungleich- und unvernünfftige ja ungerecht- und gottlose Käuff unter uns Catholischen Christen geschehen thäten! indem ein mancher das allerköstlichste und unschätzbare Kleinod oder Edelgestein der Unschuld der Gnad GOttes / der Seel und Seeligkeit um einen rechten Spott / das ist / um einen kurtzen vebottenen Wollust / um ein klein Stuck Geld eines ungerechten Guths etc. so thorrecht als boßhafft verhandlet und vertauschet. Besser hat Philippus König in Spanien im Jahr 1559. dem Carel Afferati einen Diemant um 80000. Kronen bezahlt / der 47. Carat / das ist / 190. Gran gewogen hat / welchen er zum Braut-Ring gewidmet hat / als er sich mit Elisabethen einer Tochter Henrici II. Königs in Franckreich vermählen wollte.

Was aber die generirung und perficirung der Diemanten betrifft / so werden erstlich zu ihrer Erzeugung erforderet die allerreiniste Saltz-Geister / die mit gar keiner andern mineralischen Tinctur oder dickeren Theilen vermischt seynd. 6 Solche Spiritus aber müssen volatisch oder flüßig seyn / als ohne welche Feuchtigkeit die reine Theil von denen unreinen nicht möchten abgesönderet werden.

Ferners gehört ein wohl proportionirtes Ort darzu /innerhalb einem hohlen und Lufft-löcherichten Felsen / welches Ort zu generirung dieses so Edlen Steins die höchste Reinigkeit haben muß / damit in ihm / als wie in einer Gebähr-Mutter / der Diemant recht und wohl ausgekocht werde / und die volatilische Saltz-Geister zu ihm hineintringen mögen / von ihm angenommen und beschlossen werden / und den figirten Theil des allerreinisten Saltzes / dessen der Felsen voll ist / füglich vereiniget werden.

Uber diß ist nothwendig ein Feuchtigkeit und eincoagulirender Geist / als eines Labs / das die flüchtige und figirte Spiritus zusammen hafften macht: und dieses ist der versteinerende Spiritus, der allzeit denen Saltz-Geisteren ohnabsonderlich beygesellet ist: und also erwachset endlichen ein Diemant-Stein daraus zusammen / der um so viel härter / vester und dicker ist / je zärter / subtiler und reiner die saltzigte Theil gewesen seynd. Diese Beschreibung des Ursprungs der Diemanten haltet der mehr gerühmte P. Kircherus für [112] die rechtmäßig- und warhafftiste / sich beziehend auf P. Hyacinthum de Magistris Procuratorem der Lobl. Gesellschafft in Ost-Indien / der solche Diemant-Felsen selber inwendig besichtiget hat / und befunden / daß diese Edle Stein darinn wachsen / nachdem die Lufft-Löcher groß oder klein seynd: wie auch daß die / so tieffer aus denen Bergen gegraben werden / grösser seyen / als die / so sich obenher befinden.

Ein fast gleiche Beschaffenheit nach proportion wird es vermuthlich auch mit der generirung oder Zeugung anderer Edelgestein haben: ausser daß etwan noch ein mineralische Tinctur darzu kommt / und ihnen ein andere Farb gibt.

Mich gedunckt / es könne geistlicher Weiß wohl die Theologische Tugend des Glaubens durch den Diemant verstanden werden. 7 Dann erstlich / gleichwie der Diemant / obwohl er klein und nicht gar zu hell oder vollkommen klar als wie das Crystall ist / so hat er doch eine sonderbare Stärcke und Daurhafftigkeit / und es gebührt ihm der Vorzug unter allen andern Edelgesteinen / er übertrifft sie einiger massen alle. Eben also / obwohl der Christliche Glaub klein oder niederträchtig ist / und einfältig darein gehet /ohne menschliches und weltliches Ansehen / obwohlen er obscur oder dunckel ist / und noch nicht die Erkantnuß so klar / als wie der Seeligen im Himmel ist /damit er verdienstlich sey / so hat er doch eine unüberwindliche Stärcke / und unzerstöhrliche Daurhafftigkeit / Portæ inferi non prævalebunt adversus eam. 8 Auch die Porten / das ist / der Gewalt der Höllen / vermögen nichts wider ihn ausrichten / er hingegegen überwindet alles / ohne daß er im geringsten geschwächt werde (als wie der Diemant ohne seine Verletzung Stein und Eisen zerbricht) welches so viel tausend HH. Martyrer in ihrem Leyden und Tod klärlich erwiesen haben. Der Glaub ist auch die erste /und in so weit fürnemste Tugend / weilen er das Fundament oder Grund-Veste aller anderen ist / die ihne nothwendig zum Voraus setzen / und sich darauf steiffen müssen; dann ohne Glauben ist ohnmöglich GOtt zu gefallen / nach Zeugnus des Apostels.

Der Diemant solle wider das Gifft bewahren / auch kühn und behertzt machen / wann man ihn an dem Finger tragt. Nun aber gewiß ist es / daß der wahre Glaub / wann man ihn in dem Hertzen tragt / vor allem Gifft der Irrthumen und Unglaubens bewahre /auch in allen Beschwerden und Gefahren gantz hertzhafft und unerschrochen mache. Mit dem kostbaren und daurhafften Diemant deß Glaubens und der Standhafftigkeit hat absonderlich der Heil. Apostel Paulus prangen / und sich in der Wahrheit rühmen können sprechend: Ich hab einen guten Kampff gekämpfft / ich hab den Lauff vollendet / und hab den Glauben bewahret etc. 9 Er will sagen / er habe einen lebendigen und Diemant-vesten Glauben gehabt / in Krafft dessen er gestritten und überwunden habe wider die Feind GOttes und seiner Seelen / das ist /wider die Welt / das Fleisch / und den Teuffel: Er will sagen / er seye geloffen auf dem Weeg des Heyls / de virtute in virtutem, von einer Tugend zu der andern /durch Ubung der guten Wercken / ohne welche der Glaub todt und unnutz wäre / wie er anderstwo bezeuget. Fides sine operibus mortua est. Ja alle HH. haben auf solche Weiß / nemlich durch einen lebendigen Glauben die Welt bestritten und überwunden /wie die Catholische Kirch in den Tag-Zeiten von ihnen singet: Sancti per fidem vicerunt regna etc.

Der Magnet solle die Krafft das Eisen an sich zu ziehen verliehren / wann der Diemant darzu kommt: deme seye nun also oder nicht / so ist es doch gewiß /daß die betrügliche Welt mit ihrem Liebkosen die Hertzen der Menschen nicht mehr an sich zu ziehen und zu reitzen vermag / wann dieser sittliche Diemant / das ist / ein wahrer lebhaffter Glauben darzwischen kommt / welcher dem Menschen die Eitelkeit und Zergänglichkeit der schnöden Wollüsten / [113] die Gedächtnuß der Ewigkeit / die Schönheit der Tugend / die Häßlichkeit und den Greuel der Sünden etc. zu Gemüth führet und für Augen stellet.

Bey hoher Stands-Personen Vermählung pflegt man gemeiniglich einen kostbaren Diemant-Ring auf die Ehe zu geben / wie der obgemeldte König Philippus gethan. Auch der himmlische König der Sohn GOttes selber hat längsten vorhinein durch den Mund des Propheten Osee seiner geliebtistē Gespons der Catholischen Kirchen einen sittlichen Diemant-Ring /verstehe den wahren Glauben / zur Vermählung versprochen / Sponsabo te mihi in fide, 10 Ich will mich dir im Glauben vermählen: und diese hingegen / ja ein jede Christliche Seel insonderheit / solle diesen geistlichen Diemant / den Glauben / bestens bewahren und in Ehren haben / auf daß sie ihrem Geliebten in der Wahrheit mit denen Worten des Apostels Pauli antworten könne: in fide vivo Filii Dei, qui dilexit me etc. gratiam ejus non abjicio. 11 Ich lebe in dem Glauben des Sohns GOttes / der mich geliebt /und sich für mich dargeben hat / ich verwirff nicht die Gnad GOttes / den kostbaren Diemant des Glaubens / mit dem er mich begabt hat / will ich beständig und unversehrt behalten biß in das End; dann dieser / wie der Heil. Ambros. sagt / ist reicher als alle irrdische Schätz / stärcker als alle leibliche Kräfften / und heilsamer als alle Artzneyen / lib. de Virg. und gleichwie dem Menschen nichts angenehm und erfrenlich ist ohne Liecht / also ist GOTT nichts gefällig ohne Glauben / spricht Gregor. Nazian. Diesen kostbaren Diemant des Glaubens haben so viel tausend Martyrer mit ihrem Blut erkaufft / und mit allen Schätzen und Reichthumen der gantzen Welt nicht vertauschen wollen. Diese alle ruffen uns mit einem geistreichen Sprüchlein des Poeten.


Omnia si perdas fidem servare meinento,
Hâc semel amissâ postea nullus eris.
Wann alles Gut verlohren hast
So b'halt gleichwohl den Glauben:
Dann wann du auch von dem ablaßt /
Des Heils dich selbst thust b'rauben,
Oder welches eben so viel sagen will:
Geld verlohren / ist viel verlohren:
Ehr verlohren / ist mehr verlohren:
Glauben verlohren / ist alles verlohren.

Welches mit seinem höchsten Schaden im Werck erfahren hat / und selbst in seinem Todt-Beth bekennen müssen der vom Glauben abtrinnige Henricus der Achte König in Britannien / da er aufgeschryen:Omnia perdidi! Ich hab alles verlohren! alles ist hin! das Reich / der Scepter und die Cron / der Glaub / die Ehr und Reputation: Leib und Seel / alles ist hin und verlohren. Hingegen wer den wahren und lebhafften Glauben erhaltet / der erhaltet alles / und kan in der Wahrheit fast eben das sagen / was Salomon von der Weißheit gesagt hat: Venerunt mihi omnia bona pariter cum ea etc. 12 Alle wahre Güter hab ich zumahl mit dem rechten Glauben bekommen. Omne aurum in comparatione ipsius arena exigua est: & tanquam lutum existimabam argentum in conspectu ipsius etc. Alles Gold gegen ihn verglichen ist ein geringer Sand zu schätzen / und das Silber wie Koth zu achten / und sein Glantz wird nimmer ausgelöscht.

Die Kostbarkeit dieses Diemants erkennt der höllische Feind gar wohl / deßwegen er sich aufs äusserst bemühet selbes denen Menschen / absonderlich den Sterbenden durch vielen List und Betrug abzuschwätzen und abzustehlen / deme man aber / dieses Kleinod zu bewahren / durchaus kein Gehör und Antwort /vielweniger einen Beyfall geben solle / sondern auf die unfehlbare Authorität Christi und der Catholischen Kirchen / ohne disputiren und nachgrüblen /sich steiffen und verlassen: und bey anhaltenden schweren Versuchungen wider den Glauben / von Hertzen zu GOtt um Beystand [114] ruffen / mit denen Worten des Propheten sprechend: Domine vim patior, responde pro me: 13 HErr ich leide Gewalt / antworte für mich. Und widerum / credo Domine, adjuva incredulitatem meam. 14 Ich glaub / O HErr /hilff mir / stärcke meinen Glauben.

Da kan ich nicht ungemeldet lassen die erstaunliche grosse Zahl oder Menge der HH. welche den mehr gemeldten kostbaren Diemant / verstehe den wahren Glauben zu bewahren und unversehrt zu erhalten / das Leben gelassen haben: inmassen nach gemeiner Rechnung bewährter Scribenten derselben so viel seynd /daß man das gantze Jahr hindurch auf alle Tag 30000. verehren kunte. Nur von Rom allein zu reden: wann man aller Martyrer / die in selbiger Stadt um des Glaubens willen gelitten haben / gedencken / oder ihre jährliche Gedächtnuß halten solte / so wurden auf einen jeden Tag des gantzen Jahrs aufs wenigst 7000. einfallen. Ein Wunder-Ding / vermög der geistlich-und weltlichen Rechten machen 2. oder 3. glaubwürdige Zeugen ein unfehlbare Zeugnuß der Wahrheit vor dem Gericht / und vielmehr als 2. oder 3. mal hundert tausend Blut-Zeugen Christi sollen den Catholischen Glauben bey so viel Irrglaubigen nicht wahrhafft und unfehlbar machen? O wohl ein grosse Blindheit und Verstockung!

Der 2. Absatz
Der 2. Absatz.
Von dem Smaragd.

Der Smaragd ist ein Edelgestein einer so fürtrefflichen grünen Farb / daß er darmit die schönste grüne Auen oder Wiesen übertrifft / und auch von dem hellen Sonnenschein an seinem Glantz nicht verhinderet oder verduncklet wird. 15 Sein Aufrichtigkeit / oder daß er unverfälscht seye / kan aus seiner Kälte / wann er an den Mund gehalten / und aus der Schwere / wann er gewogen wird / erkennt werden.

Von diesem Stein wird geschriben / daß er grosse Krafft wider alles Gifft habe / daß er die Gedächtnuß erhalte / oder widerum herstelle / die hefftige Gemüths-Neigungen stille / die Forcht und Schröcken vertreibe / Lust zum Studiren mache / und auch die Augen erhalte.

Ferners soll er ein Mittel seyn wider den Schwindel und wider die hinfallende Kranckheit / wann man ihn an dem Hals / oder an dem Finger tragt. Dioscorus sagt / der Smaragd thue die Reichthumen vermehren. Er solle auch dem Hochgewitter widerstehen / und von Natur der Unlauterkeit widerstreben / ja verspringe / wann der / so ihn tragt / der Geilheit sich ergibt.

Es seynd aber des Smaragds viel unterschiedliche Gattungen / deren Plinius wohl 12erley erzehlet /nachdem sie nemlichen aus einem Ort oder Landschafft herkommen. In West-Indien werden sie absonderlich häuffig gefunden / und seynd vor Zeiten wegen der Menge von selbigen Innwohnern so gering geschätzt worden / daß einstens ein Indianischer PrintzSimandoca mit Nahmen / der ein Herr über das ThalTessuca ware / einem Spanischen Rechts-Gelehrten /dem Consalvo Ximenio, der dahin kommen / um eine Schüssel voll Saltz / welches da sehr rahr ist / gar gern eine tieffe und reiche Smaragden-Grub geschenckt und eingehändiget hat. Indischer Lust- und Staats-Garten fol. 1233. Hingegen in Ost-Indien ist der Smaragd viel rahrer und höher geschätzt. Damit aber dieser Stein allerdings vollkommen sey / wird erfordert / daß ihme nichts ermangle an Schönheit der Farb / an Sauberkeit / Muster und Dicke / alsdann wurde er in der Kostbarkeit den Diemant übertreffen: aber dieses alles findet man selten oder gar nie beysammen; massen die Smaragd gemeiniglich innerhalb eine gewisse Fettigkeit haben / wie ein grünes Kraut oder dergleichen.

Die Smaragd-Gruben bey der Stadt Muyta in Quito sollen / wie Herrera schreibet / die allerbeste in gantz Indien seyn. Sie wachsen alldort in den Steinen / wie der Crystall / und lassen sich anfänglich wie ein Marmorstein [115] an / der aber nach und nach halb weiß und halb grün zeitiget / biß er sein Vollkommenheit erreicht.

Petrus Ordonez von Cevallos gibt denen Schmaragden in Neu-Granada bey der Stadt Muso den besten Preiß / und sagt / daß von dannen die reiniste schönst- und helliste kommen: auch daß aus dieser Gegend allein mehr derselben gebracht werden / als aus den Insulen Zeyland und Sumatra etc. Es habe daselbst einen so grossen Smaragd-Felsen / der an Schmaragden fast unerschöpfflich seye / und der fünffte Theil derselben dem König in Spanien jährlich ein erstaunliche Summe Gelds eintrage. Ferners meldet besagter Ordonez von einem gar edlen und sehr grossen Schmaragd / welchen einstens ein West-Indischer Sclav an diesem Orth erstlich gefunden / undPhilippo II. König in Spanien zugeschickt habe: welchen nachmahls der König in das Escurial verehret habe / allwo er neben anderen Kostbarkeiten aufbehalten werde. 16 Es hätte der König gern dessen Preiß und Werth gewust / aber es hat ihne kein Jubilier würdig schätzen können / ausser daß man ihn für den besten hielte / so jemahl in der Welt gesehen worden. Darum auch der König dem Sclaven grosse Schanckungen gegeben / und ihne mit der Freyheit begabt hat. Theophrastus meldet von einem Schmaragd / den ein König in Babylonia dem König in Egypten præsentirt habe / welcher 4. Ehlen lang und 4. Ehlen breit gewesen seye. Unter die gröste Schmaragden so jemahl in Europa gesehen worden / mag wohl gezehlet werden derjenige / so in dem uralten und weit berühmten Benedictinischen Stifft und Gottshauß Reichenau / welches ein Insul unfern dem Boden-See ist /aufbehalten und gewisen wird / als welcher in dem Gewicht über 25. Pfund schwer ist / und von Carolo Magno dahin gebracht worden. Dem Kayser Friderico hat der Türckische Groß-Sultan einen Becher oder Trinck-Geschirr von Schmaragd zum Präsent geschickt / darein 20. Untzen Balsam gangen / wie Majolus und Krantzius bezeugen. Auch der Kayser Nero solle vor Zeiten einen so grossen Schmaragd gehabt haben / daß er denselben für einen Spiegel zu brauchen pflegte.

Der Schmaragd kan wegen seinen Eigenschafften geistlicher weiß auf die Hoffnung ausgedeutet werden. 17 Dann erstlich die schöne grüne Farb bedeutet insgemein diese Tugend / und als wie der Schmaragd das Gifft zu hintertreiben / Forcht und Schrecken zu verjagen / und die hefftige Bewegnussen des Gemüths zu stillen vermag / also vermag ein steiffe und wohl gegründete Hoffnung das höchst schädliche Gifft der Verzweiflung zu hintertreiben / unmäßige Forcht und Schrecken zu verjagen / und die Verwirrungen des angsthafften Gemüths zu stillen. Der Schmaragd / wie gemeldet worden / thut das Gesicht und die Gedächtnuß stärcken / die Reichthumen vermehren / und vor der hinfallenden Kranckheit den Menschen bewahren. Aber die Hoffnung stärcket das Hertz und die Vernunfft / indem sie derselben die unendliche Güte und Barmhertzigkeit GOttes vorstellet / und folgends in keinen schädlichen Kleinmuth und Zaghafftigkeit fallen laßt. Sie macht auch reich / dieweilen der Mensch das Guth / so er vernünfftiger Weiß hoffet / einiger massen schon würcklich besitzet / und in dieser Besitzung sich erfreuet. Die Hoffnung ist gleich einem Fischer-Netz / je weiter sich dieses in dem Wasser ausbreitet / je mehr Fisch ziehet man damit ein / also auch je weiter sich die Hoffnung in dem unendlich grossen Meer der Gütigkeit GOttes erstrecket / und ausbreitet / je mehr Gaben und Gnaden erhaltet sie. Dessen versicheret uns David sprechend: Sperantem in Domino misericordia circumdabit. 18 Wer auf GOtt hoffet / den wird die Barmhertzigkeit umfangen / oder von allen Seiten umgeben. Ja GOTT selber durch den Mund Isaiä: Qui fiduciam habet mei, hæreditabit terram, & possidebit montem sanctum meum. 19 Welcher auf mich hoffet / der wird das [116] Land ererben / und meinen heiligen Berg besitzen. Der sich erfreuet oder tröstet mit der Hoffnung / wird auch die Sach selbsten erlangen: der aber die Hoffnung nicht hat / kan zur Sach selber nicht gelangen / sagt der Heil. Augustinus. Ob oder was für eine Krafft der Schmaragd wider das Ungewitter habe /das lasse ich der Erfahrnuß über / und dahin gestellt seyn: aber gewiß ist es / daß der sittliche Schmaragd einer steiffen Hoffnung unüberwindliche Krafft in dem Ungewitter der auch hefftigsten Trübsal- und Widerwärtigkeiten habe / wie es sich unter vielen anderen klärlich gewisen hat bey dem gedultigen Job /welcher in so häuffigen und schweren Trübsaalen /deren eine der andern auf dem Fuß nachgefolget / den Schmaragd der Hoffnung auf GOTT niemahl aus der Hand / oder vielmehr nie aus dem Hertzen gelassen hat / sonder vielmehr sich vest resolvirt hat: Etiamsi me occiderit, tamen in ipso sperabo: ipse erit Salvator meus. 20 Wann er mich auch wird tödten / so will ich gleichwohl auf ihn hoffen / und er wird mein Seeligmacher seyn. Und also ist er durch die Krafft dieses Schmaragds unverletzt und unbeschädiget verblieben. Gleichwie ein Schiff auf dem wütenden Meer / auch mitten unter sausenden und brausenden Wind und Wellen unbeschädiget bleibet / so lang es sich vest an dem Ancker anhenget / und von selbem nicht ablaßt: Also der Mensch auf dem gefährlichen und ungestümmen Meer dieser Welt / und des zeitlichen Lebens / wann er sich bey anhaltenden Wind und Wellen der Trübsal- und Verfolgungen fest anhaltet an dem Ancker eines starcken Vertrauens auf GOtt / so bleibt er sicher von dem Untergang. Dann gewiß und ohnfehlbar ist:


Wer fest auf GOtt allein vertraut /
Die eitle G'schöpff verachtet /
Der hat gantz wohl und sicher baut /
Für ihn der Himmel wachet.

Den offt benannten Schmaragd der Hoffnung trucken uns mehrmahlen in die Händ / oder vielmehr in das Hertz die H. Schrifft und HH. Vätter: Habe fiduciam in Domino ex toto corde tuo. 21 Verlaß dich von Hertzen auf den HErrn. Benedictus vir, qui confidit in Domino, & erit Dominus fiducia ejus. 22 Geseegnet ist der Mann / der sein Vertrauen auf den HErrn setzet / und dessen Hoffnung der HErr ist. Der Heil. Apostel Paulus / indem er seine Römer sorgsam unterweiset / wie sie sich verhalten sollen / was sie zu thun und zu lassen haben / bindet er ihnen auch ein / spe gaudentes, sie sollen sich in der Hoffnung erfreuen / auf die Hoffnung steiffen /mit der Hoffnung trösten.

Der Schmaragd ist auch in dem allten Testament hoch æstimirt worden; inmassen er auf austrucklichen Befehl GOttes unter anderen Edelgesteinen auf das guldene Brust-Blat des hohen Priesters hat müssen eingesetzt werden. 23

In dem neuen Testament aber hat den sittlichen Schmaragd der Hoffnung und des Vertrauens unter vielen anderen absonderlich der H. Bischoff Martinus auf / oder in seinem Hertzen beständig getragen / und sich damit wider alle Gefahren des Leibs und der Seelen bewahret; inmassen er in dem Leben und in dem Sterben jederzeit ein ungemeines Vertrauen auf GOtt getragen hat / dann als er Christo hinfüran allein zu dienen / das Kriegs-Weesen zu verlassen gedachte /und dieses von seinen Mitgesellen ihm für eine Zaghafftigkeit ausgerechnet wurde / da hat er sich angetragen / er wolle das feindliche Heer ohne Waffen / allein mit dem Creutz bewaffnet sicher durchdringen. Als er aber schon Bischoff ware / und einstens auf der Reiß durch das Gebürg von denen Mörderen überfallen und angegriffen wurde / auch einer aus ihnen schon würcklich einen tödtlichen Streich auf ihn führte / und ihm den Kopff zerspalten wollte / aber davon verhinderet wurde / da hat man ihn hernach gefragt /wie es ihme um das Hertz gewesen seye / ob er ihm nicht geforchten hab? da sagte er: nichts wenigers / er seye nie sicherer gewesen / wohl wissend daß GOtt mit seinem Beystand [117] nie näher und bereiter seye / als wann die Gefahr am grösten ist. Endlich als er in dem Tod-Bett lage / und ihme der höllische Feind erschienen ist / da hat er ihne gantz hertzhafft angefahren /und gesprochen: Was hast du da zu schaffen / du blutdurstige Bestie / du hast bey mir nichts zu suchen / du wirst an mir keinen Theil haben. Aber zu mercken ist / daß die Hoffnung nothwendig mit unserer Mitwürckung oder Ubung der guten Wercken müsse begleitet werden und vergesellschafftet seyn; dann sonsten wäre es vielmehr ein Vermessenheit als wahres Vertrauen zu nennen. Der macht ihm vergebens ein Hoffnung / sagt der Heil. Gregorius, der nicht aufhört GOTT mit seinen Missethaten zu beleydigen.

Der 3. Absatz
Der 3. Absatz.
Von dem Rubin.

Der Rubin ist ein schönes / rothes oder Feurfärbiges Edelgestein / und einerley Gattung mit dem Karfunckel / von dem er mit dem blosen Nahmen unterschieden ist. 24 Der Rubin kommt mehrentheils aus Ost-Indien / absonderlich aus dem Königreich Pegu / und der Insul Zeilon. Es wird auch eine / obwohl schlechtere Gattung in Böhmen und den Schlesischen Gebürgen gefunden / sonderlich in einer Arth der Kisel-Steinen / die grösser als ein Ey seynd / welche wann sie entzwey geschlagen werden / schöne Rubinen in sich halten / die denen Orientalischen wenig oder nichts nachgeben / sie werden aber selten gefunden. Wann der Rubin eine Gelbe an sich hat / so wird er für ein Granat oder Hyacinth gehalten.

Es sind aber auch die Indische Rubinen unterschiedlich beschaffen / die beste und fürnehmste seynd die Karfunckel-Rubin / und dise geben wegen ihrer feurfärbigen Röthe in der Finstere einen Schein von sich gleich einer glüenden Kohlen / wie man insgemein von ihnen schreibet. Die edliste an der Farb und Wasser nennt man in Indien Tockes, andere so etwas geringers in dem Werth / Ballex und Espinellos. Einige seynd Feur-Farb / andere Leibfarb / und wiederum andere seynd denen Diemanten nicht ungleich / und etliche ein halber Saphir / welcher Stein mit den Rubinen in einem Felsen wachset.

Die Ursach so vielfältigen Unterschieds der Rubinen ist diese / weilen in denen Felsen oder Bergen / da sie wachsen / ihre erste Farb weiß ist / nach und nach aber werden sie von der Sonnen-Hitz gefärbet und zur vollkommenen Zeitigung gebracht. Wann sie dann vollkommen zeitig seynd / werden sie erst roth / als wie die Karfunckel / oder Tockes, wann aber etwas von der Zeitigung manglet oder sie zu frühe ausgegraben werden / da ist auch ihr Farb unterschiedlich. So viel nun ihnen mangelt an der Röthe eines vollkommenen Rubins / um so viel werden sie auch in der Kostbarkeit und Werth geringer geschätzt etc.

Paulus Venetus in dem Bericht von der Insul Zeylon schreibet lib. 3. c. 22. Es habe der König desselbigen Eylands einen Rubin gehabt / deßgleichen in der gantzen Welt nicht zu finden geweßt / dann er habe in der Länge die Breite einer Hand / in der Dicke aber drey Finger begriffen / als wie ein brennendes Feur geglantzet / und kein eintziges Flecklein gehabt. Der grosse Tarter-Cham habe ihm eine fürnehme Stadt darfür angebotten / welches er aber ausgeschlagen / weil solcher Rubin von seinen Vorfahrern in dem Reich ihm erblich zukommen seye.

Auch merckwürdig ist jener Karfunckel-Rubin /welchen der Admiral Georg von Spihlbergen aus der Insul Zeylon mit sich in Holland gebracht / und ihm von dem König aus Candy ist verehrt worden / der die Grösse einer grossen Welschen Nuß hatte.

Die Krafft des Rubins und Karfunckels belangend /so ist er ein treffliches Mittel wider alles Gifft / er ergötzet und erfrischet das Gemüth / stärcket die Lebens-Geister / er verminderet den Schlaff / und bewahret vor schreckbaren [118] Träumen / auch vor der Verfäulung. Er widerstrebet der Geilheit / aber er bewegt auch zum Zorn / und wann ein Unglück bevor stehet /da soll er die Farb veränderen.

Die Lieb GOttes gleichet dem Rubin oder Karfunckel-Stein erstlich in dem / daß gleichwie dieser edle Stein ein bewährtes Mittel wider alles natürliche Gifft ist / also ist die Liebe GOttes ein kräfftig- und unfehlbares Mittel wider alles Gifft der Sünden / als welche sie nothwendig vertreibt / oder ausschliesset / und ohnmöglich neben einer schweren Sünd in dem Hertzen oder in der Seel eines Menschen bestehen kan. 25

Viel ehender wurde Feur und Wasser / Hitz und Kälte / Tag und Nacht sich miteinander comportiren und vergleichen / als die Sünd und Liebe GOttes nur einen Augenblick lang beysammen stehen. Dann die Göttliche Lieb tragt einen unleidentlichen Haß wider die Sünd / und verfolget selbe aufs äuserste an allen Orthen / wo sie selbe antrifft: Sie treibet den Menschen an dieselbige auf all mögliche Weiß zu fliehen und zu meiden und rufft immerdar ihme zu mit den Worten des weisen Manns / ut à facie colubri fuge peccatum. 26 Fliehe vor der Sünd / als wie vor einer Schlangen. Wann sich aber je ein Sünd in die Seel hat eingetrungen / da bereuet und beweinet die Lieb den Fehler bitterlich / und thut ihn nach aller Schärpffe abstraffen; dahero kommt es / daß vil GOttliebende Seelen ehender alle Peinen dieser und jener Welt haben wollen ausstehen / als nur in ein eintzige Sünd verwilligen / dieweilen nehmlich die Liebe GOttes auf die Reinigkeit der Seelen höchstens beflissen ist / die Sünd herentgegen die allerheßlichste Mackel und Unreinigkeit ist.

Für das andere gleichwie von dem Rubin gesagt wird / daß er den Schlaff mindere / also auch und noch vielmehr kan von der Liebe gesagt werden / daß sie den Schlaff / das ist / die Trägheit oder den Müßiggang nicht nur mindere / sondern gäntzlich vertreibe und ausschliesse: dann die Lieb GOttes ist also emsig und würcksam / daß sie immerdar grosse Werck und Ubungen verrichtet. Ja wann sie dieses nicht thut / so ist es kein wahre Liebe nicht / wie der Heil. Gregorius anmercket: Charitas magna operatur, vel si non operatur, Charitas non est. Sie lasset kein Ruhe noch Rast / sonder sie treibt immerdar an /dem Geliebten etwas zu gefallen zu thun: Sie sinnet unterschiedliche Mittel und Weeg aus / den Nutzen oder die Ehr des Geliebten zu vermehren und zu beförderen / auch alles nach Möglichkeit von weitem abzuleinen / was ihm mißfallet und einiger massen zuwider ist.

Zum dritten und sonderbar kommt die Liebe mit dem Rubin oder Karfunckel in diesem über eins / daß gleichwie jener Feurfärbig / oder Feurroth ist / und in der Dunckle leuchtet / also auch / ja unvergleichlich mehr scheint und schimmeret der sittliche Rubin oder Karfunckel der Liebe GOttes in der finsteren Nacht der Trübsalen / der Anfechtung- und Verfolgungen: ja in diesen Finsternussen der Widerwärtigkeit wird der Rubin der Liebe nicht nur nicht verdunckelt / sondern glantzet vielmehr als an dem hellen Tag der Wohlfahrt / und zeitlichen Glückseeligkeit / dann er gibt da in diser Dunckle die schönste Strahlen der Tugenden von sich / benanntlich der Gedult und Demuth / der Treu und Danckbarkeit gegen GOtt / der Stärcke und Standhafftigkeit etc. wie es sich bey so vielen tausend HH. Martyrer und anderen GOttliebenden Seelen / die um Unschuld vil und schweres gelitten haben / klärlich erwisen hat: dann die Trübsal ist gleichsam der Probier-Stein der Liebe / welcher weiset / ob sie rein und aufrichtig seye / und gleichwie das Gold in dem Feur geprüfet wird / ob es gut und gerecht / also wird die Liebe in der Widerwärtigkeit probirt / und versucht / ob sie rein und standhafftig seye.

Der Rubin haltet in die fleischliche Begierden / und bewahret von der Verfäulung / hingegen stärcket er den [119] Menschen / und macht behertzt und zornmüthig.

Auch der sittliche Rubin der Liebe GOttes haltet zuruck und untertrucket die fleischliche Lieb / und laßt den Menschen gar nicht verfaulen oder verderben unter denen irrdischen Begierden und Anmuthungen. Hingegen stärcket sie das Gemüth / und macht hertzhafft und unerschrocken / ja sie entzündet mit einem löblichen Eyfer und Zornmuth in Bestreit- und Verfolgung der Sünd und Laster / in Beschützung der Ehr ihres Geliebten. Fortis ut mors dilectio. 27 Da ist sie so starckmüthig / daß sie weder Gefahr noch Beschwerden / weder den Tod selber achtet: wie es klärlich mit seinem Exempel erwiesen hat der H. Lieb-und Eyfervolle Apostel Paulus / indem er Heldenmüthig ein gantzes Heer der Trübsaal / Beschwerden und Gefahren heraus forderet / mit dem vesten Schluß und Versicherung / daß ihne nichts solle absöndern oder abwendig machen von der Liebe Christi / weder das Leben / noch der Tod / weder Engel noch Menschen /weder Krafft noch Macht / weder das Gegenwärtig noch Zukünfftige. 28

Der 4. Absatz
Der 4. Absatz.
Von dem Saphir und Hyacinth.

Der Saphir ist ein schöner / Himmelblauer / durchscheinender Stein / wird nicht nur in Indien sonder auch in Europa gefunden. 29 Aber die Orientalische /so man in Pegu / Calecut und Zeylon findet / seynd die beste. Der Saphir ist fast eben so hart / als wie der Diemant. Es werden vielerley Gattungen der Saphiren gezehlet. Die erste und beste werden von der schönen Himmelblauen Farb Saphyrus Cœruleus genennt. Die andere Gattung neiget sich von der blauen Farb auf das Grüne / und wird Saphyrus viridis benahmset. Die dritte gehet von dem Blauen in das Goldfarbe oder Saphyrum aureum, Gold-Saphir: und dieses Edelgestein hat guldene Düpflein oder Flecklein. Die vierdte Gattung endlich ist liecht und Milchfärbig /und zucket von dem blauen in das weisse / Saphyrus candidus: und diese kan man leicht durch Kunst weiß brennen / poliren und so zurichten / daß sie denen Diemanten gleichen. Ihre Natur ist kalt und trocken /wie insgemein andere Edelgestein. Den Werth betreffend wird ein jeder Saphir nach dem Grad seiner Farb / Reinigkeit und Grösse geschätzt / doch seynd sie nicht so hoch in dem Preiß als wie die Diemant /Rubin und Schmaragden / die dunckelblaue aber seynd fürtrefflicher als die Liechte und weißlechte.

Die Grösse dieses Steins übertrifft in der Breite selten einen Mandel-Kern / sage / selten / inmassen ich auch selbst in einem gewisen Kirchen-Schatz einen / der um ein zimliches grösser war / gesehen hab. Noch merckwürdiger soll derjenige seyn / von welchem Petrus Martyr schreibet / daß Gonzalvus Oviedo in West-Indien eine Schaalen von Saphir gesehen habe / welche grösser gewesen als ein Ganß-Ey.

Dieser edle Stein ist vor andern denen Augen sehr angenehm: Seine Krafft aber belangend / so ist selbige vilfältig und unterschiedlich / dann er soll ein Hertzstärcken des Mittel seyn wieder die Forcht /Ohnmacht und Traurigkeit. Die Augen erfrischen und denen Kinds-Blatteren wehren / daß sie denen Augen nicht zu nah kommen: wie auch die Wunden heilen /wann man ihne pulverisirt / und mit Milch vermischt darauf legt. Ferners wie man von ihm schreibt / so stärcket er die Glieder / machet hertzhafft und streitbar: er vereiniget die entzweyte Gemüther / er mäßiget die Hitz in dem Leib / und legt die Geschwulst nieder: ist auch ein Mittel wider das Gifft / und ist der Unlauterkeit also zuwider / daß er absteht / oder seinen Glantz verliehrt / wann ihn ein gar unzüchtig und lasterhaffter Mensch traget.

Wegen diesen herrlichen Eigenschafften kan der Saphir gar wohl mit der Gnad GOttes verglichen werden / als welche eben solche fürtreffliche [120] Würckungen in der Menschlichen Seel hat / als wie er in dem Leib. 30 Dann die Gnad GOttes ist das wahre und unfehlbare Mittel wider alles Sünden-Gifft / welches sie augenblicklich aus der Seel vertreibet: sie stärcket den Menschen gewaltig / und befreyet ihn vor unordentlicher Forcht und Zaghafftigkeit; Sie macht ihn kühn und hertzhafft / also daß er kecklich mit dem Apostel Paulo sagen darff: Omnia possum in eo, qui me confortat: 31 Ich vermag alles durch den / der mich mächtig macht. Die Gnad GOttes erleuchtet die sittliche Augen / das ist / den Verstand des Menschen /daß er sieht und erkennt / was GOtt von ihme haben /oder nicht haben will. Sie heilet unfehlbar und augenblicklich alle tödtliche Wunden / so die Sünd der Seel versetzt hat. Sie dämmet und löschet aus die unordentliche Hitz der bösen Begierden und Anmuthungen / und trucket nieder die Geschwulst des Hoch- oder Ubermuths: sie kan mit keiner Unreinigkeit des Gewissens vereiniget werden / und sich gar nicht aufhalten bey einem grossen Sünder: Endlichen und absonderlich thut sie den Menschen mit GOtt und mit seinem Nächsten versöhnen. Wann man eine lebendige Spinnen in ein Büchslein oder Geschirrlein thut / und einen gerechten Saphier-Stein eine Weil darüber haltet / da wird die Spinn durch die Krafft des Saphiers ohne Berührung alsobald getödtet. Eben also / wann in dem Hertzen oder in der Seel eine gifftige Spinnen des Neid und Hasses / oder eines anderen Lasters sich befindet / und aber von oben herab die seeligmachende Gnad GOttes darüber kommt / da muß dises gifftige Unzieffer / die Sünd / alsobald sterben oder abweichen: sie kan die Krafft und Würckung dieses Saphiers der Gnad GOttes keinen Augenblick erdulden.

Es pflegen die grosse Herren geistlich- und weltlichen Stands den Saphier vor andern Edelgesteinen in denen Finger-Ringen zu tragen / und er ist auch schon in dem alten Testament berühmt und hochangesehen gewesen: um den geistlichen Saphier der Gnad GOttes sollen wir uns vor allem / und über alles bewerben; dann an diesem all unser Heil und Wohlfahrt gelegen ist. Diesen sollen wir über alles schätzen / und beständig bey uns tragen etc.

Es kan auch der Saphier wegen der Himmel-blauen Farb mit der Contemplation oder dem beschaulichen Leben verglichen werden; massen die / so demselben ergeben seynd / mit dem Apostel sagen können / nostra coversatio in cœlis est, unser Wandel ist im Himmel. Neben dem / daß die Betrachtung in sittlichem Verstand und in dem Gemüth auch einige dergleichen Würckungen hat / als wie der Saphier in dem Leib des Menschens.

Der Hyacinth (von der Blumen dieses Namens also genennt) ist ein durchscheinendes gelb-rothes Edelgestein: und nachdem es mehr oder minder von der Röthe hat / wird es bald zu denen Rubinen / bald zu denen Granaten gerechnet. 32 Die beste Hyacinthen seynd sehr hart / nicht gar zu klar und nicht gar dunckel: die rothe / so in dem Feur noch röther werden /halt man für die Edliste. Insgemein werden dreyerley Gattungen der Hyacinthen unterschieden / nemlich die rothe / gelbe oder Saffran-farbe / und blaue: neben denen Orientalischen findet man auch einige in Schlesien und Böhmen. Der Hyacint wird auch in der Medicin zur Hertzstärckung gebrauchet. Seine Würckung solle in dem bestehen / daß er von der Pest befreye /die Traurigkeit vertreibe / das Hertz stärcke / und den Schlaff befördere.

