Carl Spindler
Der Jude
Deutsches Sittengemälde aus der ersten Hälfte des fünfzehnten Jahrhunderts

[Motto]

Gespenst der Vorwelt:

Warum rufst Du mich herauf aus meinem dunkeln Grabe?


Zauberer.

Aus daß Du Zeugniß gebest von einer dunkeln Zeit.

Erster Band

1. Kapitel
[5] Erstes Kapitel.

O Marten! Marten!

Der Korb muß verbrannt seyn,

Das Geld aus den Taschen,

Der Wein aus den Flaschen,

Die Gans vom Spieß!

Da trink und iß!

Wer sich voll zechen kann,

Wird ein rechter Martinsmann!

Altd. Lied.


Der zwölfte November des Jahrs Eintausend vierhundert und vierzehn nach des Erlösers Geburt, sah mit kaltem und duftigem Morgenantlitz in die Fensterscheiben der Herberge zum Rebstock in der Reichsstadt Worms. Der Winter hatte dem Spätherbst tälpisch und zierlich zugleich in's Amt gegriffen; denn, während alles knisterte und knarrte, vor der früh eingebrochnen ungestümen Kälte, hatten die entlaubten Bäume weiße Wollelöckchen angesetzt, und niedliche Eisblümlein sich angewachsen am Glas und Gestein. Zwar leckte der Sonnenstrahl gierig an [5] den über Nacht aufgeschossenen Gewächsen, aber seine Zunge war nicht mehr feurig genug, sie aufzuzehren. Im untern Geschoße des Rebstocks kam man der matten Sonnenflamme mit glühendem Ofen zu Hülfe, allein im Oberstocke glimmte kein Funke, und der mächtige Kachelofen der hübschesten Stube des Hauses, die nach einem über der Thüre angemalten buntfarbigen Blumenstrauß »die Maienstube« genannt wurde, war eiskalt, obschon ein stattlicher Gast das Gemach bewohnte. Die Attribute der Ritterschaft: Schwert, Handschuhe, bespornte Stifel und Federhut lagen unordentlich hin und her auf dem Boden zerstreut. Der Besitzer dieser Herrlichkeiten lag aber völlig angezogen zu Bette, beschäftigt, den verwichenen Martinsabend auszuschlafen, der ihm nicht am zuträglichsten gewesen zu seyn schien. Neben ihm ruhte, in einen Reitermantel gewickelt, ein gar holder Knabe, dessen still lächelndes Gesicht, vom sanftesten Schlummer befangen, sehr gegen das aufgedunsene, von Trunkenheit und wüsten Träumen entstellte Antlitz des Nebenschläfers abstach. Der Letztere reckte sich endlich, fuhr mit der breiten Hand über Stirne und Augen, und den bereiften Bart und erwachte. Verwundert betrachtete er die Stube und seine eigene Gestalt; seine Verwunderung wurde Erstaunen, da er seinen Bettnachbar gewahrte, und er sprang bei dessen Anblick auf, gleich als ob ihn eine Schlange gestochen. Unverständliche Worte vor sich hinbrummend, und vor Kälte zitternd fuhr er in die Stiefel, und stampfte dreimal gewaltig den Boden, daß der schlafende Knabe erschrocken aufschrie, alsobald jedoch wieder in [6] Müdigkeit und Schlummer versank. Ein langer hagrer Mensch, in der etwas zerlumpten Kleidung eines Herrenknechts, kam zur Thüre herein, und fragte mit winterblauen Lippen nach dem Befehl des gestrengen Herrn.

»Sag an, Vollbrecht!« fragte der Letztere: »Wie gieng es denn zu, daß ich in Wamms und Krause zu Bett gekommen?« – »Euer demüthiger Knecht hat Euch selbst hineingebracht;« erwiederte Vollbrecht mit ängstlichem Bückling: »Ihr littet gestern stark am Gebreste des heil. Martin, und so geschah es denn ...«

– »Still!« befahl der Herr. – »Wie komme ich aber zu dem Kind?« fuhr er kleinlaut fort.

»Der gestrenge Junker wolle sich nur gütig erinnern,« – sprach Vollbrecht, ein paar Schritte ausweichend, – »wie ich Euch gestern aus der Trinkstube zum Rosengarten heimleuchtete mit dem Kienspan, den mir die rothbäckige Dorothea aufgedrungen, und wie wir im Scheibengäßlein unfern von dem Eckstein, an dem das Muttergottesbild aufgerichtet, den Knaben gefunden, der da eingeschlafen war.«

– »Ganz recht; ich besinne mich nun auf Alles;« erwiederte der Junker, und rieb sich die erstarrenden Hände: »Was treibt aber unser Wirth, daß nicht einmal Feuer angemacht wird, bei der grimmen Kälte? Sollen wir hier erfrieren?«

»Erfrieren;« bestätigte Vollbrecht, die Thürblinke zur Hand nehmend: »Erfrieren, oder uns von dannen[7] machen; denn der Wirth will nicht länger borgen, und verlangt Zahlung unsrer Zeche.«

»Nichts Billigers als das;« antwortete der Herr: »aber Verlangen ist Eins; Zahlen hingegen ein Anderes. Ich habe keinen Weißpfennig mehr in der Tasche. Alles gieng gestern drauf in Wein, Imbis und Brettspiel. Der alte Narr muß warten.«

Vollbrecht schüttelte den Kopf. »Ich zweifle, Herr,« sprach er hierauf, vorsichtig die Thüre öffnend. – »Der Mensch sagte mir erst vorhin, er werde nach Pferd und Zaum greifen, wenn nicht noch heute Morgen alles getilgt würde, was darauf gegangen ist in dieser Woche.«

»Kreuz! Stein und Dorn!« brach der Junker los, nach der Klinge fahrend, daß Vollbrecht, – solcher Auftritte nicht ungewohnt, – sich hinter der Thüre barg: »was bildet er sich ein, der Wormser Lump? Streckt er eine Kralle nach meinem Gaul aus, so haue ich sie ihm ab. Gleich soll er kommen, – gleich, und auf der Stelle; ohne Säumen!«

Vollbrecht sprang die Treppe hinab. Der Junker stülpte trotzig den Hut auf den Kopf, und schritt, eine Anrede an den Herrn des Rebstocks im Sinne ordnend, ungeduldig auf und nieder. Bald erschien auch der Gerufene, das verhängnißvolle Kerbholz tragend, aus dem die ziemlich beträchtliche Schuldsumme des Gastes eingeschnitten zu sehen war.

»Wie viel beträgt meine Zeche?« fragte der Letztere barsch, als strotzten seine Taschen von Golde.

[8] »Zwanzig Turnosen, drei Pfenninge für den Herrn, den Knecht und das Pferd;« antwortete der Wirth vom Rebstock sehr freundlich.

»Ein Bettelgeld,« prahlte der Fremde: »obgleich die Zeche übertrieben theuer. Aber wie gesagt, ein Bettelgeld, wegen dessen Du mir keine Umstände machen wirst, guter Freund. Nicht wahr?«

»Nicht die Geringsten,« erwiederte der Wirth: »Ihr habt nur zu bezahlen, und meine schlechte Schenke ist wieder ganz zu Euern Diensten.«

»Du bist harthörig, mein Freund!« sprach der Gast mit vornehmem Augenzwinkern: »Ich hatte gestern Unglück im Spiel, und der Martinschmauß hat mich viel gekostet. Heut kann ich Dich nicht befriedigen, aber sobald ich wiederkehre von Costnitz, soll Dein seyn, was Dir gehört.«

Der Wirth sah den Sprecher einen Augenblick an, .. zuckte die Achseln und gieng nach der Thüre. – »Wohin gehst Du?« fragte ihn der Andere.

»Ich gehe, den Stall zuzusperren;« versetzte der Bürger kalt: »Müßt Ihr gen Costnitz, mögt Ihr zu Fuße gehen. Euer Pferd bleibt hier zurück, bis mein ist, was mir gehört.«

»Wie?« fuhr der Gast auf: »Du ungeschliffener Wirth! weißt Du, mit wem Du also sprichst? Ich bin der Edelknecht Gerhard von Hülshofen, und darum nicht zu Schild und Helm geboren, um mir von einem elenden Reichsstädter Schmachreden ins Angesicht sagen zu lassen.«

»Ich kenne Euch wohl;« erwiederte der Wirth: »Wer sollte den verwegensten Gesellen am Rheinstrome [9] nicht kennen, den der wohlweise Rath von Frankfurt als seinen Kämpfer und Turnierfechter gedungen; der zwar keinen Gegner unbezwungen läßt, aber auch keinen Becher ungeleert, keine Dirne ungeneckt, und keinen Herberger ungeprellt. Darum eben nehme ich Euren Gaul.«

»Das Pferd gehört meinen Herren von Frankfurt,« rief der Edelknecht patzig.

»So mögen Eure Herren von Frankfurt es auch auslösen;« versetzte der Gläubiger gleichgültig. »Der ehrsame Rath wird einen Reichsbürger nicht schädig gen lassen an seinem Gut durch einen Dienstmann.«

»Ich bin ein Edelmann, Bursche;« brauste der Junker; und wenn ich Spießbürgern diene, so geschieht es aus gutem Willen, und nicht ...

»Lieber Herr;« erwiederte der Wirth: »Ich vermag eines Adlichen Thun und Lassen nicht zu schätzen; allein ich wollte, Ihr hättet Euern Martinstag wo anders zugebracht. Ich hab Euch nicht geladen, und will folglich Eure Zehrkosten nicht aus eignem Seckel bestreiten. Darum nehme ich Euern Gaul und damit genug.«

»Unterstehe Dich!« rief Gerhard: »Plumper Wicht! Glaubst Du, meine Freunde werden mich verlassen?«

»Ei, Herr Junker,« sprach der Wirth lächelnd: »Ihr seyd zu alt in der Welt geworden, um das im Ernste sprechen zu können. Freunde werden Feinde, sobald sie helfen sollen. Und vollends die Euren, mit denen Ihr acht Tage gezecht und gewürfelt habt. Die Einen sind auf der Landstraße besser zu Hause, [10] als in ihren vier verschuldeten Pfählen. Die Andern sind verdorbene Bürgerssöhne, die Gewerb und Fleiß an den Nagel gehängt haben, um das väterliche Erbe ohne Verzug durch die Gurgel zu jagen. Solche Martinsmänner sind aber den Wirthen nur bis zu einem gewißen Zeitpunkte willkommene Gäste. Doch horch; .. mich dünkt, ich höre ihrer Etliche die Stiege heraufstürmen. Versucht Euer Heil, Herr. Zwanzig Turnosen – die Pfenninge erlasse ich Euch – öffnen die Stallthüre, und geben Euerm Gaul freien Paß nach Costnitz. Kein Albus weniger! Verlaßt Euch darauf.«

Der Wirth gieng ruhig von dannen, und an seiner Statt tobten vier Männergestalten herein, denen man die Ausschweifungen verwichener Nacht nicht wenig ansah. »Guten Tag! Bruder Hülshofen!« brüllten sie im Chor und schüttelten dem Verdrüßlichen die steifgewordenen Hände? »Wie geht es? wie geschlafen? warum ists hier so verteufelt kalt?« – Gerhard zögerte keinen Augenblick, ihnen die unangenehme Lage, in der er sich befand, zu eröffnen. Die Freunde lachten aus vollem Halse, und konnten sich gar nicht lassen vor muthwilliger Lust.

»Nun, das nenne ich doch in der Brühe sitzen!« rief der baumlange Wernher von Hyrzenhorn: »So fröhlich wurde die Gans eingeläutet, und so traurig ist der Nachtisch!«

»Was ist aber da zu thun!« sprach Wolf von Eppenstein: »Ich will dem Schwarzen seyn mit Haut und Haar, wenn ich Dir helfen kann, Bruder Gerhard. Du weißt, daß uns der Sattel das tägliche [11] Brod verschafft, – und Deine Dienstherren gerade, – daß sie Gott verdammen möge! – haben es uns so geschmälert, daß es eine Sünde ist. Die Conziliumsfahrer haben unserm Seckel zwar etwas eingebracht, aber Weib und Kind wollen auch leben, und Martinstag will auch gefeiert seyn. Da haben wir uns denn hier zusammengethan, in Fried und Eintracht die Milch unsrer lieben Frauen reichlich genossen, und müssen dafür Morgen kahl wieder abziehen.«

»Hilf Dir selbst!« rief der wilde Hornberger Veit: »Brich die Stallthüre auf, und reite dem verdammten Kneibenwirth vor der Nase weg. Ich helfe Dir, und je mehr Auflauf es gibt, desto besser.«

»Die Frankfurter setzen mich auf den Eschenheimer Thurm, erfahren sie dergleichen,« versicherte Gerhard kopfschüttelnd. – »Euch aber, meine Freunde, fuhr er fort – Euch wäre es ein Leichtes, mir zu helfen, – denn das Frühjahr bringt Euch wieder Meßleute und Marktschiffe, die Euch das kleine Darlehen reichlich ersetzen, – kann ich's bis dahin nicht erstatten.«

»Ich schwöre einen körperlichen Eid, daß ich nicht helfen kann!« betheuerte der Herr von Hyrzenhorn, und der Eppsteiner holte eine in vergoldetem Kupfer gefaßte Reliquie des heil. Marcellinus aus seinem Wamms, auf welche alle drei Edelleute in aller Eile und bester Form den theuersten Schwur leisteten, daß sie außer Stand seyen für ihren gemeinsamen Freund das Geringste zu thun. – Gerhard, wohl wissend, ein solcher Eid mache ein unwiderrufliches [12] Ende, – sey er auch noch so falsch, – wendete sich alsdann zu dem vierten Freund, der bis jetzt ein stummer Zuhörer des Auftritts gewesen war. »Werde ich auch bei Euch vergebens anhalten, lieber Trautwein?« sprach er zuckersüß: »Ihr habt des Vermögens viel, habt mir gestern erst im Rosengarten all mein Klingendes abgenommen, und werdet wohl nicht anstehen, mich der unverdienten Schmach zu entreißen.«

Der Goldschmid lächelte aber eiskalt, zuckte die Achseln, und erwiederte: »Gestrenger Herr; im Handel und Wandel braucht man sein Geld, und daß des Letztern nicht zu viel werde, sorgen schon treulich Kaiser und Reich, die Ehewirthin und ihre Kinderlein, und die Herren vom Stegreif. Deshalb bin ich ausser Stande etwas zu thun, als Euch die fünf Schillinge nachzulassen, die ihr mir noch gestern auf Euer Wort schuldig wurdet.«

»Ich wollte, alle Martinsfeuer, die gestern brannten, um Wetterschaden zu verhüten, schlügen über Euch alle zusammen, und kochten Euch zu Brei und Muß;« rief Gerhard in hohem Unmuth: »Mein Gaul, mein armer Gaul!«

»Uebermorgen soll ich in Costnitz seyn. Ich hab's den Schöffen Holzhausen und zum Braunfels in die Hand geloben müssen. Der Kaiser gibt ein Turnier, auf dem ich zu Frankfurts und des Reichs Ehre mitstechen soll. Ich bin ewig beschimpft, erschein ich nicht auf diesem Rennen. Und ohne meinen Roland, ohne mein gutes Pferd komme ich nicht hin, kann ich nicht mitkämpfen.«

[13] »Schlimm! sehr schlimm!« meinten die adelichen Herrn, und machten Miene zu gehen. »Willst Du einen Römer Würzwein annehmen, so komm' mit uns!« sprach der Horaberger gutmüthig, aber Gerhard verweigerte alles mit Ungestüm, und ließ die adelichen Brüder und Freunde ohne Widerrede ziehen. Trautwein blieb an der Thüre zurück.

»Hört noch ein Wort, lieber Herr,« sprach er mit einiger Theilnahme: »Ob es gleich grimmig kalt in Eurer Stube ist, bin ich doch hinter jenen rohen Gesellen zurück geblieben, um Euch einen Rath zugeben.«

»Nun?« fragte Gerhard unwirsch auf und niedergehend. »Der Kaiser gibt wohl übermorgen kein Rennen zu Costnitz, indem er noch in Aachen auf seiner Krönung verweilt,« sagte Trautwein; »allein Eure Lage ist doch mißlich, und liegt außer meinen Grundsätzen und Kräften, Euch zu dienen; aber es gibt noch andere Leute, die es vielleicht gerne thun, wenn einiger Gewinn dabei zu verspüren ist.«

»Wer sind diese Leute?« fragte Gerhard aufmerksam werdend.

»Ei nun,« sprach der Goldschmid zögernd: »Es sind unsers heil. römischen Reiches liebe Kammerknechte« ..

»Was?« fuhr Gerhard auf: »Juden? Hebräer? Seyd Ihr toll geworden mit Einemmale?«

»Wie so?« fragte Trautwein gleichgültig: »Hebräisch Geld zählt wie das unsere; es kömmt ja ohnehin nur aus christlichen Taschen. Fürsten und Herren wissen das wohl.«

[14] »Hm!« sprach Gerhard überlegend: »Mein ganzes Leben hindurch habe ich mich gehütet den Galgenvögeln in die Hände zu fallen, und in meinem fünfzigsten Jahre ... indessen ... wer weiß ... damit ich nur fortkomme ... wo gelangt man zu dem Gesindel? Ich will gleich ...«

Der Goldschmid hielt ihn zurück. »Ihr werdet doch nicht am hellen lichten Tage ...?« sagte er mißbilligend: »In eigener Person ...?«

»Ihr habt Recht;« antwortete Gerhard: »Es ist wegen des Geredes ... also will ich mich gedulden ... diesen Abend, sobald es dunkel ...«

»Behüte;« fiel Trautwein ein: »Es ist bei zehn Pfund Heller Strafe verboten, bei Nacht in ein Judenhaus zu gehen, um zu leihen oder zu zahlen.«

»Aber beim Donner! was soll ich denn thun?« fragte Gerhard ärgerlich.

»Abwarten, bis ich Euch einen vertrauten Mann schicke, mit dem Ihr alsdann handeln könnt;« versetzte Trautwein.

»Einen vertrauten Mann, durch den es die ganze Stadt erfähret, von welchem Rocken ich spinne, nicht wahr?« –

»Gerade im Gegentheil. Ich weiß einen, der, wenn ich nicht irre, in der Nähe von Frankfurt zu Hause ist. Ein verschwiegener Mann, mit dem ich selbst manch Geschäft gemacht. Ist er gerade hier, kann er vielleicht bewogem werden, Euch zu helfen. Mich dünkt, ich sah ihn gestern unweit von dem Dalbergschen Hause in der Kämmererstraße. Ich sende ihn Euch, und will besorgen, daß mein Gevatter Rebstockwirth[15] Euch zum mindesten ein Feuer anmache in dem Ofen.«

»Nun, so geht, so geht, und plaudert nicht lange!« drängte Gerhard, und schob ihn zur Thüre hinaus. Alsdann fieng er wieder seine gewöhnliche Rennbahn in der Stube an, rieb sich die Hände, die Stirne, brummte einen Fluch nach dem andern, und schwor sich zu, in der Folge nie mehr auf Freunde sich zu verlassen, seine Zeche immer nach der Habe zu richten, oder, ... wollte er einen Wirth prellen – die Sache gescheuter anfangen. Ein leises Schluchzen und Weinen unterbrach den Lauf seiner Gedanken, und da es sich hinter den Vorhängen des mächtigen Himmelbetts vernehmen ließ, so fiel ihm mit einem Male der Gedanke an den Knaben, den er gestern aufgenommen, siedendwarm auf die Brust. Er eilte zum Lager, und sah das vier- bis fünfjährige Kind aufrecht sitzend, und eng in den groben Mantel gewickelt, aus dem nichts hervorguckte als der braungelockte Kindskopf, mit blauen von Thränen überfließenden Augen. Der Knabe fuhr etwas zusammen, da er das kupferrothe mit dichtem Bart versehene Gesicht seines Findelvaters gewahr wurde, aber bald beruhigte er sich wieder in etwas, da er sich deutlich erinnerte, daß ihn derselbe Mann gestern von der offenen Straße genommen, und den Müden erwärmt, aufs Lager gebracht hatte. Er streckte ihm die kleinen Arme bittend entgegen, und sah ihn mit einer Wehmuth an, die ihm fast das Herz abzudrücken schien. Der rauhe Hagestolz fühlte sich gerührt und angezogen von der hülflosen Unschuld des Kindes, [16] und nahm es, in Mantel und Decken gehüllt auf seinen Schoos. »Komm her,« sprach er, »und laß uns vernünftig reden, mein Junge! Wir haben gestern Abend nur flüchtige Bekanntschaft gemacht. Heute wollen wir's einbringen. Wie heißest Du, mein Kind?« – »Hans!« antwortete der Knabe muthig und vernehmlich. »Und Dein Vater?« – »Ich habe keinen mehr.« – »Doch eine Mutter hast Du?« – »Ja, die Mutter und die Gundel.« – »Wie nennt sich Deine Mutter?« – »Ich weiß es nicht.« – »Wo wohnt sie aber?« – »Ach, weit, weit von hier!« – »So? demnach nicht hier in der Stadt?« – »Wir sind drei Tage gefahren, bis wir angekommen sind. No ist denn aber die Mutter?« – »Ja, wenn Du das nicht weißt ...« – Der Knabe schüttelte traurig den Kopf. »Sage mir doch, Hänschen,« fuhr Gerhard neugierig fort: »Wie lange bist Du denn hier?« – »Ich heiße nicht Hänschen,« versetzte der Knabe: »Hänschen hat vier Füße, und ich habe zwei; darum heiße ich Hans. Hänschen ist aber zu Hause geblieben. Wirst Du mich wieder heimbringen, fremder Mann?« – »Wenn ich weiß, wo Deiner Mutter Haus steht, mein Knabe.« – »Ach, es ist fern, recht fern. Wir haben dreimal geschlafen, ehe wir gestern in der Nacht ankamen.« – »Wie kamst Du denn auf die Straße?« – »Ich weiß es nicht – auf dem Wagen schlief ich ein, und auf der Erde bin ich aufgewacht. Ach, wie war es so kalt, da Ihr mich aufnahmt. Die Mutter muß mich verloren haben.« – »Wie war die Mutter gegen Dich?« – »Böse, lieber Mann, immer böse und finster. Aber [17] Gundel ist herzensgut, und zu ihr möchte ich lieber als zur Mutter, und auch zu Hänschen lieber als zur schwarzen Mutter.« – »Zur schwarzen Mutter? Warum nennst Du sie so?« – »Sie ist immer schwarz gekleidet, und hat so dunkle Augen; aber Gundel hat helle, und geht immer grün oder roth. Hänschen ist weiß und braun.« –

Der Junker schüttelte bedenklich den Kopf, und zweifelte nicht mehr daran, daß der Knabe mit Vorbedacht zurückgelassen worden sey, auf der Durchfahrt durch die Fremde, im nächtlichen Dunkel verhüllten Stadt. Aus dem Knaben war übrigens nichts herauszubringen, als daß der Mutter Haus auf einem Hügel stehe, unfern von einem Strome, daß viel Waldung und ein Dorf sich in dessen Nähe befinde, und nicht allzuweit eine Stadt, in der sich das Kind besann, vor einiger Zeit gewesen zu seyn, zur Zeit eines Jahrmarkts. Ueber den Namen seines mütterlichen Hauses, des Stroms, der Stadt, war er in wahrscheinlich geflissentlicher Unwissenheit erhalten worden. Fern von Jugendgespielen und Gefährten seines Alters kannte er niemand, als die schwarze Mutter, die er nicht liebte, die freundliche Gundel, nach der er sich sehnte, und das vierfüßige Hänschen, das er am schmerzlichsten vermißte. Gerhard ersah aus Allem, daß ihn seine, größtentheils vom Wein erregte Weichherzigkeit hier in eine sonderbare Historie verwickelt hatte, und ihm wahrscheinlich eine Last zugefallen war, die er bei der äußersten Beschränkung seiner Lage nicht auf die Dauer würde tragen können. Eine plötzliche Vermuthung ergriff [18] ihn; und er durchsuchte die Kleider des Kindes nach Geld oder Kleinodien, die vielleicht dem Finder als eine Entschädigung zugedacht seyn möchten; doch war sein Bemühen umsonst. Keine Blechmünze, kein armseliger Hohlpfennig war bei dem Verlassenen zu finden. Ausser dem höchst einfachen Gewande des Kindes trug es nichts an sich. Unmuthig stellte er den Knaben nieder, und gieng, von Neuem gegen sein Geschick grollend, auf und ab. Das Kind schmiegte sich indessen stille und in sich gekehrt an den durch Trautweins Vorsorge erwämten Ofen, und weinte nur von Zeit zu Zeit vor sich hin, theils im Andenken an die gute Gundel, theils im Bewußtseyn des quälenden Hungers, den es verspürte. Ein Glück war es, das Gerhard in der Tasche seiner Pluderhosen noch ein sogenanntes Martinshorn auffand, ein Gebäcke, mit dem er alsobald den seufzenden Knaben beschwichtigte, .... zum Mindesten auf Augenblicke. Indem er jedoch mit sich selbst zu Rathe gieng, wie die eßlustige Bürde vom Halse zu schaffen, und sein eignes betrübtes Verhältniß zu wenden sey, ließ sich von Außen ein schlürfender leiser Tritt vernehmen, und ein demüthiges Pochen erklang an der eichenen schwerfällig verzierten Thüre. Gerhard öffnete schnell, und vor ihm stand Einer aus dem Volke Abrahams. Seine Statur bot nichts Ausgezeichnetes dar, noch weniger seine Kleidung, die den wandernden Handelsjuden bezeichnend, in Schnitt, Farbe und Gestalt höchst unbedeutend erschien. Aber das Gesicht, das aus dem unscheinbaren grauen Kittel und aus dem schlecht gefälteten Kragen heraussah, war auffallend [19] genug. Ein nicht fern von den fünfzigen stehendes Antlitz mit Spuren tiefen Kummers entweder, oder schwerer Erschlaffung, bleich und hager, war von Augen belebt, die, wenn gleich etwas klein, an Lebhaftigkeit und stechender Schärfe mit denen der Eidechse wetteiferten. Die kahle Stirne, von wenigen, dünnen und grauen Locken besetzt, gab großen Spielraum der Beweglichkeit von Gesichtszügen, die wie die Schlangenwege eines Labyrinths sich nach allen Seiten in merkwürdiger Verschlingung ausdehnten. Eine breite Narbe, die quer von dem rechten Schlaf sich über Wange und Nase herüberzog, bis zu dem linken Ohrläppchen, schied das Gesicht so zu sagen, in zwei ungleiche Hälften. Die Nase vorspringend und gebogen, zeugte von orientalischer Abkunft, und die Form des Mundes wäre gut gerathen zu nennen gewesen, hätte sich nicht in der etwas hängenden Unterlippe jener, aber schon angedeutete Charakter der Abspannung offenbart, der nicht vermögend ist, einem menschlichen Angesichte etwas Angenehmes mitzutheilen. Der Bart, kurz, kraus, grau und schwarz gemischt, paßte zu dem Uebrigen. – Der Jude neigte sich unterthänig vor dem Edelknecht, ohne ein Wort zu sprechen. – »Wer bist Du?« fragte ihn der Letztere barsch und kurz. »Was willst Du hier?«

»Was ich hier soll, möchte ich wissen, gestrenger Herr;« erwiederte der Jude mit unterwürfigem Tone: »Der achtbare Meister Trautwein sendet mich zu Euch. Er sagte mir, Ihr könntet meine Dienste brauchen, und somit biete ich sie Euch an.«

[20] »Trautwein?« fragte Gerhard. – »Durch seine Empfehlung bist Du mir willkommen, insofern Du nicht hier in Worms geboren oder ansäßig; denn ich fordre, daß Du schweigest.«

»Gestrenger Herr Ritter;« versetzte der Jude wie oben: »Ich weiß zwar nicht, wie Ihr könnt hegen Zweifel an der redlichen Verschwiegenheit meiner Glaubensgenossen hier zu Worms. Es sind die Besten von unsern Leuten, .. die schon vor der Geburt Eures Erlösers eine Synagoge gehabt haben in dieser Stadt, und diese Synagoge hat durchaus nicht gewilligt in den Tod Eures Messias, der nur darum sterben mußte, weil die Entfernung zu groß ist zwischen dem Rheinstrom und Jerusalem, und der Bote von der Schule zu Worms um einige Stunden zu spät gekommen ist, mit der Verwendung von den Wormser Rabbinern und Aeltesten. Nenn Ihr indessen demungeachtet Grund zu glauben habt, unsere hiesigen Brüder zu beargwohnen, so vertraut Euch mir. Ich stamme von Friedberg, und dieses Zeichen auf meinem Rocke mag Euch beweisen, daß ich nicht von hier bin, wo dieß Schiboleth in Vergessenheit gerathen ist.«

Hier zeigte er auf den Ring von gelber Seide, den jeder Jude in und um Frankfurt auf der linken Brust tragen mußte. Gerhard, ungeduldig, die mißliche Angelegenheit ins Reine zu bringen, machte dem Juden eine ausführliche Beschreibung seiner Lage, und verlangte ein Darlehen auf Wort, Schrift und Glauben. Seine eindringlichen Worte, seine ziemlich herrische Forderung verriethen wohl, daß er eine abschlägige[21] Antwort nicht im Bereich der Möglichkeit vermuthe; um so mehr befremdete ihn das überlegende und durchaus nicht billigende Kopfschütteln seines Gegenübers. Nach langer Pause sprach der Jude endlich: »Seht, werther Herr. Wir halten auf das, was die Väter sagten und uns einprägten. Ben David, sagte der Meinige, dem einst das Paradies sey, öfters: Hüte Dich, großen Herren und Kriegsleuten aus das blinde Wort, auf das leere Geschrift hin zu vertrauen. Das Wort verweht der Wind, und das Papier zerhaut der Degen, der auch im besten Fall nie richtige Zinsen zu zahlen geneigt ist. Baare Münze lacht; ein gutes Pfand macht Muth. – Ich habs nun immer so gehalten, und Euch, lieber Herr, soll geholfen seyn, wenn Ihr mir Bürgschaft stellt in Dingen von Gewicht und Werth, oder im Wort eines wackern Mannes, dem die Rechtschaffenheit werth ist, soll er sie auch nur gegen Juden beweisen.«

»Da steckt eben der Knoten!« polterte Gerhard: »Auf Pfand und reichliche Bürgschaft kann jeder Fastnachtsnarr Kappe und Peitsche leihen. Ich habe keine Kleinodien, nichts von Werth, als meinen Gaul, und von ihm trenne ich mich um keinen Preis.« –

»Das glaube ich;« versetzte Ben David: »Das ist ein Pferd! Gott! ich habe Euch gestern reiten sehen, als der heilige Martin in der Procession. Ihr ward so stattlich, und das Pferd so geputzt und so blank; ... nein! einen solchen Gaul gibt man nicht her!« –

»Wie soll ich aber aus dem verdammten Worms kommen? rief der Junker: Willst Du die Bürgschaft[22] der Herren von Eppstein, von Hornberg und von Hyrzenhorn?«

»Was soll mir die Bürgschaft von diesen Herren?« fragte Ben David: »Sie sitzen mir zu hoch, und haben mich selbst schon zu oft gepfändet, als daß ihr Wort mir ein gültig Pfand seyn könnte« Ja, – wenn es der edle Herr von Dalberg wäre, der wackre Kämmerer von Worms, unsers Glaubens Beschützer; .. oder nur der Meister Trautwein, .. aber .. setzte er lächelnd hinzu: »Der Erste kennt Euch nicht, und der Zweite ist zu klug, um jemals sich zu verbürgen.«

»Kreuz und Dorn!« fuhr Gerhard auf: »Mach' mich nicht wild, elender Hundsjude. Ich will Dich lehren, mein adelich Wort zu ehren. Zur Stelle wirst Du mir gehorsamen! Einem Fürsten oder dem Krämermagistrat einer Reichsstadt seyd Ihr gleich zu Willen mit Geld und Gut. Aber einen wackern Edelmann laßt Ihr verderben.«

Der Jude zuckte die Achseln. »Fordert die Stadt unser Geld,« sprach er kalt: »so gehts mit Stürmen los auf unsere Habe, und der Gewalt weichen wir. Der Kaiser gibt uns Schutz, und nennt uns seine Kammerknechte; und da wir zufrieden sind, wenn wir athmen dürfen, wenn gleich als Knechte, so geben wir gern dafür, was unser ist. Dem einzelnen steht aber nicht die Befugniß zu, uns gewaltsam zu plündern, zum mindesten nicht in Worms, wo wir eines billigen Schutzes uns erfreuen.« –

Bei diesen Worten näherte er sich der Thüre, um das Gemach zu verlassen. Gerhard jedoch, von der Nodwendigkeit des Augenblicks bedrängt, wollte [23] ihn aufhalten, und gab von seiner Störrigkeit vieles nach, indem er ihm sagte: »Es war nicht so übel gemeint, Ben David. Du solltest aber auch einen ehrlichen Mann nicht so lang auf die Folter legen.«

»Alle Ehrfurcht vor Eurer Ehrlichkeit;« erwiederte der Jude: »aber Euer Benehmen macht mich nicht lüstern auf ihre nähere Bekanntschaft.«

»So laß doch mit Dir reden;« fuhr Gerhard fort, ihn zurückhaltend. »Ich will mit Dir handeln, wie ich es mit einem braven Christen thun würde, und mit einem ebenbürtigen Manne, während Du doch keiner von Beiden bist. Ich verschreibe Dir Zins und Rückzahlung bis zum Sonntag Lätare, kommenden Jahrs mit meinem Namen und Wappen; und mit der Klausel, daß, wofern ich Dir bis dahin nicht gerecht werden könnte, ich, mein Einlager mit zwei Knechten und drei Pferden hier im Rebstock halten will, bis Du befriedigt bist.«

»Ei! ei! bei meinem Bart! was muthet Ihr mir zu?« fragte Ben David. »Da säßen zwein im Unglück statt des Einen. Ich, weil Ihr mir meine Schuld nicht bezahlt, – der Wirth, weil Ihr Euer Einlager nicht bezahlt. Nein; bin ich gleich ein Jude, will ich doch nicht einen braven Christen, wie diesen Rebstockwirth, in Schaden bringen. Ich sehe schon; Ihr würdet mir noch anbieten Eure Hausfrau als Pfand, wenn Ihr nicht unbeweibt wärt. Gott befohlen!«

»Jetzt hast Du Zeit zu gehen, verdammter Spötter!« tobte der Junker, und erwischte sein großes Fechterschwert, das er drohend gegen den Juden [24] schwang: »Hinaus! oder ich lege Dir den Solinger so um die Ohren, daß du vielleicht nachher keine Spur von ihnen findest!«

Ben David wollte schnellfüßig aus der Thüre. Indem sprang aber der kleine Hans, der bisher hinter dem Kachelofen gelauscht hatte, ängstlich schreiend hervor, und hing sich an Gerhard, entsetzt von dem gewaltig drohenden Schwerte, und einen schrecklichen Auftritt fürchtend. Der Junker hielt inne, und beugte sich zu dem Knaben, ihn zu beruhigen. Während dessen hatte aber Ben David einen Blick auf den Letztern geworfen, einen Augenblick theils überrascht, theils überlegend verbracht, und sich endlich wieder gelassen über die Schwelle in das Zimmer verfügt. »Was willst Du noch hier?« schnauzte ihn Gerhard an, als er nach flüchtiger Liebkosung des Findlings wieder in die Höhe sah.

»Mit Verlaub, gestrenger Herr!« sprach Ben David, das linke Auge auf den Erzürnten, das rechte auf das Kind richtend: »Ist das Euer Knabe?«

»Kümmerts Dich?« fragte Gerhard, wie oben. – Der Jude verneigte sich geschmeidig, schüttelte leicht den Kopf. »Um des Knaben Willen möchte ich dann mit Euch ins Reine kommen.« Fuhr er fort. –

»Ich bedaure;« versetzte Gerhard: »Der Knabe ist nicht mein; obendrein eine sehr unnütze widerliche Last.«

»Eine widerliche Last muß man sich schaffen vom Halse;« meinte Ben David und erkundigte sich, neugierig, nach seines Volkes Sitte, um die nähere Bewandtniß, die es mit dem Kinde habe. Gerhard [25] machte auch kein Geheimniß aus der Art, wie er zu demselben gekommen, und aus seinen Mittheilungen, wie unvollkommen sie auch seyn mochten. Der Jude hörte aufmerksam zu, und in den Muskeln seines Gesichts zeigte sich eine auffallende Bewegung, die einem bessern Menschenkenner, als es Gerhard war, unmöglich hätte entgehen können. Gleichgültig jedoch, dem äußern Anscheine nach, wiegte er den Kopf und sprach, nachdem Gerhard geendet: »Es ist seltsam, wie das zusamentrifft. Der Knabe hat nicht Vater, nicht Mutter, denn die ihn böslich verlassen hat, ist so gut als todt. Und zufälligerweise kenne ich eine traurende Mutter, die geben würde, was in ihren schwachen Kräften steht, könnte sie einen Sohn dafür erhalten, in dem gleichen Alter dessen, den ihr ein frühzeitiger Tod entriß. Ueberlaßt mir und der jammernden Mutter diesen Verstoßnen, damit er noch werde die Freude eines Menschen, und einstens stehe an seinem eigenen Herde.«

»Ists eine Christin doch, der Du das Kind bestimmst?« schon zu der Ansicht des Juden sich neigend.

»Die Rechtgläubigste; die Wittwe Schechlerin in Friedberg,« versetzte Ben David. »Sie besitzt einen kleinen Kram, der gerade hinreicht, sie zu ernähren, und den Knaben.«

»Die Waise zwingst Du nicht zum Judenthum, und schwörst mir's zu?« fuhr Gerhard fort, der sein erwachendes oder zweifelndes Gewissen durch leere Form zu beschwichtigen dachte.

»Bei dem Haupte meines Vaters schwör ichs Euch!« entgegnete Ben David sehr ernst: »Wie könnte [26] ich wohl einst eingehen in's ewige Jerusalem, hätte ich mit Vorbedacht einen Menschen elend gemacht? Der Elendeste aber auf Erden ist ein Jude.«

»Ja wohl, ja wohl!« entgegnete Gerhard, den Sinn von Ben Davids Worten nicht begreifend, mit verächtlichem Blicke: »Damit wir aber schnell in's Reine kommen, ... zahle fünfzig Turnosen, und führe den Knaben hinweg.«

»Fünfzig? Du Herr meines Lebens!« rief der Jude, wie im größten Erstaunen die Hände zusammenschlagend: »Wo denkt Ihr hin, lieber Herr? Von zwanzigen war bis jetzt die Rede; wie soll ich zu fünfzigen ...«

»Dort ist die Thüre!« erwiederte Gerhard trocken, und kehrte ihm den Rücken. Ben David ging aber nicht, sondern kam näher: »Als ich gebe dreißig Turnos, gebe ich Alles und Alles, was in meiner Macht steht!«

»Schmutziger Schacherer!« versetzte Gerhard: »einen Menschen verkauft man nicht um solch elendes Geld.«

»Ich wette doch,« sprach Ben David ironisch: »Ihr verkauft mich um ein Geringeres.«

»Um das Vergnügen, Dich zwischen zwei Hunden aufhängen zu sehen;« brummte der Junker: »Du hast recht. Aber einen Christen verhandelt man nicht um dreißig Silbergroschen.«

»Hat denn nicht Judas den ersten aller Menschen, Euern Herrn, den Born alles Christenthums um gleiches Geld weggegeben?« fragte Ben David.

[27] »Es konnte auch nur ein Jude solchen Handel treiben!« polterte Gerhard, roth werdend vor Zorn: »und jetzt packe Dich. Ich fürchte ohnehin, daß ich Sünde thue, wenn ich dieß junge Leben Deiner graugewordenen Verworfenheit überlasse.«

Ben David zuckte die Achseln, schlug seufzend die Augen gen Himmel, stellte sich hierauf zum Tische, langte aus seinem Zwerchsack einen nicht übermäßig gefüllten ledernen Beutel hervor, und begann Geld aufzuzählen. Gerherd spielte hiebei den Gleichgültigen, obgleich er im Innern bereits an seinem Siege frohlockend zehrte; der Knabe, der arme Unschuldige, um dessen Haut und Haar der ganze böse Handel ging, ergötzte sich mit kindischer Lust an dem Glanz der Silberstücke, die aus des Juden hagern Fingern auf den Tisch rollten, und sehr langsam und sehr bedächtig von ihrem bisherigen Besitzer in Reihe und Schnur gestellt wurden. Gerhard konnte nur mit Mühe bei dieser geflissentlichen Langsamkeit seine Ungeduld bändigen. Endlich schüttelte der Jude den leeren Beutel, und sprach: »Seht da mein ganzes Vermögen: zweiundvierzig Turnosen – nicht mehr, und nicht weniger als Alles, was ich habe. Wollt Ihr's, so nehmt. Die fünfzig kann ich nicht voll machen.«

»So trolle Dich, und versieh Dich ein Andermal mit mehrerem Gelde, wenn Du zu einem Edelmann gerufen wirst;« antwortete Gerhard kalt, der nun die Handlungsweise seines neuen Bekannten begreifen lernte.

[28] »Ich kann nicht mehr geben;« fuhr der Jude fort: »Ich habe nicht mehr, als das und mein Leben.«

»So behalte Beides in Gottesnamen und scheere Dich fort!« versetzte der Junker mit immer größerer Zuversicht. – »Ich finde einen andern.«

»Ihr seyd ein böser Kaufmann;« meinte Ben David und stellte sich, als wollte er das Geld zusammenraffen. Da ihn aber Gerhard von diesem Thun nicht abhielt, so ließ er es bleiben, und holte statt dessen einen wollenen Lumpen aus seinem Sacke, in welchem sich mehr Geld eingeschnürt befand, als in dem geleerten Beutel gewesen war. – »Seht,« fuhr er fort: »wozu mich Eure Hartnäckigkeit verleitet. Das ist anvertrautes Geld, und ich muß davon entwenden acht Turnos, um sie Euch zu geben. Ich möchte mich selber schlagen in's Gesicht, daß ich das thue, aber ich bin zu freundschaftlich für Euch gesinnt, als daß ich Euch nicht helfen sollte aus der Noth.« –

Die fünfzig Turnosen waren voll, und behaglich lächelnd strich der Junker das Geld ein. – »Für das Geld den Knaben,« sprach er: »auf Nimmer wieder zu erstatten; aber erkundigen werde ich mich zu Friedberg, wie Du den Knaben versorgt.«

»Das könnt Ihr,« antwortete der Jude mit aller Aufrichtigkeit: »Ich schenke dem Knaben eine wackere Mutter. Komm, Bübchen!«

Der Kleine weigerte sich anfänglich. »Der Mann bringt Dich zur Mutter!« redete ihm Gerhard zu. – »Ich will, lieber bei Dir bleiben;« meinte das Kind. – »Aber auch zur Gundel und dem kleinen Hänschen!« setzte Gerhard bei. Der Jude nickte freundlich grinsend [29] zu dieser Zusage, und der Knabe war schnell für den neuen Führer gewonnen. Fröhlich hieng er sich an seine Hand, und eilte, ohne viel Abschied zu nehmen, mit ihm von dannen. So springt das unschuldige Lamm neben seinem Herrn dahin, in harmloser Fröhlichkeit, .. nicht wissend, wird es zur lustigen Weide, wird es zur Schlachbank gebracht.

2. Kapitel
Zweites Kapitel.

Ein schlicht Gewand

Deckt in der Welt

Gar oft den Mann

Der in der Hand

Den Zepter hält

Wie's ihm gefällt:

Wer sieht's ihm an?

Ballade.


»Schon gesattelt und aufgezäumt?« fragte ein junger lebhafter Mann von ausnehmend schöner Gestalt und vornehmem Wesen den Knecht des Junkes von Hülshofen, der den erlösten Gaul mit der Reisedecke schmückte. – »Dachte nicht, daß es schon so weit seyn würde, nachdem was ich gehört!« –

Sprachs, und stand mit wenig Sprüngen in der Maienstube vor dem Edelknecht. Dieser saß bei einem Paßglase Malvasier, und kanzelte den demüthigen Wirth zum Rebstock auf gut deutsch ab, wegen[30] seines unziemlichen Benehmens gegen fremde ehrsame Edelleute. Da er jedoch des Besuchs ansichtig wurde, schickte er kurz abbrechend den Kneipenmeister zum Teufel, und wendete sich in der fröhlichsten Laune zu dem Jüngling.

»Sieh da!« sprach er: »Edles Herrlein, seyd will kommen. Habt doch Wort gehalten, ob schon Ihrs im Martinsjubel gabt. Ihr verschmäht es nicht, in der Gesellschaft eines alten Schrankenraufers zu reiten, der Wappen und Freiheit an Eure Stadt verkaufen mußte, um schnöden Sold.«

»Ei warum denn, possierlicher Mensch?« fragte der Jüngling. »Wer mir auf der Lebensbahn aufstößt, lustig, wohlgemuth wie ich, ist vor Allen mein lieber Gesellschafter, er schaue nun unter einer Grafenkrone, einer Fechterhaube, oder einem Gugelhute hervor. – Alter Degenknopf; ich habe von Deinem gebrannten Herzeleid gehört, und bin gekommen, Dich zu befreien aus den Schlingen der Edomiter, die gar zu gern einhergefahren wären auf Deinem Turniergaule!« – Hier klimperte er dem Gerhard gar anmuthig mit einem gefüllten Beutel vor den Ohren. – »Ich komme jedoch zu spät, wie ich zu meiner Freude sehe. Wie ist es Dir möglich geworden, Du durchlöchertes Sieb, dem Handel so schnell ein Ende zu machen?«

Gerhard erzählte lustig, locker und frech in der Freude seines Herzens die Art, wie er zu dem Gelde gekommen. Des Jünglings Gesicht verfinsterte sich jedoch gewaltig, und ungeduldig stampfte er mit dem Fuße, da Hülshofen geendet. – »Pfui! [31] pfui! und abermals pfui!« rief er: »Zerbrich Dein Wappen und Dein Schwert, Du geldsüchtiger alter Mensch! Bist Du nicht schlechter als der Jude, der doch nur eine Christenseele kaufte, die Du verschleudert hast? Gerhard! ist das eines Edelmanns würdig? Wärst Du bei Deinem Steigbügel zu Gaste gegangen, wie die lockern Gesellen, die gestern im Rosengarten mit Dir zechten, hättest Du die Marktschiffe geschunden, wie der grausame Hans von Rudenkheim, dessen Rückinger Schloß mein Vater vor zehen Jahren niederbrennen half, – hättest Du mit Scharlach gehandelt auf offner Landstraße, ich würde um Alles dieß Dich weniger gescholten haben, als um eines Menschenverkaufs willen; denn der ist vor allen unritterlichen Streichen der unritterlichste.«

»Noth kennt kein Gebot;« meinte Gerhard. »Hättet Ihr gesehen, wie mich der Wirth beschimpfte, hättet Ihr gesehen, wie meine lieben Freunde mich sitzen ließen, – hättet Ihr empfunden, wie kalt dieser Ofen und wie leer mein Magen war; Ihr würdet glimpflicher mit mir verfahren.«

»Einem Juden?« fuhr der junge Mann fort: »Der arme Junge! Ich war ja dabei, als Du ihn gefunden. Noch sehe ich sein holdes Antlitz; ich empfahl ihn Dir noch auf das Beste, da ich Dich trunknen Mann an der Hausthüre Deinem Knechte überließ; aber was hilft das Alles! Verschachert wie Joseph an die Kinder Ismaels! Nun, wart, wart! alter Luxbruder! Der heilige Martin wird Dir's gedenken, wenn die Seele eines Christen durch Dich zum Teufel fährt.«

[32] »Ei nun;« erwiederte Gerhard: »so überlaßt es auch dem heil. Martin und brummt nicht mit mir. Was soll das Hadern? Laßt uns den Span in Minne beilegen, und zu Gaule steigen. Geld klingt in der Tasche, und überall stehen die Fässer uns offen. Seyd Ihr schon reisefertig?«

»Mein Pferd steht vor meiner Herberge;« antwortete noch etwas finster der junge Mann; »laßt uns dort den Valettrunk halten, denn von Deinem mit Christenblut bezahlten Sekt nehme ich keinen Tropfen an.«

Der Vorschlag wurde von dem trinklustigen Gerhard recht ausführbar befunden, und die Beiden begaben sich auf den Weg. Der lange Vollbrecht, ohnehin zum Fußmarsch verdammt, machte sich eilends zum Thore hinaus, während die Herren noch lustig im Rosengarten sich zutranken. Die rothwangige Tochter des Hauses kredenzte den feurigen Wein, und entzückte durch ihre Liebenswürdigkeit den jungen Mann dergestalt, daß er den Arm um ihren schlanken Leib legte, und sich theuer vermaß, er wolle ihrer selbst im Getümmel der Feste zu Costnitz eingedenk seyn.

»Ei, seht doch!« schäckerte die erfahrne Dirne: »Der Junker will wohl gar noch läugnen, daß er in Frankfurt eine schöne Amrie zurückgelassen, daß vielleicht in Costnitz eine zweite seiner harrt.«

Der Junker fuhr sich unmuthig über die Stirne. »Was schwatzest Du da für Zeug, tolles Mädel!« rief er: »Man muß Deine Schönheit schätzen, wie ich, um Dir Deine Unverschämtheit so hingehen zu lassen!«

[33] »Nur nicht böse, lieber Herr!« bat Dorothea: »Es ziemt mir freilich nicht, also mit ritterlichen Leuten zu scherzen, allein dem willkommnen Mund verzeiht man öfters eine unwillkommne Rede.« – Sie bot dem Jüngling die frischen Lippen zum Kuß, der auch nicht verweigert wurde. – »Ihr dürft Euch übrigens,« fuhr sie fort, »im Ernste darauf gefaßt machen, Euer Herz in Costnitz zu verlieren, wäre es auch ganz allein an die schöne Fremde, die gestern einen Augenblick hier still hielt auf ihrer Reise nach Costnitz, und trotz der stark einbrechenden Nacht alsobald weiter fuhr. Sie darf Euch dort begegnen, und Ihr seyd unwiederbringlich verloren.«

»Eine schöne Fremde?« fragte der Jüngling begierig. »Jungfrau oder ...«

»Ein Fräulein ist sie wohl nicht, denke ich;« erwiederte das schlau lächelnde Mädchen: »aber eine Wittib ganz gewiß, eine junge schöne Wittib, der das schwarze Trauergewand unvergleichlich zu den dunkeln Augen steht.«

»Eine Frau in Trauer?« fragte Gerhard begierig: »die nur einen Augenblick halten ließ?«

»Ja; sie ließ sich nur einen Trunk Weins belieben, und fuhr schnell von dannen. Ein Fuhrknecht und eine junge Gürtelmagd waren ihre ganze Begleitung.«

»Sie ist's! ohne Zweifel!« schrie Gerhard. »Der Zufall hilft uns auf die Sprünge!«

Dorothea staunte. »Auf welche?« fragte der junge Mann; und gab dem vorlauten Fechtbruder einen derben Rippenstoß, als dieser von dem gefundenen [34] und verkauften Knaben anheben wollte. Gerhard schwieg bestürzt, und folgte ohne Widerrede dem Junkherr, denn, – nachdem er in Kürze von Dorothea erfragt, daß die trauernde Fremde in der That den Weg gen Costnitz genommen, und vermuthlich eine jener fahrenden Frauen sey, die des Gewinns halber die Kirchenversammlung mitzufeiern gedachten, – rasch zu Gaule stieg, und nebst seinem Begleiter Worms bald im Rücken hatte.

»Sage mir aber ums Himmelswillen,« begann der Jüngling nach einer Weile unmuthig, »sage mir, ob Du rein des Satans bist, Du küpfriges Gefäß? Erst verhandelst Du eine unmündige Seele an den Moloch, und hinterher willst Du durch Dein abgeschmacktes Gerede uns in den Mund der plauderhaften Dirne, vielleicht auf den Scheiterhaufen bringen?«

»Nun, nun,« fiel Gerhard begütigend ein: »Nur nicht böse; meine Offenherzigkeit ist allzugroß, und wenn die Frau wirklich die Frau wäre ...«

»Schweig!« brummte der junge Mann: »Du wärst noch im Stande, der Nächstbesten auf den Kopf zuzusagen, daß sie ihr Kind ausgesetzt; blos weil sie ein schwarzes Kleid trägt. Ich sollte mich billig aufs Neue gegen Dich erzürnen, Du Seelenverkäufer.«

»Laßt's seyn,« meinte Gerhard. »Es kömmt bei dem Zanke nichts heraus, als viel Geschwätz, viel Galle, und am Ende Blut, wenn die Galle überläuft. Der heilige Martin wird die Sünde von mir nehmen, und damit genug. Laßt uns lieber von Eurem Herzlieb reden, das Ihr in Frankfurt zurückgelassen; [35] denn ohne Grund wurdet Ihr nicht roth, da das Kellerdirnel Euch auf das Kapitel brachte.«

»Pah! Schnurren und Flausen!« lachte der Jüngling. »Jede Dirne träumt nur von Minne, und jeder gewäschige Hagestolz von unziemlicher Buhlschaft. Ich antworte Dir darauf Nichts, als daß ich zum Dienst des Herrn bestimmt bin, und also an kein Lieb zu denken habe.«

Gerhard hielt plötzlich seinen Gaul an, stemmte beide Arme in die Seiten, und brach in ein unmenschliches Gelächter aus. »Ho ho!« stammelte er unter demselben, und wischte sich die Lachzähren aus den Augen: »Erlaubt mir, daß ich lachend sterbe bei dem Gedanken, Euch dereinst im Chorrock mit geschorner Platte zu erblicken.«

»Stirb zu, alter Pickelhäring!« entgegnete ihm der Begleiter lustig: »Jetzt hast Du die beste Zeit dazu, denn ich ertheile Dir die Absolution in aller Form, und einen so nachgiebigen Beichtvater findest Du gewiß in Deinem ganzen Leben nicht mehr. – Was meinst Du aber mit Deinem Narrengelächter eigentlich. Denkst Du, ich würde mich schlecht ausnehmen im Meßgewand oder gar, wenn das Glück will, in der Inful?«

»Bewahre!« versetzte der Hülshofen: »Ick bedaure vielmehr alle Dirnen und Frauen, die das Unglück haben, den Ort zu bewohnen, wo Ihr Chor singt, oder den Hirtenstab regiert. Es macht mir indessen Spaß, Euch mir im Pfaffengewand zu denken, da Ihr doch augenfällig in den Panzer gehört, – mit dem Rauchfaß bewaffnet, da Ihr doch den Flamberg [36] führen solltet von Gott und Reichswegen! – die Kerze in der Faust, die den Sperber zu tragen geschaffen ist.«

»Hast Recht;« sprach der Jüngling, ein wenig nachdenklich werdend: »aber was hilft all das Reden gegen Vatergebot und Muttergelübde? Die gute Mutter! Daß sie mich zur Welt gebracht, gab ihr den Tod; doch um dem Himmel zu danken, daß er nur mich gesund und getrost erschaffen, vermählten mich ihm ihre sterbenden Lippen, und gerne schied sie dahin, weil ich nur athmete. Mein Vater – Du kennst ihn ja, – der alte Diether Frosch, stieß sich in meiner Erziehung wenig an den Schwur der Mutter, und ließ mich adeliches Gewerb lehren. Ich lernte reiten, fechten, wälsch, hungarisch und deutsch tanzen, Falken abrichten und der Jagd obliegen, die Laute spielen und den Ball schlagen. Nothdürftig begriff ich die Kunst des Lesens und Schreibens, und war weit entfernt, zu glauben, daß es jemals Ernst werden sollte mit dem Gelübde der Mutter. Aber, da mein Vater ein anderes Weib nahm, und mir eine böse Stiefmutter gab, wurde es anders.«

»Glaub's;« schaltete der Edelknecht ein: »Kann auch ein Liedlein singen, wie's den Kindern erster Ehe geht.«

»Auf einmal war ander Wetter in unsrem Hause:« fuhr der junge Mann fort. »Die Stiefmutter ein blühendes rundes Weiblein, nicht älter denn ich damals gewesen – nämlich achtzehn Jahren mit Haut und Haar, zog ein in des Bräutigams Gut und Habe, – eine rüstige Abigail zu einem ergrauten [37] David. Seinen Reichthümern hatte die arme Freiin ihre Jugend geopfert; er hatte seine Selbstständigkeit für die Rosen ihrer Wangen hingegeben. Der Himmel der neuen Ehe war blau, so lang die Hochzeitsfeste dauerten, dann thürmten sich winterliche Wolken daran auf. Die Rosen wollten im Schnee nicht gedeihen; sehnten sich nach einem andern Gärtner. Der Vater hatte nicht klug daran gethan, den erwachsenen Sohn im Hause zu halten; und ... doch es gilt Dir gleichviel, wie es geschah, daß ich aus Liebe zum Vater mit der Stiefmutter in Unfrieden gerieth.«

»Nur weiter; ich begreife schon;« versetzte Gerhard schelmisch lächelnd.

»Mit einem Wort«: fuhr der Jüngling fort: »Plötzlich brach die alte Litanei los, von dem Gelübde der Mutter, von der Verpflichtung es zu halten, und da nach Verlauf eines Jahrs die Stiefmutter eines Söhnleins genaß, war mit einem Streich mein Schicksal entschieden. Meine Schwester älter als ich und kühner, hatte schon früher das väterliche Haus im Zwist verlassen, und an Thüringens Grenze ein Gut bezogen, das ihr ein Oheim geschenkt, der Prälat eines Klosters in Wälschland ist, und den sie um Schutz angefleht gegen die böse Mutter. Ich folgte ihr bald nach, und ward zu dem berühmten Predigermönch Johannes in Obhut gethan, der das Privium und Quadrivium volle fünf Jahre mit mir durchstöberte, und mich endlich auf den Punkt gebracht hat, wo man eingeht in das Pfaffenthum. Nun schrieb mein Ohm, der Prälat, dem Vater, und forderte [38] ihn auf, mich ihm zu senden nach Costnitz, we er Pflichtswegen dem Concilio beiwohnt. Ich soll ihm gen Wälschland folgen, auf einer hohen Schule meine Studia vollenden, und durch seinen Einfluß einer fetten Pfründe gewärtig seyn.«

»Wohl dem, der heiliger Verwandtschaft sich rühmen kann;« meinte Gerhard.

»Und so ließ ich denn Alles dahinten,« fuhr der Jüngling fort: »Haus und Hof und Geld und Gut gehört dem kleinen Bruder Johannes, und ich überlasse ihm Alles gern, denn er ist ein lieblicher Bube, sofern als ich mich seiner noch entsinnen kann, bevor er seiner Gesundheit halber weggethan wurde in die Kost zu einer Amme unfern des Königsteins. Mag er in Wohlstand leben, mag ihn die Mutter verhätscheln, und der Vater Abgötterei mit ihm treiben; mir gleichviel. Mich ernährt fürder der Altar, und ein faules Chorherrnleben ist eben nicht das Schlimmste.«

»Gott erhalte Eure Lustigkeit, Junker Frosch!« rief Gerhard: »Mit Euren Schwänken helft Ihr Euch über Alles hinüber. Und Recht habt Ihr, beim Donner. 'Skommt nur darauf an, wie man die Sache nimmt. Seyd Ihr einmal Stiftsherr, hat's keine Noth. Die beste Tafel, die süßesten Weine stehen Euch zu Gebot. Dm Morgen verträumt Ihr im Chor, oder schwänzt die Kirche, habt Ihr gerade nicht Lust zum Singen und Plärren. Für die Vesper mögen die Kapläne sorgen, während Ihr in Edeltracht zu Pferde sitzt, oder hinter'm Brettspiel, oder im kühlen Keller. Die Seelsorge kümmert Euch nicht; Ihr habt nur die Mühe, das was Ihr gelernt, zu vergessen, [39] und wenn Euch dann nach einem Tage voll Last und Plage Euer seidnes Lager aufnimmt, so finden sich auch wohl ein Paar schöne Arme, die Euch umpfangen, ohne daß der Leutpriester den Segen darüber sprach.«

»Ei du ruchloser Gauch!« lachte der Junker: »Also verunglimpfst Du das geistliche Leben?«

»Straft mich Lügen, wenn Ihr könnt;« rief Gerhard in Eifer: »Tretet nur einmal in ein vornehm Gestift und Ihr werdet mehr noch sehen. Machen's doch die Pfaffen auf dem platten Lande auch nicht besser. Der Pfarrherr hält sein Lieb im Hause, der Vikar sucht es ausserhalb. Der Domherr sieht keine zehnmal im Jahre seinen Chorstuhl, und der Bischof hat das Uebermenschliche gethan, wenn er die Weihen empfing, und vielleicht am Osterfeste das Hochamt mit anhört, auf seinem Throne sitzend.«

»Leider hast Du Recht;« erwiederte der Begleiter. »Unfug ist eingerissen, aber ihn zu beseitigen, ist ja die Kirchenversammlung angeordnet. Du wirst sehen ...«

»Daß eine Krähe der andern die Augen nicht aushackt;« unterbrach ihn Gerhard. – »Laßt nur die Wälschen hineinplaudern; so ist von vorn herein Alles verkehrt.«

»Vergissest Du, daß des Kaisers Majestät selbst sich alle Mühe gab, das Concil zu Stande zu bringen? daß der beredtsame Prediger aus Böhmen daselbst seine Lehre vertheidigen, sieghaft vertheidigen wird?«

[40] »Sieghaft?« lachte Gerhard: »Ihr habt so viel gelernt und tappt im Dunkeln? Wie machts der Jäger einem störrigen Rüden, der die Zähne weißt? Er lockt ihn mit Schmeichelworten, und kommt der dumme Hund heran, bethört von trügerischer Freundlichkeit, so liegt ihm der Maulkorb vor der Schnauze ehe er sichs versieht, und der Knüttel auf dem Kreuz. – Wollt Ihr wissen, wie ichs einem Gegner mache, dessen Fechterkünste mir gefährlich scheinen? Ich lüfte den linken Arm, und während er nach der klaffenden Schiene stößt, und auf dem schnell gekehrten Schild die Lanze bricht, spießt ihn meine Glene zwischen Halsberge und Krebs. Mein Roland schlägt seinem Pferde den Huf in die Seite, und im Sande liegen Roß und Reiter. – Was übrigens den Kaiser angeht, der wie ein Büttel deutscher Nation durch alle Länder fuhr, um Gotteswillen die Fürsten einzuladen ...«

»Schweig, Lästerzunge!« fiel ihm scherzend der Andere in die Rede: »Den Kaiser taste mir nicht an. Dagobert! sagte mein Vater beim Abschiede: Ich werde Deine Tage segnen, so ich Dich einmal in den Würden unsers Vorfahrers sehe, des berühmten Wicker Frosch, der Hauskaplan des höchstseligen Kaisers Caroli des Vierten und dessen rechte Hand gewesen! – Da ich nun also, diesen Zweck zu erreichen, mich freundlich mit dem Mehrer des heil. römischen Reichs halten muß, so verbiete ich Dir jeden Ausfall gegen Seine Majestät.«

»Nun in Gottesnamen!« versetzte Gerhard: »So sey denn Friede zwischen uns, und ich empfehle Euch, [41] als zukünftigem Kanzler des wackern Herrn, Euern unterthänigen Knecht von Hülshofen zu beliebiger Versorgung.«

Lustig trabten sie von dannen, und vertrugen sich herrlich auf der ziemlich weiten Fahrt, die, eine vorzeitige Kälte abgerechnet, nichts Besonderes aufzuweisen hatte. Ungeduldig sah sich Dagobert nach Abenteuern um. Mit gleicher Ungeduld spähte Gerhard aus nach der Unbekannten im Trauergewande, aber die Sehnsucht Beider ward getäuscht. Näher und näher kamen sie dem Ziele, und waren nur noch etliche Stunden von Costnitz entfernt, als sich endlich der Schauplatz um sie her veränderte. Die Straßen wimmelten von ab- und zugehenden Wanderern, von Reitern und Fahrenden. Eine große Menge von Landleuten schleppte die Vorräthe des Landes nach der Stadt, in der es summte und brauste, wie in einem Bienenstocke. Kaufleute, Handwerksgesellen, Gaugler und Bänkelsänger zogen Hordenweise dem gelobten Lande zu. Alle Herbergen und Schenken waren überfüllt von fremden Gästen, die in jeder Zunge schwatzten, sangen und fluchten. Gerhard freute sich des bunten Lebens, so lang es ihm nicht den Zutritt zum Keller versagte, aber seine Erwartung, diese Freude von seinem jungen Begleiter getheilt zu sehen, betrog ihn gewaltig. Der muntre Dagobert wurde unter dem ergötzlichen Gewühl still, einsylbig, verdüstert, und blickte verdrossen vor sich hin.

»Lustig! Lustig!« rief ihm Gerhard mit ungestümer Theilnahme zu: »Es geht ja hier zu, wie beim Thurmbau zu Babel! Fröhlich mitgeschwommen [42] in dem Strome des heitern Lebens, junger leicht beweglicher Fisch! Jetzt, unter Fremden gilt's, die blenden Schuppen zu regen, und obenauf zu rudern in träglicher Fluth!«

»Deine Ermahnungen erregen nur meinen Unmuth;« erwiederte Dagobert. »Was ist es anders, das meinen Geist bekümmert, als eben wandeln zu müssen unter Fremden. Hier ist nicht mehr Deutschland. Die heimeliche Sitte der Vaterstadt gilt hier nicht mehr, untergehend unter dem Schwall fremder Gewohnheit, die sich breit macht auf unsrer Erde. Und nimmer kehre ich vielleicht zurück zu dem Hause, wo meine Wiege stand; nimmer sehe ich sie vielleicht wieder, die Fluren auf denen meine Jugend erwuchs. Ein gutgemeintes aber vorschnell Wort schneidet mich aus dem häuslichen Leben; der Groll einer Verschmähten wirft Berge und Ströme zwischen mich und meine Heimath! Was wird mir die Fremde bieten, die nicht meine Sprache kennt, nicht mein vaterländisch Herz?«

»Ihr schiebt Alles aufs Vaterland!« brach Gerhard los: »aber der Donner soll mich erschlagen aus heitrem Winterhimmel, wenn hinter den Gedanken an die Heimath sich nicht noch birgt das Gedächtniß an was Liebes, das Ihr daheimgelassen.«

Dagobert erröthete und sprach nach einer Weile: »Fast möchtest Du recht haben. Ich gestehe es selbst. Ich glaubte nicht, daß ein wohlthuend Gefühl, welches ich seit Jahren bewahre, wie man eine bescheidne Blume bewahrt im stillen Schlafgemach, so ernstlich geworden sey. – Aber,« fuhr er, sich ermannend,[43] fort: »Es ist all Thorheit und Schnack. Ich hätte das Blümlein nicht vor die Brust stecken dürfen, wenn ich auch ein Laie bleiben könnte. Der Levit muß sich ohnehin die Gedanken vergehen lassen.«

»Ihr sprecht so zierlich, als ob Ihr bei einem alten Minnesinger in die Lehre gegangen wäret;« meinte Gerhard: »Löblicher ist es aber noch, sich in seine Lage finden. Ihr seyd nicht dazu gemacht, für die Liebe zu sterben in der Sehnsucht Pein. Schwer ists allerdings, ein Mägdlein zu vergessen, an das man sich gebunden mit der Herzenskette, so lang man nurseiner gedenkt, und unnöthig ihm die Treue aufbewahrt. Aber federleicht wird's, – glaubt es mir – sobald man sich vornimmt, Alle zu lieben, die ein fein Gesicht und ein lieblich Ansehen erhalten haben von dem lieben Gott. Thut ein solches und ihr werdet mich loben.«

Dagobert lachte. – »Das ist es ja eben, was ich am meisten fürchte;« rief er: »Der Himmel hat mir ein butterweiches Herz geschenkt, wie es mein Vater hat, der noch im sechzigsten Jahre eine Achtzehnjährige umfing. Ein Paar schöne Augen haben mir's immer angethan, wo die Minne frei walten durfte, und die Sorge, meinem Schätzlein nicht die Treue bewahren zu können, die ich ihr im Herzen zugeschworen, quält mich halb zu Tode. Doch diese Wolken gehen auch vorüber, wie alle andern, und der Sonnenschein meiner frohen Laune wird nicht ausbleiben. – Sieh diese herrliche Aussicht über die Stadt und den Bodensee! Sieh, wie alles funkelt im winterlichen Mittagsglanz! Wen sollte dieser Anblick [44] nicht froh machen im tiefsten Leid? Horch! die Glocken läuten uns entgegen. Sie könnten nicht feierlicher schallen, wenn Du der Kaiser wärst, und ich an Deiner Seite heranritte, als Hauskaplan!«

Durch solche Scherze suchte Dagobert das unangenehme Gefühl zu ersticken, das sich in seinem Innern bemerkbar gemacht hatte, obgleich ihm nicht recht um's Scherzen war. Gerhard hörte ihm wohlgefällig zu, ließ den Blick über Stadt, See und Strom gleiten, und übersah es, daß der Weg an einem geringen, aber von Reif und Novembereis geglättetem Abhang hinunter lief. Plötzlich strauchelte sein Pferd, und nur ein kecker Griff Dagoberts in die Zügel des stolpernden Rolands, konnte Gaul und Reiter vom gefährlichen Sturz erlösen. – »Kreuz und Dorn!« fluchte der erschrockne Gerhard, stille haltend: »Das kommt davon, wenn man Euch zuhört, und sich selbst darüber vergißt! Die verdammte Halde mit ihrem Abhang! Es wird besser seyn, wenn wir, – da doch die Mittagsglocken läuten – wie andere ehrliche Christen, von den Pferden steigen, das Käpplein unter den Arm nehmen, und unsere Thiere betend weiter führen.«

»So sey's, Du wackrer Christ!« entgegnete Dagobert: »Es wird nebenbei nicht schaden, daß wir bei der Hand sind, wenn jener Reitersmann, der da vor uns hinkleppert, sich aus dem Sattel begeben sollte. Sein Gaul tanzt wie Deiner auf der Eisbahn, ... wie Du scheint der Mann in Gedanken versuncken, denn der Zaum hängt schlaff, und wer weiß, wie bald ...«

[45] »Alle Teufel! da haben wir's!« unterbrach Gerhard sein schon begonnenes Gebet, und er und Dagobert setzten sich in Lauf, auf die Gefahr ein Bein oder den Hals zu brechen; denn der besagte Reiter schlug so eben zum Boden nieder, und das Roß wälzte sich auf ihm. Die Helfer in der Noth schnirten in der Eile ihre Gäule an einer Buche fest mit dem Zügel, und eilten zur Rettung des Gestürzten herbei. Mit vieler Mühe wurde dieser von der Last seines Pferdes befreit, das sich mit der größten Anstrengung aufrichten ließ, und endlich, schauernd von Schreck und Schmerz, aber unverletzt neben seinem Herrn stand. Dieser saß, nach und nach Besinnung und Sprache wieder erlanget, auf der Erde, und starrte die beiden Schutzengel lange an.

»Gelobt sey Jesus Christus!« begann er endlich mit sehr tief und vollklingender Stimme, während er sich das linke Bein rieb, auf dem sein Rappe gelegen war: »Das war ein Sturz, wie er mir doch Zeit meines Lebens nicht vorgekommen ist.«

»Ihr seyd doch ganz und heil, lieber Herr?« fragte Dagobert theilnehmend. – Der Fremde zuckte die Achseln, aber ein zufriedenes Lächeln breitete sich über sein braunes männliches Angesicht, als er nach wiederholter Ausdehnung seiner Gliedmaßen verspürte, daß sie unverletzt geblieben. –

»S'ist noch gut genug abgelaufen!« meinte er, und wischte sich den kalten Schweiß von der Stirne. »Hebt mich auf, ihr guten Leute; ich werde wohl mit Gottes Hülfe allein stehen können.« Der Versuch ging ohne Gefährde glücklich vorüber. Der Fremde [46] stand da, seine beiden Nothhelfer um ein Erkleckliches überragend, und wandte nun die herrischen Augen gegen den Rappen, der noch ängstlicher zitterte, als ob er des Herrn Blick schon kenne und dessen Folgen. »Seht da, ihr Herren!« sprach der abgeworfene Reiter: »seht da einen Gaul, der mir schon zehen Jahre dient, und mich auf manchem Ritt zu Ernst und Schimpf getragen, um den man mich gar oftmals beneidet, und den ich Gutfreund getauft, um seines sichern Schrittes und seiner Aufmerksamkeit willen. Ist's nicht eine Schande, daß er mich heute abgeschleudert in seiner faulen Nachläßigkeit? Du böses Pferd – mit unsrer Freundschaft ist's aus: von heute an reite ich dich nicht mehr.«

»Wenn Ihr der Wechselpferde mehrere besitzt, ist's gut für Euch;« versetzte Gerhard, der den schlichten Lederkoller des Reiters mit Geringschätzung betrachtete: »Indessen hat der Gaul nur ein Versehen verschuldet. Es ist ja kein Mensch.«

»Wackre Freunde und treue Thiere halten sichern Schritt bis an's Ende!« erwiederte der Fremde, die Sache ernster nehmend: »Sie sollen seyn ein treuer Stecken und Stab, der nimmer bricht, als im letzten Stündlein. Wort und Gehorsam sollen ewig seyn. Der Freund, in dessen Schooß ich nicht sicher ruhen kann – der Gaul, der durch Trägheit oder Scheu mein Leben in Gefahr bringt – sie gelten mir Nichts mehr. Darum fresse dieser abgedankte Träger das Gnadenbrod, so lange er will. Er verkümmre aber unter dem Troß.«

[47] »Ihr seyd ein seltsamer Mensch!« lachte Gerhard: »Um des Bischens Abwerfens willen! Du lieber Himmel! Mein Roland ist mir um das Reich nicht feil, aber abgesetzt hat er mich dennoch oft, nur nie, wo's Ernst galt. Kugelt man auch ein wenig in den Staub, was thuts, so lange die Rippen halten? Ist Euch doch nichts mehr nichts weniger begegnet, als dem heiligen Vater erst vor Kurzem, da er über den Oelberg gen Costnitz zog, und sein Fuhrwerk umschlug.«

Der Fremde brummte ein etwas unwilliges »Hm!« ergriff den Zügel seines Rappen und zog ihn, langsam vorschreitend, nach sich. Dagobert hatte die beiden andern Pferde herbeigebracht, und alle Drei gingen, der Fremde in der Mitte, auf die Stadt los, die Thiere führend. Gerhard der ungern seinem Witz Fesseln anlegte, war er einmal im Zuge, schwazte weiter im Texte: »Wie Ihr so straff und aufrecht daher schreitet, lieber Herr! Euch kümmerts nicht, ob dieser Fall ein böses Omen gewesen oder nicht. Doch Se. Heiligkeit ist furchtsamer gewesen, und es dürfte leicht geschehen, daß sie Recht hatte, als sie auf dem Oelberg ausrief: Was hat es zu bedeuten, daß uns der Unfall widerfuhr? Gott lenke es zum Guten!«

»Und lehre Dich schweigen, aberwitziges Schneppermaul!« platzte der Fremde los, der, als dis Rede wieder vom Pabste anhob, die Stirne gehässig gerunzelt hatte: »Verspotte nicht das Haupt der Christenheit, oder ...!«

[48] Er schwang den Handschuh der linken Faust drohend gegen den bestürtzten Gerhard, schien aber weniger Lust zu haben, ihm denselben vor die Füße zu werfen, als um's Gesicht zu schlagen. Hülshofen griff nach dem Schwertknauf; Dagobert jedoch, der schnell auf seine Seite gesprungen war, flüsterte ihm zu: »Gib Ruhe, Raufbold! willst Du Dich ins Verderben bringen. Wir sind innerhalb dem Weichbilde der Stadt. Du bist dem Blutbann verfallen, so Du ziehst.«

»Dem schlagfertigen Gerhard fiel das strenge Conciliumsgesetz ein, und murrend ließ er die Klinge ruhen, einigen Schimpfworten Luft machend, und den Fremden mit drohenden Blicken messend. Dagobert drängte sich zwischen Beide. Ihr mögt seyn, wer Ihr wollt, begann er zu dem Fremden, so bitte ich Euch, Friede zu halten. Ein Schwank soll nicht mit Blut gesühnt werden, und wenn drei unbedeutende Menschen wie wir zum Schwert greifen, einen tollen Handel auszufechten, wird es dem heiligen Vater von wenig Nutzen seyn. Ueberdieß sind wir Fremde; daß Ihr es seyd, verbürgt mir Eure Mundart. Warum wollen wir den Hals dem Gesetze dahingeben, während wir vielleicht zu einem rühmlichern Streite aufbewahrt sind.«

»Ihr sprecht wie ein Buch;« versetzte der Fremde lächelnd: »Ihr irrt jedoch, wenn Ihr glaubt, daß ich dem Menschen dort zu Leibe wollte. Beim heiligen Georg! das kam mir nicht zu Sinne. Mir stünde es wenig an, mich mit ihm gemein zu machen. Euch hingegen kennen zu lernen, junger Mann, freut [49] mich ganz absonderlich. Auf stillehrbare Leute kann man sich verlassen, denke ich. Wollt Ihr mein Freund werden, so sagt mir Euern Namen.«

Dagobert wollte so eben, sich verwundernd, dieselbe Frage an den Fremden richten, da kam unweit des Stadtthors ein Knecht daher in weiß und rothem Rock, entblößte, da er des Unbekannten ansichtig wurde, das Haupt, und blieb am Rande des Weges stehen. – »Nimm dieses Pferd,« sprach der Reiter zu ihm, »und bring es in den Stall. In Zukunft reite ich den Schimmel nur.«

Der Knecht empfing, still sich neigend, das Thier, und einen Schritt von Thor entfernt, fragte der Herr den jungen Frankfurter lächelnd: »Werde ich noch nicht erfahren, wer mir aus der Noth half?«

Dagobert nannte bescheiden seinen Namen, und machte auch Gerhards Stand und Geschlecht kund. »Mit dem Edelknecht hab' ich nichts zu schaffen;« versetzte der Fremde barsch: »Er hat den Dienst, den er mir leistete, zu Nichte gemacht, durch seinen ungebetenen Vorwitz in einem Ding, ob dem ich keinen Scherz verstehe. Ihr aber, biedrer Altbürger, Ihr seyd mir lieb und werth. Ohne Zweifel werdet Ihr im Engel Eure Wohnung nehmen, da die Schöffen, Euerer Stadt Abgesandte, daselbst die Einkehr nehmen? Recht lieb wird mir's seyn, von Euch zu hören.«

Nach einem flüchtigen Kopfnicken verließ der Mann, ohne weiter das Geringste hinzuzufügen, die Ankömmlinge, und ging in die Stadt. Die Letztern sahen wohl, daß die Soldwächter ehrerbietig Platz[50] machten, die Bürger demüthig Hüte und Mützen rückten, und sothane Ehrfucht auf sie Beide sogar überging, da sie mit dem geehrten Mann herangekommen waren. Stolz trabten sie und staunend durch das Thor. »Ich fürchte, ich habe einen thörichten Streich gemacht,« flüsterte Gerhard dem Begleiter zu: »Der Mann ist wohl mehr, als wir Beide.« – »Möglich;« versetzte Dagobert lächelnd, und verwies den Neugierigen an den Knecht, der mit dem gestürtzten Gutfreund hintendrein kam. »Wie nennt sich Dein Herr, guter Gesell!« fragte auch Gerhard den Knecht, und verstummte kleinlaut, als dieser erwiederte: »Seine fürstl. Gnaden ist's, der gnädigste Herzog Friedrich von Oestreich-Tyrol.«

3. Kapitel
Drittes Kapitel.

Ein dreitausendjähriges Gesetz! Seine Wurzel, in den Pyramiden, seine Wipfel allenthalben Schatten werfend: ein vom Blitz gespaltner Stamm, grünend dennoch durch die Thränenströme ausgestoßner Sclaven! ...


Die zwischen dem Mainstrom und der Domkirche gelegene Judengasse zu Frankfurt war mit ihren alterthümlichen Häusern in das Dunkel eines späten Freitags Abends versunken. Still und einsam war die enge und krumme Straße, und es wimmelte nicht [51] mehr das geschwätzige Volk darin umher, das wohl zu den Zeiten Ludwigs des Baiern sich darin bewegte. Das Geschick dieses Volks hatte sich seit dem Tode jenes Fürsten nach und nach gewaltig umgestaltet, und in Folge des harten Drucks, der sogar dann und wann in offene Schlachten ausbrach, war der israelitische Stamm zu Frankfurt ausgegangen bis auf wenige Geschlechter. Diese hausten nun abgezogen von der übrigen bürgerlichen Welt in ihren halbverfallnen Gebäuden, deren Nachbarhäuser in Ermanglung der ehemaligen jüdischen Besitzer die blutärmsten Einwohner der Reichsstadt inne hatten. Diese Letzteren, dem bittern Mangel unterthan, belauerten mit eifersüchtigen Blicken das Thun und Treiben der Juden, die Bedürfniß und Gewinnsucht auf den Handel anwies, und die alle List anzuwenden hatten, ihren wachsenden Wohlstand vor den neidischen Augen ihrer Nachbarn zu verbergen. Darum ließen sie ihre Wohnungen von Aussen verfallen, darum schlichen sie umher in der zerlumpten Tracht mit Zwerchsack und Wanderstab, darum ließen sie den seltenen Gästen, die sich in ihre Häuser wagten, nur die in Elend und Schmutz versunkene Unterstube sehen; darum schloßen sie sorgfältig am Sabbath ihre Fensterladen und Hausthüren, daß nicht durch die Ersteren der Lichter Schein, durch die Letzteren der Geruch der Festspeisen dringen und einen Schimmer von Wohlhabenheit verrathen möge, der ihnen hätte gefährlich werden können. – So waren auch heute ihre Fenster und Pforten verliegelt und der Feierabend eingekerkert zwischen vier Mauern. Das Haus des Ältesten [52] unter ihnen, der in der ganzen Umgegend wegen seines Alters, seiner Leiden und Erfahrungen hochgeachteten David Ben Jochai, machte keine Ausnahme. Schwarz und düster sah es gleich den Übrigen in die Straße, aber, hatte man den endlosen finstern Hausgang durchmessen, die dunkle Wendelsteige überschritten, und sich durch die Nacht nach dem Hintergebäude fortgegriffen, so trat man plötzlich in einen heiter geschmückten Ort, wo der Sabbath walten durfte in prächtiger Heimlichkeit. Eine im länglichen Viereck gebaute Stube, getäfelt an den Wänden, und geschmückt mit Vorhängen und buntem Schnitzwerk war der Haustempel. Ein großblumiger Teppich bedeckte den größten Theil des Fußbodens. Von der Decke schwebte der siebenarmige Leuchter, unter welchem der runde Tisch stand, überhangen mit einer rothwollenen Decke, über die erst wieder eine andere kleinere gebreitet war, von weißem feinem Linnenzeuge. Um den Tisch, – den drei silberne und reich gearbeitete Becher schmückten, auf einer silbernen Kredenzplatte aufgestellt, – standen drei Stühle mit hohen goldverzierten Lehnen und Polstern von geschornem Sammet. Unfern von der Tafel glänzte aus einer Nische der Mauer das silberne Waschbecken, in welches, sobald man den oben angebrachten vergoldeten Hahn umdrehte, das klare Wasser sprudelte. Feine Linnentücher lagen zum Abtrocknen bereit. In der Ecke war der Tisch zu schauen, der die Festspeisen trug und den blinkenden Weinkrug. Der Hintergrund der Stube nahm aber ein auf morgenländische Weise geordnetes Lager von bequemen Seidenpolstern [53] ein, überlegt mit einem köstlichen gewirkten Stück. Auf diesem Lager ruhte nun die Enkelin des Hausherrn, Esther, die an Schönheit ihres Gleichen nicht hatte am ganzen Rhein- und Mainstrom; angethan mit prächtigen Gewändern nach der Sitte des Vaterlands geschnitten, glänzende Gehänge in den Ohren, und viele kostbare Ringe an den Fingern. Sie hielt eine Schnur von farbigen Glaskugeln in den Händen, und ließ sie gedankenlos auf- und niedergleiten, – ein erlaubtes Spielwerk. Aber aufmerksam lieh sie ihr Ohr dem Großvater, der zu ihren Füßen saß, in eine schön gefütterte Pelzschaube gehüllt, das silberweiße Haar mit einem Sammetkäpplein bedeckt. Wer ihn betrachtet hätte, den alten Mann, wie er so da saß, gebückt von den Jahren, die Ellenbogen auf die Kniee gestützt, und die Hände lebhaft bewegend wie die redende Lippe, und den schneeigen, bis über den Gürtel fallenden Bart, hätte ihn für die Zeit selbst halten sollen, die der Frau Venus Mährlein erzählt von vergangenen Tagen. Und in der That war es auch die Zeit, die auf den Lippen des Alten saß, und die Vergangenheit gab er wieder in eifrigen Worten. Das Geschick hatte ihn bereits durch einen Kreis von hundert Lebensjahren geführt, und hundert bittre Jahre waren es, von denen er Kunde geben konnte. Nun ist die Zeit des Leidens die unerschöpflichste; denn während ein frohes Jahr vorüberschäumt wie der brausende Geist feurigen Weins, schleichen die trüben Tage gleich Jahrhunderten dahin, schauckelnd auf langsamer fauler Woge, und lassen dem Mitschwimmer Muse genug, in die [54] Tiefen zu schauen – in die Klüfte die sich aufreißen während seiner Bahn. Damit er sich all ihre Schrecknisse einpräge im sichern Gedächtniß. Diese ernsten Anschauungen mitzutheilen, ist ein Bedürfniß des Alters, das ohnehin nur allzuoft den kecken Gang kraftbewußter Jugend in den prüfenden Schritt der alternden Bedächtigkeit verkehren möchte. Der greise Jochäi öffnete also auch, sobald der Ruheabend eingebrochen, den Schatz seiner Rede und Erfahrung, und unterhielt den Sohn und die Enkelin von den Schicksalen und Begebenheiten ihres Volks. Heute hörte ihm jedoch nur die reizende Esther zu, da ihr Vater unbegreiflicher Weise von seiner Handelswanderung noch nicht zurückgekommen war. Es schien überhaupt an diesem Abend ein besonderer Unstern die Ordnung des Hauses zu verrücken, denn auch der Diener und Mitgenosse desselben war ausgeblieben, und sein Platz hinter dem Ofen von der Sabbathmagd, der stummen Grete, eingenommen, die darin gähnend mit dem Schlafe kämpfte, und nur dann und wann aus dem Winkel hervorschlich, um die verdüsterten Lampen zu putzen.

»Die Möglichkeit, zu vergessen solche Greuel, wie ich sie erlebt,« sprach Jochai, mit gepreßter Stimme seine Erzählung endend, – »liegt außer der Gewalt des Menschen. Der fromme Rabbi Simeon, mein weiser Lehrer, dem das Paradies sey, sprach zu mir auf seinem Sterbelager, wo er noch in Frieden dahin fuhr: Junger Bube; wir leben noch anjetzo in goldener Gefangenschaft. Wir haben einen Herrn, einen harten Herrn, aber er ist gerecht, und gönnt [55] uns den Schatten seiner Gesetzpalmen. Aber, es wird kommen eine Zeit – wohl mir, daß ich sie nicht mehr sehe, – eine Zeit der höchsten Trübsal und Prüfung. Wehe wird gerufen werden über Israel! Machet aber nicht, daß die Gerechten im Paradiese über euch Wehe schreien. Haltet fest an den Büchern eurer Väter, an dem Gesetz, das unmittelbar gekommen ist, von dem, den ich nicht ausspreche, und habt ihr gekostet die bittre Frucht der Zeit, so mischet den Wehrmuth ihres Gedächtnisses dann und wann in die Speise eurer Kinder und Enkel, daß sie nicht ablassen zu flehen zu dem Allmächtigen, dessen Herrlichkeit unmittelbar unsre Scheitel berührt, damit er endlich seine Verheißung erfülle, und uns den Messias sende, den Ersehnten! – Ach, sie ist erfüllt worden, des frommen Rabbi's Prophezeiung, ... wir haben sie gekostet, die bittre Frucht der Zeiten, die da sind, aber noch immer zögern die Jahre, die da kommen sollen im Gefolge des Messiah!«

»O, sage doch, lieber Großvater,« fragte Esther neugierig: »werden sie denn wirklich so schön seyn, die Tage, über die der Verheißne als König gebietet?«

»Herrlich, meine Tochter!« erwiederte der Greis mit leuchtenden Augen: »herrlich, über alle Beschreibung. Wir werden wieder seyn wie Sand am Meere, herrschend über alle Völker der Erde. Das Leben wird verfließen in unvergänglichen Laub- und Friedenshütten! Das neuerbaute Jerusalem wird seyn die Stadt der Welt, und in seinem Tempel werden alle die vom Weibe geboren sind, dienen und opfern. [56] An Üppigkeit werden die Saaten ins Unendliche gedeihen, das Korn zu riesenhohen Garben erwachsen, die Weinstöcke ungeheure Trauben erzeugen, die Flüsse Milch und Honig fluthen. Selbst die Gestirne werden sich des herrlichen Zeitalters freuen, der Sonne dreihundertfältiger Strahl den Himmel in Paradiesesglut tauchen, des Mondes Schein die Nacht zum schönsten Maientag verklären!«

»Welch' reizende Zukunft!« rief Ester hingerissen: »Warum ist sie nicht schon zur Gegenwart geworden!«

»Noch zürnt der Gebenedeite!« versetzte Jochai mit zerknirschter Beugung des Hauptes: »noch hört er nicht die Stimmen seiner Kinder, die zu ihm schreien aus der Tiefe. Noch hält der Vater des Bösen, der Fürst der Wildniß, der grausame Sammael das Ohr des Herrn verstopft, weil er nicht will, daß unsere Gebeine ruhen im Schoße des gelobten Landes. Aber endlich wird der Schrei unsrer Noth dennoch zu dem lieblichen Gabriel dringen, dem Boten der Barmherzigkeit, und jede neue Morgenröthe kann uns den Verheißnen senden, – mit ihm unsre Rettung.«

»Käme sie doch morgen schon!« seufzte Esther: »Ich verliere alle Lust zum Leben, und mir ist gar oft der sündhafte Gedanke gekommen, als wäre doch am Ende besser eine Christin zu seyn auf Erden, als ...«

»Rede nicht aus!« fuhr Jochai auf: »Der Herr nehme den Greuel von Dir, den Du gedacht! Warum[57] hegst Du so thöricht Verlangen, das Dich in das Feuer der Gehinnam bringen könnte?«

»Verzeihe mir, Großvater!« sprach die liebliche Esther, und kreuzte die Hände bereuend auf der Brust: »aber gestehe, daß wir dahin leben, wie die trauernde Weide am sumpfigen Teiche. Ihr Männer geht aus in die Welt, seht Länder und Menschen, und gewinnt mühsam dem geizigen Gojims Euer Leben ab. Diese Art zu seyn hat manche Freiheit, manche Lust. Wir aber, wir vertrauern unsre Tage daheim. Versorgt auch Eure Güte uns mit den Leckerbissen, die uns behagen, mit der Bequemlichkeit die unsre Lust ist, mit dem köstlichen Putz, der uns so sehr gefällt, ... was hilft uns dieses Alles? Von der harten Fessel eingeklemmt, müssen wir all die Herrlichkeit genießen, verstohlen, wie ein Dieb seinen Raub. Vor der gaffenden Welt erscheinen wir nicht, oder im unscheinbaren Gewande, in erlogner Dürftigkeit. Die gesellige Freude ist ausgeschlossen aus unserm Hause. Hinter Schloß und Riegel gefällt uns nicht der Prunk, nicht die leckere Tafel, nicht das weiche Lager, von dem wir uns kaum erheben.«

»Verblendete!« eiferte Jochai: »In Fesseln liegst Du, aber in denen der verdammlichen Eitelkeit, die über dem Spiegel das Gesetz vergißt. Gefallsüchtige! Nicht auf den unzüchtigen Tänzen der Ungläubigen, nicht bei ihren heidnischen Feierlichkeiten und unsittlichen Schmausereien sollst Du glänzen. Gefalle Deinem Vater, gefalle Deinem Manne! Die übrige Welt kenne Dich nicht.«

[58] Purpurfarbe überzog Esthers Gesicht. Verlegen lächelte sie, schlug dann die großen schwarzen Augen, um Versöhnung flehend, zu dem Alten auf, und reichte ihm die Hand. – »Dir und dem Vater will ich ja auch nur gefallen,« sprach sie bittend: »und einst dem Manne, den mir Ben David erwählen wird. – Wo bleibt aber der Vater? Die Sanduhr zeigt bereits die siebente Stunde. Es wird ihm doch kein Leid zugestoßen seyn?«

»Den wahre der Fürst Israel!« erwiederte Jochai mit glaubigem Vertrauen. – »Gewiß ist mein Sohn zurückgehalten worden von den Freunden, oder es hat ihn der Sabbath auf freiem Felde überrascht, und ein wahrer Gesetzfreund heiligt ihn durch Ruhe und ein friedlich Mahl, wo es auch sey.«

In dem Augenblicke pochte es gelinde an die Hausthüre. Der Schall verbreitete sich schnell durch den leeren Vorderbau in das festliche Gemach. Großvater und Enkelin fuhren etwas zusammen. Die alte Christenmagd zündete die Traglampe an, und langte nach dem Schlüssel an der Wand. – »Bedächtig!« flüsterte ihr Jochai zu: »Ich gehe mit, um vom Fenster herab zu ersehen, wer der Klopfende ist. Komme, alte Magd! Vorsicht ist von Nöthen.« –

Die Alte leuchtete dem Hausherrn vor, und Esther blieb allein zurück, sinnend den Kopf in die Hand gestützt. »Hm!« seufzte sie nach einer Weile: »der Großvater hat gut reden. Das Eis seiner hundert Jahre hat eine Rinde um ihn gelegt, daß er das Sehnen und Wünschen der Jugend nicht begreift. Und dennoch, trotz seinen Ermahnungen und Bußreden [59] wird er mich nicht überzeugen. – Ich bin recht unglücklich!« fuhr sie nach einer kleinen Stille fort: »unglücklicher als ich mir's vielleicht selbst träumen lasse, ... und, ach! – nur Eines fehlt zu meinem Glücke; aber auch das unerringbar Einzige!«

Schwermüthig ließ sie das Haupt sinken. Da trat Jochai herein, hinter ihm sein Sohn Ben David, ein Knäbchen an der Hand führend. Freudig eilte die Tochter an des Vaters Hals, und erkundigte sich angelegen ob seines langen Wegbleibens.

»Ich brach spät auf von der Nachtherberge,« sprach Ben David: »der kurze Wintertag hat mich verlassen, da ich noch über eine Stunde von hier entfernt war. Mein Begleiter da konnte auch nur schlecht voran mit seinen Beinchen, und so trug ich ihn denn die letzte halbe Stunde auf dem Rücken hieher. Die Einlaßpforte Hab ich mir geöffnet, mit einem dicken Groschen und da bin ich. Gut Schabbes!«

Esther erwiederte freundlich den Gruß, und musterte neugierig den Knaben, der vor Müdigkeit beinahe in die Kniee sank, und von Ben David auf den Sitz am Ofen gebracht wurde. Der alte Jochai jedoch sah mit finsterer Miene auf das Treiben seines Sohns, und sprach: »Ich kann nicht segnen Deinen Eingang, denn Du hast den Sabbath entheiligt durch Deine Reise während seines Beginnens, durch die Last die Du auf Dich nahmst, indem Du diesen Buben auf die Schultern nahmst, und durch den Einlaßpfennig, den Du berührtest zu verbotner Zeit.«

[60] »Frommer Vater!« versetzte Ben David: »so ich gesündigt habe und das Gesetz beleidigt, indem ich den kleinen Menschen der hinzusinken und zu erfrieren dachte, in Sicherheit gebracht, so will ich, wenn Du befiehlst, gern auf meinen Platz verzichten am Tische, am Boden liegen und Fasten, bis Du sagst: genug! nur befiehl, daß der Knabe gesättigt werde, und eines warmen Lagers sich freue.«

»Was soll er hier?« fragte Jochai streng wie zuvor: »Er ist ein Christenknabe, dessen Leib das Kleid des Unreinen ist, der abstammt von dem Adam Belial, und nicht Platz soll nehmen im Hause der Gerechten, sondern gehört in die Höhle des Esau.«

»Vater!« erwiederte Ben David unterwürfig: »Dein Wort sey gelobt, doch der Unmündige ist noch Gottes allein, der das Kind regieret in seinen Gedanken und Werken. Erlaube, daß dieser, der noch nicht ist, weder ein Sohn des Gesetzes, noch ein Sohn Baals, hier bleibe bis ich ihn übermorgen zu seiner Mutter führe.«

»Esther vereinigte ihre Bitten mit denen ihres Vaters, und der rauhe Alte erlaubte endlich, daß der Knabe bleibe, unter der einzigen Bedingung jedoch, – daß die Christenmagd ihn sättige, und in ihrer Kammer zur Ruhe bringe. Grete nahm demzufolge den bereits Entschlummerten auf die Arme, und trug ihn hinaus. – Nach einer langen Ermahnung, in Zukunft den Sabbath würdiger zu feiern, bot Jochai seinem Sohn den Kuß des Friedens, und den Platz am Tische, und das Mahl begann, nachdem der Greis gleich einem Patriarchen, Brod, Wein, Salz [61] und Fisch gesegnet, und Ben David sein Haupt bedeckt hatte. Als sie zu Tische saßen, fragten Vater und Tochter neugierig nach Ben Davids Geschäften, und besonders nach dem Abenteuer, das ihn mit dem Kinde zusammengebracht. Der Fünfzigjährige legte dem Alten, mit aller Ehrfurcht eines halberwachsenen Sohnes, von seinem Handel und Wandel genaue Rechenschaft ab; beobachtete jedoch nicht dieselbe Genauigkeit, als er auf den Kleinen zu sprechen kam. Er behauptete nämlich, das Kind einige Stunden von Frankfurt, verirrt und umherlaufend gefunden, und von ihm herausgebracht zu haben, daß es nach der Stadt gehöre. Aus Mitleid habe er es mitgenommen, um seinen Vater oder seine Mutter auszukundschaften, und hoffe, sich dadurch etwas Ansehnliches zu verdienen, da das Kind aus gutem Hause zu seyn scheine.«

»Was der Alte vorhin dem Mitleid ungern einräumen zu wollen bedacht war, ließ er jetzt der Berechnung eines Vortheils hingehen, und belobte des Sohns Umsicht und Gewandtheit. Zugleich aber beklagte er sich über Esthers Unzufriedenheit mit ihrer Lage, und forderte den Vater auf, mit Strenge dergleichen unziemliche Gedanken in ihr zu ersticken.«

»Zürne nicht, Vater!« antwortete Ben David hierauf: »Schilt nicht die übermüthige Lust, mit welcher die Jugend nach den lockenden Früchten der Welt blickt, die nun einmal durch des hochgelobten Gottes unerforschlichen Rathschluß den Gojim bestimmt sind, statt seinem Volke. Dein Bart ist weiß geworden im Kerker und Du sehnst Dich hinaus. Mein Haupthaar [62] ist ergraut unter dem Joch, und ich dürste nach Freiheit. Warum soll das kräftige Geschlecht das nach uns kommt, nicht sich hinaus wünschen aus dem Haus der Gefangenschaft unter die Oelbäume des freien Lebens?«

Jochai schüttelte zweifelnd das Haupt, und strich unmuthig den langen Bart. Ben David fuhr aber zu Esther gewendet, fort: »Beruhige Dich, mein Kind. Vielleicht fügt es sich, daß ich Dich im nächsten Frühjahr mit hinausnehme in den Garten der Welt. Ich gedenke, zu fahren gen Costnitz, woselbst viele der großen Herren mein bedürfen werden, und wo wir auftreten können in Glanz und Pracht, wie es uns hier die Klugheit verbietet.«

»Ei, was sprichst Du?« fragte Jochai ängstlich den Sohn. »So ich nicht schon begraben liege an dem Ort der Lebendigen 1, wirst Du nicht das Mädchen von meiner Seite nehmen. Wer soll mich hüten, wer mich pflegen, bist Du fern?«

»Gib Dich zufrieden, Vater!« antwortete Ben David: »der gute Knecht Zodick wird an Dir thun, wie an seinem Vater.«

»Zodick?« fragte Jochai zweifelhaft: »Zodick, der das Gesetz der Väter so wenig beachtet, daß er noch jetzt sich im Hause nicht sehen ließ?«

»Ich dachte, er sey schon in seine Kammer gegangen!« erwiederte Ben David, und wollte noch einige Bemerkungen über Zodick's früheres Benehmen hinzusetzen, als ein fürchterlicher Tumult vor dem [63] Hause laut wurde, auf dessen Pforte Schlag auf Schlag fiel. Erschrocken fuhr die Familie in die Höhe, und Grete stürzte herein, durch ihre heftigen Geberden etwas Ausserordentliches verkündend, das sich auf der Straße zugetragen. Entsetzen ergriff den Alten und die schöne Esther, denn ein Volksauflauf, mit einer neuen daraus entspringenden Judenschaft, stand wie ein ungeheures Gespenst vor ihren Gedanken; aber Ben David beruhigte sie mit wenig Worten, ermahnte sie, die Thüre des Hintergebäudes fest zu verriegeln und die Kostbarkeiten bei Seite zu bringen, und folgte, wenn auch nicht ohne Herzklopfen, der lebhaft voranschreitenden Grete die Treppe hinab, durch den Hausgang an die Pforte, die von wiederholtem Pochen ertönte, und vor welcher das Gesumme einer ansehnlichen Menschenmenge sich vernehmen ließ. – »Wer pocht so ungestüm?« fragte Ben David durch das Schlüsselloch, und zurück schrie eine klagende Stimme die Antwort: »Herr! öffne! Dein Knecht Zodick ist's! öffne! bei Deines Vaters Haupt beschwöre ich Dich: laß mich nicht zu Schanden werden vor den Edomitern hier auf der Schwelle Deines Hauses!« – Und Gemurre und einzelnes Spottgelächter rings umher. – Ben David, die Verzweiflung des hülferufenden Hausgenossen nicht verkennend, befahl seinen Leib dem Gott seines Bundes, und gebot der Magd, zu öffnen. – Das Schloß ging auf sammt den Riegeln, und kaum klaffte die Thüre, als ein Haufe gemeinen Pöbels sich hereindrängte in's Haus: neugierige und höhnisch gezogene Gesichter, von wenigen Laternen und Kienspänen [64] schwach beleuchtet; in deren Mitte der Diener des Hauses, Zodick, Gesicht, Hemde und Gewand von Blut befleckt, das reichlich herabströmte aus einer breiten Stirnwunde.

Ben David fuhr bei diesem Anblick erschrocken zurück, hob beide Hände gen Himmel, und rief in heiligem Eifer: »Zodick! unseliger Knecht! Hat Dich der Fürst der höllischen Nacht berückt, daß Du also trunken und blutend von einem Falle eintrittst in die Hütten Israels, und verbrecherisch schändest die liebliche Königin Schabbath, die allhier ihren Sitz genommen?«

Zodick winkte verneinend mit der Hand, sank jedoch, unfähig zu reden, auf die Schwelle der Unterstube. Ben David sah fragend umher in dem Kreis der Nachbarn, die zum Theil in schmutzigen Nachtgewändern, erst dem Lager entflohen, als gaffende und schadenfrohe Zeugen den Verwundeten umstanden. – »Was hat's gegeben, liebe Freunde?« fragte er mehrmals vergebens, bis endlich ein ältlicher Mann von rechtlichem Aussehen sich hindurch drängte, und also sprach: »Ich will Dir Auskunft geben, Jude! Ich bin der Schmid Albrecht dort an der Ecke dieser Gasse, und kam vor Kurzem aus unsrer Herberge. Wie ich nun kaum zwanzig Schritte von meinem Hause bin, so stolpre ich über den Rothkopf da, der halb besinnungslos in der Gasse liegt, wie ein Trunkner. Da ich ihn beleuchte mit dem Lichtstümplein, das ich in Händen trug, erkenne ich ihn wohl, und auch er macht die Augen auf, fährt zusammen, und ruft: ›Laßt mich los! ich bin unschuldig!‹ [65] Es war leicht zu sehen, daß der Bube in augenscheinlicher Verwirrung befangen war, und nicht im Rausche. Ich begütigte ihn daher, und nun hat er, da er mich erkannt, erzählt, daß ihn auf dem Fischerfelde, von wannen er nach Hause gehen wollen, mehrere Gesellen mit roth und schwarz gefärbten Gesichtern überfallen, geplündert und mit einem Streithammer verletzt haben; daß jedoch zum Glück der Streich schier fehlgegangen und nur gestreift habe, und er dem Tode entgangen sey, indem er sich zur Erde fallen lassen, gleich als habe er die letzte Ölung. Da er zu Dir verlangte, hab ich ihm erlaubt, sich an meinem Arm zu führen, und auf sein klägliches Geschrei sind die Nachbarn herbeigelaufen.«

Nach dieser Erzählung lief ein Gemurmel durch den Haufen, bedauernd, daß der Jude nicht umgekommen war unter den Streichen seiner Verfolger; und sich auflösend in ein rohes Gelächter, das sich den an der Stubenthüre lehnenden, keines Worts mächtigen Menschen als Zielscheibe setzte. Ben David, ungeduldig, dem störenden Auftritt ein Ende zu machen, dankte höflichst dem wohlbeleibten Schmid für seinen Beistand, und öffnete die Stube, um den Diener hineinzubringen. Die Menge quoll aber auch in das Gemach hinein, und musterte mit Luchsaugen die elenden Geräthschaften, die darin an den Wänden umher standen. Mehrere junge Bursche hatten nicht wenig Lust mit ihren flackernden Lichtspänen über Gang und Treppe in das Oberhaus zu dringen. Aber Gretens abweisende Geberden, und noch mehr [66] die Einflüsterung älterer Leute, die ihren Uebermuth vor den in jedem Judenhause verborgenen Fallthüren und mit Vorbedacht offen gelassenen Kellergruben warnten, hielten die Verwegenen von ihrem Vorsatz ab. Zugleich drängten sich auch einige benachbarte Juden herein, schwatzend, neugierig wie die übrigen, und zudringlich mehr, als hülfreich in ihren angebotnen Dienstleistungen. Vergebens bat Ben David diese Letztern den Mißhandelten ihm ganz allein zu überlassen, – sie wichen nicht; vergebens flehte er die anwesenden Christen an, endlich doch mit seinem besten Danke das Haus zu räumen. Sie gingen nicht, und forderten endlich ziemlich trotzig ihren Lohn, daß sie den Judenknecht nach Hause geleitet hatten. Ben David, solcher unziemlichen Forderungen nicht ungewohnt, bezeugte sich nun, die Ungestümen auf den Sonntag zu vertrösten, da ihm das Gesetz verbiete, am Sabbath Geld anzurühren, allein damit machte er das Uebel nur ärger. »Seht den Juden an!« rief Einer aus der Schaar: »Gälte es, unsre Taschen zu leeren, würde er sich wenig um das Gesetz kümmern.« – »Am Sonntag haben wir Schabbes!« rief ein Andrer: »also muß er heute zahlen, der Hundsjude.« –

Umsonst suchte Ben David die Ungerechtigkeit zu beschwichtigen; der Pöbel wurde schwürig; die Habsüchtigsten erwischten von den in der Kammer umherliegenden Trödelwaaren was ihnen am Dienlichsten schien, und machten sich damit davon. Die Händellustigen aber brachen aus in Schimpfworte, und mehrere geballte Fäuste schlugen durch ihre drohende Bewegung [67] die Nachbarjuden in die Flucht, die ihre Glaubensgenossen feig im Stich ließen, und die Luft nur von ihrem mörderischen Hülfsruf erschütterten.

Eine gute Folge schien jedoch ihr Zetergeschrei herbeizuführen, denn der Oberstrichter der Reichsstadt, der gerade zufällig die Straßen durchritt, um die Nachtschwärmer und Trinkbrüder zu Paaren zu treiben, hörte das Getöse, und erschien in schnellem Trab auf dem Schauplatz, wo Ben David gerade in Gefahr stand, körperliche Mißhandlungen zu erfahren. Die Rathsknechte, die des Oberstrichters Roß umgaben, wiesen mit ihren Hackenstangen die Angreifer bald zur Ruhe, und der Friedensstifter erfuhr in wenig Augenblicken, von was hier eigentlich die Rede sey. Gleichgültig zuckte er die Achseln und sprach mit verächtlichem Tone zu Ben David: »Was hat Dein Knecht noch in später Dämmrung auf dem Fischerfelde zu schaffen? Kein Wunder ist's, daß er in die Hände der Blutzapfer fiel, die jetzo wiederum innerhalb und ausser der Stadt ihr Wesen treiben sollen, wie mir der Küfermeister, Andreas von Liebfrauenberg, vor einer Stunde geklagt hat, der auch von den Mordbuben nächst dem Hirschgraben angefallen worden ist, sich aber durch seine Faust befreit, und einige von den Hunden übel zugerichtet hat. Das vermag freilich ein Hebräer nicht.«

Ein wieherndes Gelächter der umstehenden Knechte und Bürger lohnte das Witzwort des Gewaltigen, der, Stille gebietend, also fortfuhr:

»Ich befehle Dir daher, Jude, daß Du Deinen Knecht ehrlich zu Hause haltest. Für die heut verursachte [68] Störung hergebrachter Ordnung, – denn die lange Glocke ist schon lange geläutet worden – büße ich Dich um fünf Goldgulden, die Du unerläßlich nächsten Montag auf dem Rententhurm zu erlegen gehalten bist. Auch hast Du von Rechts wegen diesen wackern Bürgern zu zinsen, jedem einen dicken Groschen, daß sie Dir den Knecht nach Hause geführt; denn die Menschenliebe, die sich um einen Juden kümmert, muß belohnt werden. Sie mögen am Sonntagsmorgen das Geld bei Dir in Empfang nehmen.«

Geschmeidig bückte sich Ben David und küßte den Mantelzipfel des Oberstrichters. »Erlaubt, o Herr!« sprach er demüthig: »die meisten dieser Leute haben sich schon gepfändet an meinem Eigenthume, und sind mit Zeug und Linnen davon gegangen.«

»Kannst Du die Leute nennen?« fragte der Oberstrichter streng, und fuhr, ohne eine Antwort abzuwarten, fort: »Nein; Du kannst es nicht. Und wärst Du's auch im Stande, auf Deiner Seite wäre immer die größte Schuld. Warum gibst Du nicht gutwillig, und warum hälst Du Dein Auge nicht auf Deine Lumpen? Schließe jetzt Dein Haus, und verhalte Dich still. Die leiseste Widerrede kostet Dich zehn Gulden. Geht nach Haus, brave Bürger! Gut Nacht, liebe Freunde!«

Die rasche Schwenkung seines Gauls hatte beinahe den armen Ben David in den Koth geworfen; dennoch versäumte er den letzten Bückling nicht, und ließ mit niedergeschlagenen Augen die spöttelnden Nachbarn an sich vorübergehen. Darauf befahl er [69] der Magd ganz leise die Thüre zu verschließen, und den halb ohnmächtigen Zodick nach seiner Kammer zu bringen. Er selbst verlor kein Wort mehr an den Menschen, der ihm so viel Verdruß gemacht hatte, und kehrte mit schwerer Brust und manchem unmuthigen Seufzer in das Hintergebäude zurück, wo Jochai und Esther ängstlich auf jedes Geräusch lauschten, und um den Feiertag nicht zu schänden, alles in der gewohnten Ordnung hatten liegen und stehen lassen. Freudig bewillkommten sie den Ruhebringenden, der sich andächtig neigte vor dem Tische und den schwebenden Lichtern, und sprach: »Esau's Sturm hat sich gelegt. Gebenedeit seyst Du, hochgelobter Gott, dessen Jakob, Herrlichkeit unsre Scheitel berührt. Wie schön sind Deine Hütten und deine Wohnungen, Israel! Wie schön ist dein Palast, wohlduftende Königin Schabbath, du Freude und Trost aller Gläubigen.«

Und sein Mund jubelte, während seine Augen von Thränen, wie sie tiefempfundene Knechtschaft erpreßt, überfloßen; seine Lippen sprachen Versöhnungsgebete und frohe Psalmen, während sein Herz anschwoll von unterdrückten Bannformeln gegen die Ungläubigen. Der greise Jochai murmelte neben ihm Fluchgebete in den Bart, herausgestoßen mit allem Feuer orientalischer Wortfülle. Esther wandte sich aber voll Grauen von seinem Gebete, und sagte nur Amen zu dem ihres Vaters.

Am nächsten Morgen, an dem noch der Großvater ruhte, und Ben David, angethan mit der Zizis und den Tephillim seinen Frühsegen sprach und [70] die Psalmen, die die Sabbathfeier vorschreibt, da, wo keine Schule die Söhne des alten Bundes zum feierlichen Dienste des Höchsten versammelt, schlich sich seine blühende Tochter nach der Kammer, wo die Magd Grete ihre Zeit zubrachte, während der Festtage. Auf dem dürftigen Lager der Alten, die abwesend war, beschäftigt um den kranken Zodick, schlief noch der Knabe, den Ben David in's Haus gebracht hatte. Auf den Zehen näherte sich Esther dem Schlummernden, beugte sich über ihn, und betrachtete mit Wohlgefallen die Züge seines unschuldigen Gesichts. – Ich habe mich doch nicht geirrt, flüsterte sie in sich hinein, da ich schon gestern einige Mahnung finden wollte in diesem Antlitz, an ein andres das mir nur allzutheuer ist. Beschaue ich diese braunen krausen Locken, die hochgezogenen Augenbraune, die länglichte Nase und den lächelnden Mund, so bin ich in Versuchung, zu glauben, sein Bild liege vor mir, und ich müßte es ans Herz drücken, da ich ihn nimmer, ach nimmer umfangen werde!

Sie setzte sich vertraulich zu dem kleinen Träumer, spielte leicht mit seinem schönen Haar, und verlor sich in dem Andenken einer Vergangenheit, die sich ihr reizend bald, und bald betrübend, nur allzuoft aufdrang in ihrer stillen Einsamkeit. – Bin ich nicht eine Thörin? fragte sie sich am Ende selbst, aufschreckend aus ihrem Hinbrüten: Mache ich mich nicht etwa einer Sünde schuldig, da ich hier mit diesem Bilde eines edeln Christen die Augenblicke vertändle? Jochai könnte es wohl gar Abgötterei nennen, wie er so gerne zu thun pflegt, wenn ich mit [71] Liebe an etwas hänge! – Sie stand auf. – Guter Knabe! fuhr sie nach einer Weile fort, gleichsam wider Willen nach ihm zurücksehend: Weder Dich, noch den dem Du zufällig gleichst, darf ich mein nennen. Wohl Dir, wohlihm, daß er so ist, und wehe mir. Ihr seyd nicht geschaffen, um im Elend eure Tage zu vertrauern. Euch winkt Ehre und Freiheit. Wir kennen Beides nicht. Du wirst zurückgehen zu Deinen trostlosen Eltern, und mein Vater wird Dich segnen, wenn sie reich sind und nicht karg den Dienst belohnen. Ich aber, Du holder Junge, segne Dich, weil Dein Anblick mir die Wonne in die Wirklichkeit zauberte, die ich nur in der Erinnerung zu genießen, angewiesen bin! –

Esther wollte scheiden, aber schon an der Thüre angelangt, zog es sie allgewaltig zurück zu dem Knaben. – Ich will gehen? fragte sie sich: Gehen, ohne den Wunsch, an seinem Anblick mich zu weiden, ganz erfüllt zu haben? genügt mir es denn, diese vom Schlummer erstarrten Züge in Gedanken mit ihm zu vergleichen? Lebend will ich ihn, offen seine Augen sehen, und in die dürstende Brust das lang hinweggenommene Labsal schlürfen!

Rasch fuhr sie mit warmer Hand über die Stirne des Kindes, das ruhig, wie ein lächelnder Engel die Augen aufschlug, und in die glühenden Esthers schaute. »Gundel!« stammelte der Schlaftrunkne, die Ärmchen nach der Verkannten ausstreckend. Ben Davids Tochter bog sich aber zurück, und der Knabe ersah seinen Irrthum. Bekümmert verzog sich sein Mund, die Händchen fielen auf die [72] Decke zurück. »Du bist es nicht!« klagte er: »Liebe fremde Frau, wirst Du mich zur Mutter bringen und zu meinem Hänschen?«

»Ich möchte Dir Mutter seyn, holdes Kind!« erwiederte Esther freundlich: »wenn ich es nur seyn dürfte.«

»Warum darfst Du denn nicht?« fragte der Knabe zutraulich werdend: »Du bist so gut und lieb; Dich möchte ich schon Mutter nennen, viel lieber als die schwarze Mutter, die mich beständig schmälen wird, weil ich sie verloren habe.«

»Schmälen würde sie Dich?« sprach Esther, ihn an sich drückend, »wäre sie dann Mutter? Jubeln wird sie, und dem hochgelobten Gott danken, der Dich wieder in ihre Arme führt.«

Der Knabe starrte sie verwundert an. »Gundel hat mir einmal von dem lieben Gott erzählt!« sprach er hierauf. – »Nicht wahr, er ist überall?«

– »Ja, mein Kind.« –

»Er läßt seinen Kindlein nichts Böses geschehen?«

– »Nein, mein Knabe.« –

»So ist er nicht da, wo die schwarze Mutter ist. Sie hat mir oft wehe gethan, und Gott hat ihr's nicht verboten. Aber hier ist er, bei Dir, denn Du bist so gut und so schön, daß ich auch immer bei Dir bleiben möchte.«

– »Ja; der Ewige ist hier!« rief Esther: »Er spricht aus Deinem Lallen, er thut sich kund in meinem Herzen, das Dich sein Kleinod nennen würde wäre es ihm erlaubt.«

[73] »Verblendete!« sprach Jochai hinter ihr, der leise eingetreten war: »Danke Dem, den man nicht nennt bei seinem Namen, daß es Dir nicht erlaubt ist, diesen Christenauswurf in Deinen Armen zu hegen. Du sehnst Dich, hinabzusteigen zu den verworfenen Söhnen und unzüchtigen Töchtern Kains, wie die Fürsten des Himmels, Asa und Asael, Gelüsten trugen zu den Töchtern der Erde. Aber, so wie die fehlenden Engel hängen müssen zwischen Himmel und Erde, also wird auch Dich der Zorn des Herrn ereilen, wo Du nicht ablässest vom Irrthume.«

Esther legte die Hand des Großvaters auf ihr Haupt, kniete nieder und sprach: »Vater, ich danke täglich dem Ewigen, daß er mich eine Tochter Zions werden ließ. Verkenne mich nicht.« – Jochai sah sie streng an, schüttelte das Haupt und redete: »Weib, Zögling der Schlange! ob Du wahr sprichst, weiß nurEr allein. Aber Du schändest den Sabbath, daß Du hier am Bette des Christenbuben weilst, während ein Sohn des Gesetzes in unserem Hause leidet, auf den noch kein Strahl Deines Auges fiel.«

»Du meinst Zodick?« erwiederte Esther kalt, und stand auf: »Grete mag ihn pflegen und heilen. Das Gesetz verbietet mir, am heiligen Tage Wunden zu verbinden.«

»Zodick ist ein getreuer Bekenner des Glaubens und dieser wird ihn heilen, ohne Dein Zuthun;« versetzte Jochai, und führte Esther hinweg in die geschmückte Stube, obgleich sie sich nur ungern von dem weinenden Knaben trennte.

[74] »Was hast Du gegen den getreuen Zodick?« fragte Jochai, da Beide sich wieder in der Sabbathsruhe sich befanden: »Sprich, rede offen.«

»Mich ärgert der Mensch, so oft ich ihn erblicke;« antwortete Esther offenherzig: »Seine ungeschlachte Gestalt, sein rothes Haar und sein schielender Blick sind mir zuwider.«

»Liebe Deinen Bruder, spricht die Pflicht;« versetzte Jochai: »Gewöhne Dich, auch den Häßlichen zu lieben, wenn er Dein Mann werden soll; spricht die Klugheit.«

Esther erbleichte, ... faßte sich indessen bald und fragte verlegen lächelnd: »Nicht wahr, Du scherzest, Vater? – Zodick mein Gatte? ....«

»So wurde es ausgemacht, zwischen Deinem Vater und dem seinigen,« erwiederte Jochai. »Als ihr noch Kinder wart, habt ihr Euch schon die Hände gereicht, und: ›Missal Tobh!‹ gesagt, wie es unsre Rabbinen gesegneten Angedenkens verlangen. Zodicks Vater ist daheim gegangen, von wannen man nicht wiederkehrt, und auf seinem Gedächtniß sey Friede. Aber der Bund muß gehalten werden, so lange Zodick ein Mann nach dem Herzen Gottes bleibt. Er dient schon mehr denn sechs Jahre um Dich, und am Ende des siebenten wird er Dich heimführen nach Worms, wo noch unsre Brüder athmen dürfen, in ihren Ketten.«

Esther las aus den Augen des Alten, daß der Sache kein Schwank zum Grunde liege, und die Angst fiel ihr schwer auf das Herz, um so mehr, da Jochai also fortfuhr: »In der letzten Zeit hab ich [75] dann und wann Zweifel gehegt gegen Zodicks Frömmigkeit: immer hat er aber meine Zweifel widerlegt, und erst gestern hat sein trauriges Aussehen bestätigt, daß er gezwungen nur das Gesetz verletzt. Darum wollte ich Dich vorbereiten, und Dich bitten, nicht schnöde gegen ihn zu seyn.«

»Ich kann immer noch nicht glauben, daß Du nicht scherzest, Vater!« antwortete Esther: »Ist es jedoch Ernst, was Du mir verkündest, so glaube gewiß, daß Du und der Vater mich vielleicht zwingen können, den Widerwärtigen zu ehelichen, daß ich ihn aber niemals lieben werde.«

»Ein fleißiger Mann verkehrt Kupfer in Gold, die Abneigung des Weibes in Liebe,« meinte Jochai. »Du wirst ihn näher kennen lernen, und das Andere findet sich.«

Ben David trat in die Stube. »Ich komme von Zodick,« sprach er heiter: »die Wunde heilt, obschon der Kranke, wie das Gebot es will, die abgefallnen Pflaster nicht mehr auflegen ließ. Gott gab seinen Segen.«

»Das Vertrauen auf ihn wirkt Wunder!« bekräftigte Ben Jochai.

»Auch ich höre Wunderdinge!« fiel Esther ihm rasch in's Wort: »Bestätige sie mir, Vater. Ich soll den Knecht ehelichen, daß er mein Herr werde?«

Mißbilligend sah Ben David auf den Vater. »Man hat Dir,« sprach er, »zu früh von Dingen gesprochen, die ...«

»Die mich elend machen;« rief Esther heftig, mit Thränen in den Augen: »elend, Vater; die Du [76] nicht verantworten kannst ... wenn einst der Todesengel vor Dir steht und der Blitz seiner tausend Augen Deine Thaten prüft.«

»Zodick denkt edel und großmüthig,« sprach Jochai: »Ich habe ihm vorgeschlagen, seine unbekannten Gegner, die ihn zu morden dachten, aus ihrem Dunkel zu ziehen durch die Befragung des Fürsten des Öls, oder der Hand. Er schlägt aber alles aus, will seine Feinde nicht kennen, verzeiht ihnen ...«

»Und denkt noch nicht des Tags, der Dich mit ihm verbinden soll;« unterbrach ihn Ben David, zu Esther gewendet. – »Schweige darum, und laß uns den Schabbat genießen in Frohsinn, Lust und freundlicher Einsamkeit.« –

Und dem geschah also. Jochai und die Seinen verbrachten den Tag in Ruhe und Festlichkeit. Der arme kleine Hans verlebte ihn auf den Knieen der stummen Grete. – Da aber die Abendmahlzeit vorüber war, der Hausvater Wein, Gewürz und Brod sammt seinen An gehörigen gesegnet, und durch das Anzünden der Habdalahkerze, wie durch das Kaddischgebet den Sabbath geschieden hatte von der übrigen Woche, und alle sich zur Ruhe begeben wollten, hielt Ben David seine Tochter allein auf, und gebot ihr, am Morgen des nächsten Tags sich verstohlen einzuschleichen in das Haus des Altbürgers Diether Frosch, mit Vorsicht in das Gemach der edeln Frau Margarethe zu dringen, und ihr kund zu machen, Ben David habe gethan nach ihren Wünschen, und erwarte die Bestimmung der Zeit und des Orts, die ihr gelegen [77] seyn würden, seinen Bericht anzuhören. Mit diesem Auftrag und dem herkömmlichen väterlichen Kuß und Segen entließ Ben David seine Tochter.

Fußnoten

1 Begräbnißplatz.

4. Kapitel
Viertes Kapitel.

»Trägt der Bube mein Gesicht?«

»Lieber Vater, zweifle nicht.«

»Ist das meiner Augen Licht?«

»Vater, Vater, zweifle nicht.«

»Ist das meiner Nase Zier?«

»Vater, Vater, glaube mir!«

»Ist des Knaben Mund der meine?«

»Größre Ähnlichkeit gibt's keine.«

»Aber, Weib, der Nachbar spricht ...«

»Bösen Zungen traue nicht.«

Romanze von der verschlagenen Ehefrau.


»Du bist heute so saumselig und faul!« schalt die Ehewirthin des ehrsamen Altbürgers Diether Frosch ihre Gürtelmagd, die am Sonntagmorgen nicht mit dem Zöpfeflechten fertig werden wollte. – »Wenn ich heute die Kirche besuchen wollte, so könnte ich, nur immerhin im Schlafmantel dahin gehen. Träges mißleidiges Ding! Was Dir seit einigen Tagen im Kopfe steckt, begreife ich nicht.«

Else schwieg einige Augenblicke und seufzte. Dann aber sprach sie, da gerade wieder die Gebieterin ihre Ungeduld durch eine heftige Bewegung verrathen hatte:

»Ehrsame Frau! die Schuld, daß ich nichts [78] recht mache, mag wohl zunächst in Euch selbst liegen, denn Ihr seyd seit geraumer Zeit so reizbar und unwirsch, daß Euch immer beim geringsten Anlaß gleich der Zorn übermannt, und ich nur mit Zittern und Zagen Kamm und Schnürnadel zur Hand nehme, mein Amt bei Euch zu verrichten.«

Else schwieg, sich selber ob der Keckheit wundernd, mit der sie zu der raschen Gebiterin gesprochen, und die bösen Folgen fürchtend; aber zu ihrer größeren Verwunderung blieb die Letztere in Schweigen versunken. Die gefalteten Hände auf dem Schooß haltend, sah sie vor sich hin, wie von tiefem Nachdenken gefesselt, blickte dann schnell in die Höhe, strich sich die spiegelglatten Augenbraunen und sagte: »Dießmal hast Du nicht Unrecht gute Else. Ich finde das selbst. Dieser Zustand dauert schon einige Wochen.«

»Freilich, liebe gnädige Frau!« versetzte Else mit gutmüthiger Besorgniß ihr ins Gesicht schauend: »Ich fürchte, Ihr seyd krank, oder auf dem Wege es zu werden. Eure rosenrothen Wangen haben an Farbe verloren, und Euer Auge sieht oft aus, als schwämme es in Thränen, oder, als habe es viel geweint. Ich an Eurer Stelle würde den Judenarzt um Rath fragen.«

Frau Margarethe schüttelte langsam den Kopf. »Der alte Joseph ist ein geschickter Mann,« sprach sie, »aber seine Arzeneien heilen mein Übel nicht.«

»Warum denn nicht?« fragte die Magd: »Ist er nicht dafür bezahlt, Euch zu helfen? Ein Jude kann Alles. Wo seine Kräuter nicht ausreichen, da hext er die Krankheit weg.«

[79] »Einfältiges Geschwätz!« eiferte die Gebieterin »Ich werde doch wissen, ob ich krank bin oder nicht. Das Ganze wird meines Bedenkens nichts anders seyn, als die Folge der Unruhe, die meinen Schlaf stört, und mir böse Träume verursacht.«

»Die bösen Träume wie die guten kommen von Gott;« meinte Else mit einem frommen Seufzer. – »Darum hat er auch zugelassen, daß gewiße Menschen die Träume auszulegen vermögen, als läsen sie deren Bedeutung aus einem offenen Buche. Meiner Mutter Schwester konnte fürtrefflich damit umgehen, und bei ihren Lebzeiten hat man sie oft zu den vornehmsten Geschlechtern berufen, um Träume zu deuten. Ich habe ihr viel abgelernt, als ich bei ihr wohnte, aber freilich zu ihrer ganzen Kunst hab ich's nie gebracht.« –

»So?« fragte Margarethe neugierig werdend: »Da Du so geschickt bist, hätte ich beinahe Lust, Dir das Gesicht mitzutheilen, das ich erst verwichne Nacht hatte, und dessen Andenken noch jetzt mit einem seltsamen Schmerz meine Seele foltert, obgleich ich wieder Lust hätte darüber zu lachen.«

»Nur nicht lachen!« warnte die gläubige Else. »Ein Traum ist gar ein ernsthaft Ding. Aber nicht jedes böse Traumgesicht bedeutet darum eine böse Wirklichkeit. Oftmals verkehrt sich des Schlummers Leid in wachende Freude. Wer im Schlafe Särge sieht, macht gewöhnlich bald eine fröhliche Hochzeit, und wer hinwiederum geträumt, er werde in der Kirche mit der Braut eingesegnet, braucht gar häufig kurz nachher sein Todtenhemd.«

[80] »Nun!« versetzte die Frau etwas aufgeheitert: »In dem Gesichte, das ich Dir mittheilen werde, kömmt nichts von Särgen vor, und nichts von einer fröhlichen Trauung. Es wird daher wohl nichts Schlimmes auf sich haben. – Höre mir zu, gute Else. Sieh! ich schlummerte ein vor Mitternacht, und sah mich, nach manchen Traumbegebenheiten, auf die ich mich nicht mehr besinnen kann, in einen herrlichen, zu einem lustigen Bankett geschmückten Saal versetzt. Es war alles spiegelblank geputzt. Blumensträuße wehten über allen mit Gold- und Silberstück gedeckten Tafeln, und ich war, gleichsam als die Königin des Festes, auf einem Thronsitz erhöht, der ganz von Rosen eingefangen war.«

»Ach! das ist herrlich!« rief Else: »Rothe Rosen bedeuten Glück und Jugend.«

»Höre weiter!« fuhr Frau Margarethe fort: »Da ich nun also gefeiert da saß, von vielen köstiglich angelegten Herren und Frauen umgeben, die mir dienten, so fiel mein Blick auf einen Spiegel, der mir gegen über hing, ... von einer Größe, wie ich mich nicht entsinnen kann jemals gesehen zu haben. Von dem Anblick überrascht, lächelte ich freundlich meinem Spiegelbilde zu, und gewahre, indem ich die Lippen öffne, in der Reihe meiner Zähne einen weitblinkenden vom feinsten Golde gestalteten, wunderbar und zaubrisch mir entgegenleuchtend. Und wie ich nun, entzückt davon, aus den Händen eines Pagen einen Becher empfange, geschnitten aus purem Edelstein, und angefüllt mit hispanischem Weine, und ihn an den Mund setze, so berührt kaum der erste Tropfen [81] meine Zunge, als plötzlich mit einem schrillenden Klange, dem gleich, den ein zerschmettertes Kelchglas von sich gibt, der goldne Zahn gewaltsam losspringt von den Übrigen, und klingend zur Erde fällt. Ich bücke mich schnell nach dem Entwurzelten, aber zu meinen Füßen war der glatte Boden des Saals zu wüstem Schlamm geworden, der, wie ein Strudel gährend, das goldne Kleinod immer tiefer hinabschlürfte in den schwarzen Mund. Mein Jammer war nicht zu beschreiben, bis eine Hand aus dem neblichten Dufte um mich her, sich herausstreckte, mit einem blüthenweißen Zahne zwischen den Fingern, und ihn an die Stelle des Verlornen setzte. – Aber, Kind, Du bist bleich geworden, ... rede ... was hältst Du von diesem Traume?«

Frau Margarethe blickte ängstlich zagend in die Augen der Magd, die, eine bangende Zuhörerin, sich vor ihr niedergekauert hatte, und endlich, die Hände der Gebieterin an ihre Brust drückend, ausrief: »O, das ist ein bös Gesichte, liebe Frau! Ach, welch Unheil mag es Euch verkündet haben ...«

»Also doch?« fragte Margarethe, von einem leichten Frost geschüttelt: »Unbarmherzige, Du hörtest noch nicht Alles, und beinahe sollte ich Dir Schonungslosen das Ende verschweigen. Doch mußt Du jetzt Alles wissen, da ich Dir so viel verrathen. So wisse denn, daß, während mein Auge hoffnungslos dem goldnen Punkte folgte, der, immer tiefer sinkend, nur wie ein ferner Stern noch in dem gährenden Dunkel sichtbar war, sein neugepflanzter Stellvertreter in meinem Munde lebendig wurde, sich, in eine graue[82] Schlange verwandelt, auf meine Brust herabringelte, und mit heißem Schmerze sich da einbohrte, wo das Herz schlägt ...«

»O haltet ein, liebe Frau!« seufzte Else unter ängstlichem Zittern: »das ist des Entsetzlichen zu Viel! Eilt, durch Gebet und fromme Gaben des Himmels Zorn zu wenden, der Euch ein liebes Kleinod rauben will, aus dessen Verlust ein immer nagender Wurm entspringen und Euer Herz verzehren wird. Betet zu der heiligen Mutter, zu den Märtyrern, daß sie Euer Wort führen vor dem Throne, wo der Vater sitzt mit dem Sohne und dem Geiste. Stiftet Messen, gelobt Wallfahrten, damit das Unheil sich wende das Euch droht!«

»Aberwitziges Geschöpf!« schalt Frau Margarethe, bemüht durch den aufgeregten Zorn Herr ihrer Bangigkeit zu werden: »Schweig jetzt mit Deiner albernen Rede! Meynst Du ich glaube an Deine tolle Auslegung und widerliche Besorgniß. Lug und Trug ist die Traumdeuterei, und wofern ich höre, daß Du diese wahnsinnige Kunst noch ferner ausübst, um Leichtglaubige zu schrecken und zu ärgern, so lasse ich Dich durch den Stöcker aus der Stadt bringen!«

Else, die nicht recht begriff, wie so schnell das Vertrauen der Herrin sich in Ungnade verkehren konnte, packte, um sich nicht durch Widerrede um den Dienst zu bringen, alle ihre Geräthschaften zusammen, und ließ ohne eine Silbe zu reden, die Zürnende allein. Margarethe gieng heftig hin und her von Tisch zu Schrank, vom Spiegel zum Fenster. Sie riß die Flügel des letztern auf, und starrte in den naßkalten Wintertag hinaus; [83] aber die geputzten Leute, die, Rosenkranz und Kerzen in der Hand, zur Kirche wandelten, paßten wenig zu ihrer grollenden Stimmung; sie öffnete ihren Juwelenschrein, aber das Gefunkel der Steine ergötzte nicht ihren traurigen Sinn; sie wollte sich in ihr Schlafgemach einschließen, aber im Begriff einzutreten, gewahrte sie das Bild ihres Ehgemahls, das sie von der Wand herab ansah in ernstem Schweigen, und unmuthig warf sie die halboffne Thüre ins Schloß. Aber gerade da sie unruhig sich niederließ in den breiten Sorgensessel, und der Vernunft das Feld einräumen wollte, trat ein Gast in die Stube, der nicht zur ungelegenern, und wiederum nicht zur gelegenern Zeit hätte kommen können. Ein Laut der Überraschung entfuhr Margarethen, da sie die wohlbekannte Weibergestalt in der Tracht der Nassauer Bäuerinnen kerzengerade auf der Schwelle stehen sah.

