Dominicus Wenz
Lehrreiches Exempel-Buch
Das ist:
Auserlesene von theils frommen, theils ungerathenen, theils gebesserten Kindern, nicht weniger, zur Marianischen Andacht bewegende, und andere merckwürdige Begebenheiten, sinnreiche Reden unterschiedlicher Personen, lehrreiche Fabeln, zur Aufmunterung Christ-Catholischer Jugend, wie auch denen Erwachsenen zu ihrer Seelen Heil, ein nutzlicher Zeitvertreib als ein Haus- und Les-Buch.

Approbatio Censoris

Approbatio Censoris.

Cum Plurimum Reverendi & Clarissimi Authoris Liber hic, cui titulus: Exempel-Buch etc. cum gemina Appendice admodum fructuose tum verbi divini Præconibus, tum Patr. & Matr. familias possit inservire, merito luci publicæ committi poterit. Augustæ Vindel. 13. Febr. 1757.

Franciscus Joseph, de Handl, SS. Theol. Licent. & Seren. Princ & Episc. August. Consil. Eccles. Maj. Poenit. & Libr. Censor, nec non insignis Eccles. ad S. Mauritium Canonicus & Parochus. mppria.

Imprimatur H.S.

Franciscus Xaverius L. B. Adelmann de Adelmansfelden, Episcopus Mactaritensis, Ecclesiæ Cathedralis Augustanæ Canonicus Capitularis, Suffraganeus, in Spiritualibus Vicarius Generalis, & Consilii Ecclesiastici Præses. mppria.

Vorrede

Vorrede.

Eltern und Kindern zu Lieb und zum Nutzen ist gegenwärtiges Exempel-Buch zusammen getragen worden. Es ist gar zu wohl bekannt, daß zumahlen denen Kindern nichts angenehmers ist, als wann sie ein Exempel, Historie oder Begebenheit entweder hören, oder selbst ablesen können. Wann man dabey nur allein auf einen Zeitvertreib gesehen hätte, so wäre das Unternehmen vielleicht mehr zu tadelen, als zu billigen und zu loben: Da man aber in der Wahl der Exempel und Begebenheiten alle Vorsicht gebraucht, und nur die auserlesenste und merckwürdigste angeführet, und dabey hauptsächlich und vorzüglich auf den Nutzen, und die Besserung der Sitten gesehen, und deswegen jedesmal zu Ende eines Exempels oder einer Begebenheit einen kurtzen Spruch und eindringende Lehre beygefüget; so ist um so weniger an dem daraus zumal für die Kinder zu entspringenden Vortheil zu zweifeln, da man das gegründete Zutrauen zu den Eltern hat, sie werden an sich nichts ermangeln lassen, daß sie ihre Kinder aufmuntern, dem Exempel frommer Kinder und anderer tugendhafter Personen nachzufolgen, an denen von Ungerathenen und Lasterhaften aber ein Abscheuen zu bekommen. Gleichwie aber Eltern mit Anschaffung dieses Buchs ihren Kindern eine Freude machen; so können sie auch bey und durch den rechten Gebrauch desselben frömmere Kinder bekommen, welches ihnen ja selbst eine Freude seyn muß; worzu noch kommt, daß sie alles dessen, was sie ihre Kinder gutes lehren, selbsten theilhaftig werden. Wie trostreich ist aber dieses! nicht zu gedencken, wasgestalten GOtt ihnen ihre Kinder als Liebes-Pfänder anvertraut habe, für welche sie dereinstens Rechenschaft werden geben müssen. Woraus sich der Schluß von selbsten ergibt, wie sehr und eifrig sich die Eltern angelegen seyn lassen sollen, ihren Kindern in allem den Vorschub zu thun, wodurch sie in der Frömmigkeit zunehmen können.

Und da zumalen zum Heil der Seelen ungemein beförderlich ist, wann man Mariam die jungfräuliche Mutter GOttes andächtig und beständig verehret; so sind auch hievon auserlesene Begebenheiten zur Marianischen Andacht eingeschaltet worden. Elteren sollen hiebey ihren Kindern jene Verheissungs-Worte Prov. 8. c. einschärfen: Wer mich findet, der wird das Leben finden; nemlich das Leben der Gnad, und der himmlischen Glory. Darum lehren die heilige Vätter insgemein, daß diejenige, welche Mariam andächtig und beständig verehren, neben dem Dienst GOttes und frommen Leben auch ihrem Dienst zugethan seynd, ein glaubwürdiges Zeichen an sich haben, daß sie von GOtt zur ewigen Seligkeit verordnet seyen. Wie trostreich muß nun den Eltern fallen, wann sie bey ihnen selbst also gedencken: Mein Kind (oder meine Kinder) können durch Ablesung dieser Begebenheiten zur Marianischen Andacht aufgemuntert werden; und mithin ein glaubwürdiges Zeichen erlangen, daß sie von GOtt zur ewigen Seligkeit verordnet seyen! mein GOtt zur ewigen Seligkeit verordnet seyen! mein GOtt was für ein Gluck ist diese für sie, und zugleich für mich, wann ich ihnen dieses Buch verschaffe! kan ich nicht billig hoffen, die Mutter GOttes werde mir in Ansehung der Sorg, die ich hab, daß meine Kinder zu ihrer andächtigen Verehrung bey Zeiten aufgemuntert werden, durch ihre mächtige Fürbitt verhilflich seyn, samt ihnen die ewige Seligkeit zu erlagen? O da laßt mich ihre gewöhnliche Güte daran nicht zweiflen, dann wo ist jemal erhört worden, daß man zu ihrer Andacht und Verehrung etwas umsonst beygetragen? werd ich vielleicht der erste seyn? es seye fern von mir, daß ich so niederige Gedancken von ihr haben sollte. Soll nicht dieser Trost allein die Eltern kräftigst antreiben, sich die Frömmigkeit, gute Zucht und Einpflantzung der Marianischen Andacht in die Hertzen ihrer Kinder bestermassen lassen angelegen seyn.

Daß aber auch lehrreiche Fabeln und curieuse Begebenheiten in diesem Exempel-Buch angetroffen werden, muß ich etliche Ursachen anführen. Erstlich kan man nicht immerdar mit Lesen geistlicher Sachen beschäftiget seyn: dann alles hat seine Zeit, wie der weise Salomon sagt Eccl. 3. Es ist eine Zeit zu weinen, und eine Zeit zu lachen. eine Zeit, die man ernstlichen Sachen wiedme; und wiederum eine Zeit, zu welcher man sich erlustige, und mithin das abgemattete Gemüth wiederum erfrische, damit es sich hernach desto lieber zu den vorigen Geschäften bequeme.

Zweytens, welches auch die hauptsächlichere Ursache ist, wird niemand in Abred stehen, daß die Jugend fürwitzig seye; und aber wegen verderbter Natur allezeit lieber erzählen höre, was schädlich, als was nutzlich ist, gemäß deme, was GOtt selbsten sagtGen. c. 8. Der Sinn, und die Gedancken des menschlichen Hertzens seynd zu dem Bösen geneigt von seiner Jugend auf. Demnach wann ein Buch handlet von Liebs Händlen, (als da seynd die sogenannte Romans) wann darinn erzählt werden unzüchtige Possen; O wie begierig ist die Jugend darnach! wie schädlich ist ihr aber ein solches Buch? Wie manche unschuldige Seel ist schon dardurch verführt worden wo nicht gleich im Anfang, wenigst mit heranruckenden Jahren? Dann da melden sich nachgehends wiederum an jene Bildnussen, und Gestalten der Liebs-Händlen, unzüchtiger Possen, so man vor diesem gelesen, und mithin in der Gedächtnuß zuruck geblieben: mit diesen aber wird die Einbildungs-Kraft angefüllt, die Sinnlichkeit bewegt, das Gemüth angefochten, und gleichsam angeflammet; also daß man jetzt erst lernet, was man vor diesem nicht besorget hat. Mithin suchet man durch die theils lehrreiche Fabeln, theils curieuse Begebenheiten den Schaden der Kinder der ihnen aus dem Lesen der Liebs-Büchern erwachsen könte, zu verhindern und abzuwenden.

Uebrigens müssen die Eltern nicht glauben, daß dieses Exempel-Buch nur für die Kinder geschrieben worden. Nein; es finden die Elteren für sich darinnen viel nutzliches, lehrreiches und erbauliches, z.E. sie werden Sachen antreffen, über welche sie manche gute Gedancken machen können, mit Verwunderung, jetzt über GOttes Barmhertzigkeit; jetzt über seine Gerechtigkeit und allerhand Zulassungen: sie werden finden, was sie zur Christlichen Starckmüthigkeit wieder aufmuntern können; sie werden ferner aus den zarten Begebenheiten, die sich aus GOttes wunderbarlicher Schickung mit Clotilde und Boetio zugetragen, lernen, wie sie sich darein schicken müssen, wann sie etwann mit einer Trübsal von GOTT heimgesucht werden. Dann da werden sie mit Verwunderung eine heroische Ergebung in den göttlichen Willen, und eine ungemeine Starckmüthigkeit ersehen. Daß also auch auf ihrer Seiten der Nutzen nicht ausbleiben wird, weil man sich auch hier beflissen hat, über das noch eine nutzliche Lehr heraus zu ziehen, jenem gemäß, was der Poet Horatius so weislich als zierlich gesungen:


Wo Lust und Nutz, sich finden ein,
Da wird der Zweck getroffen seyn.

Register
Der in diesem Werck Enthaltenen Exempeln, Begebenheiten, sinnreichen Reden, und lehrreichen Fabeln.
Von frommen Kindern.

Erstes Exempel.

Ein Knab ziehet samt einem Franciscaner Röcklein eine ungemeine Gottseligkeit an sich. Pag. 1
Zweytes Exempel.

Unser liebe Frau erscheint einem Töchterlein und ladet es ein zur ewigen Freud. 2
Drittes Exempel.

Das JEsus Kindlein isset mit zweyen unschuldigen Knaben mehrmalen zu Mittag. 3
Viertes Exempel.

Ein unschuldiges Töchterlein giebt nach der Heil. Communion vor Liebe gegen Christo den Geist auf. 5
Fünftes Exempel.

Das JEsus Kindlein nimmt von einem unschuldigen Knaben Brod an. 6
Sechstes Exempel.

Einem adelichen Fräulein zerspringt das Hertz vor Liebe gegen dem JEsus Kindlein. 7
Siebentes Exempel.

Das Christkindlein kommt in der Heil. Christnacht zu einem frommen Knaben. 8
Achtes Exempel.

Ein frommer Knab mercket den Unterschied zwischen einer ungeweyhten und geweyhten Hostie. 9
Neuntes Exempel.

Ein frommer Knab wird samt einem Abbt vom JEsus Kindlein zur himmlischen Tafel eingeladen. 10
Zehentes Exempel.

Ein adelicher Knab erscheint nach dem Tod seinem Zucktmeister. 12
Eilftes Exempel.

Christus erscheinet dem Heil. Edmund in Gestalt eines holdseligen Knabens. 13

Zwölftes Exempel.

Unser liebe Frau kommt samt einer grossen Schaar der Heil. Jungfrauen zu einem frommen Mägdlein im Todbeth. 14


Dreyzehentes Exempel.

Ein frommer Student verlangt unsere liebe Frau zu sehen. 17

Vierzehentes Exempel.

Ein Student will lieber von seinen Eltern verlassen seyn, als daß er sich abhalten lassen sollte, GOtt dem HErrn in einer geistlichen Gesellschaft zu dienen. 18


Fünfzehentes Exempel.

Ein frommer Student erscheinet nach dem Tod seinem Cammeraden. 19
Sechzehentes Exempel.

Ein frommer Jüngling wird seiner Seelen Seligkeit versichert. 20

Siebenzehentes Exempel.

Ein unschuldiger Edelknab wird wegen andächtiger Anhörung einer Heil. Meß wunderlicher Weis beym Leben erhalten. 23


Achtzehentes Exempel.

Ein Knab lebt und stirbt gottselig. 25
Neunzehentes Exempel.

Ein junger Graf wird durch öfteres Gespräch mit Ordens-Gistlichen zum Closter-Leben gezogen. 27
Zwantzigstes Exempel.

Ein junger Graf hört in dem Todbeth eine englische Music. 30
Ein und zwantzigstes Exempel.

Von dem gottseligen Frater Wilhelm, Profeß in dem Closter Münchroth, Prämonstratenser Ordens. 31

Zwey und zwantzigstes Exempel.

Ein armer Student, wird mit der Zeit Cardinal, und stellt sich gegen einer armen Wittib, die ihn Zeit seines Studierens beherberget, danckbar und reichlich ein. 33


Drey und zwantzigstes Exempel.


Ein unschuldiger Jüngling wird am Galgen wunderbarlicher Weis frisch und gesund beym Leben erhalten. 37


Vier und zwantzigstes Exempel.


Ein Jüngling deme man auf der Richtstatt das Haupt abschlagen wollte, wird von dem Heil. Schutz- Engel beym Leben erhalten. 41


Fünf und zwantzigstes Exempel.


Ein Sohn laßt sich aus Liebe gegen seiner alten nothleidenden Mutter unschuldig als ein Dieb auf Leib und Leben gefangen setzen. 43


Sechs und zwantzigstes Exempel.


Ein Knab stirbt selig, weil er gegen seinem geistlichen Lehrmeister nicht allein ehrerbietig gewesen, sondern auch seiner Lehr gefolget hat. 45


Sieben und zwantzigstes Exempel.


Ein neunjähriges Söhnlein erscheint nach dem Tod seiner Mutter in grossem Glantz, und versichert sie, daß es sich in dem Himmel unter dem Chor der Ertz-Englen befinde. 48


Acht und zwantzigstes Exempel.


Ein siebenjähriger Knab ist bereit, ehender lebendig verbrennt zu werden, als dem Christlichen Glauben abzusagen. 50


Von ungerathenen Kindern.

Erstes Exempel.

Eines bösen Buben Seel nehmen die böse Geister mit sich in die Höll, hinunter. 52

Zweytes Exempel.

Eine der Ueppigkeit in Kleidern gar zu ergebene adeliche Fräulein stirbt gantz verzweifelt und gottlos. 53


Drittes Exempel.

Ein Jüngling wird wegen allzuvielen Spielen verdammt. 54
Viertes Exempel.

Einem der Unzucht ergebenen Studenten reibt der böse Feind den Hals um. 55
Fünftes Exempel.

Ein Edelknab ergibt sich dem bösen Feind, und stirbt unbußfertig. 56
Sechstes Exempel.

Ein adelicher Jüngling wird im Ehebruch erdappet, und jämmerlich erstochen. 59

Siebentes Exempel.

Einem widerspenstigen und auf den Tod kranck liegenden Sohn wird von dem verstorbenen Vatter die Stirn eingeschlagen. 60


Achtes Exempel.

Der böse Feind will einen boshaften Sohn im Schlaf erwürgen. 61
Neuntes Exempel.

Ein vermessener Sohn streckt nach dem Tod den Arm aus dem Grab hervor. 62
Zehentes Exempel.

Einem erhenckten ungehorsamen Sohn wachsen gähling graue Haar auf dem Kopf, und ein grauer Bart. 63

Eilftes Exempel.

Eine Krott springt einem undanckbaren Sohn an die Stirn, und kan nicht mehr davon gebracht werden. 64


Zwölftes Exempel.


Der Geist eines verstorbenen Schulmeisters drohet zweyen muthwilligen Schulknaben mit einer feurigen Ruthen. 66


Dreyzehentes Exempel.

Ein Student stirbt unselig, weil er die Vorbothen des Todes nicht in Acht genommen. 67
Vierzehentes Exempel.

Christus erscheint einem lasterhaften Jüngling im Schlaf. 69
Fünfzehentes Exempel.

Ein Gespenst erschröckt bey nächtlicher Weil einen lasterhaften Jüngling. 70
Sechzehentes Exempel.

Ein junger Graf ladet eine Todten-Schädel zum Nacht-Essen ein. 71
Siebenzehentes Exempel.

Ein Student williget im Todbeth in eine unreine Belustigung; stirbt darauf, und wird verdammt. 75
Achtzehentes Exempel.

Ein Sohn bekommt von seiner verstorbenen Mutter einen empfindlichen Verweis. 77
Neunzehentes Exempel.

Verwunderlicher Ausgang liederlichen Lebens zweyer Studenten. 78

Zwantzigstes Exempel.

Ein ungerathener Sohn, so dem Fluchen und Gottslästeren ergeben, wird von dem bösen Feind in Stucken zerhacket. 82


Ein und zwantzigstes Exempel.


Ein verstorbener Jüngling erweckt noch vor seinem End eine vollkommene Reu und Leid über seine Sünden; und wird also selig. 87


Zwey und zwantzigstes Exempel.


Ein adelicher Jüngling, nachdem er sich so weit verlohren, daß er so gar Christum verlaugnet, erlangt doch durch Mariä Fürbitt wieder Gnad und Verzeihung. 88


Drey und zwantzigstes Exempel.

Eine Jungfrau wird wegen ihrer gleisnerischen Andacht verdammt. 91

Vier und zwantzigstes Exempel.

Eine treulose Braut wird an ihrem Hochzeittage, unter währendem Tantzen, von dem Teufel weggeführt. 92


Fünf und zwantzigstes Exempel.

Ein unkeuscher, liederlicher Sohn ersticht sich selbst aus Verzweiflung mit einem Messer. 94

Sechs und zwantzigstes Exempel.

Ein Jüngling hoft' der Wohllüsten in der Welt auf viele Jahre hinaus zu geniessen, und hernach in ein Closter zu gehen; wird aber in seiner Hoffnung betrogen. 96


Sieben und zwantzigstes Exempel.


Einen Jüngling peiniget das böse Gewissen, wegen begangener Mordthat dergestalten, daß er sich selbst vor der Obrigkeit angeklagt, und das Todes- Urtheil über sich gesprochen. 97


Acht und zwantzigstes Exempel.


Aus Zulassung GOttes gerathet ein Student, weil er den göttlichen Beruf in einen geistlichen Ordens- Stand in Wind geschlagen, in die Händ der Mörder; von welchen er in ein Fuhrfaß eingesperrt, wider ihr Verhoffen auf eine wunderliche Weise ist erlediget worden. 100


Neun und zwantzigstes Exempel.

Ein Vatter zahlet seine undanckbare Töchter, in Aufsetzung des Testaments gar artig aus. 105
Dreyßigstes Exempel.

Ein undanckbarer Sohn gedencket nicht einmal seines verstorbenen Vatters in der andern Welt. 108

Ein und dreyßigstes Exempel.

Ein Jüngling, der unter dem Spielen auf sich selbsten fluchet, wird von einem grausamen Gespenst erschröckt. 109


Zwey und dreyßigstes Exempel.


Die dritte Person in der heiligsten Dreyfaltigkeit, nemlich der heilige Geist, tröstet einen todkrancken Studenten, welcher vorhin an seiner Seelen-Heil verzagt war. 110


Drey und dreyßigstes Exempel.


Eine verzweiflete Tochter stirbt letztlich vor lauter Reu und Leid, und fahret von Mund auf in den Himmel. 114


Vier und dreyßigstes Exempel.


Einem ungerathenen Sohn entziehet die Bildnuß des schmertzhaften Erlösers das Angesicht; laßt sich aber auf dessen gethane Buß wiederum sehen. 116


Fünf und dreyßigstes Exempel.


GOtt verhängt über einen Sohn, daß ihm eben derjenige Fuß, mit welchem er vor vielen Jahren seine leibliche Mutter gestossen, ist abgehauen worden. 122


Sechs und dreyßigstes Exempel.

Ein Königlicher Printz will seinen eigenen Herrn Vatter erschiessen. 124
Sieben und dreyßigstes Exempel.

Ein Sohn ermordet aus Rachgierd seinen leiblichen Vatter. 128

Acht und dreyßigstes Exempel.

Nach dem Tod eines zwar adelichen, aber der Unzucht ergebenen Jünglings, laßt sich ob seinem Grab ein erschröckliches Gespenst sehen. 132


Neun und dreyßigstes Exempel.


Ein adeliches Fräulein verübt an einem welschen Baron, der ihren Liebsten umbringen lassen, eine grausame Rach; bringt sich aber darauf selbst auf eine gantz verzweifelte Art um das Leben. 136


Andere auserlesene Exempel von merckwürdigen Begebenheiten, so sich mit unterschiedlichen Menschen vor und nach dem Tod zugetragen


Erstes Exempel.


Eines schlimmen Advocaten tägliche Andacht zu unser lieben Frauen verhindert, daß ihne der Teufel nicht konte wegführen. 145


Zweytes Exempel.


Ein Doctor der Gottesgelehrtheit laßt sich im Todbeth mit dem bösen Feind in einen Glaubens-Streit ein, wird aber überwunden. 148


Drittes Exempel.


Ein guter Freund erscheint dem andern nach dem Tod, und versichert ihn wegen Unsterblichkeit der Seel. 150


Viertes Exempel.


Ein von Todten Auferstandener erzählet, was ihme nach seinem tödlichen Hintritte aus diesem Leben wiederfahren. 152


Fünftes Exempel.

Ein Verstorbener richtet sich nach dem Tod zu dreymalen in der Todten-Bahr auf. 154

Sechstes Exempel.

Einem der nur einen Tag im Fegfeuer gelitten, kommt es vor, als hätte er schon viele Jahr darinnen zugebracht. 156


Siebentes Exempel.


Ein verstorbener Student erscheinet seinem Lehrmeister nach dem Tod in einem peinlichen Mantel von Pergament. 157


Achtes Exempel.

Ein Mörder erlangt durch seine reumüthige Zäher vor dem Tod Verzeihung Sünden. 160

Neuntes Exempel.

Zu einem krancken uncatholischen Herrn kommen bey nächtlicher Weil sechs verdammte Geister, die ihn schrecken. 161


Zehentes Exempel.


Ein Mägdlein wird ewig verdammt, weil sie aus Schamhaftigkeit ihre unreine Liebshändel dem Beichtvatter vor dem Tod nicht bekennen wollen. 163


Eilftes Exempel.


Einem Ertzbischof, mit Namen Udo, wird von einem Engel das Haupt abgeschlagen, weilen er, ungeachtet seines ärgerlichen Lebens, dannoch hat därfen das Heil. Meßopfer halten, und mithin die Heil. Hostie unwürdig empfangen. 167


Zwölftes Exempel.

Ein voller Zapf wird in die Höll geführt, allda zu sehen die Pein der Vollsaufer. 171

Dreyzehentes Exempel.

Ein gefangener Bauer wird von dem bösen Geist aus der Gefängnuß in die Hölle geführt; allwo ihm die höllische Pein gezeigt worden. 173


Vierzehentes Exempel.

In einem Closter setzen sich verdammte Geister vor dem Nacht-Essen an die Tisch des Convents. 176
Fünfzehentes Exempel.

In einem gewissen Schloß werden die nächtliche Poltergeister beschworen und vertrieben. 178

Sechzehentes Exempel.

Ein ungerechter Wucherer wird drey Täg vor seinem Tod in die Hölle geführt, und ihm dort sein bestimmter Sitz gezeigt. 184


Siebenzehentes Exempel.


Ein reicher Wucherer wird nach seinem Tod in einer Capuciner-Kutten begraben, die ihn aber über die massen brennt. 185


Achtzehentes Exempel.


Einer der seinem Feind bey Lebzeiten nicht verzeihen wollen, holet nach dem Tod den andern zu gleicher Pein in die Höll ab. 188


Neunzehentes Exempel.


Ein gottslästerischer unbußfertiger Edelmann stirbt verzweifelt, und geht an Leib und Seel zu grund. 189


Zwantzigstes Exempel.


Der Geist eines verstorbenen Herrn erscheint nach dem Tod einer Magd im Haus, und begehrt Hülf von ihr. 196


Ein und zwantzigstes Exempel.


Der Geist eines verstorbenen Dieners erscheint nach dem Tod seinem Herrn, ihne bittend, er, und seine Gemahlin wollen seiner nicht vergessen. 198


Zwey und zwantzigstes Exempel.


Ein regulirter Chorherr des heiligen Augustini streitet in dem Todbeth unermüdet, wider die böse Geister, und erhaltet den Sieg wider sie. 202


Drey und zwantzigstes Exempel.


Ein edler Herr erlangt durch die Fürbitt des Heil. Martyrers Cäsarii vor dem Richterstuhl GOttes Gnad und Barmhertzigkeit. 204


Vier und zwantzigstes Exempel.


Ein tödlich verwundter Soldat wird durch die Fürbitt Mariä so lang beym Leben erhalten, bis er seine Sünden gebeichtet, und davon absolvirt worden. 207


Fünf und zwantzigstes Exempel.

Ein Ordens-Bruder stirbt frölich und getröst, ungeachtet er hinläßig gelebt hatte. 208
Sechs und zwantzigstes Exempel.

Ein krancker Herr bereitet sich besser zum Tod; weilen ihm sein Narr die Wahrheit gesagt. 210
Sieben und zwantzigstes Exempel.

Ein von Todten Erweckter macht einen streitigen Handel vor Gericht auf Erden aus. 212

Acht und zwantzigstes Exempel.

Ein adelicher Herr, aus Forcht der Justiz hoher Obrigkeit in die Händ geliefert, und durch einen grausamen Tod hingerichtet zu werden, verdingt sich zu einem Bauren, und giebt s.v. einen Sauhirten ab. 215


Neun und zwantzigstes Exempel.


Carl der Fünfte dieses Namens, Römischer Kayser, führt nach abgelegtem Kayserthum zwey Jahr ein einsames Leben; und bereitet sich also zu einem guten Tod. 219


Dreyßigstes Exempel.

Ein verzweifelter Sünder wird noch vor seinem letzten Abdruck bekehrt. 223

Ein und dreyßigstes Exempel.

Ein frommer Ordensmann kan dem lieblichen Gesang eines unbekannten Vögeleins nicht genug zuhören. 225


Zwey und dreyßigstes Exempel.


Ein Verstorbener ladet einen guten Freund, der noch bey Leben war, zu einer Mahlzeit im Himmel ein. 228


Drey und dreyßigstes Exempel.

Unerhörte Christliche Standhaftigkeit eines Ehe- Herrn auf das Zureden seiner Gemahlin. 231

Vier und dreyßigstes Exempel.

Ein Officier will lieber durch des Henckers Hand das zeitliche, als durch den Tod in einer Todsünd das ewige Leben verliehren. 234


Fünf und dreyßigstes Exempel.


Ein Todschläger wird wunderbarlich durch ein Gespenst verrathen, und der Justiz hoher Obrigkeit in die Händ geliefert. 235


Sechs und dreyßigstes Exempel.


Einen untreuen, geldgierigen, und noch darzu mit bösem Gewissen auf sich selbst fluchenden Wirth, führt der Teufel lebendig durch den Luft hinweg. 239


Sieben und dreyßigstes Exempel.


Ein alter Greis, so vor vielen Jahren einen Todschlag begangen, wird auf eine wunderliche Weis verrathen. 250


Acht und dreyßigstes Exempel.


Viel Erben aus einem gräflichen Geschlecht steigen nach dem Tod auf einer feurigen Leiter in die Hölle hinunter. 251


Neun und dreyßigstes Exempel.


Ein Wucherer will aus Lieb wegen seinem Weib und Kindern ehender verdammt werden, als den ungerechten Gewinn heimstellen. 252


Vierzigstes Exempel.


Ein armer Steinmetz, so lang er in der Armuth gelebt, war er fromm und gottsförchtig, so bald er aber zu unverhoften Reichthum gelangt, ist er gottlos und verkehrt worden. 253


Ein und vierzigstes Exempel.


Ein tapferer Kriegs-Held kommt durch wundersame, und traurige Begebenheiten um seine Frau Gemahlin, zwey Söhnlein, Bediente und Kriegsleut, samt grossen Reichthum. 258


Zwey und vierzigstes Exempel.

Unsinnige Liebe eines Ehebrechers, und einer Ehebrecherin. 265

Drey und vierzigstes Exempel.

Ein Cavalier fallt aus gerechtem Urtheil GOttes, wegen begangener Ehrabschneidung, in das greuliche Laster der stummen Sünd, und mithin in den Ehebruch; stirbt aber als ein Büssender. 270


Vier und vierzigstes Exempel.

Ein frommer Kiefer wird aus einer Drachen-Gruben wunderbarlich erlößt. 276
Fünf und vierzigstes Exempel.

Drey edle Gebrüder werden wunderbarlicher Weis in ihr Vatterland übersetzt. 279

Sechs und vierzigstes Exempel.

Ein adelicher Jüngling wird seinen Eltern durch den Heil. Niclas wunderbarlicher Weis wiederum zugestellet. 285


Sieben und vierzigstes Exempel.

Ein Bedienter wünscht im Todbeth, daß er mehr GOtt, als seinem Herrn auf Erden gedient hätte. 288

Acht und vierzigstes Exempel.

Thomä Mori, Reichs-Cantzlers in Engeland, Christliche Starckmüthigkeit, so er in Aufnehmung eines Unglücksstreichs erwiesen. 289


Neun und vierzigstes Exempel.


Ein frommer Priester erkennt durch ein Gesicht den innerlichen Stand dreyer Mägdlein, da sie seiner Meß beygewohnt. 290


Fünfzigstes Exempel.

Schwerer Streit, den ein Jüngling im Todbeth wider den bösen Geist ausgestanden. 292
Ein und fünfzigstes Exempel.

Ein Oesterreichischer Printz wird wunderbarlicher Weis aus äusserster Lebens-Gefahr errettet. 293
Zwey und fünfzigstes Exempel.

Ein edler Printz führt einen unschuldigen Wandel, und stirbt voll des Trosts. 296

Drey und fünfzigstes Exempel.

Ein Christlicher König in Japonien, so im Welt-Theil Asien liegt, bereitet sich gar gottselig zu einem glückseligen Tod. 297


Vier und fünfzigstes Exempel.


Die Seel eines verstorbenen Vatters erscheint dem Sohn erst nach viel Jahren, und begehrt Hülf von ihm. 299


Fünf und fünfzigstes Exempel.


Einer Tochter wird der unterschiedliche Zustand ihrer verstorbenen Elteren in der andern Welt gezeigt. 301


Sechs und fünfzigstes Exempel.

Die Gedächtnuß an eine zugefügte Unbild hindert den Zugang in die himmlische Gesellschaft. 305

Sieben und fünfzigstes Exempel.

Ein Edelmann wird durch Zerspringung eines Glas mit Wein des bevorstehenden Tods gewarnet, und zum Beichten angetrieben; stirbt aber ohne Beicht dahin. 307


Acht und fünfzigstes Exempel.

Ein Hertzog von Oesterreich entkommt glücklich aus einer Lebens-Gefahr. 310

Neun und fünfzigstes Exempel.

Ein mitleidiger Edelmann ersauft in einem tiefen Schöpf-Bronnen; seine Seel aber wird von den Englen in Himmel getragen. 313


Sechzigstes Exempel.


Albertus, der Grosse genannt, aus dem Prediger- Orden, erlangt durch unser liebe Frau grosse Wissenschaft in natürlichen Dingen; verliehrt sie aber einige Zeit vor dem Tod wiederum. 317


Ein und sechzigstes Exempel.


Ein untreuer, undanckbarer Gesell fallt eben in die Gruben, die er seinem größten Gutthäter gegraben. 320


Zwey und sechzigstes Exempel.

Einem Gefangenen kommt die Zeit in der Gefängnuß vor, als wäre sie eine halbe Ewigkeit. 329

Drey und sechzigstes Exempel.

Dem Heil. Augustino erscheint die Seel des verstorbenen Heil. Hieronymi in einem ungemein hellen Liecht. 330


Vier und sechzigstes Exempel.


Godoleva eine unschuldige Matron, wird von ihrem Eheherrn über die massen hart gehalten; erlangt aber durch ihre unüberwindliche Gedult endlich die Marter-Cron. 337


Fünf und sechzigstes Exempel.


Eustachii und seiner Gemahlin Theopistä Gedult wird von GOtt auf eine nicht minder wundervolle, als harte Prob gesetzt; die aber letztlich mit dem Marter-Cräntzlein geziert worden. 343


Sechs und sechzigstes Exempel.


Hermenegildi, eines Königlichen Printzen, gründliche Verantwortung gegen seinem Herrn Vatter, Leovigildum, König in Spanien, wegen falscher Beschuldigung, als strebte er ihme nach der Cron; der aber dannoch ohne Ansehen seiner Unschuld, und zwar fürnemlich um des Catholischen Glaubens willen hat müssen das Leben lassen. 352


Sieben und sechzigstes Exempel.

Ein Possenreisser wird nach seinem Tod wiederum lebendig, lebt aber forthin in strenger Buß. 357

Acht und sechzigstes Exempel.

Ein Vatter wird wegen dem üblen Verhalten seines Sohns umsonst ermahnt, dieser aber erbärmlich ermordet; worüber der Vatter vom Verstand kommen, und die Mutter, so eine fromme Frau ware, sich blindgeweint. 358


Neun und sechzigstes Exempel.


Drey buhlerische Jüngling vermeinen, sie warten einer vornehmen Dame auf, so aber ein teuflisches Gespenst war, von welchem sie schändlich betrogen, und erbärmlich zugerichtet wurden. 359


Siebenzigstes Exempel.


Aus dreyen unkeuschen Jünglingen wird einer lebendig von denen bösen Geistern gebraten; denen andern zwey aber wird verschont, weil sie GOtt um Verzeihung gebetten, und sich zu bessern versprochen. 360


Ein und siebenzigstes Exempel.


Eine adeliche Frau wird verdammt, weil sie in der Beicht etliche abscheuliche und wider die Natur laufende Sünden verschwiegen, die sie mit ihrem Eheherrn begangen hatte. 361


Zwey und siebenzigstes Exempel.


Eine junge ledige Weibs-Person wird durch ein förchtliches Gesicht von dem leichtfertigen Tantzen abgehalten. 362


Drey und siebenzigstes Exempel.


Eine ehebrecherische Frau muß ihren eigenen Liebhaber aufhencken; worauf sie bey dem Erhenckten lebendig eingemauret elendiglich hat verschmachten müssen. 363


Vier und siebenzigstes Exempel.


Eine Römische Matron lasset sich, ihre eheliche Keuschheit zu retten, von einem der ihr hinterlistig nachstellte, grausamlich erwürgen. 364


Fünf und siebenzigstes Exempel.


Eine Frantzösische Dame, mit Namen Mazia, welche mit ehebrecherischer Liebe gegen einem Advocaten verstrickt war, macht sich aus Forcht, gerichtlich eingezogen zu werden, aus Franckreich in Welschland, allwo sie ihr Leben zwar in grossem Elend, jedoch aber büssend zugebracht, und endlich beschlossen hat. 367


Sechs und siebenzigstes Exempel.


Ein eifersüchtiger Edelmann bringt sich selbst in die Grub, die er aus falschem Argwohn einem vermeinten Buhler hat graben wollen. 369


Sieben und siebenzigstes Exempel.


Eine fromme Matron bringt durch freundliche Manier zuwegen, daß ihr Eheherr verspricht, das übermäßige Spielen zu lassen. 370


Acht und siebenzigstes Exempel.


Eine Schwieger verfolgt ihre Sohnsfrau mit allen Kräften; stürtzt sich aber hierdurch in ihren selbst eigenen Untergang. 371


Neun und siebenzigstes Exempel.


Ein Ehemann wird von seinem frommen Weib öfters, wiewohl vergebens zur Andacht ermahnt; endlich aber durch einen förchtlichen Traum erschröckt, und gebessert. 373


Achtzigstes Exempel.


Ein anderer bringt durch einen bescheidenen Fund sein widerspenstiges Weib zum gebührenden Gehorsam. 374


Ein und achtzigstes Exempel.


Caroli des Grossen, Römischen Kaysers, mildes und zugleich kluges Verfahren gegen einem seiner Hofbedienten, der sich in eine seiner Kayserlichen Prinzeßin verliebt hatte. ibid.


Zwey und achtzigstes Exempel.


Der Geist einer verstorbenen jungen Weibs-Person erscheint einem jungen Edelmann, gegen welchen sie bey Lebszeiten mit unreiner Liebe entzündet ware. 376


Drey und achtzigstes Exempel.


Ein unsinniglich verliebter Edelmann wird auf einmal dergestalten verändert, daß er forthin an nichts anders gedencken, noch von etwas anders reden konnte, als allein von der Liebe, welche man GOtt in Ansehung seiner unendlichen Güte und Schönheit, die alles übertrift, schuldig ist. 379


Vier und achtzigstes Exempel.


Ein heidnischer König in Bulgarien wird durch ein Gemähld, in welchem das letzte Gericht mit allen Umständen so förchtlich, als künstlich entworfen war, also erschreckt, daß er sich zum Christlichen Glauben bekehrt hat. 382


Fünf und achtzigstes Exempel.


Des Heil. Apostels Pauli fürtrefliche Vertheidigung seiner selbst vor dem Römischen Rath wider seine Lands-Leut, die ihn bey dem Kayser fälschlich verklagt hatten. 383


Sechs und achtzigstes Exempel.


Kayser Carl des Grossen, merckwürdige Ermahnung, die er kurtz vor seinem Tod an seinen Sohn Ludwig gethan, da er ihm, als seinem Nachfolger in der Regierung die Kayserliche Cron auf das Haupt setzte. 386


Sieben und achtzigstes Exempel.


Ein vornehmer reicher Herr an dem Königlichen Hof in Persien wird um des Christlichen Glaubens willen aller seiner Reichthumen gewaltthätiger Weis beraubt; welches er doch mit grosser Gedult übertragen, und im Glauben beständig ist. 387


Acht und achtzigstes Exempel.


Die Erzählung von dem Leben des Heil. Einsiedlers Antonii ist Augustino ein starcker Antrieb zu seiner Bekehrung. 388


Neun und achtzigstes Exempel.


Ein Beamter, weil er seine Unterthanen hart gehalten, und gepreßt, zeiget nach dem Tod seinen Befreundten an, wie daß er ewiglich verdammt seye. 390


Neunzigstes Exempel.


Ein frommer Türck wird wunderbarlich zum Christ- Catholischen Glauben bekehrt; dessen Wahrheit zu bezeugen er auch eine grausame Marter aussteht. 391


Ein und neunzigstes Exempel.


Ein unschuldiger Jüngling, zu dessen Ermordung alle Anstalt gemacht war, wird von GOtt nicht allein wunderbarlich beschützt, sondern noch darzu wider alles Menschen Verhoffen eines Kaysers Tochtermann. 395


Zwey und neunzigstes Exempel.


Eine Verleumderin wird auf eine unverhofte Weis zu Schanden gemacht; und noch darüber aus gerechter Straf GOttes vom Teufel besessen. 400


Drey und neunzigstes Exempel.


Ein türckischer Printz erzählt von sich selbst, wie wunderlich er zum Christlichen Glauben seye bekehret worden. 402


Vier und neunzigstes Exempel.


Ein Verstorbener wird auf Mariä Vorbitt wiederum lebendig, damit er seine bey Lebszeiten begangene Sünden besser untersuchen, und mit wahrer Reu und Leid beichten möge. 407


Gespräche zwischen dem Heil. Schutz-Engel, und seinem Pfleg-Kind mit untermengten merckwürdigen Begebenheiten.


Erstes Gespräch. 409
Begebenheiten. 410
Zweytes Gespräch. 412
Begebenheit. 413
Drittes Gespräch. 417
Begebenheit. 418
Viertes Gespräch. 420

Merckwürdige Begebenheiten, woraus zu ersehen, wie nutzlich es seye, die göttliche Mutter andächtig und beständig mit dem Gebett des Heil. Rosenkranzes, oder wenigst mit gewisser Zahl des Englischen Gruß täglich zu verehren.

Erste Begebenheit.

Ein lasterhafter Jüngling wird mittelst des Heil. Ro senkranzes-Gebett wunderbarlich bekehrt. 421

Zweyte Begebenheit.

Ein verzweifleter Sünder kommt durch das Gebett des Heil. Rosenkranzes wiederum zu recht, und beschließt sein Leben seliglich. 422


Dritte Begebenheit.

Eine Weibsperson erlangt durch den Heil. Rosenkranz die Gnad eine vollkommene Beicht zu thun. 423

Vierte Begebenheit.

Eine Kindsmörderin wird durch die Kraft des Heil. Rosenkranzes, nachdem sie lebendig unter die Erden vergraben worden, wunderbarlich beym Leben erhalten. 424


Fünfte Begebenheit.


Der englische Gruß von einem lasterhaften Edelmann täglich gebettet, verhindert, daß ihn der böse Geist nicht konte wegführen. 425


Sechste Begebenheit.


Ein hartnäckiger Sünder wäre zur ewigen Verdammnuß verurtheilt worden, wann er nicht täglich hundert Ave Maria gebettet hätte. 427


Siebente Begebenheit.


Ein verzweifelter, und so gar dem bösen Feind schon verschriebener Mensch, kommt durch Mariä kräftige Fürbitt bey GOtt wiederum zu Gnaden. 428


Achte Begebenheit.


Ein ehebrecherischer Graf in Franckreich wird durch den Psalter, den ihm seine Gemahlin bey nächtlicher Weil ohne sein Vermercken unter das Haupt- Küssen gelegt, wunderbarlicher Weis zur Bekehrung veranlasset. 429


Neunte Begebenheit.


Ein gewisser Mann, welcher hätte ertrincken, und in Sünden sterben sollen, wird wegen der Andacht, so er gegen unser liebe Frauen getragen, beym Leben erhalten. 431


Zehente Begebenheit.


Ein Verstorbener, welcher wegen seinen Sünden hätte sollen verdammt werden, und aber täglich den Rosenkranz gebettet, wird durch die Fürbitt der Mutter GOttes erhalten, daß er seine Sünden hat beichten können. 432


Eilfte Begebenheit.

Ein grosser Sünder wird durch einen eintzigen Anblick Mariä auf einmal bekehrt. 433

Zwölfte Begebenheit.

Ein Jüngling wird durch beständige Andacht zu unser lieben Frauen zur Besserung seines liederlichen Lebens gebracht. ibid.


Einige Begebenheiten, die sich wegen andern Andachten zu unser lieben Frauen zugetragen.

Erste Begebenheit. 435
Zweyte Begebenheit. 440
Dritte Begebenheit. 441
Vierte Begebenheit. 442
Fünfte Begebenheit. ibid.
Sechste Begebenheit. 443
Siebente Begebenheit. 444
Achte Begebenheit. ibid.
Neunte Begebenheit. 446
Zehente Begebenheit. 447
Eilfte Begebenheit. 449
Zwölfte Begebenheit. 450
Dreyzehente Begebenheit. 454
Fünftes Gespräch zwischen dem H. Schutz-Engel und seinem Pflegkind. 455
Sechstes Gespräch. 456
Begebenheit. 457
Siebentes Gespräch. 458
Begebenheit. ibid.
Achtes Gespräch. 459
Begebenheit. 460
Neuntes Gespräch. 463
Begebenheit. ibid.
Zehentes Gespräch. 465
Begebenheit. ibid.
Eilftes Gespräch. 466
Begebenheit. ibid.
Zwölftes Gespräch. 469
Begebenheit. ibid.
Dreyzehentes Gespräch. 470
Begebenheit. 471
Vierzehentes Gespräch. ibid.
Begebenheit. 472
Fünfzehentes Gespräch. ibid.
Von denen wunderbarlichen Gaaben und Freyheiten, so GOtt seiner würdigsten Mutter verliehen hat. 474
Von dem Leben Mariä, von ihrer unbefleckten Empfängnuß an, bis zur Geburt Christi. ibid
Von der Geburt Christi an, bis auf Mariä Reinigung. 475
Von der Reinigung an, bis sie von ihrem Sohn, da er zum Leiden gienge, Abschied genommen. ibid.
Von dem Leben Mariä zur Zeit des Leidens und Tods Christi. 476
Von der Auferstehung Christi an, bis Maria in Himmel aufgenommen worden. ibid.
Mariä Crönung geschehen von der heiligsten Dreyfaltigkeit. 477
Unterschiedliche zugleich aber curieuse Begebenheiten.
Erste Begebenheit.