Dergleichen Würckung hat auch im sittlichen Verstand die Tugend insgemein; dann sie befreyet den Menschen von der schädlichen Pest der Sünden / sie stärcket das Hertz und Gemüth in Ubertragung der Beschwerden / und Uberwindung der unsichtbarlichen Feinden / und verursachet den Schlaff / das ist / die geistliche Ruhe des Gewissens. 33

Aber ich lise noch von einer anderen besonderen Eigenschafft des Hyacinthen / nemlich daß dieser Stein sich gäntzlich nach dem Himmel richte: [121] wann der Himmel schön blau und heiter ist / da sey der Hyacinth auch schön und hell; wann aber der Himmel trüb und dunckel aussehe / da sehe der Stein auch also aus: sereno ridens, nubilo tabescens, sagt der Heil.Isidorus von diesem Stein. Ubrigens sey der Hyacinth ein so schön- und edler Stein / daß er nicht vonnöthen habe / gleich anderen Edelgesteinen in Gold eingefaßt zu werden / sondern an ihm selber und alleinig schöner seye als andere in oder mit dem Gold. Eben durch diese Eigenschafft thut er auch die Tugend oder einen tugendsamen vollkommen Menschen repræsentiren oder vorstellen: der nemlichen all sein Leben oder sein Thun und Lassen nach dem Himmel richtet / und wie dieser ihm es vorschreibt / anstellet / mit der Erden aber nichts will zu schaffen haben: der mit Tugend also gezieret ist / daß er das Gold der zeitlichen Ehren und Reichthumen gar nicht bedürfftig ist / sondern dieselbe hertzhafft verachtet.

Der 5. Absatz
Der 5. Absatz.
Von dem Beryll, Jaspis, und Topas.

Der Beryll kommt aus Indien / seine Farb zieht sich aus dem grünen in das blaue / und sihet dem Meer-Wasser nicht ungleich: je bleicher er ist / je besser und gerechter ist er. 34 Er ist an sich selber dunckel /und hat schier keinen Glantz / biß er geschnitten wird: deßwegen schneiden und schleiffen ihne die Indianer sechseckig / alsdan glantzt er zierlich: es gibt desselben unterschiedliche Gattungen / und er scheint eine Art von Crystall zu seyn.

Er solle gar gut seyn für die trieffende Augen /wann man ihn zerstoßt / und mit Rosen- oder Lilien-Wasser vermischet: auch für die Gebrechen des Magens und der Leber.

Durch den Beryll kan die Freygebigkeit verstanden werden: weilen gleichwie dieser Stein / wann er sechseckig geschnitten und geschliffen wird / da gibt er von allen Seiten einen schönen annehmlichen Schein von sich / und spendirt seinen Glantz reichlich aus: also thut die Tugend der Freygebigkeit auf 6erley Weiß den Schein ihrer Gütigkeit ausbreiten / und ist dardurch bey jedermann beliebt und angenehm. Nemlichen sie gibt und theilet den Bedürfftigen mit / erstlich frey / oder gutwillig und ungezwungen / nicht erst auf langes Pressen oder ungestümmes Anhalten derSupplicanten / ja ein freygebiger Mensch schämet sich / wann man lang und starck sollte bey ihm anhalten und gleichsam ihne nöthen. Er bedenckt was geschrieben stehet: Beatius est magis dare quàm accipere. 35 Daß besser und glückseeliger seye geben / als nemmen. Und widerum: Seelig ist der sich annimmt des Dürfftigen und Armen / dann der HErr wird ihn erretten zur bösen Zeit. 36 Fürs anderte gibt der Freygebige hurtig und bald; er nimmt das Sprichwort in Obacht: Qui citò dat, bis dat, der geschwind gibt /gibt dopplet oder noch so viel. Im Erzürnen und Straffen ist der Mensch offt nur gar zu geschwind und geh / im Geben soll er auch nicht langsam seyn / und die Bedürfftige oder Anhaltende nicht immer mit dem leidigen cras cras, morgen morgen / aufziehen. Drittens muß die liberalität oder Freygebigkeit geschehen aus eigenem / nicht aus fremdem oder ungerechtem Gut; dann ein Geschenck oder Allmosen / das von fremdem Gut herkommt / ist ein Greuel vor den Augen GOttes. Viertens solle man freygebig seyn mäßig und mit Bescheidenheit nach Propotion seines Stands und Vermögens / ohne Verschwendung und Beschädigung seiner selbst oder der Seinigen etc. Dann


Omne quod est nimium, vertitur in vitium.

Was zu viel und übermäßig /
Schädlich ist / und unzuläßig.

Fünfftens solle die Freygebigkeit geübt werden gegen den jenigen / die es verdienen und nicht mißbrauchen / bey denen es wohl angewendt ist: dann wann man gegen den jenigen freygebig ist / die es übel anwenden und mißbrauchen / so thut man zu dem Bösen[122] cooperiren oder mithelffen / und macht sich fremder Sünden schuldig. Es ist eben so viel / als wann man einem unbehutsamen Kind ein spitziges Messer in die Hand gibet / mit dem es sich gar leicht verwunden kan. Endlichen 6tens soll man die erwisene Gutthat oder Freygebigkeit dem / der sie empfangen hat /nicht leicht aufheben oder vorwerffen: und über die Undanckbarkeit sich nicht mit Unwillen oder unmäßig beklagen. Dann die Gutthaten oder Freygebigkeit / so wir aus Liebe GOttes andern erweisen / verliehren ihren Werth und Verdienst nicht / wann es schon der Mensch / so selbe genossen hat / nicht erkennet.

Dieses seynd die sechs geschliffene Eck des sittlichen Berylls / die ihne schön und glantzend machen /ich will sagen / die sechs Umständ / so die Tugend der Freygebigkeit haben muß / auf daß sie schön /vollkommen und angenehm seye.

Man sagt auch von dem Beryll / daß wann er von einer kalten Hand gegen der Sonnen gehebt werde / so thue er die Hand erwärmen. Gewiß ist es / daß die Freygebigkeit die in der Lieb und Freundschafft gantz kalte / und gleichsam durch Feindschafft erfrohrne /oder erstarrte Hertzen erwärme / und widerum zur Gegen-Lieb und Freundschafft erweiche.

Der Jaspis ist ein sehr harter / etwas dunckler und nur zum Theil durchscheinender Stein / der hin und wider röthliche und grüne Flecklein hat. 37 Es seynd dessen gar viel unterschiedliche Gattungen Plinius erzehlet dessen zehnerley. lsidorus aber noch mehr /welchem die Natur unterschiedliche Farben geben hat / und folgends die Menschen auch unterschiedliche Namen / also daß sie auch zu unterschiedlichen Gattungen der Edelgesteinen gezogen werden: sie kommen aus vielerley Ländern / als Indien / Persien /Cypro / Phrygien etc. Der erste und beste unter denenselben ist grün und durchscheinend / dem Orientalischen Smaragd nicht ungleich / und dieser kommt aus Indien. Der Jaspis solle unterschiedliche Krafft und Würckungen haben: Er stelle das übermäßige Bluten ein / wan man ihn an dem Hals tragt / er benehme den Eckel oder Magen-Grausen / er mache helle Augen /vertreibe das Fieber und die Wassersucht / wie auch schädliche Phantasmata oder Einbildungen / und der grüne sey den schwangeren und gebährenden Frauen verhülfflich.

Es kan meines Erachtens der Jaspis wohl auf die Wissenschafft oder Gelehrtheit insgemein ausgedeutet werden. 38 Dann erstlich gleichwie der Jaspis vielfärbig und unterschiedlich ist in seiner Gattung und Eigenschafften / der eine grün / der andere roth / der dritte blau etc. der eine für diesen / der andere für einen anderen Affect oder Zustand etc. der eine da /der andere dort zu finden. Also ist auch die Wissenschafft gar vielfältig und unterschiedlich. Die eine /die ausserordentlicher Weiß von GOtt unmittelbar eingegossen worden ist: die andere aber / welche auf gewöhnliche Weiß durch Studiren / durch Mühe und Arbeit nach und nach erworben wird. Jene wird in den Schulen scientia infusa, diese aber acquisita genennt. Jene hat in einem hohen Grad der Adam im Paradeyß von GOtt empfangen: wie auch hernach der weise Salomon / und die Apostel an dem Heil. Pfingst-Tag. Ja noch unterschiedliche andere HH. seynd durch das Gebett gehlingen / und auf einmahl grundgelehrt worden. Der Gottseelige Egyptische Abbt Hor mit Namen / der weder lesen noch schreiben kunte / als ihm ein Büchlein geben wurde / da hat er gebettet /angefangen zu lesen / und ist in ein oder anderer Stund so gelehrt worden / als andere in viel Jahren.Joannes ein Trajectensischer Bischoff / ist von dem Pflug zu dem Bisthum beruffen worden / und hat zu gleich die anständige Wissenschafften übernatürlicher Weiß empfangen. Stephanus ein Einsidler ist in der Wüsten / ohne Bücher und ohne Lehrmeister also gelehrt und erfahren worden / daß er allen / die zu ihme kommen / nothwendige Unterweisung hat geben können etc. Die andere gewöhnliche Wissenschafften[123] seynd die / so alle Gelehrte mit langer Weil und vielem Studiren erwerben.

Diese seynd wiederum unterschiedlich von Göttlichen und übernatürlichen Dingen / als wie die Theologi, oder von natürlichen Sachen und Eigenschafften cörperlichen Dingen / als wie die Philosophi, oder von Administrirung der Gerechtigkeit / und gerichtlichen Sachen / als wie die Jurisprudentia, oder von Erhaltung der Gesundheit und Heilung der Kranckheiten / als wie die Medicin / oder von dem Himmels-Lauff und Einfluß des Gestirns als wie die Astrologi etc:

Alle diese Wissenschafften ergötzen und stärcken den Verstand / als wie der Jaspis die Augen. Sie benehmen auch wegen ihrer Unterschiedlichkeit und vielfältigen Objecta den Eckel oder Verdruß / welchen einerley Materi / wann sie zu offt kommt / oder zu lang dauret / verursachen thut. Ferners der Jaspis vertreibt die Fieber und schädliche Phantasmata, auch die nutzliche Wissenschafften vertreiben sowohl die innerliche Hitzen der bösen Begierden und Anmuthungen / als die Kälte der Trägheit und deß Müßiggangs: absonderlich aber vertreiben sie aus dem Verstand die schädliche und schandliche Phantasmata der Irrthumen und Unwissenheit etc.

Die obgemeldte Jaspis-Stein befinden sich nicht in einem sondern unterschiedlichen Ländern: und auch die gemeldte Wissenschafften findet man nicht bey einem Gelehrten allein / sondern eine bey diesem /eine andere bey einem anderen.

Der Jaspis ist aus Göttlicher Verordnung auf dem guldenen Brust-Blat des Hohen Priesters in dem alten Testament eingesetzt gewesen / und hat selbem ein sonderliche Zier gegeben / aber mit dem sittlichen Jaspis der nutzlich- und anständigen Wissenschafften sollen absonderlich unsere Hohe Priester / ich will sagen / die hohe geistliche Obrigkeiten die Bischöff und Prälaten versehen und gezieret seyn.

Endlichen wie der Heil. Joannes in seiner heimlichen Offenbahrung gesehen hat / so ist das erste Fundament der Himmlischen Stadt Jerusalem ein Jaspis gewesen: und der Jaspis / verstehe die Wissenschafften und Gelehrtheit / ist auch nach dem Glauben das erste und stärckste Fundament der Catholischen Kirch / auf welche sie sich gründen und steiffen muß / damit sie aufrecht und unverstört bleibe / wann sie von denen Ketzeren und Irrglaubigen durch Betrug und Arglist bestritten und angefochten wird.

Der Topas oder Topasser-Stein ist ein gar herrlich und schönes Edelgestein / welches an Glantz / Klarheit und Grösse die andere übertrifft. 39 Einige thun ihme ein gelbe Farb zueignen / und sagen es sey ein Gattung der Chrysoliten / es wird auch Chrysopras genennt: Andere machen ihn grün / und denen Smaragden ähnlich / und wiederum andere rothlecht denen Rubinen oder Karfunckel nicht ungleich. Am besten scheinen diejenige zu reden / welche sagen: Sein Farb bestehe in einer Vermischung aller Farben anderer Edelgesteinen / oder daß er annehme die Farben aller anderer Steinen wegen seiner Klarheit / wann sie ihm vorgehalten werden. Er ist in denen Schätzen der grossen Fürsten und Herren sehr hochgeschätzt und angenehm.

Einstens ist ein so grosser Topas gefunden worden / daß Ptolomæus Philadelphus eine gantze Statuam vier Ehlenbogen hoch daraus hat machen lassen / wieAndreas Baccius c. 4. de gemmis schreibet. Wie man von ihme schreibt / so habe er seinen Nahmen von der Insul Topatz in dem rothen Meer gelegen / darinn er häuffig zu finden ist / die beste aber / wie andere sagen / sollen aus Carmania kommen / und allda in den höchsten Felsen gefunden werden. Zu Neapel befindet sich ein Topas / welchem mit alt Römischen Buchstaben folgende Wort eingegraben seynd. Natura deficit. Fortuna mutatur. DEUS omnia cernit. Die Natur nimmt ab. Das Glück verändert sich. GOtt sihet alles.

Es soll auch der Topas grosse Krafft und Würckungen haben / nemlich [124] wider die Melancholie / wider den Blut-Fluß und hinfallende Kranckheit / und wann er in ein siedendes Wasser geworffen wird / da stillet er dasselbe und benimmt ihm die Hitz / also daß / wie einige behaupten wollen / man wohl möge die Hand unveletzt darinn halten. Wer curios ist solches zu probiren / mag es thun / ich laß es / wie viel anders in dieser Materi auf den Glauben oder Authorität der Scribenten (aus denen ich es gezogen hab) oder auf die Erfahrnuß ankommen / und dahin gestellt seyn. Er soll auch ein gutes Mittel seyn wider den Zornmuth /und dem Gifft widerstreben: ja seinen Glantz verliehren / wann solches ihme zu nahe kommt / so bald aber das Gifft hinweg ist / komme ihm sein voriger Glantz wiederum. Endlichen soll er in seiner Krafft und Würckung nach dem Mond sich richten / und darinn mit demselben ab- und zunemmen. Der Topas kan einiger massen auf Christum den HErrn ausgedeutet werden /als welcher an Grösse / und Herrlichkeit / an dem Glantz der Glori und Heiligkeit alle Menschen übertrifft / und ein lauterer Zusammen-Fluß oder ein Versammlung aller Vollkommenheiten ist / die er eminenter, das ist / auf eine übertreffentliche Weiß in sich enthaltet / als wie der Topas die schöne Farben aller anderen Edelgestein in ihm versammlet. 40 Dieser geistliche Topas nehmlich Christus ist das allerköstlichste Edelgestein in der Göttlichen Schatz-Kammer / ja er selber ist die Schatz-Kammer / in welcher alle Schätz der Weißheit und Erkanntnuß verborgen ligen. 41 Er ist das kräfftigste Mittel wider die unordentliche Traurigkeit / ja er ist gaudium Angelorum, die Freud der Englen: wider den Zornmuth etc. inmassen er selber sagt: discite à me, quia mitis sum etc. 42 Lernet von mir / dann ich bin sanfftmüthig. Das Sünden-Gifft vertreibt dieser Göttliche Topas unfehlbar aus der Seel; wann aber der Mensch verstockt ist / und das Gifft der Sünden nicht ausspeyen will / da verbirgt oder hinterhaltet er den Glantz und die Strahlen seiner Gnaden / so bald hingegen jenes tödtliche Gifft durch die Reu und Buß abgelegt ist /da laßt er diesen Glantz wider sehen. Der Topas solle in seiner Krafft und Würckung zu- und abnemmen /nach dem Lauff des Monds: der sittliche Topas aber Christus ist zwar an sich selbsten unveränderlich /also daß er in der Vollkommenheit weder zu- noch abnehmen kan: doch aber thut er sich in so weit dem Menschen / welcher veränderlich und so unbeständig ist / als wie der Mond / accomodiren / daß / nachdem diser zu- oder abnimmt in der Tugend und in dem Guten / nach dem lasset auch dieser Göttliche Topas mehr oder minder Krafft und Gnaden-Einflüß von ihm ausgehen / und dem Menschen zukommen.

Der 6. Absatz
Der 6. Absatz.
Von dem Ametist, Onych, Sardio, und Sardonix, von dem Chrysolitho, Calcedonier, Opal, Türckis, Achat und den Granaten.

Der Ametist ist ein durchscheinendes / Veil-blau-mit roth vermischtes Edelgestein. 43 Es kommt aus Indien und Arabien / einer geringeren Gattung auch aus Böhmen. Es gibt dessen unterschiedliche Art oder Gattungen / nachdem sie von einem Orth herkommen: einige seynd gantz roth / andere blau. Zu Zeiten gibt es so grosse Ametist / daß man köstliche Geschirrlein oder andere Figuren daraus macht: sie lassen sich leicht schneiden. Der Ametist soll ein Mittel für die Trunckenheit seyn (auch der / so ihn tragt / von dem Wein nicht angefochten werde) und von disem Effect den Namen haben / dann das Wort Ametist kommt aus dem Griechischen her / heist so viel als auf lateinischsine vino, zu teutsch / ohne Wein. Er soll auch den Menschen wachtbar und verständig machen. Dieser Stein hat die Ehr gehabt / daß er / wie Nicolaus de Lyra schreibt / von dem Heil. Joseph in einem Braut-Ring der Seeligsten [125] Jungfrau Maria ist gegeben worden.

Der Onyx gleichet einem sauber weissen Finger- Nagel eines Menschen / er hat viel Adern / die mit Milch-farben Circklen umgeben. 44 Onyx ist ein Griechisch Wort / heist lateinisch unguis, ein Nagel. Er kommt aus Indien und Arabien / er wird offt so groß gefunden / daß man auch Trinck-Geschirrlein daraus machen kan.

Der Onych ist weißlecht aber dunckler Farb / mit unterschiedlichen Strichen durchzogen. Denen die das Hinfallende haben / oder vom Schlag berührt worden / hilfft er auf / und ist denen Augen nutzlich. Wann man ihne reibt / so wird er erhitziget. Ubrigens hat auch der Onych unterschiedliche Gattungen / Farben und Würckungen / wie dann auch von einigen der Beryll unter die Onychen gezehlt wird.

Der Sardius oder Sarder ist ein rothes Edelgestein /schön und köstlich / (einige wollen es seye eben das /was der Rubin) wird also genennt / weilen es von denen Sardibus zu erst ist gefunden worden / wie Plinius und Isidorus schreibt. Es kommt aus Assyrien und Indien etc. Er hat die Krafft das Gemüth zu ermuntern / die Forcht zu vertreiben und hertzhafft zu machen / ja auch denen Zaubereyen zu widerstehen. Man sagt auch / daß / obwohl der Onych etliche böse Eigenschafften habe / so können doch selbige in Gegenwarth des Sardersteins nicht schaden.

Der Sardonix hat seinen Nahmen von dem Sardio und Onyx, dero Farben und Natur er auch participirt. Einige nehmen ihn für eins mit dem Onych. Wie Isidorus schreibt / so hat er dreyerley Farben / untenher ist er schwartzlecht / in der Mitte weiß / und oben roth. Dise Farben gibt ihm auch Bœtius, und sagt / sie seyen durch runde Strich von einander unterschieden /als wann es mit Fleiß durch die Kunst geschehen wäre. Er ist ein durchscheinender Stein / und wird in Asia / auch in Europa gefunden / doch seynd die Orientalische allzeit die beste / und offt so groß / daß man Trinck-Geschirr daraus machen kan / die aber sehr kostbar und theur seynd. Der König Mithridates soll ein grosse Menge derselben gehabt haben.

Auch der Chrysolith ist ein herrlich schönes Edelgestein / welches auf Königlichen Cronen pranget /und sowohl aus Africa als Indien herkommt. 45 Von seiner Farb schreibet man gar unterschiedlich: villeicht weilen unterschiedliche Gattungen derselben seynd. Einige beschreiben es als hell- oder Meer-grün / andere hingegen Gold-Farb etc. Tostatus sagt / dieser Stein habe bey Tag einen feurigen / zu Nachts hingegen einen Goldfarben Glantz. Isidorus aber thut dieses dem Chrysopras und nicht dem Chrysolith zueignen (der Chrysopras ist sonsten ein durchscheinender grüner Edelgestein / mit einem Gold-Glantz vermengt / den Augen sehr angenehm) Majolus schreibt der Chrysolithus übertreffe an der Schönheit alle andere Stein / und seine Flammen-Farb gebe einen wunderschönen Anblick von sich. Einige melden / es habe ein König in Zeyland einen so ungemein grossen Chrysolith gehabt / der für den kostbarsten / so man jemahl in der Welt gesehen / und für unschätzbar gehalten worden; massen er so lang gewesen / als ein Hand breit ist / und so dick als eines Manns Arm: auch heller als ein Feur-Flamm geglitzet habe / da doch sonst gemeiniglich die Chrysolithen nicht grösser als ein Mandel-Kern seynd. Andere hingegen wollen von keinem Feurfarben Chrysolith etwas wissen und erkennen / sagend / es seye jenes kostbare Edelgestrin vielmehr ein Feurglantzender Rubin / den man Piropos nennt. Albertus M. schreibt / diser Stein lasse seln gröste Schönheit am Morgen sehen / zu anderen Zeiten aber des Tags seye er nicht so schön.

Mardobæus Gallus lib. de lap. schreibt ihme Vers-weiß wunderliche Würckungen zu / deren aber die mehriste Didac. del. Castillo de orna. & vest. Aron. fol. 313. als aberglaubisch verwirfft. Denen Almaticus soll er leichter athmen helffen. Aus disem allem[126] erhellet / wie so schwer es seye in dieser Materi /nehmlich von denen Edelgesteinen etwas gewises zu schreiben.

Was den Ligurium oder Lycurer anbelangt / (der auch unter den Edelgesteinen auf dem Brust-Blat des hohen Priesters gezehlt wird) so thun einige Scribenten ihne zu einer Gattung des Karfunckels / andere aber des Hyacinthen rechnen. 46

Calcedonius ist ein halb durchsichtiger Stein / einer dunckel / feurig rother Farb: oder wie andere wollen /hat er unterschiedliche Farben / nachdeme man ihn gegen dem Liecht haltet. Einige rechnen ihn unter die Karfunckel-Rubin: andere aber unter die Onychen. Die Orientalische seyen die beste theils einer Purpur /Himmel-blau mit weiß vermischter Farb: etliche haben ein annehmliche Röthe / und wann sie gegen der Sonnen gehalten werden / da stellen sie durch den Wider-Schein ihrer Farben einen kleinen Regenbogen vor. Die Calcedonier werden gern zu Pettschafft / oder Sigillen gebraucht / weil sie rein abtrucken / und kein Materi an sich ziehen. Er soll für die Forcht und Melancholie gut seyn / auch das Seiten-Wehe benemmen.

Der Opal ist ein Edelgestein / welches durchscheinig und wegen Vermischung unterschiedlicher Farben / wie ein Regenbogen sehr lieblich in die Augen fallet. 47 Es ist von der freygebigen Natur mit der Krafft und denen Farben schier aller anderen Edelgesteinen begabt worden: weßwegen es nicht / wie andere Edelgestein / durch die Kunst kan nachgemacht werden. Es solte absonderlich das Gemüth zu erquicken vermögen und wider die Ohnmacht verhülfflich seyn /auch die Augen schärpfen dessen / der ihne hat. Es wird dieser Stein in Indien und auch in Ungarn gefunden. Man zehlet aber viererley Geschlecht oder Gattungen der Opalen. Die erste und fürnemste ist blau und Purpur-farb oder auch roth mit gelb vermengt und durchscheinend. Die beste werden erkennt durch ihre Karfunckel-Flammen / ihrem Ametisten-Glantz / und Smaragden grüne / welche alle zusammen in einer Wunder-schönen Vermischung zu sehen seynd. Dieser Stein ist zu seiner Kleine (massen er gemeiniglich nicht grösser als ein Bonen) sehr schwer. Die beste seynd sehr hart: die andere etwas weichers. Die Ursach seiner vielfältigen schönen Farb solle seyn / weilen der Stein kraus ist / und vil durchscheinende Theil hat / in welchen er / weil sie nicht durchgehend oderporosisch seynd / das Liecht empfangt / und selbes wider zuruck gibt.


Der Türckis ist ein harter / nicht durchsichtig / aber schön-himmel-blauer Stein / in welchem das Blau aus dem grünen herfürgehet / und mit einer kleinen Milch-weisse vermenget ist. 48 Die nicht durchsichtige / und die gantz Schatten-dunckle Stein lassen kein folie zu /als wie die andere als Rubin / Smaragd etc. Der Türckis ist durch und durch gleicher Schönheit innerlich und äusserlich / und hat nicht vonnöthen / daß man ihn erhöhe / oder ihm helffe / er ist gar rein und ohne Flecken. Wann er aber je die Farb etwas verliehren solte / kan man ihne wider zurecht bringen / wann man ihne mit Vitriol reibt. Der Türckissen seynd zweyerley Geschlecht / nemlich die Orientalische und Spanische: aber die Spanische seynd mehr dunckel-grün als himmel-blau und selten ohne Mackel. Die bessere kommen aus Persien und der Türckey: sie seynd selten grösser als ein Hasel-Nuß. Doch solle sich in der Schatz-Kammer zu Florentz einer befinden / der so groß als ein Welsche Nuß / auf welchem die Bildnuß Julii Cæsaris geschnitten seye. Es werden dem Türckis von einigen gar seltzame Würckungen zugeschrieben / welche aber mehr aberglaubisch als warhafft scheinen. Doch ist gewiß / daß er Artzney-weiß für das Haupt und die Augen gebraucht wird. Die gerechte und gute Türckis seyen bey Tags schön blau / wie gemeldt / zu Nachts aber bey dem Liecht grün aus. Der Werth des Türckis erhöhet sich nach der Schönheit der blauen Farb / und der Grösse des Steins zugleich.

[127] Der Achat præsentirt sich in unterschiedlichen Gestalten und Farben. 49 Er wird nicht nur in Indien /sondern auch in Europa / sonderlich in Teutschland gefunden. Er ist unter denen fürnemsten Gesund-Steinen einer / und kräfftig wider Schlangen- und Scorpionen-Biß oder Stich und Gifft: Er kühlet die Hitz des Fiebers / und ist den Augen gut. Der Achat nimmt nicht nur allerley Figuren an von der Hand des Künstlers oder Sigill-Grabers / sondern auch die Natur selbsten thut ihme offt mancherley Bildnuß eintrucken /also daß man bald Bäum / bald gewisse Thier und anderes darinn abgebildet siehet. Es gibt etliche in Indien / welche / wan man sie brennt / wie Myrrhen riechen: in Candia findet man eine Art / welche denen Corallen gleichen / und Corallen-Achaten genennt werden.

Zu Venedig in St. Marci-Kirchen ware ein Achat /in welchem ein gekröntes Haupt von Natur zu sehen gewesen. In dem jenigen aber / welchen der KönigPyrrhus in seinem Finger-Ring getragen / ware derApollo mit seiner Cyther in der Hand / und die 9.Musæ mit ihren Instrumenten von Natur zu sehen.

Die Granaten seynd durchsichtige / braun-rothe Stein: sie kommen auch aus Orient und Mohrenland. 50 Doch eben so schön und gut aus Böhmen. Es gibt der Granaten dreyerley Gattungen: die erste seynd roth wie der Safft von Granat-Aepffeln: der anderen ihre Röthe zieht sich auf die Farb der Hyacinthen: und die dritte geht auf Viol-blau. Die Granaten werden entweders Stück-weiß oder Loth-weiß verkaufft /nachdem sie groß oder klein seynd. Die Granaten haben ein Krafft auszutrücknen / stärcken das Hertz /und werden unterschiedlich in der Artzney gebraucht. Noch mehr andere theils Edle / theils Gesundheits-Stein findet man bey unterschiedlichen Authoribus, die eigentlich von dieser Materi gantze Tractät geschrieben haben. Mir seyes genug dieses wenige für eine kleine Notitz oder Kundschafft hievon gemeldet zu haben.

Nur will ich noch anmercken / daß / wann gemeldet wird / es habe dieser oder jener Stein die Krafft / diese oder jene Gemüths-Neigung / zum Exempel den Zorn / die Freud / oder Forcht / Traurigkeit zu erwecken oder zu stillen / solches nicht zu verstehen seye / als hätten diese Stein dergleichen unfehlbare Krafft und Würckung / oder einen unmittelbaren Einfluß in den Willen des Menschens solche Anmuthungen in ihme zu erzwingen und ohnfehlbar oder nothwendig zu erwecken (gleichwie es auch die Himmels-Gestirn nicht haben) dann dises wäre wider die Lehr der HH. Vätter / und wider die Freyheit des menschlichen Willens: sonder man will nur sagen / daß es zu Zeiten gewise Eigengenschafften in denen Steinen gebe / welche mit dem Temperament oder Constitution und Beschaffenheit des Menschen eine heimliche Correspondenz oder Gleichförmigkeit haben / daß folgends der Mensch aus Gelegenheit eines solchen Steins / den er bey sich hat / sich selbsten freywillig entschliesset /und diese oder jene Anmuthung in ihm selbst erwecket / welches er etwann nit thäte / wann nicht ein solcher Stein Anlaß darzu gebe durch sein gewise Beschaffenheit. 51

Es scheinen auch (wie zum Theil Didacus dell Castillo in seinem tract. de ornatu & vestibus Aaronis à quæst. 19. anmercket) einige sonst fürtreffliche Scribenten und Authores zu frey und zu freygebig zu seyn / in Auslegung der Krafft und Würckungen der Edelgesteinen / indem sie einigen auch sogar die Krafft /die Liebe und Freundschafft / die Gunst und Gewogenheit bey grossen Herren zuwegen zubringen / ja auch die böse Gedancken / die Zaubereyen und den Teufel selbst zu vertreiben etc. Viel dergleichen wunderbarliche Würckungen der Edelgesteinen hab ich mit Fleiß verschwigen / weilen selbige zwar von einigen behauptet / von anderen aber als aberglaubisch /oder doch sonsten unwahrhafft verworffen werden: worunter auch des Plinii einige Meynungen zu Zeiten nicht unbillich in Verdacht der [128] Unwahrheit oder in Zweifel gezogen werden.

Ich hab auch beobachtet / daß (wie bey dem ermelten dell Castillo quæ. 21. zu sehen ist de 12. lap. pret.) die wenigste Effect oder Würckungen der Edelgesteinen für gewiß und unfehlbar von denen Authoribus verkaufft werden / welches aus ihrer Red- und Schreib-Art abzunemmen ist: indem sie gemeiniglich nur sagen: es soll dieser oder jener Stein diese oder jene Krafft und Würckung haben; man sagt von ihm /einige schreiben ihm zu etc. Neben dem daß sie sehrdifferent, ja offt einander gantz zuwider seynd in Benahmsung und Beschreibung der Edelgesteinen /indem der eine zum Exempel dem Jaspis oder dem Hyacinth etc. diese Farb und disen Nahmen / der andere ein andere Farb und Nahmen gibt / daß es also gründlich und ausführlich von dieser Materi zu schreiben / nicht nur ein grosse Erfahrnuß / sonder auch absonderliche Behutsamkeit vonnöthen hat. Doch bleibt es auch gewiß / daß GOtt und die Natur unterschiedlichen Steinen sowohl als denen Kräuteren grosse Krafft wider die Kranckheiten / und wider vergiffte Sachen mitgetheilet habe.

Ubrigens über alle die beschriebene Edelgestein insonderheit ein sittliche Application oder Moralisirung zu machen / will mir zu weitläuffig fallen: massen ich zu anderen bevorstehenden Materien zu eylen bemüßiget bin. 52 Sage also nur kürtzlich und überhaupt / daß durch jenes in Heil. Schrifft berühmte gantz guldene und mit allerley Edelgestein gezierte Geschirr füglich ein recht tugendsam und vollkommene Seel möge verstanden werden / welche in dem Feur-Ofen der göttlichen Lieb genugsam gereiniget und ausgebrennt / sich mit denen Edelgesteinen der Tugenden und Vollkommenheiten zu zieren und auszuschmucken befleisset / als mit dem Rubin der Liebe / mit dem Karfunckel des guten Exempels / mit dem Smaragd der Hoffnung / mit dem Diemant der Beständigkeit / mit dem Saphir der himmlischen Betrachtung / mit dem Pyrop einer inbrünstigen Andacht / mit dem Amethist der Nüchterkeit / mit dem Perlein der Reinigkeit / mit dem Topas der Sanfftmuth / mit dem Sardonich der Demuth / mit dem Hyacinth der Eingezogenheit / mit dem Jaspis der beständigen Treu / mit dem Onych-Stein der Forcht GOttes / mit dem Sarder des Eyfers / und mit dem Beryll der Wissenschafft etc. 53 Zu wünschen wäre / daß die so eitel und verblendte Welt-Menschen viel mehr Fleiß und Mühe anwendeten mit disem sittlichen Tugend Geschmuck ihre Seelen zu zieren / als mit denen irrdischen Edelgesteinen ihre sündige Leiber aufzubutzen.

Der 7. Absatz
Der 7. Absatz.
Von denen Perlein.

Die Perlein differiren von denen Edelgesteinen in dem / daß die Edelgestein aus denen Bergen gegraben / die Perlein aber aus dem Wasser gefischet werden. 54 Es seynd aber die Perlein kleine / weiß / klar und runde Steinlein / die in denen Muschlen / oder so genanten Perle-Mutter in dem Meer erzeuget / doch auch in anderen Wässer und Flüssen in Ost- und West-Indien gefunden werden / ja auch hin und wider in Europa: doch haben die Orientalische den Vorzug. Die mehriste seynd kaum einer Erbis groß: doch auch grösser und kleiner. Die kleine kaufft man nach dem Gewicht / oder Untzen / die grössere aber / so Zal-Perlein genennt werden / Stuckweiß.

Sie werden auch Artzneyweiß gebrauchet / und ein kräfftiges Perlein-Wasser daraus gemacht / sie haben wider das Hertz-Klopffen ein grosse Krafft / und auch wider den Schwermuth oder Traurigkeit des Gemüths. In der Muschel und in dem Wasser seynd die Perlein noch zart und weich / und verharten erst mittelst der Zeit / nachdem sie ausgenommen worden.

Es sollen aber die Perlein nach glaubwürdiger Meynung / (dann auch hierinn seynd die Meynungen unterschiedlich) auf folgende Weiß in denen [129] Meer-Muscheln generirt oder gezeuget werden. Es solle sich zu seiner Zeit im Frühling ein gewise Gattung der Austeren samt ihren Schalen und Muschlen aus der Tieffe des Meers in die Höhe empor schwingen /und wann sie herauf kommen / sich aufthun / und bey ihrer Eröffnung etwas von dem fallenden Himmels-Thau empfangen und in sich beschliessen / und dardurch gleichsam imprægnirt oder geschwängert werden / als dann sincken sie wiederum in die Tieffe /und thun das edle Perlein erzeugen.

Die fürnehmste Perlein sollen darumen Uniones genennt werden / weilen sie gemeiniglich eintzig und allein in der Muschel gefunden werden. Sonsten aber lise ich auch in dem Indischen Lust- und Staats-Garten / daß man zu Zeiten wohl über hundert Perlein in einer Muschel beysammen gefunden hab. Man fangt sie aber nit biß am End des Julii / und durch den gantzen Augusti / dann biß dorthin seynd sie noch unzeitig und weich wie Leim.

Was den Perlein-Fang anbelangt / so wird selbige Fischerey von unterschidlichen Scribenten weitläuffig und ausführlich beschrieben. 55 Kurtz und hauptsächlich bestehet die Sach in dem / daß zu seiner gewisen Zeit von den Lands-Herren die beste Schwimmer / die sich ein gute Weil unter dem Wasser aufzuhalten wissen / in die Tieffe des Meers geschickt werden / zu verkundschafften / wo zugegen die meiste Schnecken oder Austeren sich befinden / hernach greiffen die Inwohner der Insuln das Werck gleichsam mit gesamter Hand an. Sie begeben sich mit gar viel Schifflein auf das Meer / theilen sich aus / und werffen von jedem Schiff 2. oder 3. Seiler aus / an welche unten her grosse Stein gebunden seynd / selbige lassen sie biß auf den Grund hinab fincken / das Schiff dadurch fest zu stellen. Hernach versehen sich die Wassertretter / und vermachen auf gewise Art die Naß-Löcher und Ohren / daß kein Wasser hinein tringen kan / binden ein Seil um ihre Lenden / hencken einen Sack an / und lassen sich also in die Tieffe hinab 12. 15. etc. Klaffter tieff /wo sie auf dem Grund in aller Eil die Austern oder Perlein-Muscheln zusammen sammlen / und so bald sie den Sack voll haben / ziehen sie das Seil an / (welches oben in dem Schiff angemacht ist) zum Zeichen /daß man sie geschwind wider herauf ziehen soll. Welches doch nicht leer abgehet / daß nicht einige das Leben einbüssen / oder von grossen Fischen angepacket werden / wann sie sich zu tieff hinab wagen / dann die grössere Perlein befinden sich tieffer / und die kleinere höher in dem Meer.

So lang der Perlein-Fang dauret / müssen drey oder vier Kriegs-Schiff zugegen seyn / welche die Perlein-Fischer vor denen Meer-Rauber beschützen. Ubrigens gleichwie bey uns in dem Fisch-Fang ein Jahr reicher oder glückseeliger ist / als das andere / also auch in dem Perlein-Fang. Auf daß die Taucher oder Perlein-Fischer (deren der König in Portugall bey der Insul Zeylon drey biß vierhundert haltet) unter dem Wasser den Athem lang halten mögen / essen sie wenig / und truckne Speisen.

Die best- und reicheste Perl-Fischerey besitzet der König in Persien an dem Strand des glückseeligen Arabien. Nach dieser folgt die in der Insul Zeylon. In Occident werden sie in dem Mexicanischen Meer-Busen etc. gefunden / sonders schön aber in der sogenanten Margrethen Insul. Die Kostbarkeit der Perlein bestehet in deme / daß sie weiß / hell / rund und groß seyen.

Ein solches Wunderschönes / und unvergleichlich kostbares Perlein ist / in sittlichem Verstand die allerseeligste Jungfrau Maria. 56 Dise ist wahrhafftig Unio oder Unica eintzig und allein das alleredliste und schönste Perlein etc. das jemahl in dem gantzen grossen Welt-Meer ist gefunden worden / deme kein anderes / kein anderer Mensch zu vergleichen ist. Nec primam similem visa est, nec habere sequentem. Wie die Catholische Kirch von ihr singt in den Tag-Zeiten. Sie ist Unio, oder Unica eintzig und allein ohne Mackel der Erb-Sünd empfangen. [130] Unica eintzig und allein ein Jungfrau und Mutter zugleich etc. Die gute Perlein haben ein sonderbare Hertzstärckende Krafft: und wird das Perlein Wasser denen schon Todt-Krancken für eine Erquickung gegeben. Aber noch weit grössere Krafft hat Maria die Seelen der Sterbenden zu stärcken und zu erquicken in ihrer tödtlichen Schwachheit / wie es viel tausend mit ihrem höchsten Trost erfahren haben. Die Perlein werden von dem Himmels-Thau erzeuget: und Maria ist durch ein gantz ungemeines himmlisches Gnaden-Thau empfangen und gebohren worden. Alsdann seynd die Perlein schön und kostbar / wann sie groß / weiß /hell und rund: nun aber ist Maria allzeit groß gewesen im Verstand / Tugend und Verdienst / groß vor GOtt /vor denen Englen und Menschen / sie ist allzeit Schnee-weiß gewesen in der Unschuld und Reinigkeit / und hellscheinend von dem Glantz der Heiligkeit.