»Willhild! Willhild!« rief sie halblaut, und wollte der Frau entgegeneilen, aber das Zittern ihrer Kniee verhinderte sie daran. »Was bringt Dich so schnell wieder hieher? Unglücksbotin!«

Die Bäuerin machte sorglich die Thüre hinter sich zu, nachdem sie im Vorzimmer nachgesehen hatte, ob niemand zugegen; schob den Riegel vor, und näherte sich verlegen und mit gebücktem Haupte der Frau vom Hause. »Bleibt nur immer ruhig auf Eurem Stuhle,« sagte sie zögernd: »Ihr spracht nicht unwahr. Ich bringe kein Glück.«

»So ist es denn endlich wahr geworden, was schon lange zu fürchten war?« klagte Margarethe mit herzzerreißendem Geflüster: »Er ist dahin, ... todt ...?«

[84] Willhild nickte trübsinnig mit dem Haupte. Margarethe warf sich in den Stuhl zurück, und schlug in bittrem Schmerz beide Hände vor das Gesicht. Es gibt ein Leiden, das sich weder in Worten, noch in Thränen ausspricht, und den Körper eines Starken durch seine entsetzliche Wucht an die Gränzmarke des Lebens drängt, .. dahin, wo die Sinne schwinden und der Athem vergeht, ohne ihm einen Laut abzwingen zu können. Es ist der lang vorausgesehene Gram, dessen fernher kommender Tritt schon die Thränenquelle öffnete. Während er nun langsam und düster verhüllt einherkömmt, versiegen schon die Thränenströme. Die Augen haben kein Wasser mehr, wenn der Fürchterliche ihnen endlich mit einem Zauberschlage ganz nahe steht und sein entsetzliches Antlitz weißt. Die Brust hat keinen Seufzer mehr, die Zunge keine Klage, und nur das mühsam arbeitende Herz kämpft mit dem Grausamen einen kurzen aber um so schrecklichern Kampf, der den widerstrebenden Sterblichen entweder unter dem eisernen Fuß des Schicksals zermalmt, oder – ein seltnerer Ausgang – ihn zum Herrn und Sieger seines Verhängnisses macht. – Ein solches Leiden hatte Margarethens Seele überfallen; gegen ein solches Leiden, stritt sie verzweifelnd, eine bittre Viertelstunde lang, und ihr ward der Siegerkranz. Willhild stand niedergeschlagen vor der Trauernden, und murmelte Gebete, als diese mit einem Male die Hände sinken und die üble Botschafterin in ein bleiches, ernstes, in starrer Ruhe gehaltnes Antlitz blicken ließ.

»Ermanne Dich, Willhild;« sprach sie gefaßt: »Trockne die Tropfen ab, die dick und schwer an [85] Deinen grauen Augenwimpern hängen. Folge meinem Beispiel. Als Du vor einigen Wochen mir die erste Nachricht brachtest, gewöhnte ich mich nach und nach an den Gedanken des höchsten Kummers. Du siehst, sein plötzliches Einbrechen hat mich nicht dahingerafft. – Ich wußte schon, was kommen würde!« setzte sie hinzu, und gedachte schmerzlich ihres Traums, der so schnell in Erfüllung gehen sollte. – »Erzähle aber; wie gieng es? Schone mich nicht.«

»Ach, gestrenge Frau!« versetzte die Alte, in peinlicher Verlegenheit, wie die Sache anzubringen sey: »Die Heiligen mögen es wissen, daß keine Sorge gespart wurde, das junge Herrlein zu erhalten, bis es das zufällige Geschick uns entriß.«

»Nichts ist Zufall!« fiel Margarethe ein. – »Der Knabe mußte sterben nach Gottes Gebot, und ich spreche Dich frei von aller Schuld.«

»Vorgestern,« fuhr die Alte stockend fort ... »vorgestern war das Junkerlein noch ziemlich munter, aber ... am Abend ... war er nicht mehr bei uns.« –

»Schied er unter Schmerzen, der, liebe Knabe?« fragte Margarethe.

»Nein ... das nicht, edle Frau,« entgegnete Willhild: »Im Schlummer ward er von uns genommen. Gestern haben wir ihm ein Kreuz errichtet.«

»Gestern wurde er begraben?« fiel Diether's Gattin ein: »O mein warnungsvoller Traum! Johannes, Du bist das goldne Kleinod, das in die schwarze Grube sinkt ... und mir einen ewigen Stachel zurückläßt. Kein Wort mehr, Willhild. Er ist todt, bestattet; genug bis auf eine Zeit, wo ich werde weinen [86] können. Eine Frage: Du hast doch beachtet, was ich Dir bei Deinem letzten Hierseyn vorschrieb. Du hast geschwiegen?«

»Wie das Grab!« betheuerte Willhild. Ich darf einen Eid darauf ablegen: »Auch hat noch keine Christenseele erfahren, daß das Herrlein ... nicht mehr bei uns.«

»So sey es auch ferner!« sprach Margarethe lebhaft: »Sein. Tod sey ein Geheimniß für die Welt.« »Der Vater muß jedoch erfahren ...« meinte Willhild.

»Er am allerwenigsten;« versetzte Margarethe herrisch: »Vor der Hand zum mindesten nicht. Du weißt übrigens, was ich Dir auf den Fall des Ablebens unsers Sohnes neulich vertraute?«

»Als ob es gestern gewesen wäre;« erwiederte Willhild.

»Mein Eheherr, fuhr Margarethe fort: kaum von schwerer Krankheit genesen, hat nicht das geringste von Johannes Siechthum erfahren. Noch weniger erfahre er seinen Tod, wenn es mir gelingt, wovon ich Dir jüngst sagte, und Du mir Deinen Beistand nicht entziehen willst.«

»Gewiß nicht! ehrsame Frau!« gelobte Willhild. »Auch meinen Mann, den einfältigen Kumpan, will ich schon unterweisen. Er kömmt ohnedieß nie hieher gen Frankfurt.«

»Aber der Pfarrherr, den des Knaben Leiche bestattete ...?« fragte Margarethe. –

»I nun!« meinte Willhild, nach einigem Besinnen: »Wenn Ihr nicht schelten wollt, möchte ich Euch wohl gestehen, daß ich, Euren frühern Reden eingedenk, [87] dem Leutpriester von Wiesbaden vorgelogen habe, der Knabe sey mein eigner Sohn gewesen.«

»Gut!« rief Margarethe und ein Strahl der freude flog über ihr Angesicht: »diese Lüge soll dir herrlich belohnt werden, wenn die Hauptsache erst in Richtigkeit ist.«

»Freilich;« versetzte Willhild etwas ängstlich: »ich sehe nur nicht ab, wie ihr das alles in's Werk richten wollt.«

»Meine Sorge!« sprach die edle Frau: »Wenn nur der Zufall seinen Segen gibt. Es pochte an der Thüre, leise und verstohlen. Margarethe fragte auffahrend, wer ihre Einsamkeit störe. Zu dem Schlüsselloch stahl sich aber eine zarte Stimme in's Gemach, die versicherte, insgeheim und auf der Stelle mit der gestrengen Frau sprechen zu müssen. Margarethe winkte der Bäuerin in das Seitengemach, und öffnete die Thüre, durch welche Ben Davids Tochter herein schlich. Wie verschieden war aber ihr Aussehen, ihre Kleidung von der Tracht und dem Benehmen des gestrigen Tages. Statt des seidnen Gewandes, mit köstlichen Blumen besät, mit Fransen geschmückt, und von einem silbernen Reif, der Gürtelstelle war, zusammengehalten, hieng heute ein ärmlich unsauber Kleid um ihren schöngeformten Körper, dessen Reize in der groben Hülle ihr Grab fanden. Die von wollenen Streifen umwickelten Füße schlurften in schweren Holzschuhen einher, und das blühende Gesicht war unkanntlich gemacht durch die [88] tief anliegende Kopfbinde und den groben kurzen Schleier, der Haar, Wange und Hals neidisch und unbildlich versteckte. In solcher Vermummung mußte, wenn es – wiewohl selten – die Nothwendigkeit erheischte, die musterhaft gebildete Jungfrau ihr Haus verlassen, wie ein Weib der niedersten Volksclasse. Diese abscheuliche Larve mußte ihren Wohlstand vor dem Blicke des Neiders, ihre Schönheit vor den Begierden des Wollüstigen sicher stellen und verbergen.«

Die Hausfrau war unangenehm durch die Erscheinung überrascht, und fragte hastig und unwirsch nach des Mädchens Begehr; aber ihr Gesicht wurde freundlicher, ihr Wort sanfter, da sie Ben Davids Botschaft vernahm. Sinnend rieb sie sich die Stirne, und sprach nach kurzem Besinnen: »Dein Vater mag noch diesen Abend kommen, in ehrbarer Tracht. Meine Mägde werde ich aus dem Hause senden, und eine vertraute Frau zur Thürhüterin bestellen. Um die siebente Stunde erwarte ich ihn, wenn die Glocke Achte schlägt, kommt mein Eheherr nach Hause, und darf ihn um Alles in der Welt nicht mehr finden. Geh jetzt von dannen.«

Margarethe wunderte sich nicht wenig, als die Dirne nicht von der Stelle wich, sondern eines Schauens nach einer Schilderei starrte, die über dem Putztische der Altbürgerin hing. Und da das Mädchen auch auf eine wiederholte Mahnung nicht von dannen ging, so wandte sich Margarethe mit einem ungeduldigen: Verdammter jüdischer Eigennutz! von ihr ab, suchte nach einigen Hohlpfennigen in ihrem [89] Wetscher 1, und drückte dieselben, mit der Weisung, das Trinkgeld zu nehmen, und endlich zu scheiden, in Esthers widerstrebende Hand. Ben Davids Tochter kam zu sich, und wies erröthend die Gabe von sich. – »Bist du so stolz, schmutzige Jüdin,« sprach Margarethe dadurch gereizt; »daß Dir dieser Lohn zu gering erscheint, für welchen Andere Deines gleichen einen falschen Eid leisten würden.«

»Ob mit diesem Gelde ein falscher Schwur sich bezahlen läßt, weiß ich nicht;« antwortete Esther mit leichtem Unwillen: »aber Ihr könntet meinen Gang, ohne mir durch schnödes Almosen weh zu thun, besser vergelten, sonder Geld und Gabe.«

»Wie das?« fragte Margarethe stolz.

»Mit einem freundlichen Wort;« erwiederte Ben Davids Tochter: »Sagt mir doch, gnädige Frau, ... wer ist der Reiter dort auf dem Bilde, der die Schlange todt sticht unter seines Pferdes Hufen?«

»Der Reiter hat nichts mit Dir und Deinem Volke gemein,« versetzte Diether's Gattin nicht ohne Hochmuth. »Er ist ein Heiliger unsrer Kirche, ein Streiter für den Glauben, der allein selig macht, und man nennt ihn den frommen Ritter Georg.«

»Der Ritter Georg?« fragte Esther schlau und ihre Bewegung verbergend: »ich danke Euch, ehrsame Frau. Wie glücklich seyd Ihr, solch ein Bild Euer zu nennen! Der Maler muß den Heiligen selbst gesehen haben, denn dem schönen Ritter sieht gewiß kein Sterblicher gleich.«

[90] »Kein Jude freilich;« spottete Margarethe bitter. »Der Maler fand aber unter den Rechtgläubigen das beste Vorbild, meinen ... hier erröthete sie schnell ... meinen Stiefsohn.«

Esther sah sie überrascht an, mußte aber der herrischen Geberde gehorchen, mit der Margarethe sie aus dem Gemache wies. Gesenkten Hauptes schlich das Mädchen, unbemerkt, wie sie gekommen, über die marmorgefaßten Treppen zur weiten Hauspforte hinaus. Schnell flüchtete sie über den Liebfrauenberg weg, wo die vor dem Stifte spielenden Jungen ihren kindischen Muthwillen durch Schimpfworte und Steinwerfen gegen sie äußerten, weil sie an dem blaugestreiften Schleier die Jüdin erkannten. Wie ein Reh eilte sie an den Hütten der Scherer gegen dem Römer über, vorbei, vor denen Meister und Gesellen mit allerlei müßigen Gesindel in herkömmlichem Sonntagsgeschwätz verkehrten, und gern ihren schaalen Witz auf Kosten aller vorübergehenden Weiber übten. Nicht eher schritt sie langsamer, als bis sie in der Nähe der Domkirche gekommen war, aus welcher des Hochamts Orgeltöne feierlich zu ihrem Ohre drangen, und der bösen Lust der Vorübergehenden die Fesseln der Andacht anlegten. Wie gerne hätte sie vor der offenen Pforte verweilen, in das von Weihrauchdüften erfüllte Gotteshaus schauen, und sich unter all den Feierklängen, Kerzenflammen und pomphaften Gebräuchen den heiligen Rittersmann wieder vergegenwärtigen mögen, der in Diether's Hause sie so zauberisch berückt. Aber die Scheu vor roher Mißhandlung trieb sie von dannen, und sie [91] durfte nur in sich hinein flüstern: Ihr Stiefsohn ist's? Er, der Ritter, der mit mir und meinem Volke nichts zu schaffen hat? Leider ist es so! Nun, da der für mich bisher namenlose einen Namen trägt, ... nun, da ich ihn, aussprechen darf, ... nun ist er ganz für mich verloren ... auch für meine Träume. Gewiß ... o gewiß trennt ihn nicht sein Volk, sein Glaube, sein Stand allein von mir. Diese Hindernisse sind ja nichts für ein Herz, das nur im Erinnerungsbilde liebt, und allem Irrdischen entsagend, nur im Reiche der Einbildung glücklich zu seyn wünsche. Aber gewiß fesseln ihn andere Bande ... den Angebeteten. Konnte der schöne Mann seiner Stiefmutter gleichgültig bleiben neben den grauen Haaren ihres Gemahls? Daß sein Bild in ihrer Kammer hängt, bürgt für ein geliebtes Andenken, und vereint hat sie die Liebe! – Esthsr's Gesicht flammte auf in Schaam über die Ungerechtigkeit ihres Wahns. Die Liebe? zürnte sie gegen sich selbst: Die Sünde hätte sie vereint, und Sünde ist dem Herrn meines Herzens fremd. Wahrlich! wahrlich! Wie könnte sonst sein Antlitz das Bild eines Heiligen seyn? Verzeihe mir, Du, den ich über alles liebe, nicht zu nennen wage, und in dem Götzenbilde verehre, das mein Gesetz verdammt und verflucht. Nimmer soll eine Eifersucht, wie diese, Dein holdes Andenken schwächen!

An der Thüre ihrer Wohnung empfieng sie der Vater, der ihr gleichgültig im Gespräche mittheilte, daß es ihm bereits gelungen, die Eltern seines kleinen Christenfindlings zu ergattern. Esther fragte mit heftiger Neugierde nach deren Namen. »Du wirst [92] es gut finden, wenn ich ihn verschweige,« antwortete Ben David mit scharfem und bestimmtem Tone: »Der Greis Jochai hat mir offenbart, welch unziemlich Gefühl Dich hinzieht zu dem Knaben. Die Thorheit muß nicht ferner genährt seyn; denn unbegreiflich ist es ohnehin, wie Du Dich hinneigst zu den Söhnen und Töchtern Amaleks. Der fromme Vater, dem einst der Frieden sey, dringt darauf, daß ich Dich führe gen Worms, wo eine Schule blüht, und die Weisheit gelehrter Rabbinen. Er will gern die Traurigkeit auf sich nehmen, Dich nicht um sich zu sehen, wenn sein Angesicht bleich wird; so Du nur wieder des Paradieses würdig wirst.«

»Führe mich in den Tod, nur nicht nach Worms;« sprach Esther entschieden und fest. »Worms ist Zodicks Vaterstadt, und folglich für mich der höllische Pfuhl, aus welchem die Teufel und Nachtgespenster stammen. Ich muß Dir gehorsamen, aber Dir vergebe dann der hochgelobte Gott!«

Sie entfloh in ihre Kammer, und schloß sich ein, allein mit ihrem Liebesbilde und ihrem Kummer. Der Vater blickte ihr wehmüthig lächelnd nach, schlug sich die Brust, und sah seufzend empor zum Himmel. Hier ahne ich böse Stürme! sprach er zu sich. Der Ewige wolle Alles zum Guten wenden. Hierauf verbrachte er den Tag in geschäftreicher Muße; ordnete seine Rechnungen, überzählte sein Geld, das er im Keller barg, une die übrige Habe, und kleidete sich gegen Abend in feinbürgerliche Tracht. Dann nahm er den Knaben, der ungestüm nach der Mutter verlangte, bei der Hand, und führte ihn mit sich an [93] das Haus der Frosche, wo er mit dem Glockenschlage der siebenten Stunde, wie befohlen, anlangte. Willhild harrte an der zugelehnten Thüre, und so wie sie in der Dunkelheit den Mann und das Kind herannahen, und die Pfortentreppe besteigen sah, winkte sie ihm, näher zu kommen und einzutreten. Ben David folgte ihr durch das menschenleere Gebäude, bis in das Vorgemach der edeln Frau, die ihn alsobald zu sich herein bescheiden ließ. Er übergab den Knaben Willhild's Obhut, und ging bescheidnen und leisen Trittes in Margarethens Stube. Erwartung und Hoffnung in den Mienen empfing ihn die stolze Frau.

»Was bringst Du mir, David?« fragte sie gespannt: »Die Möglichkeit, die ich neulich Dir angab, ist zur bösen Wirklichkeit geworden. Mein Sohn ist hinübergegangen.«

»Ist er?« sprach Ben David mit Theilnahme: »so bedaure ich die zurückgebliebene Mutter. Beim hochgelobten Gott! ich bedaure Euch aufrichtig, denn auch wir Juden wissen, wie lieb uns Kinder sind, und Söhne vor Allen. Ach! auch mir hat der Herr Zweie genommen. Den Einen durch einen grausamen Tod; den Andern ...... Nun des Herrn Wille geschehe!«

»Er geschehe!« versetzte Margarethe kurz abbrechend: »Aber eben weil dieser Wille unabänderlich ist, und niemand aus dem Grabe rückkehrt, so ist es nicht gerathen, in einem vergeblichen Schmerz zu verwelken, und darüber das Leben zu vergessen. Der Himmel weiß, daß ich Dich nicht gern zu meinem [94] innigern Vertrauten mache, aber die Lage der Dinge erfordert es. Ich war arm, ehe ich dem alten Mann meine Hand gab. Die Meinigen sind es noch. Ich bin jung, und will nicht gern umsonst den Winter meines Eheherrn mit dem Kranze meiner Jugend geziert haben. Die Vorsehung selbst hat das nicht verlangt, darum gestattete sie, daß meines Gatten einziger Sohn erster Ehe dem Himmel geweiht wurde, seine Tochter Verzicht leistete auf ihr Erbe, und ich ein Söhnlein gebar, das einst der Besitzer aller Habe seines Vaters zu werden bestimmt war. Für seine Gesundheit besorgt, übergaben wir den Knaben einer ehemaligen Dienerin meines Hauses, die unfern vom Wiesbade verheirathet, den schwächlichen Körper des Kindes in dem stärkenden Heilbrunnen daselbst zu baden angewiesen war, nach der Vorschrift des Arztes Joseph, der uns den Aufenthalt auf dem Lande, zu Sommer-und Winterzeit, als das wirksamste Heilmittel für das kränkelnde Kind anpries. Vor wenigen Wochen erfahre ich, der Knabe sey krank. Die Mutterangst reißt mich vom Lager des siechen Gemahls, den ich über diesen Punkt in Unwissenheit ließ; ich sehe meinen Sohn, überzeuge mich von einer unheilbaren Verzehrung, die ihn überfallen, und denke, trostlos zurückkehrend, sogleich auf die allzuwahrscheinliche Zukunft. Damals war es, wo ich Dir, der mir schon öfter Vertrauen abgewann, ein größeres schenkte, und heute sind wir da, wo ich mich damals nur hindachte. Hast Du gefunden, was Du suchtest? Eine Mutter, die ihr Kind für reichlichen Lohn auf ewig von ihrem Busen weißt? oder [95] eine Waise, würdig des herrlichen Looses, das ich ihm bereite? Rede! zaudre nicht. Die Zeit ist kostbar.«

»Eine Mutter, die ihr Kind verkauft, fand ich nicht, edle Frau;« erwiederte der Jude: »Selten mag wohl dieser Vogel seyn. Aber etwas Besseres fand ich, einen Knaben, an den die Welt keinen Anspruch hat, der selbst nicht weiß, woher er stammt, von dessen Eltern Ihr keine Forderung zu fürchten habt, da sie ihn verstießen.«

Margarethe horchte aufmerksam auf die Geschichte, die ihr Ben David zu erzählen für gut fand, ohne dabei des Edelknechts von Hülshofen zu erwähnen. »Hat der Knabe alle Eigenschaften, die ich verlangte?« fragte sie hierauf: »Braunes Haar, blaue Augen ... eine flüchtige Ähnlichkeit mit den Bildern unsers Geschlechts? das rechte Alter?«

»Alles, wie Ihr's begehrt. Der Zufall konnte nicht besser dienen. – Überzeugt Euch selbst.«

Ben David führte den Knaben herein. Willhild erschien mit ihm, und winkte der edeln Frau mit voller Zufriedenheit zu. Wohlgefällig betrachtete Margarethe beim hellen Kerzenschein das blöde dastehende Kind. – Thränen stiegen in ihre Augen. »Wahrlich!« rief sie mit aufgeregtem Gefühl: »sind diese Züge nicht ein Fingerzeig von Gott, so weiß ich's nicht. Sprich, Willhild! Mein Knabe, wäre er gesund und kräftig geworden ... hätte aussehen müssen, wie dieser. Ach, mein Johannes!«

»Ich heiße Hans!« sprach der Knabe schüchtern.

»Ein neuer Wink von oben!« versetzte Ben David: »Das Büblein heißt wie der Eure, und leicht [96] kann auf seinem Dorfe der Name also abgekürzt worden seyn.«

»In der That!« meinte Margarethe, die Zähren trocknend: »es ist außerordentlich, und Alles fügt sich besser, als man's wünschen kann. Komm her, mein Knabe! wirst Du mich lieben?«

Sie zog den Buben an sich, und küßte seine Stirne: er starrte aber zu ihr empor, spielte mit dem goldnen Kreuz an ihrem Halse, und fragte: »Wer bist Du denn, gute Frau?«

»Ei, das ist ja Deine Mutter!« antwortete ihm Ben David kurz und bestimmt. – Der Knabe aber lächelte ungläubig, und schüttelte zweifelnd mit dem Haupte.

»Das ist Deine Mutter, und ich bin Deine Pflegemutter;« bedeutete ihm Willhilde ebenfalls. Der Knabe sah sie groß an, und schien zweifelhaft zu werden. »Wo ist denn die Gundel, und das Hänschen?« fragte er ein wenig kleinlaut.

»Gundel ist fortgegangen und kömmt nicht mehr wieder;« nahm Ben David das Wort, da die Frauen des Knaben Rede nicht begriffen: »Hänschen ist aber schwarz geworden, weil Du so lange ausgeblieben,« setzte er hinzu, und wies auf den kleinen schwarzen Spitzhund, der zu den Füßen der Altbürgerin auf einem zierlichen Polster schlief. – Der Knabe schlug verwundert die Händchen zusammen, warf dann noch einen prüfenden Blick auf Margarethens Antlitz, das bekümmert und freundlich zu ihm niedersah, und flüsterte hierauf dem Juden halblaut zu: »Die ist aber doch die Mutter nicht.«

[97] »Ungerathener Bube!« rief Diether's Gattin, durch einen Wink Ben David's unterrichtet, und ihre Augen blitzten zürnend auf den blöden kleinen Hans; »willst Du mich wohl gleich wieder erkennen? schon zu lang dauert das Possenspiel. Sprich, wenn Du nicht die Ruthe kosten willst; bin ich Deine Mutter, oder nicht?«

Der Knabe krümmte ängstlich seinen Rücken, faltete die Hände, und rief, in der Scheltenden Schooß geschmiegt: »Liebe Mutter, schlage mich nur nicht. Hans will gut seyn, und er weiß ja, daß Du seine Mutter bist. Nur nicht schlagen.«

»So laß ich's gelten!« erwiederte Margarethe, und reichte ihm versöhnt einen Zuckerfladen: »Sey nur immer gut und folgsam, und Du wirst auch den Vater zu sehen bekommen.«

»Den Vater?« fragte der Knabe: »ich habe keinen mehr.«

»Doch, doch, mein Jüngelchen!« redete ihm Ben David zu. »Einen guten und liebreichen Vater, der Dich lieben, reich beschenken und unter lauter Freude und Vergnügen groß ziehen wird.«

»Das ist schön, daß ich einen Vater habe, und eine Mutter, die mich nicht schlägt!« rief hierauf Hans ganz erfreut, und ließ sich, in den Zuckerfladen beißend, vertraulich auf dem Polster des Hündchens nieder, das bald gute Freuudschaft mit ihm machte, und seinen Kuchen mit verzehren half. Während nun die Beiden spielten, und Frau Willhild sich hineinmischte, um den Knaben mit sich bekannt zu machen, folgte Ben David Margarethen in ihr [98] Schlafgemach, wo die Bedingungen des Verkaufs festgesetzt wurden. Nicht geringe waren sie, denn als Ben David mit Beuteln und Verschreibung beladen, davon zu gehen im Begriff war, sagte ihm Margarethe: »Du verstehst es, Jude, Deinen Vortheil zu beachten. Der Kinderhandel schlägt Dir gut ein.«

»Was wollt Ihr, edle Frau, und was redet Ihr da?« fragte Ben David, mit schlauer Aufrichtigkeit: »Kinder sind doch Gottes Segen, und den bezahlt man nie zu theuer. Am allerwenigsten, wenn man damit gewinnt Erb und Gut. Dem alten Herrn blüht gewiß kein Sohn mehr. Ihr seyd zu fromm, um zu beglücken den Freund statt des Ehemanns. Und dennoch muß der Sohn der ersten Ehe ausgeschlossen bleiben und Priester werden, und nimmer den Dispens gewinnen, den Stamm fortzupflanzen in Ermanglung andrer Erben. Der Knabe, den ich Euch überlasse, ist dennoch allzuwohlfeil erkauft, als Euer größtes Glück und Heil.«

»Doch der tiefsten Verschwiegenheit darf ich mich zu Dir versehen?« fuhr Margarethe mit durchdringendem Blicke fort: »Wenn Du treulos seyn könntest ...«

»Beruhigt Euch, gute Frau;« antwortete Ben David lächelnd: »wär ich ein Christ, so würde ich Euch leisten einen Schwur, und ihn hinterher vielleicht erst nicht halten. Als Jude darf ich nicht schwören einen Eid ohne den Rabbi, und dann erst müßtest Ihr mir glauben auf's Wort, ob ich recht geschworen habe, oder nicht; denn ich verstehe Euer [99] Deutsch, aber Ihr nicht mein Hebräisch. Verlaßt Euch deshalb auf ein sicheres Pfand: auf meinen Hals. Wenigstens an mein Leben ginge es, käme es heraus, daß ich ein Christenkind verschachert; und mein Leben ist mir lieb, ist's gleich mir ein elend Judenleben. Gehabt Euch wohl, und versichert Euch nur der Weiberzunge, die Euer, unser Geheimniß theilt.«

Hierauf entfernte sich Ben David schnell, und Margarethe säumte nicht, seinem Wink zu folgen, und die halb verlegen, halb froh sich benehmende Willhild zur Bewahrung des Gelübdes aufzufordern, das sie geleistet.

»Ihr könnt mir keck vertrauen, beste Frau;« versetzte Willhild: »mir fällt ein Stein vom Herzen, daß ich nicht des edeln Herrn Unwillen aushalten muß, der fürchterlich gegen mich entbrennen würde, träte ich vor ihn hin, und meldete ihm den Unfall, der seinem Söhnlein widerfahren. Aber ... wenn ich mich nur überzeugen könnte, daß es keine Sünde sey, einen unbekannten Zweig auf solch edeln Baum zu pflanzen.«

»Wenn ich es nicht für Sünde halte,« entgegnete Margarethe stolz, »so denke ich doch wohl ...«

»Ach, liebe Frau, Alles gut;« versetzte Willhild ängstlich: »bei Euch vornehmen Leuten ist das was anders. Kömmt ein böser Fall auch hie und da vor, so könnt Ihr mit Geld Euch Ablaß holen. Wir armen Leute haben aber nichts, als das nackte Leben, und unser Leutpriester zu Wiesbaden ist ein strenger gottesfürchtiger Mann, dem ich doch nächste [100] Ostern den ganzen Handel beichten muß. Er ist im Stande, und schickt mich ohne Ablaß aus dem Beichtstuhle, und dann ist es so gut, als ob ich vor der ganzen Gemeinde im Banne läge.«

»Sey unbesorgt!« erwiederte hierauf Margarethe: »kömmt die Zeit heran, so mache Dir ein Geschäft zu Frankfurt, und lege Dein Sündenbekenntniß vor meinem Beichtvater, dem guten Barfüßermönch Reinhold ab. Der wackre Priester fragt nicht nach Namen und nähern Umständen, und läßt Deiner Reue um so eher die gewünschte Lossprechung angedeihen, als Du beschwören kannst, durch besagte Verwechslung einen unglücklichen Knaben glücklich gemacht zu haben.«

»Nun so sey es denn in Gottes Namen!« sprach Willhild, und legte muthig ihre Hand auf das Kruzifix, das ihr Margarethe vorhielt und in dem ein Splitter von der Hirnschale der heil. Katharina eingefaßt war: »Da mein Seelenheil nicht gefährdet seyn soll, so schwöre ich das mit aufgelegten Händen auf die Heiligen zu den Heiligen, daß ich Euch nimmer verrathen werde, so lange mir die Augen offen stehen, an Niemanden, der da lebt, und vom Weibe geboren ist.«

Hierauf küßte sie der Gebieterin die Hand und Beide begannen nun zu berathschlagen, wie und wann der Knabe in das Haus seiner neuen Eltern eingeführt werden sollte. Der kleine Hans saß dabei, ohne von der Verhandlung etwas zu verstehen, spielte mit dem Spitzhunde und liebkoste Margarethens Hand, und nannte sie einmal über das andre seine gute [101] und liebe Mutter. – Ehe jedoch die Berathschlagung eine völlig genügende Wendung genommen hatte, hörte man von ferne den Schritt des heimgekehrten Gemahls. – Margarethe sprang mit Herzklopfen auf. – »Kein Zögern mehr!« rief sie: »das Schicksal will schnellen Entschluß. Willkommen, Johannes Frosch! Du wirst den Vater sehen!«

Sie drückte den Knaben mit wehmüthigen Gefühlen an ihre Brust, und drängte Willhild mit dem Kleinen in die Kammer. Schnell trocknete sie die Thräne von ihrer Wimper, schmückte vor dem Spiegel ihr Gesicht mit freundlichem Lächeln, und erwartete muthig, wiewohl nicht ohne innere Bangigkeit, den Eheherrn, der auch nicht säumte, bei ihr einzusprechen.

»Guten Abend, Margarethe!« sprach Diether in fröhlicher Weinlaune auf die Gattin zugehend, und sie in die Arme schließend. Er warf einen freundlichen Blick auf sie, und da er gewahrte, daß sie mit gleicher Freundlichkeit zu ihm aufsah, so freute er sich deß, und sagte: »Seht, liebe Ehewirthin, so gefallt ihr mir. Das düstre Gesicht, das schon seit geraumer Zeit Euer alltägliches geworden war, hat mir viel Nachdenken verursacht. Aber wenn Eure Stirn glänzt, wie ein Heller Spiegel und Euer Mund so zuckersüß lächelt, – gerade so wie jetzt, – dann geht mir das Herz auf.«

Er küßte sie zärtlich. »Kommt, laßt uns Eins plaudern;« fuhr er fort, und zog sie auf den gepolsterten Fenstersitz. »Es ist mir jetzt Bedürfniß, zu schwatzen wie eine Elster. Gar unlieb wäre es [102] mir gewesen, wenn ich Euch noch trübsinnig gefunden hätte, wie heute zu Mittag, denn ein Glas Rheinfall hat meine Seele fröhlich gemacht, und eine wohlklingende Botschaft ist mir zu Ohren gekommen von meinem Sohne Dagobert.«

»Welche?« fragte Margarethe, nicht ohne Theilnahme.

»Ihr seyd ein wackres Weib!« versetzte der alte Diether, ihr die Hand drückend: »Ihr nehmt so viel Antheil an dem Jüngling, und er ist doch nur Euer Stiefsohn. Darum sagte ich ja immer, wenn mich meine Freunde und Spielgesellen aufhetzen wollten gegen Euch in Schnack und Schwank: meine Grete ist ein herzliebes Ehgespons, das sich weder an meinem grauen Bart stößt, noch nach dem flaumbärtigen Stiefsohn verlangt in Unehren; und darum sollt Ihr auch jetzt wissen, daß der Dagobert glücklich und gesund zu Costnitz angekommen ist, wie mir – 's ist kaum eine halbe Stunde – der Stadtschreiber Heinrich von Gelnhausen versichert hat, der in Reitstiefeln, gerade wie er vom Roß gestiegen, auf unsere Trinkstube Limpurg kam. Der Schöffe von Braunfels hat ihn zurückgesandt, um noch mehrere Schriften nachzubringen, und im Augenblicke der Abreise hat er unsern Dagobert, der gerade angekommen, begrüßt. – Nicht wahr, das freut Euch, so wie mich.«

»Von ganzer Seele;« versetzte die Frau.

»Der Trunk Weins hat mir absonderlich darauf geschmeckt;« versicherte Diether. »Mitten unter der Freude meines Herzens ist mir jedoch eine ernste [103] Betrachtung angekommen. Sprecht selbst, liebe Ehewirthin: ist's nicht ein seltsam Schicksal, von dreien Kindern, die uns lieb sind, keines unter unsern Augen zu haben? Von der Tochter will ich eigentlich nicht reden, denn sie hat sich selbst losgesagt von uns. Ihr Bruder aber ist fern, auf seinen Beruf bedacht; und unser Johannes, mir das liebste von den Kindern, da Ihr seine Mutter seyd, lebt auch von uns entfernt, ohne daß wir selbst ihn pflegen könnten, und seinen schwächlichen Leib.«

»Ihr würdet ihn also gerne wieder um Euch haben?« fragte Margarethe lächelnd, obgleich ihr das Herz beinahe brach.

»Welche, Frage?« erwiederte Diether: »Zwei Jahre sind es fast, daß ich ihn nicht sah. Das verdammte Zipperlein hat mich gehindert, verwichenen Herbst den Buben zu besuchen, wie ich mir's vorgenommen. Aber so bald es wieder trocken und kalt wird, und meine Gicht das Leben im Steigbügel vertragen kann, steige ich zu Pferde, und gehe den Jungen zu küssen.«

»Er ist recht kräftig geworden;« sprach Margarethe. »Willhild hat mir gestern Botschaft gesandt. Seit ich ihn heimsuchte, hat er um Vieles zugenommen.«

»Hat er?« rief Diether: »beim Himmel! das ist mir lieb. Ich sagte es oft. Ein gesunder Stamm trägt auch gesunde Früchte! – Wenn er nur schon so weit wäre, daß er wieder kommen könnte in's Vaterhaus.«

[104] »Wer weiß, ob das nicht bald, recht baldge schieht;« meinte Margarethe.

»Bald? recht bald?« versetzte Diether mit glänzenden Blicken: »Weib, Ihr wißt am Ende, daß er kommen darf? Sagt mir's ... ich will ihn abholen, auf meinen Armen ihn hieher tragen! Wie gerne will ich meinen Bart von ihm zerraufen lassen, wie gern ihn auf meinen Knien schaukeln, so lange er will, wenn er nur kömmt, gesund ist, und unsre Freude wird!«

Margarethe benützte geschickt die freudige Bewegung des Alten, öffnete rasch die Seitenthüre, und legte den staunenden Knaben an die Brust des vor Freude zur Bildsäule gewordnen Gatten. – »Sieh hier Deinen Sohn!«

»Mein Johannes!« stammelte der Überraschte, und preßte ihn unzähligemal an sein Herz, an seine Lippen. Er nahm ihn auf die Arme, tanzte mit ihm in der Stube umher, geberdete sich, als habe die Freude seinen Verstand verrückt. Endlich setzte er ihn zur Erde nieder, und betrachtete ihn staunend.

»Ich kann nicht zu mir selbst kommen;« sagte er. »Wie können wenige Monate ein Kind verändern! Wie haben sich die Züge ausgebildet, und die Gestalt! Ja; so, so muß ein Sohn unsers alten Geschlechts aussehen; stark, kräftig, ein emporstrebendes Stämmchen. Warum bist Du aber so fremd geworden gegen Deinen Vater? Du betrachtest mich so verwundert, als ob Du mich noch nie gesehen? Was ist denn mit dem Jungen?«

[105] »Auf unserm Maierhofe,« begann Willhild ängstlich, »hat er viel vergessen. Zürnt ihm nicht, edler Herr.«

»Umarme Deinen Vater, Hans!« gebot Margarethe. – Der Knabe warf einen furchtsamen Blick auf sie, umschlang Diether's Hals, und drückte einen herzhaften Kuß auf dessen Mund. – »Willkomm, Vater!« sprach er, noch halb verdutzt: »Hab den kleinen Hans lieb!«

Schon der Kuß hatte Alles wieder gut gemacht, und die zutraulichen Worte des Knaben vollendeten Diether's Bezwingung. Kosend und tändelnd trat er, den Kleinen auf dem Arm, vor den Spiegel, und sprach wohlgefällig: »Fast möchte ich für wahr halten, was die Amme schon sagte, da sie den neugebornen Buben in meinen Arm legte, er sieht mir ähnlich; recht ähnlich! Ist das nicht meine Nase, mein Mund? Sind das nicht meine Augen? Die Ähnlichkeit hat sich erst recht herausgewachsen. Nicht wahr?«

Margarethe und Willhild bekräftigten die Meinung des guten Alten, und sein Vergnügen wuchs zum Muthwillen auf. »Die Lästerzungen,« raunte er Margarethen in's Ohr, »die über unsern Ehbund spöttelten, werden gelähmt seyn, beim Anblick dieses Gesichts, das in das Geschlecht der Frosche recht eigentlich gehört. Sie prophezeiten mir das gewöhnliche Loos des Sechzigjärigen, der zur zweiten Ehe schritt, und dennoch ....«

Hier wies er triumphirend auf den Knaben, der [106] mit seinen grauen Locken spielte. Margarethe verschloß ihm aber den ruhmredigen Mund mit einem Kusse.

Fußnoten

1 Lederne Gürteltasche der Frauen.

5. Kapitel
Fünftes Kapitel.

O, kehre nie zur Heimath wieder,

Ein Fremdling warst Du ihr.

Dir tönen nicht mehr ihre Lieder

Und ihre Sitte widert Dir.

Was willst Du hier? im fernen Lande

Fand'st Du ein falsches Glück,

Und ließest – Thor! – dafür zum Pfande

Dein ehrlich deutsches Herz zurück!

Altes Schauspiel.


Dagobert's und Gerhard's Berufswege liefen in entgegengesetzter Richtung. Darum war es auch weiter kein Wunder, daß ihr täglicher Lebensweg ebenfalls ein verschiedner war. Gerhard lag in dem Gasthause zum Engel, auf der Bärenhaut, und wartete bei Trunk und Spiel mit der größten Gelassenheit auf eine Gelegenheit, in irgend einem Schimpfspiele als Turnierfechter der freien Reichsstadt Frankfurt sich auszuzeichnen. Dagobert benützte hingegen die ersten Tage seiner Anwesenheit zu Costnitz, die Stadt sammt ihren Kirchen und Merkwürdigkeiten kennen zu lernen, und nach seinem Oheim zu fragen, der ausdrücklich versprochen hatte, sich im Gefolge des Papstes Johann auf dem Concilium einzufinden. Um [107] so seltsamer kam es ihm vor, daß es ihm nicht gelang, die mindeste Spur von ihm ausfindig zu machen. Vergebens forschte er bei Geistlichen und Weltlichen nach dem Prälaten Hieronymus Frosch: niemand wußte ihm Auskunft zu geben. Die Schöffen des Frankfurter Raths selbst hatten nicht das Geringste von einem solchen gehört, und so verging schier eine Woche, und der Eifer Dagobert's hatte schon bedeutend nachgelassen, als ihn mit einemmale ein Diener zu dem Herzog Friedrich von Östreich beschied. In sein bestes Kleid gehüllt, eilte er nach dem Hofe, den dieser reiche und prachtliebende Fürst mit seinem Gefolge einnahm. Der Herzog empfing ihn in einem einfach aber edel gezierten Gemache. – »Wie gefällt's Euch zu Costnitz, junger Degen?« fragte er den Jüngling mit heitrer Miene: »Wie behagt Euch das lustige Treiben und die bunte Menge, die einen Jahrmarkt eher verkündet, als eine ernste Kirchenversammlung?«

Dagobert bekannte, daß er noch wenig gethan, um sich mit dem Gewühl der vielen Ausländer und fremden vaterländischen Gäste vertraut zu machen.

»Bei Eurer Jugend nimmt mich das höchlich Wunder!« sprach der Herzog: »Jesus Christus! wenn ich daran denke, wie ich in Euerm Alter das Leben betrachtet habe! Es kam mir nicht anders vor, als wie ein großer Pokal, den ich verbunden sey, Tag für Tag auszuleeren bis auf die Neige, nach guter alter Trinkersitte. Wo es recht toll herging, war ich mitten dar unter, und nirgends fröhlicher als wo gescheite Leute und Narren um mich schwärmten [108] wie ein Bienenvolk. Ihr, lieber Freund, seht aus wie ein lockerleichtes Blut, und müßt wohl Eure Gründe haben, wenn Ihr nicht gleich Andern Eures Schlags über die Schranken haut, wo es angebracht ist. Ihr habt Euch doch nicht etwa schon vergafft zu Costnitz? Nehmt Euch in Acht. Es gibt der Schönen viele in dieser Stadt, aber die meisten sind fremde Zugvögel, die ihr trüglich Gefieder hier ausspreiten, weil es in der Heimath den Werth verloren hat; Hexendirnen, die sich anstellen, als ob sie Herzen fischten, während sie doch nur das Netz nach dem Golde unerfahrner Lüstlinge auswerfen.«

»Die Art und List dieser Meerweibchen ist mir – wenn gleich nur aus Berichten – nicht unbekannt;« versetzte Dagobert lustig: »Ew. fürstl. Gnaden ist daher im Irrthum. Nicht einem rothwangigen Mägdlein jage ich nach, sondern einem graubärtigen Manne, der mich hieher berufen, und nun Versteckens mit mir spielt; meinem Ohm nämlich.«

»Euer Ohm?« fragte der Herzog aufmerksam werdend: »Sein Name?«

»Ist der meine;« antwortete Dagobert: »aber der Träger versteckt sich im Sumpfe.«

»Wäre das der Prälat von dem Stifte des heil. Bartholomäus bei Cesena?«

»Derselbe, gnädiger Herr. Der Bruder meines Vaters: Hieronymus Frosch.«

»Ei, der ist freilich hier;« lachte der Herzog: »ist mit mir gekommen, da ich den heil. Vater hieher geleitete.«

Dagobert stand, steif vor Erstaunen, da.

[109] »Ihr könnt mir's glauben, auf Fürstenwort;« fuhr der Herzog fort: »sein Logement wurde ihm eingerichtet im Paradiesgäßlein, in dem Hause, zum Pfauen geschildet.«

»Bin ich denn blind gewesen?« fragte sich Dagobert halb ärgerlich; »war ich denn taub? hab ich nicht umhergespäht mit Aug und Ohr wie die Frommen am Pfingsttage in. der Kirche, da der heilige Geist aus dem Schalloche hernieder zu schweben hat?«

»Seyd zufrieden;« versicherte der Herzog: »Ihr seyd nicht blind, nicht taub gewesen. Ihr habt aber beständig nur nach dem Unrechten gefragt; der übelklingende Name Frosch ist nicht mehr der Euers Ohms. Er hat sich in's Wälsche übertragen, und wenn Ihr nach dem ehrwürdigen Monsignor Ranocchia Euch erkundigt, wird er Euch sicher nicht entgehen.«

»Wie ist mir denn?« rief Dagobert: »Unsers ehrlichen Namens, berühmt geworden durch den Hauskaplan Kaiser Karls des Vierten, schämt sich der Oheim?«

Der Herzog zuckte die Achseln. – »Ich habe Euern Vaterbruder nie als einen Deutschen gekannt,« sprach er, »und immer nur den Italiäner in ihm gesehen. Macht es auch so. Man weiß, ja ohnedieß nicht mehr, was heut zu Tage Deutsch ist oder nicht. Wer findet hier unter dem bunten wöllisch, englisch und böhmischen Geplauder das Vaterland heraus? Jede Nation, nur die unsre nicht, spielt hier den Herrn, vorab die französische. Ein schnackisches Völklein das: singt höher dann genotirt, liest anders, denn geschrieben, spricht anders als ihm um's Herz [110] ist, und steckt uns durch seinen gelehrten Kanzler Gerson gewißlich in den Sack. – O! setzte er mit bitterm Spotte hinzu: dieß Concilium ist des Luxemburgers Meisterstücklein!«

Heftig schritt der Herzog einige Schritte vor sich hin, blieb dann stehen und wandte sich mit einem Male rasch und kurz zu Dagobert.

»Ihr wißt nun, wo Euer Ohm zu finden, junger Mann;« sagte er, wie man einem Besuche gern ein Ende machen will: »es wird ihn freuen, Euch bald zu sehen, wie es mir angenehm seyn wird, Euch nicht aus den Augen zu verlieren. Das Pferd, das Ihr bei Eurer Heimkunft im Stalle finden werdet, thut Ihr mir wohl die Liebe, als Geschenk für Eure Hülfe anzunehmen. Es ist ein polnisch Thier und gerade wild genug für einen derben Jungen, so wie Ihr.«

»Gnädigster Herzog ...« stammelte Dagobert dankend, aber Friedrich unterbrach ihn schnell, indem er lächelnd sagte:

»Kein Wort für die schlechte Gabe. Wär' ich Kaiser, sollte sie besser seyn. Hätte ich Euch nicht aufrichtig lieb, und wollte Euch ablohnen, sollte sie auch besser seyn. – Ich stehe aber gerne noch ein wenig in Eurer Schuld. Geht mit Gott, und kommt bald wieder. Ohne den verwünschten Klopffechter seyd Ihr stets willkommen.«

Mit der größten Freundlichkeit, aber ohne seinem Stande etwas zu vergeben, beurlaubte der Herzog, steif in der Mitte des Gemachs stehend, und kaum merklich mit dem Haupte nickend, seinen jungen[111] Freund. Dagobert säumte nicht, da es erst um die Mittagsstunde war, die Wohnung seines Oheims aufzusuchen. Das Paradiesgäßlein war bald gefunden, und das Haus zum Pfauen, das ansehnlichste der Gasse, eben so schnell entdeckt. Die Thüre stand offen, und innerhalb derselben lehnte im Schein der Mittagssonne ein ziemlich nachläßig gekleideter Diener und speiste Nüsse. Dagobert erfuhr von dem Müßigen auf Befragen, daß Monsignor so eben vom Messelesen gekommen sey, und sein Stündchen der Bequemlichkeit feire, in welchem er sich nicht gerne von Fremden gestört sehe.

»Ich bin kein Fremder;« erwiederte Dagobert kurz: »ich bin des Prälaten Neffe, und hoffe allerdings auf unverzüglichen Empfang.«

Der Diener, ein Italiäner und mit barbarischem Deutsch behaftet, wurde nun zwar ehrerbietiger denn zuvor, wies aber den Besucher stumm und trocken über den Hof. Dagobert kehrte dem trägen Nußfresser den Rücken, und flog, den angegebnen Weg verfolgend, die Treppe hinan, an der offnen Küche vorbei, die einen Wohlgeruch ausströmte, wie er selbst im väterlichen Hause seine Nase nicht gekitzelt hatte. Auf dem Vorplatze angelangt, der mit Heiligenbildern geschmückt war, untersuchte Dagobert, welche von den drei vorhandenen Thüren diejenige sey, die zu dem Oheim führen möchte. Die Eine war verschlossen, die Andre nicht, aber scheu zog diese der Jüngling wieder zu, weil er in ein Gemach gesehen, das augenfällig von einem Frauenbilde bewohnt war, wie es die zierliche Ordnung, der Stickrahmen [112] am Fenster und mehrere auf Stühlen ausgebreitete Frauengewänder andeuteten, obgleich die Besitzerin nicht gegenwärtig war. Die dritte Thüre war noch übrig, ebenfalls verschlossen wie die Erste, aber ein daran angebrachter Glockenzug schien das Mittel sie zu erschließen anzugeben. Dagobert bewegte die Schelle leise und bescheiden, und vernahm bald darauf Tritte, die sich näherten, und Geräusch des aufgezogenen Riegels. Die Thüre sprang auf, aber statt eines grämlichen Dieners mit einem Klostergesichte, wie es Dagobert erwartet, schaute ein rundes Mädchenantlitz daraus hervor, wie er es nicht erwartet hatte. Das Antlitz trug freundliches Gepräge, bis auf einen finstern Zug zwischen den Augenbraunen, der zu sagen schien: Was willst Du denn zu dieser Stunde, Störefried? ..... Dieser Zug verschwand indessen, als ein flüchtiger Blick die Dirne belehrt hatte, daß es ein schlanker wohlgebauter Mann sey, der sich hier, wiewohl nicht in der fließendsten Rede, nach dem Prälaten befrage.

Dagobert bemerkte indessen die Veränderung in dem Gesichte des Mägdleins, und fuhr muthiger fort: »Fast muß ich befürchten durch den hämischen Unverstand des Pförtners an die unrechte Thüre gerathen zu seyn, denn ich suche die Zelle eines Himmelgeweihten, und finde mich nun am Himmel selbst.«

Das Mädchen lächelte ohne weiter um die Schmeichelei ein Wort zu verlieren. »Euer Begehr?« fragte sie in gebrochenem Deutsch: »Monsignore läßt sich nicht sprechen um diese Stunde. Eure Botschaft will ich ausrichten, so ich es vermag.«

[113] Dagobert betrachtete einen Augenblick lächelnd und kopfschüttelnd die ungewöhnliche Thürhüterin eines Geistlichen, und erwiederte scherzend: »Mein schönes Kind, das geht nicht an. Meine Botschaften pflege ich selber auszurichten, und schmeichle mir, weder durch Ton noch Kleid den Knecht zu verrathen, den man vor der Thüre abspeist. Sollte ich übrigens eines Namens von Gewicht bedürfen, um hier den Eingang zu finden, so melde dem Prälaten: mich sende der Herzog von Ostreich.«

Augenblicklich verneigte sich die Pförtnerin ehrerbietig, versprach den Besuch zu melden, und verschwand in dem anstoßenden Gemach. Dagobert, dem der Auftritt Spaß machte, nahm von dem Vorzimmerchen Besitz, wo ein Altar der heiligen Mutter aufgerichtet war, geschmückt mit silbernen und goldnen Blumen, und wo ein ungemein lieblicher Weihrauchduft herrschte, der aus den Zimmern des Prälaten sich zu stehlen schien. – »Recht so, guter Ohm!« flüsterte der Neffe vor sich hin: »Du machst Dir die Gelübde leicht, wie mir's vorkömmt, und suchst das Paradies Dir schon in dieser Welt zu schaffen. Wenn das Übrige dem, was ich bereits sah, entspricht, so überredet Niemand leichter zu dem Klosterstande, als Dein Beispiel!«

Das Mädchen erschien auf der Schwelle des Gemachs, und winkte verbindlich dem Harrenden, einzutreten. Dagobert wartete keine zweite Einladung ab, und ließ die Schöne im Vorzimmer zurück. Er traute aber seinen Augen nicht, da er die Stube seines Oheims betrat. Er ging auf kostbaren Teppichen, [114] so weich und glatt, daß er seinen eignen Schritt nicht vernahm. Eine gelinde Wärme erfüllte das Gemach, und der Duft balsamischer Spezereien zog behaglich aus der Räucherpfanne auf, die in der Ecke am Ofen glühte. Warme und schön gewirkte Decken bekleideten die Wände vom Simse bis zum Boden. Schwellendgepolsterte Stühle luden zur Ruhe ein, wie es auch die durch grüne Fensterschirme gemilderte Tagshelle that. Ein glänzend geputzter Kredenzschrein blendete das Auge durch den Schimmer der vielen da aufgestellten Geschirre und Trinkgefässe. Ein schon zum Mittagsmahle gerüsteter Rundtisch mit blinkendem Geräth geziert, in der Nähe einer zierlichen Kühlwanne, aus der kurzhälsige Flaschen guckten, erweckte die Lust nach leckerm Imbiß und Trunk. Von der Höhe des Zimmers schmetterten seltne Singvögel aus gelben Drahtkästchen ihr muntres Lied herab. Der Besitzer all dieser Herrlichkeiten aber dehnte sich auf einem üppigen Lotterbette. Das herrlich geschriebene und in goldbeschlagnen Sammet gebundne Brevier war seiner Hand entsunken, und ein grauer Sittich hatte sich von seiner unfern stehenden Stange an langer Kette herunterbegeben, und dem Herrn auf die fleischige Linke gesetzt, die er mit dem krummen Schnabel liebkosend pickte.

Dagobert hatte Muße genug, seinen Oheim genau zu betrachten, als sich derselbe schwerfällig von den Ruhepolstern aufrichtete, ohne jedoch die liegende Stellung ganz zu verlassen. Das war nicht mehr der hagre bleiche Augustinermönch, mit dem ernsten Antlitz und den tiefliegenden niedergeschlagnen Augen,[115] auf den sich Dagobert wohl noch zu Zeiten aus seiner frühsten Kindheit erinnert hatte. Die Zeit hatte ihn zu einem stark beleibten Prälaten umgewandelt, der außer dem Kreuze von Topasen und Gold gefertigt, nichts Mönchisches mehr an sich trug. Die Haare hingen auf die Schulter, und die Eitelkeit hatte die Graugewordenen durch metallische Mittel kupferbraun gefärbt. Die Augenbraunen waren auch mit trügerischer Farbe geschmückt, goldne Ringe hingen in den Ohren, glattgeschoren waren Wange und Kinn. Kostbare Fingerreife glänzten an den Händen. Die Fülle des Angesichts hatte viel dazu beigetragen, ihm ein jüngeres Ansehen zu geben, und die Augen wie der Mund hatten einen Anstrich von keckem Stolze gewonnen, der keine Spur der ehemaligen Klosterdemuth mehr durchblicken, ließ. Dagobert, von dieser Erscheinung, die er sich nicht träumen ließ, betroffen, neigte sich schweigend vor dem Prälaten, der durch eine nicht allzubedeutende Kopfneigung und Handbewegung den Jüngling einlud, zu sprechen. Dagobert hatte sich wenigstens eingebildet, von seinem Oheim bald erkannt zu werden, und schwieg, ihn unablässig betrachtend. Der Prälat fand hingegen das Betragen des Fremden sonderbar und fragte daher mit vornehmer dringender Rede; Was bringt Ihr, junger Herr? Was steht zum Befehl Sr. fürstlichen Gnaden?

»Ach, hochwürdiger Herr!« begann Dagobert, bei dem die Rührung die Oberhand gewann: »Nicht des Herzogs Wille führt mich hieher; sondern mein Herz, mein Herz allein!«

[116] Der Prälat maß ihn mit staunenden Blicken. »Seltsam!« sprach er alsdann: »was hätte ich mit Euerm Herzen zu schaffen, da ich Euer Gesicht nicht kenne, und Ihr Euern Namen hinter einem ehrenwerthen verbergen müßt?«

»Brauche ich einen Namen vor Euch?« fuhr Dagobert dringender fort: »Sprechen nicht aus meinem Gesichte bekannte Züge zu Euerm Gefühl.«

»Ei, junger Gesell, Du wirst doch nicht ...« entgegnete der Prälat betreten, und holte seine Brille aus dem Ärmel: »Sendet Dich etwa ... wie nennt sich Deine Mutter?«

»Wie mögt Ihr nach der Mutter fragen?« sprach Dagobert weiter: »Die Edle ruht im Grabe; doch des Vaters Name ......«

»Genug, genug, mein Sohn!« Unterbrach ihn der Oheim mit wachsender Befangenheit, und sein Blick suchte den Boden, während er die Hand zum Kusse reichte: »Du bringst mir eine böse Nachricht. Rechinald ist todt? Gott genade ihrer Seele .... Was willst Du aber beginnen ...? Für Dich zu sorgen wird mir schwer werden; .... wir armen Geistlichen werden in diesen neusten Zeiten, gedrückt und gepfändet, als hätten wir des Erdreichs Schätze allein; ... ich werde wahrlich Nichts für Dich thun können.«

Dagobert betrachtete ihn während dieser Rede, ohne zu wissen, ob der Prälat Ernst mache oder Scherz, oder ob er in einer plötzlichen Geistesabwesenheit, also irre und verworren spreche.

[117] »Wie ist Euch doch zu Sinne?« begann er endlich, da die peinliche Verlegenheit des Geistlichen fortdauerte, und sein Auge gleichsam aus dem Boden die versagenden Worte auszugraben sich anstellte: »Was Ihr mit der Rechinald zu thun begehrt, der Gott ein langes Leben, – oder, wäre sie wirklich gestorben – eine fröhliche Urständ schenken möge, – das weiß ich nicht. Ich habe nie Eine dieses Namens gekannt, und meine Mutter hieß Wallrade, wie meine schlimme Schwester. Ich weiß jedoch ganz ausgemacht, daß ich nicht als zudringlicher Bettler mich bei Euch einfinde, sondern auf Euern ausdrücklichen Wunsch und Willen, hochwürdiger Herr Ohm! Der Vater läßt Euch bestens grüßen, und die Stiefmutter. So Ihr mir zum frommen dienen wollt, werd ich's Euch herzlich danken. So sich aber Eure Willensmeinung geändert hätte, kehre ich stehenden Fußes um gen Frankfurt, ohne Groll und Reue.«

Mit jedem Worte des jungen Mannes war der Prälat aufmerksamer, ruhiger und aufgerichteter geworden. Es spiegelte sich sogar eine Art von Freude in seinem Gesichte, als Dagobert geendet hatte. Durch die Brille studirte der Oheim einen Augenblick hindurch die Züge des Letztern, und rief alsdann, ihm beide Hände hinreichend: Ach du närrischer Kautz! Das ist ja etwas ganz Andres! Komm, umarme Deinen alten Ohm! Die heilige Jungfrau benedeie Deinen Eingang!

»Dagobert umhalste den blödsichtigen Prälaten und setzte sich, wie dieser es begehrte, neben ihn auf das Ruhebette.« – »Ja, das ist ganz das Gesicht des[118] Bruders!« sprach Hieronymus: »Meine bösen Augen! Vergib mir nur den Mißgriff, lieber Neffe. Du hast aber auch eine seltsame Weise, Dich einzuführen. Ich hätte darauf geschworen .... siehst Du ... diese Rechinald ... sie war mein frommes Beichtkind, da ich noch in Deutschland lebte, ... und .. ihr Sohn .... doch, ich werde Dir das bei gelegnerer Zeit erzählen. Gib mir noch einmal die Hand. So! bist ein hübscher Bursche geworden. Nun, das ist ein Erbtheil unsers Geschlechts. Aber in Deinem Wesen hatte ich mir nicht weniger als Alles anders vorgestellt. Wo ist der geistliche Rock, das Piret? der Rosenkranz und der niedergeschlagene Blick? Du siehst aus, als ob Du zum Herrendienst an den Hof reiten wolltest, und nicht nach Wälschland in das Bartholomäistift.«

»Vergebung, Ohm!« scherzte Dagobert und zupfte neckend an dem blandamastnen Überkleid des Prälaten: »Das ist eben auch nicht das Klostergewand.«

»Hm!« lächelte der Oheim selbstgefällig: »Die Klausur und Regel ist nicht mehr für den Geistlichen meines Standes. Wir haben von unten auf gedient, und dürfen uns in reifen Jahren schon eine bequeme Freiheit erlauben, zumal hier in der Fremde, mit päpstlichem Dispens.«

»Hier in der Fremde?« wiederholte Dagobert: »Ei, lieber Ohm, Ihr seyd ja hier im Vaterlande.«

»Welch Geschwätz!« entgegnete der Prälat, das Gesicht verziehend: »Wo ist des Priesters Vaterland? Da, wo der Statthalter Christi wohnt und herrscht mit den Fürsten seiner Kirche. Und wär auch dieses nicht, so braucht man nur einen Fuß [119] nach dem gelobten Lande Italia gesetzt zu haben, um sich fürder keine andre Heimath zu wünschen. Wahrlich, hätte nicht die Pflicht geboten, nimmer wäre ich zurückgekommen in das Reich ungehobelter deutscher Nation. Jenseits der Alpen weht eine heitre warme Luft; hier in Euerm trüben Winterlande erstickt mich der Husten. Dort gehe ich durch helle geräumige Städte, hier versinke ich im Morast enger winklicher Gassen, wie man sie in armen Dörfern nicht schlechter hat. Dort trinke ich köstlichen, mild und feurig zugleich schmeckenden Wein, esse herrliches Obst, Geflügel und Fisch. Hier quäle ich mich mit abscheulichem Krätzer, den Ihr lobt, weil er am Rhein wächst, und kalt und rauh ist, wie Eure Sitte; hier verderbe ich mir den Geschmack mit Holzäpfeln und sauern Trauben. Dort höre ich eine Sprache, die wie Musika klingt, einen Gesang, dem gleich der lieben Engelein. Hier mußt ich mich bequemen, das widerliche deutsche Pfauen- und Hahnengeschrei anzuhören, es selbst wieder vorzusuchen, wenn ich mich verständlich machen will, und muß noch von Glück sagen, wenn ich nur dann und wann von ferne ein deutsches Lied singen höre, das gewöhnlich nicht anders klingt, als wie eine knarrende Thüre, deren Angeln des Öls ermangeln, und zu welchem Euer verdammtes Instrument, der schnurrende höllische Pommer, die beste Begleitung abgibt. Ich will nun gar nicht von Eurer plumpen Sitte, von Eurer schlechten Küche, von Eurer unflätigen Zechlust reden, nicht von Euren unbequemen Häusern, wo man sich einrichten muß, wie Figura zeigt, das heißt, wie[120] ein Bauer in seiner Lehmhütte, und einen Wald in den Ofen zu werfen hat, wenn nur die Finger nicht erfrieren sollen; nicht von Eurer Raubsucht und erbärmlichen Kindererziehung, ... denn alle diese Unformen und Mißgestaltungen sind an der Zahl Legion. Nur das gebe ich Dir zu verstehen, daß Du, um mir wahrhaft zu gefallen, und meiner Gunst würdig zu werden, die grobe deutsche Lebensart ab- und nebenbei eine schickliche geistliche Tracht abzulegen hast.«

»Hm!« versetzte Dagobert lustig: »Das Letztere ist bald gethan, denn der Schneider macht in einem Tage den Cleriker fertig; aber das Erste wird nicht so schnell gehen. Mir ist vaterländische Gewohnheit so an's Herz gewachsen, daß es gewaltiger Mühe bedürfte, sie sammt den Wurzeln herauszureißen.«

»Wie heißt das deutsche Sprichwort?« fragte der Prälat: »Das eine Vernünftige unter tausend Albernen?« »Alles, was Du willt, geschieht, so Dir's nicht an Muth gebricht. Beherzige das, und folge meiner Weisung; dann kann noch ein flammend Kirchenlicht aus Dir werden. Vor der Hand lasse Dir's indessen heute bei mir gefallen, und nimm vorlieb mit meinem Tische.«

»Das wird mir nicht schwer fallen,« scherzte Dagobert, dessen schelmisches Lächeln, wie der verstohlne Blick auf die Leibesfülle des Oheims dem Letztern nicht entgingen.

»Hm!« sprach dieser mit aufgeworfnem Munde: »Freilich findest Du auf meiner geringen Tafel keine Pfeffertunke, keine Saffranbrühe, wie sie hier erfordert [121] wird, keinen Wildbraten, der durch seinen Geruch jede feine Nase von dannen scheucht, aber deutscher Jäger und Edelleute köstlichste Speise ist. Eben so wenig aber darfst Du hoffen, ein schwelgerisches Mahl zu genießen, sondern die einfache Kost eines Dieners der Kirche, deren Oberhaupt sich einen Knecht der Knechte nennt.«

Die hübsche Pförtnerin, deren Neugierde durch den so sehr verlängerten Besuch auf's Höchste gereizt worden war, steckte, erinnernd an den Imbis, den Kopf in die Stube. »Wir haben einen Gast,« rief ihr der Prälat freundlich nickend zu: »Diesen jungen Mann, in welchem ich Euch, werthe Fiorilla, meinen geliebten Neffen vorstelle.«

Fiorilla staunte ein Weilchen den Jüngling an, der so schnell ein Verwandter des Hauses geworden war; hierauf folgte sie jedoch der empfangenen Weisung, legte für den Geladenen Tellerbrod und Tellertuch auf, setzte einen schön gearbeiteten Becher an seinen Platz, und begab sich hinweg, um die Speisen herauf fördern zu lassen. Dagobert hatte genau bemerkt, wie sein Ohm mit den Augen jeder Bewegung der holden Dienerin gefolgt war, und von Zeit zu Zeit auf ihn selbst einen prüfenden Blick geworfen hatte. Er gab sich daher alle Mühe, recht unbefangen zu scheinen, und fragte den Prälaten mit seinem besten Gleichmuth, ob Fiorilla etwa auch eine Verwandte sey, oder ob das Verhältniß der Magd sie an dies Haus buche. Hieronymus besann sich eine Weile. »Dieses Mädchen« – sagte er hierauf – »ist nicht Verwandte, nicht Dienerin; sondern eine [122] Tochter edeln Hauses, aus Cesena gebürtig, die durch ihr besondres Vertrauen in mich, meine Freundschaft und väterliche Teilnahme gewann. Ihre Neugierde und ihre Luft die Welt zu sehen, zu befriedigen, erlaubte ich ihr, einer schutzlosen Waise, mich hieher zu begleiten, wo sie dann als Freundin mein kleines Hauswesen zu besorgen unternommen, während sie vor der Welt, die in dem reinsten Verhältniß eine Sünde wittert, meine Base heißt.«

»Obschon ich die runde Maid mit den Flammenaugen nicht ungern mein Bäschen nenne,« meinte Dagobert: »so begreife ich doch nicht, wie ein Mann von Eurer Würde und Heiligkeit sich zu dieser Unwahrheit herablassen konnte.«

»Ach! Du weißt es nicht,« seufzte der Ohm, wie die Welt im Argen lebt; wie sie sich freut über den Fall des Gerechten, und aus seiner Unschuld die bittre Schuld saugt. Die Deutschen absonderlich, trotz ihrer Ruchlosigkeit, ihren unzüchtigen Tänzen und heidnischen Philosophemen; Wer ist es, der das Leben des Priesters einer solch unchristlichen Untersuchung unterwirft, wie noch nie erhört worden? Der Deutsche. Wer wagt es, Prälaten, Bischöfe, Kardinäle, und Gott sey es geklagt, den Unfehlbaren in Rom selbst in seinem häuslichen Thun zu meistern? Der Deutsche. Wer schreit am ungestümsten nach einer allgemeinen Kirchenverbesserung? der Deutsche. »O der Sünde! die Kirche und ihre Satzungen will er umstürzen und erneuern, gleich als ob sie Menschenwerk wären, und nicht das Vollkommenste, Gottes und seines Sohnes Werk!«

[123] Dagobert, der den Meinungen seines Oheims nicht offne Fehde bieten wollte, so sehr auch seine Ansichten von ihnen abwichen, betrachtete still lächelnd die Schnabelspitzen seiner Stiefel, und athmete freier, als endlich der Imbis aufgetragen war, und somit das ernstwerdende Gesprächsel ein Ende hatte.

Bei Tische, während des Genusses der feinsten Speisen, die eines Erzbischofs Tafel zu Ehren gebracht haben würden, hatte der junge Mann Gelegenheit genug, zu bemerken, daß die Freundschaft seines Oheims zu Fiorillen wirklich eine Große war. Die leckersten Bissen legte sie dem Prälaten vor, und dieser schob das Leckerste von ihnen auf ihren Teller. Seinen und des Neffen Becher füllte er halb mit Wein, halb mit Wasser, in Fiorillens Kelchglase perlte der reine italienische Feuerwein. Während Dagobert zum Nachtisch mit vaterländischem Käse abgespeist wurde, fütterte Oheimchen Fiorillen mit dem schmackhaften in Honig gefaßten Ingwer, und mit der süßen Weichsellatwerge. Venedische Mandeln und Weinbeeren wurden aufgetragen, um von dem Hausherrn benascht, und an Fiorillen verschenkt zu werden. Endlich betheuerte die Letztere ernstlich, zur Genüge versorgt zu seyn, und bemitleidete scherzend den Gast, daß ihm nichts von diesen Leckereien beschieden gewesen. Dagobert lächelte Achselzuckend; der Oheim sprach aber trocken: Mein Neffe macht sich sicher nichts aus diesen Süßigkeiten, denn er ist noch ein ächter Deutscher, und eine Ochsenkeule ihm lieber als eine seine Tafel, wär's auch die des Cardinals Zabrella, der auf das Essen etwas hält.

[124] »Alles gleicht sich aus;« erwiederte Dagobert: »Derbe Kost gibt derbe Menschen.« »Richtig,« meinte der Prälat: »und feine Speise zieht den feinen Mann.«

Fiorilla gab einige Worte dazwischen, die nicht undeutlich merken ließen, daß ihr eine kräftige Derbheit nicht mißfalle, indem sie Bürge eines kräftigen Gemüths sey.

»Es muß mich wundern,« sprach sie endend: »Hochwürdiger Herr, daß Ihr an dem Neffen tadeln zu wollen scheint, was ihr an der Nichte gut heißt.«

»An Euch, mein Bäschen?« fragte Dagobert munter, und warf, dem eifersüchtig lauernden Ohm zum Trotze, einen seiner feurigsten Blicke in Fiorilla's Augen.

»Nicht doch;« antwortete diese erröthend: »Ich spreche von der Nichte Sr. Hochwürden.« Monsignore gab der Geschwätzigen mit verdrüßlicher Miene ein Zeichen zu schweigen. Dagobert, dem auch dieser Wink nicht entging, hatte Muthwillen genug, weiter zu forschen.

»Seyd Ihr's also nicht, liebes Bäschen?« fragte er; – »oder – von welch andrer Nichte ist denn hier die Rede, Oheim.«

»Von wem sonst, als von Deiner Schwester?« brach der Letztere unmuthig los.

»Von Wallraden?« rief Dagobert.

»Freilich von ihr;« versetzte Fiorilla. »Was meint Ihr, – hochwürdiger Herr? Sie wird viele Freude haben, ihren Bruder zu sehen, der gerade so muthig und entschlossen zu seyn scheint, wie sie.«

[125] »Wie ist mir denn?« fragte Dagobert: »Wallrade wäre hier?«

»Ja doch;« entgegnete Fiorilla unbefangen: »Ihr wußtet das nicht?«

»Verdrüßliche Schwätzerin!« zürnte der Prälat gegen die Freundin: »Mulier taceat in ecclesiam!«

»In ecclesia!« verbesserte Dagobert lächelnd: »Ein guter Spruch! aber ich verstehe nicht, warum Ihr mir ein Geheimniß aus der Anwesenheit meiner Schwester machen wollt, guter Oheim? Mir ist sie das gleichgültigste Ding von der Welt, macht mir nicht Liebe, nicht Haß. Wir Beide, Wallrade und ich, wir konnten uns von Jugend auf nicht leiden. Ich war ihr zu lustig, sie war mir zu rauh. Ein Glück, daß sie ein Mädchen und nicht ein Bube geworden. Es hätte alle Tage blutige Köpfe gesetzt. Seither sind wir auseinander gekommen, und haben uns natürlich nicht lieben gelernt. Sie wird mich nicht suchen, wie ich nicht sie. Wir würden uns fremd bleiben, wohnten wir auch unter einem Dache.«

»Das wußt ich ja eben!« fiel der Prälat ein: »Ich hatte mir's auch so schön ausgedacht, wie ich euch Trotzköpfe mit guter Art zusammenbringen und versöhnen wollte, ehe ihr noch von eurer gegenseitigen Anwesenheit gewußt hättet. Durch die Fiorilla Cicalonilla ist mir das gute Werk vereitelt.«

»Es ist nicht meine Schuld,« schmollte die Gescholtene, »daß ich vielleicht in der besten Absicht Euer Vorhaben zu nichte machte. Ich wußte weder von dem Widerwillen der Geschwister, noch von der bezweckten Versöhnung. Ich wette indessen, setzte sie [126] mit einem verstohlnen Seitenblick auf den Jüngling bei, daß Euers Neffen redlich Gemüth auch ohne Überraschung und Vermittlung den rechten Weg einschlagen und die Bande fester knüpfen werde, die Vorurtheil und Zufall auflockerten.«

»Ihr thut mir viel Ehre an,« erwiederte Dagobert höflich: »ich muß sie aber ablehnen. Wallradens hochfahrender Sinn hat sich stets so trotzig erwiesen, in jedem Verhältniß des Lebens, daß ich, selbst bei dem redlichsten Willen, die Hoffnung aufgeben mußte, ihn für meine redlichste Gutherzigkeit zu gewinnen. Auf der andern Seite bin ich auch, nicht der Mann, der Weiberlaunen unterthan ist, wären es auch die einer Schwester, die einer geliebten Gattin.«

»Du versteigst Dich;« unterbrach ihn der Prälat: »Nicht denken sollst Du an eine Gattin, die Du nimmer besitzen wirst.«

»Nun denn,« rief Dagobert lachend: »Ist mir die Liebe verboten, so ist mir doch die Freundschaft erlaubt. Nicht wahr, mein Bäschen?«

Fiorilla nickte heimlich lächelnd, und Dagobert ergriff seinen gefüllten Becher. »Auf gute Freundschaft denn!« sprach er schmeichelnd, und klang mit Fiorillens Kelchglas an. »Macht kein finstres Gesicht, Oheim! Wir ungehobelten Deutschen müssen einmal den Becher zur Hand nehmen, ob wir Frieden machen, Krieg beschließen, der Minne oder der Freundschaft Bund heiligen. Wir wollen gute, gute Freunde seyn, Bäschen Fiorilla, oder Blümchen! Aber selbstEure Launen trag ich nicht.«

[127] Fiorilla setzte das Glas mit lieblicher Geberde an den Mund, und während ihre Lippen nippten, ruhte ihr Auge seelenvoll auf des Jünglings blühendem Gesicht. Der Prälat rückte unruhig auf dem Stuhle, und drohte der Italiänerin verstohlen mit dem Finger. Die Leichtfertige lachte, Dagobert stellte sich aber, als habe er es nicht bemerkt, und fuhr in lustiger Laune fort: »Ihr seyd mir noch die Erklärung schuldig, bester Ohm, wie es kömmt, daß ich Wallraden hier zu Costnitz finde? Was führt sie her? In welcher Absicht ist sie hier?«

»O seht;« rief Fiorilla; »seht, wie diese Neugierde schon verborgne Theilnahme verräth.«

»Sie kam auf meine Ladung, mich zu besuchen;« antwortete der Prälat dem Neffen kurz und gleichgültig. – »Eine Stiefmutter hat Euch Beide aus Eurem Stammhause vertrieben: ich halte es für Pflicht, Vaterstelle bei Euch zu vertreten, die der schwache Vater verließ. Indem ich Wallraden vor sechs Jahren mein durch Erbschaft mir zugefallenes Gut in Thüringen überließ, gab ich ihr schon ein sorgenfreies Geschick, und behielt mir dafür nichts vor, als die Befugniß, ihr einen Gatten zu wählen, und diesen Gatten denke ich ihr hier zu freien.«

»Das muß eine herrliche Ehe werden!« lachte Dagobert: »Lieber Ohm, wählt nur ein recht frommes Schaf, das von Geburt an gewöhnt ist, mit Gebiß und Trense zu laufen, und alleine keinen Schritt zu thun. Wie heißt der Glückliche, den Ihr der Sanftmüthigen zugedacht?«

[128] »Dem Spötter nenne ich ihn jetzt nicht,« entgegnete der Prälat verletzt und hob durch sein Aufstehen die Tafel auf.

»'S ist auch gleichviel!« versetzte, Dagobert in obigem Tone: »Bedauernswerth ist er, er heiße nun Adam wie der erste Mensch, oder Sylvester wie der letzte Tag im Jahre. Wohl bekomm ihm die Veränderung und der Hiobstand.«

»Unerträglich!« murmelte der Prälat zwischen den Zähnen. Gemäßigter aber fuhr er fort: »Ich habe noch einen Besuch zu machen, bei welchem ich Deiner Gegenwart entbehren muß, denn er gilt gerade Deiner Schwester. Es wird mich freuen Dich bald wieder zu sehen, und in schicklicherer Tracht.«

»Verlaßt Euch darauf,« erwiederte der muntere Jüngling, nach dem Federhute greifend. »Im schwarzen Rock, mit Gürtel, Kragen und Kappe schaut Ihr mich nächstens wieder. Ich bin Euch gern gefällig, wäre gerne immer um Euch.«

»Ich glaubs;« spöttelte der Oheim mit einem Seitenblick auf Fiorillen: »Du wirst aber ermessen, daß ich Dir keine Herberge unter meinem Dache anweisen kann, weil mir's die Sorge für dieser lieben Beichttochter Ehre untersagt.«

»Freilich;« bestätigte Dagobert mit verstelltem Ernst: »Ihr müßtet nicht halb so gewissenhaft seyn, werther Ohm, als Ihr wirklich seyd, um solches zuzugeben. Ich weiß mich auch zu bescheiden. Ich verplauderte gerne noch den ganzen Tag mit meinem wunderlieblichen Bäschen, dem Blümlein Tausendschön, ... weil Ihr denn doch zu Wallraden geht ...[129] aber die Sitte leidet's nicht; ... in Deutschland mindestens nicht, aber ...« hier schwieg er heimlich lächelnd stille.

»Aber?« fragte Fiorilla muthwillig. »Aber?« wiederholte der Prälat neugierig, und gedehnt.

»Aber wollt ich sagen,« fuhr Dagobert fort – »das wird sich schon geben, wenn ich einmal die Kirchenfarbe trage. Darum will ich eilen, und den Schneider auf den Tod plagen, bis er meine Heiligkeit gefertigt hat; den Freibrief der in Euerm Haufe mir das Öffnungsrecht verleiht. Gott befohlen, hochwürdiger Oheim! träumt von mir liebe Base!«

Lachend und plaudernd eilte Dagobert von dem ungewohnten wälschen Weine aufgeregt, von dannen, und dachte unter der Thüre des Vorgemachs das Herz seiner Begleiterin durch einen glühenden Händedruck zu versengen, aber indem rief des Prälaten befehlende Stimme: »Fiorilla!« und mit einem leise geflüsterten Lebewohl: »Addio carino!« flog, sie in das Speisegemach zurück.

»Welch einen Burschen hat mir der Bruder da gesendet!« sprach der Prälat mit gefalteten Händen: »Der schwatzt wie ein Franzose, zudringlich, keck und vorlaut; und säuft und ist grob wie ein ächter Deutscher.«

Fiorilla verlor kein Wörtlein, sie schmunzelte aber für sich; versäumte nicht unter dem Aufräumen, am Spiegel sich vorüberzudrehen, und strafte in Gedanken ihren hochwürdigen Freund Lügen.

»Und der Fastnachtsnarr will Priester werden,« fuhr der Prälat fort.

[130] »Er will nicht, aber er soll und muß;« schaltete Fiorilla ein.

»Ganz recht; er soll!« versetzte Monsignore: »Aber Gott behüte uns in Gnaden. Das wird ein Kirchenlicht abgeben, von dem einst du Heiland sagen wird: Besser wär's, es wäre niemals angezündet worden.«

»Gleich tausend Andern!« kicherte Fiorilla vor sich hin, und fütterte den Sittich mit Honigbrod.

6. Kapitel
Sechstes Kapitel.

O Johannes Huß!

Armer Dominus!

Seufzest Ach und Weh,

Armer Domine!

Wärst Du doch daheim geblieben!

Dein Geleit war falsch geschrieben;

Ob's der Kaiser selbst verspricht,

Hält man's doch dem Ketzer nicht.

Volkslied jener Zeit.


Die Kirchenversammlung zu Costnitz, die größte die jemals statt gefunden, zeigte sich bereits in ihrem Anbeginn glänzend und prachtvoll, obgleich das Oberhaupt des Reichs, Kaiser Sigismund noch in Aachen verweilte, wo seine Krönung vor sich gegangen war. Der Antheil, welchen ganz Europa an diesem lang vorbereiteten Concilium nahm, war unbeschreiblich und um so natürlicher, als Jedermann von der Nothwendigkeit [131] einer ausgleichenden schiedsrichterlichen Versammlung innig überzeugt war. Die lateinische Kirche, von tiefen Spaltungen zerrissen, zählte, statt Eines Statthalters Christi, ihrer Dreie, die einander, von feindlichen Parteien erwählt, erbittert gegenüber standen, und durch ihr Beispiel, wie durch ihren Bann, alle Eide und Pflichten locker machten, Christen gegen Christen aufreizten, und dem Sittenverfall der Priester müßig zusahen, theils weil sie zu schwach waren zu widerstreben, theils weil sie die Verirrten durch sträfliche Nachsicht für ihre Zwecke zu gewinnen hofften, theils endlich, weil sie nicht besser waren, denn ihre Untergebenen. Dieses schon in die Länge dauernde Ärgerniß, dieses empörende Schauspiel, das drei Afterpäpste der Welt gaben, mußte geendet werden, aber weder Johann XXIII., der arglistigste unter ihnen, noch der stolze Benedict XIII., der in Arragonien auf den Schutz des Königs trotzte, noch der weit lenksamere, aber zum Werkzeug seiner Umgebungen herabgewürdigte Gregor XII. waren zum gütlichen Vergleich, zu Entsagung und aufrichtiger Mitwirkung an dem Geschäft der Kirchenverbesserung zu bewegen. Am lautesten eiferte das deutsche Volk gegen den chaotischen Unfug und Mißbrauch, der die Kirche zum Schauplatz hirnloser Gebräuche und zur Ablaßbude machte; aber diese laute Mißbilligung vermochte es nicht, den Kaiser aus seiner Apathie zu wecken. Den dringenden Vorspiegelungen der Franzosen war es vorbehalten, seine Theilnahmslosigkeit in den brennendsten Eifer zu verwandeln. Verschiedene große Begebenheiten, die gewöhnlichen Vorläufer [132] von wichtigern, spornten endlich seine Thätigkeit: Hussens Umtriebe und kühne Eingriffe in Böhmen, der Osmanen heranfluthendes Nomadenreich, aus dessen Zelten die wankenden Trümmer des Griechenreichs kaum noch hervorsahen. – Mit den unerhörtesten Anstrengungen, mit persönlichen Aufopferungen, die einem Kaiser deutscher Nation wohl so eigentlich nicht ziemten, aber in den Ansichten Sigismunds ihre Wurzel fanden, brachte derselbe endlich mit Zustimmung Johannes XXIII., die ersehnte Kirchenversammlung zu Stande, und vereinte zu Costnitz die englische, italiänische, französische und deutsche Nation zu allgemeiner Berathung. Der Papst Johannes, auf die Gültigkeit seiner Wahl sich stützend, erschien selbst auf dem Concilium. Ausgezeichnete Fürsten mit ihrem zahlreichen Gefolge schloßen sich an die ungeheure Zahl von Geistlichen aller Würden, von Doktoren und Meistern der freien Künste, der Volksmenge nicht zu gedenken, die Schaulust und Gewinnsucht herbeiführte. Mit gespannter Aufmerksamkeit wartete man auf den Kaiser, der die großen Sitzungen in Person eröffnen sollte, und da sich seine Ankunft von Woche zu Woche verzögerte, so suchte die Neugierde ihre Nahrung an andern Gegenständen. Ein Mann war es besonders, der die Augen des Volks auf sich zog, bekleidete ihn auch weder Tiare noch Hermelin, wohnte er gleich in keinem Palaste. Dieser Mann war niemand anders, als der furchtlose Böhme, Johannes Huß, der Prediger, einer neuen Lehre, welcher dem Kaiserlichen Worte und dem des Papstes vertrauend, sondern Scheu sich zu Costnitz eingefunden hätte, seinen Glauben [133] vor den Gottesgelahrten aller Nationen zu vertheidigen. Die frommgläubigen Costnitzer hatten ihn zwar mit gemischten Empfindungen aufgenommen, da ihm der Ruf eines Ketzers voraus ging, aber der Zauber des Kaiserlichen Geleitbriefs hatte ihn bisher vor jedem Unbild geschützt, und seine schlichte Tugend ihm am Ende die Herzen der Redlichen gewonnen. Wenn er sein Haus verließ, grüßten ihn die Bürger freundlich, die Kinder hingen sich an seine Hand, und horchten aufmerksam auf seine milde Rede, wurde sie gleich in ungelenkem Deutsch gegeben. Diese Anhänglichkeit, die sich so unumwunden zu äußern begann, wirkte widrig auf die Feinde des böhmischen Predigers, und vermochte sie, die fortdauernde Abwesenheit des Kaisers zu benützen, und ihrer Rachsucht den Zügel zu nehmen, damit sie den ersten entscheidenden Schritt thue. Die Vorbereitungen zu demselben konnten nicht so heimlich gemacht werden, daß nicht die Ahnung, davon nach aussen gedrungen wäre. Hussens Freunde, seine von dem König Wenzesla ihm mitgegebnen Wächter, die Edlen von Chlum und Lanzenbrock wurden gewarnt; er selbst wurde ermahnt, auf seiner Hut zu seyn, aber sein unbegränztes Vertrauen auf Gott und Fürstenwort, – ein Bürge seines großen Herzens, – ließ ihn alle gutgemeinten Winke zu seiner Rettung übersehen. Furchtlos, wie sonst, wandelte er zu den Verhören, die von mehreren mit der Untersuchung seiner Glaubenslehren beauftragten Cardinälen gegen ihn eingeleitet worden waren, und er ahnte nicht, daß auf einem dieser Gänge das Unglück riesengroß auf ihn einschreiten würde.

[134] Der achtundzwanzigste November war ein heiterer Tag. Papst Johann, von einer geringen Unpäßlichkeit genesen, saß am halb geöffneten Fenster seiner Wohnung, um die sanft erwärmenden Strahlen der scheidenden Mittagssonne zu geniesen. Vor ihm stand Herzog Friedrich von Östreich in eifrigem Gespräch begriffen. Sein Auge blitzte, und die Rechte ruhte mit stolzem Bewußtseyn auf der Brust.

»Meine Quellen lügen nicht;« sprach er heftig: »Wenn ich Aufpasser aufstelle, so zahle ich königlich, und mir dient man besser, als dem Kaiser, der immer nur das Geld vonnöthen hat. Ew. Heiligkeit mag mir glauben auf Fürstenehre, ... sie vollführen's, ist's nicht heute, so ist es morgen ganz gewiß.«

Der Papst wiegte bedächtig das Haupt hin und her, schob das Fenster zu, und trat vertraulich zu dem Herzog.

»Laßt, lieber Sohn, die Schranken der Förmlichkeit zwischen uns fallen;« sagte er mit so anmuthiger Miene, als sie sein fnistres Gesicht nur zuließ: »Ihr gebt demnach den Huß verloren?«

»Unwiederbringlich;« erwiederte der Herzog, »die Cardinäle sind darüber einverstanden, glaubt mir's.«

»Hm!« meinte Johann: »im Grunde ist wohl an dem Heresiarchen nichts gelegen. Der Fanatiker predigt eine Kirchenverbesserung, wo beinahe keine nöthig ist. So lange wir – das sichtbare Oberhaupt der Christenheit diese Nothwendigkeit nicht einsehen – soll auch ein gemeiner böhmischer Pfaffe das Maul nicht unnütz aufthun.«

[135] »Vergebt, heil. Vater;« antwortete der Herzog, »nothwendig ist ein Umguß allerdings, doch ist er nicht bequem. Da steckt der Knoten.«

»Laßt das;« versetzte der Papst achselzuckend: »Wenn aber der Böhme ergriffen und gerichtet wird, wie steht es dann mit des Kaisers, wie mit unserm Wort, das, wir ihm gaben auf seine Unverletzbarkeit?«

»Mit Sigmund's Worte steht es schlecht, wie immer;« erwiederte Friedrich spöttisch: »Den Luxemburger kümmert ein Treubruch nicht, er ist aus einem Geschlecht, das an Geld stets Mangel, aber an leeren Eiden immer Ueberfluß hat. – Euer Wort könnt Ihr salviren, wenn Ihr gegen das Verfahren Euch verwahrt, von dem Ihr ohnehin nichts gewußt.«

»Wird aber die Welt es glauben, daß wir um unsrer Kardinäle Thun nichts gewußt?« fragte der Papst bedenklich.

»Ohne Zweifel;« äußerte Friedrich kalt: »Sie sieht schon jetzo in Euch nur den Gefangnen Eurer eignen Kirche.«

»Wie?« rief Johannes.

»Nicht anders«, bekräftigte der Herzog wie oben: »Täuscht Euch nur selber über Eure Lage nicht. Trotz der ehrfurchtgebietenden Pracht, die Euch umgibt, seyd Ihr wenig anders daran, als der rebellische Ketzer Huß. Droht Euch gleich nicht der Scheiterhaufen, so hängt doch ein verdammend Urtheil über Euerm Haupte, wenn nicht Eure Klugheit und Eurer Freunde Schutz dem Übel wehrt. Denkt selbst, [136] heil. Vater, welch ein Schauspiel Ihr der Welt gegeben. Ein Nachfolger des heil. Petrus, der dem Kaiser gehorsam gen Deutschland folgt, wo dieser für gut gehalten, ein Concilium auszuschreiben. Ein Papst, der unthätig hier auf denselben Kaiser wartet, der ihn hätte erwarten und empfangen sollen; ein Statthalter Jesu Christi endlich, der Nichts von dem weiß, was die um ihn versammelten Priester beschließen, wenn nicht ein Freund, oder ein durch Vaterland und Eigennutz mit ihm verbundner Pfaffe ihm es mittheilen. Was folgt aus Allem dem?«

»Ihr habt Recht, lieber Sohn;« entgegnete der Papst bekümmert: »O die böse, böse Zeit! Die Cardinäle, die über den Ort des Concils unterhandeln sollten, und von mir geheime Weisung erhalten hatten, in keinen zu willigen, der meiner Würde Nachtheil bringen möchte, haben mich verrathen. Zu spät werden sie einsehen, wie sie sich gebettet. Sollte der störrische Benedict triumphiren .....«

»Sorgt nicht, heil. Vater!« unterbrach ihn der Herzog: »Nicht Benedict, nicht Gregor wird siegen. Die allgemeine Stimme fordert, daß Petri Stuhl wieder erledigt, und neu besetzt werde. Euch darauf zu erhalten, fällt dem Kaiser nicht ein. Sein böser Wille log Euch frei Geleit, und wär's auch nicht böser Wille, ... der Schwächling vermag Euch nicht zu schützen gegen den Haß der Engländer, der Franzosen und der Deutschen, die Eure Legaten anders hätten behandeln können.«

»Welch einen Abgrund öffnet Ihr vor uns?« fragte Johannes bestürzt: »Gestaltet sich Alles, wie [137] Ihr sagt, so sehen wir keine Hülfe ab. Wir müssen unterliegen.«

»Das muß Ew. Heiligkeit nicht;« erwiederte der Herzog fest: »Wahrlich nicht, so lange Ihr auf Freunde rechnen könnt, deren starke Arme Euch über der Fluth halten. Ihr habt drei nicht unbedeutende Wächter für Eure Sicherheit aufgestellt durch kluges Werben. Östreich, Baden und Burgund halten Euch aufrecht gegen die gesammte Macht des Lützelburger's und seines Anhangs.«

»Dem Markgrafen traue ich nicht ganz«; versetzte Johannes bedenklich: »und der Herzog von Burgund ist weit. Wie, wenn im Augenblicke der Gefahr die beiden Stützen wichen?«

»Dann habt Ihr mich;« antwortete Friedrich mit kühnem Stolze: »Alles Erdreich ist Östreich unterthan! Das Wort ist ewig, und ich halt's Euch, sollt's mich Land und Leute kosten. Frei führe ich Euch von bannen, ohne daß man's wagen dürfte, Euch ein Haar zu krümmen.«

»Wackrer Fürst!« rief der Papst, von einer dankbaren Regung, übermannt: »Solcher Treue rühmen wir uns in Wälschland nicht. Ihr richtet uns auf in unserm Kummer, und niemand ist würdiger, der Bannerträger des heil. Stuhls zu heißen, denn Ihr, edler Habsburger. Der Herr der Heerscharen sey ferner mit Euch!«

Ein Gewoge und Gebrause wurde auf der Straße vernehmlich. Der Herzog trat an's Fenster, warf einen Blick hinab, und winkte dem Papste, mit den Worten: »Seht, seht, heiliger Vater, ob ich ein falscher [138] Prophet bin. Die Erfüllung folgt meiner Rede auf dem Fuße. Da kömmt der Huß die Straße herab, umringt von Partisanen und gebunden, wie mich dünkt. Das heutige Verhör hat demnach den Ausschlag gegeben!«

Der Papst eilte an das Fenster, trat aber alsobald schamroth zurück, da er den Verrathenen ersah, der in seinen Banden ruhig wie ein Heiliger daherschritt, und, als wollte er den heiligen Vater an sein gegebnes Wort mahnen, den Blick zu ihm in die Höhe warf. Des Volkes Auflauf tobte um den Gefangenen her, und die zum Tod entsetzten, in ohnmächtiger Wuth sich verzehrenden Freunde und Hüter des Dulders, waren durch die ungestüme Menge von seiner Seite gerissen worden. In geringer Entfernung von des Papstes Wohnung hatte ein neuer Auftritt in dem Zuge Statt. Ein untersetzter Kerl, der Diener eines italiänischen Doktors hatte sich Bahn durch das Getümmel gemacht, um den Ketzer zu sehen, dessen Verhaftung dem blindwüthenden Pöbel neue Waffen in die Hände gab. Die Wächter des Gefangenen, die jede mitleidige Seele mit Lanzenstößen von ihm jagten, ließen den frechen Burschen heran, der mit viehischer Roheit den Wehrlosen in's Gesicht schlug. Huß litt die Mißhandlung mit Standhaftigkeit und stummer Lippe, aber die Vergeltung saß der Unthat schon auf der Ferse. Ein junger Mann packte den tückischen Italiäner beim Kragen, und warf ihn mit einem Fußstoße zur Erde nieder. Zugleich sah er sich kampflustig mit geballten Fausten unter den Umstehenden um, erwartend, ob nicht jemand [139] Lust haben möchte, die Partei des Geschlagenen zu nehmen. Die Rechtlichern unter dem Volke und den Zuschauern an den Häuserfenstern riefen ihm Beifall zu. Das Gesindel fürchtete sich vor gleichwichtigen Schlägen. Um so mehr fiel aber die Begebenheit auf, als der Jüngling in die schwarze. lange Schleppentracht junger Subdiakonen gekleidet war. Die Kappe mit der Quastentroddel saß trotzig in die Stirn gedrückt, die Schleppe des Gewandes hatte der Kämpfer um den linken Arm gewickelt, den rechten Ärmel aufgeknöpft und aufgeschürzt. Mit einem derben Haarzauser entließ er den bestraften Wälschen, da ihm Huß zugerufen hatte: »Dank, junger Freund! schone aber in dem Verblendeten den Menschen! –« Eifrig begann er nun, während der Gefangene in die Gasse geführt wurde, wo das Kloster, sein angewiesener Kerker, stand, die alte Ordnung seines Kleides wieder herzustellen. Da vernahm er hinter sich die Worte, die eine volltönende Frauenstimme sprach: »Seht, mein Herr von Königseck! das wäre ein Mann nach meinem Geschmack. Schnelle Entschlossenheit und kecke That zieren das starke Geschlecht!« – Verwundert sah sich der junge Mann nach der Sprecherin um, und erblickte die herrliche Gestalt eines stolzen Weibes, das gerade mit einem Rückblick auf ihn, am Arm eines zierlich gekleideten Begleiters in die Thüre eines ansehnlichen Hauses trat. Der geschlitzte Hut mit bunten Federn bekränzt, den das Frauenbild auf dem braunen Haupthaar trug, die Perlenschnur, mit welcher ihre Stirne geschmückt war, das bauschige Gewand [140] mit Goldspangen und köstlichem Pelzbesatz, die gelben Schnabelschuhe mit Pelz gefüttert, und die schweren silbernen Schellen, die den breiten Sammtgürtel zierten, verriethen den Reichthum und den hohen Stand der schönen, trotz ihrer Blässe anziehenden Frau. Der junge Geistliche war von dem überraschenden Schauspiel fest gebannt auf seiner Stelle, bis ihn das Geräusch vieler an ihm vorbeikommenden Menschen erinnerte, daß er sich auf der Straße befinde. Der Herzog von Östreich kehrte mit seinem Gefolge in seinen Hof zurück. Prächtig gekleidete Zinkenbläser traten dem Geleite voraus, ihre blitzenden Instrumente ruhig in den Händen tragend, um sie an jeder Kreuzstraße erschallen zu lassen, den Ruhm ihres Gebieters zu verkünden. Trabanten in Östreichs Farben, die Hellebarden auf der Schulter, folgten, und hinter dem stolz flatternden Banner mit Östreichs und Tyrols Wappenschildern ritt der Herzog, umgeben von den Edeln seines Hauses. Pagen berührten seine Steigbügel, und den goldgeschmückten Zaum seines Pferdes, und besondre Leibwächter in blanken Brustpanzern, mit Mordäxten bewaffnet, schlossen sich unmittelbar, die Letztern des Zugs, dem Gebieter an. Das scharfe Auge des Letztern hatte schon vor des Papstes Fenstern den jungen Mann im geistlichen Gewande erkannt, und sein Finger winkte denselben an sein Pferd heran. Im weiten Kreise standen abweichend die Begleiter, die Straße sperrend durch ihr Stillhalten. Der Herzog bückte sich vertraulich über den Hals des Gauls zu dem Jüngling herab, und fragte halblaut: »Was macht [141] Ihr denn für Tollmannsstreiche, Dagobert? Faselt auf der Straße umher in dem Kirchenrock, der Euch nicht kleidet, und begeht noch obendrein das Verbrechen, Euch eines Unglücklichen anzunehmen! Das wird Euch Verdruß bringen und Haß erwerben.«

»Hatt' ich nicht Recht?« fragte Dagobert: »Ich scheere mich nicht um des Böhmen Lehre, aber Mensch bleibt Mensch, und Ihr, gnädiger Herzog, hättet an meiner Stelle nicht um ein Haar anders gehandelt.«

Friedrich besann sich einen Augenblick, dann nickte er zugebend mit dem Kopfe, sprechend: »Ich glaube es beinahe selbst, aber ... junger Patrizier ... wollt Ihr Menschenrechte vertheidigen, so zieht die Kutte aus. Man kann darin den Arm nicht frei regieren, so wenig als den Mund. Auf Wiedersehen!«

Er zog seines Wegs, und Dagobert ging den seinigen. »Der Herzog hat nicht Unrecht,« sagte er zu sich selbst, »aber wie ist das zu ändern? Für mein Leben gern kröche ich wieder in mein kurz Röcklein und handthierte mit dem Rappiere, aber der Mutter Gelübde, muß ich wohl halten. Wie glücklich sind diejenigen, die frei sich bewegen können, wie sie wollen, und den Kelch des Lebens trinken können, wo sie wollen, nur nicht am Altare. Ich Armer kann nichts thun, als sie beneiden, und muß zusehen, wenn sie hübsche Frauen heimführen dürfen, wie die, welche ich heute sah. Ich aber mag Psalmen singen, und Prozession laufen, oder den gewissenlosen Pfaffen machen, vor dem jeder rechtliche Christ das Kreuz schlägt. Das Letztere verhüte aber Gott!«

[142] »Ei, um aller Heiligen willen, deren Fürsprache mir auf dem Sterbebette Noth thun möchte! was ficht Euch an, daß Ihr also umherwandelt, bei hellem Tage, ein lebendiger Leichnam, ohne Sinn, Gehör, Gesicht und Wortes?« fragte Gerhard's Stimme plötzlich neben dem Patrizier, der verwundert aufsah, und mit einem bittern Lächeln antwortete: »I nu, lieber Hülshofen, ich freue mich kindisch auf den Augenblick, wo ich Papst seyn werde.«

»Wollte Gott, Ihr wärt's;« rief Gerhard, »so könnt' ich vielleicht auf Absolution hoffen, oder auf Dispens von den Fastenspeisen, die mir gegenwärtig wie Blei im Magen liegen. Unser Wirth im Engel, ein abgefeimter Spitzbube, der früherhin kaum am Freitage Fleisch, Butter und Eier wegließ, ist durch das Concilium so heilig geworden, daß wir Mittwoch, Freitag und Sonnabends nichts als Fisch, Mehl und Öl zu sehen bekommen.«

»Faste und bete, da Du nichts zu schaffen hast,« predigte Dagobert, und wollte von dannen, aber Gerhard hielt ihn zurück. »Thut mir doch die Liebe,« sprach der Edelknecht, »und gehet ein Sprünglein mit mir. Ich will mich eben zum Meister Thomas begeben, dem feinsten Waffen- und Messerschmid zu Costnitz. Ich lasse von seiner kunstfertigen Hand eine Klinge vom Rost säubern, und wollt Ihr einen Rückenklopfer sehen, wie ihn selbst Seine Majestät Kaiser Karl der Große nicht an der Hüfte hatte, so kommt mit.«

»Was sollen mir Eure Klingen?« fragte Dagobert lachelnd: »Ich fechte in Zukunft nur mit [143] Kerze und Weihwedel. Überdieß ist's mit dem Sonnenschein vorbei, der Schnee beginnt sich wieder in leichten Flocken einzustellen, und ich sehne mich nach der Ofenglut.«

»O pfui!« höhnte Gerhard: »Junges Blut! was will aus Euch werden? Kommt mit; wenn's Euch reut, die Waffe gesehen zu haben, so schlank und blank, daß schon das Anschauen allein in der Faust juckt, will ich nicht selig werden. 'S ist ja auch nicht weit. Ein Fünfzig Schritte zurück .... seht, dort, wo der Küraß mit Kolbe und Morgenstern über der Hausthüre zu sehen ist.«

»Dort?« wiederholte Dagobert, und mit einem kurzen: »Meinetwegen!« hatte er sich gedreht, und wandelte dem Hause zu, welches kein andres war, als dasjenige, in dessen Pforte die schöne Frau in der stolzen Schellentracht verschwunden war. Die Werkstatt hinten im Hofe, war erfüllt von lustigem Getöse. Der Blasbalg schnaufte, der Hammer klang, und zwischen durch Funkengeknister und Ambosgetön schallten fröhliche Lieder in schwäbischer, bairischer und Schweizer-Mundart, wie sie die Gesellen des Schmids aus ihrer Heimath mitgebracht hatten. Das kühne, unverdrossene Leben, das sich in dem schwarzen Gewölbe bewegte, lüftete wohlthuend Dagobert's Brust. Die starken Gestalten, die hier handthierten, der winterlichen Kälte wie der schmorenden Hitze zum Trotz halb entblöst bis zum Gürtel, schwangen rüstig die schweren Eisenkeulen, und das spröde Metall fügte sich ihren Streichen, unter welchen der Gesang nicht verstummte. Dort trug Einer eine Last [144] Kohlen zur Glut, hier löschte ein Andrer das weißgeglühte Eisen im dampfenden Wasser, dort wurden zierliche Stahlklingen glatt und blank gemacht, hier versuchte sich der Lehrling an der Vernietung einer Halsberge. Die Gewerbe der Messerer, Waffenschmide und Harnischer waren hier in Eins verschmolzen, und in der Mitte der tobenden Schar stand der stattliche Meister, mit prüfendem Blicke einen Turnier- und Brechhut musternd, der so eben fertig geworden war.

»Grüß Dich Gott, Thomas!« rief ihn Gerhard an: »Wie steht's, alter krausköpfiger Bursche? Was macht mein Stoßdegen? sitzt er noch im Roste, oder kann sich ein hübsch Mädel darin beäugeln?«

»Der Kaspar dort im Winkel putzt gerade den Bügel;« erwiederte Thomas: »wollt Euer Schwert betrachten, lieber Herr. Ich hab' den Griff mit baierschen Hauben beschlagen lassen. Er sieht fürnehmer aus, und haftet sichrer in der Faust.«

Gerhard schritt auf den bezeichneten Kaspar los, und der Meister wendete sich verwundert zu Dagobert: »Womit kann ich Euch dienen, geistlicher Herr?« fragte er: »Euer Gewand ist ein unerhörter Gast in meiner Werkstatt. Schwert und Panzer bedürft Ihr nicht; die Messer zu Eurer Tafel besorgt Eure Küchenmagd, und ich habe nicht einmal eine Tochter, noch ein Weib, denen zu Gefallen man sich wohl einmal in die rußige Höhle eines Schmids verirren möchte.«

»Ruchlose Gedanken!« scherzte Dagobert mit dem Finger drohend: »Vor der Hand bin ich indessen [145] hier nur in Begleitung jenes wackern Meisters vom langen Schwerts, der sich eine Freude daraus macht, dann und wann die Kirche zu schirmen. Setzest Du indessen durchaus einen andern Grund voraus, der mich zu Dir führt, so will ich mich zu Deiner Ansicht herunter lassen, und Dir eine Frage stellen, so kurz vom Zaune abgebrochen und so naseweis, als sich's gerade schickt. Wer ist die Frau, die in Deinem Hause wohnt, die Stattliche, prächtig Gekleidete? Mich drängts, darüber Auskunft zu erhalten, wahre Kunde, wohlgemerkt.«

»Hm!« versetzte Thomas schmunzelnd, und auf einen Menschen weisend, der mit verschränkten Armen und lächelndem Gesicht herzugetreten und aufgehorcht hatte: »Ihr könnt Euch an keinen bessern Kundmann wenden, als an diesen, hochwürdiger Herr! Er weiß von seiner Gebieterin vortrefflich zu berichten.«

Dagobert beschaute flüchtig das Antlitz des Empfohlnen, und fand es gemein, einer breiten Ochsenlarve nicht unähnlich, aber geeignet, Vertrauen einzuflößen.

»Es ist weiter auch kein Geheimniß dabei;« sprach der Breitstirnige gleichmüthig: »meine Herrin nennt sich das Erbfräulein von Baldergrün am Harzwalde. Sie ist, wenn nicht die reichste, doch auch nicht die ärmste Edeljungfrau. Zwei freie Sassen zinsen ihr, und, mich dazu gerechnet, zählt sie sechzehn Halseigne, die ihr dienen.«

»Wird sie lange hier verweilen?« fragte Dagobert mit steigender Theilnahme.

[146] »Weiß nicht,« erwiederte der Knecht achselzuckend: »doch sollt' ich's vermuthen. Es heißt, sie werde sich hier vermählen.«

»Vermählen!« rief Dagobert rasch: »Mit wem!«

»Meiner Treu!« lachte der Knecht: »Zweie lassen ihr die Wahl. Der Herr von Königseck, oder der von Montfort, einer von Beiden wird's am Ende seyn.«

»Ich danke Dir!« versetzte Dagobert unwillig, ohne der Ursache sich bewußt zu seyn, und kehrte dem Berichter den Rücken zu. Gerhard trat just mit seiner schöngeputzten Waffe herbei, und pries dem Jüngling ihre Vorzüge. Dieser überhörte jedoch Alles, was der Gewehrkundige von Bügel, Korb, Stahlschnitt, Knopf und Spitze sprach, und ging mit ihm hinaus, ohne von Meister und Knecht Abschied genommen zu haben. Thomas schüttelte den Kopf, und die Gesellen thaten's ihm nach. Sie konnten den jungen Geistlichen nicht begreifen; am wenigsten konnten's diejenigen, die ihn vor einer halben Stunde in rüstigem Fauststreit gesehen hatten, und nun sein blödzerstreutes Wesen nicht zu reimen vermochten. Der Knecht jedoch vermochte es am Besten: »Dem hat's mein Fräulein angethan;« brummte er pfiffig in den Bart, und ging hinauf, seiner Herrin zu berichten, es sey nun nicht mehr nöthig, nach dem jungen Manne zu forschen, wie sie ihm geboten; dieser habe selbst sich schon nach ihr befragt, und nur eines Winks bedürft es, ihn ihrem Befehle gehorsam zu machen, wenn sie anders Lust habe, ihm Befehle zu ertheilen.

7. Kapitel
[147] Siebentes Kapitel.

In Treuen fest

Wär' wohl das Best',

Doch hältst Du es nicht fast in Ehren:

Du Minnedieb,

Der Du zum Lieb

Nur, was Dir nicht ziemt, willt begehren!

Fastnachtspiel.


Seit mehreren Tagen hatte sich Dagobert nicht im Hause seines Oheims blicken lassen, und wurde doch von dem Letztern, wie von dessen Freundin Fiorilla sehnlichst erwartet, wenn gleich aus verschiednen Beweggründen. Sein endliches Erscheinen nach dem sonntäglichen Hochamte befriedigte die seiner harrenden Seelen. Zum großen Befremden des Jünglings schien weder der geistliche Zuschnitt seines Rockes, noch die ernste gesammelte Miene, mit der er eintrat, einen besonders günstigen Eindruck auf den Prälaten zu machen. Im Gegentheile: Er bewillkommte den Neffen finster und kalt; Fiorillens bedeutende Geberden und scheues Fortschleichen wiesen auf Sturm. »Ist es also,« – begann Monsignore, nach langer ungewisser Pause, – »ist's also, daß man sich vorbereitet zu dem heiligen Stande, den man zu ergreifen gedenkt, nach Gottes und des Oheims Willen? Schäme Dich dessen, was ich von Dir vernehmen mußte!«

Dagobert fragte schüchtern nach der Sünde, die er begangen haben sollte.

[148] »Du willst nicht wissen, Dich nicht entsinnen?« rief der Prälat: »verstockter, unbußfertiger deutscher Tollkopf! Ich will Dir erklären, was ich meine: Ein Jüngling von altbürgerlichem Geschlecht, zum Dienst der alleinseligmachenden Kirche bestimmt, in ihr Friedenskleid gehüllt, wird auf offener Straße ein faustfertiger Klopffechter, des Pöbels Widerpart! Um einen Ketzer zu vertheidigen, schlägt er einen Christen zu Boden! Das kann nur ein Deutscher thun, der ein gewaltig zahmes Herz lügt, und, dieß seinem Gegner zu beweisen, demselben kaltblütig eine Handvoll Haare, ein halbes Dutzend Zähne oder ein Auge ausreißt. Schäme Dich, bereue, und bitte sogedachte Frevel dem Herrn der Heerscharen ab. Noch einmal ein Wort für den Ketzer verloren, – noch einmal zu seinen Gunsten die Faust gezückt, und ich ziehe meine Hand von Dir ab. – Keine Einwendung! Ich weiß wohl, daß Ihr in Deutschland selbst im Chorrock das grobe bäurische Wesen nicht ablegt, das Ihr adelich Thun nennt; daß Eure Bischöfe und Stiftsherren sogar zu Gaule steigen, und Eure Thurneien und Ringelrennen mitmachen, als wüßten sie nichts anders zu treiben, als solche sündliche Lustbarkeiten. An Dir jedoch will ich dieß Unheil nicht erleben. Bereue dem nach, und begib Dich in Demuth hinweg, um Dich vorzubereiten auf den Besuch, denn Du Morgen bei Sr. Eminenz dem Erzbischof von Ravenna ablegen wirst. Ich tafle heute bei dem hochwürdigsten Herrn, und will den gerechten Zorn, den er gegen Dich empfindet, welchen ich bereits seiner Gunst empfohlen, in die gewohnte Milde umzustimmen [149] suchen. Doch thue ich dieses nur dieß Erste- und Einzigemal; wohl zu merken. Entferne Dich! –«

Dagobert nahm die Predigt stillschweigend hin, verließ ebenso das Gemach, und wurde von Fiorillen, die seiner auf dem Vorplatze wartete, unter Bedeutung der völligsten Heimlichkeit in ihre Stube gewiesen. – »Monsignore hält seinen Imbiß heute auswärts;« flüsterte ihm die Schlaue zu: »bleibt bei mir zu Gaste, und rührt Euch nicht, bis der Ohm von dannen ging.« – Dagobert ließ das Mädchen lächelnd gewähren, und verschmähte die leckre Kost an dessen Seite nicht. Nach einer langweiligen Stunde verließ der Oheim das Haus, und Fiorilla rüstete die Tafel mit ausgesuchter Zierlichkeit. Die Speisen wurden durch sie selbst heraufgeschafft, der umherlauernde Diener mit einem Trinkgeld vergnügt, und in's Weinhaus gesandt; die Thüre verschlossen, und Base und Vetter setzten sich in friedlicher Einsamkeit zu dem Mahle, geschmückt von den Kränzen der Ceres und des Bacchus. Fiorilla hätte nicht ungerne den kleinen heidnischen Gott, der gewöhnlich die Dreizahl voll macht, mit in die Gesellschaft gezogen. Aber umsonst. So freundlich ihre Worte und Geberden den kleinen Schalk einluden, so blieb er doch aus; er scheute sich vor Dagobert's Unempfindlichkeit, die, im Anbeginn unter der gleißenden Larve des unbefangensten Frohsinns verborgen, gegen Ende der Mahlzeit in ein nachdenkliches Schweigen überging. – Fiorilla's Spott rüttelte ihn aus demselben. »Da plaudre ich nun, und plaudre mir die [150] Zunge lahm,« rief sie schäckernd: »und Ihr sitzt da, wie aus Holz geschnitzt. Bekennt, was Euch so fühllos gegen die Rede einer jungen muntern Dirne macht, die Euch für ihr Leben gern gefallen möchte. Was ist's, das Eure Lustigkeit dergestalt herabstimmen konnte?« Ist's die Bußpredigt Eures Ohms, so schlagt sie Euch kühn aus dem Sinn. Er ist auch kein Heiliger. Ist's die Erinnerung an ein verlassenes Liebchen, so vertraut Euren Kummer meiner uneigennützigen Freundschaft. Oder wäre es vielleicht die Bewerbung um meines Herzens Gunst, die Euch auf der Zunge sitzt, und muthlos, nicht sich auszusprechen wagt ...? nur keck heraus damit. Wer weiß, sagte ich: »Nein« darauf.

Dagobert, ohne einen Augenblick in Verlegenheit zu gerathen, sprach nach kurzem Besinnen: »Lieb Bäschen! des Oheims Donnerworte sind mir schon nicht mehr im Gedächtniß«, bekümmern mich folglich keineswegs. Ich hörte, so zu sagen, eigentlich gar nicht auf sie. Eben so wenig denke ich um Eure Gunst zu freien. Soviel ich deren bedarf, um in Euch die uneigennützige Freundin zu schätzen, habt Ihr mir bereits zugewendet. Ein Mehreres verbietet mir mein Stand und die Liebe für den Ohm zu begehren. Auch denkt Ihr nicht daran. Daher darf ich Euch frank und frei vertrauen, daß Euer Scharfsinn den rechten Zweck getroffen, indem Ihr von einem verlassenen Lieb spracht, und von dem Gedächtniß an dasselbe. »Wenn Ihr's erlaubt, und nicht dem Oheim, mindesten nicht mit ärgerlichen Zusätzen, das Gesagte wieder sagen wollt, so möchte ich wohl [151] meinem Herzen Luft machen durch ein frei Bekenntniß, auf die Gefahr hin, von Euch gescholten oder ausgelacht zu werden, denn die Historie meiner Liebe ist nicht die gewöhnlichste.« – So schnell, auch die ersten Worte Dagoberts Fiorillens Antlitz mit Unmuth beschattet hatten, so schnell erheiterte dasselbe des Mädchens natürliche Herzensgüte, und die dem Geschlechte eigene Neugier und Theilnahme an Sachen der Minne. »Sprecht!« versetzte sie: »Freundschaft gelobe ich Euch, und Bewahrung Euers Vertrauens. Nicht dem Schilf am See, nicht dem verschwiegenen Ofen will ich gestehen, was ich von Euch erfahren soll, sey es eine Wahrheit oder gefällige Lüge!« –

»Keine Lüge, Mühmlein von Cesena;« versicherte Dagobert, »die lautere Wahrheit hingegen. Hört aufmerksam zu. Es mögen ungefähr zwei Jahre verflossen seyn – nein; zu nächsten Frühling werden es zwei Jahre; da gab der Rath unserer Stadt ein großes Kampfspiel auf dem Römerberg, zu dem alle gute und ebenbürtige Leute aus Stadt und Gegend geladen waren, und auf dem die altbürgerlichen Geschlechter mitstritten zu Pferd und zu Fuß.« Es wäre mein Tod gewesen, hätte ich mich von solchem stattlichen Rennen ausschließen sollen. Ich stach daher auch mit, in Stahlhaube und Panzer, und ritt meines Vaters tollstes Pferd, Trotzteufel genannt, das seines Gleichen sucht in Stärke und Unbändigkeit. Ziemlich eitel von Geburt, suchte ich meinen Stolz darin, den Gaul zu reizen mit Sporn und Zügelriß, daß er stieg, wieherte, sich herumwarf im Kreise, [152] und endlich, hinten und vorne ausschlagen, zu bocken begann, daß allen Zuschauern Hören und Sehen verging, und Sand und Kies hinaufsprühte zum Altan, wo die Stechgrafen saßen und die Frauen. Da ich mein Müthchen gekühlt hatte, und mich wendete, um gegen meinen Mitkämpfer anzusprengen, so hörte ich unfern von mir, von den Schranken herunter, ein boshaftes Gelächter schallen, und ersah einen häßlichen Kerl, der, in seiner ritterliche Tracht auf dem Geplänke sitzend, wie toll aufwieherte über meine Reiterkünste, während alle übrigen Zuschauer sie bewunderten. Ich drohte zürnend dem geputzten Wicht mit der Faust, und dachte er würde Ruhe geben. Statt dessen zieht mir der Bube eine boshafte Fratze. Darüber entrüstet, winkte ich schnell den Trompetern zu schweigen, meinen Gegner nicht anzusprengen; reite darauf gestreckten Zuges an die Planken hin, und schlage dem rothhaarigen Tölpel, – der das Turniergesetz verletzte, das jede Beleidigung und Störung der Kämpfenden verpönt, – mit der Glane dergestalt über die Affennase, daß er von seinem Sitze herab in den Straßenkoth purzelt. Da er ohne einen Laut von sich zu geben, noch irgend eine Urkunde seines Lebens dahinstürzte und liegen bleibt, gewinnt das Mitleid schnell bei mir die Oberhand. Ich schwinge mich, des Panzers ungeachtet, schnell vom Pferde und über die Schranken, und springe dem Elenden bei, der von neugierigen Zuschauer aufgehoben worden war. So wie ich aber dem Burschen das Wamms lüfte, schlägt er die Augen, auf, und stößt mich mit der geballten Faust zurück, wie ein Wahnsinniger [153] schreiend: »Fort! rühr mich nicht an, verfluchter Goi!« Durch diesen Ausruf verrieth er sich als einen Juden, und weckte auf's Neue meinen Zorn und den aller Umstehenden. »Ein Jude!« brüllte der Haufen, und hundert Fäuste erhoben sich drohend, denn es ist jedem aus dem Volke Abrahams streng bei uns verboten, einem feierlichen Spiele zuzusehen, weil der mißgünstige Blick des Zuschauers schon zum Schaden wirken kann, geschweige erst die tückische Zauberformel, deren sich oft die Juden bedienen sollen, um den Christen jede Lust in Leid zu verkehren.

»Das ist wohl ein Aberglaube!« meinte Fiorilla, und fuhr etwas verlegen mit dem feinen Tüchlein über die erröthende Stirne.