Von einem alten, und reichten Wirth, den etliche Beutelschneider auf eine sehr listige Weis bestohlen haben. 479


Zweyte Begebenheit.

Ein liederliches versoffenes Weib überliftet ihren Gleichfalls liederlichen versoffenen Mann. 482
Dritte Begebenheit.

Einem Caminfeger tragt der Fall aus dem Camin ein unverhoftes und stattliches Mittagmal ein. 485

Vierte Begebenheit.

Ein Schwörer laßt sich bereden, als hätte ihn GOtt mit Blindheit gestraft, und dieses Bereden war Ursach, daß er nachgehends vom Schwören abgelassen. 488


Fünfte Begebenheit.

Ein Dieb rettet sich durch Erfindung eines artigen Lists aus der Gefahr gehenckt zu werden. 490

Sechste Begebenheit.

Ein Weib beredet ihren versoffenen Mann mit List, als wann er gestorben und wiederum wäre lebendig worden. 492


Siebente Begebenheit.

Einige Kerls verkaufen die Haut eines Thiers, ehe sie solche vorher gefangen. 494

Achte Begebenheit.

Zweyen blinden Bettlern werden ihre schmutzige Hüt, in welchen sie viel Geld eingenähet hatten, listiger Weis vom Kopf weggenommen. 496


Neunte Begebenheit.

Ein calvinischer Prädicant will einen Propheten abgeben, den jüngsten Tag zu verkünden. 499

Zehente Begebenheit.

Etlichen, so sich in einem Wirthshaus vollgesoffen, kommt selbiges nicht anders vor, als ein auf dem Meer herum fahrende Galeere. 503


Eilfte Begebenheit.


Eine Edelfrau in Deutschland erwiese denen Calvinischen Prädicanten, die alles dem unvermeidlichen Verhängnuß zuschrieben, einen artigen Schimpf, indem sie selbige verstellter Weis zu einem Mittagmahl eingeladen, aber mit hungerigem Bauch wiederum nach Haus hat kehren lassen. 505


Zwölfte Begebenheit.


Ein Bauer, nachdem er seine Trunckenheit das erstemal ausgeschlaffen, laßt sich bereden, ein Hertzog zu seyn; das anderemal aber erkennet er sich ein Bauer zu seyn, wie er allezeit gewesen. 507


Dreyzehente Begebenheit.

Listiger Betrug eines geitzigen und schäbigen Kaufmanns wird mit List bezahlt, und abgestraft. 511

Vierzehente Begebenheit.

Wunderlich artige, und aus dem Stegreif ausgesonnene Lob- und Trost-Predig, so ein Ordensmann zu Strassenraubern gehalten. 513


Fünfzehente Begebenheit.

Einem Ordensmann begegnet eine wunderliche und zugleich lächerliche Begebenheit. 517
Clotildis, Königin in Franckreich, Wittwenstand, Betrübnuß und Ableiben. 521
Siebenhente Begebenheit.

Boetii Leben, Gefangenschaft und Tod. 531

Achtzehente Begebenheit.

Ein Christlicher General ringt mit größter Lebens-Gefahr mit einem ungeheur grossen Bären, den er aber zuletzt mit einem bey sich habenden Stilet glücklich erlegt hat. 552


Neunzehente Begebenheit.


Ein junger Türck, nachdem er sich taufen lassen, und mit einer Christin verheurathet hatte, fallt meineidig vom Christlichen Glauben ab, kommt aber darüber elendiglich ums Leben. 555


Zwanzigste Begebenheit.


Ein türckisches Mägdlein wird durch Ansprach einer krancken Catholischen Wittfrau wunderbarlich zum Christlichen Glauben bekehrt; um dessentwillen es auch getödtet worden. 559


Ein und zwanzigste Begebenheit.

Einen königlichen Printzen macht die Forcht und Schröcken in einer eintzigen Nacht schneeweiß. 561

Zwey und zwanzigste Begebenheit.

Ein Sohn hatte seinen Herrn Vatter so weit beredet, daß er mit ihm GOtt dem HErrn in einem Closter bis ans End des Lebens gedienet hat. 562


Drey und zwanzigste Begebenheit.


Eine adeliche Frau wird in ihrem Anliegen von dem heiligen Antonio von Padua auf eine gantz verwunderliche Weis getröstet. 563


Vier und zwanzigste Begebenheit.


Christ-auferbauliches Sendschreiben eines neubekehrten Chinesischen Fürsten, an seine Fürstliche Gemahlin, aus Gelegenheit der Verfolgung wider die Christen in China. 565


Fünf und zwanzigste Begebenheit.


Ein Eheherr wird ewig verdammt, weil er gegen seiner Ehegemahlin einen unversöhnlichen Haß getragen. 566


Sechs und zwanzigste Begebenheit.

Ein Kind wird auf den Fluch seiner Mutter durch den Teufel weggeführt. ibid.

Sieben und zwanzigste Begebenheit.

Ein unschuldiges Kind wird von einem Diener, nach ausgesprochenen heiligsten Namen JEsus, dem Teufel aus denen Klauen gerissen. 567


Acht und zwanzigste Begebenheit.


Ein Verstorbener kommt wieder zum Leben, und bekennet eine von vielen Jahren her in der Beicht verschwiegene Sünd. 570


Neun und zwanzigste Begebenheit.


Christus weyhet selbst in höchster Person zur Ehr seiner Jungfräulichen Mutter die Capell, in welcher der Heil. Meinrad das Heil. Meßopfer täglich pflegte zu verrichten. 572


Dreyßigste Begebenheit.


Ein verzweifleter Mensch wird durch ein Mariä Bildlein von Einsiedlen erhalten, daß ihn der Teufel nicht hat können mit Leid und Seel hinwegführen. 575


Ein und dreyßigste Begebenheit.


Ein reicher, aber gewissenhafter Kaufmann, läßt vor seinem End für sich ein Seelamt halten, und stirbt gleich darauf selig. 576


Zwey und dreyßigste Begebenheit.


Ein Meermann redt und zeigt an, was für wunderliche Geschöpf im Abgrund des Meers verborgen seyen. 579


Drey und dreyßigste Begebenheit.

Der Heil. Maclovius lieset Meß auf einem ungeheuer grossen Wallfisch, ohne daß er es wußte. 580
Vier und dreyßigste Begebenheit.

Der Teufel kan nicht hinaus, wo der Ausgang mit dem Heil. Creutz bezeichnet ist. 581

Fünf und dreyßigste Begebenheit.

Ein Engel bringt einem Bischof in einem crystallenen Schälelein das noch frische und wohlgefärbte Hertz des Heil. Augustini. 580


Sechs und dreyßigste Begebenheit.

Ein Wirth betrügt einen Edelmann mit einem falschen Spiegel. 583
Sieben und dreyßigste Begebenheit.

Ein Kayserlicher Trabant weißt seine Mauserey mit einem artigen List zu entschuldigen. 584

Acht und dreyßigste Begebenheit.

Ein altes Lutherisches, und in ihrem Irrthum hartnäckiges Weib wird von einem Ordensmann artig überwiesen, daß sie den rechten Glauben nicht habe. 586


Neun und dreyßigste Begebenheit.


Ein Waldbruder will auf einmal ein Leben gleich den Englen führen; erfahrt aber bald, daß er einem Menschen gleich leben müsse. 587


Vierzigste Begebenheit.


Zwey fürwitzige Ordensbrüder werden von einem in einer Wüste wohnenden Altvatter ihres Undancks halber artig bezahlt. 589


Ein und vierzigste Begebenheit.


Es wird zu errathen aufgegeben, welches das größte Creutz seye, so den Menschen in diesem Leben aufgelegt wird. 592


Zwey und vierzigste Begebenheit.


Ein Ordensmann bezahlt gar artig ein Lutherisches Weib, von welcher er offentlich beschimpft worden. ibid.


Drey und vierzigste Begebenheit.

Ein armer, aber pralender Edelmann wird auf eine curieuse Weis zu schanden gemacht. 595
Vier und vierzigste Begebenheit.

Einem alten Rathsherrn wird ein artiger Possen gespielet. 596
Fünfzigste Begebenheit.

Lächerlicher Possen, so ein Spitzbub einem blinden Bettler gerissen. 598
Ein und fünfzigste Begebenheit.

Eines Soldaten lächerliche Red nach erfundenen todten Leichnam seines Cameradens. 599
Zwey und fünfzigste Begebenheit.

Ein todter Ries erschreckt ein gantzes Dorf der Bauren. ibid.

Drey und fünfzigste Begebenheit.

Ein Müller will lieber seinen Streithandel fahren lassen, als mit Gefahr, viel Geld zu verthun, einem Advocaten unter die Händ kommen. 600


Vier und fünfzigste Begebenheit.

Der Weib Fürwitz wird auf eine artige Weis zu schanden gemacht. 602

Fünf und fünfzigste Begebenheit.

Einem Weib wird ein trefliches Mittel vorgeschrieben, wie sie verhindern könne, daß ihr Mann nicht viel rumore. 603

Auserlesene mithin aber serieuse Begebenheit.

Erste Begebenheit.

Ein halsstarriger Sünder stirbt gantz unbußfertig. 605
Zweyte Begebenheit.

Eine Mutter klagt über den unzeitigen Tod ihres Sohns unmäßiglich. 606

Dritte Begebenheit.

Der Heil. Schutz-Engel bringt einen tödlich verwundeten Jüngling an ein sicheres Ort, damit er verbunden, und geheilt möchte werden. 608


Vierte Begebenheit.


Einen alten zugleich aber frommen und einfältigen Schifmann erhalten die heilige Engel in einem auf dem Meer entstandenen Ungewitter, daß er nicht zu Grund gegangen; sondern an dem Gestatt, wohin sein Schiffahrt gerichtet war, angeländet ist. 609


Fünfte Begebenheit.


Glückliche Ankunft, und glorwürdiger Einzug dreyer Japonesischer Königen Abgesandten zu Rom, den allgemeinen Vatter der Christenheit zu verehren. 610


Sechste Begebenheit.

Denckwürdiger Schifbruch, so sich im Mohrenland mit etlichen Ordens-Leuten zugetragen. 618

Siebente Begebenheit.

Herrlicher Glaubens-Kampf eines Christens, worinn der wahre Christ-Glaub wider die Unglaubige obgesieget hat. 634


Achte Begebenheit.

Gottseliger Hintritt eines Greisen. 638

Neunte Begebenheit.

Ein Spanier wird in äusserster Lebens-Gefahr von GOtt wunderbarlich, und so lang erhalten, bis er seine Sünden hat beichten können. 639


Zehente Begebenheit.


Ein Frantzösischer Kaufmann waget sich mit all seinem Haab und Gut auf das Meer; leidet aber Schifbruch, kommt um alles, und muß voller Elend wiederum nach Haus kehren. 640


Eilfte Begebenheit.

Ein barbarischer Sclav rächet sich grausamlich gegen seinem Herrn. 642
Zwölfte Begebenheit.

Ein in bösen Gewohnheiten veralteter Sünder stirbt gantz verzweifelt. 646
Dreyzehente Begebenheit.

Margaretha von Cortona wird wunderbarlich bekehrt. 647

Vierzehente Begebenheit.

Ein liederlicher Jüngling, der alles das Seinige verschwendet, kommt durch Beyhülf der heiligen Mutter Annä wiederum auf ein grünes Zweig. 649


Fünfzehente Begebenheit.

Drey vermummte hochadeliche Herren kommen jämmerlich ums Leben. 650
Sechzehente Begebenheit.

Ein Rab laßt sich mit deutlicher Stimm vernehmen von der Ewigkeit. 651
Siebenzehente Begebenheit.

Ein verdammer Geist zeiget an, was die Verdammte in der Höll am meisten bedauren, und beweinen. 652
Achtzehente Begebenheit.

Ein Verdammter giebt eine Prob von dem höllischen Gestanck. ibid.

Neunzehente Begebenheit.

Ein alter Greiß gibt noch im Todbeth zu verstehen, was gestalten er vor diesem, da er noch frisch und gesund war, gern nach neuen Zeitungen gefragt habe. 654


Zwanzigste Begebenheit.

Gottseliger Hintritt aus diesem Leben eines Knabens von 16. Jahren. 655
Ein und zwanzigste Begebenheit.

Heller Spiegel Christlicher Starckmüthigkeit in Trübsal. ibid.

Zwey und zwanzigste Begebenheit.

Ueberaus harte und mitleidenswürdige Prob, so ein Graf mit seiner Ehegemahlin vorgenommen, um zu erfahren, ob sie sich gäntzlich nach seinem Willen schicken werde. 659


Drey und zwanzigste Begebenheit.

Höchst auferbauliche Lebensart eines berühmten Feld-Obersten. 665
Vier und zwanzigste Begebenheit.

Ein Kayserlicher General Feldmarschall-Lieutenant rüstet sich gottseliglich zur Sterbstund. 668
Fünf und zwanzigste Begebenheit.

Ein Calvinischer Fürst hat kurtz vor seinem Tod einen fürchtlichen Traum. 669
Sechs und zwanzigste Begebenheit.

Unseliger Tod Henrici des achten Königs in Engeland. 670

Sieben und zwanzigste Begebenheit.

Thomä Mori, weiland Engeländischen Reichskantzlers, gottsförchtiger Lebenswandel, und für die Ehr des Catholischen Glaubens starckmüthig ausgestandener Tod. 672

Lächeriche, meistentheils aber sinnreiche Reden und Antworten, welche zwischen unterschiedlichen Leuten vorgefallen. 678. bis 699

Erzählung der zehen Egyptischen Plagen, aus welchen mit Erstaunung zu ersehen ist, was GOtt für ein mächtiger HErr seye, und wie er die Halsstarrigkeit des Sünders brechen, und mithin den schuldigen Gehorsam von ihm erzwingen könne.


Die erste Egyptische Plag. Wasser in Blut verwandlet. 699
Die zweyte Egyptische Plag. Die Frösch. 700
Die dritte Egyptische Plag. Mucken und Schnacken. 701
Die vierte Egyptische Plag. Fliegen. ibid.
Die fünfte Egyptische Plag. Pestilentz. ibid.
Die sechste Egyptische Plag. Blattern. 702
Die siebente Egyptische Plag. Donner und Blitz. ibid.
Die achte Egyptische Plag. Heuschrecken. 703
Die neunte Egyptische Plag. Finsternuß. ibid.
Die zehente Egyptische Plag. Kinder-Tod. 704

Lehrreiche Fabeln.
Erste Fabel.

Ein zartes irdenes Schälelein tanzt mit einem tolpeten eisenen Dreyfuß, und wird von ihm unter dem Tanzen zerbrochen. 705


Zweyte Fabel.


Ein arge Katz stiftet mit ihrem Ohrenblasen Mißtrauen zwischen einem Adler, und wilden Schwein, wodurch sie beede ins Verderben gebracht hat. 707


Dritte Fabel.

Ein Fuchs wird von einem Bauern, den er aus Lebens- Gefahr errettet, übel belohnt. 709
Vierte Fabel.

Eine glückliche Haushaltung wird durch Uneinigkeit zerstöhrt. 715
Fünfte Fabel.

Eine Lerch kundschaftet alles wohl aus, damit ihre Junge wohl versorgt seyen. 717
Sechste Fabel.

In einem herrlichen Gebäu stritten einstens alle Theil des Hauses um den Vorzug. 719
Siebente Fabel.

Ein Esel muß seine Ehrsucht mit der Haut bezahlen. 723
Achte Fabel.

Drey erzfaule Steigbettler bekommen ihren verdienten Lohn. 731
Neunte Fabel.

Eine Jungfrau erhaltet wider die Nachstellungen ihrer Brüder den Sieg. 735

Zehente Fabel.

Philautia, das ist, die eigene Lieb, vermacht Testaments-weise dem größten Narren, so man in der Welt finden wurde, ein betrügliches Schatztrühlein, als ein Erbgeschenckt. 736


Eilfte Fabel.


Die Haasen hielten sich für die forchtsamsten Thier auf Erden; veränderten aber die Meinung, nachdem sie gesehen, daß sie von denen Fröschen geförchtet wurden. 750


Zwölfte Fabel.


Von einem Vatter und Sohn, die mit ihrem Esel über Land gereiset, und niemand haben recht thun können. 753


Dreyzehente Fabel.

Der arme Esel muß ein schlechtes Verbrechen mit der Haut bezahlen. 755
Vierzehente Fabel.

Die Ameis beklagt zu spat ihre stolze Begierd, Flügel zu bekommen. 756
Fünfzehente Fabel.

Die Amsel hatte gantz wohl gethan, daß sie es nicht mit denen Spatzen gehalten. 758
Sechzehente Fabel.

Ein Hahn bezahlt des Fuchsen List mit gleicher Münz. 759

Siebenzehente Fabel.

Ein Fuchs ziehet sich durch listige Entschuldigung aus der Gefahr, von dem Löwen zerrissen zu werden. 760


Achtzehente Fabel.

Ein Wolf gräbt ihm selbst durch übles Nachreden eine Grub. 762
Neunzehente Fabel.

Der Fuchs kommt ums Leben, dieweil er dem treuen Rath des Hahnen nicht folgen wollen. 763
Zwanzigste Fabel.

Eine arme Maus wird von dem Frosch betrogen. 764
Ein und zwanzigste Fabel.

Die Fortuna (das Glück) erhält wider den Tod der Präcedenz halber den Sieg. 765
Zwey und zwanzigste Fabel.

Ein Hafen meidet die Gesellschaft des Dreyfusses. 767
Drey und zwanzigste Fabel.

Die Tagszeit wird sinnreich vorgestellet. ibid.
Vier und zwanzigste Fabel.

Disput zwischen einem Alten und dem Tod. 768
Fünf und zwanzigste Fabel.

Das Pferd sucht Rache wider seine Feind, und wird darüber zum Sclaven. 769
Sechs und zwanzigste Fabel.

Zwischen dem Mosrohr und Eichbaum erhebte sich ein Streit, wer stärcker aus ihnen seye. 770
Sieben und zwanzigste Fabel.

Der Wolf verspricht kein Thier mehr aufzufressen; halt aber sein Versprechen keineswegs. 771
Acht und zwanzigste Fabel.

Zwey Mäuse suchen einander heim. 772
Neun und zwanzigste Fabel.

Der Pfau macht sich durch böses Exempel verächtlich bey dem Federvolck. 773

Dreyßigste Fabel.

Der Fuchs getraut sich nicht den krancken Löwen heimzusuchen, durch dieses Mißtrauen aber erhält er sich beym Leben. 774


Ein und dreyßigste Fabel.

Der Esel wollte gern ein Roß seyn. 775
Zwey und dreyßigste Fabel.

Ein verruchter Böswicht wird von einer Ampel vor Gericht angeklagt und überwiesen. 776
Drey und dreyßigste Fabel.

Die Mäus halten wider die Katz einen Rathschlag. 777

Vier und dreyßigste Fabel.

Wunderlicher Gerichtshandel, der sich zwischen etlichen Tugenden, als Klägerinnen, einer, und zwischen dem edelsten Metall, dem Gold, anderer Seits solle ereignet haben; dessen Ausspruch GOtt als dem höchsten Richter heimgestellet wird. 778

Schriftmäßiges Examen, darinn D. Martin Luther, und Johann Calvin denen dreyen fürnehmsten Apostlen Petro, Paulo und Jacobo vorgestellet, und aus dem Wort GOttes selbst so weit überzeuget, daß ihnen der Eingang in den Himmel rechtmäßig abgesprochen worden.

Das erste Capitel. St. Petrus, St. Paulus, St. Iacob, Martin Luther. 789

Das zweyte Capitel. Mercurius, St. Petrus, Calvinus, Lutherus. 793

Das dritte Capitel. Charon, Mercurius, Calvinus, Lutherus. 796

Das vierte Capitel. Megära, Calvinus, Lutherus. 799

Das fünfte Capitel. Nemesis, oder Rach, Aeacus, Minos, Rhadamanthus. 801


Anhang, bestehend erstlich in Freuden-Geschichten von der heiligen Beicht.


Erste Abtheilung.

Erforschung des Gewissens.

Auslegung der Figur: Christus bey dem Brunnen, und die Samaritanin. 809
Erstes Capitel.

Margaretha von Cortona, beicht zum zweyten mahl generaliter. 810
Zweytes Capitel.

Protasius König zu Arima, verabsaumet die Feyertäg, wird vom Himmel ermahnet. 813
Drittes Capitel.

Versaumnuß, und frembe Sünd. Isabella, Königin in Hispanien wird vermahnet. 815
Viertes Capitel.

Rechte Erforschung zur Beicht, entgehet der strengen Erforschung des letzen Gerichts. 817
Fünftes Capitel.

In Anrufung Mariä, wird das Gewissen erleuchtet zu guter Erforschung und Beicht. Ein Hispanier. 820
Zweyte Abtheilung.
Bereuung der Sünden.

Auslegung der Figur: Magdalena bey den Füssen des HErrn: Unrerschied zwischen der vollkommenen, und unvollkommenen Reu. 822


Erstes Capitel.

Vollkommene Reu, eines Edelmanns. 823
Zweytes Capitel.

Unvollkommene Reu, Landelinus. 825
Drittes Capitel.

Vollkommene Reu, mit Begierd der Beicht. Francisca ein hochedle Spanische Ehefrau. 827

Viertes Capitel.

Vollkommene Reu erstrecket sich auf eigene, und alle Sünden. Camilla von Veranis, erstlich ein weltlich eitle, darnach ein geistlich heilige Fräule, durch ein gute reumüthige Beicht. 830


Fünftes Exempel.


Grosser Reumuth zweyer Frauen, dero Reu einer Vollkommen, der andern Unvollkommen, gewesen doch kräftig. 832


Sechstes Capitel.

Ein Edelmann verzeichnet schriftlich sein vollkommene Reu. 834

Siebentes Capitel.

Viel mit vollkommener Reu und Begierd der Beicht, seynd ohne Beicht selig worden. Wie die Christen das H. Land einnehmen wolten. Auch zu Brüssel in der Pest. 835


Dritte Abtheilung.

Vorsatz sich zu bessern.

Auslegung der Figur. Zachäus windet sich aus aller Ungerechtigkeit. 837

Erstes Capitel.

Der Comödiant Babylas mit zwey Frauen, machen ein steiffen Vorsatz, Buß zu thun. Ein Römische Fräule wird von einer Schlang vergift. Ein Buhler will nach der Beicht sein Buhlschaft nimmer kennen. 838


Zweytes Capitel.


Der Vorsatz erfordert Versöhnung. Ein dollsinniger Mann verwundet den König, will lang keinen Vorsatz machen, nicht mehr zu sündigen. Gibitrudis stirbt, und wird wiederum lebendig zu beichten, ihre Gemüths-Abwendung von etlichen Schwestern. Catharina Königin in Engeland verzeihet. 840


Drittes Capitel.


Der Vorsatz muß verzeihen, auch denen die uns beleidiget haben. Zwey junge Herren, und ein Jungfrau beichten Patri Possevino, und thun dieses. 843


Viertes Capitel.


Der Vorsatz wicklet sich aus aller Ungerechtigkeit. Isabella Königin in Hispania, handlet derowegen mit Ferdinand Talavera Bischof zu Granada ihrem Beicht-Vatter. 845


Fünftes Capitel.

Kirchen-Raub muß der Kirchen zugestellet werden: Herzog in Lothring Ragnerus. 847
Sechstes Capitel.

Ungerechtes Gut thut kein gut, ein Sohn eines Wucherers stellet es zu, wird geistlich. 848

Siebentes Capitel.

Der Vorsatz giebt einem jeden das Seinige. Nicolaus, Esterhazy Palatinus, stellet zu die Herrschaft Regez. 850


Achtes Capitel.

Der Vorsatz vertilgt die Aergernuß. Ein Mahler im Carmeliter-Closter, erscheint Patri Dominico. 851

Vierte Abtheilung.

Bekanntnuß der Sünd.

Auslegung der Figur: Petrus empfahet die Schlüssel. 853

Erstes Capitel.

Beschaffenheit des Beicht-Vatters. St. Johannes Nepomucenus wird wegen der Verschwiegenheit gemartert. 854


Zweytes Capitel.

Pater Bernardus Colnagus Soc. JEsu, ein gütiger Beicht-Vatter. 856
Drittes Capitel.

Wem man soll beichten. 857
Viertes Capitel.

Ein Jungfrau beicht P. Henrico Susoni. 858

Fünftes Capitel.

Die Todsünd nach dem Unterschied, und Anzahl beichten. St. Agnetis von Monte Politiano Herr Vetter. 859


Sechstes Capitel.

Wie man den Unterschied, und Anzahl der Sünden beichten soll. Etlich Exempel. 861

Siebentes Capitel.

Durch die Beicht wird ein abscheulicher Diener holdselig. Mater Paula Centuriona hat dieses gesehen. 867


Achtes Capitel.

In Zweiflen soll der Beicht-Vatter gefraget werden. Ein Römische Edelfrau. 868
Neuntes Capitel.

Drey Eigenschaften der Beicht, dermüthig, redlich, lauter. 870
Zehentes Capitel.

Die Todfünd muß man, die läßliche kan man beichten. 872

Fünfte Abtheilung.

Gnugthuung, oder die auferlegte Buß verrichten.

Auslegung der Figur: die Ehebrecherin soll hingegen nicht mehr sündigen. 874

Erstes Capitel.

Die Straf der Sünd wird nicht allzeit gäntzlich vergeben. Vorzeiten wurden schwere Bussen auferlegt. 875


Zweytes Capitel.

St. Vital Abbt giebt kleine Bussen. 877
Drittes Capitel.

In gewissen Begebenheiten können kleine Bussen auferlegt werden. 878
Viertes Capitel.

Alle Bussen seynd klein gegen der Sünd. Philipp Graf zu Namur thut Buß, nach dem Tod Wunder. 882
Fünftes Exempel.

Pabst Innocentius leget auf einer schweren Sünderin, ein geringen Buß. 884

Sechstes Capitel.

Die Buß soll nicht verschoben, gleich verrichtet werden. St. Antoni des Abbten vortreflichste Tugend wird den Beicht-Vättern anbefohlen. 886


Siebentes Capitel.

Neben der auferlegten können andere Bussen angenommen werden. 888
Freuden-Lied nach verrichter Beicht. P. Joannis Dilati Soc. JEsu. 892

Anhang, bestehend zweytens in Trauer-Geschichten von der heiligen Beicht.

Erstes Capitel.

Wann ist die Beicht ungiltig: Sechs Ursachen der ungiltigen Beicht. 898
Zweytes Capitel.

Zwey Stuck wohl zu mercken einem jeden Beichtvatter. 899
Drittes Capitel.

Der Innhalt dieses Büchleins. 900
Viertes Capitel.

Der Urheber der Verschwiegenheit in der Beicht, ist mehrmahlen der Teufel. 901
Fünftes Capitel.

Ein sechzehen-jähriges Mägdlein wird verdammet, wegen verschwiegenen Sünden. 903
Sechstes Capitel.

Ein Fäul wird aus gleicher Ursach verdammet. 909
Siebentes Capitel.

Ein Weib wird gleichfalls verdammet, und ihr Cörper wird von Teuflen hingeführt. 912
Achtes Capitel.

Ein Königliche Engeländische Prinzeßin wird eben aus solcher Ursach verdammet. 914
Unbescheidner Beicht-Vatter. 917
Neuntes Capitel.

GOtt offenbahrt die in der Beicht verschwiegene Sünd. 918
Gleichnuß von einem geschwängerten Mägdlein. 920
Zehentes Capitel.

Im Ehestand kam man sündigen, wie einer Frau solche ihr Sünd worden zu ihrer Verdammnuß. 922

Eilftes Capitel.

Ein Closterfrau, und Obrigkeit des Closters, wird verdammet, wegen einer eitlen Verschwiegenheit. 924


Zwölftes Capitel.

Wegen eines unzüchtigen Gedancken wird ein Frau ewig zur Höllen verdammet. 926
Dreyzehentes Capitel.

Ein seltsame Geschicht von Pelagio einem Mönch. 928
Unvernünftige Thier suchen ihr Heil durch gute Mittel. 932
Vierzehentes Capitel.

Die Sünd je mehr sie wird verborgen, je mehr wird sie geoffenbahret. 933
Viel besser ist es vor dem Beichtvatter, als vor dem Gericht zu schanden werden. ibid.
Fünfzehentes Capitel.

Diese Wahrheit wird bekräftiget mit einem Gesicht. 936

Sechzehentes Capitel.

Beschluß des ersten Theils, St. Aegidius der Abbt ist ein Helfer, wider die Schamhaftigkeit, recht zu beichten. 939


Zweyte Abtheilung.

Erstes Capitel.

Ein hochwichtiges gutes Bedencken. 941
Ob mehr Catholische Christen verdammet, als selig werden? Ein Ursach dessen. ibid.
Zweytes Capitel.

Die in Raufhändlen sterben, haben kein rechten Vorsatz, ihrem Feind zu verzeihen. 942
Drittes Capitel.

Zwey klägliche Begebenheiten deren, die sich nicht wollen besseren. 943
Viertes Capitel.

Von gutem Vorsatz, der zur Beicht wird erfordert. 946
Fünftes Capitel.

Ein Student zu Paris wird verdammet, aus Mangel des guten Vorsatzes. 948
Cap. 6. Ein Domherr wird gleichfalls verdammet. 951
Cap. 7. Aus was Ursach wird der gemachte Vorsatz gebrochen? Vier Ursachen werden angezeigt. 953
Die erste ist die Hoffart. ibid.
Die 2. ist der eigne Nutz. 954
Die 3. Die Verzweiflung. ibid.
Die 4. Ist die Untreu. 955
Cap. 8. Andere Ursachen, die fünfte ist die Vergessenheit, die sechste ist die eitle Forcht. 956
Cap. 9. Aus Abgang des guten Vorsatzes, wird ein Frau verdammet. 959
Cap. 10. Ein Wucherer bleibt ein kleine Zeit im guten Vorsatz. 961
Cap. 11. Gute Mittel im guten Vorsatz zu verharren. 963
1. Nicht auf sich vermessentlich trauen. ibid.
2. Die Flucht der Gefahr. 964
Cap. 12. Gefährlich ist es, die Beicht aufschieben. 965
Ein unglückseliger Beichtvatter, und Beicht- Kind. 968
Cap. 13. Ein guter Beichtvatter, ist ein grosser Nutz. Ein Exempel. ibid.
Cap. 14. Drey Beicht-Vätter werden erschröcklich gestraft. 971
Cap. 15. Oefter in ein Sünd fallen, ist ein Zeichen eines unkräftigen Vorsatzes. 976
Cap. 16. Dies wird mit einem Exempel bewiesen. 980
Cap. 17. Die Nothwendigkeit der General- Beicht. 983
Cap. 18. Warum ein General-Beicht soll geschehen. 987
Die erste Ursach, weilen es vor dem Tod viel thun. ibid.
Die 2. Weilen wir unsicher seynd in der Zeit. 988
Die 3. Wahre Forcht GOttes zu bekommen. 989
Cap. 19. Die 4. Ursach ist, zur Demuth. 990
Die 5. Zum Sieg des bösen Feinds. 991
Ein Exempel von einer büssenden Closter- Frau. ibid.
Die 6. Ursach, ist sicher zu seyn, daß wir einen steiffen Vorsatz haben gemacht. 993
Cap. 20. Innhalt der obbemelten Nutzbarkeiten. 995
1. Alle mangelhafte Beichten werden ersetzet. ibid.
2. Die tiefe Demuth wird erwiesen. ibid.
3. Die Lieb GOttes wird entzündet. 996
4. Die Gedult wird angenommen. ibid.
5. Ein Großmüthigkeit wird gefasset. ibid.
6. Das Leben wird erneueret. ibid.
7. Hiemit kommet die Ruhe des Gewissens. ibid.
8. Der Sieg über die Teufel. 997 ibid.

Exempel von einem Verliebten, der Zauberey braucht, endlich büsset. Die Beich-Vätter sollen mit Gedult anhören die General-Beicht. 998


Form und Unform in dem Beichtstuhl.

Erster Beicht-Form. 1002
Zweyter Form. 1003
Dritter Form. 1004
Vierter Form. 1006
Fünfter Form. 1007
Erster Unform. 1008
Zweyter Unform. 1010
Dritter Unform. 1011
Vierter Unform. 1013
Fünfter Unform. 1014

Fünf nothwendigste Puncten zu einer rechtschaffenen Beicht.

Erster Punct. Fleißige Ersorschung des Gewissens. 1016

Zweyter Punct. Eine übernatürliche, eine allgemeine und hertzliche Reu, entweder eine vollkommene oder unvollkommene. ibid.

Dritter Punct. Ein kräftiger Vorsatz. 1017

Viertet Punct. Eine vollkommene, demuthige offenhertzige Beicht. 1018

Fünfter Punct. Eine geziemende und heilsame Buß 1021

Form einer wahren vollkommenen Reu und Leid. 1023

Des lehrreichen Exempel-Buchs von Frommen Kinderen

1. Exempel
Erstes Exempel.
Ein Knab zieht samt einem Franciscaner-Röcklein eine ungemeine Gottseeligkeit an sich.

Um das Jahr Christi 1220 lebte in Niederlanden ein Knab Namens Achas, so nicht gar 7. Jahr alt worden. Seine Elteren waren vermögliche Leut, so den armen Geistlichen viel Guts thaten. Nun truge es sich einstens zu, daß zwey arme Franciscaner bey ihnen den Einkehr genommen. Da gefielen dann dem Knaben ihr Ordens-Kleyd, und demüthige Sitten sowohl, daß er seine Elteren mit weynenden Augen gebetten, sie wolten ihm doch auch ein Franciscaner Röcklein machen lassen. Wie er nun solches erhalten, da ist nicht auszusprechen, was Gottseeligkeit und heiligen Eifer er samt dem Röcklein an sich gezogen. Dann so er ungefehr hörte, daß andere Knaben unter sich zanckten, oder einander gar schlugen, da strafte er sie mit ernstlichen Worten, und sagte zu ihnen: sie sollen gedencken, was für eine grosse Straf in der anderen Welt auf sie warte, wann sie sich nicht besseren wurden. Sahe er aber, daß andere fridsam und eingezogen waren, da lobte er sie: und sagte zu ihnen: sie solten mir getröst seyn; dann sie hätten einen grossen Lohn in dem Himmel zu gewarten. Ja so gar gegen seinen Elteren konte er seinen heiligen Eyfer nicht einhalten. Dannenhero so etwann sein Vatter truncken nach Hauß kame, (und wie es halt geht, wann man zu viel getruncken hat) mithin etwann fluchte, oder unehrbare Wort ausstoßte, da fienge der Knab an zu weinen, und sagte: Ach mein Vatter! erinneret euch doch dessen was der Prediger erst neulich auf der Cantzel gesagt hat, daß nemlich die Trunckene das Reich GOttes nicht besitzen werden. Und da einstens seine Mutter etwas üppiges gekleydet [1] in die Kirchen gehen wolte, deutete er ihr auf ein Crucifix-Bild, und sagte: Ach liebe Mutter! sehet doch, wie unser lieber HErr so arm, und mit Blut überronnen am Creutz hangt; und ihr zieher so üppig daher! das stehet ja nicht wohl? Solche Ermahnungen aber, weil sie mit Beobachtung schuldiger Ehrerbietung, und aus einem heiligen Eifer geschahen, nahmen die Elteren dem Knaben nicht allein nicht übel auf; sonderen vilmehr liebten sie ihn darum, und liessen es ihnen gesagt seyn. Neben seinem heiligen Eyfer, die Beleydigung GOttes bey anderen zu verhinderen, truge er zur heiligen Armuth (zu welcher sich die Franciscaner strenger, als andere Ordens-Geistliche verbinden) eine solche Lieb, und Hochachtung, daß er nicht einmahl Geld anrühren wolte Als er nun in solcher Gottseeligkeit eine Zeit lang zugebracht, gefiele es GOtt, ihne aus diser Welt abzuforderen, und als eine schöne, und noch frische Tugend-Blum in den himmlischen Lust-Garten zu übersetzen, ehe und bevor sie etwann mit der Zeit verwelcken, und durch anderer böse Exempel möchte verderbt werden. So wurde er dann von GOtt mit einer tödlichen Kranckheit heimgesucht. Wie nun der gottseelige Knab das End seines Lebens vor sich sahe, da legte er eine Beicht ab von allem dem, was nur den Schatten einer Sünd haben möchte; worauf er auch das Heil Sacrament des Altars, als die letzte Weeg-Zehrung der Sterbenden verlangte. Weil ihm aber solches, als einem Kind abgeschlagen worden, da habe er seine unschuldige Händ gen Himmel, und sagte: HErr JEsu Christ du weist, wie gern ich dich in dem Heil. Sacrament des Altars bey mir hätte. Weil es mir aber nicht zugelassen wird, und ich meine seits gethan, was ich hab können, so hoffe ich, du werden meinen guten Willen für das Werck annehmen, und ich werde dort in dem Himmel ewig bey dir seyn. Dises geredt, hat er sein unschuldiges Leben geendiget. Cap. tiprat. L. 2. Apum.


Lasse mir das ein seltsames Exempel von einem frommen Knaben seyn. Wo findet man heut zu Tag der gleichen?

2. Exempel
Zweytes Exempel.
Unser liebe Frau erscheint einem Töchterlein, und ladet ein zur ewigen Freud.

Zu Rom, der vornehmsten Statt in Welschland, lebte ein Töchterlein mit Namen Musa. Diese erschiene einstens bey nächtlicher Wache [2] die Himmels-Königin, samt vielen heiligen Jungfrauen, dero Kleyder schneeweiß waren, die Angesichter aber glantzten wie die Sonne. Die Himmels-Königin redete das Töchterlein an mit diesen Worten: Musa! sihest du diese Jungfrauen? Sie seynd alle auserwählte Bräuten meines Sohns. Verlangst auch du in ihre Gesellschaft zu kommen, so must du gantz eingezogen leben; und also von allem Muthwillen, frechen Reden und Gelächter, ja von allen üppigen Freuden, denen sonst die unbesonnene Jugend ergeben ist, dich enthalten. Wirst du das thun, so wisse, daß du innerhalb 30. Täg werdest in unserer Gesellschaft seyn. Dieses geredt, verschwande die Himmels-Königin samt ihrer Gesellschaft. Wie nun das Töchterlein aus dem Schlaf erwachet, da ist nicht auszusprechen, wie gantz verändert es sich befunden. Es waren ihm vergangen alle kindische Freuden: es wollte von nichts anders hören, als nur von himmlischen Dingen; also daß ihre Elteren sich darüber nicht genug verwunderen konten. Wie es ihnen aber die nächtliche Erscheinung der Ordnung nach erzählet, da hat die Verwunderung bey ihnen noch mehr zugenommen. Nun, wie gienge es weiters? Es stunde kaum 25. Täg an, da ward das Töchterlein mit einem tödtlichen Fieber überfallen; an welchem als es bis auf den 30sten Tag kranck gelegen, da ist ihme die Himmels-Königin abermahl in Begleitung obgedachter heiliger Jungfrauen erschienen, und hat es zur ewigen Freud eingeladen. Auf welche Einladung das Töchterlein mit Freuden geantwortet: O Frau! Ich komme, ich komme. Dises gesagt, schlosse es die Augen zu, und gabe den Geist auf. S. Greg. 4. Dial.


O wie gefallen GOtt, und seiner Jungfräulichen Mutter die jenige Töchterlein, welches fein züchtig und eingezogen seynd.

3. Exempel
Drittes Exempel.
Das JEsus Kindlein isset mit zweyen unschuldigen Knaben mehrmahlen zu Mittag.

Es waren zwey unschuldige Knaben, die giengen in einem Dominicaner-Kloster bey einem frommen Pater in die Schul, von welchem sie nicht allein im Lesen und Schreiben, sondern auch in aller Frommkeit und guten Sitten unterwiesen wurden. Ihre Gewohnheit war, um die Mittag-Zeit nach der Schul in einem nahe an dem Closter gelegnen Kirchlein das Mittag-Essen welches in Brod, Aepfeln und Birn, so ihnen ihre Mütter täglich in das Schul-Säcklein mitgaben, bestunde einzunehmen. In dem Kirchlein aber war ein Altar auf welchem ein geschnitzeltes Mariä- [3] Bild stunde, so auf dem Schoos das JEsus Kindlein hatte. Wie sie nun eines Tags allda ihr Mittag-Essen tröstlich einnahmen, sihe! da stiege das JEsus Kindlein von freyen Stucken vom Altar herunter, gesellete sich zu den Knaben, grüßte sie, und gesegnete ihnen das Mittag-Essen. Die Knaben danckten ihm, hiessen es willkomm seyn, und sagten, es komme eben recht, wann es mit ihnen essen, und verlieb nehmen wolle. Und da ihm das JEsus Kindlein die Einladung gefallen lassen, theilten sie ihm mit, was sie in ihrem Schu-Säcklein hatten: welches dann das JEsus Kindlein alles angenommen, und eben auch mit ihnen gegessen hat. Wie aber alles aufgessē war, bedankte es sich gegen ihnen: und nachdem es Abschied genommen, stiege es wiederum auf den Altar, und setzte sich in den Schoos seiner Mutter; die Knaben aber nahmen ihren Ruck-Weeg aus dem Kirchlein, und giengen wiederum der Schul zu. Wie nun dieses mehrmahlen nacheinander geschehen, haben sie es endlich dem Pater, ihrem Lehr-Meister angezeigt, mit vermelden, was gestalten das JEsus Kindlein zwar öfters mit ihnen zu Mittag esse; allein es gebe ihnen nichts dagegen. Wie der Lehrmeister das gehört, konte er sich eines Theils nicht gnug darüber verwunderen; anderen Theils aber wußte er sich selbst vor Freuden nicht zu fassen: dann er aus dieser Erzählung abgenommen, die Unschuld dieser Knaben müsse dem JEsus Kindlein sehr gefallen, indeme es mit ihnen zu essen sich so oft gewürdiget habe. Demnach unterrichtet er sie, wie sie sich inskünftig gegen dem JEsus Kindlein zu verhalten hätten, und sagte: Höret, ihr Kinder! wann inskünftig das JEsus Kindlein wiederum mit euch wird zu Mittag essen, so redet es an (jedoch mit tieffester Ehrerbietung) und saget zu ihm: liebstes JEsus Kindlein! du issest wohl mit uns, gibst uns aber nichts dagegen. Wir wolten, daß du uns auch einmahl etwas brächtest; oder aber uns samt unserm Lehr-Meister zu deiner Tafel thätest einladen. Ey ja! versprich es uns, oder wir lassen dich nicht mehr von uns weggehen. Diesen Unterricht nun liessen ihnen die Knaben treulich gesagt seyn. Wie derohalben das JEsus-Kindlein bald darauf seiner Gewohnheit nach mit den Knaben wiederum zu Mittag asse, und aber nach dem Essen wiederum weggehen, und auf den Altar steigen wollte, da hielten es die Knaben zuruck, und redeten es an, wie sie von ihrem Lehr-Meister abgerichtet worden. Das JEsus Kindlein liesse ihm die vertrauliche Anred der Knaben gefallen, und sagte zu ihnen:Liebe Kinder! seyd nur zufrieden. Dann sehet! ich lade euch samt euerem Lehrmeister zu meiner himmlischen Tafel ein, und zwar auf das Fest meiner Auffahrt. Bringet ihm nur diese Bottschaft. Solches geredt, nahme es von den Knaben den Abschied; diese aber liefen voller Freuden zu ihrem Lehrmeister, und [4] legten die erfreuliche Bottschaft ab. Der Lehrmeister merckte aus dieser Bottschaft wohl, daß er samt denen Knaben, von dein JEsus-Kindlein aus diesem Leben werde abgefordert werden. Deßwegen sprache er ihnen zu, sie solten fein fromm seyn, und fleißig betten, damit sie sich würdig machten, an der himmlischen Tafel zu speisen. Das erweckte nun in den Knaben eine ungemeine Freud, und sie meinten eben, sie können das Fest der Auffahrt Christi nicht erwarten. Wie aber selbiges herbey kommen, da kleydeten sie sich an so schön, als sie konten, und giengen mit ihrem Lehrmeister des Morgens frühe in obgedachtes Kirchlein, allwo sie ihm beyde zur Meeß dienten, und mit aufgehebten Händen gar andächtig betteten; bisweilen aber dem JEsus Kindlein auf dem Altar einen Blick gaben, gleich als wolten sie es seines Versprechens erinneren. Wie nun der Lehrmeister die Meß vollendet, und dem anwesenden Volck den Priesterlichen Seegen ertheilet, da ist er samt denen Knaben sänftiglich auf die Erden gesuncken, und haben alle den Geist aufgegebē; ihre unschuldige Seelen aber seynd dem Himmel zugeflogen, allwo sie nunmehr an der himmlischen Tafel ewig erquickt werden. Antonius Senensis in Chronica ad Annum Christi 1240.