Plinius schreibet / daß die Königin Cleopatra zwey Perlein gehabt habe / die so groß und schön waren /daß sie auf 100000. Ducaten seyen geschätzet worden / deren sie eines ihrem geliebten Marco Antonio zu Gefallen in einem scharpffen Eßich hat zergehen lassen / und in einem Trunck ihm vorgesetzt. Aber noch weit köstlicher ist unser Marianisches Perlein / als welches GOtt selbsten ein gantzes Königreich / und zwar das ewige Himmelreich werth zu seyn schätzet /als welches er einem jeden Menschen zu geben bereit ist / für welchen sie ihm ihre Fürbitt und Verdienst anbietet.

Ja sie ist Margarita pretiosa jenes kostbare Perlein / welches jener Evangelische Kauffmann einzuhandlen / alles / was er hatte / verkaufft / und darum geben hat. 57 Dises kostbare Perlein / ich verstehe den Schutz und die Gunst Mariä zu erwerben / sollen wir auch alles daran wenden / alle Kräfften anspannen /keine Mühe noch Fleiß spahren.

In denen Indischen Perlein-Insulen machen die Spanier ein manche reiche Beuth / indem sie selbige gar wohlfeil einhandlen. 58 Wie in dem mehrgemeldten Indischen Lust-Garten aus Petro Marti erzehlt wird / daß die Innwohner selbiger Insuln gantze Körb voll Perlein denen Spaniern um ein Pagatel haben angebotten / als etwann um ein messene Schellen / gläserne Kügelein / oder kleinen Spiegel etc. Wie auch daselbst Perlein gefunden werden / die an der Grösse einer Hasel-Nuß gleichen.

In der Insul Curiana sollen die Spanische Schiffleuth für ungefähr 5. Schilling / 96. Pfund Perlein erhandlet haben / und mit Perlein beladen gewesen seyn / als wann sie Säck mit Spreuer getragen hätten. Aus der sogenannten reichen Insul seynd viel herrliche Schneeweisse Perlein in Europam überbracht worden / deren Grösse wenigist einer Hasel-Nuß gleichte /oder auch übertraff. Eines aus den aller fürnehmsten muß wohl gewesen seyn jenes / so Pabst Paulus von einem Venetianischen Kauffmann um 40000. Ducaten solle erkaufft haben.

Es wird villeicht einer über die Einfalt und den Unverstand der obgedachten Heyden sich verwunderen und lachen / daß sie um ein geringes Kinderspiel so viel kostbare Perlein vertauschen / aber wollte GOtt! daß nicht ein mancher Catholischer Christ eben also /ja noch viel thorrechter handelte / indem er das kostbarste und unschätzbare Perlein der Gnad GOttes /der Unschuld / der Seeligkeit / und seiner eigenen Seel / um gar geringe und nichtige Sachen / um einen kurtzen zeitlichen Wollust / um einen ungerechten Gewinn etc. vertauschet / ja verschwendet und verschertzet.

[131]
Fußnoten

1 Der Steinen sind dreyerley.

2 Apoc. c. 21. v. 19. & 20.

3 Exod. c. 28. àv. 17. etc.

4 Die Natur und Eigenschafft des Diemantsteins.

5 Ein gar ungleicher Kauff.

6 Wie die Diemant wachsen.

7 Der Glaub wird durch den Diemant-Stein beditten.

8 Matth. 16. v. 18.

9 2. Tim. c. 4.

10 Oseæ c. 2. v. 19.

11 ad Gal. c. 2. v. 20.

12 Sap. c. 7. v. 11.

13 Glaubens Streit.

Isaiæ c. 38. v. 14.

14 Marc. c. 9. v. 23.

15 Vielfältige Krafft und Unterschiedlichkeit des Smaragds.

16 Wundergrosse Smaragden.

17 Der Smaragd bedeutet die Hoffnung.

18 Ps. 31. v. 10.

19 Isaia c. 57. v. 13.

20 Jnb. c. 13. v. 15.

21 Prov. c. 3. v. 5.

22 Jerem. c. 17. v. 7.

23 Exod. c. 28. v. 17.

24 Der Rubin oder Karfunckel unterschiedliche Beschaffenheit.

25 Der Rubin wird mit der Liebe GOttes verglichen.

26 Eccli. c. 21. v. 2.

27 Cant. c. 8. v. 6.

28 Rom. c. 8. v. 35.

29 Des Saphirs Gestalt und Krafft.

30 Die Gnad GOttes wird mit dem Saphir-Stein verglichen.

31 ad Philip. c. 4. v. 13.

32 Des Hyacinths Natur und Würckung.

33 Die Tugend durch den Hyacinth beditten.

34 Was der Beryll seye.

35 Actor. c. 20. v. 35.

36 Psal. 40. v. 2.

37 Der Jaspis ist gar unterschiedlicher Farb und Würckung.

38 Die Wissenschafft wird mit dem Jaspis verglichen.

39 Topas ein schön / groß und kräfftiges Edelgestein.

40 Der Topas-Stein bedeutet Christum.

41 Coloss. c. 2. v. 3.

42 Matth. c. 11. v. 29.

43 Der Ametist.

44 Der Onyx, Sardius und Sardonix.

45 Der Chrysolithus.

46 Der Ligurius und Calcedonier.

47 Der Opal.

48 Turcois oder Türckis.

49 Der Achat.

50 Granaten.

51 Anmerckung von der Krafft und Würckung der Edelgegestein insgemein.

52 Sittlicher Geschmuck oder Tugendlicher Edelgestein.

53 Eccli. 50. v. 10.

54 Wie die Perlein beschaffen seyen.

55 Perlein-Fischerey.

56 Die seeligste Jungfrau Maria ist ein kostbares Perlein.

57 Matth. c. 13. v. 45.

58 Menge und Grösse der Perlein.

X. Von etlich mittleren Steinen und Erd-Säfften
Der 1. Absatz
Der 1. Absatz.
Von dem Magnet- und Agt-Stein.

Mittlere Stein seynd diejenige / welche nicht so kostbar und rahr als wie die Edelgestein / und doch auch nicht gar gemein seynd. Ein solcher ist erstlich der Magnet-Stein / welcher an unterschiedlichen Orthen /aber auch von unterschiedlicher Krafft und Würckung zu finden ist. 1 Die seltsame Krafft und Würckung deß Magnets hat schon vor uhralten Zeiten die Menschen in Verwunderung gesetzt / und wollen unterschiedliche Nationes oder Völcker die Ehr haben / daß sie zuerst die Natur und Eigenschafft dises wunderlichen Steins erkennt und erfunden haben. Es haben auch viel alte und neuere Authores weitläuffig darvon geschrieben / absonderlich der berühmte P. Kircherus, Nicolaus Cabeus etc. seine Benahmsung soll er haben von der Landschafft Magnesia, in welcher er absonderlich gefunden wird. Ein guter Magnet-Stein siehet grau oder schwartzlecht aus / auch etwas roth: und damit er etwas zu zehren hab / soll man ihn in Eisen-Feil legen. In der Medicin kan er gebraucht werden / wann man aus Wax und gebrenntem Magnet ein Pflaster machet / soll es für das Zipperlein dienen.

Sonsten bestehet sein meiste Krafft in dem / daß er das Eisen / auch wann es glüend ist / an sich ziehet oder aufhebet / und an ihm im Lufft hangen macht: ja auch dem Eisen thut er seine Krafft mittheilen / also daß wann ein Eisen mit dem Magnet-Stein wohl gestrichen wird / da thut es auch ein anderes Eisen an sich ziehen. Hingegen wann der Magnet klein ist /und gantz loß oder frey ligt / das Eisen aber schwer oder angehefft ist / da bewegt oder lencket sich der Magnet nach der Umfahung deß Eisens. Die sogenante Magnet-Nadel aber ist der Zeiger im Compaß / der die 4. Himmels-Gegenden anzeiget / dessen sich die Schiffende auf dem Meer bedienen / damit sie wissen / wo sie ihren Schiff-Lauff hinrichten sollen.

Ein / in sittlichem Verstand / das Eisen / ich will sagen / die Eisen-harte Hertzen der Menschen / an sich ziehender Magnet ist Christus gewesen / als welcher sichtbarlich in dem Fleisch wandlend / durch sein Göttliche Lehr und Exempel auch die gröste Sünder an / und nach sich gezogen hat / nach der Weissagung des Propheten: In funiculis Adam, in vinculis charitatis, 2 in Adams Stricklein / in den Banden der Liebe. Ja er hat von ihm selbst gesprochen: Ego, si exaltatus fuero à terra, omnia traham ad me ipsum. 3 Wann ich wird erhöcht seyn / wird ich alle Ding an mich ziehen. Wie er dann würcklich noch an dem Creutz hangend den gerechten Schächer / Longinum, und vil aus den umstehenden Heyden an sich gezogen hat. Ja gleichwie der Magnet auch vermittelst eines Eisens / dem er seine Krafft mitgetheilt hat / widerum viel anders Eisen an sich ziehet / also hat der Göttliche Magnet / Christus / durch seine Apostel und Prediger / welchen er sein Krafft und Stärcke mitgetheilt hat / [132] unzahlbare Seelen an sich gezogen. Auch das glüende Eisen ziehet der Magnet an sich / also groß ist sein Krafft und Neigung zu disem Metall: auch die mit dem Feur des Zorns / und der Rachgierigkeit / der Geilheit etc. gantz entzündte /und brinnende Hertzen ziehet GOtt durch sein Gnad an / und nach sich / also groß ist sein Macht und Lieb zu den Menschen.

Aber auch die Welt ist ein starcker anziehender Magnet / als welche durch ihr falsches Liebkosen und betrügliche Verheissungen durch den falschen Schein der Ehren / Wollust und Reichthumen / so viel tausend menschliche Hertzen nur gar zu starck an sich ziehet / und absonderlich ihr anhangen macht / biß daß sie selbige samt ihr in das Verderben ziehet. 4 Aber das feurige Eisen / ich will sagen / die von der Liebe GOttes entzündte Hertzen vermag diser Magnet / die Welt nicht an sich zu ziehen / sie thun ihr nicht anhangen oder nachfolgen.

Der Agtstein / oder Agat / wie ihne andere von dem Fluß Gagas nennen / ist zwar eigentlich kein Stein /sondern vielmehr ein Gattung eines unter-irrdischen Pechs oder Hartzes / Succinum auf lateinisch / welches mittelst der Zeit von der Sonnen oder auch von dem Lufft ausgetrücknet und verhartet worden: zuerst aber ein weicher und fliessiger Erdsafft wie ein Hönig oder Gummi ware. 5 Er ist von unterschiedlichen Farben / schwartz / doch glantzend / oder gelb / auch rothlecht etc. nachdem er von unterschiedlichen Landschafften kommt / gleichwie er auch unterschiedlichen Geruch hat / und wann man ihn anzündt / gibt er einen schwartzen Rauch von sich / wie Pech. Jetziger Zeit wird er auch in Teutschland gefunden: und wird Artzney-weiß zubereitet / und für gar viel unterschiedliche Zuständ gebraucht: dann er hat die Tugend zu heilen / zusammen zu ziehen / zu trücknen / und zu zertheilen etc.

Man trexlet auch allerhand Kügelein / Ringlein /Büchslein etc. daraus. Durchlöcherte Körner oder Corallen von Agtstein oder Agat taugen dem Frauen-Volck nicht nur für ein Hals-Zier zu tragen / sondern sie seynd auch den Augen selber nutzlich und gesund.

Ubrigens hat der Agtstein / wann er erwärmt wird /die Krafft Stroh-Spreyer und dergleichen leichte Sacken an sich zu ziehen / fast eben als wie der Magnet das Eisen / und in disem Stuck kan er wohleinem Geitzhals verglichen werden; dann gleichwie diser Stein besagter massen das Stroh und die Spreyer an sich ziehet / also thut ein Geitziger die zeitliche Güter / die wegen ihrer Eitelkeit billich ein leeres Stroh oder Spreyer mögen genennt werden / an sich ziehen / und auf waserley Weiß / durch Wucher / Betrug / und falsche Renck an sich raffen / und gleichwie ein unersättlicher Meer-Würbel alles / was er erreichen kan /mit seinem unersättlichen Schlund verschlingen / und gleichsam in ihm selbst vergraben: dann der Geitz ist ein unordentliche Begierd zu haben / welche nimmer satt wird / sie gleichet einem Feur / das jemehr es schon verzehrt hat / jemehr will es zu verzehren haben / wie schon oben von dem Geitz mit mehrerem ist gemeldet worden. 6 Dergleichen an sich ziehende Agtstein aber gibt es an allen Orthen / und in allen Ständen nur gar zu viel / von welchem insonderheit zu erzehlen viel zu weitläuffig wäre.

Der 2. Absatz
Der 2. Absatz.
Von dem Crystall und von den Corallen.

Der Crystall ist eines aus den schönsten Dingen / die sich in dem finstern Erd-Gebäu befinden; dann er ist ein weisser / reiner / gantz klar und glantzender harter Stein / und vollkommen durchsichtig. 7 Er wächst an unterschiedlichen Orten in den Bergen / bevorab in West-Indien. In der Landschafft Guiana soll ein fast gantzer Berg von Crystall seyn. In Schweden wird auch Crystall gefunden / und viel verarbeitet.

Einige / wie auch Herr Joh. Hübner in seinem Natur- und Kunst-Lexico, wollen behaupten / daß in dem Pyreneischen [133] Gebürg / allwo der Schnee und das Eiß in 100. und mehr Jahren nie vergehet oder geschmoltzen ist / derselbe endlich zu Crystall werde: aus Ursachen / daß auf solche Weiß der Crystall aberim Feuer nicht dauren kunte / wird dise Meynung von anderen verworffen. Neben dem / daß es auch in hitzigsten Ländern vieles Crystall gibet. Meines Erachtens / salvo meliori judicio, kunte dieser Streit leicht gehoben werden / wann man sich auf den Augenschein und die Erfahrnuß beziehete / ob nemlich der Crystall nur oben und ausserhalb den Bergen gefunden / oder auch aus der trocknen Tieffe derselben (wo kein Schnee noch Eiß hinkommt) gegraben werde.

Indessen mag es wohl geschehen / daß auch ein gar hart und lang gefrornes Eiß dem Crystall zimlich gleiche / und auch ein Weil lang in der Hitz dauren möge.

Ubrigens kan man viererley Crystall unterscheiden. Der erste ist / so gantz hell / wie Eiß aussihet / undCrystallus Montana, Berg-Crystall genennet wird: der 2te ist pechig und wird iris genennt / weil er dem Gesicht unterschiedliche Farben / wie ein Regenbogen vorweißt / wann man ihn über das Aug halt und dardurch sihet: der 3te ist ein gelblichter: und der 4te halbrund / das ist / untenher glatt / und oben gewölbt / und deßwegen wie ein Brenn-Spiegel kan gebraucht und etwas damit angezündet werden: diser solle härter und besser als die andere seyn. Was für unterschiedliche schöne Gefäß und Figuren / absonderlich zu Venedig aus dem Crystall geschnitten werden / das ist genugsam bekannt.

Wie ich in dem mehrgemelten Indischen Lust-Garten lise / so soll in den Silber-Bergen bey Schemnitz in Ungarn ein Art von Crystall wachsen / welcher sehr klar / und zu Zeiten ungemein grosse Stücker darvon angetroffen werden: wobey auch dise Eigenschafft und Rarität zu sehen / daß selbiger Crystall aller von Natur 6. eckig formirt oder gespitzet / und gleichsam vor sich selbst schon polirt und geschliffen ist. Vor Jahren hat man aus denen Kupfer-Bergen eines Ungarischen Palatini Grafens Franc. Wasselini, ein Stuck Crystall bekommen / welches über ein Centner schwer ware: weßwegen selbiger Herr einen fürnemmen Künstler beschicket / der ihm ein Monstrantz oder etwas dergleichen daraus machen soll / um solches dem Römischen Kayser zu præsentiren. Einige wollen zwar / daß es in Orient kein wahres Crystall gebe /sondern nur eine andere gewisse Materi / die dem Berg-Crystall gleich sehe.

Hingegen liset man von dem Reich Chili, daß mitten auf der Insul eines grossen Flusses ohnweit von dem Gebürg Andes ein gantzer Felsen von Crystall zu sehen seye / woraus die heydnische Americaner vor Zeiten einen gantzen Götzen-Tempel / der von allen Seiten durchsichtig ware gar künstlich ausgehauen /und aufgebauet haben. Wie Kircherus in mund. subterr. meldet.

Ja ein gantz Crystallener Tempel / in welchem der wahre GOtt mit Lust und Freuden wohnet / ist ein reines Hertz und gutes Gewissen: dann gleichwie das Crystall schön weiß / klar / glantzend und starck ist: also und noch vielmehr ist ein reines Gewissen /schön weiß von der Unschuld / glantzend an der Tugend und Gottseeligkeit / auch starck und standhafftig in aller Gefahr / Trübsal und Beschwerden: es förchtet sich vor nichts als vor der Sünd. 8


Etsi fractus collabatur orbis,
Impavidam ruinæ ferient.
Wann auch die Welt sollt untergehen /
So bleibt es dannoch aufrecht stehen.

Wann man mit dem geschnittenen Crystall die Sonnen-Strahlen auffangt / da kan man leicht etwas darmit anzünden / oder auch verschmeltzen. Eben also thut ein reines Gewissen / indem es die häuffige Strahlen der Göttlichen Gnaden-Sonnen in sich empfanget / und davon entzündet wird / gemeiniglich durch seinen hitzigen Eyfer auch andere laue Hertzen erwärmen / und mit der Liebe GOttes entzünden.

[134] Francisco Fernandez hat ein Schiffer neben anderen Edelgesteinen / die er aus denen Philippinischen Inslen hat mitgebracht / einen gantz klaren Crystall gewiesen / in dessen Mitte ein Saphir-blaues Lämmlein gesessen / (von Natur also gestaltet) welches ein Creutz auf den Schultern getragen hat. Dises war ein recht grosses Wunder der Natur / aber ein noch grösseres Wunder der Gnad ist es / daß das wahre und unbefleckte Lamm GOttes in einem reinen Hertzen /in einer reinen Seel sich befindet / und ihr das Creutz / das ist / die Lieb zu dem Creutz und Leyden einpflantzet. 9 Ein solches Crystallines / oder Crystall- reines und mit dem Lamm GOttes prangendes Hertz hat unter anderen die Heil. Jungfrau Gertraut gehabt /als von welchem Christus selber gesagt hat: In corde Gertrudis invenietis me. In dem Hertzen Gertrudis werdet ihr mich finden. Es schreibet Nierenbergius Hist. nat. lib. 16. c. 22. Es seye ihm ein Crystall unter die Augen kommen / über 2. Finger hoch / also hell und durchscheinend / als wann es ein lauterer Lufft wäre: in selbem seye die Gestalt einer Schlang gewesen / welche ihr Maul gegen einem Lämmlein aufgesperrt habe / als wolte sie es verschlingen: aber das Lämmlein hab ihr zu seiner Beschützung ein Creutz entgegen gestellt. Abermahl ein schöner Entwurff einer Crystall reinen unschuldigen Seel. Wann die höllische Schlang einschleichet / sich wider sie auflehnet / und das Lämmlein / das ist / die Unschuld verschlingen will / so halt sie ihr nur das Creutz / die Krafft / den Schutz des Gecreutzigten entgegen / so wird sie ihr nicht schaden können.

Also hat es gemacht ein gewisse Heil. Jungfrau /welche zu Lebs-Zeiten den Gecreutzigten also hertzlich geliebt / und sein Leyden so offt und so anmuthig betrachtet / daß als man nach ihrem Todt sie eröffnet hat / da hat man in ihrem Crystall-reinen Hertzen die Instrumenten des Leydens Christi / nemlich das Creutz / die Lantzen / Nägel und Cron etc. gantz deutlich abgebildet gefunden.

Es soll der Crystall die Krafft haben trefflich abzukühlen und den Durst zu benemmen / wann er zerstossen und mit Hönig vermischt wird: Er erfüllet alsdann auch mit Milch die Brüst der säugenden Frauen / und vertreibt das Grimmen und Schmertzen des Ingeweids. Vast eben also in sittlichem Verstand der Crystall der Unschuld und des reinen Gewissens mit dem Hönig der Andacht und des himmlischen Trosts vermengt / kühlet ab die Hitz der bösen Begierden /und löschet den Durst / das ist / das Verlangen nach den zeitlichen Güteren etc. Sie erfüllet auch die geistliche Brüst der Seelen / ich will sagen / den Verstand und Willen des Menschen mit Milch / das ist / mit dem Einfluß himmlischer Gnaden / und vertreibt das Grimmen / verstehe den innerlichen Schmertzen / welchen die Seel sonst empfinden thäte in der Trübsal und Verfolgung / wann sie nicht durch den Crystall des reinen Gewissens / und der Unschuld darvon befreyet wurde.

Von dem Crystall begibe ich mich zu den Corallen / aus den Bergen widerum in das Meer. 10 Dann zu wissen ist / daß die Corallen anfänglich kein Stein /noch hart / sondern weich seynd / und auf dem Grund des Meers / oder auch an den Klippen und Felsen /doch unter dem Wasser schier wie Aestlein an den Bäumen wachsen / und erst alsdann hart wie Stein werden / wann sie von den Taucher oder Schwimmeren aus dem Wasser herfürgebracht worden und an den Lufft kommen. In dem Wasser seynd sie schleimicht und grünlecht / an dem Lufft aber werden die bessere roth / die schlechtere aber weiß oder schwartzlecht: sie werden gemeiniglich zimlich klein /als wie Stäudlein von kleinen Bäumlein heraus gebracht / doch auch zu Zeiten zimlich groß.

Die Corallen wachsen häuffig in dem Mittelländischen Meer: die Corallen-Fischerey aber fanget an in dem April / und endiget sich in dem Julio: und wann man zu gewisser Jahrs-Zeit die äussere Spitz oder End derselben [135] trucket / da gehet ein gewisser Safft heraus: andere sagen / die Corallen haben / und lassen etwas von sich / etwas schier wie ein Coriander-Saamen / und dieses solle der Saamen seyn / durch welchen sie fortgepflantzt und vermehrt werden: da wo er hinfallt / auf den Boden oder Stein etc. im Meer / da kommt ein neues Corallen-Bäumlein oder Gewächs herfür. Mithin geschihet es / daß man an unterschiedlichen Orthen unter dem Wasser gleichsam gantze Wäldlein und Corallen-Bäumlein antrifft: absonderlich in dem rothen Meer / aus dessen Grund die Fischer offt häuffige Corallen herfür bringen. Ja sie sollen da öffters so hoch wachsen / daß die Zweig oder Zincken aus dem Wasser herfür stechen / und den Schiffenden im Weeg stehen.

Man findet sie auch immerdar häuffig an dem Ufer ligen / wohin selbe das Meer auszustossen pflegt (wie die / so in das Heil. Land wallfahrten / bezeugen) doch nicht lauter rothe / sondern auch viel weisse. Auch das Ost-Indische und Sicilianische Meer zeuget eine Menge so wohl rothe als schwartze Corallen etc.

In der Kunst-Cammer zu Florentz siehet man unter anderen Raritäten einen Todten-Kopff / daraus ein Corall-Zweig heraus gewachsen ist. P. Kircherus in seiner Kunst-Cammer hat einigen ein gantzes Stuck von einem Felsen gewiesen / welches überall mit Austern und Corall-Zweigen überwachsen war / welche ohne eintzige Wurtzel dem Stein anhiengen oder anklebten. Bey dem Cardinal Barberini ware ein Corall-Pflantzen zu sehen / welches untenher schwartz / in der Mitte weiß / und hernach wiederum schwartzlicht ware.

Ubrigens ist es gewiß / daß die rothe Corallen schöner bleiben / ja noch röther werden / wann sie ein gesundes Manns-Bild traget / hingegen bey den Weibs-Personen sich entfärben und in etwas erblassen.

Was aber die Artzney-Krafft der Corallen anbelangt / so werden unterschiedliche Artzneyen darauspræparirt: bevorab die Corallen-Tinctur / als ein dem Gifft und anderen schweren Zuständen widerstrebendes Hertzstärckendes Mittel etc.

Durch die zweyfache und unterschiedliche Beschaffenheit der Corallen in und ausser dem Wasser wird einiger massen der Unterschied des Menschen in dem Stand der Trübsal und der Wohlfahrt angedeutet. Dann viel Menschen gibt es / welche so lang sie in der Tieffe / das ist / in einem niederträchtigen Stand seynd / und von dem bittern Meer-Wasser / ich verstehe mit Bitterkeit der Armuth / Kranckheit oder anderen Trangsalen umgeben / und gleichsam überschwemmet seynd / da seynd sie (wann sie selbe gedultig übertragen) als wie die Corallen in dem Wasser weich und weiß oder grün / das ist / sie seynd gelind und geschlacht / sie lassen sich gern zum guten biegen und lencken / nach der Regel der Vernunfft / und Anweisung der Oberen: weiß aber / wegen aufrichtigem und unsträfflichem Lebens-Wandel: und grün wegen steiffer Hoffnung auf GOtt allein / als zukünfftigen Belohner ihrer Gedult und ihres Leydens. Aber wann sie durch gehes zeitliche Glück / durch die Gunst ihrer Patronen aus der Tieffe dises bitteren Wassers ihres armseeligen Stands heraus gezogen /und zu einer Ehren-Stell oder Reichthum erhoben werden / da werden sie hart / das ist / unbändig und hartnäckig oder eigensinnig und unbarmhertzig: sie werden auch roth / das ist / entzünd / oder aufbrinnend in der Hoffart / in dem Geitz und Zornmuth etc. Disen wäre es viel besser und nutzlicher / wann sie in der Tieffe des bitteren Gewässers ihres geringen und müheseeligen Stands wären gelassen worden.

Man sagt / daß die rothe Corallen-Bäumlein / wann man selbe bey sich hat / die Krafft haben / den Donnerstreich abzuhalten / auch die hinfallende Kranckheit / und den Blut-Fluß zu verhüten: ob nun disem also / daß laß ich dahin gestellt seyn: aber das ist gewiß / daß der rothe mit dem kostbaren Blut Christi gefärbte Creutz-Baum / wann man selben durch fleißig und [136] ehrenbietiges Angedencken bey sich im Hertzen tragt / die Krafft habe / den Donnerkeil des Göttlichen Zorns von uns abzuwenden / und von tödtlichen Kranckheiten der Seelen zu befreyen. 11

Der 3. Absatz
Der 3. Absatz.
Von dem Marmorstein, Porphyr und Alabaster.

Der Marmor ist absonderlich bey den Baumeisteren ein wohlbekannter und sehr æstimirter Stein: er ist sehr hart / daurhafft und schwer. 12 In Italien gar häuffig und im bauen gewohnlich / aber auch in Teutschland nicht seltsam etc. Die Farb belangend /ist er (absonderlich der Italiänische) gar vilfältig und unterschidlich: als weiß / roth / schwartz / grün / er ist mit mancherley vielfärbigen Aderen oder Strich und Flecken hin und wider vermengt. An vilen Orten gibts gantze grosse Berg von Marmorstein / von welchen manches Gebäu aufgeführt wird: und wann er polirt ist / glantzet er schön. In Sina bey der Stadt Kacheu /in der Landschafft Quantung / und bey Tuli / gibt es Marmor / welcher von der Natur mit mancherley Adern und Farben also gemahlt ist / als wann es mit einem künstlichen Pemsel geschehen wäre / indeme man die Gestalt der Bergen / des Wassers / der Bäumen / Blumen etc. gantz deutlich darauf sihet.

Der Porphyr ist eine Gattung des Marmors / oder ein rother sehr harter und weißgesprengter Marmorstein. 13 Von welchem durch das reiben oder stossen nichts hinweg gehet; deßwegen die Apothecker ihn gern zu den Mörseren und die Mahler für die Reibstein brauchen.

Der Alabaster ist von den Alten auch unter die Gattungen des Marmorsteins gezehlt worden: er ist aber selbem an Härtigkeit nicht gleich. Es solle dessen dreyerley Arten geben / weissen / rothen und grünlichten. Wann man ihn brennt und mit Hartz vermischt /solle er die Härtigkeit erweichen / unter Wachs gethan / das Magenwehe stillen / und in Milch getruncken /für die Ruhr gut seyn.

Von dem Marmorstein / zum theil auch von dem Porphyr und Alabaster werden herrliche Tempel und Palläst / schöne Altär / Säulen und Statuen gebauet: und deßwegen können durch dise Stein wohl verstanden werden ansehnliche / tugendsam- und gelehrte Männer / so wol geistlich-als weltlichen Stands / welche die Kirchen GOttes und das gemeine Wesen zieren / unterstützen und bevestigen wider allen feindlichen Anfall. Diese aber sollen mit anständigen Tugenden / Wissenschafften / und Erfahrenheit versehen seyn (gleichwie der Marmorstein / Porphyr / und Alabaster mit unterschiedlichen schönen Farben geziert ist) auf allen Fall und Begebenheit zum Besten der Religion und des gemeinen Wesens sich derselben bedienen zu können. Nicht zwar / daß alle gleiche und einerley Tugenden und Eigenschafften haben müsten /gleichwie auch die besagte Stein nicht einerley Farben haben / sondern der eine excellirt in dieser / und der andere in einer anderen Farb / also ist dem einen dise / und dem anderen ein andere Tugend und Wissenschafft hauptsächlich vonnöthen: massen auch der Heil. Apostel Paulus anmercket: daß in der Kirchen GOttes nicht alle Apostel seynd oder Propheten /nicht alle Lehrer / nicht alle haben die Krafft gesund zu machen / oder unterschiedliche Sprachen zu reden /sondern der eine hat diese Gab und Gnad von GOtt empfangen / der ander ein andere. 14 Diser hat die Tugend der Gerechtigket und Bescheidenheit absonderlich vonnöthen / als wie die Richter und Obrigkeiten /jener die Klugheit zu herrschen / als wie die König und Fürsten: ein anderer die Weißheit / die Wissenschafft und den Eyfer als wie die Lehrer und Prediger: wiederum ein anderer den Muth und Hertzhafftigkeit /als wie die Feld-Obristen etc.

Doch aber gleichwie die Marmor-Porphyr- und Alabaster-Stein / auf daß sie ein schön und daurhafftes Gebäu [137] vorstellen / müssen sie vermittelst eines starcken und daurhafften Kütt oder Mörtel vest zusammen gemacht / und ordentlich auf einander gericht seyn / ohn welches sie vilmehr ein unformlicher Steinhauffen / als ein ordentliches Gebäu seyn wurden /also auch / damit die unterschiedliche Ständ in der Catholischen Kirchen oder einem gemeinen Wesen ein schön und daurhafftes Gebäu ausmachen / müssen sie nicht durch Zwytracht oder Feindseeligkeit von einander abgesönderet / sondern Vermög der Liebe und Freundschafft vereiniget und vest verbunden seyn: sonsten wird das sittliche Tugend-Gebäu weder Bestand noch Schönheit haben.

Der 4. Absatz
Der 4. Absatz.
Von dem Salpeter, Schwefel, und Pech.

Obwolen der Salpeter / Nitrum, ein schlechtes Herkommen hat / so ist er doch kein schlechte Sach sonders bey den Chymisten und in den Apothecken / wo er starck zu der Medicin gebraucht wird / wie auch bey der Artillerie- und Feurwercker-Kunst sehr wohl bekandt und nothwendig; massen das Schieß-Pulver aus Salpeter / Schwefel und Kohlen gemacht wird /welches was es für einen Gewalt habe / wann es gewaltsam eingeschlossen und angezündet wird / genugsam bekandt ist / als welches in dem Krieg so grausam wütet / daß es nicht nur viel tausend Menschen in das Grab wirfft / sonder auch zum öfftern in einem Augenblick / wann ein angelegte Minen springt /veste Thürn und Mauren in den Lufft sprengt. 15

Es ist aber der Salpeter ein schwefelichtige / saltzige / irrdische und flüchtige Materi / die in vilen Orthen gefunden wird / absonderlich in alten Gebäuen /Gewölber und Stallungen / oder solchen Orten / die nicht unter dem freyen Himmel / sonder unter dem Tach seynd / er muß aber schön weiß / rein und auter seyn. Es wird viel Salpeter aus Holland gesandt / der aber von dem Salpeter-Sieder muß zurecht gebracht werden / und der gut- und rechte muß auf einer glüenden Kohlen verschwinden; dann wann er bleibt und rauschet / da hat er Saltz bey sich.

Bey denen Chymisten und Alchymisten (das ist /die sich auf die Schmöltz- oder Scheid-Kunst / Distilier-Kunst begeben) wird der Salpeter Cerberus Chymicus, Sal infernalis, Sal sulphuris etc. genennt /und vermittelst seiner Reinigung / Distillation, Calcination und Extraction unterschidliche præparata aus demselben gemacht.

Durch den Salpeter kan geistlicher Weiß die Buß verstanden werden: dann gleichwie der Salpeter ein schlechtes Herkommen hat / nehmlich aus unsauberen finsteren Winckeln und Löcheren oder Höhlen der Erden / aber doch zu vielen Dingen auch zur Gesundheit des Leibs sehr nutzlich und nothwendig ist / also hat die Buß einer Seits zwar gar schlechten und verächtlichen Ursprung / dann sie entspringet aus Gelegenheit der begangenen Sünd / und kommt heraus einem nidrigen / das ist / demüthigen Hertzen des reumüthigen Sünders / doch ist sie zur Gesundheit der Seelen sehr nutzlich / ja nothwendig: wie Christus selbst austrucklich zu den Sündern gesprochen hat:Nisi pœnitentiam egeritis, omnes similiter peribitis. 16 Wann ihr nicht Buß thut / werdet ihr alle umkommen. Aus dem Salpeter werden unterschidliche kräfftige Artzneyen præparirt für allerhand Zuständ und Kranckheiten: auch die Buß ist ein allgemeines und unfehlbares Mittel wider alle tödtliche Kranckheiten der Seel. Insonderheit ist der Salpeter gut den Magen und das Eingeweid zu reinigen von bösen schädlichem Schleim und Feuchtigkeiten: er macht ring / dissolvirt und erwärmet etc. Eben dergleichen Würckungen hat auch die Buß im sittlichen Verstand: sie reiniget das Gewissen von dem tödtlichen Sünden-Gifft / sie vertreibt aus dem Hertzen die böse Begierd und Anmuthungen / sie macht das Gewissen leicht /sie erweicht das Hertz / und dissolvirt es in reumühige Buß-Zäher / und erwärmt / ja entzündet es mit der Liebe GOttes.

[138] Der Schwefel nimmt keinen geringen Platz ein in dem Reich der Natur: inmassen wie die Alchymisten darfür halten / die Mineralia aus Schwefel / Saltz und dem Mercurio bestehen. 17 Es ist aber der Schwefel ein irrdisches / vestes und leicht brennendes Hartz /mit etwas Vitriol-Saltz vermischt von unterschiedlicher Farb / nachdem er aus der Erden gegraben / oder durch die Kunst zubereitet ist. Deßwegen zweyerley Schwefel zu unterscheiden seynd / nehmlich nativum und factivum, der natürliche und gemachte. Jener wird auch Sulphur vivum, der lebendige Schwefel genennt / und siehet gemeiniglich als wie ein graue Erden aus / welche doch gern brennet (dann der Schwefel ist truckner und hitziger Natur) und eine blaue Flammen von sich gibt / worinnen auch ein hitziger scharffer Geist verborgen ist / der die Metallen zur Zeitigung bringen hilfft. Von disem kommt alsdann der gewöhnliche gelbe Schwefel her / so durch die Hülff des Feurs aus dem ersten in gelben Röhren auf den Schwefel-Hütten gegossen wird. Wann der Schwefelpurificirt, sublimirt / distillirt etc. ist / so macht man auch unterschiedliche Præparata und Medicamenta daraus. An gewisen Orthen aber sublimirt ihne die Natur selbsten durch das unterirrdische Feur.

Demnach ist der Schwefel einer truckenen und hitzig oder feurigen Natur / welches auch die kalte Wasser empfinden: dann wann selbe unter der Erden durch schwefelächtige Orth oder Aderen fliessen / da nehmen sie die Hitz Farb und Krafft des Schwefels an sich: dahero dann auch die warme Brunnen u. Bäder /die durch Schwefel-reiche Erd-Gäng fliessen / ihre Eigenschafften an sich ziehen.

Der Schwefel wegen seiner hitzigen oder feurigen Art und üblen Geschmack bedeutet das Laster der Geilheit und Hoffart / welches zwey hitzige Laster seynd / die das Gemüth mit unreinem Feuer entzünden / und gleichwie die Wasser / so durch Schwefel-reiche Meatus oder Erd-Gäng fliessen / die Wärme und den Geschmack des Schwefels an sich ziehen /also thun gemeiniglich auch die Werck und Sitten /die von einem geilen oder hoffärtigen Menschen verübt werden / nach der Geilheit oder Hoffart stincken: und gleichwie der Schwefel gleich brennet / so bald nur ein Füncklein Feur darzu kommt / also brennet ein Mensch / der disen Lastern starck ergeben ist /gleich in der Geilheit oder Hoffart auf / sobald sich ein kleine Gelegenheit ereignet. 18 Wie dann auch der gerechte GOtt diese Laster in jener Welt abstrafft in stagno ardenti & sulphure, 19 in dem Teich / der mit Feur und Schwefel brennet.

Pech / Bitumen, oder Juden-Leim / Berg-Hartz /wie es andere nennen / und für eines nemmen / kan theils verstanden werden jener hartzige Theil / so von den angezündten alten Hartz-Bäumen ausfließt / theils ein jede Fettigkeit der Erden / welche zeh und klebig ist / und gern brennet. Eigentlich aber ist es ein fetter klebiger Safft / so an den See-Wässeren gesammlet wird. 20 Andere sagen Bitumen judaicum, oder Asphaltus sey ein schwartzes zehes Gummi oder Hartz /das von dem Schaum des todten Meers aufgesammlet / trucken und hart gemacht worden.

Durch dises Bitumen, Pech oder Hartz / wie mans immer nennen will / kan füglich die Freundschafft und Einigkeit verstanden werden / dann gleichwie jene klebig und pechige Materi 2. Stuck Holtz / Bretter oder andere Ding also starck zusammen hebet / daß mans nicht wohl mehr kan voneinander bringen / sonder sich ehender zerbrechen lassen. Also thut ein auf richtige Freundschafft und Einigkeit die menschliche Hertzen also miteinander verbinden / daß sie durch keinen Gewalt können zertrennt oder abgesönderet werden. Wie es sich bey dem David und Jonathas gewisen hat / von welchen geschrieben stehet: Conglutinata est anima Jonathæ animæ David etc. 21 Die Seel Jonathæ war verbunden mit der Seel Davids /gleich als wann sie zusammen gebachen oder zusammen gelaimt wären durch ihre hefftige Lieb / so sie gegeneinander hatten.

[139] Es hat GOtt selbsten dem Noe bey Erbauung der Arch befohlen / er solle sie aussen und innen mit Pech verpichen / damit nehmlich das Gewässer des Sünd-Fluß nicht eintringen möge. Aber in sittlichem Verstand sollen wir die Arch unsers Hertzens in- und auswendig (das ist nicht nur dem Schein nach / sonder auch in der Sach selber) mit dem Pech oder Hartz der beständigen Freundschafft und Einigkeit verpichen /auf daß kein Wasser des Unfriedens oder der Uneinigkeit in das Hertz sich eintringe.

Der 5. Absatz
Der 5. Absatz.
Von dem Honig und Wachs.