»Möglich!« versetzte Dagobert, gleichmüthig: »Ich sage nur, was uns von Kindheit an Amme, Eltern und Schulmeister einprägen. Genug; dem Rothkopf bekam seine Neugierde übel. Ich konnte mich vor Wuth, von einem Juden mißhandelt worden zu seyn, nicht fassen«. Rechts und links schmetterte ich mit dem Blechfäustling dem Buben in das häßliche Angesicht, und das Volk riß indessen die prächtigen Kleider in die er sich verkappt hatte, in Stücken. So hatten wir ihm eine gute Strecke von dem Schrankewerk hinweg das Geleite gegeben, als plötzlich einige alte Juden aus ihrer Gasse herbeieilten, sich darein mischten, den Bestraften ihren Freund und Verwandten nannten, und uns bei allen Verdiensten der Erzväter beschworen, inne zu halten. Ich wäre wenig geneigt gewesen, dem Geschrei und Gejammer der Langbärte nachzugeben, hätte nicht mit einem Male eine [154] seidenweiche Hand meine drohende Faust aufgehalten, und eine zarte Stimme zu mir emporgefleht. Verwundert blickte ich hernieder, und sah ein jüdisches Mägdlein vor mir stehen, in reizlose Tracht gekleidet, so wie dieß Volk gewöhnlich auf der Straße gesehen wird. Verächtlich stieß ich sie von mir, und wollte dem Haufen nach, der sich mit dem Mißhandelten und seinen Fürsprechern einige Schritte von meiner Seite gewirbelt hatte, da hielt mich das Mägdlein zum zweiten Male auf, und wenig hätte gefehlt, so wäre sie zu meinen Füßen gesunken. Mit einem derben Fluche wollte ich die Zudringliche noch einmal von dannen weisen, aber da mein Auge zürnend auf ihr Antlitz blitzte, da war im Nu mein Zorn vorbei, und nicht um die Welt hätte ich ferner ein hartes Wort zu der Dirne gesprochen, die mit den Blicken eines bittenden Engels aus dem groben Schleier sah, und mit der Zunge der Alles gewinnenden Demuth die Worte zu mir sagte: ›O schlagt nicht mehr, lieber Herr! schlagt nicht mehr! Zodick ist ja kein Hund; er ist unser Knecht, und wird sicher nimmer thun, was Euern Zorn gereizt!‹ –

Dagobert lehnte sich hier in den Stuhl zurück, drückte beide Augen, zu, als' suche er das gegebene Bild noch einmal aus der Vergangenheit zurückzuzwingen in die Gegenwart, und fuhr dann mit sanfter Stimme fort: Erwartet, liebe Fiorilla, keine Schilderung der Schönheit dieses Mädchens; selbst die Eure müßte ihr weichen. Erwartet eben so wenig einen Bericht, wie sich plötzlich mein Herz gewandelt. Genug, es war so. Der Leue war zum [155] Lamm geworden. Mein Grimm hatte den hämischen Buben der Rache überliefert, mein Fürwort entriß ihn den Klauen seiner Feinde. Als ihn nun seine Glaubensbrüder hinwegführten, fühlte ich einen heißen Kuß auf meiner Hand, und siedwarme Thränen. – Die Dirne war es, die mir also ihren Dank bezeugte. Die Hand zog ich zurück, doch nicht das Auge, das eingewurzelt schien in die Fülle von Liebreiz., die des Mädchens Antlitz darbot. Sie war aber umsichtiger als ich; ›Lebt wohl, guter Junkherr!‹ flüsterte sie, ›ich möchte Euch zwar gerne sagen, wie hoch ich Euch verehre, aber es ist Euch eine Schande, eine elende Jüdin auf offener Straße anzuhören, darum vergönnt mir nur dieß Andenken von Euch mir zuzueignen.‹ Sie bückte sich schnell nach einer schlechten Feder die meinem Helmbusche entfallen war, drückte sie heftig an die Lippen, verbarg sie im Busen, und entfernte sich rasch. Wie ein Träumender gieng ich zu dem Rennen zurück, aber mir war die Kampflust vergangen, ich mied den Kreis meiner Gesellen, die mit roher Schadenfreude das Abenteuer mit dem Juden ausposaunten; Küraß und Haube warf ich von mir, griff zur Laute, und verklimperte den Tag und den Abend im einsamen Stüblein. Je mehr ich aber klimperte, je näher trat mir das Bild des Mägdleins; trotz dem Abscheu, den ich von Kindheit auf gegen das ganze Volk der Hebräer hegte, wurde mir dieses Bild immer lieber, immer traulicher, so oft ich die Saiten rührte, die jetzt nur der Minne klangen, wie früher dem lustigen Scherz, – so trat die liebliche Gestalt in meine Zelle, neigte sich, und[156] schien mit dem Lächeln der Sehnsucht meinen Tönen zu lauschen. Wie selig war ich dann! Zwar sagte ich nur oft: du wirst noch den Veitstanz gewinnen, wenn das Gebreste so fort geht. Sey nicht aberwitzig und kein Dummbart, der sein Quentlein Verstand an das glühende Gesicht einer Dirne verliert, die nicht einmal an den Heiland glaubt. Mein Lehrmeister, der Predigermönch Johannes, ersah wohl meinen Trübsinn, meine wehmüthige Freundlichkeit, errieth deren Ursprung. »›Die Minne quält Dich und schafft Dir Herzeleid,‹ sagte er warnend, ›hüte Dich, mein Sohn, Du bist bestimmt der Jungfrau jungfräulich zu dienen, und darfst dem Geluste der Sinne nicht nachhängen. Bete, mache das heil. Kreuzeszeichen so oft der Versucher zu Dir tritt, und genese!‹ – Ich folgte seiner Lehre, ich betete, schlug das Kreuz, und genas doch nicht. Im Gegentheil: ich lernte immer mehr das verführerische Siechthum lieben, in das ich verfallen war.«

»Ihr Glücklicher!« rief Fiorilla, ausbrechend in wehmüthige Theilnahme: »Euch haben die Rosen des Lebens geblüht; nicht jeder sieht diese Blüthen mit unentweihtem Sinn!«

»Mein Sinn war rein, und ist es noch jetzt;« betheuerte Dagobert, »aber im selben Grade ist kräftig meine Brust, und gesund mein Herz. Die Minne und ihre Sehnsucht wischten nicht das Roth von meiner Wange. Der Trübsinn, eine fremde Erscheinung in meinem Leben ward nach einiger Dauer von der Fröhlichkeit niedergekämpft. Ich nahm wieder Theil an den Festlichkeiten der Stadt und der Geschlechter, [157] an den Gelagen meiner Jugendgesellen und Gefährten, ich stieg wieder zu Pferd, und besuchte Forst, Hain und Flur. Endlich glaubte ich es ohne Nachtheil wagen zu dürfen, meine Thorheit, wie ich's' nannte, herauszufordern. Ich ritt durch die Judengasse, und hoffte diejenige zu sehen, die mir's angethan, hoffte dem unbegreiflichen Zauber Hohn zu sprechen mit gestähltem Herzen. Aber ... seltsam ... schon beim Eintritt in die schmutzige Straße, winkte der Bann auf's Neue. Ich, der sonst nur Muthwille halber hier meinen Weg durchnahm, die Buben und Mägdleins der Ebräer durch das wüthende Dahersprengen meines Rosses erschreckend und in die Flucht treibend; .. ich, der zuerst unter dem Jubelruf der Freunde es unternommen hatte, in eine jener alterthümlichen Judenhütten einzureiten, zu Pferd meinem Besuch in der Stube zu machen, wo der Hausvater mit den Seinen zu Tische saß, und beinahe den Tod hatte vor Schrecken ob des höhnenden Gastes, der die Runde um die Tafel machte, das Estrich aufwühlte, und mit Spottgelächter über die in Staub krachende Schwelle seinen Abzug nahm; ich ließ jetzt das Pferd langsam gehen, und spähte sorgsam nach beiden Seiten zu den erblindenden Fenstern auf, ob ich nicht die Holde gewahren möchte, welche mich berückt. Und siehe ... wie verabredet erschien ihr Antlitz, ihre Gestalt unter der Thüre eines Hauses, des ansehnlichsten der Gasse. Mit gespannter, überraschter Aufmerksamkeit schaute sie zu mir empor, und ein neuer Reiz schmückte ihr heute von Locken und zierlichen Zöpfen bekränztes Haupt, die Rosenglut [158] der Scham, der feurige Wiederschein erfüllter Sehnsucht. Ich zwang meine hochklopfende Brust zur Ruhe, meine von schmerzlich süßem Leid gespannten Züge zu kalter Gleichgültigkeit und trabte vorüber. Die Dirne grüßte nicht ...... obgleich sie mich nur allzuwohl erkannte; die Vorsichtige schonte mein Gefühl. Sie blickte mir aber nach, so weit die krumme Gasse es verstattete, und da ich an der Ecke zurückschaute, winkten mir noch ihre Augen, wie freundliche Sterne. Seitdem sah ich sie oft, denn der neugestärkte Zauber trieb mich Tag für Tag zur selben Stunde durch den von Pferden und Reitern selten besuchten Stadttheil. Und wie an der eingestürzten Pforte der Straße meines Rosses erster Hufschlag erklang, so klang auch das Fensterlein jenes Hauses, und das Zauberkind umgarnte mich mit neuen, allzulieben Schlingen. Ihr lächelt wohl, lieb Mümchen, wenn ich Euch sage, daß über ein Jahr diese seltsame Minne bestand, ohne ein dollmetschendes Wort zu finden; kaum einen dollmetschenden Blick, da ich immerfort, wenn gerade nicht Kälte, doch eine Ruhe heuchelte, die mir, – sah ich die Schöne, – so fremd war, wie der Galle die Süßigkeit des Honigs.«

»O ihr Deutsche!« lächelte Fiorilla, »zögernd legt ihr selbst die Riegel vor das Paradies.«

»Mit Recht!« erwiederte Dagobert: »Steht die Pforte offen, so ist's das Paradies nicht mehr. Hinter den Bergen die unsere Fluren bekränzen, denken wir uns schönere Auen, blühendere Matten, und finden, – haben wir die Höhen überklettert, – nur die gewohnten Büsche und Felder wieder. Begehren [159] ist Lust; im Genusse wird sie stumpf. – Ich ritt also fort und fort meiner schönen Jüdin zu Hofe, und gefiel mir in der Sonderbarkeit meiner Neigung. Da geschah es, daß an einem Abend des verwichenen Sommers, – die Wächter hatten die zehnte Stunde abgerufen, – Feuer entstand in der Nähe der Judengasse. Ein Reiterknecht war mit brennendem Spann in den Stall seines Gauls gegangen, und ein Funke hatte den Brand geweckt. Die Feuerglocke heulte vom Thurme, und auch in meine Klosterstille drang das Getümmel der zum Brand fluthenden Menschenmenge. Schnell war ich entschlossen meine thätige Hülfe nicht zu versagen, schnell hatte ich mich in die Kleider geworfen, und kam athemlos auf dem Platze an, wo längst dem Mainstrom eine Reihe von Ställen, Heuschobern und Werkhütten in vollen Flammen stand. Unser Volk ist brav und rüstig, wo es zu retten gilt. Wasser wurde herbeigeschleppt von allen Orten und Enden; schon einigemal hatte ich auf meinen Rücken den vollen Bottich herzugetragen, und noch einmal ihn zu füllen, lief ich weg aus dem Getöse, da fiel mir eine weibliche Gestalt in die Augen, die, da wo man eingeht in die Judengasse, unter dem Vorsprung eines Hauses auf eine Bank niedergesunken schien. Entfernt von dem Gewühle der Menschen, forderte der Anblick der hüflos Verlassenen, vielleicht Ohnmächtigen, mein Mitleid auf. Ich trat zu ihr; erstaunt, ein köstlich geschmücktes Mädchen zu finden, dem nur der Schrecken die Kraft versagt hatte, weiter zu gehen; .... entzückt zugleich in der festlich Geputzten die zu erkennen, die schon [160] so lang in meiner Seele lebte. Wir waren beide nur allzusehr betroffen, und kaum konnte ich die Worte stammeln: ›Mein schönes Kind, wie kommst Du hierher, in diesen Gewändern? hier ist doch Deine Stelle nicht!‹ – ›O Herr,‹ versetzte sie hierauf schüchtern und demüthig: ›Zürnt mir nicht. Das Entsetzen mag mich entschuldigen, wenn ich Unziemliches gethan. Wir feierten den Sabbath, der gerade heute eingegangen, geschmückt mit unserm Köstlichsten, als die Feuerglut entstand. Mein Vater und Großvater wurden aus dem Hause gerissen, und mit Schlägen zum Löschen angetrieben. Die Angst vermochte mich, ihnen zu folgen, doch verlor ich sie aus den Augen, und sank hier halb ohnmächtig zur Erde.‹ – Während dieser erläuternden Rede hatte ich mich nicht abwenden können, von der hohen Schönheit, die hier, in abenteuerlichen Prachtgewändern, wie sie wohl nur das Morgenland erfunden, vom fernen Glutshain zauberisch beleuchtet, der Reize höchste dem Bewunderer verrieth. Die funkelnden Ketten und Armbänder, das Geschmeide im Haare, der Perlengürtel konnten die Herrliche nicht schöner machen. Aber zu einer jener Feenköniginen verklären, von denen die Minnedichter singen, und die schon oft das Glück eines Sterblichen begründet haben sollen. ›Wie hold bist Du!‹ flüsterte ich der Lieblichen in's Ohr, und stürmisch klopfte mein Herz, da sie züchtig und leise antwortete: ›Niemand begehre ich zu gefallen, denn Euch, mein Herr.‹ – Herr? fragte ich mit leisem Vorwurf; Herr? warum nicht Freund? Ich schmiegte sie in meinen bebenden Arm, sie entzog sich aber demselben [161] und küßte meine Hand. ›Nicht so,‹ sprach sie, ›Freund dürft Ihr mir nicht seyn, wohl darf ich Euch jedoch meinen Herrn nennen, dem ich zu eigen seyn muß für und für.‹ ›Du mußt,‹ versetzte ich lächelnd; ›warum? der Grund?‹ – Nun drückte sie meine Hand an ihren Busen, an ihre Stirne, dann von neuem an den Mund, und ich meinte, sie würde meine Finger versengen mit dem glühenden Hauche ihrer Lippen. Befremdet ob solch leidenschaftlichem Thun, richtete ich das Mädchen ernst auf, und sagte zu ihr im selben Tone: ›nicht wolle es sich länger ziemen, mit ihr auf freier Straße zu kosen; ich sey bereit sie nach Hause zu geleiten.‹ Sie wollte das nicht zugeben, und wir hatten den Streit nicht beigelegt, als eine lange grobe Gestalt um die Ecke tölpelte, mein Mädchen plötzlich stille schwieg, ihren Finger auf meinen Mund legte, und sich in den tiefsten Schatten des Vorsprungs zurückzog. ›Esther! Esther! wo steckst Du denn?‹ rief der ungebetene Gast mit rauher widerlicher Stimme, in der ich gleich die des Buben erkannte, der mich auf dem Turniere beleidigt hatte. Nun juckte es in der Faust, aber ich bezwang mich, und gestattete es, daß die Gerufene sich völlig hinter mir verbarg. Der rothköpfige Knecht starrte mich einen Augenblick an, wich aber auf mein rauhes: ›Wer geht da?‹ scheu zurück, und näherte sich dem Gewühle der Löschenden, immer den Namen des Mädchens rufend. Wir schlüpften alsdann in die menschenleere Straße, und gelangten unter freundlichem Kosen an Esther's Haus. Die Schatten des Hausganges nahmen uns auf. Hier fragte mich [162] Esther, ob sie mich wiedersehen werde. Bald zum Letztenmale, antwortete ich, und vertraute ihr, ohne meinen Namen genannt zu haben, wie ich zum Dienste des Altars bestimmt sey. – Sie seufzte tief, faßte sich jedoch bald, ›Als Priester dürft Ihr Euch nicht verehelichen, nicht wahr?‹ fragte sie lebhaft. Kopfschüttelnd schwieg ich. ›O dann ist's recht!‹ sprach sie: ›Dann bleibt Ihr mein Gebieter, und ich Eure Magd, wenn uns auch weite Länder trennen. Dann werde ich nicht sterben vor Gram, Euch an der Seite einer geliebten Hausfrau zu wissen‹. – ›Wie kannst Du meiner ferner gedenken,‹ fragte ich: ›meiner? des Priesters eines Glaubens, den Du hassest?‹« – »›Denket das nicht,‹ antwortete sie: ›Ich hasse nicht Eure Lehre, nicht Euren Messiah.‹ – ›Wenn auch das wäre,‹ fuhr ich fort: ›so wird es, fürchte ich, Sünde seyn, wenn ich Dein Bild bewahre, das der Verläugenden?‹ – ›Ist das eine Sünde,‹ erwiederte sie schnell, ›so kommt zurück, wenn Ihr Priester seyd, und tauft mich. An Eurer Hand gehe ich gern in Euer Himmelreich, ohne das ewige Jerusalem zu schauen‹. ›Aber freilich,‹ setzte sie stockend hinzu: ›freilich müßte das erst geschehen, wenn der Vater todt seyn wird, und der Altvater Jochai. Denn es würde ihnen das Herz brechen, und ich möchte sie gerne in Frieden dahinscheiden sehen.‹ – Dieser ungeheuchelte Beweis einer reinen Seele zog meine Lippen an die Ihrigen. Der erste und der letzte Kuß ward zwischen uns gewechselt. Herannahendes Geräusch scheuchte mich aus dem Hause, und nimmer habe ich seitdem die Reizende gesehen. Ost trabte [163] ich durch die Gasse, nimmer ließ ihr holdes Bild sich mehr schauen, und mein Schicksal riß mich von dannen, ohne mir das Glück des Lebewohls zu gönnen.«

Fiorilla trocknete eine Thräne, und neigte sich dankend zu dem Erzähler. – »Wie soll ich Euch das Vertrauen vergelten, dessen Ihr mich gewürdigt? Ihr habt mir das Geheimniß Eures Lebens geschenkt, ... ich kann Euch kein Ähnliches vertrauen.«

»Vertraut mir nichts, Fiorilla!« unterbrach sie Dagobert ernst: »Ich bin Euch zu hold, als daß ich Euch vor mir erröthen sehen möchte. – Bedauert hingegen mein Mißgeschick,« fuhr er, muntrer werdend fort; »das mich beinahe zwingt, das Andenken, das ich treu bewahrte, aufzugeben für ein Andres. Ich hätte meinem Herzen nicht so viel Wankelmuth zugetraut; der Flattersinn muß im Blute stecken. Ein ander Frauenbild hat mich schier bethört; Esther und dieses holde Weib streiten in meiner Brust, und dennoch ist Keine auf Erden mir bestimmt und erlaubt.«

»Verwahrt darum Euer Herz;« entgegnete Fiorilla schelmisch: »Wer ist aber die, die ihr zu lieben besorgt? Erleichtert Eure Brust. Ich wage nichts bei Eurem Bekenntniß, da Ihr mir schon versichert habt, ich sey nicht im Stande, Euere Empfindung in Aufruhr zu bringen. Ihr wagt noch viel weniger, denn das Wichtigere habt Ihr mir schon entdeckt.« –

Dagobert erklärte sich auch scherzend bereit, und erzählte das Nachspiel zu dem Abenteuer auf der [164] breiten Straße, wo er den gefangnen Huß gegen die Roheit seines Beleidigers vertheidigt hatte. Und da er nun die Gestalt seiner neuen Huldin, wie das Haus beschrieben hatte, in das sie gegangen, so warf sich Fiorilla lachend in den Polstersessel zurück, und vermochte im Anbeginn, auf alle Fragen Dagobert's nichts anders zu erwiedern, als eben das schallendste Gelächter. Der junge Mann stand endlich verletzt auf, und wollte sich mit finsterm Gesichte entfernen. Fiorilla hielt ihn jedoch zurück. »Grollt, mir nicht;« stammelte sie, nach Luft athmend: »Das Zusammentreffen ist zu seltsam und zu lustig. Man rede noch einmal von der Stimme des Bluts, von angebornem Haß und Vorurtheil, der auch mit verbundnem Auge seinen Feind erkenne. Diejenige, die Ihr meint, ist niemand anders als Eure Schwester Wallrade, die sich gewiß nicht träumen ließ, daß es ihr gelingen würde, den abgeneigten Bruder in einen sehnsüchtigen Minneknaben zu verwandeln ......«

»Wallrade!« fragte Dagobert staunend: »Wallrade, das Fräulein von Baldergrün? Der Name des Besitztums, das ihr Monsignore zum Geschenk machte;« erklärte Fiorilla. »Sie verabscheut ihren Geschlechtsnamen, da Eure Stiefmutter ihn führt.«

»Thörin! eitle, selbstsüchtige Thörin!« rief Dagobert: »Wahrlich, lieb Bäschen, Ihr hättet mir keine wirksamere Arznei geben können, als mir der Name Wallrade wurde. Wo hatte ich meine Augen, daß ich, wenn gleich nach so langer Zeit, Diejenige nicht erkannte, die mir des Leid's viel, und Nichts zu Liebe gethan. Toller, toller Zufall! Mich ergötzt [165] es, daß auch sie blind gewesen und mich nicht erkannt. Wie gut ist's, daß sich noch nicht die Gelegenheit dargeboten, ihr den Hof zu machen. Wie würde der Hageprunk über meine Kurzsichtigkeit gespöttelt haben! Habt Dank, gute Fiorilla. Empfangt meinen herzlichen Händedruck für Eure Wohlthat. Ich bin nun gesund, und kann über meine Narrheit lachen. – Er überließ sich auch dem ungebundensten Frohsinn.«

»O des leichten, wandelbaren Bluts!« scherzte Fiorilla: »Ihr könntet mein Landsmann seyn.«

»Arme Esther! Bei solchem Flattersinn wird Dein Gedächtniß schwinden, früh oder spät, wenn ich's gleich heute vor aller Gefahr zu schützen so glücklich war.«

»Ihr bereut den Dienst doch nicht, den Ihr dem Judenmägdlein erwiesen?« fragte lächelnd Fiorilla:

»Ihr, die Nichte ... die Freundin eines rechtgläubigen Prälaten? Wahrhaftig, ich muß Eure Duldung bewundern, die Kirche, Gesetz und des Pöbels Eigensinn verdammen.«

»Leider!« erwiederte Fiorilla seufzend: »Ihr möchtet leichtlich staunen, eine Wälsche, welche die Madame verehrt, also sprechen zu hören. Vielleicht wird Euch jedoch meine Hinneigung zu der liebenswürdigen Esther erklärlicher, wenn ich Euch sage, daß ich keineswegs aus Cesena, sondern aus dem Ghelto zu Rom stamme, meine Eltern früh verlor, und durch die Milde Eures Ohms in eine Bekehrte verwandelt wurde.«

[166] Dieses überraschende Geständniß kitzelte Dagobert's Zwergfell auf's Neue und Heftigste. »Hoho!« rief er, lachend wie ein Verrückter: »kann denn auf dem Brocken in der Walpurgisnacht einem Hexlein etwas Tolleres begegnen, als mir? Es gränzt an's Mährchenhafte. Ich liebe eine Jüdin und meine Schwester, und meine Vertraute ist eine Neugetaufte! Nein, ich muß mich lossagen von solchen Banden, damit mir's nicht ergehe, wie den böhmischen Ketzern, und darum guten Abend, holdes Heidenkind!« –

Schnell hatte er einen Kuß auf Fiorillens Wange gepreßt, und polterte lachend die Treppe hinunter. Unter der Pforte rannte er an seinem heimkehrenden Oheim, der ihn, Dank sey es der Dämmerung, nicht erkannte, aber durch ein halb ängstliches: »Wer da! wer seyd Ihr?« festzuhalten dachte. »Ein Rabbiner, der von Euch bekehrt seyn möchte!« brummte der Spottvogel im tiefsten Register, schob den Staunenden bei Seite, und entsprang.

8. Kapitel
[167] Achtes Kapitel.

Weihnachtsfreude, Weihnachtslust!

Öffnest segnend jede Brust!

Nacht, die unsern Herrn geboren,

Zur Versöhnung auserkoren –

Du vereinest, die sich hassen,

Daß sie ihren Groll verlassen.

Doch, wie nur Dein Bann verweht,

Schnell die Schlange neu ersteht:

Und sie flieh' mit scheuem Bangen,

Die sich freundlich kaum empfangen!

W.


So wie der Meistersänger, dem es vergönnt ist, vor großer Gesellschaft seine Kunst zu zeigen, – nachdem er die Ohren seiner Zuhörer mit den sanften Gesängen der Minne, mit schwärmerischen Balladen und klagenden Liedern ergötzt hat, – auf einmal aus der weichen Tonweise in die harte umspringt, und die Saiten rührt zum fröhlichen steyrischen oder hungarischen Tanz, und eine Melodei nach der andern aufspielt, bis das junge Volk das Morgenroth herbeigestampft hat; .. also war Dagobert rasch und leicht seiner zufälligen Schwermuth enthoben, und schwamm wieder – mit Gerhard zu reden – wie ein lustiges Fischlein auf träglicher Lebensfluth, unbesorgt vor Strudeln und Abgründen. Wie ein Fuchs um die schlau erspürte Falle im weiten Bogen von dannen schleicht, also schlich er um Wallradens Haus, und war seelenfroh, daß sie ihm nicht wieder begegnete. Alle unfriedlichen Auftritte [168] seiner Jugend waren ihm lebhaft vor's Gedächtniß getreten, und er konnte sich der ärgsten Dummheit schelten, daß er sein Schwesterlein schön gefunden, sie, die wie eine böse Nixe ihm alle Freude verdorben hatte, von jeher. An Esther dachte er freilich oft, mit Sehnsucht und stillem Behagen, aber ... war sie nicht fern von ihm? nicht auf ewig von ihm getrennt? Darum schüttelte er alle Sorge von sich, und lebte mit den Lebendigen, mit den Fröhlichen, deren Viele damals zn Costnitz versammelt waren. Vergebens meisterte ihn sein Ohm mit aller Strenge, vergebens überhäufte ihn der Erzbischof von Ravenna mit vielem unnützen Geschreibsel zum Behuf der vorzubereitenden Sessionen: demüthig hörte er Monsignore's Lehre an, geduldig, aber schnell, that er die Arbeiten des Cardinals ab; doch, war sein Nacken, sein Ohr wieder auf einige Stunden frei, so sah man ihn alsobald im Kreise muntrer Freunde. Sein ernstes Kleid war überall willkommen, weil der Schalk, der gutmüthige Schalk, darunter verborgen war; die Frauen und Dirnen der besten Geschlechter sammelten sich um ihn, den freundlichen Sänger, den fertigen Lautenspieler, den erfinderischen Mährleinschmidt; die Männer schätzten in ihm den geübten Reiter, den erfahrnen Waidmann und Falkenabrichter, und den unverzagten Zecher. Die Geselligkeit schmückte ihn mit ihren besten Kränzen, und seine Laune wuchs wie eine Pappel in wälschem Boden, schnell und hoch, daß bald in der ganzen Stadt von nichts Anderm gesprochen wurde, als von Junker Fröschleins Schwänken. – »Recht so!« sagte [169] ihm einst sein Gönner, Herzog Friedrich: »was ich von Euch höre, gefällt mir wohl. Der Most muß brausen, der Bursch austoben; vorab, wenn er in die härne Kutte schlüpfen soll. Wie lange dauert's, so werden Eures Ohms Geschäfte allhier geendet und Ihr gemüßigt seyn, ihm über die Berge zu folgen, hinter denen deutsche Ehrlichkeit das letzte Paternoster betet. Dann werdet ihr werden müßen, wie sie Alle sind, aber wenigstens aus dem Vaterlande die Erinnerung einer kräftig freien Jugend mit Euch in's Grab nehmen, an dem Euch ohnehin keine Lieben nachweinen dürfen. Laßt Euch drum nicht stören in Eurer Freudigkeit, so lange sie neben Sitte und Zucht bestehen mag, und hütet Euch nur vor lüsternen Weibern. Einen Haus- und Kernfluch verzeiht der liebe Gott, eine Ohrfeige im Streite ist kein Todtschlag, ein Rausch besser, denn ein Fieber; aber der Kuß einer falschen Delila stellt wahrlich eine scharfe Schere vor, die Manneskraft und Simson'shaar mit einem Schnitte verschändet. Deßhalb erfreut sich auch unser allergnädigster Kaiser einer werdenden Glatze, und sein Leibscherer hat bereits, wie man vernimmt, alle Mühe, den Übelstand durch künstliche Verflechtung des Haupthaars zu verbergen. –«

Dagobert schwieg, lächelte aber im Stillen, über den leidenschaftlichen Spott, der, – im Übrigen dem biedern Gemüthe des Habsburgers gänzlich fremd – beständig vorleuchtete, sprach er von Sigismund. Der Herzog fuhr indessen schmunzelnd fort: »Der gnädigste Herr wird, wie es verlautet hat, heute oder morgen[170] zu Costnitz einreiten. Ein kluger Gedanke! Die Weihnachtsfeier wird uns demnach den Heiland der Christenheit bringen. Die friedenstiftende Majestät wird ihren Einzug halten, da man in den Kirchen singt: In dulci jubilo! – Es thut mir leid,« setzte er rasch abbrechend hinzu, »daß ich zum Empfang des Herrn, Satteldecke und Steigbügel putzen muß, sonst fände ich wohl noch Gelegenheit, mich länger mit Euch zu unterhalten, guter Dagobert!« – Der Letztere verstand diese schon manchmal vorgekommene Beurlaubung, die immer auf die steigende Galle des Herzogs deutete, und entfernte sich alsobald. – Da er jedoch heraustrat auf die winterlich beschneite Gasse, über die der dunkelblaue Himmel so eben seine ersten Sterne heraushing; da er über den Markt schritt, wo in Hütten von Holz und Segeltuch allerlei Spielwerk und Leckerzeug feilgestellt wurde, zur Freude der Kinder, die am heiligen Abend damit beschenkt werden sollten, einer heitern Sitte gemäß; – da wich in ihm die Erinnerung an des Herzogs Worte dem mächtigern Gedächtniß der fernen Heimath und der entschwundnen Jugendjahre. Denn sie war wirklich unvermerkt herangekommen, die fröhliche Weihnachtszeit, der lichte Stern an trübem winterlichen Himmelszelt, das gemüthliche Fest; Eines von denen, die die heitre Kette schlingen um Haus- und Kirchenaltar, das bürgerliche Leben mit dem Glauben an ein Göttliches, an ein Jenseitiges verbinden. – Eine freundliche Wehmuth, die man gern und gastlich in den Busen aufnimmt, weil ihre Pein lebensstärkenden Balsam bereitet, bemeisterte sich der [171] Brust Dagobert's, und was alle Ermahnungen seines geistlichen Schirmvogts nicht vermocht hätten, brachte sie zu Wege. Der junge Mann schloß sich ein in sein Gemach, fern vom Geräusch der Welt, und saugte an den Blumen der Erinnerung. Sein redlich Herz drängte ihn, diese goldne Zeit seiner Knabenfreuden zu feiern, wie es einem wackern Jüngling zustehe. Wie beklagte er es, daß ihm die Mittel nicht beschieden waren, das Glück eines Menschen zu gründen. Wie bedauerte er, daß er keinen Todfeind wußte, den er hätte versöhnt in die Arme schließen können! – Da fiel ihm plötzlich seine Schwester Wallrade ein, gegen die der beinahe vergeßne Groll wieder neu in seinem Herzen aufgeflackert war. – Ja, rief er nach kurzem Bedenken: Ich will ihr die Hand zur Eintracht bieten, und das feindliche Verhältniß in ein freundliches umgestalten, und also den Christtag würdig begehen. Dazu helfe mir Gott und Esther's Gedächtniß; das Andenken des lieben, aber unglücklichen Mägdleins, der die Segnungen unsers Glaubens und seine erhebenden Feste unbekannt sind! – In seinem Stüblein brachte er die Stunde zu, bis der Weihnachtabend sich still und kalt herniedergesenkt hatte über Stadt und See. Nun litt es ihn nicht mehr im engen Hause. – Das Geräusch des kaiserlichen Einzugs der am Tage Statt gefunden hatte, war nicht vermögend gewesen, ihn seiner Einsamkeit zu entreißen. Der kalten Nacht gelang es, und verhüllt, wie ein Geist, schritt er nach dem Mauerdamm, an dessen Grundfeste die Wellen des Bodensees brausend anschlugen, des Frostes spottend, der [172] bisher fruchtlos versucht hatte, ihnen Eisfesseln anzulegen. Des Jünglings heitrer Blick schweifte über das dunkle deutsche Meer nach den Gebirgen des Appenzells, die in ihren Schneegewändern wie riesige am Himmel gelagerte Geister und Weltwächter herabsahen auf die stolze Bischofsstadt. Alle Glocken des Thurgaus, des Gallenstifts und der schwäbischen Ufer sangen ihr feierliches Lied über des See's Spiegelfläche, auf welcher das wandelnde Mondbild dahin glitt, wie eine Silberscheibe auf ebener Eisbahn. »Gelobt seyst Du, Nacht des Heils;« sprach Dagobert mit demjenigen erheben den Gefühl, das das einfachste Menschenwort zum Gebete stempelt: »Vor länger denn tausend Jahren brachtest Du uns den Glauben, schöner und sanfter als der Mondstrahl, der Dich heute erhellt. Aber noch jetzt, so oft Du wiederkehrst, senkt sich Friede und Freude in die elendeste Hütte, wie in die stolzeste Fürstenburg der Christenheit. Du milde Nacht, den Unschuldigen hold und ein ersehnter Gast, schenke auch mir den Frieden, Deinen Begleiter. Schenke ihr dereinst Dein gnadenvolles Licht, ihr, die noch im Dunkel wandelt, damit ich jenseits sie wieder sehen mag, mit der hienieden keine Vereinigung mir erlaubt ist. Lenke das Herz derer, die mich hassen, zur Liebe und Versöhnung, und mache alle glücklich, die mir fromm auf dem Lebenspfade die Hand bieten!« – Eine Thräne zitterte im Auge des Betenden; er schämte sich ihrer nicht. Sein Herz war beklommen, aber nur von süßer, ruhiger Wonne. Keiner Schuld sich bewußt, kehrte er in die Stadt zurück, wo die Menge[173] durcheinander wogte, wie am hellen Mittage. Alle Fenster waren hell erleuchtet; in dem erbärmlichsten Häuslein brannte ein kümmerliches Licht. Überall, wo Kindersegen daheim war, ragten dunkle Tannenbäume empor, mit den Früchten des Herbstes geschmückt und mit schwankenden Kerzen, die sich auf den Zweigen wiegten, wie die Vöglein des Waldes. Festlich geziert alle Stuben, Mohnklöse und Leckereien auf jedem Tische, Entzücken in jedem Kinderauge, wonnevoller Dank zum Höchsten in jedem Vater- in jedem Mutterblicke. Hier tummelten sich muntre Knaben um den hölzernen Gaul mit Federn geschmückt, und träumten sich zum ebenbürtigen Ritter, zu Schild und Helm geboren; dort tanzte der Mägdlein rothwangige Schar um den zierlichen Rocken, um die glatte Spindel, die das Christkind bescheert; hier brachte eine in Engelgewänder vermummte Dirne süße Fladen und Mandelschnitte, dort sprühte ein Ruthenbewaffneter Putzenmummel den feurigen Regen vergoldeter Nüsse in's Haus. Allenthalben aber regte sich die Lust, und die Erwachsenen schienen zu Kindern geworden zu seyn, um kindlichen Jubel zu theilen. Dagobert strich an den glücklichen Menschenwohnungen vorüber, sein Auge, sein Ohr ergötzend, und dachte, in Theilnahme versunken, kaum daran, daß er keinem Sohne, keiner Tochter das willkommne Christgeschenk werde reichen dürfen. Da überraschte ihn die Mitternachtsstunde, und von dem Thurme der Domkirche riefen die Glocken zur Mette der heiligen Nacht. Das Menschengewühl der Stadt wälzte sich nach Klöstern, Pfarrkirchen und Dom. [174] Den Letztern betrat auch Dagobert. Schon mischten sich einzelne Orgeltöne in das Summen der heranströmenden Bet-und Schaulustigen, die Kerzen an den Altären winkten schon wie flammende Zungen herbei zum nächtlichen Opfer. Um die Weihkessel an den Eingängen drängte sich das Volk. Dagobert reichte höflich mit dem gewöhnlichen Spruch: »Gelobt sey Jesus Christus und seine gesegnete Weihnacht,« seine mit dem benedeiten Wasser benetzten Finger einer edelgekleideten Frau, die vor dem Gedränge nicht zur Säule gelangen konnte, und verstummte überrascht. Seine Schwester stand vor ihm. An ihrer Seite, der breitstirnige Knecht, den sammetnen Kniepolster unter'm Arme und das Windlicht in der Hand. Befremdet maß auch den Jüngling die finster blickende Wallrade, warf den Kopf in die Höhe, und drehte ihm den Rücken zu, langsam vorschreitend gegen den Altar, wo sie ihre Andacht zu verrichten beschlossen hatte. Dagobert schloß sich jedoch hart an die vom Gewühl Aufgehaltne, und sprach sanft zu ihr: »Wir feiern heute die Geburt des Herrn mit freudiger Zuversicht. Auch unsre Eltern, Wallrade, haben die unsrige also begangen, begehen sie noch heute; der Vater auf Erden, lieb Mütterlein im Himmel. Wollen wir denn, die eine Mutter gebar, nicht endlich den kindischen Groll fahren lassen, der aus unsern Spielen stammt, und unser Grab feindlich zu beschatten droht, damit keine Blume der Liebe darauf ersprießen möge? Wollen wir nicht endlich den Zwist ersticken, das Unkraut aus dem irdischen Vaterhause, das wahrlich nicht wuchern sollte in dem [175] Hause des ewigen Vaters?« – Wallrade stand aufmerksam stille, heftete die großen Augen auf den milden Redner, und erwiederte: »Ich nahm Antheil an Euch, da ich nicht wußte, daß Ihr mein Blutsfreund seyd. Die Trennung mancher Jahre hatte mir Eure Züge fremd gemacht, aber der Ohm hat mich erinnert, daß ich noch einen Bruder habe, den ich nicht einen Geliebten nennen kann; und daß derselbe hier lebe, erfuhr ich ebenfalls durch ihn. Weder Ihr, noch der Zufall haben etwas gethan, das mein Vorurtheil hätte mindern können. Liegt Euch indessen so viel daran, uns versöhnt zu sehen, so reiche ich – der Seltsamkeit wegen – die Hand dazu.« – Sie winkte dem jungen Manne, in dem Betstuhle neben ihr Platz zu nehmen, und raunte ihm, den Rosenkranz vom Gürtel nestelnd zu: »Eure Gesellschaft kommt mir noch obendrein in diesem Augenblicke gelegen; sie bewahrt mich vor schlimmerer.« – »Wie so, meine Schwester?« fragte Dagobert. – Wallrade sah seitwärts und bezeichnete ihm durch unmerkliches Augenzwinkern zwei Männer, die unfern standen, und ihre Blicke auf sie gerichtet hielten. – »Der Eine,« sprach sie: »der in der bunten Kleidung, den Ihr schon einmal, wie mich dünkt, an meiner Seite gesehen, ist der Herr von Königseck, ein weibisch thuender Gesell, der von Rosmarinöl duftet, sich einschnürt, daß er einem Heupferde gleicht, und vor eitel Zierlichkeit nicht dazu gekommen ist, in irgend einer Fehde die Sporen zu gewinnen. Der Andre, klein und unansehnlich, verwachsen und mürrisch vom Angesicht, trägt unter seiner hohen Schulter [176] ein Herz voll Kühnheit, Tücke und Leidenschaft. Er ist ein Graf von Montfort; beide Herren aber sind meine Freier; Beide vom Ohm begünstigt; Beide mir verhaßt; der Erste, weil er kein Mann, der Zweite, weil er häßlich und hochfahrend ist. Sie hätten sich sicherlich schon an mich gedrängt, hielte sie Euer geistlich Gewand nicht in Ehrfurcht. Das Letztere danke ich Euch.« – Hiemit neigte sie das Haupt auf die gefalteten Hände, und ließ im stillen Gebete Kugel auf Kugel durch die Finger schlüpfen, ohne den Bruder nur eines einzigen fernern Worts zu würdigen. Dagobert betrachtete sie verwundert von der Seite, und mußte sich gestehen, daß diese stolze Schönheit wohl im Stande sey, andre Männer zu berücken, als den Stutzer und den Mißgestalteten, von denen die Rede gewesen. Zugleich aber bekannte er sich, daß die fromme Stimmung nicht mehr vorhanden sey, in welcher er Wallraden angeredet; daß das seltsam schroffe Benehmen Wallradens ihn beinahe bedauern, ließ, eine Versöhnung eingeleitet zu haben, die nur um Gotteswillen, wie es schien, angenommen worden war. – Welch ein Weib! dachte er bei sich: jeder frommen Regung unzugänglich; die Härte ihres Gemüths sogar bis zu den Ihrem des Herrn tragend, und ohne Bedenken zur Schau legend! Nicht einmal die heilige Handlung beschäftigt sie in diesem Augenblicke, die Glockentöne, die der Menge das Zeichen geben, sich zu bekreuzen, die Brust zu schlagen, werden von ihr überhört. Gedankenlos läßt sie die geweihten Kugeln durch die Fingerspitzen gleiten; denn offenbar verweilt bei andern [177] Gegenständen ihr Sinn, und bald furcht sich ihre Stirn, bald glättet sie sich; bald lächelt ihr Mund, bald seufzt er schwer auf, wie man zu thun pflegt, wenn man sich abmüht, der Seele einen Entschluß abzuringen, vor dem man sich selber scheut. – Wallradens rasches Emporrichten endigte seine Betrachtungen; an deren Stelle trat des Ohrs Aufmerksamkeit, da Wallrade, von den Donnertönen der Orgel umbraust, Gelegenheit fand, dem Nachbar etwas Geheimes mitzutheilen. – »Ich will glauben,« flüsterte sie sanfter denn zuvor, »daß das Bemühen aufrichtig ist, mit welchem der Jüngling Dagobert gut zu machen sucht, was der Knabe an der Schwester verbrach. Ich zaudre daher nicht, des Mannes Freundschaft anzunehmen, mit meinem Vertrauen zu erwiedern, und ihm Anlaß zu geben, meinen Dank zu verdienen, so fern er mir zusagt, das Anvertraute zu bewahren wie ein Mann, nicht wie ein Plauderhaftes Weib.«

»Zählt darauf, Wallrade;« erwiederte Dagobert: »ich könnte eines Zauberschatzes Hüter seyn, Monden lang, ohne ihn durch ein einzig Wörtlein in Asche und Kohlen zu verwandeln. Kann ich vollends Euern Dank dadurch verdienen, bin ich gern bereit zu thun, was Ihr verlangt, um nur Euer Vorurtheil zu widerlegen.«

»Vernehmt denn;« sprach Wallrade, vertraulich werdend: »Es langte heute in des Kaisers Gefolge ein Mann an, der sich schwer an mir verging. Dieser Frevel ist Euch gleichgültig, und somit verschweige ich ihn. Der Anblick dieses Mannes jedoch [178] ist mir eine Folter, da ich mich nicht thätlich an ihm rächen darf, obgleich er mich sehr zu fürchten hat. Sehr; sage ich Euch: der Verdammte fürchtet nicht also seinen Henker. Ihn zu vertreiben aus meiner Nähe, den Beleidiger, ist mein einz'ger Wunsch, und, um diesen erfüllt zu sehen, spreche ich Euch, dessen offne Keckheit ich beifällig wahrgenommen, um Hülfe und Beistand an.«

»Wie kann ich aber mich in dieß seltsame Beginnen einlassen?« fragte Dagobert verwundert. –

»Ein einziger Besuch ist hier hinreichend;« versetzte Wallrade. »Der, den wir meinen, heißt Rudolph Bilger von der Rhön, und ist einer von des Kaisers Jagdleuten. Zieht Kunde ein von seiner Wohnung, sucht ihn heim, und sagt ihm dürr heraus: mein Wille sey's, daß er wieder von dannen scheide, da mir seine Anwesenheit Ärgerniß gebe. Diesem Begehren möge er auf's Schleunigste gehorchen, oder meines Thuns gewärtig seyn. – Das ist Alles. Verspricht er, zu thun, wie ich begehre, so laßt ihn ruhig ziehen; weigert er sich, so fordert ihn vor die Klinge. Ihr habt den Muth dazu, doch gelobe ich Euch, daß es so weit nicht kommen wird. Keines weitern Eingehens in die Sache, nur meines Namens und eines befehlenden Tons bedarf's, um sicher den Zweck zu erreichen.«

»Ihr scheint Eures Mannes verzweifelt gewiß;« meinte Dagobert etwas verlegen: »Wie aber kömmt es, Schwester, daß Ihr keinem Eurer Freier diesen Auftrag gebt?«

[179] »Weil sie meine Freier sind,« antwortete Wallrade; »weil ich niemals heirathen werde, und folglich auch nicht die mindeste Hoffnung dazu geben will.«

»Ich werde demnach in diesem Geschäfte Euer stummes unwissendes Werkzeug vorstellen?« fuhr Dagobert fort; »wie der eigenhörige Knecht, der Hab' und Leben wagen muß, blos weil sein Herr es will, und die Vernunft der Gewalt gehorcht?«

»Befremdet Euch das?« fragte Wallrade, aufstehend; denn der das Hochamt haltende Domprobst sang so eben das feierliche: Ite, missa est: »Seht um Euch her, lieber Bruder Grübler; seht auf Euer Kleid, und nehmt die Vernunft gefangen. Ihr seyd dem Weltall eigen, das erst, nachdem Ihr ihm Alles geopfert, vielleicht Euch offenbart, warum dieses seyn mußte; Ihr strebt darnach, der Leibeigne eines Standes zu werden, der für Alles den Löseschlüssel hat, Alles verzeiht, nur das Vernünfteln nicht. Übt Euch vor der Hand in solcher Pflicht, und gehorcht den Launen eines Weibes, denn nur dadurch erkauft Ihr das Gefühl, welches Ihr von meinem Herzen verlangt.«

Sie schritt von dannen, der Knecht voraus, Dagobert ihr zur Seite, hart an den besprochnen Freiwerbern vorüber, wie nicht beachtet wurden. – »Ich werde Euch willfahren, Wallrade,« sprach der Bruder unter der Pforte: »ich habe es Euch zugesagt; aber weh thut mir's, daß eine Art von Schergenhandlung, deren Zweck und Grund ich nicht begreife, der Preis Eurer schwesterlichen Zuneigung werden soll, [180] die mir mein redliches Werben, die Bande des Bluts und unsers Vaters Liebe hätten zusichern müßen. –«

»Die Redlichkeit des Mannes ist Lüge meistentheils,« versetzte Wallrade kalt und hart: »die Verwandtschaft achte ich nicht – Kain erschlug den sanften Abel – und Diether Frosch, dessen Namen ich nicht mehr trage, hat aufgehört, mein Vater zu seyn, da er die Leuenbergerin zur Ehgemahl erwählte. Schweigt also von Dingen, die nur in des Bänkelsängers Lied gehören, und sagt mir: thut Ihr, was ich begehre, oder nicht?«

»Das Erstere; verlaßt Euch darauf;« antwortete Dagobert unmuthig. »So laßt uns hier Abschied nehmen;« versetzte Wallrade: »ich untersage Euch, mich nach Hause zu geleiten. Die Nebenbuhler sind mir auf der Ferse, und ich will keinen Verdacht erregen, den ich mit dem leistesten Wörtlein zu widerlegen, unter meiner Würde halte.« – Ohne Widerrede, gerne sogar nahm Dagobert die Weisung an, und es war ihm fast wohl, daß er von der Schwester Seite kam, zu deren Dienst ihn blos sein voreilig gegebnes Wort, und ein besondres Zusammentreffen der Dinge bestellt hatten. – Der Wunsch, diesen unangenehmen Frohndienst ungesäumt abzuthun, so wie auch nicht minder die leise Neugier, das Geheinmiß der Schwester vielleicht, wider ihren Willen, zu enträthseln, vermochten ihn, am folgenden Tage schon seine Nachforschungen zu beginnen. Die Feier des Christfestes bot ihm hiezu die erwünschteste Gelegenheit dar. Der prachtvolle Morgengottesdienst am [181] Weihnachttage, begünstigt von dem schönsten kalten Wetter, versammelte im Dom die Fürsten der Kirche, die weltlichen Fürsten und an ihrer Spitze den Kaiser mit seinem ganzen ansehnlichen Gefolge. Ein nicht bis jetzt in Costnitz erhörter Prunk entfaltete sich bei diesem Anlaß. Sigmund, ein wohlgebildeter freundlich blickender Mann mit langem Haupthaare und Bart, dessen Leutseligkeit bei Hohen und Niedern anerkannt war, so wie seine eifrige Bewerbung um Frauengunst, und seine vorstechende Eitelkeit, hatte sich mit allem Pomp umgeben, der einem Kaiser deutscher Nation zu Gebote stand. Alle Fürsten des Reichs, die gegenwärtig waren, halfen treulich dazu, um den vielen Fremden einen Begriff ihrer eignen Macht zu geben. Herolde, Pannerträger, Musikbanden, glänzende Leibwachen, Edelknaben und Marschälle schmückten den Zug der Fürsten und Edeln, und es war keine geringe Aufgabe, unter der Fluth von Herren und Dienern Einen herauszufinden, von dem man nichts weiß, als den schlichten Namen. Dagoberts Bekanntschaft mit Herzog Friedrichs Hause verschaffte ihm Auskunft. Der Truchseß des Herzogs zeigte ihm unter der Schar von grünen Herren im Gefolge des Kaisers den Wildmeister von der Rhön. Dagobert stutzte bei dessen Anblick. Diese sanften Züge, diese bescheidne Haltung verriethen durchaus nicht den rohen Mann, der sich eine Freude daraus macht, sittsame Frauen zu kränken. In dem ganzen Äußern des in schönster Alters Blüthe stehenden Wildmeisters fand der Beobachter nicht das Geringste, das seinen Auftrag und den Widerwillen der Schwester [182] hätte rechtfertigen können. Unmuthig, seines Versprechens Fessel sich aufgeladen zu haben, folgte Dagobert nach vollendetem Gottesdienst dem Herrn von der Rhön in dessen Herberge. Wenige Augenblicke nach dem Letztern trat er in's Gemach, das der Wildmeister bewohnte, und, wie sich's auswies, nicht allein bewohnte. Eine junge kindlich hübsche Frau hing so eben bewillkommend an seinem Halse, ein Kind von zwei Jahren ungefähr lächelte ihm von dem Schooße der Mutter entgegen. In dem engen Stüblein herrschte ein Geist der Ordnung und Reinlichkeit, der die Zelle einer Nonne nicht vortheilhafter hätte schmücken können. Eine Minute beiläufig stand Dagobert unschlüssig unter der Thüre, unbemerkt von dem zärtlichen Paare; aber des Wildmeisters Bärenfänger gewahrte den Fremden und gab Laut. Der Herr von der Rhön ging – aufmerksam gemacht – dem jungen Cleriker freundlich entgegen, nöthigte ihn einzutreten, und forschte höflich nach seinem Begehr. Dagobert's Zunge weigerte sich, den Auftrag, der ihn hieher geführt, in Gegenwart der jungen Frau kund zu geben. Er verlangte von dem Wildmeister geheim Gehör. Bilger überflog den Boten mit seinen Blicken, neigte sich dann freundlich, und sprach: »Würdiger Herr, – ich denke, daß zwischen uns, die sich noch nie sahen, kein Ding bestehen kann, das meiner lieben Ehefrau ein Geheimniß bleiben müßte. Indessen würde ich dennoch Euerm Wunsche gern willfahren, aber ich muß bekennen, wie die Herberge von unsers gnädigsten Kaisers Lerten dergestalt eingenommen ist, daß mir und den [183] Meinen dieß kleine Gemach allein verblieb. Wollet Euch also hier Euers Auftrags entledigen.«

Dagobert wollte reden, aber im Begriff es zu thun, sah er auf Mutter und Kind, wie diese sich herzten, und Engeln gleich zu dem fremden Manne emporsahen, und es war ihm, als dürfe seine Botschaft nicht das Ohr der Unschuldigen berühren. Er bat demnach den Wildmeister, ihm. auf die Flur zu folgen. Bilger, den Kopf schüttelnd über solch seltsam Betragen, ging mit ihm. »Mich sendet Wallrade von Baldergrün,« begann Dagobert, und sah alsobald den Wildmeister, erbleichen wie einen Sterbenden. – »Wo ... wo .... ist sie, was begehrt sie?« stammelte er, der Sprache kaum mächtig. – »Sie ist hier;« antwortete Dagobert betroffen über die zaubergleiche Wirkung der ersten Worte. – »Hier?« – Bilger mußte sich am dem Fensterpfeiler halten. »Hier?« fuhr er fort, da der Bote, selbst von Staunen befangen, verstummte. – »Und ich ... o sagt es heraus ... ich bin verloren?« – »Ich begreife Eure Rede nicht;« sprach Dagobert, tröstend, denn ihn erbarmte des Wildmeisters Zustand. »Der Unwille Wallradens, wenn gleich, wie ich jetzt befürchten muß, verschuldet, sucht Euer Verderben nicht. Das Erbfräulein begehrt nur Eure schleunige Entfernung aus ihrer Nähe. Eure Gegenwart, sagt sie, sey ihr verhaßt, und wolltet ihr der Forderung nicht willfahren, so würde sie thun, was Euch nicht gefällt!« – »Die Schreckliche!« seufzte Bilger: »O, sie weiß zu lohnen, fürchterlich zu lohnen. Aber ich werde ... ich muß gehorchen. Ohnedieß hätte ich nicht [184] lange hier verweilt. Sagt ihr, würdiger Herr .... ich würde scheiden .... sobald die Feiertage verflossen.« – Dagobert sah kopfschüttelnd in des Mannes zerstörtes Angesicht. Bilger schlug die Augen scheu nieder. »Würdiger Herr!« begann er dann zögernd: »Ich darf Euch wohl nicht fragen, ob Euch das Nähere bekannt, das zwischen dem Fräulein und mir obwaltende Verhängniß ....?« – »O schweigt., schweigt!« unterbrach ihn Dagobert rasch: »hier wittre ich Unheil, und das ist, was ich nicht zu wissen begehre. Mein Staunen, Euch so leicht und knechtisch unter eines Weibes Wort gebeugt zu sehen, sey Euch Bürge für meine Unwissenheit. Ich bin Wallradens Bruder, und kenne weder meiner Schwester Herz noch ihr Schicksal, verlange Beides nicht zu kennen. Lebt wohl und vergebt mir die Sendung, die Euch also betrübt und erschreckt hat.« – Ohne des Wildmeisters Antwort zu hören, flog Dagobert die Treppe hinunter. – »Ei, was gähnt mich denn so schauerlich aus. diesen Auftritten an?« fragte er sich befremdet: »Schier kommt mir Wallrade vor wie ein bös Gespenst, das den Menschen durch Unthaten zu seinem Leibeignen macht, um seine Seele mit seinem Leib zu verderben. Nein, Schwesterlein; ich begehre nicht, in Dein Spiel zu sehen, verschmähe es aber auch, Dein Knecht zu seyn!«

Noch am selben Nachmittage ging er, von mancherlei Gefühlen beseelt, Wallraden heimzusuchen. In ihrer Wohnung fand er den Oheim, und die Herren von Königseck und Montfort versammelt. Alle drei waren höchlich überrascht, ihn eintreten zu sehen. [185] Die edeln Freier beruhigten sich indessen bald, da sie vernahmen, der schwarze Herr, der ihnen in vergangner Nacht viel Unruhe verursacht hatte, sey niemand anders, als der Bruder ihrer Huldin. Monsignore Ranocchia lieferte dagegen einen Auftritt, der sich recht gut darstellte, wenn man annahm, Alles, was er vorbrachte, sey ihm Ernst; der aber für die Hauptpersonen possirlich wurde, die wenig an des Oheims Aufrichtigkeit glaubten, und eben nicht besondre Lust verspürten, in ihrem eignen Verhältniß Aufrichtigkeit walten zu lassen. Der Prälat sprach viel von der Stimme der Natur, die endlich doch immer siege, wenn gleich lange durch bösen Zwang darniedergehalten, – von Geschwistern, die zuletzt doch der göttlichen Liebe ihren Haß opfern; und mit Freudenthränen segnete er den heiligen Tag, der Wallraden und Dagobert wieder zusammengeführt. »Ja!« rief er, die klaren Kunstthränen in den Wimpern; »der Himmel hat mein eifriges Gebet erhört. Geschehen ist die Versöhnung, die ich zu meinem liebsten Gedanken erhoben hatte. Dieser wackre Neffe, den ich liebe, wie ein Vater den Sohn.« – Dagobert mußte heimlich lachen. – »Diese getreue Nichte, die ich im Herzen trage, wie eine Mutter die Tochter,« – Wallrade zuckte mitleidig die Achseln, – »sie haben sich wiedergefunden durch mein Zuthun. Die erhabne Kirche, deren Festlichkeiten die Ketzer, Wiklefs und Hussens Jünger, zu schmälern und zu entwürdigen gedenken, pflegt also durch ihre rührende Feier getrennte Seelen zu vereinigen; und ich, ihr unwürdig Geweihter, vereinige Euch zum zweitenmale [186] durch diesen Friedenskuß!« – Er küßte Dagoberts, Wallradens Stirne, und nöthigte die Geschwister, sich zu umarmen. Aber wenn es möglich wäre, daß zwei Bildsäulen von Granit sich in die Arme fielen, herzloser könnten sie nicht Brust an Brust ruhen, als hier die lebenden, von jugendlichem Blute durchströmten Menschen. Die Zuschauer empfanden alle Langweile, die ein solches Schauspiel gewährt. Die Vesperglocken brachten daher einen angenehmen Eindruck auf sie hervor. Der Prälat griff eilig nach Mantel und Hut, um die Kirche nicht zu versäumen; der Herr von Königseck bot Wallraden seine Begleitung in den Dom an, um daselbst den lustigen Pomwitzeltanz mit anzusehen, der – ein Überbleibsel des Heidenthums – in der Christtagsvesper um den Altar getanzt wurde. Der Graf von Montfort schlug einen Gang in's Freie vor, aber Wallrade verweigerte alles, unter dem Vorwande, mit ihrem Bruder eine Sache von Wichtigkeit abthun zu müßen.

Die Herren sammt und sonders fügten sich in ihren Willen. Während sie jedoch mit den verbindlichsten Worten Abschied nahmen, zog der Prälat den Neffen in das Fenster. »Es ist ein Beweis Deiner Klugheit,« sprach er, »daß Du Wallradens Freundschaft suchtest, und ich belobe Dich deßhalb. Die Herren Freier sind – wenn gleich deutsche ungelenke Thiere – dennoch nicht zu verwerfende Gönner, und ich fordre von Dir, daß Du Deinen augenblicklichen Einfluß auf Wallraden dazu benützest, einen oder den andern ihr genehm zu machen, damit [187] sie zur Ehe schreite. Beide sind ganz vernünftig in ihren Bedingungen die sie mir machten. Der Königseck zahlt tausend Gulden baar; der Montfort bietet eine Präbende im Stiftmünster, oder zweihundert Sonnenkronen Jahr für Jahr, zehn Jahre hindurch. – Es soll dein Schade nicht sey, wenn Du die Widerspenstige zu Einem oder dem Andern zu bereden fähig bist. Empfange daher meinen Segen und sey klug. Besonnenheit und Vernunft verschaffen diesem Rocke Ehrfurcht.« – Mit dem edeln Herzen gieng der Oheim von dannen. Wallrade versicherte sich, daß kein Lauscher nahe sey, trat dann mit durchdringendem Blicke hart vor Dagobert hin, und fragte: »Nun, Bundesgenosse! Habt Ihr gethan nach meinen Worten?« – Dagobert bejahte. – »Wird er gehorchen?« fuhr sie fort, dringend und fest. – »Er wird!« erwiederte der Bruder. »In wenig Tagen schon.« – »Hm! ich weiß;« sprach Wallrade mit fliegendem Lächeln: »ich erfuhr bereits ... er geht nach Mörsburg, als bischöflicher Jagdmeister. Es kömmt darauf an, ob er mir dort lästig scheint. In diesem Falle rechne ich auf Euern neuen Beistand, ihn von dannen zu treiben.«

Diese Worte empörten Dagobert's Gefühl, so gut er bis jetzt an sich gehalten hatte. »Ich begreife nicht,« sprach er mit Heftigkeit: welch »unglücklich Schicksal diesen Mann, der einem Verbrecher nicht ähnlich steht, zu einem Geachteten, Vogelfreien gemacht hat, der vor der Drohung eines Weibes sich verbergen muß, jede Stätte verlassend, wo er gedenkt zu bleiben; .. aber so wenig mir gelüstet, der Theilnehmer Eures Geheimnisses zu seyn, so wenig [188] biete ich auch ferner meine Hand zu dieser im Verbergenen schleichenden Gewalttätigkeiten. Hat dieser Mann Euch so schwer beleidigt, daß nur sein Verderben Euch zu versöhnen vermag .... sagt's, und ich werfe diese Kutte auf einige Tage von mir, um mit dem Degen in der Faust den zu strafen, der Euch mißhandelte. Das ist Bruderpflicht. Aber Euer Foltersknecht bin ich nicht, werde es nie seyn. Ich habe des armen Mannes Weib gesehen, sein Kind .... nicht mein Mund, nicht meine Hand wird das Geringste thun, diese Unschuldigen langsam mit zu martern durch die Qual des Gatten und Vaters.«

»Sein Weib, sein Kind?« fragte Wallrade schneidend: »Sie sind hier? Diese Nachricht danke ich Euch. Schon hier? Sehr wohl. Der Herr von der Rhön wird wohl thun, so schnell als möglich von dannen zu ziehen. Nicht meinetwegen allein;« setzte sie langsam und laurend hinzu: »auch wegen des weichherzigen Bruders Empfindsamkeit, der die Laune hat, jungen Ehefrauen allein zugethan zu seyn, wäre es auch seines eigenen Vaters Weib, seine Stiefmutter.«

»Wallrade!« rief Dagobert entsetzt, und seine Zunge erstarrte ob der frechen Anklage.»Läugnet!« entgegnete ihm Wallrade heftig und frecher: »Läugnet, was ganz Frankfurt weiß, was bis in meine tiefe Einsamkeit drang, und meinen Haß gegen Euch befestigte. Läugnet, was Eure Zunge lähmt, als ob sie Gottes Hand getroffen. Wagt es, mich zu beschuldigen und Euch heilig zu sprechen. Ich strafe nur ein Verbrechen, – Ihr lebt aber noch in Schuld und [189] Fehl. Euer falscher Mund, konnte mich gestern berücken, heute aber steht der eigensüchtige, verläumderische, boshaft-üppige Bube Dagobert wieder in seiner vollen Blöße da, und von nun an keine Gemeinschaft zwischen uns. Thut was Euch beliebt. Das Schwert des Henkers legt sich zwischen Euch und mein Geheimniß, damit es der Schuldige nicht verrathe. Es ist todt für Euch. Versucht aber auch ja nicht den Schleier zu lüften; offenkundig machte ich dann Eure eigene Schande, und diesen Arm ...« hier hob sie drohend ihre Rechte ... »ist stark genug, auch in des Bruders Brust Genugthuung zu suchen. – Verlaßt mich jetzt.«

Stumm vor Kränkung, Wuth und Abscheu maß Dagobert die entartete Schwester mit einem Blicke der tiefsten Verachtung, und wendete sich von ihr, wie der fromme Märtyrer von dem Bilde Baals, dem zu opfern die Tyrannei ihn zwingen will. Fest entschlossen, die Unheilathmende nie wieder zu sehen, ging er hinweg.

9. Kapitel
Neuntes Kapitel.

Der Reiter und sein geschwindes Roß,

Sie sind gefürchtete Gäste.

Schiller.


Der erste Tag des Jahres Eintausend vierhundert und fünfzehn hatte sich eingestellt, zur Freude von Alt und Jung; denn obgleich der Winter jetzt [190] erst anfing, so dachte schon Jedes mit Entzücken an die Fastnachtfreuden, und an die bald darauf folgenden gelben Himmelsschlüssel, die lieblichen Herolde des Frühlings. In Frankfurt war Alles lebendig, das Fest zu begehen; die Kirchen waren gedrängt voll, und auf den Gassen summte es fröhlich umher. Aus den Pelz- und Zwillichmänteln schauten vergnügte Gesichter, und der Geschenke wurden fast viel gespendet. Freunde begabten Freunde, Verwandte den Blutsfreund, der Herr den Diener, der Unterthan seinen Vorgesetzten. Auf dem Römer saßen Bürgermeister, Schultheiß und Schöffenrath, um die gewohnten Gaben zu empfangen. In den Gotteshäusern waren die Opferstöcke dazu geöffnet; Genossen der Brüderschaften der heil. Sebastian, Jost, Jörg und Stephan sammelten in verschlossenen Büchsen für die milden Stiftungen von Haus zu Haus. Und durch all dieses Getreibe hüpften und johlten schon von frühem Morgen an, die lustigen Gesellen ohne Haus und Hof, Frau und Kind, die Trinkstuben und Zunfthäuser füllend, weil an diesem Tage die strengen Zechordnungen so gut wie aufgehoben waren. Den Altbürger Diether Frosch hielt sein Amt als Schöffe auf dem Rathhause fest; seine Ehefrau hatte die Liebfrauenkirche besucht, und wandelte nach ihrer Wohnung zurück, da der Gottesdienst zu Ende war, als Else, die unter der Thüre auf sie geharrt hatte, von Weitem schon auf sie zusprang. »Ach, liebe Frau,« sagte sie eilig: »erschreckt nur nicht. Es sitzt ein Gast in Eurer Stube, der Euch nicht angenehm ist. Ärgert Euch nicht, und denkt an Eure [191] kostbare Gesundheit.« – »Wer ist's, Unheilbringerin?« fragte die Altbürgerin ängstlich, und sah an ihrem Hause in die Höhe; da gewahrte sie, oben aus dem Fenster schauend, den Mann, dessen Anblick in der That ihrem Herzen nicht wohl that. – Verdruß in Auge und Brust stieg sie hinauf, und trat, ohne denselben zu verhehlen, in ihr Gemach, wo ein langer Mann in ritterlicher, aber abgetragener Kleidung, bequem im Lehnsessel sitzend, ihrer wartete. Sein sonnverbranntes Gesicht mit den Zügen eines Dreißigers trug indessen alle Spuren eines lockern Lebenswandels, so wie sein übriges Äußere das Gepräge der Dürftigkeit aufwies. An seiner, in zwei Farben getheilten Tracht fehlte nichts, was zu dem Anzuge eines adelichen Herrn gehört, aber Alles war im übeln Zustande. Der Federbusch auf dem fleckigen Hute hing wie eine trauernde Weide darüber her. Die Metallspangen und Hefteln des Wamms waren erblindet, die Zierrathen des verblichenen Mantels unscheinbar geworden; Handschuhe und Reitstiefel, sammt Sporen, Dolch und Raufdegen zeugten von langem Gebrauche und schlechter Besorgung. Zu der ganzen Gestalt, die von allen Unbilden der Hitze, des Frostes, des Schwertes und der Armuth gezeichnet war, paßten vollkommen die ungeschlachten Geberden, die vernachläßigte Sprache, die der Redner immer mit ausdrucksvollen Bewegungen seiner hagern luftgebräunten Hände begleitete, und gaben das getreue Bild eines jener Edelleute, die nichts ihr Eigenthum nannten, als den dürren Klepper, den sie ritten, das Wenige was sie am Leibe trugen, und ihr [192] Wappen; die an den Kreuzwegen ihr wild Gewerbe trieben, und oft keine sichere Höhle hatten, um ihre Beute darinnen zu bergen. – »Was soll das, Veit?«, fragte Margarethe streng und finster: »Du schon wieder hier? Du magst wissen, daß Deine Gegenwart mich befremdet, mich in Unmuth versetzt.« – »Niemand ist darob bekümmerter denn ich,« antwortete der Fremde: »Du weißt aber, lieb Schwesterlein, daß ich nicht anders kann. Die Welt bekümmert sich nicht um mich; ich muß mich daher um sie bekümmern. Die Blutsfreunde laden mich nicht ein; daher muß ich mich schon selbst einladen.« – »Du bist ein zudringlicher Gast,« zürnte Margarethe: »und jede Nachsicht macht Dich mehr zum Schmarotzer!« – »Sey nicht böse, Gretel,« versetzte Veit spöttisch: »Dein schmuckes Angesicht wird häßlich entstellt durch den Zorn, und Du änderst damit doch nichts. Ich bin einmal da, um Dir ein glücklich Neujahr zu wünschen, und den Festtag bei Dir zu begehen.« – Mit einem Seufzer des Unwillens legte Margarethe Hut und Hauptfinster 1 ab, hängte Mantel und Überkleid in den Schrein, und setzte sich hierauf in ziemlicher Entfernung dem Bruder gegenüber. – »Wo kömmst du her?« fragte sie kurz und hart. – »Zunächst von der Landstraße;« erwiederte der rohe Mensch: »eigentlich aus unserm Rattenneste zu Gelnhausen«. – »Was macht die Base, wie geht es ihr?« – »Hm; die Base ist noch lahm wie sonst. Einäugig ist sie jedoch obendrein geworden. Die Katze[193] hieb ihr das rechte Auge aus. Im Uebrigen befindet sie sich wohl. Sie tratscht über Kaiser und Reich, und hat dabei eine frische Eßlust, trotz mir. Das wäre nun freilich all gut, wenn wir nur mehr zu essen hätten.« – »Man muß genügsam seyn;« schaltete Margarethe trocken ein: »Nicht ein Jeder kann im Ueberflusse leben.« – »Gott's Marter!« rief Veit: »Du hast gar schöne Sprüchlein gelernt, seitdem Du selbst im Ueberflusse sitzest. Als Du noch daheim lebtest in unserm Gauerbenschloß, war Dir Alles nicht recht. Gar manch' liebesmal, da wir beieinander saßen, bei unserer Rübensuppe und Klaienbrod, hast Du Dich gekümmert, daß nicht alle Menschen reich sind. Mich wunderts heute noch, daß Dich unser Herrgott, trotz Deinem Schelten, erhört hat, und Dich der grauhaarige Rathsherr zur Frau nahm. Seither hast Du uns rein vergessen, und doch ist unser Eulennest noch baufälliger, unsere Kost noch schmaler geworden. Die ganze Ganerbschaft kann keinen elendern Haushalt aufweisen, als den Deiner Base und Deines Bruders. Und doch gaben wir die Einwilligung dazu, daß unser Wappen erniedriget wurde durch Deine Verbindung mit einem jener Altbürger, die sich zwar gern für Adeliche ausgeben möchten, im Grunde aber doch keine sind, wenn sie schon selbst der Kaiser den Letztern gleich hält.« – »Genug Deines unverschämten Geschwätzes!« eiferte Margarethe: »Lang genug war ich die Thörin die sich in die Wünsche ihrer geldgierigen Verwandten fügte. Die tausendfältige Unterstützung, die ich Euch verlieh und die Ihr für nichts rechnet, soll und muß [194] aufhören, denn verschuldet ist eure Trübsal. Ernähre ich Euch nicht sammt und sonders seit länger denn sechs Jahren? Hast denn Du nur ein einzigmal versucht, Dir das nackte Leben zu gewinnen? Frei wollt ihr seyn, wie der Sonnenstrahl, und zehren wie dieser an der Habe Eurer Blutsfreundin, die sich für Euch einem ungeliebten Gatten hin gab.« – »Sprich für Dich selbst;« versetzte Veit kalt. – »Bot ich der kranken Base nicht eine Pfründe im Stifte der Witwe Wambach?« fuhr Margarethe eifriger fort: »Wollte mein Eheherr Dich nicht zum Hauptmann unter den laufenden Gesellen der Stadt vorschlagen, oder zum Reisigen des Raths, wenn Du zu stolz wärest mit bürgerlichen Hauptleuten zu dienen?« »Schweige mit den alten Grillen!« fuhr Veit trotzig auf: »Du reizest jetzt meine Galle. Dienen, schon dieß Wort allein rechtfertigt meine Weigerung. Ich diene dem Kaiser selber nicht, und will mich eben so wenig, als die Base in ein reichsstädtisches Spital gehört, um ein paar Ellen Tuch an die Zunftkönige verdingen, die hier das Wort führen. Ich will meinem Stande gemäß leben, und wenigstens frei seyn, ohne Eurer Bürgermeister Brod zu essen.«

»So gehe und sey frei!« entgegnete Margarethe: »Du bist auf dem besten Wege. Geh hinaus, plündere und faullenze. Werde der Schrecken der Kaufleute und Handwerksgesellen, und mäste Dich von ihrem Schweiß. Ich thue nichts mehr für Euch, und verweise Dich in Treuen auf das Gewerbe, das Dir längst kein fremdes mehr ist.«

»Wer kann mir das beweisen?« fragte Veit höhnisch: [195] »Und thäte ich's, was wär' es anders, als was die meisten meines Gleichen thun.«

»Schäme Dich, roher Mensch!« rief Margarethe: »Du schändest unsern Namen. Du bist der Spießgeselle aller Nachtreiter, die das Land unsicher machen. Der Verdacht, den Mord des Pfarrherrn von Bonames verursacht zu haben, der vor zwei Jahren in der Frühe zur Kirche gehend, von Schandbuben erschlagen wurde, ruht auf Dir. Du hattest ihm blutige Rache geschworen, weil er Dich im Beichtstuhl nicht losgesprochen.«

»Lügen!« entgegnete Veit; aber sein Ton wurde gemäßigter. Die Schwester fuhr indessen fort: »Auf diesen Verdacht hin hat man Dir die Stadt verboten. Wie kannst Du wagen, hier zu erscheinen? Mensch, Du steckst den Hals selbst in die Schlinge.«

»Am heutigen Fest ist die Stadt ihren ärgsten Feinden erlaubt bis Sonnenuntergang;« versetzte Veit: »ich weiß, wie weit ich mich wagen darf. Ich bin nicht so einfältig, wie der Wernher von Hyrzenhorn, der sich neulich fangen ließ, und nun auf dem Eschenheimer Thurme sitzt; im Trocknen zwar, aber in Eisen und Frost. Entsinnst Du Dich noch des riesigen Kumpans der einst von Herzen gern um Deine Hand gefreut hätte?«

»Der grobe Junker mit den Sitten eines Troßbuben ist mir allerdings noch im Gedächtniß,« antwortete Margarethe: »unser Vater war vor Zeiten sein Treuenhänder und Vogt.« »Pfleger und Mündel verjubelten gemeinsam ihr bischen Gut!« schaltete Veit ein: »'s war eine lustige Wirtschaft. Höre, [196] den wackern Kämpen könntest Du, früherer Bekanntschaft eingedenk, aus seinem Käfich befreien, wenn Du wolltest, oder ihm mindestens zu billigern Bedingungen verhelfen, denn man will ihn nicht eher der Haft entlassen, als bis er seinen Thurm zu Wettershausen der Stadt zu Lehn gestellt, vierhundert Gulden als Lösegeld erlegt, und vier adeliche Freunde vermocht hat, sich gleich ihm der Stadt zu Mannen zu verschreiben. Das Erste thut er nicht, das Zweite kann er nicht, und das Dritte thun die Andern nicht.«

»Was soll ich für ihn bewirken können?« fragte Margarethe befremdet. –

»Das Vorteilhafteste,« erklärte Veit, »und das war mit zum Theil der Grund meines Ritts hieher. Mir ist es wohl bewußt, daß der Schultheiß Dich liebt, und ein Wörtlein aus Deinem minnekosigen Munde setzt den Waffenbruder in Freiheit, ohne daß ihm besonderer Schaden zugefügt wird.«

»Was kannst Du mir zumuthen?« fragte Margarethe staunend und bestürzt: »Welchen Begriff machst Du Dir von meinen Sitten, meiner Zucht? Ich liebe den Schultheiß nicht.«

»Thue nicht so heilig, mein Täublein!« versetzte Veit lachend: »Wir wissen das besser. Der Schultheiß ist ein stattlicher Mann; stattlicher noch, als Dein guter Stiefsohn, der Dir auch gar hold war, und Dein Eheherr ein Lazarus, ein alter Lazarus obendrein, dessen gichtbrüchige Beine ihm den Dienst versagen, weil er sie nach 66 Jahren noch nicht zur Ruhe legen will.«

[197] »Frecher Spötter!« sprach Diethers Frau, erröthend im stolzen Unwillen: »Beuge Dich vor den grauen Haaren meines Herrn, dem Du Ehrfurcht schuldig bist.« –

»Ehrfurcht! Ei warum denn?« lachte der Bruder: »Etwa deßhalb, weil er mich darben läßt, und Dich angesteckt hat mit seinem schmutzigen Geize? Oder, weil er gegenwärtig auf dem Römer sitzen und die Geschenke mit empfangen darf, die der Pöbel seinen saubern Herren bringt? Wohl bekomme ihm das Würzgeschenk und die Malvasiersuppe, die ihm die Juden bringen; Gott gesegne ihm die Honigkuchen mit denen die weißen Frauen den Rath heute bedanken. Lieber wär' es mir jedoch für Dich und mich, Du hättest ihn schon zu Tod geärgert, und man sänge dasDe Profundis über seinen starren Leib. Du hättest dann nicht Noth, den Tugendspiegel länger vorzustellen, und ich würde am Ende Vormünder über Deinen Buben, der leider Frosch heißen muß, ob er gleich – ich schwöre darauf – kein Frosch ist.«

Diese gemeine Zweideutigkeit fertigte die Verletzte mit einem verächtlichen Blicke ab, weigerte sich jedoch hartnäckig den Knaben herbeibringen zu lassen, welches der werthe Oheim angenehm dringend, wie immer verlangte; und während dieser Weigerung kam Diether im völligen Staate eines Schöffen nach Hause. War Margarethens Staunen bei dem Anblick des unwillkommenen Bruders groß gewesen, so überstieg das unmuthige Befremden Diethers dasselbe noch bei Weitem. Die Ungezogenheit des Gastes ließ es aber nicht zum Ausbruch kommen: »Glücklich[198] Neujahr!« schrie er, dem Schöffen an den Hals fliegend: »so viel Gesundheit, als dazu gehört, Methusalems Alter zu erreichen, so viel Geld als der Kaiser brauchen würde, um zu sagen: Ich habe genug; und so viel Glück als Töchter der Freude hier zu Frankfurt hausen! Ich zweifle nicht, daß Ihr diese Wünsche mit einem feinen Geschenk vergelten werdet, und will es in dieser Voraussetzung dabei bewenden lassen, alter Schwager.«

Diether blickte ihn stumm und achselzuckend an. »Mit einem guten Rathe zum Mindesten will ich des Überlästigen Glückwünsche, so widerlich sie sind, vergelten,« sprach er, »kommt ja nie mehr gen Frankfurt; stellt Eure Auflauerungen in der Umgegend ein; haltet Euch fein still zu Gelnhausen. Paul, der Webergesell aus Bonames ist so eben in seines Meisters Hause in der Schnarrgasse verschieden, nachdem er ein Bekenntniß abgelegt, das über den zu Bonames verübten Mord viele, die wichtigsten Aufschlüsse gibt. Der Stadtpfaffe 2 wird das Bekenntniß bei Rathe niederlegen und auf Eure Verdammung antragen.« –

Veit wurde blaß; ermannte sich jedoch: »Verdammtes Lügengespenst!« rief er: »Der Rath hat nicht mich zu verdammen, ich stehe nicht unter ihm.«

»So haltet Euch auch fern von seinem Weichbild,« ermahnte Diether: »die Unthat ist auf seinem Boden verübt worden, und wir verstehen keinen Scherz. Daß ich Euch jetzo warne, läuft schon wider [199] der meine Pflichten. Berücksichtigt aber mindestens diese Warnung, und bringt ferner uns nicht Gefahr durch Eure Einkehr.«

»Gefahr?« lachte Veit mit grimmigem Hohne: »Ehre bringe ich Euch; mehr Ehre, denn Ihr verdient, ungastlicher Mann. Ein Sprosse alten Geschlechts, wie ich bin, sollte sich Recht vor Recht scheuen, in ein Haus wie das Eure zu treten; diese Auszeichnung verdankt Ihr nur Eurem Weibe, das sich zu Euch herabließ. Ich hoffe dafür nicht mit Undank belohnt zu werden. Für's Erste weigert Euch nicht, mir den Jahrgehalt verabfolgen zu lassen, den Margarethe mir bisher zahlte; zehn Pfund Heller, nicht mehr, nicht weniger. Gerade so viel kostet's, um Bürger bei Euch zu werden – lege ich zwei Pfund darauf, so kann ich einen Mord abthun vor Gerichte, wär's auch der des Pfaffen zu Bonames.«

Margarethe schlug beschämt die Augen nieder. Diether sah strenge auf sie, und sprach: »Ich wußte wohl, daß meine Ehefrau Euch zudringlichen Gesellen dann und wann mit Almosen bedachte, aber von einem Jahrgehalte weiß ich nichts, und ein so Reichliches erwartet nimmer.«

»Ihr wißt wohl von Vielem nicht, was Euere Wirthin thut;« äußerte Veit hämisch grinsend: »'s ist kein Wunder; nicht Eure Haare allein, auch Euer Verstand und Witz ist alterschwach geworden.«

»Glaubt ihm nicht, dem schamlosen Lügner;« bat Margarethe den stutzig werdenden Gatten. »Er mißbraucht auf unerhörte Weise die Blutsfreundschaft,[200] die mich leider an ihn fesselt. Ich gab nie so viel; Eure Gebote waren mir heilig, lieber Herr!«

»Glaubt ihr doch;« spottete Veit ihr nach: »Im Grunde sagt sie die Wahrheit. Nicht sowohl zu meinem Nutz und Frommen, als zu Andrer Wohlseyn wird sie Euere Geldtruhe leeren, und wohl bekomm's Euch, schäbiger Filz. Indessen säumt nicht, mir das verlangte Geld einzuhändigen. Ihr möchtet sonst einen Tanz erleben, daß Euch die Haare zu Berge stehen.«

»Ihr droht, in meinem Hause?« fuhr Diether zornig auf: »So ihr Euch vergeßt! ....«

»Wir haben ein lustig Sprüchlein;« sprach Veit unbekümmert weiter: »das lautet also: Rother Hahn und rothes Eisen soll den Bürgern Sitte weisen! Merkt Euch das. Der Hahn kommt geflogen, ehe man sich's versieht; und das Eisen braucht nur eine kühne Faust. Zahlt aus, stürzt den Seckel. Schon um die Freude, mich los zu seyn, sputet Euch.«

»Schändlicher Bube!« grollte der Altbürger, und knüpfte den Beutel ab, den er am Gürtel trug, und dem Schwager verächtlich vor die Füße warf. Dieser hob ihn aber geschmeidig auf, wog ihn in der Hand, und sagte: »'s wird weniger seyn, denn ich verlangte; dafür seyd Ihr aber auch ein Frankfurter Bürger, der sich nicht schämt, an seinem Wechseltisch mit dem schmutzigsten Gewertschen 3 um einen falschen [201] Schilling zu jüdeln; und, wenn ich Zeit habe, hole ich das Fehlende nach.«

»Thut es nicht,« entgegnete Diether: »es möchte Euch theure Zinsen kosten. Packt Euch jetzt. Der Imbis wartet auf uns, und für einen verwiesenen Landstreicher ist kein Stuhl an meinem Tische.«

So eben brachte Else den kleinen Hans herein, und Veit flog wie ein Stoßvogel auf den Knaben zu, und herzte ihn mit widriger Zärtlichkeit, so sehr Kind, Magd und Mutter es zu wehren suchten. »Laßt mich doch!« rief der Junker: »ist der Bube doch mein Neffe; gewisser mein Neffe, als Euer Sohn, Graubart! – Höre doch, mein Junge, den alten Mann, welch tolles Zeug er redet. Der Kaiser kann nicht hochmüthiger seyn, als er. Lache ihn aus, dicker Bube, lache ihn aus.«

Diether, der kaum seinen Zorn noch mäßigen konnte, winkte Elsen zu gehen. Veit hielt den Knaben zurück, und wollte ihm einen Kuß auf die Wange drücken. Das wilde Gesicht und der hängende Schnauzbart des Ohms schreckte jedoch den Kleinen, und mit dem Ruf: »Lieb Väterlein! hilf mir von dem Manne!« entsprang er dem Leuenberger und eilte in Diether's Arme. Der Junker schlug ein helles Gelächter auf. »Lieb Väterlein!« rief er: »Lieb Väterlein! Sie haben Dir das Vaterunser gut gelernt, mein Söhnlein, wenn sie auch selbst nicht dran glauben. Ich wünsche Euch Glück zu dem Buben, Alter. Kein Zug von Euch in seinem Gesichte; gewiß auch keine Ader von Euch im Herzen. Er wird einst Euern schlechten Namen zu Ehren bringen. Verlaßt Euch [202] darauf, und lebt wohl. Ich möchte nicht gerne überlästig seyn, darum gehe ich jetzt schon. Zählt indessen immer Geld für mich ab; und Du, lieb Schwesterlein, vergiß nicht für Deinen ehemaligen Freiersmann ein gut Wort bei Deinem treuen Freunde einzulegen.« –

Nun war dem Ausbunde roher Bosheit das Niemand schonende Gift ausgegangen, und er ging davon über die Schwelle des Hauses, in welchem er den nagenden Keim des Unfriedens zurückließ. Diether verlor zwar kein Wort über die abscheulichen Andeutungen des feinen Buschritters, aber sein Schweigen war der Vorbote einer bösen Zeit, und Margarethe, von Schuld nicht rein, wenn auch vor des Bruders Anklage ohne Fehl, that, von Gewissensangst befangen, keinen Schritt, dies feindliche Schweigen zu brechen, das den frohen Neujahrstag in eine trübe Nacht stummen Zwistes verwandelte. – Von der andern Seite war es in des Lauenbergers Brust bei weitem nicht so ruhig geblieben, als vielleicht sein kalter Spott ahnen ließ. Er kochte verzehrenden Grimm, denn die Droh-und Schmachworte, die sein Schwager gegen ihn gebraucht, hatten den wunden Fleck seines Ehrgefühls unsanft berührt. Die Furcht vor den reichsstädtischen Zwang- und Halsgesetzen allein hatte ihn abgehalten, sich thätige Rache auf dem Fleck zu nehmen. Die unersättliche Habgier, die, aller Weigerung ungeachtet, demnach in der Zukunft neue Nahrung erwartete, hatte auch ein begütigend Wort dazu gesprochen; aber die fürchterliche Sühne, die der Augenblick nicht gebären dürfte, [203] sollte nichtsdestoweniger in der Folge die Verunglimpfung vergelten. Mit diesem Gedanken beschäftigt, stieg der Herr von Leuenberg in seiner Winkelherberge zu Pferde, nachdem er sein dürftig Mahl und Mittagsruhe gehalten hatte, und klepperte, sobald die Thore wieder nach der Vesperzeit geöffnet worden waren, von dannen; denn die Sonne ging bereits zu Rüste, und die Stunde war im Schlagen, die den Stadtfeind seinen Gegnern erlaubte.

Seine raschtrabende Mähre legte mit Windesschnelle den Weg bis über die nahe Warte zurück, und hier schöpfte der Behutsame neuen Athem. Theils um dem beginnenden Schneegestöber auszuweichen, theils auch um sich zu erfrischen; wohl auch in der Hoffnung, auf Bekannte zu stoßen, lenkte er links von der Heerstraße ab, nach der Gegend zu, wo zwischen sanft anstrebenden Anhöhen ein wenig besuchter Hohlweg durchläuft und zu einer Wüstung führt, an deren Ende, von Erdauswürfen, wie von Vertiefungen und krüppelhaften Buschwerk gedeckt, eine elende Schenke stand; die Herberge herren- und gesetzlosen Gesindels größtentheils, dann und wann der versteckte Schlupf- und Lauerwinkel hungriger Raubjunker; am seltensten wohl das Nachtlager irgend eines verirrten, von Sturm und Regen hier zum Übernachten gezwungenen ehrlichen Wanderers. Weder dem Leuenberger, noch seinem Gaule war das räucherige Nest ein unbekannter Ort, denn in der einbrechenden Dämmerung, wie auf bösem, aufgewühlten und dann wieder hartgefrornem Pfade erreichten sie ihn blindlings. Der Reiter klopfte, zum [204] Zeichen, daß ein guter Freund angekommen, mit der Gerte an die armseligen Schiebefenster, zog sein Pferd unter die elende Bedachung von Tannenästen, die einen Stall vorstellen sollte, band es an einen Sparren fest, und trat, nachdem er ihm Häckerling vorgeschüttet, und eine Last Stroh, von dem Hüttendach gerauft, untergeworfen, in das Innere der verrufnen Kneipe. Ein altes Weib kauerte am Herde, und mühte sich ab, das naßgewordene Reisig in Flammen zu blasen; eine junge Dirne von unlieblichem Angesichte, schlief in der Ecke mit einigen daselbst aufgeflogenen Hühnern um die Wette. Sonst keine Seele in der Hütte, und ein Paar elende Tische aus Balken gezimmert, dergleichen Bänke, und ein Kandelbret mit unsaubern Krügen und hölzernen Bechern versehen, waren das ganze Geräthe der Stube, auf deren Estrich man mit der größten Vorsicht wandeln mußte, um nicht in einem der Löcher desselben ein Bein zu brechen. – »Ein Glas Funkelhans!« 4 rief der Eintretende der Alten zu, die auch alsobald mit tiefem Reverenz das Verlangte herbei brachte und einen frischen Lichtspan aufsteckte. »Ich werde hier bis morgen verweilen,« fuhr Veit mit vornehmen Tone fort: »Die Nacht hat mich übereilt, und ist keines Menschen Freund.« – Das Weib nickte beifällig, versicherte, es werde ihr eine Ehre seyn, den Junker zu beherbergen, und machte sich wieder an ihr Geschäft. – »Was braust Du da Alte?« fragte Veit, um das Gespräch nicht ersterben zu lassen. – [205] »Habersuppe, edler Herr;« erwiederte die Wirthin, indem sie einen derben Kessel an's Feuer rückte. – »Wer geht heute bei Dir zu Tafel, alte Hexe?« fuhr der edle Herr fort: »Die Brühe ist zu lang für Deinen und Deines Töchterleins Hunger.« – »Hm!« grinste das Weib: »Ihr wißt ja wohl, daß wir oft Gäste haben, und so auch heute. Mein Mann hat bei Bergen ein Geschäft, das ihn bis in den späten Abend vielleicht aufhält. Wenn er heim kommt, wird er hungrig seyn, und die Gesellen nicht weniger.« – »Was gibt's heut zu Bergen?« erkundigte sich der Leuenberger. – »'S ist dort Tanz und offne Lustbarkeit;« klang der Bescheid: »Ein reicher Bürgersohn von Friedberg, der vor der Adventzeit die schöne Eva von Bergen geehlicht, hält heute ihren Mahlschatz, und gedenkt, ihn noch gen Friedberg zu schaffen.« – »Er gedenkt, ...« brummte Veit höhnisch; »so, so! Dein Alter denkt aber weiter, nicht wahr?« – »Ach großer Gott!« seufzte das Weib, die Augen verdrehend: »Man muß freilich sehen, wie man kümmerlich sein Leben durchbringe.« – »Kümmerlich!« spottete der Gast: »Ihr Lügenvolk! Nur das Schlechte laßt ihr liegen; das Beste nehmt Ihr, und heuchelt obendrein Armuth gegen Leute, die Einiges von Euren Kniffen verstehen.« – »Lieber Herr,« erwiederte die Wirthin: »'s ist lauter Wahrheit. Mit den Kumpanen muß man theilen; das Kostbarste verscharren, darf das liebe Gut nicht sehen lassen. Oft sagte ich zu meinem Manne: Marten! sagte ich zu ihm: Wär's nicht besser, wir fingen an ehrlich zu arbeiten, und könnten ruhig leben und uns [206] wohl seyn lassen, als von ungerechtem Gut reich seyn, und es verbergen müssen, und zittern müssen vor Entdeckung? Da lacht er mich aber jedesmal aus, und sagt: Wart nur, Weib, bis wir genug haben, dann wallfahrten wir nach Compostell, opfern dem heiligen Jakob eine silberne Krone, holen uns Ablaß, und kaufen uns alsdann am Rheine an.« – »Ein seines Vorhaben,« lachte Veit: »So habt ihr noch immer die Aussicht als Ehrenleute zu sterben, vielleicht noch selig gesprochen zu werden, wenn ihr auf dem Todbette irgend ein Kloster reichlich bedenkt.« – Die Alte wurde empfindlich. »Warum sollen wir denn etwa nicht des Paradieses theilhaftig werden? Mein Marten hat noch keinen Pfarrherrn erschlagen.« – »Verfluchte Spötterin!« fuhr Veit auf, und griff nach dem Dolche. Die Alte rannte schreiend nach der Ecke, in der die Tochter schlief, und weckte diese durch ihr Gejammer.

»Was schreit Ihr denn also?« fragte die Erwachende in schlaftrunknem Gleichmuthe: »Der Herr wird Euch nicht im Ernste erstechen wollen, und in Eurem lüderlichen Gewerbe sollt Ihr blanker Messer schon gewohnt geworden seyn.« – Veit mußte über die faule Predigt lachen, die das häßliche Mägdlein hielt, und steckte den Dolch wieder ein. – »Komm her, Alte,« rief er: »'s war nur mein Scherz. Und Du, garstige Bußrednerin, lege wieder Dein Haupt zur Ruhe. Unser Gesprächsel würde Dein frommes Ohr ärgern.«

»Das würde es auch;« versetzte die Dirne, wie oben. – »Ich will mich daher lieber draußen im Stalle[207] zur Ruhe legen, als in Eurer Nähe.« – Sie stand auf, und ging. – »Mädel, draußen pfeift der Schneewind;« rief ihr die Mutter zu. – »Mein Roß steht im Stall, und kann nicht gut Gesellschaft leiden!« fügte der Junker bei. – »Was thut das?« fragte die Dirne entgegen: »Schneeluft ist kalt, aber kälter der Schooß einer gottlosen Mutter. Unter den Hufen eines schlagenden Rosses schläft der Gerechte besser, als unter'm Schirmdache des Bösen. Gute Nacht!« – Sie verschwand, und bei dem Ernste ihres Abschieds war dem Leuenberger unheimlich um's Herz geworden. Unheimlicher noch der Mutter, die trübsinnig beim Feuer sitzend, die Hände faltete, und in die Flamme starrend, die dicken Thränentropfen ungetrocknet ließ, die in ihren grauen Wimpern hingen. – »Die Maid bricht noch mein Herz, ...« seufzte sie endlich: »und ich darf sie nicht schelten, weil sie die einzige Unschuldige im Hause ist.« – »Eine Närrin ist sie!« brummte Veit mürrisch. – Die Alte versetzte aber eifernd: »Nein, lieber Herr, sie ist verständiger, denn Eine ihres Alters. Die Klostermagd am uralten Stifte der Reuerinnen zu Frankfurt, war der Dirne Taufpathin, und brachte sie, da sie zehn Jahre alt geworden, und ich noch rüstig dem Haushalt vorzustehen vermochte, als ihre Helferin in dasselbe Stift. Daselbst wurde unsre Judith zwanzig Jahre alt, und überlebte ihre Pathin, und trat an deren Stelle, bis ich, vergeßlich werdend und an Kräften abnehmend, sie wieder zu uns forderte. Sie weigerte sich auch keineswegs, und kehrte heim, geschickt und gewandt, und ausgestattet [208] mit Bibel- und Sittensprüchen, die sonst an uns gemeinen Leute nicht kommen. Ihr Verstand merkte bald, wo es leider in unserm Hause hinaus will, und ihre Frömmigkeit spricht oft Donnerworte gegen uns aus, vor denen nicht selten mein Mann selbst erzittert. Im Anfang wollte er die Judith schlagen, aber es war immer, als ob ein Engel seine Hand aufhielte, obgleich die Dirne gelassen Rücken und Wange bot. Und da wir nun sahen, daß sie unverdrossen ihre Arbeit verrichtet, und das vierte Gebot ehrt wie eine Heilige, so ließen wir sie reden, und haben uns an ihre harten Ermahnungen gewöhnt, beachten sie gar nicht, wenn sie nicht etwa dann und wann mein Mutterherz zu schonungslos angreift, wie just heute. Ich habe sie ja doch geboren!«

»Eben darum;« versetzte Veit gleichgültig: »die Bärin muß etwas von ihrer Brut vertragen können. Schlechtes Volk seyd ihr, das leidet einmal keinen Zweifel. Nehmt immerhin das Kreuz auf Euch, fügt Euch der Tollheit Eures Sprößlings, und dankt dem Satan, wenn die Verrückte Euch nicht einmal an die Gerichte verräth.«

Die Alte schüttelte ungläubig den Kopf. »Das thut sie nimmermehr!« sprach sie: »Ich habe einmal von ihr verlangt, sie sollte einen Eid darauf schwören.« Sie aber hat's nicht gethan, und gesagt: »So Ihr auf ein leeres Wort von mir vertraut, mehr als auf mein kindlich Herz, so verdientet Ihr, daß ich hinginge und Euch verriethe. Sorgt indessen nicht, für Eure Sünden will ich büßen, wenn's Noth [209] thut, weil es geschrieben steht, daß die Unthaten der Eltern bis in's vierte Glied forterben, ... aber nimmer sie vergehen vor der Welt.« –

»Desto besser!« lachte der Leuenberger: »Da habt Ihr ein gutmüthig Schäflein, das, wenn einmal der Stab über Euch gebrochen wird, für Euch den Hals streckt, und bei dem lieben Gott Eure Fürbitterin wird. Stille aber jetzt mit dem thörichten Geplauder. Weißt Du schon, daß Euer alter Geselle, der Weber Paul von Bonames, gestorben?«

»Nein, werther Herr,« erwiederte die Alte: »Ihm sey das Freudenreich dort oben, wenn's also sich verhält.«

»Den Teufel auch!« schalt Veit: »Der Hölle Schwefelpfuhl sey dem niederträchtigen Buben, der auf dem Sterbelager zur Plaudertasche wurde, und mir übeln Leumund brachte. Ich kümmre mich freilich wenig um die Ellenreiter zu Frankfurt, aber verdrüßlich ist's doch immer, wenn solche Menschlichkeiten zur offnen Sprache kommen.«

»Ja wohl, ja wohl!« bekräftigte die Alte: »Paul war sonst einer der Besten unter meines Martens Leuten, bis er fromm wurde, und sich in Reue und trostlosem Nachgrübeln sein Ende herbeizog. Mein Mann erzählte oft, der Paul führe einen Stoß, trotz einem Wälschen, und Stich und Tod sey Eins bei ihm.«

»Dem war auch so,« versetzte Veit: »bis der Kerl zum Schurken wurde.«

»Daß solche kecke Leute auch dahinfahren müssen!« fuhr das Weib fort: »Ich darf es wohl bekennen; [210] die besten Gehülfen Martens, den doch allgemach Augen und Kraft verläßt, kommen nach und nach von seiner Seite. Dreie sind ihm noch geblieben von der ganzen Schar, die er seit mehr denn zwanzig Jahren mühsam herangezogen. – Und von diesen Dreien wird nächstens der Beste, der Jude, sich trennen, wie mir mein Mann mit Verdruß geklagt.«

»Wie?« fuhr Veit überrascht auf: »Der Jude, der pfiffigste aller Galgenvögel, der unverzagteste aller Mörder hat Euch den Dienst aufgekündigt? Blitz und Strahl! Wegen seiner bin ich eigentlich hier. Seiner Geschicklichkeit bedarf ich ja gerade am allermeisten.«

»Die wird Euch auch nicht entstehen;« tröstete die Alte: »Kann die Arbeit bald gethan werden, so verrichtet sie der Rothe gern für Euch. Ihr kennt ihn und uns ja nicht von gestern. Aber im nächsten Sommer wird er eine Frau nehmen und gen Worms ziehen, und das Messer an den Nagel hängen, um ein ehrlicher Mann zu werden. Der Bursche hat gar leicht zu reden und zu thun. Den besten Theil jeder Beute hat er für sich genommen, und sein Gewissen ist vollkommen ruhig, denn ein Jude begeht keine Sünde, wenn er einen Christen plündert oder erschlägt, so wenig als es etwas zu sagen hat, wenn ein Christ einen Hebräer todt macht.«

Schöne Weisheitslehren! dachte Veit für sich, und wünschte sich weit hinweg von dem entmenschten Weibe in die Gesellschaft der rohesten Männer. Sein Wunsch wurde bald erhört, denn ein dumpfes Geräusch [211] wurde, fern herkommend, vernommen. Die Alte spitzte das Ohr, öffnete behutsam den Schiebladen, horchte und flüsterte in die Stube herein: »Sie kommen, edler Herr; sie sind's!« – Auch Veit legte sich auf die Lauer. Das Gesumme kam näher – leichte Tritte, dann Gestolper auf dem holprigen Pfade, der von der Bergener Anhöhe herunter führte, ... mitunter leises Stöhnen, wie das eines Geknebelten – darauf folgende halblaut hervorgepreßte Flüche; ... endlich verlor sich Alles hinter der Hütte, und schien plötzlich still zu werden. Mit einer Ungeheuern Seelenangst schlug die Alte aber das Fensterlein zu, packte den Junker wie eine Verzweifelnde am Arm, und murmelte mit klappernden Zähnen: »Betet, betet ein Paternoster, lieber Herr, ... ein Ave für die arme Seele: Sie sind zu den Weiden am Sumpfe gegangen ... Gott erbarme sich!« – Veit, dessen Haare sich auf dem Wirbel sträubten, machte sich mit aller Gewalt von der Entsetzlichen los, und wollte zur Thüre, zu welcher eben Judith wie ein bleicher Schatten eintrat, umweht von schaurigem aus duftiger Nachtferne dringendem Geächze. »Wo wollt Ihr hin?« fragte die Dirne hohl und bebend: »Bei den Weidenbäumen wird das Werk gethan, auch ohne Euch. Wahrlich! besser wäre es, mit dieser Hütte umzukommen im feurigen Pfuhl, als den Mord zu sehen, an welchem wieder ein Gerechter verblutet.«

Ein herzzerreißendes Stöhnen aus der Ferne war das Letzte, das gehört wurde. Lange blieb es nun stille; endlich hörte man ein Rauschen im Moore, [212] wie das Versenken schwerer Steine, und kurz darauf kamen hastige Schritte auf die Hütte zu, in welche drei stämmige Kerle traten. »Guten Abend!« war ihr erstes Wort; »Wer da?« ihr zweites, da sie des Fremden gewahrten, der ihnen indessen bald kein Fremder mehr war, wie die rohe Freundlichkeit des alten Marten bewies, der ihn zuvorkommend aufnahm. – »Wasser!« herrschte Einer von den andern hochgewachsenen Burschen der Dirne zu; und gemessenen Schritts holte diese den Schwenkkessel vom Kandelbret, in dem sich der Wildblickende die Hände wusch. »Reinige Deine blutigen Hände, Zodick;« redete das Mädchen zu ihm: »von Deiner Seele geht der rothe Flecken nicht ab, bis er sich vor dem Herrn in höllische Flammen verkehren wird.« – »Schweig, Aberwitz!« polterte der Jude, die Faust gegen sie erhebend. »Daßich schweige,« versetzte die Magd, »ist kein Wunder, da ich Deine Schläge fürchte, daß aber der dort oben schweigen kann bei solchem Mordgräul, ist ein unverständlich Mirakel!« – »Wahnsinniges Thier!« entgegnete Zodick verächtlich, und setzte sich zu den Übrigen. Die Alte trug Most auf, und die Habersuppe, die den Übrigen mundete. Zodick zog aber ein Stück Brod aus der Tasche, und einige Zwiebeln, um sie zu speisen, legte dann sein Messer in des Herdes Kohlen, und forderte seinen besondern Becher, seine besondre Flasche. Beides, mit eingeschnittnen Zeichen versehen, wurde gebracht; in dem Most, der ihm vorgesetzt wurde, löschte der gewissenhafte Jude die glühend gewordne Klinge ab, murmelte: »Koscher! koscher! [213] koscher!« vor sich hin in den Bart, und trank und aß dann mit den Andern drauf los, die ihrerseits ebenfalls die größte Scheu zeigten, etwas zu berühren, dessen sich der Hebräer bedient hatte. »Wo ist Jost?« fragte die Alte, einen der gewohnten Tafelgenossen vermissend. Der Wirth zuckte schweigend die Achseln, der Andre blies gleichmüthig über die flache Hand weg, Zodick aber antwortete frech. – »Was gibt's da zu verhehlen? Gebeckert hat er. So wahr als wir sitzen hier am Tische, so wahr hat ihn der Goi, der nicht lassen wollte vom Gelde, darniedergestreckt miteinem Hieb. Darum hat er auch müssen an's Messer, und hätt' ich ihn schleppen müssen sechs Stunden weiter, ich hätt' ihm sein Blut nicht geschenkt.« – »Bärenwüthig hat sich der Bursche gewehrt,« fuhr Marten fort: »er meinte uns alle in die Flucht zu schlagen durch sein Schwertlein. Aber nichts da. Wolf hieb ihm die Sehne der rechten Faust mit dem Messer durch, ich rannte ihn zu Boden, und der Jud stieß ihm den Knebel in den vorlauten Schreihals. Fort mit ihm über Stock und Stein bis hieher, wo ihn Zodick abkehlte. Er schlafe wohl; im Sumpfe ruht er, sanft gebettet, und kommt gewiß nicht wieder, sein Geschmeide und sein Geld zurückzufordern.«

»Gott wird's an seiner Statt, und die Thräne seiner Witwe!« sprach Judith feierlich: »Ich aber will am Rande des Moors für seine arme Seele beten.« – Sie ging hinweg, und die Alte folgte ihr bald nach, um durch abergläubische Formeln ihr zagendes Gemüth zu beschwichtigen.

[214] »Daß Du dem unnützen Ding das Gedibber nicht verbieten magst!« schalt Zodick gegen Marten. »Verbiete der Gans das Schnattern,« antwortete dieser mit vieler Ruhe. – »Mag die Dirne doch reden, was sie will; wir thun, was wir wollen.« – »Jetzt zum Beispiel, wollen wir theilen,« meinte Zodick mit seiner gewohnten Grobheit; »heraus mit dem Fang; ich muß heute noch zur Stadt, sonst merkt mein Herr Unrath.« – Marten winkte ihm mit den Augen zu, und deutete verstohlen auf den Leuenberger, der, ohne Antheil an dem Gespräche zu nehmen, ruhig in der Ecke sitzend, einen günstigen Augenblick erwartete, sein eigen Gesuch anzubringen. Zodick verstand Marten's Geberde wohl, aber, lachend die Kappe auf dem Wirbel drehend, antwortete er: »Immer zu! immer zu! 's hat keine Noth. Der Herr ist nicht dabei zum Erstenmale. Ihr fürchtet wohl, er möchte versucht seyn, uns alles abzunehmen mit seinen Spießgesellen? Weit gefehlt. Dazu ist er zu fein, und weiß, daß das Messer der Blutzopfer trifft, hinter'm Schutzgatten, wie hinter'm Altar.«

»Macht Euch keine Sorgen;« bestätigte Veit unbefangen; »vor Euern Genickfängern habe ich alle Ehrfurcht. Weit entfernt, mich ihnen selbst zum Ziele zu geben, will ich diesem wackern Rothkopf vielmehr eine Arbeit auftragen, die ihm wenig Zeit kosten, aber Vortheil bringen wird.«

»Desto besser!« versetzte Zodick mit abscheulichem Grinsen. »Davon nachher. Vorab die Theilung. Frisch [215] daran. Zahlt die Masumme, putzt die Scheinlinge. Steht die Wache vor der Thüre!«

»Meine Alte paßt auf;« erwiederte Marten, und langte eine schwere Geldkatze hervor, die – auf den Tisch geleert – eine nicht unbedeutende Sammlung von Geld und Kleinodien, wie sie die Bürgersleute zu tragen pflegten, enthielt. Veit stand am glimmenden Herde, und schaute auf die drei Schurken herüber, die mit einer ekelhaft habsüchtigen Schnelligkeit den ganzen Raub in drei Theile zerrissen, von welchen der größte und beste dem Juden anheimfiel, der obendrein mit vieler Spitzbüberei den andern Bösewichtern, die auf deren Theil gefallnen Kostbarkeiten um einen Schelmenpreiß abschacherte, und abdrängte. Noch im letzten Augenblicke des saubern Geschäfts stahl er seinen Gesellen mit gewandten Fingern einige Silberstücke, und auf ihre Einsprache zuckte sogleich des Juden blutgewohnte Faust nach dem Dolche, den die Andern so sehr fürchteten, daß sie jeden Anspruch auf der Stelle fahren ließen. – »Laßt doch den Hader,« sprach Veit, sich einmengend; »es ist schon spät geworden. Legt Euch zur Ruhe, ihr Leute. Ich muß mit dem Rothen noch ein Paar Worte reden.« – Marten und sein Kumpan fügten sich in die Rede des gestrengen Herrn, und lagerten sich auf den Boden am Herde. Zodick machte sich indessen fertig zum Gehen, zog die Mütze über's Ohr, band ein schmutziges Tuch darüber und unter das Kinn, und winkte dem Leuenberger, ihm vor die Thüre zu folgen. »Die Spitzbuben lauern wie die Füchse!« flüsterte er sei nem Kundmann warnend [216] zu, und zog ihn aus der Hütte. »Was soll's?« fragte er hier demüthig und geschmeidig. Aber kaum hatte Veit den Namen seines Schwagers genannt, als sich der Bube emporrichtete, mit Augen, die durch die Finsterniß roth funkelten. »Ho!« rief er mit Zähnknirschen: »diesen Namen kenne ich wohl, und Hab' ihm Rache geschworen; so oft ich gebetet habe das Gebet Schephot, das verflucht alle, die uns hassen, so habe ich nur gedacht an den, den ich hasse, und der sich nennt nach seinem Vater.« – »Du redest irre!« fiel Veit ihm in die Rede. Der Jude verneinte indessen lebhaft, und fragte: »Ist's der Alte, dem ich den Talles geben soll?« – Veit bejahte. – »Schade, Schade!« versetzte Zodick unmuthig den Kopf nach beiden Seiten bewegend: »den Jungen hätte ich lieber geschächtet.« – »Der ist fern;« sprach Veit: »erwarte seine Rückkehr, und schaffe ihn dann hinweg, wenn's Dir beliebt.«

»Hm! warum nicht?« meinte Zodick: »wenn es mir würde bezahlt! Schon lange lebte er nicht mehr, hätte ich's nicht verschworen, keinen Stoß zu thun, als nur für baar Geld. So mag's denn bleiben bei dem Aette. Wie schwer wiegt er Euch?«

»Fünf Pfund Heller .... keinen Albus mehr!« erwiederte Veit. »Ich zahle sie nach gethaner Arbeit. Du weißt aus Erfahrung, daß ich in ähnlichen Fällen Wort halte.«

»Ja, ja, ganz recht!« sprach der Jude zögernd: »aber 's ist verdammt wenig, das Ihr bietet.« – »Für ein abgenutztes altes Leben, das ohnehin vielleicht in Kurzem von selber reißen wird!« – »Der [217] Tod dieses abgenutzten Körpers bringt Euch aber Glück!« lachte Zodick hämisch: »Bietet mehr, und zahlt etwas voraus.« – »Ich biete nicht mehr, und zahle nichts voraus;« sprach Veit. – »Weiß wohl!« entgegnete Zodick. »Ihr Herren habt nie Vorrath an Münze. Müßt erst den Sold irgendwo krimpeln, ehe ihr ihn zahlen könnt. Mag's indessen seyn. Tof! tof! Sobald ich ihm ankomme an die Rippen, dem Alten, sollt Ihr von mir hören.« –

Die Würdigen schüttelten sich die Hände, und schieden. Veit legte sich in der Mordhütte zur Ruhe, und Zodick lief über Zaun und Steg der Stadt zu. Er erreichte das Thor gegen Mitternacht und wurde gegen das Sperrgeld von dem schlaftrunknen Pförtner in die Stadt gelassen. Der aus dem Schlummer Gestörte fluchte dem Juden, der so spät vom Handel zurückzukommen vorgab, alle Pest und Plage an den Hals. Zodick nahm indessen alles gleichmüthig hin, und schlüpfte durch die finstern Straßen in die Judengasse. Nach Gewohnheit fand er das Haus verschlossen, öffnete die Thüre geschickt mit einem eisernen Haken, drückte sie wieder zu, und suchte mit leisen Katzentritten das elende Lager, auf welchem ihn, den im Verbrechen verhärteten Sünder bald ein Schlaf beschlich, der, fest und anhaltend, seine Sinne wieder neu stärkte zu neuen verabscheuungswürdigen Vorsätzen.

Fußnoten

1 Haube.

2 Meister der Rechte, beim Rathe bedienstet, seit 1380; das Amt des Syndikus verwaltend.

3 Lombarden, gleich den Juden vom Wechsel ausgeschlossen, auf Mäkler-, Leih- und Wuchergeschäfte angewiesen.

4 Scharfer Wein oder Obstmost.

10. Kapitel
[218] Zehntes Kapitel.

Herr! vergib ihnen; sie wissen nicht, was sie thun!


Ben David stand einige Tage nachher eines Morgens zum Ausgehen bereit, als Zodick in feiertäglichen Kleidern zu ihm in die Stube trat. Verwundert ob diesem Aufzuge, und dem gespreizten Wesen, das der Schachergehülfe an den Tag legte, befragte ihn der Herr nach deren Ursache. »Ich komme bei Dir zu freien um Deine Tochter,« erwiederte Zodick: »Du weißt, Herr, welch ein Vertrag Dich gebunden hat an meines Vaters Wunsch, auf dessen Andenken der Friede sey. Die Zeit ist geflossen dahin, während welcher ich dienen mußte nach dem Beispiele des Erzvaters. Ich habe den Lohn verdient, den wir ausgemacht, und die Perle, die ich wachsen sah, soll mein seyn, nach dem Willen des hochgelobten Gottes und seiner Elohim, die Dein Wort gehört und aufgezeichnet haben.« – Ben David schwieg mit sichtlicher Überraschung eine Weile; dann antwortete er: »Das siebente Jahr ist noch nicht zu Ende. Der vierzehnte Tag des Mondes Adar, an dem man feiert das Purimfest, ist derjenige, an dem die Frist verfällt.« – »Du sollst nicht zählen die Tage, wenn es ein Gelübde gilt,« erinnerte Zodick unterwürfig: »der Fürst der Barmherzigkeit zählt dann im Thale Josaphat Deine Sünden um so nachsichtiger.« – Ben David drohte ihm ernst und schweigend mit dem Finger. »Es bleibt dabei;« sprach er: »am gedachten [219] Tage komme wieder und freie mein Kind.« – »So soll mich der Hammer zerklopfen, wie den verfluchten Haman am Purim, wenn ich länger harre!« brach Zodick in leidenschaftlicher Hitze aus: »So ich mich gedulde bis dahin, so ich sicher noch länger mich gedulden muß! Du hast gedehnt meine Dienstzeit von drei Jahren auf fünf, von fünf auf sieben. Ich bin es müde. Ich habe Dir gehorcht, als ein redlicher Knecht, will aber nicht mein Lebenlang seufzen unter'm Joch der Dienstbarkeit, will nicht im Abnehmen meiner Tage eine häßliche alte Reck freien, statt der schönen Rahel. Meine Freunde zu Worms fordern daß ich heimkehre, und ein Weib will ich mitbringen; darum säume nicht, und gib Deinen Segen.« – Ben David war in unangenehme Verlegenheit versetzt; nach manchen vergeblichen Winkelzügen, die alle an der Beharrlichkeit des Freiers scheiterten, entschloß er sich, mit der Wahrheit es zu versuchen. »Freund Zodick!« redete er: »da Du mit Ernst darauf dringst, um jeden Preiß erfahren zu wollen, was ich Dir noch gern verschwiegen hätte, so mag's drum seyn. Dein Vater war mir lieb und werth; ein Gerechter in Israel. Du warst es nicht minder; aber seit einiger Zeit habe ich überlegt, und gefunden, es möchte gut seyn, wenn nichts würde aus dem Verlöbniß zwischen Dir und Esther.« – »Wie?« fragte Zodick neugierig und argwöhnisch zugleich. – »Esther ist Dir nicht hold,« fuhr Ben David ruhig fort, »aber als eine gehorsame Tochter würde ihr Mund Ja sagen, wo ihr Herz Nein sagt. Ich würde vor Gott und dem Gesetz die Macht haben, sie zu nöthigen [220] zur Ehe mit Dir; aber ich fürchte, sie schlägt aus zu Euerm Unheil. Esther ist nicht für Dich, Dein Herz nicht für sie.« – »Was kannst Du aussetzen an meinem Herzen?« fragte Zodick rasch und übermüthig: »Bin ich nicht immer gewesen ein eifriger Bar Israel? Hab ich nicht, wie es einem rechten Bechor zukömmt, gehalten meine sechshundert Gebote und Verbote, seitdem ich geworden war ein Sohn des Gebots? Wer hat fleißiger die Schule besucht zu Worms, denn ich? Wer hat das gesegnete Hallel eifriger gesungen als ich? Habe ich einmal versäumt zu beten dreimal im Tage die Gebete Schmone Esra und Knias Schma? Was kann man mir vorwerfen? Ich bin ein Eifriger in Israel, denn ich halte das Gesetz; ich bin ein rechtschaffener Sohn, denn ich faste jährlich am Sterbetage meines Vaters; ich bin ein getreuer Knecht, denn ich will verlahmen, wenn ich Dich oder einen von unsern Leuten verkürzt habe, um einen Schilling. Ich bin ein sparsamer Mensch, denn der heilige Gott hat meine Arbeit gesegnet, daß ich etwas vor mich gebracht habe; ich bin wohlthätig, denn ich habe nie unterlassen, Almosen zu geben an die Armen, damit sie den Sabbath heiligen konnten. Was kannst Du mehr verlangen? Was darf Deine Tochter mehr begehren?« – »Hoffärtiger Mensch!« erwiederte ihm Ben David aufgebracht: »Willst Du prahlen mit den Gebräuchen, die Deine Hände verrichten und Dein Mund? Aber Du magst wissen, daß Deine Hände todt sind, wenn sie sich gleich bewegen, und stumm Dein Mund, wenn er gleich redet. Das Gesetz des heiligen Gottes [221] ruht nicht auf den Zähnen, noch auf den Fingerspitzen, sondern im Herzen. Der böse englische Pfenning ist glänzender als der Gerechte, nichts destoweniger aber falsch. Die Mesusa an der Thüre Deiner Hütten mag noch so schön und richtig geschrieben seyn, und doch geht Sammael über ihre Schwelle, so Deine Seele nicht rein und gesegnet wäre. Zodick! Zodick! ich fürchte, Du wandelst auf bösen Wegen, die da nicht führen in das himmlische Zion; sondern in den Feuerstrom, der unter dem Throne des hochgelobten Gottes herausfließt auf die Häupter der Sünder!« – »Wie magst Du mich schelten?« fragte Zodick mit frecher Fassung: »Du schändest mein Haupt, um Dein Versprechen nicht zu halten!« – »Davon nachher;« entgegnete Ben David ernst: »Für's Erste entscheide meine Tochter!«

Er ging und kehrte nach einigen Minuten, Esther an der Hand, zurück. »Dieser Mann freit um Dich,« sprach er ohne Leidenschaft: »ich zwinge Dein Gefühl nicht; antworte: willst Du sein Weib werden? Zum erstenmal redet wohl ein Hausvater in Israel also zu seinem Kinde. Bekenne frei und offen: Willst Du sein Weib seyn?« – Esther stürzte mit Freudenthränen zu Ben David's Füßen. »Da Du mich frei sprichst, Vater,« rief sie frohlockend, »so vernimm es, mein Geständniß ohne Zagen: ich verabscheue diesen falschen Heuchler – ich kann nicht die Mutter seiner Kinder seyn« – Ben David hob sie liebreich auf; Zodick stand da auf den Kohlen der peinlichsten Beschämung, wort-, bewegungslos. Ben David hatte Mitleiden mit seiner Qual und sandte [222] die jubelnde Esther durch einen Wink seiner Hand hinweg. – »Du wirst nicht begehren, eine, so Dich haßt, in Dein Bette aufzunehmen,« redete er zu Zodick: »siehe aber, ich löse mich von Dir mit diesen zwanzig Mark Silbers.« – Er legte den Sack mit dem kostbaren Metall vor Zodick hin auf den Tisch. – »Verlasse aber jetzt mein Haus;« fuhr er fort: »es kann Dir hier nimmer wohl seyn.« – Eine tiefdunkle Röthe bedeckte Zodick's Gesicht; seine Brust hob sich mühsam. – »Du gehst mit mir um, wie mit einem aus dem verfluchten Stamme Esau;« murrte der vor Zorn zitternde Knecht: »hab ich's verdient, daß Du also mit mir verfährst? Ben David! Ben David! daß es Dich nicht gereue! der heilige Prophet Elias und seine Engel sind allenthalben um uns. Sie haben Deine Worte gehört! zittre vor ihrer Rache!« – »Zittre Du selbst vor ihnen, Sohn der Unreinigkeit!« zürnte Ben David: »Ziehe nicht die Heiligen Israels in Deine Händel, während Du mir allein Rache brütest. Der Prophet hört Deine Worte wie die meinen; er belauscht Deine Schritte wie die meinen. Er sieht Dich, wann Du hinausgehst zur Stunde, wo Lilis, die ungeheure Nachtfrau auf dem Throne sitzt, und ihre Söhne die Teufel aussendet, daß sie die Menschen verblenden. Der Prophet weiß, was Du zu jener Zeit verrichtest, da Du ferne vom Hause umherschwärmst auf dem Pfade verbotner Lust, oder verdammlicher That. Zittre! geboten ist's, zur Nachtzeit die Schulen zu besuchen, wo deren Daseyn erlaubt ist; geboten ist's, den Neumond zu feiern mit Dankgebeten; erlaubt ist's, [223] in der siebenten Nacht unsers Hüttenfestes hinauszugehen in den Mondschein, um den Schatten zu befragen nach der Dauer unsers Lebens; – aber verboten ist's, aus sündlichem Gewerbe herumzustreifen zur Zeit des Schlummers. Dieses thust Du aber unzähligemale, dieses hat mir Dein übles Trachten verrathen, dieses verweist Dich aus meinem Hause; der Friede des Herrn komme auf Dich, und sein Segen. Geh' hin, und meide uns.« – Zodick lachte höhnisch dem Scheidenden nach, und ballte in steigendem Ingrimm die kecke Faust. »Du sollst es noch theuer bezahlen, was Du mir gethan, elender Lügner!« sprach er halblaut vor sich hin mit leidenschaftlicher Geberde: »Was Du Böses an dem verdammten Gojim geübt, das vergelte Dir der hochgelobte Gott mit tausendfältiger Pein, statt mit Wonne, wie unsre Cohenim es lehren. Er verschließe den Schooß Deiner Tochter, daß sie Dein Blut aussterben lasse in Israel, und verstoßen von ihrem Manne dahinwelke in Schmach und Verachtung! Er schlage Dich mit Jammer wie den aussätzigen Hiob, verwandle Dein Gold in Staub, Dein Haus in Kohle, Deinen Namen in den der krummen Schlange! Gras wachse vor Deiner Thüre, Hunger sitze an Deinem Tische und Dein Haar werde weiß im Elend! Sammael lähme Dein Gebein, der Teufel Schafriri Dein Auge, und Deine Zunge bettle das Brod vor den Thüren Amaleks! Lebe, lebe, lebe unendliche Jahre der Noth und Trübsal, bis der Herr, unser Gott, mit seinem Zorn angethan, Dich hinwegreißt zum ewigen Feuer der Gehenna! Amen.«

[224] Unzähligemale wiederholte der Elende den abscheulichen Fluch, während er seine Habseligkeiten zusammenräumte, um sie wegzuschaffen. Diesen Fluch auf der Zunge schüttelte er vor Ben David's Thüre den Staub von seinen Schuhen, und wanderte zum Dorfe Oberrad, wo er bei einem daselbst geduldeten Glaubensverwandten für den Augenblick seine Wohnung nahm. In Ben David's Hause war seit des zweideutigen Knechts Abzug eine feierliche Stille und Ruhe eingetreten, nur dann und wann von Jochai's bedenklichem Kopfschütteln gestört, der es unverholen mißbilligte, daß sein Sohn sein Versprechen zurückgezogen und auf einen bloßen Verdacht hin, den Esther bestimmten Bräutigam aus dem Hause verwiesen. Er äußerte mit Nachdruck die Vermuthung, die Wormser Judenheit werde gedachtes Verfahren nicht gut aufnehmen, Ben David wohl in Bann thun; der Letztere blieb indessen unerschüttert. »Wäre ich doch des Paradieses so gewiß,« sprach er, »als Zodick das Gesetz mit Füßen trat. Der sucht die Nacht, der die Sonne scheut und das Ruchtbarwerden seiner That. Was die Schule zu Worms betrifft, so bin ich hier, wo keine blüht, der König meines Hauses, und schalte mit meinem Kinde, wie ich will. Laßt uns den Herrn preisen, der uns aus der Gemeinschaft des Gottlosen brachte, und fröhlich leben in Eintracht.«

Ben David's, Ruhe erlitt dennoch eine ungemeine Störung, da er in Kurzem gewahr wurde, daß Zodick den Platz zu Frankfurt nicht verlassen hatte, wie er im Anfang geglaubt. Häufig begegnete er dem [225] tückisch lächelnden Rothkopfe auf seinen Handels- und Mäklergängen. Bald war es ihm auch kein Geheimniß mehr, daß derselbe auf die Verkürzung seines Erwerbs ausgehe. Überall kam Ben David, der fleißigste unter den Juden, zu spät; allenthalben sah er seinen Eifer schlecht belohnt, und allenthalben stack Zodick unter der Decke. Näherte sich Ben David den Tischen, und Hütten auf dem Berge bei St. Niklas, wo die Compsoren (Wechsler) saßen, und bot seine Unterhändlerdienste an, so war Zodick schon da gewesen und hatte unter den leichtesten Bedingungen alle Aufträge an sich gerissen; trat er in Palmstörfer's Wechselstube zum Weidenbaum, so ging Zodick gerade heraus, Rechentafel und Beutel unter'm Arm, und der alte Wechsler und Altbürger Humbrecht sagte ohne Hehl zu Ben David: »Du hast da einen gar guten Spürhund gezogen, Jude. Er läuft wie ein Teufel, schnobert alles aus, und nimmt geringre Zinsen, denn Du. Darum magst Du jetzt feiern, und Dich pflegen. Zodick dient uns besser und luftiger als Du, alter Knabe.« – War auf dem Gewandhause eine Versteigerung, und Ben David dachte dabei sein Heil zu versuchen ... umsonst, Zodick war dabei, kaufte am theuersten, schlug im geringsten Preiße los. Wurde an einem Orte ein Schmuck von edeln Steinen verlangt, und Ben David hatte bei allen Goldschmiden und Juwelenhändlern mit Mühe und Noth die Kleinodien zusammengebracht, so war doch alles vergebens; Zodick hatte Wind davon gehabt und weit schönere Steine herbeigeschafft. Was die Darlehen – den Haupterwerbszweig der Juden – [226] anbelangte, war Ben David nicht glücklicher. Zodick drängte sich überall auf, und Geld – zu dem er nach seines ehmaligen Herrn Einsichten, unmöglich auf richtigem Wege gelangt seyn konnte, – stand ihm in Hülle und Fülle zu Gebot. Der ausschweifende Sohn des Oberstrichters, der leichtsinnige Neffe des Schultheißen zogen gegen niedere Zinsen die Mittel zu ihrer Verschwendung aus Zodick's Beutel. Sogar dem gefangnen Raubritter von Hyrzenhorn streckte der rothköpfige Störefried die zweihundert Gulden vor, welche der Verhaftete um nur loszukommen, der Stadt sammt seinem Haus zu Wettershausen als Lösegeld stellte. Mit einem Worte: Zodick's Bemühungen, auf den Verderb seines Lehrherrn losgehend, erreichten vollkommen ihren Zweck. Die größern Geschäfte, wie sie nur etwa den Frankfurter Juden erlaubt waren, riß er zu Ben David's und seiner übrigen Glaubensgenossen Nachtheil an sich, und erschlich sich behende das Vertrauen der Bürger, das sich dem Neuen und Wohlfeilern gern zuwendet. Ben David wurde von Tage zu Tage mißmuthiger, und konnte endlich nicht umhin, dem Judenarzte Joseph, einem stolzen aber nicht unverständigen Manne, der ihn einst auf der Straße seiner verdrossenen Miene halber zur Rede stellte, seinen Gram mitzutheilen. »Ei, ei, Ben David!« erwiederte ihm Joseph mit vornehmem Kopfwiegen: »Die Klugheit, die gerade vom Herrn stammt, hat Euch verlassen, und der List des Leviathan's, der eine schlechte Schlange ist, das Feld geräumt. Lasse nie einen Andern gucken zu tief in deinen Becher! lautet ein alter Spruch. Lehre Deinem[227] Schüler nie Deine besten Künste, auf daß nicht seine junge Wissenschaft Deine bejahrte verderbe, lautet ein andrer. – Da nun aber der Fehler begangen ist, so halte ich dafür, da Euch der Quell des Lebens Reichthum bescheert hat, es sey am Besten, damit auf anderm Boden Euer Heil zu versuchen, bis der, der Euch verderben will, in seinen eignen Schlingen verdarb.« – »Wie meint Ihr das, Rabbi?« fragte Ben David aufmerksam, und Joseph erwiederte wichtig und den Mund voll nehmend: »Thut doch, was ich Euch schon vor längerer Zeit gerathen. Macht Euch auf gen Costnitz, mit Gelde versehen. Ich weiß aus sichrer Hand, daß der Herzog von Östreich bedeutende Summen sucht, die er hoch verzinsen will, wenn sie unter dem Siegel des Schweigens verabfolgt werden. Bei mehreren altbürgerlichen Geschlechtern dahier ist von ihm Anfrage gehalten worden, allein die haben ihr Baares bereits an den Kaiser und den Kurfürsten von Mainz und Pfalz geliehen. Da wäre ein ansehnlicher Gewinn zu hoffen, und – kehrt ihr zurück, – ist vielleicht schon des undankbaren Dieners Freudenleben zu Ende. Wer so rasch beginnt, endet sicher rasch. Beim Flüchtigwerden oder Falschmünzen hört's gewöhnlich auf.« – Ben David dankte dem Rathgeber von Herzen, und begab sich mit bessrer Zuversicht nach Hause, denn es hatte an seinem Leben genagt, daß sein Erwerb zu stocken und in die Hände eines Andern überzugehen drohte. Erheiterten Sinns erklärte er seiner Esther, daß sie zur Reise gen Costnitz sich bereit halten möchte, und fröhlicher denn er [228] die Kunde gab, nahm sie das Mädchen auf. Nachbars Ephraim, ein junger Bursche, der an Zodick's Stelle in Ben David's Hause getreten war, wurde angewiesen, dem Greise Jochai freundlich und gefällig in Allem zu Diensten zu seyn, und nachdem die Familie noch in häuslicher Eintracht den Freudentag gefeiert hatte, der in den Mond Schebat fällt, fuhren Vater und Tochter, von den Segenssprüchen des Altvaters begleitet, von dannen, im Gefolge eines ansehnlichen Krämerzugs, der nach dem Bodensee trachtete. Gerathen war es, einem bewaffneten Geleit sich anzuschließen, da vor wenig Tagen erst die Junker Bernhard und Wernher von Keseberg, wegen eines Unbilds, das sie in einem Pferdehandel von dem jüdischen Roßtäuscher Gombracht zu Steinheim erlitten zu haben vorgaben, »der ganzen Judenschaft und ihren Hohmeistern, wo sie auch seyen,« Fehde geboten und durch ein nach Frankfurt gesendetes untersiegeltes Schreiben erklärt hatten. Das gedrohte Unheil berührte sonach weder Ben David noch die schöne Esther, die ungehindert ihres Weges zogen, sondern denjenigen, der in seiner Frechheit es am allerwenigsten vermuthet hatte. Zodick nämlich, der wohl von dem am Römer aufgehängten seltsamen Fehdebriefe gehört hatte, sich jedoch auf seine Faust und sein Messer verließ, das er als Vertheidigungswaffe versteckt bei sich trug, weil die Gesetze jedem Juden untersagten, öffentlich ein Gewehr anzuhängen, schlenderte eines Abends bei einbrechender Dämmerung mißmuthig von Frankfurt nach Oberrad. Er hatte erfahren, daß Ben David die Stadt auf unbestimmte [229] Zeit verlassen, und es quälte seine Seele, denjenigen nicht mehr täglich zu sehen, dessen Eigen- und Geldliebe seine Tücke einen so entscheidenden Stoß beigebracht hatte. So sehr es ihn freute, seinen Zweck zum Theil erfüllt zu sehen, wie es die schnelle Entfernung Ben David's zur Genüge zu beweisen schien, so war ihm dieser Erfolg keineswegs genug. Den Wohlstand seines ehemaligen Herrn bis auf die Wurzel auszurotten, den Dolch des bittersten Leidens bis an's Heft in seine Brust zu stoßen, war seine Absicht, das Ziel seiner glühenden Rache. Doch, wie er so eben in dem Rüsthause seiner boshaften Gedanken wühlte, den Pfeil zu finden, den vergifteten, fernhintreffenden, – fähig, des Gegners Leben zu verletzen, verkröche dieser sich auch hinter den ewigen Eisbergen im Süden – ereilte den Grübler selbst ein feindlich Schicksal. Er war so eben an der deutschen Herren Mühle vorbeigeschritten, als aus dem beschneiten Graben der die Heerstraße von Feldacker trennte, dunkle Gestalten auftaumelten, und ihn umringten. Zodick's Hand fuhr nach der Waffe, allein, schon hatte eine Schlinge, um seinen Hals geworfen, ihn zu Boden gerissen, ein Pechpflaster klebte auf seinem Munde; im Nu war er entwaffnet, gebunden, und querfeldein geschleppt an die Ufer des Mains, von dannen auf wenig betretnen Fährten gen Offenbach. Es war finstre Nacht, als der Flecken erreicht wurde, und die Straßendiebe zerrten ihre Beute in eine abgelegne Hütte, wo einige Männer in ritterlicher Kleidung bei dem elenden Schimmer einer Öllampe Buschkleppertafel hielten, aus der [230] Faust. Die Gebrüder Keseberg und der tolle Veit von Hornberg waren die saubern Herren, die den Gefangnen mit dem Gejohle wilder Freude empfingen. – »Sieh da! sieh da!« lachte Wernher: »Ein dicker rother Gimpel zur Fastnachtszeit! Wackre Vogelsteller, die solches Wild aus dem Schnee zu graben verstehen! Guten Abend, Judas! Wir haben nicht umsonst Rechnung auf Dich gemacht. Hast Du viel Geld bei Dir?« – Zodick schüttelte heftig mit dem Kopfe. Einer der Wegelagerer versicherte indessen seinem gestrengen Herrn, man habe den Juden zwar noch nicht durchsucht; er trage jedoch eine erkleckliche Geldkatze um den Leib. – »Gut!« erwiederte Bernhard: »Nehmt ihm die Last ab. Das ist jedoch das Geringste. Wir wissen genau, daß er die Verschreibung unsers Vetters von Hyrzenhorn bei sich trägt. Um diese ist's uns zu thun. Hyrzenhorn ist genug zu bedauern, daß er den Frankfurtern sich verschreiben mußte; er gedenkt aber nicht länger der Schuldner eines schmutzigen Juden zu seyn. Nehmt ihm den Wisch ab, so haben wir unsern Auftrag redlich erfüllt.«

Zodick wehrte sich wie ein Rasender mit Händen und Füßen, aber seine unsinnige Wuth mußte der Kraft des Hornbergers weichen, der, in ähnlichem Gewerbe geübt, ihn mit Blitzesschnelle durchsucht, Alles gefunden, und ihm entrissen hatte. – »Verdammter Fetzen!« schrie der Junker bei der letzten Maulschelle, die er dem Geplünderten gab: »Ich will Dir lehren, wie man sich in Kriegs- und Fehdesitte fügt.« – Er griff nun nach der dickknotigen rindsledernen [231] Sattelpeitsche, und wollte ein fürchterlich Gericht über Zodick ergehen lassen, als Bernhard sich mitleidig darein mischte. »Laß doch den armen Sünder in Ruhe!« sprach er vermittelnd: »Wir wehren uns auch mit Zähnen und Klaue, wenn man uns an's Leben will. Bedenke doch, daß man einem Juden mehr als das Leben raubt, in seinem Gelde.« – »Mein Bruder hat Recht,« setzte Wernher bei: »Auch hat mir der Leuenberger empfohlen, säuberlich mit dem Unkraut zu verfahren. Er hat schon oft unsers Gleichen gute Dienste geleistet durch seine feine Nase. Friede sey darum mit ihm. Nehmt ihm das Pflaster vom Maule. Weiber und Ebräer müssen plaudern, sonst wachsen ihnen die Zähne zusammen.« – So; setze Dich jetzt zu uns; Du sollst mit essen, Dich erholen von der ausgestandnen Angst. Hier ist Brod, Käse, Wurst. Lange zu! – Zodick fuhr mit Abscheu vor dem Dargebotnen zurück. Die Herren wollten borsten vor Lachen über die häßliche Fratze, die der Mißhandelte zog. – »Iß!« rief der Hornberger, mit dem Jagdmesser nach Zodick's linken Auge zielend: »iß, räudiger Hund, oder es kostet Dich ein Auge.« – Der Jude, wissend, daß in solchen Scherzen der fürchterlichste Ernst verborgen lag, nahm ergrimmt einen Bissen von der verbotnen Speise, und würgte ihn zornbebend hinunter. – »Auf einen fetten Bissen gehört ein klarer Trunk!« witzelte der Hornberger, und machte kurz und gut den Vorschlag, den Juden in den Main zu werfen. – »Recht!« lachte Zodick mit verzweifelnder Galle: »Schmeißt mich doch lieber in den Fluß, als daß ihr mich zu [232] dergleichen Sünde zwingt. Der Gerechte, der gesäckt wird in Edom, geht doch ein in Kanaan!« – »Der Teufel verstehe das Kauderwälsch des Brandkopfs!« brummte Wernher: »Wir gedenken ihm aber nicht zum Marterthum zu verhelfen.« – »Wir haben nur dem Roßtäuscher zu Steinheim den Tod geschworen,« setzte Bernhard bei: »Dir, Zodick, wollen wir wohl, da Du so ein gewandter Stehler bist. Im Grunde galt es nur der Verschreibung, die ich hiemit feierlich an der Lampe verbrenne. Das Geld, das Du zufällig bei Dir trugst, behalten wir für unser Mühewalten. Speise und Trank sey Dir aber vergönnt. Dein Fehler, wenn Du nicht zugreifst.«

»Das Gesetz verbietet mir's;« antwortete Zodick; trotzig vor sich niedersehend. – »Gelt! unsre Speisen sind nicht koscher, Schuft?« polterte Veit von Hornberg: »Bist denn Du aber koscher genug, um an unsem Tische zu sitzen? Nein, sage ich, und Du fährst durch meine Klinge zum Teufel, wenn Du nicht diese Beleidigung unsers Wappens auf der Stelle gut machst.« – Zodick schaute hoch auf, der neuen Laune des Junkers gewärtig, und des Letztern Spießgesellen riefen lachend: »Hoho! Schwager! was fällt Dir ein? was kann der Schurke da gut machen? Welche Grille kömmt Dir an?« – »Keine Grille!« versetzte Hornberg, in dessen Kopfe sich der Wein breit machte: »Aber ich schwörs Euch zu bei meiner Seelen Seligkeit und meines Leibes Urständ, daß ich den vermaledeiten Fuchsbart über den Haufen steche, bevor der Morgen graut, wenn er sich nicht in dieser Nacht noch taufen läßt.«

[233] Ein lautes Gewieher war die Antwort auf den überraschend seltsamen Vorschlag, der jedoch im nächsten Augenblick schon den zu allem Abenteuerlichen sattsam aufgelegten Herren völlig zusagte, und mit Begierde von ihnen aufgenommen wurde.

»Vortrefflich!« rief Bernhard. »Herrlich!« rief Wernher: »der Jude muß sich taufen lassen, und wir wollen des Höllenbratens Pathen seyn.« – »Zodick konnte vor Wuth und ohnmächtigen Ingrimm keine Silbe vorbringen, aber sein giftiges Ausspucken und Kopfschütteln redete an seiner Statt.« – »Wage es, Nein zu sagen,« schrie Veit, ihm den Stahl an die Kehle setzend: »und Du fährst zur Hölle. Niederträchtiger Auswurf, dessen Wohlthäter wir werden wollen, den wir mit eignen Händen aus dem ewigen Pfuhl ziehen! mukse nicht, oder es ist Dein Letztes.«

Verblassend und verstummend stand Zodick wie niedergedonnert. – »Macht fort, Bruder,« sprach Veit gemäßigter weiter: »bestellt Pfarrherrn und Glöckner; ich will indessen dem Höllenbrand mit dem Dolche das Paternoster einkitzeln.«

Die Gebrüder Keherberg eilten schnell von dannen und durchstreiften mit ihren Knechten, wie Gespenster der Nacht, den Flecken, Straße auf, Straße ab, bis sie in der tiefen Dunkelheit Kirche und Pfarrhaus gefunden. Wohl hörten die Bewohner Offenbachs die Schritte und rohen Reden der Nachtgäste, sahen sie wohl mitunter durch die Ritzen der Läden, wie sie Waffenrauschend durch die Gassen lärmten, aber in den damaligen Zeiten des Unfriedens und der Selbsthülfe wagte sich Keiner aus dem Hause, [234] sondern erwartete in ängstlicher Stille, ob der Besuch nur eine vorüberziehende Wetterwolke sey, oder wie der Blitz ihre Hüttendächer entzünden werde. Die Wächter des Schlosses fanden ebenfalls keinen Beruf, sich in das Thun der Fremden zu mischen, hielten sich zur Vertheidigung gefaßt, und blieben ruhig. So gelangten die Junkherren ohne Anstand zum vorgesteckten Ziele. Mit lautem Klopfen wurde der Leutpriester aus dem Schlummer geweckt, an's Fenster beschieden. Der von Natur Furchtsame erbebte, da er Bewaffnete vor seinem Hause sah, und fragte demüthig nach ihrem Begehren. – »Heraus, Pfaffe!« rief ihm Wernher zu: »Lege den Chorrock an, und die Stola. Versieh Dich mit Kerze, Öl, Salz und Honig und komm zur Kirche. Ein Ketzer will sich taufen lassen, und schnell, damit der böse Geist ihn nicht abwendig mache von seinem löblichen Vorsatze.« – »Ein Ketzer?« fragte der erschrockne Geistliche: »Taufen, in später Nacht, ... wer bürgt mir..?« – »Schweig!« erwiederte ihm Bernhard: »Wir bürgen, drei Edelleute, des Ketzers Taufzeugen. Steig herab ohne Säumen; bescheide den Glöckner, daß er Dir diene; aber wofern der Bube Lärm macht, oder den Glockenstrang zu ziehen gedenkt, so ist sein letztes Stündlein da und das Deine. Wir sind zum Trutz gerüstet, und unsere Knechte umlagern schon das Kirchlein.« –

Der Pfarrherr, der an Sprache und Keckheit wohl merkte, mit welchen Gesellen er zu thun bekam, und durch das traurige Beispiel mehrerer Amtsbrüder, die so zu sagen am Altare ihren Tod durch [235] Mörderhand gefunden hatten, gewitzigt worden war, säumte nicht, dem gebieterischen Begehren Folge zu leisten. Das Frösteln der Angst in allen Gliedern warf er sich in die kirchlichen Gewänder, beschickte den Meßner, und da er in Begleitung des Letztern, eines altergrauen Männleins, das vor Schreck sich kaum auf den Füßen zu halten vermochte, an die Pforte der Kapelle kam, langte so eben der Hornberger daselbst an, dessen Knechte den Täufling an der Leine führten, wie einen Rüden. Das Kirchlein wurde geöffnet, Wache davor gestellt; ein Bewaffneter hütete den Eingang zum Glockenthürmlein, und die edeln Herren forderten nun den Priester auf, beim Schein einer einzigen Kerze das heilige Amt an dem stummen, todtbleichen Zodick zu verrichten, den der wilde Bekehrungseifer und die Drohungen des Hornbergers dazu gebracht hatten, sich Alles gefallen zu lassen, was man mit ihm vornehmen würde. – Der Pfarrherr, der verständig genug war, einzusehen, daß hier die Würde der Kirche und alles Recht mit Füßen getreten werde sollte, machte nachdrückliche Einsprüche in das Verfahren der drei Ketzerbekehrer, forderte sie auf, den armen Menschen, der wie das Espenlaub zittre, und keinen armen Laut von sich zu geben vermöge, ruhig ziehen zu lassen, ihn nicht zu einer Handlung zu zwingen, die er nicht begreife, die er verabscheue, deren er nicht würdig sey.