O Unschuld! was für ein Gefallen hat GOtt an dir, glückseelige Kinder, die ihre Unschuld behalten.

4. Exempel
Viertes Exempel.
Ein unschuldiges Töchterlein gibt nach der Heil. Communion vor Liebe gegen Christo den Geist auf.

Zu Bononien, einer Stadt in Welschland, ist ein Frauen-Closter, Dominicaner-Ordens. Bey selbigen Closter-Frauen gienge in die Kost ein Töchterlein, welches man die Unschuld selbsten hätte mögen nennen. Neben anderen Andachten, denen es ergeben war, truge es eine sonderbahre Ehrerbietung zu dem heiligen Sacrament des Altars. Dannenhero wann es zu Zeiten gesehen, wie die Closter-Frauen communicierten, hat es eben gemeinet, es seye ihm unmöglich, daß es nicht auch mit ihnen communiciren solle: so groß war bey ihm die Begierd, mit Christo in diesem heiligen Sacrament vereiniget zu werden. Allein, weil es die Jahr zum communicieren noch nicht hatte, wolten es die Closter-Frauen nicht lassen hinzu gehen. Das schmertzte dann das gute Kind dermassen, daß ihm darüber das Hertz hätte zerspringen mögen. Was geschiehet? Als auf ein Zeit die Closter-Frauen abermahl communicierten, und aber das Kind nur zusehen mußte, da entstunde in ihm eine solche Begierd, auch zu communicieren, [5] daß die heilige Hostie, so der Priester in der Hand hielte, und eben jetzt austheilen woll te, ihm von freyen Stucken aus der Hand entwiche; mit grossem Glantz umgeben, durch den Luft zu dem Töchterlein hinfloge, und ober seinem Haupt schwebete. Ueber welches Wunder als der Priester erschrocken, und Anfangs nicht gewußt, was dieses bedeuten wolle, da fallt ihm ein, Christus wolle ein für allemahl durch die Heil. Communion bey diesem Töchterlein einkehren; eben darum, weilen es eine so grosse Begierd zu communicieren habe: geht also hin, nimmt die im Luft schwebende heilige Hostie mit tiefester Ehrerbietung wiederum in die Hand, und communicierte darmit das Töchterlein. Wie nun das Kind diese unerhörte Gnad, so ihme Christus erwiesen, etwas tieffers zu Gemüth geführt, das ist sein Hertz mit solcher Liebe gegen Christo entzündet worden, daß es selbige nicht länger ertragen können, sondern ist in eine süsse Ohnmacht dahin gesuncken, und hat vor Freuden den Geist aufgeben. Segneri in homine Christiano P. 3. Discursu 8. n. 17.


O glückseeliges Kind! wie wird an jetzo dein Begierd, so du hattest, mit Christo in der H. Communion vereiniget zu werden, so glückseelig erfüllet! dann welchen du auf Erden in dem H. Sacrament des Altars unter der weissen Gestalt nur verdeckter gesehen, den schauest du nunmehr in dem Himmel von Angesicht zu Angesicht an, und wirst ihn also mit unaussprechlicher Freud in alle Ewigkeit anschauen. O Glückseeligkeit!

5. Exempel
Fünftes Exempel.
Das JEsus Kindlein nimmt von einem unschuldigen Knaben Brod an.

Es war ein unschuldiger Knab, der begehrte einstens von seiner Mutter das Abend-Brod. Und als er selbiges empfangen, gienge er damit aus dem Haus, und über die Gassen: asse aber im Fortgehen von dem Brod: wie es eben die Kinder machen. Indem er also fortgeht, kommt er zu einer Capell, in welcher ein geschnitzeltes Mariä-Bild war, so auf dem Arm das JEsus-Kindlein truge. Wie er nun in die Capell hinein sihet, und das JEsus Kindlein betrachtet, unterdessen aber immerzu von dem Brod isset, da sagt er aus kindischer Einfalt zu dem JEsus Kindlein: Liebstes JEsus Kindlein! ich will dir auch von meinem Brod geben, wann du es annehmen wilst: sage nur ja. Solches sagend, streckt ihm der Knab das Brod dar. Weilen aber das JEsus Kindlein sich auf dieses darstrecken nicht bewegte, und noch viel weniger antwortete, [6] da behertzigte dises den Knaben dermassen, daß er bitterlich zu weinen anfienge, und endlich noch einmahl inständig mit Darstreckung des Brods anhielte, sagend: ey ja, liebstes JEsus Kindlein! lasse dich doch erbitten, und nimm auch von meinem Brod. Sehet Wunder! das JEsus-Kindlein streckt das rechte Händlein aus, langt nach dem Brod, und nachdem es solches zu sich genommen, sagt es zu dem Knaben: höre auf zu weinen, dann sihe! weil du mich so schön bittest nimme ich das Brod eben an: aber nach drey Tägen will ich dir in dem Himmel ein anders Brod darfür geben. Mit dieser Antwort eilet der Knab voller Freuden nach Hauß, und erzählet seiner Mutter, was das JEsus Kindlein zu ihm gesagt habe. Bald darauf erkranckte er dergestalten, daß er sich mußte zu Beth legen. Er lage aber kaum 3. Täg, da starbe er; und seine unschuldige Seel floge dem Himmel zu, allwo sie nunmehr geniesset das Brod des ewigen Lebens. Joannes Herolt in Prompt.


Christe JEsu! wie lieb seynd dir doch die unschuldige Knaben! darum hast du Marci 10. gesprochen:lasset die Kinder zu mir kommen; dann solchen ist das Reich GOttes. Ja du wilst, daß wir alle den Kinderen in der Unschuld gleich werden, indem du Matth. 18. sagst: es seye dann, daß ihr werdet wie die Kinder, so werdet ihr zum Himmelreich nicht eingehen.

6. Exempel
Sechstes Exempel.
Einem adelichen Fräulein zerspringt das Hertz vor Liebe gegen dem JEsus Kindlein.

Es war ein adeliche Fräulein von 14. Jahren: das truge zu unser lieben Frauen eine grosse Andacht. Bey dieser nun hielte sie oft und viel an, sie wollte ihr doch einmahl das JEsus Kindlein zu sehen geben. Was geschiehet? als dieses Fräulein einstens zu Haus in einer Capell andächtig bettete, und eben eine grosse Begierd hatte, das JEsus Kindlein zu sehen, da erschiene ihr unser liebe Frau mit dem JEsus Kindlein auf den Armen, und redete das Fräulein an mit diesen Worten: Siehe! da bring ich dir das JEsus Kindlein, das du schon so lang zu sehen begehrt hast. Nimme es auf deine Arm, und thue ihm fein schön. Wie nun das Fräulein selbiges auf die Arm genommen, da fragte das JEsus Kindlein! Kind! liebst du mich? das Fräulein antwortete: ja freylich liebe ich dich, hertzliebstes JEsulein. Wie liebst du mich aber, fragte das JEsus Kindlein weiters? mehr als mein eigenes Hertz, antwortete das Fräulein. Allein das JEsus Kindlein war mit diser Antwort noch nicht zufrieden, [7] sondern wolte weiters wissen, was das Fräulein mit disen Worten sagen wolle? Da antwortete das Fräulein: Hertz liebstes JEsulein! das kan ich mit Worten nicht aussprechen, sondern ich laß mein Hertz für mich reden. Kaum hatte sie dise Wort ausgeredt, da wurde ihr Hertz mit solcher Süßigkeit erfüllet, daß es in Stucken zersprungen; das JEsus Kindlein aber nahme ihre Seel auf, und truge sie unter lieblichem Gesang der Englen mit sich dem Himmel zu. Wie nun diejenige, so im Haus waren, das englische Gesang gehört, liefen sie wundershalben der Capell zu; und da sie hinein kommen, fanden sie das Fräulein tod auf der Erden ligend: die Capell aber mit himmlischen Geruch erfüllet. Wie man aber die Ursach dises Tods zu erfahren ihren Leib eröffnet, da fande man das Hertz von einander zersprungen; indessen Mitte aber mit goldenen Buchstaben geschriben dise Wort: O mein JEsu, ich liebe dich; weil du mein Herr, und Heyland bist. Joannes Herolt in Prompt.


Ach was für ein glückseeliger Tod! vor lauter Liebe GOttes sterben! O daß auch uns ein solcher Tod widerfuhre! wie glückseelig wären wir!

7. Exempel
Siebendes Exempel.
Das Christ-Kindlein kommt in der Heil. Christ-Nacht zu einem frommen Knaben.

Es war ein frommer Knab: diesen kame einstens in der H. Christ-Nacht eine ungemeine Begierd an, das Christ-Kindlein, zu sehen in der Gestalt, die es auf Erden gehabt. Zu disem End wachete er in seinem Kämmerlein, und bettete auf gebogenen Knyen bis gegen Mitternacht. Wie nun die Begierd, das Christ-Kindlein zu sehen, mithin immerzu in ihm grösser wurde, da hörte er jemand an der Thür des Kämmerleins klopfen. Es nahme ihn anfänglich wunder, wer es seyn müsse, der so spath in der Nacht zu ihm verlange. Allein weil er sich von seiner Andacht nicht wolte abhalten lassen, bliebe er auf dem Boden knyend, und gabe keine Antwort. Wie man aber das anderte mahl an die Thür anklopfte, da sagte er endlich: Herein. Kaum hatte er das Wort ausgeredt, sihe, da eröfnete sich die Thür, und es kame in das Kämmerlein hinein das Christ-Kindlein, mit grossem Glantz umgeben; hatte aber nichts an, als ein schneeweisses Hemdlein, und schine, als wäre es gantz frostig, und wolle demnach eine Wärme suchen. Also dann liefe es zu dem Knaben hin, und fiele ihm um den Hals. Der Knab dises sehend, umfienge das Christ-Kindlein mit beyden Armen, [8] und druckte es aus Liebe ans Hertz, gleich als wolte er auf solche Weis dem erfrornen Christ-Kindlein warm machen. Wie er nun eine gute Weil mit dem Christ-Kindlein seine Freud gehabt, und selbiges nicht genug anschauen können, da verschwande es gähling aus den Armen des Knabens, und liesse ihn mit himmlischen Trost übergossen auf dem Boden knyend verharren.Ex Collect. Relat. Brandisy.


Es ist halt das Christ-Kindlein gern bey den unschuldigen Knaben. Es ist ihm nichts liebers, als ihr Hertz. Da machet es ihm seine Wohnung: da hat es seine Freud; da ruhet es; und da bleibt es, so lang die Knaben in der Unschuld verbleiben.

8. Exempel
Achtes Exempel.
Ein frommer Knab mercket den Unterschied zwischen einer ungeweyhten, und geweyhten Hostie.

Ein frommer Knab von 9. Jahren erkranckte auf den Tod; und da er vermerckt, daß er sterben müsse, legte er bey Zeiten seine Beicht ab. Hernach batte er seine Elteren, sie möchten doch den Pfarrer des Orts ersuchen, daß er ihn mit dem höchsten Gut versehen möchte. Als ihm aber die Eltern sagten, er seye noch zu jung zu communiciren; und also werde es der Pfarrer nicht thun wollen: da rufte er überlaut: ach gebt mir doch den Leib meines HErren JEsu Christi! diesen will ich vor meinem Tod bey mir haben. Ach! schlagt mir doch dise. Bitt nicht ab. Durch dises inständige Bitten bewegt, giengen die Elteren endlich hin, und zeigten es dem Pfarrer an. Diser aber gabe ihnen zur Antwort, er könne es nicht thun; weil der Knab noch zu jung, und folgendes noch nicht genugsam verstehe, was das grosse Geheimnuß des Altars in sich enthalte. Jedoch damit er den Knaben zufriden stellte, wolle er zu ihm kommen, und nur ein ungeweyhte Hostie mit sich nehmen; der Knab werde es nicht mercken. Allein wie ihm der Pfarrer die ungeweyhte Hostie zeigte, da sagte er: HErr! das ist keine geweyhte Hostie. Thur dise hinweg, und gebt mir eine geweyhte. Den Leib Christi will ich haben, und nichts anders. Wie der Pfarrer das gehört, nahme er daraus handgreiflich ab, GOtt müsse es dem Knaben geoffenbart haben, was man zu thun im Sinn gehabt. Zweifelte also nicht mehr, der Knab verstehe zu Genügen, was das Geheimnuß des Altars seye. Deswegen reichte er ihm durch eine geweyhte Hostie die Heil. Communion; welche der Knab auch mit grosser Andacht [9] empfienge, und bald hernach den Geist aufgabe. Joannes Herolt in Prompt.


Mein GOtt! wie hat ein Kind in göttlichen Dingen so gar nicht vonnöthen, daß es von den Menschen unterwisen werde, wann du es selbsten von oben herab erleuchtest, und unterweisest!

9. Exempel
Neuntes Exempel.
Ein frommer Knab wird samt einem Abbt vom JEsus-Kindlein zur himmlischen Tafel eingeladen.

Es war in einem Closter ein Knab, der zum Clösterlichen Leben unterrichtet, und auferzogen wurde. In dem Closter aber ware ein Capell, in welcher ein geschnitzeltes Mariä-Bild, so das JEsus-Kindlein auf den Armen hatte. So oft nun der Knab das Mittag-Essen einnahme, thate er ihm selbst aus Liebe zu dem JEsus-Kindlein von einer und anderen Speis etwas abbrechen, und behielte es in einem Schüsselein auf. Mit disem gienge er nach dem Mittag-Essen in gedachte Capell, und nachdem er vor dem JEsus-Kindlein eine Reverentz gemacht, sagte er aus Heil. Einfalt: Schaue mein JEsus-Kindlein! da hab ich dir von meinem Mittag-Essen etwas aufbehalten: lasse es dir belieben. ich gib dir halt was ich hab: so lieb bist du mir. Alsdann gabe er dem JEsus-Kindlein das Schüsselein in die Händlein, und sagte:isse jetzt mein JEsus-Kindlein: ich will unterdessen meinen Geschäften nachgehen: aber über eine kurtze Zeit werd ich wider kommen, und das Schüsselein abholen. Darauf hin machte der Knab dem JEsus-Kindlein eine Reverentz, und gienge aus der Capell hinweg. Wann er nun über eine Zeit, das Schüsselein abzuholen, zuruckkommen, fande er selbiges allzeit leer: woraus er dann abgenommen, einmahl das JEsus-Kindlein müsse das Schüsselein ausgeessen haben. Hier ist aber zu wissen, daß der Abbt des Closters, unter welches Gehorsam, und geistlicher Zucht der Knab stunde, im Brauch gehabt, zu gewissen Zeiten in gedachter Capell sein Gebett zu verrichten. Da hat es sich dann einstens zugetragen, daß indem der Abbt in einem Winckel bettete, der Knab eben dazumahl seinem Gebrauch nach dem JEsus-Kindlein zu essen brachte; und weil er glaubte, allein zu seyn, seine unschuldige Ansprach mit ihm hielte. Das verursachete nun den Abbt, daß er aus dein Winckel herfür kame, und diesen Knaben mit Worten anredete: ich sihe wohl, daß du ein unschuldige Kind bist; dann ich hab deiner Ansprach, so du mit dem JEsus-Kindlein gehabt, [10] schon lang zugehöret. Es kan wohl seyn, daß es dir in Ansehung deiner unschuldigen Einfalt einmahl wird antworten. Solte nun dises geschehen, so lasse es mich auch wissen, was es gesagt habe; und thue nichts ohne meine Erlaubnus. Freylich ja, sagte der Knab: ohne euere Erlaubnuß will ich nichts thun: dann ich wohl weiß, zu was mich der Gehorsam verbindet. Aber (die Erzählung wiederum aneinander zuknüpfen) wie gienge es weiters? der Knab hätte es schon längsten gerne gehabt, daß ihm das JEsus-Kindlein auch thäte antworten, und aus dem Schüsselein essen in seiner Gegenwart. Dannenhero als er einstens dem JEsus-Kindlein wiederum zu essen gebracht, sagte er: ach mein JEsus Kindlein! weil ich sihe, daß du die geringe Speisen, so ich dir täglich bringe, nicht verachtest, so hätte ich es halt gern, wann du auch einmahl mit mir reden, und aus dem Schüsselein essen thätest, da ich zu gegen bin. Ey ja! lasse dich erbitten; allein weil das JEsus Kindlein sich nicht regen wolte, da fienge der Knab an selbiges mit weinenden Augen zu bitten, es wolt ihn doch nicht verschmähen. Da regte sich dann das JEsus-Kindlein, eröfnete den Mund, und sagte zu dem Knaben: nun weil ich dir so lieb bin, daß du mir zu Ehren deinem Mund bey dem Mittag-Essen so oft an Speisen etwas abgebrochen, so lade ich dich hingegen zu meiner himmlischen Tafel ein: und das ohne langes Aufschieben. Auf dises Einladen war der Knab über die Massen erfreut. Weil er aber dem Abbt versprochen, er wolle ihn auch wissen lassen, was das JEsus Kindlein gesagt hätte, und nichts thun ohne seine Erlaubnuß, so sagte er zu dem JEsus Kindlein: ach! mein JEsus-Kindlein wie gern wolte ich gleich kommen, allein weil ich dem Abbt des Closters den Gehorsam versprochen, so wirst du mir ja erlauben, daß ich ihm vorher davon sage, und von ihm Erlaubnuß begehre. Wie nun das JEsus Kindlein dessen zu friden war, da liefe der Knab dem Abbten zu, und erzählte ihm die von dem JEsus Kindlein gethane Einladung. Da sagte der Abbt: ach was für eine schöne Gelegenheit wäre jetzt für mich, mit disem Knaben auch zur himmlischen Tafel zu kommen? O wie begierig bin ich darnach! O daß mich GOtt erhörte, und aus diesem Leben abforderte! dann gleich wie ein Hirsch verlangte nach Wasser Bronnen; also hat meine Seel Verlangen nach dir, O GOtt! Dises aus dem Innersten des Hertzens geredt, gabe der Abbt dem Knaben Befehl mit disen Worten: Gehe widerum hin zum JEsus Kindlein, und sage ihm, du habest zwar von mir Erlaubnuß zur himmlischen Tafel zu kommen; aber nicht anderst, als mit dem Beding, daß ich auch mit dir därfte [11] kommen. Wie der Knab dem JEsus Kindlein dise Bottschaft hinterbracht, da sagte das JEsus Kindlein: nun dann, so kommet beyde miteinander, und zwar auf das nächste heilige Pfingst-Fest. Gebet aber auf dises acht: wann man in der Kirchen anstimmen wird das Gesang: komm heiliger Geist, und erfülle die Hertzen deiner Glaubigen! alsdann wird die Zeit eueres Hintritts aus der Welt vorhanden seyn. Mit diser Antwort erfreute der Knab den Abbten über alle massen. Damit sie dann beyde die behörige Anstalt machten, würdig an der himmlischen Tafel zu erscheinen, empfiengen sie nicht allein mit möglicher Andacht die Heil. Communion als die letzte Weeg-Zehrung; sondern übten sich auch in Betrachtung himmlischer Dingen, und anderen gottseeligen Wercken. Wie nun endlich das Heil. Pfingst-Fest ankommen, da nahme der Abbt den Knaben mit sich in die Kirchen, und ließ ihn neben sich in dem Chor-Stuhl knyen; allwo sie dann mit unaussprechlicher Begierd warteten, bis man im Chor obgedachte Wort: komm Heil. Geist! anstimmen wurde. So bald es dahin kommen, siehe! da gaben sie beyde sänftiglich ihren Geist auf; und gelangten auf solche Weis ihre unschuldige Seelen an die himmlische Tafel. Colletctor Speculi.


O wie ist diesem Knaben der kleine Abbruch, den er ihm selbst bey dem Essen aus Liebe zu dem JEsus Kindlein an einer und anderer Speis gethan, so reichlich belohnt worden! es laßt ihm nemlich GOtt nichts umsonst thun. Solte es auch nur ein Bissen seyn, den wir uns am Mund ihm zu Lieb abbrechen, so wird er seinen Lohn haben. O wohl ein freygebiger GOtt.

10. Exempel
Zehendes Exempel.
Ein adelicher Knab erscheint nach dem Tod seinem Zuchtmeister.

Es war ein adelicher Knab: den liessen seine Elteren in einem Benedictiner-Closter in die Kost gehen; damit er alldort in der Frommkeit und guten Sitten auferzogen wurde. Weil er aber holdseelig, und ein lauteres Leben bey ihm war, so liessen ihm die Geistliche des Closters mehr zu, als in die Länge wurde gut gethan haben. Wie der Prior des Closters das gemerckt, und deswegen in Sorgen gestanden, der Knab möchte durch allzuviles Ubersehen verderbt werden, nahme er ihn selbst unter die Zucht: und nachdem es vonnöthen war, strafte er ihn mit Worten; oder züchtigte ihn auch mit Streichen. Es war aber der Knab von so guter Art, daß er die Zucht gern annahme; mithin in kurtzer [12] Zeit einen solchen Fortgang in der Frommkeit und guten Sitten machte, daß man sich darüber verwunderen mußte: bis ihn endlich der Tod frühzeitig aus diser Welt hinweg nahme. Nach dem Tod erschine er dem Prior in grossem Glantz, und redte ihn an mit folgenden Worten: O was Danck bin ich dir schuldig, daß du mich unter deine Zucht genommen, und mir nichts ůbersehen, wordurch ich hätte können verderbt werden! dann diese gute Zucht hat mir in Himmel geholffen. Dises geredt, verschwande der Geist, und fuhre in grossem Glantz dem Himmel zu. Joannes Herolt in Prompt.


Da sollen die Kinder lernen, was sie ihren Lehr-Meistern für Danck schuldig seyen, wann sie von ihnen in guter Zucht gehalten werden. O wie wahr ist das Sprich-Wort: Ruth macht Kinder gut! es werden es auch die Kinder, wann sie mit der Zeit zum Verstand kommen, selbsten bekennen müssen.

11. Exempel
Eilftes Exempel.
Christus erscheinet dem Heil. Edmund in Gestalt eines holdseeligen Knabens.

Als der Heil. Edmund in seiner Jugend zu Paris, der vornehmsten Stadt in Franckreich, studirte, flohe er die Gesellschaft derjenigen Mit-Schulern durch dero allzufreye Reden, und freches Schertzen, die Reinigkeit seiner Seel könte bemackelt werden. Dannenhero pflegte er an denen Vacantz-Tägen gern allein spatzieren zu gehen. Wie er nun einstens über eine lustige Wiese spatzieren gienge, da begegnete ihme Christus der HErr in Gestalt eines holdseeligen Knabens, von welchem er mit disen Worten gegrüßt wurde: grüsse dich GOtt, mein geliebter Edmund, weil er disen Knaben sein Lebtag nie gesehen, verwunderte er sich sehr ab disem Gruß. Indem er also nicht wußte, was er antworten solte, da grüßte ihn der Knab abermahl mit den vorigen Worten; und setzte noch dise Frag hinzu: wie? Edmund! solst du mich nicht kennen? nein, antwortete Edmund; ich kenne dich nicht: kan mir auch nicht einbilden, wie ich dir solle bekannt seyn. Da lächlete der Knab, und sagte: wie ist es möglich, Edmund, daß du mich nicht kennen sollest? indem ich doch täglich dir an der Seiten bin; du seyest gleich in der Schul, oder anderstwo. Keinen Augenblick weiche ich von dir. Und damit ich dir aus dem Wunder helffe, so lise die Buchstaben, welche an meiner Stirn geschriben stehen. Edmund sahe über sich, und nahme wahr, [13] daß an der Stirn des Knabens mit goldenen Buchstaben geschrieben stunde dieser Titul: J. N. R. J. das ist:JEsus von Nazareth, ein König der Juden. Nachdem Edmund diesen Titul gelesen, da sagte der Knab, eben das ist mein Nam, diesen solst du verehren:und so oft du zu Nachts ins Beth gehst, diese Buchstaben J. N. R. J. mit dem Daumen an deine Stirn machen: dann dieser Titul wird dich und alle die jenige, so ihn bedeutet massen werden an die Stirn machen, vor dem gähen Tod bewahren. Nach welchen Worten der göttliche Knab verschwunden; Edmund aber mit himmlischem Trost erfüllet worden. Surius ad diem 16. Novemb.


Wollen die Schul-Kinder, daß auch Christus nicht allein in der Schul, sondern allenthalben bey ihnen seye, und bleibe, so müssen sie dem heiligen Edmund nachfolgen, und sich vor denjenigen Mitschülern hüten, so im Reden und Schertzen gar zu frey und ausgelassen seynd; und zu diesem End den H. Edmund für ihren Patronen erwählen.

12. Exempel
Zwölftes Exempel.
Unser liebe Frau kommt samt einer grossen Schaar der heiligen Jungfrauen zu einem frommen Mägdlein im Todbeth.

In einem gewissen Dorf, welches der Scribent nicht benamset, ware einstens eine fromme und tugendsame Hirten-Tochter: die halffe ihrem Vatter das Vieh hüten. Auf der Vieh-Weid aber war ein altes verlassenes Kirchlein, in welchem ein Mariä-Bild stunde, mit dem Kindlein in dem Schooß. Dieses Kirchlein nun besuchte das fromme Mägdlein zum öfteren, und bettete vor dem Märia-Bild mit grosser Andacht dem heiligen Rosenkrantz. Weil aber dieses Bild schlecht gekleidet war, hatte das Mägdlein Mitleyden darmit, und sagte einstens: O du gebenedeyte Jungfrau, und Mutter meines HErrn JEsu Christi! wie gern wolte ich dich mit einem kostbahren Kleid zieren, wann ich es nur im Vermögen hätte! allein du weist, wie arm ich bin. Darum will ich diesen Abgang mit dem Englischen Gruß ersetzen. Mit diesem will ich dich zieren, und verehren. Wie gesagt, also hat auch das Mägdlein etliche Jahr lang gethan, bis es endlich unser lieben Frauen gefallen, diese Andacht mit Abholung des Mägdleins in den Himmel zu belohnen, Weßwegen dann das Mägdlein in eine tödtliche Kranckheit gefallen, in welcher es sich nach Empfahung der heiligen Sacramenten gar gottseelig zum Tod bereitet hat. Währender solcher Kranckheit truge es sich zu, daß zwey Ordens-Geistliche durch einem Wald reiseten, so nicht gar weit von[14] gedachtem Dorf entlegen war. Da nun einer aus ihnen ziemlich müd worden, sagte er zu seinem Reiß-Gespanen, wie daß er nicht weiter könte fortgehen, er hätte sich dann vorher ein wenig nidergelegt, und ein Schläflein gethan. Dieses aber wolte der Reiß-Gespan nicht gutheissen, sagend, wie daß es nicht sicher wär, sich in diesem Wald aufzuhalten; in Bedencken, daß er wegen den Mördern verschreyt wäre. Allein der Ermüdete gabe zur Antwort, er könne sich einmahl des Schlafs nicht enthalten, gehe es wie es wolle. Er befehle sich einmahl in den Schutz GOttes; dieser werde sie hoffentlich nicht in die Händ der Mörder kommen lassen. Dieses gesagt, legte er sich unter einen Baum nieder, und schlieffe eben tief ein. Unterdessen setzte sich der andere zu ihm auf die Erden, nahme ein geistliches Buch aus dem Sack, und lase unterdessen daraus, bis gleichwohl der Ermüdete würde ausgeschlaffen haben. Aber sihe! es stunde nicht lang an, da sahe er von weitem daher kommen eine Schaar der schönsten Jungfrauen, alle mit kostbahren und zierlichen Kleydern angethan. Er stunde demnach geschwind auf, und machte ihnen eine tieffe Reverentz. Die Jungfrauen neigten sich zwar gegen ihm; giengen aber stillschweigend fürbey. Auf diese Schaar der Jungfrauen kame ein andere, viel schöner als die erstere; und die giengen auch stillschweigend fürbey. Letztlich kame ein Schaar, so an Schönheit die vorige alle weit übertraffen; und auf diese eine Jungfrau, so die allerschönste aus allen war; die truge auf ihrem Haupt einen Krantz von weissen, rothen, und gelben Rosen, die so frisch waren, als wann sie erst in einem Lust-Garten wären abgebrocket worden. Vor dieser Jungfrau nun machte der Geistliche ein tieffere Reverentz, als vor allen anderen: und weil kein andere auf sie folgete, entstunde in ihm eine grosse Begierd zu wissen, wer doch diese überaus schöne Jungfrau seyn müsse. Er faßte demnach das Hertz, und fragte sie mit aller Ehrerbiethung, sie wolte ihm doch sagen, wer sie seye? die Jungfrau antwortete: ich bin Maria die Mutter GOttes, welche keinen Sünder verschmähet, der mich demüthig anruffet. Als aber der Geistliche auch zu wissen verlangte, wer die vorgehende Jungfrauen wären, und wohin sie wolten; da bekame er von der Mutter GOttes diese Antwort: es seynd lauter auserwählte Bräuten meines Sohns, welche auf Erden die Jungfrauschaft gehalten, und Theils in der Welt, Theils in den Clöstern gelebt, ja einige aus ihnen haben so gar die Marter um des Christlichen Glaubens willen gelitten. Alle diese eilen mit mir in das nächste Dorf, in welchem ein frommes Hirten-Mägdlein auf den Tod kranck ligt. Dieses wollen wir heimsuchen, trösten, und ihme beystehen, bis es wird verschieden, und in unser Gesellschaft aufgenommen seyn. Und diese Gnad hat das Mägdlein darum verdienet, [15] weil es mich in einem gewissen Kirchlein mit dem Gebett des heiligen Rosenkrantzes etliche Jahr lang verehrt hat. Diß geredt, nahme die Mutter GOttes ihren Weeg weiter fort. Der Geistliche aber weckte alsobald seinen Reiß-Gespanen auf, und erzählete ihm, was Zeit seines Schlaffes fürbey gangen. Der Reiß-Gespan sagte, wie ihm eben dieses, was er jetzt erzählen gehört, in dem Schlaf vorkommen seye. Demnach machten sie sich beyde auf, und eileten dem Dorf zu, in welches gedachte Jungfrauen das Mägdlein heimzusuchen, waren vorangangen. Wie sie nun in das Dorf kommen, fragten sie aller Orten, ob nicht irgendwo ein Mägdlein auf den Tod kranck liege? Und da ihnen anfänglich niemand konte Bericht geben, wurden sie betrübt, und kamen auf die Gedancken, es möchte etwann nur ein leerer Traum gewesen seyn, was ihnen begegnet. Letztlich aber haben sie einen Mann angetroffen, der ihnen das Haus gewiesen, in welchem das Mägdlein auf den Tod kranck lage. Sie giengen demnach dem Haus des krancken Mägdleins zu; klopften dort an, und nachdem sie eingelassen worden, fanden sie das Mägdlein auf einer Burde Strohe ligend. So bald sie selbiges gesehen, grüßten sie es gantz freundlich, und sagten: O Kind! wie glückseelig bist du, indeme du dein Leben in der Unschuld endigest! das Mägdlein bedanckte sich erstlich wegen dem freundlichen Gruß; nachgehends aber sagte es zu ihnen: Ehrwürdige Herren! entdecket euere Häupter, knyet nieder, und bittet GOtt, daß ihr würdig seyet zu sehen, wie um mich herum stehe die Mutter GOttes, samt drey Schaaren der schönsten Jungfrauen. Das thaten nun die Geistliche. Und sihe! da erblickten sie die Mutter GOttes samt denen Jungfrauen, die durch den Wald gegangen waren. Ja sie sahen auch eine grosse Schaar der Englen, welche eine himmlische Music anstimmten: unter welcher, als das Hirten-Mägdlein den Geist aufgegeben, setzte ihm die Mutter GOttes den von oben gedachten Rosen geflochtenen Krantz auf das Haupt, und nahme die Seel mit unaussprechlichem Frolocken der Englen und Jungfrauen mit sich in den Himmel hinauf. Specul. Exempl. sub Tit. B. Maria Virgo.


O wie belohnet die Mutter GOttes diejenige, von welchen sie mit dem Gebett des heiligen Rosenkrantzes verehrt wird! das solle ja allen Kindern ein Antrieb seyn, daß sie keinen Tag fürbey gehen lassen, sie haben dann unser lieben Frauen zu Ehren den heiligen Rosenkrantz gebettet? damit auch ihnen unser liebe Frau einstens im Tod-Beth beystehe.

13. Exempel
[16] Dreyzehentes Exempel.
Ein frommer Student verlangt unsere liebe Frau zu sehen.

Es war ein frommer Student, und zumahl ein grosser Liebhaber unserer lieben Frauen. Als dieser auf ein Zeit gehört, was gestalten selbige mit ihrer Schönheit alle andere Heilige in dem Himmel unvergleichlich übertreffe, da entstunde in ihm eine ungemeine Begierd, diese Schönheit mit leiblichen Augen zu sehen. Deßwegen rufte er unser liebe Frau Tag und Nacht an, sie wollte ihn doch dieser Gnad theilhaftig machen. Was geschiehet? Unser liebe Frau erhöret sein Gebett, indeme sie ihm einen Engel schickt, und sagen läßt, wie daß sein Wunsch mit nächsten solle erfüllet werden. Allein lasse sie ihn zugleich wissen, daß, weilen ihre Schönheit den Glantz der Sonnen weit übertreffe, so werde er selbige ohne Verliehrung des Gesichts nicht anschauen können. Gilt gleich, antwortete der Student dem Engel, wann ich nur dieser Schönheit kan ansichtig werden, so achte ich es nicht, ob ich schon darüber erblinden sollte. Mit dieser Antwort nun kehrete der Engel zuruck. Bald aber darauf reuete es den Studenten, daß er mit Gefahr, das Gesicht zu verliehren, die Schönheit Mariä zu sehen verlangt hätte. Ach! sagte er: wie wirds mir gehen, wann ich sollte blind werden? wie werd ich dem Studieren ferners obliegen können? wer wird mich erhalten? Auf solche Weis werd ich ja zuletzt müssen bettlen gehen. O wie unbesonnen war mein Verlangen! indem er also sein künftiges Elend zu Hertzen führt, da fallt ihm ein: wie wär es aber, wann ich nur das rechte Aug aufthäte? Auf solche Weis bliebe mir ja ein Aug übrig, mit welchem ich noch genug sehen könnte? ja ja; das ist ein guter Einfall, das will ich thun: bey dem soll es sein Verbleiben haben. Dieses bey sich beschlossen, verfügte er sich für sein Altärlein, so er in seinem Studier-Zimmer aufgerichtet, und bettete darvor eben gar andächtig, in Hofnung, unser liebe Frau werde nicht lang mehr ausbleiben; wie dann auch geschehen. Dann siehe, indeme er vor dem Altärlein knyet, da erscheint ihm unser liebe Frau in einem unaussprechlichen Glantz, gegen welchem alle irdische Schönheit nur ein Schatten ist. Da konte sich dann der fromme Student nicht genug darüber verwunderen. Er sperrete das rechte Aug auf, so weit er kunte, und dannoch kunte er sich mit sehen nicht ersättigen. Er wolte demnach das lincke Aug gleicher Weis aufthun; damit er also diese Schönheit vollkommentlicher sehen, und sich darinn ergötzen möchte. Allein ehe es geschahe, verschwande unser liebe Frau, und war hiemit alle Freud aus. [17] Da klagte dann der Student über sich selbst, daß er das lincke Aug nicht zeitlich aufgethan, und sagte: O! daß unser liebe Frau sich nur noch einmahl sehen liesse, wie gern wollte ich das lincke Aug auch dran setzen; dann diese Schönheit ist es wohl werth. Dieses gesagt, bate er unser liebe Frau auf ein neues, sie möchte sich doch noch einmahl sehen lassen. O grosse Gütigkeit dieser Frauen, sie erscheinet dem Studenten das andertemahl. Da hat sich dann der Student dieser Gelegenheit bedient, und jetzt das lincke Aug (dann das rechte hatte er durch das erste Anschauen schon verlohren) auch aufgethan, und mithin aus dem Anschauen dieser Schönheit eine neue, und zwar so unausprechliche Freud empfunden, daß er sich selbsten nicht fassen kunte, ja eben gemeint, er seye schon in dem Himmel. Wiewohlen aber unser liebe Frau bald wiederum verschwunden; so ist doch dem Studenten nicht allein das lincke Aug unverletzt geblieben, sondern er hat auch das Liecht des rechten Augs wiederum erhalten. Also gütig ist diese Frau, daß sie ihre Gutthaten niemand laßt zum Schaden gereichen. Joannes Herolt in Prompt.


O GOtt! was wird es für eine Freud seyn, die Schönheit Mariä im Himmel auf ewig anschauen können, solle das nicht allen Kindern ein starcker Antrieb seyn, unser lieben Frauen alle gleich von den ersten Jahren an zu dienen, und sie beständig zu verehren, nur damit sie dieser Schönheit ewig geniessen mögen? freylich ja.

14. Exempel
Vierzehentes Exempel.
Ein Student will lieber von seinen Eltern verlassen seyn, als daß er sich solte lassen abhalten, GOtt dem HErrn in einer geistlichen Gesellschaft zu dienen.

Es ware ein adelicher Jüngling: den hatten seine Elteren nach Deventer in Holland, zur Zeit, da noch alles Catholisch war, zum Studieren geschickt. Wie er nun eine Zeit lang daselbst dem Studieren obgelegen, bekame er Lust, GOtt dem HErrn in einer Gesellschaft gewisser Geistlichen, so die Jugend im Studieren unterwiesen, zu dienen. Er hielte demnach bey ihnen an, und ward auch von ihnen in Ansehung seines ungemeinen Eyfers und Beständigkeit in ihre Gesellschaft aufgenommen: auf welches hin er in kurtzer Zeit nicht allein in dem Studieren, sondern auch in der Frommkeit einen ungemeinen Fortgang gemacht. Wie nun seine Eltern (die ihne lieber in der Welt, als in einem geistlichen Orden gesehen hätten) solches innen worden, zürneten sie heftig wider den Sohn. Schrieben ihm demnach einen scharffen Brief zu, und liessen ihn [18] wissen, daß wo ferner den geistlichen Orden nicht verlassen wurde, so wolten sie ihn nicht mehr für ihren Sohn erkennen; mithin die Hand völlig von ihm abziehen, und ihme zu Fortsetzung des Studirens keinen Pfenning mehr zuschicken, solte er auch darüber in die äusserste Armuth gerathen, und allen Mangel leiden müssen. Das war freylich eine harte Bedrohung. Allein der Student, welcher darfür hielte, man müsse in denen Sachen, so das Heyl der Seel betreffen, vielmehr GOtt, als denen Menschen gehorsamen, liesse sich durch diese Drohungen nicht schröcken, noch von dem geistlichen Orden abwendig machen. Unterdessen, weil er von denen Elteren verlassen, und von ihnen keine Hilf mehr hatte, geriethe er in kurtzer Zeit in grosse Armuth; die ihn aber von dem Eifer, in den geistlichen Orden zu tretten, und GOtt dem HErrn darinn zu dienen, nicht könnte abhalten; ja im Gegentheil vielmehr stärckte. Allein GOtt wolte ihn nicht länger so grossen Mangel leiden lassen; sondern bahnete ihm die Straß zu dem Himmel durch Zuschickung eines tödtlichen Fiebers. Wie nun der gottselige Student die Stund des Tods vor sich sahe, und es nunmehr mit ihm auf die Neige gehen wolte, da versammlete er die noch übrige Kräften, so gut ers vermöcht: richtete sich in dem Beth auf; erhebte seine Augen und Händ gen Himmel, und sagte zu den Umstehenden: Wiewohl mich Vatter und Mutter verlassen haben, so hat doch GOtt sich meiner angenommen: dieser wird mich jetzt auch zu sich in den Himmel aufnehmen. Dieses geredt, gabe er sänftiglich den Geist in die Händ sei nes Schöpfers auf. Collector Speculi.


Ach wie verlaßt GOtt diejenige so gar nicht, die ihme zu dienen verlangen! dannenhero wann ein Kind Tag und Nacht einen innerlichen Trieb spühret, GOtt dem HErrn in einem geistlichen Orden zu dienen, und der Beicht-Vatter auch darfür haltet, dieser Trieb komme von GOtt her; so solle ein solches Kind von den Elteren sich nicht lassen abwendig machen: weilen man in solchem Fall vielmehr GOtt, als den Eltern gehorsamen solle. O wie nachdencklich ist jener Spruch Christi Matth. 10. Wer Vatter und Mutter mehr liebet als mich, der ist meiner nicht werth!

15. Exempel
Fünfzehendes Exempel.
Ein frommer Student erscheint nach dem Tod seinem Cammeraden.

Es waren zwey fromme Studenten: die lebten unter einander in grosser Vertraulichkeit. Nun geschahe es auf eine Zeit, daß sie ein Gespräch von dem künftigen Leben hielten. Da machten sie dann unter einander[19] einen Pact, daß welcher der erste aus ihnen sterben wurde, der solte dem anderen nach dem Tod innerhalb vier Wochen erscheinen; jedoch wann es nicht wider GOttes Willen wäre. Wie nun bald hernach einer aus ihnen mit Tod abgangen, da ist er dem andern auf die bestimmte Zeit erschienen. Und als er von dem, so noch bey Leben ware, gefragt worden, wie es um ihn stehen? antwortete der Geist des Verstorbenen: gantz wohl; dann ich bin ein Kind der Seligkeit. Und da er weiters gefragt worden, wie er so geschwind in Himmel kommen wäre? gabe er zur Antwort: da ich noch bey Leben war, hab ich mich allzeit mit grosser Andacht zur heiligen Communion bereitet. Worauf der Geist verschwunden. Joannes Herolt in Prompt.


O wie solle uns das ein Antrieb seyn, daß wir uns zur heiligen Communion mit möglicher Andacht bereiten! damit auch wir nach dem Tod desto geschwinder in Himmel kommen.