Das Honig ist ein gelber / süsser / fetter Safft / um den wir dem Fleiß und der Emsigkeit der Bienen und Imlein zu dancken haben / obwohlen es meines Erachtens die glaubwürdigere Meynung ist / daß die Imen den Honig nicht selbst eigentlich und weesentlich machen / oder in ihrem Mäglein außkochen / und dann wiederum heraus geben (wie einige wollen) sonder nur den Honig-Safft von unterschiedlichen Blumen und Kräuteren saugen / einsammlen / und in den Imen-Korb / oder Bienen-Stock eintragen / welcher zu Zeiten in einem oder zwey Tägen mit Honig angefüllt wird / welches so geschwind nicht geschehen konnte /wann ihn die Imlein selbst machen oder auskochen /und nicht nur sammlen oder eintragen thäten. 22 Neben dem daß die Imen den Honig auch selbst für ihre eigne Speiß brauchen / was aber einmahl von dem Magen ausgestossen wird / das ist ein Excrementum oder Auswurff / welches folgends nicht mehr zur Nahrung tauglich ist / dann der Magen wirfft nichts aus / biß er zuvor durch die nährende Krafft das Beste / so ihm zur Nahrung tauget / daraus gezogen hat: das übrige aber thut er als unnütz ausstossen / wie gar wohl Magnif. P. Romoser de met. disp. quæst. 4. anmercket.

Demnach ist es wahrscheiniger des Cabei und anderer Meynung / daß dise emsige Thierlein den Honig-Safft zwar mit ihren Rüsselein von denen Blumen sammlen und saugen / aber nicht in ihren Leib einnemmen / sonder mit und auf ihren Füßlein / welche deßwegen gleichsam harig oder zottend seynd (damit der klebende Honig-Safft daran hangen bleibe) in den Imen-Korb eintragen: Man wird auch durch genaue Beobachtung wahrnehmen / daß sie im Einfliegen mit solcher süssen Bürde zwischen den Füssen beladen seynd. Daß sie aber 6. eckige Cellulen oder Kämmerlein für das Honig machen / kommt daher /weilen sie 6. Füßlein haben / mit welchen sie arbeiten und selbe machen etc.

Die Güte und Menge des Honigs betreffend / so ist selbes unterschiedlich / grösser oder kleiner nach Beschaffenheit der Orthen / wo es die Imen sammlen.

In Indien und Arabien wird das Honig auch an den Bäumen gefunden / und in Podolia einer Polnischen Provintz ist es ungemein häuffig.

Das Honig hat die Krafft zu erwärmen / zu trucknen und zu reinigen / deßwegen es auch vielfältig in der Artzney gebraucht wird / sowohl innerlich in allerhand Brust-Anligen und innerlichen Verwundungen / als äuserlichen Aufschlägen etc. Es soll auch sehr gut seyn für die Schlangen-Biß.

Aber so gut und gesund das Honig ist / wann man es recht applicirt und mäßig braucht / so schädlich und ungesund ist es / wann mans mißbrauchet und zuviel darvon isset / wie austrucklich in der H. Schrifft geschrieben stehet: Qui mel multum comedit, non est ei bonum. 23 Wer zu viel Honig ißt / das ist ihm nicht gut. Und wiederum / findest du Honig / so isse dir genug / commede quod sufficiat, daß du nicht zu satt werdest / und speyest es aus. Deßwegen können im sittlichen Verstand durch das Honig die zeitliche Wollüst / Freuden und Ehren verstanden werden / dann diese seynd zwar süß und lieblich / der Sinnlichkeit sehr angenehm / aber wann man selbe mißbraucht / unmäßig liebt / und sich zu starck darein vertiefft / da seynd sie der Gesundheit der Seelen sehr schädlich: [140] das Honig vermehrt die Gall / ja es wird selbsten in Gall verwandlet / wann mans zu starck braucht: Eben also die zeitliche Freuden und Wollüst verursachen Bitterkeiten der Seelen / und werden in Traurigkeit verwandlet. 24 Extrema gaudii luctus occupat, 25 sagt abermahl der weise Salomon: Das Lachen wird mit Schmertzen vermischt / und das End der Freuden ist weinen / wie es nur gar zu wohl erfahren all diejenige / von welchen der Job gesprochen: Ducunt in bonis dies suos, & in puncto ad infernum descendunt. 26 Sie haben gute Täg / und in einem Augenblick fahren sie zum Grab hinunter.

Der Honig ist den Kindern und jungen hitzigen Leuthen schädlicher und ungesunder als den alten und kalten Männern; dann es verursachet bey ihnen allerhand böse humores oder Feuchtigkeiten / es verstopfft den Leib / bewegt die Gall / und bringet Fieber / sonderlich wann es noch nicht abgefaumt / purificirt oder geläutert ist / also seynd auch die zeitliche Güther und Glückseeligkeiten den jungen hitzigen Leuthen / das ist / denen Unbehutsamen / muthwilligen und unverständigen vil schädlicher und gefährlicher als den alten / das ist / den Gescheiden und Behutsamen / die sich wissen innzuhalten und zu mäßigen: dann bey ihnen verursachet das Honig der zeitlichen Glückseeligkeit / der Ehren und Reichthumen die Feuchtigkeit der Trägheit / der bösen Begierd und Anmuthungen / die Wind oder Geschwulst der aufgeblasenen Hoffart / die Dämpff der Ruhmsucht / die Gall des Zorns / die Fieber des Geitzes und der Unlauterkeit / die Verstopffung der Halstärrigkeit / laut der Worten des weisen Manns: Prosperitas stultorum perdet eos Der Narren ihr Glück wird sie umbringen.

Jonathas hat wider den Befehl des Königs Sauls /seines Vatters / einstens nur ein wenig von Honig versucht / und ist deßwegen in Todts-Gefahr gerathen /es hätte ihn schier das Leben gekost: ja wer nur ein wenig / das ist / ein kleine Zeit von dem Honig eines verbottenen Wollusts genießt / der gibt sich in Gefahr das Leben der Seel auf ewig zu verliehren. 27

Es kan aber hingegen auch durch das Honig und den Bienen-Stock zugleich Christus der HErr selber einiger massen verstanden werden: dann gleichwie der Bienen-Stock oder Immen-Korb seine Löcher oder Eingang hat / durch welche die Immen eingehen und sich mit dem Hönig speisen / also gehen die reine und andächtige Seelen durch die Wunden Christi vermittelst der Betrachtung ein / das Honig seiner Weißheit und Heiligkeit zu verkosten / und sich darmit zu nähren: und gleichwie der Immen-König den anderen Immlein pflegt den Weeg oder die Thür in den Bienen-Stock zu weisen / also hat Christus nach der Auferstehung seinen bey einander versammleten Apostlen (die ihne als wie die Immen ihren König umgeben haben) die Löcher seiner HH. Wunden gewisen / und angezeigt / wohin ihre Seelen in aller Gefahr fliehen /und wo sie ihre geistliche Nahrung suchen sollen /nemlich in der Krafft und Süßigkeit der Geheimnussen seiner GOttheit und Menschheit zugleich: dann wie der Immen-Korb Honig und Wachs zugleich in sich haltet / also haltet Christus die Göttlich- und Menschliche Natur in sich. 28

Die wilde Bären seynd den Immen-Körben gar gefähr / sie stellen ihnen nach und zerreissen sie / damit sie das Honig stehlen und fressen mögen. Solche Bären in sittlichem Verstand seynd die grimmige Juden gewesen / welche dem Leib Christi als einem Immen-Korb nachgestellt / und selbigen durch hundertfältige Wunden in seiner Geißlung und Creutzigung gewaltig zerrissen haben: aber nach seiner Auferstehung ist er widerum ergäntzet und nunmehr unzerstöhrlich worden. Dahin hat auch der Heil. Bernardus mit seinen Affecten abgezihlet / als er gesprochen hat: Christus JEsus mein HErr ist ein Honigsaim / weil er ist GOtt und Mensch zugleich. Zu disem Honigsaim hat der Heil. August. seine Seel als ein Immlein beruffen [141] und zu Gast geladen / indem er sie also angeredt: Verkoste / O mein Seel / disen Honigsaim Christum / ersättige dich mit seiner Süßigkeit / wasche dein Haupt und deine Füß / das ist / dein Intention und deine Affect in deinem Honig: dann niemahl wird die Lieblichkeit dises Honigsaims nachlassen /wann du nicht selbst darvon zu essen nachlassest etc.

Daß man aber in dem Immen-Korb neben dem Honig auch das Wachs findet / kommt aus diser Ursachen her / weilen / indem die Immen den süssen Honig-Safft von den Blumen und Kräutern saugen und sammlen / da hangt ihnen auch eine hartzige Materi an / die sich bey den Blumen und Kräuteren befindet / und dise tragen sie samt dem Honig ein / machen ihre Nästlein und Häußlein darvon / brüten ihre Junge darinn aus / und setzen das Honig darein. 29 Dise hartzige Materi aber wird hernach durch vilen Fleiß und Mühe ausgearbeitet / geschmeltzt / geläuteret /geblaicht und endlich zu Kertzen oder anderen Figuren gegossen.

Das Wachs ist gleichsam ein Hef oder ein Faum des Honigs / und ist so ring / daß es in allen Liquoribus oder flüßigen Dingen allzeit oben her bleibt / und niemahl in die Tieffe sencken / oder sich mit anderen Säfften vermischen will: hingegen wann es an die Sonnen oder zu dem Feur kommt / da hat es gar kein Bestand / sondern es zerfliesset und zerrinnet alsobald. 30 Und dißfalls gleichet das Wachs der Hoffart /oder den Hoffärtigen / welche obwohl sie nur ein trübe Hef / oder ein leerer Schaum seynd gegen den Tugendsamen gerechnet / so wollen sie doch immer oben / ja zu oberst daran seyn / und sich niemahl ernidrigen / oder demüthigen: Vir vanus in superbiam erigitur. Job. c. 11. v. 12. ja auch nicht mit ihres gleichen vermischen und vereinigen / sondern sie bleibenseparirt durch ihren stoltzen Muth und Eigensinnigkeit / vor der Sonnen der Göttlichen Gerechtigkeit aber / oder bey dem Feur der Trübsal und Widerwärtigkeit können dise wächsne / ich will sagen / hoffärtige Menschen gar nicht bestehen: sondern sie zerfliessen durch die Ungedult und Weichmüthigkeit / sie werden zernichtet / oder gedemüthiget und zu Boden geschlagen von der allmächtigen Hand GOttes: wie ihnen der Prophet längsten hat vorgesagt sprechend:Sicut fluit cera à facie ignis, sic pereant peccatores à facie Dei. 31 Wie das Wachs zerschmeltzet vor dem Feur / also müssen umkommen die Gottlose vor GOtt. Es ist demnach viel besser für das Wachs /es seye an der Kälte als an der Hitz / und auch den Hoffärtigen ist es nutzlicher / sie seyen in der Kälte der Armuth und Niederträchtigkeit / als in der Wärme des Wohlstands / der Ehren und Reichthumen. Darum hat David gesagt: Imple facies eorum ignominia, & quærent faciem tuam Domine. Mache ihr Angesicht voll Schand / daß sie nach deinem Namen fragen. Ferners das Wachs nimmt allerley Figuren oder Gestalten an sich (nachdem man ihm was eintrucket) bald præsentirt es oder stellet vor einen Engel / bald einen Adler / Löwen etc. und ist doch / und bleibt in der Sach selber nichts anders als ein weiches Wachs.

Eben also ein hoffärtiger Mensch stellt sich und will angesehen seyn / bald für ein Engel / Adler / oder Löwen / das ist / hocherleucht / gelehrt / starckmüthig etc. und ist doch nichts anders als ein armer und armseeliger Mensch.

Hingegen kan auch das Wachs wegen einigen guten Eigenschafften mit der Gnad GOttes verglichen werden: weilen es nemlich die Speiß und Nahrung der brinnenden Wachs-Kertzen ist / welche in der Kirchen zu dem Dienst auf den Altar / oder auch bey vornemmen Herren auf die Tafel gesetzt werden / und welche ohne das Wachs nicht bestehen können / ja gar nichts seynd. 32

Also werden auch die sittliche Kertzen oder Liechter / verstehe die gute Werck und ein exemplarischer Lebens-Wandel durchs Wachs der Gnad GOttes erhalten und ernährt (ohne welche sie gantz und gar nicht bestehen kunten) und gar nicht verdienstlich[142] wären / auf daß sie leuchten in der Kirchen GOttes zu seiner Ehr / und auch zur Auferbauung der Menschen / damit sie unsere Werck sehen / und preisen unseren Vatter / der im Himmel ist / wie Christus im Evangelio sagt. 33 Man pflegt auch mit dem Wachs leinene Tücher zu bestreichen oder zu wixen / und alsdann in solcher gewixter Leinwat die kostbare Kauffmanns-Waaren einzuwicklen / von dem Regen / und aller unsauberkeit zu bewahren / und unversehrt über Land und Wasser zu führen: dann das Wachs lasset kein Nässe eintringen. Eben also wann unser Hertz und unser Gewissen mit dem sittlichen Wachs der Gnad GOttes wohl bestrichen und gewixt ist / da bleiben die köstliche Waaren der Tugend- und Verdiensten unversehrt und unverletzt darinnen verwahret / sie werden nicht benetzt oder verderbt von dem Gewässer der Sünd und Laster / noch von der Feuchigkeit der bösen Begierd- und Anmuthungen / also daß wir dise Waaren sicher über Land und Meer diser Welt führen können / laut Göttlicher Verheissung: Cum pertransieris per aquam, tecum ero, & flumina non operient te. 34 Wann du schon durchs Wasser giengest / so will ich bey dir seyn / und die Flüß werden dich nicht bedecken.

Der 6. Absatz
Der 6. Absatz.
Von dem Zucker.

Sacharum, der Zucker / ist ein süsser fetter Safft oder Marck eines gewissen Rohrs / welches etliche Knotten oder Absätz und grosse stechende Blätter hat / ein oder zwey Daumen Dick ist / und gemeiniglich 7. biß 8. Schuh hoch aufwachset. 35

Wann man aber den Zucker aus disen Röhren sammlen und zubereiten will / da werden sie aus dem Boden gezogen oder abgeschnitten in kleine Stuck /etwan einer Hand breit zerschnitten / und der Safft /so sich darinn befindet / durch ein gewisse Preß heraus getruckt. Dise Preß bestehet in zwey auf einander gehenden Waltzen / die von der Zucker-Mühle stets mit grossem Gewalt umgetriben werden. Die Mühle selbsten aber wird von dem Wasser / Menschen oder Pferd getrieben. Aus dieser Pressen laufft der süsse Safft durch ein Rinnen oder Canal in einen grossen Kessel / in welchem er mit wenig Wasser vermischt wird / und gewisse Stunden lang gesotten / biß daß er schaumt / die wässerige Feuchtigkeiten ausdämpfen und einkochet. Alsdann schüttet man ihn in irrdene Gefäß / welche obenher weit / unten aber eng oder zugespitzt seynd / in welchen er als wie ein Saltz erhartet: und biß dahin bleibt der untere Theil dises irrdenen Geschirrs verstopffet: hernach aber wird es eröffnet / damit der grobe schleimige Safft heraus lauffe /der gute Zucker aber durch dessen Absonderung gereiniget werde. Uber diß wird der obere Theil mit Thon oder gewissem Leim zum öfftern geschmieret /welches den Zucker noch reiner und weisser machen soll.

Dises ist nun die erste Arbeit / so man mit dem Zucker hat: aber es verbleibt noch nicht darbey / sonder damit er vollkommen weiß und rein werde / macht man eine Laug von ungelöschtem Kalch und Wasser /giesset solche mit Eyerweiß auf den Zucker: alsdann siedet und rührt man ihn beständig / biß er den noch überbliebenen Schleim ausschaumet: damit aber die gemelte Laug wider sauber darvon komme / so wird der schon gesottne Zucker durch ein Tuch gesiegen /und wider aufs neu so lang und fleißig gesotten / biß daß die Laug sich gäntzlich verliehrt / und verzehrt ist. Alsdann thut man ihne abermahl in die oben breite und unten enge irrdine Geschirr / bestreicht sie wie zuvor zum öfftern / und also wird er endlich zu seiner Vollkommenheit gebracht.

Nachdem nun der Zucker besser oder schlechter zubereitet ist / oder aus einem Orth herkommt / nachdem wird er auch unterschiedlich benahmset: als der gemeine Koch-Zucker / der Melliß / und Canarien- Zucker etc.

Das Zucker raffiniren / oder die Kunst Zucker zu sieden / ist den Alten nicht bekant gewesen / sondern sie haben [143] mit dem Zucker müssen für lieb nemmen /wie ihn die Natur gebracht hat / und wie er aus den Rohren geschweißt oder getropffnet / und alsdann wider verhartet ist. Auch ist noch zu wissen / daß der ausgepreßte Zucker-Safft kein Tag-lang dauren könne / daß er nicht saur wurde / wann nicht gleich nach dem Auspressen das Kochen oder Sieden folgen thäte: aus dem versäurten Safft aber mag kein Zucker mehr zuwegen gebracht werden / sondern vilmehr / wann man ihn nur ein paar Tag lang aufbehielte / wurde er in einen scharffen Eßig verwandlet werden.

Den Candi-Zucker oder Zucker-Candi insonderheit belangend / wird selber nicht also genennt von der Insul Candia / wie eine vermeint haben / noch à candore von der Weisse: sondern der Crystall-hell und weisse Cand oder Candi-Zucker wird von anderen /aber allerbesten Zucker bereitet: der braune Zucker-Candi aber kommt von dem so genannten Thomas-Zucker / wie sein braun- oder gelblechte Farb anzeiget; massen aus St. Thomas-Insul niemahl ein klarer oder recht weisser Zucker kommt.

Es wachsen aber die obgemelte Zucker-Röhr häuffig in America an unterschiedlichen Orthen: die Portugiesen haben selbige aus den Canarischen Insulen in West-Indien gebracht / und werden gantze Ried darmit angebaut / jährlich abgeschnitten und wiederum neue gepflantzet. Dergleichen Zucker-Ried gibt es auch in China und Ost-Indien / meisten an den Pfülen und Morasten: auch in Guinea / bey Alkayr in Egypten / und bey Tripoli in Syrien / doch mit etwas Unterschied des Gewächs.

Ubrigens ist der Zucker nicht nur zur Delicatez oder einem Schleck / sondern auch zur Gesundheit und Artzney gewidmet. 36 Er ist nutzlich und gesund /wann man ihn mäßig gebraucht: insonderheit ist er für die Augen-Schäden / für die Hitz der Leber und Nieren gut. Weilen aber der Zucker so vielerley Veränderungen austehen muß / so verliehrt er seine natürliche oder erste Krafft und Kühle zimlicher massen: ja er nimmt zum theil ein andere Eigenschafft an / die zwar dem Mund annehmlicher / aber eben nicht so gesund ist / als wie die vorige: dann er wird durch jene scharffe Laug zwar schön / weiß / rein und süß / behält aber gern etwas Schärffe von derselben / die dem Haupt und Ingeweid nicht wohl thut. Demnach ist es besser und zur Gesundheit gedäulicher / daß man zu den Speisen und Artzneyen solchen Zucker brauche /der nicht so off und starck gereiniget worden: dann je gereinigter und süsser und älter er ist / je hitziger und schärffer ist er / und wird desto leichter in Gall verwandlet: hingegen wann er nur ein wenig gereiniget /und noch frischer ist / da hat er noch ein mehrers von seiner natürlichen Krafft / ist dem Magen und der Brust gedeylich etc.

Wann es erlaubt ist die gröste und fürtrefflichste Sachen auch mit klein- und geringen Dingen in etwas zu vergleichen / so sage ich / daß der Zucker wegen seiner Reinigkeit / Weisse / Süsse und und Lieblichkeit einiger massen die himmlische Freuden andeute. 37 Dann dise seynd unbeschreiblich süß / das ist /lieblich und annehmlich: ja sie seynd ein lauterer Zusammen-Fluß / ein überhäuffte Menge aller ersinnlich- und erwünschlichen Güter / Wollust und Freuden / so wohl des Leibs als der Seelen. Status omnium bonorum aggregatione perfectus. Wie die HH. Vätter und Lehrer reden: Ein Stand / in welchem alle wahre Güter vollkommen versammlet seynd: und welche die irrdische Güter / die zeitliche Freuden und Wollust / so weit als der Tag die Nacht / der Diemant das Glas / das Gold ein Bley / die helle Sonn ein schwartze Kohlen / ja so weit als der Hmmiel die Erden übertreffen: dann sie seynd auf alle weiß unermessen groß in der Herrlichkeit / in der Fürtrefflichkeit / in der Zahl oder Menge / und in der Daurhafftigkeit.

Ferners / gleichwie der feine Zucker von allem Schleim / Faum / und allem / was unsauber ist / muß gereiniget und geläuteret seyn / also / ja unvergleichlich [144] mehr seynd die himmlische Freuden / befreyt und gereiniget von allem / was nur im geringsten betrüben / beschweren / oder verdrüßlich fallen mag. Viel ehender wird man ein Mackel und Finstere in der Sonnen / als etwas Widerwertig- oder unangenemmes in den himmlischen Freuden finden. Sie seynd ein Freud ohne Leyd / ein Sicherheit ohne Gefahr / ein Tag ohne Nacht / ein Liecht ohne Schatten / ein Süsse ohne Bitterkeit / ein Vergnügen ohne Mangel / ein Ruhe ohne Abmattung / ein Schönheit ohne Mackel /ein Erkandtnuß ohne Unwissenheit / ein Fried ohne Verstöhrung / ein Leben ohne Todt.

Der materialische Zucker / wann man ihn wohl applicirt / so ist er ein gutes Mittel für schadhaffte Augen / und macht ein gutes Gesicht: auch / und noch viel mehr der sittliche Zucker der himmlischen Freuden / wann man selbe nur in der Hoffnung / und in der Gedächtnuß hat / da seynd sie gut für die Augen / das ist / für den Verstand; dann sie erleuchten denselben /daß er die Eitelkeit und Nichtigkeit der zergänglichen Welt-Freuden und Wollüsten erkennt. Widerum den Zucker brauchet man nicht nur in der Kuchel die Speisen / sondern auch in der Apotheck ein manche bittere Medicin darmit zu versüssen / auf daß esdie Patienten selbige einzunemmen nicht gar zu hart ankomme: und eben also soll man auch den geistlichen Zucker brauchen / das ist / die himmlische Freuden betrachten und hoffen / die Bitterkeit des Creutz und Leydens / der Trübsal und Widerwärtigkeiten dardurch zu versüssen / damit sie dem Betrangten nicht gar zu sauer und bitter seyen.

Also hat es unter anderen der Heil. Ertz-Martyrer Stephanus gemacht; dann als er in seiner Marter und Versteinigung das Hertz und die Augen gen Himmel erhebt / und die himmlische Glory betrachtet hat / da seynd ihme die bittere Pillulein / die er einnehmen müssen / verstehe die tödtliche Steinwürff / wie die Cathoiische Kirch von ihm bezeuget / gantz süß und lieblich vorkommen. Lapides torrentis illi dulces fuerunt etc. Aber gleichwie es viel Zeit und Fleiß braucht / biß man den Zucker schön und gut / weiß und rein machet / also kost es auch viel Mühe und Arbeit / biß man die himmlische Freuden erwirbet; dann wie der gedultige Job gesprochen / und auch selbst erfahren hat: Militia est vita hominis super terram: 38 Das menschliche Leben ist ein immerwährender Streit auf der Erden: Streiten und kämpfen muß man wider die unsichtbarliche Feind der Seelen /wider das Fleisch / die Welt / und den Teuffel / wider die eigne Lieb / wider die Begierd und Anmuthungen. Der Heil. Apostel Paulus aber sagt: Non coronabitur, nisi qui legitimè certaverit. 39 Niemand wird gecrönt mit dem Sieg-Kräntzlein der ewigen Glory / der nicht zuvor ritterlich gestritten und obgesiget hat.

Der 7. Absatz
Der 7. Absatz.
Von dem Saltz.

Die mehriste Speisen seynd ungeschmack / wann sie nicht gesaltzen seynd: Daß nicht etwann auch dieser I. Theil des gegenwärtigen Buchs dem geneigten Leser ungeschmack vorkomme / so will ich ihn mit dem Saltz beschliessen. 40 Dann das Saltz ist der fürnemsten und nothwendigsten Erd-Säfften einer: Es ist einCondimentum oder Gewürtz / ohne welches die cörperliche Ding nicht bestehen können: ja der gantze Erdboden (obwohl nicht also sichtbar- und empfindlich) ist mit Saltz durchmenget.

Es gibt aber unterschiedliche Art- und Gattungen des Saltz: wie Hübner in seinem Natur- und Kunst-Lexico anmercket. Als erstens ein reines oder aus der Erden gegrabenes. 2tens / das so aus den Brunnen /Pfützen und gewissen anderen Wässeren durch die Sonnen gekocht wird. 3tens / das so aus den Saltz-Quellen kommt / und durch die Hitz des Feurs ausgekocht worden. 4tens / das Spring-Brunnen Saltz kommt herfür aus warmen Brunnen / aus Salpeterischen [145] und Schweflichten Adern der Erden / und selbes wird gleich dem See- oder Pfützen-Saltz durch Krafft der Sonnen rein und ausgekocht. Ferners das Stein-oder Berg-Saltz wird aus den Bergen wie grosse Stein gegraben / ist hell und durchsichtig. Das Meer-Saltz aber wachst zusammen / wann das Meer ungestümm und starck schaumend ist / alsdann wirfft es das Saltz an das Ufer aus. In dem Spanischen Königreich Valentia seynd in den Felsen lange Canäl ausgehauen /durch welche das aus dem Meer auslauffende Wasser in die grosse Saltz-Pfannen geleitet wird etc. In der Insul Ormus sollen fast alle Wasser-Flüß und Schöpff-Brunnen häuffiges Saltz führen / also daß die Innwohner durch Führung des Saltz-Handels sich reichlich ernähren können: In China aber gibt es gantze Berg von klarem lauteren Saltz. In unterschiedlichen Sinnischen Landschafften befinden sich häuffige und reichliche Saltzberg / Pfützen und Brunnen. In Europa / bevorab in Polen / seynd grosse Saltz-Gruben anzutreffen. Hingegen an gewissen Orten in Indien ist das Saltz so rahr / daß wenig Saltz mit vielem Gold oder andern Kostbarkeiten bezahlet wird. In unserem Teutschland seynd die Saltz-Siedereyen / die sich in unterschiedlichen Provintzien befinden / wohl bekannt.

Die Eigenschafften des Saltz seynd die Weisse /und Durchsichtigkeit / die Leichte / die Trückne / und die Reinigkeit. In den Officinen und Apothecken ist die Præparation und der Gebrauch des Saltz vielfältig und unterschiedlich.

Ubrigens bestehet der gemeine Brauch des Saltz in dem / daß man die Speisen darmit gewürtzet / das Fleisch und die Fisch etc. darmit einsaltzet / und von der Verfaulung erhaltet / auch dem Vieh unter das Futter mischet / damit es ihm besser gedäue / und es faister mache.

Das Saltz kan erstlich wegen seiner Würckung zum Theil mit der Gnad GOttes und zum Theil auch mit der Buß verglichen werden. 41 Dann gleichwie die beste Speisen ohne Saltz ungeschmack seynd / also seynd die menschliche Werck / wann sie schon gut und löblich scheinen / ausser dem Stand der Gnaden gantz ungeschmack / das ist / GOtt gar nicht gefällig und angenehm. Hingegen wie das Saltz kein faules Fleisch wachsen laßt / und das Faule wegfrist und verzehrt / also laßt die Buß kein Faulung der Trägheit und des Müßiggangs zu: ja sie verzehrt alle böse und verfaulte humores oder Feuchtigkeiten der fleischlichen Gelüsten und Sinnlichkeiten etc. Das Saltz /wann es zubereitet und gekocht wird / hat die Krafft aufzulösen / zu reinigen / die Geschwulsten und Aufblehungen der Wassersucht zu zertheilen und niederzulegen. Auch die Gnad GOttes und die Tugend der Buß / welche die Gnad von GOtt erwerben thut / löset auf die verstockte Hertzen / und den versperrten Mund thut sie auf / ja auch die Augen löset sie auf /und macht selbe zerfliessen in wehemüthige Buß- Zäher: sie reiniget das Gewissen / oder die Seel von Sünden / und legt nieder den aufgeblasenen Hoch-und Ubermuth etc.

Aber fürnemlich ist ein schon alte / und in Heil. Schrifft selbsten gegründte Gleichnuß des Saltzes mit der Weißheit / und weisen Männeren / massen Christus in dem Evangelio Matth. c. 5. v. 13. zu seinen Apostlen (als er sie zu Lehrer der Völcker bestellt /und ausgesandt) gesprochen hat: Vos estis sal terræ: Ihr seyd das Saltz der Erden. 42 Dann gleichwie das Saltz die Leiber von der Verfaulung erhaltet und bewahret / die Speisen aber gewürtzet und wohlgeschmack machet / ohne welches sie ungeschmack seynd / also thut die wahre Christliche Weißheit die Seelen von der Verfäulung oder Verderbungē der Sünden und Irrthumen erhalten und bewahren: unsere Werck aber / unser Thun und Lassen macht sie wie das Saltz die Speisen GOtt und den Menschen wohlschmeckend und angenehm: was aber ohne dises Saltz ist / oder ohnweißlich geschicht / das ist alles un-oder abgeschmackt. [146] Wie der gedultige Job angemercket hat / da er gesprochen: Nunquid poterit comedi insulsum, aut quod non est sale conditum etc. 43 Kan man auch essen was ungesaltzen ist? oder wird jemand versuchen / was ihm den Todt bringt. Deßwegen hat der Apostel seine Colossenser ermahnt / und geschriben: In sapientia ambulate, 44 Wandlet weißlich. Sermo vester sit semper in gratia sale conditus. Euer Red sey allzeit lieblich mit Saltz gewürtzet / daß ihr wisset / wie ihr einem jeden antworten sollet. Und widerum der Evangelist: Bonum est sal, habete in vobis sal & pacem habete inter vos: 45 Das Saltz ist gut: habt Saltz in euch / und habt Frieden unter einander.

Das Saltz der Weißheit hat der Salomon gar wohl über Gold und Silber zu æstimiren gewust / und deßwegen GOtt vor allem um selbiges gebetten: welches auch GOtt so wohl gefallen / daß er ihme alsobald seinen Wunsch und Willen erfüllet hat / und zum allerweisisten unter allen Königen / die jemahl auf Erden gewesen seynd / gemacht hat. Wie zu lesen ist im 3. Buch der Königen am 3. Cap.

Das gute Saltz ist weiß / rein und klar / leicht und trucken. Auch ein weiser Mann und geistlicher Lehrer soll in sittlichem Verstand dise Eigenschafften haben. Er soll weiß und rein seyn / wegen Reinigkeit des Lebens oder unsträfflicher Sitten / und klar oder glantzend durch einen scheinbaren Tugend-Wandel: leicht aber wegen Erhebung seines Gemüths und seiner Begierden in die Höhe zu GOtt und himmlischen Dingen: trucken endlich oder abgesönderet von Feuchtigkeit überflußiger Gemächlichkeiten und zeitlicher Wollüsten etc.

Ein gewisser Saltz-Berg solle in dem Meer gelegen seyn / welcher voller Saltz von unterschiedlichen Farben ist / und deßwegen / wann die Sonn darein scheint / glantzet er von fern / als wann er mit lauter Edelgestein versetzt wäre. Ein solcher glantzender Saltzberg ist ein recht weiser und tugendlicher Mann /der in dem Meer diser Welt sich erhebet / und vor den Schiffenden / mit dem Glantz unterschiedlicher Tugenden schimmeret / wann ihn die Göttliche Gnaden-Sonn anscheinet.

Das materialische Saltz kommt mehrentheils ursprünglich und häuffig aus dem bittern und fauren Meer-Wasser her / welches sich ergiessend viel Saltz auswürfft / oder durch unterschiedliche Gäng in den Bergen sich verschliefft / und durch die Krafft der Sonnen zu Saltz gekochet wird: aus dem süssen Wasser der gemeinen Flüß und Brunnen aber wird kein Saltz gezogen. 46 Eben also wird auch das sittliche Saltz / verstehe die Weißheit aus dem sauren und bitteren Wasser gezogen / das ist / aus der Mühe und Arbeit / aus der Trübsal und Widerwärtigkeit (vexatio dat intellectum, die Plag eröffnet den Verstand) sie wird in der Tieffe der Demuth / durch die Krafft der Göttlichen Gnaden-Sonnen ausgekocht: nicht aber aus dem süssen Wasser der Kommlichkeit / des Müßiggangs und der Wollusten. Dann laut jenes Sprüchleins


Non jacet in molli veneranda scientia lecto.
Mit Schlaffen und mit Müßiggehen
Bey den Weisen wirst nicht b'stehen.

Ja was sag ich von dem Poeten? der Hußitische Fürst / der gedultige Job / der die Weißheit über das Gold / Edelgestein und alle Kostbarkeiten erhöht und erhebt / sagt austrucklich: Sapientia non invenitur in terrâ suaviter viventium: sie werde nicht gefunden bey denen / die dem Wollust ergeben seynd. 47 Sie hat die Natur der Rosen / welche nicht anderst als unter den Dörnern aufwachsen.

Das natürliche Saltz ist häuffig hin und wider in der Welt zu finden / und zimlich wolfail. Aber das sittliche Saltz der Weißheit ist gar rahr und theur zu bezahlen / doch ist es alles werth. Wie es wohl erfahren hat ein gewisser König / der in seiner Residentz-Stadt auf einem Volckreichen Marckt spatziret / und die unterschiedliche [147] Waaren der Kauffleuten besichtigte. 48 Unter anderen Kauffleuten kam er auch zu einem Philosopho, der auch einen Kauffmann agirte /und doch in seinem gantzen Kram-Laden nichts als etlich geschriebene Zettlein hatte / und sich darbey rühmte: er habe die wahre Weißheit fail / und anerbotte sie dem König um ein gewisse grosse Summa Geld zu kauffen zu geben. Der König entschlosse sich und sagte ja / er woll ihm die Weißheit abkauffen / er ließ ihme auch die verlangte Geld-Summ gleich paar bezahlen / mit Vermelden: Er soll ihm nun jetzund die erkauffte und bezahlte Weißheit getreulich auslieffern. Hierauf übergabe der Philosophus dem König einen Zettel oder Täffelein / worauf die folgende Wort geschriben und verzeichnet waren:


Quidquid agis, prudenter agas, & respice finem.
Alles was du thust / thu wohlbedacht /
Und fleißig das End betracht.

Wohl kurtz und gut. Der König war darmit zu frieden / er ließ ihm dise Lehr gesagt seyn / und so wohl gefallen / daß er befahl dise Wort / oder aufs wenigst die Anfangs-Buchstaben derselben hin und wider in seinem Pallast an den Wänden / und an den Thüren /auf den Taflen und Seßlen / Schüßlen und Tellern /auf den Trinck-Geschirren und anderen Mobilien zu verzeichnen / damit sie ihm und anderen niemahl aus den Augen und aus der Gedächtnuß kommen möchten / sondern allzeit ein Regul oder Richtschnur alles Thun und Lassens seyn möchten. Nun begab es sich einstens / daß sein Leibbarbirer (etwan von seinen Feinden mit Geld bestochen und angestifft) ihm fürgenommen hat / daß er den König bey dem Balbiren /wann er gantz alleinig wurde seyn / mit dem Scheermesser die Gurgel abschneiden / und sich eilends mit der Flucht darvon machen wolle. Aber als er würcklich dises gottlose Vorhaben vollziehen wolte / da ersiehet er gehlingen auf den Ecken des leinen Tuchs /das er dem König beym Barbiren nach Gewohnheit um den Hals gelegt hat / die initial, oder Anfangs-Buchstaben der obgemelten Worten: Quidquid agis etc. verzeichnet:


Alles was du thust / thue wohlbedacht /
Und fleißig das End betracht.

Auf welchen Anblick der Barbirer in sich selber gangen ist / und gedenckt hat: O was thue ich / was wird die Sach für ein End und Ausgang nemmen / was für eine erschröckliche Verantwortung wird ich haben? was für ein grausame Straff zu gewarten; hierauf hat es ihm gegrauset / er ist also erschrocken / daß er erblaichet und an dem gantzen Leib erzitteret / und das Scheermesser aus der Hand hat fallen lassen. Der König verwunderte sich und fragte den Barbirer / was das bedeute / was ihm geschehen sey? Er wolte von Anfang mit der Sprach nicht heraus / als aber der König nicht nachliesse / da fiel er nieder auf seine Knye / und bekennte es aufrichtig / daß er ihne zu ermorden gedacht habe / aber auf Anblick u. Erinnerung der obgemelten Worten wider in sich gangen / und ab solcher That ein so grosses Abscheuen gefast / und darüber erschrocken seye. Da erkennte der König erst recht / wiewohl ihm jener Philosophus gerathen / und was für einen guten Kauff er gethan habe / in Erkauffung der Weißheit / die ihn beym Leben erhalten hat.

Zu wünschen wäre es / daß wir auch diese Wort: Alles / was du thust / thue wohlbedacht etc. unseren Gedancken fleißig eintrucketen / ja tieff in unsere Hertzen einschreiben thäten / absonderlich zur Zeit der Versuchung / wann wir das Messer des bösen Willens schon in der Hand haben / und uns selbsten /unser armen Seel / durch Begehung einer schwehren Sünd / einen tödtlichen Stich oder Wunden zu versetzen in Bereitschafft stehen: zu wünschen wäre es /sage ich / daß wir uns selbst zuredeten und sprächen: Das End der Sach fein wohl betracht / nemlich die Grösse der Beleidigung GOttes / die Schwere der ewigen Straff etc. da wurden wir gewißlich alsobald in uns selber gehen / und das Messer hinwegwerffen /ich will sagen / den bösen Willen zu sündigen ablegen / und in all unserem Thun und Lassen mit mehrerer [148] Behutsamkeit und Weißheit darein gehen. 49 Dann der Weißheit ist eigenthumlich des Vergangenen sich erinneren / das Gegenwärtige wohl bedencken / und das Zukünfftige klüglich vorsehen: was schädlich ist fliehen / nutzliche Mittel ergreiffen / wider die Gefahren sich bewahren: das kleinere Ubel erwählen / dem grösseren Gewalt nachgeben / und aus der Noth ein Tugend machen.

Es hat GOtt in dem alten Testament gebotten / daß alles Speiß-Opffer solle mit Saltz besprengt / und nichts ohne Saltz geopfferet werden. Eben so wenig ist GOtt in dem Neuen Testament ein Opffer / Gebett / Buß oder Tugenwerck gefällig und angenehm / wann es nicht mit dem Saltz der Weißheit und Bescheidenheit gewürtzet / oder besprenget ist. Endlichen gleichwie das Saltz so gut / nutzlich und geschmack es immer ist / doch mäßig und mit Behutsamkeit muß gebraucht werden (dann sonsten ist es schädlich und ungesund / es versäurt die Speisen / und zerbeisset den Magen) also muß auch die Weißheit selber mäßig und in Schrancken gehalten / oder nicht gar zu hoch gespannet seyn: Es heist da / sapere, sed sapere cum sobrietate; dann gar zu gescheid / oder zu witzig seyn wollen / thut niemahl gut. Auch in disem Stuck / in dem Gebrauch der Weißheit hat jene allgemeine Regul Statt und Platz: nemlichen


Omne quod est nimium, vertitur in vitium.
Was zu viel ist und unmäßig /
Schädlich ist und unzuläßig.
[149]
Fußnoten

1 Wunderliche Natur und Krafft deß Magnets.

2 Christus der HErr wird mit einem Magnet verglichen.

Osee. c. 11. v. 4.

3 Joan. c. 12. v. 32.

4 Die Welt wird mit dem Magnet verglichen.

5 Wie der Agtstein beschaffen seye.

6 Der Agtstein bedeutet einen Geitzigen.

7 Ob der Crystall gefrornes Eiß seye.

8 Reines Gewissen mit dem Crystall verglichen.

9 Crystall-reine Hertz- und Seelen.

10 Wie die Corallen wachsen und beschaffen seyn.

11 Das Heil. Creutz ist gleich einem Corallen-Bäumlein.

12 Marmor ist ein schön hart- und daurhaffter Baustein und vilfältig.

13 Porphyr ein Gattung des Marmors.

14 1. Cor. c. 12.