Die drei Gebietenden zogen aber bedeutend und drohend die Schwerter, stellten sich in den Taufstein, und streckten die Schwörfinger in die Höhe. Wir[236] haben es gelobt bei den Wunden des Herrn, diesen verstockten Sünder zu heiligen, wider seinen Willen, sprachen sie. Geht seine Seele verloren durch Dein Zaudern, Pfaffe, so stirbst Du dahin ohne Gnade, erstickt von Deinen Sünden. Gib ihm das ewige Leben, und genieße ferner das zeitliche. Gib ihm den ewigen Tod und theile ihn mit ihm! – Der Geistliche zuckte die Achseln, und machte sich bereit zu der Handlung. »Die Folgen Eures frevelnden Muthwillens kommen über Euch!« sagte er feierlich und begann die vorgeschriebnen Gebete. Die Waffendrohenden Zeugen antworteten auf jede Frage für den zur starren Bildsäule gewordenen Zodick, der alle Gebräuche mit übereinander gebissenen Zähnen über sich ergehen ließ. Das Glaubensbekenntniß legten die verwahrlosten, der Kirche längst entfremdeten Pathen mit Mühe und Stottern für den Täufling ab, – nun aber kam es an die gefährlichste Stelle der Handlung; an das einfache, aber aus dem Munde des zu Taufenden selbst zu verlangende Gelübde. Zu Aller Erstaunen sprach der Jude die vorgesagten Worte keck und fest nach, machte das Zeichen des Christen mit sicherer Hand, und nickte ungezwungen mit dem Haupte, da er, dem barbarischen Rituale jener Zeit gemäß, seinen bisherigen Glauben, und die ihm anhingen, durch den Mund des Geistlichen verfluchen mußte. – Diese auffallende Änderung des Betragens erleichterte das Herz des Pfarrherrn in etwas; die entweihte Handlung wurde ruhig beschlossen, und dem Neugetauften der Name Friedrich beigelegt. Auf dem staubigen Tische der [237] Sakristei schrieb der Pfarrherr das Zeugniß des Ubertritts nieder, händigte es dem Juden ein, befestigte auf seiner Brust, statt des gelben Ringes, ein Blechschild mit dem Kreuze und dem Buchstaben C, wie Neubekehrte es zu tragen verbunden waren, und entließ die seltsame Taufversammlung mit seinem Segen. – Mit rohen Scherzen zogen die Bekehrer davon, und überhäuften den still rasenden Zodick mit Spottreden und Schmachworten. Vor dem Flecken umringten sie ihn, trieben noch allerlei Possen mit dem Unempfindlichen, und gaben ihm nun völlige Freiheit zu gehen, wohin es ihm belieben würde. – »Geh heim, Söhnlein Friedreich,« – sprach Wernher höhnisch zu ihm; »wachse im Glauben, und danke es uns fein, daß wir dir zum Himmel verholfen.«

»Falle nicht in den alten Baalsdienst zurück;« ermahnte ihn Bernhard, der, der Gutmüthigste von den Dreien, sich in der That einbildete, ein dem Himmel angenehmes Werk verrichtet zu haben: »Das Christenthum schenkt zeitliche und ewige Wohlfahrt. Dem Juden sagte man, den Bekehrten wird Alles lieben, und allenthalben befördern.« – »Merke Dir aber noch das Eine!« schloß der Hornberger drohend: »Wofern wir vernehmen, daß Du wieder zur Ketzerei Dich wendest, daß Du dieß Schildlein nicht trägst, und nicht bekennst, daß Du freiwillig unsers Glaubens wurdest, so stirbst Du ohne Barmherzigkeit von meiner Hand. Jetzt aber bedanke Dich knieend für die von uns empfangne Wohlthat, und fahre hin, Deines Wegs.« – »Zodick mußte auf seinen Knieen die Hände seiner drei Pathen küssen, geloben, [238] ihnen in Treue zu dienen, wann und wo sie es begehren würden, und wurde unter Gelächter und Hohn entlassen.« – Als ob ihm der Kopf brenne, lief er aus dem Bereich seiner Peiniger hinweg; bald verließen ihn jedoch die Kräfte, und er sank nieder in den Schnee, gerüttelt von Gewissensbissen und reggewordner Verzweiflung. Es gibt Falten im menschlichen Herzen, die der Witz des Gelehrten nimmer auskundschaften wird. Der blutgierige Bube Zodick hatte geraubt, gemordet, und sein Gewissen war ruhig geblieben bei der freiwilligen Unthat. Es waren ja nur Christen, die Unterdrücker Israels; dachte er bei sich selbst. Ihre Habe ist in unsre Hände gegeben, ihr Leben selbst, das nicht edler ist, als das eines Schweins. Nur, wenn ich Einen aus Israel plündre, begehe ich einen Raub; nur wenn ich einen Sohn meines Gesetzes würge, begehe ich einen Todtschlag vor dem Herrn. – Der unfreiwillige Abfiell jedoch von eben diesem Gesetze erfüllte den verhärteten Bösewicht mit allen Qualen der Reue und des Jammers. Vergebens stellte er sich vor, was ihn in jener fürchterlichen Kapelle bewogen hatte, frisch und frei seinen Mund zu dem frevelnden Werke zu leihen: daß nämlich die Rabbiner lehren, ein gezwungener Eid sey Keiner – ein freiwilliger sogar sey keiner, sobald man nur geschickt den Worten des Gelübdes einen andern Sinn beilege in Gedanken, als den Geforderten. – Der Ausweg, den diese letzere verderbliche Lehre so wohlthätig dem Meineid eröffnete, war unzulänglich für den Abergläubigen, der sich jammernd und verzweifelnd im Schnee wälzte, [239] um von seinem Haupte den Gräuel einer verabscheuten Religion zu waschen. – »Ich bin verloren!« seufzte er aus keuchender Brust: »Ein Jude bin ich nicht mehr, ein Christ kann und mag ich nicht seyn. Alle Paradiese sind mir verschlossen, jedes Glaubens Hölle mir beschieden! Einen falschen Eid könnte ich verantworten, aber solche Gräuelthat nicht. Wollte ich auch vorschützen, ich hätte es nicht freiwillig gethan – was nützt es mir? ... der Mensch steht vor Gott und seine Werke um ihn her. Der heilige, hochgelobte Gott, der starke eifrige Gott hat sich gekleidet in Zorn, denn er hat gesehen, wie man mich taufte, ... er hat gehört, wie ich geschworen .... wehe mir! wehe! Die Schule zu Worms wird mich in Bann thun; die grausamen Kinder Esau werden wich ermorden, wofern ich wanke. Muß ich denn verloren seyn, warum gehen sie nicht mit mir unter, die gottlosen Söhne Amaleks? Verruchte Gojim! ihr habt mir meine Seele gestohlen! Ich fluche Euch! Ich gelobe Euch Rache, vollgeltende Rache!« –

Dieser Gedanke belebte den Unseligen, von Zweifeln und Muthlosigkeit Zerrissenen mit dem Funken, der nicht aus dem Himmel stammt, sondern aus der Tiefe. Zodick raffte sich zusammen, blickte wild, mit wehenden Haaren zu den jagenden Wolken auf, die vergebens ihre dichtesten Schneeflocken hernieder sandten, das glühende Molochgebilde abzukühlen. – »Der Bund ist zerrissen!« schrie er gellend hinauf, das einzige lebende Wesen unter dem stillen eisigen Regen: »Sammael! Fürst der Wildniß, Fürst des Todes [240] und Gatte der entsetzlichen Nachtfrau Lilis, der Gebärerin aller Schreckgespenster und Sünden! Dir ergebe ich mich! Schütze mich vor dem Zorne unsers Gottes! berge mich vor der Wuth Edom's! Lehre mich das Schwert führen gegen das Gesetz, das nicht mehr mein ist. Erlaube mir, Rache zu nehmen an Israel, wie an Esau, bis Du einst meinen Geist dahin nimmst in den Stürmen Deines Grimmes!«

Als ob der entsetzliche Sammael ihn verfolge, irrte der Sünder auf den Schneefeldern umher, bis der nächste Morgen grau und kalt heraufstieg, und ihn zur Hütte trieb. Das wachsende Licht des Tages senkt stets mehr Zuversicht in gute, wie in böse Zweifelnde Herzen. Der Wahnsinn der verweinten oder verlästerten Nacht schwindet in ruhigeres Nachdenken hin, und auch Zodick wurde ruhiger, gemäßigter. Er sah plötzlich ein, wie sehr sein irdischer Vortheil durch die nothgedrungne Glaubensänderung gewinne, und daß es dem jenseits Verlornen erlaubt seyn müsse, hienieden doppelt zu leben in eigner Freude und fremden Leiden. Er erklärte vogelfrei alle Menschen, wes Glaubens sie auch seyen, und beschloß, nun das Werk seiner Rache an Ben Davids Hause auf's glänzendste zu vollenden. Trunken vor Freude über die entsetzlichen Bilder, die in seinem Gehirne aufstiegen, dankte sogar der Verblendete der Vorsehung für die verwichne Nacht. Sein Aberglaube wähnte von dem Schicksale mit Vorbedacht, die Freiheit erhalten zu haben, ohne Gewissensangst [241] seinen Durst nach Rache löschen zu können, und seine Bosheit schritt langsam, aber kühn zur Ausführung.

11. Kapitel
Eilftes Kapitel.

Die Wohlthat ist eine stattliche Pflanze;

ihre seltenste Blüthe aber ist: Dankbarkeit.

Pers. Sittenspruch.


Allgemach war die Zeit eingetreten, in welcher, nach den Berichten alter Schriftsteller, die Deutschen zu rasen pflegten, vorsätzlich, sich in Gespenster vermummten, und allen Muthwillen für erlaubt hielten; die Fastnachtzeit nämlich – das dreitägige Fest, das einer langen dauernden Reihe von Tagen der Betrübniß und des Fastens vorausgeht. Diese fröhliche Zeit, sehnlichst herangewünscht von allen Ständen, setzte in Costnitz alle Hände in Thätigkeit, alle Sinne in Arbeit. Der Ernst und die wichtige Förmlichkeit der Kirchenversammlung, deren Beschlüsse eine allgemeine Sittenverbesserung bezwecken sollten, setzten dieser Volkslust wenig oder gar keine Schranken entgegen, und der Kaiser Sigismund, ein gar kurzweiliger, freundlicher Herr, dem Minne- und Larvenspiel nicht abhold, vermehrte die allgemeine Ergötzlichkeit durch den eifrigen Antheil, den er daran nahm. – »Man muß dem Volke seine Spiele nicht nehmen;« sprach er zu den strengen Sittenrichtern, die ihn gern vermocht hätten, aus Rücksicht für das [242] Concilium die Fastnachtslust zu beschränken: »Schwerlich würdet Ihr uns wehren wollen, an unsrer Hofstatt das Fest zu begehen; allein wir mögen in solcher Zeit keine Freude genießen, an der nicht Alles, das uns umgibt, Theil nehmen könnte. Die Herren aus Wälschland und Frankreich mögen sehen, daß unsre deutsche Nation ein lustig Volk ist, und ein Oberhaupt hat, das Kurzweil und Schimpf in Ehren liebt. Darum wollen wir befehlen, daß man jetzo jubilire, wie sonst, denn des Herzens Fröhlichkeit gefällt dem Herrn im Himmel, und darf demnach sich vor seinen Statthaltern auf Erden nicht scheu verkriechen.« – Des Kaisers Wille geschah dießmal ohne fernere Widerrede, und der Fastnachtsonntag trat einher in Prunk und lustigen Glanz gehüllt, wie ein Fürst der Freuden. Alle Geschäfte blieben liegen, und nach Außen in das herrliche Frostwetter drängte sich Alles, was deutsches, nordgewohntes Blut in den Adern trug, und nicht blos aus den Fenstern der geheizten Gemächer die Ergötzlichkeit mit ansehen wollte, wie die Wälschen thaten. Dagobert blieb nicht dahinten. Der geistliche Rock wurde in den Schrank gehängt, das enge Röcklein wieder hervorsucht, und, das Symbolum der Fastnacht, den grünen Tannenzweig auf dem Hute, suchte der Neffe den Oheim auf, den er, an Husten und Schnupfen und Gichtbeschwerden laborirend, im Sorgenstühle antraf. – »Sieh da!« rief der Prälat mit schlecht verborgnem Verdrusse: »sieh da, wieder ein Faschingsgesicht, dem man es ansieht, wie es nur auf die Kirchenglocke lauert, die das Zeichen geben [243] soll, zu dem gräulichen Tollmannswesen! Gleich wie die blinden Heiden ihre Bacchanalien feierten in Rausch und Unzucht, also siehet man heutzutage die Christen in den Schlamm der Abscheulichkeit stürzen, um sich auf vierzig Tage satt darinnen zu schlemmen! O du verlorner Sohn Absalom! Deine Mutter hat es noch dereinst am jüngsten Tage zu verantworten, daß sie Dich zur Kirche bestimmt hat.« –

»Ihr habt völlig Recht, lieber Ohm,« versetzte Dagobert: »ich bin selbst dieser Meinung. Laßt uns indessen nicht grollen, nicht hadern an diesen Freudentagen, Fastnacht kömmt nur einmal im Jahre .. 's thut mir leid, daß Euch das Zipperlein an die Stube fesselt. Ich hätte Euch so gerne Euere ehemaligen Landsleute in ihrer Glorie von Fröhlichkeit gezeigt.« – »Ja, eine Glorie ist's,« antwortete der Prälat: »eine Glorie von Flammen aus dem höllischen Pfuhl gewebt. O, ihr Deutsche, ihr Deutsche! Wohl dem, der sich lossagen kann von Eurer Gemeinschaft.« –

»Spricht lieb Mühmlein desgleichen?« fragte Dagobert die lächelnde Fiorilla. Diese aber schüttelte schelmisch mit dem Kopf, und erwiederte: »Ich müßte lügen, Vetter. Gestern erst, da zufällig der Kaiser mit seinem Gefolge unter unsers Hauses Fenstern vorbeiging, lernte ich Eure Landgenossen auf's Neue bewundern. Welche kräftige Gestalten, welch edler Wuchs, welch stolze Haltung! Stark von Brust und Schultern, aufgerichtet das Haupt, umwallt von krausem Goldhaar, kann dieses Volk das schönste genannt werden von allen Reichen der Welt.«

[244] »Wie das plaudert! wie das schnappert! unedle Sinnenlust!« eiferte der argwöhnische Prälat aus seinem Sessel. Dagobert küßte aber die Sprecherin auf die Stirne. –

»Ich bringe Euch den Dank meines Volks;« sagte er verbindlich: »Ich darf doch darauf rechnen, Euch zum mindesten in das Festgewühl der belobten Landsleute führen zu dürfen?« Entschuldigend und versagend zeigte Fiorilla auf den leidenden Oheim, dem dagegen die Röthe des Ärgers auf die Wange, stieg. »Hebe Dich weg, Versucher!« rief er zornmüthig: »Entführe nicht dem Kranken die Pflegerin. Geh zu Wallraden. Dort ist Dein Platz. Sie magst Du führen, wohin Du willst.« –

»Ach, Oheim!« entgegnete Dagobert mit schalkhafter Betrübniß: »Die Fastnacht zwischen Wallraden und mir ist schon vorbei. Sie hat bessere Gesellschaft, denn die Meine.«

»Hm!« meinte der Prälat, die Nase rümpfend: »Die ist nicht schwer zu finden. Doch .... ein Wort im Vertrauen.« – Er zog den Neffen bei dem Arme sich näher, und Fiorilla entfernte sich auf seinen Wink. – »Warum kommst Du gar nicht mehr zu Wallraden?« fragte Monsignore: »Ich bat Dich doch, Deinen Einfluß für einen ihrer Freier zu verwenden.« – »Ohm!« antwortete Dagobert: »Ich sagte es Euch: Mein Einfluß ist aus, und dann bin ich ein schlechter Freiwerber.« – »Du weißt also gar nicht, wie sich die Sachen gestaltet haben?« fuhr der Prälat fort: »Wallrade hat mir selbst vertraut, daß unser allergnädigster Herr, der Kaiser selbst, ein [245] huldvolles Auge auf sie geworfen. Das geschah am verwichnen Sonntag, bei dem großen Tanzfeste, das des Kaisers Majestät in ihrer Freigebigkeit veranstaltet.« –

»Der gute Herr ist der Minne Freund;« schaltete Dagobert ein: »Was soll aber daraus folgen?« – »Blödsichtiger!« schalt der Oheim! »Daraus folgt, daß mein, Dein und Wallraden's Waizen blüht, wenn des Kaisers Neigung begünstigt wird.« – »Wie so denn?« fragte der Neffe mit großen Augen. – »Verwünschter deutscher Querkopf!« fuhr der Prälat fort: »Wallradens zeitliches Glück, eine herrliche Pfründe für Dich, köstliche Privilegien für mich und mein Stift, eine Bischofsmütze vielleicht .... begreifst Du nun?« – »Ich würde das Alles begreifen,« versetzte Dagobert bedächtig, »wenn Wallrade von Sigmund geehlicht werden könnte. Ihr vergeßt aber, guter Ohm, daß meine Schwester nur eines Altbürgers Tochter, – daß der Kaiser bereits vermählt. Wie räumt sich also, was Ihr sagt?«

Der Prälat spielte ungeduldig mit dem Kreuze auf seiner Brust. »So alt schon,« sprach er, »und noch nicht klüger? Ein Weltkind, und unbefangener als ein Klosterbruder, der nie aus der Zelle kam? Wie räumt sich denn das? Siehst Du denn nicht ein, daß eines Kaisers, eines verliebten Kaisers Leidenschaft sich nicht an Ring und Priestersegen bindet? daß es unendlich vortheilhafter ist, auf kurze Zeit seine Freundin, als auf ewig seine Gattin zu seyn? Sigismund hat ein weiches, gottesfürchtiges Herz; er liebt es, Alles um sich her zufrieden zu sehen, und beginnt unstreitig bei den Blutsfreunden [246] seiner Huldin, wenn sie vorsichtig einwilligen, ihren Bruder- und Oheimsnamen als Schild zu Schutz und Trutz vor die verschwiegne Minne halten, und durch solche Wache den Kaiser beglücken, bis dieser die Geliebte – der Sache ein Ende zu machen – einem reichen Magnaten als Gattin schenkt. Nun bin ich Dir doch klar genug gewesen, einfältiger junger Mensch?« –

»Weiß es Gott;« versetzte Dagobert, sich langsam von dem Oheim losmachend: »Klarer ist das ABC nicht, aber ich bin ein ungelehriger, fauler Schüler, der es mit Vorsatz in derlei Dingen nicht einmal bis zu den Buchstaben bringen will; ein Trotzkopf von Bruder, der einer Wallrade nicht einmal dann etwas verdanken möchte, wenn es mit Ehren geschehen könnte, geschweige hier, wo es sich um eine Sünde handelt, die bei uns zu Frankfurt, – an Bürgersleuten wenigstens – mit Ruthenstreichen, mit Schande und Tod bestraft wird. Wallrade thue, was sie vor Gott – thut Ihr, was Ihr vor eurem Gewissen verantworten mögt; ... mich laßt aus dem Spiele. Ich bin zu deutsch, zu dumm, wenn Ihr wollt, um Eure Würfel zu führen. Gute Besserung, Oheim!« –

»Was habt Ihr denn, Dagobert?« fragte Fiorilla stutzend, da er mit flammenden Gesichte aus der Stube trat: »Diese Röthe auf Eurem Gesichte« .... »Ich schäme mich, Base;« antwortete der Jüngling: »Der Ohm war so gütig, mich mit seinen Sittenlehren bekannt zu machen, und ich stehe weiter hinter ihm, als ich gedacht. Ich eile, mich zu zerstreuen.« – »Glücklicher!« seufzte Fiorilla: »ich muß das Haus[247] hüten, und sehe nichts von all den Herrlichkeiten, die sich draußen vorbereiten.« – »Ihr sollt wenigstens durch meinen Mund erfahren, was sich Alles begab;« erwiederte Dagobert: »so Ihr mir erlaubt, in der zehnten Stunde ungefähr unter Euer Fenster zu kommen, und ein Viertelstündchen mit Euch zu kosen; denn des Ohms Haus betrete ich vor der Hand nicht mehr.« – »Nicht?« rief Fiorilla erschrocken: »Was ist geschehen?« – »Fiorilla!« ließ sich der Prälat im Gemache vernehmen. – »Ihr sollt Alles wissen,« flüsterte Dagobert. »Um die zehnte Stunde?« – Fiorilla nickte mit dem Haupte, und verschwand.

Euern Auftrag habe ich erfüllt, so gut es in meinen Kräften stand, sprach Gerhard von Hülshofen zu Dagobert, als sie in der Herberge zusammengekommen waren. Die schönsten Mummenkleider, die der eisgraue Schneider Welsner hatte, stehen Euch zu Diensten, und Ihr habt unter Dreien die Wahl bis zur Mittagsstunde. Schaut, da bringt mein Vollbrecht just den Bündel in's Haus. Auf Eurer Kammer wollen wir dessen Inhalt belugen. –

Gerhard, um seinen Geschmack in's beste Licht zu setzen, pries nun, eine Larvenkleidung nach der andern auseinander breitend vor den Blicken des Wählers, die Vorzüge einer Jeden mit behaglicher Lust. – »Seht einmal diesen wilden Mann!« sprach er wohlgefällig lächelnd: »Neu, wie er von der Nadel kömmt. Schöne gelbe Leinwand, zierliche Schnürlöcher und feine venedische Seidenschnur! Müßte Eurer schönen Gestalt stehen, wie angegossen. Das Visir dazu ist[248] sorgfältig gemacht und aufgeputzt mit den übermäßigen Augenbraunen, Bart und Haarhaube von schwarzgefärbten Werg. Der Blätterkranz und Laubgürtel, die Keule und die ungeschlachten Geisschuhe – Alles liegt dabei, und kann nicht schöner seyn. In dieser Mummerei werdet ihr allenthalben ein willkommner Faschingsgast seyn, und müßt Euch nur von Fackeln entfernt halten, denn das am Kleide verschwendete Werg und Harz versteht keinen Scherz, und man hat Beispiele, daß Leute jämmerlich verbrannt sind in solcher gräßlich schönen Haut.« – Betrachtet ferner diesen Schalksnarren, und sagt mir, ob auch ein schönerer Pickelhäring noch vorgekommen? Blitzt nicht auf Wams, Kappe und Unterkleid Grün, Roth, Gelb und Blau durcheinander, als hätte unser Herrgott seinen Regenbogen Stückweise darauf geklebt? Wie gefällt Euch der prahlende Hahnenlamm an der Gugelmütze? Was sagt Ihr zu den stattlichen Eselsohren, die an derselben emporragen? Zu den zierlichen Glocken, an Ohren, Kamm, Gürtel, Schienbein, Ellbogen, Knie, ja sogar an den hochgekrümmten Schuhspitzen? Was haltet Ihr von der lustigen Fratze, die dazu gehört, mit der knotigen Nase und dem flatternden Spitzbart? Seht, Halskragen, Kolbe, und Ruthe sind nicht vergessen! – Beide Anzüge jedoch verdunkelt der, der uns noch zu besehen bleibt. Der wilde Jäger, den ich jetzt vor Eure Augen lege, ist das Schönste, das aus Welsner's Werkstatt hervorging; so niedlich und zierlich, als ob es ein Materinger von Nürnberg 1 zum Meisterstück bestimmt [249] hätte. Grün, wie der lustige Wald das Gewand; golden wie funkelnder Sonnenschein die Verbrämung, roth wie das Nordlicht der flatternde Mantel. Wie die Mähne des Pferdes fallen die pechschwarzen Haare aus dem Spitzhute, an dem die Hahnenfeder des Jägers Wachsamkeit bezeichnet. Das Jagdmesser blinkt von hellem Beschläge und Elfenbein, der kurze Spieß scheint seine Schärfe in's Mondlicht getaucht zu haben ......

»Genug, genug, guter Freund,« unterbrach ihn, vor Lachen beinahe erstickend, Dagobert. »Du bist begeistert von dem Jägerskleide, so daß mir bedünkt, als hättest Du selbst nicht übel Lust, es zum Bestellerlohn für dich zu fordern.«

»Wo denkt ihr hin, Junkherr?« fragte Gerhard, mit begehrlichen Augen das Gewand musternd: »Meiner Treu, .... hätte ich auch die Lust, so hätte ich doch nicht die volle Tasche, die zu solchem Spaß gehört. 'S ist ein erbärmlich Leben hier. Ein einzig Stechen hat bis jetzt der Kaiser angestellt, ein Ringelrennen, auf dem ich wohl den Preis errang; aber – wie bald war die geringe Gabe in den Wind gegangen. Meine Hoffnung ist der Frühling, in dem das lustige Ritterspiel wieder beginnt in voller Pracht. Bis dahin muß ich mich dünken und vergnügt seyn mit der Atzung, die mir meine Herren von Frankfurt hier im Engel verabreichen.«

»Armer Schelm!« versetzte Dagobert: »Solche Entsagung fällt Dir schwer. Eine Fastnacht sollte vorübergehen, ohne daß Du darauf der vornehmste Narr gewesen? Nimmermehr. Es bleibt dabei, Du [250] nimmst den wilden Jäger, den ich bezahle, und dessen Seckel ich versehen will, damit seine Kehle nicht trocken bleibe, und ich ... je nun, ich stecke mich in den Pickelhäring; denn zu dem, was ich vorhabe, brauche ich eine Larve, die nicht die Einzige ihres Schlags im Gewühle sey, und einen Begleiter, herzhaft wie der wilde Jäger, unter dessen Mantel wohl neben dem Jagdmesser eine Raufklinge Platz hat.«

»Hoho! was spracht Ihr da?« rief Gerhard vergnügt, und umarmte in seines Herzens Freude den jungen Gönner: »Larvenspuck, Silber in der Tasche, Weinlust und zum Beschluß eine Rauferei? Ihr macht überselig!« – »Und verlange nichts dafür, als Verschwiegenheit;« erwiederte Dagobert: »Verschwiegenheit und Aufsparung Deiner Freude bis zum Faschingdienstag. Schlendre bis dahin umher, in welcher Maske Dir's gefällt; den Jäger hebe aber auf, sonst erfährt man vor der Zeit aus Deinem sprachseligen Munde, daß Du dahinter steckst.«

»Ich bin ja kein altes Spittelweib,« lachte Gerhard zuversichtlich: »indessen: Euer Wille geschehe. Mein Freund, der Mundkoch aus dem Bischofshofe hat mir den langen Christoph versprochen, um mich darein zu vermummen, und ich will mir's gefallen lassen, bis zum Dienstage den Heiligen vorzustellen. Was ist's aber eigentlich, das ihr vorhabt, liebes Fröschlein?«

»Hätte ich Lust, Dir's mitzutheilen,« versetzte Dagobert: »so wüßtest Du's bereits. Verstanden?«

Gerhard zuckte mit Zweifelhaftem Gesichte die Achseln, wollte reden, schlug sich aber auf den Mund, [251] und empfahl sich durch einen stummen Bückling dem jungen Manne zu fernerm Wohlwollen. – »Geh hin, altes Sieb,« sprach Dagobert, ihm auf die Schultern klopfend: »Deiner Faust und Deinem guten Willen vertraue ich gern; keineswegs aber Deiner plauderhaften Zunge, die im Trunk und Aberwitz Dein eigen Seelenheil an den Teufel zu verschwatzen im Stande wäre.«

»Nachdem der Dicke hinweggegangen, um sich in den großen Christoph zu verwandeln, setzte sich Dagobert gedankenvoll an den Tisch, stützte den Kopf in die Hand, und überlegte, was zentnerschwer auf seinem Herzen lastete.« Sein tiefes Nachsinnen löste sich endlich in ein unzusammenhängendes Selbstgespräch auf. »Wird es gelingen?« fragte er sich leise und scheu, als ob er die zuhorchenden Mauern zu fürchten hätte: »Lieber Gott! wird es denn erfüllt werden, was von drei redlichen Männern beschlossen wurde? .... Wenn es Tugend ist, das Recht von dem Joche einer meineidigen Gewalt zu befreien, dann muß ja auch der Segen von oben uns beschirmen. – Wehe unsrer Zeit, daß wir im Verborgnen schleichen müssen, das Gute zu thun. – Darf ich aber auch ganz ruhig seyn? Sündige ich nicht wider mein Gewissen und den Stand, den ich erwählen muß? Nicht gegen meines fürstlichen Freundes, des Herzogs, Ansichten und Glauben? O nein, gewiß nicht! mein Herz ist ruhig, und Friedrich würde an meinem Platze dasselbe thun. Fort, zu ihm, um aus seinem geraden und klaren Blicke Festigkeit [252] zu saugen und Beharrlichkeit zu dem Werke, eines Mannes, eines deutschen vor Allen würdig!«

Da er in des Herzogs Hof eintrat, schallte ihm das frohe Getümmel der zahlreichen Dienstleute entgegen, an welche die Freigebigkeit des Fürsten so eben zum Eintritt der Fastnacht einen verschwenderischen Vespertrunk gespendet hatte. In Küche, Vorplatz und den untern Gemächern des Hauses lagen und saßen die Zechenden umher, und ließen sich den Seewein munden, der in Strömen aus den aufgepflanzten Fässern floß. Treppen und Vorgemächer des Oberstocks waren leer von Dienern. Dagobert, ein gewöhnter Gast, schritt keck auf des Herzogs Zimmer zu, da gewahrte er in der Ecke der Trabantenkammer einen Menschen, den einzigen hier athmenden. Der erste Blick auf den Wartenden ließ den Juden nicht verkennen, so wie dessen langer schwarzseidner Rock mit gelbem Futter und Aufschlag den Reichen ankündigte. Der Jude, ein zerfetztes, bleiches Gesicht, näherte sich demüthig dem stutzenden Jüngling. »Guter, junger Herr,« sprach er: »seit länger denn einer Stunde warte ich hier auf die Gnade, vor den glorreichen Herzog gelassen zu werden. Die Diener sind nicht zu meinen Diensten, obgleich ich wurde hieher beschieden, und ich bin nicht genug frech, um zu dringen ohne Ansage in das Gemach des vornehmen Fürsten von Tyrol. Eurer Huld, edelgesinnter Herr Ritter, empfehle ich mich; man gelangt ja durch Fürsprache in den Himmel, warum nicht durch ein gutes Wort vor einen Fürsten. Ihr seyd einer von dessen Vertrauten; das [253] sagt Euer Gang und Eure Unbefangenheit; macht mich durch Eure Gnade zu Eurem Schuldner.« –

»Überflüssiges Geschmeichel!« brummte Dagobert: »Du willst, ich soll dem Herzog Deine Anwesenheit melden. Wie nenn' ich Dich?«

»Vor den Gewaltigen haben wir keinen Namen als den des Knechts;« antwortete der Jude! »Sagt nur, ich sey der Wechsler, der gestern beschieden wurde.«

Dagobert zuckte die Achseln, und ging zum Herzoge hinein. Der Harrende zählte indessen zum zehntenmale die Steine, mit welchen der Boden des Gemachs geplattet war. Bald kam jedoch der junge Mann wieder heraus. »Geh hinein, Jude!« sprach er kurz, und schob den in Danksagungen und Verbeugungen Zögernden in die Thüre, die er, draußen verbleibend, hinter ihm schloß. – Der Herzog saß am obern Ende des Gemachs auf einem Polstersessel, schien gerade von einem kleinen Schlummer erwacht zu seyn, und kraute seinem Jagdhunde hinter den Ohren. Die Bücklinge, mit denen der Eintretende den Kopf beinahe zur Erde neigte, machten einen mißfälligen Eindruck auf den Fürsten. – »Laß die Possen!« sprach er hart: »Ich verlange die Ehrfurcht eines Menschen, nicht eines Hundes. So sehr ich Dir Dank weiß, daß Du mich nicht in meinem Vesperschlafe gestört hast, so wenig billige ich solche Kriecherei.« – Er winkte ihm näher zu kommen, in einer Entfernung von sechs Schritten jedoch stehen zu bleiben. – »Du nennst Dich Ben David?« begann er nun: »Der geehrte Altbürger zur Hofstatt [254] hat Dich mir sehr empfohlen in dem Schreiben, das Du mir gestern überreichen ließest. Wir wollen sehen, ob Du das Vertrauen verdienst, das ich Dir gerne schenken möchte.«

»Es kömmt ja nur an auf die Probe;« erwiederte Ben David ehrfurchtsvoll: »unser Volk hat immer geehrt und geliebt den Stamm der Habsburger, den Erlauchten, Weitgepriesenen.«

»Schweig!« herrschte ihm der Fürst zu: »Ich hasse die Speichelleckerei zu der Deine Glaubensgenossen so viele Anlage haben. Gerade und offen in's Gesicht; hinterm Rücken kein Haarbreit anders; so sey der Unterthan gegen seinen Herrn, der Geringe gegen den Hohen. Ich wette, diese schmutzige Glattzüngigkeit ist Dir nicht einmal Ernst, denn Dein abscheulich Antlitz wird noch häßlicher durch das erheuchelte Grinsen.«

Ben David zuckte schweigend die Achseln, und verbeugte sich. Der Herzog blickte ihn scharf an, und schlug alsdann erstaunt die Hände zusammen. »Jesus Christus!« rief er: »Wer hat Dich denn also zugerichtet, Jude, daß Dein Gesicht aussieht wie ein zerfetzter und kümmerlich zusammengenähter Turnierhandschuh? Das nenne ich eine Narbe, wie man sie nur auf dem besten Schlachtfelde holen kann, obschon Du sie da nicht holtest.«

»Ach, gnädigster Herr,« erwiederte Ben David mit bewegter Stimme: »auf dem ehrenvollsten habe ich diese Narbe erhalten; im Kampfe für meine Söhne, und Ihr, großmüthigster Fürst,« hier warf sich der Jude weinend zu Friedrichs Füßen; »Ihr müßtet [255] mich an diesem Denkzeichen erkennen, wenn ein Sohn Israels werth wäre der Erinnerung.«

Der Herzog stand betroffen auf, und musterte mit durchdringendem Auge den Knieenden, der also fortfuhr: »O gewiß, gewiß, Ihr entsinnt Euch noch des Reichstags, der vor achtzehn Jahren beiläufig zu Frankfurt gehalten wurde, mit ungeheurer Pracht und großem Zulauf von Fürsten und Gewaltigen, unter denen jedoch hervorglänzte wie der Stern des Morgens der Herzog Leopold von Österreich.«

»Ob ich mich dessen entsinne?« fragte Friedrich mit leuchtendem Blicke: »Österreich glänzte da wie die Sonne selbst, nicht wie der Stern, den sie verscheucht. Steh auf; rede – wie kömmst Du mit Leopold zusammen?«

»Des Herzogs Haus war offen wie das Haus eines Vaters seinen Söhnen;« fuhr Ben David fort: »um Gott und um Ehre wurde daselbst gespeist der Hungrige, getränkt der Durstige.« Zwei Judenknaben wollten auch mit ansehen die Pracht des herzoglichen Hofstaats. Ach, sie wußten nicht, daß wo der christliche Bettler Zutritt hat, derselbe dem Juden doch verboten ist. Neugierig durchstreiften sie den Hof, die weitläufigen Ställe. Dem Einen von ihnen fällt ein köstlich Sattelzeug in die Augen, mit vergoldeten Buckeln, der Andre greift es kindisch bewundernd an mit den Händen; ein Sattelknecht sieht's und ruft: »Diebe!« »Unter den Fäusten des Trosses büßen die Kinder ihre unschuldige Neugier. Vergebens flehen sie an ihre Peiniger! Sie schreien auf zu dem hochgelobten Gott und zu ihrem Vater. Der [256] Zufall will, daß dieser vorbeigeht an den offnen Thoren, hört das Gejammer, hineinsieht in den Hof und erkennt seine eignen, gemarterten Söhne. Die Angst jagt ihn unter die rohen Pferdeknechte; ihre Grausamkeit stößt ihn zurück. Mit der Gewalt der Verzweiflung will er entreißen sein Blut der Gefahr, und der Hieb eines scharfen Schneidmessers wirft mich mit blutendem Gesichte zu Boden, denn ich, ich Herr, war der Vater der armen Kleinen.«

»Still! still!« rief der Herzog, auf dem Antlitz die edle Scham zeigend, welche eine gute That darauf malt: »Ich weiß bereits .... steh' auf; ich entsinne mich schon.«

»Vor der Herrlichkeit Gottes liege ich nicht aufrichtiger im Gebete, als hier vor Euch in Dankbarkeit!« sprach Ben David weiter, und große Thränentropfen fielen in seinen Bart: »Ihr habt mich und die Söhne gerettet, edler Herzog, damals in der Jugendblüthe. Ihr habt mir gesendet Euern Arzt, der mich heilte; Ihr habt getröstet mein klagend Weib; Ihr habt beschenkt meine Kinder. Ihr habt Euch nicht geschämt, herabzusteigen in eines armen Juden Hütte, zu sehen unsre Armuth, unsre Leiden.« »Gott!« spracht Ihr beim Scheiden halb vor Euch hin: »kann man denn Menschen so in den Staub treten?« und eine Handvoll Gold ließt Ihr auf meinem Schmerzenslager zurück. »Herr! Mensch unter'm Herzogshute! Aus Euerm Beispiele hab ich gelernt, daß es gibt edle Christen. Herr! von Euch habe ich ererbt Vertrauen auf die dunkle Vorsehung; Herr! Euer Gold hat mir gebracht Segen, hat mich [257] gemacht reich, und bei dem Haupte meines Vaters gelobe ich's Euch: Euer ist auch Alles, was mein ist auf der Erde.«

Ben David schwieg erschöpft, und küßte des Herzogs Stiefel, daß Friedrich empört zurücktrat, und halb gerührt, halb unmuthig ausrief: »So steh doch auf, aberwitziger Ebräer! Du wirst mich böse machen mit dem übertriebnen Gewäsche. So seyd Ihr aber, leichtsinniges Volk. Dem Erlöser sangt ihr Hosianna, und habt ihn dann getödtet.«

Ben David richtete sich langsam und bekümmert auf. »Gnädigster Herzog,« sprach er, gänzlich ablenkend: »mein Vater, der seine hundert Jahre zählt, hat viel des Guten gethan auf der Welt, und keinen Lohn davon getragen, als ein schneeweißes Haupt und schwache Glieder. Belohnt mich an seiner Statt, edler Fürst, oder sorgt, daß der Kaiser es thue.«

Der Herzog sah ihn befremdet an. »Wie soll ich das verstehen?« fragte er: »Wie käme denn ich, wie der Kaiser dazu, Dich zu belohnen für die guten Thaten, die vielleicht Dein Vater verrichtet hat?«

Lächelnd schwieg Ben David eine Weile, trat dann in die vorige ehrfurchtsvolle Entfernung, und versetzte: »Euer Wort ist Wahrheit, Herr, aber ... wenn Ihr nicht an mir das Gute vergelten wollt, das mein Vater vor fünfzig Jahren that, warum laßt Ihr mir entgelten, was mein Volk vor anderthalbtausen JahrenBöses gethan? –«

Friedrich warf bei der unvermutheten Wendung den Kopf zurück, hielt aber an sich, biß sich in die Lippen, und bezwang seinen gereizten Stolz männlich[258] und edel, wie es einem klugen und rechtlichen Fürsten geziemt, wenn die Wahrheit sein Vorurtheil besiegt. »Was ist aus Deinen Söhnen geworden?« begann er leutseliger, als zuvor. Ben David legte die Linke auf die Brust, und seufzte. »Sie haben mir viel Herzeleid. gemacht;« sprach er. »Der ältere lebt und ist doch gestorben für mich. Ich werde ihn nicht wiedersehen im Wohnort der Gerechten. Mein Bechor hat sich gerissen los von den Seinen, aus einem Sohn der Gebote ist er geworden ein Abtrünniger, ein Anhänger derjenigen, die sein Volk unterdrücken!«

»Ich verstehe;« erwiederte Herzog Friedrich: »er ist klüger gewesen als Du, und ist, ein Reuiger, in den Schooß unsrer Kirche eingegangen. Ich muß ihn um dessentwillen loben. Es ist besser ein schlechter Christ seyn, als der beste Jude.« – »Als Ihr sprecht von Essen und Trinken und Bequemlichkeit, gebe ich's zu;« versetzte Ben David ernst: »der heilige Gott möge ihm verzeihen. So viel ich weiß, lehrt er jetzt die hebräische Sprache zu Heidelberg an der hohen Schule.« – »Wohl ihm;« setzte der Herzog hinzu: »was geschah aber mit dem Jüngsten?« – »Auf seinem Gedächtnisse sey der Friede!« murmelte der Vater mit zum Himmel gerichtetem Blicke: »Er sitzt oben in der Herrlichkeit Gottes; vor vier Jahren wurde er zu Budweis erschlagen, da die Christen eine Judenhetze hielten daselbst.«

Friedrich war betroffen. »Ein erbärmlich Schicksal!« sprach er, und wandte sich zum Fenster, um den Ausdruck der Rührung auf seinem Gesichte zu [259] verbergen. – Ben David trocknete eine Zähre von der vernarbten Wange, und fragte unterthänig, mit welchen Diensten er dem Herzoge aufzuwarten vermöge. – »Ich werde vielleicht bald fünf- bis sechstausend Mark Silbers benöthigt seyn;« antwortete Friedrich, ohne seine Stellung zu ändern, denn seine Bewegung war noch nicht vorüber: »ich habe meine Gründe, warum ich dieses Geld nicht von meinen Rechneimeistern eintreibe; denn ich verlange strenge Verschwiegenheit. Kannst Du die Summe schaffen, sobald ich sie zu fordern veranlaßt seyn könnte?«

»Zu jeder Stunde soll sie liegen bereit;« versicherte Ben David ohne Bedenken.

»Wie hältst Du's mit Zinsen und Verschreibung oder Pfandschaft?« fuhr Friedrich wie oben fort.

»Von Euch nehme ich nicht Zinsen;« entgegnete der Jude ruhig: »Euer Wort ist das beste Pfand; und eine Schrift begehre ich nicht, seitdem Kaiser Wenzel uns gezwungen hat, alle Schuldbriefe edler Herren unentgeldlich auszuliefern.«

»Was soll das, Jude?« fragte der Herzog heftig sich umdrehend: »Was nimmst Du Dir heraus? Ein Herzog in Österreich wird sich von einem Kammerknechte keinen Zins schenken lassen, und kein Darlehen empfangen ohne Brief und Siegel auszustellen, gleichsam als wär es eine Gabe. Oder hältst Du mich, den Habsburger, fähig, von der Armseligkeit, die damals der Luxemburger gegen Euch ausgeübt, Vortheil zu ziehen?«

»Ich will doch umkommen auf der Stelle, wenn ich Euch, gnädigster Herzog, habe beleidigen wollen;«[260] betheuerte der Jude: »nur so viel wollte ich sagen, daß Euer ist meine Habe und mein Leben, daß ich Euch weihe meine Dankbarkeit und den Segen mit dem mich hat überschüttet der Gott Israel.«

»Schweig, Hebräer!« rief Herzog Friedrich, sich aufgebracht stellend: »Lege ein andermal Deine Worte auf die Wage, und bedenke, daß ich kein Kohljunker bin, dessen Dürftigkeit sich von Dir etwas gefallen lassen muß. Geh heim; es wird schon dunkel, und es ist keine Ehre dabei, mit Deinesgleichen zu solcher Stunde zu verkehren. Mache Deinen Überschlag an Zinsen, an vollwichtigen Zinsen, hörst Du? Herzog Friedrich will keinen Dienst umsonst und mäkelt nicht um einen Heller. Halte Dich sodann bereit sammt Deinem Gelde, wann die Zeit kömmt, da ich es gebrauche.« – Mit dem stolzen Wesen, das dem Herzog so wohl stand, verabschiedete er den Juden, der sich in gewohnter Demuth und Unterwürfigkeit davon machte. Dagobert trat ein, den schweren vergoldeten Leuchter in der Hand, dessen drei flammende Kerzen das Dunkel des Winterabends aus dem Gemache bannten. –

»Ich fürchtete schon, Ew. fürstl. Gnaden hätte sich in geheime Kabale und Sterndeuterei mit dem Juden eingelassen;« sprach der junge Mann lächelnd: »die Unterredung wollte kein Ende nehmen.« – »Haltet es dem Zufall zu Gute,« versetzte der Herzog herablassend; »wenn heute der neue Bund vor der Thüre harren mußte, während ich dem alten Gehör gab. Man beschäftigt sich ja manchmal mit Pflanzen, die im Schlamme wachsen, und diese – wahrlich – [261] hat nicht die übelsten Eigenschaften. Dem häßlichen Gesichte wäre es beinahe gelungen, mein Herz zu rühren, das sonst geharnischt ist wie eine Fechterfaust. Weg damit. Wie kömmt's aber, guter Freund, daß ich Euch bei mir sehe, heute am ersten Faschingstage? Rollt das junge Blut wieder langsamer, als es sollte? Wollt Ihr den Graubart spielen, während Alles sich in jugendlicher Lust ergötzt? Wißt Ihr nicht, daß es heute auf dem Tanzhause munter hergeht? daß der Kaiser selbst sich in die Freude mischen, daß er Ketten, Ringe austheilen wird an die Schönsten, die das Fest verherrlichen? Geht dorthin. Eurer wartet daselbst mehr Vergnügen, als bei mir und meinem steifen Waldmann. Oder, kann ich Euch in etwas dienen? Fordert.« – »Erlaubt, daß ich einige Augenblicke um Euch seyn darf;« bat Dagobert mit aufrichtiger Anhänglichkeit: »Euer Anschauen wird mich endlich zum Manne machen.« – »Greift Euern Jahren ja nicht vor;« erwiederte Friedrich: »sie sind die schönsten, die es gibt, und den vollen Keim des Mannes tragt Ihr in der Brust; des Mannes wie ich ihn liebe: gerade, frei, froh und eisenhart.« –

»Warum darf ich bei Euch nicht Ritterschaft lernen, gnädigster Herr;« klagte Dagobert. »Wenn ich Euch so kräftig vor mir stehen sehe, gepanzert gegen alle Widerwärtigkeit, umgeben von Ehre, Glück und Stärke, da pocht mir das Herz vor Unmuth, daß ich in die Kutte kriechen, und kein Ritter werden soll, wie Ihr es seyd?« – »Ihr wart ja nicht Eures Schicksals eigner Schmid;« versetzte der Herzog [262] achselzuckend: »der Mutter Gelübde ist der Planet, dem Ihr gehorchen müßt. Das tröste Euch. Horch!« setzte er bei, zum Fenster eilend: »Warum wird denn da unten auf der Gasse so lärmend gepaukt und schalmeit?« –

In der That zog eine Bande von Zinkenbläsern, Stoßpfeifern und Paukern vorüber. Eine Menge Fackelträger folgte ihnen; in ihrer Mitte der Kaiser zu Fuße, umgeben von angesehenen Frauen der Stadt, mit ihnen freudiglich dahertanzend unter einem unbändigen Zulauf von Larven und Fastnachtsnarren und kreischendem Pöbel!

»Jesus Christus!« begann der Herzog, unmuthig mit dem Fuße stampfend: »Mein alter kahlköpfiger Lehrer hat mir Vieles von einem alten Kaiser zu Rom erzählt, der seine Würde so sehr vergessen hat, daß er auf einer Bühne vor allem Volk getanzt und den Gaukelspieler gemacht. Unsre kaiserliche Majestät ist das leibhaftige Konterfei des blutgierigen Thoren zu Rom. Er schleppt seine Würde im Staube nach sich, wie einen unbequemen abgetragnen Reitermantel. Pfui! daß die Ausländer solche Narreteien sehen müssen!« – »Der Geist des Unmuths kommt über Euch;« erinnerte ihn Dagobert bescheiden: »laßt Euch doch des Kaisers Thun nicht zu Herzen gehen!« – »Seht Ihr, junger Gesell, wie übel es um meinen Seelenpanzer steht?« rief der Herzog: »Der feige Lützelburger trifft mit seiner Pritsche allemal die Blöse. Ich sitze auf des heiligen römischen Reichs Fürstenbank, meine Vorfahren saßen glorreich und würdevoll auf dem deutschen Throne, den Habsburg [263] auch jetzo mit größrer Ehre füllen würde, als die Luxemburger es im Stande sind. Ich darf, ich muß mich ereifern über die sträfliche Unbesonnenheit, die also zur Schau getragen wird. Ist das ein Betragen, eines Kaisers würdig? Und dieser Faschingsheld will die Christenheit und ihre Kirche zu beßrer Zucht und Ordnung bringen? Von diesem tanz- und minnelustigen Herrn muß der Statthalter Gottes sich in's Joch der Knechtschaft beugen lassen? Nimmermehr! – Doch was rede ich da?« unterbrach er sich: »Guter Dagobert; Ihr müßt mir meine Laune nicht anrechnen, mich nicht für einen Zanksüchtigen halten. Es thut wehe, eine ganze muthige Nation unter der Sohle eines Gauklers zu sehen. Glaubt mir, der ganze Stamm verdient kein beßres Lob, als ich ihm beilege. Der Vater Karl, in dem nicht Geist, nicht Muth, nicht Adel wohnte, sondern hölzerne Förmlichkeit allein, hat in seinen Söhnen nichts Treffliches hinterlassen. Niemand hatte wohl triftigere Ursache bei der Krönung den seltsamen Eid zu leisten: mit Gottes Hülfe nüchtern zu seyn und zu leben, als Kaiser Wenzel; niemand hat aber je einen Schwur schneller gebrochen als Er, den seine Völlerei und Zuchtlosigkeit um des Reichs Krone brachte. Sigmund ist jedoch um nichts besser: feig, wollüstig, eitel und prunksüchtig ersetzt er den Mangel an Trinklust durch Tücke und unkaiserliche Doppelzüngigkeit. Er haßt mich leidenschaftlich, in höherm Grade, als ich ihn verachte, aber er streichelt meine Wange mit der Sammetpfote einer falschen Katze. Noch diesen Morgen drückte er mich an die [264] Brust, nannte mich seinen liebsten Vetter, und heute Abend – ich schwör's – nennt er mich im Kreise seiner Speichellecker nach seiner Gewohnheit den Herzog der Flaschenträger, und den Erzpaschaler; obgleich ich für meine Person das heutige Fest, des Conciliums würdiger begehe, als Er.«

Der Herzog, der diese lange Erläuterung seiner innersten Gedanken mit steigendem Feuer herausgesprudelt hatte, schwieg, um Athem zu schöpfen; warf sich in seinen Stuhl, klopfte seinem alten Rüden die Ohren, und Dagobert, in gerathenem Schweigen verharrend, erwartete wie gewöhnlich die Beurlaubung, die nach ähnlichem Sturme nie auszubleiben pflegte. Wider Vermuthen wurde jedoch des Herzogs Stimmung gemäßigter, seine finstre Miene freundlicher. Das unmuthige. »Hm!« das zu wiederholten malen seinen Lippen entschlüpft war, verwandelte sich in das Trillern eines Tyroler Verglieds, das der Fürst besonders liebte, und das er oft gebrauchte, um sich in Heiterkeit zu versetzen. Mit einemmale schwieg er, heftete den Blick auf Dagobert, lächelte, und sprach in beßrer Laune: »Ei, mein werther Jungherr! Ihr steht an der Thüre, wie einer der in unhochzeitlichem Kleide zum Feste gekommen ist. Gefällt es Euch, meine heutige Einsamkeit durch einiges Gesprächsel zu beleben, so tretet näher. Setzt Euch zu mir.« – Er wies auf einen Schemel, der unweit von ihm stand. – So freundlich war der Herzog noch nie gewesen. Der Erlaubniß, sich zu setzen, durften überhaupt gar Wenige in seinem Gemache sich rühmen, und Dagobert war sie noch nicht [265] zu Theil geworden. Geschmeichelt von der Herablassung des Gönners, gehorchte er gerne, und der Letztere hob bald also zu sprechen an: »Vielleicht habe ich Euch in des Kaisers Person beleidigt? Sagt es offen heraus, und Euch soll's nicht gegolten haben. Stellt Euch nicht so befremdet. Oder hättet Ihr in der That Eure zeitlichen Hoffnungen nicht auf Sigmund gebaut, der – ich weiß es – um Eurer Schwester Gunst wirbt? Euer Ohm hat schon hie und da ein Wörtlein fallen lassen; hat schon dem heiligen Vater, zu dessen Sache er stand, halb und halb entsagt, um von dem im Augenblick überwiegenden Kaiser desto eher den rothen Hut zu gewinnen. So redet doch auchIhr.«

Dagobert stand bekränkt auf, und neigte sich ernst. »Des Vaters Bruder handle wie's ihm recht dünkt; die Schwester desgleichen. Ich werde nie durch Unehre steigen wollen. Ihr habt mich hochgeehrt, gnädigster Herr, und mich erniedrigt im selben Augenblicke. Ich verdiene Euer Mißtrauen nicht. Zählt Ihr mich zu den Abenteurern, die Hand und Herz dahin lenken, wo der Vortheil am schwersten zieht, so muß es Euch befremden, mich an Eurer Seite, und nicht zu Sigmund's Füßen zu sehen.«

»Wackrer Junge!« rief Friedrich zufrieden lächelnd, und die Hand nach ihm ausstreckend: »Laßt mich Eure Hand schütteln! Ich habe mich nicht in Euch getäuscht. Ehre und Treue am Guten; das ist Euer Wahlspruch. Wie Ihr, redet nur die Wahrheit, und was wir am meisten an dem Manne lieben, den wir uns zum Freund verbinden wollen, ist [266] eben Wahrheit. Ich diene Euch auch damit. Wallradens Betragen, das den schwachen Herrscher in's Netz der Minne zu ziehen bemüht ist, hat, wie es zu gehen pflegt, mancherlei Eindruck gemacht. Die Verdorbenen ihres und unsers Geschlechts beneiden sie und den Kaiser. Die Sittlichern – die kleinere Zahl – verachtet sie deßhalb; diejenigen aber, die sich in ihre Reize vergafften, und durch ihre Lockungen ermuthigt worden waren, sind zur Verzweiflung, oder zur Wuth gebracht. An der Spitze der Erstern steht der Herr von Königseck, ein eitler Lasse, wie nur je deutscher Boden Einen trug. An der Spitze der Letztern befindet sich der Graf von Montfort. Die Verzweiflung des weibischen Hageprunks wäre zu belachen; die Wuth des kühnen Montfort ist es nicht. Er hat mir seinen Kummer vertraut, denn ich begünstigte sein Werben um Wallraden. Er hat mir betheuert, seine Geduld werde bald erschöpft, seine Eifersucht bald auf's Höchste gestiegen seyn. Warnt Eure Schwester. Die Drohungen des Königseckers mag sie verspotten; Montfort's Rache naht aber heimlich und schweigend, wie das Unglück selbst. Wallrade sey auf ihrer Hut.«

»Sie maßte sich stets an, die Klügere zu seyn;« versicherte Dagobert: »ohne meiner Mannheit zu vergeben, darf ich die Übermüthige nicht warnen. Auf meinen Arm mag sie eher rechnen, wenn der Zufall mich einst zu ihrem Beistand auffordern sollte, obgleich sie es nicht verdient.«

»Warum müßt Ihr in's Kloster wandern?« fragte der Herzog theilnehmend: »Ihr habt Anlagen [267] genug zum biedersten Rittersmann. Wille und That sind bei Euch Eins und Dasselbe. Ich habe heute einen weißen Raben gefunden, einen dankbaren Juden nämlich. Laßt mich in Euch das gleichseltne Kleinod finden, einen treuen Freund, wie ihn ein Fürst so selten hat, von verschwiegnem Mund, bereitwilligem Arm und redlichem Herzen.«

»Mein gnädigster Herr!« rief Dagobert überrascht von so viel Zuneigung, und wollte Friedrichs Hand küssen. Der Herzog zog sie aber zurück. »Keine Umstände!« sprach er ernst: »Wäre ich Euresgleichen, ich nähme Euch in meine Arme. Dieses ziemt mir nun freilich nicht, da Gott einen Fürsten aus mir gemacht hat, und Schranken müssen einmal seyn auf Erden. Aber die Hände dürfen sich zwei Biedermänner wohl schütteln, wenn auch der Eine einen Herzogshut, der Andre ein einfach Piret trägt, wenn auch der Eine in des Lebens Herbst, der Andre erst in dessen Frühling tritt.« Er stand auf, und schüttelte traulich Dagobert's Hand. »Fürwahr!« fuhr er fort: »diese Hand werde ich früher gebrauchen, als Ihr wohl denkt, und auch den Kopf, meine ich; wenn Ihr anders nichts dagegen habt.«

»O sprecht, mein Herzog!« bat Dagobert ungestüm: »Was kann ich thun, um Euer Vertrauen zu verdienen? Redet; auf der Stelle sey's vollbracht.« – Der Herzog legte den Finger auf den Mund. »Noch ist's nicht an der Zeit!« begann er: »doch die Zeit wird kommen: verlaßt Euch darauf. Noch darf ich nicht reden, sondern nur lauernd harren, bis geschehen muß, was noch jetzt ein Geheimniß [268] ist. Gelt, ein schmachvoll Jahrhundert, in dem sogar ein Fürst wie ein gefährlicher Verbrecher heimlich thun muß, indem das Recht auf leisen Socken schleichen muß; während der Schelm ohne Scheu so viel Lärm macht, als ihm beliebt. Aber das Gute und Rechte thun, wenn es auch verboten ist durch schmähliche Gewalt, ist löblich, und in solchem Falle sind alle Mittel, sofern sie nicht Sünde sind, dem ehrlichen Zwecke gerecht.« »Ist das Euer aufrichtig Glaubensbekenntniß?« fragte Dagobert den Herzog rasch und kühn. – »Mein aufrichtigstes;« entgegnete dieser, und fügte abbrechend bei: »des Besten mich zu Euch versehend, entlasse ich Euch.«

»Und stark auf's Neue in Geist und Kraft scheide ich von Euch, edler Herzog,« antwortete Dagobert, zufrieden von seinem erhabnen Freunde gehend.

Fußnoten

1 Kandidat der Meisterschaft im Schneiderhandwerk.

12. Kapitel
Zwölftes Kapitel.

Laßt uns rühren die fröhlichen Schellen!

Rüstig und schnell in's Gewühl hinein;

Darf der Thorheit sich Ernst beigesellen,

Dann ist es Lust ein Narr zu seyn.

In der Poeten fabelhaft Reich

Zaubert ein drolliger Fastnachtsstreich!

W.


»Nun? wie gefall' ich Euch?« sprach Gerhard lachend zu Dagobert, als sich Beide am Nachmittage des Fastnachtdienstags in ihre Larvenkleider gesteckt hatten: »Bin ich nicht der wildeste aller Jäger? Kreuz, Stein und Dorn! Was werden die Leute [269] gaffen, und auch Ihr, Junkerlein, seyd der schmuckste Schalksnarr, der jemals zu Costnitz die Schellen regte. Wir werden Aufsehen machen, wo wir uns nur zeigen.« – »Das verhüte Gott!« erwiederte Dagobert: »Benehme Du Dich nur nicht auffallend und allzu abenteuerlich. Deine ungehobelte Gestalt ist ohnedieß allzukenntlich, wenn Du nicht den Mantel vernünftig und weit umgeschlagen trägst, damit, er Dich verhülle.« – »Ohne Sorge!« meinte Gerhard: »Ganz Costnitz ist der Meinung, ich laufe noch immer als großer Christoph umher, denn ich habe meinem langen Vollbrecht Kleid, Schürbaum und Heiligenschein abgetreten.« – »Herrlich!« versetzte Dagobert: »Ganz Costnitz weiß demnach, daß Du in jener Mummerei steckst, und Wird gewiß auch von der Neuen erfahren haben.« – »Ich will im nächsten Stechen in jedem Rennen den Sand küssen, wenn eine Seele von dem wilden Jäger weiß;« betheuerte Gerhard: »Mit dem Christoph war's ein ander Ding. Um einen Begleiter und eine Ansprache zu haben, erlaube ich meinem Knechte Vollbrecht, mit mir umher zu laufen, und da der einfältige Tropf mich immer gestrenger Herr nannte in Dorf und Stadt, so war's gleich weltkundig, wer ich sey.« – »Eine herrliche Aussicht!« fügte Dagobert bei: »Der Knecht hat die Plaudersucht von Dir geerbt. Nur so viel zur Nachricht. Kein Tropfen Weins kommt in Deine Gurgel mehr, sobald Du verräthst, daß ich in diesem Pickelhäring stack.« – »Verstehe;« antwortete Gerhard: »werde mich auch hüten. Trinke lieber nach geschehener Arbeit meinen Wein für Euer Geld, [270] als daß ich wie ein ächter Kalandsbruder herum schmarotze mit leerem Seckel. Seyd nicht bange. – Und den Raufdegen? – Ich trage ihn unterm Mantel am Gürtel. Geschliffen ist er wie ein Schermesser, und wehe den Rippen derjenigen, die mit ihm Bekanntschaft machen wollen.« – »Gut;« erwiderte Dagobert: »Jetzt laß uns hinaus in die tolle Faschingslust, die wohl häufig unter der bunten Tracht den schwarzen Ernst verbirgt! Komm, wilder Jäger, und folge mir Schritt für Schritt.«

Wo sie hinkamen, die stattlichen Vermummten, empfing sie der Jubel, der heute ausgelassen und gellend durch alle Straßen tobte und sogar der strengen Stadt- und Conciliumsordnung spottete. Alle Stände wetteiferten sich in Tollheiten zu überbieten, und die seltsamen Figuren, die wie eines vielfarbigen Stromes Wellen, durch die Häuserreihen, über die Plätze stürmten, versetzten den ernstesten Zuschauer in ein fremdes, wunderliches Land, worinnen es schwer fiel, dem Mitbürger- und Mitnarrenrecht sich zu entziehen. Getrost und munter umherschwärmend kümmerte sich Keiner um den Andern. Alle nur um die allgemeine Festlichkeit. Der Schultheiß mit dem Hintersassen, die Bürgermeisterin mit der ärmsten Pfründnerin, der Meister freier Künste mit den rohen Bauern, sie hatten nur ein Ziel. Der Leibeigene schritt seinem Zwingherrn zur Seite, die Magd ihrer Gebieterin. Der Larven Freiheit vernichtete jede Schranke. Nach dem Maßstabe der Ansprüche und des Wohlstandes der Hohen und Niedern im Volke waren, auch die Lustbarkeiten verschieden, in [271] welche die fröhliche Feier zerfiel. Rotten von verlarvten Spielleuten ließen sich allenthalben hören, und ihre Vorläufer, in possenhafte Thiergestalten verkleidet, als aufrechtgehende Leuen, Bären und Greife sammelten an allen Häuserpforten für die unermüdeten Pfeifer und Lautenschläger. Die Freigebigkeit der frohgestimmten Bürger ferner in Anspruch zu nehmen, zogen Buben mit Tannenbäumen heran, sie vor die Thüren pflanzend, und das herkömmliche Lied dabei singend: Ich bring' zum Fastelabend einen grünen Busch! Junge Bursche vom Lande schleppten Pflüge zu den Vorstädten, mit farbigen und goldnen Bändern geschmückt, fingen die muthwillig umherschweifenden Dirnen in Strohketten auf, und spannten sie an das Ackerfuhrwerk, bis unter dem Gejauchze des Pöbels die armen Gefangnen, von einem Regen von Häckerling und Sägspänen überströmt, sich mit ein Paar Hellern oder einem Kusse ihr Lösegeld bezahlen.

»Solche Küsse sind besser denn Fastnachtswecken!« meinte Gerhard, da er mit seinem Begleiter an einem Auftritte dieser Art vorüberging, und Dagobert hatte nicht wenig Mühe, den wilden Jäger von der Theilnahme an der niedern Volksbelustigung zurückzuhalten. »Ei du altes Sieb!« sprach der junge Altbürger, indem er ihm die Kolbe zu kosten gab: »Möchtest Du nicht etwa dort auf dem Kornmarkte mit um das unreine Thier turnieren, dem die vielen Bengel mit verbundnen Augen und derben Dornknüppeln in der Faust zu Leibe gehen? Ein herrlicher Sieg, die arme an den Pfahl gebundne Bestie vor [272] das Hirn zu schlagen, und zum Festbraten für den Abend zu gewinnen! Oder gelüstet Dich vielleicht nach jenem dünnen Häringe, den die beiden Lumpenhänse dort mit den rußbesudelten Gesichtern an der ungeheuern Stange tragen, ein Vorbild der anrückenden Fastenzeit?« – »Ach, schweigt mir von der Faste;« entgegnete Gerhard grämlich: »Ich möchte mich ja gerne von allen Fastnachtruthen zerprügeln lassen, die heute von dem verlarvten Gesindel an den Maulaffen von Zuschauern zerhauen werden, dürfte ich den Aschermittwoch sammt Nachfolgern aus dem Kalender streichen, und flugs auf dem Faschingdienstag den Ostersonntag kommen lassen.« »Alle Teufel!« unterbrach er sich hier plötzlich, so daß Dagobert es der Mühe werth fand, ihn um die Ursache des schnellen Verstummens zu befragen: »Habt Ihr das häßliche Gesicht nicht gesehen, das aus dem Erdgeschoße jenes Hauses blickte?« fragte Gerhard entgegen. Dagobert verneinte. »Und auch das Engelantlitz ihm zur Seite nicht?« fuhr Gerhard fort. »Eben so wenig;« versicherte Dagobert. – »Na, so wünscht Euch zu dem Ersten Glück, und reißt Euch die Haare aus dem Kopfe wegen des Zweiten;« flüsterte Gerhard. »Ein Engel,« sage ich Euch, »ein Engel neben einem garstigen Satan, der an seinem Gesichte Larve genug hat, um heute keines Mummenschanzes weiter zu bedürfen.« – »Du schwatzest wie ein Verrückter;« entgegnete Dagobert. – »Den Teufel auch,« murrte Gerhard vor sich hin: »Der Ausbund von Häßlichkeit sah mir nur zu vornehm aus, [273] sonst glaubte ich steif und fest, es sey der Bursche der zu Worms .....«

»Willkommen, wilder Jägersmann!« schrie eine Schar von Larven, die sich um den verdutzten Gerhard versammelte: »Du ließest lange auf dich warten!« – Der erste Blick belehrte die beiden Gesellen, daß eitel Weiber sie umringten, in grüne, lustige Waldfarbe gekleidet, mit Tannensträußern auf den Hüten, Bogen, Pfeile und Jagdlanzen in den Händen; schön verzierte Hifthörnlein an der Seite. – »Wie konntest Du Waldinen harren lassen, viel zu lange für ihre Sehnsucht?« rief die Anführerin der Schar, die den Sperber auf der Hand trug, und von deren Sammthütlein ein Strauß von grünen Federn nickte: »Komm mit uns! – Komm mit Frau Holda Waldinen!« jauchzte die ausgelassene Bande: »Hussa! wackrer Waidmann! ho! ho! mit uns!«

Der verlegene Gerhard, der kein Wort zu erwiedern vermochte, fühlte sich, alles Widerstrebens ungeachtet, von Dagoberts Seite gerissen, von der Schar der Jägerinnen im Triumph davon geführt, und ein großer Larvenzug, der die Straße heraufkam, trennte unaufhaltsam die Gefährten. – »Ihn reißt sein Schicksal dahin!« dachte Dagobert lächelnd für sich: »und mich beraubt es vielleicht dadurch eines handfesten Helfers. Immerhin jedoch, was beschlossen ist, muß geschehen, selbst wenn mir der willkommne Wächter entginge. Frisch hindurch und mitten unter das Gewühl, damit es für jetzt mein Herz ergötze!« – Er warf sich Kopfüber in den Zug, der aus mehreren hundert Verlarvten bestand, den [274] vornehmern Leuten angehörend. Von unzählichen Narren umschwärmt, die wie Besessene durch das Zuschauergedränge tobten, mit Ruthen und Peitschen die Hände der Gaffenden kitzelten, an Thüren und Laden klopften, in die Häuser drangen unter dem Vortritt eines Herolds possenhafter Natur, um daselbst kleine Fastnachtsspiele aufzuführen, deren Witz oft nicht der züchtigste war, – bewegte sich die Larvenschar langsam vorwärts, und bot dem Volke ein glänzendes Schauspiel. Ein Pickelhäring mit der Narrenfahne in der Faust eröffnete es, auf einem Esel reitend. Eine Bande von Trompetern, Schalmeiern und Gigenbucklern folgte – ihre Musikam in den wunderlichsten Tönen aufführende. Der ewige Jude und der lange Christoph Arm in Arm schritten dahin mit langen Tannenbäumen in den Hängen. Der wohlgemästete Fasching, auf einer Schleife ruhend, von Schinken, Würsten und Kürbisflaschen umkränzt, wurde einhergeführt von dem drollig geputzten Sonntag, Montag und Dienstag – den Großen seines Reichs. Ihm folgte ein Trupp von nähenden Schneidern auf Geisböcken, von zähneflätschenden Affen auf Tigerlarven sitzend; der Vortrab der herbeigetragnen Fastnacht, dem Weibe des Faschings, dessen Thron auf den Schultern von verlarvten Bäckergesellen in zierlichen Leinwandkitteln und blauen Schürzen errichtet war, und von welchen eine reiche Spende von Bretzeln und Hornaffen unter das Volk und die lärmende Jugend regnete. Nach dieser erfreulichen Augen- und Magenlust ergötzte doppelt die schwere, knarrende und von bebänderten Ochsen geleitete Guggelfuhre, [275] angefüllt mit den possierlichsten Mummereien, mit langbärtigen Türken, kinnwackelnden Judenköpfen, verzerrten Mohrengesichtern und klaffenden Bullenbeißern, denen man zerzauste Haarhauben auf die grämlichen Gesichter gestülpt hatte. Ein lustig Gesindel von Thorhänsen und Gaukelspringern machte hier, radschlagend, burzelbäumend, schellend, rasselnd und in den höchsten Tönen des Stimmengejauchzes quinkelirend, das Gefolge, und zugleich den Herold der größten Pracht des Zuges, des herrlichen Hofs der Frau Venus, wie ihn die schlichte Sage schildert. Der treue Eckart mit dem weißen Stabe ging voraus, warnend und ermahnend, mit langem Silberbarte, in schlichtem grauem Gewande. Dagobert's scharfer Blick entdeckte schnell unter dem faltigen Rocke eine fast unmerkliche Schultererhöhung, und wußte alsobald, daß der Graf von Montfort unter der Larve stecke. Sein Ahnungsvermögen, von den Muthmaßungen der ihn umsummenden Schaulustigen und in das Larvengeheimniß Eingeweihten gerechtfertigt, fand auch unter den Nachfolgern des treuen Eckarts Bekannte auf. Ein über ein Stockwerk hoher Wagen mit vielen stufenweise erhöhten Sitzen wurde von acht Schimmeln gezogen, die, mit prächtigen Decken angethan, an jeder Seite von vier jungen Leuten in heidnischer Tracht mit bekränzten Häuptern, geführt wurden. Zwei stattliche wilde Männer lenkten von oben die Zügel, und saßen zu den Füßen liebenswürdiger Knaben, die in rosenfarbiger Seide gekleidet waren, silberne Binden auf der Stirne trugen, und goldne Bogen mit Pfeilen und[276] Köcher in den Händen hielten. Hinter denselben saßen die drei Gesellschafterinnen und Gespielinnen der holden Liebeskönigin, in weißen, blauen und Amaranth-Gewändern mit Granaten- und Perlschnüren geschmückt, und mit flimmernden Piretleins von Straußenfedern umwallt. Die Eine hielt einen runden Metallspiegel, die Zweite einen Fächer von weichem Flaumengefieder, die Dritte eine weiße Taube mit vergoldetem Schopfe. Über ihnen thronend jedoch unter purpurnem Himmel, umgeben von einem zahlreichen Kreise der bestgezierten Frauen, glänzte Frau Venus selbst, angethan in goldnem Stück, strahlend von blitzenden Kleinodien, eine geborne Fürstin der Schönheit und der Pracht. Es war dießmal für Dagobert eine schlechte Aufgabe, in der heidnischen Göttin und Fee seine Schwester zu erkennen, da ihre Eitelkeit sogar die Gesichtslarve verschmäht hatte. Der geschnirgelte, geschnürte, und geleckte Ritter Tannhäuser an ihrer Seite konnte Niemand anders seyn, als der stutzerhafte Herr von Königseck. Wie spreizte er sich an dem Ehrenplatze, der ihm zu Theil geworden war! Stolzer brüstete er sich dort oben als der dicke Goliath, das Vorbild aller ausgemästeten Philister, der hinter dem Prunkwagen zu Pferde saß, und mit seiner Stechlanze die Rotten von kleinen schwarzen Teufelchen mit Schweif und Scharlachzunge wegprügelte, die gern zum Thron der Venus aufgeklettert wären, lachend von dem halb erstiegnen Wagen purzelten, schnell wieder von ihrem Falle erstanden und entweder das Wagestück von Neuem versuchten, oder die Pfeile ihres derben Witzes [277] gegen den langen dürren und zerlumpten Aschermittwoch kehrten, welcher matt und keuchend, sich anhaltend an den Schweif des friesischen Goliathhengstes, den Zug durch seine Jammergestalt beschloß. »Du bist der treue Eckart, und warnst Jedermann;« rief Dagobert dem weißbärtigen Grafen zu, und warf sich mit klingendem Schellengetöse in den Haufen: »Aber Dich selbst warnt Deine Thorheit nicht. Fliehe die falsche Venus!«

Ehe noch der Graf nach dem aufdringlichen Mahner umschauen konnte, hatte dieser, kecker als die Teufelchen und unangefochten vor dem Philister, den Triumphwagen erklimmt, und sich vertraulich zwischen das Liebespaar geschoben. »Mit Gunst!« sprach er mit verstellter Stimme, die Schellen lustig schüttelnd: »Wo die Minne haußt, darf die Thorheit nicht fehlen. Wie gefällt Dir die Aussicht auf den Eckart dort unten, lieber Tannhäuser? Bilde Dir nicht zu viel ein auf Deinen Schnürleib und Deine wohlriechenden Salben. Frau Venus ist falsch und in Kurzem gehst Du im Staube wie der treue Eckart.« – Tannhäuser schaute hoch auf. Venus wendete sich aber mit verächtlichem Blicke zu Dagobert. »Der Narr mengt sich in Alles, und weiß Alles!« sprach sie höhnisch. »Ei wohl;« versetzte der Schalk dreist und zuthulich: »weißt Du warum der Zug jetzt hält? Weil er unter des Kaisers Fenstern steht. Weißt Du, warum Dein linkes Auge seitwärts schielt? Weil der Kaiser auf dem Altan sitzt, und die Minnefürstin mit seinen Blicken verschlingt. Fürchte Dich vor Kron und Scepter, Tannhäuser, [278] und Du, .. setzte er in Wallradens Ohr flüsternd bei: .. Du, fürchte Eckarts Eifersucht!« – »Abgeschmackter!« zürnte sie, erwiederte äugelnd des Kaisers zärtlichen Gruß, heftete ihren Blick auf das Fenster eines benachbarten Hauses und erröthete plötzlich. – »Du bist bewegt, Frau Minne!« fragte Dagobert neckisch: »Laß hören; Thorheit heilt das Herz.« – Wallrade sah ihm scharf in die gläsernen Larvenaugen, und glaubte eine zärtlichere Theilnahme an dem Schalksnarren zu bemerken, die sie, die schlaue Männerquälerin, nie unbenützt ließ. »Du brüstest Dich Alles zu wissen?« fragte sie lauernd entgegen: »Was, war's, das mich bewegte?« – »Du sahst an jenem Fenster ein Weib, dessen Schönheit den Vergleich mit der Deinigen nicht scheut;« antwortete der Schelm schnell und zuversichtlich. Wallradens Stirne zog sich zusammen. »Du bist nicht der zierlichste Narr;« erwiederte sie nicht ohne Bitterkeit: »Sage mir jedoch, wer ist die Frau mit dem holden Kinde im Arm?« – »Frage mich nicht;« antwortete Dagobert scherzend. – »Sprich, ich befehle es Dir.« – »Die Minne gebietet nie der Thorheit; sie ist ihr unterthan.« – »Rede, ich lasse Dich nicht.« – »Das schöne Weib ist die Frau von der Rhön!« raunte ihr Dagobert hart und rauh in das Ohr. – »Abscheulicher!« schrie Wallrade auf. »Was gibts?« fuhr Königseck dazwischen, dessen argwöhnischer Leidenschaft die heimliche Unterredung mit dem raschen Fremdling schon viel zu lange gedauert hatte. »Eine Überraschung, guter Tannhäuser,« lachte Dagobert ihm in's Gesicht: »Weiter nichts! [279] Leb' wohl!« – Klappernd und schellend machte er sich vom Wagen herunter, nachdem er dem zierlichen Liebesritter seine Kolbe zu kosten gegeben für das überflüssige: »Verdammter Hanswurst!« das der edle Herr, seinem Unmuth Luft zu machen, ihm nachgebelfert hatte. Muthwillig geworden durch den aufregenden Schwank, sprengte Dagobert wie ein dem Pferch entronnenes Füllen kreuz und quer durch das ausgelassene Volk, das sich auf den Gipfel der Lustigkeit hinaufschraubte und immer tollere Streiche machte, je näher die Dämmerung rückte mit ihrem Schatten. Die Schalkheit des Pöbels setzte sich hauptsächlich die Klosterleute beiderlei Geschlechts zum Ziele, die an diesem Tage ihre Clausur zu verlassen, bevorrechtet waren, und, wenig Zucht und Anstand beobachtend, die Stadt durchstreiften, mit den Laien in Thorheit wetteifernd. Jedoch, obgleich sie in Thun und Lassen den Weltkindern nachahmten, so vermochten sie es doch nie, ihren Stand selbst unter der verhüllendsten Maske, ganz zu verbergen. Der Kuttenschritt verrieth die Männer, das ungewisse Trippeln und Zusammenhalten in ansehnlichen Banden den weiblichen Convent; und dieser Umstand setzte die Zellenbewohner manchen Unannehmlichkeiten aus, wie sie die Ausschweifungen der Fastnacht mit sich brachten. Flinke und gelenke Pickelhäringe nähten eine ganze Nonnengemeinde zusammen, und trieben sie mit Peitschhieben und tausendfältigem: Hoho! und Hallah! vor sich her. Das grobe Schiffervolk riß den als Mönche Beargwohnten die Kopfbedeckung vom Haupte, und stellten ihre Tonsur zur Schau, und dennoch, [280] kaum entschlüpft den Händen der ungeschlachten Gesellen, setzten die Ordensleute, ihre Freiheit benutzend, ihre Thorheiten fort, auf Straßen, Plätzen, Tanzhäusern und Trinkstuben bis der Morgen herandämmerte und sie gebieterisch in das Kloster zurückwies, diejenigen ausgenommen, die vom Weine übermannt, den Taumel erst ausschlafen mußten. Bei einem solchen Auflauf, in welchem ein Paar schüchterne Cönobiten gequält und gehänselt wurden, stieß der von seines Ohms Hause kommende Dagobert plötzlich wieder auf den verloren gegangnen Gerhard. Bei dem Flammenscheine einer Pechpfanne erkannte er Mantel, Hut und Visier, und die Behaglichkeit, mit welcher der grobhäutige Fechtbruder dem gemeinen Possenspiel zusah, ließ dem jungen Manne keinen Zweifel übrig. »Gut, daß ich Dich finde;« sprach dieser zu dem Ungetreuen: »Bist Du's, oder bist Du's nicht, Gerhard?« – »Na, beim heiligen Georg! wer soll's denn anders seyn?« brummte Gerhard, mit lustiger Vertraulichkeit Dagobert's Hand ergreifend, und den von Wein unsicher gewordnen Körper auf dessen Schulter neigend: »Das ist Fröschlein,« fuhr er fort, – »Fröschlein oder mich soll der Schwarze holen mit Pferdefuß und höllischem Gestank!« – »Ei Du Trunkenbold!« zürnte ihm Dagobert entgegen und zerrte ihn abseits von dem Menschengewühle: »Nimm die Trommel, und rufe mich aus nach allen vier Winden, Du Schlemmer! Wo kommst Du her, Du trunknes Ungeheuer?« – »Aus dem Paradies,« versetzte Gerhard lustig: »aus dem Paradies;« setzte er bäurisch grob hinzu, da Dagobert[281] nichts entgegnete: »Ihr könnt mir glauben. Es lebe Frau Holda Waldina sammt ihren schmucken Töchtern, und ihrem köstlichen Firnewein!« –

Es ergab sich aus den Reden des Edelknechts, daß er in eine nichts weniger als ehrenvolle Gesellschaft gerathen war, nämlich in die von fahrenden Töchtern und Frauen, deren es um die Zeit des Conciliums eine bedeutende Anzahl zu Costnitz gab, und die entweder einzeln in den Vorstädten, namentlich aber zunftweise unter Meisterinnen versammelt, in der nächsten Umgegend der Stadt, öfters auch nur, nach Maßgabe ihrer Ansprüche, in elenden Hütten und Zelten sich aufhielten. Diese Bande, eine der ansehnlichsten, hatte es am heutigen Tage auf Niemand Geringern, als auf den Kaiser selbst abgesehen gehabt, von dem ein dunkles Gerücht verbreitet hatte, als wolle er selbst, in die Tracht, des wilden Jägers vermummt, allein und ohne Gefolge die Volkslust in den höchsten, wie in den niedersten Kreisen verfolgen und beobachten. Die Hoffnung, von dem leutseligen Herrn ein ansehnliches Geschenk zu gewinnen, hatte diese lockern Töchter so kühn gemacht, ihn im Putze vornehmer Frauen aufzusuchen, und so zierlich zu bewirthen, als es angehen würde. Gerhard's Larve täuschte sie, wie früher schon das lügenhafte Gerücht; erst in dem Saale des Gasthauses, in welchem für die lebenslustige Schar und ihren seltnen Gast ein Vespertrunk bereit stand, enthüllte sich die Wahrheit. Gerhard lachte die Betrogenen aus, log ihnen von seinem Geschlechte und seinen Gütern ein Langes und Breites vor, ließ sich ihren Wein schmecken, [282] seinen Beutel wegstibitzen, und entrann mit leerer Tasche und ziemlich vollem Kopfe den Lockungen des losen Gesindels. – »Sagt nun einmal zur Güte,« schloß er seinen Bericht; »ob ich nicht Wort gehalten habe, wie ein Mann. Hier bin ich wieder und stehe Euch zur Seite. Verlangt, was Ihr wollt. Ich stehe dem Satan selbst, wenn er Lust hätte, mit mir anzubinden.«

»Das glaub' ich Dir von Herzen gern;« erwiederte Dagobert: »denn Dir sitzt ein Dutzend von Teufeln jetzt im Leibe. Da ich indessen heute eines Menschen bedarf, der nicht grübelt, da der Weindunst Dir das Grübeln verbietet, und Deiner Bärenkraft das Doppelte, wie ich hoffe, zulegt; so sollst Du der Wächter einer That seyn, die Dir später Segen bringen wird, erfährst Du auch kein Wort von ihr.« – »Ihr sprecht ein Deutsch, das klingt wie Latein;« meinte Gerhard: »ich will bucklich werden, wie der Montfort, wenn ich ein Wort davon verstehe. Thut indessen nichts. Sagt mir nur, wo ich hinstehen soll. Kreuz und Dorn! ich halte fest.« – »Für's Erste,« sprach Dagobert, indem er ihn in ein finster Gäßlein zog: »für's Erste nimm Dein Jagdmesser zur Hand.« – »Was?« fragte Gerhard, den Jüngling anglotzend, so gut es die Dunkelheit erlaubte: »Ich werde Euch doch nicht die Gurgel abschneiden sollen?« – »Schweig!« raunte ihm Dagobert zu: »Trenne schnell und sicher jetzo die Schellen von meinem Gewand und meiner Kappe.« – »Eine seltsame Grille!« versetzte der Hülshofen »eine wunderliche Aufgabe, hier den [283] Schneider zu machen, wo es Pechrabenschwarz um uns her ist. Schreibt Euch's selbst zu, wenn ich nicht blos die Naht treffe.« – »Thut nichts; nur zu. Ich gebe indessen das Zeichen.« – Während Gerhard mit unbarmherziger Hand die Schellen abschnitt, und mit jeder derselben ein erkleckliches Stück des Gewandes wegnahm, schnalzte Dagobert viermal mit der Zunge, als ob eine Wachtel anschlüge aus grünem Felde. Nicht lange war das Zeichen vorüber als auch schon zwei Männer sich näherten, in schleppenden Röcken. Gerhard, stutzig gemacht, wollte ihnen ein derbes: »Wer geht da?« entgegendonnern, aber Dagobert hielt ihm den Mund zu. »Willkomm!« sprach der erste Ankömmling in ausländischer Mundart: »Die Mund ist da.« – »Wie steht's?« fragte Dagobert. – »Gut;« versetzte der Andre: »der Freund« auf den zweiten zeigend »hat vorgearbeitet. Petrus wird aufmachen.« – »Das gebe Gott;« antwortete Dagobert, und ging voraus. An der Ecke warf er seine Narrenglocken in einen Brunnen, und schritt dann schneller vorwärts. – »Ist das der Mensch, von dem Ihr spracht?« fragte ihn leise einer der Fremden, auf den geduldig nachtrabenden Gerhard weisend. »Ja,« entgegnete der junge Mann: »er ist's, Herr Graf. Zuverlässig, willenlos, und gänzlich unwissend.« – »Gut, gut;« antwortete der Fremde, und hielt sich mit seinem Begleiter dicht auf den Fersen des Führers, der abermals in ein Gäßlein einbog, und vor der Pforte und dem Vorsprungshänslein eines Klostergebäudes stille stand. Kein Laut war weder in dem Kloster, noch in der [284] Nachbarschaft zu hören. »Halte hier die strengste Wache!« sprach Dagobert zu Gerhard: »Wir haben im Hause zu thun. Solltest Du Lärm hören, so decke unsern Rückzug. Schlage das feige Gesindel, mit dem Du zu thun bekommen wirst, nur tapfer hinter die Ohren mit der Klinge. Verletze jedoch nur im allerhöchsten Nothfall. – In der Herberge sehen wir uns im schlimmsten Falle wieder.« – Gerhard brummte zu diesem Allen ein bereitwilliges Ja, pflanzte sich auf ein steinern Bänklein, unfern dem Kloster, und harrte geduldig der Dinge, die da kommen sollten. Dagobert sammt Begleitern klopften hingegen leise an das Pförtlein, und gaben auf die Frage des von innen herausspähenden Bruders die Antwort: »Fastnachtsfreunde.« Darauf öffneten sich die Riegel, und des Thürleins schwarzer Mund verschlang die Pochenden. Ein fettleibiger Klosterbruder stand vor den Eintretenden mit Lampe und Schlüsselbund, und grüßte sie, wie der bildlich dargestellte Fasching mit wankenden Knieen, Brühetriefendem Munde, und in Weineslust verkehrten Äuglein. »O weh!« flüsterte Dagobert den Begleitern zu, von denen indessen der zweite zuversichtlich auf den Pförtner zutrat, und ihn also anredete: »Ihr erinnert Euch wohl noch meiner, Frater Dominikus! Da sind die Freunde, von denen ich Euch gestern sprach, und hier der Beutel, der der Eurige wird, sobald Ihr unsern Wunsch erfüllt.« – Der Pförtner lächelte freundlich aber ungewiß, schob den Hauptriegel vor die Thüre, und summte die erste Zeile des damals berühmten und von den Gelehrten häufig gesungnen Fastnachtliedes: [285] »Edit Nonna, edit Clerus!« »Wollt Ihr nicht in's Stüblein treten?« setzte er mit schwerer Zunge hinzu: »es ist warm darinnen, und wir können daselbst weiter plaudern.« – »Sind wir denn um des Plauderns willen Hieher gekommen?« fragte Dagobert leise die Seinen: »Was treibt denn der verwünschte Frater?« Die Begleiter ermahnten ihn durch Zeichen zur Geduld. »Ad edendum nemo serus!« brummte der Frater gleichmüthig fort, und machte seinen Gästen einen unbehülflichen und unsichern Reverenz: »Wollt Ihr Euch nicht niederlassen, meine werthen Herren und Freunde? Ein Tröpflein Weins schadet nicht.« – Er setzte einen ungeheuern Weinkrug an den begehrlichen Mund; schlürfte einen guten Schluck, und reichte das Trinkgefäß seinem Nebenmanne, nachdem er mit dem Ärmel den Rand abgewischt hatte. »Bibit ille, bibit illa!« sang er weiter, jedoch sich selbst unterbrechend durch Rede und Frage: »Trinkt herzhaft, ihr Männer; 's ist vom Guten! Bibit servus cum ancilla. – So! so! jetzt sagt an .... was steht zu Diensten?« – »Ei, Dominik! habt Ihr denn bereits vergessen, was wir ausmachten?« fragte Einer von Dagobert's Begleitern entgegen, während der junge Mann einen ziemlich vernehmlichen: »Schafskopf!« laut werden ließ. Der trunkne Frater zog dem Offenherzigen ein scheel Gesicht, vergaß aber auf der Stelle die Beleidigung, und fiel wieder in sein voriges Lied: »Bibit abbas cum priore! – Hm! wenn mir recht ist .... hm! hm! bibit coquus cum factore .... Was wollt' ich sagen .... helft mir doch [286] wieder ein wenig auf die Spur, ihr Herren! .... et pro rege ....« – »Zum Donner!« unterbrach ihn der warmblutige Dagobert: »Wir wünschen den armen gefangnen Mann heimzusuchen, den Du zu hüten hast, und ihm zur Fastnacht ein wohlgemeint Geschenk zu bringen.« – »So! so!« erwiederte der Pförtner, sich bedächtig im Kreise umschauend, und das Käpplein lüftend: »Der Ketzer verdient's gar nicht, daß wackre Leute ihn heimsuchen. Et pro rege et pro papa ....« – »Macht voran!« drängte Einer von den Andern: »Den Lohn habt Ihr empfangen. – An der Thüre des Gewölbs könnt Ihr unsrer harren; in einer halben Viertelstunde ist's abgethan, und Ihr habt das Geld verdient – wir unser Gelübde gelöst. Zaudert nicht. Es ist keine Gefahr dabei. Eure Vorgesetzten ....« – »Bibunt vinum sine aqua!« tremulirte Dominikus dazwischen, und griff nach der Lampe: »Ihr habt jedoch den besten Augenblick erwählt ...« stammelte er fortfahrend: »Der Prior und die meisten Herren sind draußen in der Stadt, und die Übrigen – hm! sie sitzen oben am Spiel und Trunk, und haben mehr zu thun, als sich um den verdammten Ketzer zu bekümmern, dem Ihr eine unverdiente Ehre erweisen wollt.« – »Laßt uns aufbrechen!« mahnte Dagobert inständig, schob dem Pförtner das gewaltige Schlüsselgebund in die fehltappende schwammige Faust, und ihn selbst vor sich her zur Thüre. »Et pro papa et pro rege!« intonirte der Mensch mit einer Löwenstimme, da sie in den Kreuzgang traten. »Um des Himmelswillen! schweigt!« flüsterten ihm die Nachschleichenden unter [287] ängstlichen Rippenstößen zu; er ließ sich jedoch nicht irre machen, schlurfte in seinem Elephantenschritte fort, und von seinem: Bibunt omnes sine lege! hallte das Gewölbe wieder. Alles blieb auf dieses, wahrscheinlich zu dieser Zeit gar nicht ungewohnte Geplärre ruhig; nur im fernen Refektorium war ein wüstes Gejohle hörbar; ein Beweis, welchen Geschäften der Convent oblag, und eine gute Vorbedeutung für die drei Fremdlinge, deren Vordermann sie eine lange Treppe, von mehreren Pforten verschlossen, hinunterführte, an deren Ende seitwärts eine ganz niedere mit Eisen schwer beschlagene Thüre öffnete, und die Besucher hindurch kriechen hieß. »Bibunt primum et secundo« summte er während dessen, und rief dann in das tiefgewölbte Kerkerloch hinein: »Steht auf von Euerm Stroh, verruchter Abtrünniger – donec nihil sit in fundo – und Ihr, meine Herren, faßt Euch kurz.« – Dagobert schauderte, da er beim Schein der Lampe das entsetzliche Gefängniß gewahrte, in welchem ein Unglücklicher mit langem Barte und in dürftiger Kleidung einem rechtlosen Urtheil entgegen schmachtete. »Vater Johann! Vater Johann!« riefen des Jünglings Begleiter mit von Thränen halb erstickter Stimme, und warfen sich zu den Füßen des Eingekerkerten. Dieser erhob sich mühsam in seinen Fesseln von dem nassen Lager, und hielt die Hände vor die, von ungewohntem Lichtstrahl geblendeten Augen, aber sein Ohr hatte die bekannten Stimmen vernommen, und sein Herz mit einer, diesem Schreckensorte fremden, freudigen Rührung erfüllt. »Ist das nicht Graf Chlum?« fragte er [288] bewegt; »ist das nicht der edle Herr von Lanzenbrock? Ach, ihr meine unglücklichen Freunde ... was führt Euch in meinen Kerker?« – Lange konnten die zu seinen Füßen Schluchzenden nicht Worte finden, und Dagobert lauschte besorgt nach dem vor der Thür gebliebnen Frater. Von demselben war jedoch keine Unterbrechung zu befürchten. Neben der auf die Schwelle gestellten Lampe sitzend, hatte er sich mit der Zählung seines leicht erworbnen Geldes beschäftigt, und war dabei eingeschlafen. »Eilt, eilt, edle Herren;« raunte der junge Altbürger den böhmischen Edelleuten zu: »der Augenblick ist sicher, aber kostbar!« – »Vater Huß!« begann der Graf dringend: »Dich zu befreien sind wir hier! Eile, nur zu willfahren. Hülle Dich in dieses, mein Gewand. Es ist weit genug, Dich und Deine Ketten zu verbergen. Diesen jungen Mann, der unter der Larve der Thorheit den männlichsten Willen und den glühendsten Eifer für das Recht verbirgt, der schon einmal eine Dir zugefügte Beleidigung edelmüthig rächte, haben wir ersehen, Dich aus der Stadt zu bringen. Er kennt alle Schliche, und die Wege rund um im Land; er und Lanzenbrock schaffen Dich über'n See in's Schweizerland, von wannen sichre Freunde Dich nach der Heimath führen werden. – Fliehe, fliehe, es drängt die Zeit.« –

»Träume ich denn?« fragte Huß, bestürzt um sich schauend. »Steht es denn so schlimm mit mir, daß solche Flucht nothwendig wäre?« – »Fürchte Alles!« entgegnete Lanzenbrock: »Deinem Haupte droht die höchste Gefahr.« – »Und ich sollte nicht [289] der Gefahr gedenken, in welche sich der an meiner Statt zurückbleibende Freund stürzen wird?« fuhr Huß mit ernstem Vorwurf fort. – »Mein Schicksal kümmre Dich nicht!« unterbrach ihn der Graf: »Von Dir hängt die Freiheit unsrer Kirche, unsers Glaubens ab. Tausende meiner Landsleute können fechten wie ich; wie Du zu reden, vermag Keiner außer Dir.«

»Kommt, kommt, würdiger Herr;« setzte Dagobert bei: »wir meinen's redlich, und das Glück für heut nicht minder. Morgen ist's zu spät.« – »Wer sagt Euch,« sprach der Gefangene mit erhabner Sanftmuth: »wer sagt Euch, daß ich morgen anders gesinnt seyn könnte, denn heute? Ich würde zum Lügner an meiner Lehre, wollte ich diesen Kerker feig verlassen. Das Wort ist ewig, und muß den Sieg erringen. Nicht ich bin zu beklagen in meiner Schmach, denn mich bedienen Engel in dieser dunkeln Gruft; wohl aber diejenigen, die ihren Eid gebrochen haben, und den Starken vertilgen wollen in dem schwachen Gefäß, das er sich auserlesen. Geht meine Freunde; meinen Dank für Eure Aufopferung, doch Euch zum Frommen willige ich nicht darein.« – »Grausamer!« seufzte der Graf: »Du rennst in Dein Verderben! Unwiderbringlich verloren bist Du. An Wenzel's Throne bist Du sicher; in Sigismund's Gewalt des Todes.« – »Unnütze Furcht!« lächelte Huß wie ein Verklärter: »Ich bin geweiht vor dem Altare des Herrn; an meinem Haupte werden sie sich nicht vergreifen, und aus den Fesseln, die den Leib belasten, wird mich der Höchste befreien, [290] wann das Werk vollendet ist.« – Ungeduldig ob solchem Starrsinn stampfte Dagobert mit dem Fuße, und die Böhmen umschlangen mit liebevollem Ungestüm die Kniee des Versagenden, mit Worten und Thränen ihn bekämpfend. Sein Entschluß, fest wie ein Fels, begann zu wanken; seine abweisende Strenge wich dem vereinten Bemühen der Freunde, – schon gab er nach; schon ward die Möglichkeit einer nahen Freiheit reizend für seine in Kerkernacht erstorbnen Sinne, ... schon griff seine Hand zögernd nach dem Rettungsgewande, ... als es mit einemmale über den Häuptern der Befreier lebendig wurde. Von Ferne, die Treppe herab tönte ein beunruhigendes Laufen und Rennen; Getöse von Stimmen, zugeschlagnen Thüren, entferntem Waffenklang. »Wir sind verloren!« flüsterte Lanzenbrock erschrocken, und Dagobert fuhr auf wie ein Sturm. »Die Zeit ist versäumt!« rief er: »Schreibt Euch's selbst zu, eigensinniger Mann. Wenig würde es Euch jedoch helfen, gingen wir um der ungeschehenen That willen zu Grunde. Wer Muth hat, folge mir frank und frei. Vielleicht bietet sich bald eine andre Gelegenheit zur Rettung!« – Diese Aufforderung, verbunden mit dem so natürlichen Gefühl der Selbsterhaltung, wirkte auf den Gefangenen und seine Freunde. Der Erstere beschwor die Überraschten, sich dem Unheil zu entziehen, ihn ruhig seinem Schicksale zu überlassen; die Letztern stürzten, da das Getümmel lauter wurde, mit der Schnelligkeit des Hirsches aus dem Kerkergewölbe, die Treppe hinan. Dagobert voran stürmend wie eine Windsbraut. Den fest [291] entschlafnen Frater weckte sein Gefangner selbst, und ermahnte den Taumelnden, doch die Thüre zu verschließen, damit ihm nicht die Lust anwandeln möchte, seine Haft zu verlassen. Kopfschüttelnd über diese seltne Bitte, gewährte sie der trunkne Dominikus, und schleppte sich langsam die Stiege hinan. Indessen war oben alles in Aufruhr gekommen. Die Veranlassung zu der ganzen unzeitigen Störung hatte der vor dem Kloster auf einer Steinbank dahinbrütende Gerhard gegeben, da seine in Schlaf- und Weinlust blinzelnden Augen zwei Klosterherren erblickten, die, satt von den Freuden des Tages, sich behaglich nach ihren Zellen zurückzuwälzen im Begriff waren. Seines Wortes eingedenk, niemand hindurch zu lassen, glaubte er sehr wohl zu thun, wenn er auch diese Klosterbewohner von ihrer Klause zurückhielt. – »Hier geht niemand durch!« murrte er daher barsch den Arglosen entgegen, und stellte sich ihnen, breit und stämmig, wie er war, in den Weg. Die Mönche, obgleich verdutzt im Augenblicke, sahen doch gar bald, daß sie nur mit einem einzigen, wahrscheinlich trunknen Manne zu thun hatten, und bestanden auf ihrem Hausrecht. Der Weglagerer ließ dasselbe jedoch nicht gelten, und verbot fortwährend den Zutritt zur Pforte. Dringendes Ansuchen von der einen, mürrische Abweisung von der andern Seite. Der Auftritt nahm bald eine ernstere Gestalt an. Die Klosterleute, wenig gewohnt sich auf ihrem Grund und Boden die geringste Widerspenstigkeit gefallen zu lassen, wurden böse und giftig; der Kämpfer dagegen rauh und grob. Von den Worten kam's zu Thätlichkeiten. [292] Die Geistlichen wollten mit Gewalt den Schlagbaum auf die Seite schieben. Gerhard's kräftige Faust stieß jedoch beide zurück. Der Frevel gegen das heilige Gewand veranlaßte einen neuen gewaltigern Angriff, der abermals abgeschlagen wurde. Um seine Drohungen wirksamer zu machen, zog Gerhard den Stoßdegen aus der Scheide. Während nun einer von den Mönchen vor der Klinge mit Zetergeschrei zurückwich, schob sich der andre hinter Gerhard's Rücken vorüber nach der Pfortenglocke, und hatte schon beträchtlich Sturm geläutet, so wie mit Händen und Füßen an die Thüre gedonnert, ehe der Hülshofner ihn von der Schwelle peitschen konnte. Dieses Getöse, das der andre Pater erneuerte, sobald Gerhard, den Ersten verfolgend, den Rücken gedreht hatte, machte endlich die Schlemmer im Refektorium, so wie die Knechte, die im Seitengebäude bei den Würfeln saßen, aufmerksam Die Erstern schrien um Hülfe, die Letztern liefen zum Kreuzgange, ihre rostigen Hellebarden nach sich schleifend. Keiner von den Männern allen jedoch hatte den Muth, die verriegelte Pforte zu öffnen, und den von dem unbekannten Teufelsbraten mißhandelten und zerbläuten Herren zu Hülfe zu kommen. Alle schrien nach dem Prior und dem Pförtner. Der Erstere war aber vom Schmausen noch nicht zurück, der Zweite nirgends zu finden. Der Kellermeister faßte den Verdacht, der Frater möchte wohl im Keller stecken, und ein verbotnes Faß verkosten, und eilte, so schnell es seine Uebehülflichkeit, und das Gedränge der Übrigen erlaubte, der Treppe zu, die nach den untern Gewölben des [293] Hauses führte, aber des Todes war er fast vor Schrecken, da einige Verlarvte die Stiege heraufstürzten, ihn sammt der Lampe, die er in Händen trug, – der Einzigen die ein schwaches Licht verbreitet hatte, die Ampel ausgenommen, welche am Bilde des Gekreuzigten in der Halle hing – zu Boden warfen, und mit Riesensprüngen und Faustschlägen nach allen in den Weg Tretenden, die Pforte gewannen. Der Pickelhäring, der den Vorläufer machte, und dessen Habit allein in etwas unterschieden werden konnte, riß, mit der Ortsgelegenheit vertraut, den Riegel auf, und tobte durch die aufklaffende Thüre in's Freie. Seine Begleiter säumten nicht dem Beispiele zu folgen. »Aufhalten!« donnerte Dagobert dem Gerhard zu, der indessen noch immer seine Hetze in dem Gäßlein fortgesetzt hatte, und lief in's Weite; aber der bereitwillige Fechter konnte nicht verhindern, daß einige Klosterknechte dem Flüchtigen nacheilten, dessen buntes Kleid ihnen besser im Auge blieb, als die dunkeln Gewänder der beiden andern, die nach verschiednen Seiten sich verloren. Unter dem übrigen aus dem Gebäude strömenden Gewühl von Mönchen und Laien wüthete Gerhard's flache Klinge mit übermenschlicher Kraft. »Bleibt zurück, ihr Schöpse!« rief er den Bestürzten entgegen: »Bleibt zurück, oder Ihr seyd des Todes.« – »Greift an!« hetzten die beiden, seiner Wuth entkommenen Klosterherren: »Er hat das Schwert gezogen, und ist in des Kaisers wie in der Kirche Bann!« – Der ganze Schwarm wollte sich nun auf den Einzelnen werfen. »Zurück!« schrie dieser [294] noch lauter, denn zuvor: »Schufte! habt Ehrfurcht! Ich bin der Kaiser selbst, ihr Lottergesindel, und will ich meinen Bann hinter die langen Ohren schreiben, daß ihr an mich denken sollt!« –

Diese Aufschneiderei, zu welcher den Edelknecht, dessen Arm schon ermüdete, der Gedanke bewog, daß man ihn bereits heute für den Kaiser angesehen, verfehlte ihre Wirkung nicht. Die Knechte wichen stumm und erschrocken zurück; der Mund der anfeuernden Geistlichen verstummte, und indem sich die Blicke bald nach dem Kaiser, bald nach dem Pförtner richteten, der unbefangen, als ob er kein Wasser getrübt und staunend, unter die Menge trat, ging Gerhard stolz und aufrecht von dannen, weder aufgehalten von seinen Gegnern, noch von dem Volke, das sich um das Getümmel versammelt hatte. Seinem jungen Freunde war jedoch kein so ehrenvoller Rückzug vorbehalten. Von den rüstigsten Knechten des Convents verfolgt, sprang er links und rechts, geschmeidig wie ein Aal durch die Straßen und die gaffenden Pöbelhaufen, die sich noch in so später Nacht im Freien befanden. Gern hätte er sich in einen Hausgang geworfen, allein allenthalben waren die Thüren verschlossen. Endlich gewahrte er an einem Hause hinlaufend, in dem Erdgeschosse desselben Licht, erwischte, um die Ecke stürzend, einen zu der Thüre heraustretenden Menschen, welcher bedächtig hinter sich zuschließen wollte, beim Kragen, und schleuderte ihn mit Riesenkraft den Nachsetzenden in die Arme. – Während nun diese Letztern den ihnen in die Hände Laufenden aufhielten, befragten, und [295] dieser ihnen nichts zu erzählen wußte, da er den, der ihn um die Ecke geworfen, nicht einmal gesehen hatte, machte sich Dagobert eilends in die Unterstube, wo er noch zwei Menschen, einen Mann und ein Frauenbild, fand. »Helft!« rief er ängstlich dem Manne zu: »ich bin des Teufels, wenn sie mich erwischen!« – und ohne eine Antwort abzuwarten, schlupfte er in die offenstehende Kammer, und kauerte sich unter das darin stehende Bette, dessen lange Vorhänge jede Spur von ihm verbargen. Der unerwartete Anblick des Vermummten hatte die Bewohner der Stube in keine geringe Bestürzung versetzt; doch war stillschweigend ihr Entschluß gefaßt, ehe noch die Verfolger in die Stube drangen. – »Um des Gottes Abrahams und Jakobs willen!« seufzte der Mann, den die Knechte beim Fittig hereinzogen: »liebwerthester Gastfreund! wollt Ihr mir nicht bezeugen, daß ich bin der Elieser, der Sohn des langen Schmuls, der gewesen ist ein Leibarzt bei des Markgrafen Hoheit zu Baden? Verdiene ich nicht redlich mein Brod durch Handel und Wandel, und weiß ich etwas von dem schlechten Menschen, der mich hat umgeworfen und getreten mit Füßen, ohne daß ich weiß, wo er ist hingekommen?« – »Halt das Maul!« fuhr ihn einer von den Klosterknechten an: »Dich suchen wir auch nicht, furchtsamer Jude, aber von Dir« zu dem Andern gewendet »von Dir wollen wir erfahren, ob sich nicht hier ein fremder Mann versteckt hat?« – »Gesteht es, Ben David!« klagte Elieser: »bringt nicht Euch in's Unglück, und nicht mich.« – »Ich will sterben, wenn [296] ich weiß, was ihr wollt;« erwiederte Ben David kalt: »Ich habe wohl gehört, wie ein Mensch rannte hier vorbei, doch herein ist keiner gekommen. Nicht wahr, Esther?« – »Wahrlich, wahrlich, Vater;« bekräftigte Esther ganz unbefangen. – »Laßt sehen!« erwiederte der Klosterknecht, nach dem Lichte greifend: »Euch verdammten Juden ist nie zu glauben. Hier ist er nicht, doch in der Kammer sitzt er ganz sicherlich.« – Er leuchtete in die Kammer hinein; kehrte aber, da er nichts in Unordnung fand, und auch kein Geräusch hörte, unzufrieden zurück. – »Wenn Ihr doch schwarz würdet, lüderliches Volk!« brummte er: »bei Euch haben wir die kostbare Zeit verloren, und wer weiß, was indessen daheim vorgefallen ist.« – »Heraus Bruder! ich hab' ihn!« schrie ein vor dem Hause als Wache zurückgebliebener Knecht, der einen, harmlos vorüberstreichenden Fastnachtsnarren, seines Abwehrens ungeachtet, aufgegriffen hatte. »Die ganze Rotte stürmte auch hinaus, versammelte sich um den Zitternden, der in seiner Betroffenheit aussah, als hätte er irgend etwas Übles verschuldet, und schleppte ihn hohnlachend hinweg nach dem Kloster, theils in der Meinung, sie hätten den Rechten erwischt, theils aber auch, um nur nicht ohne Beute von ihrem Heldenzuge heimzukehren.«

Von Ungeduld und Erschöpfung gepeinigt, lag, das Ende des Vorgangs abzuwarten, Dagobert auf der Erde, als Ben David mit der Kerze in der Hand vor ihn trat, und ihm anzeigte, daß die Gefahr vorüber sey. Als der Verfolgte aus seinem Schlupfwinkel[297] kroch, und die Larve vom Gesichte nahm, erstaunte er nicht wenig in Ben David den Juden zu erkennen, den er beim Herzog eingeführt hatte. – »Dienst gegen Dienst!« sagte Ben David zu dem jungen Manne, dessen Gesicht, obgleich verstört aus der Narrenkleidung schauend, ihm wohl erinnerlich war: »Ihr scheint große Angst ausgestanden zu haben.« Verfolger und Verräther sind ferne. Genießt ein Glas Wein, wenn es Euch nicht Eckel macht, von einem Juden die Erquickung anzunehmen. Esther! aus der geschliffenen Flasche dort in der Ecke! – Dieser Name schlug betäubend an des Jünglings Ohr, der sich willenlos in die größre Stube ziehen ließ. Sein Schreck, wenn gleich ein freudiger, war noch betäubender, da Esther selbst in der Blüthe ihrer Schönheit vor ihn trat, den Krystallbecher auf einem spiegelblanken Kredenzteller. Die Bewegung Dagobert's war nur mit der des Mädchens selbst zu vergleichen, da es unmittelbar nachher den Mann erkannte, an welchem seine ganze Seele hing. Teller und Becher drohten ihrer bebenden Hand zu entschlüpfen. Ben David nahm der Jungfrau die Last ab. »Es ist Schade,« sprach er, »daß Dein von dem vorigen Auftritte herrührender Schrecken Dich unfähig macht, dem edeln Herrn die Labung zu reichen. Von der Hand der Jugend hätte er sie um so lieber genommen. Empfangt sie indessen von mir, und glaubt, sie ist Euch geboten von einer treuen Hand.« – Starr auf die Tochter blickend, nahm Dagobert das Glas, und trank, ohne mit dem Blick von ihr zu weichen, gleichsam als ob er auf ihr Wohl den Wein [298] kostete. Die Röthe der verlegnen Scham färbte Esther's Wangen, doch ihre Lippen waren eben so stumm, als ihr Herz, fast hörbar pochend, eine laute Sprache führte. – »Geh zu Bette, mein Kind;« redete ihr der Vater zu: »Der heilige Gott segne Deinen Schlaf, wie den der frommen Rebbecka, und Lilis bleibe fern von Dir.« – Esther, schmerzlich bewegt, so schnell von dem wiedergefundnen Freunde scheiden zu müssen, und dennoch halbfroh, aus seiner ihr beiderseitiges Geheimniß bedrohenden Nähe zu kommen, neigte sich verschämt vor Dagobert, der den Gruß wortlos erwiederte, und verschwand in die Kammer. – »Ruht jetzt aus, werther Herr!« sagte Ben David, und lud den Jüngling ein, auf dem Polstersitze Platz zu nehmen: »Der Zufall hat mir gedient, da er mich ließ in etwas vergelten, was Ihr an mir gethan. Besonders ist mein Herz freudig, da Ihr gewiß Nichts gethan, das wirklich gescholten werden könnte, böse. Ihr seyd ein Vertrauter des Herzogs, und der edle Mann kann nur haben Edle in seinem Vertrauen. Bedürft Ihr das Geringste, so wendet Euch an mich. Was ein armer Jude thun kann, Euch zu gefallen, soll geschehen.« – Dagobert wich allen Fragen aus, die Ben David mit der geschickten Neugier seines Volks ihm stellte, um den Hergang des Abenteuers dieser Nacht zu erforschen; das letztere Anerbieten wies er jedoch nicht förmlich von sich, um sich die Möglichkeit in Ben Davids Haus wiederzukehren, nicht zu rauben. Er verplauderte eine geringe Weile mit Esther's Vater, und verließ ihn endlich mit dem [299] Versprechen, ihn wieder zu sehen. »Du wirst doch nicht?« flüsterte sein Verstand. – »Ach! ich fürchte, Du wirst!« entgegnete sein Herz, und zerrissen von Überraschung, Wonne und Pein langte er in seiner Herberge an, woselbst er sich auf's Lager warf, um nicht zu schlummern.

13. Kapitel
Dreizehntes Kapitel.

Riefst Du einmal nur die Schuld zur Frohne,

Ewig dienst Du ihr dann als fröhnender Knecht.


Wer Liebe und Unschuld vereint und traulich zu Tafel sitzen sehen wollte, mußte an den Tisch des Wildmeisters Bilger von Rhön treten. Mäßig war er besetzt von Gästen und Speisen, allein aus den Gesichtern der beiden Ehegatten, wie des zwischen ihnen spielenden Kindes lachte eine Zufriedenheit, welche die magern Fastengerichte in einen königsüppigen Pfingstschmauß verkehrte. Die Sonne eines heitern Tages, wie ihn nicht selten der scheidende Hornung bietet, schaute behaglich durch die weiten Fenster des Mörsburger Schlosses auf den kleinen Haushalt des Wildmeisters, dem gerade sein Weib in kindlicher Einfalt noch einmal alle Wunder und Festlichkeiten der Fastnacht zu Costnitz erzählte, welche sie schon öfters zum Besten gegeben hatte. Mit liebevoller Geduld horchte Bilger der Geschwätzigen zu; das Töchterlein, halb auf dem Schooße der Mutter [300] gelehnt, stellte sich eben so aufmerksam, und selbst der Bärenfänger Haltan schien, vor dem Tische aufrecht sitzend, und das Gesicht in die Sammetfalten des beschauenden Ernstes gelegt, das stille Vergnügen seiner Herrschaft zu theilen. Des Herrn von der Rhön Aufmerksamkeit war dennoch von dem oft gehörten Bericht nicht so sehr in Anspruch genommen, daß er das Geräusch überhört hätte, das sich in dem Hofe vernehmen ließ; den Hufschlag ankommender Pferde, das Rufen der Reiter, und die langgehaltnen Hornstöße des Wächters. Er eilte, an das Fenster zu kommen, und erblickte, da er die gemalten Flügel aufschlug, mehrere in des Kaisers Farben gekleidete Knechte auf dem Burgplatze, theils zu Gaule sitzend, theils einen aalglatten Schimmel haltend, dessen reiches Sattelzeug alsobald den vornehmen Reiter verrieth. Der Pförtner machte aus seinem Hüttchen die Geberden der größten Verwunderung nach dem herabschauenden Wildmeister herüber, und das Räthsel löste sich diesem bald, denn die Thüre sprang auf, und der Kaiser selbst trat im einfachen Reitkleide herein, ... den Vogt verabschiedend, der ihn bis hieher geleitet hatte. Bilger's und seiner Gattin freudiges Erstaunen wuchs, da der Fürst mit der ihm angebornen Freundlichkeit und Herablassung alle Bewillkommnung von der Hand wies, Reverenz und Gewandkuß untersagte, und so vertraulich am Tische auf einem Schemel ohne Lehne Platz nahm, als sey dieses seine ihm zustehende Stelle. »Keine Zierereien!« sprach Sigmund, während er durch seinen Wink den Hausherrn sammt Ehewirthin [301] in die kaum verlaßnen Lehnstühle wies, und das lächelnde Kind auf den Schooß zog, in den warmen Marderpelz: »Wenn man gute Freunde heimsucht, thut man sich weder Zwang an, noch duldet man ihn; und ich denke ja, ich bin bei guten Freunden.« »Bei den treusten Dienern Ew. römischen Majestät;« versicherte der Wildmeister. – »Ich wollte mich von Euerm Wohlseyn überzeugen,« fuhr der Kaiser fort: »und sehen, wie das holde Weiblein hier im Hauswesen sich benimmt.«

Die Wildmeisterin erröthete verschämt; Bilger aber erwiederte: »Mit drei Worten, gnädigster Herr, kann ich Euch hierüber berichten: ich bin glücklich. Meine Katharine ist das Gestirn, das mildiglich meinen Lebensweg, überstrahlt, und sich in unsern Kleinen zu unfrer Wonne verdoppelt hat.« – »Wie bin ich froh, solch Zeugniß aus Eurem Munde zu vernehmen, Herr von der Rhön,« versetzte der Kaiser: »so hat denn doch der Befehl Eures Vaters, dem ihr so lange widerstrebtet, gute Früchte getragen. So stößt man oft die Perle lange zurück, die uns das Schicksal wohlwollend reicht. Ihr habt noch zu rechter Zeit die Hand aufgethan. Wohl Euch!«

Mit verdüstertem, aber freundlichem Blicke reichte Bilger seinem Weibe die Hand. Sigmund fuhr indessen fort: »Ihr Leute wißt gar nicht, wie glücklich ihr seyd. Ihr freut euch des Daseyns in eurem eignen Hause, während Meinesgleichen in weitläufigen Burgen und Städten mit dem Mißmuth Hand in Hand gehen. Es ist ein schwer Ding um das Regiment über Land und Leute. Wie gerne vertauschte [302] ich den Fürstenpelz mit Euerm Rocke, und würde ein Wildmeister, wie Ihr. Aber so ist es mein Beruf, der ganzen Welt Händel zu schlichten, wie es eben geht. Hier soll ich begnadigen, dort mit dem Schwerte drein schlagen; an allen Orten soll ich zugleich seyn. Bald machen mich die Städte unwirsch, bald hab' ich's mit der Herrenbank verdorben; die Fürsten spreizen sich, die Bauern murren, die Ketzer predigen alles Unheil. Gegenwärtig hab ich's mit der Geistlichkeit zu thun, und der liebe Gott helfe mir gnädig über diesen stachlichen Zaun. Hab' ich aber auch mit Angst und Noth dem Staatsleben so ziemlich aufgeholfen, – flugs reiben sich gewöhnliche Finsterlinge an meinem Ansehen im gemeinen Bürgerleben. Hat sich nicht erst vor Kurzem bei einem gewissen verdrießlichen Handel ein Dummbart unterstanden, sich, für meine Person auszugeben, und mich dadurch vor aller Welt in einen ärgerlichen Verdacht gezogen? Doch übergenug. So wie des römischen Reichs erwählter Kaiser den ersten Mann vorstellt in der Christenheit, so sind seine Sorgen auch die größten, und darum bitte ich geziemend das liebliche Weiblein um einen Becher Wein, damit ich auf ihre Gesundheit trinkend, Grab und böse Erinnerung vom Herzen schwemmen möge.«

Eifrig gehorsam stand die Wildmeisterin auf, griff nach den Schlüsseln am Schenktisch, und eilte nach dem Keller, um dem vornehmen Gast den verlangten Labetrunk so frisch als möglich zu reichen. Der Kaiser legte das auf seinen Knieen entschlummerte Mägdlein behutsam, wie eine sorgende Mutter, [303] in's Ruhebettlein, und setzte sich wieder zutraulich zu dem Wildmeister, der, seinem Willen zuwider, ebenfalls sitzend verharren mußte. – »Bilger,« sprach Sigismund leiser: »Ich muß Euch bekennen, wie es nicht eitel Zufall ist, daß ich mich hieher begeben, obschon mir angenehm ist, wenn die Leute glauben, daß es auf einem unbestimmten Lustritte, oder Euch zu Liebe allein geschehen sey. Eigentlich jedoch bin ich hier, um ein Amt zu verrichten, das nicht zu den Regalien gehört; das Marschalkenamt nämlich. – Eine edle Frau, an deren Schicksal ich viel Theil nehme, wünscht einige Tage in strenger Abgeschlossenheit in diesem Hause zuzubringen, da ihr zu Costnitz, wie sie befürchtet, eine nicht geringe Gefahr droht. Das schwache Weib zu schützen ist jedes Ritters Pflicht; um wie viel mehr die Pflicht des Kaisers also, der ein Meister ist über alle Ritter deutschen Volks. Ich habe der edlen Frau meine Obhut zugesagt in diesem Schlosse, das der Bischof vom Reich zu Lehen trägt, und vertraue sie Eurem absonderlichen Schirm, so daß Ihr keinen Menschen in ihre Nähe lasset, der ihr Unheil bringen könnte.«

»Das Vertrauen meines kaiserlichen Herrn zu rechtfertigen, wird mein Bestreben seyn;« versicherte Bilger von der Rhön. – »Heute noch wird das würdige Frauenbild hier eintreffen,« fuhr der Kaiser fort: »Ich verbiete ausdrücklich nach ihrem Namen und Stand zu forschen. Ich habe ohnedies das Mißgeschick, meine Huld gegen ehrenwerthe Frauen häufig verkannt zu sehen; ich will nicht ihre Namen der Verläumdung Preis geben. Es ist nichts Zarteres, [304] als des Weibes Leumund. Wie gesagt jedoch: Euerm Schirm vertraue ich die Freundin, und empfehle sie der Dienstfertigkeit Eurer Ehewirthin, da sie, wie ich vermuthe, ihre Leute zu Costnitz lassen wird, bis die böse Conjunktur vorüber.« – »Es soll geschehen, wie kaiserl. Majestät befiehlt;« erwiederte Bilger unterwürfig, und der Kaiser wurde durch solche Bereitwilligkeit dergestalt in gute Laune versetzt, daß er den Becher, den ihm Frau Katharine kredenzte, in einem Zuge auf das Wohlseyn des Hauses von der Rhön leerte. – »Traun!« lächelte der Wildmeister: »es ist hohe Zeit. Ich bin der Einzige und Letzte meines Stammes, seit mein Vater vor einem Jahre zur Grube fuhr, und mir wird das Wappenbild nachgeworfen, wenn meine gute Hausfrau mich nicht mit einem Sohne erfreut.« – »Tröstet Euch mit Kaisern und Königen, denen es dann und wann um nichts besser geht;« versetzte Sigmund: »und freut Euch, in dem Alter zu seyn, das eine Hoffnung noch zuläßt. Nun aber, lieber Wirth, laßt uns zu Roß steigen, um eurem holden Gaste entgegenzureiten. Er kann nicht mehr lange säumen.« – Der Kaiser umarmte zum Abschiede Frau Katharinen auf das Zierlichste, drückte einen Kuß auf ihre Stirn und Wange, ließ die goldne Kette von seinem Halse auf das Bettlein des schlummernden Kindes gleiten, und schied. Der Wildmeister ritt zu seiner Linken, und sie waren noch nicht weit vor das Städtlein hinausgekommen, als schon in der Ferne eine Sänfte sichtbar wurde, von einigen Reisigen geleitet. Der Anführer derselben, – [305] ein buntgekleideter Rittersmann, – stolzirte selbstgenügsam voran. – »In dem Wiedehopfe erkenne ich meinen Mann!« sprach der Kaiser lächelnd zu seinem Begleiter, und winkte den Scheckigen heran, der auch dienstfertig herzusprengte, während die Sänfte zögernd folgte. Drei Schritte von dem Kaiser entfernt, warf sich der Reiter vom Gaule, und nahte dem Fürsten mit allen Zeichen betroffner Ehrfurcht. »Sieh da, mein Herr von Königseck!« redete ihn Sigmund, sich verwundert stellend, an: »Unverhofft kommt oft.« »Bei des heil. Stephans Krone! Wie kömmt es, daß Ihr Euch aus der warmen Stube in den Frost wagt? Wer ist die Schönheit, die Ihr in jener festverschloßnen Sänfte zu geleiten scheint?« – »Meine Braut, gnädigster Herr;« versicherte der Geck wohlgefällig: »sie hat den Wunsch geäußert, einige Tage in dem Hause des Wildmeisters zu Mörsburg zuzubringen, dessen Gattin ihr sehr nah befreundet ist, und ich hielt's für meine Pflicht, ihr unterwegs meinen Arm zum Schutz zu leihen.« – »Ein kräftiger Schirm allerdings;« versetzte Sigmund mit leisem Spott: »um so unangenehmer wird es mir, Euch in der Erfüllung süßer Pflicht zu hemmen. Ich bedarf Eurer; noch in dieser Nacht sende ich Euch von hinnen in einem wichtigen Auftrage, den ich nur Eurer Klugheit anvertrauen darf. Säumt also nicht, sogleich in meinem Gefolge gen Costnitz umzukehren.« – »Der edle Herr stand verblüfft neben seinem Pferde, und wußte nur mit einem Bückling, und einer verlegnen Hinweisung nach der Sänfte zu antworten.« – »Die Wohlfahrt Eurer Zukünftigen sey [306] Eure geringste Sorge;« versicherte ihm der Kaiser: »der Zufall will, daß der Wildmeister sich gerade hier befindet. Er wird für die Sicherheit der Freundin seines Hauses stehen. Nicht wahr, mein wackrer Herr von der Rhön?« – »Wie für mein eigen Haupt;« entgegnete Bilger, der aus Unterwürfigkeit in eine Sache einging, deren Zusammenhang er nicht begriff. – Königseck verharrte indessen noch immer in Unschlüssigkeit. Die Sänfte kam immer näher. »Nun denn aber auch, beim Erlöser! steigt doch auf!« rief der Kaiser dem Zaudernden heftig zu: »Des Königs Wille geht vor der Minne. Ihr wißt, wie ich Euch begünstige; seyd indessen auch meiner Gnade werth. Frisch zu Gaule! Da die Zucht mir nicht erlaubt, die Dame Eurer Wahl auf offner Heerstraße, in der Dämmerung des Abends, zu begrüßen, so folgt mir unverzüglich. Der Wildmeister wird die seinem Schutz Befohlne begrüßen, und Euch, wegen Eures schnellen Abschieds, mit meinem Gebote entschuldigen.« – Der Königsecker neigte sich verlegen, und stieg langsam in die Vügel. »Seht doch den faulen Knecht!« sprach Sigmund, seinen langen Bart streichelnd: »Ich hätte Euch mir nicht so saumselig gedacht. Da war der Montfort flinker, da ich ihm heute befehlen ließ, in meinen Geschäften nach Frankfurt zu reiten. Kaum nahm er sich die Zeit, noch eine Messe zu hören, und fort war er, wie ein Irrlicht. Dennoch ist er dem Tyroler zugethan, mehr, denn Ihr es mir zu seyn scheint.« – Diese Neuigkeit belebte auf einmal den zwischen Pflicht, Minne und Eifersucht Schwankenden. »Gott [307] erhalte Euch, kaiserlicher Herr!« rief er hochaufathmend: »so der Montfort von Costnitz gewichen, will ich ja gerne für Euch reiten, denn nun weiß ich meine Lieb vor seinen Drohungen sicher. Doch ein Wort des Abschieds mögt Ihr mir wohl gönnen, Herr König!« – Sigmund winkte ihm kurz, aber billigend; und, nachdem er dem Wildmeister den Befehl zugeflüstert, keiner Seele, – ihn, den Kaiser ausgenommen – Zutritt zu der Fremden zu gestatten, zog er mit seinen Stallmeistern seines Wegs, ohne auch nur den Kopf nach der Sänfte zu drehen, die indessen in des Wildmeisters und Königseck's Nähe anlangte. Der Letztere öffnete zierlich und geschmeidig die Vorhänge, hinter welchen eine dichtverschleierte Frau saß, – sprach mit glatten Worten von des Kaisers Willen, seinem Gehorsam, und dem Schmerz, den er empfinde, sie nicht gänzlich an Ort und Stelle geleiten zu können. Zugleich stellte er ihr den Herrn von der Rhön vor, als ihren weitern Schirm und Beschützer. »So lebt denn wohl, und nehmt meinen Dank, Herr von Königseck!« erwiederte eine gleichgültige Stimme, die dem Wildmeister bekannt und drohend in die Ohren klang: »Ich bin mit meinem neuen Geleitsmann völlig zufrieden, setzte sie hinzu, und aus dem gelüfteten Schleier blickte ein Antlitz, das Bilger's Herz mit starrem Entsetzen erfüllte.« Er schwankte auf seinem Rosse, da er in Wallradens Züge schaute. Das Fräulein grüßte ihn unbefangen, reichte dem scheidenden Bräutigam die Hand, und verschloß wieder sorgfältig die Vorhänge ihres Tragsessels, da Königseck von dannen sprengte, [308] und der Zug sich gen Mörsburg weiter bewegte. Bilger war zu Stein geworden, während im innersten Busen sein Herz tobte und hämmerte, wie das eines flüchtigen Verbrechers. Erschüttert ritt er der Sänfte nach, und blickte vergebens zum Himmel nach Trost und Fassung auf. Sein Geschick lag schwer auf ihm, und schwarz war ihm wieder plötzlich die Zukunft geworden, dunkel wie die Nacht und der Nebelschleier des Firmaments, der nur so viel Mondstrahl durchließ, als nöthig war, um die fürchterliche Pracht der kämpfenden Wolkengebirge bewundern zu können. »Das ist kein gut Zusammentreffen!« seufzte er vor sich hin: »Was soll daraus werden? O ich Unglücklicher! Ich selbst muß das Unheil in mein Haus führen, ... mein eignes Verderben an der Flamme meines Herdes niedersitzen lassen! Wehe mir!« –

Des Wildmeisters Hausfrau empfing die Kommenden auf der Schwelle des Schlosses mit gastlicher Freundlichkeit. Wallrade erwiederte ihren Gruß auf dieselbe Weise, und wandelte an Katharinens Hand zu der Wohnstube, woselbst ein einfaches Mahl bereitet war. »Fürwahr;« sprach das Fräulein mit zuvorkommender Sanftmuth, die den Herrn von der Rhön wohlthätig anregte: »Ich weiß nicht, edle Frau, wie ich zu einer genügenden Entschuldigung gelangen soll; daß ich mich so störend in Eure Hauswesen dränge. Wahrscheinlich verdanke ich nur der auserlesensten Fürsprache den biedern Willkomm, der mich in Euerm kleinen Familienkreise schon im Augenblick meines Eintritts heimisch macht. Vergebt daher der Überlästigen.« – Bilger's Ehewirthin [309] antwortete auf diese bescheidnen Worte aus der Fülle ihres guten Herzens, und ein gutes Verständniß, wie es öfters zwischen Frauen sich befestigt, – wenn auch nur durch luftgewebte Bande – spann sich auch hier an. Die Fremde wußte durch alle kleine Künste, die sich unbemerkt in Gespräch und Thun entfalten, das Vertrauen der Hausfrau zu erringen, und sich über das Gemüth derselben in's Klare zu setzen. Katharine, dieß einfach herzlichgute Wesen, schlicht, wie das Kleid, das sie trug, aber auch rein wie dieses, verhüllte nicht lange den Spiegel ihrer Seele, ohne daß sie daran gedacht hätte, einen Blick unbescheidner Neugier in die Augen des Gastes zu werfen. Die von dem Kaiser und ihrem Gatten ihr Anvertraute nahm nun die erste Stelle in ihrem Hauswesen ein. Sie war das Ziel aller kleinen Sorgen und Rücksichten geworden. Zart und anspruchslos bot ihr Katharine ihre dienstfertige Freundschaft, empfahl sie ihrer Güte das aus dem Schlummer erwachte Kind. Bilger sah dieß Alles mit an, und freute sich der Milde seines gefürchteten Besuchs; aber diese Freude war im Grunde nur die scheue Hoffnung auf einen bessern Ausgang. So unbefangen und heiter auch seine Züge schienen, wenn der Wohlstand verlangte, dem Gaste einige Worte der Theilnahme zu schenken, oder auf irgend eine gleichgültige Frage desselben zu antworten, so finster wurde sein Auge, so sturmbewegt sein Herz, wenn er sein Kind in den Armen der Fremden sah; wenn er vernahm mit welchen Schmeicheltönen sie das Mägdlein kirrte, – mit welcher Bereitwilligkeit das Kind ihre [310] Liebkosungen erwiederte. Ihm war, als müsse er dazwischen treten, sein Eigenthum an seine Brust drücken, um es vor bösem Zauber zu retten; aber kraftlos sank der aufgerichtete Nacken, und die ausgestreckte Hand, so bald Wallradens Blicke auf ihn fielen, und seine Gattin in ihrer unschuldigen Fröhlichkeit betheuerte, ihre Tochter habe sich außer den Eltern noch Niemand so liebevoll genähert, als ihrer werthen Gastfreundin. – Erst spät trennte man sich. Katharine geleitete das Fräulein auf ihr Gemach, und verrichtete den Zofendienst bei ihr, während der Wildmeister im weiten Armsessel bei düstrer Lampe Schimmer einsam und unruhig sich bald hin und her warf, bald mit verschränkten Armen wehmüthig und kummervoll vor sich hinsah. Die kurze Viertelstunde, binnen welcher sein Weib abwesend war, dünkte ihm eine Ewigkeit, und mit einer besondern Ängstlichkeit, schlecht verhehlt, um desto auffallender jedoch, suchte er in den Augen der Zurückkehrenden zu lesen. Katharine konnte nicht Ausdrücke genug finden, um die sanfte Herablassung und Bescheidenheit des Fräuleins zu beloben, und machte schließlich dem Gatten kund, daß die Fremde ihn morgen auf ihrem Gemache erwarten werde, um ihm einen Auftrag von hoher Wichtigkeit anzuvertrauen. Flammen schlugen nun aus dem bisher bleichen Gesichte des Herrn von der Rhön, und Katharinens Unbefangenheit konnte nicht umhin, diesen schnellen Farbenwechsel zu bemerken. – »Was ist Dir, guter Rudolf?« fragte sie besorgt: »bist Du krank? Dein Antlitz ist bald Glut, bald Asche. Du fieberst. [311] Rede doch; – reiße mich aus meiner Angst.« – Der Wildmeister lächelte verlegen, und versuchte es, ihrer Besorgniß zu spotten. »Ei, lieb Weib, wo denkst Du hin?« erwiederte er, so gefaßt als möglich: »Mir ist wohl, trotz Einem, und Du wirst mir's glauben, wenn ich Dir sage, daß ich jetzt noch nach den Fallen sehen will, die ich im Zwinger stellte. Ich vernahm vorhin einen Laut, wie das Gebelle eines Fuchses. Gewiß hat der Feind unsers Hühnerstalles, dem ich so lange nachgestellt, die Schnauze oder eine Klaue in der Falle gelassen. Geh indessen zu Bette; ich komme bald zurück.« – Katharine wollte ihn von diesem späten Rundgange abwendig machen, allein er blieb unbeugsam bei seinem Vorhaben. Ihm ward leichter, da er in der freien Luft stand, und der Nachtfrost kühlte wie ein weicher Balsam seine glühenden Pulse. Er löschte die Leuchte, die des Mondes Schein entbehrlich machte, und wandelte in dem Mauerschatten des schmalen Zwingers nachdenkend und überlegend dahin, bis ihn endlich im Dahinlaufen auch die Bewegung verließ, und er sich unwillkürlich fest in die dunkle Ecke schmiegte, welche das vorspringende Marienbild am Brunnen bildete. Während er nun sich in unbeweglicher Fühllosigkeit seinen trüben Gedanken überließ, hörte er jenseits des Verhau's am Graben einen leisen Werdaruf, und das Gesumme zweier Männerstimmen, das im Anfang unverständlich, dem aufmerksamen Zuhörer in der stillen Nacht bald vernehmlich wurde. »Ei so rede, Bertram,« sprach die eine Stimme: »überall verschlossen, sagst Du?« – »Wie ein Kloster;« [312] erwiederte der andre Mann: »Der grimmige Thorhüter berichtete mir, daß in der Nacht niemals ein Pförtchen geöffnet werde.« – »Sie ist aber doch im Schlosse?« fragte der Erste weiter. »Ohne Zweifel,« antwortete der Zweite: »man hat sie ja in der Dämmerung einreiten gesehen. Der Wildmeister hatte sie eingeholt.« – »Teufel! wenn ich genarrt wäre!« brummte der Erste: »Ihr Brieflein lautet so honigsüß, aber auch Gift kann man mit Honig würzen.« – »Ja wohl, Herr Graf;« meinte der Andre: »'s wäre nicht die Erste, die einen biedern Rittersmann Meilenweit am Faden gezogen hat.« – »Wenn das wäre, – wehe ihr!« sprach der Herr mit entschloßnem Tone: »Morgen wird sich's finden. Bleibt mir auch noch dann der Zugang zu ihr versperrt, so weiß ich, was davon zu halten sey, und kann das Schwert wetzen nach Lust und Rache. Ha; wäre der Kaiser nicht zurückgeritten nach der Stadt, ich würde glauben, das Weib lasse sich gefallen, mit uns den Fasching zu verlängern, aber der Himmel verdamme mich, wenn ich ......« Die Worte verklangen; weil der Sprechende sich vom Graben entfernte, und auch die Fußtritte der beiden Nachtwandrer verhallten bald in den nächsten Gassen. Der Wildmeister machte sich aus seinem Versteck hervor, und schlich nach seinem Wohngebäude. Bitter lächelnd schüttelte er den Kopf, schlug er die Arme übereinander. »Vor einem solchen Weibe muß ich schweigen?« seufzte er: »Sie, die mit Jedem ihr Spiel treibt, wie ich ververmuthe, – sie muß ich scheuen! Hartes Verhängniß, das mich in Fesseln schlug, die nur der Tod zu [313] lösen vermag! Rette nur Weib und Kind von Gefahr. Nur sie verschone!«