16. Exempel
Sechszehendes Exempel.
Ein frommer Jüngling wird seiner Seelen Seligkeit halber versichert.

Es war ein adelicher Jüngling: der betrachtete einstens bey sich selbsten die vielfältige Gefahren, denen die Jugend in der Welt unterworfen ist, verführt zu werden, und die Unschuld zu verliehren. Weil er dann kein Mittel sahe, diesen Gefahren zu entgehen, so lang er sich unter den Welt-Menschen aufhielte, machte er den Schluß, die Welt zu verlassen, und ein einsidlerisch Leben zu führen. Diesem Schluß zufolg, begabe er sich unwissend seiner Eltern in eine Einöde, in welcher sich etliche fromme Alt-Vätter aufhielten. Dort meldete er sich bey einem aus diesen Alt-Vättern an, mit inständiger Bitt, er wolle ihn doch in sein Hüttlein, und geistliche Zucht auf- und annehmen. Allein weil dieser Jüngling dem Alt-Vatter zu zart, und schwach vorkame, als daß er sich in das rauhe einsidlerische Leben wurde schicken können, so wolte er nicht gleich ja sagen. Weilen aber der Jüngling nicht aussetzte, und unter anderem sagte: er hoffe, GOtt werde ihm so viel Gnad geben, daß er alle Beschwernussen überwinden könnte; liesse sich der Alt-Vatter in Ansehung dieses Eifers endlich bereden, und nahme den Jüngling in sein Hüttlein auf: Da liesse sich nun der Jüngling so wohl an, daß er dem Alt-Vatter ein Freud war. Dann er stunde um Mitternacht zum Lob GOttes gantz munter auf; er gewohnete nach und nach das strenge Fasten; er casteyete seinen zarten Leib mit Geißlen. Jetzt thate er betten; jetzt psalliren; jetzt arbeiten; jetzt die himmlische Ding mit innerstem [20] Trost der Seelen betrachten. Mit einem Wort: er lebte nicht anderst, als wie einer, der schon viel Jahr in der Einöde GOtt gedienet hätte; also daß sich der Alt-Vatter selbst an ihm erbauete, und ihn dessentwegen inniglich liebte. Aber siehe! wie diese Freud des Alt-Vatters so unverhofter Weis zerstöhrt worden. Es bettete einstens dieser Alt-Vatter inbrünstig, und gantz allein in seinem Bett-Kämmerlein, und bathe GOtt, er wolte doch dem Jüngling Beständigkeit im Guten geben. Wie er nun also in seinem Gebett fortfuhre, da hörte er eine Stimm, dieses Innhalts: Vatter! höre auf für den Jüngling zu betten; dann GOtt hat ihn schon von Ewigkeit her verworfen; und wird er mit der Zeit nichts anders, als einen Höllen-Brand abgeben. Dieses ausgeredt, liesse sich die Stimm weiters nicht mehr hören. Weilen nun der Alt-Vatter geglaubt, diese Stimm müsse vom Himmel kommen seyn, erschracke er nicht anderst, als wann er vom Donner getroffen wär. Drauf hin betrübte er sich dergestalten, daß er eben gemeint, das Hertz müsse ihm vor Leidwesen, und Mitleiden zerspringen. Dann er gedachte bey sich also: ach du armer Jüngling. Sollest du dann umsonst in diese Einöde kommen seyn? solle dann dein bisher geführter frommer Lebens-Wandel kein anders End nehmen, als daß du endlich in die Höll kommest? O entsetzliche, O unerforschliche Urtheil GOttes! wegen solcher Beschaffenheit der Sachen konte der Alt-Vatter forthin den Jüngling ohne Seufzen und Vergiessung der Zäher nicht anschauen. Ja er liesse sich bisweilen mit diesen Worten vernehmen: O du armes Kind! O du armes Kind! wie erbarmest du mich! wie erbarmest du mich! dieses nun bewegte den Jüngling, daß er die Ursach solches Weinens und Klagens zu wissen verlangte. Allein der Alt-Vatter wolte es nicht gestehen. Wie aber der Jüngling nicht aussetzte zu fragen, gabe er ihm keine andere Antwort, als diese; du armes Kind! es ist besser, du wissest es nicht; dann ich wurde dich vor der Zeit bis in den Tod betrüben. Allein der Jüngling wolte an dieses noch nicht kommen; sondern sagte: mein Vatter! seye es, was es wolle; aufs wenigst werde ich wissen, woran ich bin. Ist es ein Unglück, das sich wenden laßt, wohl und gut: die Hofnung soll mein Trost seyn. Solte es aber sich nicht wenden lassen so werd ich mich ja müssen drein schicken: was will ich machen? ach, mein Kind! sagte der Alt-Vatter: es ist ein Unglück, welches all andere Unglück übertrift. Man kan und weißt sich nicht drein zu schicken; und man wird es doch tragen müssen. Wann du es aber je zu wissen verlangst, so will ich es dir gleichwol anzeigen; aber ich weiß, du wirst von Hertzen erschröcken, und vor Leid-Wesen vergehen wollen. Ich hab es schon gesagt, versetzte der Jüngling: seye es was es wolle, so verlange ich [21] es ein für allemahl zu wissen: lasset alsdann mich sorgen. So wisse dann, sagte der Alt-Vatter, daß, als ich unlängst für dich GOtt gebetten, er möchte dir Beständigkeit im Guten geben, so hab ich ein zu Stimm vom Himmel gehört, welche mich abgemahnet, für dich zu betten; in Bedencken, daß dich GOtt aus unerforschlichem, aber gerechtem Urtheil verworfen, und ewig wolle lassen zu Grund gehen. Armes Kind! könnte ich dir auch ein traurigere Zeitung bringen, als diese ist? solte sich nicht ein Stein über dich erbarmen? O was Mitleiden hab ich mit dir! wie viel besser wäre es für dich, du wärest niemahl gebohren worden! ach wie leid ist es mir, daß ich dir eine so traurige Zeitung hab müssen anzeigen! Der gute Jüngling erschracke zwar anfänglich über diese so unverhofte Zeitung, und wußte nicht, was er sagen solte. Wie er sich aber nach und nach erholet, sagte er zu dem Alt-Vatter: O! ist es nur das, so euch bishero dergestalten wegen meiner bekümmert, und ihr mir deswegen verborgen habt? höret Vatter! seyd meinetwegen ohne Sorg; ich will darum nicht aufhören, GOtt zu lieben. Eben darum, daß ich ihn in der Höll nicht werde lieben können, so will ich es jetzunder thun. Kan ich ihn in der Ewigkeit nicht lieben; so will ich ihn in der Zeit lieben. O unverhofte Antwort von diesem Jüngling! O unerschrockner Muth! O niemahl erhörte Standhaftigkeit! O Hertz, das auf keine Weis von GOtt abzuwenden ware! höret jetzt, was GOtt für ein Gefallen ab dieser Antwort gehabt! er schickte alsobald einen Engel zu dem Alt-Vatter, und liesse ihm sagen, wie daß die Stimm, so er in seinem Kämmerlein gehört, als wann sein Lehr-Jung von GOtt verworfen wär, nicht vom Himmel, sondern vom bösen Geist herkommen seye: welcher den Jüngling von seinem frommen Leben abwendig zu machen, und in die Verzweiflung zu stürtzen gehoft hätte. Der Jüngling solle aber fortfahren, GOtt in der Einöde zu dieden, und ihn beständig zu lieben, so werde GOtt nicht ermanglen, ihme darfür die ewige Glori zu geben. Wie der Alt-Vatter diese andere Zeitung gehört, da ist nicht auszusprechen, in was Freud seine bisher gehabte Traurigkeit verändert worden. Er zeigte demnach solche Zeitung ohne Verzug dem Jüngling an: er fiele ihm um den Hals, und wünschte ihm Glück, daß er durch seine Standhaftigkeit GOtt das Hertz abgewunnen, und die Versicherung erhalten, daß er ein Kind der Seligkeit seyn werde. Als der Jüngling diese Zeitung von dem Alt-Vatter verstanden, konte er sich vor Freuden selbsten nicht fassen. Er fiele auf die Knie nieder; er danckte GOtt; er lobte ihn; er opferte sich auf ein neues zu seinem Dienst auf; er schenckte sich ihme mit Leib und Seel: und da er bishero GOtt von Hertzen gedient, und ihn über alles geliebt hatte, thate er solches forthin mit noch grösserem [22] Eifer. Bliebe also beständig, bis an das End, und erwarbe auf solche Weis letztlich das Sieg-Kräutzlein der ewigen Seeligkeit. Dauroult. Specul. c. 2. Tit. 2.


O wie aufrichtig muß bey diesem Jüngling die Liebe gegen GOtt geweßt seyn! dann wie wurde er sich sonst so unbeweglich an GOtt gehalten haben? wer halt GOtt recht liebt, der sagt mit dem heiligen Job c. 13. Wann er mich schon tödten wird, so will ich doch auf ihn boffen. Dann je grösser bey uns die Liebe gegen GOtt ist, je grösser ist auch die Hofnung, und das Vertrauen auf ihn. Und wann wir in dieser Liebe beständig bleiben, so wird uns die ewige Seligkeit richtig zu Theil werden. So wollen wir dann GOtt für uns sorgen lassen: er wird alles zu unserem Heyl richten.

17. Exempel
Siebenzehendes Exempel.
Ein unschuldiger Edel-Knab wird wegen andächtiger Anhörung einer Heiligen Meß wunderlicher Weis beym Leben erhalten.

Es war an einem Königlichen Hof ein Edel-Knab, von solcher Frommkeit, Tugend, und anständigen Sitten, daß ihm die Königin vor anderen günstig und geneigt war. Um solche Gunst nun ware ihme ein anderer Edel-Knab an dem Hof mißgünstig und neidig. Aus Neid also angetriben, gienge er zu dem König, und brachte durch boshaftes Geschwätz den unschuldigen Edel Knaben samt der Königin in den Verdacht, als wann es unter beyden nicht recht hergienge. Einmahl schine es, die Königin seye dem Edel Knaben gar zu gewogen. Der König, so ohne das argwöhnisch war, liesse sich von disem neidigen Verleumder dergestalten einnehmen, daß er wider den unschuldigen Edel Knaben einen grossen Zorn faßte; ja so gar den Schluß machte, ihne tödten zu lassen. Demnach, als er bald darauf mit dem Verleumder auf die Jagt ritte, unter Weegs aber zu einem Kalch-Ofen kame, da man eben Kalch brennte, rufte er den Kalch-Brenner zu sich, und sagte zu ihm: höre! morgiges Tags wird in der Frühe von meinem Hof ein Edel Knab zu dir kommen. Diser wird dich fragen, ob der königliche Befehl vollzogen worden? So bald du dise Frag von ihme wirst vernommen haben, so ergreiffe ihn in der Mitte, und wirffe ihn ohne alle Barmhertzigkeit in den feurigen Kalch-Ofen hinein, und lasse ihn darinn zu Pulver und Aschen verbrenen; dann er hat nichts besseres verdient. Der Verleumder freute sich von Hertzen, daß ihm sein verleumderisches Geschwätz angangen, [23] und der Unschuldige, der ihm ein Dorn in denen Augen war, auf solche Weis aus dem Weeg geraumet wurde. Aber, O! wie gedachte er so gar nicht, daß dises Unglück ihn selbsten treffen könne. Wie gienge es dann weiters? des anderen Tags in der Frühe liesse der König den unschuldigen Edel Knaben zu sich kommen, und sagte zu ihm: gehe hin zu meinem Kalch-Brenner, und frage ihn, ob der königliche Befelh vollzogen worden? Der Edel Knab gienge unverzüglich hin, unwissend, was für ein Unglück auf ihn wartete. Zu allem Glück aber mußte er unter Weegs bey einer Kirchen fürbey gehen. Weilen nun eben dazumahl mit der Glocken das Zeichen zu einer Meß gegeben war, bediente er sich diser guten Gelegenheit, die heil Meß darinnen mit Andacht anzuhören. Dann also war er in den ersten Jahren von seinem Herrn Vatter seelig unterrichtet worden: er solte nemlich keinen Tag fürbey gelassen, er hätte dann mit Andacht eine Heil. Meß angehört. Indem er sich nun in der Kirchen mit Anhörung der H. Meß eine gute Zeit lang aufhielte, da ward der König begierig zu wissen, ob der Kalch-Brenner an diesem Unschuldigen den königlichen Befehl vollzogen hätte? Er liesse also den Verleumder zu sich kommen, und befahle ihm ohne Verzug zu dem Kalch-Brenner hinzugehen, und zu fragen, ob der königliche Befehl vollzogen worden? der Verleumder gienge mit Freuden hin, in Hoffnung, der Unschuldige, den er bey dem König boßhafter Weis in die Ungnad gebracht, werde schon zu Pulver und Aschen verbrennt worden seyn. Aber, O wie hatte er sich selbst betrogen! dann sihe! so bald er zu dem Kalch-Brenner kommen, und ihn gefragt, ob der königliche Befehl vollzogen worden? Gedachte diser, das müsse eben derjenige Edel Knab seyn, den der König in den brennenden Kalch-Ofen zu werffen befohlen. Ergriffe ihn also in der Mitte; und ohngeachtet der unglückseelige Mensch schrye und protestirte, er würde für den Unrechten angesehen, kehrte sich der Kalch-Brenner nichts daran; sondern warffe ihn ohne alle Barmhertzigkeit in den feurigen Kalch-Ofen hinein, und liesse ihn darinn jämmerlich zu Pulver und Aschen verbrennen. Wie dieses fürüber, kam bald darauf der unschuldige Edel Knab aus der Kirchen auch herbey, unwissend, was sich mit dem Verleumder zugetragen hatte. Und als er den Kalch-Brenner gefragt, ob der königliche Befehl vollzogen worden, ward ihm mit ja geantwortet. Mit welcher Antwort er zuruck gekehrt, und selbige dem König hinterbracht. Wie nun der König den unschuldigen Edel Knaben frisch und gesund vor sich sahe, kunte er sich vor Verwunderung nicht fassen, indem er vermerckt, daß just das Widerspihl geschehen. Fragte ihn also voller Unwillen, wo er sich so lang aufgehalten, daß der königliche Befehl nicht [24] nicht vollzogen worden, wie es der König verlangt hatte. Da gabe der unschuldige Edel Knab folgende Antwort: Ihro Majestät nehmen nicht ungnädigst auf, daß ich mich in Uberbringung dero Königl. Befehl an den Kalch-Brenner verweilet hab. Die Ursach ware diese: als ich unter Weegs bey einer Kirchen fürbey gienge, in welcher man eben dazumahl mit der Glocken ein Zeichen zu einer Meß gegeben, bediente ich mich dieser Gelegenheit, und gienge in die Kirchen der Heil. Meß beyzuwohnen. Dann also bin ich in den ersten Jahren von meinem Herren Vattern unterrichtet worden: ich solte nemlich keinen Tag fürbey gehen lassen, ich hätte dann mit Andacht eine Heil. Meß angehört. Diser guten Lehr nun nachzukommen, bin ich eben in die Kirchen gangen, und hab mit Andacht eine gantze Heil. Meß angehört: welches ja Ihro Majestät nicht ungnädigst aufnehmen werden. Als der König dise Antwort vernommen, erkennte er daraus die Unschuld dises; und die Boßheit des anderen Edel Knabens: preißte mithin die Gerechtigkeit GOttes, als welche den Verleumder so fein gefunden, und wider alles Verhoffen zur verdienten Straf gezogen. Ex Chronica S. Franc. P. 2. l. 8. c. 18.


O wie wahr ist jenes Sprichwort, welches sagt: wer einem andern eine Grub grabet, der fallt letztlich selbsten drein! wie nutzlich ist es hernach, täglich mit Andacht eine Heil. Meß hören! dann durch dises Heil. Opfer ziehen wir uns zu die Barmhertzigkeit GOttes, und bewegen ihn, daß er uns in Gefahren Leibs und der Seel sonderbar zu Hülf kommt.

18. Exempel
Achtzehendes Exempel.
Ein Knab lebt, und stirbt gottseelig.

Um das Jahr Christi 1606. lebte zu Lech-Haußen, einem Dorf in Bayer-Land ein Knab, mit Namen Andreas, ohngefähr 14. Jahr alt. Von den ersten Jahren seines Verstands an, war ihme nichts über die Kinder-Lehr. Da gabe er mit solcher Aufmercksamkeit acht auf das jenige, was der Kinder-Lehrer sagte, daß er von einem Sonntag auf den anderen alles richtig aufsagen konte, was er in der letzten Kinder-Lehr gehört hatte: also, daß andere Kinder sich darüber verwunderen, und den Knaben deswegen loben mußten. Neben disem Lust, den er zur Kinder-Lehr hatte, flohe er sorgfältig alles dasjenige, was nur einen Schein einer Sünd haben möchte. Gegen den Elteren war er so [25] ehrerbiethig und gehorsam, daß er sie im geringsten nicht beleydigte. Wann er bettete, geschahe es mit solcher Andacht, daß die Zuseher sich höchstens daran erbaueten. Kurtz: man sahe an disem Knaben nichts, als ein lautere Unschuld und Gottseeligkeit. Dessentwegen gefiele es GOtt, ihne, da er noch in der ersten Unschuld, aus dieser Welt abzuforderen, und zu sich in den Himmel zu nehmen. Zu welchem End er ihne mit einer tödlichen Kranckheit heimgesucht. Wie der Knab gemerckt, daß das End seines Lebens herzu nahe, batte er, man möchte einen Geistlichen kommen lassen, dem er beichten könte. Nun das geschahe. Wie der Geistliche ankommen, grüßte er den Knaben: und nachdem er sich des Zustands der Kranckheit erkundiget, thate er an ihn folgende Fragen: Mein Kind! wo bist du auch mit deinen Gedancken? in dem Himmel, antwortete der Knab. Wärest du aber bereit zu sterben (fragte der Geistliche weiters) damit du möchtest im Himmel seyn? freylich ja, war die Antwort des Knabens. Was machen aber die fromme Kinder im Himmel? fuhre der Geistliche weiters fort. Da gabe der Knab zur Antwort: sie lieben GOtt ohne Unterlaß: und das mit ihrer grösten Freud. Der Geistliche konte sich über den Verstand, und Gottseeligkeit des Knabens nicht genug verwunderen. Als er drauf seine Beicht angehört, fande er in dem Knaben eine solche Unschuld, daß er keiner Absolution vonnöthen hatte. Also dann wurde ihm die Heil. Communion, als die letzte Weeg-Zehrung gereicht; welche der Knab mit ungemeiner Innbrunst, und Andacht des Hertzens empfangen. Nach wenig Tagen, als die Leibs-Kräften bey ihm zimlich abgenommen, und die Elteren um sein Bethlein herum stunden, sagte er zu der Mutter: meine liebe Mutter! es ist nun an dem, daß ich sterben muß. Behüte dich GOtt; und lebe wohl. Behüre dich GOtt mein lie ber Vatter! Behüte euch GOtt meine liebe Brüder! und du Johannes (also hiesse der ältiste Bruder) seye ins künftig der Mutter gehorsamer, und nicht so widerspenstig. Und du Matthias (das war der jüngste Bruder) schnelle die Eltern nicht so an; sondern seye gegen ihnen bescheidentlich. Allein, ich hätte schier etwas vergessen; nemlich meinen Rosenkrantz, den ich einstens von dem Kinder-Lehrer geschenckt bekommen. Disen vermache ich dir meine liebe Mutter! behüte euch GOtt alle insgesamt noch einmahl; und lebet wohl. Auf dieses hin verfiele ihm die Sprach; er aber unterliesse nicht, äusserliche Zeichen von sich zugeben der Hofnung, die er hatte, bald im Himmel zu seyn: und das um so vil destomehr: weilen er kurtz vorhero dem Geistlichen bekennet, wie daß ihm währender Kranckheit, unser liebe Frau samt vilen Heiligen erschinen, die ihn freundlich gegrüßt, [26] und ein Gespräch von denen himmlischen Freuden geführt hätten: zu welchen sie ihn eingeladen, und die Hofnung gemacht, er werde mit nächstem bey ihnen seyn; weßwegen er dann so begierig zu sterben geweßt seye. Weilen er nun nicht mehr reden konnte, streckte er bald die Händ gen Himmel auf; bald schrenckte er sie Creutzweiß übereinander; bald bezeichnete er sich mit dem heiligen Creutz: und wann man ihm die heylwerthiste Namen JEsus und Maria vorsprache, neigte er mit grosser Andacht das Haupt. Als er aber in die letzte Zügen griffe, fienge er an wie ein Rosen zu brinnen, (welche Farb er auch nach dem Tod behalten) und über ein kurtzes darauf gabe er seine unschuldige Seel in die Händ des Schöpfers auf, nachdem er seine Kranckheit eine geraume Zeit mit einer wunderbarlichen Gedult übertragen hatte. Raderus in Bavaria Pia.


O ihr Kinder! was habt ihr an diesem Knaben für ein schönes Exempel! folget ihm nach in fleißiger Anhörung der Kinderlehr, so werdet ihr daraus solche Sachen lernen, die in euch legen werden einen rechten Grund zur Gottseeligkeit: mithin erwecken ein Abscheuen von Sünden, und einen Lust zur Tugend; eine Verachtung irdischer, und hingegen eine Begierd himmlischer Dingen. Wo dieses geschiehet, O was Freud machet ihr den Elteren! was Lob euch selbsten! und was endlich für einen Verdienst in dem Himmel!

19. Exempel
Neunzehendes Exempel.
Ein junger Graf wird durch öfteres Gespräch mit Ordens-Geistlichen zum Closter-Leben gezogen.

Vor Zeiten war in Teutschland ein junger Graf, mit Namen Albert, von 13. Jahren. Diesen schickte seine Frau Mutter nach Paris in Franckreich, um alldort an dem Königlichen Hof mit den Königlichen Printzen (die ihm verwandt waren) auferzogen zu werden. Weilen aber daselbst ein Dominicaner Closter war, in welchem sich zu selbiger Zeit der seelige Jordanus, und andere Ordens-Geistliche, aus Teutschland gebürtig, aufhielten, suchte der junge Graf selbige, als Lands-Leut, ofters heim, und hatte mit ihnen seine Ansprach. Indem nun diese Geistliche öfters von himmlischen Sachen redeten, wurde der junge Graf davon also bewegt, und eingenommen, daß ihm das Hof-Leben gäntzlich verleidete. Ja nicht allein dieses, sondern er bekame so gar einen Lust, auch in den Orden dieser Geistlichen zu tretten: damit er desto ungehinderter dem Heyl seiner Seelen abwarten möchte: wie er dann bey dem seeligen Jordano, als damaligen Ordens-Meister inständig (doch aber in der Stille; damit es nemlich [27] die Gräfliche Eltern nicht innen wurden) angehalten. Allein weil der seelige Jordanus besorget, der junge Graf möchte wegen seinen jungen Jahren nur fliegende Gedancken bekommen haben, und also auf seinem Vorhaben nicht beständig bleiben, so gab er ihm Bescheid in folgenden Worten:HErr Graf! weilen sein HErr Vatter schon alt, und auf der Gruben herum geht, so wäre es rathsamer, er thäte mit der Zeit die Grafschaft, als der eintzige und rechtmäßige Erb antretten, und liesse ihm angelegen seyn, seine Unterthanen mit Liebe und Sanftmuth zu regieren; dann durch dieses würde er viel Gutes schaffen können. Mit dieser Antwort mußte sich der junge Graf für diesesmal vergnügen lassen; wiewohl er keinen Lust hatte in der Welt zu bleiben. Unterdessen geschahe es nach verflossenen 3. Jahren, daß ihn die Elteren von Paris wiederum nach Haus beruften: zu welchem End sie ein Anzahl Diener abschickten, die ihne zuruck bringen solten. Wie nun die Diener bey ihm zu Paris angelangt, und den Befehl der Gräflichen Elteren abgelegt, sagte er zu ihnen: es ist gantz recht. Allein ehe ich abreise, müsset ihr vorher mit mir in das Dominicaner-Closter, damit ich die teutsche Ordens-Geistliche, als meine liebe Lands Leut, zuletzt noch einmahl sehe, und von ihnen Urlaub nehme. Nun das geschahe: und glaubten die Diener, es hätte nunmehr alles seine Richtigkeit. Allein nachdem der junge Graf denen Dieneren befohlen, einen Abtritt zu nehmen, unter dem Vorwand, als hätte er mit denen Geistlichen abseits, und in geheim etwas wichtiges abzuhandlen, bate er den seeligen Jordanum, er möchte doch alle Geistliche des Closters in das Convent lassen zusammen kommen; dann er etwas, woran viel gelegen, vorzubringen hätte. Als es geschehen, fiele der junge Graf auf seine Knye nieder, und sagte: ich nimme GOtt, und alle Heilige zu Zeugen, daß ich von diesem Ort nicht werde gehen, es seye dann, daß ihr mich in euren Orden aufnehmet. Dann um Christi willen verlasse ich alles, was ich in der Welt hab: und diesem allein will ich in euerem Orden bis an das End meines Lebens dienen. Sehet demnach wohl zu, daß ihr mir meine Bitt nicht abschlaget, sonst werdet ihr es vor GOtt zu verantworten haben, und er wird mein Blut von eueren Händen forderen. Wie der seelige Jordanus samt dem gantzen Convent diesen ungemeinen Eyfer des jungen Grafen gesehen, wußten sie vor Erstaunung nicht, was sie sagen sollten. Nachdem sie sich aber erholet, hielten sie untereinander Rath, was zu thun wäre; in Bedencken, daß es die Gräflichen Eltern sehr übel dörften aufnehmen, wann ihr Sohn in den geistlichen Orden sollte tretten. Allein, wie sie befunden, daß GOtt den jungen Grafen kurtzum in dem heiligen Orden haben wollte, nahmen sie ihn einhellig auf, und legten ihm [28] das Ordens-Kleyd an. Wie die Diener das vernommen, und gesehen, daß sie unverrichter Sachen wiederum hinkehren mußten, wo sie herkommen waren, haben sie traurend ihren Abschied genommen. So bald die Gräfliche Elteren verstanden, was sich mit ihrem Sohn zugetragen, da ist nicht auszusprechen, wie sie lamentirt, und alles angewendet, den Sohn wiederum aus dem Closter zu ziehen. Unter anderen wurde dieses Geschäft aufgetragen einem gewissen Herrn, mit Namen Theodoric, so ein leiblicher Bruder von des jungen Grafen Frau Mutter war, und eben dazumahl zu Paris sich aufhielte. Dieser dann gienge in das Dominicaner-Closter hin, und verlangte, man solte den jungen Grafen, seinen Vetter herfür kommen lassen. Wie dieses geschehen, redete er ihn auf folgende Weis an: Was ist das, Vetterle? wie kanst du es über dein Hertz bringen, daß du deine Elteren dergestalten betrübest? du weist ja, daß dein Herr Vatter alt ist, und auf der Gruben herum gehet; und also zu sorgen, die Frau Mutter dörfte bald eine Wittib werden. Ach! in was betrüben Stand wird sie gesetzt, wann sie nach dem Tod ihres Herrn zugleich deiner wird entrathen müssen; da sie doch ihren eintzigen Trost auf dich gesetzt, der gäntzlichen Hofnung, du werdest sie nicht verlassen, sondern ein Stab ihres Alters seyn! O was für einen Bach der Zähern wird sie vergiessen, wann sie sich in ihrer Hofnung wird betrogen sehen, ey! si gehe dann in dich selbsten; gedencke was du thust: kehre zuruck in die Welt, und betrübe deme Elteren nicht bis in Tod hinein. Aber der junge Graf fertigte seinen Herrn Vettern mit dieser Antwort ab: Herr! wisset ihr nicht, daß unser lieber HErr, da er am Creutz hienge, seine liebste Mutter in höchster Betrübnuß vor sich gesehen? und dannoch hat er dessentwegen vom Creutz keinesweegs wollen herunter steigen. Also werde auch ich das Ordens-Creutz, an welches ich mich durch die heilige Gelübde heften werde, nicht verlassen, wann ich auch meine Frau Mutter solte vor mir dahin sterben sehen. Unterdessen werde ich GOtt bitten, daß er sie tröste; mir aber die Gnad gebe, daß ich ihm beständig in dem angenommenen heiligen Orden diene. Dahero bliebe der junge Graf beständig, und brachte sein Leben in dem Orden bis an das End gottseelig zu.Cantiprat. l. 2. Apum. c. 28.


O wie wiel ligt daran, mit was für Leuten man umgehe! und was man für Gespräch führe! wäre dieser junge Graf stets zu Hof geblieben, was hätte er anders gehört, als was weltlich, schnöd und zergänglich ist? und also wurde er ein lauteres Welt-Kind worden seyn; in welchem Stand er vielleicht ewig wäre zu Grund gangen. Da er aber zu Zeiten mit frommen Geistlichen umgangen, und himmlische Gespräch angehört, O wie hat [29] er die Eitelkeit der Welt so bald erkennt! darum lasse dir folgende Reimen gesagt seyn:


Wilt du weit seyn von der Hölle,
Zu den Frommen dich geselle.
Fromme thun dich Gutes lehren;
Böse wurden dich verkehren.
20. Exempel
Zwantzigstes Exempel.
Ein junger Graf höret in dem Tod-Beth eine Englische Music.

Dieser junge Graf Ulrich mit Namen, aus dem Gräflichen Geschlecht von Helffenstein, ward gebohren um das Jahr Christi, 1583. in der Churfürstlichen Residentz-Stadt München, allwo dazumahl sein Herr Vatter an dem Churfürstlichen Hof Oberster Hofmeister war. Als er die Jahr zum Studieren erreicht, ward er zu denen Jesuiten daselbst in die Schul geschickt. Was für Exempel der Frommkeit, Gottesforcht, und Eingezogenheit er der studierenden Jugend von sich gegeben, ist mit Worten nicht leicht auszusprechen. Man kan es einiger massen aus diesem abnehmen. Wann es sich bisweilen zugetragen, daß er etwas späters in die Schul kommen, schämte er sich nicht, mitten in die Schul (O Demuth!) auf den Boden zu knyen, und vor allen Mit-Schülern mit aufgehebten Händen (O Frommkeit) das Schul-Gebett zu verrichten. Wer ihn gesehen hätte, würde geglaubt haben, ein Engel knye da: also andächtig bettete er. So ließ er auch, als noch ein Kind, Zeichen von sich spühren, als hätte er ein Begierd, mit der Zeit in den Orden der Jesuiten einzutretten, und GOtt darinnen zu dienen. Dann als ihm einstens St. Nicolaus allerhand schöne Sachen eingelegt, so daß er sich darüber hätte erfreuen sollen, zeigte er sich doch etwas traurig. Seine Frau Mutter dieses vermerckend, fragte ihn, warum er sich traurig zeige? St. Nicolaus habe ihm ja schöne Sachen eingelegt? da sagte er: Es ist schon wahr, allein ich wollte, es hätte mir auch ein Baret eingelegt, wie die Jesuiter tragen. Also wohl gefiele ihm ihr Habit. Allein GOtt wollte ihn in der Gesellschaft JESU nicht auf Erden, sondern im Himmel haben. Es geschahe also im eilften Jahr seines Alters, daß, als er einstens aus der Schul nach Haus gienge, ihn auf der Gassen eine Schwach heit überfiele, in welcher er zur Erden gesuncken, und als Krancker hat müssen nach Hauß getragen werden. Es zeigte sich auch gleich, was es für eine Kranckheit seye. Dann es brachen an dem gantzen Leib die Kinds-Blattern herfür: und weil sie sich bald wieder hinein gezogen, haben sie ihm endlich den Tod verursachet. Wie es nun auf die letzte gienge, und die Gräfliche Eltern [30] traurig um das Beth herum stunden, und ihme zusprachen, er sollte den Tod nicht förchten; dann er werde dieses gegenwärtige Leben mit einem besseren vertauschen, sagte er gähling: still still: höret ihr nicht eine Englische Music? O wie lieblich klingt sie! es waren nemlich die heilige Engel, die ihn eingeladen, mit ihnen in dem Himmel das Lob GOttes anzustimmen. Denen er auch freudig gefolget; in dem er bald darauf seine unschuldige Seel in die Händ ihres Schöpfers aufgegeben. Raderus in Bavaria Pia.


Wann wahr ist, was das Sprichwort sagt: gleich und gleich gesellt sich gern; so muß dieser junge Graf ein rechter Engel gewesen seyn; als welchen die Engel unter freudiger Music in ihr Gesellschaft aufgenommen. Schad ist derowegen, daß das Gräfliche Geschlecht von Helffenstein Anno 1627. ausgestorben: vielleicht wurde es dem Himmel noch mehr Engel auferzogen haben. Dergleichen geweßt eine junge Gräfin von Helffenstein, so erst ein Kind von 5. Jahren war. Als der Herr Vatter dieses Gräflichen Kinds auf den Tod kranck darnieder lage, fragte es den Geistlichen, so dem Herrn Vatter in der Kranckheit beystunde, und ihm zusprache, ob es unsern HErr GOtt nicht bitten dörfte, daß es an statt des Herrn Vatters sterbe; der Herr Vatter aber wiederum gesund aufstunde? Warum nicht? sagte der Geistliche: bette sie nur. Sie muß aber alles in den Willen GOttes stellen. Was geschiehet? Das Gräfliche Kind bettet, und GOtt erhöret es. Dann es darauf kranck worden, und dahin gestorben. Idem Raderus ibidem.


Mein GOtt! wann ein Kind von 5. Jahren gegen seinem Herrn Vatter eine solche Lieb erzeiget hat, daß es für ihn zu sterben verlangte; weilen es nemlich die Gutthaten, so es von ihm empfangen, bey noch so jungen Jahren mehr, als wohl erkennet hat: was sollen dann Kinder von 10. 20. Jahren thun?

21. Exempel
Ein und zwantzigstes Exempel.
Von dem gottseeligen Frater Wilhelm, Profeß in dem Closter Münchroth, Prämonstratenser Ordens.

Dieser gottselige Jüngling ward Anno 1564. zu Mindelheim (so dazumahl Schwäbischen, anjetzo aber Bayerischen Gebiets ist) gebohren. Seine Eltern, weil sie sahen, daß er von Kindheit auf zur Frommkeit geneigt war, hatten sich entschlossen, ihne studiren zu lassen. Indem sie aber mit diesen Gedancken umgiengen, starben sie an der dazumahl grassirenden Pest dahin. Wurde also unser guter Wilhelm frühzeitig ein armes, und verlassenes [31] Waislein. Jedoch verliesse ihn GOtt nicht; sondern schickte es, daß er von einem seiner Vettern nach Memmingen in ein Closter (sonst der Spital zum heiligen Geist genannt) in die Kost gethan wurde: allwo er zugleich Gelegenheit fande, bey einem selbigen Orts Geistlichen zum studiren den ersten Anfang zu legen. Da hat er sich dann so fromm und unschuldig aufgeführt, daß ihn alle Geistliche im Closter lieben mußten. Dann er flohe alle Gelegenheit, von frecher und ausgelassener Bursch verführt zu werden. Die Zeit aber brachte er eintweders mit Betten, oder Lernen zu. Wie nun der Lehrmeister vermerckt, daß dieser Jüngling nirgends besser hin taugte, als in einen Ordens-Stand, hat er ihm durch ein Recommendations-Schreiben in das Closter Münch-Roth, Prämonstratenser Ordens, geholfen: allwo man ihn auch in das Probier-Jahr aufgenommen. Da hat er sich gleichfalls so gottselig, und unschuldig verhalten, daß niemand im gantzen Closter die geringste Klag wider ihn führen konte. Er hatte zwar keine sonderbare Fähigkeit zum studiren; jedoch bemühete er sich diesen Mangel durch ungemeinen Fleiß zu ersetzen: so, daß die Patres des Closters wohl mit ihm zu frieden waren, und er auch nach vollendetem Probier-Jahr zur heiligen Profession des Ordens zugelassen wurde. Da hat er sich dann in allerhand Tugenden geübt; absonderlich in der Gedult, wann ihm da und dort von anderen etwas widerwärtiges begegnet ist. Wie man nun gesehen, daß er in der Tugend einen guten Grund gelegt, ist er nach Dillingen zu studiren geschickt worden: in welchem er auch solchen Fortgang gemacht, daß er seinen Lehr-Meistern ein sattsames Genügen gethan. Jedoch hatte er diesen Fortgang mehr dem heiligen Gebett (welchem er sehr ergeben war) als seinem eigenen Fleiß zu zuschreiben. Mithin war seine vornehmste Bemühung in Ubung der Tugenden, und Betrachtung himmlischer Dingen; in Ausforschung seines Gewissens, und fleissiger Beobachtung seiner selbst; damit er nemlich die Reinigkeit seiner Seel mit keiner Sünd bemacklete. So verschonte er auch seinem eigenen Leib auf keine Weis, als welchen er nicht allein mit härinen Stricken umgürtete, und marterte: sondern auch hart geißlete; damit er auf solche Weis das Fleisch dem Geist unterthänig machte. In Summa: es war kein Tugend, in welcher er sich nicht täglich übte. Absonderlich liesse er ihm die Reinigkeit so wohl des Leibs, als der Seelen angelegen seyn. Dannenhero konte er nichts hören, und noch viel weniger reden, ja gar nicht einmahl gedencken, was nicht keusch, rein, und heilig war. Wordurch er zu einer solchen Unschuld und Reinigkeit gelangt, daß man ihn einem Engel gleich geschätzt hat. Deswegen er mit denen heiligen Englen in eine solche Verträulichkeit und Gemeinschaft kommen, daß, als er einstens kranck war, sie vom Himmel herunter gestiegen, und (O unerhörtes Wunder,) das Brevier [32] Chor-weis mit ihm gebettet haben. So hat ihm auch einer aus ihnen in selbiger Kranckheit die Bottschaft gebracht, er werde bald sterben, und bey denen heiligen Englen im Himmel seyn. Weilen nun die Kranckheit von Tag zu Tag zunahme, und solches an seine Oberen berichtet worden, wurd er von Dillingen in das Closter zuruck beruffen, und abgeholet. Da ist ihm dann bald nach seiner Ankunft auf eine Zeit unser liebe Frau erschienen, und hat ihn mit ihrer liebreichsten Ansprach über die massen erfreuet, mit beygesetzter Vertröstung, daß sie ihn über ein kurtzes in den Himmel abholen werde. Wie dann auch geschehen. Dann bald darauf erschiene ihm unser liebe Frau das anderte mahl, da er allgemach wolte in die letzte Züg greiffen, in Begleitung zweyer heiligen Jungfrauen: welche nicht von ihm gewichen, bis seine unschuldige Seel von dem Leib abgeschieden: die sie dann mit sich in den Himmel geführt haben, da er nicht mehr, als vier und zwantzig Jahr alt worden. Nach seinem Tod ist aus seinem Grab ein himmlischer Geruch gespühret worden: welches ein unwidersprechliches Zeichen war, daß er die Reinigkeit Leibs und der Seelen jederzeit unversehrt erhalten habe. Raderus in Bavaria Pia.


Wohl ein schönes Exempel hat die Jugend an diesem gottseligen Frater. Fürs erste: wie sie ihr die Reinigkeit Leibs und der Seelen solle lassen angelegen seyn: und also ab allem dem ein Abscheuen haben, wordurch die Reinigkeit könnte verletzt werden; als da seynd unzüchtige Reden, Rauppen-Possen, und dergleichen. Dann wie der heilige Apostel Paulus sagt: böse Reden verderben gute Sitten. 1. Corinth. 15. Fürs anderte: wie die Jugend niemahl im lernen ehender einen Fortgang mache, als wann sie sich der Gottseligkeit befleissen, und dem heiligen Gebett ergeben ist; absonderlich, wann sie das lernen zur Ehr GOttes richtet, und ihm zu solchem End aufopfert. Dann wie obgedachter Apostel sagt: die GOttseligkeit ist zu allen Dingen nutz, 1. Timoth. 4.

22. Exempel
Zwey und zwantzigstes Exempel.
Ein armer Student, wird mit der Zeit Cardinal, und stellt sich gegen einer armen Wittib, die ihn Zeit seines Studirens beherberget, danckbar, und reichlich ein.