15 Des Salpeters vielfältiger Gebrauch und Beschaffenheit.

16 Der Salpeter bedeutet die Buß.

Luc. c. 13. v. 5.

17 Was und wie der Schwefel beschaffen seye.

18 Geilheit und Hoffart durch den Schwefel beditten.

19 Apoc. c. 21. v. 8.

20 Pech und Hartz bedeutet die Einigkeit.

21 1. Reg. c. 18.

22 Wie das Honig beschaffen sey / und woher es komme.

23 Prov. c. 25. 27. & 16.

24 Die zettliche Freuden und Wollüst werden mit dem Honig verglichen.

25 Prov. c. 14. v. 13.

26 Job. c. 20. v. 13.

27 1. Reg. c. 14.

28 Christus mit dem Honig und Imen-Stock verglichen.

29 Das Wachs ist dem Honig beygesellt.

30 Die Hoffart mit dem Wachs verglichen.

31 Psal. 67. v. 2

Psal. 82. v. 17.

32 Das Wachs wird mit der Gnad GOttes verglichen.

33 Matth. c. 5. v. 16.

34 Isaiæ c. 43. v. 2.

35 Wie und wo der Zucker wachse / und wie er zubereitet wird.

36 Zucker wird auch Medicin-weiß gebraucht.

37 Die Lieblichkeit / Süsse / und Reinigkeit des Zuckers deutet die himmlische Freuden an.

38 Job. c. 7. v. 1.

39 2. Tim. c. 2.

40 Was / und wie vielerley das Saltz seye / und woher es komme.

41 Die Gnad und die Buß mit dem Saltz verglichen.

42 Das Saltz bedeutet die Weißheit und weise Männer.

43 Job. c. 6. v. 6.

44 Coloss. c. 4. v. 6.

45 Marc. c. 9. v. 49.

46 Das sittliche Saltz der Weißheit ist rahr und kostbar.

47 Job. c. 28. v. 13.

48 Historia.

49 Wie das Saltz der Weißheit zu gebrauchen seye.

Der II. Theil

I. Von dem Menschen und dem Menschlichen Leben, von der Seel, und dem Leib des Menschen
Der 1. Absatz
Der 1. Absatz.
Von dem Menschen und dem Leben des Menschens.

Von dem Macrocosmo schreite ich zu den Microcosmum, von der grossen Welt (dero fürnehmste Theil ich bißhero beschrieben und erklärt hab) zu der kleinen Welt / das ist / dem Menschen / den ich jetzund gleichsam zu anatomiren oder zu zergliederen anfange. Es wird aber der Mensch von denen Gelehrten darumen Microcosmus, das ist / ein kleine Welt betitlet / weilen er gleichsam ein Compendium / oder kurtzer Begriff der gantzen Welt und aller Creaturen ist; inmassen er / wie der Heil. Gregorius anmercket / mit allen Geschöpffen etwas gemeinschafftliches hat:Esse cum lapidibus, sagt diser Heil. Vatter / vivere cum plantis, sentire cum brutis, intelligere cum Angelis. 1 Mit den Steinen und anderen leblosen Dingen hat er das Wesen / oder die Wesenheit gemein / mit den Kräutern und Pflantzen aber das Wachsen / mit denen unvernünfftigen Thieren die Empfindlichkeit /und den Verstand mit denen Englen.

Der Mensch ist zum Theil ein sehr edel und fürtreffliche / zum Theil aber ein elende und armseelige Creatur: Edel und fürtrefflich ist er wegen der herrlichen Gaben und Eigenschafften der unsterblichen Seel: Elend und armseelig aber wegen Schwachheit-und Gepresten des sterblichen Leibs. 2 Der weltweisePlato vermeinte es wohlgetroffen zu haben / da er gesagt hat / der Mensch seye Animal implume bipes, ein zweyfüßiges Thier ohne Federn: aber ein anderer Philosophus hat ihne gleich corrigirt und beschimpff (also ist das Fehlen menschlich und [150] allgemein) indem er einen Goggel-Hanen genommen hat / denselben sauber abgerupfft / vorgewiesen und gesprochen:Ecce homo Platonicus, sihe ein Platonischer Mensch. Besser hat ihne Aristoteles definirt / daß er seye Animal rationale, ein vernünfftiges Thier / welches Prædicat allen und jeden Menschen allein eigenthumlich ist.

Sonsten werden dem Menschen von unterschiedlichen viel herrliche Lob-Sprüch gegeben. 3 Die alte Egyptische Priester haben ihn animal admirabile & adorandum, das ist / ein wunderbarliches und anbettens-würdiges Thier genennet. Vast eben also Mercurius Trismegistus nennet ihn ein grosses Wunderwerck / einen Dollmetscher der Götter / und ein Thier / welches allerdings GOtt ähnlich und gleichförmig ist. Pytagoras heißt den Menschen mensuram rerum omnium: Ein Maas aller Dingen. Theophrastes ein Exemplar und Spiegel der gantzen Welt. Cicero aber der Römische Redner sagt / der Mensch seye ein göttliches mit Verstand und Rath erfülltes Thier. Plinius endlich nennet ihn Epitomen, ein kurtzen Begriff der Welt / ein Lust und Freud der Natur. Insgemein aber /wie schon gemeldt / wird er Microcosmus, oder die kleine Welt benahmset; dann er begreifft mit seinem Leib die Krafft aller Leiber / und mit seiner Seel die Krafft aller lebendigen Dingen in sich.

Als jener barbarische Abdalas befragt wurde / was das Allerwunderbarlichste in der gantzen Welt seye? gab er zur Antwort: Homo unus est, qui omnem admirationem superat: der Mensch allein übertrifft alle Verwunderung. Gleichfalls hielte Favorinus darfür /daß auf der Erden nichts rechts Grosses seye / als eben der Mensch. Unsere Theologi aber nennen den Menschen Augustum Templum & simulachrum Dei. Einen herrlichen Tempel und Bildnuß GOttes: auch ein End aller erschaffenen Dingen / deme alles dienet / was auf der Welt ist. Billich derowegen hat David in Betrachtung der Menschlichen Hoch- und Fürtrefflichkeit Wundervoll zu GOtt aufgeschryen: Minuisti eum paulò minus ab Angelis, gloria & honore coronasti eum etc. 4 Du hast ihne / den Menschen / ein wenig geringer gemacht / dann die Engel / mit Ehren und Geschmuck hast du ihn gekrönet /und hast ihne gesetzt über die Werck deiner Händen: alles hast du ihme unterworffen.

Dises seynd ja freylich groß- und herrliche Lobsprüch: aber alles thut weit übertreffen / was GOtt selbsten gleich in seiner Erschaffung gesprochen hat:Faciamus hominem ad imaginem & similitudinem nostram etc. 5 Wir wollen den Menschen machen nach unserer Bildnus und Gleichnus / der da herrsche über die Fisch im Meer / und über die Vögel unter dem Himmel / über das Vieh / und über die gantze Erd / und über alles / was auf der Erden kriechet. Dann zu wissen ist / daß alle uvernünfftige Thier dem Menschen gehorsam und unterthänig gewesen wären / wann er auch selbsten GOtt gehorsam verblieben / und nicht gesündiget hätte.

Aber leider! homo, cum in honore esset, non intellexit etc. 6 als der Mensch in solchen Ehren / und Ansehen ware / hat ers nicht erkennt und nicht betrachtet / er ist dem unvernünfftigen Vieh gleich worden / und hat viehisch gelebt. Eben dieses ist die Ursach / daß obwohlen er einerseits so edel und fürtrefflich ist /dannoch anderter Seits / nemlich wegen dem sterblich- und müheseeligen Leben auch so elend und Armseelig ist. 7

Die Armseeligkeit des menschlichen Lebens hat gar wohl erkennt / und mit lebhafften Farben entworffen / der gedultige Job / wann er gesagt: homo natus de muliere brevi vivens tempore repletur multis miseriis etc. 8 Der Mensch gebohren von dem Weib /lebt ein kurtze Zeit / und wird erfüllt mit vielen Betrübnussen / oder Trangsalen. Er gehet auf wie ein Blum / und fallt ab / und fleicht dahin wie ein Schatten / er bleibt nimmer in seinem Stand. Und widerum sagt er: Das menschliche Leben ist ein immerwährender [151] Streit auf dieser Erden / seine Täg seynd mühesam / als wie eines Taglöhners.

Ja auch die heydnische Weltweise haben diese Wahrheit wohl erkennt: Aristoteles als er befragt wurde / was der Mensch seye? gab er zur Antwort: Ein Beyspiel der Schwachheit / ein Raub der Zeit / ein Gespött des Glücks / ein Abbildung der Unbeständigkeit / und ein Gegensatz des Neids und der Müheseeligkeit. Democritus, als er befragt wurde / was er von dem Zustand des Menschen halte / hat geantwortet: Er seye armseelig / dann das Gute / das er suche / finde er schwerlich und mit grosser Mühe: das Böse aber komme für sich selber ohngesucht / ja auch wann mans fliehen thue. Solon als man ihn fragte / was der Mensch seye? sagte er / der Mensch ist ein Unflath in seiner Geburt / ein Vieh in seinem Leben / und ein Speiß der Würmen in seinem Tod. Silenus, als er vonMida gefangen war / gab auf die Frag / was dem Menschen am besten seye / die Antwort: nie gebohren werden / oder doch bald widerum sterben.

Ja nicht nur ein Heydnischer Silenus sonder der weise Ecclesiastes sagt selber austrucklich: Melior est dies mortis, die nativitatis, 9 der Tag des Tods ist besser / als der Tag der Geburt: weilen nehmlich die Geburt des Menschen ein Anfang und Eingang ist zu tausenderley Mühe / Elend und Gefahren /da hingegen ein seeliger Tod disem allem ein End macht. 10 Deßwegen pflegten vor Zeiten die Thraces /Causianer und andere Völcker mehr ihrer Kinder Geburts-Täg mit weinen und trauren / hingegen dero Absterben mit Lust und Freuden zu begehen. Ja also ist es / das menschliche Leben / welches in Vereinigung des Leibs und der Seelen bestehet / und durch die Influenz des Himmels-Gestirns / durch Speiß und Tranck / Kleyder und Wohnung muß erhalten werden / dises / sage ich / ist in seinem Anfang und Eingang in diese Welt gar armseelig / schändlich und verächtlich / kein Thier wird so unflätig gebohren als eben der Mensch / der mit Unreinigkeit besudlet von Mutterleib ausgehet / gantz nackend und bloß / aller schwach und krafftloß / er kan ihme selber im geringsten nicht helffen / weder essen noch trincken / weder gehen noch stehen / weder deuten noch reden / alle Nothdurfft muß er von fremder Hülff empfangen /sonst muß er alsobald wiederum sterben und verderben.

Was dann weiters den Fortgang des menschlichen Lebens betrifft / so ist es nicht genugsam zu beschreiben / wohl aber mehr als genug von der täglichen Erfahrnus bekannt / mit was Mühe / Kosten und Sorg ein Kind müsse auferzogen und erhalten werden / wie schwer und langsam es hergehe / biß man die nothwendige Künsten oder Wissenschafften erlerne / und was man ferners die gantze Lebens-Zeit für unzahlbare Müheseeligkeiten / Gefahren und Beschwerden des Leibs und der Seelen müsse ausstehen. Tædet animam meam vitæ meæ, 11 hat der so sonst gedultige Job gesprochen. Mein Seel verdrießt mein Leben. Ja schon viel hat es wegen grossem Elend und Armseeligkeiten also zu leben verdrossen / daß sie den Tod nicht haben erwarten mögen / sonder lieber ihnen selbst gewaltthätiger Weiß das Leben benommen. Als Brutus vernommen / was gestalten sein guter FreundCassius ihme selbsten den Tod angethan habe / da schrye er auf (zwar gut heydnisch) O wie glückseelig bist du Cassi, weil du dich erlöset hast aus denen Mühe und Sorgen / mit welchen wir noch Lebende verwicklet seynd.

Ja so gar haben einige in Zweifel gezogen / ob man nicht das Leben einen Tod / und den Tod hingegen das Leben nennen sollte. 12 Quis novit, si vivere est mori & mori vivere pflegte Euripides zu sagen. Deßgleichen zweifelte der weise Seneca, ob das gegenwärtige Leben in der Wahrheit ein Leben zu nennen seye / und darum sagte er von einem alten Mann / der gestorben ist: nicht / er hat lang gelebt / sonder nur /er ist lang gewesen. Auch der fromme Patriarch Jacob / als er von dem König Pharaone gefraget [152] wurde / wie alt er seye / gabe er zur Antwort: dies peregrinationis meæ centum triginta annorum sunt, parvi & mali. Die Zeit meiner Wall- oder Pilger-Fahrt (nicht meines Lebens) seynd hundert und dreyßig Jahr /wenig und böß ist die Zeit meiner Wallfahrt. Ja der Heil. Apostel Paulus nennet das zeitliche Leben austrucklich einen Tod / indem er sagt: Quis me liberabit à corpore mortis hujus? Wer wird mich erlösen von dem Leib dises Tods. Xenocrates ware der Meynung / daß GOtt diejenige / denen er ein grosse Gnad erweisen will / bald von der Welt hinweg und zu sich nemme: und also seye es ergangen (sagte die alte Heydenschafft) dem Trophimo und Aganidi denen zweyen Gebrüderen; dann als sie den herrlichen Bau des Tempels des Apollinis Delphici vollendet hatten / und derowegen den Apollinem gebetten / er solle ihnen zur Vergeltung das allerbeste / was auf der Welt seye / zukommen lassen / da habe er ihnen geantwortet / ja es soll geschehen / innerhalb 7. Tagen sollen sie ihrer Bitt gewähren / darauf aber seyen sie den siebenden Tag morgens frühe beyde tod im Beth gefunden worden / und also seye nach dem Urtheil des Gott Apollinis selbst diser frühzeitige Tod das Beste gewesen.

Als der Weltweise Socrates sahe / daß er sterben muste / sagte er zu seinen umstehenden Lehr-Jüngern / die Stund meines Tods ist nunmehr vorhanden / ich sterb dahin / und ihr bleibet noch beym Leben: aber wem es besser gehe / mir daß ich sterbe / oder euch daß ihr lebet / das weiß ich nicht / GOtt allein ist es bekandt. O wohl ein armseeliges Leben / von deme man zweiflen kan / ob es besser oder so gut seye als der Tod! aber weil dieses zeitliche Leben der Weeg ist / auf welchem wir in das Himmlische Vatterland wanderen sollen / so hat GOTT gar weißlich verordnet / daß es mit mancherley Mühe und Bitterkeit erfüllt seyn solle / auf daß wir uns nicht zu starck darein verlieben / und das Exilium für das Vatterland erwählen.

Eben der Ursachen hat GOtt gewollt / daß das menschliche Leben so kürtzlich daure und so schnell dahin lauffe. 13 Von diesem sagt der weise Seneca: Respice celeritatem rapidissimi temporis, per quod citissimè currimus. Nimm wahr die Geschwindigkeit der schnellisten Zeit / die wir aufs geschwindeste durchlauffen. Der Husitische Fürst aber der Job vergleicht das menschliche Leben denen Schiffen / welche das Obst führen: Transierunt sicut naves portantes poma etc. 14 Meine Täg / sagt er / das ist / mein Leben seynd schneller gewesen dann ein Lauffer /sie seynd dahin geflohen / und haben nichts guts gesehen / sie seynd vergangen wie die Schiff / die Guth oder Früchten zu verkauffen / tragen. Dann gleichwie solche Schiff sich gar nicht saumen oder aufhalten / damit das Obst nicht faule / oder die Waaren nicht verderben / sonder immer mit vollem Seegel forteylen / also eylet das menschliche Leben in schnellem Lauff immerdar fort / biß es an das Gestad der Ewigkeit gelanget.

Dieses haben vor Zeiten die Griechen wohl verstanden / indem sie im Brauch hatten / daß / wann ein Kayser bey ihnen gekrönt wurde / da trate unter der würcklichen Crönung ein Maurer mit etlichen Steinen für ihne / und sprach: Elige ex his saxis Augustissime Cæsar, quo tibi tumulum me fabricare velis. Erwähle O großmächtigster Kayser! von disen Steinen / aus welchem ich dir das Grab bauen solle. Das ist wahrhafftig ein seltsames / aber sehr nachdenckliches Compliment gewesen / welches einem den Lust zum Kayserthum zimlich benemmen möchte.

Vast eben dergleichen / wie ich erzehlen höre / geschicht noch jetziger Zeit bey der Krönung eines Römischen Pabst / da man unter anderen Ceremonien ihme eine Hand voll Hanff oder Flachs neben einer brinnenden Fackel vorhält / selben anzündt / und in einem Augenblick in der Flammen aufgehen laßt /darbey aber mit lauter Stimm spricht: En beatissime Pater! sic transit gloria mundi. Sihe Heil. [153] Vatter! also verschwindt und vergeht so geschwind der Pracht und die Herrlichkeit der Welt.

Gleichwie ein Galee oder grosses Kriegs-Schiff auf dem Meer pflegt gewaltig zu rauschen / die Wasser zu bewegen / und von einander zu schneiden / aber die Fußstapffen oder Mahlzeichen verschwinden wiederum in einem Augenblick / das Wasser wird wiederum ruhig und gehet zusammen als wie zuvor: also ein mancher König und Potentat thut zur Zeit seines Lebens das grosse Welt-Meer mit seinem Gewalt und Ansehen durchstreiffen / er macht ein grosses Geräusch / eine grosse Bewegnuß / alles muß ihme ausweichen / niemand darff sich seinem Gewalt widersetzen: wie die Heil. Schrifft selber von dem grossenAlexandro bezeuget. Siluit terra in conspectu ejus. Die Erden oder das Land / wo er durchzoge / seye gleichsam vor ihme verdatteret und erstaunet. Aber gehlingen und in Kürtze / wann der unversehene Tod einen solchen Potentaten hinraffet / ist alles wiederum aus / also daß kein Fußstapffen / kein Anzeigen von der vorigen Macht und Herrlichkeit mehr übrig ist. 15 Welches alles ja billich den Menschen bewegen soll /daß er sein Hertz und Gemüth an das Zeitliche und Zergängliche nicht anheffte.

So kurtz nun das menschliche Leben dauret / so unbeständig und veränderlich ist es auch in der kurtzen Zeit / da es dauret. 16 Nichts veränderlichers ist als die zeitliche Wohlfahrt / nichts beweglichers und unbeständigers als das Glücks-Rad / welches schier alle Augenblick sich umwendet / also daß gar bald zu underst ligt / was kurtz zuvor zu oberst stunde / wie es viel tausend mit ihrem grösten Leidwesen erfahren haben / indem sie urplötzlich von dem Gipffel der Reichthum und Ehren in die Tieffe der Armuth und Verachtung seynd gestürtzt worden: da hingegen auch nicht wenig andere eben so geschwind von der Tieffe ihres verächtlichen Stands zu grossen Würden und Ansehen gelanget seynd.

Nachdem der Heil. Chrysostomus dises wohl und mit Fleiß betrachtet hat / sagt er: Es geduncke ihne /das menschliche Leben als wie ein Comödi zu seyn /in welcher ein jeder seine gewisse Person repræsentirt und vertritt: der eine agirt einen König / der andere einen Bauren / der dritte einen Herrn / der vierte einen Diener / der fünffte einen Soldaten / der sechste einen Kauffmann: der eine einen Doctor, der andere einen Narren etc. wer aber jetzund in der Comödi ein Herr ist / der ist bald in einem andern Act, oder in einer andern Scen ein Diener oder Bauer / und wer jetzund ein Richter / bald hernach ein Scherg oder Hencker etc. 17 Eben also gehet es in dem Comödi-Hauß oder grossen Welt-Theatro zu / bald ist eben einer glückseelig / vergnügt / reich / ansehnlich und gesund / bald wieder unglückseelig / mißvergnügt /arm / verachtet und kranck. Bald gewinnt man / bald verspielt man / bald getröst / bald betrübt / bald geliebt und geehrt / bald verschimpfft und verhaßt etc.

Ja warhafftig / alle sichtbarliche Ding dieses zeitlichen Lebens seynd gleichsam nur ein eitles Schattenspiel / welches in der Dunckle / in der Nacht præsentirt und gehalten wird: wann aber das wahre Tags-Liecht / der Tag der Ewigkeit anbricht / alsdann werden allen Comödianten die Kleyder abgezogen / die eitle oder äusserliche Zierd wird hinweggenommen /der Schatten verschwindt / der Traum vergehet / und wann man die Augen des Gemüths recht eröffnet / da sihet man / was gesehen hat der Salomon auf seinem Thron / nemlichen vanitas vanitatum, & omnia vanitas, 18 daß alles eitel / gantz eitel / ja ein lautere Eitelkeit.

Ein Alter aus denen Weltweisen sagte / man solle nur die Augen des Verstands aufthun / so werde man wahrnehmen / daß die Königreich und Herrschafften deren / die den Scepter und das Regiment führen / nur eine eitle und eingebildete Glückseeligkeit seye / dergleichen in denen Comödien und Tragädien sich befindet / und gleichwie / wann der / so in der Comödi die Person eines Königs vertritt / das jenige thut und redet / was das Amt oder der Stand eines [154] Königs mit sich bringt / nach vollendtem Spiel gelobt und belohnt wird / hingegen gescholten und ausgelacht oder übel abgefertiget / wann er sich ungeschickt / oder unverständig hat aufgeführt / und nicht wie ein König thun solte / sich verhalten / eben also / wann der Mensch / so in dem zeitlichen Leben ein König / ein Richter / ein Advocat / ein Beamter oder Soldat / ein Bischoff oder Prälat / ein Canonicus oder Religos etc. gewesen ist / sein Person wohl vertretten / wann er gethan und gelebt hat / was und wie ein König / ein Richter und Geistlicher etc. thun und leben / da wird er nach vollendter Comödi zur Zeit des Gerichts vor GOtt und seinen Englen / als welche Zuschauer gewesen seynd / gelobt / geehrt und belohnt werden: wann er es aber nicht gethan / sondern in diesem grossen Welt-Spiel sich übel verhalten hat / da wird er offentlich gescholten / beschimpfft und gestrafft werden.

Dises alles hat am besten versucht und erfahren der Königliche Prophet David / welcher zu Lebens-Zeit auf dem grossen Welt-Theatro oder Schaubühne unterschidliche Personen agirt und vertretten hat: Dann erstlich zog er auf / als wie ein Hirten-Knab mit dem Stab und der Schlingen in der Hand: hernach wie ein Musicant / der vor dem König Saul gesungen und die Harpfen geschlagen hat: Uber ein Zeit liesse er sich sehen als wie ein starckmüthiger Uberwinder: hernach gabe er selbst einen König ab. Kurtz ware er widerum ein Flüchtling und Vertriebner / bald widerum erhöht und erhebt. Er hat sich aber trefflich wohl darein geschickt und stattlich wohl agirt / erat vir secundum cor Dei, Er war ein Mann nach dem Wunsch und Hertzen GOttes: er ist auch deßwegen reichlich belohnt / und mit der ewigen Glory von GOtt gekrönt worden.

Aber nicht nur David / sondern noch viel haben in der Comödi des zeitlichen Lebens gar unterschiedliche Personen (obwohlen nicht alle so gut als wie der König David) agirt und vertretten. Vitellius ware also erarmet / daß er seiner Ehefrauen Mobilien verkauffen muste / unversehens aber gelangte er zum Kayserthum / wurde Augustus genannt / und zu Rom herrlich empfangen: aber bald hernach von seinen Kriegs-Leuten gefangen genommen / auch offentlich durch die Gassen und Strassen geschleppt / und schimpfflich ums Leben gebracht. Marius repræsentirte von Anfang in der mehrgemeldten Welt-Comödi eine schlechte und verächtliche Person: bald hernach tratte er auf als ein Römischer Prætor oder Schultheiß / folgends gar als ein Consul oder Burgermeister. Er triumphirte über den Jugurtham, er überwand die Teutones, und verübte viel herrliche Thaten: endlich aber hat ihne das Glück verlassen / und in einen so armseeligen Stand gesetzt / daß er vor seinen Feinden fliehen / und sich / das Leben zu salviren / in einer Cloaca oder stinckenden Pfützen verbergen muste. Servius Tullius zoge anfangs auf als wie ein Diener / hernach wurde er als ein König auf den Thron gesetzt / gehlingen aber widerum gestürtzt / seiner Würde entsetzt /und sein todter Leib durch alle Gassen zu Rom geschleifft: auch so gar sein eigne Tochter fuhre mit der Gutschen über ihn. Ventidius ware zu Anfang ein armes gefangenes Kind: folgends muste er als ein Laquai vor dem Triumph-Wagen des Pompeji herlauffen. Uber ein Zeitlang zoge er auf als ein Tribunus, oder Zunfftmeister des Volcks. Bald darauf wurde er für einen offentlichen Feind des Reichs erklärt: hernach aber wider herfürgezogen und zu einem Burgermeister zu Rom gemacht. Mit disen allen und viel mehr anderen hat das untreue Glück als wie mit einer Ballen gespielt / jetzund sie in die Höhe geschutzt /jetzund widerum zu Boden geworffen.

Uber dises alles ist nicht nur der Eingang des Men schen in dise Welt / wie erwiesen worden / sehr armseelig und unrein / nicht nur sein Lebens-Lauff so kurtz / mühesam und unbeständig / sondern auch /und absonderlich sein Ausgang von der Welt / nemlich der Todt sehr gefährlich / schmertzhafft und beschwerlich / bevorab der Todt [155] der unbußfertigen Sünder / Mors peccatorum pessima. 19 Von disem ist eigentlich zu verstehen / terribilium omnium terribilissima est mors: daß aus allen erschröcklichen Dingen der Todt das Allererschröcklichste seye / als welcher das edle und kostbare Gebäu / nemlich den Menschen / mit grossem Gewalt und Schmertzen also darnider wirfft und zerstöret / daß es von niemand als von GOtt selbsten widerum kan aufgericht werden / wann er nemlich an dem Tag des allgemeinen Gerichts die Seel wiederum mit dem Leib vereiniget.

Nun wollen wir jetzund die Seel und den Leib des Menschen insonderheit betrachten.

Der 2. Absatz
Der 2. Absatz.
Von der menschlichen Seel.

Die menschliche Seel ist ein pur lauterer und reiner Geist / ein ohnleibliche verständliche Substanz oder Weesenheit / unsterblich und unzerstörlich / gantz einfach mit keiner Materi oder einigem anderen Ding vermischt. 20 Sie ist zu diesem End von GOtt aus nichts erschaffen / daß sie den Leib beweg und lebendig mache / samt ihme hier zeitlich GOtt diene / und dort ewiglich geniesse. Sie ist erhoben über alle natürliche Formas oder Gestalten / und begreifft oder erkennet die unleibliche Ding mit einer wundersamen Krafft des Gemüths. Philo Hebræus sagt / die menschliche Seel seye ein Füncklein des unendlich glantzenden Göttlichen Liechts. Zeno nennt sie ein Feur / welches die Glieder wärmet und lebendig macht.

Noch ausführlicher beschreibt sie Damascenus, da er sagt: die Seel seye ein lebendige / ohnleibliche / unsterblich verständige infigurirliche Substanz, die den Leib bewohnt / regiert / sich in allen Gliedern unzertheilich ausbreitet / dem Leib die Vermehrung / und denen Sinnen die Würckung bescheret / allzeit frey und ungezwungen handlet / und das Ebenbild GOttes in ihr selber præsentirt. Welches Ebenbild fürnemlich in dem bestehet / daß gleichwie es in der GOttheit nur ein Weesenheit gibt / von welcher 3. Personen ausgehen / der Vatter / das Wort / und der Heil. Geist / also gibt es in der Seel ein Weesenheit / aus welcher herfürfliessen 3. unterschliedliche Kräfften / nemlich der Verstand / die Gedächtnuß und der Willen: die Gedächtnuß oder Krafft zu gedencken stimmet übereins oder gleichet einiger massen dem Vatter / der Verstand dem Sohn / und der Willen / die Lieb dem H. Geist.

Gewiß ist es / daß / wann man die menschliche Seel mit leiblichen Augen kunte anschauen / oder auch mit dem Gemüth genugsam begreiffen / so wurde man unfehlbar in die höchste Verwunderung und gröste Lieb gegen ihr gezogen werden / und wohl nicht so muthwillig und leichter Dingen durch Sünd und Laster ihr Schönheit verstöhren / ja gar sie dem bösen Feind in die Händ spielen.

Sie ist unzertheilich / gantz in dem gantzen Leib /und auch gantz in einem jeden mindesten und kleinsten Theil desselben / und befindet sich im mittlern Grad oder Staffel aller Dingen; ober ihr hat sie GOtt und die Engel / welche vollkommner; unter ihr aber cörperliche Geschöpff / welche alle unvollkommner seynd als sie. Die menschliche Seel ist ein absonderliches Kunststück der Göttlichen Allmacht / ein Freud des Himmels / ein Zierd der Erden und ein Gegensatz der Göttlichen Liebe und Freygebigkeit. Ihr gröste Vollkommen- und Fürtrefflichkeit aber bestehet in denen 3. sonderbaren Qualität- oder Eigenschafften /die sie vor allen irrdischen Geschöpffen hat / nemlich die Oberherrlichkeit oder Gewalt / den sie hat über den Leib und alle andere irrdische Geschöpff: die Geistlichkeit / Krafft dero sie alle Materi von ihrer Weesenheit ausschliesset / und von derselben independent oder unabhängig ist: und die Unsterblichkeit / Krafft derer sie von keinem erschaffenen Gewalt zerstöhrt werden kan.

Weiters erhellet ihr Fürtrefflichkeit aus ihrem Ursprung / oder ersten Herkommen / und aus ihrem letzten Zihl und End. Ihren Ursprung belangend / so hat sie selben ohnmittelbar von GOtt [156] allein und dem Himmel her ohne Zuthuung oder Mitwürckung einiger Creatur.


Igneus est illi vigor & cœlestis origo.

Die feurig Krafft der Seel / und Ehr /
Kommt allein vom Himmel her.

Was aber ihr Endzweck / auf den sie alleinig abzielen soll / ist selbiger wiederum kein anderer als GOtt allein. Pulvis revertatur ad terram suam, unde erat: & Spiritus redeat ad Deum, qui dedit illum: 21 Der Staub / das ist / der Leib / kehre gleichwohl wider zuruck in sein Erden / wovon er her war: und der Geist zu GOtt / der ihn gegeben hat. Aus disem allem haben wir 3. Folgereyen oder Schlüß zu machen. Der erste Schluß ist kürtzlich diser: Die menschliche Seel ist die edliste und fürtrefflichste Creatur / sie übertrifft weit all das irrdische / so muß man sie dann mit allem Fleiß und grosser Sorg vor Sünd und Laster bewahren. Der andere Schluß ist: Unser Seel ist ein purer Geist / eines übernatürlichen Weesens / und ein Ebenbild GOttes / so soll man sie nicht in einen verächtlichen Stand herab setzen / und dem Leib oder der Begierlichkeit zu dienen zwingen. Der 3te Schluß oder Folg: Unser Seel ist unsterblich /dauret ewig / so muß man dann nichts mehrers förchten / als dieselbe durch ein schwere Sünd / und darauf folgende Verdammnuß unglückseelig zu machen.Dann was hilffts den Menschen / wann er die gantze Welt gewinnen thäte / und an seiner Seel Schaden litte. 22 Der Mensch kan zwar mit denen Geschöpffen beschäfftiget werden / aber durchaus nicht ersättiget / wie der Heil. Bernardus anmercket. Ja auch den Leib können wir nicht erhalten / wann wir die Seel nicht erhalten; dann die Seel ist nicht für den Leib / sonder der Leib für die Seel erschaffen /deßwegen auch Christus im Evangelio gesprochen hat: Nolite timere eos, qui occidunt corpus etc. 23 Man soll sich nicht förchten vor denen / die nur den Leib tödten / der Seel aber nicht schaden können /sonder vielmehr den / der Leib und Seel verdammen kan.

Ubrigens kan die menschliche Seel wohl mit einer Turtel-Tauben verglichen werden / welches ein einfältiger / keusch- und reiner Vogel ist / und wie Berchorius anmercket: ihre Gesellschafft oder den Ehe-Consorten also hefftig liebet / daß wann sie ihne verlohren hat / oder von ihme ist abgesonderet worden / da trauret sie unabläßlich / sie denckt ihm allzeit nach /seufftzet kläglich / und vermischt sich niemahl mit einem anderen. 24

Eben also die Seel / welche von Natur einfältig /rein und keusch ist / hat in ihrer Erschaffung von GOTT das Fleisch / den Leib zum Mit-Consorten empfangen / und diesen liebet sie über die massen /und will nicht von ihme geschieden oder abgesönderet werden: und wann es durch den Tod geschicht / so bringt es ihr Leyd und Schmertzen. Nachdem sie auch von ihrem Leib abgesonderet ist / begehret sie mit keinem andern verknüpfft zu werden / sonder bleibt als eine Wittib an dem Orth / wohin sie GOtt verordnet hat / biß zur allgemeinen Aufferstehung / und behaltet unterdessen allzeit ein Neigung oder Begierd und Verlangen wiederum mit ihme vereiniget zu wer den / und vor / biß dieses geschicht / ist sie nicht vollkommen glückseelig.

Aber weil die menschliche Seel eine so grosse Neigung / Lieb und Treu hat gegen ihren Leib / der ein schlechter Erd-Klotz ist / der ihr so viel Ungelegenheit / Mühe / Kummer und Schaden verursacht / so offt zum Bösen anreitzet / und um den Himmel bringt / wie viel mehr Lieb / Neigung und Treu solte sie haben zu ihrem himmlischen Gespons / von deme sie alle zeitlich- und ewige Güter zu hoffen und zu empfangen hat? wann sie ihne durch ein schwere Sünd verlohren / oder von ihme ist abgesöndert worden / O da soll sie trauren / weinen und Seufftzen unabläßlich / biß daß sie ihn / vermög der Buß und Gnad / widerum findet: entzwischen aber durchaus mit keinem fremden Liebhaber / weder mit dem Fleisch / noch der Welt / noch dem Teuffel durch verbottenen Wollust sich vermischen / oder in ein Verbündnuß sich einlassen.

Der 3. Absatz
Anhang
Von dem sittlichen Leib Christi und der Kirchen.

Noch von einem anderen sittlichen oder geistlichen Leib meldet viles der Heil. Apostel Paulus / dessen unsichtbarliches Haupt Christus / u. das sichtbarliche sein Statthalter auf Erden der Römische Papst ist /desselben Glieder aber die Catholische Christen seynd. 42 Ipse est caput corporis Ecclesiæ, 43 sagt er erstlich / Christus ist das Haupt des Leibs der Kirchen. Hernach / sicut in uno corpore multa membra habemus, omnia autem membra non eundem actum habent: ita multi unum corpus sumus in Christo, singuli autem alter alterius membrum. 44 Gleichwie ein natürlicher Leib in viel Gliedern bestehet /aber nicht alle Glieder einerley Geschäfft oder Würckungen haben / also seynd wir viel ein Leib in Christo / ein jeglicher aber ist des anderen Glied / die Ursach setzt er bey: weilen wir alle in einem Geist zu einem Leib gekaufft seynd. Alle empfangen unterschiedliche Gnaden und Einflüß von Christo ihrem Haupt / der eine dise / der andere jene /der eine mehr / der andere weniger. Eben so klar und austrucklich seynd bie die Wort: Vos autem estis corpus Christi & membra de membro. 45 Ihr aber seyd der Leib Christi / und Glieder untereinander. Deßwegen sagt und erkennt auch Christus im Evangelio: Quod uni ex minimis meis fecistis, mihi fecistis. 46 Was ihr einem Geringsten aus den Meinigen gethan / das habt ihr mir gethan.

Nun aber die Glieder des menschlichen Leibs tragen aus natürlichem Antrieb ein grosse Lieb / Hochschätz- und Ehrenbietung gegen dem Haupt: wann das Haupt einen Streich oder Hieb empfangen soll /da thut sich der Arm eilends darwider setzen / das Haupt beschirmen / und viel lieber sich selber schlagen und verwunden lassen: und dises geschicht darum / dieweil ihnen die Natur eingibt / daß ihr Erhaltung /Leben und Wohlstand von Erhaltung des Haupts dependire / und an ihm gelegen seye. 47 Eben eine solche Lieb / Neigung und Hochschätzen sollen wir / als getreue Glieder / zu unserem sittlichen Haupt / zu Christo tragen / sein Ehr und Glory beschützen / und unserem eignen Interesse, Nutzen und Kommlichkeit vorziehen / weilen er es höchst würdig ist / und auch /weil all unser Heyl und Wohlfahrt von ihme herkommt und abhanget.

Ferners / die Glieder eines Leibs lieben / ehren /und helffen einander. 48 Non est schisma in corpore, sed idipsum pro invicem solicita sunt membra: si gloriatur unum, congaudent omnia, si patitur unum compatiuntur omnia, 49 sagt abermahl der H. Apostel Paulus: Es ist kein Spaltung oder Zweytracht in dem Leib / sondern die Glieder tragen für einander Sorg: wanns einem wohlgehet / da erfreuen sich alle / und wann eines leidet / da leiden alle mit ihm. Zum Exempel / wann der Fuß einen Dorn eingetretten hat / und Schmertzen [163] leidet / da buckt sich geschwind der Rucken / die Augen schauen auf /die Händ ziehen ihn heraus / die Ohren hören an / wie zu helffen seye / der Mund seufftzet / die Zungen klaget etc. Wann den Leib ein Kranckdeit anstosset / da thut sich der Magen willig aushungern / und nimmt Artzney zu sich / der Arm lasset ihme ein Ader schlagen / der Fuß ein Fontanell setzen zur Gesundheit eines anderen Glieds etc.

Eben also die geistliche Glieder des sittlichen Leibs / einer Communität / einer Christlichen Gemeind / sollen einander nicht beneiden und hassen /sondern lieben / ehren und helffen: jeglicher Mensch soll sich ob dem Wohlstand seines Nächsten erfreuen / und sein Unglück bedauren / sein Bestes befördern /seinen Schaden wenden. Die Glieder des menschlichen Leibs seynd nicht eigennutzig / keines arbeitet für sich selbst allein / sondern für den Wohlstand des gantzen Leibs: auch die sittliche Glieder einer Communität sollen so viel auf ihren eignen Nutzen / als auf den Wohlstand des gemeinen Weesens bedacht und befliessen seyn. Keines aus den Gliedern des Leibs erzürnet sich über das andere / oder verfolgt das andere / sondern beschützt es wider alles / was ihme schädlich ist: Wann schon der eine Fuß an den andern stoßt / oder ein Hand auf die andere schlagt / so stoßt oder schlagt diese nicht hinwiderum zuruck / sie thut sich nicht rächen. Eben so wenig soll ein Neben-Mensch über den andern sich erzürnen / selben anfeinden / und verfolgen / sondern beschützen und verthädigen helffen: nicht sich eigenmäßig rächen / oder Böses mit Bösem vergelten.