Wohl streckte er sich auf das weiche Lager, wohl schloß er die Augen zum Schlummer, aber das Bette wurde ihm zur Dornenhecke; ein qualvolles Wachen, nur dann und wann in Fieberträume ausartend, machte ihm die Nacht zu einer Ewigkeit von Pein. Und dennoch bangte ihm, da der Morgen graute, vor dem Tage. Zögernd entwich er seiner Lagerstätte, und ängstlich zählte er die Stunden, bis endlich diejenige herankam, die ihn zu seinem Gaste beschied. Erst nach wiederholter Aufforderung von Seiten seiner Gattin trat er den sauren Weg an, und klopfte mit zagendem Finger an die Thüre von Wallradens Gemach. Das Fräulein saß mit weiblicher Arbeit beschäftigt unfern von dem Ofen des weitläufigen Zimmers, und nickte kaum mit dem Haupte auf Bilger's geziemenden Gruß. Der Wildmeister fragte, näher tretend, mit unsichrer Stimme nach der Herrin Begehr. Wallrade heftete einen langen Blick auf den Schüchternen, einen Blick, in dem der Triumph eines entschiednen Übergewichts lag, und sprach, von der Frage abweichend, mit der Freundlichkeit, die den Scorpionstachel führt: »Zuvörderst meine Entschuldigung, Herr von der Rhön. Ich konnte mir jedoch die Lust nicht versagen, Euch in Eurem Hause heimzusuchen. Meine Ankunft kam Euch überraschend, fürchte ich.« – »Ich läugne es nicht;« antwortete Bilger mit Ruhe: »welches indessen auch der Beweggrund sey; laßt mich ihn vernehmen.« – »Ich stelle Euren Scharfsinn auf die Probe;« fuhr Wallrade [314] nach einer kleinen Überlegung fort: »Errathet, was mich zu Euch führt.« – »Dürfte ich,« sprach Bilger gemessen: »dürfte ich Euerm Munde glauben, was er gestern Abend sprach zu mir, zu Katharinen und dem Kinde, so möchte ich fast hoffen, daß Friede in Euerm Gefolge kömmt. War jene Freundlichkeit nur Larve, so fürchte ich um so mehr für meine Ruhe.« – »Das böse Gewissen pocht wieder an die Pforte;« entgegnete schlau lächelnd das Fräulein: »ich bin indessen nicht so böse, als Ihr glaubt, Bilger. Ich komme, Euch Gelegenheit zu geben Eurer Sünden quitt zu werden, mit einemmale. Es gilt die Erfüllung eines geringen Wunsches, und ich verspreche Euch,« – sie begleitete diese Verheißung mit einem verächtlich niedergleitenden Blicke – »mich ferner weder um Euch zu bekümmern, noch um diejenige, die Ihr Euer Weib nennt.« – »O sprecht, .. was ist's?« fiel der von der Rhön lebhaft ein: »Sprecht, wodurch werde ich Eurer Verachtung würdig? womit erkaufe ich das Glück, mich von Euch vergessen zu sehen?« – »Es gab eine Zeit,« versetzte Wallrade beißend: »wo alle Schätze der Welt Euch nicht über meine Gleichgültigkeit hätten trösten können. Die Jahre wechseln jedoch: mit ihnen des Menschen Sinnesart. Wohlfeiler kauft Ihr übrigens keine Lust auf Erden, als meine Verachtung, wenn Euer Arm noch nicht verlernte, das Schwert zu führen, oder Euch noch ein Keller zu Gebote steht, in dem sich's allenfalls sterben läßt, ohne von der neugierigen Mitwelt zu Grabe geleitet zu werden.« – »Eure Worte sind mir eben so viele Räthsel,« erwiederte [315] Bilger: »spannt meine Erwartung länger nicht auf die Folter. Hat jemals Mitleid Eure Brust bewegt, – o so versetzt Euch in meine Lage. Ein der Hölle Verfallner dürstet nach der Möglichkeit, wieder den Frieden zu gewinnen. Sprecht, ... wie erringt er das verlorne Kleinod?« – »Euer häuslich Glück hat Euch zum Kinde gemacht;« spöttelte Wallrade. »Indessen, ohne lange zu grübeln oder zu zögern, vernehmt, was ich von Euch begehre. Ein Mann wird sich heute oder morgen an den Thoren dieses Schlosses zeigen, und den Zutritt zu mir begehren; er wird sich auf eine Aufforderung von meiner Hand stützen. Ein kühner Blick, ein braunes Antlitz und eine hohe Schulter zeichnen ihn aus. Mit einem Worte: der Graf von Montfort ist's, den ich zu fürchten Grund habe. Der Eitle warb um meine Gunst, bildete sich ein, in deren Sonnenhöhe zu stehen, und hat mir entsetzliche Rache geschworen, da er seinen Irrthum einsah. Ich, ein schwaches unvertheidigt Weib, müßte früh oder spät seiner Unversöhnlichkeit zum Opfer fallen; darum hab ich's vorgezogen, den Eisenkopf durch List in eine Schlinge zu ziehen, der er nicht entrinnen soll, sobald Ihr mir die Hand reicht. Der Kaiser hat mich Euch vertraut; ich weiß es, denn ich halte die Fäden des Gewebes. Verseht Euer Amt; der zudringliche Frauenschreck finde an Euerm Schwerte seinen letzten Augenblick, oder verkümmre auf ewig in Euerm Verließe. So nur sättigt sich mein beleidigt Ehrgefühl, so nur beruhigt sich mein Herz.« – Bilger schwieg betroffen eine lange Weile; darauf wandte er [316] sein kummertrübes Auge zu Wallraden, und sprach: »Ist es denn nicht genug, Wallrade, daß Deine grausame Arglist gerade mein Haus ausgesucht zum Schauplatze Deiner trügerischen Ränke? Gerade meine Obhut angesprochen zum Schutze gegen betrogne Freier, zum Deckmantel eines unwürdigen Verhältnisses, das eine Königskrone selbst nicht zu adeln vermag? Muß denn auch meine Hand es seyn, die Du aufforderst in unritterlichem Thun?« – »Und wessen Hand sonst?« fragte Wallrade kurz und herrisch: »Ist sie nicht mein? Ich dinge keine Miethlingsfaust, so lange ich einer Leibeigenen zu befehlen habe. Auf Euch kömmt's an, ob Ihr meinem Recht im Stillen huldigen wollt durch Gehorsam, oder ob ich mein Eigenthum vor dem Reiche zurückzufordern habe.« – »Welch einen Preiß verlangt Ihr, Unbarmherzige!« wendete Bilger seufzend ein: »Um ein Vergehen zu sühnen, soll ich ein doppelter Verbrecher werden!« – »Wählt!« rief Wallrade streng: »Der, der mir Rache schwur, darf nicht mehr athmen unter den Lebendigen. Schafft ihn hinweg, und Vergessenheit des Vergangnen, die Ruhe Eurer Zukunft sey Euer Lohn. Weigert Euch hingegen, undaus sey das Gaukelspiel. Ich werde reden, wo Ihr verstummt, und aus meinem Munde sprudle ich Schande auf Euer zerbrochnes Wappenschild, Schande und Tod auf Euer Haupt, Zeter und Schmach auf Alle, die Euch angehören.« – »Halt ein! giftgeschwollner Wurm, der meines Lebens Blüte zernagte!« unterbrach Bilger ungestüm die Zürnende: »Die tiefste Erniedrigung hat eine [317] Gränze. Zehnfach schon büßte ich für den mir abgedrungnen Frevel; nicht länger will ich vor den Drohungen eines Weibes, zittern, das ich verabscheue. Zu Deinem Wächter wurde ich bestellt, nicht zu Deinem Mordknechte. Das will der Kaiser nicht, der getäuschte Kaiser, der nicht ahnt, was Deine glänzende Hülle birgt. Aber, er wird meine Stimme hören; zu seinen Füßen will ich Alles bekennen; er wird verzeihen, mir die Ritterhand reichen!« – »Verzeihen? retten?« lachte Wallrade tückisch: »Thor! vergeßt Ihr, daß Sigmund zu meinen Füßen liegt; daß er seine Pflichten hintansetzt, um mir hier in stiller Abgeschiedenheit seine Huldigung darzubringen? Ein Wort nur kostet's mir, und Ihr steht auf dem Rabensteine, .. Katharine wandert zum Spittel, und Eure Kinder – hört Ihr? – Eure Kinder, Blödsinniger, sind schmachbedeckte Bettler!« – Mit einem Laut aufzuckender Verzweiflung taumelte Bilger zur Thüre, die jedoch im selben Augenblick von einem rasch Daherstürmenden aufgerissen wurde. Der Graf von Montfort stand vor den Staunenden. »Ich will doch sehen,« sprach er in ungestümer Jast: »ich will doch sehen, ob eine Thüre hier im Schlosse dem Geschlechte Montfort verboten seyn kann, das in Habsburg's Vesten frei aus- und eingeht. Ihr habt unhöfliche Wächter zu Euren Thoren bestellt, Herr von der Rhön. Die Bursche wagten es, einem Manne von meinem Ansehen den Einritt streitig zu machen, obwohlen mich Ehre und Minne hieher berufen.« – »Sie thaten nach meinem Gebot;« erwiederte Rudolph, der in dem Trotz des Fremdlings [318] seine Fassung wieder gefunden hatte. – »Desto schlimmer!« brauste der Graf auf: »Ich werde, sobald ich diese Dame hier gesprochen, auch mit Euch ein Wort reden, wie es waffenfähigen Mannen zukömmt. Bis dahin verlaßt uns!« – Bilger gab nichts auf die wegweisende Geberde, und versetzte kalt und bestimmt: »Ich bin der Hüter dieser Edelfrau; befugt, zudringliche Gäste von ihr abzuhalten. Ihr seyd ein solcher, und sie fürchtet von Euch Gefahr. Darum geht in Gutem, ehe ich vergesse, welches Wappen Ihr führt.« – »Montfort's Heerschild war seinen Gegnern immer schrecklich;« antwortete der Graf mit blitzendem Auge: »ich muß mich wundern, in Euch einen hartnäckigen Feind zu treffen, da Euch Niemand aufgefordert, mir die Spitze zu bieten. Das Fräulein von Baldergrün ist von keinem Manne abhängig, und als die Freundin Eures Ehgemahls nicht Eure Magd geworden. Ihr Wunsch berief mich hieher; ich begreife deßhalb nicht, wie Ihr es wagen mögt, zwischen mich und meine Braut zu treten.« – »Eure Braut?« lachte Bilger bitter: »Gleichviel; ich muß Euch bitten, außer diesem Schlosse den Freiwerber zu machen; so lange Fräulein Wallrade in dem Hause wohnt, das ich bewache, treibe ich die Überlästigen von meiner Schwelle.« – Ein Blick, zermalmend wie der Blitz, flammte aus Montfort's Auge über den kühnen Wächter, und zornschnaubend wendete sich der Graf zu Wallraden. »So sprecht doch Ihr, Fräulein;« stammelte er: »sprecht doch selbst. Duldet es nicht, daß Euer Bräutigam, ein Werdenberg, von einem Dienstmanne [319] beleidigt werde, wie man einem unverschämten Possenreisser zu thun pflegt. Redet: bin ich nicht hier mit Eurer Genehmigung, in Folge Eures Begehrs?« – Unverwandten Blicks betrachteten die beiden Männer Wallraden, die, gleich einer verschämten Braut, die Augen niederschlug, und endlich zögernd begann: »Was uns bindet, was uns verknüpft, edler Montfort – gehört es wohl vor den Richterstuhl des harten Mannes, der ohne meine Zustimmung den Meister über mich zu spielen wagt? Der Gewalt des Augenblicks unterthan, darf ich nicht reden, wie mein Herz es verlangt. Wenn Freiheit wieder mir geworden – nur dann fragt mich wieder.« – »Bei des Erlösers Geburt!« antwortete Montfort, den Kopf schüttelnd: »Eure Reden sind mir dunkel wie die sybillinischen Bücher. Das Eine nur ersieht mein Verstand daraus, daß Ihr weniger ein Gast in dieser Burg seyd, denn eine Gefangene, und wenn ich mir alles zusammenreime ...... so steckt Lüzelburgsche List hier unter der Decke. Darum sollt' ich gen Frankfurt reiten? Höll' und Teufel! weiche aus dem Gemache, königlicher Kuppelknecht!«

Die schwere Beleidigung entrüstete den Wildmeister dermaßen, daß er wüthend nach der Klinge faßte, aber eine rasche Geberde Wallradens, die ihm über die Schulter des vertretenden Grafen ein Zeichen gab, denselben nicht zu schonen, bändigte das Gefühl gereizter Ehre, um nur der unbegränztesten Verachtung Raum zu lassen. Bilger hielt den Arm des streitlustigen Montfort auf, und sprach zu dem Staunenden: »Laßt die Waffen ruhen, Herr [320] Graf, und scheltet mich nicht feige, ob solcher Aufforderung. Schön ist's, für die Ehre einer tugendhaften Frau das Leben auf das Spiel zu setzen; aber allzukostbar ist das Blut zweier Biedermänner, wenn es dem Verrath zum Opfer fließen soll!« – »Was bedeuten diese Worte?« fuhr der Graf auf: »Hinter Euch lauscht der Verrath, der mich verderben soll, und meines einst'gen Weibes Ehre.« – »Wünscht Euch das Ungeheuer nicht zum Weibe!« brach Bilger los von Wallradens Trotz empört: »Nicht ich legte Euch Schlingen; – die Gräßliche hat selbst Euch verlockt, und mich zu einem Henkerdienste aufgefordert, den ich ihr verweigerte. Verrathner! Sie hintergeht Euch, den Königsecker, und ihren fürstlichen Buhler. Ihr Leben war nur eine Lüge. Nie hat diese stolze Felsenbrust das Gefühl gekannt; nie noch Liebe empfunden. Blos das Feuer wilder Lust, oder des Hasses Glut entzündet ihr Herz. Die Bande des Blutes, wie der Neigung tritt sie zu Boden, und nimmer noch verzieh sie dem, der nur mit einem Blicke sie geschmäht. Glaubt mir, getäuschter Montfort; ich kenne die in böser Leidenschaft Unersättliche. Verlaßt sie, folgt nicht ihrer Spur. Lächelnd mordet sie Euch, und spottet Eurer im Arme eines Andern, dem ihre Hinterlist ein Grab neben dem Eurigen gräbt.«

Bilger schwieg erschöpft mit bebender und bleicher Lippe, und seine heftige Rede hatte ihre Wirkung auf Montfort's Gemüth nicht verfehlt. Der Graf stierte den Sprecher athemlos an, und trat scheu von Wallraden zurück. – »Welch ein Scheusal [321] malt Ihr mir!« sprach er endlich mit halb unterdrückter Stimme: »Diese gleisende Hülle wäre also wirklich nur der Balg einer giftigen Schlange? Meine Ahnung, meine innerste Seele hätten mich also nicht hintergangen? Ja, ja, Herr von der Rhön! Ihr habt wahr geredet; Wallradens stumme Lippe bezeugt es, die Todtenfarbe, die ihr Antlitz überzieht. Eure unerwartete Offenherzigkeit hat ihre Gestalt in Stein verwandelt, aber diese Hülflosigkeit der Sünde erregt nicht mein Mitgefühl; sie reizt mich nur auf zur That, und ich will untersuchen, ob auch ihr Herzblut zu Eis geworden ist!« –

Mit einem durchdringenden Schrei flog Wallrade zum Fenster, da der blindwüthende heftige Mann mit dem Stahle in der Faust auf sie zustürzte. Bebend wie das Laub der Espe umklammerte sie den gehaßten Rudolph, der sich mit aller Mannskraft zwischen die Beiden geworfen hatte, und mit übermenschlichem Ringen den gereizten Tiger von seiner Beute abhielt. Nach heftigem Kampfe mußte der schwächere Graf von seinem blutigen Vorhaben ablassen, und ergab sich zähnknirschend in den Willen des Überwinders, der seine Pflicht, Wallraden nichts Leides geschehen zu lassen, als eine heilige behauptete, und den Bezwungnen ermahnte, augenblicklich das Schloß zu verlassen, und des Königs Frieden nicht länger zu stören, wolle er nicht Hand und Haupt verwürken. »Wohl!« keuchte Montfort, mit seinen wilden Blicken Wallraden durchbohrend, die eine wundersame Mischung von Frechheit, Wuth, Furcht und drohender Schadenfreude in ihren Zügen [322] trug: »Der Bann des Königs ist mir heilig; des Königs Metze nicht. Zittre Weib, mir jemals wieder zu begegnen! Zittre vor meiner Vergeltung. Montfort kennt nur eine Liebe, aber auch nur einen ewigen Haß!« Mit furchtbaren Geberden ging er davon, schwang sich auf das Roß, das sein Leibknecht im Hofe hielt, und sprengte wie ein Rasender über die Schloßbrücke. Bilger hatte nach ihm Wallradens Zimmer verlassen wollen; das Fräulein hielt ihn jedoch mit Riesenkraft zurück, obgleich ihre Pulse flogen, die Lippe zitterte, und der Busen sich so ungestüm hob, daß jedes Wort nur gebrochen und klanglos ihrem Munde entfliehen konnte. »Einen Augenblick noch;« stammelte sie, während die Hölle in ihrem Auge aufflackerte: »hört mein letztes Wort zu Euch. Ihr habt mich entehrt und dem Feinde in tiefster Schmach gezeigt. Der Verbrecher hat über mich den Sieg davon getragen. Der Himmel mag Euch vergeben, von mir erwartet nun keine Schonung. Ich überantworte Euch dem Henker, der Schande Eure Buhlerin und ihre Brut.« – »Weib!« donnerte der Wildmeister rollenden Auges: »Verhänge über mich, was Du willst. Die Meinigen schone aber. Schone sie, oder ich würge Dich hier zu Tode!« – Schreckhaft fuhr Wallrade zurück, und erwiederte wie oben: »Um Euch ein neu Verbrechen zu ersparen, wohlan! so wählt eine härtre Strafe freiwillig, härter als der Tod. Flieht hinweg von Euerm Herd .... laßt Alles dahinten, was Ihr mit sündiger Liebe umfaßt; ... laßt Euern Namen vergehen und Euer Gedächtniß, wie das eines Gestorbnen, [323] und ich will schweigen, will genug haben an Euerm langsamen Dahinwelken auf fremdem Boden, genug an der ewigen Trauer der verlassenen Waisen! Aber fort müßt Ihr seyn, ehe noch das Abendroth niedergeht; fort ohne jemals wiederzukehren, sonst nehm' ich mein Gnadenwort zurück. Wählt! Werdet flüchtig wie Kain und lebet, oder bleibt und sterbt mit den Euern!« – Die Drohende ließ des vernichteten Mannes Hand los, und er enteilte wie wahnsinnig dem Aufenthalte seiner erbitterten Feindin. Im Sturme seiner Gefühle hatte er nicht die Hornklänge vernommen, die einen neuen Besuch angekündigt hatten, welcher eben die Treppe heraufkam. Der Kaiser war es wieder; zu seiner Rechten die schüchterne und ängstliche Hausfrau des Wildmeisters, die ihrem verstörten Gatten Blicke der furchtsamsten Besorgniß zuwarf. Denn Sigmund war nicht der leutselige herablassende Fürst, wie er noch gestern sich gezeigt; heute glühte die Röthe des Zorns auf seiner Stirne, und von beleidigtem Stolze, vielleicht auch von Eifersucht glänzten die Augen. Kaum eines Blicks würdigte er den Wildmeister. »Ihr kommt sehr spät, um meinen Willkomm zu empfangen!« herrschte er dem Bestürzten zu: »Auch bin ich in Verlegenheit, wie ich Euch zu begrüßen habe: als einen minnelustigen Fant, der in einem fremden Garten Früchte naschen möchte, die ihm nicht bestimmt; oder als einen schlauen, aber ertappten Kuppler.«

»Kaiserliche Majestät!« stotterte Bilger, empört und gekränkt. – »Als einen schlauen aber ertappten Kuppler!« fuhr Sigmund kalt und vernichtend [324] fort: »Ich sagte es, und wahr ist mein kaiserlich Wort, denn so eben hat erst der pflichtvergeßne Montfort das Städtlein und dieses Schloß verlassen. Rechtfertigt Euch nicht, fürchtet meinen Zorn, und weicht ihm aus. Euer Weib wird mich an Eurer Statt zu dem Gemache des Fräuleins von Baldergrün geleiten.« – Verächtlich wandte der Kaiser dem Betroffnen den Rücken, und Catharine, nachdem sie durch klagende Geberden den Antheil ausgedrückt, den sie am Mißgeschicke ihres Gatten nahm, folgte dem Herrscher unterwürfig.

Wie ein Trunkner taumelte Bilger die Stiege hinunter, auf deren letzten Stufe Preyswerck, des Kaisers Hofnarr und lustiger Rath saß; sein einziger Begleiter auf dem Ritte zum Liebchen. Der Bursche nickte freundlich mit dem geschornen Haupte dem Wildmeister zu, und sprach, indem er ihn am Saume des Gewandes festhielt: »Wollt Ihr ein schön Stücklein lernen, wie es die Sperlinge auf den Dächern, und die Narren auf allen Gassen singen?« – »Laßt mich;« gab Bilger unwirsch zur Antwort: »mir ist's jetzo wahrlich nicht um der Narren Gesang zu thun.« – »So?« fuhr Preyswerck gemüthlich fort: »so? dann müßt Ihr zwei Stücklein lernen. Das Erste heißt: ›Herrengunst und Vogelsang ist lieblich, aber dauert nicht lang‹ – und das Andre, das Ihr nothwendig wissen solltet, wärt Ihr ein vollendeter Waidmann, ist nach des Roland's Melodie zu singen und klingt also: ›Edler Falk, man spannt auf Dich, schüttle Dein Gefieder! Edler Falk, so flüchte Dich – kehre nimmer wieder!‹« – »Habe[325] Dank, ehrlicher Narr!« erwiederte der Wildmeister: »Den Rath, den Deine lustige Zunge gab, muß meine Verzweiflung, befolgen. Grüße mein Weib tausendmal und dem Kaiser sage: Bei dem Zorne sey keine Gerechtigkeit, darum wollte ich auch keine von ihm verlangen, sondern hingehen, wo man mich nicht zwingt, ein lockres Weib statt des Wildes zu hüten. Catharine möge mein gedenken, und ...« Ausbrechende Thränen machten ihn hier in seiner Rede verstummen. Gewaltsam: riß er sich von dem lustigen Rathe los, stürzte in das Zimmer, wo seine Tochter harmlos spielte, drückte die Kleine unzähligemale an seine Brust, schwang sich auf ein ungesattelt Pferd, und verließ auf dessen schnellen Hufen das Haus, das er wie ein Geächteter und Gebannter zu fliehen gezwungen war. Der Gedanke, Sigmund's Entrüstung werde sich neu entzünden an Wallradens Wuth, gab seinem Rosse den scharfen Sporn, und weniger sein bedrohtes Leben suchte er in Sicherheit zu bringen, als seine Ehre, den Leumund der Gattin, und seines Kindes zukünftig Geschick.

14. Kapitel
[326] Vierzehntes Kapitel.

Du fauler Bote! Sag' an Deine Post. Deine Zunge ist lahm, wie

Dein Gaul. – Herr! ich reite auch kein Freudenpferd.

Alt. Schauspiel.


Die merkwürdige Sitzung des Conciliums, in welcher die Väter desselben, um die Hyder, die die Christenheit umschlungen hielt, mit einem Streiche zu vertilgen, die Absetzung der drei Päpste beschlossen, und Papst Johann – zu ohnmächtig und zu staatsklug, um der Übermacht zu widerstreben – in eigner Person die Absetzungsformel verlesen hatte, war vorüber, und die Zuhörer, wie die Beisitzer, staunend über das bisher Unerhörte, begaben sich in zahlreichen gedrängten Scharen nach ihren Häusern. Dagobert in seiner geistlichen Tracht war mitten darunter, und schlenderte unbefangen, dem Vesperbrode entgegenharrend, durch die Straßen, als plötzlich unter dem Schwarme der Vorübereilenden, eine derbe Faust seine Rechte ergriff und herzlich drückte: »Hoch lebe das Concilium, alle drei heilige Väter und vorab der gefällige und nachgiebige Johannes!« jauchzte der ungestüme Freund, der Gerhard in Lebensgröße war. – »Willkommen! alter Kumpan!« entgegnete ihm der froh überraschte Dagobert: »Bist Du wieder zu Tage gekrochen, wilder Jäger? Haben sie Dich aus der Eulen Nest gelassen? Und rede, wie kömmt's, daß Du frei und frank vor mir stehst?« – »Für's Erste,« antwortete der Hülshofner, »neigt [327] Euch in Demuth vor meinen Tugenden, die Ihr nie geahnt habt. Drei völlig und gut gezählte Wochen saß ich im Schatten, wo es nicht hinregnet noch schneit, wo nicht Thau noch Sonnenstrahl zu sehen, und während dieser Frist, die, reimweis zu reden, keine geringe ist, habe ich kein Einzigmal geplaudert, denn sonst stolzirtet Ihr wohl nicht so junkerlich und freiherrlich hier herum. Der Syndikns, ein wahrer Pestilenzer, hat mir zugesetzt gleichwie mit glühenden Zangen, und dennoch, und dennoch ... dennoch nichts verrathen. Kreuz und Dorn und Stein! 's hat schier Funken gegeben. Die Pfaffen gaben verdammte Zeugschaft, die leichtfertigen Jägerinnen, deren Geschwätz mich in die klägliche Geschichte hinein gebracht hatte, meinten, sie müßten mir an den Hals zur Strafe, daß ich der Kaiser nicht gewesen, während das Klostergesindel mich braten wollte, weil's mir eingefallen, zur Unzeit kaiserliche Majestät zu seyn. Von Euch erfuhr ich nichts; meine Herren von Frankfurt hatten mich aufgegeben; ich saß in der Brühe, und ärgerte mich nur darüber, daß ich nicht einmal wußte, in welcher. Bald sollte ich einen Ketzer befreit, bald ein ganzes Kloster an den Rand des Grabes gebracht haben, und was des tollen Zeugs mehr ist. Ich spielte jedoch den Klugen, schwieg fein und säuberlich, und leugnete wie ein Heide. Zum Glück hatte ich vor der abscheulichen Verhaftung den wilden Jäger in Eure Obhut gebracht, und konnte mich herzhaft auf den langen Christoph berufen. Das drang denn endlich allgemach durch; ich bekannte mich selbst nicht schuldig, leugnete daher auch alle Mitschuldigen, [328] und heute bin ich denn auf Befehl des Kaisers, der den heutigen Tag als einen großen zu feiern gedenkt, nebst einer Menge von Leuten, die entweder einem Fastnachtsstreich oder einem minniglichen Abenteuer oder auch einem harten Gläubiger ihre Haft verdankten, in Freiheit gesetzt worden. Mein gutes Glück ließ mich alsobald auf Euch stoßen, von dem ich wenigstens als billige Entschädigung einen Imbis erwarte, wie er lange meinen Gaumen nicht gekitzelt.« – »Was meint Ihr zu gefalznen Hechten mit Peterlein, und einem Römer Weins aus der Marggrafschaft?« »Sollst haben, was Dein Herz begehrt,« versicherte ihm der Jüngling freundlich: »Du bist der bravste Edelknecht in deutschen Landen, wie der verschwiegenste. Freilich trug auch die magre Kost im Gewahrsam viel zu dieser letztern Tugend bei; indessen.« ... – »Indessen ist's doch immer lobenswerth;« unterbrach ihn Gerhard fast grob: »Wie viele Leute gibt's, die selbst beim Wasserkrug das Maul nicht halten können? Wunderbarer ist's, daß der alte Schneider Velsner, der die Larven hergeliehen, meine Verschwiegenheit theilte.« – »Das ging sehr natürlich zu, mein guter Altgeselle;« erwiederte Dagobert halb scherzend, halb ernst: »der Tod tanzte mit ihm den Kehraus in der Dienstagsnacht.« – »Das haben sie beide brav gemacht;« sprach Gerhard, andächtig ein Kreuz schlagend: »der weiße Tänzer, daß er kam, und der graue Schneider, daß er sich nicht sperrte, wie eine blöde Dirne. Ich wünsche dem wackern Meister die beste Kundschaft dort oben, obgleich ich ihn wieder [329] bedauern muß, daß er gerade in Aschermittwochs Hungertuch gefallen ist.« – »Ei du armer Schelm!« lächelte Dagobert: »siehst Du doch selbst aus, als ob Du dem Hungertuche gerade entschlüpft wärest. Zum Glück stehen wir, just vor der Herberge. Komm herein; laß Dir's schmecken; aus Dankbarkeit will ich Dein Küchenmeister und Mundschenk seyn. He da! Wirth und Wirthin herbei! Ihr Mägde und Kellerbuben spitzt das Ohr, denn der wackerste Kämpfer am Rheinstrome will tafeln, wie sich's gebührt, und Eure sparsame Fastenküche es erlaubt.« – Gerhard nahm mit wichtiger Feierlichleit an dem Tische Platz, und Leuchter, Wein und Becher standen flugs vor ihm aufgepflanzt. – Dagobert machte sich ein Fest daraus, dem ausgehungerten Schlemmer selbst den würzigen Trunk von Badens Rebhügeln zu kredenzen. – Die Wirthin schleppte Teller und Pfannen herbei. – »So, mein alter Kämpe;« scherzte Dagobert, während er ihm das Tellertuch um den Hals befestigte: »da sitzest Du wie der Kaiser am Krönungsbankett. Dein Bart könnte zwar saubrer geschoren, Dein Wamms reinlicher seyn, allein Dein guter Wille, der sich in der Art und Weise offenbart, wie Du nach dem Eßgeräthe langst, hilft allen übrigen Mängeln ab. Du wirst zwar den gewünschten Hecht vermissen, aber dieser nerrige Stockfisch mit Öl und süßen Rosinen ist auch nicht zu verachten, und solltest Du es für nöthig erachten, Deinen Durst erst zu reizen, so versehen jene gerösteten Picklinge, gewürzt vom scharfen Leipziger Senf, vollkommen den Dienst. So, mein Junge. Frisch in's[330] Handgemenge! ich will Dich kräftig unterstützen.« – Gerhard nahm sich des Verfechteramts eifrig an, und arbeitete bald mit vollen Backen, bald mit dem klingenden Messer, bald mit dem schäumenden Becher, auf dessen Grunde er dreimal ein Goldstück mit dem Gepräge des Freistaats Benegia fand. Dankbar drückte er dem Geber und Gastfreund die Hand und sprach: Solchen Bodensatz im Wein zu finden, lasse ich mir gefallen. Zu viel aber ist's der Freigebigkeit, da ich weiß, daß durch Eure Zwistigkeit mit dem wälschen Ohm Euer Geldseckel in Abnahme gerathen ist. – »Der Herzog Friedrich hat mir erlaubt, dann und wann aus seinem Beutel zu schöpfen, wenn ichs bedarf;« antwortete Dagobert: »Bei seiner milden Hand magst Du Dich demnach für dieß Geschenk bedanken.« –

»Ei, vor dem Herzog alle erdenkliche Ehrfurcht!« sprach Gerhard mit einem Sonnenblicke der Behaglichkeit: »Es gab zwar eine Zeit, wo wir Beide nicht auf dem besten Fuße zusammen standen, allein diese Zeit ist nicht mehr. Was konnte ich in der That auch dafür, daß der wackre Herr damals in ein Reiterwamms zu kriechen beliebt hatte? Am Kragen kennt man den Mann, lautet ein wahres und liebes Sprichwort. Wenn unser Vater Adam nicht die Kleider erfunden hätte, wären die vornehmen Herren übel daran, und nebenbei auch die gemeinen Leute, die am Ende nicht wissen würden, ob sie einem Andern oder sich selbst den Reverenz zu machen haben. Dem sey nun indessen, wie ihm wolle; ich bin mit dem Herzog versöhnt, und empfange um so [331] lieber die Goldpfenninge, die mir aus seinem Schatze durch Eure Freigebigkeit zufließen.«

»Versöhnt?« lachte Dagobert: »Altes Sieb, wie kömmst Du mit dem Habsburger zusammen, der Dich, – gerade heraus gesagt – ungefähr so leiden kann, wie der Rüde den Dachs?«

»Leiden konnte, Fröschlein, leiden konnte;« versetzte Gerhard in seiner ungestörten Friedlichkeit, indem er die letzten Reste der Piklinge versorgte: »Seine herzogl. Gnaden sind aber jetzo mindestens nicht ungnädig auf mich. Im Gegentheil. Der versöhnliche Fürst hat mich durch den Herrn Schöffen von Braunfels auffordern lassen, das Turnier, das er am Zwanzigsten dieses Mondes März zu geben gesonnen, durch meine Tapferkeit und zierlichen Fechterkünste zu verherrlichen; indem – wie er sich huldreichst auszudrücken geruhte – Keiner von allen anwesenden Kämpen im Bügel- und Ringelrennen, im Kolbenschlag und Fußkampf meines Gleichen sey.«

»Beneidenswerther!« rief Dagobert, ihm den vollen Becher zubringend: »Die Gewaltigen der Erde werden aufmerksam auf Deine Verdienste, und es kann Dir gar nicht fehlen, bleibt Deine Rechte nur gesund, und Dein Leib wohl genährt.«

Das Letztere sey auch mein Hauptaugenmerk bis zum Tag, wo es gilt. Laßt sehen, Junker; wie weit haben wir noch zum Zwanzigsten? – »Fünf Tage, mein Gesell;« berichtete ihn Dagobert: »Bis dahin fey mein Gast. Du sollst einen dankbaren Schuldner an mir finden. Was das Concilium an eßbaren Stockfischen aufweisen kann, soll Dein seyn. Der [332] beste Rebensaft werde Dir kredenzt. Verlangst Du Tafelmusik, sie soll Dir nicht fehlen? Siehst Du reizende Aufwärterinnen gerne an Deinem Tische? Ich schaffe sie Dir, anmuthiger als die plumpen Thurgauer Dirnen, die so eben die leeren Schüsseln wegtragen, sittsamer als die leichtfertigen Jägerinnen in Frau Waldina's Gefolge. Kennst Du das Mährlein vom Tischlein deck dich? Meine Dankbarkeit soll es an Dir verwirklichen, und Dich in jene harmlose Zeit versetzen, wo Du noch, ein langknochiger Bube, die trägen Füße unter Deines Vaters Tisch stecktest, und ohne Sorgen verzehrtest, was sich gerade vorfand, unbekümmert, ob es die Vöglein vom Himmel, oder Dein Vater von der Heerstraße gebracht.« – Der unverzagte Esser ließ den Becher sinken bei diesen Worten, schlug die verglasten Augen auf gen Himmel, und eine Mischung von Wehmuth und lächelnder Erinnerung breitete sich über sein Antlitz. Er reichte dem Nachbar die fleischige Hand und sprach mit weicher Stimme: »Ach, lieb Fröschlein! Da habt Ihr's getroffen, wo meine Halsberge nicht zum Besten schließt. Mein rechtschaffner Vater .... Gott erhalte ihn bei der Seligkeit! ... er starb wie ein wackrer Edelmann. Thut mir die Liebe, werthes Fröschlein, und thut mir Bescheid auf den Becher, den ich Euch feierlich zutrinke, als das Gedächtniß an einem ehrenwerthen Mann!« – »Von Herzen gern!« antwortete Dagobert, seinen Wunsch erfüllend: »Auf das Wohl eines Biedermannes trinke ich stets, säße er auch schon im Fegefeuer. Und auf Dein Wohl nicht minder, alte deutsche Haut, weil [333] Du Deines Vaters Angedenken dergestalt in Ehren hältst. Das hätte ich nicht hinter Deinem groben Fell gesucht; und wahrlich, ich werde hinter Deiner Tugend nicht zu rück bleiben, wenn's einst Gott gefallen sollte, meinen Alten zu sich zu rufen.« –

Da riß mit einem Male der Hülshofner die von wehmüthiger Weinlaune feuchtgewordnen Augen auf, sah den jungen Tischgenossen mit einem ganz besondern Ausdruck von Bedauern an, rieb sich die Stirne, wie einer dem etwas entfallen war, und der sich, jetzt fast zu spät, dessen verdrüßlich erinnert, und seufzte: Guter Junker! wenn ein Sprichwort die Wahrheit sagt, so ist es dasjenige, welches lautet: »Im Wein ist Wahrheit; Ihr habt die Ahnung, ich die Erinnerung wieder im Becher gefunden. Vergessen hatte ich schändlich, was Ihr doch wissen müßt. Faßt Euch, lieber freigebiger, theilnehmender Frosch; und glaubt, daß ich Eure Bekümmerniß theilen werde, wie ein Bruder. Ja, ja; schaut mich nur an, wie den Bischof die verwunderte Katze. Euer Lächeln wird sich verkehren in Trübsal. Euer Vater hat den Schöffenstuhl zu Frankfurt mit dem himmlischen vertauscht. Er ruhe in Frieden!« –

Mit offnem Munde und gespannten Zügen saß Dagobert dem Hiobsboten gegenüber, dessen Weichmuth in eine Thränenfluth überging, die einige schnell geleerte Becher kaum auftrocknen konnten. »Sage mir doch,« fing Dagobert endlich kleinlaut an: »ist denn noch Fasching, oder heißt man am nächsten Sonntag: Lätare? Unglücksrabe! spricht der Rausch aus Dir, oder ist sie Wahrheit, die Botschaft, die Du mir, –[334] dem Freien – ans Deinem Gefängniß bringst?« – »Wahrheit, lieb Junkerchen;« versicherte Gerhard ganz treuherzig: »die Sache ist die folgende. Mein erster Weg aus dem Gewahrsam ging zu meinen Herren von Frankfurt, den Schöffen, die hier im Hause wohnen. Der alte Herr Holzhausen nahm sich heraus, mir einen Text zu lesen, wie er sich in keinem Evangelienbuche findet, mich einen Wüstling und Händelsucher zu nennen, und was dergleichen mehr ist, welches auch gerade nicht hieher gehört. Der Herr von Braunfels nahm sich meiner an, und die Beiden sagten sich derbe Worte ....«

»Um Gottes willen!« fiel Dagobert ein: »laß die Umschweife, vollende!«

»Ich bin's eben im Begriff,« versicherte Gerhard: »denn ich setze mit Sporn und Gebiß über den Streit der wohlweisen Herren weg, bis zu der Thüre, durch welche gerade und just der Stadtschreiber Heinrich eintrat, der seit geraumer Zeit weniger für die Stadt schreibt, als Boten reitet, und gerade wieder, mit Schriften beladen wie ein Maulthier, von Frankfurt daher getrabt kam.« Der Gruß von ihm war kurz, und er warf sich gleich mitten in das Gesprächsel. »Wißt ihr etwas Neues, ihr Herrn?« rief er: »Am Abend des verwichnen Tages der heil. Felicitas ist zu Frankfurt unfern vom Hirschgraben der wackre Schöff und Altbürger Diether Frosch ermordet worden!« – »Ermordet?« rief Dagobert, entsetzt vom Tisch aufspringend: »Verdammt sey Deine Zunge, die solche Schreckensbotschaft mir so lange verhehlen konnte!« – »Hat sich wohl!« brummte [335] Gerhard unwillig: »Wo der Kopf vergißt, schweigt auch die Zunge ohne bösen Willen. Erfahrt Ihr's doch jetzo zeitig genug. Sollt' ich Euch das Vespermahl vergällen? Wo wollt Ihr aber hin?« – »Zu den Herren von Frankfurt!« erwiederte Dagobert, und suchte sich ängstlich von dem Zurückhaltenden los zu machen. – »Nehmt doch Vernunft an!« sprach Gerhard entgegen: »die Schöffen sind nicht daheim. Die Abgeordneten der Reichsstädte haben heut ein groß Convivium im goldnen Brunnen.« – »So will ich dorthin!« rief Dagobert: »Laß mich!« – »Bleibt doch!« erwiederte Gerhard: »Ihr schlagt um Euch wie ein rasendes Füllen, aber ich leide es doch nicht, daß Ihr dort Euren Schmerz zur Schau tragt.« – Dagobert besann sich, »Du hast Recht;« sprach er: »ein schiefes Wort, ein schiefer Blick nur in dieser Stimmung von einem Fremden, der, wie begreiflich, mein Leid nicht fühlt, könnte mich zum Mord bewegen. Aber rede doch Du: sieh! ich will mich zu Dir setzen, ganz ein Mann seyn, trotz Einem, aber sage mir, wie ging das Entsetzliche zu? Ich werde mich zwingen, mein Gebreste in meiner Seele zu verschließen, und nur dann weinen, wann Du es erlaubst; sage mir aber, wie ward das Gräßliche vollbracht? wie ward mein Vater ... o, mein Gott! ... wie wurde er erschlagen?« – »Junker!« antwortete Gerhard, verlegen ob der nicht geahnten Heftigkeit des jungen Mannes: »Ihr fragt mich da nach Dingen, die ich eben so wenig weiß, als Ihr. Vielleicht aber« – hier nestelte er den weiten Ärmel seines Kollers auf ... »vielleicht belehrt Euch dieß[336] Schreiben eines Bessern. Der Stadtschreiber brachte es von Frankfurt mit, und Euch es zu übergeben, vertraute mir's der Herr von Braunfels. Bis auf diesen Augenblick hatt' ich's vergessen, doch kommt's auch jetzo nicht zu spät.« – »Da!« fuhr er fort, indem er das wohlversiegelte Schreiben aus dem Ärmel fischte, und dem gierig darnach greifenden Dagobert langsam reichte: »Da ist der Brief, Euer Vater schreibt Euch darin die ganze Begebenheit selbst.« – »Er selbst?« fragte verwundert der Jüngling, das Schreiben staunend in den Händen haltend, und einen Blick auf die Aufschrift werfend: »Wahrhaftig, er selbst! fuhr er fort mit steigender Hitze: Einfältiger Weinschlauch! und Du konntest mich beinahe zum Tode erschrecken? Danke es dem Himmel, daß keine Waffe an meiner Hüfte hängt! Dieser Augenblick wäre Dein letzter!« – »Fröschlein! Ihr redet irre!« erwiederte Gerhard, der sich scheu in die Ecke schmiegte: »Was ficht Euch an? Ist das der Dank für meine gutmüthige Theilnahme?« – »Ich möchte lachen, wäre mir nicht so fürchterlich ernst zu Sinne;« begann Dagobert auf's Neue: »lachen ob Deiner beklagenswerthen Einfalt. Mensch! siehst Du denn nicht weiter als ein Maulwurf? Du entsetzest mich durch die Botschaft von meines Vaters Tode? kann aber der todt seyn, der mir von diesem Mord geschrieben?« – »Ich dummer Hans!« murmelte Gerhard durch die Zähne, und schlug sich mit der geballten Faust vor die Stirne: »Dümmer als ein Gänserich. Es ist auch wahr. Vergebt, Fröschlein; gestorben wird er nun wohl [337] nicht seyn, aber Ihr werdet aus dem Briefe sehen, daß gewiß etwas Schreckliches vorgefallen.« – Dagobert wollte so eben, seinem Zweifel zu entgehen, die Wachsplatte von dem wohlverwahrten Schreiben lösen, als er noch einen Blick der Aufschrift schenkte. »Nein!« rief er alsdann: »bei unsrer lieben Frau vom Berge! Da hätte ich etwas Hübsches angerichtet. Das Schreiben gehört meinem würdigen Ohm, dem Prälaten. Der eifrige Mann würde mich in Bann thun, käme es verletzt in seine Hände. Vergib indessen meiner begreiflichen Neugier, wenn ich Dich jetzo allein lasse, zur Stunde, wo der Becher Dir am besten mundet. Ich denke das Versäumte nächstens einzuholen. Für jetzt aber eile ich, den Ohm, so leid mir's thut, aus seiner abendlichen Bequemlichkeit zu stören, denn bis morgen die Ungewißheit zu ertragen, vermag mein Gemüth nicht. Gute Nacht!« – »Gute Nacht, Junker,« entgegnete Gerhard: »Ihr hegt doch keinen Groll gegen mich?« – »Sorge nicht;« beruhigte ihn Dagobert: »Was kann der Mund, dafür, daß er einem ungeschickten Kopfe gehorcht? Iß und trink! die freie Tafel bis zum Tage des Turniers soll darum nicht wegfallen!« –

Der Prälat staunte nicht wenig, die Stille seines Hauses durch ein ungebührliches Pochen und Lärmen gestört zu sehen, und traute kaum dem Bericht des zur Pforte gesandten Dieners, der die Ankunft des Neffen verkündete, welcher Haus und Hof wie mit Sturm eingenommen habe. Der furchtsame Geistliche, der sehr geneigt war, an eine beabsichtigte [338] Gewaltthätigkeit seines Wildfangs von Anverwandten zu glauben, rief Fiorillen herbei, die ihn nur mit Mühe von dem Vorhaben abhielt, seine ganze Dienerschaft zu seinem Schutze um sich her zu versammeln.

»Entschuldigt meinen seltnen, späten und überlästigen Besuch!« rief Dagobert beim Eintreten: »Mein Geschäft bei Euch ist kurz, aber um so dringender!« – Der Prälat lief einige Schritte zurück, da Dagobert's Hand rasch nach dem Gürtel fuhr, um den Brief herauszuziehen, und die Versicherung Fiorillens, es sey wirklich nur ein harmloses Papier und keine Mordwaffe, welches der Vetter bei sich trage, konnte Monsignore kaum beruhigen. Dagobert war genöthigt, ihm wie einem widerstrebenden Kinde die Finger zu öffnen, und den Brief hineinzulegen, mit der Bitte, doch ja alsobald den Inhalt desselben ihm mitzutheilen.

Nun begann der Muth des Prälaten wiederum zu wachsen. »Per Dio e la santissima vergine!« rief er mit aufgeblasenen Backen, da er den Ungrund seiner Besorgniß einsah: »heißt das nicht die Roheit eines deutschen Lümmels auf die höchste Spitze steigern? Wie nanntest Du Dich vorhin? Einen seltnen, späten, überlästigen Gast? Ja wohl; eine Lüge sagtest Du mindestens nicht in diesen Worten. Ist das eine seine Zucht und Sitte? Überfällt bei Nacht und Nebel, einem Buschklepper gleich, seinen Ohm, einen Prälaten, der noch obendrein aufgebracht gegen ihn ist, und mit Recht ungehalten auf seinen Lebenswandel. Und warum dieser stürmische Überfall, der [339] manchem weniger Beherzten den blassen Tod hätte zufügen können? weshalb dieser Gräul? Um einen Brief zu überbringen, der morgen eben so gut gelesen werden könnte, denn heute.« –

»Mag seyn, Ohm;« erwiederte Dagobert: »ich kann Euch aber darum doch nicht helfen. Meine Besorgniß ist zu groß. Meinem Vater ist ein Unfall zugestoßen, dessen nähern Verlauf ich heute noch wissen muß.« – »Höre doch einmal zu, Fiorilla!« seufzte der Prälat, trostlos die Hände faltend: »Höre doch, wie der Gelbschnabel zu mir spricht. Wie ein Guardian zu einem Novizen. Was geht mich denn seine Besorgniß an? Warum muß ich denn gerade heute noch das Schreiben lesen?« – »Weil es meinen Vater betrifft;« versetzte Dagobert heftig, der freilich nur Euer Bruder ist, und weil ich – kurz und gut – nicht eher aus dem Hause gehe, als bis ich weiß, was den Meinen zugestoßen. – »Du wirst sehen,« raunte der Prälat Fiorillen in's Ohr – Du wirst sehen, er setzt uns noch auf die Gasse, und macht sich breit in meinen vier Pfählen. Sieh nur, er glüht im Gesichte wie ein Kobold. Ob er betrunken ist, oder ob er am Veitstanz laborirt, oder – was den deutschen Bären öfters zu begegnen pflegt – gerade von einer verderblichen Lust zu morden und zu wüthen befallen ist – wer weiß das? – »Thut ihm deshalb den Gefallen, den er verlangt;« ermahnte Fiorilla: »Sohnesliebe spricht aus ihm.« – »Nun, wenn Du meinst;« versetzte der Prälat: »so sey es drum. Gib mir die Brille, und zünde mir im Nebengemach die Lampe an. Du weißt wohl, [340] setzte er leiser hinzu, daß ich an dem verdammten krausen Geschrifft lange studiren muß mit meinen blöden Augen, und ich kanns nicht leiden, daß der wilde Laffe davon Zeuge sey. Unterhalte ihn indessen, wenn Du Dich vor ihm nicht fürchtest; und suche ihn zu begütigen, damit der Teufel Ruhe halte, der in ihm rumort.« – Fiorilla versprach ihm, ihr Möglichstes zu thun, und der Prälat schlich zum Nebengemach, sich an die beschwerliche Arbeit zu machen. Dagobert hatte sich in einen Sessel geworfen, und starrte erwartungsvoll zur Decke empor. Fiorilla machte sich allerlei in der Stube zu schaffen, näherte sich dem Schweigenden, entfernte sich wieder von ihm, hustete, sprach mit dem Sittich, und da alle die kleinen Mittel nicht verfingen, die sonst wohl der Männer Aufmerksamkeit rege machen, trat sie auf's Neue zu dem Jüngling und klopfte ihm leise auf die Schulter. Dagobert tauchte aus der Fluth seiner Gedanken auf, und sah verwundert in das Auge des lieblichen Mädchens, in welchem sich weder Leichtfertigkeit, noch stille Sehnsucht, wohl aber die freundlichste Theilnahme aussprach. »Warum so verloren?« redete Fiorilla sanft und wohlthuend den Vetter an: »Was kann Euch so sehr betrüben und kränken? Euer Vater ist ja nicht gestorben, da er selber Urkund von sich gibt, und andrer Schmerz belastet Euch nicht!« – »Ihr habt Recht, Mühmchen;« entgegnete Dagobert leicht: »für heute ist Ungewißheit mein Einziger.« – »Wir Frauen möchten so gerne jede Plage von der Brust des Mannes nehmen,« fuhr Fiorilla fort: »Wie lohnt ihr mir, wenn ich [341] diese Frauenpflicht an Euch übe? wenn ich vielleicht einen Augenblick Eures Lebens in die Farbe der Rosen tauche?« – »Versucht's!« sprach Dagobert: »Wählt gleich den jetzigen Augenblick, in dem ich der Erheiterung bedarf.« – »So entrunzelt Eure Stirne! Dem Manne, der liebt, und sich der heftigsten Gegenliebe erfreut, ziemt der düstre Unmuth nicht.« – »Gutes Mühmchen! Ihr wißt um meine seltsame Liebschaft; es ist wahr. Was soll diese aber hier? Ihr Gedächtniß könnte meinen Unmuth mehren.« – »Nicht so finster!« äußerte Fiorilla, neckend drohend: »Der Liebende hört ja doch sonst mit voller Seele den Werth seines Liebchens von fremden Zungen preisen. Machtet Ihr hier eine Ausnahme? Ich glaube nicht. So wißt denn, daß ich Euch belobe ob der Wahl, die Ihr getroffen.« – »Ihr?« fragte Dagobert befremdet: »Wie könnt ihr wissen?« – »Erinnert Ihr Euch noch jener Nacht, in der Ihr, des Bedürfnisses voll, eine Vertraute Eurer kleinen Geheimnisse zu haben, unter mein Fenster kamt, und mir mit überströmender Freude erzähltet, Euer Lieb von Frankfurt befinde sich zu Costnitz, ... Ihr hättet sie gesehen ... gesprochen? ...« – »Recht wohl entsinne ich mich des Abends, von dem Ihr sprecht; denn kaum der Wochen dreie sind seitdem verstrichen; wie aber jene Kunde sich mit dem Beginn Eurer Rede reimt .....« – »Das begreift ihr nicht? Kurzsichtiger! Ihr kennt die Wißbegier der Frauen nicht. Diejenige zu schauen, deren Reize Euch unempfindlich gemacht hatten gegen meine Freundlichkeit, ließ ich mich die Mühe nicht verdrießen, das holde Judenkind[342] aufzusuchen. Bald entdeckte ich dessen Aufenthalt. Der Vorwand, italienisch Geld gegen deutsche Münze umzutauschen, führte mich beim Vater ein; meine Jugend und Schmeichelei machte mich der Tochter angenehm, – das Vorgeben: ich sey noch, was ich einst war, – ihre Glaubensverwandte – machte dem Vater meinen öftern Besuch bei der einsamen Tochter wünschenswerth; und mein offnes Bekenntniß von meinem Übertritt und meinen ziemlich nahen Beziehungen zu Euch, gewann mir das unumschränkte Vertrauen Esthers!« – »Ists möglich?« rief Dagobert: »und ich ahnte nicht? ....« –

»Warum kamt Ihr nicht mehr in Ben Davids Haus?« fragte Fiorilla: »Oft schlich ich mich von hier weg, um Euch an Esthers Seite zu erwarten. Oft harrte ich auf einen abermaligen Abendbesuch unter meinem Kammerfenster, um Euch von dem Gesagten in Kenntniß zu setzen. Esther und ich, wir harrten umsonst. Grausamer! wer wollte kalt an solchem Schatze vorübergehen, und seiner nicht begehren, nicht um ihn sich bewerben? Welch eine Fülle von Reizen, die ich neidisch bewundre, aber auch welch ein Reichthum von Tugenden, liegt in diesem Wundermädchen verborgen! Ihr kennt die Blüthe nicht, nach welcher Euer Auge lüstern sah, von welcher sich jedoch die Hand scheu entfernte. Das Vorurtheil ist in Euer Herz eingewachsen, wie sich der stumpfe Splitter öfters in der Wunde vernarbt. Ihr liebt in dem reizenden Geschöpfe sein Geschlecht; Ihr haßt in ihm sein Volk. Welch unendliche Liebe fühlt Esther für Euch! wie lohnt Ihr dieselbe durch [343] schroffes Verschmähen! Ich habe des Mädchens Leidenschaft durchschaut; ich bewundere schaudernd den Abgrund dieser stammenden Neigung, wie sie nur die glühende Sonne des Mittags erzeugt. Esther gleicht dem lodernden Brande; Ihr der abreisenden Eisklippe. Esther könnte Jahrelang für Euch sterben ... Ihr wagt es nicht nur einen Augenblick für sie zu leben!« –

Erschüttert schwieg Dagobert, als Fiorilla geendet hatte. »Eure Gleichnisse sind übel gewählt;« begann er kurz darauf, mit so viel Gleichmuth, als ihm zu Gebote stand: »Und dennoch – ein seltner Fall – treffend in ihrer übeln Auswahl. Sie sprechen das richtigste Urtheil. Brand und Eis sollen nimmer sich verbinden. Der Augenblick, der sie vereint, ist zugleich der Augenblick des Todes für Beide. Müht Euch darum nicht, gutes Mühmchen. Und wäre auch endlich – was ich behaupte – die sittsame, züchtige Esther nicht die Flamme aus der Nachbarschaft der Wüste, und ich, Dagobert Frosch, nicht der eiskalte Sumpfbewohner, den mein Name verkündet, sondern wir beide ganz gewöhnliche Menschen von gemäßigter und gegenseitiger Leidenschaft; – dennoch würde nichts aus Eurer Ehestiftung. Mich fordert der Altar, wie ihr wohl wißt, holde Freundin.« –

»Müßt Ihr denn, einem blinden Wahne gehorchend, zwei Herzen brechen?« eiferte Fiorilla: »Gibt es nicht Lande, wo man vom thörichten Gelübde Eurer Mutter nichts weiß? Flieht dorthin. Esther, ich schwör's Euch zu, wird nach kurzem Widerstande [344] folgen, ohne Kampf die Lehre lassen, die ihr Herz nicht liebt; zu dem Glauben sich bekennen, der ihr jetzt schon theuer, weil es der Eurige ist. Eure Wissenschaft, und adlich Gewerbe sichert den Wohlstand Eurer Hütte. Wagt es glücklich zu seyn, entflieht der Welt, um ihre Freuden ungestört zu genießen. Bedürft ihr des Beistands, des Raths? wählt mich. Durch Überredung, That und Anschlag fördre ich Euern Zweck. Esther wird glücklich, Euer Herz versteinert nicht unter dem Scapulier, und ein blühend Geschlecht wird Euren Freisinn, Euren Muth segnen und verehren.«

»Und rechnet Ihr für Nichts die Verwünschungen eines glaubenseifrigen, betrognen Vaters, mit welchen belastet Esther fliehen würde? für Nichts den Fluch des Meinigen? Das Urtheil der Welt, den Bann der Kirche, unser eignes streng richtendes Gewissen, und endlich den entsetzlichen Augenblick des Wiedersehens dort oben, wenn meine Mutter mir entgegenkommen und mich fragen wird: Sohn! wie hast Du mein Gelübde geheiligt? Es ist nicht gelöset, und doch nicht erfüllt worden! – Ich danke Euch, Fiorilla, für Eure angebotne Hülfe, allein, Gott sey Dank; der Helfer ist in meiner eignen Brust. Laßt die Sache beruhen, und uns lieber geduldigen Gemüths vernehmen, was der Ohm, den ich kommen höre, mir zu verkündigen haben wird.«

Wirklich trat auch der Prälat gewichtigen Schritts aus dem Seitengemach, Lampe und Brief in der Hand. Sein Antlitz zeugte von einer gerade nicht unbedeutenden Bewegung, und auch der Gang war [345] nicht so sicher, wie wohl sonst. – »Redet, um der ewigen Barmherzigkeit willen!« – rief ihm Dagobert entgegen, der alsobald über die Besorgniß für den Vater das so eben abgehandelte Gespräch vergessen hatte: »Martert mich nicht. Was ist geschehen?« – »Der Herr hat es noch wohl gemacht;« erwiederte Hieronymus, kläglich auf die Ruhebank sinkend: »der Bruder lebt, und wird bald vollends genesen seyn, aber ein Unfall hat ihn betroffen, wie er sich nur in den verwahrlosten deutschen Landen begeben kann. In der Dämmerung sich nach Hause wendend, begegnete ihm ein Freihart in Pudelmütze und Wolfspelz, und schaut ihm mit blutroth gefärbtem Angesichte keck und unverschämt unter das herabgekrampte Piret. Dein Vater fährt zurück.« Der Wütherich, dem die leere Straße Muth zulegt, fragt ihn höhnisch: »Kauf mir ein Menschenleben ab, Schöff!« – Und da nun der Bruder ihn zurückstößt, und den Mund öffnet, um nach Hülfe zu schreien, so fühlt er bereits das Messer des Wehrwolfs unter seinen Rippen sitzen, und sinkt dahin. »Gute Nacht, alter Frosch!« ruft ihm noch der häßliche Mörder in's Ohr: »Dein Fröschlein kommt nach!« und packt den Verwundeten an, um ihn an den Rand des Grabens zu schleifen, und wahrscheinlich kopfüber in der Hirsche Revier hinabzustürzen. Da nahen aber glücklicherweise Leute; um seines Werks wenigstens sicher zu seyn, führt der Verfluchte noch einen Stoß gegen die Brust des armen Diether's. Der Stahl prallt jedoch zum Heil von der Halskette desselben ab, und der Bluthund entflieht. Die Wunde wurde, von wenig [346] Bedeutung zu seyn, erkannt, und wie gesagt, Dein Vater ist auf dem Wege zur vollen Besserung.

»Abscheuliches Verbrechen!« riefen Dagobert und Fiorilla entsetzt aus.

»Nun ist aber dennoch auf sothanem Schmerzenlager« – fuhr der Prälat fort – »der Gedanke in dem Bruder erwacht: es möchte denn doch vielleicht der Herr einst schnell über ihn gebieten, und da es löblich ist, in solchem Alter und solcher Befürchtung noch einmal sein Geschlecht um sich zu versammeln, und sich mit denjenigen zu versöhnen, mit denen ein unbilliger Haß uns entzweit hat, so verlangt der wackre Diether, ich solle mich in Deiner und Wallradens Gesellschaft zu ihm begeben, um das Fest seiner Heilung in seinem Hause feierlich zu begehen. Wallrade soll bei dieser Gelegenheit wieder in alle Kindesrechte und den Arm des Vaters aufgenommen werden.«

»Daran thut mein allzuguter Vater gerecht und wohl;« erwiederte Dagobert: »obschon die Schwester diese Liebe nicht verdient, und auch nicht zu würdigen vermag. Was beschließt Ihr aber hierauf, mein hochwürdiger Ohm und Herr?«

»Hm!« sprach Monsignore nach zweifelhaftem Kopfschütteln: »Ich meine, daß es vollkommen hinreichen wird, wenn ich hier zu Costnitz in meiner stillen Kammer dem Herrn für das meinem Bruder wiederfahrne Heil danke, und zu Ehren unsrer lieben Frauen, die durch ihre Fürbitte des Mörders Stoß fehl gehen ließ, einige Messen lese. Wallraden werde ich jedoch zu der Aussöhnung bewegen, und [347] überlassen es Dir gerne, die Schwester nach dem Vaterhause zu geleiten, und wohlbehalten wieder anher zu führen.«

»Mit nichten;« äußerte Dagobert aufstehend und kalt: »Wallrade bedarf meines Geleits nicht. Einer ihrer zahlreichen Freier wird dieser süßen Pflicht sich leicht unterziehen, wenn nicht kaiserliche Majestät selbst ihren Reisestallmeister machen will. Euch überlasse ich es, Ohm, die Liebenswürdige vorzubereiten. Unstreitig wißt Ihr ihren jetzigen Aufenthalt besser denn ich, der nur dann und wann von müßigen Stadtzungen Gerüchte und Vermuthungen hört, die gar nicht zur Ehre unsers Stammes gereichen. Gerne werde ich auch Wallraden den Vorzug im Vaterhause einräumen, und daher einzurichten suchen, daß ich an dem Tage ankomme, an welchem sie geht. Schließlich danke ich Euch demüthigst für Eure gehabte Mühe, und werde dieselbe gegen meinen Vater zu rühmen wissen, da es Euch ohnedies widerstrebt tiefer in das verhaßte deutsche Geburtsland vorzudringen. Gute Nacht, würdiger Herr!«

Der Prälat sah betroffen, beschämt und staunend dem Neffen nach, der – wie er endlich zu begreifen begann, – unter dem Schimmer jugendlichen Leichtsinns einen stechenden Ernst barg, welcher einem verweichlichten Gemüthe um so empfindlicher wehe that. Fiorilla leuchtete dem Scheidenden bis zu des Hauses Pforte. Daselbst ergriff sie seine Hand, sah ihn mit weinenden Augen an, und sagte: »Ihr habt heute durch Eure feste Redlichkeit vermocht, daß ich vor mir selbst erröthete. Könnt Ihr mir vergeben, [348] wozu ich Euch verleiten wollte?« – »Von ganzem Herzen!« erwiederte Dagobert, denn Ihr wart weit entfernt, mich zu beleidigen. Euch reißt die Leidenschaft dahin, und zwingt Euch zum Tribut. Ich aber bin einer ihrer schlimmsten Zahler, und mein Trachten geht darauf aus, die ungestüme Mahnerin ganz aus meinem Hause zu werfen. Schätzt Euch darum nicht geringer, mich nicht höher als von nöthen. Ihr seyd noch lange nicht der lodernde Brand, den Euch die wilde Empfindung vorspiegelt, ich noch lange keine Eisscholle. Esther ist aber viel zu gut, und zu edel, als daß ich ihr für kurze Wonne eine ewige Reue verkaufen möchte. Gute Nacht!

15. Kapitel
Fünfzehntes Kapitel.

Hei! wie freut mich der Herrenstand,

Auf hohem Roß, das Schwert zur Hand!

Gewappnet vor dem Liebchen stehn,

Und neben Fürst' und Grafen gehn!

Du grobes Bürgerpack, vorbei!

Nur für den Adel ist Turnei!

Das Spiel vom hoffärtigen Junker.


Wohl noch nie hat eine Stadt, so weit in deutschen Landen der Lauf des Rhein- und Donaustroms nicht, einen lustigern und gastlichern Anblick gewährt, als Costnitz ihn am zwanzigsten Tage des Monats März darstellte. Geraume Zeit vorher hatte man gewußt, Herzog Friedrich von Österreich-Tyrol [349] werde, das Frühlingsfest zu verherrlichen, ein Kampf- und Ritterspiel geben, wie es selten noch irgendwo geschaut worden. Die Zubereitungen, die jedoch in den letzten Tagen getroffen worden waren, übertrafen durch ihre Pracht Alles, was die gespannte Neugier erwarten durfte. Und am Morgen des anberaumten Feiertags stand das Werk vollendet da, ein wundersames Schauspiel für Costnitzs Bewohner, und weit herbeigeströmte Gäste. Den weiten Rennplatz umgaben zierliche Schranken, getaucht in die weiße und rothe Farbe. In blinkenden Angeln drehten sich die Pforten, durch welche die Kreiswärtel gingen; mit blanken Schildern, Ketten und Hacken waren die Schlagbäume geziert, durch welche die Kämpfer einreiten sollten. Rings um den mit Sand und Kies geebneten Platz flatterten in geringen Zwischenräumen die Banner von Österreich-Tyrol, dem Argäu, dem Thurgäu und andern, Friedrichs Herrschaft unterworfnen Städten und Landen. Hoch aber über diesen Bildern und Fahnen der Macht erhoben sich im Halbkreis die leicht und geschmackvoll gebauten Emporbühnen und Schaugerüste, von welchen der Kaiser mit feines Reichs Fürsten, die Väter des Conciliums, und die Blumen der Gesellschaft und Volksversammlung, die reizenden Frauen, den Spielen zusehen sollten. Des Kaisers Tribune, von goldnem Stück gleich wie ein Feldherrnzelt erbaut, überragte mit ihrem Silberdach, umwallt von wehende Reiherbüschen und Federsträußen, alle Nachbarbühnen, von deren Geländer prachtvolle Sammetdecken mit Wappen, Sinnsprüchen und Thierbildern übersät, [350] zu den Schranken hinabhingen. Die nieder gelegenen Sitze der Kampfrichter und Bankspender, die Trompetergänglein in jeder Ecke des Platzes, die kleinen Hütten der Kreiswärtel und Stechknechte sogar, schlossen sich würdig durch ihr glänzend einfaches Äußre an die Plätze der vornehmern Leute. Jeder Eingang zu dem Platze, jede Treppe zu den Bühnen wurde von Trabanten des Herzogs bewacht, theils zu Fuß, auf ihren Partisanen lehnend, theils zu Roß, im Silberküraß, den Morgenstern an die Faust geknüpft. Die Turniervögte faßen bereits mit ihren Stäben hinter den vor ihren Schirmdächern aufgepflanzten Hellebarden. Die Rennknechte in ihren glatt anliegenden Lederkleidern und Kappen, das Strickmesser am Gürtel hängend, hatten schon die Seile gespannt, und sich dabei gelagert. Am Fuße der, zu den Stühlen der Kampfrichter führenden Stufen hielt in glänzender Rüstung und buntem Wappenscapulier, der Turnierherold, umgeben von seinen Dienern, die rings an den Brüstungen-Schrauben die Schilde der turnierlustigen Herren aufzuhängen beschäftigt waren, so wie diese nach und nach herbeigebracht wurden. Die Fechtpreiße, in silbernen und goldnen Kleinodien, kostbarem Stechgezeug, auserlesenen Waffen und Tigerfellen bestehend, waren in einem eigens dazu bestimmten Raume prahlend ausgestellt. Auch die Spielleute waren schon an ihren angewiesenen Stellen, und so oft ein neues Wappenschild feierlich herzugetragen wurde, um geprüft und neben den übrigen aufgehängt zu werden, ertönte, von Pauken, Trompeten und Zinken geweckt, [351] ein fröhlicher Turnierruf. Zu all dieser Pracht, die ein noch herrlicheres Schauspiel verhieß, hatte der Himmel den klarsten Tag geschenkt, der sich nur je im Bodensee gespiegelt. Die Sonne, warm und lieblich strahlend, streute ihr Gold freigebig auf Land und Fluth, und blau hatte sich Himmel, See und Gebirgsferne geschmückt. Lustig und leicht tanzten die schwankenden Kähne, angefüllt von schaulustigen Leuten, vom jenseitigen Ufer herüber, die Straßen rings um die Stadt waren bedeckt mit herzueilenden Rossen und Fußgängern, und vom frühen Morgen an lebten die Gassen der Stadt. Während jedoch Tausende von Gaffern die Schranken des Rennplatzes summend und durcheinander wimmelnd umgaben, und in den gedrängt vollen Schenkhäusern häufig die Gesundheit des prachtliebenden Herzogs ausgebracht wurde, war Er – der Geber all dieser Festlichkeit und Freude – daheim, mißmuthig in sein innerstes Gemach zurückgezogen, wo er bald unruhig auf- und niederging, bald eine Last von Schriften der Flamme seines Kamins opferte, bald mit heimlichem Lachen ein Schnippchen in die freie Luft schlug, mit dem Finger vor sich hindrohte, und sein Tyroler Liedlein jodelte, mit dem klirrenden Sporn den Takt dazu tretend. Er konnte auch wohl unmöglich zu einer ebenen Stimmung gelangen, denn der Geschäfte hatte er nebenbei viele. Jetzt war es der Stallmeister, der seine Befehle einholte, dann der Haushofmeister, welcher wegen der zu reichenden Erfrischungen, und der dem Volke zugedachten Spenden sich Raths erholen mochte, hierauf der Turniermarschall, der neuen [352] Geldvorraths bedurfte, und zu diesem Endzwecke eine Weisung des Herzogs an den Schatzmeister verlangte; zuletzt war es der Seckelmeister selbst, der sich neuen Zufluß aus dein Beutel Seiner fürstlichen Gnaden erbat. Alle diese dringenden Mahner und Bittsteller befriedigte der Fürst auch mit gemessenen Befehlen und freigebig ausstreuender Hand. War ein solcher Besuch jedoch abgefertigt, so ging wieder dasselbe unruhige Getreibe und Gewerbe los, das den Herzog heute nicht verließ. So eben hatte er einen geistlichen Herrn im violetten, roth verbrämten Habit zur Thüre begleitet, und ihm die Worte nachgerufen: »Sagt Euerm Gebieter, er möchte die Vesperglocke eben so wenig vergessen, als ich mein Wort je vergaß. Mit einem Worte: sagt ihm, ich sey ein Habsburger, und damit genug!« Der Geistliche ging, und der Herzog begann wieder seine Gebirgsweise zu singen, als ein neuer Gast von dem wachhabendem Edeljunker in das Gemach gelassen wurde. »Sieh da! Dagobert!« rief Friedrich, angenehm überrascht: »Du lässest Dich lange erwarten, ehrliche Seele! – Aber, Jesus Christus! steckt Ihr wieder in der verwünschten schwarzen Kutte? So kann ich Euch heute nicht brauchen.« – »Der Erzbischof hat mir heute durch meinen Ohm andeuten lassen, ich solle mich nimmer unterstehen, in weltlicher Kleidung mich sehen zu lassen, und überhaupt mich fertig zu machen, nach Verlauf von Zehn Tagen nach Cesena in's Kloster zu wandern;« erwiederte Dagobert achselzuckend. – »So?« fuhr Friedrich fort: »Die Herren eilen, aus dem freudigen [353] Waldfinken eine schmutzige Eule zu formen. Und Eure Fahrt gen Frankfurt?« – »Ich will sie morgen antreten, befiehlt man mir;« antwortete Dagobert: »binnen neun Tagen muß ich jedoch zurück und nach Wälschland reisefertig seyn.« – »Hm!« brummte der Herzog lächelnd: »Nicht übel berechnet. Ich sage Euch jedoch, Ihr geht morgen eben so wenig schon nach Frankfurt, als überhaupt in's Bartholomäistift. Ich habe Euch heute vonnöthen, und ein wackrer Altbürgerssohn zieht hoffentlich sein Wort nicht zurück.« – »Wahrlich nein!« entgegnete Dagobert lebhaft: »Ich scheere mich den Teufel um alle Erzbischöfe, wenn Ihr mich eines Auftrags würdig haltet, gnädigster Herr.« – »Das dachte ich mir!« versetzte Friedrich mit wohlwollender Geberde: »Heute soll's aber nicht heißen: das Brevier gebetet; sondern: die Stiefel geschmiert, die Sporen gewetzt, in die Handschuhe gefahren, den Degen umgeschnallt!« – »In Gottesnamen!« stimmte Dagobert heiter ein: »Das ist meine Lust. Sagt an, gnädiger Herzog! was soll ich für Euch thun?« – »Das ist bald gesagt, mein Geselle;« begann Friedrich mit gedämpfter Stimme, und winkte dem Aufmerksamen von der Thüre weg; mehr in seine Nähe: »mir liegt daran, einen Mann, an den mich mancherlei Verbindlichkeiten fesseln, unversehrt aus einer dringenden Gefahr zu bringen, die, verwirklichte sie sich, mir sogar Unehre zufügen würde. Euch ist gleichgültig, ob dieser Mann schuldig oder unschuldig in Gefahr gerathen, denn ich hoffe, Ihr nehmt für ihn meine Bürgschaft an.« – »Auf Euer Geheiß rette [354] ich einen Vatermörder vom Scheiterhaufen;« betheuerte Dagobert; »wie aber ist es zu vollbringen?« – »Hört mir zu;« antwortete der Herzog: »Ich bedaure, daß Ihr kein Zeuge des heutigen Ritterspiels seyn könnt, vielweniger ein Theilnehmer daran. Demungeachtet verheiße ich Euch einen Preiß, kostbarer und ehrenwerther vielleicht, als jeder von denen, die im Rennen gewonnen werden sollen; meine Freundschaft, wenn Ihr kühn und gescheit vollbringt, warum ich Euch bitte. Sobald also die Vesperglocke läutet, und alles Volk, dem Turnierplatz zugeströmt, und Aug und Ohr für die daselbst zu schauenden Herrlichkeiten hat, eilt Ihr – meinetwegen in das Rabenkleid gehüllt, das Ihr auf dem Leibe tragt, aber darunter mit Waffen und Rüstzeug versehen, zu Roß in meinen Hof. Die Wächter werden Euch nur gegen das Losungswort: Öesterreich über Alles! einlassen. Unter dem Schuppendache rechter Hand werdet Ihr zwei Männer finden. Der Eine, auf einem Maulthiere reitend, ist ein Bekannter von Euch; der Andre hingegen, auf einem grauen Pferde sitzend, ist derjenige, den es heimlich fortzubringen gilt. Am Thore gen Schafhausen, zu welchem Ihr Euch mit den Anbefohlnen zu begeben habt, alle stark, belebten Straßen vermeidend, und Euern Trab fördernd, mögt Ihr Euch von einem Knechte erwarten lassen, der, wo möglich, ein Fremder seyn mag, und nicht meine Farben tragen darf. Sobald Ihr jedoch langsam und unbefangen des Thores Bogen durchschritten, gebt Ihr dem Pferde Sporn und Peitsche zu kosten, und sorgt, daß Eure Schutzbefohlnen nicht hinter Euch [355] bleiben. Ich thue Euch im Voraus kund, daß Ihr mit zwei schlechten Reitern zu schaffen habt; darum wird es gut seyn, wenn Ihr des Graurosses Zügel ergreift, und der Knecht des Maulthiers sich annimmt; denn so schnell als die Pferde laufen und die Reiter es ausdauern, müßt Ihr Schafhausen erreichen, woselbst Euch das Weitere berichtet, und die Erlaubniß zur Rückkehr ertheilt werden wird. Ihr seht, die Sache ist nicht verwickelt. Den Mann binde ich Euch indessen auf die Seele. Sollten Hindernisse sich auf dem Wege finden – treibt sie ab mit Gewalt oder List; nur bringt unsern Mann sicher und wohlbehalten an Ort und Stelle. Nun wißt Ihr Bescheid, und mögt ohne falsche Scham diesen Beutel annehmen, der kein Lohn seyn soll. Aber Gold ebnet Berge, schlägt Brücken, und hat schon oft aus drohender Feindeswuth errettet.«

Sich verneigend nahm Dagobert das Dargebotne, und sprach: »So sey es denn, gnädigster Herr. Ich hab Euch's zugesagt, und eher will ich sterben, als, den Ihr meinem Schirm vertraut, in Gefahr umkommen lassen.« – »Wohl gesprochen!« antwortete Friedrich: »Der Himmel füge es indessen zum Guten. Ich erwartete indessen keinen andern Bescheid von dem jungen Wagehals, der den Böhmen zu befreien dachte.« – Dagobert stutzte. Der Herzog lächelte aber, drohte ihm mit dem Finger, und sagte: »Laßt's gut seyn, mein Geselle. Das Pfaffenvolk mochtet Ihr hintergehen; ich hätte aber bei meinem Herzogshute geschworen auf Eure Mitwissenschaft. Gott gebe Euch heut ein besser Glück.«

[356] Indem platzte die Schnur, die des Herzogs Hermelinmantel zusammenhielt, und das kostbare Kleidungsstück sank zur Erde. »Ein böses Omen!« scherzte Friedrich, sich nach dem Entfallnen umsehend. »Ein andrer als ich, würde üble Vorbedeutungen aus diesem Zufall ziehen. Nicht wahr, Dagobert? Kommt, helft mir die Prunkdecke wieder auflegen, wackrer Gesell. Eure Hände sind ja dem Altare verlobt; vielleicht bannt ihre Auflegung das prophezeite Mißgeschick.« – Während Dagobert nun sorgfältig die Schnur wieder in einen künstlichen Knoten schlang, und unter einer Spange den Schaden verbarg, betrachtete sich der Herzog kopfschüttelnd und spöttischen Angesichts. »Wahrhaftig!« begann er: »je mehr ich mich beschaue und beäugle, je mehr möchte ich mich einem edlen Thiere vergleichen, das man mit Tand und glänzendem Zeug schmückt, damit es vor dem Gebieter seine eingepeitschten Fertigkeiten und Künste zur Schau lege. Jesus Christus! und vor welchem Gebieter! Vor einem Lützelburger, der nicht besser ist, als seine ehrbedürftigen Vorfahren! Doch nur Geduld! Das Scharwenzeln und Höfeln und Bücken wird bald ein Ende haben, sammt der freigebigen Gastlichkeit, die mir, einem Sigmund gegenüber, Ernst ist, wie meinem Waldmann das Aufrechtgehen. – So, mein guter Dagobert, seyd bedankt. Das war wohl der erste Fürstenmantel, den Eure Hand berührte und meisterte? Die kaiserliche Majestät möchte sich auch mit diesem Handwerk abgeben, aber, so geduldig auch der Mantel seyn mag – der Fürst steckt nicht im Pelz.« – »Wahrlich! Ihr [357] bedürft des äußern Prunks nicht;« versicherte Dagobert. – »Ich weiß das;« entgegnete Friedrich mit Selbstgefühl: »und in meinem Bauernlande, wie es Sigmund nennt, trage ich auch nicht mein Herzogthum am Leibe, wie Er die Fetzen des römischen Reichs. Ha! Ihr solltet nach Tyrol gerathen! Jesus Christus! das Herz im Leibe würde Euch lachen. Ist zwar nur ein Bauernrock, mein Tyrol, aber ein feiner, warmer Rock, der vor Unwetter schützt, und den Flitterprunk entbehrlich macht, den ich hier wie ein Gaukler für geringes Schildgeld zur Schau tragen muß. Das weiß kaiserliche Majestät; darum haßt sie mich auch, aber, bei des ersten Habsburgers Gebeinen! so wenig Sigmund meines Insprucks vergißt, so wenig vergesse ich, was ich meinen Ahnen, und mir selbst schuldig bin. – Gehabt Euch wohl, biedrer Altbürger. Das Schicksal kann mir vielleicht in Kurzem die Zähne fletschen, aber immer werde ich doch noch eine Hand und ein Herz für die behalten, die ich liebe. Sigmund war am mächtigsten und größten, als er im Concilium des Papstes Füße küßte, und ihm im Namen der Christenheit für die – gezwungene – Entsagung dankte; – ich werde ihm wahrlich nicht nachstehen, sollte ich auch unverdient unterliegen! –«

Des Herzogs Worte waren bedenkliche Räthsel für den jungen Mann, allein, gewöhnt, in ihm den trefflichen Mann zu verehren, grübelte Dagobert nicht lange nach dem dunkeln Sinn, sondern ging, um sich zu seiner Aufgabe vorzubereiten. Auf der Straße kam ihm Gerhard entgegen, in vollständigem Fechterzeug,[358] von vielem Volke umgeben, um sein Wappenschild dem Turnierkönige zu überbringen. Freundlich hielt er bei seinem jungen Freunde, allein dieser merkte bald, daß sogar die Freude über die bevorstehende Kampfeslust nur schlecht einen heimlichen Ärger verbarg, der sich nicht von dem Gesichte des Hülshofners verdrängen ließ. Dagobert fragte nach der Ursache, und Gerhard, der vom Pferde stieg, und seine Schildträger allein ziehen ließ, zögerte nicht, sie ihm zu entdecken. »Stellt Euch vor;« sprach er: »der Schuft, mein langer Vollbrecht hat mir den Dienst aufgesagt. Denkt Euch, der Bursche, der mich seit zehn Jahren begleitet, wie der Schatten den Körper, hat mir Valet gesagt. Er behauptet, – der unverschämte Knecht ... er werde mit jedem Tage magrer in meinem Brode. Abscheuliche Verläumdung! Da habe ich ihn denn ziehen lassen in Gottes Namen, ärgre mich aber dergestalt, daß mich eine Katze in den Sand strecken würde, falls ich jetzo mit ihr turnieren sollte.«

»Nimm mein Bedauern, alter Kämpe;« erwiederte Dagobert: »ich denke aber, wenn's zum Treffen kommt, läßt Dein Knecht so wenig von Dir, als Du von ihm zu lassen gedenkst. Es müssen nur erst einige Tage über dem Zwist vergangen seyn. Laß mir den Burschen heute. Ich habe einen Ritt zu thun, der mich bis Übermorgen aussen halten dürfte. Vollbrecht soll wohl genährt werden, während dieser Frist, und ich verspreche Dir im Voraus, daß er wieder bei Dir eintritt, wenn Du die Zusage leisten willst, ihn nicht mehr gar so schmählich [359] hungern zu lassen, als bisher.« – »Von Herzen gern!« versicherte der Edelknecht: »allein, – wie sagtet Ihr? Ihr habt einen Ritt vor? heut an diesem Ehren- und Freudentage sämmtlicher Ritterschaft? Wie ist das zu verstehen?« – »Das heißt so viel als: Dich kümmert's nicht;« entgegnete Dagobert. »Wo finde ich den Langen?« – »Im Maulbeerbaume sitzt er;« maulte Gerhard: »Ihr seyd aber ein Geheimnißkrämer, mit dem nicht auszukommen ist. Schon gut indessen. Ich hole mir Ruhm und Preiße, während Ihr – ich schwör es – auf irgend ein verliebtes Abenteuer zu Dorfe reitet, und am Ende mit zerbläutem Rücken heimkehrt.«

Sie trennten sich, und Dagobert ging nach dem bezeichneten Hause. Wer indessen Füße hatte zu laufen, und Ellenbogen, sich in dem Gedränge Platz zu machen, stürmte dem Turnierplatze zu. Die Mittagsstunde kam und ging. Die Sonne schien heiß auf die Scheitel der gaffenden Menge, aber unbeweglich wie eine Mauer hielt das Volk den Platz besetzt. Die Fenster und Erker und Söller der umliegenden Häuser füllten sich mit Neugierigen, die Giebelzacken und Dachrücken trugen unzählige von kecken, schwindelfreien Gesellen, die, gleichsam in freier Luft schwebend, sich etwas darauf einbildeten, höher zu sitzen als der Kaiser selbst. Nach und nach wurde allenthalben der Raum enger, denn die zum Kampf gemeldeten und schildfähigen Ritter und Edle kamen langsam zu Rosse angerückt, umgeben von reisigen Wappnern mit Fähnleinträgern und Trompetenbläsern. In doppelter und dreifacher Reihe schaarten sie [360] sich um die noch verschlossenen Schranken der Stechbahn. Zugweise kamen nun auch die anmuthig und köstlich geschmückten Frauen herbei, und bildeten den schönsten Kranz auf den überfüllten Emporbühnen. Die vornehmen Würdenträger der Kirche, die, adelicher Geburt und selbst unter Inful und Cardinalshut weltlicher Ritterlust nicht entsagend, den Abscheu nicht theilten, mit welchem die Geistlichkeit niedren Ranges die Kampfspiele betrachtete, nahmen die für sie bestimmten Bänke ein, und musterten lächelnd, in fremder wie einheimischer Zunge scherzend, das schöne, überzählig anwesende Geschlecht. Noch war die Bahn leer, noch lagen die Fallbäume und Gitter im Schloß; da eilten geschäftig die Kampfrichter herbei, begaben sich durch das engste Pförtlein in den Rennkreis, bestiegen ihre Stühle, und winkten den Turniervögten zur Ordnung, den Spielleuten zur Pflicht. Von den Söllern der Letztern ertönte ein vollstimmiger andauernder Jubel, und festlich prangende Klänge. Denn der Kaiser langte so eben, von dem leuchtenden Geschwader prächtig gerüsteter Fürsten und Herren umringt, auf dem Platze an. Sein lenksamer Schimmel, bunt verziert mit Straußen- etc. Federn und Goldbändern tanzte stolz daher, indessen neben ihm der schwarze Hengst des Herzogs von Österreich-Tyrol seinen schweren gewichtigen Schritt hielt. Der Herr der Pfalz und Baierns Fürst ritten dicht hinter Friedrich, welcher, den Wirthspflichten getreu, schnell an der Treppe, die zu des Kaisers Stuhl führte, absprang, mit der linken Hand eine Geberde machte, als berühre er den Steigbügel, und [361] mit der Rechten dem absteigenden Sigmund die äussersten Fingerspitzen zur Hülfe darreichte, die aber auch von dem König nicht angenommen wurden. Hierauf begnügte sich Friedrich mit der Hand nach der Treppe zu weisen, und dem dahingehenden Sigmund noch einmal seinen Arm als Stütze anzubieten, der aber ebenfalls versagt wurde. Ein lautes Lebehoch und Trompetengeschmetter empfieng die Fürsten, da sie in dem goldnen Zelte angelangt waren, und Sigmund ließ sich huldvoll nickend, am Rande der Brüstung auf den Brokatsessel nieder. Die Fürsten im Kreise um ihn her, Friedrich zu seiner Linken. Alle noch freien Plätze waren in einem Nu von den Rittern und Edelknechten, Hofjunkern und Dienstmannen der Gewaltigen eingenommen, und auf ein mit einem weißen Tuche vom Herzog Friedrich gegebnes Zeichen, sprangen Schlagbäume und Pforten auf, und unter dem Getöne aller Instrumente ritten die bezeichneten Kämpfer in geschlossenen Gliedern ein, auf den Platz, und zogen innerhalb den Schranken rund um denselben, die Paniere schwingend, die Lanzen neigend, und ihre Rosse in stolzem Schritte haltend. Hierauf wurden sie in Rotten abgetheilt, nach eigner Willkür und der Anordnung der Kampfältesten. Die Reihenfolge der Renn- und Fußkämpfe wurde bestimmt; des Königs Friede und Bann nach allen vier Winden von dem Herolde und seinen Helfern ausgerufen, und die Seile wieder straff gezogen vor den gewappneten Haufen, die mit einem Gesammtstechen das Turnier eröffnen sollten. Die Spielleute trommeteten und paukten; die Grieswärtel schlugen an [362] die Lanzen, die Stricke fielen, und losbrach der Kampf, nach dem sich Ritter und Knecht, Edle und Geringe mit gleicher Lust gesehnt hatten.

Während nun die Vesperglocke vergebens ihre hellen Klänge in die Luft sandte, um die Zuschauer von dem Turniere weg zur Kirche zu locken, das Rittergefecht ein glänzendes Ende nahm, und nun zum Rennen eingeritten wurde, pochte Dagobert an die wohlverschlossene Pforte des herzoglichen Hofs. »Öesterreich über Alles!« gab er dem fragenden Wächter zur Antwort, und erhielt Einlaß. Der mürrische Thorwart deutete, da er seiner ansichtig wurde, auf das vorspringende Vordach der Stallung, und Dagobert gewahrte daselbst schon der auf ihn harrenden Begleiter. Der Herzog hatte dieselben ganz genau geschildert, und mit leichter Mühe erkannte der Jüngling in dem Einen den Juden Ben David, seiner Esther Vater, der, auf einem Maulthiere hängend, still vor sich hinsah, und wie es schien, ein Gebet murmelte. War aber schon der Jude wunderlich anzusehen auf dem langohrigen Thiere, so war es doppelt sein Nachbar, der, mehrere Schritte von ihm entfernt, des grauen Rosses Zügel um den Arm geschlungen hielt, und ängstlich bald auf das Pferd, bald auf den vermuthlich nicht angenehmen Nachbar schielte, bald endlich die Augen gen Himmel drehte, und ebenfalls das Äußere eines Beters annahm. Der lange hagre Mann steckte in einem geringen Gewande, wie es ein unbemittelter Edelmann allenfalls seinen leibeignen Knechten zu geben pflegt. Ein halb geübtes Auge mußte zugleich wahrnehmen, daß er nicht [363] einheimisch in diesem Kleide war. Die Last der Reitstiefel zog die Knie hernieder; der Koller von Büffelleder hielt Backen und Kinn in unbequemer Steifheit; die Handschuhe waren zu weit, wie der Gürtel, an dem, zurückgeschoben wie ein unnütz und ungewohnt Geräth, ein kurzes Schwert hing. Dasjenige aber, was das größte Widerspiel zu dem reisigen Gewande bildete, war des Mannes Gesicht, das aus dem fingerbreiten Halsstreif dunkelbraun heraussah, wie der Kopf eines Mauren. Die großen Augen, deren Weißes grell gegen die Olivenfarbe abstach, wechselten ungemein schnell mit ihrem Ausdrucke. Jetzt lauerten sie furchtsam nach der Seite, dann wurden sie ernst und düster nachsinnend; darauf nahmen sie sogar eine Art von Hoheit an, die mit dem Übrigen nicht zusammen zu reimen war. Die Augenbraunen waren dick und schwarz, keine Spur von Backen- oder Kinnbart war vorhanden; die Haare versteckte eine schwarze Mütze, die beinahe über die Ohren herabgezogen war, und auf dieser Mütze saß eine graue Filzkappe, an welcher ein dürftiges Federbüschlein schwankte. Dagobert konnte sich eines leichten Schmunzelns nicht völlig erwehren, da er seine auserlesene Reisegesellschaft in Augenschein nahm, und erwiederte obenhin den unterwürfigen Gruß Ben Davids. – »Nun, mein Freund,« wendete er sich zu dem Fremden: »sind wir bereit, abzureiten? Ich dächte, es wäre Zeit.« – »Es ist doch wahrlich Zeit;« fiel der Jude mit einem besorglichen Seitenblick auf den Verkappten ein: »laßt uns eilen, gestrenger junger Herr, dieweil die Straßen noch [364] sind leer.« – Der Fremde warf einen verdrießlichen Blick auf den Plaudrer, nickte dem jungen Geleitsmann zu, und machte Miene zu Roß zu steigen. »Ei, ei, lieber Herr, wie geberdet Ihr Euch doch?« fragte Dagobert halb mitleidig, halb unwillig, da aller Hülfe ungeachtet das Aufsteigen nicht gelingen wollte: »Der mag's bei Gott verantworten, der Euch zum reisigen Manne stempelte. Ein Glück, daß des Herzogs Leute alle ferne sind, und der Thorwart seine Augen auf seinen brummigen Lieblingskater gerichtet hat, Ihr würdet ansonst wohl schwerlich dem Spottgelächter entgehen.« – »Parva sustine patientia, mi fili!« gab ihm hierauf der Mann zur Antwort, und kletterte vollends, so zu sagen, über die Schultern Dagobert's in den Sattel des Grauschimmels, auf welchem er sich mit aufgezognen Beinen und in die Mähnen des Pferds verwickelter Rechten nichts weniger als reiterlich ausnahm. – Dagobert staunte den Lateiner eine Weile an, und schwang sich dann wieder auf den eignen Gaul, das Zeichen zum Ausritt gebend. Der Thorwart öffnete die Sperrflügel, und das Dreiblatt klepperte, ohne ein Wort zu verlieren, durch die engsten und winkeligsten Gassen der Stadt – in welchen das Sonnenlicht so selten war, als ein Menschengesicht – dem Schafhauser Thore zu. Hatte Dagobert schon beim Aufsteigen seines Schutzbefohlnen Sorge und Angst gehabt, so wurde sie noch größer, da er wahrnahm, wie der Fremde so gut als gar nichts vom Reiten verstand, beim geringsten Trab oder Stolpertritt des Gauls hoch im Sattel aufflog, wieder niederhutschte, zusammengekrümmt [365] wie ein tauchender Nir, und den Zügel schier fahren lassend, sein einzig Hort in dem krampfhaft umklammerten Sattelknopf suchte. Der Maulthierreiter, so vertrackt er auch sich ausnahm, war ein Turnier- und Kunstreiter gegen den Unbekannten, den Dagobert endlich vor sich hertraben ließ, um bei einem vorkommenden Unfall bei der Hand zu seyn. – »Sage mir doch, Ben David,« flüsterte er dem Juden zu: »da ihr Juden doch alles besser wißt, als unsereins, wolltest Du mir nicht vertrauen, wer unser Begleiter ist?« – »Ein schlechter Knecht, der nicht kennt seinen Hauptmann;« erwiederte Ben David lächelnd: »ich spreche nicht hier von mir, sondern von Euch, gestrenger Junker. Ihr seyd getreten oder wollet treten in den Stamm der Cohenim, und kennt nicht dessen Obersten? Ihr wollet weiden die Schafe, und kennt nicht den Hirten, der Euch weidet?« – »Ich will ein Schaf seyn, wenn ich Dich verstehe;« versetzte Dagobert wie oben: »Jude, Du bist verrückt.« – »Mit nichten;« antwortete Ben David; »aber werden könnte man's, so man bedenkt, daß das Oberhaupt der Christenheit gezwungen ist, davon zu reiten seinen Feinden, vermummt als ein Knecht, und im Geleite eines schlechten Juden.« – »Herrgott!« seufzte Dagobert erschrocken: »sagst Du die Wahrheit?« – »So ich die Wahrheit gesehen habe, habe ich sie gesagt;« entgegnete Ben David: »vertraut hat man mir sie nicht, aber ich habe einen scharfen Blick und will verkrummen, wenn ich plaudre, was ich gesehen.« – »Das rathet Dir auch der Himmel!« drohte ihm [366] Dagobert, und ergriff schnell herbeieilend den Zügel des Graurosses, das so eben von dem erreichten Thore ab, in eine Seitenstraße lenken wollte. »Hier hinaus, Landsmann!« rief er, und wollte zwischen den müßig an dem Stadtthore umherlungernden Soldknechten hindurch, als eine Stimme unfern von ihnen ein lautes: »Haltet auf! haltet auf!« vernehmen ließ, und die Wächter auf diesen Ruf den Gäulen ihre Partisanen vorhielten. Dagobert hatte genug zu thun, den erblassenden und im Sattel schwankenden Flüchtling, auf eine gute, nicht allzubemerkbare Weise aufrecht zu erhalten, und mußte darum schon die Verfolger ungehindert herankommen lassen. Am unbefangensten, weil er seiner Gesichtszüge am meisten Herr zu seyn wußte, drehte sich Ben David nach den beiden Männern um, die Haltauf gerufen hatten, und in welchen nicht der Stadtschreiber von Frankfurt, noch viel weniger der Rathsweibel von Costnitz, in die Farben der Stadt gekleidet, zu verkennen waren. Es geschieht indessen wohl öfter, daß der launische Geist, der sogern die Handlungen der Sterblichen stört, an dem Schuldbewußten Unheilahnenden vorübergeht, und nach dem Sorglosen Unvorbereiteten greift, um ihn in das zermalmende Räderwerk seines schwarzen Spucks zu ziehen. Also erging es auch in vorliegenden Umständen dem Vater der holden Esther. »Was wollen die gestrengen Herren?« fragte er mit jener einschmeichelnden Freundlichkeit, die seine Nation so willfährig annimmt, um den Zorn des Gegners vor dem Ausbruche zu entwaffnen; aber unfreundlich lautete die Antwort aus [367] des Stadtschreibers Munde: »Dich selbst, Jude!« – Ben David verstummte erbleichend. »Wie so? warum?« rief Dagobert dazwischen. – »Das kümmert Euch nicht, junger Herr!« erwiederte der Stadtschreiber: »Der Jude gehört dem wohlweisen Rathe zu Frankfurt, und ihn zu verhaften, brachte ich die Weisung mit. Heute erst fand ich des Burschen Schliche, und grämte mich baß, ihn ausgeflogen zu wissen, als ich zum Glück seiner jetzt noch zu guter Zeit ansichtig wurde. Euch bringt es aber wenig Ehre, Junker, mit solchen Gelichter in die Welt zu reiten.« – »Hab' ich denn verstanden recht?« fragte Ben David kleinlaut: »Verhaften wollt ihr mich?« – »Ich scherze nie;« versicherte Meister Heinrich: »Steig ab, und folge diesem Manne in den Thurm.« – »Hab' ich doch nichts verbrochen!« seufzte der Jude: »Laßt mich ledig, übt Barmherzigkeit!« – »Steig ab,« wiederholte der Stadtschreiber strenger, »oder ich lasse Dich von der Mähre werfen, und geknebelt von dannen bringen.« – »O mein Herr Gott in Israel!« ächzte Ben David, in höchster Bestürzung vom Maulthier gleitend: »Werde ich geführt zu meiner Tochter?« – »Nein!« äußerte der Stadtschreiber mit Härte: »Wirst sie wohl nimmer zu sehen bekommen; denn morgen mit dem Frühsten geht's mit Dir nach Frankfurt; und dann gute Nacht!« –

Ben David entsetzte sich, daß seine Kniee wankten. Der Reiter des Grauschimmels, der indessen ein Gegenstand der Witzeleien der Thorwächter geworden war, zupfte Dagobert dringend am Ärmel. [368] Dieser kehrte sich aber nicht daran, sondern fragte herrisch, da ihm Esthers Vater nicht so gleichgültig war, als der Jude: »Noch einmal! was hat der Mann verbrochen?« – »Reitet Ihr Eurer Wege sammt Eurem wunderlichen Dienstmann!« antwortete der Stadtschreiber nicht minder herrisch: »Was kümmert den Pfaffen der Ebräer? Fort mit dem Juden!«


»Werd' ich auch nicht dürfen Abschied nehmen von dem guten jungen Herrn, der sich meiner annimmt, wie ein Freund?« sprach Ben David unterthänig zu dem rauhen Gerichtsherrn. – »Meinthalben, wenn sich der Junker nicht schämt, von Dir Freund geschmäht zu werden;« meinte der Stadtschreiber: »Mach's indessen kurz.«


Da näherte sich Ben David rasch dem jungen Manne, ergriff seine Hand, schüttelte sie bewegt, und rief: »Der Herr Israels, der da ist der hochgelobte Gott der Welt, segne Euern Ausgang, und streue Palmen auf Euern Heimweg!« – »Bei dem Haupte Eures Vaters beschwöre ich Euch,« setzte er leise hinzu: »das Pergament, so ich hier in Euern Stiefel gleiten lasse, meinem Kinde zu übergeben – entweder das Geschrift, oder das darin benamste Geld, das ich erheben sollte zu Schafhausen. Der Fürst der Barmherzigkeit wird Euch dafür segnen in der Stunde des Scheidens. Sagt meiner Esther, sie möge .....« – »Verdammter Mauschel!« donnerte der Stadtschreiber, und riß den Juden von Dagobert hinweg: »Was hast Du Heimliches von? Macht [369] Junker, daß Ihr Eurer Wege zieht, sonst muß ich mich auch Eurer Person versichern!« – »Festina, carissime fili!« raunte dem jungen Manne sein Schutzbefohlner zu, und mit einem zusagenden Kopfnicken gegen den ängstlich in seinen Augen lesenden Ben David, mit einem verächtlichen Achselzucken gegen den Meister Heinrich und seinen Schergen – zugleich aber mit einem kräftigen: »In Gottesnamen! ließ Dagobert seinen Gaul über die Spieße der Söldner wegsetzen, riß seinen Begleiter nach sich, und befand sich sammt ihm bald an der Linde des Kreuzwegs, wo der lange Vollbrecht sich in der Sonne dehnte.« – »Holla! auf! du fauler Gesell!« rief er dem Knechte zu: »Zu Gaule! und Ihr, mein würdiger, unbekannter Herr, fügte er gegen den Verkappten bei, – Ihr erlaubt es wohl, daß wir Beide Euer Pferd in die Mitte nehmen, und mit Euch ausziehen, was das Zeug halten mag, denn nun kommt mir's selbst vor, als ob es gerathen wäre, Euch möglichst schnell von dannen zu schaffen« – Der Befragte, für welchen schon der kurze Ritt durch die Stadt eine Höllenqual gewesen war, gab wehmüthig seufzend, und der Nothwendigkeit gehorchend, seine Zustimmung zu des jungen Mannes Vorschlag, und Himmel und Erde vergingen vor seinen Blicken, als Dagobert und Vollbrecht ihren Gaulen die Sporen gaben und mit dem Dritten Reißaus nahmen, als gelte es, vor Abend noch der Welt Ende zu erreichen.

Ohne Gefahr verlief ferner die Reise. Über Heerstraße, Strom und einsamen Pfad geleitete die [370] Fliehenden das Glück. Aber erst, als sie bei dunkler Nacht Schafhausen erreicht hatten, und bei des Herzogs Vogt dem oberherrlichen Befehl gemäß, wohl aufgenommen worden waren, senkte Dagobert im einsamen Zimmer vor dem erhabnen Flüchtling das Knie zur Erde, um den Worten: »heiliger Vater! Ihr seyd in Sicherheit. Wie der Herzog sein Fürstenwort gegen Euch gelöst, also hab' ich meine Zusage gegen ihn erfüllt. Ich danke Gott dafür, und bitte um Euern Segen zur Rückkehr.« – Der Papst, obgleich zum Tode ermüdet von der ungewohnten Anstrengung, legte nicht ohne ein Gefühl der Rührung seine Hände auf den Kopf des erwählten Rüstzeuges. – »Unsern Dank, und des Himmels Segen nimm hin für Deine wohl gelungne That!« sprach er feierlich: »Zugleich aber empfange von unsrer Huld ein Geschenk, das auch in der Zeitlichkeit Werth haben mag. Als uns der Herzog von Deinem Beistande in Kenntniß setzte, unterrichtete er uns ebenfalls, daß ein Gelübde der Mutter Euch zum Dienst der Kirche verpflichte, welchem jedoch Euer Sinn, der nach Thaten und Weltruhm strebt, nicht hold sey. In Betracht, daß dem Herrn nur die Herzen wohlgefallen, die freiwillig seinem Dienste sich weihen, – daß Euerm Ohm, der sich von unsrer Seite losgesagt, vollends nicht zustehe, dem Herrn einen unwillkommnen und gezwungnen Diener zuzuführen, – so wie in Betracht Deiner Bereitwilligkeit, uns gefällig zu seyn, – haben wir dem Herzog versprochen, Deines Gelübdes Bande zu lösen, und lösen sie wirklich hiemit im Namen der Dreieinigkeit und der von [371] Gott uns Unwürdigsten anvertrauten Macht. Morgen soll das Breve Dir ausgefertigt werden, zu Deiner Beruhigung und zum Gedächtniß unsrer dankbaren Huld.«

Die rauhe Stimme des erschöpften Oberhirten klang wie Musik der Engelein in Dagobert's Ohr, und sprachlos küßte er des Befreiers Hände und Kleid. Der Papst winkte ihm jedoch aufzustehen, und warf sich in den Lehnsessel, um mit so viel Würde, als es die freilich sehr unvortheilhaften Umgebungen erlaubten, die Schar der geistlichen und herzoglichen Beamten Schafhausens zu empfangen, die, so eben von der Ankunft des höchsten und unvermuthetsten alle Gäste unterrichtet, noch in später Nacht dem Haupte der Kirche und dem Freunde ihres Landesherrn die schuldige Huldigung darzubringen kamen.

16. Kapitel
Sechzehntes Kapitel.

Frischen Muth,

Junges Blut!

Ziehe nach der Heimath Land

An der schönsten Frauen Hand!

Lied.


Die Flucht Johann's XXIII., die noch am selben Tage, wo sie Statt hatte, ruchtbar wurde, hatte einen unbeschreiblichen Eindruck auf Fürsten, Pfaffheit und Volk gemacht, und das prächtige Turnier, das Herzog Friedrich zum Deckmantel seines Vorhabens [372] gebraucht hatte, auf eine ärgerliche Weise gestört und zu Ende gebracht. Eben so wenig, als die Sache selbst, konnte des Herzogs Mitwirkung lange ein Geheimniß bleiben. Friedrich mühte sich auch keineswegs, seine That zu läugnen, und berief sich kühn auf das sichre Geleit, das er, nebst andern Herren, dem Papst zugesagt, auf die Gefahr, in welcher Johann geschwebt hatte, durch des Kaisers Hinterlist und des Conciliums Feindseligkeit Tiare und Freiheit zu verlieren; auf die Pflicht, die ihm, dem Herzog, daraus erwachsen, solche Willkür nicht zu dulden; und endlich auf die dem Fürsten wie dem schlechten Edelmann heiligen Turnierartikel, die den Schutz der Unterdrückten dem adelichen Manne auf das Gewissen binden. Sothane Ritterlichkeit, freudig und zuversichtlich, ohne Furcht und Reue offen an den Tag gelegt, sollte, nach des Herzogs Berechnung, die wirksamsten Folgen für des Papstes Lache haben, – ein schneidendes Gegenstück zu Sigmund's gegen Huß bewießnen Wortbrüchigkeit liefern, – alle weltlichen Stände auf die Seite des Herzogs bringen, und der großen Anzahl derjenigen Geistlichen, die nur aus Scheu und Furchtsamkeit Partei wider Johannes genommen hatten, neuen Muth, Selbstständigkeit und einen festen Anhalt geben. – Von diesem Allen geschah indessen nicht das Geringste. Friedrichs Biederkeit und Treue scheiterte an dem Bunde seiner Gegner, wie ein die offne See befahrendes Schiff an dem verborgnen Felsenriff zerschellt. Der Herzog hatte Recht gehabt, als er sagte: Sigmund war nie mächtiger, als in dem Augenblicke, [373] wo er, ein demüthiger Knecht, des Papstes Füße küßte, und ihm knieend im Namen der Christenheit für seine Nachgiebigkeit dankte. Diese Nachgiebigkeit eben, – ein Schlangenmittel falscher Staatskunst, von Friedrich mißbilligt, hatte Alles verdorben. Wer den Treubruch eines Andern ahnden will, muß nicht selbst zum Doppelzüngler werden. Dem zufolge kettete sich Kaiser und Concilium fest aneinander. Otto Colonna, ein Fürst der Kirche, ehrgeizig und durchgreifend, wie nur je ein Bewerber um die höchste Macht, trat an die Spitze der zürnenden Väter. Offen ging er nun seinem, früher verhehlten, Zwecke entgegen, und benutzte geschickt die dem Kaiser als Reichsoberhaupt zugefügte Kränkung, um den Bruch zwischen dem Letztern und seinem Reichsstand dem Herzog unheilbar zu machen. Während das Concilium auf der einen Seite die Blitze schmiedete, welche den protestirenden Papst unrettbar von dem römischen Stuhle schleudern sollten, griff auf der Andern Sigmund nach der schrecklichen Waffe, die den, oft nur Schattengewalt besitzenden Kaisern Deutschlands zu Gebote stand, – nach des Reiches Acht. – Wie langsam und zögernd auch diese Strafe vorbereitet wurde, so fand sich doch kein Talisman sie aufzuhalten.

Friedrich, verlassen von seinen Freunden, feindselig geschmäht von denen, auf deren Beistand er gebaut, mußte knirschend dem verhaßten Luxemburger das Feld räumen, ehe noch das Ungewitter zum völligen Ausbruch kam. Seinem kleinen Heere von Rittern, Waffenknechten und Dienern hatte er es zu [374] verdanken, daß man den Vorbereitungen zu seinem Abzuge nichts in den Weg legte. Bittrer Unmuth und die Scham, seinem Todfeinde zu unterliegen, peinigte ihn, und sprach auch aus ihm, als am Abend vor seinem Wegzuge Dagobert, von Schafhausen rückkehrend, vor ihm trat. – »Was wollt Ihr hier?« fragte er den jungen Mann bekümmert: »Entweicht unter dem Fittich der Nacht, – denn – nicht lange wird's dauern, und geächtet bin ich, wie Alle, so mir anhängen. Jesus Christus! wer hätte das gedacht? Wahrlich, wahrlich; die Deutschen sinds werth, vor eines Schalksnarren Zobelpelz zu katzenpuckeln. Pfui! pfui! Ehre, Treue und Redlichkeit sind nur leerer Tand, und der Falschheit gehört die Welt. Flieht, mein guter Geselle. Eure Treue kann ich jetzt mit nichts belohnen, als mit der Warnung: verlaßt diese Stadt; man spricht schon hie und da von Eurer Theilnahme an meinem Verrath, wie sie's nennen. Geht aber auch nicht mit mir; ich habe das Spiel verloren, und das Unglück vererbt sich leicht auf junges Blut. Wird's wieder Tag, sollt Ihr von mir hören!« –


Dagobert betroffen über das Unerwartete, das er hier erfuhr, versicherte dem Herzog seine Treue, seine Ergebenheit, und den Entschluß, dennoch nicht von seiner Seite zu weichen.


Der Herzog schüttelte mit entschiedner Verneinung das Haupt. – »Ich verbiete Euch, mir anzuhängen!« rief er fast unmuthig: »Der Teufel ist [375] in die Zeit gefahren, und was sonst in deutschen Landen unerhört war, ist an der Tagesordnung. Gehts nach Sigmunds Sinn, – und warum sollte es nicht nach ihm gehen? so bleibt mir in Kurzem kein Pfulb um meinen Kopf dar auf zu legen. Wie könnte ich Euren Bedürfnissen steuern. Geht, geht, wohin des Sohns Pflicht Euch ruft; gen Frankfurt, und denkt mein an dem Tage, wenn der Pfaffe Euch des Gelübdes entbindet.« – »Mein Wohlthäter!« seufzte Dagobert, Friedrichs Hand küssend: »Euch zu lassen, fällt mir schwer.« – »Doch ist's vonnöthen;« entgegnete der Herzog, sich rasch losmachend, um der eignen Rührung vorzubeugen: »geht heim, küßt den Vater und das Mütterlein, und freut Euch des Lebens. Jesus Christus! wär' ich noch einmal jung und frei wie Ihr! Mit meinen tyroler Gemsenschützen wollte ich ein Schießen anstellen, daß dem Mehrer des Reichs die letzten Haare wackeln sollten. Aber heut zu Tage gilt's der eignen Haut sich wehren. Geht heim, sage ich, und lernt ritterlich Gewerbe. Wer drein schlagen kann, und das Herz auf dem rechten Flecke hat, verdirbt nicht in unserm rauflustigen Vaterlande. Und – weil mir's gerade einfällt – ich will Euch zu guter Letzt noch Gelegenheit geben, ritterliche Pflicht zu üben. Der arme Schächer, der Jude, dessen Gold mit zu dem bewußten Turniere helfen mußte, und dessen von mir ausgestellten Brief mein Spitzbube von Rentmeister zu Schafhausen nicht eingelöst hat, wie Ihr mir berichtet, ist nach Frankfurt geschleppt worden; der Himmel weiß, was sie mit der Judenseele zu beginnen [376] denken. Die Tochter des unglücklichen Menschen hat sich mir zu Füßen geworfen, und um meine Fürsprache gefleht. Auf meine Fürsprache gibt aber jetzo Niemand das Geringste, denn – wie gesagt – der Teufel ist in die Zeit gefahren. Ich gab ihr jedoch mein Wort, sie nach der Heimath bringen zu lassen. Ich habe dabei Eurer gedacht, und bestelle Euch zu des Mädchens Vogt.« –


»Mein gnädigster Herr« – stammelte Dagobert betroffen und bestürzt. Friedrich fuhr aber gleichmüthig fort: »Fürchtet Euch nicht. Es ist zwar nur ein Judendirnlein, aber so fein und zart und lieblich, daß es manche Heilige nicht zürnen würde, schriebe man ihren Namen unter der Jüdin Bild. Schafft die anmuthige Ketzerin nach Hause, ehe sie gezwungen wäre, Sigmunds Gerechtigkeit und Ritterlichkeit in Verlegenheit zu setzen. Ihr wißt, um welchen Preis die Majestät Witwen und Waisen zu schützen, wie sie das zugesicherte Geleit zu handhaben pflegt. Jagt das Lamm dem Wolf nicht in die Hände. Bringt es zur heimathlichen Herde, und gebt der vaterlosen Maid in meinem Namen das heilige Versprechen, daß ich mich meiner Schuld gegen Ben David entbinden werde, sobald ich den drohenden Sturm überstanden habe. Geht; ich rechne auf meines Auftrags sichre Vollziehung. Zieht von dannen, ehe es zu spät wird, und – Gott mit Euch.«


Der Herzog drehte sich kurz und rasch auf dem Absatze um, und ging mit starken Schritten in das Seitenzimmer, das er heftig hinter sich verriegelte. [377] Dagobert streckte die Arme nach ihm aus, wie nach einem scheidenden Jugendfreund, und blieb einige Zeit bewegungslos im Gemache stehen. Dann aber raffte er sich männlich zusammen, und floh aus dem Hause, in dem er bisher das Ideal eines Ritters, wie er sich es dachte, bewundert hatte. – In dem Hause seines Ohms fand er eine bestürzte und unfreundliche Aufnahme. Des Prälaten Blicke maßen ihn mit gehäßigem Ausdruck; Fiorillens Augen mit ängstlicher Scheu und Beklommenheit.

»Was willst Du noch bei mir?« fragte der Ohm nicht ohne Heftigkeit: »Freude bringst Du nie. Du kömmst ungeladen wie eine Krankheit, und gehst nur wie sie von dannen: nachdem Du Schaden angerichtet.« – »Ihr seyd fürchterlich streng in Euerm Urtheil,« antwortete Dagobert: »allein – auch eine Krankheit sieht man gerne Abschied nehmen, und in keiner andern Absicht hab ich's gewagt, Euch in dieser Zwielichtsstunde zu überfallen.« – »Fahre wohl;« lautete es aus des Prälaten Munde: »ich frage nicht, wohin Du gehst, denn dem Bösen soll man nie auf die Ferse blicken; auch bist Du seit längrer Zeit auf geheimen Reisen begriffen, deren Geheimniß ....« – »Nicht lange geheim bleibt?« fiel der Neffe lächelnd ein: »Ihr Herren habt das Vorrecht, Allem auf die Spur zu kommen, früher als andre ehrliche Leute. Für dießmal geht meine Fahrt zum Vater, und ich habe gewünscht, – wie es einem biedern Blutsverwandten zukommt, – mich mit Euch zu letzen, und Euch zu fragen, ob Ihr mich nicht mit einem Brieflein oder dergleichen zu beauftragen begehrt. Vom [378] Wiedersehen dürfte wohl, nicht leicht mehr die Rede seyn. Die Lust am lieben deutschen Vaterlande hat in mir überhand genommen. Jenseits der Berge, fürchte ich, ist mein Platz nicht, und das Bartolomäistift bei Cesena sogar .....« – »Schweig!« fuhr der Prälat mit zornrothem Antlitz auf, und aus dem fleischigen Antlitz brach ein Strahl von Grimm und gehässiger Tücke, wie ihn Dagobert noch nie gesehen. Fiorilla zerrte, von dem jungen Manne unbemerkt, warnend an des Prälaten Überkleid, und der Sturm begütigte sich hierauf, mindestens dem äußern Anscheine nach. Monsignore zwang die aufgeregten Gesichtsmuskeln in ihre alte Ordnung zurück, und fuhr mit gemäßigtem Tone, in dem jedoch unverkennbar bittrer Spott lag, fort: »Du hast vollkommen Recht, Neffe. Dort findet, sich kein Platz mehr für Dich, nach dem, was Du gethan. – Stelle Dich nicht so unbefangen an. Ganz Costnitz weiß von Deinen Ränken. Der Himmel verzeihe es denen, die Dich dazu verleiteten. Der Himmel verzeihe auch Dir den Nachtheil, den Du Deinen Angehörigen dadurch bereitet. Herzog Friedrich wird die treuen Dienste doch mit einer fetten Pfründe lohnen in seinem Bauernlande?« – »Ei was, Ohm;« erwiederte Dagobert lustig; »Bauern hin, Bauern her! Im Tyrol legen die Hühner Eier, und tragen die Reben Beeren, wie in Wälschland, und ein altes Sprichwort sagt: Wo's nicht an Hennen und Zehnten gebricht, da verdirbt auch die Pfaffheit nicht. Die Präbende, die der Montfort ausbot – Ihr erinnert Euch – konnte ich nicht verdienen. Ich muß demnach [379] auf Ersatz denken.« – Der Prälat antwortete nichts, sondern kaute wehmüthig, und als wie überlegend an den Lippen. –


»Ernstlich indessen;« sprach Dagobert weiter: »Der Herzog ist mir nichts schuldig, und ich habe keinen kaiserlichen Gönner, wie Ihr, würdiger Ohm, der mir Ring und Stab aus dem Ärmel schütteln kann, sobald er nur will, zum Lohn für eine Nachsicht zu rechter Zeit.« – »Toller Schwätzer!« rief der Prälat, von Neuem hitzig werdend: »Was kümmert mich der Kaiser? Spare Deinen Spott zu gelegener Stunde.« – »O weh!« entgegnete Dagobert: »Was bedeutet dieser Groll? trug der Winter die Rosen, und bringt der Frühling den Schnee? Hat Liebstöckel schon im März abgeblüht? oder haltet Ihr es nimmer mit dem Kaiser, seit Johannes es wieder mit der freien Luft hält.« –


»Ich muß gestehen,« versetzte der Prälat mit einer gewissen arglistigen Schalkheit: »daß dieses das seltsamste Gespräch seyn mag, das jemals zwischen Ohm und Neffen geführt worden ist. In dem wälschen Lande, das Du zu verachten scheinst, sprechen Todfeinde zierlicher zu einander, als hier in Deiner gepriesenen deutschen Heimath des Bluts Befreundete. Jedoch, damit Du sehest, wie wenig ich gewohnt bin, Böses mit Bösem, Trotz mit verdienter Härte zu vergelten, will ich Dir erlauben, hier zu verziehen, und einen Abendtrunk anzunehmen, den Fiorilla besorgen wird, während dessen ich, meinen [380] schlechten Augen zum Trotz, aber meiner brüderlichen Liebe zum Frommen, ein Schreiben an Deinen Vater aufsetze. Ich verspreche Dir; es soll Dir nicht zu Leide geschrieben seyn, und keck darfst Du es übergeben. Du machst Dich doch morgen mit dem frühsten davon?« – »Ich denke es;« antwortete Dagobert, sich bequem in einen Sessel niederlassend. – »Thue das;« fuhr der Ohm fort, wie oben: »länger ist's für Dich nicht geheuer zu Costnitz. Dein Pferd steht im Engel?« – »Ja, mein guter Ohm!« erwiederte Dagobert: »das wackre Roß wird mich auch unter Engels Schutz und Schirm weiter tragen. Für den Augenblick bin ich ja sicher genug in meines Vaterbruders Hause.« – »Amen!« fügte Hieronymus bei, sandte Fiorilla zum Keller, und begab sich durch die Seitenthüre in sein Schlaf- und Schreibgemach. Dagobert dehnte sich gemächlich in seinem Polsterstuhl, und stützte den Kopf in die Hand. »Wie ist mir denn?« sagte er zu sich selbst: »Komme ich mir doch vor, wie ein Träumender, oder besser, wie ein Trunkner, der auf schwankenden Eisschollen über einen Strom zu taumeln versucht. Die Geschichte dieser letzten Tage ist wie ein toller Spuck gestaltet. Ich denke einem wider Willen zu einem Verbrechen gereizten Manne, meines Standes höchstens, das Geleit zu geben, – und siehe da, es ist das Oberhaupt der Christenheit selbst, das mich zum Lohn von meinen Altarpflichten frei spricht während – wie ich begreife – das ganze Concilium meiner That den Stab bricht. Ich verlasse den Herzog auf dem Gipfel fürstlichen Glanzes, und finde[381] ihn wieder im Begriff Reißaus zu nehmen vor einer Rotte von Priestermützen und einem Kaiser, dem wenig mehr zu Gebote steht, als ein Mund voll Honig, wenn auch Galle sein Herz erfüllt. Ich stand schon auf einem seltsamen Fuße mit dem Ohm, ehe ich gen Schafhausen zog, aber nun stehe ich auf einem weit wunderbarern mit dem Wackern. Wir sagen uns gegenseitig dürre Wahrheiten, dürr und stachlich wie die winterliche Schlehenhecke, und dennoch will er die Sanftmuth vorwalten lassen; ... er, der sich, wie ich beinahe glaube, durch seines neuen Vaterlandes Doppelzüngigkeit um des Papstes und des Kaisers vorübergehende Gunst gebracht hat? Frei ging ich zu Costnitz einher, nachdem ich einen Ketzer hatte befreien wollen, und jetzo räth mir der Herzog selbst schnellen Abzug, weil ich dem Vater der Rechtgläubigen aus dem Netze half? – Ja, Friedrich hat Recht: der Teufel ist in die Zeit gefahren, aber auch dem Schwarzen trotze ich mit dem Freibrief in meiner Tasche. Bin ich einmal hinter den Mauern meiner Vaterstadt ... dann fahret wohl, Kaiser, Concilium und Reich. Ich mische mich ferner nicht mehr in eure Händel.« – »Ei sieh da;« sprach Dagobert nun laut, und den Kopf nach der Thüre wendend, durch welche Fiorilla mit Wein und Semmeln belastet, eintrat: »sieh da, mein Bäschen! Eure Heimath werde ich nicht zu sehen bekommen, aber den günstigen Augenblick will ich benutzen, um den Kuß des Lebewohls auf Deine Rosenlippen zu drücken.« – Fiorilla entzog sich seinem Arme mit sichtbarer Befangenheit und Furcht. »Warum so [382] ängstlich, närrische Dirne?« flüsterte Dagobert: »Noch haben sie mich nicht vogelfrei erklärt; noch darf mich ein holdes Mägdlein küssen. Oder fürchtest Du Dich vor dem Chorrock? Beruhige Dich; Chorrock und Kutte hänge ich an den Nagel. Oder bangt Dir vor der Nähe Deines eifersüchtigen Freundes? Ohne Sorgen. Der gute Ohm brauchte neulich mehr denn eine Stunde dazu, einen deutschen Brief zu lesen. Wie viel geben wir ihm wohl Zeit, einen deutschen Brief zu schreiben? Bis er sich wieder besinnt, wie die wunderlich gekräuselten Buchstaben gemalt werden müssen, ist die Mitternacht da. Versage mir also Dein Mündlein nicht, holde, dem schwarzen Bocksfuß entrissene Seele!« – Noch einmal wies ihn Fiorilla zurück, und preßte aus fliegender Brust die eiligen Worte hervor: »Ihr werdet scherzen und Kurzweil treiben, wenn Euch der Tod über die Schulter sieht. Verblendeter; verloren seyd Ihr, wenn Ihr nicht schnell Euch von dannen macht.« –

»Ho!« entgegnete Dagobert, ernst und aufmerksam werdend: »Mädchen! Du gönnst mir wohl nicht den Wein aus meines lieben Oheims Keller?« – »Die Freiheit gönne ich Euch lieber;« sprach Fiorilla, wie vorhin: »Flieht, weil es noch Zeit ist. Der Oheim hat Böses gegen Euch im Sinne. Glaubt nicht, daß er sich in seinem Schlafgemach befindet. Vor einem Augenblicke verließ er mit dem Knechte, der die Leuchte trug, das Haus. Hinter der Thüre des Kellers lauschend, hörte ich, wie er zu dem Burschen sagte: Nimm Dich wohl in Acht, und leuchte vernünftig. Von des Cardinals Hause läufst Du, [383] was Du kannst, zum Engel.« – Sorgfältig die Thüre schließend, gingen sie davon, Euch zu verrathen. – »Zu verrathen?« rief Dagobert, aufspringend: »Der Bruder meines Vaters mich verrathen? Zu welchem Endzweck das Bubenstück?« – »Ach, Ihr wißt noch nicht, was geschehen;« entgegnete Fiorilla mit steigender Besorgniß: »Wallradens Verständniß mit Sigmund ist vorbei.« Ohnmächtig wüthend zog sie von hier ab, verspottet von ihren Freiern und der Welt. Eures Oheims Glückstern ging schnell unter. Er, der den Papst verlassen um des Kaisers willen, wird von diesem schnöde behandelt, und seit des heil. Vaters Flucht, die Ihr, wie man allgemein behauptet, begünstigt, geben die Machthaber vor, in Euerm Ohm einen heuchlerischen Anhänger des Geflüchteten entdeckt zu haben. Die Cardinäle, den arglistigen Colonna an der Spitze, der zum Kaiser hält, wiesen den Flehenden von ihrer Thüre, und zu allem Unglück gelangte gestern an ihn die unwillkommne, die zermalmende Botschaft, daß sein Capitel, seines langen Ausbleibens und Geldverschwendens müde, einen Andern statt seiner erwählt, und diese Wahl zur Bestätigung an das Concilium bereits berichtet. Diese Kunde donnerte den Prälaten vollends nieder, und nun geht er hin zu dem Colonna, von dem er allein noch Hilfe erbetteln könnte, und verräth Euch, seinen Neffen, als den Entführer des Papstes; in der Hoffnung .... – durch einen großen Schurkenstreich minder bedeutende wieder gut zu machen; unterbrach sie Dagobert ungestüm: »Wohl bekomm's, ungetaufter [384] Ehrenmann. Gut ausgedacht. Der Eine läuft zum Cardinal, mich anzugeben, der Andre zum Engel, um dort meine Habe zu verhaften. Zum Glück hat mir vom Teufel geträumt, und ich habe dem Ohm eine Nase gedreht. Meine Pferde stehen in einer Herberge vor der Stadt, und dahin eile ich jetzt. Vor dem Kaiser würde ich nicht Fersengeld geben; aber das Concilium ist ein ander Ding. Ich habe Hussens Kerker gesehen, und damit genug gehabt.«


»Wie aber entweiche ich? Sie haben die Thüre verschlossen, sagst Du?« – »Ich besitze noch einen Schlüssel,« antwortete Fiorilla zögernd und roth werdend, »von dem der Ohm nichts weiß. Mit diesem öffne ich Euch die Pforte.« – »Habe Dank, du listige Schlange;« versetzte Dagobert, die Mütze aufstülpend, einen derben Zug aus dem Becher thuend, und Fiorillen die Hand reichend: »Gott segne Dich, und den glücklichen Buhlen, dem dieser Schlüssel wohl schon öfter hinter des ehrwürdigen Freundes Rücken das Pförtlein aufthat. Wie kann ich Dir vergelten?« – »Durch einen kleinen Liebesdienst;« erwiederte Fiorilla eilig, und dennoch verschämt: »Gestattet, daß ein junger Mensch Euch ein Stückchen Wegs begleite. Das junge Blut fürchtet sich, allein von dannen zu gehen, und dennoch ....« – »Und dennoch soll ihn der Ohm hier nicht finden?« fragte Dagobert schelmisch drohend: »In des Himmels Namen – er komme. Ich bin schon einmal dazu bestimmt, der Begleiter von allerlei Menschen zu seyn, [385] die dem Wetter nicht recht trauen, und selbst, wenn ich auf flüchtigen Füßen bin, muß ich noch immer einen Andern mit mir schleppen. Der feine Bube tummle sich indessen. Ich habe nun weder Ruh noch Rast. Käme der Ohm jetzt zurück, wär's sein Unglück und das Meine, und Beides hätte ich nicht gern auf dem Gewissen.« – »Eurer Zusage vertrauend, wartet der Knabe draußen;« sprach Fiorilla: »bringt ihn ja gut dahin, wo er zu Hause ist.« – »Insofern sein Haus an meiner Straße liegt, und der Bube flink auf den Beinen ist, recht gern, weil dem Bäschen so viel an dem furchtsamen Milchbart liegt. Jetzt die Hand, Fiorilla, und die Wange. So! Gott lohne Euch die Warnung, und lasse Euch glücklich und vernünftig werden. Lebt wohl.« –


Schnell verließ er das Zimmer; Fiorilla eilte mit dem Lichte voraus. Auf der düstern Treppe schloß sich der Günstling der Italiänerin, ein feiner Junge, aber wunderlich vermummt in einen, der Kleiderkammer des Prälaten entliehenen, weiten Rock, und eine Stirn und Wange verhüllende Kappe, an die Beiden an. Dagobert, mit seinem eignen Geschick beschäftigt, schenkte ihm nur einen flüchtigen Blick, und schritt rüstig zu der Pforte, deren Schloß Fiorilla's Schlüssel nur zu langsam für des Jünglings Ungeduld öffnete. Thränenden Blicks reichte die Schöne von Cesena dem Letztern die Hand, heftig schluchzend fiel sie dem Vermummten um den [386] Hals, und Dagobert war schon ziemlich voraus, ehe sein Begleiter, dessen Schritt von dem langen Gewande gehindert wurde, ihn erreichte. »Spute Dich, Du verliebter Früh-in's-Holz!« raunte Dagobert dem Keuchenden zu. »Weit ist noch der Weg bis vor die Stadt, wenn Du außerhalb derselben wohnst?« – Der zur Seite Laufende nickte stumm, und Dagobert setzte sich wieder in den alten Schritt, bis er in die Straße gelangte, welche er einst, dem Kloster flüchtig enteilend, nicht minder schnell gemessen. Wie ein Blitzstral fuhr ihm aber hier mit einemmale die Erinnerung an Esther, an des Herzogs Worte, an seine Liebe durchs Gehirn, und unschlüssig blieb er stehen. »Wie ist's?« überlegte er: »soll ich das Mädchen, das ich liebe, wenn ich's gleich nicht gestehen will, einer ungünstigen Conjunktur zum Raube lassen? Oder soll ich, sie zu retten, für mich selbst die Zeit versäumen? Wer bürgt mir dafür, daß nicht in der nächsten Stunde den Wachen an allen Thoren die Kunde ward, auf mich ein wachsam Auge zu haben? Wäre ich nicht alsdann verloren, und das Mägdlein schutzlos wie zuvor? Und dennoch muß ich meine Zusage halten, .... und dennoch muß ich wenigstens versuchen, ob ich sie retten kann, für die mein Herz und Friedrichs Gebot das Wort führt.« – »Herr meines Lebens,« seufzte hier eine schwache Stimme neben ihm, und er gewahrte mit Erstaunen seinen Begleiter neben sich, der die Hände in die Seiten gestützt, verschnaufend an einer Ecke lehnte. – »Was gibt's?« fragte Dagobert unmuthig: »Junger [387] Fant, was soll das Wehleidigthun? Wer sich in den Dienst der Frau Venus will begeben, muß küssen, drein schlagen und laufen können,wann es eben seyn muß; denn vom Abenteuer lebt die Minne.« – »Ich verstehe Eure Worte nicht,« lispelte des jungen Knaben zarte Stimme: »aber ich weiß, daß ich des Todes bin vor Angst und Gram, wenn Ihr von meiner Seite weicht, und nicht Mitleid habt mit meiner Schwäche.« – Dagobert fuhr zusammen bei dem Klange dieser Stimme. »Nein!« rief er, mit seinen Augen des Begleiters Gestalt messend: »also spricht kein Mann; das ist Frauensprache, und, wenn mich nicht ein böser Zauber bethört, eine Sprache, die mir nicht unbekannt geblieben.« – »Könnt Ihr verzeihen?« stammelte der Knabe, und wollte zu Dagobert's Füßen sinken, als dieser, plötzlich Esther's Züge unter der entstellenden Kappe entdeckte, und die furchtsame Dirne kräftig in der Höhe hielt. – »Unglückliche!« sprach er leise zu ihr: »Wie kömmst Du hieher? Doch gleichviel. Die Erläuterung raubt Zeit, und wir bedürfen der letztern. Der Mondstral hat Dich mir genannt. Deinen Mund laß schweigen, bis wir ausser Gefahr sind. Hänge Deinen Arm in den Meinigen. Stütze Dich auf mich. Nun ich weiß, wer Du bist, muß ich nach Deinen Kräften mich fügen.« –


»Guter Mann!« seufzte Esther, und lehnte sich vertrauend auf des Helfers Arm, der sie, obgleich die innere Ungeduld mit Nesseln peitschte, langsam [388] durch die noch ziemlich belebten Gassen dem Thore zuführte. Die Hüter desselben spotteten des Paars, und machten sich weidlich über die bezechten Schüler lustig, die nach dem Gelage mit schwerem Kopfe den Weg zur Heimath suchten. Dogobert ließ die rohen Gemüther gerne bei dem Glauben, der ihm und seiner Schutzbefohlnen so förderlich ward, und geleitete besonnen die Entkräftete zu einer Bank, die am Rande der Heerstraße stand. »Einen Augenblick darfst Du hier ruhen;« sprach er zu Esther: »sprich jetzt, Mädchen – wie erkläre ich mir ...?« – »Fiorilla war meine Freundin geworden, wie Ihr bereits wißt, edler Herr;« antwortete das Mädchen: »sie nahm mich zu sich am gestrigen Tage, und ich ließ mich lieber ihre Zofe nennen, als daß ich noch länger in dem Hause geblieben wäre, wo Nachstellungen aller Art die Vaterlose verfolgten, die selbst zu den Füßen des Herzogs nur ein Versprechen freien Geleits gen Frankfurt erhalten hatte. Euer Ohm ahnte nichts von dem wahren Zusammenhange meiner Verhältnisse, und er schien viel Gefallen an der neuen Dienerin zu finden. Ehe jedoch Fiorilla mit der Bestimmung meines weitern Geschicks im Reinen war, kamt Ihr. O, ich hörte Euch kommen, ich hörte Euch sprechen, und die Vergangenheit lag wieder vor mir wie ein Paradiesesgarten. Ich hoffte wieder, ich war beruhigt, ohne mir genau bewußt zu seyn, warum. Fiorilla bestärkte mich in dieser seligen Beruhigung, als sie plötzlich bei mir eintrat. ›Esther!‹ sprach sie: ›Dein Retter und Geleiter ist gefunden. Man [389] spinnt Verrath gegen den Junker. Ich werde ihn warnen; er muß fliehen, und Dich mit sich nehmen, ohne zu wissen, wer Du seyst, denn der Erklärungen und Einwendungen wäre dann kein Ende, und dennoch ist die Zeit nur allzugemessen. Muth, meine Freundin! Dagobert ist ein edler Mann; er wird Dich nicht verlassen.‹ Vermummt folgte ich Euch, und überlasse es Euerm Edelmuthe, ob Ihr Fiorillens Zusage erfüllen wollt.«


»Ob ich will, ist keinem Zweifel unterworfen,« antwortete Dagobert kurz und gemessen, denn er suchte hinter dieser Kürze den wahren unruhigen Zustand seines Herzens zu verbergen. – »Aber,« setzte er bei: »armes Mädchen! Wohin soll ich Dich führen? Gen Frankfurt, wo Dein Vater im Kerker liegt?« – »Mein Vater ist unschuldig an jedem Fehl – o gewiß! glaubt es mir!« versetzte Esther mit Zuversicht: »Gewiß kömmt er mir ohne Fesseln bereits entgegen, und – wäre es nicht, – so bin ich in des alten Jochai's Armen aufgehoben wie im Schooße der Mutter!« – »Wohlan denn!« sprach Dagobert: »So reiten wir noch diese Nacht. Jenes Dach beherbergt meine Rosse und meinen Knecht. Folge mir bis dahin, und wir wollen überlegen, wie Du am schnellsten fortzubringen bist.« – Er unterstützte sie während des kurzen Gangs. – »Hast Du auch Alles überlegt?« fragte er an der Herbergspforte noch das Mädchen: »Ich bin ein junger wilder Geselle, dessen Arm Dich schon einmal umfing, dessen [390] Lippen schon einmal auf den Deinen ruhten. Hast Du jener Zeit vergessen, oder meinst Du, ich hätte es gethan? Hegst Du Vertrauen zu mir, und übergibt Dich mir auf der weiten Fahrt ohne Scheu, ohne Mißtrauen?« – »Ob ich jener Zeit vergessen?« fragte Esther entgegen mit leuchtendem Blicke: »Ihr scherzt wohl, edler guter Herr. Aber so wahr als diese Hecken um uns her den Frühling künden durch ihre Knospen, so wahr ist das Vertrauen zu Euch, das in mir lebt. Auf der weiten Welt lebt Keiner, dem ich so zuversichtlich mein Leben anvertraue und meine Ehre. Ihr werdet mich führen zum Vater, Ihr werdet durch Eure fromme Hülfe meinen Pfad ebnen, und den Frieden in mein Herz zurückbringen, wie die scheidende Sonne den Thau auf die lechzende Wüste. Denn auch Ihr werdet dann scheiden von mir, und nur die Erinnerung in meiner Seele lassen und die Dankbarkeit, die nimmer Verlöschende. Mein Gebet für Euch sey Friede, und der hochgelobte Gott verwirkliche hundertfältig den Segen, den schon jetzt mein Mund vom hohen Himmel herab auf Euch lenken möchte!«


»Genug! genug!« fiel hier Dagobert rasch und abstoßend ein: »Laß uns erst an's Ziel gelangen, und möge es für Dich ein Erwünschtes seyn. Die Vergangenheit werde nie zwischen uns berührt, und Deine Gesinnung über diesen Punkt gibt mir erst den Muth, Dein Gefährte zu bleiben, bis an Frankfurts Thore. Von da aus findest Du den Weg in's Vaterhaus [391] allein, und unter uns sey es, als hätten wir uns nie gekannt.«

»So sey es!« flüsterte Esther zögernd und kleinlaut, während Thränen ihre Wangen benetzten. Der junge Mann hingegen, der jetzt erst einen großen Sieg über sein eigen Herz davon getragen, und nun den Talisman gefunden zu haben vermeinte, jeder Versuchung zu widerstehen, ging sorglosen Muthes hin, die Rosse zu rüsten, und Alles zu der Reise vorzubereiten, die auch mit dem ersten Frühstral angetreten wurde.