Matthäus Schiner, aus dem Waliss im Schweitzer Land, ward von armen Elteren gebohren. Nachdem ihm selbige weggestorben, und er also ein Waißlein worden, begabe er sich nach Bern (da nemlich diese Stadt noch catholisch war) um alldort eine Gelegenheit zum studiren zu finden: dann er von Natur nicht allein einen ungemeinen Lust; sondern [33] auch besondere Fähigkeit darzu hatte. Wie er nun zu Bern angelangt, suchte er zu erst eine Herberg, wo er aus und eingehen könnte. Die Kost betreffend, mußte er sich entschliessen, selbige von Haus zu Haus zu erbettlen: dann er hatte nichts, als ein abgeschabenes Mäntelein, zerrissene Schuhe, und schlechtes Röcklein, in welchem er sich kaum därfte sehen lassen. Da geschahe es dann, daß ihn ein arme Wittib aus Mitleiden in ihr Haus aufnahme, wo er aus- und eingehen könnte; im übrigen aber für das Essen selbsten sorgen liesse; als welche für ihre Person genug zu thun hatte, wie sie das Maul hindurch bringen möchte. Auf solche Weis nun machte Matthäus dem studiren den Anfang; und das mit solchem Eifer, und unverdrossenen Fleiß, daß man sich darüber verwundern mußte. Dann wie wohl er das Allmosen von Haus zu Haus heischen mußte, so verhinderte ihn doch dieses im geringsten nichts von dem studiren: indem er von einer Gassen in die andere gehend, stäts (O unerhörter Eifer!) ein Buch in der Hand hatte, und darinnen lase; nur damit ihm kein Zeit, etwas zu lernen, fruchtlos hingienge. Durch diesen angebohrnen Lust, und unermüdeten Fleiß brachte er es mit der Zeit so weit, daß er im studiren alle andere Studenten übertraffe, und letztlich zur Würde eines Doctors in der GOtts-Gelehrheit befördert wurde. In dieser Doctors-Würde nun (worzu eine von Natur angebohrne Wohlredenheit schluge) führte er sich so klug und verständig auf, daß ihn eine löbliche Eidgenossenschaft für würdig erachtete, in einem wichtigen Geschäft an Ihro Päbstliche Heiligkeit nach Rom, als einen Abgesandten, abzuschicken. Welche Gesandschaft ihm auch würcklich aufgetragen wurde. Wie man nun zu Rom seine grosse Wissenschaft, Wohlredenheit, und Erfahrnuß mit Bewunderung ansehen mußte, hat ihn Ihro Päbstliche Heiligkeit zu einem Cardinal (so eine der vornehmsten geistlichen Würde in der Catholischen Kirchen, und die nächste nach dem Pabstum ist) gemacht. Nachdem er in dieser Würde lange Zeit der Kirchen grosse Dienst gethan, schickte ihn einstens der Pabst als einen Abgesandten in die Schweitz, um allda zwischen denen Teutschen und Frantzosen nach langwirigem Krieg einen erwünschten Frieden aufzurichten. Dieser Gelegenheit nun bediente sich der Cardinal, einen Abweeg auf seiner Reiß zu nehmen; damit er sein liebes Bern einstens wiederum sehen, und daselbst den Einkehr nehmen könnte. Wie dann auch geschehen; und er als Päbstlicher Abgesandter von der gantzen Stadt mit grosser Ehrerbietung, und Freuden-Bezeugungen empfangen worden. Das erste, so er bey seiner Ankunft zu wissen verlangte, war dieses: ob nemlich jene Wittib (und die nennete er mit Namen) die ihn Zeit seines Studirens zu Bern beherberget, noch bey Leben wäre? und da ihm mit ja geantwortet worden, bezeugte er darüber grosse Freud: befahle demnach seinen Bedienten, [34] ohnverzüglich Tappetzereyen, Sessel, Silber-Geschirr, und anders, was einem grossen Herrn seinem Stand nach zu bewürthen nöthig, in der Wittib Haus zu tragen, und auf ein Mittagmahl Tafel zu decken. Wie nun die Bediente in der Wittib Haus angelangt, und in die Stuben kommen, fanden sie selbige allein, und zwar an der Kunckel spinnend: grüssen sie mithin gantz freundlich, und sagten zu ihr:Mütterle! thut die Runckel auf ein Seiten und kehrt darfür das Haus und die Stuben aus; damit wir alles mit Tappezereyen auszieren, eine Fürst liche Tafel rüsten, und selbige mit Sessel umstellen können. Die Wittib dies hörend, fragte sie: wer sie dann wären? und was dieses bedeuten solte? sie bekame aber keine andere Antwort, als diese: sie solte nur thun, was ihr befohlen worden; sie werde es bald erfahren, wer sie wären; und auf was es angesehen seye? indem nun die Wittib dem Befehl nachkommen, und überall sauber ausgekehrt, mithin den Kopf zu einem Fenster ausgestreckt, um zu sehen, wer dann mehr in ihr Haus kommen werde; da siehet sie einen Wagen mit Brodt, Wein, Fleisch, Vögel, Wildpret, und anderen bey Fürstlichen Taflen gewöhnlichen Speisen, und Confect beladen, dem Haus zufahren: hinter dem Wagen aber eine Fürstliche Gutschen, in welcher der Cardinal sasse, samt einigen der vornehmsten Herren der Stadt, so aus Befehl des Magistrats den Cardinal Ehren halber dahin begleiteten. Sie gienge also dem Cardinal eilends bis zum Haus hinaus entgegen: und da er aus der Gutsche gestiegen, fiele sie vor ihm aus Ehrerbietung auf ihre Knie nieder, und erwartete gleich wohl, was dann die Ankunft eines so grossen Herrn bedeuten solle. So bald der Cardinal die Wittib das erstemahl wiederum gesehen, sagte er zu ihr: stehet auf, Mütterle! und grüß euch GOtt! wie ist es? kennet ihr mich noch? schaut mich nur recht an. Ich bin derjenige, den ihr vor diesem als einen armen Studenten Zeit meines Studierens aus Mitleiden in diesem eurem Haus beherberget, und darinn aus- und eingehen lassen. Jetzt bin ich kommen, euch in der alten Herberg heimzusuchen, und euch für die Lieb, die ihr mir erwiesen, Danck zu sagen. Laßt uns dann mit einander in die Stuben hinauf gehen; dann bey euch will ich das Mittagmahl einnehmen. Wie sie in die Stuben hinauf kommen, und der Cardinal mit der Wittib eine Zeit lang von den alten Händlen ein freundliches Gespräch gehalten, befahle er, Speis und Tranck auf die Tafel zu tragen: welches als es geschehen, sagte er: jetzt Mütterle! wollen wir über Tisch betten. Nach verrichtem Gebett, hiesse er die Wittib neben sich an die Tafel hinzu sitzen: die sich aber anfänglich geweigert, sagend: es wäre ihr höchste Schuldigkeit, einem so grossen Herrn als ein Magd unterthänigst aufzuwarten. Allein weil ihr der Cardinal nichts liesse daraus [35] gehen, und es kurtz um haben wolte, mußte sie letztlich gehorsamen. Da legte ihr dann der Cardinal selbst alle Speisen vor, und sprach ihr freundlich zu: sie wolte es ihr nur recht belieben lassen, und sich vor ihm nicht scheuen. Nachdem nun ein und andere Speisen aufgeessen waren, begehrte der Cardinal, man solte ihm einen grossen silbernen und vergoldeten Becher vom besten Wein einschencken. Als dieses geschehen, nahme er den Becher in die Hand; kehrte sich damit gegen der Wittib, und sagte: nun, Mütterle! ich brings euch zu; und zwar auf eure eigene Gesundheit. Und nachdem er einen Trunck gethan, stelte er den Becher der Wittib zu. Allein diese getraute sich nicht, den Becher anzunehmen. Wie aber der Cardinal darauf drange, und nicht aussetzte, sagend: Mütterle! ihr müßt mir auch eines aus diesem Becher Bescheid thun: ich lasse es euch nicht nach: nahme sie endlich den Becher, wie wohl mit zitterenden Händen an. Indem sie aber nicht wußte, wie sie diesem grossen Herrn müßte den Titul geben, und demnach jetzt: ihr Excellentz! bald gestrenger Juncker! sagte; mußte der Cardinal ob ihrer Einfalt wohl hertzlich lachen. Gleichwohl damit er ihr ein Hertz zu trincken machte, sagte er zu ihr: Mütterle! heißt mich nur wie vor diesem: dann ich bin eben derjenige, dem ihr vor diesem manches mahl eines zugebracht. Auf dieses Zusprechen hebte die Wittib den Becher über sich, und sagte: so seye es dann, Herr Schiner! weil ihr es doch so haben wolt: ich brings euch zu, auf euere gute Gesundheit. Unser HErr wolle euch noch viel Jahr gesund erhalten. Der Cardinal bedanckte sich; und nachdem er noch eine Zeit lang bey der Tafel gesessen, stunde er endlich auf, und bedanckte sich gegen der Wittib noch einmahl, daß sie ihn vor diesem Zeit seines Studirens so mitleidig beherberget: nahme darauf behüt GOtt von ihr, und hinterliesse ihr nicht allein, was von Speis und Tranck in grosser Menge überblieben; sondern auch die silberne Schüßlen, Teller, Trinck-Geschirr, Sessel, Tappezereyen, und anders, was er mit sich gebracht. Ja, er verehrte ihr noch darüber zu einem Leben-länglichen Angedencken, zwey hundert Ducaten. Womit er das Haus verliesse, und seine Reiß weiters fortsetzte. Wie nun dieses alles in der Stadt Bern ruchtbar worden, da ist nicht auszusprechen, mit was Lob-Sprüchen die gantze Burgerschaft diese unerhörte Demuth, undDanckbarkeit des Cardinals gegen der armen Wittib erhebt habe. Auf allen Gassen hörte man nichts anders, als dieses freudige Ausruffen: es lebe glückselig, dieser demüthige und danckbare Cardinal! GOtt gebe, daß seine Tugend einstens den höchsten Ehren-Gipfel auf Erden besteige! Gazæus in Piis Hilar. Tom 2.


Nehmen die arme Studenten von der Demuth undDanckbarkeit dieses Cardinals ein Exempel, und folgen [36] sie ihm nach. Machen sie es nicht, wie etwelche grobe und undanckbare Gesellen, welche, wann sie durch das Glück mit der Zeit zu einer Würde erhöht werden, nicht allein gegen ihren Gutthätern nicht erkanntlich seynd; sondern nicht einmahl dergleichen thun, als wann sie selbige noch kenneten. O wie schandlich ist dieses! aber was gewinnen sie damit? nichts anders, als daß alle recht geschaffene, Ehr- liebende Leut diesen ihren Hochmuth, und Undanckbarkeit verfluchen.

23. Exempel
Drey und zwantzigstes Exempel.
Ein unschuldiger Jüngling wird am Galgen wunderbarlicher Weis frisch und gesund beym Leben erhalten.

Es waren zwey fromme Eheleut: die thaten eine Wallfahrt nach Compostell in Spanien; um allda das Grab des heiligen Apostels Jacobi zu verehren. Sie hatten aber einen eintzigen Sohn, der nicht allein schön, und holdselig von Angesicht; sondern auch fromm und unschuldig war: und deme die Zucht und Schamhaftigkeit aus den Augen schiene. Weil er nun der Elteren eintziger Augen-Trost war, mußte er auch mit ihnen wallfahrten. Nachdem sie auf ihrer Wahlfahrt ein gutes Stuck-Weegs hinter sich gelegt, kamen sie auf einen Abend in die Stadt, so den Namen von dem heiligen Dominicus führt. Weil sie nun müd, hungerig, und durstig waren, kehrten sie dort in einem Wirthshaus ein; um allda zu übernachten. Da liessen sie ihnen dann zu Essen, und zu Trincken bringen: damit sie sich erfrischten, und die Wallfahrt fortzusetzen neue Kräften bekämen. Es geschahe aber, daß, indem des Wirths Tochter diesen Gästen Speis und Tranck auftruge, sie ein Aug auf den Jüngling warfe: durch dessen schöne Gestalt sie also eingenommen war, daß ihr Hertz vor Liebe zu brinnen anfienge. Sie konnte also kaum erwarten, bis diese Gäst vom Tisch aufstunden, und in die Ruhe begehrten. Wie solches endlich geschehen, nahme sie den Jüngling auf eine Seiten, und sagte ihme ohne Scheu, wie daß sie in ihn verliebt wäre. Der keusche und schamhafte Jüngling, als er dieses gehört, konte sich kaum inhalten, daß er ihr nicht die Hand ins Gesicht schluge: also wehe thate es ihm, daß sie ihn für fähig ansahe, etwas unehrbares zu begehen. Doch fertigte er sie mit diesen ernsthaften Worten ab: packe dich fort, du unverschamte! für wen siehest du mich an? meinst du ich seye deines gleichens? nein, fürwahr: du betrügest dich weit. Mein Ehr ist mir lieber, als du dir einbildest. Mit diesem Ausbutzer nahme das unverschamte Mensch den Weeg zur Stuben hinaus, und liesse sich wohl nicht mehr sehen. Dieser Schimpf aber [37] thate ihr so wehe, daß sie hin und her denckte, wie sie sich doch an dem Jüngling rächen möchte. Endlich fiele ihr ein, sie solte warten, bis der Jüngling in der Ruhe wäre, und hernach in der Stuben erkundigen, ob er nicht vielleicht seinen Rock darinn gelassen. Das thate sie dann: und nachdem sie den Rock nach Wunsch gefunden, nahme sie aus einem Kasten einen silbernen Becher herfür: steckte selbigen in die Taschen des Jüngling Rocks: schliche hernach in der Stille zur Stuben hinaus, und begabe sich auch in die Ruhe. Des andern Tags, als die Gäst aufgestanden, bezahlten sie die Zech, und nahmen ihren Weeg weiters fort. Sie waren aber kaum zur Stadt hinaus kommen, da fienge des Wirths Tocher an zu lamentiren, und über die Gäst zu klagen: wie daß sie nemlich einen silbernen Becher dem Wirth entfremdet hätten. Man solle also ihnen ohne Verweilen nachsetzen, und selbige aussuchen, bis man den Becher gefunden hätte: und sie hernach als Dieben der Gebühr nach abstraffen. Nun was geschiehet: man erwischt sie noch, sucht sie aus, und findet endlich den silbernen Becher bey dem Jüngling in der Taschen des Rocks. Da hiesse es gleich: O du Dieb! jetzt bist du ertappet worden. Hast du gehoft, mit dem Becher hindurch zu kommen; warte nur: du wirst bald darfür den Strick am Hals haben. Der unschuldige Jüngling erschracke zwar über dieses unerwartete Unglück; betheurte aber hoch; wie daß er sein Lebtag niemand das geringste gestohlen: müsse ihm also der silberne Becher unwissend seiner, und heimlich bey nächtlicher Weil, da er noch in der Ruhe gelegen, von weiß nicht wem in die Tasche gesteckt worden seyn. Bitte also, man wolle ihn seinen Weeg lassen fortgehen. Allein alles Entschuldigen war umsonst: der gefundene Becher überzeugte ihn: und wie die Sach für den Richter des Orts kommen, brauchte es nicht viel, ihn als einen Dieben zum Galgen zu verurtheilen. Wie dann auch geschehen. Mit was Leidwesen, jammeren, heulen und weinen der lieben Eltern, ist leich zu gedencken. Sie bathen; sie protestirten; sie erbothen sich, den Sohn mit einem Stuck Geld auszulösen: aber da fanden sie nirgend kein Gehör. Wurde also der unschuldige Jüngling zum Galgen hinaus geführt: an welchen er auch ohne Barmhertzigkeit aufgeknüpft worden. Die Elteren, so vor Leidwesen, diesem traurigen Spectacul nicht zusehen konten, setzten unterdessen in äusserster Betrübnuß ihre Wallfahrt fort; unterliessen aber nicht, ihren unschuldigen Sohn unser lieben Frauen, und dem heiligen Apostel Jacob anzubefehlen, und zu bitten, daß sie sich seiner annehmen wolten. Als sie endlich zu Compostell bey dem Grab des heiligen Jacobs angelangt, selbiges verehrt, und einige Tag lang ihre Andach daselbst abgelegt, nahmen sie ihren Weeg wiederum traurig zuruck nach der Stadt, wo ihr unschuldiger Sohn das Unglück gehabt, aufgehenckt zu werden; um selbigen, wie [38] wohl am Galgen hangend, noch das letztemahl zu sehen, den Abschied zu nehmen, und ihme wenigst die ewige Ruhe zu wünschen. Wie sie nun an das Ort, und zu dem Galgen kommen, und mithin ihren lieben Sohn daran hangend gesehen, haben sie eben gemeint, sie müssen sich zu Tod weinen, und werde ihnen vor Leidwesen das Hertz im Leib zerspringen. Aber siehe Wunder! indem sie also bitterlich weinen, und klagen, da regte der erhenckte Jüngling die Händ und Füß, und fienge an also zu reden: Höret auf zu weinen, liebe Elteren! dann ich lebe noch frisch und gesund: ja es ist mir mein Lebtag nicht so wohl geweßt, als die sechs und dreyßig Täg, da ihr aus geweßt seyd. Dann wisset, daß mich unter dieser Zeit einer Seits unser liebe Frau; anderer Seits aber der heilige Apostel Jacob mit ihren Armen im Luft gehalten, daß mich der Strick keineswegs hat würgen können. So empfande ich auch einen solchen Trost, und Süssigkeit, daß es mich unterdessen weder gehungert, noch gedürstet hat. So haben weiters diese meine grosse Patronen, in deren Schutz ich mich befohlen, verhindert, daß mir weder die Sonnen-Hitz, noch Regen und Wind im geringsten haben schaden können: wie dann mein lebhafte Farb und Gestalt euch dessen überzeugen werden. Es haben zwar die Raaben vielmahl herzu fliegen wollen, aus Begierd mir meine frische und offene Augen auszupicken; seynd aber allzeit durch heimlichen Gewalt zuruck getrieben worden. In Summa: daß ich noch frisch und gesund lebe, das hab ich nach GOtt niemand anderen, als diesen meinen grossen Patronen zu zuschreiben. Gehet also hin, und zeiget es dem Richter des Orts an: begehrt auch von ihm, daß er mich vom Galgen abzunehmen befeh le, und hierdurch meiner Unschuld essentliche Zeugnuß geben wolle. Die Elteren dies hörend konten sich vor Freuden nicht fassen: und indem der Vatter den Sohn noch mehr ausfragte, lieffe unterdessen die Mutter, was giebst, was hast, in die Stadt vor des Richters Haus, und verlangte unverzüglich fürgelassen zu werden; sagend: sie hätte ihm ein unerhörtes Wunder anzuzeigen. Der Richter, welcher eben dazumahl zu Mittag speißte, und Gäst bey sich hatte, liesse sie alsobald in die Stuben kommen, und fragte sie: was sie ihn dann für ein unerhörtes Wunder anzuzeigen hätte? da sagte die Mutter. O HErr Richter! wisset, daß mein Sohn, den ihr vor sechs und dreyßig Täg ohne sein Verdienen habt an Galgen hencken lassen, noch frisch und gesund lebe. Dann sein Unschuld liesse nicht zu, daß er am Strick erworgen solte. Lasset ihn also vom Galgen abnehmen: auf daß wir ihn umpfangen, und mit ihm freudig in unser Vatterland zuruck kehren mögen. Der Richter dies hörend, hielte darfür, das Weib rede ab, und seye vor Leidwesen [39] im Kopf verruckt worden. Lachte also überlaut, und sagte: gleichwie dieser gebratene, und mit Speck durchgespickte Güggel und Henne, die du vor mir in dieser Schüssel siehest, und ich jetzt gleich mit dem Transchier-Messer in Stück zertheilen will, noch bey Leben seynd; also lebt auch dein Sohn noch an dem Galgen. Kaum hatte er dieses gesagt, und das Transchier-Messer in die Hand genommen, siehe Wunder! da wurden der gebrattene Güggel und Henne wiederum lebendig; bekamen ihre vorige Federen; sprangen aus der Schüssel heraus; giengen auf dem Tisch herum, und pickten die Brosamen, so sie da fanden, hungrig auf. Ja der Güggel, nachdem er einen freudigen Kreis, seiner Gewohnheit nach, um die Henne gemacht, schwunge die Flügel, und krähete aus vollem Hals, was giebts, was hast. Wie der Richter samt denen anwesenden Gästen dieses Wunder gesehen, erstaunte er heftig darüber: stunde alsobald vom Tisch auf, und gieng den geraden Weeg zur Richtstatt hinaus, um zu sehen, ob dann der erhenckte Jüngling noch frisch und gesund lebe? kaum ware dieses Wunder mit dem Güggel, und Henne in der Stadt auskommen, da lieffen alle, so wohl Geistliche als Weltliche zusammen, und begleiteten den Richter zur Richtstatt hinaus. Wie sie dort ankommen, und der am Galgen hangende Jüngling sie ersehen, redete er sie an mit folgenden Worten: Sihest du, O Richter! wie sich GOtt meiner Unschuld angenommen, und mich frisch und gesund beym Leben erhalten hat? Und also dein wider mich gefälltes Urtheil an sich selbst ungerecht geweßt ist? Ihr andere Zuseher aber! sehet ihr nicht, wie mich einer seits unser liebe Frau; anderer seits aber der Heil. Apostel Jacob mit ihren Armben in Luft halten? durch dero Fürbitt bey GOtt bin ich 36. Tag lang (O Gutthat! für welche ich ihnen mein Lebtag nicht genug werde dancken können) frisch und gesund beym Leben erhalten worden. Wie der Richter, und das umstehende Volck dieses gehört, preißten sie insgesamt GOtt in seiner Mutter, und dem Heil. ApostelJacob: der Jüngling aber wurde auf Befehl des Richters vom Galgen abgenommen, und seinen Elteren mit Freuden zugestellt: welche dann GOtt, seiner Mutter, und dem Heil. Apostel Jacob unaufhörlich danckend in ihr Vatterland zuruck gekehrt seynd. Was den zum Leben wiederum erweckten Güggel, und Henne betrift, haben selbige nachgehends noch 7. Jahr lang gelebt; und seynd von ihnen andere junge Güggele, und Hennele von gleicher Farb, und Federen erzeugt, und ausgebrütet worden: von diesen letzteren aber wiederum andere, bis auf andere 7. Jahr hinaus. Gazæus in Piis Hilar.


Wie laßt GOtt die Unschuld so gar nicht stecken! und wie lieb ist ihm ein [40] keusches Hertz! wir haben dessen ein stattliches Exempel in göttlicher Heil. Schrift, Daniel 13. Es ware schon an dem, daß die unschuldige, und keusche, aber fälschlich angeklagte Susana solte versteiniget werden. Aber wie hat hat GOtt selbige so wunderbarlich, und wider alles Verhoffen durch den Propheten Daniel aus dieser Gefahr errettet! wie nutzlich ist es hernach, unser liebe Frau, und andere Heilige GOttes um ihr. Hülf und Schutz anruffen! grosse Blindheit der Uncatholischen, die es nicht erkennen wollen! aber was ist mit ihnen anzufangen? die Catholische gebrauchen sich wider selbige jener Wort Christi Matth. 15. Lasset sie gehen. Sie seynd blind, und Führer der Blinden.

24. Exempel
Vier und zwantigstes Exempel.
Ein Jüngling, deme man auf der Richtstatt das Haupt wolte abschlagen, wird von dem Heil. Schutz-Engel beym Leben erhalten.

Zu Constantinopel, so eine der vornehmsten Stätten in Europa ist, befande sich ein adelicher Jüngling, mit Namen Falco; der von Kindheit auf mit sonderer Andacht dem Heil. Schutz-Engel zugethan ware; ihm auch zu Ehren sich mit einem Gelübd verbunden hatte, niemahlen zu lügen, solte es ihn auch Leib und Leben kosten. Das ware nun eine schwere Sach in einem solchen Alter, deme eben sobald eine Lug, als einem der Fuß auf dein Eiß entwischt. Gleichwohl ware Falco des gäntzlichen Schluß, seinem heiligen Schutz-Engel zu Ehren, niemahlen zu lügen. Uber ein Zeit hernach begab es sich, daß er mit einem seiner Spies-Gesellen uneinig worden, also daß es gar zum Degen kommen. In welchem Gefecht Falco den andern erstochen hat. Die That geschahe in Geheim, und ware niemand bekannt, als dem allwissenden GOtt. Nachdem der Tod des Entleibten durch die Statt erschollen, forschte man dem Thäter allenthalben streng nach, und warffe endlich auch aus einem geringen Anzeigen den Argwohn auf den Falco. Er wird darüber in Verhaft gezogen, und gerichtlich gefragt. Was solte nun der arme Jüngling thun? wolte er sich schuldig geben? so war das Leben hin. Wolte er laugnen? so handlete er wider das Gelübd. Er gienge lang mit seinen Gedancken zu Rath, und die natürliche Forcht sagte ihm: dem Heil. Schutz-Engel wird ja mit Menschen-Blut nicht gedient seyn; als welcher nicht verlangt, seinem Pfleg-Kind das Leben zu benehmen, sondern zu erhalten. Die Schand ist groß; die Freyheit ist lieb: und weil kein andere genugsame Zeugnuß vorhanden, so ist es nur um ein keckes Laugnen zu thun, so hin ich der Banden loß, [41] und wider auf freyem Fuß. Anderer Seits aber sagte ihm das Gewissen: wilt du dann dem Heil. Schutz-Engel untreu, und an deinem Gelübd eydbrichig werden? nein, sagte er: das thue ich nicht. Leben hin, Leben her: tausendmahl ehender will ich sterben, als lügen. Aus solche Weiß geschihet der Gerechtigkeit ein Genügen; und werd ich zu einem Schlacht-Opfer der Treu und Liebe gegen meinem Heil. Schutz-Engel. So bekennete er dann die That, und wurde zu dem Schwerdt verdammt. Als der Tag angebrochen, an welchem er das Urtheil solte ausstehen, wurde er in Beyseyn einer grossen Menge Volcks zur Richtstatt hinaus geführt. Jedermänniglich truge Mitleyden mit ihm; er aber befahle sich noch einmahl durch ein eyfriges Schuß-Ge bettlein seinem Heil. Schutz-Engel; und sein Hertz sagte ihm, er werde ihn nicht lassen: worauf er seinen Hals darstreckte. Ingleichem zuckte auch der Scharf-Richter schon das Schwerdt, und wolte den Streich führen. Aber sihe Wunder! ein schöner Jüngling stunde gegen über, gleichfals mit einem entblößten Schwerdt, und trohete dem Scharf-Richter den Tod, wofern er nicht wurde inhalten: worüber diser dermassen erschrocken, daß er das Schwerd fallen lassen, und auf ein Seiten gesprungen. Weilen aber die Sach dem Blut-Richter verdächtig vorkame, wurde die Vollziehung des Urtheils einem anderen anbefohlen: welcher aber gemeldter Ursach halber eben so wenig, als der erste, konte zu Streichen kommen. Eben das widerfuhre auch dem dritten. Letztlich erbotte sich einer aus den Befreundten des entleibten zu solchem Henckers-Handwerck, aus Begierd der Rach. Und als er Erlaubnuß erhalten, nahme er das Schwerdt in die Hand, des gäntzlichen Willens, dem unterdessen zwischen Forcht und Hoffnung zitterenden armen Sünder das Haupt auf einen Streich abzuschlagen. Aber auch solches Blut-begieriges Beginnen ware umsonst: dann nicht allein, wie denen drey vorigen, erschine ihm der Heil. Schutz-Engel mit zornigen Angesicht? sondern befahle ihm auch mit bedrohlichen Worten das Schwerd einzustecken, mit vermelden: es seye nicht billich, daß derjenige sterben soll, der ihm zu Ehren lieber das Leben verliehren, als mit einer Lug hätte erhalten wollen. Solches, als nun auch dieser offentlich erzählt, konte und wolte der Richter weiter nicht verfahren lassen; sondern sprach den Falco loß; und liesse ihn seines Gefallens gehen, wo er wolte: welcher dann nach gethaner so grosser Wohlthat auf ein neues in der Lieb und andächtiger Verehrung seines Heil. Schutz-Engels gestärckt worden; bald hernach die Welt verlassen, in einen geistlichen Ordens-Stand eingetretten, darinnen den NamenEngel bekommen; wie ein Engel gelebt, und seelig gestorben. [42] Hautinus in Angelo Custode pag. 471.


O wie verlaßt der Heil. Schutz-Engel seine Pfleg-Kinder so gar nicht, wann sie treu an ihm bleiben, und ihn beständig verehren! es heißt bey ihm: ein Dienst ist des anderen werth. Und laßt er ihm wohl nichts umsonst thun. Verehrt man ihn, so hat man es hundertfältig wiederum zu geniessen; absonderlich, wann es zum sterben kommt, und die Seel etwann in Gefahr stehet. O wie bemühet er sich alsdann, selbige aus den Klauen des bösen Feinds zu erretten! wie viel giengen zu Grund, ohne seinen Schutz und Beystand! O wie viel! das das (wann sonst nichts anders wär) soll uns ein Antrib seyn, ihn beständig zu verehren, und uns täglich in seinen Schutz zu befehlen.

25. Exempel
Fünf und zwantzigstes Exempel.
Ein Sohn laßt sich aus Liebe gegen seiner alten nothleydenden Mutter unschuldig, als ein Dieb, auf Leib und Leben gefangen setzen.

Zu Meaco, einer Statt in Japonien (so ein Kayserthum in der neuen Welt ist) waren 3. Brüder, welche mit saurem Schweiß und harter Hand-Arbet sich bemühet, eine lange Zeit ihre alte nothleydende Mutter zu ernähren. Da aber eine grausame Verfolgung wider die Christen im Königreich Arima entstanden, ward ihnen zugleich die Gelegenheit benommen, forthin mit ihrer Arbeit etwas zu gewinnen, und folgends der Mutter die nothwendige Nahrung zu verschaffen. Dieses dopplete Schwerdt der Armuth und Verfolgung durchdrange das Hertz der betrangten Brüderen über die massen empfindlich; weil sie nicht mehr im Stand waren, der Mutter hülfreiche Hand zu bieten. Was geschihet? es steht nicht lang an, da erschallet im gantzen Kayserthum eine allgemeine Erinnerung an alle Unterthanen: daß wofern einer einen Dieb ertappen, oder selbigen vor Gericht stellen, und des Diebsstahls wurde überweisen können, der solle eine reichliche Belohnung zu gewarten haben. O Liebe! was erdenckst du nicht? gedachte 3. Brüder kommen zusammen; werden eines Raths und Entschlusses, daß einer aus ihnen, wie wohl unschuldig, sich für einen solchen Dieb ausgeben; die andere zween aber denselben an Stricken gebunden, als einen schuldigen für Gericht stellen solten: um die versprochene Belohnung einzunehmen und damit der nothleydenden Mutter hülfflich beyzuspringen. Das Los fiele auf den jüngsten. Dieser laßt sich willig binden, von den anderen als ein Dieb für Gericht stellen, und des Diebsstahls beschuldigen. Als nun [43] der Richter die Anklag vernommen, lobte er die Treu der Ankläger; liesse ihnen das versprochene Geld erlegen: den Beschuldigten aber in die Gefängnuß werffen. Ehe und bevor aber jene davon zogen, wolten sie von ihrem Bruder, der das End-Urtheil erwarten mußte, den letzten Abschied nehmen. Das geschahe nun beyderseits mit so zarter Neigung, daß sie vor häuffigen Zäheren nicht ein Wort reden konten. Ja es fiele ihnen fast unmöglich von einander abgesöndert zu werden: also hatte sie die natürliche Lieb mit einander verbunden. Der Richter stunde nicht weit von dannen; sahe dieser hertzlichen Beurlaubung zu; gedachte aber bey sich selbst:ey! dieser Beschuldigte kan kein Ubelthäter seyn; sonst wurden ihne seine Ankläger nicht so liebreich umfangen, so hoch bedauren, und so freundlich anschauen. Befahle demnach einem seiner Bedienten, diesen zweyen auf dem Fuß nachzugehen, all ihr Thun fleißig zu beobachten, und ihm hernach unverzüglich von dem gantzen Verlauf Bericht zu ertheilen. Entzwischen ward mit dem Urtheil inngehalten. Als nun gedachte zwey Brüder bey der betrangten Mutter angelangt, gaben sie ihr das Geld: bekenneten mithin aufrichtig, mit was List sie es zu ihrer Hülf, dem jüngsten Bruder aber zu gröstem Nachtheil bekommen hätten. Die fromme Alte erschracke hierüber über die massen: weinte bitterlich, und schrye überlaut: hinweg mit disem ungerechten Gewinn! es seye weit von mir, daß ich dis Geld auch nur anrühren solte; werffet es in das Wasser; dann es ist ein Blut-Geld meines allerliebsten jüngsten Sohns. Tausendmahl will ich lieber vor Hunger sterben, als mich mit dem Blut meiner Kinder ernähren. Der Gerichts-Diener hatte alles vernommen: lieffe eilends nach Haus, und ertheilte seinem Herrn völligen Bericht. Alsobald wird der Gefangene aus dem Kercker herzu geruffen, und über diese Begebenheit examinirt: der dann alles aufrichtig bekennet, und sich allein mit der kindlichen Liebe gegen seiner Mutter entschuldiget hat. Als nun der Richter alles mit höchster Entsetzung angehört, verschobe er das Urtheil, gienge zu dem Kayser, und gabe ihm Bericht von dieser wundersamen Begebenheit. Der Kayser erstaunte darüber, lobte doch die Liebe in der Unthat, und wolte diese 3. Brüder sammentlich bey sich sehen. Als sie nun vor ihm erschinen, lobte er abermahl ihre wiewohl übermäßige, doch auch ungewöhnliche Zuneigung: bestimmte dem Jüngsten, der sein Leben für die Mutter aufgesetzt, 1500. den anderen zweyen en 500. fl. zum jährlichen Einkommen: davon sie sich, samt der Mutter forthin reichlich, und ohne Gefahr zu erhalten hatten. Hazart S. J. in den Japonischen Kirchen-Geschichten. p. 5. c. 17. fol. 156.


[44] O ihr Kinder in Europa! wie soll euch dises Exempel schamroth machen, wann ihr eure Elteren mit allerhand Undanckbarkeit betrübet, ja in höchster Bedürftigkeit verlasset! soll ein Volck, das in dem äussersten Welt-Winckel ligt, die Christen unterweisen, mit was Ehr und Lieb-Pflicht ein Kind seinen Elteren zugethan, und gewogen seyn solle? O Schand!

26. Exempel
Sechs und zwantzigstes Exempel.
Ein Knab stirbt seelig; weil er gegen seinem geistlichen Lehrmeister nicht allein ehrerbiethig gewesen, sondern auch seiner Lehr gefolget hat.

In dem Kayserthum China (so in dem Welt-Theil Asia ligt) ware ein Knab, von vornehmen, aber heydnischen Elteren gebohren. Im 6ten Jahr seines Alter überfiele ihn eine tödliche Kranckheit, von welcher man glaubte, daß sie ihn aufreiben wurde. Als nun sein Herr Vatter bemühet war, ihn durch allerhand kostbahre Mittel vom Tod zu erretten, und aber selbige nicht anschlagen wolten; erbote sich ein Pater aus der Gesellschaft JEsu, mit Namen Adam Schall (der sich dazumahl in Sina befande, die Heyden zum Christlichen Glauben zu bekehren) daß wann der Herr Vatter ihm den Knaben überlassen wolte, er ihm, mit GOttes Hülf getraue, von der tödlichen Kranckheit wiederum aufzuhelffen. Allein, da müsse man ihm nichts einreden. Nun der Herr Vatter, aus Liebe gegen dem Knaben, gibt seinen Willen drein. Wie der Pater solchen erhalten, sprache er dem Knaben zu, er solte sich tauffen lassen; so wurde ihm geholffen werden. Der Knab sagt zu, laßt sich vom Pater tauffen, und im Heil. Tauf Johannes nennen. Und sihe! es stunde kaum ein Viertel Stund an, da stunde der Knab frisch und gesund aus dem Beth auf, mit höchster Verwunderung aller anweesenden Heyden. Wie der Knab erkennt, daß ihm durch das Heil. Tauf-Wasser das Leben erhalten worden, bedanckte er sich höchstens gegen dem Pater für so grosse Gutthat, welche er durch sein Zuthun erhalten hätte: mit demüthigster Bitt, er wolte ins künftig nicht weniger für sein Seel Sorg tragen, als er dem Leib geholffen hätte. DerPater sagte: Mein Kind! du must diese Gutthat dem grossen GOtt zuschreiben. Diser hat dir durch das Heil. Tauf-Wasser geholffen. Saume dich also nicht, in unsere Christliche Kirch zu gehen, GOtt für diese grosse Gnad zu dancken, und die Bekanntnuß des wahren Glaubens abzuleg?. Der Knab folgt; geht zu seinem Herrn Vatter; fallt ihm zu Füssen, und bittet demüthigst, ihm zu erlauben, dem grossen GOtt [45] der Christen schuldigen Danck zu erstatten. Der Herr Vatter ein Heyd, und also dem Christenthum gar nicht günstig, kame ungern an die Einwilligung. Jedannoch, den Knaben nicht zu betrüben, liesse er es eben geschehen. Ja nicht alein das, sondern als der Knab ferners anhielte, daß er bey dem Pater auf eine Zeit lang möchte in die Kost gehen, und von ihm in dem Christenthum unterwisen werden, liesse der Herr Vatter auch dises zu. Dann anderst ware der Knab nicht zu trösten, und zu stillen. Da solte man gesehen haben, mit was Eyfer er den Pater anhörte, und ihm die gute Lehr liesse gesagt seyn. Alle Morgen und Abend fiele er vor einemMariä-Bild auf seine Knye nieder und befahle sich in den Schutz dieser Jungfräulichen Mutter. Er war der erste, so mit Anbrechen des Tags die Kirchen besuchte, und auch der Letzte, so zu Abends selbige verliesse. Dem Heil. Meß-Opfer wohnte er bey mit ungemeiner Andacht. Nach dessen Vollendung warffe er sich samt dem Priester zur Erden, und danckte GOtt um die empfangene Gutthat des eingesetzten Heil. Meß-Opfers. Nachgehends verehrte er abermahl die grosse Himmels-Königin; wie auch andere Heilige: Einen jeden vor seinem Altar. Sein Andacht war dem Alter nach nicht kindisch, sondern ernsthaft. Da sahe man nichts ausgelassenes, nichts freches, nichts leichtfertiges, und was dergleichen sonst der Jugend pflegt anzuhangen. Sein Fähigkeit, die Glaubens-Sachen zu verstehen, war so groß, daß er selbst viel ungewöhnliche Fragen aufgabe, welche zu beantworten auch denen Gelehrten konten schwer fallen. Die Ehrerbiethung, und das Aufsehen, so er gegen dem Pater als seinem Lehrmeister truge, war bey ihm auch sonderbahr. Täglich, wann er aus der Kirchen kame, warffe er sich zu den Füssen des Paters; neigte das Haupt, und begehrte von ihm den Heil. Seegen. Was ihm von köstlichen Früchten, oder Zucker-Werck ver ehrt wurde, dises alles liesse er seinem Lehrmeister, als ein Confect, auf den Tisch setzen. Nichts wolte er verkosten ohne seine Erlaubnuß. Die allerbitterste Artzneyen nahme er auf seinen Befehl, als wärens die schleckerhafteste Bißlein. Wann der Pater etwann dem studieren oblage, oder sonst beschäftiget war, setzte er sich vor sein Thür hin; damit der Pater von den jenigen, so ihn zur Unzeit wolten heimsuchen, nicht beunruhiget; und verhinderet wurde.

Andere Tugend-Werck waren auch nicht klein, in diesem wie wohl noch kleinem Alter. Er wußte seine 5. Sinn dergestalten im Zaum zu halten, als hätte er vil Jahr in einem Closter gelebt. Die Speisen, nach welchen ihn sonst am meisten gelustete, genosse er am wenigsten. Sein Leib wurde mit der Zeit so voller Geschwär und Eiter-Beulen, daß er weder gehen, noch stehen konte; und dannoch überwande er den Schmertzen, [46] und hielte sich jederzeit ausser dem Beth. Man hörte nicht die geringste Klag über seine so schmertzhafte Kranckheit; man spührte in seinem Angesicht kein eintziges Zeichen einer Ungedult; auch dazumahl nicht, wann man ihm die Beulen mit scharffen Eisen eröfnen mußte. So oft man ihn fragte, wie er sich befinde, antwortete er: gantz wohl. Und dannoch bewegte sein Peyn voller Leib einen jeden zum Mitleyden. Einer aus denen, so ihm abzuwarten bestellt waren, anstatt, daß er die Gemächlichkeit des Krancken in allen hätte beobachten sollen, thate vilmahl das Gegenspihl, und war ihm überlästig. Dannenhero, als sein Lehrmeister dises auf eine Zeit vermerckt, wolte er ihm einen anderen Diener zugeben, welcher ihm mehr behülflich, als überlästig seyn wurde. Allein der Knab bathe ihm solches aus, und sagte: Mein Pater ihr habt mich unterwisen, das Böse mit Gutem zu vergelten. Wie solte ich dann diese Gelegenheit, solche Lehr im Werck zu üben, aus den Händen lassen? Nein, nein: ich bin wohl zu friden. Nach wenig Tagen, als der grobe Diener dem Knaben abermahl überlästig fiele, sagte derPater: mein Kind! ich kan nicht länger gedulden, daß dir dieser ungeschlachte Diener so vil Verdruß anthun solle. Er muß mir weg, und ein anderer an seiner statt dich bedienen. Da antwortete der Knab: ich bite euch, ehrwürdiger Pater! lasset es uns nicht gereuen, daß wir ihm Gutes gethan haben. Wir haben nur einen grössern Verdienst davon.

Als die zunehmende Schwachheit seinen blöden Leib gäntzlich zu Beth gelegt, und der Tod allbereit den Bogen gespannt hatte, seinen Pfeil auf ihn abzuschiessen, liesse er den Pater nicht von seiner Seiten. Und da ihm die Sprach entfallen wolte, gabe er mit den Augen genugsam zu verstehen, daß er auch dazumahl in allem zu gehorsamen verlangte. Als er befragt wurde, ob er sich des Sterbens halber nicht entsetze? Antwortete er mit halb lautenden Worten: ich entsetze mich nicht ab dem Tod. Ich bin bereit von hinnen zu scheiden, so bald es meinem GOtt belieben wird. Endlich, als er ein gewisses Heiligthum, so ihm der Pater gegeben, jetzt auf die Brust, bald auf den Mund, und Augen gelegt; auch öfters die heylsame Namen JEsus, und Maria zum Beystand angeruffen, ward er als ein zarte Blühe von dem Baum des Lebens sänftiglich abgewähet, am Fest-Tag des Heil. Vorlauffers Christi Johannis, dessen Namen er in dem Heil. Tauf bekommen hatte. Wenig Tag hernach, als sich der Pater spat in der Nacht zur Ruhe begeben, vernahme er folgende Stimm: Pater! Pater! die sonst bekannte Wort, und Weis zu ruffen, führten dem Pater gleich seinen Johannes zu Gemüth. Deswegen fragte er ihn, wie es um ihn in der anderen[47] Welt stehe? Da antwortete der Knab (so mit einem hellen Glantz umgeben war, und die gantze Schlaf-Cammer des Paters erleuchtete) mit jenen Worten aus dem 26. Ps. Mein Vatter, und mein Mutter haben mich verlassen: aber der HErr hat mich aufgenommen. Woraus dann sein glückseeliger Stand in jener Welt unschwer abzunehmen war. Hezart im ersten Theil seiner Kirchen-Geschichten am 423. Blat.

Da siehet man, was grosse Gnab GOtt den Kindern gebe, wann sie gegen dem Geistlichen Lehrmeister ehrerbiethig seynd; seine Lehr aufmercksam anhören, und selbiger folgen. Das hat gethan ein Kind, so vor Heydnischen Eltern gebohren war. Was sollen dann der Christen Kinder thun? Wie schandlich wär es, wann sie sich von der Heyden Kindern überwinden liessen?

27. Exempel
Sieben und zwantzigstes Exempel.
Ein 9. jähriges Söhnlein erscheint nach dem Tod in grossem Glantz seiner Mutter, und versichert sie, daß es sich in dem Himmel unter dem Chor der Ertz-Englen befinde.

Johannes, ein Söhnlein der H. Franciscä, der Römerin, ward von seiner Kindheit an der Einsamkeit, und stetem Gebett dermassen ergeben, daß, wiewohl er noch nicht 7. Jahr alt, schon in die Schul gienge, Lesen und Schreiben lernte, dannoch daheim der Gottesforcht, und Heiligkeit so innbrünstig oblage, daß er weder in der Schul, noch zu Hauß das geringste nicht versaumte. So hatte auch GOtt seine Unschuld und Andacht schon dazumahl mit dem Geist der Weissagung geziert. Als er aber das 9te Jahr seines Alters angetretten, forderte ihn GOtt durch den Tod zur ewigen Seeligkeit ab. Welchen Johannes muß vorgesehen haben, indem er zu seinem Schwesterlein Agnes, welches jünger als er war, öfters sagte: nicht die Stadt Rom, sondern der Himmel seye sein Vatterland. Den Weeg zum Tod bahnte ihm ein innerliches Geschwär, von welchem er angegriffen worden. Wie er gemerckt, daß ihm dieses den Garaus machen wurde, verlangte er (wiewohl noch in der ersten Unschuld) einen Beicht-Vatter: welchen man ihm auch kommen lassen: der aber nichts, als eine lautere Unschuld an ihm fande. Doch gabe er ihm den Priesterlichen Seegen, und machte das Heil. Creutz-Zeichen über ihn. Nachgehends beurlaubte er seine Frau Mutter, und bathe, sie wollte ihm auch den mütterlichen Seegen ertheilen. Nachdem er diesen erhalten, sahe er zu ihm ins Krancken-Zimmer hinein kommen seine Heil. Patronen, welche er, da er noch gesund war, täglich zu verehren, und anzuruffen [48] pflegte: wie auch eine grosse Menge der Himmlischen Geistern, aus den Chören der Englen. In dero Gegenwart er seine unschuldige Seel in die Händ GOttes aufgabe; welche von einem auch krancken Jungfräulein in der Nachbarschaft gesehen worden, wie selbige mitten zweyer Englen in den Himmel hinauf fuhre. Sein Angesicht bliebe auch nach dem Tod (der sich Anno 1411. zugetragen) so schön und lieblich, als thäte er nur schlaffen.