Endlich / so wenig die Theil des Leibs ein Eyfersucht / Neid oder Mißgunst haben / wann einem besser gehet als dem andern / wann eines mehr geehrt wird als das andere: zum Exempel / wann schon die Aerm mit guldenen Ketten umgeben / und die Finger mit kostbaren Ringen gezieret seynd / so seynd doch die Füß ihnen deßwegen nicht neidig / sondern zu frieden / wann sie mit Schuhen und Leder angethan: Wann schon der Mund einen manchen guten Bissen bekommt / so mißgönnens ihme die Augen nicht /sondern sie sehen mit Freuden zu: wann schon die Ohren mit einer lieblichen Music ergötzt werden / so hat doch die Nasen deßwegen kein Eyfersucht / sie laßt sich mit einem Blümlein daran zu riechen vergnügen; ein jedes ist mit seinem Objecto oder Gegensatz / mit seinem Amt und Orth zu frieden. Dieweilen es nemlich lauter Glieder eines Leibs seynd / deren eins von GOtt und der Natur zu disem Dienst oder Geschäfft verordnet ist / und das andere zu einem anderen. Eben so wenig solle der Baur dem Edelmann /der Knecht dem Herrn / der Arme dem Reichen mißgünstig seyn / sondern ein jeder zu frieden leben mit dem Glück und Stand / in welchen ihn die Göttliche Vorsichtigkeit gesetzt hat / versicheret glaubend / daß ein grösseres Glück / ein höherer Stand oder Würde zu seiner Seelen Heyl ihme nicht nutzlich / sondern vielmehr verhinderlich und schädlich seyn wurde.

Ja / wann dise sittliche Glieder des geistlichen Leibs Christi und der Kirchen unter einander nicht friedlich und einig seynd / so können sie auch mit dem Haupt selbsten / mit Christo / keinen Frieden haben / weilen sie seinem heiligsten Willen und Befehl schnurgrad zuwider handlen / indem er so austrucklich sagt: Hoc est præceptum meum, ut diligatis invicem, sicut dilexi vos. 50 Das ist mein Gebott /daß ihr einander liebet / gleichwie ich euch geliebt hab.

[164]
Fußnoten

1 Hom. 29. in Evang.

2 Des Menschen Fürtrefflichkeit.

3 Herrliche Lobsprüch des Menschen.

4 Psal. 8. v. 6.

5 Gen. c. 1. v. 26.

6 Ps. 48. v. 13.

7 Armseeligkeit des Menschlichen Lebens.

8 Job. c. 14. v. 1. & 2.

9 Eccle. c. 7. v. 2.

10 Wie elend der Mensch seye / wann er gebohren wird / und forthin immerdar.

11 Job. 10. v. 1.

12 Ob das Leben oder der Tod besser seye / wird in Zweiffel gezogen.

13 Die Kürtze des menschlichen Lebens / und der zeitlichen Ehr.

14 Job. c. 9. v. 25. &. 6.

15 Lib. Machab. cap. 1.

16 Unbeständigkeit oder vielfältige Veränderung des menschlichen Lebens.

17 Das menschliche Leben ist gleich eine Comödi.

18 Eccle. c. 1. v. 2.

19 Psal. 33. v. 24.

20 Beschaffenheit und Lob der menschlichen Seel.

21 Eccli. c. 12. v. 7.

22 Marci. c. 8. v. 36.

23 Matth. c. 10. v. 28.

24 Die Seel wird mit einer Turtel-Tauben verglichen.

25 Schönheit und gute Ordnung des menschlichen Leibs und seiner Gliedmassen.

26 Die Allmacht und Weißheit GOttes erscheinet klar in der wundersamen Statur des Menschen.

27 Fernere Beschaffenheit des menschlichen Leibs wird beschrieben.

28 Die Erkantnuß seiner selbst ist sehr nothwendig.

29 Wie man darzu gelangen möge.

30 Ad Philip. c. 3. v. 20.

31 Armseeligkeit und Beschwerden des menschlichen Leibs.

32 Sap. c. 9. v. 15.

33 Ad Gal. c. 5. v. 17.

34 Der Leib ist ein Kleyd der Seel.

35 1. Cor. c. 15.

36 1. Cor. c. 9.

37 Der Leib des Menschen ist gleich dem Kürbis Jonä.

Jon. cap. 4. v. 7. &. 8.

38 Jerem. c. 1. v. 18.

39 Die Vestung des menschlichen Leibs wird von dem Tod mit Kranckheiten belägeret.

40 Psalm. 17. v. 5.

41 Der Leib ist ein Bett des Schmertzens.

42 Der sittliche Leib Christi und der Kirchen / in wem er bestehe?

43 Coloss. c. 1. v. 18.

44 ad Rom. c. 12 v. 4. & 5.

45 1. Cor. c. 12. v. 27.

46 Matth. c. 25. v. 40.

47 Die Glieder lieben und ehren das Haupt.

48 Die Glieder eines Leibs lieben / helffen und ehren einander.

49 1. Cor. c. 12. v. 25.

50 Joan. c. 15. v. 12.

II. Von den äuserlichen fünff Sinnen des Menschen
Der 1. Absatz
Anhang
Anhang.
Zu dem Gesicht oder denen Augen.

Von den Spieglen / Perspectiv und Augen-Gläsern.


Nachdeme ich nun von den Augen selber genugsam gehandlet hab / will ich auch von einigen nutzlich und kunstreichen Erfindungen / welche zur Beyhülff der Augen sehr dienlich seynd / etwas melden. 41 Dergleichen aber seynd die Kunst-Spiegel / Perspectiv, und Brillen zu machen.

Wohl und recht hat geredt / wer es immer aus den Weltweisen geredt hat / da er gesprochen: Sicut Oculus est Speculum naturæ, ita speculum est oculus artis. Gleichwie das Aug ein Spiegel der Natur ist / also ist der Spiegel ein Aug der Kunst / und gleichwie die Kunst sich befleisset der Natur fast alles nachzuthun / also thut sie es absonderlich in Erfindung der so schönen nutzlichen Spiegel / dann obwohl der Spiegel nur ein zerbrechliches Stuck Glaß ist / so thut er doch alle ihm vorkommende Objecta und Bildnussen / vast eben als wie das Menschliche Aug gantz lebhafft repræsentiren und vorstellen.

[174] Der Spiegel ist ein getreu- und unverfälschter Zeug und Rathgeber / er betriegt nicht / und lasset sich nicht betriegen / sonder zeiget alles / wie es in sich selber ist / an. 42 Die Kohl-schwartze Federn des Raaben / und die Schneeweisse des Schwanen / die schändliche Runtzlen einer häßlichen Xantipe sowohl als die Milch und Rosenfarbe Wangen der schönstenPandoræ, einem jeden zeigt er an / was in seiner Gestalt / Kleydung oder Gebärden zu loben oder zu schelten / zu ändern oder zu verbessern seye / ohne alle Schmeichlerey / und auch ohne Beneydung oder Feindseeligkeit / er ist gantz unpartheyisch. Deßwegen hat sich wohl unbillich über den Spiegel beklagt und erzürnt jenes alte Weiblein / welches in der Jugend sich in dem Spiegel als zimlich wohlgestalt gesehen hat / hernach aber erst über 50. Jahr lang wiederum darein geschaut (da es schon gantz runtzlet /wüst und zahnlucket ware) und gesagt: man mache die Spiegel bey weitem nicht mehr so gut und so schön / als wie mans vor 50. Jahren gemacht habe. Besser / doch auch lächerlich genug hat es gemacht ein gewiser anderer mir wohl bekannter / welcher / als er neben viel andern seines gleichen in eines fürnehmen Herrn Zimmer / selbiges zu besichtigen / ist eingelassen worden / da hat er in einem grossen Spiegel einen bleichen / mageren und unansehnlichen Menschen gesehen / aber nicht recht gekennt / sonder gezweifelt / ob er es selber seye oder nicht (dann sein Stand und Condition erforderte eben nicht offt in den Spiegel zu sehen) er gedenckte ihm also / er wolle sich mit dem Haupt bewegen / und wann es der im Spiegel auch also mache / so seye er es selbst / wo nicht / so seye es ein anderer / aber der im Spiegel hat es eben auch also gemacht / worauf er über sein unansehnliche Persohn und übles Aussehen / einen solchen Eckel und Verdruß geschöpfft / daß er sich selbsten nicht mehr in dem Spiegel hat sehen mögen / sonder eylends hinter die andere sich verborgen hat / daß ihne nur die Leuth nicht mehr im Spiegel sehen können.

Aber vast eben also ergehet es uns mit unserem eigenen Gewissen / welches gar wohl mit einem Spiegel kan verglichen werden / weilen es uns gantz klar und unlaugbar all unsere Fehler und Mängel / all unser Thun und Lassen vorstellet / wir können ihm nicht entgehen oder uns darvor verbergen / wir müssen uns selbsten in diesem Spiegel sehen / wir wollen oder wollen nicht. 43 Simiæ & vetulæ, die Affen und alte Weiber haben ein natürliches Abscheuen vor dem Spiegel / weilen er nehmlichen ihnen ihre schandliche Runtzlen zeiget.

Auch der Sünder sihet nicht gern in den Spiegel seines Gewissens / weil es ihme seine Laster und Untugenden vorhält und in der Stille verweiset. Aber sie thäten viel besser / wann sie dem Weltberühmten Wohlredner Demosthenes nachfolgten; dann dieser hatte einen Spiegel / (glaublich von geschliffenem Stahl oder dergleichen / dann die Kunst Glas zu machen / ware damahls noch nicht erfunden) der so groß ware / als er selbsten / und so offt er bey einer grossen Versammlung eine Oration halten / oder eine offentliche Red ablegen muste / da stellte er sich vor seinen Spiegel / als den getreuesten Rathgeber / er besichtigte sich von Fuß auf gantz eben / ob nichts in seinem Angesicht / in seinen Kleydern oder Gebärden sey /welches zu tadlen / oder denen Zuhörern mißfällig wäre / und wann er etwas unanständiges gefunden hat / da bemühete er sich alsobald selbiges zu verbessern. Durch dieses Mittel aber hat er soviel zuwegen gebracht / daß seine Red ein absonderliche Krafft und Nachdruck hatte / er konnte seine Zuhörer bereden und bewegen zu was er wollte. 44 Eben also / sage ich / sollten es die sündige Menschen machen / und so offt sie vor GOtt und seinen Heiligen wollen erscheinen eine Bitt abzulegen / oder ein Gnad zu erhalten /da sollten sie zuvor fleißig in den Spiegel ihres eigenen Gewissens schauen und erforschen / was darinn unreines / was in den Begierden unordentliches / und GOTT mißfälliges seye / die Fehler zu verbesseren /[175] und die Mackel abzuwaschen / alsdann wurde das Gebett ein grosse Krafft und Nachdruck haben.

Der weise Seneca hat gesprochen / die Spiegel seyen erfunden / auf daß der Mensch / der durch das Aug alle andere Ding sihet und erkennt / durch den Spiegel auf sich selbsten sehe und erkenne. 45 Der Kayser Augustus hat noch in seinem letzten End (weiß nicht aus was Ursachen) ihme einen Spiegel herbey zu bringen befohlen. Auch wir sollen absonderlich vor unserm letzten End fleißig in den Spiegel unsers Gewissens schauen / und sehen wie unsere Seel beschaffen seye / ob sie würdiglich vor GOtt erscheinen möge.

Die andere dem Gesicht dienliche Erfindung bestehet in der Kunst / die Perspectiv oder Fern-Gläser zu machen. Das Perspectiv aber ist 1. 2. 3. 4. mehr oder minder Schuh langer Tubus oder Rohr / in welchem einige geschliffene nach den Reglen der Optic oder Sehens-Kunst zubereitete Gläser ordentlich eingesetzt seynd / durch welche man folgends weit entlegene Ding / zum Exempel / ein Hauß oder Schiff etc. auf etliche Stund / oder auch etliche Meil weit sehen /oder erkennen kan / als wann sie gantz nahe vor einem da stunden / welches gewißlich ein nicht unnutzliche Curiositæt ist.

Im sittlichen Verstand kan durch das Perspectiv oder Fern-Glaß die Vorsichtigkeit verstanden werden; dann Providentiæ est proprium procul videre, der Vorsichtigkeit / oder einem Vorsichtigen ist eigenthumlich in die Weite hinaus / ins künfftig hinaus zu sehen / und die künfftige Zufäll ihme selbst gegenwärtig vorzustellen / sich darnach zu richten und darein zu schicken können. 46

Die Commendanten in einer Vestung / oder bey einem Kriegs-Heer in dem Feld / ja auch auf dem Meer pflegen sich guter Perspectiv zu bedienen / den Feind und seine Bewegung oder Vorhaben zu verkundschafften oder zu beobachten. Eben also sollen auch wir in dem Krieg dieses zeitlichen Lebens und auf dem Meer dieser Welt durch die Tugend der Klugheit und Vorsichtigkeit den Feind / das ist / die bevorstehende Ubel und Gefahren des Leibs und der Seelen verkundschafften und betrachten / um denenselben zeitlich vorbiegen oder begegnen zu können / und die nothwendige Cautiones und Mittel anzuwenden.

Doch seynd die Perspectiv auch in so weit betrieglich / weil sie kleine und weit entlegene Ding als groß und nahe vorstellen / hingegen aber groß und nahe als klein und weit entfernet / nachdem sie nehmlich applicirt / und der engere oder weitere Theil an das Aug gehalten wird. 47 Und in diesem zeigen sie an die falsch betrogene Welt / welche ihren Liebhabern und Anhänger groß und schwere Ding / ich will sagen /grosse und schwere Sünden nur wie klein und ring /nahe Gefahren des Tods und der Höllen / als weit entfernet vorstellet / und hingegen klein und noch weit entfernte Sachen / zum Exempel zeitliche Güther und Welt-Freuden / leere Hoffnungen etc. als groß und schon gegenwärtig vormahlet.

Die dritte Beyhülff eines blöden Gesichts oder schwach- und trüber Augen seynd die sogenannte Brillen oder Augen-Gläser / durch welche man annoch in dem hohen Alter füglich lesen und schreiben kan / auch kleine Sachen deutlich sehen und entscheiden / welches man sonst vermög der Augen alleinig gar nicht thun konnte. Eben also wann unser Verstand und Erfahrenheit (so das Aug der Seelen ist) zu schwach und blöd ist etwas zu erkennen / oder das Böse von dem Guten / das nutzlich von dem Schädlichen zu unterscheiden / da sollen wir gute Räth und Ermahnungen annehmen / (welche die sittliche Augen des Gemüths schärpffen / und den Abgang ersetzen) und ohne dieselbe uns nicht einlassen. 48 Wie geschrieben stehet: Fili sine consilio nihil fac, & post factum non pœnitebis. 49 Ohne Rath thue nichts /so wird es dich nach der That nicht reuen. Durch guten Rath und Ermahnung eines verständigen und wohlerfahrnen Manns sihet und findet der Schwächer oder [176] Unverständige / was er sonst nie gesehen / oder erkennt hätte / gleichwie man durch die Augen-Prillen siehet / was man sonst nicht sehen kunte.

Der 2. Absatz
Anhang
Zu dem Gehör oder den Ohren.

Von der Music und den Musicanten.


Die Music oder Thon-Kunst wird hauptsächlich abgetheilt in die Vocal- und Instrumental-Music. 64 DieVocal-Music (in welcher die Kunst und die Natur zugleich mitwürcken muß) bestehet in Moderirung undHarmoni der viererley Stimmen / welche nachdem sie tieffer und gröber oder höher und zärter seynd / von einander unterschieden / und auch unterschiedlich benahmset werden: nemlichen der Bass, so die tieffiste /der Tenor, Alt, und Discant, so die höchste Stimm ist.

Die Instrumental-Music aber beschäfftiget sich mit unterschiedlichen musicalischen Instrumenten / auf welchen man nach gewissen Reglen Kunstmäßig aufspielet. Aus disen Instrumenten werden einige mit Claviren / als wie die Orgel / andere aber ohnmittelbar mit den Fingern allein geschlagen / als wie die Harpfen und Lauten etc. andere Instrumenten werden geblasen / mit oder ohne Fingerlein / als wie die Trompeten / Posaunen / Vagot etc. und widerum an dere mit dem Fidel-Bogen gestrichen / als wie die Geigen und Viola d'Amour.

Die 2te Abtheilung der Vocal-Music oder Sing-Kunst geschicht in das Choral- und Figural-Gesang.Cantus Choralis ist / wann eine oder mehr Stimmen im Auf- und Absteigen gleicher und einfältiger Weiß zusammen singen: auch nur einerley Noten und Zeichen gebraucht werden. Figuralis hingegen ist / wann eine oder mehr Stimmen auf unterschiedliche Weiß eingeführt werden / und ein Noten mehr gilt als die andere / auch ihre Zeichen nicht gleich seynd.

Die Figural-Music lehret / wie man das vorgelegte Gesang recht künstlich / zier- und lieblich absingen /oder mit anderen Instrumenten ordentlich zusammen stimmen solle / also daß die Ohren dardurch ergötzt und das Gemüth ermunteret werde. Sie bestehet fürnemmlich in folgenden Stucken: in den Clavibus oder Schlüsseln und gewissen Figuren / die in dem Singen vorkommen / in den Noten / in den Pausen / in Triplen / in Benennung der Noten und intervallis. DieClaves seynd gewisse Zeichen / so von denen Buchstaben ihren Nahmen haben / und seynd derselben eigentlich 3. nemlich G.C.F. die Noten aber seynd gewisse Zeichen / die auf denen 5. Linien oder zwischen denselben stehen / sie seynd nach dem Tact abgemessen / und haben ihre gewisse Zeit-Bedeutung / daß also eine langsamer / und die andere geschwinder gesungen wird: also gilt longa 4. Tact / brevis gilt 2.semibrevis 1. minima einen halben Tact etc. ja es können biß 32. Noten auf einen Tact gehen.

Pausen seynd Zeichen / welche weisen / wie lang man still schweigen / oder mit Singen innhalten soll etc. Tripel ist ein sonderbare Art / da alle Noten verringeret / die Pausen veränderet / und eine gantz andere Ordnung im Singen oder Geigen beobachtet wird. Die Benennung der Noten geschieht entweders mit den Alphabets-Buchstaben a.b.c.d.e.f.g. oder mit dem bekannten ut re mi fa sol la. Ein Intervallum ist der Raum zwischen 2. Noten / oder der Sprung aus einem Thon in den andern / und wird folgendes [180] dem Unisono entgegen gesetzt. Ein Unisonus aber ist / wann 2. oder mehr Noten in einem Thon stehen. Ferners / der Tact ist die ordentliche Abmessung der Noten und Pausen: Ein gantzer Tact aber wehret von einem Niderschlag oder Aufschlag biß zu dem anderen. Ein halber Tact aber ist ein blosser Auf- oder Niderschlag allein.

So viel von denen Regulis Musicæ obenhin angezeigt solle genug seyn / auf daß man mir nicht sagen möge: Sutor nè ultra crepidam, ein mehrers lasse ich denen Herren Musicanten über: inmassen ich mich diser Kunst gantz unerfahren / doch einen sonderbaren Cultorem und Liebhaber zu seyn profitire.

Ubrigens ist es gewiß / daß die Music seye ein Beförderin oder Antrieb zur Andacht / ein Zierd und Kleinod des GOttes-Diensts / ein Lust und Freud des Gehörs / ein Königin der freyen Künsten / ein mächtige Beherrscherin der Gemüther / ein absonderliche Gaab GOttes / ein Portion und Vorspiel der himmlischen Freuden / ein Ringerung der Schwermüthigkeit / ein Versüssung der sauren Arbeit / ein kurtzweilige Zeitvertreibung / ein Mittel für den Müßiggang / ein ehrbare Gemüths-Ergötzung / ein Trost der Einsamkeit / ein Versammlung der ausschweiffenden Gedancken / ein Anzeigung guter Verständnus und Ordnung / ein Widerbringerin des verstörten Friedens / ein Besänfftigung des Zornmuths / ein Innhalt und Mäßigung der Grausamkeit / ein annemmlicher Liebs-Gewalt / ein Abwendung vieler Ublen / und ein recht unschuldige Freud. 65

Was aber die wundersame Krafft und Würckung der Music / oder den Gewalt die Menschen und die Thier zu bewegen und einzunemmen anbelangt / so ist derselbe über die massen groß. 66 Es ist zwar nur ein Fabel-Gedicht der Poeten / daß Orpheus mit seiner Harpfen in dem Wald so lieblich aufgespielt habe /daß er die wilde Thier an sich gelocket / und zahm gemacht / den Lauff der Flüssen eingestellt / ja auch die Berg und Bäum hab hupfen und tantzen gemacht. Ein Fabel ist es / daß Arion auf dem Meer durch sein Kunst oder liebreichen Harpfen-Klang bey denen Delphinen oder Wallfisch eben dergleichen habe zuwegen gebracht. Aber ein Wahrheit ist es / daß öffters gewisse Vögel und andere Thier durch das Singen oder Pfeiffen in das Garn gebracht oder gefangen werden. Also erzehlet Valvasor, daß in dem Culystrom des Hertzogthums Crains die Krebs nach dem gewissen Thon einer Pfeiffen gefangen werden: auch von denen sogenannten Taschen-Krebsen bezeuget der gelehrte D. Geusner, daß solche zu den auf denen Rohren pfeiffenden Fischern aus dem Wasser auf das Land heraus kommen. Die Schwanen sollen dem Klang der Citheren nachgehen / und denen Schaafen die Weid besser gedeyen / wann die Hirten auf der Schalmey oder anderen Pfeiffen darbey aufmachen. Es sollen auch / wie Olearius in seinem Persianischen Rosenthal erzehlet / die Cameel / wann ihnen vorgepfiffen wird / oder wann sie einen klingenden Thon höre / dardurch hurtig ihren Weeg zulauffen / angefrischet werden. Auch die Elephanten können einiger massen zur Music gewöhnet / oder nach derselben abgerichtet werden. Wie muthig und hitzig die Pferd werden / wann sie in dem Feld den Paucken- und Trompeten-Schall hören / das ist genugsam bekandt. Ich hab auch selbsten gesehen / wie daß ein wohl abgerichtes Pferd / ordentlich zu denen Schalmeyen getantzet hat / wie daß es an denen Füssen ein junctur nach der andern gerührt oder bewegt hat / und einen Fuß nach dem andern aufgehebt / bey der Cadenz aber / auf gegebenes Zeichen von dem Bereuter mit allen 4. Füssen zugleich einen halben Mannshochen Lufft-Sprung gethan / und widerum in die alte Fußstapffen / welche es mit dem Huf-Eisen in den Sand-Boden gemacht / richtig eingetroffen hat.

Was und wie viel aber die Music in das menschliche Gemüth vermöge / [181] dessen haben wir erstlich ein klare Prob an dem David / in der Heil. Schrifft / dieser ware in dem Gesang und Harpffen Klang / ja noch in viel anderen Instrumenten ein trefflich wohl erfahrner und fleißig geübter Musicant. So offt der König Saul von dem bösen Feind verstört und beunruhiget wurde / also daß er gantz verwildete / da muste David mit seiner Harpffen kommen / vor ihme singen und aufspielen / durch welches Mittel der König wiederum zu sich selber / und Ruhe bekame / dann der böse Geist muste von ihm abweichen. 67

Von einem so gewaltigen Harpfenisten oder Cithern-Schlager wird auch in Weltlichen Geschichten geschrieben.

Dieser Musicant kame an den Hof des KönigsErici, der ein Liebhaber der Künstler ware / und rühmte sich / daß er mit seiner Music die Menschen also einnehmen könne / daß er ihre Gemüther und Hertzen könne biegen und lencken zu was für einer Anmuthung er immer wolle / bald aus Traurigen Lustige / aus Lustigen Traurige / aus Sanfftmüthigen Zornige / und aus Zornigen Sanfftmüthige / ja auch gantz Rasende machen könne. 68 Der König Ericus war curios / und möchte gern im Werck erfahren / ob es also seye / wie er vorgab / er befahle demnach dem Musicanten die würckliche Prob darvon zu machen. Diesen kame die Reu an / daß er sich so weit hätte eingelassen / er förchtete / es möchte ihm fehlen / und er folgends als ein Lugner oder Praller verspottet werden / absonderlich gedunckte es ihn gefährlich an der Persohn des Königs selbst die Prob zu machen. Er entschuldigte sich derowegen / und bate die Hoff-Herren / sie sollen es dem König ausreden / daß er von diesem Begehren abstehe. Aber nein / es halffe nichts darfür / der König wurde immer begieriger / und wolte es durchaus haben / so ist dann der Musicant gleichwohl zum Werck geschritten / zuvor aber hat er gebetten / man solle alles Gewehr und Waffen / mit welchen der König ihme selber oder andern schaden konnte auf / die Seiten thun / auch sollen einige etwas entfernet sich parat halten / und wann er ihnen ein Zeichen geben werde / eylends herzulauffen / nur keck ihm selbst die Harpff oder Citheren aus den Händen reissen und zerschlagen. Nachdem die Sach also veranstaltet ware / bliebe er mit dem König und etlich wenigen anderen in dem Zimmer / fienge an aufzuspielen in einem gravitätischen ernsthafften Thon /wordurch er die Zuhörende zu einem Schwermuth und traurigen Stillschweigen vermögt hat. Darauf fieng er bald an also frisch / munter und lustig zu schlagen /daß der König und die andere Anwesende bey nahe hätten angefangen zu hupffen und springen / als wie die junge Mertzen-Kälber. Aber gehlingen hat sich das Blättlein wiederum umgewendt / er ist mit anderen Seiten aufgezogen / und hat in einem hefftigen /kriegerisch und zum Zorn reitzenden Thon geschlagen / welches den König aufbrennennend und wüthend gemacht hat; dann die Gall ergosse sich in ihm / und das Blut wallete in Aderen auf / der Musicant gabe zwar das Zeichen / und man kame auch eylends herbey geloffen / den König zu dämmen und innzuhalten: aber es ware zu spath / die Wuth hatte schon überhand genommen / und er ware so starck / daß er mit eigener Faust etliche zu tod geschlagen: hernach brache er mit Gewalt zur Porten aus / ergriffe einen Degen / und erstache vier Persohnen / biß daß man mit Gewalt ihm auf den Leib kommen ist / viel Better auf ihn geworffen / und also / daß er nicht ferners schaden konnte / gedämmet hat. Endlichen ist gleichwohl die Wuth vergangen / und er wiederum zu sich selbsten kommen / da er dann die an seinen getreuen Bedienten verübte Todschläg sehr bedaurte / auch deßwegen die Cron und Scepter abgelegt / und das Reich seinem Sohn überlassen hat: worauf er sich nacher Jerusalem die begangene Mordthaten abzubüssen / begeben hat /und in der Insul Cypro gestorben ist. Cranzius lib. 5.Daniæ c. 3. apud Joann. Adam. Weber in arte convers.

[182] GOtt behüt uns vor solchen gar zu künstlichen Musicanten / welche mit ihrer Kunst vor lauter Verwunderung die Leuth zu Narren machen.

Wie Mart. Capella meldet / so solle Xenocrates die Wassersüchtige durch den Thon der Pfeiffen gesund gemacht haben. 69 Asclepiades den Tauben vermittelst des starck durchtringenden Trompeten-Schalls das Gehör widerbracht / Thales aber vonCreta gebürtig mit seiner künstlich gerührten Cither die Pestilentzische Sucht vertrieben: auch solle der alte Theophrastus aus der Insul Lesbos zu seiner Zeit durch die Music das Hüfft-Weh curirt haben. Gewiß ist es / daß die gifftige Stich der Tarantulen / (ist eine Art sehr gifftiger Spinnen) durch die Music geheilet /und der Schmertzen gelinderet werde.

Das Alterthum der Music belangend / so ist selbe des ältesten Herkommens: dann sie ist schon im alten Testament jederzeit im Brauch gewesen / von vielen Königen und Weltweisen hochgeschätzt / geliebt und auch selbst geübt worden. 70 Tubal ware der erste Musicant nicht gar lang nach Erschaffung der Welt /von welchem herkamen die / so mit Harpffen und Pfeiffen umgiengen / hernach aber ist sie von Zeit zu Zeit höher gestiegen. 71 Es wurde einstens für ungelehrt gehalten / wer nicht mit Singen / oder mit einem Saiten-Spiel kunnte umgehen. Der Kayser Nero hatte einen unbeschreiblichen Lust und Eyfer zum Singen /und Cithern schlagen / und als er sterben mußte / hat er vielmehr bedauret / daß ein Musicant / als ein Kayser zu Grund gehe. Der Weltweise Plato hielte darfür / daß die Music zur Verbesserung der Sitten und zum Wohlstand des gemeinen Weesens nothwendig seye.Pythagoras hat sich nicht gescheuet noch in seinem hohen Alter von einem Knaben etwas in der Music zu erlernen. Deßgleichen Socrates in seinem Alter / als ihme vorgeworffen wurde / daß er unter die junge Schuler sich mische / und erst mit ihnen auf den Saithen spielen lerne / gab er zur Antwort: es seye gar nicht ungereimt / oder unanständig etwas erlernen /was er zuvor nicht gewußt habe / daß es so nutzlich und nothwendig seye.

Endlichen der weise Solon, als seines Bruders Sohn bey einer Gasterey ein Lied gesungen / hat er ein solches Wohlgefallen darob geschöpfft / daß er alsbald dem Knaben befohlen hat / ihn selbes auch zu lernen / und als man ihn gefragt / warum er doch das thue? gab er zur Antwort: auf daß / wann ich es gelernt hab / sterbe. Polyanthea V. Musica.

Die Music und die Musicanten / absonderlich das Gesang / seynd GOtt selbsten angenehm / und haben ihme öffters wohlgefallen. 72 Der Moyses hat gesungen mit den Israelitern / als sie das rothe Meer mit trockenem Fuß seynd durchpaßirt / ja wie die Rabiner bezeugen / so haben damahls miraculoser Weiß auch die unmündige Kinder das gantze Lob-Gesang mit gesungen / und das Gesang hat GOtt gefallen. Exodi c. 15.

Debora und Barac haben GOtt Lob gesungen nach erhaltenem Sieg wider den Feind / und das Gesang hat GOtt gefallen / Judic. c. 5. Anna und Helcana haben gesungen / als ihnen ihr Sohn Samuel gebohren ward / und das Gesang hat GOTT gefallen. 1. Reg. c. 2. Der König Ezechias hat gesungen / als er von seiner tödtlichen Kranckheit ist genesen / und sein Gesang hat Gott gefallen. Isa. c. 38. Die Judith hat gesungen / nachdem sie den Holofernem so glücklich erlegt hat / und ihr Gesang hat GOTT gefallen. Judith c. 16. Gesungen haben die 3. Knaben im Babylonischen Feur-Ofen / da sie von der Flammen gantz unverletzt seynd geblieben / und ihr Gesang hat GOTT gefallen. Gesungen hat der König David bey Tag und bey Nacht / mit Psalliren und Saiten-Spiel / und das hat GOtt wohl gefallen. Gesungen hat gantz deutlich mein Heil. Vatter Benedictus samt seiner SchwesterScholastica durch ein unerhörtes Wunder / als sie noch beyde in Mutter-Leib verschlossen / und ihr Gesang [183] hat GOtt wohlgefallen. Ja es scheinet / es haben die Menschen insgemein von der Natur einen Antrieb und Neigung zu der Music / und bevorab zu dem Singen / fast jedermann will mit dem Singen die lange Weil verkürtzen / die Arbeit verringeren / und das Gemüth ergötzen. Der Schneider bey der Nadel / die Spinnerin bey dem Radel / der Gärtner bey dem Pflantzen / der Kriegs-Knecht bey dem Schantzen /der Schuster bey der Ahl / die Schildwacht auf dem Wahl / der Kieffer bey dem binden / die Dienst-Magd bey den Kinden / der Fuhrmann bey dem Fahren / der Kramer bey den Waaren / der Bader bey dem Bad /der Müller bey dem Rad / der Hafner bey dem Letten /der Becker bey dem Knetten / die Jäger in den Wälder / die Hirten auf den Felder / der Maurer auf dem Gerüst / die Vieh-Magd auf dem Mist / der Gerber bey den Häuten / der Reysend in dem Reiten etc. ja auch die kleine Kinder thut man mit dem Gesang stillen und befriedigen.

Es ist nehmlichen die Music nicht nur ein freye /sondern auch freudige Kunst / ja sie ist ein Englisches Weesen / und die Musicanten seynd irrdische Engel /weilen sie das Lob GOttes singen auf Erden / als wie die Engel in dem Himmel. 73 Die Musicanten / sage ich / seynd irrdische Engel / aber nicht alle / es gibt auch manche Bengel: Bengel seynd diejenige / welche zwar ein so manches Gloria Patri, Ehr sey dem Vatter etc. und Gloria in excelsis singen / darbey aber nichts wenigers als GOtt durch ihre Music zu ehren gedencken / sonder nur ihre eigene Ehr / ihren eigenen Ruhm und Nutzen suchen.

Bengel und zwar grobe Bengel / die in das Feur gehören / seynd diejenige / welche von gailen Liebs-Gelüsten unverschamte Buhler-Lieder singen / und denen Zuhörern Aergernuß geben. Diese haben gewißlich schlechten Lohn für ihre Mühe und Arbeit / ja vielmehr schwere Straff zu gewarten in jener Welt. Es heißt zwar wohl / qui cantat, bis orat, der singt / thut doppelt betten / aber es muß aus guter Meynung zu Ehr GOttes / nicht wegen eitler Ehr / oder zeitlichem Gewinn geschehen / die so nichts als eitle Ehr durch ihre Music suchen / werden aus gerechter Verhängnuß GOttes öffters auch auf dieser Welt zu schanden. Cæsarius schreibt / daß einstens ein frommer Diener GOttes in einer Kirchen gewesen / allwo zugleich ein fürtreffliche Music ist gehalten worden / wegen welcher sich auch die Musicanten nach vollendtem Gottesdienst nicht wenig gerühmt haben. Aber sie musten zu ihrer nicht geringen Schand von diesem gottseeligen Mann für gewiß hören / daß er mit leiblichen Augen gesehen habe / wie der Teufel / so ihnen zur lincken Seithen stund / all ihre Stimmen und Gesänger gantz emsig in einen Sack zusammen eingepackt und fleißig aufbehalten habe.

Ein anderer junger Mensch prangete auch mit seiner Stimm / und sange hochmüthig ein voce sola bey einer Volckreichen Versammlung / aber der Teufel aus einer besessenen Persohn schrie überlaut auf / O du armseeliger Tropff! wie magst du dich rühmen: wann ich auch mitten in meinen Flammen meine Stimm sollte hören lassen / da müßtest du wohl mir weit weichen. Darauf schluge er / der böse Geist /durch den Mund dieser besessenen Persohn einen eintzigen Triller mit einer so unerhörten Kunst und Zierlichkeit / daß alle Anwesende vor Verwunderung erstaunet seynd. O was wird es dann seyn / wann so viel tausend Heil. Engel das immerwährende Lob GOttes zusammen singen!

Entzwischen so lobwürdig die Music immer ist / so will sie doch nicht jedermann loben / so lieblich sie thut in die Ohren fallen / so thut sie doch nicht gar allen gefallen. 74 Als man einstens den Aristotelem befragte / was er von der Music halte? gabe er zur Antwort: Jovem neque canere, neque Citharam pulsare. Der Gott Jupiter thue weder singen / noch Harpfen schlagen. Er wollte sagen / das seye denen Menschen wenig [184] nutzlich / ab deme die Götter nicht auch eine Freud haben.

Da sich etliche über Ismeniam, als einen fürtrefflichen Pfeiffer oder Schallmeyen-Blaßer verwunderten /und ihne sehr lobten / da sagte der Antisthenes, das muß ein schlimmer Mensch seyn / dann / wann er tugendsam wäre / so wurde er kein so guter Pfeiffer seyn: Er wolte sagen / weil er so viel Zeit und Mühe auf das Pfeiffen gewendet habe / so muß er gewiß sich wenig auf die Tugend und gute Sitten verlegt oder begeben haben. Polyanth. V. Musica. Der H. Athanasins hat die Music der Andacht verhinderlich zu seyn erachtet / und deßwegen in seiner Kirchen selbe verbotten.

Hingegen der H. Ambrosius wolte das Gesang bey dem Gottesdienst / als anständig haben. Augustinus hält sich in der Mitte / und kan sich hart resolviren /ob er die Music rathen / oder mißrathen soll. Wann es mir erlaubt ist / auch meine wenige Meinung hierüber beyzutragen / so geduncket es mich / daß / gleichwieMusica und Medicina einander in dem Nahmen fast ähnlich seynd / als sollen sie auch gleichmäßig gebraucht werden. 75 Die Medicin ist nutzlich und gesund / wann sie zu rechter Zeit / mässig und in vorgeschriebner Dosen gebraucht wird / schädlich aber /wann dieses nicht geschieht. Auch die Music ist schön und gut zu rechter Zeit / und in ihrer gewissen Maß: schädlich aber / wann mans übertreibt. Eben dergleichen hat längst vor mir einer aus den Weisen gesagt / da er gesprochen: die Music seye das Gewürtz der Studien oder Wissenschafften. Das Saltz /der Pfeffer und anderes Gewürtz macht die Speisen gut und wohlgeschmack / wann mans mäßig braucht. So mans aber zu häuffig braucht / da werden sie zu räß und ungesund. Eben eine solche Beschaffenheit hat es mit dem Gebrauch und Mißbrauch der Music etc.

Welches der König David in seinem Prophetischen Geist wohl vorsehend / seine Nachkömmling zwar zum Psalliren und Musiciren angemahnt und aufgemunteret hat / sprechend: Lobet den HErrn mit Posaunen-Schall / lobet ihn mit Psalter und Harpfen. Lobet ihn mit Paucken und Reyen / mit Saiten-Spil / mit Pfeiffen und wohlklingenden Cymbalen. Und wiederum: Psallite DEO nostro, psallite Regi nostro: 76 Lobsinget unserm GOTT / lobsinget unserm König. Aber er beschliesset alles mit diesem merckwürdigen Zusatz / und sagt: Psallite sapienter: lobsinget mit Verstand. Mercket es wohl / sapienter, sagt David /mit Verstand soll man in der Kirchen bey dem Gottesdienst psalliren und musiciren: das ist / mit Bescheidenheit und Mässigkeit / ehrbar- und auferbaulich /nicht gar zu frech und frisch / nicht das Miserere Tantz-weiß / oder als wolte man ein Ballet oder eine Tafel-Music aufmachen / sonder sapienter, mit Verstand und gravitätisch / nicht gar zu affectat in denenGestibus und Expressionen / als wolte man in derOpera eine Liebs-Geschicht produciren. Sapienter, mit Verstand / nicht mit ungemeiner und gewaltsamerForcirung der Stimm / als wolte man mit einem Unger-Ochsen wegen dem Clamabile um das Præ streiten. Sapienter, noch einmahl mit Verstand / nicht als wolte man mit den Trompeten und Paucken bey einem Tournier oder Ritter-Spiel die Tummel-Pferd zum Muth anfrischen etc.

Ein gewisser H. Vatter sagt auch deßwegen denen Musicanten auf dem Chor etwas heimliches in ein Ohr: und wann ichs recht verstanden hab / er die Ermahnung ihnen gab: Ne talem faciant musicam, ut audientibus pedes potiùs pruriant ad saltandum, quàm os & labia ad orandum. Ich will es weiters nicht verteutschen / die Herren Capell-Meister und Chor-Regenten verstehen schon Lateinisch.

Ich aber sage nur noch zum Beschluß dieser Materi / daß man bey jeziger Zeit billich zweifflen könne / ob man sich mehr über die Kunst und Zierlichkeit der höchst florirenden Music selber / oder über die kunst-und sinnreiche [185] Erfindung so vieler unterschiedlichen musicalischen Instrumenten (neben den 4. Stimmen /welche eine Gab der Natur seynd /) verwundern solle: massen bey jeziger Zeit in der Wahrheit man sagen kan:


Der Paucken- und Trompeten-Schall
Laßt sich hören überall:
Der tieffe Bass und hoch Discant,
Ist gar schön und wohl bekannt:
Der rein Tenor und zarte Alt
Auch zierlich zusammen halt. 77
Besser als der Nachtigallen
Mir diese Stimmen gfallen.
Zur Harpfen und Geigen
Thuts Ghör sich gern neigen:
Cithara und Lauten /
Theorba und Flauten /
Schallmu und die Hoben
Seynd billich zu loben.
Spinetel Bassetel
Annehmliches Flötel /
Und reines Violin
Gar leicht nimmt ein den Sinn.
Mandorel und Galitschon
Gibt ein gar schönen Thon:
Viola d'Gamb und d'Amor
Bringt Lust und Freud dem Ohr:
Doch das Englisch Violet
In der Wahl vor allen hätt.
Waldhorn / Zincken / und Posaunen
Sich beyr Music gar nicht saumen:
Vagot, Serpant, und Clarinet
Künstlich streiten in die Wett /
Auchs Clavicord und Instrument
Ist schön wann mans frisch schlagt und bhendt:
Doch der Orgel ihr Principal
Hats Præ für ein und alle mahl.
Trutz Musæ Parnassi,
Bey jetziger Zeit /
Kunstreiche Phonasci
Euch fordern zum Streit.
Die Clio muß weichen /
Thalia deßgleichen:
Wann jetzige Stimmen /
Und Saiten erklingen.
Ich aber kan da beytragen
Nichts als das billiche Lob:
Diß ist meiner (selbst muß klagen)
Hochschätzung einzige Prob.
Der 3. Absatz
Anhang
Zu dem Geruch oder der Nasen von dem Schnupff-Taback.