Ende des ersten Bandes. [392]

Zweiter Band

1. Kapitel
[5] Erstes Kapitel.

Der Lenz ist angekommen!

Habt ihr es nicht vernommen?

Es sagen's euch die Vögelein,

Es sagen's euch die Blümelein:

Der Lenz ist angekommen!

Ihr seht es an den Feldern,

Ihr seht es an den Wäldern;

Der Kukuk ruft, der Finke schlägt,

Es jubelt, was sich froh bewegt:

Der Lenz ist angekommen.

Hier Blümlein auf der Heide,

Dort Schäflein auf der Weide!

Ach seht doch, wie sich alles freut,

Es hat die Welt sich schön erneut:

Der Lenz ist angekommen!

Altd. Lied aus der Sage

vom Venusberge.


Es ist doch eine gar schöne, muntre und selige Zeit, wenn der Frühling wieder herein kommt ins Land, der gar nicht unedel von den Dichtern einem Bräutigam verglichen wird, welcher seine Braut zu schmücken und zu umfangen naht, im Glanz und Prunk des Hochzeittages. Ein Fürst der Erde könnte er nicht minder genannt werden, denn tausend leichtbeschwingte und buntgefiederte Herolde ziehn vor ihm[5] her, seine Ankunft verkündend; himmelblau und golden ist sein Kleid, an das sich der fernen Eisberge Saum anschmiegt, wie Hermelinsverbrämung, und alle Blüthenbüsche fügt er in eine duftende Krone, womit er sich und seine Liebe ziert.

Und die Braut, im Gewande zarter Hoffnung, umgürtet von den Silberbändern, deren Juwelenschmuck erst wieder lebendig wurde durch des Ersehnten feurigen Goldblick, winkt dem Nahenden mit jugendlich grünen Zweigen, und scheint ihn demüthig zu fragen: Kommst Du noch einmal, mit mir den Bund zu schließen in neuer Verjüngung? Nicht umsonst, Geliebter, trägst Du die Farbe der Beständigkeit, denn viele tausendmal begingen wir schon unsre Feier, und dennoch freist Du keine Andre als mich? – Der Hochzeiter schüttelt hierauf lächelnd die wohlriechenden Locken, daß Blüthe auf Blüthe und Perle auf Perle daraus in den Schooß der Freundin sinkt, als ein Geschenk seiner Freigebigkeit. Keine Andre als Du, spricht er, schmückt mir Lager und Teppich so bunt und reizend; keine wölbt mir Lauben luftig und schattig, wie Du; keine andre theilt meine Lust, das Leben zu beglücken, das aus Dir stammt, in Dir vergeht, und wieder von neuem aufsproßt, sich unsrer zu freuen. Glücklich sey das Geschlecht, während meines Reiches Dauer, denn nach mir kommen strengere Herrscher, und die Sorge, und die Welkezeit, und die Nacht! –

Wer hat sich nicht schon gefreut unter dem lindwehenden Panier des fröhlichen Lenzes? Wer, der ein fühlend Herz in der Brust trägt, hätte nicht schon[6] unter dem sonnigen Frühlingsschein die Arme ausgebreitet mit unnennbarem Sehnen, entzückt von Dankbarkeit, erregt von milder Rührung? Predigt die schöne Jugendzeit des Jahrs nicht Friede und Versöhnung? Entwaffnet sie nicht den Haß in edeln Gemüthern? O wahrlich, diese goldnen Tage sollten kein gezücktes Schwert schauen, die süße Frühlingsluft kein drohend Wort vernehmen! – Aber die Leidenschaften ziehen eine Eiswand um des Menschen Herz, die auch der Lenz nicht zu schmelzen vermag; das rohe jüngere Geschlecht kümmert sich nicht um den Wonnemond, weil seine kräftige Begehrlichkeit nicht nach der Sonnenwende fragt, um Wonne zu genießen; und nur des reifen Alters Vorzug ists, das Leben zu verstehen, ihm Sinn und Deutung zu geben, und zu wissen, daß unser irdisch Theil ein treues Conterfei des Wechsels in dem Weltall darstellt.

Wenn er's auch nicht aussprach, so fühlte doch Herr Diether, der Altbürger, dasselbe, da er an einem wunderschönen Morgen in seinem Gärtlein lustwandelte, das vor der Stadt gelegen war, und trotz seinem einfachen Plankengehäge, und dem darin schlicht von Dielen auferbauten Lust- und Werkhäuslein höher von Diether geachtet wurde, als sein stolzes Haus zu Frankfurt selbst. Auf den Arm seiner Ehefrau gestützt, – denn noch war die Wunde, an der er darniedergelegen, nicht völlig vernarbt, schritt er sinnend, aber hellen Auges, auf und nieder, und erging sich in der würzigen Luft und dem warmen Himmelshauche. Frau Margarethe, ihrerseits in Gedanken [7] versunken, aber dennoch ein Auge sorglich auf den presthaften Gatten geheftet, während das andre nach dem kleinen Hans hinüberschweifte, der mit Elsen in einem Winkel des Gartens spielte, schwieg gleich ihrem Herrn. Da begehrte der Letztere zu sitzen, und Margarethe führte ihn zu der Bank an der Thüre des Häuschens. Als sie nun beide darauf Platz genommen, fingen die Glocken der Stadt an ihr Geläute ertönen zu lassen. Diether schlug die Hände fromm zusammen, sah eine Weile still vor sich hin, und redete alsdann: Sie haben in der Stadt ein gottesfürchtig Werk vor. In diesem Augenblicke legt der hochwürdige Stiftsdechant, Herr Jakob Herdan, den Grundstein zu einem stattlichen Thurme, der am Damm aufgeführt werden soll. Ehrenwerth ist es, da ein Denkmal für den lieben Herrgott hinzusetzen, wo früher das Rathhaus stand, auf dem der Bürger Wohl besorgt wurde; und ziemlich ist's zu gleicher Zeit, daß ich, den Gebreste verhinderte, von Amtswegen bei der heiligen Handlung zu seyn, den festlichen Augenblick begehe mit frommer That und Rede. Seht, meine werthe Hausfrau: ich habe es bis jetzt aufgespart, mit Euch etwas zu besprechen, das mir am Herzen nagte. Es kann Euch nicht entgangen seyn daß ich seit einiger Zeit wohl nicht derselbe gegen Euch war, der ich früherhin gewesen. Ich kann leider nicht läugnen, daß der Tag, an welchem Euer Bruder uns mit gewohnter Unverschämtheit heimsuchte, eine Quelle des Argwohns und traurigen Verdachts für mich geworden. Ich schäme mich schier, die Reden des wüsten Menschen zu wiederholen, [8] die niemals einen Eindruck auf mich hätten machen sollen. Aber der Mensch ist ein schwaches Geschöpf. Von dem Kleinern zum Größern fortzuschreiten, – selbst den Funken zum Brande anzublasen ist ihm ein gering Geschäft. Der Böse verblendete mich ganz, da mich der Meuchelmörder überfallen und gezeichnet hatte. Ich beklage den Wahn, der mich gehässig gegen Euch anreizte, daß ich eure Hülfe von mir stieß, und mich wie ein Toller geberdete, bis ich ohnmächtig mich Eurer Fürsorge überlassen mußte. Da gingen mir endlich nach und nach die Augen auf. Euer still besonnenes Thun, gleich weit entfernt von dem Trugeifer einer Heuchlerin, wie von der schadenfrohen Sorglosigkeit eines Weibes, das sich Witwe zu werden sehnt, erweichte mein Gemüth, wie meine Wunde. Dennoch, argwöhnisch, wie ich war, las ich aufmerksam in eurem Blicke, und mir entging die ruhige Freude nicht, mit welcher Euch meine Genesung erfüllte. O, diese Überzeugung trug viel zu meiner Herstellung bei, und, als ein gerechter Mann, der sich nicht scheut, sein Unrecht einzugestehen, frage ich Euch heute, unterm Blau des Himmels, und in Gegenwart unsers Kindes, ob ihr den gräulichen Verdacht vergeben könnt.

»Mein werther Eheherr ....« stammelte Margarethe überrascht und beschämt: »Wie könnt Ihr doch meinen, daß ein Groll gegen Euch ....«

»Lieb Weib,« fiel Diether ein: »Ich liebe das Geradezu.« Scheltet mich aus, wie einen Heiden, daß ich zweifeln konnte an Eurer Ehre und euerm Christenthum, auf das Zeugniß eines Lügners hin, und [9] auf die That eines meuchlerischen Buben. »Nein,« – fuhr er fort, Margarethens Wange und Hand streichelnd – »dies fromme Angesicht konnte mich nicht an einen Andern verrathen; diese Hand, die mich so zart und sorgsam pflegte, hat nicht auf das Leben eines alten Mannes gezielt.« –

»Jesus!« seufzte Margarethe erschrocken: »Was kommt Euch zu Sinne, lieber Herr? Die Heiligen mögen Euch verzeihen, wie ich es thue, ob solchem schnöden Verdacht.«

»Wenn Ihr vergebt, die Beleidigte, so thun es die Heiligen nicht minder;« antwortete Diether; »und förder sollt Ihr nicht klagen können. Der Versucher soll nimmer an mich kommen. Mein Siechthum hat gar Vieles anders gemacht in meinem Innern. Eine recht süße Wehmuth, wie ich sie nie gefühlt, seit ich zum Erstenmal freite, hat mirs angethan, und den Wunsch in mir erregt, Alle, die mir nahe angehören, um mich her versammelt zu sehen: den Bruder, den Sohn, und .... ach ja ... und auch die Tochter, obgleich sie sich von uns geschieden hat mit Vorbedacht. Seht, Margarethe, auch um dessenwillen muß ich Euch danken. Wallrade hat Euch schwer beleidigt, und dennoch tratet Ihr nicht zwischen sie und mein Verlangen.«

»Die Jahre werden viel geändert haben;« erwiederte Diethers Gattin sauft: »Damals wollte sie nicht meine Tochter heißen; jetzt würde sie vielleicht meine Freundin.«

»O gewiß;« bekräftigte Diether: »die Zeit macht milder, wie das Sprüchwort heißt. Aber wehe thut[10] mirs, daß bis jetzo auf mein redlich Schreiben weder Antwort kam, noch der herzliebe Besuch von den Dreien, die sich zu Kostnitz plötzlich zusammen doch gefunden. Ich hatte mich darauf gefreut wie ein Kind. Ich hatte mir alles so schön und heimlich ausgedacht, – wie ich Wallraden – die liebe widerspenstige Tochter – in Deine Arme führen wollte; wie ich den zu unsrer Wonne so glücklich gesundeten Sohn an der Geschwister Brust gelegt hätte; ... aber meine Freude fiel in den tiefsten Brunnen. Noch am verwichnen Sonntage zupfte es mich an allen Nähten, und eine falsche Ahnung flüsterte mir zu: heute, – ja, heute kommen sie ganz gewiß. Schier hätte ich mich auf die Heerstraße tragen lassen, um ihnen in die Ferne entgegen zu sehen. Der alte Thor hätte sich aber blind geschaut. Dem Greise versagen sich die, die er liebt.« –

»Habt Ihr denn nicht uns?« fragte Margarethe mit ängstlicher Freundlichkeit, und hob den Knaben der sich herbei gemacht hatte, auf den Schooß des Gatten, dessen Nacken sie umschlang. »Bedürft Ihr, um glücklich, und zufrieden zu seyn, noch andrer Herzen, die Euch fremd geworden zu seyn scheinen?«

»Nicht doch, geliebte Ehefrau!« betheuerte der gerührte alte Mann, den Buben und seine Gattin abwechselnd herzend und liebkosend: »nicht doch, herzliebes Söhnlein! Aber, wenn ich Euch gleich inniger im Busen trage, als die Vermißten, .... sie sind doch auch meine Kinder; vorab der Dagobert, der die Freuden des Hausvaters dahinten lassen muß, um der Mutter zu einer fröhlichen Urstund zu helfen.«

[11] »Hier, sagt man, soll ich Herrn Diether finden?« fragte am Eingange des Gartens eine Stimme, die Margarethen nicht fremd, ihrem Gatten eine liebe war.

»Wallrade!« riefen beide überrascht, und Diether's wankende Knie versagten dem Aufstehenden den Dienst. Indessen kam die Unerwartete und dennoch Ersehnte langsam und stolz herangeschritten, von Elsen begleitet, die ihr den Weg zu dem Elternpaare wies. »Wallrade! Tochter!« stammelte Diether unter Thränengüssen der Freude, die Arme weit öffnend. »Willkommen Fräulein!« setzte die Stiefmutter hinzu, die Hand ihr reichend. Aber weder in die Arme des Vaters sank die Tochter, noch ergriff sie die dargebotne Rechte. Einige Schritte von Diether entfernt, stand sie stille, warf einen durchdringenden Blick auf das Paar, und schlug die Hände zusammen. »Herrgott!« sprach sie in dem tiefen Tone, der nicht selten auf ein hartes Gemüth schließen läßt: »Wie verändert finde ich Euch, Vater! Die letzten Jahre scheinen Euch nicht zugesagt zu haben!« Diether überhörte diese Worte, bewegt von den Gefühlen, die das schwache Alter doppelt empfindet; aber Margarethe faßte sie auf, die wie ein kalter Hauch an ihr warmgewordnes Herz drangen. »Die letzten Tage, wollt Ihr sagen, Fräulein!« erwiederte sie empfindlich: »Die letzten Jahre waren gut, und von Eurer Kindlichkeit wird es abhängen, ob der heutige Tag ihnen gleichen soll. Euer Vater harrt noch immer der schicklichen Umarmung entgegen. Ich möchte [12] Euch nicht gern umsonst darauf aufmerksam gemacht haben. –«

Wallrade näherte sich dem Vater, küßte seine Hand und Wange mit Förmlichkeit, und neigte sich steif vor Margarethen. »O mein liebes Kind!« sprach Diether, der sie neben sich auf das Bänkchen niederzog: »Wie erquickt mich Dein Anblick. Ja, in Frauenherzen wohnt Versöhnlichkeit und der Funke der Liebe. Du, das verloren geachtete Kind, kehrst in's Vaterhaus zurück, während Sohn und Bruder ferne bleiben.« – Wallrade zuckte leicht die Achseln und wendete sich zu Margarethen mit den Worten: »Ehrsame Frau;« wenn mich der Vater schon verloren achtete, ... »um wie viel strenger mag nicht Euer Urtheil über mich gelautet haben?« –

»Ihr irrt;« versetzte Margarethe ruhig: »was das heiße Blut der Jugend fühlte, steht den reifern Jahren zu, wieder gut zu machen. Mein Herr liebt Euch, darum seyd Ihr auch mir kein unlieber Gast.« – »Wacker gesprochen, liebe Wirthin!« rief Diether, ihr entzückt die Hand entgegenstreckend: »Ihr seyd eine Perle, wie sie wohl selten ein Greis in seinen Winterkranz flechten darf, und ich denke, Wallrade soll Euch bald innig befreundet seyn. Umhalst euch vor meinen Augen. Das letzte widerstrebende Gefühl versinke in der freundlichen Annäherung. – So; und nun, meine wiedergefundne Tochter, küsse auch Deinen Bruder, den kleinen muthwilligen Johann, die Wonne meiner alten Tage.« – Wallrade sah sich mit verdüstertem Antlitz nach dem Jungen um, der, wie Margarethe erst jetzt bemerkte, sich hinter [13] die Bank und die Gewänder der Mutter verkrochen hatte. – »Johann, wo steckst Du?« fragte Diether liebreich: »Komm, umarme Deine Schwester!« – »Ei, du einfältiger Bube;« ermahnte Margarethe den Weigernden: »Was muß denn Schwester Wallrade von Dir denken? Du bist ja kein Ungeheuer, das sich nicht am Tage sehen lassen darf. Komm, komm doch!« – Sie zog den schüchternen Buben, der sich aus allen Kräften sträubte, mit Gewalt herbei, und erschrak jetzo selbst über die Blässe, die sein Gesicht überzogen hatte. Ängstlich gebückt, mit niedergeschlagnen Augen, stand der Kleine da, als hätte er ein Verbrechen begangen. Nichts konnte ihn bewegen, der Fremden nur einen Blick, eine Sylbe zu schenken. Diese Scheu, welche Diether und Margarethe sich nicht enträthseln konnten, machte augenscheinlich den widrigsten Eindruck auf Wallraden. Sie stand auf, – zweifelhaft, ob sie ihr Gesicht dem Knaben zuwenden, oder es von ihm kehren sollte. Ihre Augen brannten, ihr Mund zuckte und ihre gespannten Züge drückten die Leidenschaftlichkeit aus, die ihre Brust beseelte. Ihren Unmuth mühsam bemeisternd, wies sie des Knaben Hand schweigend von sich, als die Mutter, in deren Arme er sich geflüchtet hatte, ihn bewog, ihr die widerstrebende zu überlassen.

Zugleich zog sie den Schleier über Stirn und Augen. »Da das Herrlein meinen Anblick unerträglich findet,« – sprach sie mit angegriffener Stimme, – »so thue ich am besten, wenn ich ihm das unwillkommne Gesicht entziehe.« – Wirklich schien [14] es auch, als ob der Knabe sich begütigen wolle, denn seine Ängstlichkeit verlor sich nun so ziemlich, und er heftete dann und wann die blauen Augen staunend auf das reiche hellfarbige Gewand Wallradens, und auf ihre mit blitzenden Ringen gezierten Finger. Auf alle Fragen, Ermahnungen und tadelnden Reden der Eltern erwiederte er nichts; jedoch in demselben Augenblicke, als man ihn zu vermögen gedachte, zwischen Margarethen und Wallraden niederzusitzen, erstand wieder die vorige Furchtsamkeit in ihm, und er suchte abermals in Margarethens Schooß Zuflucht, wie vor einer Gefahr. – »Man hat dem Buben ohne Zweifel angenehme Dinge von mir berichtet;« begann Wallrade mit beleidigtem Stolze: »wenn ihm die Schwester als ein Schreckgespenst geschildert wurde, so muß er sie freilich fliehen, wie die Sünde.« – »Ei,« erwiederte Diether: »das hat meine Hausfrau sicherlich nicht gethan, darauf wollte ich schwören.« – »Mein werther Herr dürfte es auch;« bekräftigte Margarethe mit gesteigerter Empfindlichkeit: »Der Knabe hörte kaum des Fräuleins Namen nennen. Ich wollte wetten, er hat vergessen, daß er eine Schwester hat. Unerwartet kam ihm daher deren Anblick; wenn wir nicht annehmen wollten,« – setzte sie wie im Scherz hinzu, obgleich der Ernst hinter ihrem Lächeln lauerte, – »daß Kinder eine richtigere Ahnung haben, denn die Erwachsenen, ob man sie von Herzen liebt, oder ihnen nur des Herkommens wegen Liebkosungen erweißt.« – »Das Letztere möchte seyn;« entgegnete Wallrade rasch und kalt: »Ich muß bekennen, daß ich Kinder dieses Alters [15] nicht liebe, wären sie auch die Söhne meiner werthen Stiefmutter. Die Tölpelhaftigkeit der Buben ist mir in der Seele zuwider, und ich werde es als ein Zeichen Eurer aufrichtigen Freundschaft ansehen, ehrsame Frau, wenn Ihr mir, so oft ich des Vaters Haus besuche, den Anblick des ungeberdigen Stiefbrüderleins erspart.« –

»Soll gerne geschehen, verlaßt Euch darauf;« versetzte Margarethe gekränkt, und beschäftigte sich damit, die Haare des kleinen Hans unter dem Sonenhütlein zu ordnen, das sie ihm aufsetzte, – damit ein Zeichen zum Aufbruch gebend. –

»Das wird ja alles werden;« sprach Diether begütigend: »Was läßt mich aber Deine Rede muthmaßen, liebe Wallrade? Du gedenkst nicht zu wohnen in meinem Hause«?

»Nein, mein Vater!« antwortete das Fräulein bestimmt: »Ich bin seit Langem gewöhnt, in meiner Behausung Herr zu seyn; und meine Gewohnheiten könnten Eurer Ehefrau lästig seyn, so wie mir vielleicht ihre Hausordnung. Daher habe ich's für gut erachtet, in der Herberge zum Eichhorn abzutreten. Da durch erspare ich uns allen manche Unannehmlichkeit, die um so überflüssiger ist, als mein Aufenthalt zu Frankfurt nur von kurzer Dauer seyn kann.« – Diether wollte sein Bedauern nicht verhehlen, und der Tochter zureden, aber Margarethe unterbrach ihn schnell.

»Es sey fern von uns,« sagte sie hitzig: »des Fräuleins Willen beschränken zu wollen, und darum geschehe nach ihrem Wunsche, aber die Freude, Euch[16] an unsrem Tische zu bewirthen, werdet Ihr dem Vater doch nicht versagen? – Der arme, kleine, ungeberdige und tölpelhafte Johann soll nie durch seine Gegenwart stören.« – »Ihr verbindet mich immer mehr, gute Frau;« erwiederte Wallrade in gleichem Tone: »und damit ihr von meiner Bereitwilligkeit überzeugt werdet, so fordre ich Euch selbst auf, nach der Stadt zu kehren. An meines Vaters Seite sitzend, will ich ihm vom Ohm erzählen, der ihn zärtlich grüßen läßt.« – »Gruß ersetzt wohl bei Tafelfreuden die Einkehr;« entgegnete Diether seufzend, und, zum Weggehen fertig, sich auf Wallradens Arm stützend: »aber wehe thut mir's doch, daß er nicht selber kam, und daß Dagobert ausbleibt, auf dessen treuen Kindessinn ich Felsen gebaut hätte.« – »Von Dagobert laßt mich schweigen;« äußerte Wallrade mit geheuchelter Bekümmerniß, und war aber im Augenblicke, auf die Aufforderung der väterlichen Besorgniß, bereit, dies Schweigen zu brechen. Mit dem alten Diether vorausgehend, entwarf sie dem ängstlich Zuhörenden ein mit hämischer Bemühung ausgemaltes Truggemälde von Dagobert's Lebenswandel zu Costnitz, und führte den Pinsel so gut, daß der Vater in dem Verläumdeten bald den verlornen Sohn beweinte. – Während dieser Einflüsterungen ging in beträchtlicher Entfernung hinter Vater und Tochter Frau Margarethe, den Knaben an der Hand, nachdem sie Elsen voraus zur Stadt geschickt, um zu einem erweiterten Mittagmahl Anstalten zu treffen. Die Art und Weise, wie die ungeliebte Wallrade trotz ihrer Schroffheit sich im ersten Augenblicke des [17] Vertrauens des Vaters bemächtigte, mit geringschätzender Hintansetzung der Gattin desselben, – die Kränkungen, die Wallrade mit freigebiger Hand an die Stiefmutter und den Knaben gespendet, griffen hart und böse an das reizbare Herz der stolzen Leuenbergerin. Wie aber oft das menschliche Gemüth, – ein weibliches insbesondre, – aus Dingen Trost gewinnen kann, die an sich geringfügig sind, so beruhigte sich auch hier Margarethe mit dem Gedanken, daß nicht allein sie selbst der Widersacherin Wermuth, zu kosten gegeben, sondern daß der Knabe sogar durch seine deutlich ausgesprochne Abneigung der Gegnerin Stolz verletzt habe. Von dieser kleinen Vergeltung erfreut, bückte sie sich mit größrer Freundlichkeit, – als sie sonst wohl dem Knaben zu wendete – zu demselben hinab, und streichelte seine Wangen. »Du bist ein wackrer Bube;« sprach sie belobend zu ihm: »ich habe Dich lieb vor Allen, wenn Du gegen Wallraden ferner Dich beträgst, wie heute. Willst Du?« – »Was Du befiehlst, Mutter;« erwiederte der Knabe freundlich.

»Recht so, mein guter Hans,« fuhr Margarethe fort: »Gehe nicht zu der falschen Frau. Sie wird Dir vielleicht Honigkuchen und Semmelringe bieten, um dich kirre zu machen. Nimm aber nichts von ihr, hörst Du? Sie meint es böse mit Dir und mir und mit dem Vater.« – »Ach Mütterlein!« rannte ihr der Knabe ins Ohr: »Ich fürchte mich vor ihr.« – »Thue das immer, mein Söhnlein!« versetzte Margarethe: »Zieh' ihr immer ein finster Gesicht, und iß nicht, was sie Dir bietet. Für jeden Leckerbissen, [18] den Du aus ihrer Hand nicht nimmst, gebe ich Dir deren zwei.« – »O ja Mütterlein!« entgegnete der Knabe hüpfend: »Du bist ein gut und anmuthig Mütterlein bei dem ich bleiben will. Zu der schwarzen Mutter will ich nicht mehr.« – »Was schwatzest Du wieder von dem schwarzen Weibe?« schalt Margarethe: »Du weißt, daß Du nur von ihm geträumt hast, Bube. Vergiß doch endlich den bösen Traum!«

»Ich will ja wohl, lieb' Mutter,« sagte der Knabe, eingeschüchtert durch den heftigen Ton: »aber Heute war mir's, als finge ich wieder an zu träumen, und die Fremde ist gewiß die Schwarze, die mich schlagen will.« – »Lächerliches Zeug!« eiferte Margarethe: »Wallrade ist Deine Schwester, Hans, und Niemand sonst. Aber eine böse Schwester ist sie, ob sie gleich ein rothes lustiges Gewand trägt. Sie will uns arm machen, daß wir betteln gehen sollen, wie der arme Hug, dem du alle Samstag seinen Heller an die Pforte bringst. Denk Dir nur! Je weniger Du sie aber leiden kannst, je weniger vermag sie uns anzuhaben.« – »Ich will ihr aus dem Wege gehen,« versicherte der kleine Hans treuherzig: »Du mußt mir auch dagegen nichts thun lassen.« – »Sorge nicht, mein Kind!« tröstete Margarethe. »Ich will Dich hüten wie meinen Augapfel. Folge nur fein meinen Geboten, und es wird alles gut gehen.« –

Es gieng auch alles nach ihrem Wunsche. Knabe und Stieftochter blieben einander ferne, weil sie sich nicht suchten. Diether, der, von Gatten- und Vaterliebe gleich bedrängt, in seiner unwandelbaren Gutmüthigkeit beständig hoffte, die Mißtöne seines Hauses[19] würden sich endlich doch noch in den gewünschten Einklang auflösen, vermittelte, entschuldigte, sprach zur Sühne, wo und wie es sich nur thun ließ, und erhielt auf diese Weise einen Schein von Friedlichkeit im Hauswesen, welcher bald genug die ganze Stadt täuschte, den nahen Verwandten- und Freundekreis nicht ausgenommen. Wallrade, die man geraume Zeit zu Frankfurt vergessen hatte, gewann nun neue Theilnahme durch ihr musterhaft sittsames Betragen, und durch die reuevolle Versöhnlichkeit, mit welcher sie, nach Diethers jubelvoller Behauptung, den Eltern die Friedenshand gereicht hatte. Der Altbürger, von den Glückwünschen seiner Freunde geschmeichelt, schwamm in einem Meere von Entzücken, und gewahrte in seiner Herzensfreude nicht, wie zwischen Wallraden und Margarethen die Kluft immer größer wurde, und zwischen Schwester und Brüderlein dennoch keine Annäherung sich stiften wollte. Eine Woche war also hingeschwunden, – eine kurze Zeit für Seelen, die sich lieben, – eine lange für solche, die bloß das Band verhaßter Form verknüpft, als Wallrade aus dem Vaterhause unmuthig und düster nach ihrer Wohnung im Einhorn zurückkehrte. Verdrüßlich beurlaubte sie den abgeschmackten Herrn, der durch eine weitläufige Vetterschaft das Recht gewonnen hatte, ihr als Begleiter auf dem Heimwege lästig zu seyn. Verdrüßlich trat sie in ihr Gemach, wo ihre Begleiterin in tiefen Gedanken versunken, am Fenster saß. – »Gute Wallrade,« sprach die Letztere, die Eintretende froh begrüssend: »Wie freue ich mich, Dich schon so frühe bei mir zu sehen. Mich quälen heute[20] ganz absonderliche Grillen.« – »Wie so?« fragte Wallrade entgegen. – »Der schöne Nachmittag hat mich verlockt, mit meiner Kleinen in's Freie zu gehen;« antwortete die andre: »Wir haben die geräuschvollsten Straßen durchstrichen, und ich erging mich einmal wieder im warmen Frühlingsschein. Meinen Kummer hatte ich mir durch Zerstreuung erleichtert; – aber auf einmal wurde er verdoppelt in seiner Last. Plötzlich war mir's, als ob ich unter dem Gewühle der Menschen meinen armen Rudolf erblickte. Du glaubst nicht, Wallrade, welchen Eindruck der grüne Rock auf mich machte, den ich unfern von mir durch das Getümmel schimmern sah. Wie eine aufgescheuchte Taube machte ich mir Bahn, und flog dem rüstig dahineilenden nach. Rudolf! rief ich in meinem Wahn, Vater! lallte mein Mädchen, als ob es meinen Schmerz theilte. Der Mann sah sich um, – und ich gewahrte ein kaltes, fremdes Gesicht. O, wie hatte ich mich getäuscht!« –

»Und wie sehr verdientest du diese Täuschung!« erwiederte Wallrade hart: »Verbot ich Dir nicht, Dich in der Stadt zu zeigen? Ich wußte es ja wohl, daß Deine unselige Leidenschaft den Gaffern ein Schauspiel geben, und die jungen müßigen Thoren in Bewegung setzen würde.« –

»Schilt mich,« versetzte Frau Katharine, »aber zürne mir nicht ernstlich. Was würde aus mir, wenn ich Deine Freundschaft einbüßen sollte? Laß mich indessen erst gänzlich meine Erzählung zu Ende bringen. Einen besondern Zufall habe ich noch zu berichten. Du kannst Dir vorstellen, in welcher Lage [21] ich mich befand, als die Hoffnung, den Gatten zu umfangen, mir entwichen, sein Trugbild, wie ein Gespenst unter meinen Händen in Nichts zerronnen war. Mich kümmerte das Anstarren der Gaffer nicht. In meinem, erst recht lebendig gewordnen Schmerze blickte ich auf zum Himmel, und drückte mein weinendes Kind heftig an die Brust, – da steht plötzlich ein junger Mann vor mir, in dem ich ohne Mühe jenen Jüngling erkannte, der uns, wie ich Dir schon erzählt, zu Costnitz den räthselhaften Besuch abgestattet hat, seit welchem meines Mannes verschloßne Schwermuth anhob.« –

»So?« unterbrach sie Wallrade überrascht: »jener Jüngling? Doch gewiß war's abermals nur ein Truggebild Deines Gehirns.«

»Nicht doch;« fuhr Katharine fort: »die wunderfreundlichen Augen des jungen Mannes habe ich mir zu gut gemerkt, sah ich ihn auch damals nur gleich wie im Fluge. Eben so freundlich blickte er nun mich an, und schien nicht weniger überrascht zu seyn, als ich. ›Ei, Frau von der Rhön,‹ sprach er hierauf: ›wie kömmt's, daß ich Euch hier zu Frankfurt sehe? Ihr habt sicherlich unter dem Gedränge Euern Gatten verloren. Darf ich Euch an seiner Statt nach Hause bringen? –‹«

»Seht doch!« spöttelte Wallrade mit einer gewissen Unruhe: »wie ritterlich! Und Du gingst mit ihm, und benahmst ihm ohne Zweifel seinen Irrthum?«

»Meine Schaam ließ es nicht zu;« entgegnete Katharine: »ich ließ mich zwar von ihm nach Hause geleiten, konnte mich jedoch nicht überwinden, ihm [22] die Wahrheit zu sagen, wie angelegentlich er sich auch nach dem Herrn von der Rhön und der Ursache unsers hiesigen Aufenthalts erkundigte.« Auf der Schwelle des Hauses nahm er Abschied. Da war es aber auch, wo er mir folgende bewerkenswerthe Worte sagte: »Grüßt Euern Gemahl von dem Unbekannten, edle Frau, und sagt ihm, er habe keine gute Zeit gewählt, hier zu verweilen. Sein böser Geist ist um die Wege. Er möge sich hüten, ihm zu begegnen. Ich werde in den nächsten Tagen selber ihn heimsuchen, und ihm, so Gott will, die Kunde bringen, daß die Gefahr vorüber.« – »Somit schied er, und seitdem ich zu Hause sitze, foltern mich neue Zweifel, peinigt mich verdoppelte Angst.«

Wallrade schwieg eine Weile mit gerunzelter Stirne, nachsinnend und düster. »Dieser Mensch,« sprach sie endlich, »ist ohne Zweifel selbst Deines Gatten Feind, oder das Werkzeug seines bösen Geistes. Hinter seinen räthselhaften Worten lauert Unheil, – ich wollte darauf einen Eid ablegen. Du mußt dem Fremdling ausweichen; – ich will es. Ohnehin ist meines Bleibens hier nicht mehr lange.«

»Nicht?« fragte Katharine ängstlich in Wallraden's Augen lesend: »Du wirst doch nicht vergessen, was Du mir, Deiner Freundin gelobtest? Hieher, erfuhren wir, habe der beklagenswerthe Flüchtling sich gewendet; – hier verliert sich seine Spur, dem Anscheine nach; allein Du hast mir nähere Auskunft zugesichert, durch Deines Geschlechts und Deiner Freunde vielseitige Verbindungen. Versäume nicht, für mich zu handeln. Ich, die Verlassene ohne Verwandte, [23] ohne Güter und Freund, vermag es ja nicht.«

»Was ich gelobte, habe ich nie versäumt;« erwiederte Wallrade: »ich habe für Dich gehandelt; ich habe Aufschluß erhalten auf mein beharrliches Forschen; ich muß Dir nun, so wehe es mir thut, mittheilen, was ich aus der reinsten Quelle geschöpft; denn Deine überspannte Sehnsucht, Deine auf's höchste gereizte Leidenschaft für einen Treulosen, der Dich verließ, muß geheilt werden, sey es auch durch das läuternde Feuer des Grams. –«

»Gott! was werde ich hören!« seufzte Katharine in banger Erwartung, die Augen starr auf das unheilverkündende Antlitz Wallraden's geheftet, welche hart und ohne Rührung fortfuhr, Streich auf Streich gegen das kindlich wehrlose Herz der Unglücklichen zu führen. – »Nimmer wirst Du ferner den Schändlichen schauen;« sprach sie: »nach Frankreich ist er gezogen, um unter französischen oder englischen Fahnen sein Blut zu verspritzen. Nicht des Kaisers Zorn scheuchte ihn aus den Gemarken seines Vaterlands, sondern die Furcht vor der Rache Gottes und seiner Kirche. Er liegt im Bann.«

»Herr des Himmels!« schrie Katharine auf: »Im Bann? Was hat der Unglückselige gefrevelt? Was hat ihn in die ewige Verdammniß gebracht? O rede, rede Wallrade!«

»Du forderst mich auf, den größten Jammer. Dir nicht länger zu verhehlen;« versetzte das Fräulein, »der Herr von der Rhön hat mit Gottes heiligstem Gebote seinen verfluchten Spott getrieben. [24] Das Sakrament der Ehe, das der Herr selbst eingesetzt, hat er mißbraucht, um seinen Lüsten zu fröhnen. Ehe er Dich zum Weibe nahm in böser Arglist, hatte ihn der Priester schon mit einer andern eingesegnet vor Gott.«

»Halt ein!« rief Katharine, entsetzt auffahrend; allein die Unerbittliche vollendete demungeachtet: »Die, die er verließ, um Dich zu betrügen, schmachtet dahin in Elend und Kummer sammt ihren Kindern. Und dennoch ist sie weniger zu beklagen, als Du; denn Deine Ehe mit dem Verräther ist Sünde und Schmach; Dein Kind ist unehelich gezeugt in Schuld und Frevel.«

Katharine sank mit einem dumpfen Laut vom Sessel zur Erde, und mitleidige Ohnmacht schloß ihr Auge. – Aber das Mitleid stand an ihrer Seite nicht. Wallrade leistete ihr keine Hülfe, sondern lächelte tückisch in das Unglück, das sie angerichtet. Mit grausamem Übermuth heftete sie die wilden Augen bald auf das arme Weib zu ihren Füßen, bald auf dessen, in weichen Kissen schlummerndes Kind. Grimmiges Rachgefühl verzog ihr Gesicht, hob die kühn arbeitende Brust. Die Hände schlug sie befriedigt zusammen, und murmelte höhnend zwischen den Zähnen: »Der Siegreich ist gefallen! Fast stehe ich am Ziele. Er, flüchtig wie ein Ächter; sie, losgerissen von Allem, in meiner Gewalt; sein Kind mein Opfer, wehrlos hingegeben meiner Vergeltung! So mußte es kommen. Leben muß er zu seiner Qual, und wenn auch die kühnste Verzweiflung ihn wieder zum verlaßnen Herde triebe, verstohlen, um jeden Preiß seine Lieben noch einmal zu sehen, die Stätte öde [25] finden, und nicht wissen, wo sie athmen, die ihm theuer sind. Vergehen muß er nun langsam in fruchtlosem Jammer; vergehen muß aber auch sie an der trägen Glut fressenden Grams; und erblassen muß die Tochter in meinem Schooß, verwelken an dem Genusse des Wermuthbechers, den ich ihr reichen will vom Sonnenaufgang bis zum Abendroth. Dies zu vollbringen helfe mir das Unglück, das so gerne feindselig des Menschen Geschick zu untergraben bereit ist! –«

Die Zofe trat hier in die Stube, und bebte zurück, da sie die erblaßt dahin Gesunkene ersah. »Was solls?« fragte Wallrade. »Rüdiger ist zurück;« berichtete die Magd, ihrer Bestürzung kaum Herr werdend. – »Zurück?« fragte Wallrade wiederum, und ein heller Schein überstrahlte ihre Züge: »Ich gehe, ihn zu sprechen. Stehe Du mittlerweile hier der Elenden bei, und bringe sie zur Ruhe. – «

Mit einem höhnenden Abschiedsblick rauschte sie zur Thüre hinaus, vor welcher der Knecht Rüdiger wartete. Sie winkte ihm in die Seitenstube. – »Sag' an Deine Mähr;« begann sie zu dem Manne. »Gesagt ist sie bald,« erwiederte derselbe. »Es hat Alles seine völlige Richtigkeit. Der Knabe, von dem Ihr Kunde haben wollt, ist wirklich derjenige, wofür er ausgegeben wird.« – »Nicht möglich!« fiel Wallrade ein: »Du lügst!« – »Ihr dürft mich einen Lügner schelten;« versetzte der Breitgestirnte gleichmüthig: »Ihr seyd meine Herrschaft, und ich Euer halseigner Knecht. Aber trotz dem konnte ich zu Wiesbaden nichts anderes herausbringen. Die [26] Frau Willhild von welcher mir Else erzählte, da ich sie Eurem Gebote gemäß, geschickt ausforschte, hat richtig Herrn Diether's Junker erzogen, und ihn verwichnen Herbst zur Stadt gebracht. Keine Seele in ihrem Wohnorte und zu Wiesbaden weiß Anderes davon zu berichten. All meine Mühe war umsonst.« – »Schon genug;« versetzte Wallrade: »Du bist ein Büffel, und ich werde selbst an Ort und Stelle sehen, ob Du meinen Auftrag ausgerichtet, wie ich's begehrt.« – »Das steht Euch frei;« entgegnete Rüdiger wie oben: »aber, ob Ihr gleich der Herr seyd und ich Nichts gegen Euch vorstelle, so werdet Ihr doch finden, daß ich Recht habe.«

Nachdem er sich entfernt, überlegte Wallrade, mit Ernst und Fleiß, wie Alles sich zu ihren schnöden Zwecken fügen müsse. – »Diese schwüle Gewitterhitze kann nicht von Bestand seyn,« sprach sie zu sich selbst: »bleibe ich länger, so kömmt es zur Fehde zwischen der Stiefmutter und mir. Den offnen Bruch muß ich jedoch vermeiden, bis ich ihr hart an's Leben kann. Jetzt treibt mich die Vorsicht von hinnen, denn nach dem, was Katharine sprach, ist mein Bruder angelangt, und brütet sicher in geheimer Stille Verderben gegen mich. Ihm muß ich ausweichen zu gelegner Zeit, und selbst zu Wiesbaden und an Willhild's Wohnorte die Waffen suchen, deren ich bedarf, um Margarethen zu vernichten. Denn – falsch ist ihr Spiel; wie sollte ich den Buben nicht kennen? Warum wäre er so scheu und furchtsam gewesen, da er mich nur sah? Welch ein seltsam Verhängniß ihn auch hieher, gerade in dieses Haus geführt haben[27] mag ..... ich will es benützen. Zuerst diene er mir als Hebel zum Sturze meiner Feindin; dann erst soll auch ihn meine verzögerte Rache ereilen. Ehe ich aber die Fahrt antrete, die mir Gewißheit verschaffen soll, wo Margarethens Sohn hingekommen, muß ich noch ein Gift bereiten, das ich in Diether's Wunde streuen kann, um sie nie verharrschen zu lassen.«

»Um Gottes Barmherzigkeit willen, laßt mich zu ihr!« jammerte eine flagende Stimme draußen, und Bilger's Gattin stürzte mit aufgelöstem Haar und zerrütteten Gewändern zu Wallraden herein. »Ich konnte sie nicht aufhalten!« versicherte die zagend nachfolgende Zofe, da sie in Wallradens finsterm Blicke den Zorn über die unverhoffte und unwillkommne Störung las. Verweint, bleich, mit wankenden Knien nahte sich Katharine dem Fräulein, das durch einen Wink die Dienerin entfernte; sie ergriff des Fräuleins Hand und sah sie mit dem Ausdrucke unaussprechlicher Wehmuth an. – »Was willst Du, Katharine von der Rhön?« fragte Wallrade hart und abgeschlossen. – »Verbirg mich vor meiner eignen Schande!« schluchzte Katharine, »und nenne den unglücklichen Namen nicht, der mich einst selig machte, und nun meine ganze Zukunft vergiften wird.« – »Wie soll ich Dich denn also nennen, Unselige?« fragte Wallrade wie zuvor. – »Hab ich denn mein Recht auf Deine Freundschaft verloren?« klagte Katharine: »An Deinem Busen fand ich Trost über des Gatten Verlust, als er mich und sein Kind so schnöde verlassen hatte: Deinem Zureden folgte [28] ich, als ich unsers gnädigsten Kaisers Gnade von mir verwies, die für meine Zukunft sorgen wollte. Deiner ernstlichen Zuneigung vertraute ich, als Du mich auffordertest, mit Dir zu ziehen, um des treulosen geliebten Flüchtlings Spur zu verfolgen. O, steh mir auch jetzt bei in den schwersten Stunden meines Lebens! Hilf mir in diesem Sturme meines empörten Herzens!« – »Wie soll ich?« sprach Wallrade mit Kälte und unverkennbarem Widerwillen. – »Werde mir nicht fremd;« fuhr Bilger's Gattin dringender fort: »zürne nicht meiner Scheu, zu glauben, was meine Seele durchschneidet wie ein Schwert. Ist es auch sichre lautre Wahrheit, was Du mir berichtet?« – Wallrade richtete sich stolz in die Höhe: »Wozu diese Frage?« sagte sie mit einem Tone, der die arme unschuldige Katharine beben machte: »Ich lüge nicht. Beruhigt Dich aber ein Eid mehr, als mein Wort, so schwöre ich den theuersten, daß ich Wahrheit sprach.« – »Und wer .... wer ist die, die er zuerst umfing, um sie zu meiden für meinen Besitz?« fragte Katharine, wie von Eiseskälte geschüttelt weiter. – »Die Unglückliche ist hier geboren, aus edelm Geschlechte stammend;« entgegnete Wallrade zögernd: »sogar nahe – nahe mit mir befreundet. Ihren Namen, wie den Ort, den sie bewohnt mit ihren vaterlosen Waisen, hoffe nicht von mir zu erfahren.« – »O nenne mir ihn!« bat Katharine flehend, und außer sich: »Nenne mir das Weib, nenne es!« – »Mit nichten!« höhnte Wallrade: »Etwa, damit Du, die leidenschaftlichste aller Frauen, die ein lodernd Feuer unter harmlosem Antlitz [29] birgt, die stille Zurückgezogenheit der Ärmsten stören mögest durch Deine Klagen, Deine Verwünschungen?« – »O, wie hart urtheilst Du von mir!« versetzte die Frau von der Rhön: »ich habe für ihn, den falschen Verräther, den sündigen Mann keine Verwünschung, und ich sollte jener zürnen, die früher von ihm betrogen wurde, denn ich?« – »Du sprichst gut;« antwortete Wallrade gleichgültig: »nur Schade, daß Deine Rede gleißender ist, als die That es seyn würde. Das Weib ist heftiger in seinem Haß, als der Mann selbst. Überdies kehrst Du die Waffen gegen Dich selbst, sobald Du ruchtbar machst, daß Du den in Bann Verfallnen in verbrecherischer Ehe umschlungen. So wie Du die Sünde mit ihm theiltest, so müßtest Du auch die Strafe mit ihm theilen. Gelüstet's Dich, mit geschornem Haupt und nackten Füßen, die gelbe Kerze in der Hand vor der Kirchenpforte zu knien, Buße zu thun vor den Augen der Gemeinde, und jeden Vorübergehenden um Vergebung anzubetteln im Namen des barmherzigen Gottes und seiner Heiligen? Gewährte es Dir Luft etwa, als Verführerin des ruchlosen. Mannes, der, sich selbst feig der Gefahr entziehend, Dich darinnen umkommen läßt, Dein Leben in einem dumpfigen Kerker bei Wasser und Brod zu vertrauern, während Dein Mägdlein im Schlamm der Schande und des Mangels untergeht? Und doch wären dieses die Folgen Deiner Unbesonnenheit. Das Geschlecht der rechtmäßigen Gattin von der Rhön's würde Dich auf's grausamste verfolgen. Du würdest unbezweifelt das Opfer seyn.« –

[30] »Du entfaltest ein erbärmlich Loos vor meinem Blicke;« seufzte Katharine mit Thränen der Angst in den schönen Augen: »wohin ich sehe, droht mir Schande. Meinen Namen wage ich nicht mehr vor einem fremden Ohre auszusprechen.«

»Du mußt ihn auch aus der Welt tilgen;« forderte Wallrade gebieterisch: »Du darfst nicht mehr nach dem Elenden Dich nennen; nicht Dich, nicht Dein Kind: denn nur jene Erste führt das Wappen derer von de Rhön mit Recht. Und nicht nur Dein Name, du selbst mußt aus dem Alltagsleben verschwinden, – willst Du ruhig, ungefährdet seyn, und Reue üben ob dem Frevel, dessen Du Dich theilhaftig gemacht.« –

»So rede!« flehte Katharine: »Rathe! zeige mir einen Weg, der zu der Abgeschiedenheit führt, die allein mir Heil bringen kann!« – Wallrade schwieg hartnäckig, und erst, nachdem Katharine alle Bitten der Freundschaft an sie verschwendet hatte, begann sie ernst und gemessen, wie folgt: »Gerne würde ich Dir eine Zuflucht in meinem Hause anbieten, allein mein Gut wirft kaum meinen Unterhalt ab, und die zahlreiche Nachbarschaft, die in meinem Hofe aus-und eingeht, könnte Dir gefährlich werden. Ich möchte meine Freundschaft nicht gern mit Bann und Interdikt belohnt sehen.« –

»Was bleibt mir übrig?« weinte Katharine und rang die Hände: »Meine Eltern sind schon lange todt. Zu Bilger's Freunden darf ich nicht, soll nicht das Gräßliche an's Tagslicht kommen; des Kaisers Hülfe hab' ich ausgeschlagen ....«

[31] »Mit Fug und Recht;« unterbrach sie Wallrade herrisch: »der Kaiser ist ein Meister in der Kunst, schwache Weiber zu bethören. Du weißt, auf welche Weise er meine unschuldige Freundschaft fast vergolten hätte. Welch ein Schicksal, als seine Buhlerin angesehen, und in der Folge von dem wankelmüthigen Lüstling in's Elend gestoßen zu werden! Ich würde es vorziehen, den weißen Stab zur Hand zu nehmen, und von der Mildthätigkeit meiner Nebenmenschen die Fristung meines Lebens zu heischen.«

»Das ist auch das Einzige, das mir bescheert ist, guter Gott!« seufzte die arme Katharine: »Bilger war nicht reich. Das Wenige, das er vor seiner Flucht gewonnen hatte, und zurückließ, wird bald zerronnen seyn, – und dann, wie Gott will! Die Freundin stößt mich von sich .... was darf ich von fremden Menschen hoffen?« – Sie wankte zur Thüre. Mit dem Ausdruck falschen Mitleids rief sie Wallrade zurück. – »Höre mich;« sprach die Letztere so gleißend, als sie vermochte: »will ich denn Dein Unglück? Zweifelst Du denn an meinem herzlichen Bedauern? Vernimm mei nen Rath. Er wird Dich von der Reinheit meiner Gedanken, wie von meiner aufrichtigen Sorge für Dein Seelenheil, das Du gewissermaßen verwirkt hast durch Deine Verbindung mit dem Sünder, überzeugen. Wahr ist's: der Menschen Satzung spricht ein hart und grausam Urtheil über das Verbrechen, dessen Theilnehmerin Du unläugbar gewesen: darum weiche dem Schwert irdischer Gerechtigkeit aus. Wohin könntest Du aber vertrauensvoller fliehen, als unter den Schirm Gottes, [32] der die ewige Barmherzigkeit ist, und den Tod des Sünders nicht will? Wirf Dich in die Arme des Erlösers! Vertraue, folge mir, und ich führe Dich an seine Brust, welche ihr kostbares Blut vergossen hat, um uns rein zu waschen von jedem Frevel. Die Oberin des Stifts der weißen Frauen ist mir hold, und würde auf meine Verwendung Dich gerne unter die Zahl der Reuerinnen aufnehmen. Hinter jenen uralten Mauern bist Du sicher. Todt ist dort jedes außerhalb begangene Vergehen; Buße und Versöhnung wohnen in dem Schooße jener ehrwürdigen Schwesterschaft. Durch Arbeit und Gebet wirst Du die verlorne Zufriedenheit wieder gewinnen, den sündlichen Namen, den Du trägst, vertauschen mit einem neuen gottgefälligen, und die Krone der ewigen Seligkeit erringen!« – Katharine, bleich wie ein Marmorbild, starrte Wallraden unbeweglich an. Die Augen waren ohne Thränen, obschon ein bittrer Schmerz aus ihnen leuchtete. Lange konnte sie kein Wort der Erwiederung finden. Endlich öffnete sich der blasse Mund. »Wallrade!« klagte die Gequälte: »Du forderst mich auf, lebendig in's Grub zu steigen? O, wie oft hörte ich, daß hinter Klostermauern der Friede nicht wohnt! Dort soll ich des Lebens Blüthe verwelken sehen? Ich bin ja noch so jung, Wallrade, ich habe kaum die Welt geschaut, und soll sie schon vergessen in dumpfiger Zelle? Du begehrst das Schwerste, das ich kaum gewähren könnte!«

»Wie's Euch beliebt;« antwortete Wallrade kalt: »mein Rath war redlich, Katharine; daß ihr ihn nicht befolgt, möchte Euch zu spät gereuen. Mich [33] kümmert zwar Euer Loos nicht im mindesten. Wollet mir jedoch die Liebe thun, mein Haus stracks zu meiden. Ich lebe nicht gern mit Fluch und Bann unter einem Dache.«

Die grausame Rede schüttelte Katharinens schwaches Widerstreben zu Staub. Ein Strom von Thränen preßte sich unter den Wimpern der Leidenden hervor, die wie verzweifelnd sich zu Wallradens Füßen warf. »O Wallrade!« jammerte sie: »Bin ich denn so ganz dem Bösen verfallen in Deinen Augen, daß Du mich unerbittlicher von Dir stößest, als es ein Heide thun würde! Ach, Wallrade! hat jemals Dein Mund wahrgesprochen, als er mich Freundin nannte, – so jage mich nicht von dannen, wie den gehetzten Hirsch! Hast Du nicht Mitleid mit mir – weil ich eine große Sünderin bin, – so habe doch Erbarmen mit meinem unschuldigen Würmlein, das nicht entgelten soll die Frevel seiner Erzeuger. Weise uns nicht hinaus in das wilde feindliche Treiben, das uns verschlingen würde! Ich habe nie gelernt, allein zu wandeln die Bahn des Lebens, .... wie soll ich es jetzt beginnen, da mir alle Stützen brachen? .. mit ihnen mein Muth?«

»Du fühlst es also,« zürnte Wallrade, – »Du fühlst es, daß der Strudel der Welt Dich hinabziehen würde, und zögerst noch, in den sichern Hafen zu schiffen? Du bist Dir bewußt, schwächer zu seyn als ein Kind, und sträubst Dich, nach dem treusten Stab, nach dem Kreuze zu fassen? Thörichte, in Sünde und eitle Sinnenlust Verstrickte! Ich sollte Dich vergehen lassen im Verderben, .... aber noch [34] einmal wendet sich Dir mein Herz zu. Gelobe, ehe es zu spät wird, meinem Willen zu gehorsamen. Rette Dich zu den weißen Frauen. Streng ist ihre Regel, aber herrlich und süß die Zukunft, die sie durch dieselbe erkaufen. Nicht Deine Strafe allein wendest Du vom schuldbewußten Haupte ab .... auch Deines verbrecherischen Buhlen Pein kannst du mildern, ihm ein sanfteres Loos in jener Welt erwirken! ....«

»O, welch einen Gedanken fachst Du in meinem Gehirn an!« versetzte Katharine, erhoben durch die Vorspiegelung der Falschen: »Wenn mich eine Ursache bestimmt, – ein Verlagen, so ist es der Wunsch, das Begehren, ihm, der mich elend machte, durch Wohlthat und Liebe zu vergelten! Ja, ja! ich folge Dir – unbedingt – sein Seelenheil zu retten! – Aber ... fügte sie erschüttert und schmerzlich hinzu: Aber ... mein Gott! das zerreißt mein Herz! ... was wird aus meinem Kinde?«

»Deine Demuth, Deinen Gehorsam belohnt der Herr auf der Stelle!« sprach Wallrade prunkend: »Deine Tochter sey die Meine. Nie werde ich mich vermählen, und in Deinem Kinde die Mutterfreuden kennen lernen, die ich nicht durch die Umarmung eines Mannes erkaufen möchte. Von Zeit zu Zeit bringe ich Dir das Mägdlein in deine Abgeschiedenheit, um es zu küssen, um es zu segnen, und zu sehen, wie mild und gut ich's mit Dir meine.«

Mit der Wonne höchster Dankbarkeit umschlang Katharine Wallraden. »Du bist eine Heilige!« – jubelte die arme Mutter: »An Deine hohe Tugend reichen meine Sinne nicht! Noch vor wenig Augenblicken [35] sah ich eine Feindin in Dir, und nun zwingst Du mich, als meine größte Wohlthäterin Dich zu verehren!«

Wallrade, welcher der herzzerreißende Auftritt, trotz der Siegesfreude, die ihr daraus erwuchs, zu lange dauerte, beeilte sich, ihm rasch und durchgreifend ein Ende zu machen. Sie versicherte unter den kräftigsten Betheuerungen der Ärmsten ihre unwandelbare Zuneigung, ermahnte sie, dem mühsam abgerungenen Vorsatze treu zu bleiben, und versprach ihr zum folgenden Tag die Einführung in das Kloster der weißen Frauen, woselbst unter ihrer Vermittlung die Aufnahme vorbereitet werden sollte. Hierauf redete sie ihr zu, das Lager zu suchen, um durch Ruhe den Sturm ihres Gemüths zu beschwichtigen, und überließ sich, nach Katharinens Entfernung, einem tiefen Nachdenken, dessen Ergebnisse am nächsten Morgen sich offenbaren sollten.

2. Kapitel
Zweites Kapitel.

Reichthum heißt nicht, Gold und Silber zu besitzen, sondern was man liebt.

Serbisches Lied.


Frau Margarethe stand umwölkten Blicks vor dem Kästchen, in welchem auf schwarzem Sammtgrunde die goldne Kette lag, womit ihr Gemahl sie zur Feier ihres heutigen Geburtstages bedacht hatte. Sie hätte mit sich selber grollen mögen, die Beschenkte. Herr Diether hatte so herzliche Worte der [36] Liebe zu ihr gesprochen, und trotz ihrem aufrichtigen Bemühen, solcher Liebe würdig zu seyn, konnte sie kein ähnlich Gefühl in ihrer Brust hervorzaubern. Ehrfurcht und Sorgfalt, den greisen Mann zu rächen, fand sie ihre Seele bereit, aber jene Empfindung, die so zart bewegt, so sanft erwärmt, so selig beglückt, war und blieb ihr fremd. In der prachtvollen Kette, diesem Zeichen von Diether's liebevollem Wohlgefallen, sah sie nicht den Schmuck sondern nur die neue Fessel. Eine befriedigende Selbsttäuschung hatte sie bis jetzt verblendet, und erröthend, widerstrebend mußte sie sich gestehen, daß sie sich betrogen, daß sie für Diether nur ein Herz habe, – kalt wie das Metall, aus welchem das vorliegende Festgeschmeide gefertigt. »Wie bin ich doch so unglücklich!« sprach sie düster vor sich hin: »Ich möchte gerne redlich meine Pflicht erfüllen, wie es meines Eheherrn fromme Güte verdient, und dennoch – meinem Willen zuwieder – kommt mir wie Heuchelei vor, was ich thue und rede. Ach! hätte doch mindestens der Himmel meinen Johann erhalten; .... ich könnte alsdann in Diether den Vater meines Kindes lieben! Aber das Unglück war nicht abzuwenden, ... nur zu verdoppeln durch eine verrätherische Lüge ...« setzte sie leise und unmuthig hinzu.

Rasch warf sie den Deckel des Kästchens zu, und wollte dasselbe in ihre Spinde schieden, aber mit Staunen bemerkte sie nun, daß sie nicht allein gewesen. Der Schultheiß, ein schöngewachsener in den fünfziger Jahren noch stattlich aussehender Mann, dessen Gestalt ein geschmackvoller. Anzug noch erhob, war, [37] ohne von Margarethe gehört worden zu seyn, in das Closett getreten. Diether's Gattin verneigte sich bestürzt, suchte in den Augen des edlen Herrn zu lesen, ob er etwa vernommen, was beinahe unwillkürlich ihren Lippen entwischte, ersah jedoch zu ihrem Vergnügen nichts anders darin, als nur den freundlichen Gruß eines so eben über die Schwelle Schreitenden. Der Schultheiß, ein Mann von Sitte und Geschmeidigkeit, zögerte nicht, der sichtbaren Verlegenheit Margarethens hülfreich entgegen zu kommen, und fragte bescheiden und angelegentlich nach dem Schöffen. Margarethe berichtete ihm, ihr Gatte sey nach dem Garten gewandelt, um über die Anpflanzung desselben Befehle zu ertheilen. Der Schultheiß lächelte fein. »Freund Diether,« sprach er, »scheint Blümlein und Früchte zu lieben; er ist eifersüchtig, auf sein Eigenthum, und entzieht aller Welt dessen Genuß. Die schönste Blume seiner Gärten läßt er in Einsamkeit vertrauern, statt dann und wann die Zahl anderer Verehrer durch ihren Anblick zu erfreuen.« – Margarethe, deren Scharfsinn gar leicht die Bedeutung der sinnbildlichen Rede errieth, antwortete durch das Roth auf ihren Wangen, und duldete es, daß der Schultheiß betonender fortfuhr: »Wir haben Euch so lange nicht in unsrer Mitte gesehen, ehrsame Frau. Die weitberühmte und herrliche Gesellschaft auf Limpurg 1 hat ihren Reiz und Glanz verloren, seitdem sie Euch nicht mehr zu ihren [38] Gästen zählt. Wahrlich, ich werde am Ende von meinem Stubenmeisterrecht Gebrauch machen müssen, um den säumigen Gesellen Diether Frosch zur Ordnung und zur Pflicht anzuhalten. Nicht umsonst heißt Limpurgs Banner- und Wahlspruch: Zucht und Ehren soll man mehren, und Freud nicht wehren. Aber Euer Eheherr wehrt unsrer Freude, indem er uns Eure Holdseligkeit versagt.« – Margarethe erwiederte hierauf besonnen und milde, daß der Schultheiß zu strenge ihrem Herrn zur Last lege, was am Ende sie nur allein verschuldet; daß die Einsamkeit des Hauses ihr besser zusage, als die Festlichkeiten Limpurgs; daß sie deßhalb freiwillig in denselben verbleibe, besonders seit ihr Söhnlein wiederum gesundet nach der Stadt gekehrt. – Der Schultheiß schüttelte am Schlusse dieser Entschuldigung leicht, aber dennoch bedeutend mit dem Haupte. »Es mag seyn,« sprach er, »daß die Liebe zu dem Kinde eines geliebten Mannes in einer Frauenseele alles Übrige verdrängt. Ich, der Hagestolz, habe nie Gelegenheit gehabt, mich davon genau zu unterrichten. Aber all' Eure geschickten Ausflüchte, reichen nicht hin, um mich von deren Wahrhaftigkeit zu überzeugen. Wo Eifersucht ist, ehrsame Frau, da ist auch Zwang; und eifersüchtig ist Diether im höchsten Grade, so sehr Ihr Euch bemüht, ihn zu entschuldigen. Wer weiß, ob ich's nicht auch an seiner Stelle wäre. Je strahlender der Edelstein, je näher der Dieb. Dem sey nun aber, wie es wolle,« fügte er mit zierlicher Verbeugung hinzu: »Der Glücklichste auf Erden würde ich seyn, wolltet ihr mir vergönnen, Euch in Eurer Einsamkeit [39] die Huldigung darzubringen, die Ihr von der Menge verschmäht; wolltet ihr diese goldne Rose gütig empfangen, die ich Euch an dem Tage überreiche, der Euch gebar. Sie sollte von Juwelen gebildet seyn, wäre ich ein Fürst; – ein einfach Maienröslein, wär ich noch ein Jüngling, dessen Rosenwangen seiner schlichten Gabe das Wort reden könnten.« –

Er hielt der staunenden Altburgerin die kostbar gearbeitete Goldblume mit süßem Lächeln und hofmännischer Geberde hin, und stutzte über die Maßen, als Margarethe das Geschenk mit zierlichen, aber klaren und bestimmten Worten zurückwies. – »Seyd nicht ob meinem Thun beleidigt, Herr Ritter;« endigte sie: »Wie dürfte ich von Eurer Hand ein Geschenk empfangen, das ich nimmer erwiedern könnte. Die Sitte, und meine Pflicht gegen Diether verbinden mich, diese Rose auszuschlagen, welches auch ihre Deutung sey, und welche, ohne Zweifel untadelhafte, Absicht Ihr bei ihrer Überreichung haben mögt.«

»Das ist eine harte Weigerung;« antwortete der Schultheiß, mit dem Ausdruck gekränkter Eitelkeit: »es kann Euch ja schon längst kein Geheimniß mehr seyn, schöne Frau, welche Gefühle ich für Euch hege. Schon längst sehnte ich mich nach einem Anlaß, ihnen Worte zu leihen. Heute, an dem schönsten Feiertage, der für mich vorhanden, finde ich diese Gelegenheit, und Grausamkeit wird der Lohn meiner redlichen Empfindung? Bedenkt, holdeste der Frauen, daß Ihr durch Eure Weigerung die Rose nicht allein verwerft.«

[40] »Bedenkt, edler Herr,« erwiederte Margarethe, gereizt durch den drohenden Ernst, der in des Schultheißen letzten Worten zu liegen schien, – »bedenkt, daß ich ein verehlicht Weib bin, das solcher Zweisprache füglich entbehren kann; kann und muß

»Ihr verbergt Euch hinter dem Bollwerke der Pflicht;« redete der Schultheiß bitter: »eine bessre Burg gibt es nicht für spröde Frauen. Wären aber vielleicht nur meine Jahre der Feind, dessen Sturm Ihr so muthvoll abschlagt? Ihr müßt mir schon vergeben, ehrsame Frau, wenn ich in Eurem Hause umsonst nach dem Talisman forsche, der Euch unverletzbar macht.« –

»Seht ihn hier;« rief Margarethe, da gerade der kleine Hans in die Stube sprang, und in ihre Arme eilte: »seht ihn hier, und zürnt meiner nicht, gestrenger Herr!« –

Der Schultheiß verbarg seinen Unmuth über die zur Unzeit eingetretne Störung hinter der Maske wehmuthsvoller Freundlichkeit. Er verbeugte sich mit einem vielsagenden Blick, und streichelte, der Mutter zu gefallen, des Knaben blühende Wange. »Du liebst wohl Deine Mutter sehr?« fragte er den Kleinen.

»Über Alles lieb' ich sie!« versicherte der Letztere mit strahlendem Auge. – »Du Glücklicher!« seufzte der Ritter, verstohlen Margarethens Antlitz hütend: »Du darfst es; Dir gewährt sie Alles. Wie ist's aber mit Deinem Vater? Liebst Du ihn gleich Deiner Mutter?« –

Margarethe warf einen der unbescheidnen Frage zürnenden Blick auf den Schultheiß, und wollte dem[41] Knaben den Mund verschließen, aber schon war die Antwort heraus:

»Ich habe keinen Vater!« rief der kleine Hans, von alten Erinnerungen erregt, und in dem Übermuth seiner Anhänglichkeit für Margarethen. »Abscheulicher Bube!« zürnte diese: »Noch einmal diese Antwort, und« .... – »Laßt ihn doch;« meinte der Schultheiß lächelnd: »der Knabe sagte zu viel; das ist aber die Art seines Alters. Deßhalb weiß man doch, woran man zu glauben hat.« – »Herr Schultheiß!« unterbrach ihn Margarethe heftig. Er ließ sie indessen nicht ausreden, faltete des Knaben Hände, und sagte ihm die Worte vor: »Bitte Deine Mutter, Knabe, sie möge mir um Deinetwillen vergeben, und mir nicht ferner zürnen.« – Der kleine Hans ließ sich gern zur Fürbitte gebrauchen, und seine kindliche Unbefangenheit und Drolligkeit zauberte sogar auf Margarethens Lippen ein leichtes Lächeln. –

»Man soll am Feste der Geburt nicht böse seyn, will ein alter Sittenspruch;« sagte sie, dem Schultheiß schnell versöhnt die Hand reichend, die er zärtlich drückte; »Man hat sonst Galle das ganze Jahr hindurch. Ihr müßt mir dafür geloben, nicht wieder so freventlich zu reden, wie es sich zu Euerm Amt und Alter gewißlich nicht ziemt.« – Der Schultheiß nickte gehorsam, obgleich verdüstert durch die Erwähnung seines Alters. – »Und als endliche Bedingung meiner völligen Vergebung,« setzte Margarethe erheiterter hinzu: »verlange ich von Euch die Gewährung einer geringen Bitte.« – »Sprecht, Frau Minne!« antwortete ihr der Schultheiß neugierig [42] und lächelnd. – »Es wäre mir beinahe entfallen,« fuhr Diether's Gattin immer unbefangner fort, »daß mir heute das Heil wiederfuhr, zur Fürbitterin in einer Sache aufgefordert zu werden, die gewiß so geringfügig ist, daß sie kaum der Rede lohnt, mit der ich Euer Ohr belästige. Ein arm Geschöpf – mit einem Worte, ein schlecht Judendirnlein kam heut weinend und schreiend hergerannt, und flehte mich im Namen des Himmels und der Erde an, durch irgend einen guten Freund zu bewirken, daß ihr Vater, – und wenn ich recht hörte, auch ihr Großvater losgelassen würden, die schon seit einiger Zeit im Kerker schmachten. Die Ursache ihrer Haft, schwört die Dirne, nicht zu wissen; aber ich bilde mir wohl selbst ein, daß der Handel von wenig Belang seyn wird. Dergleichen Plackereien sind so häufig, daß Hebräer, um kleinen Vorwands willen, in den Thurm wandern müssen, um dann an ihrer Habe gebüßt zu werden. Es ist auch ein schlecht Volk, das solchen Zwang verdient, weit es den Heiland kreuzigte. Ich dächte dennoch, daß bei Esther's Vater eine Ausnahme gar wohl zu machen wäre. Er ist ein eifriger Mann; keiner der unredlichsten, und ich kenne ihn aus manchem Kaufgewerbe, das ihn in mein Haus geführt. Ich möchte gerne dem Armen loshelfen, wenn es möglich wäre, und da der Zufall .... oder nicht der Zufall, es gewollt, daß Ihr, gestrenger Herr, mir Eurer Einkehr Ehre schenktet, so richte ich an Euch die Bitte, beim Oberstrichter ein gewichtig Wort zu reden, daß der Jude bald wieder den Weg aus dem Gefängnisse finde, und [43] nicht zu hart an seinem Gelde gebrandschatzt werde.« – »Man könnte das Gezücht beneiden um die Theilnahme, die Eure Purpurlippen für dasselbe aussprechen;« – antwortete der Schultheiß nicht ohne widrige Anregung: »Ich mische mich sonst nie in des Richters Verfahren; indessen, wo Euch, edle Frau, ein Dienst geleistet werden kann, mache ich gerne eine Ausnahme. Wie nennt sich der hebräische Hund?« – »Ben David ist's,« erwiederte Margarethe: »der reichste .... zum mindesten der angesehnste aus der Judengasse.« – Aber schon war des Schultheißen Stirne streng gerunzelt, schon hatten sich seine Augenbraunen dicht zusammengezogen, und finster schüttelte er das Haupt. – »Ist's der?« fragte er mit Härte: »Dann laßt mich aus dem Spiele, edle Frau. Ich rette den Burschen nicht.« – »Nicht?« entgegnete Margarethe staunend: »Hat denn der Mann so Gräßliches begangen?« – »Aus Eurer Frage vernimmt man, daß Euch sein Verbrechen wirklich noch unbekannt;« versetzte der Schultheiß heftig: »welche Mutter könnte gleichgültig dabei bleiben?« – »O erzählt;« verlangte Margarethe, mit böser Ahnung kämpfend: »Erzählt ... eine Mutter, sagt Ihr ...?« – »Nu ja doch;« erläuterte der Schultheiß: »könnt Ihr Euch Abscheulicheres denken? Die Hunde haben ein Christenkind, einen Knaben, seiner Mutter gestohlen, oder um schnöden Sold vielleicht .....« –

Margarethe hörte nichts weiter, denn, in unbeschreiblicher Angst, den kleinen Johann an sich reißend wie einen gefährdeten Sohn, ... dann ihn wieder[44] von sich stoßend, wie einen verhaßten Fremdling .... sank sie bewußtlos mit dem Haupte vor sich hin auf den Tisch. Entsetzt schrie der kleine Hans auf; der Schultheiß sprang hinzu, um der Ohnmächtigen beizustehen. Die Angst des Liebenden half ihm in dem ungewohnten Geschäfte. Mit Wasser benetzte er die Schläfe Margarethens; Küsse drückte er auf ihren bleichen, nicht widerstrebenden Mund, und so geschah es, daß sie bald aus der schweren Bewußtlosigkeit erwachte. Beinahe hätte sie aber zum Zweitenmale die Augen im Todeskampfe geschlossen, denn sie sah sich in des zudringlichen Bewerbers Armen, und zu der gegenüberliegenden Thüre traten eben unvermuthet und rasch Diether und Wallrade ein.

Bestürzung und Überraschung lagen auf jedem Angesichte; eine frohe Betroffenheit jedoch nur auf Wallradens. Diether nahm eine so ernste Stellung an, daß selbst der Schultheiß, ein gewandter Mann, und Meister seiner Bewegungen, nur nach wiederholten mißlungnen Versuchen, den Faden finden konnte, den Grund der befremdenden Lage, in der er überrascht worden, – nämlich Margarethens plötzliche Ohnmacht – anzugeben. Kalt und finster nahm Diether diese Erklärung auf, und peinigte, während Wallrade mit erheuchelter Theilnahme sich um seine Gattin beschäftigte, den unwillkommnen Vorgesetzten mit einer Förmlichkeit, die demselben bald lästig genug fiel, um sich ziemlich verlegen zu entfernen. Die Schlange in des Altbürgers Brust fing wieder an zu nagen, und Wallradens Schadenfreude streute ihr Futter. Denn als Diether benagten Herzens, auf [45] wankenden Füßen von der Hauspforte, zu welcher er den Schultheiß geleitet hatte, zurückkehrte nach der Wohnstube, wo eben Margarethe, deren Schwäche einem wunderlich gereizten Zustand gewichen war, in einem Strom von Thränen sich ausweinte, winkte ihm Wallrade mit dem zwinkernden Auge, ein Tuch zu lüften, das, den Händen der Altbürgerin entsunken, auf dem Tische lag. Im Vorübergehen that Diether nach der Verräterin Begehr, und enthüllte die goldne Rose, die der Schultheiß in dem ängstlichen Drängen der letzten Augenblicke vergessen hatte, mit sich zu nehmen. Diether's bittres Lachen schreckte die Weinende auf, und über ihre bleiche Wange fuhr die Gluth neuer Beschämung, da sie der unglückseligen Gabe gewahr wurde, die ihr Gatte in der Hand hielt.

Zu Eis wurde sie, obgleich unschuldig, da sie aus seinem Munde die Worte hören mußte: »Glück zu, tugendsame Hausfrau, Ihr berühmt Euch hoher Gunst. Ihr habt Euch den stattlichsten Freund gewählt, von besserer Geburt obendrein, als Euer Griesgram von Ehewirth; sinniger und zierlicher nebenbei in seinen Gaben, – denn, wo der Gemahl die lästige Kette bietet, opfert der Buhle das lockende Röslein eines goldnen Maien. O, leicht dürfte für ihn der heutige Tag zum Rosensonntag geworden seyn! Dem Graukopf gehört Wermuth, bis er zur Grube fährt.« – »Ihr seyd ungerecht, lieber Herr;« erwiederte Margarethe, matt und erschöpft: »Diese Rose ist nicht mein. Falsch ist Euer Wahn.« – »Falsch?« lachte Diether grimmig: »So falsch etwa, [46] als Eure Ohnmacht? Am Busen des willkommnen Trösters hat Euch der Sinnentaumel übermannt. Vor Wonne wart ihr außer Euch. Nichts weiter. Woher sonst dieser Magdalenenblick, woher die sündige Scheu, die noch jetzt Eure Züge peinigt? Zehnfache Schaam möge Euch foltern, da Ihr in dieses Knaben Gegenwart sogar Eurer heiligsten Pflichten vergessen konntet.« – Stumm, ohne eine Sylbe zu finden, wand die Altbürgerin die Hände. Wallrade wollte den Augenblick benützen, um des Knaben, den sie schon eine lange Weile mit glühenden Blicken gemessen hatte, sich zu bemeistern.

»Komm, Kleiner,« sagte sie zu ihm, seine Hand ergreifend: »komm, laß uns gehen. Wenn die Eltern hadern, muß der Bube vor der Thüre stehen!« – Der Knabe wehrte sich aber wie ein ungeberdig Pferd gegen sie, riß seine Hand aus der Ihrigen, und floh mit Lauten der Angst zu Margarethens Knieen. »Laßt mich!« schrie er: »Ich darf nicht mit Dir gehen, ... ich darf nicht mit Dir reden .... Mütterlein hat's verboten!« –

»Hört Ihr, Vater?« fragte Wallrade tückisch: »Hört Ihr, wie Euer Weib den Haß zwischen Geschwister pflanzt?« – Noch einmal wollte sie den Knaben mit sich von bannen ziehen, aber noch einmal mit verdoppelter Angst vertheidigte sich derselbe. »Laß mich!« kreischte er: »Du willst uns arm machen«, .... ich soll betteln gehen, .... laß mich ... »Du bist die Schwarze, wenn du schon ein roth Jöplein trägst ...!« –

[47] Wallrade erbleichte plötzlich, und machte eine Geberde, als wollte sie durch einen Schlag den Jungen zum Schweigen bringen; aber er kreischte noch heftiger, und reizte die erschöpfte Margarethe auf, daß sie empor sprang, und wie eine zürnende Löwin der verstummenden Wallrade sich entgegenstellte. »Wage es – Boshafte!« schrie sie: »Wage es, dies Kind zu der berühren, und das Tageslicht sahest Du zum letztenmale!« – »Weib, was ficht Dich an!« rief Diether, zwischen die Frauen sich werfend: »Kennst Du Deines Mannes Tochter nicht mehr? Und Du, Wallrade, was deuten die seltsamen Reden des Knaben?« – Diese Frage löste das Zauberband, das Wallradens Zunge bisher gefangen gehalten. »Was werden sie deuten?« sprudelte sie heftig heraus: »was werden sie deuten, diese Reden eines mit Fleiß eingewurzelten Hasses? Euer Weib wird mich dem Buben als einen Teufel, einen schwarzen bösen Geist geschildert haben, und also sieht mich auch des Knaben verrücktes Hirn!«

»Pfui Wallrade!« erwiederte Diether mit strengem Vorwurf: »Fast möcht' ich selbst Dich einen unsaubern Geist schelten, da Du Deinen Bruder, meinen geliebten Sohn sinnverwirrt und hirnverrückt schelten magst. Das ist sündlich Zungenspiel, das nimmer aus gutem Herzen kommt. Denn, wie Gott dem Knaben gerade Glieder schenkte, so gab er ihm auch völligen Verstand, und nur ein Hexenweib kann solchen gotteslästerlichen Ausdrucks sich bedienen!« – Wallrade zuckte mitleidig lächelnd die Achseln. Margarethe erwiederte jedoch auf Diethers Rede: »Das [48] Kind vertheidigt Ihr; den Leumund der Gattin gebt Ihr aber unbedacht der bösen Zunge einer neidischen Erbschleicherin Preis.« »Meines Körpers Schwäche verhinderte mich, Eure ungerechten Beschuldigungen, wie sie's verdienen, zu beantworten. Jetzt habe ich aber meine Stärke, und mein Bewußtseyn wiedergefunden, und sage Euch: Unwahr ist, was Euer Argwohn und die Einflüsterungen dieser bösartigen Maid Euch vorgespiegelt. Dies Kleinod mögt Ihr darum dem Schultheiß wieder zustellen, und von ihm selbst zu Eurer Beschämung erfahren, wie es sich damit verhält.« – Sie wollte hinauseilen, Diether hielt sie jedoch zurück, und sprach mit weicher Stimme: »Gott weiß, Margarethe, wie schmerzlich mir's wäre, Euch Unrecht zuzufügen. Ich will ja gerne glauben, daß Ihr rein seyd, wie der Schnee des Gebirgs; ich will ja zugeben, daß ein neidisch Auge durch einen bösen Blick den Unfrieden in unsre Wirthschaft bannte; laßt uns darum, dem Teufel zum Trotz, Frieden halten. Die Hände laßt uns verschränken, daß an diesem Feiertage unsers Hauses der unselige Zauber seine Kraft verliere.« – Schmeichelnd bemächtigte er sich der rechten Hand Margarethens, die wie ein zagender aber versöhnlicher Engel nach ihm herüberblickte. – »Möchtet Ihr doch diese Hand auch Wallraden reichen;« fuhr er, zum Vermittler werdend, fort: »zum Abschiede;« setzte er schnell hinzu, da Margarethe finster das Haupt schüttelte: »zum Abschiede; denn sie besteht darauf, Morgen mit dem Frühesten Frankfurt zu vertauschen mit ihrem eignen Besitzthum. – Das Fräulein thue, wie ihr's gefällt;« [49] versetzte Margarethe, kein Auge nach Wallraden kehrend, die den Rücken gegen das Zimmer und die Sprechenden gewendet, durchs Fenster sah: »Es hat verschmäht, meine Freundin zu werden, und fahre wohl. Ich verschmähe, einen Handschlag zu geben, der nicht von Herzen kömmt, und höchstens nur das Behagen ausdrücken könnte, Wallraden Abschied nehmen zu sehen.« –

»Starrsinnige Weiber!« sagte Diether verlegen, wie er sich zu benehmen habe, um nicht der Tochter, nicht der Gattin allzuwehe zu thun: »Nur Eure Eitelkeit sträubt sich gegen eine Nachgiebigkeit, die in Euern Herzen einheimisch ist.« –

»Ich gebe das Beispiel der Nachgiebigkeit;« antwortete Margarethe kalt: »denn ich gehe, und räume Eurer Tochter das Feld. Ich würde ein störender Zeuge Euers Abschieds seyn, und entferne mich daher. Auch beim Imbiß, für den ich Sorge tragen werde, soll meine Gegenwart nicht beschwerlich fallen.« – »Löblich von Euch;« versetzte Wallrade in gleichem Tone, und ohne ihre Stellung zu verändern: »ich überhebe euch jedoch dieses Zwangs; denn ich finde heute noch an dem Tische der frommen Waldburga im Stift der Reuerinnen meinen Platz.« – »Desto besser;« schloß Margarethe das wunderliche Gespräch: »die Reue gönne ich Euch von Herzen.«

Hierauf verschwand sie schnell und führte den Kleinen mit sich hinweg. Diether, sah ihr lange beklommen nach, stand eine Weile sinnend da, und verbarg alsdann grollend mit sich selbst die goldne Rose, welche noch auf dem Tische lag, in eine Lade des[50] Schreins. Während er noch, wie ein Träumender, die Hand am Schlüssel hielt, drehte sich Wallrade rasch um, näherte sich ihm, legte ihre Rechte auf seine Schulter, und sprach mit Schärfe und greller Betonung: »Gott stärke Euch, mein Vater. Ich werde ferne seyn, und die Zeit Eurer Prüfung erst beginnen.« – »Ei, welche Gedanken!« entgegnete Diether, mit Mühe die Unruhe verbergend, die von der bösen Prophezeihung in seiner Seele wieder erzeugt wurde. – »Friede im Haus ist ein gut Kissen;« sprach Wallrade weiter: »Unfriede zwischen Eheleuten hingegen ein Stachel, dem jeder Tag an Schärfe zulegt. Ihr werdet wähnen, der Unfriede ziehe mit mir von dannen, – aber weit gefehlt. Die Warnerin geht von Euch; das Unheil bleibt.« – »Du bist ungerecht und grausam zugleich;« äußerte Diether: »Du verunglimpfst mein Weib, und überlässest mich doch dem bösen Geschick, das Du voraussagst.« – »Mein Maierhof fordert seine Gebieterin,« erwiederte Wallrade hingeworfen: »die Felder sollen bestellt werden, ..... in Euerm Hause ist das Feld schon vom bösen Sämann bestellt. Ich thue Euch und mir eine Liebe, wenn ich gehe.« – »O Du hartherzige Tochter!« versetzte Diether schmerzlich: »Also belohnst Du meine Zärtlichkeit. Ich dachte Alles wieder in's alte Gleis der Sitte zu bringen, Dir das Erbtheil zuzuwenden, dem Du freiwillig entsagst ......« – »Gebt mir's vor Euerm Tode,« spottete Wallrade, »damit ich Euch ernähren könne, wenn Euer Weib und Eure Söhne Euch verlassen. Im Ernste aber; laßt uns Abschied nehmen. [51] In dem Hause wo man mich einen höllischen Geist, eine Erbschleicherin nennt, weile ich nicht mit Freuden. Laßt uns Lebewohl sagen. Mein Platz im Hause wird bald durch einen willkommnern Gast besetzt seyn.« – »Böses Kind,« antwortete Diether: »Warst Du nicht der Willkommenste?« – »Vielleicht für Euch;« lachte Wallrade giftig: »Für Euer Weib ist wahrlich und gewißlich Dagobert der Willkommnere.« – »Was sprichst Du da, Argwöhnische!« rief Diether: »Und wie käme denn Dagobert, der Pflichtvergessene, hieher zu uns, die er meidet?« – »Er ist schon hier, seit mehreren Tagen hier;« erläuterte Wallrade: »so seltsam es Euern Ohren klingen mag, so wahr ist's doch. Ein wackerer Sohn, der Tage lang in derselben Stadt athmet, in der sein Vater wohnt, und des Vaters Angesicht scheutet! Vielleicht fürchtet er auch nurmeine Gegenwart; vielleicht bewegt ihn auch ein wichtigerer Grund, Euer Auge zu meiden.« – »Ich weiß kaum, was Du sprichst,« betheuerte Diether: »Mir wirbelts vor den Sinnen. Dagobert kömmt, da Du gehst? – Er thut sehr wohl daran;« lächelte das Fräulein: »Ich will auch als ein freundlich Schwesterlein des Bruders Vergnügen nicht hemmen. Lebt wohl, Vater, und wird es euch zu eng in Frankfurt, so kommt auf Baldengrün. Willkommen seyd Ihr da, erscheint Ihr allein, ohne Euer zweites Weib.« – »Unversöhnliche!« sprach Diether mit überströmenden Augen, indem er Wallraden wehmüthig an sich drückte: »Den Kindern sind doch sonst der Frauen Herzen hold; laß nicht das Brüderlein den Widerwillen[52] theilen, den Du, – ich schwör es, ohne Grund, – gegen die Mutter hegst. Willst du das zarte Büblein nicht küssen zum Lebewohl, so sprich doch nur gegen mich ein Wort der ausgesöhnten Schwesterliebe.« – »Schwesterliebe?« fragte Wallrade wie verwundert, während sie sich mit argem Lächeln aus des Vaters Armen wand: »Ihr sprecht doch von dem kleinen Johann? Ich wäre dessen Schwester? Ei, das wolle Gott nicht. Nennt mich lieber seine Muhme, guter Vater.« – »Wie soll ich verstehen, was du sprichst?« fragte Diether erbleichend entgegen. – Wallrade zog jedoch mitleidig die Schultern in die Höhe und verneigte sich ausweichend. »Erlaßt doch mir die Erklärung;« sprach sie höhnisch: »fragt die Stadt, und wenn Ihr auch dieser nicht glaubt, so wendet Euch an den heiligen Georg selbst, der über dem Putztische Eures Weibes hängt. Ein feiner Rittersmann, dessen Ebenbild zu seyn, Euerm Sohne – dem Johann nämlich – keine Schande bringen wird, so lange Euch selbst die Sache Freude macht. Lebt indessen wohl, und dreimal wohl, mein Vater. Gott mit Euch!«

Einen Kuß der Pflicht fühlte Diether auf seiner Wange; einen Augenblick hielt ihn die Tochter umschlungen, und schon war die Thüre hinter ihr in's Schloß gefallen. Lange starrte aber noch der graue gebeugte Vater vor sich hin, wie ein, von jähem Tod Erblaßter, und als dann nun wieder Regsamkeit in seine Glieder trat, wandte er den Blick; gezwungen fast, zu dem Bilde des Heiligen, das auf ihn herniedersah wie eines Todfeinds verhaßtes Antlitz, trug [53] es gleich die Züge des einstens zärtlich geliebten Dagoberts. Aber also ist das unglückselige Wesen des Argwohns und der Eifersucht, daß durch ein Wort, durch einen aufgerüttelten Gedanken das Theuerste ein Gegenstand bittrer Verfolgung werden, Liebe sich in Wuth verkehren kann. Und dieser leise Grimm, ein fressend Ungethüm in der Brust des Leichtgläubigen, baut sich fester und fester ein, je angelegentlicher man ihn vertilgen möchte. In gefährlicher Stille wächst der Funke an zur verderblichen Glut, und so kann es geschehen, daß selbst unter dem Eise des Alters ein gährendes Flammenmeer wogt, denn im Mittelpunkt des Lebens stürmt und braust es heiß und kräftig, wenn auch seine Gränzen allgemach in Frost erstarren. Mit der festesten Willensgewalt vermochte nur Diether den bösen Geist zu bändigen; nicht jedoch um die Augen mit Vertrauen zu öffnen, und ihn dadurch völlig zu überwinden, sondern um ihn zu pflegen, und größer zu ziehen in Schweigen und Heimlichkeit. Darum überließ er sich selbst dem Fehler, dem er auf die Spur zu kommen trachtete, der Heuchelei. Mit freier Stirn überließ er sich der Umarmung Margarethens, die ihm ihre Dankbarkeit bezeugte, daß er Wallraden nicht länger in ihrer Nähe aufgehalten; ohne mit einer Miene seinen tiefen Verdacht, seinen heimlichen Groll zu offenbaren, tändelte er mit dem Knaben, den ihm die Ehefrau schmeichelnd in die Arme legte. Stundenlang scherzte er mit dem Buben, verwendete er kein Auge von ihm; aber nicht väterliches Wohlgefallen, wie wohl ehedem, bewog ihn dazu, sondern die Begierde, Johanns [54] Züge sich fest einzuprägen; und so oft sein Blick vergleichend von des Knaben Antlitz zu dem Bilde des heiligen Rittersmannes schweifte, bohrte sich ein neuer Dolch in des Argwöhnischen Gemüth, und je gewisser ihm die Aehnlichkeit wurde, je wüster tobte es in seinem Innern, so freundlich er auch seine Runzeln glättete, so peinlich er auch den Mund zum Lächeln zwang. Die Nacht, die auf diesen Tag quälender Unruhe folgte, war für den von Jahren, Gebreste und Verdacht geschwächten Mann keine Erfreuliche, und, dem Geizhalse zu vergleichen, der auf seiner Geldtruhe nur von Raub und Mord zu träumen pflegt, sah Diether Dagoberts und des Schultheißen hämisch lächelnde Häupter um sein Lager kreisen. Liebesgirren, und Minnegekose folterte sein Ohr, so tief er den Kopf in die Kissen wühlte, und hundertmal verließ er sein Bette, um an Margarethens Kammerthür zu lauschen, ihre Athemzüge zu zählen, und sich zu überzeugen, daß kein kecker Buhle ihre Einsamkeit theile. Den Ermüdeten hatte kaum ein mitleidiger Morgenschlummer überrascht, und schon weckte ihn eine Botschaft, die ihm vor wenig Tagen noch eine freudige gewesen wäre; die Kunde von der Ankunft Dagoberts. Der Sohn nicht ahnend, daß er im Vaterhause fremd geworden, stürzte mit dem Jubel ungeheuchelter Liebe an des überraschten Vaters Brust. Ach! die herzlich gemeinte Freude des Wiedersehens konnte nur auf dürftige Augenblicke den unseligen Wahn von Diethers Bette scheuchen. Ohne Säumen kehrte er wieder zurück. Dem unbefangnen Jüngling sogar konnte die Veränderung nicht [55] entgehen, die sich mit seinem Vater zugetragen, allein er schrieb auf Rechnung des Siechthums, was auf Rechnung eines verblendeten Gemüths kam. Aufrichtig und stürmisch, wie er war, konnte er seine Gedanken nicht lange bei sich behalten. »Sagt mir doch, herzlieber Vater,« sprach er mit jener Zutraulichkeit im Auge, welcher man so selten widersteht: »Sagt mir doch, ob es nur eine Einbildung ist, oder Wahrheit, daß ich Kälte und eine gewisse Fremdheit in Euerm Empfang wahrnehme; und wenn es wahr seyn sollte, ob das noch von Eurer Krankheit stammt, ob nicht. Sprecht aufrichtig vom Herzen weg, damit es alsdann wieder zwischen uns werde, wie vormals.« –

Diether blickte prüfend in des Jünglings redlich Gesicht, aber die Aufrichtigkeit war bei ihm hinter die Wege gezogen. Den Scheingrund schob er ohne langes Überlegen vor. »Wie kommt es,« – fragte er beinahe hart, – »daß mir jetzo erst Dich zu sehen erlaubt ist, während Du bereits seit einigen Tagen hier verweilst?« »Ich Vater?« fragte Dagobert betreten, und hätte gerne verneint, unbefangen verneint. Diether ging aber ohne Zögern auf den Grund, und drängte mit neuer strengerer Frage, so daß am Ende der Jüngling den besten Theil erwählte. »So mögt Ihr's denn wissen;« sprach er: »ich verstehe mich schlecht aufs Lügen, besonders wenn Ihr mir in's Auge seht, denn vor dem Manne, den ich am meisten ehre und liebe, habe ich kein Falsch. Es sey also darum. Wahr ist's; seit vorgestern Mittag bin ich hier, und habe mich sorgfältig von Euerm Hause fern gehalten, [56] weil – Ihr mögt mir darob nicht zürnen – weil Schwester Wallrade darinnen ein- und ausging. Heut sah ich sie jedoch mit Roß und bepacktem Wagen von dannen ziehen, und säumte länger nicht, hier einzusprechen. Gott gesegne Euch die Ostertage. Die Fladen mit Euch zu verzehren bin ich hier, und will sie mir schmecken lassen, so der Himmel will, und Ihr mich gerne an Euerm Tische seht.« – »Du bringst nicht die Eintracht zu dem Feste;« antwortete Diether mürrisch: »der Bruder flieht den Ort, wo seine Schwester haust?« – »Ihr wißt ja, Vater, daß wir's von jeher also hielten;« entgegnete Dagobert mit leichtem Scherz: »Was Hänschen jung gewohnt, das thut es auch im Alter. Doch, weil ich eben seinen Namen nenne, – was macht mein Brüderlein? Ihr sollt sehen, ob wir nicht besser zusammenhalten, als ich mit Wallraden.« – »Wirklich?« spöttelte Diether: »Man sollte es kaum glauben. Ein Stiefbruder ist gewöhnlich nicht der Geliebtere.« – »Hm!« lachte Dagobert: »es hat mit dem Kleinen ein besonder Bewandniß.« – Dem Vater stieg eine dunkle Flamme der Beschämung bis unter die Haare. – »Der arme Junge war stets krank,« fuhr Dagobert fröhlich fort: »nun ist er aber gesundet, wie ich höre. Seht, schon dieses freut mich ungemein. Doppelt lieb muß ich aber den Burschen haben, weil ....« – »Weil ...?« unterbrach ihn Diether gespannt und heftig. – »Weil ich komme, um mit dem armen Schelm sein Erbe zu theilen. Seht mich nur verwundert an. So wie Ihr mich vor Euch erblickt, habe ich mich mit der Kirche abgefunden, [57] oder sie vielmehr mit mir. Sie kann mich nicht brauchen, und hat der Mutter Gelübde gelöst, als ob es auf's Beste erfüllt worden wäre.« – »Wie?« fragte Diether: »das ist nicht möglich. Wie solltest Du ...?« – »Wenn Ihr Latein verstündet,« fiel hinwiederum Dagobert ein: »so würde Euch dies Pergament genug sagen, um zu glauben, was ich sage. Ich habe aber der Ursachen mehr, zu staunen ob Euerm seltsamen Betragen, Vater. Brachte ich Euch die frohe Mähr ein Jährlein früher, so lagt Ihr voll Entzücken an meinem Halse. Heute geberdet Ihr Euch just, als wär es Euch zuwider, was ich bringe, und doch habt Ihr selbst mehr denn hundertmal mein Geschick beklagt, da es noch unabwendbar schien.« – »Wie soll ich mich freuen,« brach Diether los, »wenn ich aus Allem entnehmen muß, daß Dein wüster Lebenswandel allein hier den Ausschlag gegeben. Nicht würdig hat man Dich befunden, das Meßgewand zu tragen und zu binden und zu lösen. Ich weiß, was Costnitz und des Conciliums Väter von Dir denken, wie unzähligemal Du Deinen Ohm gekränkt, mißhandelt, daß er am Ende seine Väterhand von Dir abgezogen.« – »Ho!« versetzte Dagobert, sich mit dem Zeigfinger auf die Stirne tippend: »Jetzt weiß ich mit einemmale, woher es blitzt. Wallradchen hat mein Bettlein aufgerüttelt, und mir's sein bequem gemacht im Vaterhause. Recht so; wo sich der Teufel anlehnte, macht sich auch der weißeste Ärmel voll Ruß. Was lieb Schwesterlein indessen gesagt haben mag, ... glaubt mir, lieber Vater; es ist erlogen. Was den würdigen Ohm betrifft, so muß [58] ich lachen, und behalte mir vor, Euch kund zu thun, wie ich meine Hand von ihm abgezogen habe. Des Papstes Breve aber, aus dem man vielleicht ein Zeugniß meiner lüderlichen Sitten machen möchte, soll Euch Pater Johannes verteutschen. Bis dahin habt mich jedoch lieb, und laßt mich das Brüderlein küssen.« – »Deinem Wunsche kann alsobald Genüge geschehen;« erwiederte Diether: »hier kömmt so eben die Mutter sammt dem Sohne.«

Frau Margarethe erschien wirklich sammt dem kleinen Hans, und stutzte merklich bei Dagobert's Anblick, obschon dessen Ankunft ihr bekannt. Dieses Befremden fand indessen seinen Grund in Dagobert's Kleidung und Gestalt. Die Stiefmutter hatte darauf gerechnet den angehenden Mönch zu finden, mit hohlem Fastengesichte und härenem Gewande, und statt dessen stand ein kräftiger junger Mann vor ihr, im Schmucke des wohlhabenden Sohns eines altbürgerlichen Geschlechts, blühender noch, als da er von dannen gezogen.

Wer mag dem Getriebe des Herzens folgerechten Zwang anlegen? Auf dieses Befremden drängte sich augenblicklich die mächtige Erinnerung vor Margarethens Seele, .... das Andenken an ihren Eintritt in dieses Haus, an jene Zeit der Sehnsucht, in welcher die Jugend nur mit Widerwillen dem Alter gehörte, und eines jugendlichen Freundes begehrte. Dieser Freund, verboten ihr durch Sitte und Kirchengebot, dennoch erkoren von ihr mit leidenschaftlichem Verlangen, dieser Freund, der feindlich sie verschmähte, und in ihr jenes wunderliche Gefühl erzeugte, das [59] uns öfter antreibt, mit blutendem Herzen diejenigen zu hassen, die wir demungeachtet dauernd und ewig lieben, ohne sie unser nennen zu dürfen, – dieser Freund stand nun wieder vor Margarethens Augen; er malte ihr in seinem stummen Bilde eine schmerzlich selige Vergangenheit; – zugleich auf ihre Wangen jene zauberische Röthe, ... der Schaam wie des Entzückens heilige Farbe. – Dagobert hatte sich vorgenommen, der Stiefmutter freundlich entgegenzukommen, um sie mitleidig der ersten so begreiflichen Verlegenheit zu entreißen; aber ihr unerwarteter Empfang, ... die Überraschung, die sich in ihrem ganzen Äußern gestaltete wie die Verwirrung einer geschämigen Braut, übte gleichwirkende Kraft auf den Jüngling. Auch er fühlte seine Wangen glühen; auch er verneigte sich stumm, stotterte alsdann einige Worte, die unzusammenhängend seinem Munde entschlüpften, und beugte sich schnell, um der Begrüßten das Schauspiel seiner Blödigkeit zu entziehen, zu dem Knaben, der fremd und verwundert zu ihm aufschaute. »Ach!« rief er aus: »wie schön, wie stark, wie blühend ist der Junge geworden. Werthes Stiefmütterlein, empfangt meinen Glückwunsch; und auch Ihr, mein guter Vater, erlaubt, daß ich Euch die Hand schüttle, wie ein Freund dem andern, und dem Buben einen Kuß auf den trotzigen Mund drücke, zum Pfand meiner Liebe. Ja, herziger Knabe, wir werden Freunde seyn; Deine hellen Augen sprechen ganz anders zu meiner Seele als Wallradens stechender, nirgends verweilender Blick.« – Er küßte den Knaben, der auch seiner Seits freundlich die Arme zu ihm emporstreckte, [60] und wie ein Eichhörnlein auf seine Knie kletterte. »Hast Du mich lieb, kleiner Hans?« fragte Dagobert in seiner Fröhlichkeit kosend den Knaben. »Gewiß, lieber Herr;« antwortete Hans, den zierlichen Bart des Jünglings streichelnd: »willst Du mein Väterlein seyn?« – »Ei, du einfältiger Hans;« erwiederte Dagobert lachend wie ein ausgelassener Gesell: »welch tolles Zeug bringst Du zu Markte? Haben sie Dir in Frankfurt nichts bessres gelehrt? Dort steht Dein Vater;« er zeigte auf Diether, der, halb abgewendet, seinen steigenden Groll kaum mehr zu mäßigen vermochte: »auch mein Vater ist er, und wir beide wollen gute Brüder seyn. Herzgeliebte Eltern;« fuhr er fort, indem er aufstand, und den Knaben wegsetzte: »Wallrade mag von mir geplaudert haben wie und was sie wolle, – ich bin dennoch nicht so schlecht, als sie Euch überreden mochte. Glaubt ja nicht, daß ich heim komme, um den kleinen Knirbs, mein Brüderlein, zu plündern und zu verkürzen um das Erbtheil, das ich ihm abgetreten. Davor bewahre mich der liebe Gott. Er hat mir schon genugsam bescheert, da er mich vom Pfaffenthum entbinden ließ, durch seinen Statthalter auf Erden. Was ich gelernt, bringt mich schon anderweitig durch, und komme ich vielleicht einmal aus irgend einer Fehde als ein lahmer Krüppel heim, und weiß mit meinem alten Arm nichts mehr zu gewinnen, so erinnert sich wohl der Johann der Liebe, die ich für ihn hatte, und füttert mich alsdann von seinem Überfluß.« –

[61] Die biedre klare und aus voller Brust gesprochne Rede Dagobert's preßte in Diether's Augen Zähren der Rührung; sie waren aber nicht vermögend den Panzer zu erweichen, den der Geist des Verdachts um des Schöffen Milde gezogen. Der Verblendete hatte Margarethens, Dagobert's Erröthen gesehen; er hatte, von Fieberfrost geschüttelt, des Knaben unschuldige Worte vernommen, und ihnen eine giftige Deutung untergelegt. Ein Felsen lag auf seiner unruhig steigenden Brust, und erstickte jedes Wort der Erklärung. Heftig wandte er dem Sohne den Rücken, und ging aus dem Gemach. Verwundert und gekränkt sah ihm Dagobert nach. »Ehrsame Frau,« begann er nach einer Weile zu Margarethen, die den Blick auf den Boden geheftet vor ihm stand, – unschlüssig, ob ihr zu gehen, ob ihr zu bleiben zieme, – zögernd, von dannen zu scheiden, ängstlich, noch länger in des Gefährlichen Nähe zu verweilen, – »Ehrsame Frau. Könnt Ihr mir nicht erklären, wie es eigentlich um den Vater stehe? Welch unheimlich Geberden, welche grollende Verschlossenheit hat er angenommen?« – »Sein Unfall ...« antwortete Margarethe stockend: » ... seine Wunde, die noch nicht geschlossen, ....« – »Ach, wehe uns;« seufzte Dagobert: »wehe uns, wenn jener meuchlerische Bube tödtlich den Fleck verletzte, wo die Liebe für den treuen Sohn sitzt. Täuscht mich nicht, gute Stiefmutter. Ich will nicht glauben, daßIhr mich so gänzlich hinterrücks aus dem Felde geschlagen. Ich habe Euch ja nie Leides gethan, und liebe Euern Sohn, als ob ihn meine eigne Mutter geboren; aber, [62] Wallrade .....?« – Margarethe nickte heftig mit dem Kopfe, und Dagobert fuhr fort: »Gelt? ich hab's getroffen? O die verläumderische Heuchlerin! Doch will ich nicht verzweifeln. Den Vater will ich zwingen, seine Gunst mir wieder zuzuwenden, und Ihr, mein zweites Mütterlein, sprecht ein gutes Wort für mich. Ich bin ein ehrlicher Geselle; verlaßt Euch darauf, und redet mir zur Minne.« – Bittend hatte er ihre beiden Hände ergriffen, die sie, erschrocken über die heftige Bewegung ihres Gemüths, schnell aus den seinigen zog, obgleich ihre Augen mit einem sanften Ausdruck auf dem Stiefsohne ruhten. – »Mißtraut mir nicht;« sprach sie langsam: »ich hoffe, es wird sich Alles geben. Mein Herr wird nicht in seinem Irrthum beharren. Vor meinen Augen seyd Ihr rein, – rein, wie dieser!« – Sie deutete auf das Bild des heiligen Georg, und verließ eilig mit dem Knaben die Stube. Dagobert konnte sich lange nicht von dem nie gehofften Eindruck erholen, den der Empfang im Elternhause auf ihn gemacht. Wehmüthig sinnend saß er da, den Kopf in beide Hände gestützt, wischte sich dann eine Thräne, wie nur gekränkte Treue sie weint, aus dem Auge, und richtete seine Blicke auf St. Georgii Bild. »Die gute Stiefmutter!« sprach er halb lächelnd zu sich selbst: »Wenn sie recht hätte, und ich ein Gotteskämpfer wäre, wie der heilige Reitersmann dort oben. Den Teufel wollte ich mich um alle Wallraden und Prälaten des heiligen römischen Reichs scheeren, wären sie auch alle meine Schwestern und Vettern. Der Verläumdung stieße ich die Rennstange wohlgemuth zwischen die [63] Zähne, bis sie verendete, und beim Vater müßte der liebe Herrgott ein Wort der Sühne einlegen, kräftiger als das Fürwort aus Frau Margarethens Munde, obschon dieser Mund allerliebst ist, und vielleicht nur von einem Einzigen in ganz Teutschland übertroffen wird.«

Er schritt durch das Gemach, und blieb alsdann mit verschränkten Armen vor dem Bilde stehen. – »Ein schmuckes Gemälde!« begann er, sein Herz durch Zerstreuung von schwerer Sorge abzulenken: »hab's noch niemals in Vaters Hause gesehen. Hu! wie der Schimmel springt und steigt! Wie des Reiters braune Locken im Winde flattern! wie stolz und stattlich er im Sattel sitzt! Ja! solch ein Mann zu seyn .... das wäre eine Lust! Die Dirne möchte ich sehen, die mir dann spröde widerstünde! – Närrischer Schalk!« unterbrach er sich, lachend: »als ob mir's darum zu thun wäre! Wie sang der arme Barfüßer, der draußen im Haus der Aussätzigen verkümmert, während aus seinem fruchtbaren Kopfe unzählige Lieder der Minne und Geselligkeit entspringen, und in ganz Teutschland nach gefälligen Weisen gesungen werden? ›Ein Fischlein mir gar wohl gefällt, doch darf ich sein nicht kosten! Drum sey der Fischzug eingestellt ... Die Angel mag nun rosten!‹ Das ist auch mein Bescheid, und kalt, wie ein rechter Frosch will ich seyn, trotz dem wackern Kämpfer Georg, dessen anmuthig Gesicht ich schon irgendwo gesehen haben mag, so bekannt spricht mich's an. Und, wenn mir recht ist, so ist's gar mein Brüderlein Johann, das dem Heiligen gleicht. Wahrlich, [64] wahrlich! Ein feiner Sprößling, der Bube; und eben dessen Züge waren mir beim ersten Zusammentreffen so wenig fremd, daß ich darauf hätte schwören mögen, ich hätte ihn vor Kurzem erst, zu Costnitz oder irgendwo, gesehen. Es mag aber leichtlich nur ein Traumbild gewesen seyn; denn mein guter Predigermönch sagte gar vielmal, daß es Beispiele gegeben, wie gewisse Menschen andere im Traume gesehen, die sie nachher auf dem, Lebenswege angetroffen, und lieb gewinnen müssen. – Ach! auch Esther war ein Bild meiner frühsten Träume; nicht selten ist sie eine Erscheinung meiner jetzigen; und zu verwundern ist's, wie einem frommen Christen von einer halben Heidin träumen, ... wie diese an des Rechtgläubigen Herz wachsen darf, während sie doch nimmer in seine Arme wachsen darf!«

Fußnoten

1 Versammlungshaus und Trinkstube der edelsten Geschlechter von Frankfurt.

3. Kapitel
Drittes Kapitel.

Was ist schärfer, denn ein Pfeil?

was giftiger als Schlangengeifer? –

Die Zunge des Bösen, der den

Feind will verderben.

Persisches Gleichniß.


Am Morgen des Samstags in der heiligen Charwoche war ein reges Getreibe auf dem Römer. Die Osterfeiertage waren vor der Thüre, und alle Geschäfte des Raths, wie des Gerichts mußten bis auf [65] den Punkt vorbereitet werden, die Ostertage hindurch ohne Gefahr und Nachtheil ruhen zu können. Die Kanzelleien waren angefüllt von fleißigen Schreibern, harrenden Boten, befehlenden und in die Feder sagenden Rathsherren; die Vorgemächer wimmelten von ungeduldigen Clienten und Parteien, unter welchen wie geschmeidige Aale Fürsprecher und Momparne hin und her schlüpften, bald zu gütlichem Vergleich beredend, bald zu ernstem Streit vor dem Richter anhetzend. Gläubiger mit ihren Schuldnern, Treuenhänder mit ihren Mündeln, Tabellionen mit Kauflustigen gingen Thüren aus, Thüren ein, und ein schwirrendes Getöse erfüllte das weite stattliche Gebäude, die Säle ausgenommen, wo hinter schweren Flügelpforten die vierzehn Schöffen ihre Gerichtsbank hielten, oder Bürger meister und Rath im weiten Kreise versammelt saßen, des Regiments zu pflegen. Wichtig thuende Schreiberknechte flogen mit Schriftbündeln beladen, die Treppen auf und ab; mürrische Rathsdiener schreckten durch die Gänge. Altbürger, im Bewußtseyn ihres städtischen Ansehens, und Gewichts, stiegen gravitätisch umher, und maßen mit finsterm Blicke die zahlreichen Edelleute vom platten Lande, die, um Händel und Späne mit der Stadt beizulegen, herbeigekommen waren, um wider Willen ihr hohnlächelndes Haupt vor der Rechtspflege der reichsfreien Bürger zu beugen. Nebst all diesen, mehr oder weniger im Heiligthume der Gerechtigkeit beschäftigten Leuten, drehte sich noch in den Hallen eine nicht unbedeutende Anzahl müßiger Gesellen, die heute schon die Osterzeit begonnen hatten, [66] um allenthalben ihr neugierig und faul Angesicht zur Schau zu tragen, – und eine Menge Gesindels, das, keinem zünftigen Gewerbe zugethan, sein elend Stücklein täglichen Brods täglich aus der blauen Luft holt, wie eine Lerche auf gut Glück den Acker bestreift und mit leichter Mühe aus der Furche den Waizen holt, der im Grunde nicht für sie bestimmt ist, und von welchem sie noch nicht wußte in verwichner Nacht. Die Einen dieses Gelichters hielten vor dem Gebäude die Pferde der Junker vom Lande, die Andern zeigten den Fremden die Eingänge zu den verschiednen Kanzleien; die Trägsten endlich bettelten geradezu die Vorübergehenden an, oder bildeten, an Mauer und Treppengeländer gelehnt, eine Straße von Gaffern, durch welche Alles hindurch mußte, um gehörig bewitzelt und beräuchert zu werden. Für diesesmal hatte jedoch der Mund dieser Faulthiere Feiertag, wie ihre beständig ruhenden Hände, und eines unverwandten Blicks starrten sie hinab zur Eingangspforte, hinaus auf die Gasse, wie Menschen, die auf etwas Außerordentliches gespannt sind. Es war nämlich durch einen nicht allzuverschwiegnen Diener des peinlichen Stuhls ruchtbar geworden, daß heute der hundertjährige Jude und sein Sohn vor dem Oberstrichter im stillen Verhöre erscheinen würden. Dem Gesindel war es schon ein Fest, diejenigen von Angesicht zu sehen, gegen welche schon der Name ihres Volks den allgemeinen Hohn, die gräßlichste Erbitterung rege machte. Seit Wochen bereits lagen die Juden im Thurm, und noch war die Art und Gattung ihres Frevels nicht laut [67] geworden unter dem Volke. Ursache genug, die grausame Neugier zu verdoppeln, und den Wunsch zu erhöhen, bald ein blutiges Urtheil aussprechen zu hören, vollstrecken zu sehen. Denn; todeswürdig, – so vernünftelte das Volk – todeswürdig müßte ihr Vergehen seyn, und unmenschlich die Strafe. – Mit Ungeduld harrte die Menge auf ihre Opfer, um ihnen schon diesen ersten sauern Weg durch Verwünschungen und Schmähungen noch schrecklicher zu machen. Plötzlich lief ein Gemurmel durch die Reihen. »Seht ihr den Rothkopf..?« flüsterten sie unter einander: »Kennt ihr den Juden, der sich taufen ließ? Dort schleicht er die Treppe hinan. Was will der hier?« – Scheuen Blicks schritt Zodick durch das murmelnde Volk, grüßte hier demüthig einen ihm begegnenden Vornehmen, der vor ihm ausspuckte; warf dort einem bösen Schuldner, der ihm auswich, einen drohenden Wink zu; zog vor dem Kruzifix der Vorhalle andächtig kriechend den Hut, und berührte darauf furchtsam die Zizis, die er streng verborgen unter seinem Taufschilde und unter dem faltigen Wams auf der bloßen Brust trug, um den hochgelobten Gott der Sünde wegen, daß er den Sabbat entheiligen müsse, um Vergebung zu bitten. –

Er verlor sich in den schwach erhellten Gang, der zu der Thüre der peinlichen Kammer führte. Während dessen entstand eine lebhaftere Unruhe unter dem in den Säulengewölben harrenden Pöbel. Von starker Wache geleitet, schleppten sich in schwerer, schwerer Eisenlast zwei lebende Bilder des Leidens über die Stufen des Gebäudes: Der Greis [68] Jochai und sein Sohn. Das Elend einer kurzen, aber entsetzlichen Haft hatte Wunder des Jammers an Beiden gewirkt; aber dennoch waren jetzo ihre todtenfahlen Wangen geröthet, ihre im Moderduft des Kerkers erloschnen Augen in flackernde Flämmchen verkehrt, denn vor einigen Augenblicken erst hatten sie sich wiedergesehen, die Nichts mehr von einander wußten. Sie hatten die schmerzliche Freude empfunden, sich in gleichem Leide als Genossen zu finden, und von halb menschlichen Wächtern begünstigt, des Glücks genossen, sich zu umarmen im Schmuck der Verbrecher. Sie durften zwar kein Wort wechseln, aber ihre Blicke sagten sich genug, hatten auch ihre Augen das Weinen verlernt. – Dieses Paar, in unscheinbare Überreste feiner Gewänder gehüllt, Haar und Bart triefend von Nässe, starrend von Schimmel und Moder, wankenden Fußes einherschreitend, niedergezogen von schleifenden Ketten, dieses Paar des Erbarmens, wurde mit Hohngelächter und Geschrei bewillkommt. Nicht die Leiden der Seele und des Körpers, die in unverkennbaren Zügen auf Ben Davids Gesichte verzeichnet waren, – nicht des höchsten Menschenalters rührende Ehrwürdigkeit auf Jochai's Antlitz rührte das unbarmherzige Volk. Die Wächter hatten zu wehren, daß nicht im Hause der Gerechtigkeit Frevel an den Gefesselten verübt wurden. Den Schmähworten konnten sie indessen nicht steuern, und beladen mit Drohungen und Flüchen aller Art erreichten die Gefangenen die Höhe der Treppe; hier begegnete ihnen ein bekanntes Gesicht. Der Judenarzt Joseph war's, der gerade von einem, [69] während der Sitzung unpäßlich gewordnen Rathsgliede kam. Kaum hatte er jedoch der Unglücklichen gewahrt, so wendete er scheu und verdrießlich den Kopf hinweg, übersah den Gruß Ben David's und schob sich, so schnell es seine Wohlbeleibtheit verstattete, die Stiege hinunter, tobend und scheltend gegen den Pöbel, der dem, wenn gleich vornehmern und höher gehaltnen Juden den giftigsten Spott nicht schenkte. Erst nachdem sich die Thüre der Kanzlei des peinlichen Gerichts hinter Ben David und seinem Vater geschlossen, waren sie dem schadenfrohen Getümmel entronnen, und nur die Zielscheibe der unziemlichen Scherze, welche sich Schreiber und Diener gegen sie erlaubten, bis sie auf das Zeichen einer Glocke in die Verhörkammer gebracht wurden, woselbst der Oberstrichter, umgeben von dem düstern Gepränge des Blutgerichts, ihrer harrte, sammt dem vereideten Geheimschreiber. – Nachdem der gestrenge Herr die Kettenbelasteten eine Weile mit finstern Augen gemessen, befahl er dem anwesenden Rathsknecht, ihnen die Bande abzunehmen, und sich zurückzuziehen. – Sobald dem Befehle gehorcht worden war, lehnte sich der Richter in den breiten Sessel zurück, winkte dem Schreiber, die Feder zur Hand zu nehmen, und wendete sich mit den hergebrachten Eingangsfragen an die Juden. Auf die Frage nach Namen und Stand erwiederte der hundertjährige Greis: »Gewaltiger Herr! Ich nenne mich David Ben Jochai; mein Sohn, Jochai Ben David, was so viel heißt, als: Sohn des David. Unsre Leute haben sich aber gewöhnt, uns zu nennen, der Kürze halber, [70] mich Jochai; meinen Sohn Ben David. Wir sind von jeher gewesen arme aber fleißige Leute im Handel und Wandel, Trödel und Schacher, und ehrliche Darleiher in guter Münze gegen billige Zinsen. Ich habe zurückgelegt das hundertste Jahr mit der Hülfe des barmherzigen Gottes, welcher zählt die Haare und die Tage des Menschen; mein Sohn ist gewesen funfzig Jahre, wenn mich nicht trügt mein altes Gedächtniß. Der Herr in Israel hat uns auch gesegnet in der Fremde, bis wir sind gekommen in so viel Leid und Trübsal, als wir hier vor Euch stehen. Man hat uns gebunden mit Ketten; man hat uns geworfen in fürchterliche Löcher, wo wir müssen waten bis an den Knöchel im Wasser, wo unser Angesicht bleich wird und unser Auge blöde; und noch hat man uns nicht gesagt, wessen wir beschuldigt sind, und unser Herz ist doch rein wie das Ei, wenn es glatt und zu rechter Zeit aus der Schale geht.« – »Schweig!« unterbrach ihn der Oberstrichter streng: »Deine Zunge rührt sich ungemessen zur unrechten Zeit. Die Ursache Eurer Haft sollt Ihr heute noch erfahren, ihr Ketzer, wenn ihr nicht vorziehen solltet, Euer Verbrechen reuig zu bekennen.« – »Wie können wir doch bekennen, was wir nicht wissen?« fragte Ben David mit ängstlichen Geberden: »Wir wissen uns rein, und können auf die Thora, auf welcher Gottes Herrlichkeit ruht, beschwören, daß wir unschuldig sind an jedem Fehl. Der hochgelobte Fürst und Herr in Israel wird's uns sogar nicht anrechnen, daß wir jetzo den Sabbat entheiligen durch Zeugniß und Verantwortung vor Gericht; denn Noth [71] kennt kein Gebot.« – »Stille!« rief der Oberstrichter ihnen auf's Neue zu: »Wer wird sich darum bekümmern? Macht ihr's mit eurem Götzen aus. Wir wissen nichts von Eurem Baalsdienste. Eine Frage an Euch insgesammt, Vater und Sohn. Was ist aus dem Christenkinde geworden, das Einer von Euch vor fünf Monden etwa in Euern Schlupfwinkel in der Judengasse geschleppt hat?« – Jochai, besonders aber Ben David stutzte heftig. – »Nun?« fuhr der Richter barsch fort: »Wird's bald mit der Antwort? Wahrheit oder Lüge! Wo kam das Kind hin?« – »Ich weiß doch von keinem Kinde,« antwortete Ben David schnell, ehe der zweifelnde Jochai durch ein schwankendes Wort das Gegentheil verrathen konnte. Der Greis, in dessen Augen schon Ängstlichkeit sichtbar geworden war, zögerte indessen nicht, wörtlich die Aussage des Sohns zu wiederholen. »Ihr wißt also nichts?« fragte der Richter bitter lächelnd weiter: »Ihr habt wohl noch nie ein Christenkind in Eurem Hause gesehen?« – »Als uns Gott soll helfen,« erwiederte Ben David ausweichend: »Wir wissen nicht, von welchem Kinde Ihr sprecht.« – »Mein Alter macht vergeßlich;« fügte Jochai bei, welcher nicht bejahen, doch auch nicht ganz verneinen wollte: »Ich wüßte mich nicht zu besinnen, ob jemals ....« – » Ihr läugnet?« sprach der Oberstrichter drohend: »Desto strenger wird das Urtheil fallen.« – »Gott soll uns helfen, und sich Israels erbarmen!« klagten Vater und Sohn: »Wir sind unschuldig, man mag uns zeihen, wessen man begehrt. Wir haben stets gezahlt als redliche [72] Leute unsre Abgaben, den Opferpfenning, die Kronsteuer, des Kaisers Hof- und Kesselgeld. Wir haben richtig eingeliefert Pfänder und Briefe von Herren und Edeln, als der König Wenzel es befohlen. Wir haben nicht beschnitten das Geld, noch böse gemünzt. Wir haben nicht betrogen, nicht geschunden; wir haben vom ehrsamen Rath nur geringe Zinsen genommen, und ihm unser bischen Armuth immer offen gehalten.« Wir finden keine Schuld an uns, und sollten unsre Brüder gefrevelt haben, so kümmerts doch uns nicht, denn der heilige Gott, spricht: »Indem Einzelnen soll gethan werden nach seinen Werken.« – »Spricht Euer Götze so?« erwiederte der Oberstrichter mit hartem Hohne: »Wohlan, so sey es auch also. Es ist hier nicht die Rede von Euern Ketzerbrüdern; von Euch selbst, verworfnes Gelichter; und da ihr nicht gestehen wollt, was Ihr begangen, so will ich's Euch beweisen lassen, von unverwerflichen Zeugen.« –

Er zog die Glocke, und flüsterte dem eintretenden Diener ein Wort in's Ohr. Kurze Weile nachdem sich dieser wieder entfernt hatte, schlich Ben David's Sabbatmagd, die stumme Grete, herein; mit gefalteten Händen, in welchen der Rosenkranz hing; mit thränenden Augen und blassem Angesichte. Sie verneigte sich demüthig vor dem Richter und dem Bilde des Erlösers, das über dessen Stuhle hing, und schlug, seitwärts auf die Beklagten blickend, ein verstohlnes Kreuz. – »Die Schwörfinger in die Höhe!« gebot der Richter: »Du schwörst vor der heiligen Dreifaltigkeit und bei dem Gedächtniß an [73] unsers Heilands bittres Leiden die Wahrheit, sofern sie Dir bewußt, zu bekennen durch unverdächtige Zeichen? Nicke mit dem Kopfe!« – Die Alte that, wie man ihr hieß, und zitterte vor andächtiger Furcht an allen Gliedern. – Nachdem sie der Oberstrichter über ihren Namen, Gewerb und die Zeit, während welcher sie bei den Beklagten in Diensten gestanden, befragt, ging er zur weitern Untersuchung über, und auf seine dringenden Ermahnungen gestand nach und nach das arme Weib, so deutlich es nur aus seiner Zeichensprache anging, daß vor einiger Zeit Ben David einen Christenknaben in sein Haus gebracht, von einer fernen Wanderung zurückkommend; daß sie selbst den Knaben zwei Nächte hindurch in ihrer Kammer beherbergt; daß er aber in der dritten verschwunden, und nicht mehr zum Vorschein gekommen sey. – »Hast Du nicht wahrgenommen,« fuhr der Oberstrichter in seinem Verhör fort, »ob nicht Einer von diesen anwesenden Juden gegen den Knaben einen besondern Widerwillen und Haß bezeigt?« – Grete nickte nach einigem Nachsinnen mit dem Haupte, und deutete auf den Greis Jochai. – »Nun denn, ihr schändliches Gesindel,« fuhr der Richter die Juden an: »Gesteht Ihr bis hieher ein, was die Alte angedeutet?«

»Ben David läugnete frisch weg die ganze Sache, und Jochai, der es erwartet hatte, wie sein Sohn sich benehmen würde, stimmte, ohne zu zögern, in das Läugnen ein. Der Oberstrichter wurde braunroth im Gesichte, zog zum Zweitenmale die Glocke, und nach einer kurzen von den Beklagten bang durchathmeten[74] Stille trat, keck wie die sichre Wahrheit selbst, Zodick in die Kammer, achtete nicht des Schrecks, mit welchem Jochai und Ben David bei seinem Anblick zusammenfuhren, sondern näherte sich furchtlos dem Richter, dessen Gewand er unterthänig berührte, und vor dessen Gerichtstafel er sich mit erhobener Hand stellte, die frechen Augen auf das Kruzifix und den Verhörenden gerichtet, wie einer, der schon oft dabei gewesen. Die Geberde, die er machte, kam jedoch den Juden so unerwartet und so gräßlich vor, daß Jochai, seinen Unmuth vergessend, dem Menschen mit ängstlicher Stimme zurief: Zodick! ach Zodick! ist es denn wahr, was von Dir gesagt haben unsre Leute? Hast Du abgeschworen den einzigen Gott, um zu opfern dem fremden?« – »Zodick, was thust Du?« setzte der von Nichts wissende Ben David überrascht hinzu. Der Oberstrichter rief aber dazwischen: »Schweigt, ihr Hundsjuden, sonst lasse ich euch stäupen zum Lohne für eure verfluchte Schwatzhaftigkeit. Laß Dich's nicht kümmern, Friedrich, setzte er gemäßigter bei, und schwöre vor der heiligen Dreifaltigkeit und ihren Heiligen, und bei dem kostbaren Blute unsers gekreuzigten Erlösers, den Du hast erkennen gelernt durch der heiligen Mutter Fürbitte und ihres barmherzigen Sohns unendliche Gnade, die Wahrheit zu sprechen, sonder Furcht und Mitleid.« – »Ich schwöre,« entgegnete Zodick kurz und fest, und nachdem er auf Befehl des Oberstrichters den Glauben gebetet und das Kreuz vor Stirn und Brust geschlagen hatte, – wobei Ben David unruhig den Kopf schüttelte, und Jochai mit geschloßnen [75] Augen der jüdischen Schulen Bannformel zwischen den Zähnen murmelte, – begann er ein Zeugniß, oder besser, eine Klage abzulegen, während welcher die Stille des Grauens also eintrat mit ihren Schauern in das unheimliche Verhörgemach, daß auch keine Sylbe aus des Klägers Munde einem der Anwesenden entging. –

»Es sind fünf Monden etwa verflossen,« sprach Zodick, – »und es war so gegen das Ende des Monds Monchesran, da die Juden, wie mich dünkt, den letzten Shabbat des Monds feierten, als Ben David, der hier steht in billiger Haft, – mein damaliger Herr, dieweil ich noch bin gewandelt im Finstern, – heimkehrend von einem Gang über Feld, wie er öfters zu thun pflegt, des Handels wegen, – ein Kind mit sich brachte, einen Knaben, und von christlicher Geburt.« Am Abend des eingehenden, so wie am Abend des ausgehenden Festes sah ich den Knaben nicht, denn ich lag darnieder an einer Wunde, die mir böse Menschen geschlagen hatten. Ben David sagte mir mit keinem Worte von dem Kinde, und nicht Esther, seine Tochter, und Jochai war der Einzige, dem in der Geschwätzigkeit seines Alters die Kunde entschlüpfte gegen mich, es befinde sich im Hause ein Knabe, den der Herr geführt habe, man wisse nicht von wannen, und bringen wolle, man wisse nicht, wohin. Von dem Schmerz meiner Wunde geplagt, achtete ich auch nicht auf des Alten Geplauder. Da aber nach dem Habdalah mein Leib wundersam schnell wieder genesete, und ich am folgenden Tage blos um zu ruhen, zu Bette lag in meiner [76] einsamen Kammer, da trat dieser Greis Jochai, als es schon wieder zu dämmern begann, zu mir, und sprach: »Steh auf, Zodick, so Du ein guter Knecht meines Sohns bist, und Deines Leibes Schmerzen er vertragen, und folge mir eiligst mit Schaufel und Haue.« – »Sogleich, Raaf,« antwortete ich dem Alten gehorsam, denn zu der Zeit ehrte ich ihn, wie alle Juden zu thun pflegen, da er das Gesetz kennt und auslegt. Ich stand auch alsobald auf, nahm nach seinem Willen Schaufel und Haue, und folgte ihm, der trotz seinen blöden Augen rüstig voranschritt über die dunkeln Stiegen zu dem Keller; in dessen Gewölbe, das unter dem Hinterhause fortläuft, und durch einen Verschlag geschieden ist, von dem Vordern, wo man Holz und Wintergemüse aufbewahrt, rastete der Alte, und befahl mir, Feuer anzuschlagen und die Leuchte anzuzünden, die er unter seinem Rocke hervorzog. Dieses geschah. Run setzte sich der Alte auf einen Stein, und sprach: »Jetzo, mein guter Knecht, nimm die Werkzeuge zur Hand, und haue hier vor meinen Füßen eine Grube von anderthalb Schritten in der Länge, und von der Breite eines Ellbogenmaaßes.« Ich zögerte nicht, mich an die Arbeit zu machen, in der Meinung, man wollte hier Kostbarkeiten vergraben, wie die Juden gar oft zu thun pflegen, denn sie hegen Verdacht gegen Alles, was sie umgibt, und besitzen gar häufig Dinge, die nicht kommen dürfen sobald an den Tag. Da mir nun aber Jochai ferner gebot, die Tiefe von zwei Ellbogenlängen zu nehmen, und säuberlich geräumig zu machen die Grube, ward ich doch stutzig. [77] »Raaf!« sagte ich, kopfschüttelnd: »Ihr müßt viel köstliche Habe zusammenbringen, um dies Loch nur zur Hälfte auszufüllen.« – Er hieß mich jedoch einen fürwitzigen Mancher, und befahl mir, zu fördern die Arbeit. Ich that es nun auch, und während dessen begann der Alte eitel verdächtige und seltsame Reden, und fragte mich, ob ich etwas verstände von Zauberei und geheimen Mitteln. »Gott soll hüten!« versetzte ich hierauf, und fluchte den Zauberern. Der Raaf sah mich, schnell an, und sprach: »Verflucht seyen die Schedim, aber heilig die Zauberer, die den Schemhamphorath verstehen, und damit die Sprache der Thiere, der Teufel und die Kenntniß der Mittel, die groß machen Israel in Edom. ›Hast Du nie davon gehört,‹ fuhr er fort, ›daß eines unmündigen, vom Berge Seir 1 stammenden Knaben Herz, in der Nacht des Amalekitischen Sabbats von gesegneten Händen ausgerissen, zu Staub verbrannt, und am Abend des Festes Haman in geheiligtem Weine genossen, Glück, bringt und großen Reichthum?‹ Ich schaute dem Raaf bestürzt in's Gesicht, und habe nicht erwiedert ein Wort. Nachdem ich aber die Grube vollendet, und den Grund geschaufelt auf einen Haufen, mußte ich noch verstopfen mit Stroh und Holz die Luftlöcher des Gewölbes, und wurde von dem Alten angewiesen, mich zu begeben hinauf, und dem Herrn zu sagen; es sey geschehen im Namen des Propheten Elias.« – So wie ich nun aber an des[78] Kellers Thüre gelange, kommen mir Schritte entgegen, und herab steigt bereits der Herr, und trägt auf der Schulter einen Knaben, in Schlummer versunken. Er stutzte sehr, da er mein wurde ansichtig, und der Raaf sprach zu ihm wie im Zorne: »Warum kommst Du geschlurft zur Unzeit? Der Knecht sollte Dir erst sagen, war's beschlossen ....« – »Ben David stotterte ein Paar unverständliche Worte, und hieß mich gehen von bannen mit der Lampe, so er mit sich gebracht; und mich legen zu Bette, ohne zu verweilen. Ich ging, und hinter mir schlossen sie die Thüre zu mit allen Riegeln. Da ich nun aber die Stiege emporging, ließ mir's nicht Rast und nicht Ruh, und ich mußte sehen, was da unten vorging, und hätte ich fürchten sollen, zu werden blind, wie Einer, der die Scheching, das heißt, die Herrlichkeit Gottes anschaut, wenn sie gerade auf den Fingernspitzen des Cohen's sitzt, welcher segnet. Ich zog daher aus die Schuhe, und blies aus die Lampe, und tappte in finstrer Nacht in das Höflein, und sah hinunter in den Keller durch eine Ritze, die ich mit Vorbedacht gelassen hatte in einer der Fensterverkleidungen. Ich muß geworden seyn kalt wie Eis, da ich gewahrte, was vorging im Gewölbe. Ben David hatte den Knaben entkleidet, und die Kälte den Armen geweckt. Zu dem leise Wimmernden trat der Raaf, und fragte ihn, wie die Juden zu fragen pflegen am Feste Jom Kippur 2, das da fällt im Monde[79] Tisri: Jüngelchen, über welches der Mohel 3 nicht gekommen. Willst Du seyn mein Kappora? 4 – Das Büblein machte Ben David nicken mit dem Haupte, und plötzlich stopfte ihm der Raaf einen Knebel in den Mund, daß es nur leise und dumpf stöhnen konnte, während dessen seine Augen hervortraten aus den Höhlen, wie die eines Lamms, das man schächtet. Und herbei aus dem Winkel schleppte der Raaf ein roh gezimmertes Kreuz; Ben David streckte darauf den Gepeinigten aus, und voll zitternder Begierde, mit vor Alter bebenden Händen, nagelte ihn der Raaf auf das Leidensholz, indem er das Gebet murmelte, das leider unter den Juden heimisch ist, und also lautet: Dies Opfer soll mir dienen als Wechsel und Tausch; es komme an meine Statt; es gehe in den Tod und ich mit allem Volke! Israel in's ewige Leben! Furcht und Angst komme über die Gojim! Verflucht, seyen die Wohnungen des Berges Seir! Verflucht und vertilgt die Hütten Amaleks! Verflucht und vertilgt Ammon, Edom und Moab Offenbart und endlich geschenkt deinem Volke seine Erlösung!« –

»Während dieses Gebets hat Ben David dem zuckenden Würmlein gespieen in's Angesicht, und gerufen mit Hohn: Gegrüßt seyst Du uns, König in Israel! Herrlich und gesegnet seyst Du, Fürst der Juden! – Darauf hat er die Lampe ergriffen und bedeutet dem Raaf, er möge ein Ende machen denn [80] der Knabe drohe schon jetzo zu verscheiden. Und der Raaf ergriff ein blank geschliffen Messer, und heiligte es in den von den Gliedern des Opfers rinnenden Tropfen, und näherte sich damit her Stelle, wo das ängstliche Herzlein pickte, und zeichnete hier ein blutiges Kreuz ......«

»Ersticke, und verdammt seyst Du, verfluchter abtrünniger, Sohn des Leviathan!« kreischte hier der alte Jochai, und sank unter Zuckungen zur Erde nieder. Ben David stand ihm, obwohl selbst kraftlos taumelnd, bei, und wandte zum Himmel die trocknen Augen, in welchen eine wilde, verzweiflungsvolle Frage an das Verhängniß lag. Der Oberstrichter nahm jedoch keinen Antheil an Jochai's Zustand, und gebot dem fürchterlichen Kläger zu enden. Mit tückischer Behaglichkeit ging auch Zodick zu Ende. »Das Büblein ist verschieden unter dem Messer des Raaf, und sein weitres Schicksal weiß ich nicht;« schloß er. Ob sie das Körperlein vergraben, – ob sie es geworfen in den Fluß, weiß ich nicht, da ich mich entfernte, während sie noch darüber gestritten. Der Raaf war für das Erstere, und Ben David für das Zweite; denn er hat mir nicht getraut, da ich ihn kommen gesehen mit den Knaben. Ich aber konnte nicht mehr aushalten in Ben Davids Nähe, und habe benützt die erste Gelegenheit, um aus der Gemeinschaft zu treten mit dem Raaf und seinem Sohne. Das ist, so wahr mir helfe der Barmherzige, der mich gerettet von der Ketzerei, die reine, lautre Wahrheit; Amen. –

[81] Ein tiefes Schweigen beherrschte den düstern Schauplatz. Jochai lag bewußtlos, Ben David war zu Stein geworden, – Grete betete in Gedanken ihren Rosenkranz zum Heil der hingeopferten Seele; – Zodick rastete von der Anstrengung seiner Rede, und selbst der Oberstrichter und sein Gehülfe, gewöhnt an Schrecknisse und Frevelklagen, erholten sich von den unerhörten Gräueln, die sie vernommen. – Endlich faßte sich der Richter, und wendete sich mit donnernder Stimme an Ben David: »Du hast gehört, Abscheulicher,« sprach er: »wessen man dich anklagt. Ein Genosse Deines Hauses, Dein ehemaliger Glaubensbruder, Dein getreuer Knecht ist es, der den Schleier von dem ungeheuern Verbrechen zieht, das Du mit Deinem Vater begingst. Wirst Du ferner läugnen, und dadurch das Schwert der Vergeltung schärfen? Wirst Du verharren in dem giftigen Groll Deiner irrgläubigen Verstocktheit?«

»Herr!« antwortete Ben David mit frostklappernden Zähnen: »Ich soll reden, und kann kaum finden ein Wort auf meiner Zunge. Ich könnte Euch zuschwören unsre Unschuld bei dem heiligen, hochgelobten Gott, den Gräbern unsrer Voreltern, und Allem, was uns heilig ist in Israel, – Ihr würdet uns aber nicht glauben, denn wir sind schlechte Juden, – ich könnte herbeibringen das Zeugniß meiner unschuldigen Tochter Esther, – aber Ihr würdet sagen, es gelte nicht, weil es meine Tochter gab. – Warum jedoch glaubt Ihr dem abtrünnigen Knecht, der gegen uns zeugt, warum der Magd, die in ihrer Stumpfheit Alles bejaht, was man ihr vorsagt? [82] Unschuldig sind wir, unschuldig, unschuldig an dem gräßlichen Frevel, den man uns auflügt. Fünf Monden sollen seyn verflossen seither, und nun erst kommt der gottlose Bube hier vor Eure Bank, und schreit Zeter über uns? Warum hat er nicht alsobald aufgerufen zur Rache Himmel und Erde, nachdem, – wie er lügt – die Unthat geschehen?« – »Wirst Du schweigen, verfluchter aussätziger Jude!« zürnte der Oberstrichter, indem er heftig aufsprang: »Sollte sich der arme Mann Eurer Rache aussetzen? Ihr Judengeschmeiß klebt an einander wie Kletten, und dieser hier wäre nicht der Erste, den ihr erschlagen habt, um seine Geständnisse zu verhindern, oder zu bestrafen. Ehe er mit Euch in's verdiente Gericht ging, mußte er aufhören in Eurer höllischen Mitte zu leben. Er that's, er hat sich dem Himmel, dem allbarmherzigen Schooß des wahren Glaubens zugewendet, und kann nun offen gegen Euch auftreten, von unsrer Macht geschützt. Noch mehr, die Seele des unschuldigen Knäbleins, das Ihr unserm Heilande zu schmählichem Spott zu Tode gemartert habt, ist diesem neuen Christen zu wiederholten Malen im Traume erschienen, und hat ihn aufgefordert bei seiner eignen Seele Heil und Frieden, die Gräuelthat offenkundig zu machen, und zu rächen schon, in dieser Welt. Blutdürstiges Schelmenvolk! Deine Bosheit liegt am Tage, und noch in dieser Stunde lasse ich euch Beide in Eures Hauses Keller führen, der noch bis jetzt mit meinem Siegelring verpetschirt liegt. Ich will mir ein Fest daraus machen, durch eigne Untersuchung des Klägers Angaben zu beglaubigen, [83] und am letzten Tage der Leidenswoche unsres Herrn zwei Mörder und Gotteslästerer zu entlarven, die mit seinem Namen und seinem Erlösungswerke todeswürdigen Spott getrieben.«

Die Schelle erklang von Neuem, und Rathsdiener erschienen. »Reißt den alten Bösewicht von der Erde auf;« befahl der Oberstrichter, dessen blinde Hitze im Steigen war: »es ist eitel Lug und Trug mit seiner Hinfälligkeit. Die Wahrheit, die er nicht läugnen kann, hat ihn umgeworfen. Schleift ihn an Stricken mit euch. Den andern Höllenhund werft wieder in seine Fesseln. Der Stöcker soll herbei mit seinen Knechten, und das Gezücht nach der Judengasse bringen, denn keinem ehrlichen Manne steht's zu, seine Hand an den Ungeheuern hier zu verunreinigen. Ich folge alsobald.«

Der gestrenge Herr warf den Mantel über, winkte dem Schreiber, dem Zodick und der stummen Magd, ihm nachzukommen, und ging aus der Kammer. Ben David hatte keine Augen für das tückische Lächeln, mit welchem Zodick an ihm vorüberstrich, sondern lauschte sorgsam auf die Athemzüge seines sich erholenden Vaters, von welchem er sich nicht trennte, obgleich man ihn neben demselben in Ketten schlug.