Ein Jahr nach seinem seeligen Ableiben, als die Mutter eines Tags zu Morgens in aller Frühe in ihrem Bett-Cämmerlein, ihrem Brauch nach, der Andacht, und Himmlischer Betrachtung oblage, wurde sie gähling eines wunderlichen Liechts, und Himmlischen Glantzes gewahr; mitten in dem Glantz aber ihres vor einem Jahr verstorbenen Söhnleins, des Evangelists: eben in der Gestalt, die er bey Lebzeiten, und bey gesunden Kräften hatte; jedoch unvergleichlich schöner. Neben ihm aber stunde noch ein anderer, dem Ansehen nach ein Knab gleichfalls von 9. Jahren; aber weit glantzender. Die Mutter kame anfänglich ein Verwunderung und Schrecken an; bald aber erholete sie sich, und wurde mit Himmlischem Trost erfüllet: konte aber nicht errathen, wer derjenige Knab seyn müsse, welcher neben ihrem lieben Söhnlein stunde. Das Söhnlein nahete sich unterdessen zu ihr, grüste sie mit den annehmlichsten Gebärden aufs freundlichste; und erfüllte sie zugleich mit noch viel grösserer Fröhlichkeit des Geists. Sie faßte demnach ein Hertz, und langte aus natürlicher Liebe, als ein Mutter mit beyden Händen zu, umfienge und umhalsete ihn, und (wie sie vermeynte) druckte ihn an ihr Hertz, empfande aber aus dem drucken, daß sie nichts als lauter zusammen gezogenē Luft an sich gedruckt hätte: wie dann die Geister, wann sie den Menschen erscheinen wollen, insgemein einen Leib aus dem Luft pflegen zu gestalten, und an sich zu nehmen. Nichts destoweniger fienge Francisca an mit ihm zu reden, und sagte:was thust du da? Mein liebes Kind! wo ist dein Wohnung? Was für Freuden geniessest du? Bist du anjetzo als ein Seeliger der deinigen auf Erden, und absonderlich deiner Mutter auch ingedenck? Und was mehr dergleichen war. Das Söhnlein hebte anfänglich die Augen gen Himmel; sahe hernach die Mutter auf das holdseeligste an, als wollte es sagen: Ach mein Mutter! kein Aug hat es gesehen; ist auch in keines sterblichen Menschens Hertz und Sinn jemahl gestiegen, was für Freuden alldort seinen Liebhabern GOtt vorbereitet habe. Alsdann fienge es an, deutlich von der unaussprechlichen Klarheit des göttlichen Angesichts; von dem Amt der Auserwählten: welches besteht in dem unaufhörlichen Anschauen, und Liebe GOttes. Dieses und viel anders mehr redte das Söhnlein mit der Mutter; und sie hinwieder mit ihm: [49] und das beyläuffig eine Stund lang, bis nemlich die Sonn an dem Himmel aufzusteigen begunte. Ehe sich aber das Söhnlein von der Mutter beurlaubte, zeigte es ihr an, wie daß es sich in dem Himmel unter dem Chor der Ertz-Englen befinde: der Knab aber, so neben ihm stehe, seye ein Ertz-Engel; aber weit ober ihm. Darauf brachte er ihr 2. fröliche Zeitungen Erstlich, daß auch sein Schwesterlein Agnes in wenig Tägen hernach ihme durch den Tod nachfolgen, und zu ihm in Himmel kommen werde. Andertens, daß ihr (nemlich der Mutter) GOtt aus sonderbahrer Gnadneben ihrem gewöhnlichen Schutz-Engel, den Mit-Gefährten, das ist, gegenwärtigen Ertz-Engel zum Trost ihrer Pilgerfarth auf Erden hinterlassen. Nach welchen Worten das Söhnlein verschwunden, und die Mutter voll der überschwenglichen Freud gelassen. Ist auch nachgehends geschehen, was das Söhnlein der Mutter vorgesagt. Dann Agnes, das Schwesterlein, welches selbiger Zeit noch frisch und gesund war, in wenig Tägen darauf erkranckt, und in grosser Heiligkeit verschieden; der Ertz-Engel aber bey der H. Francisca bis in die 23. Jahr (O unerhörte Gnad!) verblieben: nach welchen selbiger mit einem andern, noch höheren Ertz-Engel ist abgewechselt worden. Julius Ursinus in dem Leben der H. Francisca der Römerin.


Mein GOtt! was für ein Unschuld! was für ein Heiligkeit muß in diesem 9. jährigen Söhnlein geweßt seyn, daß es verdient hat, in den Chor der Ertz-Englen, dieser so grossen Himmels-Fürsten, aufgenommen zu werden! O was Trost, was Freud wird seine heilige Mutter hieraus geschöpft haben; in Erwegung, daß sie dem Himmel einen solchen Engel auferzogen, von welchem GOtt in alle Ewigkeit wurde geliebt, und gelobt werden! Könnte auch den frommen Elteren eine grössere Freud widerfahren? Ein solche Freud machen ihren Elteren alle fromme Kinder: ihnen selbst aber in dem Himmel ein unaussprechlich grössere, wann sie in der Unschuld aus dieser Welt sollten verscheiden. Ey! das ist wohl zu bedencken.

28. Exempel
Acht und zwantzigstes Exempel.
Ein 7. jähriger Knab ist bereit, ehender lebendig verbrennt zu werden, als dem Christlichen Glauben abzusagen.

Im Jahr Christi 1624. erhebte sich in Japonien (einem Land, das im äussersten Welt Theil Asia liegt) wider den Christlichen Glauben eine so heftige Verfolgung, daß allenthalben fast nichts anders zu sehen war, als Creutz, Schwerdt, Feur und Flammen; durch welche Marter-Zeug [50] viel 100 Christen des zeitlichen Lebens beraubt, zu dem ewigen befördert wurden. Zu diesem End stärckten manche Eltern, und probierten ihre Kinder auf unterschiedliche Weiß; um selbige zur Marter bequem, und hertzhaft zu machen: unter welche forderist zu zählen ein gewisser Herr, aus dem vornehmsten Adel selbiges Lands; welcher sein 7. jähriges Söhnlein mit steten Ermahnungen, und nachfolgenden Proben also zur Marter aufmunterte: Gibe wohl acht (sprache er fast täglich zu ihm) daß du dich lieber durch den grausamen Tod hinrichten lassest, als dem wahren Christlichen Glauben abzusagen. Wenig Täg vorher, ehe man ihn ergriffen, und Handvest gemacht, sagte er zu dem Knaben: Mein Kind! gesetzt, du sehest die Gerichts-Diener wider dich ankommen, dich zur Marter abzuführen; wurdest du auch ehender dich lebendig verbrennen lassen, als Christum verlaugnen? Und was (antwortete der Knab) wurde der Herr Vatter thun? Ich wollte mich (sprach dieser) ehender 1000mahl verbrennen lassen, als Christum verlaugnen. Und ich auch, antwortete der Knab. So komme dann herbey (sagte der Herr Vatter) ich will dich probieren, ob du auch deinem Vorgeben nach, starckmüthig das Feur ertragen mögest. Nimm hin diese feurige Kohlen, und behalte sie so lang in der Hand, bis ich dir befehle solche fallen zu lassen. Der Knab reichte unverzüglich die Hand her, und hielte die brennende Kohlen unbeweglich (ob schon das Fleisch mercklich verletzt war) so lang, bis ihm der Herr Vatter gebotten, solche hinweg zu werffen, als man ihn fragte, ob er dann keinen Schmertzen empfunden habe? Gabe er zur Antwort: Einer, der bereit ist, lebendig verbrennt zu werden (wie dann ich bin) muß es wenig achten, eine glüende Kohlen so kurtze Zeit in die Hand zu nehmen, wie ich gethan hab. Hazart. S. J. in seinen Japonischen Kirchen-Geschichten 6. Theil, 10. Cap.


Wie groß muß die Liebe dieses Knabens gegen GOtt gewesen seyn; der sich nicht gescheuet ehender lebendig verbrennt zu werden, als von GOtt, und sei nem Glauben abzuweichen? Und wie müssen sich erwachsene Christen gegen diesem Knaben schämen, wann sie nur in Anhörung der Marter durch das Feur erschrecken! Allein da muß man die Güte GOttes anbetten, welche denen schwachen Kindern darum so viele Starckmüthigkeit verleyhet; damit diejenige zu schanden werden, welche sich mehr auf die natürliche Kräften, als GOttes Gnad verlassen. Ein Kind kan mit GOttes Gnad mehr, als alle Menschen mit ihren natürlichen Kräften.

Von ungerathenen Kindern

1. Exempel
Erstes Exempel.
Eines bösen Buben Seel nehmen die böse Geister mit sich in die Höll hinunter.

Der heilige Pabst Gregorius erzählet, wie daß zu seiner Zeit ein Bub gelebt, so nicht über 5. Jahr alt war, jedoch habe er zum Bösen so viel Verstand gehabt, als andere, die schon über 7. Jahr alt seynd. Weilen nun sein Vatter ihme alles übersehen, seye der Bub so böß und verderbt worden, daß wann man nicht gleich gethan, was er gewolt, er nicht allein vom Zorn sich einnehmen lassen, sondern auch Gottsläfterliche Wort ausgestossen. Was wurde endlich daraus? Höret! als dieser Bub einstens seinem Vatter auf der Schooß sasse, da sahe er etliche kohlschwartze Männer gegen ihm kommen, die ihm troheten, sie wollten ihn wegnehmen. Er schrye also überlaut: Vatter, Vatter! Hilf mir. Als ihn nun der Vatter gefragt, warum er also schrye, und wo ihm fehle? da sagte der Bub: sihest du nicht die kohlschwartze Männer? sie trohen mir, sie wollen mich wegnehmen. Wie ihm aber der Vatter sagte: er könne niemand sehen, es seye nur eine Einbildung; solle sich also nicht förchten: da wurd der Bub zornig, und stoßte nach Gewohnheit Gottslästerliche Wort aus; worunter er zugleich die Seel ausgeschüttet: welche dann die kohlschwartze Männer, nemlich die böse Geister mit sich in die Höll hinunter geführt. S. Greg. l. 4. Dial.

O grosse Verantwortung dieses Vatters! dann hätte er seinem Buben nicht so viel übersehen, sondern bey Zeiten die Ruthen gebraucht, wurde er dessen Seel errettet haben; die anjetzo in der Höll den Vatter verflucht, und in Ewigkeit verfluchen wird. Allein das ist hinläßiger Vätteren verdienter Lohn.

2. Exempel
[52] Zweytes Exempel.
Eine der Uppigkeit in Kleydern gar zu ergebene adeliche Fräulein stirbt gantz verzweiffelt, und gottlos.

Zu Spoleto, einer Stadt in Welschland, war ein adeliche Fräulein, die sich der Uppigkeit in Kleydern gantz und gar ergeben. Wie sie nun auf eine Zeit gefährlich erkrancket, und die Artzten ihr das Leben abgesprochen, hat man sie ermahnet, auf ihre Seel zu gedencken und bey Zeiten einen Beicht-Vatter kommen zu lassen, als dessen sie wohl wurde vonnöthen haben. Allein sie wolte nichts davon hören; sondern wie sie gemercket, daß es müsse gestorben seyn, begehrte sie von ihrer Frau Mutter, sie möchte ihr doch die schönste Kleyder, so sie zu tragen gewohnt hatte, herbey bringen lassen: dann in diesen, und nicht anderst wolle sie sterben. Wie nun das ein närrisches Begehren von einer Sterbenden war (als welche besser gethan, wann sie ein Leilach begehrt hätte, in welches ihr todter Leib möchte eingenähet werden) so wollte anfänglich die Frau Mutter nicht daran. Wie aber die Todt-Krancke mit Bitten nicht aussetzte, so liesse es die Frau Mutter endlich zu, nur damit ihr liebes Töchterlein nicht betrübt wurde. Als nun dieses Welt-Kind auf das üppigste angekleidet war, da sahe sie sich wie ein Pfau, stoltz und hoffärtig um, und brache zuletzt in diese wehemüthige Wort herfür: Ach! so muß ich dann sterben? so muß ich dann in der Blühe meiner Jugend in das Grab? so muß ich dann diesen Geschmuck, und alle zeitliche Freuden verlassen? ist es nicht schad um meine schöne Gestalt? wem wird dieser Geschmuck so wohl anstehen, als er mir angestanden? O trauriges Hinscheiden! man er mahnte sie zwar: jetzt seye kein Zeit, von dem Kleyder-Pracht zu reden, und solches unnützes Klagen zu führen, vielmehr solle sie auf ihr Seel gedencken, für diese müsse sie besorgt seyn, damit sie nicht verlohren gehe: was es den Menschen nutzen würde, wann er schon die gantze Welt gewinnen sollte, wurde aber Schaden leyden an der Seel? wie Christus sagt Matth. 16. solle also über ihr bishero geführtes üppiges und freyes Leben ein hertzliche Reu und Leyd erwecken, ihre Sünden aufrichtig beichten, und sich auf solche Weiß mit GOtt versöhnen: damit sie dort an ihm einen gnädigen Richter finde. Allein alles Zusprechen war bey diesem Welt-Kind umsonst: vielmehr fienge sie an zu toben, gräßlich herum zu sehen, und endlich in diese verzweiffelte Wort auszubrechen: sie habe mit GOtt nichts zu thun: er habe an ihr nie keinen Theil gehabt; werde auch keinen an ihr haben: vielmehr sollen tausend Teuffel [53] kommen, und sie wegführen: dem Teuffel hab sie sich ergeben, und des Teuffels wolle sie auch seyn in alle Ewigkeit. Diese entsetzliche Wort geredt, fiele sie in eine Ohnmacht, griffe zugleich in die Züg, und speyte ihren verdammten Geist in den Rachen der Höllen aus. Robertus Delirio in Opere de Pœnit. Serm. 10. cap. 3.

O unerhörte Gottlosigkeit! O verzweiffelte Reden! O erschröckliches End! also nemlich geht es, wann man schon in der Jugend an nichts anders, als Uppigkeit, Hoffart, und Freyheit des Lebens gedenckt.

3. Exempel
Drittes Exempel.
Ein Jüngling wird wegen allzu vielem Spielen verdammt.

Der Heil. Bischof Cyrillus schreibt von einem Jüngling (den er wohl gekennt) wie daß selbiger dem Spielen über die massen ergeben geweßt seye. Man habe ihn zwar öfters davon abgemahnet; aber umsonst: bis endlich GOtt die Hand darein geschlagen, und den Jüngling durch eine tödtliche Kranckheit aus dieser Welt abgefordert. Wie nun dieser Tod dem heiligen Cyrillo zu Ohren kommen, da hat er GOtt inständig gebetten, er wolle ihm doch offenbahren, wie dem verstorbenen Jüngling in der andern Welt gehe? siehe Wunder! indem der heilige Mann in dem Gebett begriffen, da ist ihm der Jüngling erschienen, und aber in erschröcklicher Gestalt: dann er war gefesselt an feurige Ketten; und aus seinen Nas-Löchern schlugen Feur-Flammen aus. In dieser Gestalt nun redete er den heiligen Mann also an: wisset, heiliger Vatter daß ich derjenige Jüngling bin, den du vor diesem wohl gekennt hast: und aber, O daß ich nie wäre gebohren worden! dann weil ich dem Spielen gar zu sehr ergeben war, bin ich jetzt ewig verdammt. Dieses gesagt, ist er aus den Augen des heiligen Manns verschwunden: hinterliesse aber einen so unleidentlichen Gestanck, daß forthin kein Mensch mehr an selbigem Ort hat wohnen können. S. Cyrillus Episc. Hieros. in Epist. ad S. August.


Was Wunder, daß dieser Jüngling wegen allzu vielem Spielen ist verdammt worden? dann was lernet man anders darbey, als zancken, betrügen, fluchen, und schwören?

4. Exempel
[54] Viertes Exempel.
Einem der Unzucht ergebenen Studenten reibt der böse Feind den Hals um.

In Portugall war ein Student, welcher nicht allein dem Laster der Unzucht sehr ergeben: sondern auch einstens unter dem Spatzierengehen einen anderen unschuldigen Studenten damit angesteckt, und verführt hat. Den andern Tag darauf des Morgens, als es Zeit war, in die Schul zu gehen, da wollte sich kein Student sehen lassen. Der Vatter verwunderte sich demnach, warum der Sohn so lang im Beth liege, und faulentze? gienge also gantz erzörnet der Kammer zu, des Vorhabens, den Sohn mit scharffen Worten; oder da es vonnöthen, auch mit Streichen aus dem Beth zu treiben. Aber siehe! indem er die Kammer eröfnet, fande er die Läden darinn noch verschlossen; erblickte aber neben dem Beth ein erschröckliches Gespenst, welches auf ihn zugehen wollte. Er nahme also voller Schröcken den Weeg zuruck, und zeigte es seiner Hausfrauen an. Diese, weilen sie eines gottseeligen Wandels ware, faßte das Hertz; und nachdem sie sich in GOttes-Schutz befohlen, gienge sie der Kammer zu: sahe erstlich hinein; konte aber das Gespenst nicht sehen: dann es sich weg gemacht hatte. Sie gienge also in die Kammer hinein, und nachdem sie die Läden aufgemacht, trate sie zum Beth hin; fande aber nichts anders, als hin und wider entsetzliche Brandmahlen, gleich als hätte jemand eine feurige Hand in das Beth gedrucket. Wie sie aber weiter in der Kammer herum gangen, da fande sie den Sohn tod auf dem Boden liegen; aber in erschröcklicher Gestalt: dann er lage mit dem Angesicht in seinem eigenen Unrath, und sein Leib war hin und wider mit Brandmahlen gezeichnet: woraus sie nichts anders hat schliessen können, als daß ihne der böse Feind mit seinen feurigen Klauen beym Hals ergriffen, selbigen umgerieben, und den todten Leichnam müsse aus dem Beth auf den Boden heraus geworffen haben: welches ohne Zweiffel eben dazumahl geschehen, als der unglückseelige Student in der Nacht mit der abscheulichen Unzucht sich besudlet hat. Mit was Leydwesen nun die Mutter dieses traurige Spectacul angesehen habe, kan ihm ein jeder leicht einbilden. Dominicus Ottonellus S. J. in libro, cui titulus: Nonnulla Monita.


O wie solle durch dieses Exempel die Jugend von dem abscheulichen Laster der Unzucht abgeschröckt werden! indem daraus gnugsam erhellet, was der böse Feind über die Unzüchtige für einen Gewalt habe. Nicht weniger sollen dardurch geschreckt werden diejenige, [55] welche zu solchem abscheulichen Laster andere Unschuldige anreitzen, und verführen: dann solchen wäre es besser, man henckte ihnen einen Mühl-Stein an den Hals, und versenckte sie in das tieffe Meer, als daß sie eine unschuldige Seel ärgeren; wie Christus sagt. Matth. 18.

5. Exempel
Fünftes Exempel.
Ein Edel-Knab ergibt sich dem bösen Feind, und stirbt unbußfertig.

Um das Jahr Christi 1633. befande sich zu Würtzburg in Franckenland, an dem Hochfürstlichen Hof ein Edel-Knab, Ernestus mit Namen, der sich durch seine schöne Gestalt und annehmliche Sitten bey jedermann beliebt gemacht. Aber O des grossen Unglücks! dann weilen er in gedachter Stadt eine Bas hatte, die ihn als ihr Vetterlein öfters in ihr Hauß zu Gast geladen, ja bisweilen auch über Nacht bey sich behalten, ist er durch sie (als welche nichts besonders war) nach und nach also verführt worden, daß er nicht allein alle Zucht und Ehrbarkeit verlohren, sondern so weit kommen, daß er sich letztlich gar (O erschröckliche Sach!) dem bösen Feind unterschrieben, und bey nächtlicher Weil auf dem Hexen-Platz eingefunden. Wie nun seine Lasterthaten endlich an Tag kommen, hat man selbige dem Fürsten des Orts hinterbracht: welcher dann über diese unglückseelige Veränderung hertzlich geseuftzet, und sich des Weinens nicht enthalten können. Weil aber Ernestus noch jung, wollte der Fürst nicht der Schärffe nach mit ihm verfahren, sondern verlangte allein, Ernestus solle aufrichtig bekennen, von wem, und auf was Weis er so jämmerlich wäre verführt worden. Ernestus bekennte alles redlich, wie daß nemlich seine eigene Bas ihn zu so greulichen Lasterthaten angereitzet und verführt hätte. Allein es seye ihm hertzlich leyd darfür, wünsche auch nichts mehrers, als daß er von der Dienstbarkeit des bösen Feinds wiederum möchte los werden. Wie der Fürst das gehört, übergabe erihn gewissen Ordens-Geistlichen, mit Befehl, sie sollten alles anwenden, damit Ernestus wiederum auf den rechten Weeg gebracht wurde. Das liessen ihnen dann die Geistliche auf alle Weis angelegen seyn. Vor allem versahen sie ihn mit geweyhten Sachen, Heiligthümer: und damit der böse Feind ihm desto weniger möchte zukommen, und ihn bey nächtlicher Weil mit sich auf den Hexen-Platz führen, kamen sie niemahl von seiner Seiten. Sie betteten mit ihm, sie speißten mit ihm; sie führten ihm mit sich in und aus der Kirchen. Sie sagten ihm von den höllischen Peynen; von den himmlischen Freuden, von GOttes Barmhertzigkeit, von des [56] bösen Feinds Betrug, damit er sich vor dessen Nachstellungen zu hüten wußte: welches ihm Ernestus auch liesse gesagt seyn, und in allem zu folgen sich anerbotte. Aber wie hart machet sich von dem bösen Feind los derjenige, welcher sich ihm einmahl ergeben hat; dann sihe! bey nächtlicher Weil kame der böse Feind zu dem Ernesto in die Kammer, wo er ruhete; weckte ihn auf, und beredete ihn, die geweyhte Sachen von sich zu legen, welches da es Ernestus gethan, nahme ihn der böse Feind aus dem Beth, und führte ihn mit sich auf den Hexen-Platz: um 4. Uhr aber gegen Morgen, daß es die Geistliche, welche auf ihn genau acht hatten, nicht sollten gemerckt haben; indem sie oft ein Geräusch gehört, und das Beth Ernestileer gefunden. Wann nun die Geistliche Ernestum gefragt, wo er bey nächtlicher Weil hinkommen, pflegte er ihnen die Wahrheit mit weinenden Augen zu bekennen; versprache aber anbey, er wolle sich inskünftig bessern: welches er auch eine Zeitlang gehalten: aber ohne Bestand. Dann so bald der böse Feind wiederum zu ihm kommen, liesse sich Ernestus auf ein neues von ihm verführen; also daß die Geistliche nunmehr alle Hofnung, ihn wiederum auf den rechten Weeg zu bringen, verlohren gaben. Welches als es der Fürst vernommen, entsetzte er sich heftig darüber, und liesse Ernestum denen Blut-Richtern vorstellen, mit Befehl, nach denen Rechten mit ihme zu verfahren. Nun das geschahe, und war das Urthel gefällt, Ernestus sollte mit dem Schwerdt hingerichtet werden. Diesem nach wurde Ernestus aus Fürstlichem Befehl nach Hof geführt, und in einem Zimmer wohl verwahret. Bald darauf, an einem Morgen, mußten die Geistliche in aller Frühe zu dem Ernesto gehen, und ihm das Urthel des Tods ankünden. Ernestus lage eben dazumahl in dem Beth, ohne eintzige Sorg, und Gedancken an den bevorstehenden Tod. Wie nun die Geistliche in das Zimmer hinein getretten, wünschten sie Ernesto einen guten Morgen; und fragten ihn, wie er lebe? gantz wohl, antwortete Ernestus. Weil er sich aber schamte, in Gegenwart der Geistlichen länger im Beth zu liegen, so bate er, sie möchten einen kleinen Abtritt nehmen, bis er aufgestanden, und angekleydet wäre. Als dieses geschehen, kame er für die Geistliche, und nachdem er ihnen ein Reverentz gemacht, sagte er: Wohl-Ehrwürdige Herren! ich sage ihnen noch einmahl, daß ich mich wohl auf befinde: allein was verlangen sie? und was bedeutet es, daß sie sich hier so frühe einfinden? die Geistliche antworten mit traurigen Gebärden, wie daß sie nichts mehres wünschen, als daß Ernestus glückseliger, als bishero, leben möchte. Weilen nun das gegenwärtige Leben kurtz und zergänglich, so solle er sich zum künftigen und ewigen Leben bereiten; dann der Staab seye wircklich [57] über ihn gebrochen, und kein Hofnung übrig, Gnad zu erhalten. Ernestus über diese Ankündigung des Tods thate dergleichen, als förchtete er sich im geringsten nichts darfür; viel mehr lächelte er, und sagte: ey! wir haben einen gütigen GOtt: bekümmert euch nur nicht meinetwegen, ihr Herren! dieses gesagt, legte er seinen Mantel an, und gienge mit den Geistlichen in einen grossen Saal, allwo die Blut-Richter versammlet waren. Wie er nun hinein getretten, und die Blut-Richter an einem Tisch herum sitzend gesehen; anbey eine Traur-Bühne, mit schwartzen Tücheren überzogen, da entsetzte er sich heftig darüber, und das noch vielmehr, da er den Hencker mit entblößtem Schwerdt erblickt hatte. Da erbleichte er; da zitterte er; da lieffe ihm der kalte Schweis über den Rucken. Nachdem er sich aber in etwas wiederum erholet, lieffe er in dem Saal auf und ab; schrie erbärmlich, und brache in diese klägliche Wort aus: ach mich Unglückseligen! ist es dann an dem, daß ich sterben muß? und zwar durch des Henckers Hand? ich? dessen Herkommen von einem so adelichen Haus ist: dessen Jahr noch in der ersten Blühe seynd? Und auf den meine adeliche Eltern all ihr Hofnung gebauet haben? O Unglück! ist dann kein Gnad mehr zu hoffen? geht dann mein Elend niemand zu Hertzen? ach ihr Richter! lasset euch doch erweichen, und verschonet meiner blühenden Jugend! keiner war aus den Anwesenden, der sich des Weinens hätte enthalten können; ja die Richter selbst wurden zum Mitleiden bewegt: stunden also insgesamt auf, giengen zum Fürsten, und bathen ihn unterthänigst, er möchte doch Ernestum begnaden, und ihm das Leben schencken. Nun war der Fürst so mitleidig, daß er das Urtheil des Todes wiederrufte, der gäntzlichen Hofnung, jetzt werde Ernestus einmahl dem bösen Feind absagen, und sich von Hertzen zu GOtt bekehren; weswegen er dann den Geistlichen befohlen, ihm auf ein neues ernstlich zu zuprechen. Aber, O wie groß war der Gewalt, so der böse Geist über Ernestum hatte! dann siehe! es stunde nicht lang an, da liesse sich Ernestus auf ein neues von dem bösen Feind verführen. Wie nun der Fürst von dieser Unbeständigkeit berichtet worden, verkehrte sich sein Mitleiden in einen gerechten Zorn, mit dem Befehl, Ernestum ohne Verzug, und Barmhertzigkeit hinzurichten. Wird also Ernestus wiederum in den vorigen Saal geführt, allwo ihm die Geistliche abermahl ernstlich zugesprochen, er solle sich doch bekehren; dann jetzt seye es am letzten; nach wenig Augenblick werde er in der Ewigkeit seyn: solle also ein gute Anstalt darzu machen, damit selbige für ihn glückselig seye. Aber alles Zusprechen war umsonst; dann anstatt, daß Ernestus sich bekehrt hätte, fienge er wiederum an, in dem Saal auf und ab zu lauffen, erbärmlich zu schreyen, und zu lamentiren. Allein die Richter gaben dem Hencker Befehl, die Gelegenheit [58] in Acht zu nehmen, und diesem Traur-Spiel mit dem Schwerdt ein End zu machen; welches dieser auch gethan, und Ernesto, da er ihm unter den Streich lieffe, den Kopf abgeschlagen, die unbußfertige Seel aber in die unglückselige Ewigkeit geschickt hat.Stengelius Tom.4. Judic. Divin. c. 61. n. 2. & seqq.


O wie bald ist die Jugend verführt! Und wie solle ihm ein Jüngling lassen gesagt seyn die Warnung des weisen Salomons in seinen Sprüchen am 5. Cap. Daß man nemlich dem Liebkosen eines Weibs nicht trauen solle, wann einer nicht wolle betrogen werden! wie der arme Ernestus erfahren; welcher ja anfänglich ihm nicht eingebildet, daß es mit ihme so weit kommen solte: und dannoch hat ihne ein Weib erstlich zur abscheulichen Unzucht verführt; letztlich aber gar dahin gebracht, daß er (wem sollen da die Haar nicht gen Berg stehen?) GOtt verlaugnet, und sich dem bösen Feind mit Leib und Seel ergeben hat.

6. Exempel
Sechstes Exempel.
Ein adelicher Jüngling wird im Ehebruch erdappet, und jämmerlich erstochen.

Es war ein adelicher Jüngling, und eintziger Sohn, den seine Eltern auf eine hohe Schul geschickt, um allda dem Studiren obzuliegen; der sich aber mehr auf das Buhlen und liederliche Leben ergeben; und das mit solcher Aergernuß, daß jedermann mit Fingern auf ihne deutete, und genug von ihm zu reden hatte. Die Benachbarte murreten; die Lehrmeister mahneten; die Befreundte warneten; die Frau Mutter selbst bathe ihren Herrn, er wolte doch, Schand und Spott zu verhüten, dem Sohn ein Biß einlegen. Aber nichts. Letztlich, weil die Aergernuß von Tag zu Tag grösser wurde, kame auch der Prediger selbiges Orts, truge dem Herrn Vatter so glimpflich, als immer möglich, die Sach vor, und erzählte umständlich, was schon da und dort, der gemeinen Sag nach, fürbey gangen wäre; mit angehenckter Bitt, man wolte doch das Feur dämpfen, ehe es in völlige Flammen ausschlagen möchte. Bekame aber von dem Herrn Vatter keine andere Antwort, als diese: der Sohn seye noch jung, man müsse der Jugend etwas übersehen: wann mit der Zeit die Jahr sich vermehren, werde ihm alles für sich selbst vergehen; man solle unterdessen nur ohne Sorg seyn. Es versetzte aber der Prediger und sagte: ich bin zwar kein Prophet; aber ich sorge, GOtt werde mit nächstem den Vatter und den Sohn straffen. Und mit diesem nahme er von gedachtem Herrn Abschied. Es stunde nicht vier Wochen [59] an, da ward der liederliche Sohn von einem Zimmermann in dem Ehebruch erdappet, und samt der Ehebrecherin, des Zimmermanns Weib, jämmerlich erstochen, nach welcher That der Zimmermann sich aus dem Staub gemacht. Die Frau Mutter kame eben dazumahl aus der Kirchen daher. Als ihr nun unter Weegs die traurige Zeitung gebracht worden, fiele sie vor Schröcken in eine Ohnmacht, und mußte nach Haus getragen werden. Da sie aber wieder zu sich selbsten kommen, nahme sie diesen traurigen Fall dermassen zu Hertzen, daß sie nicht aufhörete zu weinen, bis sie ihr die Augen aus dem Kopf geweinet, und darüber blind worden. Was man ihr immer für ein Trost gabe, da halfe doch alles nichts. Sie wiederholete ohne Unterlaß diese Wort: ach! mein Sohn ist tod! Ach! mein Kind ist ewig verdammt. Der sträfliche Vatter aber, als die gröste Ursach des Verderbens seines Sohns, da ihm dieser traurige Fall zu Ohren kommen, wurde mit solchem Hertzenleid überfallen, daß er vor Schmertzen von Sinnen kommen, gantz verwirret hin und her geloffen, und mit Seufzen und Weinen so lang und viel sich selbsten angeklagt, bis er in dieser Unsinnigkeit gestorben, Alardus König S.I. libro, cui Titulus: Der Haus-Vatter c. 12.


O wie viel ist daran gelegen, daß man einem Ubel gleich im Anfang wehre, ehe es weiter einreisse! dieser unbesonnene Vatter hat dem Sohn zu lang zugesehen, und nicht zu Gemüth geführt jenes Sprichwort:gar zu gelind verderbt das Kind. Darum kan er jetzt mit einem seines gleichens klagen:


Hätt ichs zogen, hätt ichs bogen,
Weil das Bäumlein jung noch war!
Wär ohn Sorgen heut und morgen,
Hätt nicht so viel graue Haar.
Jetzt ists gschehen, übersehen,
Grob gefehlt, O treuer GOtt!
Hab zu gwarten aus meinem Garten
Nichts, als Unkraut, Schand und Spott.
7. Exempel
Siebendes Exempel.
Einem widerspenstigen, und auf den Tod kranck liegenden Sohn wird von dem verstorbenen Vatter die Stirn eingeschlagen.

In Franckreich war ein Jüngling, der sich gegen seinen Eltern so widerspenstig erzeigt, daß er sie bis in Tod betrübet, und also frühzeitig unter die Erden gebracht. Nach ihrem Tod schickte es GOtt, daß auch der Jüngling in ein tödtliche Kranckheit fiele, in welcher er einstens erschröcklich zu schreyen angefangen, aus dem Beth gesprungen, und diejenige, so um ihn waren, mit diesen Worten um Hilf angeruffen: auf auf ihr Freund! [60] ergreift das Gewehr: dann sehet! mein verstobener Vatter kommt wider mich angezogen mit einem gantzen Hauffen der Feinden, und will mich umbringen. Dieses geredt, lieffe er der Kammer-Thür zu, und bemühete sich dem Vatter den Eingang zu verwehren. Allein er fiele urplötzlich zu Boden, verkehrte die Augen im Kopf, und schrie mit erschröcklicher Stimm: O wehe! O wehe! mein Vatter hat mir mit einem harten Stein die Stirn eingeschlagen: nach welchen Worten er elendiglich den Geist aufgegeben. Die Umstehende konten zwar niemand sehen; jedoch hörten sie ein solches Getöß, als trunge ein gantzer Hauffen gewafneter Männer in die Kammer hinein. Spec. Exempl. Tit. Mors. Exemplo. 15.


Auf eine solche Wiederspenstigkeit gehörte ein solcher Tod. Die Härtigkeit dieses Jünglings gegen seinen Eltern hat mit einem harten Stein müssen gebrochen, und abgestraft werden. Dann, wie das Sprichwort lautet: auf einen harten Ast, gehört ein harter Keil.

8. Exempel
Achtes Exempel.
Der böse Feind will einen boßhaften Sohn im Schlaf erwürgen.

Man erzählet von einem Jüngling, dessen Boßheit so groß geweßt, daß er sich nicht gescheuet, seinen leiblichen Vatter zu schänden, und zu schmähen. Ja seine Boßheit habe ihn so weit getrieben, daß er so gar den bösen Feind (O verzweifelte Boßheit!) angeruffen, nur damit er die Wüthigkeit wider den Vatter recht auslassen könnte. Als er nun mit dieser Wüthigkeit eingenommen sich einstens über Feld begeben, da begegnete ihm der böse Feind, zwar in menschlicher, aber schröcklicher Gestalt: dann er hatte einen wilden Bart, verwirrete Haar, und truge ein schmutziges, zerfetztes Kleid am Leib. Dieser fragte nun den Jüngling, wo er hinaus wolle, und warum er so verwirrt drein sehe? der Jüngling antwortete, wie daß er allererst mit seinem Vatter eines gezancket, und anjetzo ein Mittel aussinne, sich an ihme zu rächen. Eben mit dergleichen Gedancken, sagte der verstelte böse Feind, gehe ich auch um, und suche mich an einem zu rächen, mit dem ich erst einen Zanck-Handel gehabt. Lasset uns dann mit einander gehen, und die Rach ausführen. Der Jüngling ware dessen gleich zu frieden: giengen also mit einander fort, bis sie gegen einbrechender Nacht ein Wirthshaus angetroffen, in welchem sie eingekehrt, und nach dem Nachtessen in einer Kammer die Ligerstatt genommen. Es hatte aber der Jüngling kaum eingeschlaffen, siehe! da stunde der böse Feind auf, schliche zu des Jünglings Beth hin, ergriffe ihn bey der Gurgel, und [61] war schon an dem, daß er ihn erdroßlen wolte. Der Jüngling, so darüber erwachet, nahme zu allem Glück seine Zuflucht zu GOtt, mit Anruffung des heilwerthesten Namens JEsu: Worüber der böse Feind zwar die Flucht genommen; aber mit solcher Ungestimmigkeit, daß die gantze Kammer davon gezittert, und der Jüngling in solchen Schröcken gerathen, daß er halb tod da gelegn: nachdem er aber wieder zu sich selbst kommen, hat er seine Boßheit bereuet, und forthin ein bessers Leben geführt.Alexander ab Alexandro l 2. Genial. Dierum c. 19.

Mein GOtt! wie kan doch ein Kind, so nächst GOtt das Leben von den Eltern hat, so gar aller kindlicher Liebe gegen ihnen vergessen, daß es selbige schänden und schmähen darf? kan wohl auch etwas gottlosers gedenckt werden? ein solches Kind verdiente, daß man es versteinigen solte; gemäß deme, was GOtt befohlen hat Exodi 21. mit diesen Worten: wer seinem Vatter, oder Mutter flucht, der soll des Tods sterben.

9. Exempel
Neuntes Exempel.
Ein vermessener Sohn streckt nach dem Tod den Armb aus dem Grab herfür.

Zu Rom war ein Jüngling, welcher sich einstens so weit vermessen, daß er seine leibliche Mutter mit Fäusten geschlagen. Es verzoge abe GOtt nicht lang mit der Straf; indem er disen Frevler mit tödtlicher Kranckheit heimgesucht. Wie nun der Krancke sahe, daß seines Aufkommens kein Hoffnung mehr übrig, begehrte er einen Beicht-Vatter, deme er unter anderm auch den begangenen Frevel mit grosser Reu gebeichtet: von welchem er zwar ledig gesprochen worden; jedoch mit dem Beding, daß er sein Mutter des begangenen Frevels halber demüthig um Verzeyhung bitten solle. Allein er starbe, ehe und bevor die Mutter könte herbey geruffen werden. Unterdessen war der Leichnam zur Erden bestattet. Aber was geschieht? des anderen Tags (O Wunder!) sahe man den Armb des verstorbenen Jünglings zum Grab ausgestrecket. Weilen man nun gemuthmasset, der Leichnam müsse etwann nicht tief genug in die Erden verscharret worden seyn, so ward denen Toden-Gräberen befohlen, ihne mit frischer Erden zu überschütten. Nun das ist geschehen. Allein weil man nichts destoweniger auch die fogende Täg den Armb zum Grab ausgestreckt sahe, und solches der Mutter des verstorbenen Jünglings zu Ohren kommen, da gedachte sie, dises Wunder geschehe villeicht darum, weil ihr der Sohn vor seinem Tod keine demüthige Abbitt gethan hätte. Deßwegen gienge sie zu dem Grab, allwo [62] sie den Sohn mit folgenden Worten angeredet: mein Sohn! es solle dir so wohl der Frevel, den du mit deinem Armb wider mich begangen, als auch was du sonsten durch deinen Ungehorsam mißhandlet verzyhen seyn: ruhe nur im Friden. Auf welche Wort der ausgestreckte Armb sich zuruck gezogen, und forthin nicht mehr ausser dem Grab gesehen worden. Erythræus in Exemplis Vitiorum.


O unerhörter Frevel! wie? ein Kind solle dörffen den Armb ausstrecken wider seine leibliche Mutter? die es mit ihren Brüsten gesogen? so oft hat heben und legen? aus- und einwinden? Wust und Gestanck müssen einnehmen? wo wird man Wort genug finden, dise Gottloßigkeit auszusprechen, den Armb solte man einem solchen Kind abhauen; das wäre der verdiente Lohn.

Es sollen auch die Kinder aus diesem Exempel lernen, wie daß GOtt haben wolle, daß wann sie sich vermessen haben, ihren Elteren eine Schmach anzuthun, sie selbige deswegen um Verzeyhung bitten sollen.

Ja es stunde allen Kindern an, daß, ehe und bevor sie zur Beicht und Communion gehen, sie ihren Elteren, die sie mit ihrem Ungehorsam so oft betrübet, eine demüthige Abbitt thäten, und Verzeyhung begehrten. Es solten auch die Eltern selbsten ihre Kinder darzu anhalten, und es ihnen nicht nachlassen. O wie vil gutes wurde daraus erfolgen?

10. Exempel
Zehendes Exempel.
Einem erhenckten ungehorsamen Sohn wachsen gähling graue Haar auf dem Kopf, und ein grauer Bart.

Nicht weit von Valentz, einer Stadt in Hispanien, war vor Zeiten ein Jüngling, den der Ungehorsam gegen seinen Elteren so weit gebracht, daß er sich auf das Rauben und Stehlen begeben; worüber er aber, nachdem er es ein Zeitlang getriben, ergriffen, und gefänglich eingebracht worden. Da hat dann die Obrigkeit das Urtheil über ihn gefället, daß er an Galgen solte aufgehenckt werden. Wie nun das Urtheil an ihm vollzogen worden, und er also am Strick dahienge, sihe, da wuchsen ihm urplölich graue Haar auf dem Kopf, und ein grauer Bart; also daß er einem Greisen gantz gleich sahe; das umstehende Volck über dieses erstaunet, liesse die Sach alsobald dem Bischof des Orts anzeigen: welcher sich dann nicht gesaumet; sondern mit der gantzen Geistlichkeit auf die Richtstatt hinaus kommen: allwo er dem Volck befohlen, mit ihme auf die Knye zu fallen, und GOtt anzuruffen, was er doch durch dieses Wunder anzeigen wolle. Da ist dann[63] unter währendem Gebett dem Bischof von GOtt geoffenbahret worden: wie dieses Wunder an dem erhenckten Jüngling darum geschehen, damit nemlich die Kinder daraus lernen sollen, was Gestalten ihnen GOtt die Jahr abkürtze, wann sie der gebührenden Ehr, und Gehorsam gegen ihren Elteren vergessen. Dann wofern diser Jüngling seine Elteren in Ehren gehalten, und ihnen wäre gehorsam geweßt, so wurde er zu so hohem Alter kommen seyn, als die graue Haar des Kopfs und Barts anzeigten: da er jetzt kaum 20. Jahr erreicht hatte. S. Bernardinus To. 2. Serm. 12.Conc. 1. Quadrages.


Ja fürwahr: nicht umsonst hat GOtt gesagt Exodi 20. Du solst deinen Vatter und Mutter ehren; damit du lang lebest.

Er wolte nemlich alle Kinder versicheren, daß, wann sie diesem Befehl wurden nachkommen, er ihnen langes Leben, Glück und Gesundheit geben wolte. O wie solte das den Kindern ein Antrib seyn, Vatter, und Mutter zu ehren!

11. Exempel
Eilftes Exempel.
Ein Krot springt einem undanckbaren Sohn an die Stirn, und kan nicht mehr davon gebracht werden.