O du hochgeprießnes und niemahl genugsam gelobtes Kräutlein / du edler Schnupff-Taback! wie kan und soll ich dich nach Verdienst und würdig preisen? 86 Ich weiß wahrhafftig nicht / wo ich dein Lob anfangen oder endigen solle: massen ich in unterschiedlichen bewährten Scribenten / und alten Authoribus habe nachgeschlagen / und dannoch auch so gar deinen blossen Nahmen nicht habe finden / vielweniger etwas von deiner Krafft und Tugend aufbringen können. Es muß wohl die mißgünstige Natur sich denen vergangenen Sæculis dißfalls ein rechte Stief-Mutter gezeigt haben / daß sie dich / einen so edlen Schatz und kostbares Kleinod ihnen so lang verborgen / und erst zu unseren guldenen Zeiten hervor gebracht hat.Ex ratione intrinseca kan ich zwar von dir nicht viel sagen: aber ab authoritate extrinseca auch hoher Stands-Personen / da ist deines Lobs noch Zihl noch End; dann du bist (sagen deine Liebhaber) eine Stärckung des Haupts / eine Reinigung des Hirns / eine Erhaltung der Gesundheit / eine Verlängerung des Lebens / eine Verminderung der Flüß- und Feuchtigkeiten / eine Bewahrung vor vielen Kranckheiten / eine Lust und Freud des Geruchs / ein annehmliches Nasen-Confect, ohne welches sie ja mit Schmertzen mußte zusehen / wie man einen so manchen guten Bissen in das Maul schiebe.

Wann nun dises alles wahr ist (behüt mich GOtt /daß ich sage / es seye nicht wahr) so hat ja der Erdboden nach dem Baum des Lebens kein nutzlichers und edlers Gewächs jemahl herfürgebracht / als eben das edle Taback-Kraut / welches / wie schon gemeldet /ein Erhaltung und Verlängerung des Lebens seyn solle. Demnach mich sehr wunderet / wie doch der Enoch / Noe und Mathusalem / ja viel andere Vätter im Alten Testament so lang haben leben und ein Alter von etlich hundert Jahr erreichen können / indem sie doch nie keinen Taback geschnupfft haben: ja ich glaube vestiglich / daß wann sie bey ihrer so gutenConstitution sich des Schnupf-Tabacks fleißig bedient / und auch sonst kein tödtliches Accidens bekommen [188] hätten / so lebten sie annoch biß auf den heutigen Tag.

Es sollen einstens 2. aus denen Götteren mit einander certirt haben / welcher aus ihnen die nutzlichste Creatur erschaffen könne: darauf habe einer das Oel /der andere das Pferd herfür gebracht: ja das seynd zwar nutzliche Ding / aber diese Götter haben es wohl schandlich vergessen / daß sie keinen Schnupff-Taback erschaffen haben; dann es sagt ja jedermann /der Schnupff-Taback sey ein so nutzliche und nothwendige Sach. Es sagt es der Edelmann und der Baursmann / der Kauffmann und der Handwercksmann / der Kriegsmann und der Waidmann / der Schiffmann und der Fuhrmann / der Weltmann und der Ordens-Mann. Ja was sag ich jedermann / auch so gar die Weiber wollen Taback geschnupfft haben /und dises stehet ihnen so wohl an / als wie dem Bären die Schwefel-Pfeiffen / oder dem Storchen ein Schein-Huth. Ey so schnupff. Ja die kleine Knaben in der Schul gewöhnen sich auch bey Zeiten vom 10ten oder 11ten Jahr an zu dem Taback-Schnupfen / und seynd offt besser mit dem Taback-Büchslein als Bett-Büchlein versehen. Ey so schnupff. Wo nur immer ein guter Freund zum andern kommt / da muß alsobald die Taback-Büchs vornen daran seyn / da præsentirt man alsobald einen Rapee oder d'foglio, einen Tridentiner oder Flamentiner / Romaner oder Brasilianer / Spaniol, oder Frangipan, Imperial, Granirten / Melirten etc. da ist des Schnupfens und Dupffens kein Ziel noch End. Ey so schnupff.

Zu verwundern ist es / daß Pabst Urbanus der VIII. in einer Bulla datirt den 30. Jan. An. 1642. undInnocentius der X. in einer andern Bulla Anno 1650. unter Straff der Excommunication oder des geistlichen Banns das Taback-Schnupffen in der Kirchen verbotten hat (es begreifft zwar die gemelte Bulla nur die Kirchen zu Sevilien und St. Peters-Kirch zu Rom) vielleicht hat der Heil. Vatter geforchten / es möchte etwas von disem edlen Nasen-Pulver / wegen des Geträngs verschüttet und entunehrt werden: oder hat er etwan deßwegen den Gottesdienst abgekürtzet? inmassen ja die Catholische Kirch kein Stieffmutter ist /und nicht verlangt / daß man ihm selbst durch den einer gantzen Stund langen Enthalt und Abbruch des Schnupff-Tabacks das Leben abkürtze. 87

Dem sey nun wie ihm wolle / es ist nur auf die Welsche Nasen vermeint / wird vielleicht einer sagen / wir aber seynd zimlich weit von Rom: wir aber seynd doch in der Kirchen als wie zu Rom / möchte vielleicht ein anderer sagen. Aber das ist recht zu vrrwundern / daß man den Schnupff-Taback in so kostbaren Dosen von Schildkrot und Helffenbein /von Silber und Gold aufbehaltet / da doch bißweilen fürnemmere Reliquien oder Gebein grosser Heiligen nur in höltzernen oder meßingen Gefäß oder Capsulen eingefaßt seynd. Zwar auch diese Verwunderung wird abnemmen / wann man gedenckt / daß es an gewissen Orthen Nacht-Servis von Silber / und Kelch von Zinn abgebe.

Der weltweise Pythagoras und berühmte Hesiodus, der Natur-kundige Plinius und Æsculapius, Dioscorides und Galenus auch Hippocrates haben viel geschrieben von grosser Krafft und Würckung unterschiedlicher Kräuter in schweren Kranckheiten und Anligen: aber von dem Kraut / woraus man den Schnupff- und Trinck-Taback machet / sagen sie kein Wort. Hingegen / wann man die einverleibte Brüder und Schwesteren der vast allgemeinen Taback-Bruderschafft fraget / welches das allerbeste / edliste /kräfftigste / gesündiste / fürtrefflichste Kraut seye / da sagen und ruffen sie einhellig zusammen Taback / Taback.


Es ist ja nichts so wohlgeschmack
Als der edle Schnupff-Taback.

Ja ja:


Es ist halt nichts so wohlgeschmack
Als der edle Schnupff-Taback. 88
Drum muß so offt geschnupffet seyn /
Wan schon s Hirn ertrücknet ein.
[189]
Wann man schon gnug hat Bier und Wein /
So muß doch geschnupffet seyn.
Wann man schon hat kein Fleisch noch Bein /
So muß doch geschnupffet seyn.
Wan man nur hat ein Kreutzerlein /
So muß es gleich verschnupffet seyn.
Man sey schon groß oder noch klein /
So muß doch geschnupffet seyn.
So bald man tritt in Kirch hinein /
Da muß gleich geschnupffet seyn.
Wann schon drauf folgt ein Straff und Peyn /
So muß doch geschnupffet seyn.
Der Doctor sage ja oder nein /
So muß doch geschnupffet seyn.
Man schmehl mit einem oder grein /
So muß doch geschnupffet seyn.
Wann schon noch gut / noch g'sund noch fein /
So muß doch geschnupffet seyn.
Wann schon man hat des Nutzens kein /
So muß doch geschnupffet seyn.
Wann man kaum g'lesen ein Blätlein /
So muß wider g'schnupffet seyn.
So bald man geessen ein Bißlein /
Da muß schon geschnupffet seyn.
Wann man hat truncken ein Gläßlein /
Muß gleich drauf geschnupffet seyn.
Auch wann der Wirth die Zech nimt ein /
Muß darbey geschnupffet seyn.
Und solt es nur Baum-Rinden seyn /
So muß doch geschnupffet seyn. Ey so schnupff.
Wann es dann je muß geschnupfft seyn /
So füll ich selbst Taback-Büchs ein.

Aber mit was? Mit einem guten kräfftig- und gesunden Pulverlein / welches man fein wohl in die Nasen reiben soll / je öffter je besser. 89 Es heißt sonsten: Quod sapit, nutrit, was einem wohlgeschmäckt /das ist ihm gesund: ob dises Nasen-Pülverlein allen schmäcken werde / das weiß ich nicht: aber daß es zu Erhaltung der Gesundheit / nicht des Leibs sondern der Seelen dienlich seye / das ist gewiß. Es ist aber kein anderes als das jenige / welches die Catholische Kirch durch die Hand des Priesters denen Christglaubigen am ersten Tag in der Fasten auf das Haupt streuet / mit den Worten: Memento homo, quia pulvis es, & in pulverem reverteris: Gedencke O Mensch /daß du Staub und Aschen bist / und wirst wider zu Staub und Aschen werden. Mit einem Wort / es ist ein reiffe und öfftere Betrachtung des Todts / diese ist ein stattliches Præservativ wider den Unrath der Sünd und Laster / wider die Flüß und Feuchtigkeiten der sinnlichen Gelüsten etc. Probatum est.

Im übrigen will ich das bißherige Tadlen des Taback-Schnupffens keineswegs verstanden haben von den jenigen / welche dises Mittel aus Rath der Medicorum, oder aus eigner und gewisser (und nicht nur eingebildeter) Erfahrnuß / als zur Gesundheit ersprießlich / mäßig und mit Bescheidenheit brauchen: sondern nur auf die jenige ist es gemeint / welche es aus purer Gewohnheit / ohne alle Noth und Nutzen allzustarck mißbrauchen. Mit einem Wort / die Herren Liebhaber des Schnupff-Tabacks verlauben mir nur auf ihre schön und kostbare Taback-Dosen folgendes Sprüchlein gantz subtil / doch tieff und lesentlich einzugraben oder einzustechen.


Omne, quod est nimium, vertitur in vitium.

Alls was zu viel g'schieht / und ohnmäßig /
Schädlich ist / und unzuläßig.

Wann ich aber von dem Taback-Trincken oder rauchen / wie mans zu nennen pflegt / melden solte / da dürffte ich wohl etwas freyers schreiben; massen da nicht so viel grosse Herren / und ansehnliche Männerinteressirt seynd / als wie bey dem Schnupffen / sondern mehrentheils nur die gemeine Musquetirer: dann die Herren Officier halten es lieber mit einem guten Glaß Wein (obwohlen auch zu Zeiten beyde müssen beysammen seyn) Es ist zwar ein armer Schlucker nicht zu verdencken [190] / wann er durch das Taback-Rauchen den Hunger und Durst / wo nicht zu vertreiben /doch zu vergessen sucht / oder der sonsten zu Zeiten aus billich- und vernünfftigen Ursachen dises Mittel mit Mäßigkeit brauchet. Aber die jenige / so täglich ohne Ursach / aus einer blossen Gewohnheit gantze Stunden mit dieser liederlichen Beschäfftigung zubringen / möchte ich nur fragen / ob sie auch wissen /woher das Taback-Rauchen komme? So viel ich zu sagen weiß / kommt es aus der Höllen her; dann als in der Haupt-Stadt Lima in dem Königreich Peru ein Gottseeliger Ordensmann aus dem Hochlöblichen Prediger-Orden einstens eine besessene Person beschworen hatte / und den bösen Feind von ihr auszufahren gezwungen. 90 Da hat diser höllische Gast bey dem Ausfahren folgende Wort von sich hören lassen: Weil du mich von Lima und aus Peru vertreibest / so will ich dir zum Spott den Taback in Europam bringen. Anton. Massini in schola Christiana. Es wurde auch zu Paris vor wenig Jahren der Teuffel aus einer besessenen Person gefragt: wer und wie sein Nahmen sey? Basta Soper, sagte er / es ist genug / daß man weiß / daß ich derselbige Teuffel bin / der aus America den Taback in Europam gebracht hab. O wohl ein schöner Urheber des Taback-Trinckens in Europa! Doch scheinet auch aus diesem schandlichen und stinckenden Rauch ein Liecht einer guten Sitten-Lehr herfür: dann wann man nur die Sach recht und wohl betrachten will / so ist es gewiß / daß:


Der Taback-Rauch hat grosse Krafft /
Dann er viel fromme Menschen macht:
Weil sich an ihme jedermann
Des Todts gar leicht erinnern kan. 91
Der Rauch zwar in die Höhe steigt /
Doch gar nicht lang darinn verbleibt.
Die Blätter / so man schneidet ein /
Zu Aschen bald verkehret seyn.
Der Mensch ist auch nur wie ein Dufft /
Der bald vergehet in dem Lufft.
Die Pfeiffen wird aus Erd gemacht /
Der Mensch aus Leim ist hergebracht /
Und wie gar leicht die Pfeiff verbricht /
So bald ist auch der Mensch zernicht.
Drum ist das Kraut noch rühmens werth:
(Schau nur / daß nicht mißbrauchet werd)
Weil sich daran ja jederman /
Leicht / seines Todts erinneren kan.
Der 4. Absatz
Anhang
Anhang.
Von denen fünff Sinnen ins gemein.

Da bey dieser Materi ist noch anzumercken / daß die fünff äusserliche Sinn denen Menschen und mehristen Thieren gemein seynd. 99 Ja ein Theil der Thieren übertreffen die Menschen in einem oder anderen Sinn / laut jener bekannten Versen:


Nos equus auditu præcedit aranea tactu,
Vultur odoratu, linx visu, simia gustu.
Der Lux den Menschen überwindt
Am Gsicht / das Pferd am Ghör:
Beym Affen bessern Gschmack man findt /
Der Geyer riechet mehr:
Ein zärters Fühlen hat die Spinn /
So scharff nicht seynd des Menschen Sinn.

Aber in diesem ist ein grosser Unterschied / daß die unvernünfftige Thier nur lediglich dem Sinn nachgehen / und selben nach ihrem Lust gebrauchen: der Mensch aber soll durch die Vernunfft seine regieren /selbe nutzlich gebrauchen oder anwenden / und ihnen nichts Ungebührliches zulassen. 100 Die menschliche Sinn seynd Knecht und Mägd der Seelen / dieser sollen sie gehorsamen / und in Ubung guter Wercken getreu und fleißig mitwürcken / auf daß sie verdienen /samt ihr ewiglich belohnet zu werden.

Die fünff Sinn seynd gleichsam die Thür und Thor / durch welche alles / was gut und böß ist / das Leben und der Todt zu der Seel eingehet / deßwegen sollen sie fleißig und mit aller Behutsamkeit bewahret werden. 101 Sie seynd jene fünff Talenta, welche uns der himmlische Haußvatter übergeben und anvertraut hat / darmit zu negotiren oder handlen / das ist / selbe zu seiner Ehr / zu der Seelen Heyl / und Auferbauung des Nächsten anzuwenden: von welchen wir ihme auch zu seiner Zeit genaue Rechnungschafft erstatten müssen etc.

Wie daß wir nutzlich und verdienstlich mit unseren fünff Sinnen negotiren sollen / lehret uns der geistreiche Ludovicus Blosius: Aus Liebe JEsu Christi / sagt er / der für dich so viel gelitten hat / thue auch was übriges / und sage ab denen Ergötzlichkeiten und Lustbarkeiten der Sinnen: da du gern etwas sehen /hören / riechen / kosten oder anrühren möchtest / gedencke / daß du nicht der reitzenden Sinnlichkeit /sondern der Vernunfft und GOTT / der in dir redet /müssest nachkommen und gehorchen. Die Augen /fahret er weiters fort / das Gehör / die Zungen sollest du fleißig bewahren / daß sie sich nicht ausgiessen /noch zu verbottenen / eitlen / unnützen Dingen wenden. Sehr wachtbar und behutsam must seyn / daß du nicht mehr oder anderst redest / als sich geziemet. Gleichwie man bey einer Vestung zu Kriegs-Zeiten starcke Wachten haltet / und niemand zu den Thoren einlasset / der nicht zuvor wohl examinirt ist / und seinen Paß auflegen kan / also / will Blosius haben /daß bey denen Thoren unserer Sinnen gute Wacht gehalten werde / und nichts weder aus- noch eingelassen / was verdächtlich oder unanständig ist / und dieses wegen der Gefahr / daß nicht die Vestung / das ist /die Seel verrathen / und dem Feind übergeben werde.

Ein schöne Gleichnuß und Sitten-Lehr von denen fünff Sinnen bringet herbey der gottseelig- und hocherleuchte Jacoponus, welche der berühmte ScribentBenignus Kybler S.J. in seines Wunder-Spiegels zweyten Theil fol. 140. schier auf folgende Weiß anfüget. 102 Ein adeliche und wohlgestalte Jungfrau hatte 5. Brüder / welche aber von gering- und schlechten Mittlen waren: sie hingegen hatte ein kostbares Kleinod von grossem Werth.

[193] Aus denen fünff Brüdern ware einer ein Musicant /der andere ein Mahler / der dritte ein Apothecker / der vierdte ein Koch / der fünffte ein freyer Buhler. Der Musicant kame zu seiner Schwester / und sprach: Meine Schwester / du weist / in was Armuth ich stecke / ich bitte dich / komm mir zu Hülff / und gib mir dein Kleinod / meine Armuth zu bereichen / und mein Leben zu erhalten. Dieses kan nicht seyn / gab die Schwester zur Antwort / massen ich selber dessen höchstens bedürfftig bin / und es nicht gerathen kan. Ich will dir aber / wendet der Bruder ein / was anderes darfür vergelten / und zu Gefallen thun. Was da? fraget sie / ich will dir aufmachen oder aufspielen / sagte er / so lang es dir beliebt: ja / es wäre schon recht /sprach die Schwester / wann es aber aus / und das Gesang oder Saiten-Klang vorbey ist / was hab ich alsdann darvon / mit was soll ich mich ernähren? fort mit dir / so närrisch bin ich nicht / daß ich meinen kostbaren Schatz so liederlich verschertze: vielmehr will ich mir einen guten Heurath dardurch zuwegen bringen /und mich mein Lebtag darmit versorgen.

Nachdeme der Musicant abgewiesen war / kame der der Mahler daher / meldet sich um das Kleinod an / und verspricht auch ihr die schönste und herrlichste Kunst-Stuck oder Gemähl darfür zu geben. Die Jungfrau aber weiset ihn so wohl als den ersten ab / mit eben dergleichen Entschuldigung / daß sie vom blossen Anschauen nicht leben könne. Es kommt hierauf der Apothecker / und bietet seiner Schwester die beste Confection, den lieblichisten Bisam und Balsam an etc. deßgleichen der Koch die beste Speisen und delicate Schlecker-Bißlein / sie solle ihnen doch ihr schönes Kleinod darfür lassen zukommen. Der Buhler endlichen anerbotte ihr einen gantzen Hauffen der Liebhaber zu kuplen / welche ihr allerhöflichst aufwarten / und zu Diensten stehen sollen. Es ware alles nur um das schöne Kleinod zu thun / selbiges ihrer Schwester abzuschwätzen: sie aber / wie billich /wolte sich durchaus nicht darzu bereden lassen: und der Buhler bekame vor anderen den Korb / und wurde und abgeschafft; die kluge Jungfrau verbliebe Frau und Meisterin über ihren so werthen Schatz.

Nicht lang hernach meldet sich ein König selber an / und begehrt von der Jungfrau das Kleinod zu haben: sie aber laßt sich auf folgende Weiß gegen ihm vernehmen / und sagt: Euer Majestät in aller Gebühr unterthänigst aufzuwarten / sollen sie gleichwohl wissen / daß ich auf der gantzen Welt nichts liebers / und nichts anders / als dieses einzige Kleinod oder Edelgestein besitze; dises ist all meine Freud und Reichthum / wann dann Ihro Majestät selbiges so hoch verlangen / möchte ich zuvor auch gern wissen / was sie mir hingegen darfür zu geben gesinnet seyen? Worauf der König geantwortet: daß er entschlossen seye / sie zu seiner Gemahlin anzunemmen / mithin zu einer Königin zu machen / und in einen vollkommnen glückseeligen Stand zu setzen. An statt der Morgen-Gab solle sie alles haben / was sie immer zur beharrlichen Glückseeligkeit wünschen und erdencken könne.

Auf dieses besinnet sich die Jungfrau nicht lang /sondern bedancket sich höchstens gegen dem König und sagt / daß sie niemahl was anders gesucht und verlangt habe / als solche Belohnung; sie wolle gern all ihren Schatz daran wenden / wann sie nur eines so so mächtigen und reichen Königs Lieb und Freundschafft neben so grossen versprochenen Gütern beharrlich geniessen könne. Es ware also der Contract geschlossen / das Kleinod dem König würcklich eingehändiget / die Jungfrau in höchste Würde und Glückseeligkeit eingesetzt / mit Versicherung / dieselbe immer und allzeit zu geniessen.

Diese Gleichnuß hat Jacoponus auf folgende Weiß erklärt und ausgelegt. Die Jungfrau / sagte er / ist die Seel / das Kleinod / der freye Willen / die fünff Brüder seynd die 5. Sinn des Menschen; der Mahler ist das Gesicht / der Musicant das Gehör / der Geruch der Apothecker / der Geschmack [194] schmack oder das Kosten ist der Koch / und endlichen das Greiffen oder Antasten der Buhler / welcher Sinn vor anderen die Krafft hat zur Ungebühr oder zum Muthwillen anzureitzen. Diese alle bewerben sich / die Seel zu verfüren / und sie um ihren Schatz / um ihr Heyl und Freyheit zu bringen. Die Augen und die Ohren eröffnen dem verbottenen Wollust die Thür und Thor / die andere Sinn helffen ihn vollbringen. Der König aber ist Christus ein Bräutigam der keuschen Seelen. Nun wäre die Jungfrau / die Seel ja sehr thorrecht / wann sie ihren Schatz oder Kleinod / das ist / ihre Freyheit und ihre Lieb einem aus denen 5. Werberen um so schlechten Preiß / um einen kurtz- und schnöden Wollust vertauscht / und dem König entzogen hätte etc. Es wolte also der gottseelige Mann sagen und anzeigen / daß durch die Talenten der fünff Sinnen die ewige Güter oder den Himmel zu erwerben / derselben Innhaltung und Abtödtung höchstens vonnöthen seye: und daß man nicht gleich / wann der Mahler /das Gesicht kommt / und einen schönen Apfel / als wie der Eva / oder ein schönes Weibsbild / als wie dem David / oder ein Stuck Geld / als wie dem geitzigen Achan vorweiset / solle darein platzen / und sich darvon bethören lassen / und der Willen ja darzu sagen: Wann schon der Spielmann die Saiten rühret /soll man nicht gleich die Füß lupfen / zu springen und tantzen anfangen: wann schon der Koch dem Geschmack die niedliche Schlecker-Bißlein anerbietet /soll man doch nicht gleich mit allem dem Maul zufahren etc. sondern vielmehr die Sinn zuruck- und innhalten / als wie der Reuter das Pferd mit dem Zaum /oder der Waidmann den Hund mit dem Strick innhaltet: Und dieses solle geschehen aus Liebe GOttes / der an all seinen fünff Sinnen und gantzen Leib so viel für uns gelitten hat. Dieses heißt mit denen uns von GOTT verlyhenen 5. Talenten der fünff Sinnen wohlnegotiren / und die ewige Güter / den Himmel dardurch einhandlen.

[195]
Fußnoten

1 Was und wie viel innerliche Sinn seyen.

2 Des menschlichen Augs Fürtrefflichkeit und wunderliche Structur oder Beschaffenheit.

3 Zwey sittliche Augen der Seel seynd der Glaub und die Vernunfft.

4 Nothwendigkeit diser Augen.

5 Deut. c. 15. v. 21.

Levit. c. 21. v. 20.

6 Das Aug ist das edliste Glied.

7 Eccli. c. 23. v. 28.

8 Die Augen seynd ein Sinnbild der Göttlichen Weißheit und Allwissenheit.

9 Der Göttliche Anblick ist bald günstig / bald ungünstig.

10 Psal. 32. v. 18.

11 Amos c. 9. v. 9.

12 Eccli. c. 17. v. 13.

13 Die Gegenwart GOttes soll man wohl zu Gemüth führen: und was für Krafft es habe?

14 Die Krafft der Göttlichen Augen wird ferners beschrieben.

15 Durch die Augen werden die geistliche Obrigkeiten beditten.

16 Ihr Pflicht und Amt / oder wie sie sollen beschaffen seyn.

17 Job. c. 29. v. 15.

18 1. ad Tim. 4. v. 2.

19 Reg. c. 2.

20 ad Ephes. c. 5. v. 23.

21 Psal. 37.

22 Die Augen seynd gefährlich / und verursachen viel Schaden.

Tren c. 3. v. 51.

23 Eccli. c. 31. v. 15.

24 Judith. c. 9. v. 13.

25 Behutsamkeit der Augen ist sehr nothwendig.

26 Matth. c. 5. v. 29.

27 Exemplen diser Behutsamkeit.

28 Psal. 118. v. 37.

29 Eccli. c. 2. v. 14.

30 Prov. c. 17. v. 24.

31 Unterschiedliche schadhaffte oder beschädigte Augen.

32 Eccli. c. 14. v. 8.

33 1. Reg. c. 18.

34 Psal. 17. v. 28.

35 Eccli. 14. v. 9.

36 Cant. c. 6. v. 4.

37 Ein ungeschickt- und närrischer Liebhaber.

38 Historia.

39 Prov. c. 4. v. 25.

40 Psal. 118. v. 35.

41 Die Spiegel seynd das Aug der Kunst / seynd schön und nutzlich.

42 Sie seynd getreue und unverfälschte Zeugen und Rathgeber.

43 Das eigne Gewissen ist gleich einem Spiegel.

44 In den Spiegel des Gewissens sollen wir fleißig schauen.

45 Lib. 1. Natur. q.c. 17.

46 Die Vorsichtigkeit ist gleich einem Perspectiv.

47 Die falsche Welt gleichet einem Perspectiv.

48 Guten Rath soll man annehmen.

49 Eccli. c. 32. v. 24.

50 Wunderbarliche Beschaffenheit des menschlichen Ohrs.

51 Das Ohr oder Gehör wird auf die Prediger des Wort GOttes ausgedeutet.

52 Der Gehorsam wird mit dem menschlichen Ohr verglichen.

53 Reg. c. 5.

54 Psal. 17. v. 45.

55 Jacob. c. 1. v. 19.

56 Das Wort GOttes soll man gleichgültig von einem jeden anhören.

57 Die Ohren soll man bewahren und wohl in Obacht nemmen oder recht brauchen.

58 Eccli. c. 28. v. 28.

59 2. Tim. c. 4.

60 Jerem. c. 6. v. 10.

61 Das Gehör ist betrüglich und gefährlich.

62 Eccli c. 19. v. 4.

63 Die Wahrheit ist / und macht verhaßt.

64 In wem die Music bestehe / oder wie sie beschaffen sey?

65 Lobsprüch und Nutzen der Music.

66 Verwunderliche Krafft der Music über die Thier und Menschen.

67 1. Reg. c. 16.

68 Historia von einem sehr virtuosen Harpffenisten.

69 Krafft der Music in Kranckheiten.

70 Alterthum und Hochschätzung der Music.

71 Gen. c. 4. v. 21.

72 Das Gesang ist GOtt und denen Menschen angenehm.

73 Die Music solle zur Ehr GOttes gerichtet werden und nicht zur eitlen Ehr.

74 Die Music will nicht allen gefallen.

75 Die Music soll man mäßig und mit Bescheidenheit brauchen.

76 Psal. 150. v. 3. etc.

77 Viel unterschiedliche musicalische Instrumenten.

78 Der Geruch ist der mittlere aus den 5. Sinnen.

79 Die Nase wird beschrieben.

80 Woher das Niessen komme.

81 Die Nasen und guter Geruch wird auf die Andacht ausgedeutet.

82 Eccli. c. 39. v. 18.

83 Cant. c. 1. v. 3.

84 Die Nasen bedeutet die Klugheit und Fürsichtigkeit der Oberen.

85 S. August. de moribus Eccles.

86 Das Lob des Schnupff-Tabacks ist unbeschreiblich.

87 Joseph. Loncin. im Christl. Weltweisen part. 5. f. 414.

88 Der starcke Mißbrauch des Schnupf-Tabacks wird getadlet.

89 Ein geistlicher Schnupf-Taback ist die Gedächtnuß des Todts.

90 Woher das Taback-Rauchen komme.

91 Sitten-Lehr aus der Taback-Pfeiffen gezogen.

92 Wie das Kosten oder Versuchen geschehe.

93 Der Geschmack wird auf die Discretion und Bedachtsamkeit ausgedeutet.

94 Wie der geistliche Geschmack verderbt werde.

95 Num. c. 11. v. 5.

96 Wie der fünffte Sinn beschaffen seye.

97 Durch das Fühlen wird die Lieb angezeigt.

98 1. Cor. c. 13.

99 Die 5. Sinn seynd den Menschen und mehristen Thieren gemein.

100 Wie die 5. Sinn sollen bewahret und angewendet werden.

101 Sitten-Lehr von der 5. Sinnen behutsamen Gebrauch.

102 Die 5. Sinnen werden mit 5. Brüdern verglichen /welche die Seel zu verführen suchen.

III. Von dem Haupt - Hirn und Angesicht des Menschen, von den Wangen, Kin und Zähnen
Der 1. Absatz
Der 1. Absatz.
Von dem Haupt.

Gleichwie das Haupt das oberste Ort in der Stellung des menschlichen Leibs bekommen hat / also ist es auch ausser allem Zweifel das edliste und fürnehmste aus allen Gliederen / in welchem die Seel / als in einem Thron vorsitzet / alles dirigirt und anordnet; dann in dem Haupt hat oder übet sie ihre fürnehmste Verrichtungen / als da seynd das Verstehen / das Gedencken / Sehen / Hören etc. 1 Da befinden sich die äusserliche und innerliche Sinn / die Species sensibiles, oder Gestalten der empfindlichen Dingen / die thierliche Kräfften / der Ursprung der Nerven etc. Die Figur oder Gestalt eines wohl proportionirten Haupts ist nicht gäntzlich rund wie ein Kugel / sondern etwas länglächt / und der Länge nach ist es der achte Theil des gantzen Leibs: es ist auch mit starcken Bein und Nerven unterstützt und versehen / auf daß es vest und aufrecht stehe etc.

Es wird der Mensch nach seiner Leibs-Gestalt ein umgekehrter Baum genennet / dessen Kopff und Haar gleichsam die Wurtzel seynd / die Händ und Füß aber / so abwärts gegen der Tieffe stehen / die Aest machen etc. und demnach ist das menschliche Haupt die Wurtzel oder der Ursprung / von welchem die Sinn ihre Bewegnussen und andere Kräfften / so in den gantzen Leib fliessen / empfangen. Ja / wann das Haupt wohl bestellt und wohl beschaffen ist / da befinden sich gemeiniglich auch die andere Glieder wohl: wann aber das Haupt mangel- oder schadhafft ist / da müssen es auch die andere Glieder entgelten /sie befinden sich übel auf.


Dum caput ægrotat, cætera membra dolent.

Wanns am Haupt selbsten fehlen thut /
Stehts um Glieder auch nicht gut.

Dieser Ursachen seynd im sittlichen Verstand durch das Haupt des Menschen zu verstehen die geist-und weltliche Vorsteher / Regenten und Origkeiten /welche das Haupt ihres sittlichen Leibs / das ist /ihrer Gemeind oder Unterthanen seynd; wessentwegen auch Christus der HERR Petrum Cephas genennet /als er ihne zum Vorsteher seiner Glaubigen gemacht hat: Tu autem vocaberis Cephas, 2 du sollest Cephas heissen; welches Sprichwort auf Lateinisch so viel heißt / als Caput, ein Haupt / wie Berchorius und andere anmercken; deßwegen der David zu GOtt gesprochen hat: Constitues me in caput gentium, 3 du wirst mich zum Haupt unter denen Heyden / denen Völckeren / setzen: und der Prophet Samuel zu dem Saul: du wurdest das Haupt unter dem Stammen Israel seyn. Dann erstlich / gleichwie das Haupt den obristen Platz in dem Leib deß Menschen hat / worvon es auf die andere Glieder herab siehet / also ist der Obere und Vorsteher an das höchste Ort der Dignität oder Würde gesetzt / auf daß er desto füglicher auf seine [196] Mitglieder oder Untergebne sehen und sie dirigiren möge. Aber gleichwie der Regent oder Vorsteher der Oberste ist in der Würde / also soll er auch der Oberste seyn / und andere übertreffen in der Klugheit / in denen Verdienst- und Tugenden.

Ferners / gleichwie das Haupt mit 7. Löcher oder Oeffnungen versehen ist / nemlich der Augen / der Ohren / der Nasen und des Munds / durch welche theils die Speiß und Tranck / theils die Gestalten der jenigen Dingen / so man siehet / höret etc. eingehen /theils die fœces oder Excrementen / als wie der Speichel etc. ausgehen / also soll ein Regent oder Vorsteher mit denen 7. Gaaben und Gnaden des H. Geists begabet seyn / Krafft deren er das Gute an sich ziehet und das Böse von sich ausschliesset. 4 Wiederum gleichwie fürnemlich 6erley Ding sich in dem Haupt befinden / nemlich das Gebein / das Hirn / die Nerven / die Sinn / die Haar / und ein wenig Fleisch / also solle in einem Regenten oder Vorsteher sich befinden das Gebein der Stärcke und Standhafftigkeit / das weiche Hirn der Mildigkeit / die Nerven der zusammenhaltenden Lieb und Freundschafft / die Sinn derDiscretion und Vorsichtigkeit / die Haar des äusserlich erbaren Wandels / aber nicht viel Fleisch / das ist / keine starcke Neigung zu Fleisch und Blut / oder zu denen Bluts-Verwandten / damit er auf dieselbe nicht zu viel verwenden thue / ihnen nicht zu viel zuschiebe / und ohnmäßig bereichen thue. Absonderlich gleichwie die Natur das Haupt versehen hat mit denen Augen / Ohren / Nasen und Zungen etc. auf daß es sehen / hören / riechen und reden möge / also soll ein Oberer oder Vorsteher / bevorab ein geistlicher Vorsteher in sittlichem Verstand mit guten Augen der Klugheit und Vorsichtigkeit begabt seyn: mit einem guten Gehör / welches allzeit offen stehe die billiche Klag und Beschwerden seiner Untergebnen anzuhören; hingegen verschlossen seyn denen falschen Verläumdungen / Ohrenblasen / und Schmeichlereyen. Er solle begabt seyn mit einem guten Geruch und Geschmack eines exemplarischen Lebens und der Behutsamkeit das Gute von dem Bösen / die Wahrheit von dem Betrug und der Falschheit zu unterscheiden: auch mit einer guten Zungen das Wort GOttes denen seinigen vorzutragen. Ein geistlicher Vorsteher warhafftig alles / was von denen Seinigen geschieht / so viel es möglich ist / sehen und erforschen / hören und nachsinnen / alles riechen und verkosten / so wohl den Wohlstand als die Betrangnuß seiner Untergebnen /das Leid und die Freud / ihme nicht nur erzehlen lassen / sondern auch selbst verkosten und behertzigen: er solle nach dem Exempel des Apostels sich erfreuen mit den Frölichen / und trauren mit denen Traurigen: und auf solche Weiß wird an ihme erfüllt werden der Spruch Salomonis / der Seegen des HErrn ist auf dem Haupt des Gerechten. 5

Aber es gibt eben bey jetziger Zeit wenig solche Häupter / die mit allen diesen Tugenden begabt und gezieret seynd. 6 Viel sehen nicht / weil sie verblendt seynd von dem Hochmuth / von der eignen Lieb: oder wan sie zwar sehen / was zu verbesseren / oder abzustraffen wäre / so sehen sie doch nur durch die Finger / und dissimuliren aus menschlichem Respect, aus eitler Forcht und Kleinmüthigkeit. Viel hören nicht /weilen ihre Ohren verstopfft oder eingenommen seynd von falschem Bericht oder Irrwohn / oder von eignem Lob etc. Andere haben den Geruch des guten Namens / oder den Geschmack der Discretion, oder der Unterscheidungs-Krafft verlohren. Anderen ist die Zung nicht gelößt / sie seynd canes muti non valentes latrare, 7 wie sie der Prophet nennt / Stumme Hund /die nicht bellen mögen / das ist / die ihnen nichts zu sagen trauen / wann sie die Her GOttes und Gerechtigkeit beschützen / oder die Sünd und Laster bestreiten sollen.

Das natürliche Hauptwehe kommt aus unterschiedlichen Ursachen her / als von aufsteigenden bösen Dämpfen / von überflüssigen Feuchtigkeiten / oder aus Mangel der Verdäuung / oder von grossen Hitzen und allzustarcker [197] Bemühung etc. Auch das sittliche und politische Hauptwehe / ich will sagen / das Ubelaufseyn und schlimme Beschaffenheit der Geistlich-und Weltlichen Oberhäupter kommet her bald von aufsteigenden bösen Dämpfen des Hochmuths / des Ehr- und Geld-Geitzes / von denen Feuchtigkeiten der zeitlichen Gelüsten und des Wohllebens / aus Mangel der Concoction, weil sie keinen harten Bissen / das ist / keinen Verdruß oder Widerwärtigkeit verdäuen und verkochen können / oder wollen / von der Hitz des gähen Zorns und Eyfersucht / und gar zu grosser Sorg und Bemühung um das Zeitliche etc. Alsdann heist es auch im sittlichen Verstand:


Dum caput ægrotat, cætera membra dolent. 8

Wanns am Haupt selbsten fehlen thut /
Stehts um Glieder auch nicht gut.

Alsdann kan sich ein Land oder ein Gemeind wohl in der Wahrheit beklagen und sagen: Caput meum doleo, caput meum doleo. 9 Mein Haupt thut mir wehe / mein Haupt thut mir wehe. Das ist mein vorgesetzte Obrigkeit / durch ihre üble Verwaltung verursachet mir Leid und Schaden.

Alle Glieder des menschlichen Leibs / ja auch die Gebein in den Gliedern / werden vermittelst der Nerven / so aus dem Haupt herab gehen / aneinander gehefft und zusammen gehalten / und wann die Krafft oder der Einfluß des Haupts / so durch die Nerven geschieht / aufhört oder verhinderet wird / da hört auch die gute Constitution auf / es werden auch die Sinn von ihrer Bewegung und Würckung verhinderet. Vast eben also werden die Glieder eines sittlichen Leibs /das ist / einer geistlichen Gemeind / durch kräfftigen Einfluß ihres Haupts / das ist / durch die Lehr und gutes Exempel ihres Oberen in guter Harmoni oder Verstandnuß und Einigkeit erhalten / und zur Würckung des Guten vermöcht. Wann aber diser Einfluß die gute Anweisung und Vorsorg abgehet / da ist in dem gantzen Leib / in der gantzen Communität ein lautere Confusion und Zerrüttung / es wird nichts rechtschaffnes mehr ausgericht.