Einer der Rathsknechte lief, befohlnermaßen, nach dem Stöcker und seinem Geleite, der Andre ging vor die Thüre, um den Wachen und neugierigen Gaffern redselig zu beschreiben, in welcher Wuth der Oberstrichter von dannen gegangen, und welche Worte er drohend und zürnend gesprochen. Die Gefangnen[84] blieben einige Augenblicke allein, und Ben David küßte mit Entzücken die Hände seines erwachenden Vaters. »Ach!« seufzte dieser ermattet: »so war es kein Traum! O Herr in Israel! wie kannst Du dulden solche Nichtswürdigkeit! Ich bin zu alt, um machen zu können Anspruch auf's Leben, denn ich habe gelebt für zwei Menschen auf der Erde, aber ... Du – mein Sohn – und Esther, das Enkelchen! Weh mir! was soll das noch werden, wenn Du bestehst darauf, zu schweigen, und nicht zu sagen, wo Du hingeführt den Knaben aus Edom.« –

»Ich darf nicht, Vater,« versetzte Ben David fest: »ich würde machen unglücklich, die jetzt glücklich sind. Ich habe versprochen, zu schweigen, und will halten, was ich versprochen.«

»Und wenn Du hättest geschworen,« fiel Jochai eifrig ein: »so gilt der Schwur nichts, da es geht an den Hals. Ich will Dich entbinden Deines Gelübdes, wie ein rechter Lehrer in Israel. Ungültig soll seyn der Schwur, den man geleistet an die Männer und Frauen von Amalet. Wir wollen beten das Gebet Col niddre, und Dein Schwur soll Dir erlassen seyn.«

»Vater;« antwortete Ben David ernst: »Du magst mich entbinden des Eids, doch nicht der Zusage, so ich geleistet als redlicher Mann. Wenig Gewinn würde entstehen aus meinem Bekenntniß; es würde mir kosten den Kopf, und Estherchen Hab und Gut, und Dir Schande bringen und den Bettelstab.«

[85] »Weh mir!« jammerte der Alte: »In welchen Handel hast Du Dich begeben? unbesonnener Mann; Geld ist gut, doch besser das Leben. So Du aber sterben mußt, und Esther verarmen, begehre ich auch nicht länger zu athmen. Denn mehr als todt ist ein Alter von hundert Jahren, das in Kummer und Hunger versiegt.« –

»Beruhige Dich, Vater;« versetzte David: »wir werden nicht sterben, Du sollst nicht hungern. Die Leute, die da wissen, daß ich reden könnte, werden schon helfen, ehe es seyn wird zu spät. Verlasse Dich darauf!«

»Und wenn sie uns peinigen?« klagte der Greis mit wachsendem Eifer: »Wenn sie uns tödten, schnell wie die Hand des Herrn? Sohn, Sohn! traue nicht auf der Gojim Hülfe und Versprechen! traue nicht auf das Wort, es komme aus der Erde, oder falle vom Himmel! Beten wir nicht täglich: Herr, bau Zion wieder, die Gottesstadt und ihren Tempel? Laß ihn geboren werden und kommen den Messias, den man nennen wird gleich Dir, den Sohn Davids? Und noch ist Zion nicht gebaut, und noch der Messias nicht gekommen; und also werden wir von bannen genommen seyn, ehe Hülfe kommt und Rath; als Opfer Deines unseligen Handels, und Deines Eigensinns.«

»Verzagst Du denn so ganz an der Hülfe des hochgelobten Gottes?« fragte Ben David, den Alten, der zwischen Wahn, Glaube und Unglaube ängstlich schwankte, wehmüthig bei der Hand ergreifend: »Vertraust Du denn nicht auf unsre Unschuld selbst, [86] deren Stimme endliche uns frei sprechen wird von dem teuflischen Lügengewebe?«

»Ach,« seufzte der Alte, zweifelnd und befangen: »fünf Stimmen gibt's, die nicht hörbar von einem Ende der Welt zum andern gehen; aber die Stimme der Unschuld ist nicht darunter. Sie ist nicht die Stimme des fruchtbaren Baums, den man fällt, – nicht die Stimme der Schlange, die man schindet, nicht die eines vom Manne erkannten, von einem Manne geschiednen Weibes; nicht die Stimme des neugebornen Kindes ....!«

»Besinne Dich, Raaf!« unterbrach ihn Ben David sanft: »Ist das Kind nicht das Bild der Unschuld? Halte Dich am Glauben, und laß uns vertrauen.« –

Mit vielem Geräusch trat die Wache ein, die ohne Schonung den Greis mit Stricken band, und ihn neben seinem Sohne durch das wilde Volksgedränge hindurch, an die Pforte des Römers führte, wo auf den Stufen der Nachrichter mit seinen Knechten die Ärmsten erwartete, die er im geheiligten Rathhause selbst nicht abholen durfte.

Fußnoten

1 Bezeichnender Name der Christenheit, gleich Edom, Amalek etc.

2 Der lange Tag – Fest der Versöhnung.

3 Der, welcher die Beschneidung verrichtet.

4 Opfer.

4. Kapitel
[87] Viertes Kapitel.

Wo ist das Auge, das schärfer sähe, als das der Liebe? Wo die Hand, die kräftiger schirmte, als die des Liebenden? Er hütet sein Kleinod mit freudigem Muthe, und nimmt es auf mit einer Welt, die ihm widerstrebt!

W.


Dagobert war noch immer nicht einheimisch in seines Vaters Hause geworden. Diether hatte zwar viel von seinem mürrischen Wesen abgelegt, aber seine Freundlichkeit war Novembersonne. Er schien den Sohn eher zu meiden, als zu suchen, und der fröhliche Ostersonntag war vor der Thüre, ohne daß er seinem Dagobert nur ein einzigmal gesagt hätte, ob es ihn freue, daß ihn der Papst freigesprochen, – ob nicht. Der Sohn blieb daher ungern in dem Hause, wo er nur trübe Gesichter sah, denn auch Margarethe war von einer unbeugsamen Schwermuth befallen. Die zwei Tage, die er bei den Eltern zugebracht, waren ihm schneckenlangsam hingekrochen, und Zerstreuung zu suchen, befahl er seinem Vollbrecht, – der's vorgezogen hatte, bei dem leutseligen Herrn zu verbleiben, – die Pferde zu satteln, und einen Lustritt mit ihm zu machen. Der lange Knecht war's wohl zufrieden, und bald trabten sie im Freien. »Ei, welches ist denn jenes Gebäude dort an der Anhöhe?« fragte Vollbrecht, da sich zu ihrer Linken ein Haus zeigte mit einem Thürmlein dessen farbig Ziegeldach lustig leuchtete im Mittagstrahl. [88] Dagobert blickte hin, und hielt sein Roß an. »Sieh doch,« sprach er: »das ist der Schellenhof, der meinem Vater zusteht. Eine Meierei, auf welcher ich als Knabe manch heitern Tag verlebt. Es ist schon recht lange her, seit ich das wohnliche Haus zum Letztenmale gesehen, und ich verspüre eine Lust in mir, die alte Crescentia zu begrüßen, die dort als unsre Schaffnerin haust, und manch liebes Mal meinen Gaumen mit einem Becher Milch, oder mit saftigen Kirschen erquickt hat. Da wir eben keinen absonderlichen Zweck vor Augen haben, dächte ich, wir ritten an den Hof hinan.« – Gesagt, gethan. In kurzer Frist hatten die Pferde den breiten Landweg, der zum Gebäude führte, gemessen, und die Reiter stiegen an der mit Reben umkränzten Pforte ab. Zwei krummbeinige Dachshunde, die im warmen Sonnenscheine auf den Stufen lagen, umkreisten bellend die Pferde, und über die Halbthüre des Hauses lehnte sich ein altes aber freundliches Gesicht, den Ankömmling mit Vergnügen bewillkommend. »Grüß Dich Gott, alte Magd!« sprach Dagobert treuherzig, und reichte ihr die Hand: »Sieh, es freut mich in der Seele, daß ich Dich lebendig und munter antreffe, wie einen rüstigen Wächter. Kennst Du mich denn noch?« – »Ei, wie sollte ich nicht?« antwortete die Frau mit vieler Rührung, und die Pforte weit öffnend: »An meinem alten Körper sind die Augen noch das Beste. Ein Gesicht, wie das Eure vergißt sich auch nicht so leicht. Tretet ein, lieber Junker Dagobert, tretet nur einen Augenblick ein in meine Klause.« – Der Jüngling folgte ihr bereitwillig [89] und ließ sich's in dem engen Stüblein gefallen, wo Crescentia mit Schürze und Borstwisch Ordnung schaffte, den Tisch rein machte, die Katze vom Ofen, die Lieblingshenne vom Fensterbrett jagte, und einen ledernen Sorgenstuhl herbeischleppte für den lieben Gast. Dagobert sah sich, der Knabenzeit eingedenk, in dem kleinen Gemache um, das ihn heimisch ansprach mit Allem, was darinnen stand und lag. Da waren noch die alten Schränke zu schauen, und der mächtige Tisch mit dem knaufigen Gestell, und die bunte Truhe, und das Himmelbett mit den blau und weiß geflammten Vorhängen, und der Weihkessel an der Thüre, und das Kruzifix zwischen den Fenstern, und selbst die Dreikönigskreuze über dem Eingang standen wieder da, mit Kreide angemalt, wie vor Zeiten. – »Hier war ich glücklich!« sprach Dagobert, all die veralteten Herrlichkeiten musternd: »Glücklicher als jetzt, und jene Glückseligkeit verdankte ich Dir, gute Frau.« – »Ei, warum solltet Ihr denn jetzt nicht eben so viel und doppelt so viel Freude haben, denn sonst?« fragte Crescentia, ihm gutmüthig auf die Hand klopfend: »Ihr verdient's ja, glücklich zu seyn; das sagt mir Euer gesundes und wackres Angesicht, und gewißlich seyd Ihr brav geblieben, wie Ihr's wart. ›Ach,‹ sagte oft mein Seliger: ›wenn ich's nur erleben könnte, den kleinen Junker als unsern Herrn zu sehen. Sein Vater ist zwar gut, aber zehnmal besser würde der Sohn.‹ Nun freilich,« fuhr sie fort mit einem Seufzer: »diese Zeit hat mein Alter nicht erlebt; er würde sie auch nicht erlebt haben, wenn [90] er noch so alt geworden wäre; wir wußten damals noch nicht, daß Eure Mutter, der Gott gnädig seyn wolle, Euch der Kirche verlobt habe.« – »Gott erhalte Euch meinen Vater noch lange,« erwiederte Dagobert: »einen bessern Gebieter findest Du schwerlich wieder.« – »Mag seyn,« versetzte Crescentia trocken: »das Bessre, sagt ein Sprichwort kömmt nicht immer nach. – Eure Schwester, das Fräulein Wallrade, war kürzlich hier.« – »So?« fragte Dagobert gleichgültig: »Wie kam's, daß sie sich hieher verirrte?« – »Ei,« fuhr die Schaffnerin fort: »in solchen Angelegenheiten mag sich's wohl der Mühe verlohnen, auch dem kleinen Schellenhof einen Besuch zu schenken. Das Fräulein hat alle Baulichkeiten und Ländereien betrachtet, Stall und Garten besichtigt, und nach allen Einkünften und Zinsen des Guts gefragt. Das ist eine genaue Herrin, und wird Vieles ändern, wenn sie den Hof antritt.« – »Wallrade?« fragte Dagobert, mit mehrerer Theilnahme schon: »Wallrade? Ei, wie käme sie dazu?« – »Sie hat mir versichert,« sprach die Alte, »daß sonder Zweifel die Meierei an sie fallen würde; und sich überhaupt so herrisch und stolz betragen, als ob Euer Vater schon auf dem Schragen läge, und sie die einzige Erbin sey.« – »Hm!« schaltete Dagobert ein: »Nicht übel. Es dürfte aber leicht anders kommen, gute Crescenz. Laß uns von andern Dingen reden, denn – Du weißt wohl – Geschwister hören nicht gerne von Geschwistern sprechen. – Ich bin gekommen, Eins mit Dir, zu plaudern, gute Seele, von Deinen kleinen Sorgen, von Deinem bescheidnen Wohlstande, [91] von Deinen Leiden und Freuden, mit einem Worte.« – »Ach,« versetzte die Alte lächelnd: »was soll ich Euch denn sagen, lieber Junker, das Euerm gelehrten Verstande nicht langweilig vorkommen sollte? Der Leiden habe ich, dem Himmel sey Dank, nur wenig. Die Vergangenheit hatte mir deren mehr bescheert. Die wenigen Freuden schaffe ich mir selbst, oder die Jahreszeit bringt sie. Damals war eine böse Zeit, als mein Wolfram starb. Euer Vater hatte just zum zweiten Male gefreit, und Eure Stiefmutter war eingezogen in aller Pracht und Herrlichkeit, aber auch mit allem Übermuth einer leichtsinnigen Jugend. Da sollte Alles neu erstehen und aufgeputzt werden; da war Alles zu alt und zu verjährt. Das alte Geräthe aus dem Hause, und die alten Diener hinterdrein, hieß es damals. Ich hatte das Unglück, den Groll der schönen Frau auf mich zu ziehen, weil ich ihr nicht den gehörigen Reverenz erwiesen, da sie den Schellenhof zum Erstenmal besucht. Aber, Du lieber Gott, – mein Wolfram war gerade gestorben, – im Hause Alles drunter und drüber; ich fand kaum ein Wort für mich, geschweige denn für die gestrenge Frau. Sie zürnte deßhalb auf mich, und ich war die Erste, die aus Euers Vaters Dienst entlassen wurde, – eine arme Wittib, ohne Habe, und Mutter eines noch unerwachsnen Mägdleins. Zudem hatte mein Alter noch Schulden hinterlassen, die ich nicht tilgen konnte, und schon wollte ich, das Kleid, das ich auf dem Leibe trug, allein behaltend, meinen Rosenkranz auf meines Mannes [92] Grab legen 1 und dann mit meinem Kinde betteln gehen, als ein Menschenfreund durch seine unvermuthete Hülfe uns von der bittersten Armuth rettete. Wir zogen auf das nahe Dorf, und lebten von der Unterstützung des biedern Helfers. Meiner Hände Arbeit versorgte den Mund, die Milde jenes Edeln half unsern übrigen Bedürfnissen ab. Indessen hatte hier ein Gärtner aus Wälschland sein Wesen getrieben, des Meierhofs Nutzen verkleinert, die Herrschaft betrogen. Durch unsern Freund kam die Schelmerei an den Tag, durch unsers Freundes Fürbitte wurde ich wieder hier eingesetzt, nachdem ich sechs Monden lang dies Haus hatte meiden müssen. Die gestrenge Frau, die ihre Voreiligkeit in ihrer Herzensgüte gerne wieder verbesserte, hat mich seither gut behandelt, und vor zwei Jahren meine Else zu sich als Gürtelmagd genommen. So gut ich meiner Else Arme hier im Hause hätte brauchen können, so wollte ich doch ihre Dienste einer Gebieterin nicht weigern, die mit einer alten Frau menschlich umgeht. Von jener Zeit an lebe ich hier allein und einsam. Der Lenz erfreut mich mit seinen Blumen, der Sommer mit seinen Garben, im Herbste breche ich die Früchte der Bäume, ...« – »Und im Winter?« fiel Dagobert ein: »im Winter? Wie steht es da? Nicht dem Sturme des Nords allein bist Du Preis gegeben, sondern auch dem Muthwillen, der Raublust böser Gesellen, [93] denen Du in Deiner Einsamkeit nicht widerstehen könntest.« – »Ei warum denn nicht?« fragte Crescentia lächelnd: »Glaubt ja nicht, daß ich so ganz Mutterseelen allein sey. Mit nichten. Ein Paar rüstige, Knechte sind immer hier zur Hand. Nicht beständig bin ich einsam, gerade wie heute. Heute ist ein besondrer Fall. Meine Leute sind nach der Stadt gelaufen, weil, wie es heißt, die gefangnen Juden vor Gericht gestellt werden. Ich hätte nicht selbst das traurige Schauspiel sehen mögen, aber wissen will ich doch, was an der Sache ist, weil der Eine der Gefangnen mir besonders am Herzen liegt, und ich mir nicht einbilden kann, was er verbrochen haben soll.« – »Wen meint Ihr da?« fragte Dagobert aufmerksam. – »I nu, den armen Mann Ben David, der mit seinem Vater im Gefängniß liegt,« versetzte Crescenz: »und der eben jener Wohlthäter war, welcher ein halbes Jahr hindurch mein und meines Kindes Leben fristete.« – »Ben David, sagt Ihr?« fuhr Dagobert heftig fort: »der Jude Ben David? Er heute vor Gericht? Er noch nicht frei? und auch Jochai im Kerker? Beim Himmel! Du weißt nicht, Crescenz, welche Nachricht Du mir mittheiltest. Ich muß fort, – zur Stelle fort; Vollbrecht! die Pferde vor!« – »Ei, was habt Ihr denn, mein guter Junker?« rief Crescentia: »So schnell, und auf diese Nachricht hin wollt Ihr scheiden? Wie ist mir denn? Kennt Ihr den Juden? Habt Ihr schon etwa vernommen, wessen er beschuldigt?« – Aber ihre Fragen, und ihr Rufen verhallte, denn schon saß Dagobert zu Roß, schon flog er mit seinem Knechte [94] den Sandweg hinab zur Heerstraße, und erreichte in Kurzem die Stadt. Wie im Fluge ging's, Zwingen und Gassen entlang bis zur Judenstraße. Hier waren jedoch die Reiter gezwungen, ihre Pferde zu bändigen, denn die Gasse stand gedrängt voll von Menschen. Aller Augen auf Ben David's Haus gerichtet, Aller Lippen in unruhig schwatzender Bewegung. Die Bewohner der Gasse hielten sich in ihren Wohnungen verkrochen, Wache hatte die Pforte von David's Hause besetzt, aber dennoch strömten Menschen darin aus und ein, und so eben führte man daraus ein ohnmächtiges Weib auf die Gasse, in Gewändern, wie sie die Bürgerinnen kleiner Landstädte zu tragen pflegten. »Das arme Weib!« scholl es theilnehmend aus dem Munde aller Anwesenden: »Ein, wahres Unglück hat sie just heute zur Stadt geführt!« – »Was gibt's denn hier?« erkundigte sich Dagobert bei einem Kerl, der, Langes und Breites erzählend, unter einem Haufen von Handwerksgenossen stand, deren rothgelbe Jacken die Zunft der Löher verriethen. – »Des Juden Keller ist durchsucht worden;« erläuterte der Geselle: »ich selbst war unten. Das getödtete Kind hat man zwar nicht gefunden – die Buben haben's in den Main geworfen, – aber viel andres Zeug, das wohl bewährt, welch ein Handwerk die Schelmen von Juden im Stillen getrieben haben.«

»Was denn« fragten die neugierigen Zuhörer. – »Kleidungsstücke mit Blut befleckt,« fuhr der Erzähler fort: »Lumpen sowohl als Staatsgewänder, einige Kostbarkeiten, – lauter gestohlnes [95] Gut, und endlich eine Kette mit blutrothen Steinen, kenntlich für den Eigenthümer durch die Steine selbst und die Arbeit des Silberschmids. Der Schmuck hat auch schon seinen Eigenthümer gefunden. Das arme Weib, das dort ohnmächtig liegt und just gelabt wird, hat ihn erkannt.« »Erkannt?« rief der Hause. – »Jeder von Euch,« sprach der Löher weiter, »hat ja wohl einmal von dem schönen Evchen von Berger gehört? Weit und breit war das wunderholde Kind berühmt. Weit und breit wurde Hermann, der junge Metzger aus Friedberg beneidet, da er endlich das schmucke Mädel heimführte. Nun, schaut hin auf das arme Weibsbild, ob man eine Spur der ehemaligen Schönheit auf ihrem Gesicht erkennt; und doch ist sie's. Ihr Mann aber wurde erschlagen, da er mit der Ausstattung seiner jungen Frau nach Friedberg fuhr, und die Halskette mit den blutrothen Steinen, ein Erbtheil von Evchens Großmutter hat einen Theil der Mitgabe ausgemacht, und sich so eben in dem Keller des verfluchten Juden gefunden.« – »Das ist nicht wahr!« donnerte dem Erzähler Dagobert zu, während die Umstehenden sich bekreuzten. Der Kerl gaffte ihn mit offenem Maule an. – »Nu, wenn Ihrs besser wißt, Herr,« antwortete er flämisch, »so hättet Ihr den wackern Leuten hier das Ding erzählen sollen.« Dagobert wollte mit dem Roß auf den Lümmel einsprengen, aber Vollbrecht war dießmal der Besonnenere, und riß den Herrn zurück. »Bedenkt doch die Uebermacht!« flüsterte er dem Heftigen zu, »und lasse uns förderziehen.« – »Nimmermehr!« erwiederte [96] Dagobert: »sehen muß ich, welch ein Ende der verdammte Auftritt nimmt!« – Die Fluth des Volks wälzte sich gerade mit aller Macht gegen Ben-David's Thüre; denn die Gefangenen wurden eben herausgebracht. Der Oberstrichter, erhitzt von Eifer und Zorn ging voraus; ihm folgten Knechte mit Körben und Bündeln, die das Gefundene fortschleppten; hierauf erschien Zodick mit siegreicher Miene, und lange nach ihm die Gebundenen selbst, von Soldknechten umringt. Nachrichter und Gesellen folgten erst weit hintendrein, denn der Oberstrichter hatte dennoch für gut befunden, sie nur als schreckende, nicht dienende Leute mit zu führen. Beim Erscheinen der sogenannten Verbrecher entfaltete das Volk wieder all seine Rohheit, denn es schämte sich nicht, aus vollem Halse das Lied anzustimmen, das in der Rumpelwoche in den Kirchen gesungen wurde, begleitet vom einem tobenden Lärm ungezogener Handwerksgesellen und Straßenbuben: »Ach, Du armer Judas! Was hast Du gethan? Weiß ich doch sonst was, das geht Dich auch an. Ach, du armer Judas! Was hast Du gethan!« – Unter diesem Geheule, dem der blutdürstigen Wölfe zu vergleichen, fiel ein neuer Austritt vor herzzerreißender als der, den das schöne Evchen gegeben hatte, und schmerzlich im höchsten Grade für Dagobert. Eine Dirne stürzte herbei, mit aufgelöstem Haare, bleich wie der Tod, aber bildschön im höchsten Kummer selbst; Esther, die verzweifelnde Esther, die herzueilte, jetzt erst von dem schrecklichen Gange unterrichtet, den ihr Vater thun mußte, welchen bisher zu sehen, ihr nicht[97] vergönnt gewesen. Zu seinen Füßen drängte sie sich durch, seine Hände drückte sie mit Inbrunst an's Herz, die ihrigen streckte sie nach Jochai aus, – aber wilde Gewalt stieß sie von ihren Lieben zurück. Vergebens jammerte, vergebens flehte sie, vergebens bot sie, was sie von Werth bei sich trug, für die Gnade, ein paar Augenblicke lang sich mit dem Unglücklichen zu letzen ..... ihre Bitten prallten ab von den Panzern der Wächter, und da endlich diese Letztern es nicht ferner über sich gewinnen konnten, die rührende Schönheit unbarmherzig mit ihren Waffen zurückzuweisen, so kam eilfertig der Stöcker herbei, um zu thun, was dem Krieger wiederstrebte. Aber, so wie er die Arme ausstreckte, um Esther zu ergreifen, fühlte er einen so heftigen Schlag im Genicke, daß ihm die Lust verging, weiter vorzudringen. – »Gott verdamme Dich, ungehobelter Gesell!« rief dem bestürzt zurückschauenden Dagobert in's Ohr, welcher die Peitsche schwang, um nöthigenfalls seine kräftige Zurechtweisung zu wiederholen: »So Du noch einmal Dich unterfängst, die Dirne hier durch Deine schändliche Berührung unehrlich machen zu wollen, so breche ich Dir den Hals!« – Der Nachrichter schrie nach Hülfe. Das Volk lachte den Verhaßten aus, und höhnte ihn. Da kehrte der Oberstrichter zurück. »Was gibts da?« herrschte er: »Wer nimmt Partie für die Jüdin?« »Ich Herr,« entgegnete ihm Dagobert trotzig: »Ich Dagobert Frosch, des Schöffen und Altbürgers Sohn.« – »Schande für Euch!« eiferte der Oberstrichter: »Stöcker! schafft das freche Geschöpf weg!« – »Dem Schurken kostets [98] die Ohren!« versetzte Dagobert, seinen Dolch ergreifend: »Er wage es nicht. Schande ist's für Euch, edler Herr, solche Gesellen in Eurem Gefolge zu führen. Den Verdammten ergreife der Henker, – den Unschuldigen nicht.« – »Die Jüdin gehört mein!« ließ sich der Stöcker vernehmen: »Sie hat dem Gebot zuwider gehandelt, und ist auf die Gasse gelaufen ohne Schleier und Judenzeichen. Das Halseisen gebührt ihr, und mein gehören ihre Haarflechten, so sie dieselbe nicht mit Geld lösen mag.« – »Der Teufel auf Deinen eignen geschornen Schädel gehört Dir, Galgenrabe!« zürnte Dagobert dem Burschen entgegen: »Soll die Dirne deshalb büßen, daß sie in ihres Herzens Angst Euer Verbot vergessen?« – »Sie ist eine schlechte Jüdin!« rief der Oberstrichter. – »Ein Jude ist auch ein Mensch!« antwortete ihm Dagobert zorniger denn zuvor: »Und kurz und gut, Ihr laßt sammt Euern Helfershelfern das Mädel in Frieden, oder ich will Euch zeigen, wie man mit Hunden umgeht!« – Der Stöcker entwich bei der furchtbaren Bewegung, die der Jüngling gegen ihn machte. Aber zu gleicher Zeit rissen auf einen Wink des Richters, die Knechte, die Gefangenen von dannen, welche indessen Muße gehabt hatten, einige Worte mit Esther zu wechseln. Diese Letztere aus den Klauen der Schergen und des Pöbels zu retten, der nur des Richters Entfernung er wartete, um an der Ärmsten seine rohe Willkür zu üben, war Dagoberts Bestreben von nun an. »Komm Dirne, mit mir!« rief er dem Mädchen zu: »ich führe Dich in's Freie!« – Dankend näherte sich ihm [99] Esther, von Thränen überströmt. Der Oberstrichter lachte höhnisch auf. – »Ein wackres Ritterstücklein!« versetzte er: »Werd's zu rühmen wissen, und Euch deshalb beloben!« »wie's Euch beliebt!« rief dem Scheidenden Diether's Sohn nach: »Wir sprechen uns wohl noch anderswo, Herr Oberstrichter!« – Der Letztere warf ein kurzes: »Ich denk's!« zurück, und ging trutziglich davon. »Faß meinen Steigbügel an!« sprach hierauf Dagobert zu der zitternden Esther, um die sich der Pöbel brausend drängte, im Begriff seinen Schmähungen Luft zu machen: »Halte Dich fest; und Du, Vollbrecht, reite auf des Mägdleins anderer Seite. Ihr aber, Gesindel, bleibt zurück, oder wahrt Eure Köpfe!« – Nach dieser Warnung ging es so schnell davon, als die zwischen den Pferden gehende Ester Schritt zu halten vermochte. Bis an den Ausgang der Straße wogte die Menschenmasse nach; da indessen einige wohl angebrachte Peitschenhiebe ihres Zwecks nicht verfehlten, und die Unbändigsten des Pöbels in ihre Schranken wiesen, blieben die Uebrigen zurück, und bloß mehrere Steinwürfe, die nicht trafen, gaben das letzte Zeugniß von der ohnmächtigen Wuth des Volks. »Wohin soll ich Dich bringen?« fragte Dagobert, um die verwunderten Gaffer an den Hausthüren unbekümmert: »Esther, sprich! Wo hausest Du denn Mädchen?« – »Vor die Stadt bringt mich, edler Herr!« seufzte Esther: »Vor die Stadt nur geleitet mich.« – »So laß den garstigen Steigbügel fahren,« erwiederte Dagobert: »und ergreife die Quaste meiner Satteldecke« – Dies geschah; [100] ehe jedoch noch des Zwingers Graben erreicht war, ruhte Esthers Hand schon in der Rechten Dagoberts. Vor dem Thore, zu welchem kurz zuvor der Jüngling herein geritten, saß er ab, und sprach zu Esther: »Nun sage an, mein Kind, wohin Du Deine Schritte zu lenken gedenkst? Warum entfliehst Du den Ringmauern der Stadt? Hast Du kein sicheres Obdach in derselben?« – Wehmüthig schüttelte Esther, das von Perlen der Kindesliebe geschmückte Haupt. – »Ei, so sage doch, um Gott, wo Du weiltest in den verflossenen Tagen?« fuhr Dagobert betroffen fort: »Ich wähnte Dich in Deines Großvaters Haus und Armen. Sprich doch, Du armes Mägdlein, sprich.« – »Jochai liegt im Gefängniß, gleich meinem Vater;« antwortete Esther schluchzend: »An die Thüren unsrer Nachbarn und Glaubensfreunde wandte ich mich; aber von allen wies man die Tochter, der als Verbrecher gehaltenen Leute zurück. Als ob mich die Schule in Bann gethan, flohen mich alle Bekannte, und nur bei dem Judenarzt Joseph fand ich eine Aufnahme, nach langem, langem Bedenken von seiner Seite; nach vielem Einreden seines Weibes.« – »O Du bemitleidenswerthes Geschöpf!« sprach hier Dagobert theilnehmend, und schmeichelnd ihre Hand fassend: »daß Du gezungen wurdest, bei dem hoffärtigen Manne Brod und Wohnstätte zu begehren! Daß ich Dich schonungslos solchem Zufall überließ! Wie aber wurdest Du von ihm gehalten? Warum kehrst Du nicht zu ihm zurück?« – »Erlaubt mir, davon zu schweigen!« bat Esther mit niedergeschlagenen Augen und geschämiger Wange. – [101] »Nein, Esther;« fuhr der heftige Jüngling fort: »Wissen muß ich's, Du darfst mir's nicht verschweigen!« – »Daß er mich gleich einer dienenden Magd behandelte,« sagte Esther zögernd und oft innehaltend, – »hatte ich ihm gern verziehen; die Hülflosigkeit muß ja immer Sklavendienste leisten; – aber, – daß er eines schändlichen Handels Hoffnung auf meinen Kummer, auf meine Liebe zum Vater baute, ..... das kann ich ihm kaum vergeben, und nimmer kehre ich darum zurück zu dem abscheulichen Mann.«

»Von welchem Handel sprichst Du?« fragte der Jüngling bebend: ..... »rede, mein Kind, ich muß es erfahren; .... hörst Du? .... ich muß.« – »Dem Schultheiß wollte er mich verkaufen,« antwortete Esther, ihr Antlitz mit den Händen verbergend: »ich sollte für meines Vaters leichtere Haft einen Preis zahlen, den .... ach; erlaßt mir das Übrige.« – »Schurke!« knirschte Dagobert. – »Ich widerstand;« sprach Esther weiter: »ich zürnte dem Unholde; da entdeckte er mir schonungslos, was mein Vater verbrochen haben soll, und daß er gerade jetzo zum Hause seiner Väter geschleppt worden sey. Halb gekleidet, wie ich war, heulend vor Schmerz und Angst enteilte ich dem Hause Josephs, fest entschlossen, nimmer dessen Schwelle wieder zu betreten.«

»Da sey Gott vor!« entgegnete Dagobert, mit der Faust gegen die Stadt drohend: »Dem hageprunkenden Fettwanst will ich's gedenken, sollte er mir einst unter die Augen kommen. Wo aber, wo, [102] mein gutes Dirnlein, wo gedenkst Du hin? Wo leben die Freunde, wo Verwandte, die Dein Schicksal beweinen?« – »Ach, nirgends, Herr;« klagte die Verlassene: »ich habe Niemand, den eine Pflicht verbände, mir zu helfen. Hingehen will ich aber auf irgend ein Dorf, und in einem Stalle mich betten, und täglich nach der Stadt ziehen, und täglich zu den Füßen der Wächter meines Vaters um die Gnade betteln, ihn sehen zu dürfen in seiner Gefangenschaft. Vielleicht wird einmal doch meine Bitte erhört, – vielleicht gewährt man mir endlich die größre, im Kerker zu bleiben, bei ihm, dem meine Sorgfalt, mein Leben gehört.« – »Esther! Mädchen!« sprach Dagobert bekümmert: »Betrübe mich nicht also, und handle nicht wie eine Mörderin an Dir selbst! Du solltest eine Beute des rohen Bauernvolkes werden; – am Ende dennoch durch Deine unablässigen Bitten und Versuche in die Hände des saubern Gelichters gerathen, denen ich Dich so eben entrissen? Wahrlich; das gebe ich nicht zu.« – Vollbrecht gaffte mit offnem Munde dem seltnen Auftritt zu; Dagobert, der es jedoch bemerkte, gab ihm den Befehl, die Rosse heimzuführen. Obwohl ungern, jedoch vom Gefühl des Gehorsams beseelt, that Vollbrecht, wie ihm geheißen. – Da er sich entfernt hatte, bog Dagobert, im Gespräch mit Esther, in den Sandweg ein, den er kurz vorher beritten. – »Du mußt mir eine Liebe thun,« sagte er zu Esther, die in stiller Erwartung neben ihm ging. – »Welche? mein guter Herr?« fragte sie, die sanftleuchtenden Augen zu ihm erhebend: »Sprecht. Nach dem Vater gehöre [103] ich Euch allein.« – »Ich habe Dich sonder Gefährde hieher geleitet von Costnitz,« sprach Dagobert weiter; »Dich unter Wegs gehalten wie ein ehrlich Frauenbild, und mich wie einen ehrlichen Gesellen.« – »Das weiß der Himmel!« betheuerte Esther mit dankbarer Neigung: »Einer ehrsamen Bürgerin gleich habt Ihr mich gehalten, und nicht wie eine schlechte Jüdin. Das vergelte Euch der hochgelobte Gott, der es auch gnädig mit ansieht, wie Ihr also wandelt mit mir im Freien, ohne Schaam und Scheu, – mit mir, der von aller Welt Verstoßenen.« – »Wolltest Du mir wohl ferner vertrauen?« fragte Dagobert mit weicher Stimme. – »Bis an's Ende, Herr, unwandelbar;« antwortete Esther. – »Deine Habe hast Du mir bereits vertraut, da wir schieden;« sagte Dagobert ferner: »Herzog Friedrichs Brief habe ich in Händen, und werde Dir einst Rechnung davon stellen; aber nun sollst Du Dich selbst mir anvertrauen.« – »Gerne, Herr!« versetzte das Mägdlein ohne Säumen. – »So nimm eine Herberge an von mir;« sprach der Jüngling, den ruhigen Blick auf sie heftend. – »Eine Herberge, Herr?« fragte sie staunend: »Bei Euch? das ziemt sich nicht.« – »Nein, wahrlich;« lächelte der Junker: »bei mir? das würde sich freilich nicht ziemen. Aber in einem Hause, dem eine wackre Freundin vorsteht ... was meinst Du dazu?« – »Ohne Bedenken;« antwortete Esther mit frohem Danke: »Wohin Ihr mich führt, darf ich gehen.« – »Auf die Gefahr, daß ich des Schultheißen Vorliebe für hübsche Dirnen theilte?« fragte Dagobert mit Laune. Esther sah [104] ihn ernst an, schüttelte lächelnd den Kopf, und sprach: »Verkleinert Euch doch nicht selbst; im Scherze nicht einmal. Woran soll man erkennen den Mann, wann er sich selbst den bösen Leumund anhängt?« – »An seinen Handlungen, treffliche Dirne!« antwortete Dagobert rasch, indem er unwillkürlich ihr die Hand drückte: »Und nun, komme mit mir zum Schellenhofe. Die alte Crescenz will mir wohl und Dein Vater steht bei ihr nach dem Heilande in den größten Ehren. Dort, mein armes Kind, dort wirst Du sicher seyn.«

Fußnoten

1 Gesetzlicher Gebrauch, sobald die Wittib ihres Mannes Schulden nicht bezahlen konnte. Nach geleistetem Eide sie durch obige Handlung aller Verbindlichkeit quitt.

5. Kapitel
Fünftes Kapitel.

Eia, Eia!

Ostern ist da!

Fasten ist vorüber,

Das ist mir lieber;

Eier und Wecken

Viel besser schmecken!

Eia, Eia!

Ostern ist da!

Altd. Kinderlied zum Osterfeste.


Der Heilige Ostertag hatte sich einen schönen Schmuck von Sonnenschein und Wärme angelegt, allein an dem Abend desselben war glänzendere Helle, wenn gleich nur von Kerzenlicht, und eine viel angenehmere Wärme in den Stuben des adelichen Gesellenhauses Limpurg zu finden. Die Gemächer waren[105] geschmückt wie zu einer Hochzeit. Bunte Vorhänge waren an den Fenstern aufgemacht, allenthalben vielarmige Wand- und Deckenleuchter angebracht, und der Fußboden entweder mit gewürkten Teppichen belegt, oder mit weiß und rothem Sand bestreut, den man in allerlei seltsamen Figuren aufgeschüttet hatte. Auch die Tafel, an welcher heute recht viele der edeln Gesellen sammt ihren Frauen und Töchtern und Schwestern das abendliche Ostermahl begehen wollten, war herrlich hergerichtet in dem Saale, welcher der Schauplatz der Schmäuse und Geschlechtertänze zu seyn pflegte. Blendendweiße Tischtücher mit buntem Rande, die Ecken in zierliche Knoten geschlungen, bedeckten die Tafel, mit schimmerndem Geräth versehen, so wie der gegenüberstehende Kredenztisch mit prächtigen Gefäßen besetzt war. Die Becher der Gäste waren schon bekränzt mit den zum Fest gehörigen Maaslieben oder Osterblümchen, und voll angehäuften Zinnschüsseln mit bemalten Ostereiern standen hin und wieder auf Tisch und Schrein aufgepflanzt, um den hin und her wandelnden Herren und Frauen als eine kleine Ergötzlichkeit des Gaumens zu dienen, bis das Zeichen zum Mahle gegeben seyn würde. Der größre Theil der ungemein ansehnlichen Zahl von anwesenden Stubengenossen war im großen Vorgemache versammelt, um den mächtigen Ofen, dessen Flächen mit dem in Farben ausgeführten Wappen der Vaterstadt geschmückt waren, so wie die Wände umher mit der langen Reihe von Limpurgs Geschlechterwappen, mit den auf großen Pergamenttafeln geschriebnen Ordnungen der Ttrinkstube, dem[106] bedeutenden Namens-Verzeichniß von Meistern und Gesellen, und den Panieren der Gesellschaft. Plaudernd und schäckernd unterhielten sich die geputzten Gäste von dem, was der Tag gerade gebracht hatte. Die jüngern Anwesenden sprachen von Scherz und Liebe, zeigten sich gegenseitig die prachtvollen Ostereier, die sie empfangen, gesandt in zierlichen Körben, oder auf seidnen und duftenden Kissen, und mit den niedlichsten Sprüchen bemalt. Der zärtliche Freier benutzte das Dämmerdunkel des Ofenschattens, um der Geliebten das Geschenk wieder zum Geschenke zu machen, und einen süßen Blick dafür zu erhalten. Gespielinnen und Freunde bekränzten sich gegenseitig mit den Blumen, in welchen die Ostergeschenke gelegen, und mancher zärtliche Reimspruch ging von Munde zu Munde. Während dessen redeten die jungen Frauen von der Herrlichkeit der bevorstehenden Frühlingsfeste, die ältern von dem Barfüßer, der heute das wirksamste und ergötzlichste Ostergelächter erdacht, von der Deutschherrenkirche, in welcher das ansehnlichste Osterlicht zu schauen gewesen, und von dem Bäcker, der die schmackhaftesten Fladen zum Feste geliefert. Unter den Männern ging hingegen vom Wechsel und Gewerbe die Sprache, von Gerichten, Fehden und dem Concilium. Trotz diesen ganz verschiednen Redestoffen stand dennoch die Menge beisammen auf einem Knaul, als ob das Gespräch nur einen und denselben Gegendstand beträfe; zwei Herren allein hatten sich von der Versammlung abseits gezogen, und besprachen sich eifrig in einer Ecke des Gemachs: der Schultheiß und der Oberstrichter. [107] – »Ihr würdet mich zur ewigen Dankbarkeit verpflichten,« sagte der Letztere, das Gespräch zu Ende leitend, »wenn Ihr dem Jungen irgend einen Denkzettel anhängen wolltet. Ihr findet eher die Gelegenhenheit hiezu, denn ich. Mir dürfte er schwerlich in's Gehege kommen.« – »Ich denke, mir ist er schon in's Gehege gerathen;« entgegnete der Schultheiß finster: »seyd unbesorgt, ehrbarer Herr; was man sucht, findet sich wohl; ich bin vielleicht sogar bald im Stande, Euch über wichtigere Dinge Aufschluß zu geben, denn ich vermuthe nicht mit Ungrund, daß in jenem Hause gewisse Verhältnisse obwalten, die bis jetzt gut gethan haben, sich mit dem Schleier des Geheimnisses zu verhüllen.« – »Meint Ihr, gestrenger Herr?« fragte der Oberstrichter schnell: »Das wäre Wasser auf meine Mühle, und wenn die Dinge von der Art wären, mein Amt zu beschäftigen, .... um desto besser.« – »Ich verspreche noch nichts;« antwortete der Schultheiß einlenkend: »ich weiß von nichts. Die Zeit wird lehren, wie ich mich zu verhalten haben werde.« – Der Andre bückte sich mit der Freundlichkeit, die willig vor dem Mächtigern verstummt, und ihre Neugier in den Zaum nimmt. Das Stubenmeisteramt, das der Schultheiß bekleidete, machte ihm die nächsten Anordnungen der Tafel zur Pflicht, und als Alles besorgt war, und er schon mit dem silbernen Stabe in das Gemach schreiten wollte, um der harrenden Gesellschaft das Zeichen zum Mahle zu geben, kam ihm der Altbürger Diether Frosch hastig entgegen und zog ihn in das Tafelzimmer zurück. – Der [108] Schultheiß erröthete leicht bei diesem unverhofften Zusammentreffen, faßte sich jedoch bald wieder, und sprach: »Willkommen, mein wackrer Schöff! Sehnlichst haben wir Eurer gewartet. Und Eure Ehefrau .... Ihr habt sie doch mit Euch gebracht, darf ich hoffen?« – »Mit nichten, Herr;« versetzte Diether: »Doch zweierlei Botschaft bringe ich, die Frau Margarethen angeht, und von der ich auch reden muß, ehe Ihr zu Tische sitzt. Ihr habt neulich eine Rose in meinem Hause zurückgelassen, .. ein feines Kleinod, und viel zu kostbar für meine Wirthin, die es Euch durch mich zurückstellen läßt. Ferner habt Ihr die Güte gehabt, heute Morgen Euern Buben in mein Haus zu senden, der ein blankes Körblein trug, mit diesem silbernen Granatapfel, angefüllt von wohlriechender Essenz, und verziert mit einem Minnespruch. Der alte Diether, der, wie alle Sechziger, wenig schläft, und früh das Lager verläßt, fand den Buben, der an Frau Margarethens Thüre harrte, und nahm ihm das zarte Geschenk ab. Er bringt Euch nun Beides wieder: die Rose von Gold, den Apfel von Silber, mit der Bitte, seinen kleinen Hausstand mit solcher Freigebigkeit ferner nicht zu beschämen. Sein Haus war stets ein Wohnsitz der Zucht und Ehrbarkeit, und wird und soll es ferner bleiben, wozu Gott helfe!« –

Der Schultheiß, der schon vorausgesehen, was des Alten grämliche Miene verkündete, nahm heftig die Kleinodien aus Diether's Hand, und sagte halblaut zu dem Schöffen: »Ihr habt recht gut die Zeit gewählt, mich zu beleidigen, denn rings um uns wandeln [109] Leute hin und her, die mit ihren Falkenblicken in Eurem zornigen Antlitz zu lesen verstehen. Ihr mögt indessen Eurem Ehgemahl berichten, daß Versehen und Irrthum nur dieß Geschenke, für andre, geschätzte Freundinnen bestimmt, in ihren Bereich gebracht, und daß ich mich zu hoch dünke, an dem Honig zu naschen, in welchem ein alterschwacher Thor, und ein lasterhafter Stiefsohn geschwelgt.« – »Seyd übrigens versöhnt, guter Schöffe,« setzte er mit dem freundlichsten Lächeln hinzu, um die neugierigen Gaffer irre zu führen, – »daß ich Euch den heutigen Abend nach Kräften gedenken werde.« – Diese Worte, mit welchen der Ritter dem Altbürger den Rücken kehrte, demüthigten Margarethens Gatten um so empfindlicher, je stolzer er in dem Gefühle seines Rechts und des vom Schultheißen beabsichtigten Unrechts gewesen war. Dürr ausgesprochen, schonungslos herausgesagt, hatte er nur den Verdacht gehört, den er schon längst im stillen Herzen bewahrt, und von Empörung und Schaam zugleich bedrängt, wollte er die Trinkstube verlassen, als der Schultheiß an der Spitze der Paarweisgehenden Gäste wieder eintrat, und ihn so vertraulich unter dem Arme nahm, als wäre niemals etwas zwischen ihnen vorgefallen. – »Biedrer und ehrsamer Freund,« sprach der gestrenge Herr mit lauter Stimme und freundlicher Geberde, daß alle Umstehende seine Worte vernehmen mußten: »es ist schon lange her, seit Euer Unfall Euch hinderte an unserm geselligen Mahle Theil zu nehmen. Da Ihr nun gewissermaßen heute auch das Fest der Auferstehung feiert, so beliebe es Euch, hier zwischen [110] den Stühlen der Stubenmeister, und an meiner Seite Platz zu nehmen. Wir haben oft zusammengesessen im Rathe, zusammen gestritten im Felde; laßt uns nach geraumer Zeit wieder zusammen tafeln.« – Ehe noch der greise Diether ein Wort des Widerstrebens zu finden vermochte, hatten ihn schon die übrigen Stubenmeister zu einem Sessel geführt, und ihn mit freundschaftlicher Gewalt genöthigt, sich darauf niederzulassen. Die übrigen Tafelgenossen reihten sich nach Rang und Würden um den Tisch, und hinter den Stühlen der Frauen und Töchter sammelten sich die jungen Männer, die entweder zu spät gekommen waren, um einen Sitz zu finden, oder deren Lebhaftigkeit es vorzog, sich an keinen Ort binden zu lassen. Sie stellten sich entweder gleich wie Edelknechte, bereit, auf den ersten Wink der Dame von dannen zu fliegen, und auszurichten, was sie befohlen, oder sie kauerten und knieten nieder auf gepolsterten Schemeln, um ihren Bräuten, Liebchen oder Freundinnen kurzweilige Reden und zärtlich Geflüster in die Ohren zu wispern. Nach und nach sammelte sich jedoch der große Schwarm um das untere Ende der Tafel, wo ein junger Mann in feiner Kleidung das Wort führte, und allerlei lustige Sprüche und Fündlein an die Reihe kommen ließ. Der fröhliche Erzähler war Dagobert, der erst vor Kurzem eingetreten und seinen Standpunkt hinter dem Lehnstuhle der Frau von Dürningen genommen, einer Adelichen aus der Gegend von Friedberg, die, nur zum Besuch, über das Fest nach Frankreich gekommen war. Mit ihr, der freundlich und [111] gemüthlich gestimmten Wittib in dem besten Alter, und mit ihrer Tochter, einem gar muntern und lieblichen Mägdlein von vierzehn Jahren höchstens, beschäftigte sich Dagobert vorzüglich, da, den trocknen Vetter der Dame ausgenommen, beinahe niemand der Anwesenden ein Wort an die Fremden richtete. Die Mutter wußte den Liebesdienst des ehrlichen Junkers zu schätzen, und hörte seinem Gespräche gern zu; mit größrer Theilnahme jedoch die holde Regina, welche den hellen Blick kaum von des angenehmen Gesellschafters Lippen verwendete, lächelnd seinen Worten mit dem lauschenden Ohre folgte, und züchtig erröthete, so oft seine Augen auf ihrem Antlitz verweilten. Der schelmische Jüngling schien es nicht zu bemerken, und machte sich ein Vergnügen daraus, seine Scherze fast immer an das Mädchen selbst zu richten, und dadurch die umstehenden Junggesellen schier eifersüchtig zu machen. »Vergönnt mir,« sprach er unter anderm: »vergönnt mir Euer Ritter zu seyn, holde Jungfrau aus der Fremde! Nennt mir Eure Farbe, damit ich sie trage zum Zeichen, daß ich der Eurige bin.« – »Unsers Wappens Farbe ist blau und Silber und grün,« erwiederte das Mädchen unbefangen: »ich selbst jedoch, nicht wahr, Mutter? ich habe noch keine Farbe, mit der ich Euch zieren könnte.« – Die Mutter nickte lächelnd. »Das ist schlimm!« scherzte Dagobert: »So werdet Ihr mir mindestens erlauben, Euch dies Osterei zu überreichen, mit dem Spruch, den ich mir dabei denke?« – »Und dieser ist?« fragte Regina neugierig. – »Er lautet ganz einfach;« versetzte Dagobert: »Ich wünsche, [112] Liebchen, froh und frei, mich Dir, Dich mir zum Osterei.« »Ei wie schön!« rief Regina, von einer strahlenden Röthe übergossen; die Mutter streichelte ihr aber die glühende Stirn und das goldne gescheitelte Haar, und sagte mit scherzhaftem Vorwurf: »Nicht doch, junger Herr! Euer höfelndes Gerede macht die Dirne eitel.« – »Warum sollte sie auch nicht eitel seyn?« fragte Dagobert lustig entgegen: »Hat sie doch schon in der Taufe die Vollmacht und das Recht erhalten, eitel und stolz herabzusehen auf uns Übrige? Was bedeutet denn Regina anders als eine Königin? Und wenn diese kleine Königin be stimmt ist, Hunderte zu beherrschen durch die Macht ihrer Holdseligkeit, .. warum nicht auch mein Herz, eines der Empfänglichsten?« –

»Diese glatten Reden voll Muthwillen passen wenig zu dem geistlichen Stande, dem Ihr bestimmt seyd, junger Herr!« warf der Vetter der Frau von Dürningen, ein hagrer, aller Lust feindseliger Patrizier von steifsten Schrot und Korn ein. Diether's Sohn schaute ihn groß an, und erwiederte: »Lieber Herr, das mache ich mit meinem Gewissen aus. Wollt mir das gütig erlauben. Habt Ihr mir keinen Spruch entgegen zu schenken?« fuhr er fort, sich lächelnd an Reginen wendend. »O ja,« entgegnete die Dirne geschwätzig: »hört nur zu, ob ich mich recht darauf besinne; ich, Du, das Ei, das sind unser drei. Theilen wir das Ei, bleiben unser zwei.« – Das Mädchen schwieg, als ob der Spruch zu Ende sey. Dagobert lachte. »Man kann den überlästigsten Freier nicht besser abfertigen!« betheuerte er: »Ihr habt [113] aber den Schluß des Reims vergessen, schöne Maid. Er schließt also: Einen wie uns zwei, bleibts bei Einerlei. Oder nicht?« – »Bleibts bei Einerlei!« wiederholte halb ernstlich, halb schalkhaft das Fräulein mit einer lustigen Verneigung, und ein fröhlich Gelächter erscholl aus dem Munde der Umstehenden, während des Oberstrichters Sohn, der ausschweifende Jungherr Schweikard, der nach dem eiteln Ruhme geizte, über all der einzig gefeierte Lustigmacher zu seyn, mit mißmuthiger Geberde dem Beifall entfloh, der einem andern zu Theile wurde, und seinem Vater einige Worte in's Ohr raunte. Dieser nickte beifällig, und wandte sich heimlich flüsternd an den unsern sitzenden Schultheiß. Die Beiden wechselten viele und schnelle Worte, mit drohenden Blicken bald auf den, jetzt erst bemerkten Dagobert hinzielend, bald auf dessen Vater, der schon längst wie auf Kohlen neben dem Schultheiß saß, aber der Schicklichkeit halber, dem Bürgermeister, der auf der andern Seite sein Nachbar war, und ihn in Fluthen von Erzählungen längst vergeßner Begebenheiten vertiefte, zuhören mußte. Dem Altbürger war es klar, daß der Schultheiß mit seiner überraschenden Freundlichkeit und vorhergegangnen Schimpf, nur bezwecke, vor der Gesellschaft den Zwist sammt dessen Ursache zu verbergen, oder ihm eine noch empfindlichere Beleidigung zufügen zu können. Daher konnte ihm kein Bissen schmecken, kein Tropfen munden, und ihm war es sehr willkommen, als der Stubendiener ihn benachrichtigte, im Vorgemach harre ein Knecht, der ihm Wichtiges zu verkünden habe. Er stand schnell [114] auf; indessen erschien aber auch bereits der Hausmeister und rief mit vollen Backen; »Ihr werdet Euch wundern, ehrsamer Herr Frosch. Das Unglück .... mir selbst zittern alle Glieder!« – »Nun, was gibt's?« fragte der Schultheiß mit schadenfroher Ahnung, während der Bürgermeister den erschrocknen Diether wieder auf den Stuhl niederzog. – »Eure Tochter, das tugendbelobte Fräulein Wallrade« .... – stammelte der Schwätzer ferner.

»Meine Tochter?« entgegnete Diether mit erlöschender Stimme. – »Sie ist in's Unglück gerathen, da sie eine Stunde Feldwegs von Wiesbaden gekommen!« platzte der Hausmeister heraus: »Die Herren vom Stegreif, welche dort und hier die Landstraßen unsicher machen, haben sie aufgefangen, und, Gott weiß in welches ihrer Raubnester gebracht. Erst gestern wurden ihre Leute freigelassen und mit verbundnen Augen in der Nacht an einem Kreuzwege ausgesetzt, wenig Stunden von hier, unfern auch von dem Gebirge. Knecht und Zofe haben die erschreckliche Kunde mitgebracht, und Eure Hausfrau fordert Eure Heimkehr, Herr!« – »Gleich, gleich,« stotterte Diether halb außer sich, und nach Mantel und Piret rufend, welches ihm der Stubendiener zögernd und faul herbeibrachte. Indessen ging die Nachricht schnell um die ganze Tafel, und Dagobert sprang ebenfalls auf, um dem Vater zu folgen, der sich gerade der Thüre näherte, als der Schultheiß zu dem Bürgermeister laut genug sagte: »Wie könnt Ihr nur eine Frage verschwenden nach dem Thäter, wohlweiser Herr? Wie die Sachen in jenem Hause stehen, [115] ist mir nicht fremd. Man muß wissen, daß die Stiefmutter und der eigne Bruder die arme Schwester stets verfolgten, und daß der Erstern leiblicher Bruder ein weitberüchtiger Buschklepper ist, der im Stadtbann wie im Kirchenbann liegt, um den ganzen Handel begreifen zu können.« – Diether horchte hoch auf; schleuderte dann einen vernichtenden Blick auf seinen Sohn, und rannte ungestüm aus der Thüre. Dagobert, den Groll des Vaters übersehend, trat jedoch festen Schritts und schnell auf den Schultheißen zu, und sagte mit Gewicht: »Wie mögt Ihr nur, edler Herr, solch unüberlegt Wort in offner Gesellschaft meinem Vater und mir zum Gehöre reden? Wie mögt Ihr meine Stiefmutter beschimpfen, die des Leuenberger's sittenlosen, übeln Wandel nicht theilt, sondern stets ein Muster von Rechtschaffenheit für die ganze Stadt gewesen?« –

Der Ritter maß den Jüngling, auf den sich alle Blicke richteten, vom Kopf bis zu den Füßen, und verzog höhnisch den Mund. »Wenn ich auch sehr gut begreife,« sprach er, »wie es kommt, daß hier der Stiefsohn für die Stiefmutter so heftig Partei nimmt, so möchte ich das Recht wohl kennen, das Euch zusteht, mich zur Rede zu setzen? Ich muß Euch auffordern, vorlauter Mensch, zu schweigen, wenn ich nicht reden soll.« – »Frei heraus:« entgegnete Dagobert, in welchem das vom Schultheiß gegen Esther beabsichtigte Unbill die Flamme schürte: »Frei heraus! Ich habe schon gesehen, daß ihr scheel auf mich schaut. Vielleicht erfahre ich jetzt, warum. Doch rathe ich Euch, jede Schmähung gegen Vater oder Mutter [116] unterwegs zu lassen, soll ich nicht vergessen ...« – »Mäßigt Euch!« flüsterten ihm mehrere theilnehmende Freunde zu, und ein begütigender Blick von der Frau von Dürningen machte ihn schweigen. – »Ihr habt Euch schon vergessen;« braußte der Schultheiß auf; »doch soll man nicht sagen, als wollte ich vergelten, was der Jugend Thorheit, oder der Trunk aus Euch spricht; als Ritter und als Schultheiß vergebe ich Eure rohe Unart. Aber als Stubenmeister dieser löblichen und reinadelichen Gesellschaft habe ich ein Wort zu Euch zu sprechen, das früher schon gefallen wäre, hätte ich früher Eure Anwesenheit bemerken, oder Euern Vater nicht schonen wollen. Warum, junger, unbesonnener Gesell, erfordern unsre Ordnungen acht Ohrenschilder zur Aufnahme in die Genossenschaft? Damit nur reinadeliche Gesinnung in diesem Kreise herrsche. Wer gegen Sitte, Zucht und Biederkeit handelt, was schlechter Gesellschaft plegt, zum Abschaum des Pöbels herniedersteigt, und mit Rohheit den Adel und die Würde schmäht, wird aus diesem Haus gewiesen, und also thue ich Euch.« – »Mir?« fuhr Dagobert auf, und rings ward es stumm. – »Euch!« wiederholte der Schultheiß mit der zu Boden schlagenden Hohheit, die ihm zu Zeiten eigen war: »Denkt des gestrigen Tags, und fragt Euch selbst, ob Ihr ferner würdig seyd, auf diesem Boden zu stehen. Wer mit Juden, Mördern und Dieben verkehrt, sie gegen die öffentliche Gewalt in Schutz nimmt, den Richter in seinem Amte lästert und bedroht, wer sich nicht schämt, an den unehrlichen Stöcker auf offner Gasse Hand zu legen, um das [117] Gesindel zu befreien, .. der stehe nicht mehr unter uns, nicht heut, nicht morgen und nimmer. Dort ist die Thüre. Geht!« –

»Um aller Heiligen willen! was ist vorgefallen?« fragten die meisten aus der Versammlung, und zur Antwort flog die Erzählung des Vorfalls gestrigen Tags, entstellt, vergrößert und gehässig gemacht, rings umher, von dem Oberstrichter, seinem Sohne und des Schultheißen Neffen verbreitet. Die Dagobert Zunächststehenden wichen um mehrere Schritte zurück, denn der Angeklagte hatte ja mit Juden zu thun gehabt, und den Nachrichter berührt, war vielleicht von dem letztern wieder berührt worden. Die Frauen, die am längsten für ihn Theilnahme gehegt, rümpften, da sie von der Judendirne hörten, höhnisch die Nase. Die Frau von Dürningen mit ihrer Tochter sah scheu und befangen, obwohl nicht zürnend nach dem Jüngling. So sehr indessen Mehrere auf des Schultheißen rücksichtslose Schmachrede einen heftigen Ausbruch von Dagobert's Wuth befürchteten, den wieder andre, der Folgen wegen, wünschten, so sehr hatten sich diese geirrt. Die letzten Worte des Stubenmeisters hatten eine himmlische Ruhe über das Antlitz des Beleidigten verbreitet. – »Ich dachte bis jetzo unter gefühlvollen Menschen zu stehen;« erwiederte er, sich ernst umschauend: »doch hab' ich mich geirrt. Es ist wohl keiner unter all' diesen edeln Herren, der nicht sein Geld verschwendete, um einem lahmen Pferde wieder auf die Beine zu helfen; keine unter all' diesen Frauen, die nicht ihr Herz zerrissen fühlte, sähe sie[118] ihren Schooßhund in Gefahr. Doch sprechen sie über mich das Urtheil, weil ich mit den erbarmenswerthesten Menschen Mitleid fühlte; weil ich eine Grausamkeit abwehrte, die nur in dem traurigsten Verfolgungsgeist, nicht im Richteramte ihren Grund findet. In Gottesnamen denn; ich wußte nicht, daß Juden weniger als Hunde und Gäule sind, und diese Lehre ist der Verweisung aus diesem Hause wohl werth. Ich gehe mit Freuden, und thue dieses ohne Groll, denn ich erzähle nicht einmal den ehrsamen Anwesenden, was zwischen dem gestrengen Herrn Schultheiß und dem schlechten Judenarzt Joseph abgeredet worden ist.« – Mit einem mitleidigen Blicke streifte er noch einmal alle Umstehenden, besonders den höhnisch lächelnden Oberstrichter und den verlegnen Schultheiß, gürtete langsam seinen Stoßdegen um, band das Piret unterm Kinn fest, und verließ ohne irgend ein Zeichen des Lebewohls, wie ein im Rückzuge noch furchtbarer Feind, das Tafelzimmer. Sein Scheiden war das Zeichen zu offnem Zwiste in der Gesellschaft. Manche, mit dem Geschlechte der Frosche theils befreundet, theils verschwägert und verbunden, erkühnten sich, dem Stubenmeister Vorwürfe über sein hartes Benehmen gegen den Sohn eines angesehenen Altbürgers und Schöffen zu machen. Ohne Dagobert's Schuld an dem Vorfalle in der Judengasse vertheidigen zu wollen, theils von Vorurtheile befangen, theils zu muthlos, um gegen die Vorurtheile Andrer anzukämpfen, sprachen sie von dem zahlreichen Anhange Diether's, der sich in seinem Sohne schwer beleidigt sehen würde; von der [119] Rache, die wohl auf eine oder die andre Weise nachfolgen dürfte. Die Widersacher bestritten hingegen verächtlich alle Mahnungen, verlachten jede Drohung, und gedachten des Ausgewiesenen und seines Vaters mit den ehrenrührigsten Beinamen. »Sie mögen versuchen, wie weit ihre Ohnmacht reicht;« rief der Schultheiß: »ich habe meine Pflicht gethan, und werde als Stubenmeister wie als Schultheiß mein Recht behaupten.« – »Für rebellische Bürger gibt es noch Thürme!« drohte der Oberstrichter. – »Was ist hier auch viel zu scheuen?« lachte des Schultheißen Neffe: »Dagobert's Wandel auf dem Concil ist stadtbekannt, sein Leumund nicht ehrenvoll.« – »Der verruchte Mensch will nicht einmal der Mutter Gelübde erfüllen, und Pfaffe werden!« klagte der Vetter der Frau von Dürningen mit heuchlerischer Miene. – »Wohl uns, wenn der lüderliche Pickelhäring sich nicht mehr in adliger Gesellschaft zeigen darf;« schrie des Oberstrichters Sohn, und der Schultheiß fügte, wie mit prophetischer Zuversicht hinzu: »Es dürften vielleicht bald ganz andre Dinge von dem Hause der Frosche zur Sprache kommen!« – Die dem geschmähten Geschlechte Anhängenden brachen schmollend und zürnend auf; die Freuden des Festes waren gestört, und aus der fröhlichen Ostertafel eine gallige Gasterei geworden, an welcher Feindseligkeit und Haß ihr Panier aufsteckten. –

Verachtung gegen seine Feinde, aber auch ein ruhiges Bewußtseyn im Herzen, hatte Dagobert sein väterlich Haus wiedergefunden. Vollbrecht öffnete ihm die Thüre. »Wo ist mein Vater?« fragte er den[120] Knecht. – »Der gestrenge Herr hat sich durch den Peter zum Stadthauptmann leuchten lassen, um ihm die Anzeige von dem Raube zu machen.« – »Gut;« versetzte Dagobert: »Die zurückgekommenen Leute meiner Schwester?« – »Sie schlafen schon in wohlverriegelten Stuben,« berichtete Vollbrecht: »denn die ehrsame Frau meinte, sie könnten wohl selbst allenfalls das arme Fräulein getödtet, oder an einen Räuber verkauft haben.« – »Möglich wär es allerdings;« erwiederte Dagobert: »ich will morgen die Leute sprechen. Gib mir die Kerze, und warte indessen auf den Vater.« – Dem wie aus dem Himmel herabgefallnen Bubenstück nachsinnend, stieg Dagobert die Treppe empor, und kam eben an Frau Margarethens Gemache vorüber, als dessen Thüre sich leise öffnete, und der Altbürgerin Stimme ein leises: »Junker Dagobert! seyd Ihr's?« daraus vernehmen ließ. – »Ja freilich ehrsame Frau;« antwortete der junge Mann: »Behüt' Euch Gott und segne Euern Schlaf.« – »O bleibt,« flüsterte Margarethe, mit der weißen Hand aus dem Halbdunkel, hervorwinkend: »laßt mich den Augenblick benutzen und tretet bei mir ein.« – Dagobert stutzte, und Margarethens frühere unverholne Leidenschaft für ihn, und auch zugleich etwas von des ägyptischen Josephs Geschichte fiel ihm ein. Er zögerte. – »Um der göttlichen Barmherzigkeit willen!« seufzte die Stiefmutter dringend: »Einen Augenblick nur hört mich an. Fürchtet nichts, mein lieber Sohn!« – Die Bitte klang so rührend, daß Dagobert ferner kein Bedenken trug, einzutreten in das warme trauliche [121] Gemach, in welchem, beim halben Schimmer einer verdeckten Lampe, die schöne Margarethe im tiefen Nachtgewande ihn empfing. Sein Herz pochte, seine Hand zitterte in der ihrigen, aber besonnener als sie, zog er den Schirm von der Lampe, und fühlte eine Art von Beruhigung, da er in kein von lüsternem Verlangen erregtes Gesicht, sondern in ein Antlitz voll Kummer und Gram, in thränenvolle Augen sah. – »Was begehrt Ihr?« fragte er sanft und mitleidig die weinende Frau: »Ich bin bereit mit Wille und That; nur einen Rath verlangt nicht, denn ich bin gerade in einer ganz besondern Stimmung, wo mir Alles bunt durch den Kopf geht.« – »Ich bin gränzenlos unglücklich!« brach Margarethe unter bittern Thränen aus, und sank auf einen Stuhl: »Ich bin ein armes Weib, nicht fehlerfrei, aber so entsetzlich sollt' ich doch nicht für meine unschweren Vergehen büßen!« – »Der Gedanke und der Wunsch nach einem Fehltritt macht ihn oft zur Folter, als sey er schon vollbracht,« meinte Dagobert; doch bereute er schnell den Stachel seines Worts, und setzte hinzu: »redet, und gebe Gott, daß ich helfen könne.« – »Mein Herr, Euer Vater war hier;« sprach Margarethe in kurzen Absätzen. – »Er hat unmenschlich gegen mich gewüthet. Argwohn und Grimm theilen sich in seine Seele. Unbezweifelt scheint es ihm, daß mein Bruder Wallraden aufgefangen, und daß ich die Anstifterin des Frevels gewesen. Ich kann bei dem ewigen Gott beschwören, daß ich unschuldig bin, aber Herr Diether glaubt meinen Schwüren nicht. Wie soll ich ihn überzeugen? Sprecht; Ihr könnt [122] mir Euern Rath nicht verweigern, noch Eure Hülfe; denn auch Euch verwickelt der Argwohn in seinen Verdacht. Er glaubt ein Verständniß zwischen uns beiden wahrzunehmen.« – »Ein schönes Vertrauen in Gattin und Sohn!« erwiederte Dagobert aufwallend: »Uns traut er einen Bund von dieser Schändlichkeit zu? Wir sollten einen Menschen, unsre Verwandte an Räuber verkauft, wohl gar aus dem Wege geräumt haben? Der Vater hat sich sehr geändert. Aber Ihr habt Recht, arme Stiefmutter. Wer nicht glauben will, muß die Überzeugung in der Hand sehen. Um Euern Ruf und den meinigen zu retten, setze ich mich morgen zu Pferde, und reite in der Welt herum, bis ich die Spur des Unkrauts gefunden.« – »Ihr seyd ein wackrer edler Mensch!« sagte Margarethe mit auflebender Hoffnung, seine Hand in ihre gefalteten nehmend: »Seyd Ihr mein Hort, wenn mich die ganze Welt verläßt, ... dann fürchte ich nichts. Guter Dagobert;« fuhr sie mit dem Ausdruck verschämter Dankbarkeit fort: »leider kann ich noch nicht so offen gegen Euch seyn, als ich es sollte, denn Ihr seyd unfähig, mich zu verrathen und unglücklicher zu machen, als ich schon bin. Indessen, kehrt Ihr zurück, so sollt Ihr mehr erfahren, von dem Ihr Euch nicht träumen laßt; und dann beklagt mich vollends, und flucht mir nicht.« – »Ich verstehe Euch nicht;« entgegnete Dagobert unbefangen: »ich hoffe auch nicht, jemals aus Euerm Munde etwas Fluchwerthes zu erfahren; aber bei dieser Gelegenheit entsinne ich mich plötzlich eines Auftrags, den ich von guter Hand erhalten, und dessen ich mich [123] gegen Euch entledigen muß, bevor ich ausreite, lieb Schwesterlein zu suchen. Der arme Jude Ben David, der unter der Anklage unerhörter Verbrechen im Kerker jammert mit seinem hundertjährigen Vater, läßt Euch dringend um Hülfe anflehen.«

Margarethe erblaßte. – »Es sey die höchste Zeit, läßt er Euch vermelden,« fuhr Dagobert fort: »die Folter sey ihm schon angedroht, und er würde sie am Ende nicht aushalten können. Ihr möchtet also, da er von Euch allein Hülfe erwarten könne, damit nicht säumen, und seiner Ergebenheit gewiß seyn.« – »Nicht säumen!« wiederholte Margarethe langsam und erschöpft: »Dieses setzt meinem Elend die Krone auf. Wie soll ich ihn, wie mich retten?« setzte sie händeringend und außer sich hinzu. – »Beruhigt Euch,« sprach Dagobert tröstend: »Euch rette ich vom schmählichen Verdacht, und einer Fürbitte ist der arme Jude wohl werth. Die Schöffen werden über den Elenden richten, und ein gutes Wort an den Vater ist wohl nur mit dem Ansuchen gemeint. Schlägt's der Vater ab, so habt Ihr Menschenpflicht gethan, und könnt ruhig seyn.« – »Ruhig?« rief Margarethe wie in Verzweiflung: »Ich muß den Juden retten .... bald retten, oder ich bin verloren! Dagobert! Edler Mensch! Mann, den ich leidenschaftlich liebte, den ich noch verehre wie einen Heiligen! nimm Dich meiner an. Es streitet wider Dein eignes Recht, aber ... rette den Juden, rette mich! Das Schicksal droht mein Verhängniß mit Füßen zu treten, wie das des Kindes, das in jener Kammer schläft.« – »Johann's?« fragte Dagobert bestürzt: [124] »Ehrsame Frau! Der Himmel behüte Eure Vernunft. Ihr redet irre!« – »O nein, nein!« schluchzte Margarethe: »Euch allein und dem Himmel befehle ich mein und des Knaben Loos! O, dieser Knabe ... er hat keinen Vater .... Dagobert! nehmt Euch seiner an! Werdet Ihr des Knaben Vater!«

Dagobert trat erschrocken zurück, als die Frau ihm zu Füßen sank, und wie vernichtet die Hände vor das Gesicht schlug, da Dieter, heimkehrend, plötzlich in das Zimmer trat. Entsetzt blieb der Greis am Eingang stehen, und Dagobert eilte, nachdem er die Stiefmutter aufgehoben und in den Sessel gebracht, auf ihn zu: »Liebster Vater!« rief er, ohne in seiner Seele nur eine Ahnung von dem bösen Schein zu haben, den dieses späte und seltsame Beisammenseyn auf ihn und Margarethen warf: »Ihr kommt zu rechter Zeit. Nehmt die Mutter in Euern Schutz. Ihr Verstand leidet unter dem Argwohn, den Ihr auf sie geworfen. Mich schmerzt es, daß Ihr auch mir mißtraut. Doch, Euch zu überführen, verlaß ich Morgen mit dem Frühsten die Stadt, um Wallraden aufzusuchen, und ohne sie kehre ich nicht wieder. Vergönnt mir nur, ihren Knecht mit mir zu nehmen, denn sein bedarf ich, und versprecht mir, gegen den Schultheiß, der mich heut auf's gröblichste beleidigte, meine Sache zu führen bis zu meiner Heimkehr, damit der Ritter und sein Gelichter nicht glauben, daß ich aus Feigheit oder Beschämung ihnen ausgewichen.« – Diether schwieg eine lange Weile hindurch, den finstern Blick zur Erde geheftet. Dann sprach er kurz: »Ich werde allezeit meines [125] Hauses Ehre zu bewahren wissen. Mache was Du willst. Du thust aber Recht, wenn Du nicht ferner weilst.« – Dagobert sah ihn groß an; um aber des Vaters Grimm nicht zu reizen, ging er still davon. Diether starrte wild zum Himmel auf. »Die Gewißheit ist da, die ich erbeten!« grollte er dumpf in sich hinein; dann fügte er, zu der Frau gewendet, hinzu: »Beschämt stand ich vor meinem Sohne, nachdem ich Eure Worte gehört. Es kann also ferner nicht zwischen uns bleiben, wie bisher. Ich hasse das Aufsehen und die Lästerungen; befehle Euch jedoch, Eure Stuben nicht zu verlassen, und weder mit noch ohne den Knaben einen Versuch zu machen, bis zu mir zu dringen. Ich will Euch ferner nicht mehr sehen, und in Stille und Ruhe überlegen, wie ich, ohne Euch vor der Welt zu Schanden zu machen, noch mich herabzuwürdigen, Euer Geschick bestimmen möge.« – Dies sagend kehrte er der in Schmerz und Angst aufgelösten Gattin unerbittlich den Rücken und verschloß sich in seinem Gemache.

6. Kapitel
[126] Sechstes Kapitel.

Ist auch mein Haus nicht groß und schön,

Und leer Gewölb und Speicher,

Brauch' ich vom Thurm nur umzusehn,

Und wer ist dann noch reicher?

Ich denke über Feld und Hain

Der einzige Herr und Fürst zu seyn

Und daß die Unterthanen mir es glauben

Will ich sie, eh' ein and'rer kömmt, berauben.

Ballade.


Der Leuenberger Veit saß auf einem Vorsprunge in der Burg zu Gelnhausen, von welchem er durch ein Gitter in's Freie schauen konnte. Seine Base Petronelle hinkte um den Herd des anstoßenden Gemachs, das zugleich Küche, Wohnstube und Schlafkammer vorstellte, und blinzelte nur von Zeit zu Zeit nach dem Vetter, der sich gerade beschäftigte, seinem Falken ein neues Geschühe anzupassen. Der Falke machte ein sehr verdrüßlich Gesicht, aber sein Herr noch ein verdrüßlicheres. Seinem ungeduldigen Blick und noch ungeduldigeren Händen wollte das Nesteln und Schnallen der langen und kurzen Gefäße und Wurfschnüre nicht schnell genug gelingen. »Warte, verdammter Falk!« schalt er: »deinen Trotzkopf werde ich schon zu beugen wissen. Seit neun Monden machst du mir das Leben sauer, und bist so einfältig, als ob du gerade aus dem Gestäude gehoben wärst. Aber hungern sollst du und wachen, daß dir der Kitzel vergehen wird in kurzer Zeit.« – Damit packte er den wilden Vogel auf, zog ihm die Haube übern Kopf und setzte ihn drinnen auf die [127] Stange. Als nun aber Veit pfeifend und mit auf den Rücken gelegten Händen wieder hinaus auf den Vorsprung ging, und in's Weite starrte, konnte die Muhme nicht länger an sich halten. – »Wenn Hunger und Nachtwachen jeden Trotzkopf zahm machen könnten,« keifte sie vom Heerde her, »so müßte auch der Deinige schon lange in der Ordnung seyn, Neffe.« – »Habt Ihr etwas geredet, Muhme?« sprach der Leuenberger spitzig zu ihr hinüber. – »Schon lange, toller Mensch,« erwiederte Petronella, nach dem Blasebalge greifend: »Aber was hilfts? Der Herr mag noch so reichlich die Heerstraßen segnen, Du bringst gewiß nichts heim, das der Mühe werth wäre. Daß gestern der Weinhändler von Nürnberg mit seinen Fässern ungeschlagen hier vorbeikam, werde ich Dir nimmer vergessen.« – »Pah!« rief Veit, und schlug ein Schnippchen in die blaue Luft: »Den Käsebergern muß man auch aus Freundschaft etwas gönnen.« – »Ei ja;« spöttelte die Alte: »Deine alte getreue Base kann aber daheim darben, während ihr ein Becher Rheinwein dann und wann so gut thun würde.« – »Trinkt klares Wasser,« lachte Veit: »'s macht helle Augen, und Euer einziges wird nachgerade schadhaft, wie Eure Nase stumpf, denn Ihr seht und riecht nicht, daß unser Linsengericht in der Pfanne anbrennt.« – »Ei potz Velten!« schrie die Muhme erschrocken, und hob die Pfanne vom Feuer: »Ich muß auch die Augen überall haben, weil Du Dich um nichts kümmerst.« »Komm, Veitchen, komm, setz' Dich zu Tische; komm, iß mein armer Junge.« – Sie schob [128] mit dem Ermel alles Hinderliche von dem morschen Rundtische, warf eine geblumte Schürze darauf, und setzte das unlieblich dampfende Gerücht auf das unreinliche Pfannenholz. Von Tellern war keine Rede, und die rostigen Gabeln und Messer gaben eben keinen sonderlichen Begriff von dem Hauswesen des Edelmanns. Veit setzte sich wankend zum Essen und lachte spöttisch über das Endchen Wurst, das die Muhme triumphirend aus den Linsen fischte, und gewissenhaft mit dem Neffen theilte. »Ein feiner Braten in der Osterwoche!« sprach er verdrüßlich, und schnitt ein Stück Gerstenbrod der Muhme ab: »Ich sag's Euch, Base; wenn dieses Leben noch lange dauert, so hänge ich mich am nächsten Nagel auf. Diese unaufhörliche Armuth bei so vielen Gefahren halte ich nicht länger aus. Seitdem der verdammte Schwager zu Frankfurt mir den Brodkorb höher hängte, ist es zum Teufelholen.« – »Du haderst immer mit dem Schicksale, statt es zu verbessern;« predigte die Alte, tapfer die Schüssel angreifend: »Drei Landstraßen stehen Dir offen; warum passest Du nicht auf, wie Andere?« – »Warum bin ich ein ärmerer Schlucker als andere?« fragte Veit höhnisch entgegen: »Der Eppsteiner und die Käseberger und All' die Brüder in der Runde haben Rosse wie Stahl und Eisen, die achtzehn Stunden in einem weg trappen, ohne daß ihnen ein Huf wehe thut. Meinem Klepper kann ich kaum mehr einen Ritt von hier gen Frankfurt in einem Tage zumuthen, und wenn ich ihn in den Sprung bringe, so bekommt er gleich das Keuchen. Die obige Sippschaft [129] hat Geld, um die Kundschafter tüchtig zu bezahlen;mir verrathrn die Bursche kaum einen wandernden Schuhflicker, weil ich ihre Klauen nicht versilbern kann. Das Schlechteste kommt an mich, und, theil ich mit Andern, habe ich sicher den kleinsten Theil. Bring ich etwas heim, so geht's in Rauch auf, wie's gewonnen wurde, und Schmalhaus zählt uns immer die Brocken zu. Pest und rother Hase! Ich hab's satt, und dreimal satt. Ich habe Wind und Wetter ausgehalten, verstehe mein Gewerbe, wie ein Alter, und soll Leben aus, Leben ein, am Hungertuche nagen, während andere im Wohlleben schwimmen, und kein Haar besser sind als ich? Gott verdammne mich, wenn ich's länger mit ansehe!« – »Du bist ein trotziger ungenügsamer Mensch, ein fauler Bärenhäuter oben drein!« versetzte die Muhme: »Schau einmal unsere Nachbarn unter den Burgleuten an. Betrachte den Jost, der just unter unserm Gemache haußt, und dessen Kinder uns den Kopf toll machen mit ihrem Geschrei. Die Stube voll Würmchen, und die ewig kranke Frau, und den lahmen Vater; und bei alle dem auch nichts als den Grauschimmel und Sattel und Stegreif. Da heißt es, die Ohren steif halten. Gedenke nur des Henne von Riedlingen, der im andern Flügel wohnt, dicht am Hundezwinger. Eine Stube, wie ein Stall, und darinnen eingepfercht zu seyn mit Kind und Kegel, und gezwungen zu seyn, für die vielen Mäuler Tag aus Tag ein, die Kost aus dem Forste, oder vom Vogelherde, oder aus dem verbotenen Teiche zu holen! Um wie viel glücklicher bist Du, ein unbeweibter [130] Mann, dem eine sorgfältige und regsame Base das Hauswesen führt! Du gehst, wenn Du willst, Du kömmst, wenn Dir's einfällt, und findest immer etwas für den Schnabel, bald wenig bald viel, bald vollauf bald knapp, je nachdem Dein Gewerbe geht oder stockt. Daheim kannst Du Deinen Leib pflegen, Falken abrichten, die Fenster verkleben, wenn es Noth thut, und auf Deinem wohlgefüllten Strohsacke lungern, so lange Dir's gefällt. Ich wette darauf, Deine ungerathene Schwester, die uns vergißt, wie alle Reiche zu thun pflegen, hat in ihrem Überflusse der Sorgen mehr als Du.« – »Möglich!« antwortete Veit: »Ich würde dennoch gleich mit ihr tauschen. Schaut einmal mein Wamms an, Muhme. Der Ellbogen des rechten Ärmels ist geplatzt.« – »Ei, so gib her!« versetzte die Muhme geschäftig; »und lange mir vom Fenstergesims Nadel und Faden. Das muß auf der Stelle ausgebessert werden, denn die Katze hat sich heute gar oft hinter den Ohren gekratzt, und mir juckt die Stirne beständig.« »Beides bedeutet aber einen Besuch, der heute nicht ausbleibt. Ach, möchte es doch ein Guter seyn!« murrte Veit, unruhig auf und abgehend: »nicht der Junker von Hagen, dem ich noch sechs Schillinge vom Brettspiel schulde, und nicht der Landschaden, dem ich vor acht Tagen das Heu mit Gewalt dem Schober nahm und nicht der Jude Nathan, von dem ich ein Pfund Heller entlehnte auf meinen nächsten Fang.« – »Du wirst doch all die Leute nicht fürchten, Neffe?« sprach Petronella: »Den von Hagen vertröste, den Landschaden fahre nur grob an, [131] und den Juden wirf die Wendelstiege hinunter, daß er den Hals bricht, wenn er sich untersteht; denn der Hund ist Dir nicht ebenbürtig, und darf Dich in der adlichen Ganerbschaft nicht beleidigen.«

»Sey indessen unbesorgt. Es kribbelt mir in Einem fort an der linken Hand, und das bedeutet allemal ein Stück Geld, das man einnimmt, oder ein Glück, das Einem bevorsteht.« – »Wollte Gott, Ihr hättet Recht, Base!« rief der Junker, und stellte sich an den in der Ecke des Gemachs stehenden Schleifstein, um seinen Dolch und sein Jagdmesser abzuziehen: »Wenn ich nur der Kaiser wäre, Frankfurt müßte ich im Sturme gewinnen, und alle Bürger niedersäbeln lassen, .... die hochfahrenden Hunde, – und in ihre Häuser würde ich lauter Adliche setzen, die in Teutschland ein unverdientes ungünstiges Schicksal tragen.« – »Du bist noch immer ein kindischer Gesell,« lächelte die Muhme beifällig, .. »Obschon nicht mehr der Jüngste. Ach, wie Dich Deine gute Muhme liebhaben würde, könntest Du ihr ein sorgenfreies Ende bereiten!« – »Das glaube ich;« versetzte Veit, wacker drauf los schleifend: »Käm's auf ein Wort an, oder eine Handvoll Stahls, wir würden bald reicher seyn, als der alte Frosch, den neulich der ungeschickte Tölpel so schlecht getroffen hat.« – »Ich möchte wissen, wer wohl eigentlich dem Altbürger an die Kehle wollte;« brummte die Alte nachsinnend. – »Mag's gewesen seyn, wer da will,« erwiederte der Neffe unwirsch: »Den Schafskopf von Mörder sollte man aber vom Handwerk jagen. Die Galle peitscht mir das Blut[132] durcheinander, wenn ich daran denke, wie viel wir an uns hätten ziehen können, wäre der Alte gefaßt worden, wie sich's gehört. Pah! weg mit den Grillen,« fügte er schnell hinzu: »Von etwas Anderm. Erzählt mir ein Mährlein, deren Ihr so viele wißt, Muhme, oder besser: singt mir ein Lied aus der alten Zeit. Der Schleifstein wälzt sich dann hurtiger, und das verdrüßliche Geschäft geht schneller von der Hand.« – »Gern, mein guter Junge:« erwiederte Petronella; hing das fertig gewordne Wamms an den Wandhacken, vergnügte mit dem Überrest des ärmlichen Mahls die hungrige Katze, und begann, indem sie die Pfanne säuberte und scheuerte, mit gellender Stimme ein Lied zu singen, von dem Kaiser Rothbart und der Burgmannstochter Gela, das zu jener Zeit in und um Gelnhausen, unter Bürgern und Landvolk, stark im Schwange ging. Während nun die Base sang, und das Schleifrad flog, und die Klingen lust'ge Funken sprühten, und der Falk auf seiner Stange ungeduldig kauete und das Gefieder sträubte ob dem störenden Lärm, kam des Burgmanns und Nachbars Jost ältester Bube eilig heraufgesprungen über die dröhnende Wendelstiege, und rief in das offen stehende Gemach: »Edler Nachbar! mein Vater läßt Euch berichten, Ihr möchtet in Wamms und Stiefel fahren, und die Mütze bürsten, denn der Hornberger Herr ist eben angekommen mit Roß und Wagen, und wird gleich bei Euch seyn. Er beschickt nur Pferde und Gefährt im Stall! Der Bube sprang mit drei Sätzen die Treppe hinab, und schon verkündete das wohlbekannte Gebell des[133] weit in der Wetterau gefürchteten dänischen Bullenbeißers, des Hornbergers Anwesenheit.« – »Hab ich's nicht gesagt?« rief die Muhme munter und lustig: »Einkehr, freundliche Einkehr hat uns die Katze prophezeit.« – »Ich hätte den blauen Teufel von der freundlichen Einkehr!« maulte der Neffe, indem er die schweren Holzsohlen in die Ecke schlenderte, Stiefel und Wamms überwarf, und eine Wolke von Staub aus dem dürftigen Federstrauß seines Barets blies: »Der Hornberger ist ein armer Schlucker wie ich. Nur versteht er das Schmarotzen, trägt feinere Kleider und reitet einen bessern Gaul.« – »Und treibt sein angewiesen Gewerb besser als Du;« entgegnete die Muhme, zusammenräumend und unter den Heerd werfend, was ihr nicht geeignet schien, vom Gast auf den ersten Blick wahrgenommen zu werden: »Der gute Herr hat Dich oft zum Theilnehmer an einträglichem Geschäft erwählt, und merke auf: aus keiner andern Absicht kömmt er heute.« – Die Muhme war mit ihrem Aufräumungsgeschäfte noch nicht zu Ende, als schon der klingende Tritt der Edelknechte, sein heller Pfiff und das ungezogene Schnauben seines Hundes hörbar wurde, und Herr und Thier zugleich in das Gemach stürmten, beide gleich übelgerathene Gesellen.

»Guten Tag!« schrie der Erstere, »schüttelte dem entgegenkommenden Namensbruder die Hand, klopfte der Muhme derb auf den gekrümmten Rücken, und brach in ein ungestümes Gelächter aus, als sein Bullenbeißer Petronella's Katze ansichtig wurde, mit einem Riesensprunge die Fliehende über Heerd, [134] Tisch und Schemel verfolgte, die Paar Töpfe der Haushaltung in Staub und Scherben legte, und ein fürchterliches Gebell erhob, als die Katze durch das Gitter des Vorsprungs einen Ausweg gefunden hatte.« – »Mein Packan ist ein kreuztolles Thier!« jubelte der Hornberger die Fäuste in die Seite stemmend: »ein Hund ohne Gleichen; ich lieb' ihn wie einen Bruder. Laßt Euch den Plunder nicht kümmern, Fräulein Hinkebein. Eure Töpfe mögen immer beim Teufel seyn. Ich bezahle sie.« – Er warf vornehm eine Handvoll von Weißpfenningen auf den Tisch, und klimperte obendrein mit dem Geldvorrath in seiner Tasche. – Die Muhme machte urplötzlich ein freundlich Gesicht, und ihr Neffe fragte halb neugierig, halb neidisch: »Du thust ja dicke und groß, wie der Schatzmeister des römischen Reichs? Welcher Kaufherr oder Müller hat Dir seine Kisten oder Sparhafen öffnen müssen?« – »Bruder!« rief Hornberg vergnügt: »Bruder! ein Fang, wie er nicht alle Wochen vorkömmt; ich schwör's bei meinem Schutzpatron! Das Wichtigste aber muß ich jetzt gleich vom Herzen drücken. Base, Peterlein, und Du mürrische Rauchschwalbe! Angezogen, aufgeputzt, aufgesessen; ich bringe Euch die Aussicht auf eine Schlemmerei von vierzehn Tagen wenigstens.« – »Eine Schlemmerei?« fragte Veit mit gespitztem Ohre, »von vierzehn Tagen?« wiederholte die Muhme, deren Antlitz die frohste Hoffnung auf eine Frist des Wohllebens abspiegelte. – »So ist's,« versetzte der Hornberger; »ich bin geritten wie ein Dieb, und ehe es noch zwölfe schlägt, müssen [135] wir aufbrechen. Unser guter alter Degen, der ehrliche Bechtram von Vilbel ladet Euch beide schönstens zu Gaste auf seine Veste.« – »Bechtram von Vilbel?« begann die Muhme staunend. – »Ei, wie kömmt denn der geizige Hellerfuchs dazu, uns einzuladen?« setzte Veit mißtraurisch bei: »Seitdem er aufgehört hat, der Feldhauptmann der Frankfurter Spießburger zu seyn, und wieder adlich Handwerk treibt, hat er sich nie um mich bekümmert, obgleich er mir das Raufen lehrte; um die Muhme noch weniger.« – »Wie soll ich denn die Einladung verstehen?« – »Redlich und annehmbar;« antwortete Hornberg: »Mein adlich Wort darauf. Jetzt aber, Gott verdamme mich, mag die Base sich zum Aufbruch rüsten; denn in diesem Aufzug einer Küchenhexe nehm' ich sie nicht mit.« – »Aber Du liebes junges Blut,« entgegnete die Alte, verlegen umher trippelnd: »wenn ich nur erst wüßte .... ist es Ernst? .... und wie werde ich fortkommen, ohne Pferd noch Esel .....?« – »Dafür ist gesorgt,« fuhr Hornberg fort: »Aber, potz Kreuz und Dorn! So sputet Euch doch einmal. Während Ihr Euch in den Staat werft, will ich Eure Neugierde befriedigen.« – »In's Himmels-Namen denn!« seufzte die Alte, suchte aus ihren Taschen, den selten gebrauchten Schlüssel zur Truhe des Hauses, und hinkte in eine Ecke des Gemachs, wo der über einen ausgespannten Strick gehängte, abgetragene und hie und da durchlöcherte Reitmantel des Leuenberger's, Petronellen's Lagerstätte und ihre wenigen Habseligkeiten dem unbescheidnen Auge des Besuchers spärlich und nothbedürftig verbarg. Der[136] Hornberger setzte sich indessen auf den Spreusack, der mit Kalbfellen bedeckt, das Bett seines Freundes vorstellte, kratzte dem Bullenbeißer gnädig den Kopf, und hob an zu erzählen, wobei Petronella und ihr Neffe, der mittlerweile, über eine Schüssel voll Wasser gebückt, das Geschäft des Bartscherens vornahm, eifrig zuhörten. »Ich war über Land geritten,« sprach er, »dieweil ich zu Hause nicht Holz hatte, um mich zu wärmen, noch Wein, mich zu erquicken; und das fiel in die heilige Woche. Ich wollte den Reiffensteiner heimsuchen, fand ihn aber nicht, und die Frau schien nicht Lust zu haben, mich den Mann, der nach Franken geritten war, erwarten zu lassen. Ich schnallte daher meinem Gaul den Gurt fester, wie auch mir, und trabte gen Neufalkenstein, wo auch der Eppsteiner seyn sollte, wie ich vernommen. Der alte Bechtram ist zwar nicht freigebig, aber seine Hausehre, Frau Else, läßt einen wackern Rittersmann nicht Noth leiden, wenn er Gründe halber die Feiertage in ihres Herrn Hause zuzubringen verlangt. Die Anstalten zu dem Feste waren auch richtig schon gemacht. Frau Else handthierte am Backtroge, und die Knechte im Hofe brachen ein Paar Rehe auf, bei deren Anblick mir das Wasser im Munde zusammenlief. Es war Morgens um die neunte Stunde etwa, und der Ritter saß schon mit dem Eppsteiner und dem Wernher von Hyrzenhorn bei einem Trunke Weins und einigen in Essig gesottnen Fischen. Die Herren empfingen mich auch gar fröhlich und guter Dinge.« »Absonderlich,« sagte der Hausherr: »Da kömmt der Hornberger; ein grober, aber ausgepichter Ostergast.« [137] – Hierauf mußte ich mich zu ihnen setzen, und der alte Bechtram schenkte so fleißig ein, als ich es noch nie an ihm gewohnt gewesen. Der Becher ging tapfer in der Runde umher, bis dem langen Wernher der Kopf schwer wurde, und er entschlief. Nun begann Bechtram erst mir zu reden: »Er hätte nicht zu gelegenerer Zeit kommen können, ungeschlachter Hornberger. Wir haben etwas vor, der Eppenstein und ich; so dies und jenes, und eins und das andere, wobei wir Euch brauchen können.« – »Ich war dessen bereitwillig, und wunderte mich nur, daß sie den Hyrzenhorn nicht angeworben, der doch ein schier noch rüstigerer Kämpe sey, denn ich.« Da verzog der Eppsteiner das Gesicht, und Bechtram sagte: »Der Teufel hole alle Frankfurter, und die, die es aus Feigheit mit ihnen halten;« womit er des Hyrzenhorners spottete, der sich der Stadt zu eigen verschrieben. »Ich habe lange genug den Schwefelkrämern das Panner getragen;« fuhr Bechtram fort: »Wie haben sie mir's vergolten? Dafür will ich ihnen jetzt auch das Licht halten, daß ihnen die Haut schauern soll.« – Nun verabredeten wir ein Paar Ritte gen Peterweil und Erlebach; vorzunehmen nach der heiligen Zeit. Alsdann nahm mich aber Bechtram bei Seite und redete zu mir: »Wollt Ihr Eure Osterfladen in meinem Hause und ein brav Stück Geld nebenbei verdienen, so mögt Ihr Euch morgen mit mir zu Gaule setzen, und auf das Wiesbad zureiten. Der Eppstein hat ein Gelöbniß gethan, nicht eher zu satteln, als bis die Glocken von Rom zurückkommen.« »Dasselbe Gelübde habe ich zwar auch gethan, mit [138] dem Eppenstein zu gleicher Zeit, als uns die Erzbischöflichen von Mainz schier beim Kragen gepackt hatten, und die Heiligen haben uns darum auch durchgeholfen. Jedoch hab' ich nicht Noth, mein Gelöbniß zu halten, weil mich vor drei Wochen der Pfarrherr zu Offenbach in Bann gethan; und ich bin nicht gesonnen, einen Hauptgewinn von der Hand zu weisen. Ein vornehmer Mann hat mir aufgetragen, ein gewisses Fräulein aufzufangen und fest zu halten, das von Frankfurt nach dem Thüringer Walde zu ziehen vor hat, und dessen Kostbarkeiten und Geld mein seyn sollen, ohne Ausnahme, benebst einem reichlichen Lohngelde und Atzungsvorschuß, so mir der biedre Edelmann zu zahlen verspricht. Seit länger denn einer Woche hat mein guter Geselle Kunz Doring das Fräulein zu Frankfurt belauert, und mir gestern gemeldet, daß es sich plötzlich entschlossen, gen Wiesbaden zu ziehen; zwar nur auf einen Tag oder anderthalb, wie man aus dem Geplauder ihres Knechts vernommen. So hab' ich denn beschlossen, das Weib, wenn es von Wiesbaden von dannen fährt, aufzufischen, und bedarf eines rüstigen Beistands, denn der Reiffenberger und der von Wiede, meine Freunde und Helfer, sind den Rhein hinab, um einen Zöllner leicht zu machen, und Doring's Arm ist mir nicht hinreichend, im Fall die Frau mit starkem Geleite daher käme.« – Es versteht sich, daß ich ohne Bedenken einschlug, und am stillen Freitage lagerten wir schon auf der Heerstraße zwischen dem Wiesbad und Frankfurt, weil unser Fräulein nach der Stadt zurück wollte. Die [139] Sache verzog sich indessen bis zum Sonnabend, weil ein Aberglaube ist, daß man am Charfreitage Unglück hat, zu reisen. Die Sonne war gerade aufgegangen, als sich der Wagen sehen ließ; und wir, drauf und dran und drüber her, und ich machte die Arbeit ganz allein, schlug den Knecht vom Gaule, schnitt die Stränge los, warf die Zofe vom Wagen, knebelte die Gebieterin, obgleich sie sich wehrte, als wäre sie ein verkappter Mann, räumte den Karren aus, und band das Fräulein auf's Sattelpferd. Während nun Doring einem Bäuerlein vergebens nachsprengte, das hinten auf den Wagen gesessen, und sich beim Überfall schnell auf und davon und nach dem Wiesbad zurückgemacht hatte, Bechtram die Habseligkeiten der Gefangnen seinem Pferde aufpackte, und sein Knecht die Dienstleute derselben an Knebel und Leine legte, trabte ich mit dem Fräulein, einem saubern, ja man möchte sagen, schönen Weibsbilde, die Kreuz und die Quer, über Acker und Hecken und Bach davon, auf Neufalkenstein zu. Dem armen Geschöpfe wurde der harte Trab bald zu viel, und es hätte wenig gefehlt, so hätte die Arme den Geist im Sattel aufgegeben. Bisher hatte ich dazu gelacht, denn der vornehme Herr hatte sich ausbedungen, daß man ohne Schonung mit ihr verführe; da sie aber schwankte und den Kopf sinken ließ, und bleich wurde, wie der Tod, hatte ich Mitleid, löste ihr den Knebel vom Munde, nachdem ich sie mit dem Erwürgen bedroht, wofern sie schreien würde, und vergönnte ihr, an einem einsamen Waldrande ein wenig zu rasten. Ich bot ihr sogar einen Bissen [140] von dem Brode und dem Knoblauch an, das ich im Sattelbeutel bei mir führte. Sie schlug die Labung zwar aus; betrug sich aber so friedlich, klug und stille, daß ich meine Freude daran hatte, und ihr alle Erleichterung angedeihen ließ, bis wir in der Dämmerung nach dem Schlosse gelangten, wo wir denn auch die Übrigen versammelt fanden. Die Dienstleute ließ man am andern Morgen, ohne ihnen zu sagen, wo sie gewesen, laufen, und die schöne Gefangne blieb allein zu rück. –

»Aber, Gotts Marter!« rief Veit, der sich indessen in seinen besten Putz geworfen: »Was kümmert uns denn die verdammt lange Historie? Dergleichen Begebenheiten an Kreuz- und Hohlwegen sind mir doch, bei Gott! bekannt genug.« – »Was Euch die Historie kümmert?« lachte der Hornberger: »Sehr viel; denn Ihr verdankt Ihr ein Paar zehr- und zechfreie Wochen, und die Bekanntschaft mit einer liebenswerthen Base, denn keine andre ist Bechtram's Gefangne, als Eurer Margarethe Stieftochter Wallrade.« – »Wallrade?« kreischte die Base hinter dem Mantel hervor; Veit sah aber den Hornberger mit ungläubigem Lächeln an. – »So wahr ich, wie ein ächter Christ, meine österliche Zeit gehalten habe,« betheuerte der Hornberger, »so völlig hat mein Wort seine Richtigkeit. Das Fräulein von Baldergrün ist's, und ihre Klugheit und Besonnenheit hat mir viel Freude gemacht. Sie benimmt sich so gleichgültig, als ob sie ein Rittersmann wäre, dem das Glück der Fehde untreu geworden. Aber im Innern scheint's dennoch unheimlich zu stürmen, [141] und damit sie nicht krank werde, und etwa sterbe, bevor die Atzungskosten angewachsen, und das Fanggeld bezahlt, haben Bechtram und Frau Else den Entschluß gefaßt, Euch, dem Fräulein zur Erheiterung, einladen zu lassen. Wallrade soll durch den Besuch ihrer Blutsfreunde überrascht werden, und sich an den Mährlein Petronellens ergötzen.« – »Ich zweifle, daß unser Besuch die hochmüthige Dirne erheitern werde;« entgegnete Veit schadenfroh grinsend: »aber mir wird's ein Fest seyn, das Krämerfräulein in seiner Erniedrigung zu sehen.« – »Ja wahrlich; Du hast Recht, guter Neffe!« fiel Petronella ein, die in ihrem Staats- und Abendmahlsrocke aus ihrem Winkel rauschte: »Mich gelüstet sehr, meine eitle Verwandte zu begrüßen, die es für einen Schimpf gehalten, daß das Leuenberg'sche Wappen zu ihres Vaters Hause herabgestiegen ist. Sage doch, guter Veit, ob mein Gewand in den gehörigen Falten liegt, und noch im Stande ist, die Stiefnichte zu ärgern, und dem Hause der Leuenberger, wie dem Hause meiner alten Freundin, der Frau Else von Vilbel, Ehre zu machen.« – Veit musterte aufmerksam und wichtig das veraltete Prachtgewand, das sich schon seit einem Jahrhundert beiläufig von einer Leuenbergerin auf die andre vererbt hatte, und der Hornberger biß sich in die Lippen, daß sie schier bluteten, um nicht beim Anblick des greisen Fräuleins in ein allzubeleidigendes Gelächter herauszuplatzen. Der wunderliche, mit Figuren seltsamer Art gezierte Zeug des Gewandes von gelb und blaßrother Farbe, war von Veit's Urgroßvater, der eine Fahrt nach [142] Wälschland gemacht hatte, aus Venedig heimgebracht worden, in der Absicht, daraus zwei Meßgewänder fertigen zu lassen, die er, während eines Meersturms, in seine Taufkirche verlobt hatte. Wie es nun aber sich öfters trifft, daß die eifrigsten Gelober, – ist die Noth vorüber – die saumseligsten Bezahler werden, so traf sich's auch hier. Das Ehgemahl des Heimkehrenden schnitt sich aus dem schweren Zeuge ein Gewand mit ungeheuer bauschigen Ärmeln und ausgesteiften, mit Draht unterlegten Falten, in welchem die gelbe, unaussprechlich hagre und kleine Muhme kaum zum Vorschein kommen, kaum sich bewegen konnte. Der gewichtige Besatz von Sammetstreifen und wollenen Zotteln fiel so tief herab, daß kaum der leinwandne Strumpf und der halbe Schuh des rechten Fußes sichtbar werden konnte; des linken, verkürzten, gar nicht zu gedenken. Ein ungeheurer Wetscher an einem breiten Lendengürtel mit einst versilbert gewesenen Buckeln beschlagen, hinderte die Geputzte stark im Gehen; die vergilbte, aber auf die Dauer von einer Ewigkeit berechnete Halskrause faßte das vertrocknete einäugige Antlitz wie in einen Korb, und der Hauptschmuck von gesteiftem Schleiertuche, zwischen welchem die ergrauten Haarflechten der adelichen Jungfrau zu sehen waren, schien in seiner ungefälligen Gestalt keineswegs geeignet, das nicht gefälligere Angesicht der Geschmückten im Geringsten zu verschönern. Petronella hatte ein kleines Bündelchen zusammengewürfelt, das sie unter'm Arme trug. An Veit's Seite stolzirte der Raufdegen, auf seinem Kopfe prangte der befliederte Hut. Des Hornberger's [143] Weißpfenninge klapperten in einem weitschimmernden Beutel an Veit's Gürtel, und somit waren alle zum Aufbruch fertig. »Macht ein Ende,« drängte Hornberg mit einem seiner kräftigen Hausflüche. »Eh' es Zwölfe brummt, müssen wir auf und davon seyn, und doch wird's hart halten, vor stockfinstrer Nacht Neufalkenstein zu erreichen, wenn auch Räder und Hufe Feuer geben. Für einen Wagen nämlich ist gesorgt. Die Muhme möchte einen Ritt, selbander auf dem Rosse, nicht allzuwohl aushalten.« Petronella verneigte sich geschmeichelt, und nahm nun, mit einemmale erheitert, die Katze, die sich heimlich wieder herbeigeschlichen, unter'm Arm. – »Donner und Wetter!« rief aber Veit: »Dem alten Bechtram ist gewiß sein Stündlein nahe, da er uns sogar einen Wagen schickt.« – »Meine Vorsorge,« lachte der Hornberger: »zwei Stunden von hier fällt mir plötzlich ein, wie ich denn wohl die Base vom Platze bringen werde, und ich bin schon halb und halb entschlossen, sie als höflicher Rittersmann vor mich auf's Pferd zu nehmen, als mir, gerade wie gerufen, ein Bauer begegnet, der gen Frankfurt und Höchst zu fahren gedenkt mit einem Wägelein voll des besten Stroh's, auf dem ein Bettelmönch sitzt, schmutzig, wie sie alle sind, aber nicht so feist, wie sie gewöhnlich zu seyn pflegen. Den Bauer anhalten, ihm befehlen, mit mir umzukehren, und dann mit einer neuen Ladung hinzufahren, wo es mir belieben würde, war eins, und schnell abgethan. Der Hund wollte sich weigern. Da hieb ich einem von seinen beiden Gäulen die Sehne am linken Hinterfuße durch,[144] und drohte, den andern eben so zu zeichnen, falls er nicht gehorsam seyn wolle. Die Lehre half, und er fuhr mit zurück. Den Pfaffen, der nach Frankfurt gedenkt, wollte ich vom Wagen jagen; der Mensch wies mir aber seine wunden Füße, und so ließ ich ihn denn in Ruhe, weil ich mit dem Gesindel barmherzig bin, da man nicht weiß, wo man einmal eine Kutte brauchen kann. Bauer, Mönch und Fuhrwerk hab' ich unten im Stalle eingesperrt, und meinen Knecht als Wache zurückgelassen, damit die Geschichte nicht in der Stadt verträtscht wird. Den wunden Gaul mach ich Dir zum Geschenk, Veit, und dem Bauer wollen wir unterwegs schon wieder ein andres Pferd schaffen.«

Die Muhme versicherte, daß sie nun noch einmal so gern die Fahrt mitmache, da ein Gesalbter des Herrn ihr Nachbar seyn würde, hängte den vergeßnen Rosenkranz an die Hand, das kupferne Kreuz an den Hals, und forderte nun die Männer auf, zu gehen. – Veit nahm den Falken auf die Faust, und warf noch einen Blick in dem Gemache umher. »Habt Ihr die Truhe verschlossen, Muhme?« fragte er dann leise: »habt Ihr das Eisengeräth wohl verwahrt, das ich neulich heimbrachte, und die Gefäße, die vor Kurzem aus der Marxkapelle.abhanden gekommen sind?« »Alles ist wohl verwahrt, Neffe,« erwiederte Petronella, indem sie das Gemach nach den vier Weltgegenden mit Weihwasser besprengte, das an der Thüre hing: »Gott und seine Heiligen werden in unsrer Abwesenheit unsre stille Klause wohl bewahren.« Damit ließ sie das Schloß zuschnappen, [145] und hinkte den Männern nach, belastet mit Katze und Bündel. Veit hatte indessen dem Nachbar Jost die Aufsicht über seinen kleinen Palast empfohlen, und einen Sattel von ihm geliehen, ein, dem Nachbar, dessen Pferd erst kürzlich gefallen, sehr entbehrliches Geräth.

Des Leuenberger's Klepper wurde geschirrt, Petronella auf denWagen neben den in seine Kaputze verhüllten Mönch gehoben; die edeln Herren saßen zu Pferde, des Hornberger's Knecht auf dem Hintertheile des Karrens. Die Fenster und Pforten der angränzenden Burgwohnungen waren von den edeln Ganerben und ihren Sippschaften besetzt, die theils lachend auf das schlechte Fuhrwerk blickten, theils den Leuenberger beneideten, der trotz seiner, der Ihrigen nichts nachgebenden Armuth zu fernen Festlichkeiten auf so viele Stunden Wegs abgeholt wurde. Der arme Fuhrbauer warf noch einen trüben Blick auf den verletzten Gaul, der in einem fremden Stalle zurückbleiben mußte, um wohl nimmer zu seinem Herrn wiederzukehren. Dann schwang er mit einem Seufzer und abgewandtem Gesichte die Peitsche; das dienstbare Roß zog an; der Bullenbeißer bellte, und fort gings, wie auf einer Rennbahn.

7. Kapitel
[146] Siebentes Kapitel.

Ach, daß die Hülfe aus Zion über Israel

käme, und der Herr sein gefangen Volk

erlöste! So würde Jakob fröhlich seyn,

und Israel sich freuen!

Psalm Davids.


Schlösser und Riegel klangen. Eine helle Stube that sich auf. Die Augen der Gefangenen die hineingelassen wurden, zogen sich zusammen, ob der ungewohnten Klarheit. –

»Was sollen wir hier?« fragte Ben David den Schließer, der beiden wenigstens die Schellen an den Händen abnahm. – »Wem haben wir zu verdanken die Wolthat, wieder beisammen zu seyn?« setzte Jochai hinzu, und rieb sich den Arm, wo die engen Ketten gesessen hatten. – »Werdet's schon sehen!« brummte der Wärter entgegen: »Ihr werdet heute mancherlei Besuch haben, den man nicht in euer Verließ führen kann.« – Eine lange Stille folgte, während welcher der Wächter sich auf einen Schemmel setzte, und die Juden sich forschend beobachteten. »Dürfen wir denn miteinander reden?« erkundigte sich Jochai demüthig. – »In Gottesnamen;« erwiederte der Wächter: »der ehrbare Herr Oberstrichter meint, es könne nichts verschlagen. Denn ob Ihr bekennt oder nicht; auf jeden Fall brennt man Euch zu Asche.« – Eine Bewegung zaghafter Angst konnten die Gefangenen bei dieser rohen Rede nicht unterdrücken. Ben David faßte sich jedoch zuerst, und gieng auf den bleichen Vater zu: »Wie geht Dir es [147] Vater?« fragte er in dem Dialect, der, aus hebräischen und deutschen Worten zusammengesetzt, für den Zuhörer von Amtswegen, beinahe unverständlich war. – »Frage die im Moor verdorrende Weide;« antwortete Jochai schmerzhaft: »Die Lampe brennt aus allmählich, und bald werde ich liegen in dem angstvollen Zustande, wo die Seele unstät umherläuft durch alle Glieder und zittert vor der Nähe des Todesengels. O Sohn! Sohn! Dein Eigensinn und Starrmuth wird mich von der Welt bringen, dessen Liebe Dich zur Welt brachte.« – Ben David rieb sich bekümmert die Stirne. »Es ist beinahe verflossen eine Woche ....« sprach er wie verloren vor sich hin: »keine Kunde doch von Esther und ihrem Auftrag. – Weißt du nichts von dem Kinde?« – »Der Wärter hat mir zweimal Wein gebracht;« antwortete Jochai: »Gewiß hab' ich nur Esther's Liebe verdankt diese Stärkung.«

Ben David wendete sich an den Kerkerknecht: »Guter Mann,« sagte er: »wißt Ihr uns nichts zu sagen von Esther, unserm Kind? Kömmt sie noch wohl wie früher täglich an die Pforte, und fragt nach ihrem Vater und dem Greise Jochai?« – »Was weiß ich?« polterte der Wärter: »Ich hätte viel zu thun, wollte ich auf all die Leute merken, die mir Jahr aus Jahr ein die Ohren voll jammern und heulen. Ihr Gesindel bekümmert euch wenig um die, die im Pfeffer sitzen. Eine Dirne ausgenommen, die ein Paarmal Wein für den Alten brachte, hat Niemand nach Euch gefragt.« – »Diese Dirne ist Esther! [148] Gott segne sie dafür im Reiche des Messias!« stammelte Jochai unter Freudenthränen.

»Hm!« grunste der Knecht: »Eine Jüdin ist das Mädel nicht, denn es trägt ein Kreuz am Halse; aber häßlich ist sie dafür, daß es alle Tage in eure Sippschaft gezählt werden könnte.« – »Also Esther ist's nicht!« seufzte Ben David, und sah kummervoll zu Boden.

»Wie kommt die Barmherzigkeit in die Seele der Tochter aus Edom?« murmelte kopfschüttelnd der Greis. – »Wo mag wohl hingekommen seyn mein Kind?« fuhr Ben David fort, und lehnte sich trostlos an das mit Gittern von innen und aussen verwahrte Fenster.