In der Normandey, einer Landschaft in Franckreich, war ein Sohn, der sich an eine adeliche Fräulein verheyrathet hatte. Damit er sich nun standmäßig aufführen konte, hat er seine Elteren dahin beredet, daß sie ihm all ihr Vermögen überlassen; jedoch mit dem Beding, daß er ihnen lebenlänglich ehrliche Kost und Aufenthaltung geben solte: welches der Sohn auch heilig versprochen, und zugesagt. Nun das erste Jahr ist es fleißig gehalten worden, also, daß die Eltern froh waren, daß sie es so wohl getroffen hätten. Das andere Jahr aber gabe es schon schmale Schnittlein ab; weilen der Sohns-Frau daheim zu vil wolte darauf gehen. Damit nichts gemeldet werde von denen sauren Gesichtern, mit welchen sie diese ihre Kost-Gänger ansahe. Das dritte Jahr bauete man gar mit ihnen ab, und mußten die gute Eltern über Hals und Kopf aus dem Haus hinaus, und in ein armes baufälliges Häußlein, gleich gegen über ziehen: wo man ihnen dann auf einem Spänlein die tägliche Nahrung durch einen Diener geben liesse. Da hatten nun die verstossene Eltern Zeit genug, über ihre Unbesonnenheit zu klagen; daß sie nemlich all ihr Vermögen dem Sohn überlassen, und das Beste aus der Hand gegeben hätten. Unterdessen truge es sich zu, daß der Sohn ihme wohl seyn zu lassen, auf einen Mittag eine Ganß in der [64] Kuchel an Spieß stecken, und braten liesse. Wie das die alte Mutter erkundiget, erzählte sie es ihrem Mann, und sprache ihm zu, er solte sich dieser Gelegenheit bedienen, zum Sohn ins Haus gehen, und sich selbst zu Gast laden; damit er auch einmahl genug essen könte. Der hungerige Alte folget, und macht sich auf den Weeg. Wie ihn aber der Sohn von dem Fenster aus gesehen, liesse er geschwind die Ganß von dem Spieß, und auf die Seite thun: gienge alsdann dem Vatter entgegen, und fragte ihn gantz trutzig, was er jetzt zu so ungelegener Zeit für wichtige Geschäft anzubringen hätte? Der liebe Alte verstunde gleich, wie vil es geschlagen, und daß er kein angenehmer Gast wäre; nahme also seinen Weeg traurig zuruck: wordurch er freylich dem undanckbaren Sohn, und der geitzigen Sohns Frau keinen geringen Gefallen gethan; klagte aber unter Weegs diese Grobheit, und Undanck des Sohns dem gerechten GOtt, der zu seiner Zeit das Böse zu straffen weißt. Wie nun der Alte hinweg war, da befalle der Herr, man solte die Ganß wieder an Spieß stecken, und gar ausbraten. Die Köchin kame dem Befehl nach; gienge in das Speiß-Gewölb, und holete die Ganß. Wie sie aber die Schüssel, in welcher die Ganß war, abgedeckt, fande sie eine grosse abscheuliche Krot mitten auf der Ganß sitzen. Die Köchin voller Schröcken, liesse die Schüssel und Brat-Spieß fallen; eilte in die Stuben, und zeigte es dem Herrn, und der Frauen an. Er selbst der Herr, lauft herzu, und nimmt den Augenschein ein. Wie er aber mit einem Stecken die Krot wolte hinweg schlagen, da sprange ihme diese unversehens in das Gesicht, blibe auch an der Stirn so starck kleben, daß sie auf keine Weis mehr könnte davon gebracht werden. Ja (was wunderlich ist) so bald man diese Krot mit einem Stecken wolte wegschlagen, empfande der Sohn solches Hertzwehe, daß er eben gemeint, er müsse davon sterben. Der elende Mensch gantz ertattert, erkennete nunmehr, daß dieses ein augenscheinliche Straf GOttes seye: verfügte sich also zu dem Bischof des Orts, und beichtete mit grosser Reu den Undanck, und Grobheit, so er wider seinen Vatter begangen: deme dann zur Buß auferlegt worden, daß er durch die gantze Landschaft, in welcher sich diese Geschicht zugetragen, herum ziehen, und sein Lasterthat jedermänniglich erzählen solte; damit alle Kinder lerneten, hinfüran ihren Elteren grössere Lieb und Ehr zu erweisen: welche Buß er auch etliche Jahr nach einander verricht hat. Ob er aber endlich dieses Spottes, und der Marter abkommen, davon thut derjenige, so dise Geschicht geschriben, keine Meldung. Cantiprat. l. 2. Ap. c. 7


O wie recht hat GOtt den Undanck, und Grobheit dieses Sohns mit einer abscheulichen Kroten gestraft![65] anzuzeigen, daß nichts abscheulichers seye, als der Undanck der Kindern gegen denen Elteren. Um GOttes willen! was lassen sich die Elteren nicht kosten, ihren Kindern die nothwendige Nahrung und Kleider zu schaffen? wie vil Sinn und Sorgen haben sie nicht? wie manche Nacht bringen sie ohne Schlaf zu? Wann es hernach die Kinder doch nicht erkennen, O wie wehe thuts den Eltern! aber seyen solche undanckbare Kinder versichert, daß sie mit der Zeit von GOtt hart werden gestrafft werden. Er sihet ein Zeitlang zu; aber hernach kommt er nur desto schärffer.

12. Exempel
Zwölftes Exempel.
Der Geist eines verstorbenen Schul-Meisters trohet zweyen muthwilligen Schul-Knaben mit einer feurigen Ruthen.

Es waren zwey freche, und muthwillige Schul-Knaben, die nicht allein gegen ihrem Schul-Meister sich widerspenstig erzeigten, noch die wohlverdiente Straf annehmen wolten; sondern noch darzu durch ihr böses Exempel andere Schul-Kinder verführten, und zu allem Muthwillen anreitzten. Es ermahnte sie zwar der Schul-Meister; er trohete ihnen: aber alles umsonst. Nun was geschieht? Es stunde nicht lang an, da starbe der Schul-Meister. Wenig Tag nach dessen Tod kame sein Geist in die Schul, da die Schul-Kinder eben beysammen waren. Er erschine eben in der Gestalt, die er bey Leb-Zeiten gehabt: hielte aber in der Hand ein feurige Ruthen. Wie er sich nun mitten in die Schul gestellt, sahe er mit ernsthaften Gesicht bald auf die rechte, bald auf die lincke Seiten. Und nachdem er denen Schul-Kindern einen ungemeinen Schrecken eingejagt, wendete er sich endlich zu den gedachten zweyen muthwilligen Schul-Knaben; gienge mit der feurigen Ruthen auf sie zu, und thate dergleichen, als wolte er sie darmit hauen. Auf welches hin er zwar verschwunden, in denen zwey muthwilligen Schul-Knaben aber einen solchen Schrecken hinterlassen, daß sie von Sinnen kommen, gewütet und getobet, und in solchem Stand elendiglich dahin gestorben. Cantiparat. l. 2. Ap. c. 16.


Da sollen die Schul-Kinder aus diesem traurigen Exempel lernen, wie sie sich gegen ihrem Schul-Meister (der ihnen an statt der Eltern gesetzt ist) nicht widerspenstig erzeigen sollen, wann sie ihm wegen ihres üblens Verhaltens Ursach geben, sie darum mit der Ruthen zu züchtigen; damit GOtt nicht Ursach habe,[66] sie in der anderen Welt mit einer noch schärffern Ruthen zu straffen. Das Böse muß einmahl gestraft seyn; damit sich andere darvor hüten.

13. Exempel
Dreyzendes Exempel.
Ein Student stirbt unseelig: weil er die Vor-Bothen des Tods nicht in Acht genommen.

Es war ein Student von adelichen Eltern gebohren. Dieser lage nicht allein dem Studiren fleissig ob; sondern nahme auch in der Tugend, und guten Sitten also zu zu, daß ihm die zeitliche Ding verleydeten, und er allein dem Ewigen nachsinnete. Es kümmerte ihn nichts mehrers, als dieses: es möchte ihn villeicht der Tod einstens übereilen, ehe und bevor er sich zum Sterben recht bereitet hätte; wo er dann die ewige Seeligkeit verschertzen könte. Dessentwegen batte er GOtt Tag und Nacht, er wolte ihn doch nicht sterben lassen, er hätte ihm dann vorher die Stund des Tods zu wissen gethan. Was geschieht? Es erscheint ihm der Heil. Schutz-Engel, und sagt ihm: wie daß GOtt endlich sein Gebett erhört hätte; dann er werde nicht sterben, es hätten ihn dann vor seinem Tod drey unterschidliche Vorbothen gemahnet. Solle also nur zusehen, daß er diese nicht verachte. Dises geredt, verschwande der Engel aus seinen Augen. Wer ware fröher, als diser Student? dann er dachte bey sich selbst also: jetzt kan es mir nicht fehlen: der Tod kan mich nicht übereilen, wie andere: und also kan ich nicht unbereit sterben. Aber eben dieses diente zu seinem Untergang. Dann weilen er sich so sicher zu seyn glaubte, daß es ihm nicht fehlen könte, er möchte auch leben, wie er wolte, so geschahe es in kurtzer Zeit, daß er nicht allein in der Sorg für seine Seeligkeit schläfferig wurde; sondern allgemach mit liederlichen Studenten Gesellschaft machte, durch welche er also verführt worden, daß er alle Zucht und Scham verlohren, und von einem Laster in das andere gefallen. Es mahnten ihn zwar die Elteren; es sprachen ihm zu die Verwandte; es warneten ihn die Obere. Aber alles umsonst. Dann er fertigte sie jederzeit mit dieser Antwort ab: sie solten seinetwegen unbekümmert seyn; dann es seye noch Zeit genug, das Leben zu besseren. Er seye versichert, daß er nicht unbereit sterben wurde; dann GOtt werde ihm vor dem Tod drey Bothen schicken, die ihn mahnen werden, er solle sich zum Sterben bereiten. Also verschobe er die Buß und Besserung des Lebens von Tag zu Tag, und verliesse sich auf die Zusag des Schutz-Engels. Aber sehet, [67] wie wunderbarlich er zu unterschidlichen Zeiten von GOtt gemahnet worden. Dann als er einstens durch einen Wald ritte, da fiele er unter einen Hauffen der Mörder, die mit blossen Degen auf ihn zugiengen; hat auch wenig gefehlt, er wäre von ihnen erstochen worden, wann er sich nicht tapfer gewehrt, und mit Ansporrung des Pferds aus ihren Händen gerissen: wie wohl er nicht wenig Wunden davon getragen. Das ware nun der erste Both, den GOtt diesem Studenten geschickt, sich zum Sterben zu bereiten; nemlich die äusserste Gefahr von den Mördern umgebracht zu werden. Allein der Unglückseelige wolte es nicht erkennen. Darum fuhre er in seinem Luder-Leben fort, wie zuvor. So mahnte ihn dann GOtt das anderemahl auf eine andere Weis. Es begab sich nemlich der Student auf eine Zeit mit seinen Cammeraden zu Schiff auf das Meer. Als sie nun auf disem eine Zeitlang mit gutem Wind und Segel fortgefahren; sihe! da ward der Himmel gähling mit schwartzen Wolcken überzogen, aus welchen Blitz und Donner-Keil fuhren: worauf sich ein solcher Sturm und Ungewitter erhebt, daß alle, so sich im Schif befunden, nichts anders, als den augenscheinlichen Untergang erwartet, und dessentwegen den Himmel um Hülf und Gnad angeruffen. Es war ihnen aber der Himmel so günstig, daß das tobende Meer wiederum gestillet worden, und alle, so im Schif waren, glücklich an das Land kommen. Diese Gefahr nun auf dem Meer war der andere Vorboth, so den Studenten mahnte, er solte sich zum Tod bereiten. Allein auch diesem gabe er kein Gehör, und kehrte sich im geringsten nicht daran. Ware also nichts übrig, als daß ihm GOtt den dritten Vorbothen schickte; und das war ein schwere Krankheit, welche in kurtzem also zugenommen, daß die Artzten dem Kranken das Leben abgesprochen. Es ermahnten ihn derohalben theils seine Eltern; theils der Pfarrer des Orts sagend: jetzt seye es einmahl Zeit, auf das Heyl der Seelen zu gedencken; dann es werde nicht mehr lang anstehen, so werde er sich in der Ewigkeit befinden: solle also bey Zeiten ein reumüthige Beicht ablegen, und durch Empfahung der letzten Weegzebrung sich zu einem guten Tod bereiten. Es gabe aber der Krancke zur Antwort: es seye nicht an dem, daß er sterben werde; dann der Heil. Schutz-Engel werde ihn schon mahnen, wann es Zeit seye: man solle also ohne Sorg seyn. Unterdessen da der Tod immerdar näher herbey ruckte, erschine dem Kranken der Heil. Schutz-Engel; sagte aber zu ihm nichts anders, als dieses: Krancker! es wird bald mit dir aus seyn. Wie der Kranke das gehört, beklagte er sich wider den Heil. Schutz-Engel mit disen Worten: was ist das mein Schutz-Engel? hast du mir nicht versprochen, es werden mich drey unterschidliche Vorbothē mahnen, [68] ehe ich sterben werde, wo ist dein Treu? wo seynd die Vorbothen, auf welche ich gewartet? O wie bin ich von dir hinter das Liecht geführt worden! dann ich spühre wohl, daß es bald mit mir werde aus seyn. Auf diese Klag thate sich der Heil. Schutz-Engel mit dieser Antwort rechtfertigen: wie kanst du dich wider mich beklagen, als hätte ich mein Versprechen nicht gehalten? hast du dich nicht zum Tod bereiten sollen, erstlich? da du unter die Mörder gefallen? andertens: da du auf dem Meer die augenscheinliche Gefahr zu ertrincken vor dir gesehen; und jetzt das dritte mahl, da du mit einer schweren Kranckheit überfallen worden, und zwar also, daß dir die Artzten das Leben abgesprochen; waren das nicht solche Vorbothen, welche dich genug ermahnet haben, du sollest dich zum Tod breiten! ist also nicht mein, sondern deine Schuld, daß du die Buß und Besserung des Lebens bis daher verschoben, da dir die Seel schon auf der Zungen ligt. Solches geredt, verschwande der Heil. Schutz-Engel; der Krancke aber, nachdem er solche Erscheinung und Antwort des Heil. Schutz-Engels denen Umstehenden halb tod, und mit gebrochenen Worten erzählet, gabe er ohne Beicht und Buß seinen unseeligen Geist auf. Bidermann S.J. Acroamatum l. 3. Acroam. 2.


O wie vilmahl schickt uns GOtt gleichsam einen Vorbothen des Tods! so oft wir nemlich sehen eine Leich zum Grab tragen, seyen es hernach Junge, oder alte Leut. Dann gleichwie ein Alter nicht lang leben kan; also kan ein Junger bald sterben. Und dannoch, wie wenig kehren wir uns daran! solte uns nun der Tod in solcher Saumseeligkeit überfallen, und wir also unbereit dahin sterben, wem hätten wir die Schuld zu zumessen? Niemand andern, als uns selbsten. Darum wollen wir öfters an jenes Sprich-Wort gedencken: an jenes Sprich-Wort gedencken: Man solle also arbeiten, als wolt man ewig leben; und also leben, als wolte man alle Augenblick sterben.

14. Exempel
Vierzehentes Exempel.
Christus erscheint einem lasterhaften Jüngling im Schlaf.

Es war ein gewisser Jüngling, der sich der verbottenen Wohllüsten gäntzlich ergeben: ja er führete ein freyes, und liederliches Leben, als wann kein Höll zu förchten wäre. Es sprachen ihm zwar zu die Beicht-Vätter; es ermahnten ihn seine Befreundte; aber alles umsonst. So wußte dann niemand zu helffen, als GOtt allein; welcher sich auch des Jünglings endlich erbarmet, und ihn durch folgendes Gesicht wiederum [69] zu recht gebracht hat, Dann als der Jüngling einstens zu Nachts tief eingeschlaffen hatte, da erschine ihm Christus der HErr, mit vilen Englen umgeben. Er sasse auf einem herrlichen Thron, und sein Angesicht war voller Glantz und Majestät. Als er nun die Augen auf den schlaffenden Jüngling geworffen, wendete er sich zu den Englen, und sagte mit ernsthafter Stimm: was macht dieser freche und lasterhafte Mensch da: wie lang wird er mein Gedult mißbrauchen? also, bald bessere er sein Leben; oder führet mir ihn hieher für Gericht, damit er für seine Lasterthaten den verdienten Lohn empfange. Dises geredt, verschwande Christus samt den Englen; der Jüngling aber, wie er darüber aus dem Schlaf erwachet, war nicht allein voller Angst und Forcht, also daß ihm der kalte Schweiß über den Rucken lieffe; sondern wie er des Morgens in den Spiegel gesehen, hat er gefunden, daß sein Kopf vor Angst und Forcht Eysgrau worden. Woraus er dann handgreifflich abgenommen, daß es kein leerer Traum; sondern eine wahrhafte Erscheinung gewesen. Gieng also in sich selbsten; fiele auf seine Knye nider; batte GOtt um Verzeyhung, und danckte ihm, daß er ihn nicht mit dem gähen Tod (wie er verdient) gestraft; sondern noch Zeit zur Buß und Besserung verlihen hätte. Stellte darauf über sein bishero geführtes liederliches Leben eine genaue Erforschung an; beichtete seine Sünden mit grosser Reu, und lebte forthin gantz Christlich. S. Vincent. Ferrer. serm. in sexag.


O GOtt! wann mancher frecher Jüngling dein Gericht vor Augen hätte, wie bald wurde er sein Leben besseren! und doch wartet selbiges unfehlbar auf ihn. Und wer weißt, ob er nicht ehender darfürgestelt werde, als er ihm einbildet? wie kan dann ein solcher in seinem frechen Leben fortfahren? heißt das nicht, die Langmüthigkeit GOttes mißbrauchen, und ihn gleichsam zwingen, daß er unversehens drein schlage? O entsetzlicher Frevel!

15. Exempel
Fünfzehendes Exempel.
Ein Gespenst erschröckt bey nächtlicher Weil einen lasterhaften Jüngling.

Im Jahr Christi 1591. war in Oesterreich ein Jüngling, welcher sich der Buhlschaft, und unreiner Liebe gantz ergeben hatte. Wie ihn nun einstens ein Fieber überfallen, und er bey nächtlicher Weil wachete, da sahe er einen feurigen Wagen daher fahren, an welchem ein Pferd angespannt, aus dessen Nas-Löchern ein feuriger Dampf [70] gienge; auf dem Wagen aber sasse ein Fuhrmann, dessen Gestalt so erschröcklich, daß einer von dem eintzigen Anschauen hätte sterben sollen. Dieser Fuhrmann nun sagte zu dem krancken Jüngling mit ernsthafter Stimm: nur geschwind besteige disen Wagen, und fahre mit mir der Höllen zu; dann dein verbuhltes Leben hat es schon längsten verdient. Der elende Krancke erschracke anfänglich über die massen; wie er sich aber in etwas erholet, griffe er nach dem Degen, so an der Bethstatt hienge, und schwunge selbigen auf alle Seiten, in Hofnung das Gespenst damit abzutreiben. Wie er aber gesehen, daß nichts helffen wolte, schrye er überlaut, man solte ihm zu Hülf kommen. Die Hauß-Genossene, so über dieses Geschrey erwachet, stunden alsobald auf, und lieffen der Kammer zu, um zu sehen, wo es dem Krancken fehle. Da hat er ihnen dann angezeigt, wie daß ein Gespenst in der Kammer seye, und nicht weichen wolle. Weilen aber die Haus-Genossene nichts sehen konten, besprengten sie den Krancken mit Weyh-Wasser, und sprachen ihm zu, er solte sich mit dem Heil. Creutz bezeichnen: worauf das Gespenst zwar gewichen; aber mit der Betrohung, es wolle bald wiederum kommen, und den Krancken abholen. Wie der Krancke das gehört, gienge er in sich selbsten, und gedachte, einmahl sein bishero geführtes buhlerisches Leben müsse die Ursach seyn, warum GOtt dem Gespenst so viel Gewalt lasse: GOtt wolle ihne also vätterlich zur Buß und Besserung des Lebens ermahnen. Liesse also noch selbige Nacht aus einem nicht weit entlegenen Kloster einen Beicht-Vatter kommen, deme er mit grosser Reu seine Sünden gebeichtet, des ernstlichen Fürsatzes; inskünftig sein Leben zu besseren; worüber er dann die Heil. Absolution empfangen, und darauf von allem Schrecken erlediget worden; weilen sich das Gespenst forthin nich mehr hatte sehen lassen. Bencius in Annal. S.J.


O was hat die Beicht nicht für eine Kraft, den Menschen von den Nachstellungen des bösen Feinds zu befreyen! es ist nicht ohne, daß auch die äusserliche Mittel (als da seynd das Heil. Creutz Zeichen; das Weyh-Wasser, und dergleichen) vil vermögen; aber die innerliche (unter welchen das vornehmste ist, ein durch die Beicht von schweren Sünden gereinigtes Gewissen) thun das meiste.

16. Exempel
Sechzehendes Exempel.
Ein junger Graf ladet eine Todten-Schedel zum Nacht-Essen ein.

Es war ein junger Graf: der hatte zu einem Hof-Meister einen verschmitzten Welt-Mann, von welchem er recht gottlose Grund-Sätze [71] erlernet. Dessentwegen er auch ein freyes Leben geführt, und seinen bösen Gelüsten den Zügel also schiessen lassen, als wann kein GOtt wär, den er zu förchten hätte. Aber wie lang thate es gut? wann eben die Maaß er Sünden voll ist, da straft GOtt; wie dann dieser junge Graf bald erfahren. Dazu gabe Gelegenheit eine Gasterey, so er auf eine Nacht angestellt, und etwelche gute Bekannte dazu eingeladen, damit sie sich fein recht lustig miteinander machten. Also dann einen guten Appetit zum Essen zu bekommen, gienge er mit seinem Hof-Meister gegen Abend spatzieren. Es truge sich aber zu, daß sie über einen Kirch-Hof gehen mußten. Weilen nun dem jungen Grafen eine Todten-Schedel in dem Weeg lage, faßte er einen Verdruß darüber, und stoßte selbige mit dem Fuß für sich hin. Bald aber kehrte er sie mit dem Meer-Rohr hin und her, und triebe das Gespöt damit. Ja er wurde endlich so frech, daß er selbige mit diesen Worten hat anreden dörffen: rest du, Todten-Schedel? ich muß dir ein und andere Frag aufgeben. Auf diese sollest du mir antworten. Erstlich, frag ich dich: ob es wahr, daß die menschliche Seel ein unsterblicher Geist seye? andertens, wann deme also: ob in der anderen Welt die Fromme belohnt; die Böse aber gestraft werden? Hast du Lust, heut auf die Nacht an meiner Tafel zu speisen, so sollest du hiemit darzu eingeladen seyn; da kanst du meine Fragen beantworten. Dieses mit unerhörter Frechheit, und Muthwillen geredt, nahme er samt feinem Hof-Meister den Weeg weiter fort, und gedachte, der Schertz hätte nunmehr ein End, und wäre die Todten-Schedel umsonst zum Nacht-Essen eingeladen worden. Dann was todt seye, das seye todt, und beisse nicht mehr. Nachdem er nun so lang spatzieren gangen, bis es allgemach Nacht zu werden begunte, kehrte er mit seinem Hof-Meister in das Gräfliche Schloß zuruck, allwo die eingeladene Gäst schon versammlet waren, und seiner mit grossem Verlangen erwarteten. Wie er dort ankommen, hiesse er die Gäst willkomm seyn; und weil es ihn hungerte, gab er Befehl, ohne Verzug in der Kuchel anzurichten, und die Speisen auf die Tafel zu tragen. Wie befohlen, also vollzogen. Der junge Graf setzte sich dann so fort mit den Gästen zur Tafel, und sprache ihnen zu, sie wollten ihnen das Essen und Trincken belieben lassen, und gutes Muths seyn; dann dieser Ursach halben wären sie zusammen kommen. Da gienge es dann wacker über Essen und Trincken; man munterte einander auf, man trancke mit grossen Gläsern auf des jungen Grafen Gesundheit, und fienge an allerhand lächerliche Possen zu erzählen. Indem nun alle im besten Muth waren, sihe! da kame der Thorwarth des Schlosses eylends in die Tafel-Stuben hinein geloffen; schnaufte, und ware so voller Forcht, daß er anfänglich nicht ein Wort reden konnte. Als er sich aber [72] ein wenig erhohlet, sagte er mit zitterender Stimm: und stammlender Zungen:Herr Graf! es ist drunten vor der Schloß-Porten, ich weiß nicht, was für ein Gespenst. Es ist nichts an ihm, als Rippen und Bein. Es sihet eben aus, wie man den Tod mahlet. Dieses verlangt nun mit Gewalt eingelassen zu werden. Ab dieser unverhoften Bottschaft erschracken alle, so an der Tafel waren, über die massen: dann es gienge ihnen ein grosses Unglück vor. Damit aber der junge Graf so wohl ihm selbsten (dann auch ihm nicht recht bey der Sach war) als den erschrockenen Gästen die Forcht benehmen möchte, befahle er seinen Dienern insgesamt, mit dem Thorwart zur Schloß-Porten hinunter zu gehen, und das Gespenst zu fragen: wo es herkomme? und was es zu so ungelegener Zeit wolle? Diesem Befehl getrauten anfänglich die Diener nicht nachzukommen; doch weil ihrer mehr waren, faßten sie endlich das Hertz; giengen mit dem Thorwart für die Schloß-Porten hinunter, und fragten das Gespenst, wie ihnen befohlen worden. Da gabe ihnen das Gespenst zur Antwort:saget nur eurem Herrn, dem jungen Grafen: ich seye derjenige, den er heut Abends auf dem Kirchhof zum Nacht-Essen eingeladen. Und wie wohl ich ihm auf seine Einladung nicht geantwortet, noch zugesagt; so seye ich doch jetzt da, und wolle ihm auf die Fragen, die er mir aufgeben, antworten. Wie nun die Diener ihrem Herrn, dem jungen Grafen, diese Antwort zuruck gebracht, da erbleichte er im Angesicht, und der kalte Schweiß lieffe ihm über den Rucken; weilen er für sein Person nichts anders, als ein grosses Unglück zu besorgen hatte. Gabe demnach denen Dienern neuen Befehl, mit gewehrter Hand zur Schloß-Porten hinunter zu gehen, und dem Gespenst den Eingang mit Gewalt zu verwehren, sagend es solle sich zu allen Teufeln fort trollen: es hätte hier nichts zu thun. Die Diener kamen zwar dem Befehl nach, aber aller Widerstand war umsonst: dann das Gespenst drange durch das versperrte Thor hinein, und gienge den graden Weeg der Tafel-Stuben zu; und da es vorher starck an der Thür angeklopft, niemand aber das gewöhnliche Herein sagen wollte, eröfnete es die Thür selbst: gienge mit langen Schritten in die Stuben hinein, und stellte sich hinter des jungen Grafen Sessel. Weil es aber sahe, daß alle voller Forcht und Schrecken waren, sprache es ihnen zu, sie sollten sich an ihrem angefangenen Muth nicht hindern lassen. Was seine Person betreffe, seye es schon lange Zeit, daß es weder gegessen, noch getruncken: wolle ihnen demnach eines zubringen; sie sollten ihm Bescheid thun. Dieses geredt, nahme es einen grossen silbernen Becher, so auf der Tafel stunde, und thate einen starcken Trunck daraus. Allein niemand hatte Lust, ihme Bescheyd zu thun; sondern ein jeder sahe sich um die Thür, wie er [73] möchte hinaus kommen, und aller Gefahr entgehen; wie dann einer nach dem andern, so gar auch der Hofmeister hinaus geschlichen, und also den armen Grafen allein bey dem Gespenst gelassen. Wie sich nun der Graf von allen verlassen gesehen, wolte er von dem Sessel aufstehen, und gleich wie die andere den Ausreiß nehmen. Allein das Gespenst kame ihm vor, und hielte ihn mit Gewalt zuruck: worauf es den jungen Grafen folgender Gestalten angeredt: wisse, daß ich derjenige bin, den du heut Abends auf dem Kirchhof mit unerhörter Frechheit und Muthwillen zum Nachtessen eingeladen. Nun bin ich kommen; und zwar aus GOttes Befehl, dir auf diejenige Fragen zu antworten, so du mir aufgeben. So seye dann vergewißt, erstlich: daß die menschliche Seel ein unsterblicher Geist seye, und so lang leben werde, als GOtt wird GOtt seyn. Andertens: daß GOtt in der andern Welt nichts unbelohnt, noch ungestraft lasse: die Fromme zwar belohnt er mit ewiger Freud; die Böse aber straft er mit ewiger Peyn. Und damit du an diesem allem nicht zweiflen könnest, so schwöre ich dir, daß ich dein Großvatter seye. Und aber, O wehe uns Beyden! was mich betrift ist es schon lang, daß ich in höllischen Flammen brinne: und, O daß ich zu Aschen könte verbrennt werden; damit auf solche Weis meinem Leyden ein End gemacht wurde! aber vergebens ist mein Wunsch: dann so lang GOtt wird GOtt seyn, so lang werd ich leyden müssen: das ist: immer und ewig; ohne End; in alle Ewigkeit! O Ewigkeit! diese allein macht uns Verdammte verzweiflend. Diese allein ist aus allen höllischen Peynen die gröste, und unerträglichste: das Unglück alles Unglücks. Eben dieses Unglück wird auch dich treffen, du Unglückseeliger! weilen du ohne Forcht GOttes gelebt, und gethan, was dich nur gelustet hat. Anjetzo wirst du in der Höll den verdienten Lohn darfür empfangen. Und damit du nicht gehen müssest, so will ich dich auf meinen Armben dahin tragen. Dieses geredt, ergriffe das Gespenst den vor Forcht und Angst zitterenden jungen Grafen bey der Mitte des Leibs, und schmetterte ihn mit solchem Gewalt an die Wand hin, daß das ausgespritzte Hirn an der Wand kleben bliebe; worauf es Leib und Seel zugleich mit sich in den Abgrund der Höllen hinunter geführt hat. Paulus Zehentner S.J. in Promont, malæ spei.


O wie soll die Jungend GOtt dancken, wann sie solchen Lehr- und Zucht-Meistern anvertraut wird, von welchen sie die Forcht GOttes, und gute Sitten erlernen kan! dann so unser junger Graf von solchen Lehr- und Zucht-Meistern einen gehabt hätte, wurde ihn niemahl solches Unglück, und ewiger Untergang getroffen haben.

[74] So ist auch aus diesem traurigen Exempel zu lernen, daß es sich mit den Todten nicht schertzen lasse. Seynd sie in GOtt verschieden, so bette man für sie, und wünsche ihnen die ewige Ruhe. Das ist Christlich, das andere aber gottlos.

17. Exempel
Siebenzehendes Exempel.
Ein Student williget im Todbeth in eine unreine Belustigung; stirbt darauf, und wird verdammt.

In einer gewissen Stadt war ein Student, so zwar dem Studieren nicht unfleißig obgelegen; mithin aber dem schandlichen Laster der Unreinigkeit so ergeben geweßt, daß er endlich eine Gewohnheit daraus gemacht. Er beichtete zwar öfters, allein (wie es eben mit diesem Laster insgemein zu gehen pflegt) es folgte darum keine Besserung darauf. Es sprachen ihm derowegen zu die Beichtvätter; sie schrieben ihm für allerhand dienliche Mittel; vornehmlich aber stelleten sie ihm für die grosse Gefahr, in den Sünden zu sterben, und mithin ewig zu verderben. Allein die böse Gewohnheit hatte schon so tief eingewurtzelt, daß dieses alles nichts verfangen wollte. So schluge dann endlich GOtt die Hand darein, indem er den Studenten mit schwehrer Kranckheit heimgesucht, und ins Beth geworffen. Es hatte auch die Kranckheit in kurtzem also zugenommen, daß die Aertzten an dem Aufkommen des Kranckens alle Hofnung verlohren. Wie nun der Krancke gesehen, daß es müsse gestorben seyn, hat er einen Beichtvatter begehrt, deme er seine Sünden mit grosser Reu gebeichtet, und darauf absolviert worden; also daß der Beichtvatter getröst Abschied von ihm genommen, nicht zweiflend, das Beicht-Kind werde in der nunmehro erlangten Gnad GOttes beständig verharren, und also eines seeligen Tods sterben. Aber wie gehts? die nächste Nacht darauf stirbt das Beicht-Kind. Wie nun den andern Tag dem Beichtvatter dieser Tod angezeigt worden, saumte er sich nicht, für das Beicht-Kind Meß zu lesen. Aber sihe! wie er allbereit über Altar gangen, und die Meß anfangen wollte, da rupfte ihn jemand. Er kehrte sich aber nichts daran; weil er glaubte, es wäre nur ein leere Einbildung; und fuhre also fort. Als er aber das anderemahl gerupft wurde, verwunderte er sich, und wußte nicht, was er gedencken sollte; doch fuhre er fort, in Hofnung, es werde etwann aufhören. Allein wie er auch das drittemahl gerupft worden, und zwar gantz ungestümm, da ward ihm angst, und er gedachte, was doch dieses Rupfen bedeuten müsse. Indem er nun in diesen ängstigen Gedancken steckt, sihe! da erblickt er auf der lincken Seiten des Altars in einem Winckel einen [75] schwartzen neblichten Dampf, aus welchem sich diese Stimm vernehmen liesse: höre auf, O Priester! höre auf mich Meß zu lesen, dann es hilft mir doch nichts. Der Priester erschrack über diese Wort; bezeichnete sich mit dem Heil. Creutz, und fragte: wer bist du dann? Da bekame er zur Antwort: ich bin der Geist des verstorbenen Stu denten, dessen letzte Beicht du gestern angehört. Behüt GOtt! sagte der Priester: so solle dann dir das Meß-Lesen nichts helffen? Nein, antwortete der Geist: dann ich bin ewig verdammt. Wie? fragte der Priester: ewig verdammt? hast du dann nicht redlich gebeichtet, oder hat es an einer wahren Reu und Vorsatz dich zu bessern gemanglet? An diesem allem, antwortete der Geist: hat es nicht gemangelt. Es waren mir in Ansehung des heiligen Sacraments der Beicht alle Sünden verziehen. Aber, O des Unglücks! dann, da ich in die letzte Zügen greiffen wollte, geschahe es aus gerechtem Urthel GOttes, dessen Langmüthigkeit ich so oft mißbraucht, daß mir in die Gedäcthnus kame ein unreiner Wollust des Fleisches, den ich vor diesem gehabt. Weil ich nun ein neues Gefallen darüber geschöpft und eingewilliget; gleich aber darauf abgedrucket, bin ich wegen dieser neuen Todsünd auf ewig verdammt worden. Dieses geredt, ist der schwartze Dampf verschwunden. Bidermann Acroamatum. lib. 2. Acroam. 4.


O wie gefährlich ist es, wann man in dem Laster der Unreinigkeit eine Gewohnheit gemacht, und so oft ein Wohlgefallen darinn gehabt! Dann sollte der böse Feind solches Wohlgefallen einem Tod-Krancken wiederum zu Gemüth führen, wie leicht könnte aus gerechtem Urthel GOttes (dessen Langmüthigkeit man so oft mißbrauchet, und seine Güte verachtet hat) geschehen, daß man sich mit Einwilligung auf ein neues versündigte! dann was einem so oft gefallen hat, das gefallt ihm leicht wiederum. Wenigst wird der böse Feind, wann es mit dem Menschen auf die letzte geht, nicht feyren. Er wird den List, der ihm so oft angangen,wiederum probieren. Sollte ihm nun solcher angehen (wie dann wegen eingewurtzelter Gewohnheit, die man mit Einwilligung in unreine Gedancken gemacht, billich zu besorgen) so wäre es ja mit einem solchen Tod Krancken auf ewig geschehen? wahrhaftig: wann nichts wäre, als diese Gefahr, so sollte sie einen jeden von dem Laster der Unreinigkeit abschröcken.

18. Exempel
[76] Achtzehendes Exempel.
Ein Sohn bekommt von seiner verstorbenen Mutter einen empfindlichen Verweis.

Es war ein Jüngling, der hatte sich entschlossen, GOtt dem HErrn in einem geistlichen Orden zu dienen, ohngeachtet seine Mutter, die frühzeitig in Wittib-Stand gesetzt worden, ihn zum öftern, und zwar mit weinenden Augen gebetten, er wolle sie doch nicht verlassen, indem er ihr eintziger Trost wäre. Allein der Sohn fertigte sie allzeit mit dieser Antwort ab:Mutter! ich hab nur ein eintzige Seel; solche nun muß ich versorgen, damit sie nach diesem Leben möge sicher stehen. Also verliesse er die Mutter, und tratte in einen geistlichen Orden, in welchem er zwar anfänglich GOtt dem HErrn grossem Eifer gedient; mit der Zeit aber so lau und träg worden, daß ihm seine Ordens-Brüder dessentwegen vielmahl zugesprochen, er solle ein bessers Exempel geben. Aber umsonst; dann er hatte schon eine Gewohnheit daraus gemacht. So wußte dann niemand besser, ihn wiederum auf den rechten Weeg zu bringen, als GOtt, indem er einer seits die Mutter aus der Welt abforderte; anderer seits aber dem Sohn eine Kranckheit zuschickte. In dieser nun als der Sohn einstens zu Gemüth führete, was Gestalt er seine verwittibte Mutter verlassen, und dessentwegen vielleicht ein Ursach geweßt, daß sie vor Betrübnußs frühzeitiger gestorben, da ward er verzuckt, und es kam ihm für, als befinde er sich an einem Ort, allwo eine grosse Menge der Menschen, so erst gestorben, versammlet ware; und unter diesen auch seine Mutter: welche alle mit Forcht und Zitteren des höchsten Richters erwarteten, den Sententz entweders der ewigen Seligkeit, oder der ewigen Verdammnuß anzuhören. Als nun die verstorbene Mutter ihren Sohn erblickte, seye sie zu ihm hingangen, und habe ihn mit diesen Worten angeredt; ey! mein Sohn! so bist du auch an diesem Ort, und erwatest mit Forcht und Zitteren, was der höchste Richter über dich für einen Sententz fällen werde? das hätte ich nicht erwartet. Dann wie oft hast du zu mir gesagt, du müssest dein Seel versorgen; damit sie nach dem Tod vor GOttes Gericht möge sicher stehen? was hast du im Closter gethan? wie hast du GOtt gedient? wo seynd die Tugenden, die du darinnen gesammlet hast? stehest du jetzt sicher? hast du ein gnädiges Urtheil zu gewarten? dieses geredt, habe die Verzuckung ein End gehabt, nach welcher er zwar wiederum zu sich selbsten kommen; aber voller Forcht und Schröcken, wegen dem Verweis, den er von seiner verstorbenen Mutter bekommen. Es war auch der Erfolg so gut, daß der Jüngling, nachdem [77] er wieder gesund worden, ein strenges Leben angefangen, und GOtt dem HErrn mit ungemeinem Eifer gedient hat. Es ermahnten ihn zwar seine Ordens-Brüder, er solle ihm selbsten nicht so streng seyn; sonst werde er ihm das Leben abkürtzen. Allein, nachdem er ihnen die gehabte Verzuckung erzählet, fertigte er sie allzeit mit dieser Antwort ab:meine Brüder! Wann ich den Verweis meiner verstorbenen Mutter nicht hab ertragen können; wie wurd ich ertragen können den Verweis, so ich von dem höchsten Richter zu gewarten hätte, falls ich ihm nicht in Strengheit des Lebens diente? wie wurd ich da stehen, wann er mir wurde vorwerfen meinen Undanck; daß ich nemlich die Gnad, mit welcher er mich in den geistlichen Orden beruffen, so schlechter erkennet hätte? nein! ich bin schon einmahl gewitziger worden. Dieses geantwortet, fuhre er in der einmahl angefangenen Strengheit, und heiligem Eifer fort, und triebe es also bis an das End seines Lebens. Dionysius Carthusianus de Quatuor Novissimis Art. 30.


O wie unerträglich wird es einem lauen Christen fallen, wann ihm der höchste Richter nach dem Tod folgenden Verweis wird geben! drey und dreyßig Jahr lang hab ich deinetwegen Hunger und Durst, Hitz und Kälte, Armuth und Verachtung, und letztlich den bittersten und schmählichsten Tod gelitten. Und was hast du wegen meiner gethan? ein liederliches Leben hast du geführt: gesündiget hast du eines sündigens; und meine Gutthaten nich erkennet. Mit einem Wort: du hast nicht gelebt, wie ein Christ leben soll. Ach GOtt! was für ein Donner-Klapf wird ein solcher Verweis in den Ohren eines lauen Christen seyn!