Sonsten kan durch das Haupt des Menschen auch die rechte Intention die gute Meynung verstanden werden / als von welcher der Werth alles Thun und Lassens dependiret / gleichwie die Glieder von dem Haupt dependiren. 10 Wann dise auf GOtt und der Seelen Heyl gerichtet ist / da seyn alle sittliche Glieder / das ist / alle Werck auch wohl disponirt. Das Haupt des Menschen stehet gerad und aufrecht gegen dem Himmel: und auch die Meynung alles Thun und Lassens solle gerad aufwerts auf GOtt und den Himmel gehen. Da heist es: Respicite & levate capita vestra, 11 Sehet auf / und erhebet euere Häupter. Aber es gibt gar viel Häupter / die vast niemahl übersich gen Himmel / sondern allzeit nur auf die Erden / oder das Irrdische sehen: ich will sagen: böse Meynungen /die nicht das rechte / sondern ein verkehrtes Zihl und End haben.

Dises Haupt / die gute Meynung / solle bedeckt seyn / mit denen Haaren der Demuth und Niderträchtigkeit nach dem Rath des Heil. Gregorii hom. 22. in Evang. da er sagt: Unser Liecht oder Leben solle also leuchten / daß die Menschen zwar unsere gute Werck sehen / und den himmlischen Vatter deßwegen preisen / aber die gute Meynung solle in der Still und verborgen bleiben. In Göttlicher H. Schrifft werden wir ermahnt das Haupt zu waschen / zu salben / und auch mit Aschen zu bestreuen. Auch das sittliche Haupt die gute Meynung solle gewaschen oder gereiniget seyn von der eitlen Ehr / von der eignen Lieb etc. gesalbet mit dem Oel der Gnad GOttes / und besprengt mit der Aschen der Demuth und der Gedächtnuß des Todts /auf daß die Werck / so aus der guten Meynung entspringen / gut und verdienstlich seyen.

Der 2. Absatz
[198] Der 2. Absatz.
Von dem Hirn des Menschen.

Das Hirn ist ein weisse feucht- und linde Materi /ohne Blut / es hat viel Geist und Marck in sich. Es ist / wie der fürtreffliche alte Medicus Joan. Guinterius de medicin. vet. & nova fol. 190. anmercket / von GOtt zu obrist in den menschlichen Leib / als in einem vest und starcken Schloß gesetzt / auf daß es von aller Gefahr und Gewaltsamkeit desto sicherer seye: Es ist mit 2. Häutlein überzogen / deren das eine zart und dünn ist / und von denen Herren Medicis Pia mater, ein gütige Mutter genennt wird / das andere aber gröber und dicker / dura mater, eine harte Mutter benamset: fornenher ist es von der Hirnschalen geschirmet und bewahret / hintenher aber von dem Nacken oder Genick. Das Hirn ligt in 3. Behaltnussen / es ist in 3. Theil abgetheilt / den rechten / lincken und hinderen Theil / welcher appendix ein Anhang des Hirns / oder cerebellum das kleine Gehirn genennt wird. In dem einen Theil befindet sich die Imaginatio oder Einbildungs-Krafft / in dem 2ten die Vernunfft /und in dem 3ten die Memori oder Gedächtnuß. Ubrigens obwohlen das Hirn an ihm selber unempfindlich ist / enspringet doch von ihm die Empfindlichkeit und Bewegnus aller Sinnen.

Durch die Beschaffenheit des Hirns wird abermahl angezeigt / wie ein Regent oder Vorsteher soll beschaffen seyn und sich gegen seine Untergebne verhalten. 12 Dann gleichwie das Hirn in einer weiß und weichen Materi ohne Blut bestehet / aber viel Geist und Marck in sich hat / also soll die Regierung einer Obrigkeit weis und weich / ich will sagen / glimpflich oder gelind / rein und unsträfflich / ohne Blut / das ist / nicht nur ohne Grausamkeit / ohne Rach und Blutgierigkeit / sondern auch ohne allzugroß und unordentliche Neigung zu Fleisch und Blut / zu seinen Befreunden / und Blutsverwandten / ohne Partheyligkeit und Absehen auf die Person. Hingegen soll auch ein Obrigkeit erfüllt seyn mit dem Geist der Weißheit und des Verstands / des weisen Raths und der Discretion oder Unterscheidungs-Krafft / auch mit dem Marck der Stärcke / des Gemüths / der Andacht / der Pietät und Gütigkeit / die Klagen und Beschwerden der Untergebnen williglich und gütig anzuhören.

Das Hirn ist mit 2. Häutlein einem zarten und groben eingewicklet und beschützet: auch das Gemüth oder die Regierungs-Art eines Obern soll mit der Zärte / und der Räuhe auf allen Fall versehen seyn /das ist / mit der Strenge oder Ernsthafftigkeit / und mit der Mildthätigkeit nach dem Rath des Apostels 2. Tim. c. 4. argue, increpa, obsecra, straffe / ermahne /bitte etc. doch ist anbey zu mercken / daß die Pia mater die gütige Mutter dem Hirn näher ist als diedura, die harte / und dardurch wird zu verstehen geben / daß die Mild- und Gütigkeit bey denen Oberen / so lang es sich immer thun lasset / prævaliren /und der Schärpfe oder Strengheit vorbiegen solle: wie uns der Heil. Vater Bernardus gar schön dessen erinnert / indem er denen Obern zuspricht und sagt: sie sollen sich befleissen / mehrers Mütteren als Herren ihren Untergebne zu seyn / mehr geliebt als geforchten zu werden: die Mütterliche Güte soll der Vätterlichen Strengheit vortringen / sie sollen ehender die Brüst als die Streich anerbieten.

Ferners / gleichwie in denen 3. Cellulis oder Kämmerlein des Hirns die fürtrefflichste Kräfften die Einbildung / die Vernunfft und Gedächtnuß sich befinden / also solle ein Regent oder Vorsteher durch die Imaginationem oder Einbildungs-Krafft ihme selbst lebhafft vorstellen und betrachten / die zukünfftige Ding / die sich ereignen mögen: durch die Rationem judiciariam aber oder guten Verstand / soll er die gegenwärtige Ding urtheilen und unterscheiden / und endlich durch die Pupim reservatoriam oder Hinterhaltnuß das vergangne in der Gedächtnuß behalten; [199] dann dieses seynd die 3. Theil der Vorsichtigkeit / welche ein sittliches Hirn der Seelen ist / und sich auf das Vergangene / Gegenwärtig- und Zukünfftige erstrecken soll: in massen der weise Seneca sagt: Si prudens fuerit animus tuus, tribus temporibus dispensetut: futura præcave, præsentia ordina, præterita recordare: 13 Wann du wilst klug und weißlich handlen / so theile deine Weiß- und Klugheit auf 3. Zeiten aus: fürsehe das Zukünfftige / ordne das Gegenwärtige / und gedencke an das Vergangene.

Das Hirn ertheilt dem Leib den Sinn und die Bewegnuß; derowegen / wann das Hirn wohl disponirt /da ist auch anderes in dem Leib wohl beschaffen und geordnet: Eben also / wann die Obrigkeit wohl bestellt / klug und sorgfältig ist / da ist auch der sittliche Leib oder untergebne Gemeind wohl bestellet: hingegen / wann es in dem Hirn / das ist / an der Obrigkeit fehlet / da stehet es auch bey denen Unterthanen nicht wohl. 14

Die jenige / die viel Hirn und darinn viel Feuchtigkeiten haben / seynd gemeiniglich dem Schlaff mehrers ergeben / sie seynd vergessen und flüßig: hingegen die ein truckneres Hirn haben / seynd wachtbar /und was sie begriffen haben / das behalten sie steiff. Eben also seynd die jenige Obrigkeiten / die mit viel zeitlichen Güteren versehen / und denen Sinnlichkeiten oder Gemächlichkeiten ergeben / diese seynd schläfferig / oder saumseelig und sorgloß in Verwaltung ihres Ampts / und Beförderung des gemeinen Nutzens: sie seynd vergessen / flüßig oder unbeständig in Ausführung guter Räth und Vorsätzen etc. Die geistliche Wachtsamkeit wird bey ihnen verhinderet; dann sie ruhen und schlaffen in ihren sinnlichen Gelüsten und Anmuthungen tieff ein. Hingegen / wann sie dürr und trucken / das ist / wann sie mäßig seynd in dem Gebrauch der zeitlichen Güter / und der Abtödtung ergeben / da seynd sie behutsam und wachtsam /und fleißig ihres Ampts / ihrer Pflicht und Schuldigkeit ingedenck.

Der 3. Absatz
Der 3. Absatz.
Von dem Angesicht des Menschen.

Das Angesicht ist der schönste Theil des menschlichen Leibs / der die Gestalt des Menschen absonderlich von denen unvernünfftigen Thieren unterscheidet: Es ist mit einer sonderbaren Lebhafftigkeit vor anderen Gliederen begabt und gezieret / und die Seel lasset sich / und ihre Würckungen fürnemlich in dem Angesicht verspühren: ja auch die Affectiones und Passiones oder Anmuthungen lassen sich in dem Angesicht vermercken; dann gleichwie man an dem Uhr-Zeiger die Stunden des Tags siehet / und die Würckung der inwendig verborgenen Räderen / und das gantze Uhrwerck erkennet / also kan man aus dem Angesicht abnemmen / wie der Mensch innerlich bestellt und beschaffen seye: und gleichwie die Seel ein Ebenbild GOttes ist / also ist das Angesicht einiger massen eine Abbildung der Seel; es stellet den innerlichen Stand als wie ein Spiegel vor. 15 Das Angesicht ist ein herrliches Frontispicium des Haupt-Gebäus / ich verstehe des Haupts / worinn die Seel als eine Königin Hof haltet / die fürnehmste Aempter austheilet / und die herrlichste Verrichtungen auübet. Es ist der Wappen-Schildt / welcher denen Anschauenden vorweiset /wer der Besitzer oder Innwohner des so herrlichen Pallasts / das ist / des menschlichen Leibs seye. 16 Vultus est animi janua, sagt der Römische Redner /das Gesicht ist die Thür / durch welche man zur Erkanntnuß des Menschen eingehet. Es bestehet aber die Schönheit fürnemlich in 3. Stucken / nemlich in der Unterschiedlichkeit der Theilen / in denen Farben /und in der Proportion. Man findet in dem gantzen menschlichen Leib keinen Theil / in welchem so vielerley Stuck zusammen kommen / und sich besser auf einander schicken / als in dem Angesicht. Es versammlen sich daselbst die 5. Sinn und ihre Organa: es gibt unterschiedliche [200] Crösplen / Gebein / Nerven /Mäußlein / Aderen / Haut und Haar / Fleisch und Blut. Wiederum gibt es mancherley Austheilungen /Sitz und Figuren: die Stirn besitzet das höchste Orth /als ein Thron des Verstands / die Augen seynd wie Stern oder Facklen / die das Angesicht erleuchten /die Ohren das Audienz-Zimmer / die Nase der Canal /durch welchen der Geruch eingehet / und die überflüßige Feuchtigkeiten ausgeführt werden. Der Mund /samt Zähn und Zungen ist das Red-Hauß / in welchem die Stimm und Sprach formiret wird. Das Kin und die Wangen seynd dem Menschen vor allen anderen Thieren verlyhen / sie geben dem Angesicht eine Zierd und Ansehen. Was aber die Farben des Angesichts belanget / so seynd selbige unterschiedlich /bald ist es weiß / bald roth / bald braunlecht / bald schwartz / bald gelblecht nach Beschaffenheit undComplexion des Menschen. Endlich die Proportion oder Gleichmäßigkeit der Theilen des Gesichts betreffend / ist selbe gleichfalls wunderbarlich; dann ein jeder Theil schauet gleichsam den anderen mit rechter Maaß an: ein Aug / ein Ohr etc. ist gleich dem anderen. Mit einem Wort / die Schönheit / Gestalt undProportion des menschlichen Angesichts zeiget die Fürtrefflichkeit des Göttlichen Baumeisters an.

Aber das menschliche Angesicht hat nicht nur die gemeldte Schönheiten / sondern es ist auch eine Anzeigung der innerlichen Eigenschafften und Gemüths-Neigungen / die man darinn / als wie in einem Spiegel (wann es nicht simulirt / oder sich fälschlich verstellet) ersiehet. Es haben auch deßhalben die Alte vor Zeiten offentliche Schulen und Lehrmeister angestellt / welche sie Physiognomos, diese Kunst oder Wissenschafft aber Physiognomiam genennet haben: das ist eine Kunst / die Natur und Art des Menschen aus denen Lineamentis der Gliederen / absonderlich des Angesichts / zu erkennen. 17

Aristoteles hat ein eignes Buch geschrieben / in welchem er lehret / wie man die verborgene Eigenschafften des Menschen / durch die Anschauung der Glieder / und sonderlich des Angesichts / erkennen möge. Viel Grichische und Lateinische Scribenten haben diese Materi fleißig tractirt / und einer jedenQualität oder Eigenschafft ihren gewissen Sitz an einem Orth des Angesichts verordnet / darauß man die gut- und böse Eigenschafft / wie auch unterschiedliche Anmuthungen / als Zorn und Sanfftmuth / Freud und Leyd / Forcht und Hoffnung abnemmen könne: und dieses nicht ohne Grund / massen der weise Syrach spricht: Cor hominis immutat faciem illius, sive in bona sive in mala: 18 das Hertz des Menschen änderet das Angesicht / es seye in Gutem oder Bösen. Doch ist diese Kunst der Physiognomi nicht allerdings gewiß und unfehlbar; dann ein böses Naturel oder Humor kan wohl durch Fleiß und Tugend verbesseret werden / oder hingegen eine gute Natur durch Laster und Unfleiß verschlimmeret. Homo videt in facie, DEUS autem in corde: Der Mensch sihet zwar was von aussen her ist / GOTT aber alleinig durchtringet das innerste des Hertzens.

Deßwegen kan das Gesicht wohl mit dem Gewissen verglichen werden: dann / gleichwie ein Mensch den anderen aus dem Angesicht kennet / ob er dieser oder jener / häßlich oder wohl gestalt seye / also kennet GOTT den Menschen aus dem Gewissen / ob er fromm oder gottloß / gerecht oder ungerecht seye. 19 Das Angesicht lasset sich nicht bergen vor denen Augen der Menschen / und das Gewissen nicht vor denen Augen GOttes.

Wann das Angesicht bey dem Menschen schön ist /da wird der gantze Mensch für wohl gestalt gehalten /und wenig auf die andere Glieder Achtung geben: und wann das Gewissen gut und rein ist / da hat auch alles Thun und Lassen seinen Werth und Schönheit.

Keinen Theil des menschlichen Leibs hat man besser in Ehren / keinen thut man durch fleißiges und öffteres Abwaschen [201] von aller Mackel und Unflath säuberen / keinen vom Ungewitter und Verletzung sorgsamer beschirmen / als das Angesicht. Eben also soll man das Gewissen vor allem behutsam in Obacht nemmen / von aller Mackel der Sünd und Laster reinigen und säuberen / und vor allem / was es verletzen mag / fleißig bewahren. Ein schönes Angesicht ist ein Lust und Freud der menschlichen Augen / und ein reines Gewissen ist ein Lust und Freud der Augen GOttes. Hingegen / wann das Angesicht häßlich ist / da hat man ein Abscheuen von dem Menschen / und wann das Gewissen böß ist / da ist der Mensch ein Greuel vor GOTT und seinen Englen.

Der Prophet Ezechiel hat in einer himmlischen Offenbahrung 4. wunderliche Thier gesehen / deren ein jedes viererley Gesichter hatte: nemlich das Gesicht eines Menschen / eines Löwen / eines Ochsen / und eines Adlers. 20 Auch der Mensch absonderlich ein Oberer / solle diese 4. Gesichter haben: das Gesicht eines Menschen / welches bedeutet die Reinigkeit des Gewissens: das Gesicht eines Adlers / welches bedeutet die Hoch- und Klarheit eines scheinbaren Tugend-Wandels: das Gesicht eines Ochsen / welches anzeiget die Freundschafft oder Gutwilligkeit / dem Nächsten zu helffen / und in der Nothdurfft beyzuspringen /nach der Ermahnung des frommen alten Tobiä / da er sagt: noli avertere faciem tuam ab ullo paupere etc. 21 wende dein Angesicht von keinem Armen ab / so wird auch GOTT von dir sein Angesicht nicht abwenden. Endlichen das Angesicht eines Löwen / welches bedeutet die Strenge und Gerechtigkeit wider die Ubelthäter; dann wie der weise Ecclesiastes sagt: Per tristitiam vultus corrigitur animus delinquentis: 22 durch ein trauriges oder finsteres Angesicht wird das Hertz des Sünders gebesseret.

Ein zweyfaches verstelltes Gesicht haben die Gleißner: und an diesen wird nicht erfüllet / was der Heil. Isidorus sagt / nemlichen: Facies est quædam mentis imago, daß Angesicht seye eine Abbildung des Gemüths: dann der innerliche Zustand kommt mit dem äusserlichen Ansehen gar nicht übereins. 23 Sie seynd gleich einem s.v. Misthauffen / der im Winter mit Schnee bedeckt ist / und schön weiß aussiehet /oder einem faulen Apfel / der von aussen noch schön roth / innerhalb aber schandlich / faul und stinckend ist. Sie haben kein aufrichtiges Menschen- oder Adlers-Gesicht / sondern vielmehr das Gesicht eines Chameleons / welches Thier / wie Plinius und Aristoteles sagen: theils einem Schwein / theils einem Affen gleichet: dann sie stellen sich zwar äusserlich als wie ehrbare Menschen / innerlich aber seynd sie unflätige Schwein. Sie seynd gleich denen hoffärtigen Weiberen / welche ihr schwartzes oder geruntzletes Angesicht mit einem falschen Anstrich färben und schön machen: aber wann ein Wind oder Regen an sie kommt / da verschwindet alle Schönheit / und verbleibet ihnen nichts als ihre schwartze Runtzlen. Eben also die Gleißner / wann sie schon ihre Boßheit und sündiges Leben mit dem falschen Anstrich der Ehrbarkeit und Tugend-Wandels anstreichen / so hat es doch kein langes Dauren / und keinen Bestand: sondern wann ein Wind oder Regen der Versuchung oder Widerwärtigkeit an sie kommet / da ist alle ihrefingirte Schönheit aus / und bleibet nichts übrig / als ihre eigne häßliche Gestalt / ihre eigne Boßheit. Von solchen Gleißneren können gesagt werden die Wort des Propheten Jeremiä: Candidiores nive, nitidiores lacte, saphiro pulchriores, 24 sie seyen zwar dem äusserlichen Ansehen nach weisser als der Schnee /und schöner als der Saphir-Stein: aber gleich darauf folget: denigrata est super carbones facies eorum, ihr Angesicht / ich will sagen / ihr Gewissen / seye schwärtzer als Kohlen.

Ferners kan durch das menschliche Angesicht auch die Barmhertzigkeit und Gerechtigkeit GOttes zugleich verstanden werden: dann / gleichwie ein Mensch den anderen mit eben dem [202] Angesicht bald freundlich / bald unfreundlich / bald sanfft / bald zornmüthig / bald freudig / bald traurig ansiehet /nachdem er nemlich ihm geneigt ist: also thut auch GOTT uns bald gnädig mit denen Augen der Barmhertzigkeit / bald ungnädig mit der Straff und strengen Gerechtigkeit ansehen / nachdem es unsere Verdienst oder Mißhandlungen erforderen. 25 Mit dem Angesicht der Güte und Barmhertzigkeit hat GOTT angesehen den bußfertigen David / Magdalenam / Petrum /und viel tausend andere: mit dem Angesicht der strengen Gerechtigkeit aber siehet er an alle verstockte und unbußfertige Sünder. Um das Angesicht der Barmhertzigkeit sollen wir mit dem David zu GOtt bitten:ostende faciem tuam, & salvi erimus, 26 zeige uns dein Angesicht / so werden wir genesen. Wider das Gesicht der Strengheit aber: averte faciem tuam à peccatis meis, 27 wende ab dein Angesicht von meinen Sünden. Absonderlich wird dieses doppelte Angesicht Christi erscheinen an dem Tag des Jüngsten Gerichts / wann er zu denen Auserwählten mit liebreichen Worten wird sprechen: Kommet her ihr Gebenedeyte meines Vatters / besitzet das Reich etc. Zu denen Verworffenen aber mit zornigen Worten:Gehet hin ihr Vermaledeyte in das ewige Feur etc. Entzwischen sollen wir fleißig unser Angesicht zu GOTT wenden durch die Andacht und Ehrerbietigkeit / durch die Liebe und das Vertrauen / so wird er auch sein Angesicht zu uns wenden durch Ertheilung seiner Barmhertzigkeit / seiner Gaben und Gnaden.


Hingegen / wann wir unser Angesicht / das ist / unsere Gedancken / unsere Lieb und Neigung von ihme ab / und nur immer auf das Zeitliche / und auf eitle Creaturen wenden / so wird er uns den Rucken seines Zorns wenden / und nicht würdigen gnädig anzuschauen / wie er bey dem Propheten Jeremia bedrohet: dorsum & non faciem ostendam eis in die perditionis eorum, 28 an dem Tag / so sie verderben / will ich ihnen den Rucken / und nicht das Angesicht zeigen.

Die Königin Esther hat sich so sehr geforchten vor dem zornigen Angesicht des Königs Assueri, daß sie als ohnmächtig darnider gesuncken / weil sie gesorget hat / es möchte sein Zorn sich auch über sie / als wie über andere ihres Geschlechts / oder ihrer Religion ergiessen. Hingegen hat die Königin von Saba glückseelig geschätzt die jenige / welche allzeit vor dem Angesicht des Salomons stehen kunten / seine Herrlichkeit anzuschauen / und seine Weißheit anzuhören. Eben also solle einer menschlichen Seel nichts erschröcklichers seyn / als das erzürnete Angesicht Christi des höchsten König und Richters: hingegen nichts Annehmlichers und Erwünschters / als einen liebreichen Anblick zu geniessen von dem jenigen /der da ist Speciosus præ fillis hominum, der Schönste unter denen Menschen-Kinderen / in quem Angeli desiderant prospicere, welchen anzuschauen die Engel selber die gröste Lust und Begierd haben.

Der 4. Absatz
Der 4. Absatz.
Von denen Wangen, und dem Kin.

Genæ die Wangen seynd auch unter den fürnehmsten Theilen des menschlichen Angesichts / und machen viel zu dessen Schönheit / bevorab / wann sie mit lebhaffter / weiß und rother Farb vermenget seynd: wie dann auch die Wangen oder Backen der geistlichen Braut in den hohen Liederen wegen ihrer Schönheit gerühmet / und mit den schönsten Dingen verglichen werden. 29 Sie seynd der eigenthumliche Wohnsitz der Schamhafftigkeit / der Zucht und Ehrbarkeit / absonderlich bey den Jungfrauen. Ja auch andere Passiones und Affectiones oder Gemüths-Neigungen / scheinen bey denen Wangen herauß / als da seynd Freud und Traurigkeit / Lieb und Haß / Hoffnung und Forcht. Aber sittlicher Weiß darvon zu reden / sollen die Wangen unserer Conversation, [203] unseres Verhaltens weiß seyn / durch die Aufrichtigkeit / Unschuld und Reinigkeit: roth aber durch die Liebe GOttes und des Nächsten: bleich hingegen wegen heilsamer Forcht: auch schwartzlecht durch die Demuth und Bußfertigkeit etc.

Mentum das Kin / ist so viel als mandibularum fundamentum, 30 der Untersatz oder Grundveste der zwey Kinbacken: es ist starck und beweglich / dienet zu dem / daß man den Mund zum Reden und Essen könne auf und zu thun.

Es ist der letzte und unterste Theil des menschlichen Angesichts / und wann dieses abgienge / so wäre selbes sehr geschändet: deßwegen kan wohl geistlicher Weiß durch das Kin die Tugend der Perseveranz, oder Beständigkeit im Guten verstanden werden / ohne welche das Angesicht unserer Conversation oder unsers Wandels / keine wahre und daurhaffte Schönheit der Tugend haben kan. Sie macht das End an dem Tugend-Gebäu / und wann dieses gut ist / da ist alles gut; dahero das Sprichwort entstanden ist: in fine ne corrumpas, 31 zu letzt verderb es nicht; dann /qui perseveraverit usque in finem, hic salvus erit: wer beharret biß ans End / wird seelig werden. Derowegen sollen wir dieses Kin der Beharrlichkeit im Guten wohl in Obacht nemmen / und uns nicht lassen darein greiffen / ich will sagen / von dem bösen Feind / unter keinem Vorwand von dem Guten lassen abwendig machen: damit es uns nicht ergehe / wie es dem Amasæ ergangen ist / welchen Joab gegrüsset /und bey dem Kin genommen hat / als wolte er ihn küssen / entzwischen aber hat er ihme den Dolchen in den Leib gestossen / und ermordet. 32

Ein grosses Wunder hat sich in dem Alten Testament begeben mit des Esels Kinbacken / mit welchem Samson 1000. Philistäer erschlagen hat / und aus welchem ihme / seinen grossen Durst zu löschen / frisches Wasser geflossen ist / von welchem / als er getruncken hatte / wurde sein Geist erquicket / und er bekam wiederum die vorige Kräfften. 33 Aber nicht weniger Krafft und Stärcke ligt in dem sittlichen Kinbacken / in der Perseveranz oder Beharrlichkeit verborgen; massen wir durch die Christliche Standhafftigkeit in dem Guten nicht nur 1000. Philistäer / als wie der Samson / sondern wohl unzahlbare höllische Feind erlegen und erschlagen können: und eben aus dieser Standhafftigkeit wird uns alsdann GOTT das süsse Wasser des häuffigen Trosts und reichlicher Vergeltung fliessen lassen.

Sonsten kan durch die Kinbacken auch das beschauliche und würckende Leben verstanden werden: das beschauliche zwar durch den oberen / das würckende aber durch den unteren Theil. 34 Die Kinbacken seynd gleich einer Mühl / welche immerdar gehet / die Speisen zermahlet / und dem Magen dieselbe zubereitet: in dem oberen Theil seynd die obere Zähn / in dem unteren die untere Zähn eingesetzt. Also thut auch das beschauliche Leben sich aufhalten bey den oberen Dingen / ich will sagen / in Betrachtung GOttes und himmlischer Dingen: das würckende Leben aber thut die zeitliche und leibliche Nothdurfften verschaffen: beyde zusammen / versehen den Leib der Catholischen Kirchen mit geistlicher und leiblicher Nahrung / des Gebetts / der geistlichen Lehr / der leiblichen Speiß und des Getrancks. Doch mit diesem Unterschied / daß / gleichwie das obere Biß unbeweglich ist / das untere aber beweglich / also muß das beschauliche Leben still und ruhig seyn / das würckende aber sich bemühen und beschäfftigen.

Die Kinbacken bestehen in hart- und starcken Bein und Nerven: welches nothwendig ist / theils den Mund auf und zu zuschliessen / theils auch die härtere Speisen zu zertheilen und zu zermahlen. Eine solche Härte und Stärcke erforderet auch so wohl das beschaulich- als würckende Leben / alle Beschwerden /die sich hierinnfalls ereignen / zu überwinden.

Der 5. Absatz
[204] Der 5. Absatz.
Von den Zähnen.

Was die Zähn anbelangt / so werden sie auf Lateinisch dentes, das ist / quasi dementes genennet / weilen sie nach und nach von der Speiß etwas hinweg nemmen: und seynd kleine sehr harte Knochen / welche in des Menschen Mund in denen Grüblein stecken / die sich in dem Kiffer und Zahnfleisch befinden: sie haben ihre gewisse kleine Aederlein / die in das dinne Bein-Häutlein / welches die Wurtzel der Zähnen innwendig bekleidet / gehen / und denen Zähnen die Empfindlichkeit mittheilen. An der Zahl seynd der Zähnen gemeiniglich oben und unten 15. oder 16. bey denen Männeren / und bey denen Weiberen 14. 35 Sie werden in dreyerley Gattungen abgetheilt: die erste werden genennet incisores, zerlegende oder Schaufel-Zähn / sie seynd breit und schneidig / die Speisen bequem zu zertheilen: die andere heißt man caninos, Hunds- oder Augen-Zähn / etwas schärpffer und spitziger / deren seynd nur 2. die dritte molares, zermalende Zähn / die alles / was hart ist / zerbeissen. Die erste haben nur ein Wurtzel: die andere 2. und die dritte 3. Was die erste nicht können zerschneiden /das schicken sie zu denen anderen / und was die andere nicht vermögen / überlassen sie denen dritten.

Sittlicher Weiß können die Ordens-Geistliche mit denen Zähnen verglichen werden: dann erstlich /gleichwie die Zähn zwar in dem Zahnfleisch sich befinden / und vest darinn stecken / so seynd sie doch über selbes erhebt / und gehen für dasselbe herauß: sie leyden es nicht gern / wann in oder zwischen ihnen etwas stecket / was nicht hinein gehört / sie haben keine Ruhe / biß daß es wieder herauß ist. 36 Eben also die Ordens-Geistliche seynd zwar von Fleisch und Blut / so wohl als die Welt-Menschen: sie müssen in dem Fleisch leben / und seynd an der Welt angehefftet: aber mit dem Geist und mit dem Gemüth sollen sie sich über das Irrdische erheben / und durchexemplarischen Tugend-Wandel sich vor anderen herfür thun / auf daß an ihnen erfüllet werde / was der Heil. Gregorius von einem H. Bischoff und Beichtiger ins gemein sagt / nemlich: er habe sich in der Wanderschafft dieses zeitlichen Lebens mit dem Leib alleinig / mit denen Gedancken und Begierden aber in dem himmlischen Vatterland aufgehalten. 37 Sie sollen auch nichts in oder zwischen ihnen gedulten / was sie von einander absönderet /oder die brüderliche Lieb und Einigkeit verstöhret etc.

Für das andere / weilen die obere und untere Zähn richtig zusammen gehen / und zusammen halten in Zermahlung der Speiß: die schwächere Zähn zerbeissen das Lindere / und die stärckere was härter ist. Also sollen auch in einer geistlichen Gemeind die Untergebene mit denen Oberen in allem richtig übereins kommen / und einhellig in Ubertragung der Beschwerden / und Beförderung des gemeinen Nutzens arbeiten: doch also / daß von dem / der grössere Kräfften / oder mehr Talenten von GOtt empfangen hat / ein mehreres erforderet werde / als von dem / der nicht so viel empfangen hat; cùm enim augentur dona, rationes etiam crescunt donorum, sagt der H.Greg. hom. 9. in Evangelia, gleichwie auch die stärckere und schärpffere Zähn mehr und härtere Brocken verbeissen müssen als die schwächere.

Drittens seynd die Zähn von GOtt und der Natur gar schön und ordentlich in den Mund eingesetzt /keine irret oder verhinderet den anderen: und eben dieses ist zu der Stimm und Red verhülfflich. Gleichfalls solle es in einem Closter oder geistlichen Gemeind alles recht und ordentlich her- und auf einander gehen / nach der Ermahnung des Apostels: omnia honestè & secundùm ordinem fiant in vobis: 38 alles solle ehrbar und ordentlich unter euch zugehen. Dann / wie der Apostel Paulus weiters anmercket / so müssen die Stärckere die Gebrechlichkeit der Schwächeren übertragen. 39 Ja eben darum wird die Religion [205] ein Orden genennet. Aus einer solchen guten Ordnung wird auch erfolgen / daß keiner den andern hindere oder beleydige / und die Stimm des Lobs GOttes und der auferbaulichen Reden wird einhellig bey ihnen erschallen.

Vierdtens / die Zähn in dem Mund des Menschen bemühen sich offt und viel / sie müssen einen manchen harten Brocken verbeissen und zertheilen / nicht wegen ihnen / oder für sich selbsten allein / sondern für den Magen / und folgends zu Nutz und Gutem des gantzen Leibs. Eben also die Ordens-Geistliche in denen Clösteren laboriren offt und viel / sie lesen und schreiben / betten / psalliren und studieren nicht für sich selbst allein / sondern auch für den Neben-Menschen / zu Nutz und Gutem des gantzen Leibs / ich will sagen / des sittlichen Leibs Christi und der Catholischen Kirchen. Es kan in der Wahrheit von ihnen gesagt werden: dentes tui sicuti greges tonsarum: 40 deine Zähn seynd wie die Herden / die beschoren seynd. Sie lassen nicht nur bey Tag und bey Nacht die Stimm des Lobs GOttes hören in dem Chor / sondern sie geben auch die Milch und Woll her / sie theilen reichlich mit die Milch der heilsamen Lehr / auf der Cantzel und in dem Beichtstuhl / in denen hoch-und niederen Schulen etc. ja auch die Woll der zeitlichen Güteren und Habschafften ihrer Fundation oder Stifftung / deren sie einen grossen Theil zur Bedienung der Gästen / und zur Verpflegung der Armen aufwenden.

Fünfftens / obwohl die Zähn / weilen sie an sich selber ein hartes unempfindliches Bein seynd / nicht leiden thäten / so leiden sie doch offt Schmertzen und Ungemach wegen dem Zahnfleisch / wegen denen Nerven und Aederlein / mit welchen sie nächstens verbunden und angehefftet seynd. Eben also geschieht es auch öffters / daß die Ordens-Geistliche / die sonst unempfindliche Bein seyn solten / nur gar zu empfindlich seynd / Schmertzen und Ungemach leiden /nicht directè wegen ihnen selber / sondern wegen dem Fleisch und Blut / Nerven und Aederlein / mit welchen sie so starck verknüpfft und verbunden seynd: ich will sagen / wegen ihren Bluts-Verwandten / Befreundten und bekannten weltlichen Leuthen / mit welchen sie allzugrosse und unnutzliche Gemeinschafft pflegen / welchen sie gar zu starck und unordentlich zugethan seynd / in alle ihre Geschäfft sich einmischen / all ihre Händel richten und schlichten wollen / ihre Process und Heyraths-Contract führen helffen / sie zu Dienst und Aempter promoviren etc. wann es aber fehl schlaget und übel gelingt / wann sie den erwünschten Effect nicht können erreichen / da werden sie deßwegen verstöhrt und betrübt / sie empfinden frembdes Leid und Schmertzen / dessen sie sich selber theilhafftig machen.

Ubrigens ist es bekannt / daß / wann man Zahn-Schmertzen leidet / und kein Mittel helffen will / oder wann schon der Schmertzen ein wenig gestillet worden / aber gleich wiederum anhaltet / da pflegt man den schmertzhafften Zahn gar auszureissen / und leidet lieber einen obwohl grösseren / doch kurtzen Schmertzen / als die immerwährende Ungelegenheit: absonderlich / wann der Zahn an sich selber vitios, hohl oder faul ist / und auch die andere inficiren oder anstecken will. 41

Ebenfalls / wann ein Mensch in einer Communität boßhafft und schädlich ist / wann nach vorher gangener genugsamer Ermahnung und Abstraffung keine beständige Besserung erfolgt / ja noch über das ein Gefahr ist / daß auch andere verderbt und angestecket werden / da soll man das ferrum abscissionis brauchen / ein solches schädliches Mitglied abhauen / oder wenigist in einen solchen Stand setzen / daß es nicht mehr schaden könne. Abscindantur, qui vos conturbant, 42 sagt der Apostel Paulus / die euch verwürren / sollen ausgereutet oder abgehauen werden. Und von solchen Unruhigen und Aufrührischen kan man wohl mit dem Psalmisten sagen: dentes eorum arma & sagittæ, & lingua eorum gladius acutus 43:ihre Zähn seynd Spieß und Pfeil / und ihre Zungen scharpffe Schwerdter etc.

[206] Merckwürdige Begebenheiten haben sich mit denen Zähnen zugetragen / unter anderen folgende: In Ost-Indien in dem Zeilandischen Reich wurde in einem heydnischen Tempel ein Abgott oder Götzen-Bild in Gestalt eines weissen Affens / so mit Gold und Edelgestein gar reichlich gezieret war / angebetten und in so grossen Ehren gehalten / daß die heydnische Fürsten mehr als 100. Meil weit jährlich eine Gesandtschafft dahin schickten / welche ihnen von dieses Affens Zahn aufs wenigist ein in Wachs abgedrucktes / und mit vielem Geld erkaufftes Contrafait überbringen mußte. 44 Nun kame dieses Götzenbild in den Gewalt und in die Händ der Portugeser zu gröstem Leid und Bestürtzung der heydnischen Fůrsten und Herren: welche inständigist anhielten / daß man ihnen ihren Abgott wiederum zuruck stellte / aber vergebens. Endlich anerbotten sie ein übergrosse Summa Geld von viel tausend Ducaten / daß sie aufs wenigist nur einen gewissen Zahn von dem besagten Affen wiederum erhalten möchten. Diese gewaltige Summa Geld stache zwar freylich die Portugeser starck in die Augen / bevorab / weilen sie damahls Mangel an Geld erlitten / und darfür hielten / daß sie mit so grosser Summa in diesen Landen so wohl den Catholischen Glauben / als die Ehr ihres Königs mercklichpromoviren kunten. Aber die PP. S.J. haben ihnen so kräfftig zugesprochen / und das Geld anzunemmen mißrathen (weilen sie nemlich glaubten / man wurde auf solche Weiß zu fernerem Götzendienst denen Heyden Ursach und Anlaß geben) daß sie sich ent schlossen haben / den teuflischen Affen-Zahn in einem Mörser zu verstossen und in das Wasser zu werffen / gäntzlich verhoffend / es werde die Göttliche Allmacht und Vorsichtigkeit ihre siegreiche Waffen mit anderwärtigen glücklichen Progressen seegnen /wie auch in der That erfolgt ist / inmassen sie so vil Land und Leuth in Indien eroberet haben.

Noch köstlicher und hochschätzbarer ist gewesen ein ausgefallener Zahn des Kayserlichen GeneralsGalas, als mit welchem er den Himmel selbsten erkaufft hat. Dann als dieser Herr Anno 1647. sich zu Lintz in Oesterreich aufhielte / da litte er grossen Zahn-Schmertzen / und wolte ihm deßwegen einen Zahn lassen ausreissen: aber der Medicus ware darwider / und mißrathete es. Als nun dieser General ein wenig eingeschlaffen / und bald wieder erwacht ware /da vermeckte er / daß der schmertzhaffte Zahn für sich selbsten ausgefallen seye / und würcklich in seinem Mund lige: er nimmt ihn herauß / und gibt ihn demMedico zu besichtigen. Dieser stehet vor Verwunderung gantz erstaunet / nicht nur / daß der Zahn so gähling für sich selber ausgefallen / und aller Schmertzen verschwunden / sondern vilmehr über die seltzame Figur / so er darauf ersehen hat. Als der General die grosse Verwunderung merckte / nimmt er den Zahn wiederum zuruck / ihne recht zu besichtigen: und siehe Wunder! er findet / daß wahrhafftig auf seinem ausgefallenen Stock-Zahn eine Todten-Bahr samt dem schwartzen Tuch und weissen Creutz gantz deutlich verzeichnet seye: er ruffte alsobald laut auf: O das ist eben das jenige Zeichen / um welches ich GOtt so offt und inständig gebetten hab! das ist ein Zeichen und Vorbott meines bald herbey nahenden Tods. Wie es dann auch im Werck erfolgt ist / indem er den 25. April zu Wien an einem gewissen Zustand gottseelig und wohl bereitet verschieden ist.

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Fußnoten

1 Das Haupt ist das fürnehmste Glied des menschlichen Leibs.

2 Das menschliche Haupt bedeutet die geist- und weltliche Vorsteher / oder Regenten und Obrigkeiten.

3 Ps. 17. v. 44.

4 Wie dieselbe sollen beschaffen seyn.

5 ad Rom. c. 12 v. 15.

Prov. c. 10. v. 6.

6 Uble Beschaffenheit untugenlicher Oberen.

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