Einer Glocke Schall rief den Wächter hinaus. Ben David und sein Vater sahen mit gespannter Erwartung nach der Thüre, ob nicht der angekündigte Besuch hereintreten würde. Endlich erklangen Stimmen und Tritte, und der Wärter trat wieder ein, – hinter ihm Zodick. Die Blicke der Juden wendeten sich voll Abscheu von dem Abtrünnigen, dessen Züge einen sonderbaren Ausdruck von Wildheit, Ängstlichkeit und verstellter Teilnahme angenommen hatten. Auf einen Wink von ihm trat der Wächter ab. »Ben David und Jochai,« sprach der Convertit ernst und bedächtig: »Ich habe ein Wort mit Euch zu reden, gewichtig für Hunderte.« – »O, daß Dich doch Deine Mutter geboren hätte stumm!« eiferte Jochai in kaum verhaltenem Groll; Ben David schwieg aber finster und erwartungsvoll. »Der hochgelobte Gott weiß,« fuhr Zodick leiser fort, »wie [149] schwer mir's ist geworden, aufzutreten als Werkzeug seiner Vergeltung. Ich habe doch mit ihm gerungen, wie einst der Erzvater in dem Lande jenseits des Meeres. Aber des barmherzigen und zornigen Herrn Wille geschieht in Ewigeit.« – »Lästre nicht den Herrn,« ermahnte Ben David: »Du bekleidest ihn mit Schande durch Deine schändliche blutgierige Lüge, die uns bringt in des Henkers Hand.« – »Scheltet mich immer einen Lügner,« erwiederte Zodick: »beweißt aber, daß ich es bin.« – Ben David zeigte ruhig gen Himmel. – »Auf Erden will man Schwarz auf Weiß, oder einen besiebneten Eid;« versetzte spöttisch Zodick: »und mein Schwur würde allenfalls höher gelten, als der Eurige.« – Er zeigte auf das Kreuz an seinem Wamms, und Jochai, durch diese Geberde ausser sich gebracht, hätte einen Schlag dagegengeführt, wenn ihn nicht sein Sohn zurückgehalten. »Was thust Du, Raaf?« schrie er dem zornentflammten Greise zu, während Zodick ihn höhnisch angrinste. »Laß ihn doch,« sprach dieser: »laß ihn, Ben David. Es gäbe noch eine Klage mehr von Gotteslästerung und Kreuzentweihung. Die Sünde häuft sich ohnehin auf Eurem Kopf, ohne daß ich etwas thue dazu. Der Halsschmuck, den man gefunden in Eurem Keller .... er hat gedibbert wie eine Elster, und euch genannt Hehler und Stehler von der Blutzapferrotte. Verrathen ist es durch aufrichtigen Bericht der Judenschaft zu Worms, die immer offen handelt und ehrlich gegen die von Gott eingesetzte christliche Obrigkeit, daß Du, Ben David, daselbst den Buben gekauft, den Ihr so schmählich ermordet[150] habt. Der Rittersmann, dem Du das Knäblein abgeschachert, ist gar wohl bekannt, und wird Euch Verstockte bringen zum Geständniß. Ihr seyd verloren, und mir blutet das Herz als Mensch und als Christ, denn der Gott, den ich jetzt habe erkannt, will nicht, daß der Sünder sterbe, wie ihn sterben läßt das Gesetz.« – Ben David und Jochai, obgleich von Zodick's unheildrohender Rede erschüttert, warfen ihm einen Blick der Verachtung zu, und schwiegen. – »Rechnet es daher meiner Erbarmniß zu Gute, fuhr der Heimtückische fort, daß ich jetzt komme zu euch, ein Bote der ewigen Milde, des Fürsten der Barmherzigkeit. Zwei Wege thun sich vor euch auf, zum Leben. Schon mancher Jude hat sich gekauft los vom Scheiterhaufen und dem Strang. Versucht auch ihr das Mittel. Vertraut mir, wo Ihr vergraben Euer Geld, denn des Silbers wenig hat man gefunden bei Euch. Hab' ich Euch gebracht in Babylon durch des hochgelobten Gottes Fürsicht und Wille, kann ich Euch auch bringen wieder heraus durch die Kraft der Masumme, der die Gojim selten widerstehen.« – »Deine Mitbrüder willst du sagen, abscheulicher Mancher!« schalt Jochai, dessen Gesicht sich bei der bloßen Erinnerung an Zodick's Übertritt krampfhaft verzog. Der Gescholtne maß den Zürnenden mit den frechen Augen, und wendete sich alsdann wieder mit fragendem Blicke zu Ben David. Dieser, nachdem er den Vater durch eine bittende Geberde veranlaßt, Ruhe zu halten, sprach nicht ohne Bewegung. »Jetzt erst gibt sich bloß der Heißhunger des Gerichts und der Deine nach meinem[151] Golde und meiner andren geringen Habe. Aber eben so wenig, als mich werden vermögen die gräulichsten Martern zu bekennen eine Sünde, die ich nicht begangen, eben so wenig soll mich überreden Deine Zunge, dir des Sammaels, zu bezeichnen den Ort, wo ich vergraben und verborgen, was mein ist. Was Werth hat an Silber und Gold und Edelstein, ist uns theuer, denn davon leben wir armes, verachtetes Volk. Edom würde uns ja mißgönnen die Luft, so wir athmen, hätten wir nicht Stein und Metall, seinen Lüsten zu fröhnen. Darum vertheidigen wir mit dem Leben unsern kleinen Schatz, eben weil er ist unser Leben. Aber einen Schlüssel dazu will ich Dir geben, so fern Du mir gibst Kunde von dem größten Schatze den ich besitze: von meiner Tochter Esther. Ist auch sie gerathen in die Hände von Amalek durch Deinen treulosen Mund? Sind auch ihre zarten Glieder bedroht von Folter und Schmach? Das arme Geschöpf, .. es weiß ja von Nichts: unschuldig ist es gekommen zur Welt; unschuldig wird es gehn von dannen. Oder hat sich des Mägdleins etwa bemächtigt Deine gierige Lust? Gib mir Gewißheit, und ich will nicht herabfluchen den Zorn des starken und eifrigen Gottes auf Dein Haupt. Gewißheit über Esther's Schicksal – sey's die traurigste – gib dem trauernden Vater!« – »Mir thuts leid,« erwiederte Zodick, der bei all diesen Reden beständig Zeichen einer ungewissen, von Ängstlichkeit beengten Haltung an den Tag gelegt hatte: »Das Mädel geht wie Ihr entgegen dem Stöcker und seiner Flamme.« – »Halte mich, Herr in Israel!« [152] stöhnte Jochai, während Ben David erschrocken nach Zodick's Hand griff. – »Ich will verkrummen, ist's nicht wahr;« betheuerte dieser Letztere keck: »Esther ist in Buhlschaft verfallen mit einem rechtgläubigen Jüngling. Der unbesonnene Altbürger, der jüngst Euch und eure Dirne allen Gesetzen zum Trotz vertheidigte, hat sie aus der Stadt gebracht, und hält sie irgendwo versteckt zu eigner Kurzweil.« – »O ihr ewigen Schaaren der Elohims!« seufzte der gebeugte Greis Jochai: »Also hat die krumme Schlange eine von Zions Töchtern mit Schmach bedeckt. Sohn, Sohn, Vater Deiner Esther! Wie wirst Du bestehen, vor dem Fürsten des Gerichts und dem Throne des Messias, da Du durch Deinen Eisenkopf all das Unheil, das wir erleiden und befürchten, erzeugt hast!« – Ben David machte eine heftige Bewegung und unterbrach den Vater lebhaft: »leide ich nicht wie Du, Raaf, und befürchte ich weniger? Hab' ich Dich nichs geehrt und geliebt, wie ein gerechter Bechor? Mußt Du nicht darum auch willigen zu theilen meine Noth? Wir haben zusammen gewonnen Geld, Gut, und haben getheilt manche Freude.« Laß uns thun ein Gleiches mit dem Leide. Nicht meine Schuld, .. die Lüge hat uns hieher gebracht, und der hochgelobte Gott, dessen Herrlichkeit unser Haupt berührt, und Deine Fingerspitzen, so Du mich segnest, wird uns nicht umkommen lassen durch die Ungläubigen. Schrecklich wär es, wenn Esther in den Stricken läge der Wollust, der Buhlerei mit einem fremden Manne ... aber, es heißt in den Büchern der Väter: »So Dich einer einmal belogen, und falsch Zeugniß gegeben von Dir, [153] so glaube ihm nicht ein andermal, und nicht ein drittesmal, und nicht zum hundertenmale, denn die Zunge desselben ist ein schlecht Stück Fleisch, das verdorren wird im Thale der Auferstehung.« –

Zodick wies höhnisch die Zähne. »Wahrlich, sage ich Euch:« sprach er, – »Esther und der junge Altbürger Frosch sind verfallen dem Scheiterhaufen, so die Gerechtigkeit der Obern sie ereilt. Noch ist ihr Aufenthalt nicht entdeckt, aber ganz gewiß wird er nicht entgehen meiner Wachsamkeit, da mich der Herr bestellt hat zum Mittler in Euerm traurigen Schicksal. Ihr aber nehmt zu an Verblendung und Lüge, wie das wachsende Kind an Kraft und Mark, da ihr Euch weigert, die in Gesellschaft der Blutzapfen geraubten Schätze herauszugeben, um Euer Blut zu retten. Der Tag, der Eure Rechnung völlig schließt, ist jedoch noch nicht angebrochen, und der Prophet Elias, der immer um Euch ist, sieht betrübt, wie sich vermehrt die Last Eurer Sünden. Es ist schier außer Zweifel, daß Du es gewesen, Ben David, der an dem alten Rathsschöffen Frosch das Mordstücklein gewagt, das ihn beinahe in den Talles gelegt.« – »Sohn! Sohn! Sohn der Gebote und meines Gebets!« stammelte Jochai: »Unseliger Mann! wohin bist Du versunken? Bringt doch jeder Augenblick eine neue Klage auf Haut und Haar, jeder Augenblick einen neuen Herzstoß für den greisen Vater! O weh mir! weh mir! warum hab' ich gelebt der Jahre zweimal fünfzig und darüber? Warum verläßt mich der Gott David's und Samuel's also in meiner Noth, daß ich schauen muß,[154] wie mein Geschlecht langsam versinkt in Blut, Schande und den Flammen des unehrlichen rothen Mannes! David! David! So wahr du trägst den Namen des Erlösers, den wir hoffen, so wahr will ich Deinem Schweigen ein Ende machen; bekenne Deine Unschuld wider Deinen Willen. Zodick! rufe herbei den Richter! Ich will reden; der alte Jochai will reden, und Wahrheit sagen. Geh! geh! und Dir vergebe der hochgelobte Gott Deine Sünde an uns, die Dir nicht abgenommen werden kann weder durch den Tag der Versöhnung und das Kapporah des Bocks Hazazel, noch durch die Fasten, Esther und Gedalja und die Feier der Tempelzerstörung.« – Der Greis schwieg erschöpft; Ben David verharrte in mißbilligendem Schweigen. – »Nicht um Dein Geschrei zu hören, habe ich geredet;« sprach Zodick mit schadenfrohem Vorwurf zu dem Alten: »um Euch ein Mittel anzugeben vielmehr, das Euch, wenn nicht zur Freiheit und zum Leben, dennoch zu einem sanftern Tode verhelfen würde, so Ihr es annehmen wolltet. Denn dem Tode seyd Ihr gewiß, wenn Ihr Euere Habe verhehlt, und der Tod in Flammen ist schrecklich Bekennst Du hingegen, Ben David, daß Du den Altbürger Frosch ermorden wolltest, auf Anstiften und Anregen seiner Ehefrau, so will der Altbürger selbst ein Fürwort einlegen, daß Eure Strafe in die leichteste verwandelt werde, weil er seinem Mörder Gutes zu thun wünscht. Beeilst Du Dich, die Gnade des Herrn zu verdienen, so könnte wohl gar noch werden bewiesen, daß Jochai im Wahnsinne gehandelt, da er den Knaben gekreuzigt im Keller, und [155] könnte ihm, ob seines Alters Elend, noch werden geschenkt das Leben.« – Jochai befühlte sich bei diesen seltsamen Eröffnungen den Kopf, gleich als ob er aus einem bösen, bösen Traume aufzuwachen im Begriff stände. Ben David hingegen gewann eine Ruhe und Heiterkeit, die gleich sehr gegen den dumpfen Jammer des Vaters, wie gegen die befangene Frechheit Zodicks abstach. »Ich sehe jetzo;« sprach er recht laut und vernehmlich: »daß ganz Frankfurt toll geworden. Das Ungeheure könnte mich schier bringen zum Lachen. Wenn jetzo plötzlich aufstiege ein Nebel des Gewässers, und unsichtbar machte die Brückenthürme oder Sachsenhaufen .... was gilts ... der arme David müßte sie gestohlen und seinem Vater gesteckt haben in den Schnappsack. Geh, geh, Du lächerlicher Bote! Du hast gewißlich am heiligen Sabbat zu weite Schritte gemacht im Kundschafterdienst, denn diese schwächen Gesicht und Verstand. Du bist, ob ein Lügner, ob ein Irrsinniger, gleichviel. Kannst Du mir jedoch bringen wahrhaftige Kunde von Esther, und ein Zeichen von ihr, – ein glaubhaftes, daß sie lebt und frei ist, wenn gleich versunken in dem Laster, dessen Du gedacht, – so soll's Dein Schade nicht seyn; ich schwör's auf die Torah; und dieses heilige Gesetz wird mir geben die Kraft durch mein Gebet des Mädchens Seele abzulenken vom Bösen, und sein irrdisch Theil zu retten von schimpflicher Strafe.« – Zodick warf spöttisch den Mund auf, und ging hinweg, ohne ein Wort zu erwiedern. – Ben David näherte sich dem Vater, der wie eine Bildsäule vor sich hinstarrte. »Du [156] willst bekennen, Raaf;« fragte er ihn sanft und sehr leise: »was willst Du denn bekennen, da Du nichts weißt, als daß der Knabe nicht gestorben, sondern seinen Freunden wiedergegeben? Sage tausendmal, daß ich unschuldig sey, und Du nicht schuldig, und tausendmal werden sie Dir nicht glauben, .. selbst dann nicht, wenn ich's wollte und könnte beweisen. Wisse aber, daß ich eher auf der Folter die Zunge verschlucke, ehe ich rede; weil ich gethan ein Gelübde, das ich halten werde fester als eins, das ich in der Schule geleistet.« – Jochai sah ihn fragend und kopfschüttelttd an. »Weh mir!« sagte er: »Ein Eid, und wann hast Du ihn gethan?« – »Er ist noch nicht so alt, als Zodick's Besuch;« erwiederte Ben David: ich hab' ihn geschworen bei der Lade des Bundes im Allerheiligsten meiner Gedanken. »Raaf!« setzte er leise flüsternd hinzu: »Raaf! ich habe böse gethan, fühle ich jetzt, denn ich habe gehandelt mit Menschenblut. Das Schändliche solchen Beginnens ist mir geworden klar, da mir einfiel, wie Esther jetzo hülflos einem gleichen Handel Preis gegeben ist, der vielleicht das Kleid ihrer Ehren in Koth tritt, vielleicht ihr junges Leben erstickt. Darum will ich büßen, und, sollt' ich ersterben in Graus und Schmerz, nicht durch mein Zuthun den Versuch machen, zu lindern mein Schicksal.« –

Jochai wollte in ein Geschrei des Jammers ausbrechen; Ben David bedeutete ihn jedoch heftig, zu schweigen, und raunte ihm in's Ohr: »Spare Deine Worte, die unser Elend nur beschleunigen, denn hinter jener Wand lauschen verborgne Zeugen, die Zodick's[157] Unterredung mit uns behorchten. Mir hat's verrathen sein ängstlich Lauschen, und ich warne Dich.« Man kömmt schon: »hörst Du? Ermanne Dich. Dein Leben werd' ich gewißlich retten. Meine Vertheidigung muß der hochgelobte Gott unternehmen. Eine Menschen-Zunge allein rettet einen Juden nicht.«

Der Oberstrichter kam herein mit gewohnter Würde; in seinem Gefolge ein Schreiber, das Verhörprotokoll unter'm Arme, das Schreibzeug am Gürtel. Der Gefangenwärter schob den Tisch zurecht, und ging. – »Jude Jochai und Du, sein Sohn David!« begann der Richter: »Man hat uns gemeldet, daß die Aufrichtigkeit in eurer Seele die Oberhand gewonnen, ehe wir noch der Folter bedurft, um sie zu wecken. Ihr thut klug daran, zu bekennen, denn eure Missethaten brechen von Tag zu Tage mehr hervor aus dem Schleier, mit welchem Eure Ränke sie umhüllt hatten. Gerhard von Hülshofen – erbleicht ihr nicht noch deutlicher unter eurer Blässe? – wird nicht säumen, vor unsern Schranken Zeugniß gegen euch abzulegen, um also die Schuld wieder gut zu machen, so er als rechtgläubiger Christ zu böser Stunde auf sich geladen. Des armen Friedbergers Schmuck, von seiner Witwe erkannt, bezeichnet Euch als Glieder der verruchten Mordbande, die ihre Verbrechen sogar in unsern Mauern ausübt. Nichtswürdige Gesellen, die schon seit lange in unsern Verließen schmachten, und ehemals mit jener Rotte Korah in Verbindung gewesen, entsinnen sich auch recht gut, einen der Hauptmörder mit dem Namen: [158] ›der Jude‹ bezeichnen gehört zu haben, und würden gewiß den David von Angesicht zu Angesicht erkennen, wäre er ihnen damals nicht immer in einer unkenntlichen Vermummung erschienen. Kurz: die Zeit bricht ein Stück nach dem andern von dem Bollwerke ab, das eure Heuchelei um die Wahrheit gezogen hat. Gerade jetzt ists noch Zeit zu bekennen, um die schwere Hand der gesetzlichen Rache in ihrem Falle etwas aufzuhalten, und ein milderes Loos zu gewinnen, wenn es seyn kann. Wir haben daher auch nicht gesäumt, der an uns gegangenen Aufforderung diesenfalls zu entsprechen, und begehren von Dir, Jochai, daß du sonder Ausschweife an den Tag gebest, was Du zu bekennen hast.« – »Zu bekennen, Herr!« sagte der durch Hingebung seines Sohns muthiger gewordne Greis: »Gott soll mir helfen, wenn ich weiß, was ich bekennen soll, wenn es nicht ist unsre Unschuld.« – Ben David schwieg befriedigt, aber des Oberstrichters schlaufreundliche Miene wandelte sich in eine frostige um, da er die Weigerung des Alten hörte. – »Wie?« fragte er: »Hast Du Deinen Vornamen sobald geändert? Man sagte mir doch ...« – »Edler Herr!« versezte Jochai mit scheinbarer Offenherzigkeit: »So uns der hochgelobte Herr der Welt Stärke verleiht, so werden wir selbst unter Folterpein nicht aussagen, was uns, sind wir gleich fleckenlos wie das Lamm, den Stab bricht; um wie viel mehr müßten wir die Zunge schelten, die an uns zur Lügnerin werden wollte, freiwillig, ohne Noth.« – »Aber,« polterte der Richter aufwallend, »Du sagtest doch selbst, alter [159] Sünder ....« – Jochai schüttelte schweigend den Kopf, wie Einer, der seiner Sache sehr gewiß ist, und, mit einem Lächeln, nur den Unglauben eines Andern straft. Diese Geberde machte indessen den Richter hitziger. »Läugne nicht, Jude,« sprach er drohend: »Friedrich hat die Lügen verabscheuen gelernt im Schoose des wahren Glaubens. Du warst geneigt zu bekennen .... so bekenne denn. Deine Aufrichtigkeit kann nur wohltätigen Einfluß auf Dein, selbst auf deines Sohns Geschick haben. Bekenne die erschreckliche Kreuzigung des Knaben, die hauptsächlich dir zur Last gelegt wird, hast Du einmal diese erste und größte Missethat von Allen gestanden, dann, wird das Bekenntniß der Übrigen leichter.« – Jochai warf einen verstohlenen Blick auf den unerschütterlichen Ben David, und sagte dann entschlossen: »Gestrenger Herr ....« mir sollen alle Glieder erstarren zu Eis, wenn ich anders sagen kann, als: »Wir sind unschuldig.« Der abtrünnige Knecht Zodick hat auch heute gelogen wie in seiner Klage. Gras wachse vor seiner Thür, und Er soll seyn der Lezte nach allen Menschen auf der Erde. »Ich werde nicht bekennen, was ich nicht weiß.« –

»Ja, verdammter Jude!« brach der Oberstrichter los: »Du hast Bekenntniß und Lüge in einer Tasche. Die wenigen Augenblicke, die du mit diesem Elenden hier allein geblieben, alter Thor, waren hinreichend, dich umzustimmen, und nun soll Friedrich gelogen haben, obgleich ....«

Hier verstummte der edle Herr, weil ihn beinahe der Zorn veranlaßt hatte, zu gestehen, daß er alles hinter [160] jener Wand verborgen, mit angehört. Jochai entgegnete jedoch mit treffendem Blick und bitterm Lächeln: »Und wenn ihr selbst, gestrenger Herr, mit Euern eigenen Ohren gehört haben wolltet, was Euch Zodick sagte, so müßte ich erklären, daß Ihr Euch irrt.« – »Genug;« fuhr der Oberstrichter fort: »Ich sehe, daß Ihr unverbesserliches Gesindel seyd. Was jener blut- und raubdürstende Mensch, dein Sohn, an Kraft und Geschick, das Böse zu thun, vor Dir voraus hat, das ersetzest du durch deine hundertjährige Schlauheit und Tücke. Aber – was es nun auch sey – boshafte Lüge, beginnender Wahnsinn des Alters, oder jene Vergeßlichkeit, die den ergrauten Bösewicht zuweilen befällt, und seinem Gedächtnisse schwere Frevel entrückt, als ob sie nie vollführt worden wären, ... ich will Dich schon zum Geständniß bringen. Die Verworfenheit, die rund um unser Weichbild, und innerhalb desselben, das Haupt zu Raub, Todschlag und Brand erhebt, zittert vor meinem Namen, meinem Ansehen und Eifer. Diese Schrecken der Zügellosigkeit sollen auch nicht an zwei erbärmlichen Juden erlahmen. –«

»Gebraucht Eure Macht, ehrbarer und strenger Herr;« sprach Jochai mit leidender Demuth: »der Mensch ist ein schwach Gefäß in den Händen seines zornigen Feindes, sagt der Rabbi Jose, auf welchem der Friede sey, und das Paradies seinem Andenken. Der große Tag, jenseits des Meeres, hat aber ein Andrer gesagt, wird ausgleichen Alles, was geschehen ist zwischen Auf- und Niedergang. Ich sage nicht, was nicht ist, wenn ich unsre Unschuld bekräftige. [161] Der Wahnsinn, dieser Aussatz, mit welchem die Schedim den innern Menschen schlagen, wie Job geschlagen ist worden von dem Fürsten der Wildniß, von dem haarigen Bocke, redet auch nicht aus mir. Aber auch nicht Vergeßlichkeit, erzeugt vom Übermaaße der Verbrechen, hat entrissen meinem Gedächtnisse, was einst, wichtig wie allenfalls seyn kann ein Mord, sich ihm einprägte. Ich weiß noch herzuzählen an den Fingern die zweihundert und acht und vierzig Gebote, wie die dreihundert fünf und sechzig Verbote, denen ich mich mußte unterwerfen, da ich wurde im dreizehnten Jahre meines Lebens ein Ban Mitzra, das ist: ein Sohn des Gesetzes. Ich habe mich gewöhnt, aufzuzeichnen und zu behalten im Kopfe alle glückliche und unglückliche Tage meiner Jahre. Der glücklichen hatte ich wenig aufzuzeichnen: der unglücklichen jedoch zu behalten viele, denn ich bin ein schlechter Jude.« –

»Was soll das Gewäsche?« fragte der Oberstrichter barsch: »Spare die erheuchelnden Thränen für die Folterbank und den letzten Gang, elender grauer Dieb. Was hast Du noch vorzubringen? Kurz; sage ich Dir.«

»Ich werde seyn schnell zu Ende;« antwortete Jochai, mit schmerzlichen Lächeln in die Hände hauchend und über seine nassen Augen fahrend. »Ich will nur reden von der Zeit gestrenger Herr, da Ihr noch wart ungeboren, Euer Vater ein Knabe noch beinahe, und Euers Vaters Vater noch ein rüstiger Mann. Herr, ich habe erlebt, was sich jetzt noch die Enkel des damaligen Geschlechts erzählen mit behaglichem [162] Grausen. Herr, ich war schon gewesen ein Mann von vierzig Jahren, da des hochseligen Kaisers Carl IV. Majestät genau drei Jahre am Regiment gewesen, und da wir zählten das fünftausend einhundert und neunte Jahr der Welt, in welchem man allenthalben begann, die Juden zu schlachten, weil sie vergiftet haben sollten die Brunnen, verzaubert das Vieh und herbeigeflucht die große Pest. Mir gedenkt's wie der Tag von gestern, da das Gemetzel losbrach, hier zu Frankfurt, als die Geißler eingezogen waren mit Fahnen und Kerzen, und den vielen Bildern des gekreuzigten Mannes.« – »Der Heiland!« verbesserte der Oberstrichter finster; unterbrach jedoch, mit einer Art von Theilnahme sich vorlehnend, den Greis nicht, so sehr auch der Schreiber, den die anhebende Erzählung langweilte, mit ungeduldiger Geberde zum Unterbrechen mahnte. –

»Die Geißler haben gesungen durch die Straßen: Ach, so hebet eure Hände, daß sich doch das Sterben wende!« fuhr Jochai fort: »Mittlerweile aber sie sich die Rücken zerfleischten, und den Staub der Gassen düngten mit ihrem Blute, ist ein Feuer ausgebrochen, und weh! weh! in der ganzen Stadt gerufen worden. Unfern von unsrer Gasse war durch Nachläßigkeit oder vorsetzlichen Frevel der Brand aufgegangen. Ich stand gerade fertig, um über Land zu gehen, und zu holen mein Weib, daß heimgesucht hatte seine Eltern über dem Rheine. In meiner Mutter Stube stand ich, da die Glocken anfingen zu wimmern, und das Getöse überhand nahm in den Straßen. Die arme alte Frau von siebzig Jahren, [163] erblindet durch die Mühen des Gerwerbes, erschrack zum Tode, und schickte mich fort, zu sehen, was es gabe. Ich lief, ich schrie, ich entsetzte mich.« »Die Juden haben den Brand gemacht!« schrieen die rasenden Geißler auf den Gassen: »Wir haben's gesehen! Sie haben geschossen mit feurigen Pfeilen aus dem Hause zum Storch nach dem Rathhause! Und das Volk schrie nach, und dürstete Rache, und brach ein in die Häuser, die Geißler beständig voran, die raubten und sengten und metzelten. Herr! da kam ich heim, vor Angst und Ermattung halbtodt, um zu retten die blinde arme Mutter.« Die war in ihrer Herzensnoth herausgegangen zur Stube, und hatte sich zur Treppe gefühlt, war aber gestiegen hinauf, statt hinunter, und also gerathen auf den Speicher, wo nebenan des Nachbars Haus brannte lichterloh. Und ich stand vor'm Hause, und konnte nicht hinein, weil alles voll Plünderer wogte, und sah die liebe Frau, die mich geboren, am Giebelfenster stehen, wie sie die Hände rang und hinausrief in die Flammen, die sie nicht sah: »Sohn! Sohn! Jochai! Sohn Davids! wo bist Du? verlaß mich nicht!« Ich sah endlich, wie die Räuber zu ihr hinaufdrangen, und konnte, selbst geschlagen und mißhandelt, nicht herzu. »Heule nicht! Judenvettel!« donnerte der Verzweifelnden ein Mann zu, erhitzt von Wuth und angethan mit Grausamkeit: »Dort ist Sein Sohn! fahr gesund zum Teufel!« Und in die Flammen des Nachbarhauses flog die Blinde. »Auf ihrer Asche sey der Friede!« –

[164] Eine tiefe Stille folgte dieser Erzählung Jochai's. Der Oberstrichter starrte ungewissen Auges zu dem Gitter des Fensters empor; sprach aber keine Sylbe. Da schloß Jochai also: »Die Blinde, Herr, ist gewesen meine Mutter, und, der sie in das Feuer warf, Euer Großvater, Herr. Ich kenne demnach, was ein Jude zu gewärtigen hat von Euerm Geschlecht, und Ihr habt ein Pfand, daß ich nicht bin so vergeßlich, als Ihr glaubt. Was der Großvater übrig gelassen, mag nun verderben der Enkel.«

Der Oberstrichter schwieg noch immer mit äußerst nachdenklichem Gesichte. Er rieb sich heftig die Stirne, zog die Augenbraunen zusammen, und hing an einer unangenehmen Erinnerung. »Du bist also ...?« fragte er mit einemmale, wie bewußtlos, unterbrach sich aber schnell, und wendete sich zu dem Schreiber. »Ich bedarf Euers Diensts nicht;« sagte er: »Geht, und nehmt diesen Alten mit Euch. Der Thurmwächter soll ihm ein luftigeres und reinlicheres Gefängniß geben, und ihm förder die Ketten nicht mehr anlegen.«

Der Schreiber winkte dem staunenden Jochai, auf den Ben David schnell zuging, um ihn zu umarmen, und ihm die Hand zu küssen. »Ein Strahl der Milde bricht in die Hütten Jakobs!« sagte er heftig bewegt: »Raaf! zage nicht, und vertraue dem Herrn!« – Jochai schwankte hinaus mit dem Begleiter. Der Oberstrichter hatte seinen ganzen fürchterlichen Ernst wieder gesammelt, und redete zu Ben David. »Du siehst, wie barmherzig ich seyn kann. Ich habe Wille und Vollmacht, für Dich ein Gleiches [165] zu thun, wenn Du weniger halsstarrig seyn wolltest. Friedrich's Klage ist klar wie die Sonne, aber ein schwerer Verdacht, der sich in des Volkes Stimme gegen Dich erhebt, bedarf Deines bestätigenden Geständnisses. Bekenne, daß Du Diether's Mörder seyn wolltest, angereizt und besoldet von seinem treulosen Weibe. Gestehe ohne Scheu. Eine gnädige Behandlung, ein leichter Tod sey Dein Lohn dafür.« – »Heer!« erwiederte Ben David ohne Bedenken: »Wär' ich allein in das Gewebe verflochten, das mich Unschuldigen droht zu erwürgen, so sagte ich ohne Wahl und Furcht ein lautes: ›Ja!‹ Zu glücklich, um damit zu erkaufen Linderung der Kerkerqual, und einen schnellen, beschleunigten Tod unter den Fittigen des Boten der Barmherzigkeit, Gabriel, welcher die Seelen der unschuldig Sterbenden hinüberführt gen Canaan. Aber es ist wider das Gebot, eine fremde, schuldlose Seele mit zu tödten durch falsches Zeugniß. Ich kenne die Ehewirthin des Altbürgers nicht.« – »Du lügst;« entgegnete der Oberstrichter gereizt: »Du warst oft in ihrem Hause; ich habe Zeugen.« – »Gehandelt hab' ich mit der ehrsamen Frau;« gab David zu: »Doch soll mir Gott helfen, kenn' ich sie weiter.« – »Du lügst!« zürnte der Oberstrichter heftig: »Man hat Dich zur dunkeln Nachtzeit aus dem Hause schleichen sehen, in welches Du hineingekommen warst, unbemerkt, von Niemand geachtet. Du warst in fremder Tracht, beladen mit Geld, wie es schien, und doch wurde von einem Diebstahl nichts gehört. Also hast Du damals den Lohn des blutigen Werks im Voraus [166] empfangen, und den Handel geschlossen.« – »Gestrenger Herr!« entgegnete Ben David, seine Betroffenheit künstlich verbergend: »Da Meister Diether Frosch angefallen wurde, war ich zu Costnitz, und geträumt hat dem, der mich vermummt gesehen haben will.«

»Du ermüdest meine Langmuth!« schalt der Oberstrichter: »In der Folterkammer wirst Du geschmeidiger werden, sage ich Dir indessen voraus. Denk an mich!«

»Ich will es erwarten, Herr;« antwortete Ben David ruhig, und ließ sich geduldig die Ketten wieder anlegen, und in sein trauriges Verließ zurückbringen.

8. Kapitel
Achtes Kapitel.

Ich bin ein leibeigner Bauer,

Mein Leben wird mir sauer;

Ich steige auf den Birkenbaum,

Davon haue ich mir Sattel und Zaum;

Ich bind meine Schuhe mit Bast,

Ich füll' meinem Junker den Kast,

Leiste dem Pfarrherrn die Pflicht

Und weiß von Gott und seinem Worte nicht.

Liefländisches Volkslied.


»Wohin?« fragte Diether, im Begriff, sein Haus zu verlassen, um in seinem Garten Zerstreuung zu suchen, einen Mann in bäurischer Tracht, der, einen[167] Tragkorb auf dem Rücken, die Treppe hinanstieg. Der Mann hielt auf diese rasche, unvermuthete Frage still, sah mit offnem Munde hinauf, strich sich die Haare von der Stirne, und fragte, die Mütze in der Hand, entgegen, ob hier die Frau Altbürgerin Margarethe Frosch wohnhaft sey. Diether bejahte, und winkte dem Zaudernden näher zu kommen. »Was soll denn die ehrsame Frau?« begann er, dessen Mißtrauen durch die scheu umherschweifenden Blicke des Bauern erregt wurde. – »Ich muß selbst mit ihr reden;« meinte hierauf der Letztere, und die liebe Dummheit sprach sich in seinen Zügen und Worten aus: »Der Herr soll nichts davon erfahren, hat mein Weib gesagt; oder – seyd Ihr vielleicht der Herr?« – »Nicht doch;« erwiederte Diether kurz: »Ich bin Frau Margarethens vertrautester Freund, und Du kannst nichts Besseres thun, als auch mir Dein Gewerb vertrauen, weil die ehrsame Frau verreist ist, und unter einigen Tagen nicht wiederkehrt.« – »So?« sprach der Bauer, auf den Stock gelehnt: »Das ist einfältig, guter Freund. Wer wird mir denn abnehmen, was ich in meinem Kober trage?« – »Tritt hier herein!« befahl Diether, die Thüre seiner Stube öffnend: »Ich will Dir Botschaft und Werth abnehmen, Deine Zunge und Deinen Rücken ledig machen.« – Der Bauer sah sich verwundert in der Stube um, und wußte nicht recht, ob er niedersetzen oder fortgehen sollte. Diether gebot ihm hingegen nachdrücklich, den Inhalt des Korbes vorzuweisen; und mit einer dummpfiffigen Miene gehorchte endlich der Mensch. Mit einem verstockten Lächeln zog [168] er die grobe Leinwand von dem Korbe, in welchem ein kleines Mägdlein saß, das seine Händchen bittend dem Alten entgegenstreckte. Diether nahm das holde Kind schnell aus dem unbequemen Versteck, und maß staunend bald den Träger, bald seine Bürde. »Was soll das?« fragte er: »Ein Kind?« – Der Bauer lachte, und wiederholte: »Mein Seel, Herr, es ist ein Kind.« – »Wessen Kind? Sag an?« – »Hm!« versetzte der Bauer langsam, und kratzte sich auf dem Wirbel: »Herr, wenn ich das wüßte, mein Seel, ich wollt's Euch sagen.« – »Ist der Mann hier Dein Vater?« sagte Diether zu dem Kinde, das sein Köpfchen an des Alten Brust legte. Es schüttelte aber auf diese Frage das Haupt, und antwortete mit kindischem Lallen: »Nein, nein, Vater weit, Mutter weit, Agnes ganz allein gelassen!« – Diether begütigte das Mägdlein, so gut er es vermochte, und wendete sich wieder zu dem dämischen Boten, der mit eingebogenen Knieen und vorgestrecktem Halse da stand, ein gleichgültiger Zuschauer. – »Wer bist denn Du, Mensch, und wie hängt das Alles zusammen?« fragte der Altbürger. – »Mein Seel,« entgegnete der Bauer: »guter Herr und Freund, ich will Euch wohl sagen, daß man mich Paul getauft hat, und daß ich ein eigner Mann des gestrengen Grafen von Katzenelnbogen bin. Wir armen Leute wissen nicht, wie alt wir sind, aber, daß der Johannistag heuer zum ein und zwanzigsten Mal wiederkommt, seitdem ich mich mit meiner Willhild habe einsegnen lassen dürfen zu Wiesbad, – denn wir zu Moorweiler haben keinen Pfaffen für uns, – das [169] weiß ich genau.« – »Willhield?« wiederholte Diether; »wäre die Pflegerin meines Söhnleins ... des Herrn Diether's – wollte ich sagen, – wäre sie Dein Weib?« – »Mein Seel, Herr, sie ist's, wenn uns anders der Leutpriester recht eingesegnet hat.« – »So rede schnell. Was ist's mit dem Kinde, und was soll es bei Frau Margarethen?« – »I nu,« redete Paul: »mein Weib meint, daß es am Besten da aufgehoben wäre, weil es doch einmal die Tochter von der Frau ist.« – »Wer?« rief Diether mit gallebewegtem Blute: »Wer ist Margarethens Tochter.« »Ho, die müßt Ihr wohl kennen, wenn Ihr der Freund vom Hause seyd;« entgegnete der Bauer: »das schöne Weibsbild, das vorige Woche von der Heerstraße gestohlen wurde.« – »Wallrade?« –

»Recht, so heißt sie;« fuhr Paul fort: »und ihr Töchterlein ist das Kind hier, das sie bei uns zurückgelassen hat. Wir sollten's ihr aufheben, bis sie wieder käme.« – »Wallradens Kind?« sprach Diether bestürzt und entsetzt vor sich hin: »Barmherziger Gott! in welchen Höllenschlingen finde ich bei jedem Schritte Alle, die ich liebe!« – »Wie kam denn das Fräulein zu Euch!« setzte er laut hinzu. »Zu Wagen, lieber Freund;« antwortete Paul: »Was die Weiber mit einander schwätzten, weiß ich nicht, denn ich hatte die Frohne für meinen gestrengen Herrn, und die Willhild sagt mir auch nicht viel. Genug, da es Sonnabend war vor des Herrn Geburt, sollte ich mit herein und auf Alles Ja sagen, was die Frau, die Mutter nämlich von diesem [170] Kinde, erzählen und vorbringen würde.« – »Vor des Herrn Geburt?« wiederholte Diether kopfschüttelnd: »Mensch, bist Du irre; vor Ostern vielleicht?« – Meinetwegen vor Ostern, wenn das nicht Eins ist, was wir ungelehrte Leute nicht wissen. Es ist einmal noch nicht lange her. Die Frau war sehr aufgebracht und sagte einmal über das Andremal: »Ich will zurückkommen, ich will dem Vater sagen ... doch, das geht Euch nichts an, und ich weiß es auch nicht mehr so recht.« – »O meine Ahnung!« murmelte Diether durch die Zähne: »Strahlende Gewißheit bist Du geworden. Wallrade hat den wunden Fleck meines Hauses getroffen, Willhild zum Bekenntniß gebracht, den Bastard in meinem Geschlechte entlarvt. Ich müßte ihr danken, hätte sie nicht ähnliche Schande auf mein Haus gehäuft!« Er sah bei diesen Worten das Kind auf seinen Armen finster an, und drang in Paul, endlich doch fortzufahren, und zu endigen.

»Ich bin schon zu Ende:« versicherte der Bauer! »Die Frau wurde gestohlen, und ich lief heim, ohne zu wissen, wo sie hingekommen.« Einer von den Teufelsburschen hat mich gejagt wie einen Hasen, und Willhild mich noch obendrein ausgescholten. Und da die Frau nicht widerkam in den nächsten Tagen, und keine Kunde von hier aus, so redete meine kluge Willhild zu mir: »Morgen, Paul, nimmst Du das Mägdlein im Korbe mit Dir, und trägst es zu Frau Margarethen, denn die Mutter, fürchte ich, ist dahin, und ich könnte nicht ruhig sterben, wenn das Kind nicht versorgt wäre. Sage der ehrsamen Frau, [171] sie soll mir nicht böse seyn, allein ich mußte reden, um unser beider Seelenheil, und daß der alte Herr nicht ferner betrogen sey.« – »Hörst Du, alter Thor?« fragte Diether knirschend in sich hinein: – Weiter, Paul! – »Laß Dich aber nicht vom Herrn erwischen,« sagte das gute Weib ferner, fuhr Paul fort: »Es könnte mit diesem Kinde auch einen Hacken haben, wie mit dem Johannes, und zu viel Verdruß auf einmal muß man dem lieben Herrn nicht machen.« –

»Schweig!« herrschte Diether dem Erzähler zu, welcher erschrocken zusammenfuhr: »Aus Deinem Munde will ich nicht wissen, was noch zurück ist. Laß das Kind hier, und packe Dich, so lieb Dir Dein Leben ist, schnell aus der Stadt in die Heimath. Mit Dir, Du Tölpel, habe ich nichts zu schaffen. Aber Willhild soll kommen; übermorgen soll sie hier seyn, oder es schwer bereuen. Hinweg!« – »Na, na, lieber Freund,« sprach Paul begütigend: »ich will's wohl ausrichten, und die arme Willhild wird freilich kommen, wenn sie kann. Aber ... hier kratzte er sich wieder hinter den Ohren – es ist ein kitzlich Ding.« – »Wie so?« fragte Diether strenge. – »Das arme Weib wird wohl gestorben seyn;« versetzte Paul weinerlich: »der Pfaffe gab ihr, da ich heute früh aufbrach, nur zwei Stunden noch zu leben.« – »Verflucht!« zürnte Diether dumpf, und setzte das Kind nieder. – »Wenn Ihr jedoch ein vertrauter Freund des Herrn wart, wie der ehrsamen Frau,« fuhr Paul fort, »so wollte ich Euch wohl ein Brieflein für denselben zustellen.« – »Das [172] Bekenntniß meiner Schande!« seufzte Diether für sich, und griff finster nach dem Zettel, den ihm der Bauer reichte. »Ein verkleideter Mann gab ihn mir, da ich Moorweiler verließ;« setzte dieser hinzu: »Er mag wohl seine Ursachen haben, warum er ihn nicht selbst überbringt.«

Diether öffnete bedächtig den Zettel, und las zu seiner Verwunderung ganz andre Worte, als er vermuthet hatte. Es standen darin folgende: »Wisset, Schöff und Rathsherr, Diether Frosch, daß ein Freund seine Ehre bewahrt will haben, und Euch verrathen, an welchem Ort sich befindet Eure Tochter Wallrade. So Ihr am Tage, da der nächste Vollmond eintritt zur elften Stunde der Nacht Euch wollt einfinden an dem Feld-und Bannsteine, das Sprünglin genannt, unfern von Bergen, und mitbringen wollt einen Sack mit vierhundert Mark löthigen Silbers, sollt Ihr Alles wissen und erfahren, wie Ihr wieder zu Eurer Tochter gelangen könnt. Kommt allein, sonder Gefährde, sonst sucht Euch der rothe Hahn daheim. Ich bin der Niemand.« –

Mit finster gerunzelter Stirne sah Diether von dem Zettel zum Boten auf; Letzterer hatte aber für gut gefunden, sich – einem Unwetter vorzubeugen – aus dem Staube zu machen. Diether rief seinen Leibdiener herbei. Der Mensch wollte jedoch nichts von dem Bauern gesehen haben. – »Eitel!« sprach Diether unwirsch, da sein Auge wieder auf das Kind fiel, das still und furchtsam in der Ecke saß: »ist meiner Tochter Knecht noch nicht heimgekehrt von dem Streifzuge des Jungherrn?« Der Diener verneinte. – »Liegt die Magd [173] noch krank?« fuhr der Hausherr fort. – Eitel berichtete, daß seit dem gestrigen Tage das Fieber nachgelassen habe, das von dem Schrecken des Überfalls erregt, die Dirne bisher außer Stand gesetzt hatte, außer dem Bette zu bleiben, und Antwort auf die ihr vorgelegten Fragen zu ertheilen. Diether befahl, die Zofe heraufzusenden. Überlegend ging er auf und nieder. »Soll ich denn von der Magd erfahren, was mein Blut jetzt schon sieden macht? was mir jetzt schon klar wie der Tag ist?« fragte er endlich: »Nein! Diether,« – antwortete er entschlossen; – »Nein, sey Du gerade, bleibe Du redlich, wenn Dich auch der hinterlistige Verrath umgibt. Schirme, so viel als möglich, die Ehre Deines Namens.«

Er führte das Kind in die Kammer, und unmittelbar darauf trat die Zofe Wallradens, eine hübsche, etwas blasse Dirne zu ihm in's Gemach, gewärtig, seine Befehle zu empfangen.

»Du bist eine feine Magd;« begann Diether ernst: »Deine Gebieterin schmachtet in arger Haft, und Du denkst nicht einmal an das Kind, das sie hülflos zurückgelassen?« »Ihr Kind?« entgegnete die Dirne betroffen, und ihr Angesicht wurde bluthroth: »Ach, gestrenger Herr, Ihr wißt ...?« – »Wie sollt' ich nicht?« fragte Diether mit scheinbarer Unbefangenheit entgegen, obgleich die Bestätigung von Paul's Bericht sein Herz durchschnitt: »Unverzeihlich ist es von Euch, zugegeben zu haben ....« – »Ach Herr,« seufzte das Mädchen ängstlich: »Vergebt uns. Der Diener muß gehorchen und schweigen, so die Herrschaft befiehlt. Und da es Gott so gut [174] gemacht hatte mit dem Kleinen, ... in welchen Händen konnten wir das Kind lieber sehen ....?« – »Als in Willhildens Hütte, bei der Sterbenden?« unterbrach sie Diether rasch: »Unverzeihliches Beginnen der Mutter und der Pfleger! und mir ein Geheimniß aus dem zu machen, was ich wußte, blieb das arme Kind verwahrlost zurück?« – Die Magd wollte reden. – »Kein Wort, bei meinem Zorn!« fuhr Diether auf: »Ich sehe hell und brauche Euer Deuteln nicht. Hier ist das Kind« – er führte das Mägdlein aus der Kammer .... »heute mag es noch bei Dir im Hause bleiben; ich mache Dir's jedoch zur Pflicht, vor Niemand es sehen zu lassen; vor meiner ... vor Frau Margarethen am allerwenigsten. – Wo die Mutter nicht gern gesehen ist, wird das Kind verachtet;« schaltete er bitter ein, und endigte mit dem Versprechen, der Zofe und dem Töchterlein mit dem nächsten Tage eine Zuflucht anzuweisen, in welcher sie die Befreiung der Mutter zu verbleiben hätten. – Die Zofe schwieg gehorsam; in ihren Augen war jedoch ein gewisses Staunen nicht wohl zu verkennen, da Diether ihr das Mägdlein hinreichte, das sich mit dem Schmeichelworte: »Ach, Du liebe Gundel! Du bist da?« an der Erröthenden Brust schmiegte. »Sieh da, Agnes, Du hier?« entgegnete der Mund der Letztern endlich, und nachdem sie noch einige Fragen des Altbürgers, die er, geflissentlich den Aufenthalt im Wiesbad und die Geschichte des Kindes umgehend, über einige Umstände des Raubes auf der Heerstraße an sie richtete, [175] beantwortet hatte, ging sie stille und demüthig mit der müden Agnes hinweg.

Diether saß lange da, und konnte des Grollens in seiner verwundeten Brust nicht Herr werden. Der Groll wich endlich auf kurze Weile, und ein unsäglicher stummer Schmerz trat für ihn ein. Der Gedanke, von Weib und Sohn sich verrathen, von der tugendhaft geglaubten Wallrade entehrt zu sehn, preßte dem alten Manne dicke Tropfen der innersten Marter aus den Augen, und in solcher Niedergeschlagenheit fand ihn der Oberstrichter, welcher plötzlich in dem Gemache erschien. Der Eintritt desselben machte keinen unangenehmen Eindruck auf den Leidenden. In einer nicht unbedeutenden Reihe von Jahren durch die Geschäfte des Kriegs und des Friedens verbunden, hatten sich beide einander freundschaftlich genähert, ohne innige Freunde geworden zu seyn. Der Oberstrichter, dessen größter Fehler ein Jähzorn war, leicht zu wecken, schwer zu besänftigen, hatte keinen Grund gehabt, Diethern gehässig zu seyn, und dieses letztere Mißtrauen, von des höfelnden Schultheißen Bewerbungen um Margarethens Gunst aufgereizt, hatte den für Frauen nicht empfänglichen Oberstrichter unverwehrt dann und wann das Haus besuchen lassen. Sogar der verdrießliche Auftritt mit Dagobert auf Limpurg hatte Diether nicht von dem Richter entfernt, obschon der letztere unverholen auf des Schultheißen Seite gewesen. Gewohnheit hatte sie, die beide gegen Dagobert grollten, zusammen gehalten. Auch heute reichte Diether dem Gaste die Hand zur stummen Begrüßung. – »Gott walte im Hause!« [176] sprach der Oberstrichter: »Vergebt, Alter, daß ich einbreche wie ein Kundschafter. Von Eurer Wallrade ist noch keine Spur zu finden, und der Stadthauptmann in Verzweiflung, Euch nicht kräftiger dienen zu können. Die Aussagen des Knechts reichen nicht hin, und nicht die der Zofe, wie ich vernehme. Beide wissen nur, daß die Veste, in welche man sie geschleppt, weit von hier liegen muß, und aussieht wie ein jedes Schloß im Innern auszusehen pflegt. Man muß von der Zeit erwarten, was sich jetzo nicht fördern mag. Ein ander Geschäft bringt mich hieher. Ich suche Vollbrecht, Euers Sohnes Knecht. Sein ehemaliger Herr ist in den Handel des Juden verwickelt, und am Ende weiß der Knecht mehr davon, als wir alle.« – »Vollbrecht ist mit Dagobert auf die Streife gezogen,« erläuterte der Altbürger. – »Hm!« brummte der Oberstrichter: »da werden wohl beide nimmer heimkehren. Euerm Sohne ist's schwerlich Ernst, die Schwester aufzusuchen, deren Gefängniß ihm bekannt genug seyn mag. Und das böse Gewissen wird schon das Übrige thun. Ich bedaure Euch, alter Freund, Ihr habt keine Freude an dem Erben Euers Namens, denn ... was den Johannes betrifft ....« – »Schweigt um's Himmelswillen!« unterbrach ihn Diether: »Schmerz und Zorn zersprengen mein Herz. Nicht der leiseste Zweifel bleibt mir mehr. Dieß sey Euch genug. Mein lasterhaftes Weib ist aus meiner Liebe gestoßen, wie ich es schon aus meinen Armen stieß.« – »Und dennoch wollt Ihr nicht glauben, was die ganze Stadt glaubt;« erinnerte der Oberstrichter: »das [177] Laster geht riesengroß einher, sobald man es nicht im Wachsthum tödtet. Glaubt mir; Ben David wollte Euch erwürgen; Ben David wurde dafür von Margarethen gedungen. Schüttelt nicht das Haupt. Die Zeit trifft zusammen. Eitel, euer Knecht, glaubt in jenem Manne, der bei Nachtzeit aus dem Hause schlich, den mit Geld beladnen Juden entdeckt zu haben. Dagobert hatte dazumal schon den Freibrief von dem Papste erwirkt; Dagobert sollte zurückkehren. Gatte und Vater war im Wege.« – »O daß ich es glauben muß!« seufzte Diether trostlos: »aber, hörten meine Ohren nicht selbst, wie die Sünderin ihrem Buhler die Rettung des Juden so dringend empfahl? Warum, wenn nicht ....?« – »Hört ferner:« fuhr der Oberstrichter fort »In unserm Thurme liegt ein junger Bube, ein angehender Helfershelfer der Blutzapfer; ein Lehrling des Webergesellen Borames. Ein einzigmal ist der Bube in der Mörder Genossame gekommen, ohne, wie er schwört – einen einzigen derselben zu kennen, noch den Ort wieder bezeichnen zu können, an den er damals in einer Schneenacht geführt worden. In jenem Mordwinkel jedoch, behauptet er gehört zu haben, daß ein Ritter mit dem Juden einen Handel abgeschlossen, Euch aus der Welt zu schaffen; um zehn Pfund Heller glaubt er, seyet Ihr verkauft worden.« – »O der Niederträchtigkeit!« rief Diether empört: »und dieser Ritter ....?« – »Dagobert oder Euer Schwager von Leuenberg;« antwortete der Freund achselzuckend. – »Schändlich!« jammerte der trostlose Vater: »Ich bin Preis gegeben [178] dem abscheulichsten Meuchelmord, und weiß es nicht, in welcher Hand der Dolch mich bedroht.« – »Das Mittel, hell zu sehen,« fuhr der Oberstrichter fort, »wäre, der Anklage freien Lauf zu geben, die ich gegen Euer Weib verhängen will, und die das Geständniß des Juden bekräftigen muß. Die Wahrheit muß alsdann durch Gottes Fürsicht an den Tag kommen.« – »Nimmermehr;« erklärte Diether mit schneller Fassung: »nicht also beschimpfe ich selbst mein Haus. Das Weib, das ich einst liebte, sollte ich der öffentlichen Schande Preis geben, einem schmählichen Tode überliefern? Nein! ich will nicht klagen, und verbiete Euch, es zu thun. Ich werde die Sünderin von mir entfernen, über als eine letzte Gnade empfange sie ihr Leben von mir.« – »Ihr seyd die Milde selbst,« äußerte der Oberstrichter: »ich weiß jedoch nicht, ob ich Eurer Barmherzigkeit werde willfahren können. Des Schultheißen Befehl dürften ...« – »Der Schultheiß wird nicht als Kläger auftreten können, so lange ich schweige,« versetzte Diether heftig. – »Wohl und recht;« sprach der andre nach einer Weile: »erlaubt jedoch, daß ich Euch auf eine Pflicht aufmerksam mache, die Ihr – böslich, will ich nicht glauben – aber lässig zu übersehen scheint.« – Hiemit ging der Oberstrichter nach der Thüre, sah behutsam hinaus, ob Niemand um die Wege, kehrte dann zurück, und zog Margarethens Gatten in die Ecke. »Euer Sohn,« sprach er, »hat ein gewaltig Ärgerniß gegeben, und seine Vergehen sind weltbekannt. Er hat geschändet Euer Haus in sträflichem Bunde mit Eurem Weibe; er hat entehrt Euern[179] Stamm, der einen wilden Zweig in seiner edeln Krone trägt. Er hat höchst wahrscheinlich einen Mörder gedungen gegen Euch; er hat das richterliche Amt verletzt auf öffentlicher Straße, eine schlechte Judendirne vertheidigend; er lebt, nach wohlverbürgten Angaben in Buhlerei mit dieser Jüdin, deren Schlupfwinkel die Gerechtigkeit nur zu erfahren strebt, um ihr den wohlverdienten Lohn werden zu lassen. Blutschande, Verletzung kaiserlicher Majestät, Mord, Abfall vom christlichen Glauben nennt man obige Vergehen. Ihr hemmt den Arm der öffentlichen Rechtspflege; aber die Sünde soll nicht ungestraft bleiben, da auch im Verborgnen gerichtet wird unter dem höchsten Königsbann. Ich frage Euch also, Diether Frosch, Schöppe der heimlichen beschlossenen Acht, ... was werdet Ihr thun?« – Diether fuhr heftig zusammen, und mußte sich an dem Gesimse anhalten, um nicht hinzusinken. Der Oberstrichter raunte ihm hierauf in die Ohren: »Denkt Euers Eides, und Eurer frei-kaiserlichen Schöppenpflicht. Einmal habe ich gewarnt. Ich thue es nicht das zweite Mal. Nächsten Dienstag wird gehegt, und der Stuhl erwartet Eure Klage.« – »Um Gott!« seufzte Diether: »Dieses Gräßliche hat mir nicht geahnt. Um des Heilands willen! eben so gut hätte ich meinem Sohne, der doch mein Fleisch und Blut bleibt, den Dolch in die Brust stoßen können, denn – muß ich dort klagen, ist er ohne Gnade dahin.« – »Ertapptet Ihr ihn auf handhaftiger That, so wär's an Euch, in des Königs Namen zu richten;« versetzte der Oberstrichter kalt: »verbessert jetzo Euern[180] Fehler. Die Pflicht ist schwer, ich geb' es zu; aber eines echten Freischöffen schwerste Pflicht ist seinem Eide etwas Leichtes. Lebt wohl, Bruder. Gedenkt Euers Schwurs.« – Der Oberstrichter überließ den Altbürger seinen Betrachtungen, wie unerbittlichen Henkern ein vergebens widerstrebendes Opfer.

Da nun der ehrbare Herr sich dem Rathhause näherte, sah er an dessen Pforte den Schultheiß stehn, im vertraulichen Gespräche mit Zodick, den er jedoch bald entließ, da er des Oberstrichters ansichtig wurde. Der Letztere säumte nicht, seinem Gönner und Freunde zu berichten, daß durch seine Bemühungen alles Verdächtige in Diether's Hause sich zu entwickeln im Begriffe stehe. Der Schultheiß lächelte freundlich bei dieser Kunde. – »Recht, mein guter Herr und Freund;« sprach er: »hier gilt es viel zu thun für Euern Eifer, das Böse, das sich halsstarrig Euerm Falkenblick zu entgehen strebt, an's Tagslicht zu ziehen.Mir,« setzte er lächelnd hinzu: »mir ist das Glück nicht so günstig. So oben benachrichtigt mich der getaufte Jude, daß es ihm noch nicht gelungen, den Aufenthalt Esther's auszuwittern, und ich darf Euch versichern, daß ich des Geldes nicht schonen würde, ihn zu entdecken.« – Der Oberstrichter wiegte achselzuckend den Kopf. »Ich konnte nicht wissen,« entgegnete er, »daß die armselige Jüdin Euch es angethan. Ich hätte sie wahrlich nicht so wohlfeilen Kaufs damals entkommen lassen.« – »O, Ihr wißt nicht, was schön ist!« versetzte der Schultheiß seufzend: »Das verwilderte Gesicht eines Mörders, der schon Jahre lang in Euern Kerkern modert, hat [181] der Reize mehr für Euch als die Rosenwangen des schönsten Frauenbildes. Schafft mir diejenige wieder, nach deren Besitz ich mich unaussprechlich sehne, und verlangt von mir, was Ihr wollt. Mein schöner floßreicher Weiher am Feldberg hat Euch beständig so wohl gefallen. Er ist Euer mit all seinen Fischen, für das einzige Fischlein, das Ihr aus dem Netze ließt, weil Ihr seinen Werth nicht zu schätzen wußtet.« – »Traun, Herr Schultheiß,« lachte der Oberstrichter: »ich war all mein Tage ein schlechter und lässiger Dirnenfänger, aber dort seh' ich, wie mich dünkt, einen ganz andern Fisch die Straße heraufschwimmen, der noch nicht einmal weiß, an welcher Angel er hängt.« – Es wälzte sich auch wirklich durch die ziemlich enge Gasse ein Schwarm von Menschen daher mit Sing und Sang und Pfeifenklang, die sich gar fröhlich geberdeten. Zwei Gestalten in buntfarbiger Kleidung, – junge Männer, die ihre jugendlichen Gesichter mit ungeheuern falschen Bärten verziert hatten, – eröffneten den kleinen Zug, lange Schwerter auf den Schultern tragend. Ein Panner- und Schildträger folgte auf sie, und ihnen nach jubelte die ganze Zunft der Harnischer und Waffenschmiede, dem Reiter, der in ihrer Mitte langsam und gravitätisch einherklepperte, ein helles »Lebehoch!« bringend.

»Ist das nicht der von Hülshofen?« fragte der Schultheiß, die Hand vor die Augen haltend, um besser zu sehen. – »So ist's, gestrenger Herr,« erwiederte der Oberstrichter: »auf meine Einladung in Euerm Namen kehrt er zurück, und ich gönnte [182] ihm gerne das kurze Festgepränge, das ihm die Waffenschmiede zugedacht, da er in Costnitz durch seine Fechterkunst unsrer Stadt viel Ehr' und Ruhm erworben. An Euch ist es nun, ihm anzukünden, wozu er eigentlich hieherberufen.« – »Das geschehe auch auf der Stelle,« meinte der Schultheiß, und zog sich mit seinem Freunde an die innere Treppe zurück, da die ankommende Menge schon anfing, die Pforte zu belagern. Mit einem dreimaligen Vivat, dem Kämpfer und der Vaterstadt dargebracht, wurde Gerhard vom Gaule gehoben, und betrat die Schwelle des Heiligthums der Gerechtigkeit. Zu seiner Linken trug man sein Wappen und die Waffenstücke, die er im Rennen zu Dank erhalten; zu seiner Rechten das Panner der Zunft, und die in Turnieren eroberten Stechfähnlein. Mit einer bescheidnen Unterwürfigkeit, aber nicht ohne jenes Selbstbewußtseyn, das so gerne dem wirklichen oder Schein-Verdienst entspringt, näherte sich der Fechter dem Vorsteher der Stadt, und empfahl sich seinem Wohlwollen, mit der Bitte, ihm die Ursache wissen zu lassen, die seinen also schnellen Aufbruch von Costnitz nöthig gemacht. – Der Schultheiß erwiederte mit Würde: man würde ihm diese Ursache nicht vorenthalten, sobald er sein Geleite verabschiedet haben würde. – »Nun, so geht denn hin, ihr guten Jungen;« sprach Gerhard zu den jubelnden Freunden: »Gott hat meinen Einritt gesegnet, und mich mit allerlei Ruhm bekrönt wiederkehren lassen. Eure Freude thut meinem Herzen wohl, aber noch wohler wird meiner dürftenden Kehle der Firnewein thun, den ich von Eurer Freigebigkeit zu erhalten [183] hoffe, gehet darum hin auf Eure Stube, und pflanzt die weißen Holzbecher auf, die ich so sehr liebe, und diese Waffen und Fähnlein, die Zeugen der Tapferkeit, mit welcher ich das Ansehen Eurer Stadt in der Fremde behauptete. Mit den gestrengen Herren allhier habe ich noch einige Worte zu wechseln, und dann bin ich bei Euch, ehe Ihr's Euch verseht.« – Die Meister der Zunft schüttelten dem erprobten Zecher und Raufer die mächtige Faust, die Gesellen schlugen die kleinen Tartschen und Kolben aneinander, mit denen sie sich der Festlichkeit halber geschmückt hatten. Die Pfeifer bließen zum Rückzug, und unter gellendem Freudengeschrei wurde dieser auch wirklich angetreten. Gerhard stieg mit den beiden Machthabern die Treppe vollends hinan, und erschöpfte sich in prahlerischen Redensarten, und in der Wiederholung der Grüße und Freundschaftsversicherungen, welche ihm, seinen Betheuerungen zu Folge, Fürsten und Herren an den wohlweisen Rath von Frankfurt aufgetragen, mit auf den Weg gegeben hatten. In dem Strome seiner langathmigen Rede dahinschwimmend, und wie ein geschickter Schütze immer das vorgesteckte Ziel erreichend, und die Hoffnung berührend, die er auf die bekannte Großmuth und Freigebigkeit des Magistrats gesetzt, bemerkte Gerhard nicht, daß Schultheiß und Oberstrichter hartnäckig schwiegen, und kein Wörtlein auf all diese zudringlichen Höflichkeiten zu erwiedern Lust hatten. Da aber die Thüre des Schöffengemachs hinter ihnen zugefallen war, und Gerhard sich noch immer vergebens nach einem freundlichen Gesichte umsah, statt [184] dessen jedoch nur zwei ganz ernsthafte vor sich erblickte, wurde ihm anders zu Sinne. Er schwieg ebenfalls, und manche längst vergessene Schalkheit, für die er jetzo zur Verantwortung gezogen zu werden befürchtete, drang sich seiner Erinnerung auf; indessen glaubte er aus allen Himmeln zu fallen, als ihn der Schultheiß folgendermaßen anredete: »Herr! Ihr habt Euch zu Costnitz gehalten wie ein Mann; glaubte ich nicht den Berichten der dort anwesenden Schöffen, ich müßte es Euerm ruhmredigen Mund unbedingt glauben; allein nicht um Eurer Thaten willen belobt zu werden, wurdet Ihr zurückberufen, sondern um Rechenschaft zu geben von einer Handlung, die sich eben so wenig mit Euerm Wappen, als mit Euerm Stand als Dienstmann dieser reichsfreien Stadt verträgt. Darum werdet Ihr Belieben tragen, Eure Wehr an den ehrbaren Herrn hier zu meiner Seite abzuliefern, und in seinem Hause für's Erste ritterliche Haft Euch gefallen zu lassen. Von Euerm Benehmen und Euern Geständnissen wird es abhängen, ob Ihr daselbst verbleiben dürft, oder härtern Gewahrsams schuldig seyd.«

Der Edelknecht stand verblüfft, und spielte in seiner Verlegenheit mit dem Wehrgehänge. »Gestrenger Herr,« versetzte er endlich: »Gott der Herr behüte meine Ohren; ich fürchte aber, sie haben falsch gehört. Ich wüßte nicht, welcher Popanz von Gläubiger mich verklagt haben könnte. In Costnitz hat der Wirth zum Engel mein Kerbholz feierlich zerbrochen, und in allen Ehren auf der Schiefertafel das Zeichen, das mich vorstellte, ausgelöscht. Ich bin [185] frei dort weggegangen wie der Barfüßer, der den besten Schmaus mir mit einem Gratias vergilt. Kleine Lumpereien zu geschweigen, welche einige gemeine Hintersassenseelen allhier von mir zu fordern haben, bin ich ohne alle Schulden, und begreife darum nicht, warum ich in des ehrbaren Herrn Oberstrichters Hause meine Schlafstätte aufschlagen soll 1. Hier ist ein Irrthum, liebe Herren und Meister.«

»Mit nichten, Junker;« erwiederte der Oberst-richter: »Von Eurer gewöhnlichen Krankheit ist diesmal nicht die Rede. Ihr gebt einen sehr unvortheilhaften Begriff von Euerer christlichen Gewissenhaftigkeit, daß Ihr keine Ahnung von dem Vergehen kund gebt, dessen man Euch bezüchtigt. Da sich jedoch Eure Erinnerungen meistentheils nur an Herbergen und Trinktische knüpfen, so brauche ich Euch nur den Wirth zur Traube zu Worms in's Gedächtniß zu rufen, um Euch mit einemmale von Allem in Kenntniß zu setzen.« – »Ha! der Schelm!« braußte Gerhard auf: »Ich wollte, ich dürfte bei einem Ringelrennen seinen nichtswürdigen Glotzkopf vom Rumpfe stechen. Der Bursche lügt, wenn er das Kleinste noch an mich begehrt. Hie Paar Turnosen, die ich ihm schuldig wurde, weil er immer doppelt und dreifach in's Holz schneidet, sind ihm längst bezahlt; das will ich durch einen gestabten Eid erhärten und bekräftigen.« – »Laß das!« antwortete der Schultheiß verächtlich: »Daß Ihr[186] zahltet, wissen wir. Sagt uns lieber, wie Ihr bezahlet.«

»Je nun,« .... hob Gerhard an, und verstummte aber in selbigem Augenblick, da ihm plötzlich der Handel mit dem Juden beifiel. – Der Oberstrichter fiel dagegen siegreich ein: »Da haben wir's. Dieses Stocken verräth den ganzen Hergang. Die Wormser Juden haben Recht, und Junker Gerhard wird sich freisam herausreden müssen, wenn er mit ehrlichem Schild aus dem Gedränge zu kommen Lust hat.« – Gerhard nahm mit einer wehmüthigen Miene das Schwert von der Hüfte und reichte es wie ein armer Sünder dem Oberstrichter hin. – »Getrenge Herren,« stammelte er verlegen: »Eure Weisheit und Gerechtigkeit wird ja wohl einen Fehler von einem Verbrechen unterscheiden.« »Nicht alles, was Juden und ähnliche Heiden über einen eifrigen Christen aussagen, ist ein Evangelium. – Ich vermuthe,« fuhr er immer verzagter fort, während seine Zuhörer das Lachen verbeißen mußten, – »daß hier von einem gewissen Knaben die Rede werden dürfte, der mir zu Worms plötzlich zu, und noch plötzlicher abhanden gekommen seyn soll. Ich kann jedoch einen körperlichen Eid darauf ablegen, daß der verdammte Jude,« .... – »hier ist nicht der Ort zu Eurer Rechtfertigung, noch zum Eide,« unterbrach ihn der Schultheiß: »Der Oberstrichter wird Euch beides abfordern, wann er es für nöthig erachtet. Folgt ihm jetzt.« – Gerhard rieb sich ängstlich die Stirne. »Euer Haus, liebster Herr,« seufzte er, »ist so nahe am Eschenheimer Thurm, [187] daß ich nichts Gutes aus meiner Einkehr bei Euch erwachsen sehe. Und dennoch – Ihr werdet sehen – bin ich eigentlich schuldlos. Laßt mich daher zum mindesten im Staat gewahrsam. Ich gebe Euch meinen adlichen Handschlag, durch kein Pförtlein noch Thor zu entwischen.« – Der Oberstrichter verneinte. – »Traut Ihr dem Worte eines biedern Edelmanns nicht, so verstattet mir einen Bürgen;« fuhr Gerhard dringender fort. »Mein bester Freund lebt zum Glücke hier, Herr Dagobert Frosch des Schöffen Sohn. Er wird sich für meine Redlichkeit und Haft verbürgen, und mir ein vorteilhaft Zeugniß geben können, da, wie mir gerade einfällt, er selbst just bei dieser ganzen Wormser Begebenheit gegenwärtig gewesen.«

»Dagobert Frosch?« fragte der Oberstrichter schnell. – »Der junge Mann hat ja überall die Hände im Spiel;« setzte der Schultheiß mit Schadenfreude hinzu, und dem armen Gerhard wurde es mit einemmale recht klar, daß er des Freundes wohl zu vorschnell erwähnt hatte. Nun half ihm kein Zögern mehr. Der Schultheiß wieß ihn bloß auf ein aufrichtiges Bekennen an, und, statt auf der Zunftstube Wein und Lob im ungeheuern Maße zu genießen, mußte er dem Oberstrichter ohne Widerrede folgen. Wie ein Sieger war er eingezogen, und saß nun zwischen vier kahlen Wänden. Von einer Säule des Ruhms hatte ihm geträumt, und vor den Gittern seines Fensters streckte sich der Eschenheimer Thurm in die Höhe, sein künftiger Aufenthalt, wenn Zufall oder Willkür oder Gerechtigkeit seine Lage [188] verschlimmern würden. Von Dagoberts Klugheit allein hoffte er einen Ausweg aus diesem Gewirre von bösen Folgen einer übeln That, und darum war bald der Entschluß in ihm fest geworden, den jungen Mann ohne Rückhalt mit in die Geschichte zu verwickeln; überzeugt, daß der Verstand desselben gewiß Sieger werden würde.

Fußnoten

1 Des Oberstrichters Wohnung war in der Regel das Schuldgefängniß angesehener Leute.

9. Kapitel
Neuntes Kapitel.

Ein wenig Lieb' ist karg und leer,

Ein wenig Lieb' ist keine;

Viel Lieb' ist eben auch nicht mehr;

Lieb' ist die völlig Eine,

Lieb' ist nicht wenig und nicht viel,

Deine Lieb' ist ohne Maß und Ziel.

St. Schütz


»Leb' wohl, mein süßes Kind! Gott behüte Dich, arme Maid!« hatte Dagobert bei seinem Abschiede zu Esther gesprochen, und dieses einfache herzliche Lebewohl war der Verlaßenen fest im Gedächtniß geblieben. An jedem Tage wiederholte sie wohl tausendmal die Worte ihres Beschützers, wie ein frommes Gebet, denn sie schienen ihr einen unfehlbaren Segen zu enthalten. Die gute Crescenz, die – ein seltnes Beispiel in ihrer finstern Zeit – Dankbarkeit höher achtete, denn Vorurtheil, bemühte sich, an Esther aus Kräften zu vergelten, was sie von [189] deren Vater empfangen, und war treu in der Sorgfalt, die sie dem scheidenden Junker Dagobert gelobt hatte. Auf diese Weise konnte es denn geschehen, daß Esther auf dem Schellenhofe einige Tage verlebte, so ruhig, als sie nur, den Umständen nach, seyn konnten. In einem versteckten Giebelstübchen hausend, von niemand bemerkt. Allen im Hause fremd, – die gutmüthige Pflegerin ausgenommen – hatte sie völlige Muße, ihres treuen Freundes zu denken, und ihres armen Vaters, den sie nicht sehen zu wollen dem Junker, welcher für ihre eigne Freiheit zitterte, hatte versprechen müssen. Sobald jedoch die Dämmrung heranschlich, durfte sie auch von den Gegenständen ihrer Liebe sprechen, denn Frau Crescenz nahm alsdann Platz an ihrer Seite im traulichen Kämmerlein, und geschwatzt wurde von der Vergangenheit und gebaut auf die Zukunft. Wollte nun auch Estehr's Vertrauen auf diese letztere wanken, so war die fromme Hauswirthin bereit, mit unzähligen Trost- und Denksprüchen dieses Vertrauen zu befestigen, erinnerte die Zagende an die Unschuld ihres Vaters, die denn doch gewiß, wie Alles, an den Tag kommen müßte, an den Freund, den ihr die Vorsicht zugesandt, und an die unendliche Gnade Gottes, die auch an ihr sich wunderthätig erweisen werde. – »Glaube mir;« sprach die wackre Alte dann: »was auch Deine Rabbiner sagen mögen, – Ihr habt keinen andern Gott, denn wir. Er ist der Einzige der alle Mensch mit gleicher Liebe umfaßt. Es ist freilich ein Unglück, daß Du noch in den Irrthümern Deiner Glaubensbrüder verstrickt liegst, allein [190] der Herr wird Euch schon davon befreien, wann es zu Euerm wahren Heil seyn wird. Ich denke, Euerm Beschützer, der sich ja ohnehin der heiligen Kirche zu weihen hat, wird das fromme Werk Eurer Bekehrung vorbehalten seyn, und einen bessern Täufer findet Ihr niemals. Bis dahin tröste Dich jedoch mit dem Beispiele andrer Unglücklichen, die aus ihren tiefen Nöthen zum Herrn emporschreien und seufzen, je nachdem sie ihr Elend offenkundig machen dürfen, oder geheim halten müssen. Geld und Gut macht nicht glücklich, die liebe Gesundheit des Leibes sogar nicht, aber die weit bessre Gesundheit der Seele und des Gewissens, die Zufriedenheit in Herz und Haus. Sieh nur einmal die Eltern unsers ehrsamen Junkers Dagobert: Reichthum die Hülle und Fülle, und doch nicht glücklich, nicht einig.« – »Esther horchte auf, und fragte nach der Ursache. Crescentia schüttelte bedeutend den Kopf, und meinte, Gerüchte wie sie des Pöbels lügenhafter Mund ersinne, zu wiederholen, gezieme einer gottesfürchtigen Frau nicht.« – »Meine Else hat mir auch mehr des Unheils ahnen lassen, als wirklich erzählt;« setzte die Alte bei: »aber ein böser Wurm muß an dem Leben und dem Frieden der beiden Eheleute nagen. Sie sind, wenn gleich von derselben Mauer umschlossen, getrennt in ihrem eignen Hause, und der Himmel weiß, welch Unheil noch aus all den bösen Vorzeichen sich entwickeln wird. Eh, als eine treue Dienerin des Hauses, baue fest auf die Vermittlung des jungen Herrn, der wohl bald im Kleide des Friedens zwischen die beiden treten und sie versöhnen wird.« – [191] »Jawohl!« bekräftigte Esther mit schwärmerischem Ausdruck: »Er ist ja ein versöhnender Engel! ein gar holder lieblicher Diener des barmherzigsten Herrn, wie er sie nicht häufig zur Erde niedersendet.« – »Du sprichst ja fromm und zart, wie ein heiliges Buch!« bemerkte Crescenz wohlgefällig lächelnd: »Wandle fort in dieser Bahn, so wirst Du bald den Herrn in seiner reinsten Glorie erkennen lernen. Verehre immerhin den tugendhaften Junker als einen Heiligen und liebe ihn wie einen solchen. Es ist völlig in der Ordnung, daß er sich nimmer ehelich verbinden darf. Er gehört nämlich unter die seltnen Männer, die zu edel sind, um blos als Männer geliebt zu werden. Meinst Du nicht auch?« – Verschämt und stumm gab ihr Esther vollkommen Recht, insofern ihr Haupt nickte. Was aber auf dem Grunde ihres Herzens vorging, mochte sie der freundlichen Wirthin doch nicht enthüllen. Sie mochte ihr nicht entdecken, wie Dagobert so ganz der Abgott ihrer Seele geworden, wie sie sich sehne, ihn zu umfangen hier auf der Erde wie jenseits in den Himmeln. Sie mochte ihr nicht gestehen, daß selbst des Vaters Leiden nicht den Sturm in ihrer Brust erregten, als der einfache Gedanke, es möchte dem geliebten Dagobert auf seinem Zuge ein Leid begegnen. Zerrissen von herbem Kummer, und beseligt von verschwiegener Liebe verschloß Esther den Schmerz und die Lust ihrer Abgeschiedenheit in sich, um flehte täglich zu dem Gott ihrer Väter um die Erfüllung ihrer heißesten Wünsche: um Dagobert's Rückkehr, um Ben David's und Jochai's Befreiung durch des Edeln Hülfe [192] und Macht, um ungestörte Verborgenheit bis zu diesem ersehnten Zeitpunkte. Diese Verbogenheit aber konnte sie dem Geschick nicht abringen. Am folgenden Tage wurde Crescentia, da sie gerade ihrer Schutzbefohlnen das Vesperbrod gebracht hatte, durch den Klang der wohlbekannten Thorschelle abgerufen, um einen Besuch zu empfangen. Esther, deren Busen hoch schlug in der Erwartung des Geliebten, lauschte an der Treppe, ob nicht die erfreuliche Stimme des Junkers unten laut würde. Sie hörte Reden aus männlichem und weiblichem Munde wechseln, und endlich in Crescentia's Wohnstube verhallen, und bereits wollte sie, mißmuthig über die Täuschung ihres sehnsuchtvollen Herzens, in ihre Klause zurückkehren, um sich einzuriegeln, als ein leiser knisternder Schritt sich auf den Treppen hören ließ, die zu ihrem Versteck führten. Die Hoffnung erneute sich in ihrer Brust. O gewiß! dachte sie, ... o gewiß ist er zurückgekehrt, und gedenkt mich zu überraschen mit einer Fülle von Seligkeit, mit seinem wonnigen Anblick, Leise erklimmt er die Stufen, um wie eines Schutzengels Erscheinung plötzlich vor mir zu stehen; aber er soll mich vorbereitet finden. Er soll sehen, daß ich nur an ihn denke, daß meine Sinne nur nach ihm gerichtet sind, daß ich durch mein dankbares Vertrauen seines Schutzes werth geworden bin! –

Erfüllt von diesen entzückenden Gedancken beugte die Lauschende dem Nahenden über die Spitze der Treppensäule den Kopf entgegen, und blieb stehen wie ein in gebückter Stellung ausgehauenes Steinbild, da der Anblick, welcher sich ihr darbot, ihr [193] alle Kräfte zum Fliehen für den Augenblick benahm. Denn nicht Dagobert's blühendes Antlitz, umwallt von braunen Locken, – ein Rothkopf mit blassem häßlichem, aber wohlbekanntem Angesichte schaute sie an. »Ei, Schickselchen,« flüsterte der Häßliche, in welchem der abscheuliche Zodick nicht zu mißkennen war: »ei, lieb Estherchen! Sind' ich Dich endlich? O Du bös Vögelein! hast Du doch endlich nicht entkommen mögen dem Vogelsteller, der so lange hat geharrt umsonst?« – Der Mensch stand nun lebensgroß vor der Versteinerten, und gab ihr das Leben wieder, da er es versuchte, ihre Hand zu ergreifen. »Zurück! Gräßlicher!« rief sie mit vor Entsetzen halb erstickter Stimme: »Du wagst es? Diese Hand, die meine Väter ermordet, wagt's, mich zu berühren? ..« – Zodick gebot ihr mit einer halb spöttischen, halb drohenden Geberde Schweigen, und zog sie in die offne Thüre der Giebelkammer. »Laß ein vernünftig Wort finden Platz in Deinem Ohre;« ermahnte er mit leiser Stimme: »kümmre Dich nicht um das, was ich unternommen gegen Deinen Vater und Jochai. Solche Dinge gehören nicht für das Weib, und ich werde verantworten alles, so ich gethan, an jenem Tage des Zochs und der Barmherzigkeit.« – »Laß ab von mir,« seufzte Esther »wie kömmst Du hieher, ungetreuer Sohn Jakob's? welch böser Fürst des Unglücks hat Dir verrathen, wo ich athme?« – »Zwei scharfe Diener meines Willens;« entgegnete Zodick: »meine beiden hellen Augen. Beruhige Dich. Nicht von heute erst ist die Entdeckung. Ich schlich Euch nach, da Ihr diesen [194] Schlupfwinkel suchtet, Dein Buhle und, Du.« – Esther erblaßte. – »Beruhige Dich, sage ich noch einmal,« wiederholte Zodick scharf: »daß ich bis jetzo Dich nicht an die Gojim verrieth, die Deiner Freiheit Ketten schmieden möchten, sey Dir Bürge, daß ich Dich noch nicht verrathen will.« – »Lügner!« zürnte Esther. – Er fuhr jedoch kalt und gemessen fort: »Ich spreche die Wahrheit. Ich will nicht gehen gerade von hier, wenn ich lüge. Warum sollte ich auch gehässig seyn Dir, die ich zur Frau machen wollte, ehe der Goi Deine Gunst errang? Hast Du doch nicht den Christenknaben gekreuzigt, und nicht erschlagen den Friedberger. Hast Du Dich versündigt mit einem Edomiter, ist es Deine Sache allein, und Deinem Geschlechte der Treubruch angeboren. Schon Hera hat gefrevelt vor dem Gesetz. Warum nichts Du? Die Obrigkeit würde Dich deßhalb auf den Scheiterhaufen setzen, aber ich vergebe Dir.« – »Welche. Sprache?« fragte Esther entrüstet: »Bist Du gekommen, meiner zu spotten, ehe Du mich dem Henker überlieferst? Geh' oder ich rufe nach Hülfe.« – »Und bereitest dadurch Dein eigen Verderben;« ergänzte Zodick boshaft: »thue es doch ja. Es sitzt ein Gast bei der alten Beschließerin, der es nicht ungerne sähe, wenn er mit der Verführerin seines Sohns bekannt würde. Herr Diether Frosch nämlich, der Altbürger. Verloren bist Du, gibst Du einen Laut von Dir. Ich verhafte Dich dann im Namen der Obrigkeit.« – »Barmherziger, hochgelobter Gott!« klagte Esther die Hände ringend: »Entziehe mir nicht gänzlich Deine Huld! Laß mich nicht umkommen in den [195] Schlingen meiner Feinde. Oder, .. wär' es nicht besser, ich theilte die Fesseln meines Vaters, als daß ich hier noch kurze Frist athme unter der Faust des unmenschlichen Henkers?« – »Oder, ..« äffte Zodick nach ... »wär' es nicht besser, ich gäbe mich gutwillig in die Fesseln des Schultheißen, als daß ich schmachte noch länger ohne Liebeskuß und Spiel, wie eine Wittib?« – Esther erschrak mehr über die Mahnung an des Schultheißen Sinnlichkeit, als über die rohe Beleidigung, die sie aus diesem Munde erwarten mußte. Der Abtrünnige fuhr aber fort: »Bist Du klug, Estherchen, so schweigst Du, und vertraust auf meine Güte. Ich hab' es überlegt: Du bist zu schön und zu holdselig für die lüsternen Richter aus Amalek. Ich gönne Dich ihnen nicht; aber auch dem jungen Goi gönne ich Dich. Der Bube hat mich einst geschlagen mit Faust und Kolben, und das vergesse ich ihm nie, so wahr ich gedenke meines Vaters, dem das Paradies sey. Denn es heißt: ›Wer einen schlägt aus dem Volke Israel, dessen Stamm wird verdorren und sein Geschlecht ausgerottet werden mit der Schärfe des Schwerts, oder durch den Strahl des Himmels.‹ Was der Herr bös gemacht hat durch meine Hand und meinen Mund, will er wieder gut machen auf dieselbe Art. Ergib Dich mir zum Weibe, und Ben David soll nicht sterben; – auch Jochai nicht,« setzte er nach einigem Bedenken hinzu. – »Esther starrte ihn unbeweglich an und stumm empört.«

»Besinne Dich nicht lange;« fuhr er fort: »gemessen ist die Zeit. Kurz ist nur der Augenblick, der mir erlaubt hat, Dir zu nahen. Seit manchem Tage [196] umschleiche ich das Haus, aber immer liegt die Pforte im Riegel, oder das alte Weib steht daran wie der feurige Wächter am Paradiese. Die Ankunft des Herrn hat auch meine Einkehr begünstigt. Aber lange darf ich nicht weilen, sollst nicht Du verloren seyn. Entscheide also. Gib auf den Goi, dem die Hölle sey, und rede zu mir, wie die Braut zum Verlobten.« – »Unsinniger Bösewicht!« erwiederte Esther heftig, und entzog sich seinen Armen: »Welch ein Wahnsinn blendet Dich. Weißt Du nicht, daß des Scheiterhaufens Flamme mir willkommner wäre, als eine Liebkosung aus Deinem Munde? Hinweg! thue was Du willst, aber ich sterbe eher, ehe ich Dein sündlich Verlangen erwiedre.« – »Gemach! gemach!« flüsterte Zodick, dessen linkes Ohr beständig gegen die Treppe gespitzt war: »Estherchen, geberde Dich doch nicht wie die krumme Schlange.« Warum eiferst Du also? Sehe ich doch hier nichts Besondres. Du bist einst gewesen die Tochter des reichen Ben David, und ich Dich Knecht, den Du verschmähtest. Jetzt bist Du das Kind eines zum Tod verdammten armen Sünders, und ich hingegen mehr als Du; nämlich ein Christ. Die schlechte Jüdin sollte sich's zur Erde rechnen, bewirbt sich ein Bekehrter um sie. Allein sie gedenkt von liebrer Hand die Taufe zu empfangen. Ich merke das. Wie dem auch sey. Dein Sträuben hilft nichts, und nicht Deiner Schmähungen ergiebige Quelle. Bei meines Vaters Gebet und Todeskampf! Ich hole Dich heim, ehe noch des Mondes Scheibe sich füllt; magst Du mich nun erwarten, geschmückt wie die Braut, oder thränend wie das [197] gebundne Opferthier. Hoffe nicht, mir zu entrinnen, denn es heißt: »Dem Falken gehört die Welt, und meinem Falkenblick wie meinen Spähern entkömmst Du nicht.« – »Mensch!« stammelte Esther, Todtenblässe auf den Wangen: »Was willst Du beginnen in Deiner tollen Grausamkeit? Hast Du geschworen zu verderben mein Geschlecht, so ermorde mich. Kannst Du erringen Geld und Belohnung, so verrathe mich an das Gericht. Welchen Vortheil bringt Dir's aber, so Du mich quälst mit Zumuthungen, deren Gräßlichkeit mir den Tod wünschenswerth macht?«

»Närrchen!« lachte Zodick hähnisch: »Du wirst mich kennen lernen besser, denn bisher. Leb wohl, und setze all Deine Hoffnung auf mich. – Noch eins!« setzte er bei, an der Thüre umkehrend: »ich habe versprochen Deinem Vater, zu bringen von Dir ein Zeichen des Lebens und des Wohlseyns. Der hochgelobte Gott will, daß ich ihn dadurch tröste in der Nacht seines verdienten Kerkers. Gib mir den Ring Deines Fingers, oder die Flechtenspitze von Deinem Haupte, auf daß sie Zeugniß geben für mich bei Deinem Vater!« – Esther sah den Menschen lange und forschend an. »O sage mir, Zodick,« sprach sie alsdann: »rede, und sage mir, wer Du bist, eigentlich und wahr. Ob ein Abschaum der Verworfenheit, auf welchem immer die Lüge schwimmt, oder ein wahnsinniger Thor, den der Herr geschlagen, daß er die Welt unglücklich mache durch seine bösen Träume und giftigen Reden, oder aber ein cerblendeter unglücklicher Mensch, der böse handelt [198] aus Rache und Haß, und gern wieder gut handeln möchte, um seinem bessern Theile zu genügen, und dem Gesetze, und dem empörten, zagenden Gewissen? Der Erste scheinst Du zu seyn, da Du Unschuldige in den Kerker legst, und durch falsche Eide den Tod herabrufst auf ihr Haupt; als den Zweiten gibt Dich Dein Erscheinen kund in dieser Kammer, und die Reden, die Du darin ausgestoßen; aber zugleich möchte ich Dich für den Letzten halten, so Du mir betheuern könntest, daß keine Hinterlist hinter Deinem Begehren lausche.« – »Wofern ich nicht habe versprochen Deinem Vater, ihm zu bringen ein Pfand Deines Lebens und Deiner Freiheit,« hob langsam und beschwörend Zodick an, – »so will ich verkrummen und werden wie ein lahmer Wurm, der im Staube verscheidet. Die Seligkeit meines Vaters soll von ihm genommen seyn und dessen unstäte flüchtige Seele zurückkehren zu dieser Welt, um mich zu peinigen durch sieben Ewigkeiten, und alle Blutschuld von Israel und Edom falle über mein Haupt zusammen wie die Felsen von Josaphat. Also geschehe mir, wofern ....« – »Halt ein mit dem gräßlichen Schwur, der den Ungläubigsten überzeugen müßte von der Wahrheit dessen, was Du gesagt!« unterbrach ihn Esther schaudernd, indem sie mit schneller Hand eine Locke vom Haupte schnitt, und sie dem falschen Boten hinreichte: »Da; nimm, räthselhafter Mensch, der bald die Hölle selbst in sich erschließt, bald eine menschliche Regung kund gibt. Bringe den armen Gefangnen in Babylon Trost durch dieses Zeichen, und laß den hochgelobten Gott Deine Seele lenken, daß Du [199] er wachsen mögest aus dem Schlummer der Sünde, und widerrufest, was Du gelogen und falsch beschworen. Zodick!« fuhr sie fort, da er stumm und stier, wie nachsinnend vor sich hinsah, und sie dieses Schweigen für eine menschliche Rührung nahm: »Zodick! Höre mich! Noch habe ich mich nicht herabgelassen, zu flehen bei Dir; heute aber thue ich es. Höre den Jammer eines Kindes, das seinen Vater sieht sterben in Noth und Pein. Auch Du willst einst Vater werden. Laß Dich rühren das Schicksal Ben David's, Deines väterlichen Freundes. Nimm sie zurück, diese Anklage, die drei Menschen erbärmlich hinwürgt, wie schuldlos gepeinigte Lämmer.«

»Schweige!« entgegnete Zodick überrascht: »Das geht nicht; aber, Gott soll mir helfen, das Ärgste will ich treiben ab, so Du mir sagst: Massal tosch!« –

Mit einem Blicke des Abscheus wendete sich Esther ab, und der freche Brautwerber drohte ihr grinsend mit dem Finger: »Was man oft verweigert in Güte,« murmelte er spottend, »das gewährt man oft der Gewalt. Gute Feiertage, Schickselchen. Wir sehn uns wieder. Denk an mich.« –

Mit der Schnelligkeit eines Kobolds huschte der Mensch über die Treppen hinunter, und entkam glücklich, wie sich aus der Ruhe des Hauses schließen ließ. Statt seiner fand sich bald die alte Crescentia ein, und weckte Esther aus den bösen Träumen, in welche sie der Besuch des gefürchteten Zodick versetzt hatte. – »Gute Esther,« sprach die Frau, nicht ohne eine kleine innere Bewegung zu verrathen: »ich bitte Dich, ja recht ruhig Dich hier oben zu verhalten,[200] damit Deine Unwesenheit nicht kund werde.« – Nun erst fiel Esthern der Besuch des alten Diether ein, und aufschreckend fragte sie: »Bin ich entdeckt? Hat mich Herr Frosch ausgekundschaftet?« – Crescenz schwieg ein wenig betroffen, dann entgegnete sie: »Ei, ei, Mägdlein, wie kannst Du wissen, daß Herr Frosch der Altbürger hier gewesen, wenn Du nicht gelauscht hast an der untern Treppe? Diese Neugierde ist euch Juden angeboren, hätte Dich aber diesmal in große Gefahr bringen können. Der alte Herr war ohnehin so aufgeregt und unwirsch, ... und wenn er vollends Dich gesehen, – erfahren hätte, wen ich hier ohne sein Vorwissen beherberge .... – beim Stöcker säßest Du, und ich wäre um den kommlichen ruhigen Dienst.« – Esther erwiederte nichts, da sie es nicht gerathen hielt, den gehabten Besuch anzuzeigen, und die geschwätzige Crescenz fuhr fort: »Zum Glücke hat es diesmal nicht Dir gegolten, Du mein armes neugieriges Heidenkind; aber neue Hausbewohner hat der Herr auf den Schellenhof gebracht, und da dieselben gerade unter dieser Giebelstube ihren Sitz aufgeschlagen haben, so empfehle ich Dir leise Socken und ein hübsches feines Schweigen.« – »Neue Hausbewohner?« fragte Esther: »Herr Diether Frosch hat sie gebracht?« – »Jawohl;« seufzte die Alte, und schlug, achselzuckend gen Himmel sehend, ein Kreuz: »Die Welt wird immer böser und verdrossener von Tag zu Tage. Komm' ich mir doch beinahe vor, wie der Gefängnißwärter hüten, die man in der Stadt nicht wohl aufheben mag.« – Esther seufzte [201] tief auf. – »Nu, nu,« fuhr die Alte fort: »das soll Dir nicht zum Gehör geredet seyn, mein Däuschen. Du bist, abgerechnet, daß Dein Vater ein Jude ist, wofür Ihr beide, er und Du nichts könnt, ein seines reines Mägdlein, und ich wollte auf Deine Ehrbarkeit einen Eid schwören, blos allein, weil Junker Dagobert Dich seines Schutzes würdigt; allein die da unten ist nicht mehr rein wie der Schnee und die Apfelblüthe an meinen Bäumen, und ich wollte alles verwetten, daß in ihr der Grund alles Zwiespalts im Froschiachen Hause aufzusuchen ist.« – »Wer ist diejenige, von welcher Ihr sprecht?« fragte Esther. – »Die Magd ist's, die so eben der alte Diether hieher geleitet, und sammt einem holden Töchterlein in meine Verwahrung gegeben hat, bis auf weiteren Befehl. Er nimmt Antheil und Sorge an dem Töchterlein, sagt er, und ich glaube es wohl, denn man müßte blind seyn um nicht die Wahrheit zu errathen. Er findet es nicht gerathen, das Mägdlein und deren Mutter in seinem eignen Hause zu beherbergen. Das meine ich auch, sintemalen die Hausfrau daselbst das Regiment führt, und solche vom Himmelgefallene Kinderleins mit scheelen Augen ansehen würde. Da soll denn nun mein guter ehrlicher Schellenhof das Nest seyn, wo fremde Eier, Kuckuckseier, verwahrt werden mögen.« – »Aber, was bedeuten denn diese Reden?« fragte Esther: »was meint Ihr damit?« – »Daß den alten Herrn der Leidige zu unrechter Zeit geblendet hat,« eiferte die fromme Crescentia; »und daß hier die Schande verborgen werden soll. Meinethalben; ich bin eine [202] alte Magd, und mich kümmert nicht, was die Herrschaft thut oder läßt; ich sehe daher auch ganz ruhig zu, und will, – dem Befehl des Herrn zu folgen, sogar mich bezähmen, und die Dirne, die gleichmüthig dasitzt wie die Unschuld selbst, nicht einmal ausfragen, sondern die Sachen gehen lassen, wie sie eben können, aber, wenn die ehrsame Frau heraus kömmt, wie sie in jedem Frühling ein Paarmal zu thun pflegt, und mich die Stuben aufsperren heißt, und die ganze Bescheerung sieht, dann wasche ich meine Hände in Unschuld, und dem alten Herrn von sechzig Jahren und darüber, dem ich stets etwas Besseres zugetraut hätte, geschieht dann recht. – Aber,« setzte sie, plötzlich leicht erröthend hinzu: »da bemerke ich so eben, daß ich in der Fülle meines Herzens und meiner Gedanken alles herausgesprochen habe, was ich mir als Wahrheit einbilde. Das will sich für eine alte treue Wächterin nicht wohl geziemen. Du magst es jedoch der Geschwätzigkeit des Alters zu Gute halten, und es wieder vergessen. Besonders empfehle ich Dir, gegen den Jungherrn bei dessen Rückkehr nicht das geringste merken zu lassen, denn Kinder müssen nichts erfahren von den Verirrungen ihrer Eltern, selbst nicht einmal so würdige und wackre Söhne, wie Junker Dagobert.« –

Als die Alte hinweggegangen war, setzte sich Esther in einen Winkel, und machte ihrem gepreßten Herzen durch einen Strom von Thränen Luft. »Wie unglücklich bin ich!« klagte sie still und leise vor sich hin: »Und wie kommt es, daß mir jetzt gerade einfällt das wahrsagende Wort, so einst der Altvater [203] Jochai zu mir gesprochen, da er mich warnte vor der Hinneigung zu den Bekennern des Gekreuzigten? Hat er nicht damals vor meinen Augen gestellt das Schicksal der Engel Asa und Asael, denen es gelüstete nach Bräuten der Erde? Seit Jahrtausenden schweben die Armen zwischen Himmel und Erde, wo sie aufgehängt hat in seinem Zorn der eifrige und hochgebenedeite Gott. Und ihr Schicksal ... ist es nicht das Meine? Einer Liebe hingegeben, die bald wie eine sanfte Glut mein Innerstes erwärmt und veredelt, bald aber wie ein ungeduldig Feuer meine Seele quält und anschmiedet an einen Gegenstand, der unstät und rastlos sich immer meiner Sehnsucht entzieht, bin ich bald niedergezogen zur Tiefe, bald schwebe ich auf zur Höhe der Himmel. Die Pflicht ruft mich gebieterisch auf die Schwelle wenigstens des Kerkers, in welchen meine Väter athmen, da die rohe Willkür mir das Glück versagt, ihn mit denselben zu theilen; die Liebe aber hält mich hier in diesem engen Raume zurück. Ihr vertrauend, die mir Schutz und Beistand den Meinigen verheißt, überlasse ich Jochai und Ben David ihren Leiden. Wird aber dieses Vertrauen sich erfüllen? Wird denn der Freund erfüllen können, was er zu erfüllen wünscht? Reißt mich daß Verweilen auf dieser Stätte nicht endlich auch in den Abgrund, aus welchem ich meinem Vater nimmer emporreichen werde können die rettende Hand? O Mutter, welcher das Paradies sey, und die Palme des ewigen Friedens, Mutter, erinnere Dich, wenn gleich ein abgeschiedner Geist, Deiner Tochter, und leiste Hülfe! Ureiniger Gott, [204] zu den Jakob's Söhne beten, wie die Verehrer des Menschgewordnen, schütze Du den edeln Mann, den ich ehre wie einen Seligen und Gesegneten des Herrn, daß er bald zurückkehre, und durch seine Kraft und Großmuth das Truggewebe zerreiße, das meines Vaters Unschuld, unser aller Geschick umhüllt! Schon drang der Verrath über diese Schwelle; wer weiß, wie lange der verbrecherische Unhold seine Drohungen aufschiebt? Wer weiß, ob mich nicht vielleicht der nächste Tag verrathen und verkauft in den Händen der Feinde sieht? Ich möchte fliehen, und wage es doch nicht. Wie entkomme ich den Kundschaftern des Unseligen, die vielleicht hinter jedem Baume lauern? Wohin könnte und dürfte ich entfliehen? Wo lebt der Mensch, der mich aufnehmen, .. wo ist die Veste, die mich schützen würde? Wo weilt er, der einzige Hort, auf den ich baue? Kann meine angstvolle Stimme ihn rufen über Berg und Thal? Hört denn sein Ohr den flüchtigen Schritt meiner Sohle? O, daß meine Klage ein Zauberspruch wäre, der ihn fesselte, und herbeizöge mit unwiderstehlicher Gewalt; daß der hochgelobte Gott die Schwester doch wieder in seine Hand gegeben hätte, damit er Zeit gewinnen möge, an seine unwürdige Magd zu denken! Welche Leiden ich auch schon erduldet habe, – welcher Kummer mir auch noch bevorstehen mag, seine Nähe allein dünkt mir schon ein Balsam für alle Wunden, die das Schicksal schlägt. Und meine allzugefällige Einbildungskraft gaukelt mir nur zu oft eine schmeichelnde Täuschung vor. Pocht mein Herz bang und ungeduldig, so höre ich den Hufschlag seines [205] geschwinden Rosses. Zittern meine Pulse, so vernehme ich seinen nahenden Schritt. In den Glocken, die gerade jetzt herübertönen aus der Stadt, spricht seine anmuthige Stimme, aus dem Abendroth dort an den Bergen schaut sein freundlich Angesicht. Ungeduldig berge ich mich hinter diesen Riegeln, da ich doch von jenen Höhen den geliebten Namen ausschreien möchte durch die Welt. Zürnend sieht mein Auge jenes verschlossene Fenster an, das mir die Aussicht nach der Heerstraße verbirgt, auf welcher er daher ziehen wird. Wenn er käme, jetzt käme, im Andrange der höchsten Noth! Wenn ich ihm könnte entgegeneilen auf den Flügeln des Auges, um ihn zu begrüßen, schon im fernen Dämmerschein? Warum nicht jenes Fenster, das unnütze Vorsicht verschloß, kann eröffnen die muthige Hand. Vom Aufgange kommt alles Gute, alles Wahre. Vom Sonnenaufgange her sieht der hochgelobte Gott in unsre Tempel; von dort muß auch Dagobert wieder heimkehren!« – Kühn schlug ihre Hand den verschloßnen Laden des Fensterleins auf, und ihr Blick suchte unter den Rosen, die der Niedergang dem blaudunkeln Osten zuwarf, den Geliebten. Umsonst! Leer war und blieb die Straße. Längs der Gartenmauer jedoch kroch ein Mann schwer und unbehülflich am Straßenrande hin, beschäftigt, wie es schien, Kräuter zu sammeln im thauigen Abendschein. Zufällig richtete sich auf ihn Esther's Auge, – zufällig blickte er zu dem klingenden Fenster empor, – und schnell fuhr das Mädchen zurück. Es war der Judenarzt Joseph, [206] der dort unten verkehrte, und Esther flehte zum Himmel um die Gnade, von dem Gefürchteten nicht erkannt worden zu seyn.

10. Kapitel
Zehntes Kapitel.

»Komm, Alte, komm, erzähle uns ein Mährlein!« Gern, liebe Püppchen; werdet Ihr aber auch das Grausen vertragen können? Wer kein gut Gewissen hat, setze sich vor die Thüre, und bete indessen ein Vaterunser!

Kindermährchen.


Das Schloß Neufalkenstein, der Sitz des Ritters Bechtram von Vilbel, hatte seit Langem nicht so viel Geplauder und Gelärm in seinen Mauern gefaßt, als seit der Zeit, da der Graft von Montfort dem Besitzer einen Besuch abgestattet, und demselben aufgetragen hatte, das schöne Fräulein von Baldergrün von der Heerstraße wegzufangen, zum schuldigen Dank für so manche Unbill, die der Graf zur Zeit, da er um das Edelfräulein warb, hatte ertragen müssen. Dem in dergleichen Aufträgen geübten Bechtram, welcher, nachdem er lange Jahre hindurch der Hauptmann der Reichstadt Frankfurt in Ehren und Frieden gewesen, vorgezogen hatte, das unedlere Gewerbe der Wegelagerei wieder zu ergreifen, war des Grafen von Montfort Aufgabe über alle Maßen trefflich gelungen, und die Beute richtig geworden. Ein solcher Fang warf zu viel an Gewinn ab, und [207] war überhaupt so selten in der Rechnung der Herren vom Stegreif, als daß sich die Letztern nicht hätten etwas zu Gute thun sollen. Bechtram mit seinen Genossen bankettirte Tag aus, Tag ein, was doch sonst seine Sache nicht war; seine Hausfrau hatte alle Hände vollauf zu thun, um ihre Gäste zu bewirthen, und Wallrade hatte in ihrem männlichen Geiste mit überraschendem Scharfblick den Standpunkt erfaßt, von welchem sie ohne weitere Demüthigung in das Gewühl um sie her herniedersehen konnte. So finster es auch in ihrem Innern wogte, so heiter und glatt hatte sie die Stirne gelegt. – Nicht die Gefangene schien sie zu seyn, – preisgegeben der harten Willkür räuberischer Wächter; – eine Fürstin vielmehr, die sich es gefallen läßt, auf kurze Zeit von dem Gipfel ihrer Größe in's gemeinere Leben herniederzusteigen, und durch ihre Gegenwart das Haus eines ihrer ärmern Wasallen zu beglücken. Den Zwang, der sie drückte, wußte sie unvermerkt in den Hintergrund zu drängen, und zu ihrem Diener zu machen, daß es den Anschein hatte, als sey jede Beschränkung ihre freie Wahl. Sie sah auf den Lippen oder der Stirne ihrer Hüter keinen Befehl, keinen Wunsch schweben, den sie nicht plötzlich errathen, und zu ihrem eigenen Willen gemacht, ihn also geäußert hätte. Sie vermochte es über sich, dem ganzen Abenteuer eine scherzhafte Seite abzugewinnen, und dann und wann mit feinem Spott ihren Umgebungen merken zu lassen, daß der ganze Vorfall ihr nichts weniger, als wichtig erscheine, sondern im Gegentheile kurzweilig und ergötzlich, da er über Kurz [208] oder Lang dennoch ein für sie erwünschtes Ende nehmen werde. Mit verächtlicher Kälte hatte sie ihre Kleinodien und ihre Baarschaft den Räubern hingegeben, mit unbefangner Ruhe hatte sie es mit angesehen, da Frau Else, Bechtram's Hauswirthin, ihre breitschultrige, unangenehme Gestalt mit diesen Kostbarkeiten geschmückt, und sich ihr also geputzt wie in höhnendem Scherz vorgestellt hatte. Den derben Übermuth des Burgherrn und seiner Freunde vergalt sie eben so mit unempfindlicher Derbheit, des Leuenberger's und Petronellen's schadenfrohen Spott mit schalkhaften Antworten, die die Lacher auf ihre Seite brachten; und stand im Ganzen genommen da, nicht wie ein eingekerkert schwaches Weib, sondern wie ein zu Schutz und Trutz gerüsteter Kämpfer, der keine Blöße gibt, ohne die des Gegners zugleich zu treffen. – Je unerwarteter dieses Benehmen den Innsassen und Gästen Neufalkensteins war, je weniger verfehlte es seinen Zweck, und die kräftige Wallrade hatte die Genugthuung, bald den Erfolg zu beobachten. – Bechtram, sein Weib und seine Gesellen, rauhe Menschen, wie das wilde Leben in Fehde, Forst und abgeschiedner Veste sie zu gestalten pflegt, hätten die stillduldende Sanftmuth einer Unglücklichen unerbittlich zu Boden getreten; aber der unduldsame Trotz, die kecke Widerspenstigkeit und Spottsucht Wallradens erschienen den Harten als Eigenschaften, eines bessern Schicksals, wie einer günstigern Behandlung würdig. Bechtram lächelte, wenn das Fräulein ihn einen grauen Taugenichts, seine Veste ein Raubnest schalt. Else duldete scherzend den Spott, welchen [209] die gezwungne Gastfreundin über ihre unschmackhafte Küche aussprudelte. Der wilde Hornberger gerieth in Entzücken, sah er Wallraden auf dem Rücken seines Gauls, dessen Koller sie mit aller Kraft eines Mannes im wenig geräumigen Zwinger bändigte. Der schielende Doring, der wüste Reifenberger, der dicke Henne von Wiede, – Bechtram's Gefährten – so wie der ab und zu fahrende Eppsteiner bemühten sich um die Wette, das in Haft liegende Fräulein durch kurzweilig Gesprächsel zu vergnügen, oder durch ein Spiel im Brette, oder durch ein vom Zuge mitgebrachtes Geschenk. Der Leuenberger legte nach und nach, von Stunde zu Stunde, mehr von der Schroffheit ab, die er gegen seine Stiefnichte geäußert hatte, und wandelte sein Betragen in eine gewisse tölpische Höflichkeit und Augendienerei um, die von Wallraden nicht unbemerkt, so wie von allen Übrigen nicht ungeneckt blieb. Die Base Petronella endlich, verblüfft von dem ungezwungnen und freien Benehmen Wallradens, hatte so ziemlich ihre beißende Zunge zur Ruhe verwiesen, und ihren gewöhnliche Standpunkt eingenommen; nämlich den einer Zeitvertreiberin, weil ihre Mährlein und Schnurren weit und breit in den adelichen Genossamen der Gegend guten Klang und Ruf hatten. Frau Else liebte das Erzählen im traulichen Kreise, und Wallrade forderte oft selbst die Muhme dazu auf, wenn sie den Zudringlichkeiten des Leuenbergers ein Ende machen wollte. War die Alte dann im Zuge, so entfernte sich Diether's Tochter gewöhnlich unvermerkt, und erklimmte den Wartthurm, wo sie sich zwischen den [210] mächtigen Zinnen niederließ auf die Steinbank, in die weite Luft hinausstarrte, und ihren stürmischen, mit übermenschlicher Kraft zurückgepreßten Gefühlen den Lauf ließ. Der Thurmwächter, der seiner tauben Ohren halber aus den Reihen der reisigen Knechte in die Höhe verwiesen worden war, wo seine scharfen Augen noch gute Dienste zu leisten vermochten, saß dann gewöhnlich vor der Öffnung, die auf des Thurmes Platte seinem elenden Schlafwinkel als Thüre und Fenster diener, und schneiderte an den Kleidern der Burgleute, oder kämmte seinen Hund, und begriff nicht, wie sich das schöne gefangne Fräulein so ganz allein zu unterhalten vermöge auf der einsamen Warte. Wallrade legte aber die glühende Stirne an die kalten Steine, und blickte hinaus gen Frankfurt, von wannen immer noch kein Retter nahen wollte. Immer noch war es ihr nicht gelungen, eine Botschaft den Vater zu senden; von Tag zu Tage verzögerte sich ihre Befreiung. Unwillig klagte sie den Himmel an, daß er sie, gleich wie auf einem Siegerzuge, aufgehalten, während sie im Begriff gestanden, des Unfriedens und der Zwietracht höchstes Maaß über das Haupt des Vaters und der Stiefmutter auszugießen. Unwillig fragte sie die Vorsehung, wie lange sie noch hier zu verharren habe in einem Zwang des Willens und der Empfindung, der ihr an's innerste Leben zu greifen begann, trotz Verstellung und Standhaftigkeit. Zagend und zürnend zugleich gedachte sie des Augenblicks, in welchem der Graf von Montfort; – dessen Zuthun bei der verwünschten Begebenheit sie leicht errieth, wenn gleich[211] Bechtram seinen Namen nicht auszusprechen wagte, – auf der Veste erscheinen und durch seine Gegenwart die durch seine Unritterlichkeit Gefangene am tiefsten demüthigen würde. Allein, wie sehr sie auch klagte, zürnte und zagte, der Zeitpunkt ihrer Erlösung lag immer noch ferne, denn ein geheimnißvoller Schleier bedeckte vor jedem fremden Auge die auf Neufalkenstein verwahrte Beute. – Der Aufenthalt der von Gelnhansen geladenen Gäste hatte bereits mehrere Tage gedauert, und Wallrade, von trüben Gedanken in ihrer engen Kammer gepeinigt, war gerade nach dem Imbis zu dem Wartthurm emporgestiegen, um die laue Frühlingsluft in ihrer klaren Reinheit zu trinken, und ruhiger zu werden. Der Weg, welcher unfern der Veste vorüberlief, war leer und öde wie immer, seitdem die Nachbarschaft von Bechtram's neuen Unternehmungen vernommen hatte. Ein frischer Luftstrom erquickte aber Auge und Stirn der Gefangenen, und ihr Blick schweifte kühn über die Höhen und Ebenen, über Gewässer und düstre Tannenwipfel, und senkte sich tief in das Innere der kleinen, zu ihren Füßen liegenden Veste. Ihr Herz ergrimmte auf's Neue, da sie jetzt erst wahrnahm, wie gering und unbedeutend der Kerker war, der sie einschloß. Der an und für sich nicht sehr ergiebige Raum war von dem Erbauer haushälterisch benützt worden. Ein tiefer Graben umschloß die unregelmäßig gebaute Veste, deren Eingang ein schmales Thor, blos für einen Mann zu Pferde breit und hoch genug bildete. Zugbrücke und Pforte verschloß diesen Eingang beständig, wie eine von aller Welt abgeschnittene [212] Klause. Hinter den dicken, am Graben emporragenden Mauern schlängelte sich der enge Zwinger, in welchem Knechte und Pferde und Hunde, sammt dem geraubten Zug- und Melkvieh ihre Hütten und Ställe fanden. Eine elende Waffenschmiede, in welcher die auf Raubzügen zerhacken Blechhauben und Drahtwämser nothdürftig zusammengeflickt wurden, streckte hier ihren rauchenden Schlot. Dicht daneben hatten die Burgleute zu ihrem Vergnügen eine bald zum Armbrustschießen, bald zum Regelschieben benützte Bahn angelegt; der einzige Fleck, auf welchem allenfalls ein Roß zugeritten werden konnte. Wer aus diesem Zwinger in das Innerste dringen wollte, mußte durch ein niedres, von schwerem eichenen Gegatter fest verschloßnes Pförtlein kriechen, hinter welchem der enge finstre Hof das Wohngebäude des Herrn einfaßte, zu dessen, ungefähr acht bis neun Schuhe von dem Boden erhöhten Schwelle eine in Klammern gehängte Holztreppe führte, die im Nothfall weggenommen werden konnte, um einem Feinde oder einem Räuber den Eingang zu den Schätzen und Vorräthen des Hauses unmöglich zu machen oder mindestens zu erschweren. In dem Hofraume schnatterte und lärmte des Federvieh's bedeutende Menge, rauchte der Ofen, in welchem die thätige Hausfrau das Brod bereitete, umfangen von hohem, rußigem Gemäuer, das in die Fensteröffnungen des Erdgeschosses der Burg nur den bleichsten Strahl des Tages eindringen ließ. Und dennoch waren hier die Räume, in welchen die Geschäfte der Wirthschaft und des Hauswesens verrichtet werden mußten. Hier war [213] die Halle, welche den mächtigen Herd in sich faßte, und den in tiefer Schlucht quillenden Brunnen der Veste, und den Eingang in die unterirdischen Waarenkammern und Weinkeller des Hauses, so wie die Treppe zu den obern Gemächern, deren zwei sich in der Burg befanden, in eben so vielen Stockwerken vertheilt. Das erste, zu welchem die Wendeltreppe führte, – das Gemach der männlichen Bewohner, – zugleich die größte Stube der Veste, in welcher Trinkgelage und Mahlzeiten gehalten wurden, nahm den ganzen Raum des Stockwerks ein, eine Kammer ausgenommen, in welcher auf Stroh- und Rohrgefüllten Säcken, überdeckt mit Wolfs- oder Bärenfällen die Männer des Schlafs genossen, umgeben von ihren Gewändern, Waffen und den Satteln ihrer Pferde. Stieg man die fortlaufende Wendeltreppe empor, so gelangte man im zweiten Stockwerke zu dem Gemach der Frauen, das, wenn gleich zierlicher geputzt, als das der Einrichtung hatte. In jedem der vier ziemlich breiten aber niedern Fenster zwei steinerne Ecksitze, an den Wänden fortgehende Bänke mit Polstern; in jedem Winkel des Gemachs ein schwerer Schwenktisch oder Kleiderschrein, geschmückt mit glänzendem Schloß und zierlich geputzten Kürbissen und Pfauenfedersträußen, Truhe und Spinnrocken und Garnwinde nicht zu vergessen. Vorspringende Erker von kleinen Schartenfenstern erhellt, enthielten die Lagerstellen der Frauen des Hauses, und der längs der Vorderseite des obern Stockwerks hinlaufende Söller bot ihnen eine willkommne Stelle dar, um in freier Luft zu arbeiten, [214] zu beten, zu plaudern, oder in stiller Unthätigkeit dem Treiben und Leben des Taubenvolks zuzuschauen, das oben an des Schlosses Zinne seinen Schlag besaß, und auf und nieder flatterte an den steil gezackten Giebelseiten des bunten Ziegeldachs. Rings um war oben die Aussicht frei, nur an der Seite nicht, wo der lange und runde Wartthurm in die Höhe strebte, welcher aus dem Gemäuer des innern Hofraums entsprang, – in seinem Erdgeschosse die enge und kleine Kapelle der Burg enthielt, und drei Stockwerke zählte, bis zu der Zinnen räumlicher Krone, drei Verließe enthaltend, von welchen das oberste des Lichts genoß, das mittlere einer milden Dämmerungshelle sich erfreute; das unterste aber, zu welchem nur ein rundes Loch den Eingang bot, tief hinabging in schaurig dunkle Gruft, wohin blos die ferne Stimme des in der Kapelle die Messe singenden Priesters drang, da der schreckliche Schlauch des Verließes dicht hinter dem Altar sich abwärts senkte. Auch dieser schwache Trost war jedoch zu gegenwärtiger Zeit dem Unglücklichen versagt, der vielleicht diese Schreckensgrüfte bewohnen mußte. Der Herr dieser Behausung, welcher weiter nichts Merkwürdiges als das schon Berührte aufzuweisen hatte, war in den Kirchenbaum gethan worden; der Pfaffe, der den Kapellendienst im Schlosse versehen hatte, war ausgeblieben, und dumpfiges Schweigen herrschte Tag und Nacht in dem verödeten Kirchlein, wie der Staub auf seiner Glocke. Wallrade wußte nicht, ob das unterste Verließ des Wartthurms, auf dem sie stand, einen Gefangenen barg; aber daß im mittlern Stockwerke [215] des Erkergebäudes Menschen in Haft lagen, war unbezweifelt, da von Zeit zu Zeit, trotz dem dicken Gemäuer und den schmalen Luftluchen klagende oder singende Stimmen herausdrangen, nur hörbar für den auf der Thurmspitze aufmerksam Lauschenden. Im Vergleich mit diesen armen, zwischen düstern Wänden eingesperrten Leuten mußte Wallrade freilich ihr Schicksal glücklich preisen, und sie that es auch, so lange ihr Auge Erholung suchte in den freien Himmelsräumen. Sah sie jedoch hinab in die enge Veste, welcher sie dennoch nicht entrinnen konnte, da wollte ihre Brust beinahe zerspringen. Montfort hätte keine bitterere Qual für sie ersinnen können, als den Verlust ihrer Freiheit; und alles Gold der Welt hätte sie für die Erlaubniß gegeben, einen jener Renner zur Flucht besteigen zu können, die so eben im Zwinger zu einem Zuge fertig gemacht und gezäumt wurden. Die Knechte der Burg, vielleicht ein Dutzend an der Zahl, krochen gerüstet aus ihren Hütten, und jagten sich, plumpe Scherze treibend, auf dem Rasen umher, während der Schmied die Hufe der Rosse besichtigte, und in Eile zusammenpfuschte, was verdorben war, oder nicht mehr halten wollte. Mittlerweile traten die Herren des würdigen Trosses aus der Gatterpforte: Bechtram mit seinen Gefährten. Ihr Anzug verrieth deutlich, daß sie nicht zu einem Lustritt gingen. Bewaffnet bis an die Zähne stiegen sie zu Pferde, winkten der Hausfrau, die dem scheidenden Gatten noch die Hand durch's Gatter reichte, ein Lebewohl, und zogen durch das schmale Thor über die schwankende Brücke in's Freie. Der Leuenberger, [216] der zur Bewachung des Hauses zurückgeblieben war, ertheilte dem Thorwächter die nöthigen Befehle zur Verschließung der Burg. Die Brücke ging knarrend in die Höhe; die wenigen zurückgebliebenen Burgleute gingen an ihr Geschäft, oder an das zeitvertreibende Spiel, und die ausgezogenen Männer waren noch nicht an die Spitze des Tannenbruchs gelangt, als schon in der Veste wieder eine Ruhe herrschte, gleich der des Grabes. Es währte indessen nur kurze Zeit, so kamen rasche Tritte den Thurm herauf, und der gegenwärtige Schirmvogt der Veste stand plötzlich vor Wallraden. Das Gefühl und Bewußtseyn des wichtigen Amts, das er in diesem Augenblicke zu bekleiden erkoren war, sprach aus seiner Haltung und seinen Zügen. – »Beschäftigt, alle Räume des mir anvertrauten Schlosses zu besichtigen,« sprach er mit widerlichem Lächeln, – »muß ich doch auch sehen, wie und wo sich meine werthe Gefangene befindet.«

»Sie lugt hier nach dem Zuge der freien Lerchen,« entgegnete Wallrade ebenfalls lächelnd: »und kann nicht begreifen, wie sich diese holden Sänger diesem finstern Thurme nähern mögen, in welchem die Knechtschaft weint.« –

»Ei, was kümmern Euch die Knechte im Thurm?« versetzte Veit mit einer plumpen Verbeugung: »Ihr seyd die Herrin von Neufalkenstein, mehr denn Frau Else selbst.« – »O spart Euer höhnisch Schmeichelwort,« erwiederte Wallrade leicht, »und vor Allem laßt ja dergleichen Frau Else nicht hören, Ihr [217] wißt, sie versteht nicht lange Scherz, und ist eifersüchtig auf die Oberherrschaft.« –

»Wie ich auf einen Blick von Euerm holden Augenpaar;« fügte Veit wie oben bei. Wallrade zuckte die Achseln, und gab sich die Miene, seinen Worten keinen Glauben beimessen zu wollen, daher nahm der Leuenberger seine Zuflucht zu Betheuerungen. – »Pest und rother Hahn!« rief er: »Schönes Fräulein, ich will den Hals brechen zur Stelle, wenn ich eine Lüge spreche. Ich würde lügen wie ein Schelm, wenn ich sagen wollte, daß ich Euch von Anbeginn gern gesehen, aber das Wohlwollen, und – laßt es mich heraussagen, – die Liebe nistet sich ein, ohne daß man's vorher sieht, oder geradezu merkt. Das wißt Ihr auch gar wohl, denn Ihr seyd ein verständig Frauenbild, und könnt unterscheiden, was blanke Zierhöfelei ist, was Ernst und baare Münze.« – »Guter Leuenberger,« erwiderte Wallrade: »die Männer sprechen alle auf diese Weise, wenn sie ein Frauenherz zu berücken suchen.« – »Pah,« lachte Veit: »Zeit meines Lebens habe ich mich noch nie damit abgegeben, Weiberherzen zu kirren, und habe das Falkenabrichten immer der Minne vorgezogen. Wie man einen Stoßvogel zähmt, weiß ich; aber nicht, wie man ein Weib gewinnt.« – Wallrade gab ihm in ihren Gedanken völlig recht. Er fuhr jedoch fort: »Hier ist der Spieß umgekehrt. Ihr habt mich berückt, ob ich gleich bis auf den heutigen Tag mein Herz bewahrte, und ob Ihr gleich meine Stiefnichte seyd.« – »Ihr schreibt mir einen großen Sieg zu;« versetzte Wallrade scherzend, aber[218] einen der gefährlichsten Blicke hinzufügend, deren sie nur Meister war. Dieser Blick ermuthigte den unbeholfnen Ritter, in seiner Herzensergießung fortzufahren. – »Mich soll der Schwarze reiten, hier vor Euren Augen,« sprach er, »wenn, was ich sage, nicht mein voller Ernst ist; wenn ich Euch nicht verehre, wie eine Nonne ihr Muttergottesbild. Ich habe in meinem Leben noch vor keinem Strauß gezittert, und bin auch jetzo zu jeder Probe bereit, die Ihr mir auferlegen wolltet, um meine Treue zu erwahren. Vergebt mir: ich rede sonst nicht viel mit Weibern, aber heute, und Euch gegenüber bin ich in den Zug gekommen. Ihr wißt jetzt mein Geheimniß, von welchem ich nicht einmal der Base ein Sterbenswörtlein verrathen habe. Erwiedert mein Vertrauen mit dem Eurigen. Laßt mich wissen, ob ich vielleicht hoffen dürfte.« – »Eure Rede wird sehr dringend und ernstlich;« meinte Wallrade, eine Aufmerksamkeit verrathend, die des liebetrunknen Junkers Glut anfachte. – »Wenn Ihr nur endlich das Ernstliche einseht;« rief er: »Kreuz und Stein! Wie soll ich's anfangen, deutlicher zu reden? Ich denke, mit einem Wort, so gut als Euer Vater und meine Schwester ein Paar werden konnten, – so gut könnten wir's auch werden, und sollte die Verwandtschaft ein Hinderniß machen wollen, so martre ich einen Pfaffen so lange, bis er einen Dispens herausgibt, gültig wie einer von Rom.« – »Ei, Ihr sprecht ja ruchlos, wie ein böhmischer Ketzer!« rief Wallrade scherzhaft: »Nimmer werdet Ihr mich von der Wahrheit einer Liebe überzeugen können, die sich so gotteslästerlich [219] ausdrückt.« – »Pest und rother Hahn!« eiferte der Leuenberger, heftig mit seinen braunen Händen die Luft sägend: »Fordert eine Probe meiner Liebe, – mehr kann ich ja doch nicht thun, als Euch die Wahl lassen. Soll ich den tauben Hund von Wächter, der dort wie ein Klotz auf der Matte kauert, und in die Ferne stiert. Kopf über Kopf unter vom Thurm werfen? Oder soll ich mich mit Dreien raufen auf Leben und Tod? Oder soll ich in Frankfurt einreiten, trotz dem Stadtbann, in dem ich liege, und mich wieder herausschlagen, und das Dintenfaß des Stadtpfaffen vom Römer mit heimbringen? Gebietet; was Ihr wollt, soll geschehen, und wenn sich der Satan dreimal dazwischen legte.« – »Ihr stellt Euch Aufgaben, allzuschwer, als daß ich Euch beim Worte neh men könnte;« entgegnete Wallrade; – »und gerade durch solches Überbieten in Gefahren, die Ihr bestehen wollt, macht Ihr mich mißtrauisch. Kann ich an die Liebe des Mannes glauben, der, um mir zu gefallen, Andre mordet; mich selbst jedoch, ohne vor Schaam und Unwillen zu erröthen, in dem Schlamm der Demüthigung sehen kann? Wie mögt Ihr, ein freier adelicher Mann, Euch ein gefangen Liebchen wählen, das Ihr doch nicht erlösen wollt? Ihr fordert, daß ich Euer Herz prüfe. Wohlan; geht hin, öffnet mir die Pforte dieses Kerkers, löst meine Fesseln, und dann bewerbt Euch um meine Gunst. Oder, – thut das Leichtere: meldet nur meinem Vater den Ort meiner Gefangenschaft, und dann – nachdem ich in seine Arme zurückgekehrt, – dann fordert meine Hand.« – Der Leuenberger schwieg [220] eine Weile betroffen, während Wallrade den scharfen Blick auf ihn heftete. Verlegen spielte er mit den Knöpfen seines Ärmels, strich sich den Bart und kaute an den Lippen. »Edles Fräulein,« – sprach er endlich bedächtig: »Was Ihr verlangt, geht über meine Kräfte. Wir Edelleute halten fest an unserm Wort, und Bechtram hat das Meine; und von Euerm Vater vollends erwarte ich nichts als Undank. Er würde mir zehnmal eher vor dem Gallusthor zu Frankfurt Nase und Ohren abschneiden lassen, als mich in seiner Sippschaft aufzunehmen.« – »Ich weiß nicht, in wiefern Herr Diether Euch gehässig ist;« erwiederte Wallrade seufzend; »allein ich dächte, auch meiner Dankbarkeit solltet Ihr in etwas vertrauen.« – Der Blick, den sie bei dieser Rede auf Veit's Antlitz warf, sollte heftiger zünden, als die vorigen, aber seine Kraft prallte ab, an der Scheu des Leuenberger's vor Bechtram's Rache und Diether's gegründetem Haß. – »Ei was!« brummte er: »Eure Haft kann ja doch wahrlich nicht ewig währen. Hat Bechtram vom Montfort erst erhalten, was er will, liegt ihm ferner nichts daran, Euch zu füttern. Dann wäre es an der Zeit, meinen Wünschen zu genügen, und eine fröhliche Ritterehe zu schließen, zu welcher man nichts braucht, als einen Bettelmönch, der den Segen gurgelt, und ein stilles, sichres Kämmerlein. Was sagt Ihr dazu, mein süßes Lieb?« – »Daß Ihr ein Abscheulicher seyd, der meine Verachtung verdient, aber nicht die Minne einer ehrsamen Jungfrau;« erwiederte ohne Hehl Wallrade, der das Blut in die Wangen geschossen [221] war, bei dem unziemlichen Antrag des Stegreifritters. Veit, welcher seine Furcht vor den von dem Fräulein vorgeschlagenen Prüfungen hatte hinter der Larve eines rauhen Muthwillens verbergen wollen, schwieg wie ein ertappter und geschlagener Schüler, und lehnte sich verlegen auf die Brustwehr des Thurms. »Einfältiger, tölpischer Klotz!« murmelte Wallrade vor sich hin, und stützte verdrüßlich den Kopf in die Hand. Der Leuenberger gewahrte aber so eben seine Base am Erkerfenster der Burg, und winkte ihr und Frau Elsen, heraufzukommen auf die luftige Höhe. – »Muhme Petronella soll uns ein Mährlein erzählen,« sprach er mit läppischem Lächeln zu Wallraden:»sie wird Euch dadurch auf andre Gedanken bringen, und mich vergessen machen, was ich von Euch vernehmen mußte.« – Wallrade machte eine unwillige Bewegung gegen ihn, und stand auf, um zu gehen. Der Versuch war aber umsonst, denn schon knarrte die Thüre des Thurms, und die schwerfälligen Tritte der Frauen kamen bald näher und näher heran. Frau Else schritt wackrer und rüstiger zu, als die hinkende Base, und hielt die auf der Höhe der Steige unschlüssig verweilende Wallrade auf. »Ei, wo hinaus?« fragte sie mit ihrer männlichen Stimme, die im Hause Befehle ertheilte, donnernd wie der Schlachtruf eines Feldhauptsmanns: »Dageblieben! Nicht davon gelaufen. Wir sind jetzt die alleinigen Herrn im Hause, und wollen uns gütlich thun auf der kühlen Warte.« – Somit drehte sie Wallraden mit einer Schwenkung des Ellbogens um, und reichte der mühsam heranklimmenden Base die Hand. – »Herauf! Herauf! [222] alte Nixe!« rief sie der Keuchenden entgegen: »Hier oben ist's wohl seyn. Hast Du dem Wilpert gesagt, daß er uns eine Kanne kühlen Weins heraufschleppe, und einen Korb mit Brod und Fleischkuchen?« – Petronella bejahte; Else klopfte beifällig und munter in die mächtigen Hände, und zog Rocken und Spindel aus dem breiten Ledergürtel, der ihren stämmigen Leib umschloß. Der Thurmwächter mußte dem zögernden Wilpert entgegeneilen, und die Frauen machten sich's bequem auf den Mauerbänken zwischen den Zinnen. – »Wie ist es doch so schön hier oben!« sprach Petronella, nachdem ihr Husten, von dem Treppensteigen und der Einathmung reinerer Luft erregt, nachgelassen hatte: »Himmlischer Vater! wenn das Alles, was wir hier vor Augen sehen, unser wäre! Was meint Ihr, liebe Frau Else?« –

Bechtram's Ehewirthin zuckte verächtlich mit den Lippen. »Man hört's Euern Reden wohl an, Fräulein,« sprach sie derb, »daß Ihr kein Haus als Eigenthum besitzt, sonst würdet Ihr nicht so tolle Wünsche von Euch geben. Mir kommt ein ähnlicher Gedanke nicht, denn ich bin zufrieden in meinem Hauswesen, und wenn dieses mir nach Wunsch geht, so frage ich nicht nach Allem, was um uns her liegt an Wald und Feld, an Häufern und Höfen.« – Hier beschrieb sie mit dem hoch und drohend geschwungnen Rocken einen großen Kreis rings um sich her, und schlug damit auf die Schulter des Leuenberger's, der in Gedanken verloren, den Weibern den Rücken gekehrt hatte. – »Frau Else! Frau Else!« rief der Erschrockene, sich die Schulter reibend: »Ihr führt [223] einen harten Zepterstab, und der Ritterschlag von Eurer Hand ist nicht sanfter, als der von einer Männerfaust.« – »Meint Ihr?« entgegnete die Frau von Vilbel: »Ich möchte auch wissen, wie ich wohl zurecht kommen würde unter dem Gelichter, das in unserm Hause aus- und einfährt, wie die Hexen aus und in den Schlot. – Vergebt aber, Leuenbergerin, daß ich gerade von bösen Hexen sprach. Ich sollte wissen, daß Ihr's nicht liebt, wenn man von Truden redet.« – »Hm!« meinte Petronella: »so man nur davon redet, mag es hingehen. Nur über die Schwelle dürfen sie nicht kommen, und dafür habt Ihr gesorgt, Frau Else, denn das Hufeisen, das unter Eurer Pforte angenagelt ist, bleibt ein wahres Gottesmittel dagegen, und so Ihr vollends nicht versäumt, jeden Morgen zwei Strohhalme kreuzweis drüber zu legen, so kömmt Euch nimmer eine Hexe zu nahe.« – »Ihr seyd eine kluge Jungfrau,« erwiederte Frau Else, »und ich werde mir noch manches von Euern Erfahrungen merken, ehe Ihr von dannen scheidet.« – »Ho, die Base ist gelehrter, als ein Meister der freien Künste,« fiel der Leuenberger ein; »besonders im Erkennen zauberischer, übernatürlicher und verborgner Dinge.« – »So?« fragten Else und Waltrade. »Das hätte man versuchen können;« fuhr die Erstere fort: »Ihr hättet meinem Manne des heutigen Zuges Ausgang und Erfolg weissagen müssen.« – »Hm!« meinte Petronella, den Kopf bedenklich wiegend: »dem Gastfreund geziemt's eigentlich nicht, des Wirths Thun und Lassen zu deuteln, aber, wenn man Achtung hat, auf das was um uns vorgeht, so [224] kann man manches in seinen Handlungen ändern, was ersprießlich und von Nutzen wäre.« – »Ihr sprecht als ob's Lateinisch wäre,« lächelte Else: »ich verstehe Euch nicht.« – »Der Hund hat die ganze Nacht im Zwinger jämmerlich geheult,« sprach die Alte weiter: »die Eule hat geschrien und die Todtenuhr hat gehämmert, als wollte sie nimmer aufhören. Das bedeutet nicht viel Gutes. Zudem ist heute kein glücklicher Tag, und ich hätte an Eurer Statt den Ritter nun nimmermehr reiten lassen.« – »Ihr macht mir bange!« versetzte Else, ohne jedoch weiter eine Bewegung zu äußern: »Mein Mann lacht über solche Dinge, und fürchtet sich nicht, weil er ein geweihtes Amulet bei sich trägt, das er einem Pilger abgenommen, der es gerade von des Erlösers Grab geholt hatte. Wenn ihm nur das Heiligthum noch hilft, da er jetzo im Banne liegt?« – »Ei, wie sollte es denn nicht?« fragte Petronella entgegen: »die hochwürdigen Barfüßer Ordensherren weihen ja gewöhnlich diese Schutzmittel, und man weiß ja, daß sie sich nicht viel um Bann und Interdikt kümmern.« – »Ihr beruhigt mich wieder völlig;« antwortete Else, dem alten Fräulein gutmüthig und derb auf den hohen Rücken klopfend: »ich hatte schon den Gedanken gefaßt, trotz Bann und Strahl eine Messe in der Kapelle lesen zu lassen auf die glückliche Heimkehr meines Alten.« – »Eine Messe?« lachte Petronella: »wie das?« – »Wer versteht das Handwerk hier?« spottete Wallrade: »etwa der edle Herr, der vor uns steht, oder der taube Wächter, der endlich mit dem ersehnten Vorrath anlangt?« – »Hoho!« [225] fiel Else ein: nur nicht so höhnisch, gefangnes Fräulein Naseweis. Wir haben wohl noch andre Leute hier im Schlosse, die Kutte und Platte tragen. »Da unter uns sitzt ein armer Pater im Kühlen, dem Eure Gesellschaft, Leuenbergerin, Unglück gebracht hat, und der wohl jetzo, obschon Mittag vorüber, nüchtern genug wäre, um das Meßopfer zu bringen.« – »Wie?« schrie Petronella, erstaunt die Hände faltend: »Wie? Der arme Mann, der mit uns hier angelangt?« – »Derselbe;« versetzte Frau Else kaltblütig: »er sammt dem Bäuerlein, das Euch den Wagen lieh, bewohnt unsern Thurm, weil mein Alter meinte, die Leute seyen mit der Gegend zu bekannt, als daß nicht der Gewahrsam der schönen Wallrade verrathen hätte werden müssen. Sie werden sich's nun gefallen lassen, so lange hier zu verharren, bis des Fräuleins Haft vorüber.« – »Ha, Euer Herr macht wackre Streiche!« rief Wallrade keck; »an schwachen Frauen und wehrlosen Mönchen erprobt sich des Helden Muth.« – »O laßt den Heldenmuth aus dem Spiele, gutes Fräulein:« entgegnete Else: »einen schönen Falken läßt der tapferste und großmüthigste Mann nicht aus den Händen. Wahrlich, Wallrade, hätte ich einen Sohn, ich ließe Euch gar nicht mehr von meiner Seite; Ihr müßtet meine Schwieger werden, und noch heute müßte der Pfaffe da unten Euch trauen.« – »Das ist ein Wort, vortrefflichste Nichte;« sprach Petronella beißend: »Frau Else denkt nicht an ihr alt Geschlecht.« – »Ihr habt Recht, Base Stolperwitz;« ließ sich Wallrade vernehmen: »unser halbadelig Wappen würde nicht [226] zu dem des Ritters Bechtram passen, wenn er gleich Räuberei treibt. Beruhigt Euch indessen. Meine verehrte Wirthin hat ja keinen Sohn, der ihre Drohung verwirklichen könnte.« – »Freilich nicht;« setzte Else seufzend hinzu: »das ist's, was mir oft blutige Thränen kostet. Was nützt meinem Alten seine schwere Mühe und saure Arbeit? Was nützt ihm langes Leben und Gedeihen? Wir haben ja doch niemand, dem wir hinterlassen könnten, was er mit Schweiß und Blut erobert. Der Tag, an dem unser Philipp starb, der wilde Bube, war ein harter Tag, und auch damals schrie die Eule wie ein wahrer Unglücksvogel. Der Junge mußte gerade seinen Kopf aufsetzen, und ein Pferd in die Schwemme reiten wollen. Mein Alter erlaubte es dem Fürwitz, und gestürzt, vom Roß geschleift und zertreten, brachten uns die Leute den Buben sterbend in's Haus zurück.« – Else wischte sich eine Thräne ab, die in ihr finstres Auge gedrungen war. – »Den leibeigenen Knecht, der das Unglück, ohne zu helfen, geschehen ließ, ließen wir todt peitschen,« setzte sie mit fürchterlich gepreßter Stimme hinzu, »allein unsern Philipp machte es nicht lebendig.« – Eine tiefe Stille folgte auf diese kurze und gräßliche Erinnerung. Frau Else richtete sich indessen schnell in die Höhe, stampfte einigemal mit dem Fuße auf das Pflaster, fuhr sich verstohlen mit dem Ärmel über die Augen, und langte die