19. Exempel
Neunzehndes Exempel.
Verwunderlicher Ausgang liederlichen Lebens zweyer Studenten.

Am das Jahr nach Christi Geburt, als man zählete 1604. befanden sich zu Löven, einer Stadt in Niederland, zwey adeliche Jüngling; dero Namen wegen ihrem Geschlecht verschont wird. Wir wollen unterdessen den einen Castor; den andern aber Pollux heissen. Diese lagen auf der allda weit berühmten hohen Schul dem Studieren, und zwar der Rechts-Gelehrtheit ob. Da sie noch in den unteren Schulen waren, seynd sie zu aller Gotts-Forcht und Ehrbarkeit auferzogen worden; also, daß sie den anderen Studenten zu einem Exempel der Unschuld und Auferbäulichkeit dienten. Wie sie aber in die obere Schulen kommen, und der Ruthen entrunnen, mithin keine Aufseher mehr hatten, von denen sie inner den Schrancken der Zucht und Ehrbarkeit gehalten wurden, gewohnten sie nach und nach [78] des freyen Lebens dergestalten, daß sie in kurtzer Zeit allem Muthwillen liessen den freyen Zaum schiessen; ja in allerhand Schandthaten und Lastern sich herum wältzten, und mehr dem Luder-Leben, als Studiren oblagen. Eines Tags setzten sie sich zu einer nassen Bursch im Wirthshaus, um sich lustig zu machen, und die schwermüthige Gedancken in dem Wein zu erträncken. Man sitzet also zu Tisch; laßt nach der Schwere auftragen; wechselt die Gläser, und ist gutes Muths. Und damit nur an diesem Freuden-Tag nicht abgienge, berufte man auch Spielleut, die sich mit ihren Instrumenten tapfer hören liessen. Und weil man Täntzerinnen auch vonnöthen hatte, triebe einer unter ihnen bald etliche freche Mägdlein auf, denen nicht allein die Schuh zum Tantzen; sondern auch um ein schlechtes ihr Ehr feil ware. Weilen ihnen aber der Tag nicht klecken wollte, den Durst zu löschen, und ihre böse Gelüsten zu ersättigen, knüpften sie die Nacht auch daran; und brachten also mit Sauffen, Spielen, Tantzen, und anderm Muthwillen die edle Zeit zu. Nach und nach aber, da es nicht weit von Mitternacht mehr ware, wurden unsere saubere Gesellen allgemach müd; bevorab Castor, der in diesem Leben noch nicht sowohl, wie die andere geübt ware. Gienge derohalben zur Stuben hinaus, sich etwas zu erkühlen. Da setzte er sich nun in einem Gang auf einen Banck hin, und trücknete mit dem Fazinet den von dem Tantzen erweckten häufigen Schweiß ab. Er hatte sich aber kaum niedergesetzt, da überfiele ihn, weiß nicht was für ein Melancholey und Schwermuth: welche je mehr und mehr zunahme, je länger er allda verharrete. Und aber kein Wunder; dann sein Gewissen gabe ihm einen Rupf über den andern, und stellete ihm durch schwermüthige Gedancken die Abscheulichkeit der begangenen Sünden vor. Weilen nun Castor seinen Cammeraden zu lang ausbliebe, nahmen sie ein Liecht, suchten, und fanden ihn an gedachtem Ort, aber gantz verändert, langweilig, verdrossen, und voller schwermüthigen Gedancken. Sie wußten nicht, wie sie es verstehen solten; munterten ihn auf; und absonderlich Pollux, der ihm also zusprache: nun: was ist das, Castor? was bedeutet dieses Maulhencken? du wirst uns ja den guten Muth nicht erst auf die letzte verderben wollen? stehe auf; gehe wiederum in die Stuben hinein, und halte auch mit. Ey! Bruder: nur noch eins. Allein Castor wolte sich nicht mehr überreden lassen; sondern entschuldigte sich, wie daß ihm nicht wohl wäre. Nahme also gute Nacht, und gieng nach Haus. Wie er heim kommen, und sich allgemach zur Ruhe begeben wolte, fiele ihm ein, wie daß er sein täglich und gewöhnliches Gebett noch nich verrichtet hätte. Sehet, was die gute Gewohnheit thut. Castor hatte noch in den untern Schulen oftermals gehört, daß nicht leicht einer seye zu Grund gangen, und verlohren worden, welcher täglich beständig mit einer [79] gewissen Andacht unser liebe Frau, als eine Zuflucht der Sünder, verehrt habe. Von selbiger Zeit an nahme er ihm vor, diese Andacht zu verrichten, und alle Tag dieser Himmels- Konigin zu Ehren was gewisses zu betten. Es ware aber ein Rosenkrantz: welchen er bishero noch niemahls unterlassen, ob er schon etwann den Tag übel genug zugebracht hatte. Weilen er sich dann erinnerte, daß der heutige Rosenkrantz noch ausständig, beschlosse er, sich vor nicht schlaffen zu legen, er hätte dann seine Andacht gegen der seligsten Mutter GOttes abgelegt. Nahme derohalben den Rosenkrantz in die Hand, und machte dem Gebett den Anfang mit diesen Worten: heilige Jungfrau! würdige mich, daß ich dich lobe. Es ware aber wohl ein armseliges Betten; weilen er theils schläfrig; theils trümlich im Kopf, die Stuben auf und abgienge. Und dannoch (O verwunderliche Güte GOttes!) dannoch, sage ich, hat das schläfrige Gebett des Castors, die Wolcken durchdrungen, und durch die Fürbitt der seligsten Jungfrauen bey GOtt Gnad und Barmhertzigkeit erlangt. Er hatte aber das Gebett noch nicht zu End gebracht, da hörte er an der Stuben-Thür klopfen. Er fragte demnach, wie gewöhnlich: wer ist draussen? der, so geklopft hatte, gabe zur Antwort: ich bins. Allein Castor fuhre im Betten fort, und sagte: bist du draussen, so bin ich herinn; du kanst eine Weil warten, bis ich dir aufmache, jetzt ist es mir nicht gelegen. Der, so vor der Thür draussen war, sagte hinwiederum, wann du mir nicht aufmachest, so kan ich mir selbst aufmachen. Wie, sagte Castor? wilst du mich trutzen? hast du das Hertz, so komme herein; ich will dir gewiß mit meinem Degenden Weeg wieder hinaus weisen. Draufhin nahme er den blossen Degen, stellte sich mitten in die Stuben, und erwartete, wer dann derjenige seye, so mit Gewalt in die Stuben hinein wolle. Alsobald gienge die Thür für sich selbsten auf, und Pollux sein bester Cammerad, tratte hinein: worüber Castor seiner selbst lachte, den Degen wiederum einsteckte; beynebens aber fragte: hast du auch schon genug, Bruder? warum bist du nicht in dem Wirths-Haus geblieben? und wo seynd die andere hin? Pollux antwortete: ja freylich hab ich genug, mein Castor! dann bald nach deinem Abschied hat der gute Muth ein End gehabt, und hab ich auch wollen nach Haus gehen; bin aber unter Weegs in dem nächsten Gäßlein von zwey Teuflen, in Gestalt zweyer Risen, angegriffen, und erwürgt worden; und jetzt ewig verdammt. Castor nicht anderst, als von dem Donner getroffen, fiele vor Schröcken und Angst zuruck in einen Winckel des Zimmers, und wußte kein andere Hilf, als daß er sich mit dem H. Creutz bezeichnete, und die heilsame Namen JEsus und Maria um Beystand anrufte. Das Gespenst aber fuhre fort, und sagte: förchte dir [80] nicht: es wird dir für dieses mahl nichts geschehen: du sollst aber wissen, daß der andere Riß aus denen zweyen Teuflen auf dich gepaßt habe, und dir eben so wohl, als mir, den Hals wurde umgerieben haben, wann du dich nicht bey Zeiten davon gemacht, und dir durch das Gebett um eine so mächtige Vorsprecherin umgesehen hättest. Maria hast du zu dancken, daß du noch lebest. Damit du aber meiner Verdammnuß halber vergwißt seyest, so siehe mich an. Dieses geredt, verlohr er seine vorige Gestalt, und erzeigte sich gantz abscheulich und erschröcklich. Sein Haupt schiene allerdings feurig, wie eine glüende eisene Kugel, also daß die Flammen zu den Augen auf den Boden heraus spritzten. Er risse auch das Wammes von einander, und entblößte die Brust, so gleichfalls wie ein lauteres Feuer, und hin und her durchlöchert aussahe, wordurch man bis auf das Ingeweid hinein sehen konnte. Feurige Nattern und Schlangen krochen aus und ein, und versetzten mit ihren vergiften Zähnen dem Armseligen bald da bald dort einen Biß. Welches dann ein greuliches Spectacul, und erbärmlicher Anblick war. Nachdem nun Pollux solcher Gestalten auf Anordnung GOttes sich seinem vertrautesten Schul-Gesellen dem Castor dargestelt, thate er noch diese Ermahnung hinzu, mit folgenden Worten: so lerne dann aus fremden Schaden witzig werden, und dich bessern; damit du nicht einstens mir in der Pein zugeseller werdest: Und mit diesen Worten ist der verdammte Geist verschwunden. Wer ware fröher, als Castor, daß er dises leidigen Gasts ledig worden? doch därfte er sich vor Forcht und Schröcken noch nicht rühren; sondern verharrete gvntz mit Schweiß überrunnen, und zitterend auf Händ und Füssen an der alten Stell, bis es zwölf Uhr geschlagen, und er bey denen Vättern Capucinern hat hören in die Mette läuten. Da faßte er wiederum ein Hertz; machte sich herfür, nunmehr gantz nüchter, und einem Todten ähnlicher, als einem Lebendigen; nahme seinen Hut und Mantel, und eilte eines eilens dem Capuciner-Kloster zu: begehrte alsobald bey dem P. Guardian, wichtiger Sachen halber, die keinen Verzug litten, angemeldet zu werden. Er wird vorgelassen, und gefragt, was er verlange? Da erzählete er der Länge nach, was sich mit ihme, und seinem Schul-Gesellen, dem Pollux zugetragen. Der Pater Guardian erzeigte grosses Mitleyden, tröstete den Theils erschrockenen, Theils bekümmerten Castor, so gut er konnte, mit angehängter Ermahnung, der empfangenen Wohlthat von der seeligsten Mutter GOttes die Zeit seines Lebens nicht zu vergessen: verwilligte auch auf inständiges Anhalten des Castors, daß ihm zwey aus seinen Patres bey angezündeter Latern den entleibten Pollux möchten suchen helffen: welchen sie dann auch bald in einem Winckel gedachten Gäßleins gefunden, [81] übel zerkrätzt in dem Angesicht, und am gantzen Leib kohlschwartz; damit an nemlich nicht zweiflen könnte, wer den Pollux erwürgt hätte. Jedoch hebte man das Todten-Aaß in der Stille auf; welches auch hernach nicht weit von dem Capuciner Closter unter die Erden verscharret worden. Wie nun diese traurige Begebenheit fürüber, brauchte es bey dem Castor nicht viel Zusprechens, daß er hinfüro behutsamer mit den Freuden und Wollüsten dieser Welt sollte umgehen. Aller Muth verleidete ihm für sich selbsten. Machte bald den Schluß, der Welt den Rucken zu kehren, und in einen geistlichen Stand einzutretten; und zwar eben in den Capuciner-Orden; in welchen er auch nach inständigem Anhalten und Bitten ist aufgenommen worden; hat darinnen eine Zeitlang gottseelig gelebt, und ist endlich um des Christlichen Glaubens willen in der neuen Welt gemartert worden. Lyræus in Trisagio Alariano.

O wie soll ihm ein jeder die tägliche, und beständige Andacht gegen unser lieben Frauen lassen befohlen seyn! dann wer das thut, wird nicht leicht zu Grund gehen. Diese mächtige Frau wendet ab den göttlichen Zorn; sie lasset nicht nach, bis sie ihre Diener und Dienerinnen mit ihrem Sohn versöhnt hat; sie bringt ihnen zuwegen die Gnad, daß sie in sich selbsten gehen, wahre Reu und Leyd über ihre Sünden erwecken, und endlich die ewige Seeligkeit erlangen. O wie viel habens erfahren! Davon seynd voll alle Bücher. Endlich bekräftiget diese Wahrheit unser Castor, der sein Heyl zuschreiben muß der täglichen, und beständigen Andacht des H. Rosenkrantzes, mit welchem er unser liebe Frau verehrt hat. O daß ihm in dieser Andacht alle nachfolgten! das gebe GOtt.

20. Exempel
Zwantzigstes Exempel.
Ein ungerathener Sohn, so dem Fluchen und Gottslästern ergeben, wird von dem bösen Feind in Stucken zerhacket.

In Franckreich wohnte auf einem Schloß, als einem Wittib-Sitz, eine Hoch-Adeliche Frau, dero ihr verstorbene Herz Ehe-Gemahl neben vielen Gütern, und einer schönen Baarschaft an Gelt, zwey Söhn hinterlassen: beyde gleiches Geblütes und Adelicher Gestalt; aber von sehr ungleichen Sitten und Gebärden: solcher Ungleichheit halber wollen wir den einten Ursinus, den andern aber Placidus nennen. Placidus, ein höflicher Jüngling, war auf nichts mehrers bedacht, als wie er durch seinen unsträflichen Wandel, Erlernung freyer Künsten, und Ritterliche Thaten sein Hoch-Adeliches Geschlecht vermehren, und noch berühmter machen könnte. Die Ehrerbietung und Gehorsam, welchen wohl erzogene Kinder [82] ihren Eltern zu erweisen pflegen, liesse er ihm aufs höchst angelegen seyn. Ein Augenwinck seiner Frau Mutter ware ihm an statt des Befehls. Wo er nur von weitem merckte, daß ihr etwas angenehm wäre, ist er nicht gangen, sondern geloffen. Hingegen wo er immer wußte, daß ihr etwas möchte mißfallen, hat er solches auf alle Weis vermeidet. Ursinus im Gegentheil war gantz anderst geartet, als sein Bruder. Seine Gedancken stunden nur nach Freyheit des Lebens, lustige Gesellschaft, guten Muth, Sauffen, Spielen, Tantzen, und andere der Jugend gefährliche Kurtzweilen, wann man sich nicht inner denen Schrancken der Gebühr und Ehrbarkeit haltet. Um welcher Ursachen er der Frau Mutter ein Dorn im Hertzen war. Sie führte nemlich zu Gemüth die Beleydigung der göttlichen Majestät, und die Aergernuß der gantzen Nachbarschaft. Demnach konnte sie diesem Unwesen nicht länger mehr zusehen: bevorab wollte sie das bey nächtlicher Weil spate Heimkommen keinesweegs mehr gedulden. Sie redet ihm also auf eine Zeit mit ernsthaften Worten folgender Weis zu: Ursin! Ich hätte vermeint die Vernunft, und kindliche Obsicht, so du mir als einer Mutter schuldig bist, sollte dich gantz anderst regieren, als daß du mich immerdar mit neuen Schmertzen belegest. Es geht ja kein Tag vom Himmel, daß mir nicht etliche Klagen wider dich zu Ohren kommen. Und wiewol ich denen Verleumdungen abhold bin, so muß ich doch handgreiflich spühren, daß es nur gar zu wahr ist, was man über dich aussaget. Im Fall aber, daß ich auch zweiflen wolte, so muß ich doch stets dein übles Verhalten selbst mit Augen sehen, wann ich nicht blind bin. Du lebst nicht anderst, als wann du ein Heyd wärest: so gar gibst du kein Christliches Zeichen von dir: und muß ich stündlich in Sorgen stehen, daß nicht etwan der erzörnete GOtt wegen deinen greulichen Gottslästerungen mich, und das gantze Haus straffe. Hast du das von mir, oder von deinem Herrn Vatter seeliger gelernet? Hat er dir deßwegen eine so schöne Erbschaft hinterlassen, daß du selbige durch die Gurgel jagen, oder mit Faulentzen verthun sollest? seynd das Adeliche Thaten, daß du alle Winckel durchlauffest, und denen leichtfertigen Schleppsäcken nachjagest? Pfuy der Schand! ist das die Ehr, die du deinem Geschlecht anthust? ist das der Danck, den du deinem Herrn Vatter unter dem Boden gibest? ist das der Trost, den ich als deine Mutter Wittibstand von dir hab; indem du mir ein Creutz über das ander anthust, und nicht aufhörest, bis du meine graue Haar mit Kummer und Schmertzen wirst unter den Boden gebracht haben? Dieses geredt, vergosse sie einen Bach der Zäher; welche ja billich ein kindliches Hertz, und folgends auch des Ursini hätten [83] erweichen sollen, wann ihn nicht die Bosheit in einen harten Kieselstein verwandelt hätte. Es erholete sich aber die Frau Mutter bald wiederum, und beschlosse die gantze Red folgender Gestalt: Ich ermahne dich jetzt das letztemahl: lasse von dergleichen schlimmen Händlen ab, und nimme dich selbst besser in Acht; absonderlich aber komme mir zu Nachts bey rechter Zeit nach Haus: widrigen Falls sollest du etwas anders erfahren. Das ware nun eine scharffe, aber für den Ursinus recht gegossene Laug. Er liesse sich dieses Zusprechen der Frau Mutter über die massen verschmachen, und konnte sich kaum so lang innhalten, bis sie ihr Red zu End gebracht hatte. Er fuhr mit poltern heraus, und verantwortete sich kürtzlich folgender Weis: Man hätte dieses Ausfiltzen wohl können unterwegen lassen: er wisse schon, was er zu thun habe; und werde man mit Wahrheits-Grund wenig übels wider ihn darthun können: im übrigen wollte er die Frau Mutter gebetten haben, denen Ohren-Blasern nicht zu viel Gehör zu geben: man könne viel lügen, weil der Tag lang ist etc. daß er sich zu Zeiten mit seines gleichen lustig mache, und ihnen eins Bescheid thue, lasse er ihm nicht wehren: er könne nicht alleweil zu Hauß sitzen, und den Ofen hüten. So seyen auch seine übrige Verbrechen so wichtig nicht, daß man einen solchen Lermen daraus mache. Man solle ihn also mit so scharffen Worten inskünftig verschonen, wann man nicht wolle, daß er sich auf ein andere Weis verantwortete. Nachdem er dieses gantz trotzig geredt, und mit etlichen tausend Sacramenten heraus gefahren, wischte er voller Zorn mit Hut und Degen zur Stuben hinaus. Was geschicht? Ursinus, damit er der Alten (also pflegte dieses Unkraut seiner Frau Mutter den Namen zu geben, wann er höflich von ihr reden wollte) zeigte, daß er ihr Zörnen nichts achte, begab sich gleich den andern Tag hernach auf eine Jagd mit einem vertrauten Cammeraden, und seinem Bruder, dem Placido, welchen er, weiß nicht, unter was Vorwand dazu muß beredt haben. Wie sie nun zu bestimmter Zeit bey dem Nacht-Essen sich nicht einfanden, verdrosse es die Frau Mutter über die massen. Demnach gedachte sie, gleich heut den Ernst zu zeigen. Sasse also zu Tisch, und befahle der Köchin und andern Hausgenossenen unter höchster Ungnad, und Verlurst des Diensts denen Söhnen keinen Bissen aufzubehalten: und dafern sie nicht bey guter Zeit nach Haus kämen, alle Thüren zu verriglen, ausser der Haus-Thür, und einer Kammer, worinn ein eintzige Bethstatt und leerer Tisch stunde; alsdann schlaffen zu gehen, und keinem im geringsten Antwort zu geben. Dieser Befehl mußte (wie recht und billich) von denen Hausgenossenen vollzogen werden. Man geht zu Tisch, spület ab, schließt das Haus, geht schlaffen, [84] aber kein Ursinus laßt sich sehen: bis es endlich spath in die Nacht hinein worden; da er dann mit seinen zweyen Gesellen nach Haus gekehrt. Wie er aber gleich von weitem gesehen, daß die Fenster-Läden aufgezogen, gienge es ihm gleich vor, es müsse der Alten Ernst seyn, und werde es heut in ihrem Haus eine kalte Kuchel abgeben. Wie er aber nach angestecktem Haus-Schlüssel die Thür offen gefunden, getröstete er sich noch eines bessern, gienge samt seinen Gesellen die Stiegen hinauf; traffe aber alle Thüren, ausser oben bemeldter Kammer, auf das genaueste verschlossen an. Er klopfte an mit Ungestimme, und begehrte, man sollte aufmachen ins Teufels Namen; und dieses zum zweyten und drittenmahl; aber alles war Mäusel still. Er rufte der Köchin, er schrye der Magd; bekam aber keine Antwort. Er fienge an zu schelten; diesen faulen Häuten zu trohen, und tausend Teuffel auf den Hals zu wünschen, wann sie nicht also bald aufstehen, und ihn einlassen wurden. Wie er nun gesehen, daß alles Schreyen und Klopfen umsonst, und dieses halsstarrige Stillschweigen auf Befehl der Frau Mutter geschehe, und er also seinem Gast kein Ehr anthun konnte, und noch dazu ungegessen schlaffen gehen müßte: fienge er dermassen an zu fluchen, und GOtt zu lästern, daß seinen Gesellen selbst die Haar gen Berg stunden und einem beyde Ohren sausen wurden, wann nur der halbe Theil sollte erzählt werden. Endlich, weilen weder Bitten, noch Fluchen was verfangen wollte, verpfändete er sich mit Leib und Seel dem bösen Geist, wann er diese Schmach werde ungerochen lassen hingehen. Placidus, sein Bruder, wie auch sein anderer Cammerad, wehrten ihm ab, so gut sie konnten, und baten, er solte doch mit dergleichen Reden innhalten, und die mütterliche Straf, die ihn nicht allein treffe, geduldig annehmen; sie wollten darum nicht hunger sterben. Griffen darauf in den Beutel, schossen zusammen, und schickten den Diener, den sie bey sich hatten, in das nächst-gelegene Dorf, in der Eyl ein und andere Speiß bereiten zu lassen, und nicht lang auszubleiben; welches auch geschahe: dann der Diener bald zuruck gekehrt, und etliche gesottene Eyer, samt einem Trunck Wein mitgebracht: welches sie dann alles hurtig aufgezehrt, und sich darauf alle drey in ein Beth zusammen gelegt. Ursinus allein konnte diesen Brocken nicht verdäuen; lage in der Mitte, und bellete noch immerzu eines hinnach, wie ein böser Hund an einer Ketten, den man mit einem Stein getroffen hat. Sie hatten sich kaum nidergelegt, da sprange die Kammer-Thür mit grossem Krachen für sich selbst auf. Und siehe! der böse Geist in Gestalt eines Risen, und in Begleitung zweyer grossen schwartz zotteten Hunden tratte hinein, und forderte mit erschröcklicher Stimm den Ursinus heraus: wo ist derjenige, sagte er, der sich mit Leib und Seel mir verpfändet hat? wo ist er? aber Ursinus wollte [85] sich nicht blicken lassen; sondern versteckte sich unter die Beth-Decke, so gut er konnte, und hebte sich mit beyden Armen an seine Gesellen. Nachdem der böse Geist die Ursach seiner Ankunft, wie gesagt, zu verstehen gegeben, und ihm aber niemand antworten, vielweniger aus dem Beth herfür wollte, trate er zur Bethstatt hin; ergriffe den Ursinus bey dem Schopf, und risse ihn mit Gewalt aus dem Beth heraus: nahme ihn hernach bey der Mitte, und schmisse ihn auf den nächsten Tisch hin. Zoge alsdann ein grosses langes Weyd-Messer von der Seiten, und fienge an, ihme ein Glied nach dem andern herab zu hacken, bis er ihn gantz und gar zu Stucken zerhaut hatte. So oft er aber ihme ein Glied abgenommen, warffe er solches bald diesem, bald dem andern Hund vor; welche als nach einem gar fetten Brocken gantz begierig schnappten, das herab grieffende Blut aufschleckten, und also nach und nach den zerstümpleten Leib mit Fleisch und Bein, Haut und Haar verschluckten. O GOtt! was für ein erschröckliches Verfahren ist dieses? konte auch was grausamers erdacht werden? der verzweifelte Mensch hat zwar unter dieser unerhörten Marter erbärmlich geschryen, und um Hülf geruffen; aber alles umsonst und vergebens. Mußte also eine verfluchte Seel durch einen so greulichen Tod in die Hand des Teufels aufgeben; sein Leib aber ist an den Magen der höllischen Hunden begraben worden. Wie nun dieses blutige Metzgen fürbey, hebte der böse Geist das Weyd-Messer in die Höhe, gleichsam hätte er sein Amt wohl verrichtet, und wendete zugleich seine feurige Augen zu denen noch übrigen zweyen, die ihnen nichts anders einbildeten, als jetzt wurde es auch an ihnen seyn. Aber der böse Feind bekennte mit heller Stimm, daß er aus Verhängnuß GOttes, andern zu einem Exempel mit ihrem Gesellen also verfahren wäre; über sie aber keinen Gewalt hätte: nach welchen Worten er verschwunden. Wie es entzwischen dem Placidus, und dem andern Cammeraden werde um das Hertz gewesen seyn, ist leicht zu gedencken. Gewißlich lagen sie auf keinem Federbeth; wohl aber, wenigist ihrem Beduncken nach auf feurigen Kohlen. Sie zitterten am gantzen Leib mit Angst-Schweiß allenthalben überronnen, und getrauten ihnen eine geraume Zeit kein Wort mit einander zu reden. Wie sie sich aber wiederum in etwas erhohlet, und der Tag allgemach anbrache, sagten sie dem gerechten, und zugleich barmhertzigen GOtt möglichsten Danck: Erzählten alles der Frau des Schlosses, welche sich zwar jämmerlich darüber bekümmerte; doch aber so fast auch nicht verwunderte, als welche schon längst in Sorgen gestanden, es möchte das liederliche Leben ihres übel gerathenen Sohns Ursini noch mit der Zeit keinen guten Ausgang gewinnen. Placidus hat noch über das den erbärmlichen Fall seines Bruders dermassen tief zu Gemüth [86] geführt, daß er bald hernach in einen geistlichen Ordens-Stand getretten, und in selbigem ein gottseeliges Leben geführet hat. Theoph. Raynaudus in Prato Spirituali. Historia. 78.


O daß alle gottslästerliche Zungen, freche Sacramentirer und Flucher allzeit an den blutigen Tisch gedenckten, auf welchem Ursinus ist zerhacket worden! was für ein kräftiges Mittel wurde dises seyn, sie von der bösen Gewohnheit zu schelten, zu fluchen, und GOtt zu lästeren abzuziehen! lassen sie aber gedachten Tisch aus der Gedächtnuß, so sollen sie wissen, daß sie mit dem Ursinus in der Höll gleiche Peyn haben werden.

21. Exempel
Ein und zwantzigstes Exempel.
Ein verstockter Jüngling erweckt noch vor seinem End eine vollkommene Reu und Leyd über seine Sünden; und wird also seelig.

In Brabant (so eine Provintz in Niderland ist) war ein Jüngling, der sich gleich von Jugend auf dem liederlichen Leben ergeben: Ein Spiler, Saufer, und geiler Mensch gewesen. Mit diesem Luder-Leben ware er nicht vergnügt; sondern tribe noch das Diebs-Handwerck darzu: und was er auf der unabgekehrten Banck ertappen konte, das mußte in seinen diebischen Händen kleben bleiben. Weilen derohalben weder Zucht, noch Ermahnung bey ihm etwas verfangen wolte, und die höchst-betrübte Elteren, und Befreunde in Sorgen stunden, er möchte mit der Zeit dem Hencker unter die Händ kommen, und also ihrem gantzen Geschlecht eine unauslöschliche Schand zuwachsen, so überliferten sie ihn der Obrigkeit, mit Bitt ihn heimlich hinrichten zu lassen. Nachdem man den Jüngling scharf examiniret, und nur gar zu vil Ubelthaten an ihm erfunden worden, die den Tod verdienten, ergienge das Urtheil, daß er in einen ledernen Sack eingenähet, und heimlich in einen Fluß solte versenckt werden. Wie man nun dem armen Sünder solches angekündet, und ihn zur Buß ermahnt, da brache er erst in gantz verzweiflete Reden aus, und liesse sich verlauten: er wolte weder dem Richter, noch seinen Elteren verzeyhen, solte er noch einmahl in den ewigen Flammen brennen und braten müssen. Man fuhre aber dannoch mit Vollziehung des ergangenen Urtheils fort: der elende Mensch wurde in einen Sack gestossen, und in einen tieffen Fluß geworffen, also daß man anderst nicht meinte, als er wäre an Leib und Seel zu Grund gangen. Bald darauf in einer Nacht erschine er dem Richter, und stellte sich neben dem Beth. Und als er befragt wurde, wie es in jener Welt mit ihm stunde? Antwortete er: ich [87] leyde zwar überaus grosse Peyn; doch bin ich nicht auf ewig verworffen. Dann wie mir schon das Wasser in das Maul zu lauffen begunte, da hat mich GOtt als ein Vatter der Barmhertzigeit, mit einem seiner Gnaden-Strahlen so weit erleuchtet, daß ich meine Sünden erkennet, und bereuet hab. Es ware mir auch um keiner anderen Ursach leyd, als daß ich meinen GOtt dieses unendliche Gut, so oft und schwerlich beleydiget hätte: des gäntzlichen Fürsatzes, wann ich davon kommen, und mir das Leben solle verlängert werden, ich gewißlich mich ernstlich besseren wolte. Weil ich aber solches nicht mehr hoffen konte, batte ich aufs wenigst, GOtte wolte mir seinem Versprechen gemäß, meine Sünden verzey hen; gleichwie auch ich denen von Hertzen verzeyhe, über welche ich vorher erzörnet, und mit Rachgird angefüllet war. Indem ich nun mit so heylsamen Gedancken umgienge, da trange das Wasser durch den Sack, und versäufte mich. Das zeitliche Leben ist zwar hin: aber der Himmel (wofür ich dem grundgütigen GOtt unendlichen Danck sage) ist mir gewiß. Mit diesen Worten ist er verschwunden. Dieser Richter erstaunte ab denen wunderlichen Urtheilen GOttes; entschluge sich der weltlichen Händel, und tratte in den Carthäuser-Orden, in welchem er gottseelig gelebet, und gestorben. Spec. Exemp. Distinct. 10. Exemplo 15.


O unerhörte Barmhertzigkeit GOttes! O mehr als vätterliches Hertz! Nach so vilen Sünden und Missethaten; nach verschobener Bekehrung bis auf die letzte hinaus: sich dannoch zum Sünder wenden; den Verstand erleuchten; den Willen bewegen; Gnad und Verzeyhung anerbieten; und noch ein seeliges End verleyhen: was für ein Güte ist dieses! was für ein Milde! ist es möglich, daß einer dieses lese, daß ers betrachte; und ihm dannoch daruber das Wasser nicht in die Augen schiesse! O was für ein hartes Hertz müßte er haben? Wenigst wird man folgen der Einladung des königlichen Propheten Davids, welche er an alle Menschen ergehen laßt mit diesen Worten: lobet den HErrn, dann er ist gut: dann seine Barmhertzigkeit währet ewiglich. Psal. 117.

22. Exempel
Zwey und zwantzigstes Exempel.
Ein adelicher Jüngling, nachdem er sich so weit verlohren, daß er so gar Christum verlaugnet, erlangt doch durch Mariä Fürbitt wiederum Gnad und Verzeyhung.

Es war ein adelicher Jüngling: der hatte von seinen Elteren vil Geld und Gut ererbt: aber nach dem Tod seines Herrn Vatters begabe [88] er sich in den Krieg, allwo er in kurtzer Zeit in ein so liederliches Leben gerathen, daß er all sein Geld theils verspihlet, theils durch die Gurgel gejagt; also daß er auf die Letzte seine vätterliche Erb-Güter theils verkauffen, theils versetzen müssen. Wie er nun mit allen fertig war, geriethe er in grosse Melancholie, und Betrübnuß. Gedachte also, heimlich davon zu ziehen, und sich in fremde Länder zu begeben; weil er sich schämte in seiner Heimat Noth zu leyden, und von seiner Freunden und Bekannten Gnad zu leben. Er hatte aber einen Hofmeister, der mit dem bösen Geist einen Pact hatte. Wie nun dieser seinen jungen Herrn so melancholisch sahe, fragte er ihn um die Ursach so schneller Veränderung; als der vorhin allzeit eines so lustigen Humors geweßt wäre. Villeicht betrübe er sich also, weilen er alle sein Geld und Gut verthan habe? Als ihm der junge Herr geantwortet, daß eben dieses die Ursach seiner Betrübnuß wäre; sagte der Hofmeister:O! da ist noch wohl zu helffen, wann ihr mir nur folgen wollet. Und als ihm der junge Herr zu folgen versprochen, nahme ihn der Hofmeister einstens bey nächtlicher Weil mit sich, und führte ihn zu Pferd in einen dicken Wald, und an ein mosiges Ort. Allda machte er einen Creis, oder Ring, und beschwure den bösen Geist herzukommen, und seinem jungen Herrn mit Geld beyzuspringen. Der böse Geist ware gleich da, und sagte: ja ich will deinem jungen Herrn mit Geld beyspringen; aber er muß vorher Christum verlaugnen. Wie der Jüngling das gehört, erschracke er heftig darüber, und weigerte sich auf alle Weis, solche Gottlosigkeit zu begehen. Als ihm aber der Hofmeister zusprache, er solte nicht so zaghaft seyn; sondern gedencken, in was Noth er stecke: wer ihm sonsten daraus helffen werde? Liesse der unglückseelige Jüngling sich letztlich überreden, und (O Gottlosigkeit! wem sollen nicht die Haar gen Berg stehen) verlaugnete Christum seinen Erlöser: versprache hingegen, dem bösen Geist, diesem geschwornen Feind der Menschen, forthin zu dienen. Es war aber der böse Geist mit diesem noch nicht vergnüget; sondern verlangte, daß der Jüngling auch die Mutter GOttes verlaugnen solte: dann diese ist (sagte der böse Geist)die uns am meisten schadet indem sie uns schon öfters die Sünder, da sie schon in unseren Klauen waren, wiederum entrissen; so lang nemlich dise bey ihr Hülf gesucht, und sie um ihre Fürbitt angeruffen. Dann welche aus gerechtem Urtheil GOttes hätten sollen ewig verlohren gehen, solche hat Mariä Barmhetzigkeit wiederum zu Gnaden gebracht. Uber dise des bösen Geists eigene Bekanntnuß erschracke de Jüngling auf ein neues, nachdem er sich aber wiederum erholet, sagte er: ist deme also, wie du selbst bekennest, ey! so will ich eben [89] darum die Mutter GOttes nicht verlaugnen. Wie der böse Geist dieses gehört, nahme er die Flucht: und also mußte der Hofmeister unverrichter Sachen mit seinem jungen Herrn wiederum aus dem Wald zuruck kehren. Da sie aber gegen anbrechenden Tag bey einer Kirchen vorbey müßten, und die Kirchen-Thür halb offen fanden, stiege der Jüngling vom Pferd, und befahle dem Hofmeister selbiges eine Weil am Zaum zu halten; dann er in dieser Kirchen sein Gebett verrichten wolle. Wie nun der Jüngling in die Kirchen hinein kommen, und auf dem Altar ein geschnitzeltes Mariä-Bild mit dem JEsus-Kindlein in der Schooß ersehen, gienge er hin, fiele nieder auf die Knye, und rufte mit weinenden Augen, und aufgehebten Händen unser lieben Frau an, sie wolte doch Erbarmnuß mit ihm haben, und ihm wegen der Gottlosigkeit, mit welcher er ihren allerliebsten Sohn habe verlaugnen därffen, und Gnad, Barmhertzigkeit und Verzeyhung erlangen. Sihe Wunder! die Mutter der Barmhertzigkeit redete in der Bildnuß ihren Sohn mit folgenden Worten an: mein allerliebster Sohn! ich bitte, erbarme dich doch dieses Menschens. Allein (O unverhofte Sach!) das JEsus Kind wendete das Angesicht auf die Seiten, und wolte nichts auf diese Bitt antworten. Als aber die seeligste Mutter zu bitten nich aussetzte, sagte das JEsus Kind: wie? solt ich mich dessen erbarmen, der mich so treuloß hat verlaugnen därffen? er ist meiner Gnad nich werth. Mit was Schrecken der arme Sünder diese Wort werde angehört haben, ist leicht zu gedencken. Allein die seeligste Mutter wolte sich nicht abweisen lassen. Damit sie dann letztlich möchte erhört werden, so stunde (O niemahl erhörtes Wunder!) das sitzende Mariä-Bild von seinem Ort auf; stellte ihr liebes Kind auf den Altar hin; knyete darvor nieder, und sagte: allerliebster Sohn ich bitte, du wollest disem armen Sünder um meinetwegen verzeyhen. Was geschihet? das JEsus Kind hebt alsobald seine liebe Mutter auf, und sagt: liebe Mutter! ich hab dir noch niemahl etwas abgeschlagen. Seye es also, um deinetwegen verzeyhe ich diesem Sünder: Es hat sich aber aus sonderbarer Schickung GOttes zugetragen, daß in selbiger Stund ein Edelmann, so des Jünglings Güter meisten theils an sich erkauft, heimlich in einem Winckel der Kirchen bettete, und alles mit Augen gesehen und mit Ohren gehört, was sich mit dem Jüngling begeben hatte. Dessentwegen als der Jüngling aus der Kirchen hinaus gangen, folgte er ihm auf dem Fuß nach, wünschte ihm einen guten Tag, und stellte sich, als wußte er nichts von allem dem, was sich mit dem Jüngling in der Kirchen zugetragen. Letztlich fragte er den Jüngling mit diesen Worten: Herr! warum habt ihr so nasse und rothe Augen? Der [90] Jüngling gabe zur Antwort: es müsse von einem Fluß, der sich in die Augen gesetzt, herkommen. Ja freylich, sagte der Edelmann, kommt es von einem Fluß; oder besser zu sagen, von einem Bach der Zäher, den ihr in der Kirchen vor der Bildnuß der Mutter GOttes vergossen. Dann ich versichere euch, daß ich alles weiß, was sich mit euch zugetragen. Damit ihr nun sehet, was Mitleiden ich mit euch trage wegen der Noth, in welche ihr gerathen, so will ich euch zu einem Erben aller meiner Güter einsetzen, wann ihr meine Tochter heurathet. Der Jüngling willigte gleich ein, und bedankte sich gegen dem Edelmann, daß er ihm auf solche Weis aus der Noth helfe. Lebte auch hernach viel Jahr glücklich in der Ehe, und danckete unser lieben Frauen ohne Unterlaß, daß sie ihm auf eine so ausserordentliche Weis bey ihrem Sohn Gnad und Verzeihung erlangt hätte.Cæsar. l. 2. Mirac. c. 2.


O wie mächtig ist die Fürbitt der Mutter GOttes bey ihrem Sohn! und wie solte ihro der Sohn etwas können abschlagen, wann sie ihn erinnert, wie sie ihn gebohren; mit ihrer Jungfräulichen Milch getränckt; und so oft an ihr Hertz gedrucket habe? wann der König Salomon gegen seiner Mutter, der Betsabea so viel Ehrerbietung getragen, daß er einstens zu ihr gesagt: bitte, mein Mutter: dann es gebühret sich nicht, daß ich dein Angesicht abwenden solle. 3Reg. c. 2. Wie viel mehr wird es sagen der Sohn Gottes zu seiner Mutter? wie wird er können abschlagen die Bitt, die sie für die Sünder bey ihm einlegt? O grosser Trost für alle Sünder, als welche in Maria bey GOtt eine so mächtige Fürbitterin haben! mit was Zuversicht sollen wir ins künftig in ihrer Litaney sprechen: du Zuflucht der Sünder: bitte für uns!

23. Exempel
Drey und zwantzigstes Exempel.
Eine Jungfrau wird wegen ihrer gleißnerischen Andacht verdammt.

Es war eine Jungfrau: die führete dem äusserlichen Schein nach ein fast heiliges Leben. Sie bettete, und fastete viel: sie casteyete ihren Leib mit allerhand Buß-Werken: sie beichtete und communicirte zum öftern. In Summa: jedermänniglich erbauete sich ab ihrem frommen Wandel. Was geschieht? GOtt schickte ihr eine tödtliche Krankheit zu, in welcher sie sich zeitlich mit denen heiligen Sacramenten hat versehen lassen; worauf sie auch bald verschieden: daß also jedermänniglich darfür gehalten, ihre Seel wäre von Mund auf in Himmel geflogen. Aber wie [91] siehet man dem Menschen so gar nicht ins Hertz hinein! dann siehe! bald nach ihrem Tod erscheint sie ihrem Beicht-Vatter; aber Kohl-schwartz, und entsetzlich anzusehen, also daß der Beicht-Vatter Anfangs nicht wenig darüber erschrocken. Wie er sich aber wiederum erholet, fragte er den Geist, wer er seye? Und was er wolle? da sagte der Geist: ich bin die elende Seel derjenigen Jungfrauen, welche dir vor ihrem letzten End gebeichtet, und von jedermann für andächtig, ja fast heilig gehalten worden. Aber ich war nichts wenigers; sondern im Gegentheil stoltz und hoffärtig; also daß ich andere im Hertzen verachtet, und mir eingebildet, es wäre meines gleichen nicht zu finden. Meine Frommkeit ware eine lautere Gleißnerey, und Scheinheiligkeit. Die gute Werck thate ich zu keinem anderen Ziel und End, als damit die Leut viel von mir halten solten. Weil ich nun auch im Todtbeth diese Gleißnerey nicht abgelegt, und also nur dem Schein nach die heilige Sacramenten empfangen, und darauf gestorben; so muß ich elende Creatur mit dem hoffärtigen Lucifer auf ewig verdammt seyn; und gepeiniget werden. Dieses geredt, ist der Geist verschwunden. Jacobus de Paradiso.


Verfluchtes Laster um die Gleißnerey! was nutzt es, vor denen Augen der Menschen fromm, und fast heilig scheinen; vor denen Augen GOttes aber ein grosser Sünder seyn? darfür wollen angesehen werden, als gehe man zur Beicht und Communion mit behöriger Vorbereitung; mithin aber falsch beichten, unwürdig communiciren: und also zu seinem selbst eigenen, und zwar höchsten Schaden, diese heilige Sacramenten mißbrauchen? O wie werden sich solche Gleißner an jenem letzten Gerichts-Tag schämen, wann ihre Gleißnerey wird an Tag kommen, und der gantzen Welt entdecket werden: sie werden nemlich, zu denen Bergen sagen: fallet über uns: und zu denen Büchlen; bedecket uns. Luc. 23 Dann die Schand wird ihnen unerträglich seyn.

24. Exempel
Vier und zwantzigstes Exempel.
Eine treulose Braut wird an ihrem Hochzeit-Tag unter währendem Tantzen, von dem Teufel weggeführt.

In Sachsen war eine Jungfrau von grossem Vermögen: die hatte einem gewissen Jüngling die Ehe versprochen. Weil aber dieser nicht viel zum besten hatte, sagte er zu ihr: Jungfrau! ich bin ihr wegen der Ehr, die sie mir anthut, indem sie mich vor andern für ihren Bräutigam erwählet, sehr verbunden; allein, ich sage ihr vorhinein, daß [92] mein Vermögen dem ihrigen bey weitem nicht gleichet. Sorge also, sie därfte mit der Zeit eines anderen Sinnes werden, und um einen anderen Bräutigam sehen, der ein grösseres Vermögen hätte, als ich. Es sagte aber die Jungfrau entgegen: das macht nichts. Ich nimme ihn nicht um seines Vermogens willen: sondern, weil er mir vor anderen gefallt. Und damit er kein Mißtrauen in mich setze, als solte es mich der getroffenen Wahl einstens gereuen, so sag ich ihm, daß, wann ich einen anderen, als ihn, heurathen solte, so wünsche ich, daß mich der böse Geist an dem Hochzeit-Tag hinweg führte. Was will er mehr? könnte ich eine kräftigere Versicherung der Treue von mir geben? der Jüngling bedanckte sich, daß sie ihn ihrer Treue halber so theur versichert hätte: versprache im Gegentheil, daß er ehender sterben, als an ihr untreu werden wolte. Mein GOtt! wer solte glauben, daß die Jungfrau hätte können untreu werden? und doch (O Leichtsinnigkeit) ist es geschehen: dann es stunde nicht lang an, so verliebte sie sich in einen andern, und machte mit ihm, unwissend des erstern, Hochzeit. Was geschiehet? da jedermann an dem Hochzeit-Tag lustig war, sasse die Braut allein traurig da. Man munterte sie auf; man sprache ihr zu: aber alles umsonst: Dann ihr böses Gewissen, wegen begangener Untreu, gestattete ihr keine Freud; und noch viel weniger der gethane ensetzliche Wunsch. Man wußte also nicht, was man gedencken solte. Unterdessen da die Hochzeit-Gäst mitten in der Mahlzeit, und am besten auf waren, auch die Musicanten sich treflich hören liessen, kommt einer von denen Aufwartern daher geloffen, und zeigt der Braut an, wie daß zwey Cavalier vor der Stuben draussen wären, die sich der Braut befehlen lassen, und um Erlaubnuß bitten, ob sie nicht auch der hochzeitlichen Freud beywohnen därfen? die Braut ob sie schon bishero traurig da gesessen, wurde wegen der Ehr, so diese Cavalier ihr anthun wolten,in etwas aufgemuntert. Sagte demnach zu dem Hochzeiter, er solle so gut seyn, und die Cavalier in die Stuben hinein führen. Nun der Hochzeiter thate es: bewillkommte die Cavalier; führte sie in die Stuben hinein, und setzte sie zu oberst an Tisch, zur Braut hin. Man sprache ihnen zu, sie solten ihnen Essen und Trincken belieben lassen. Allein sie bedanckten sich, sagend, wie daß sie erst von dem Mittag-Essen herkommen. Sie seyen vielmehr kommen, ihnen die Ehr auszubitten, daß sie mit der Braut därften ein und andern Tantz thun. Worauf die Braut sagte, wie daß sie es für ein sonderbare Ehr hielte, daß solche Herren mit ihr zu tantzen sich würdigten. Demnach wurde denen Musicanten befohlen, ein lustiges Stücklein aufzumachen. Wie sie nun angefangen, nahme einer aus diesen Cavalieren die Braut höflich bey der Hand; führete sie mitten in die Stuben, und thate mit ihr einen und anderen [93] Tantz. Wie die Braut aber im besten springen war, wurde sie urplötzlich von dem Cavalier in der Mitte ergriffen, und in Ansehung ihrer Eltern, Befreundten, und anderen Hochzeit-Gästen, nicht ohne Jammern und Wehklagen zur Stuben-Thür hinaus geführt. Wo sie hinkommen seye, hat man den anderen Tag darauf mit gröstem Schröcken innen worden; da nemlich die verstellte Cavalier (so nichts anders, dann böse Geister waren) sich wiederum sehen lassen, und die von der Braut hinter lassene Kleider zuruck gebracht, sagend, wie daß ihnen GOtt den Gewalt nur über die Braut; nicht aber über die Kleider gelassen hätte. Ist also dieses unglückselige Mensch wegen gebrochener Treu an ihrem ersten Bräutigam in die Höll geführt worden. Recenset Clava Herculis Christiani.


Wie wahr ist es, was man insgemein zu sagen pflegt: Untreu bleibt nicht ungerochen! spiegle dich derowegen an diesem Exempel, unbesonnene Jugend! und lasse dich nicht so leicht in ein eheliches Versprechen ein: dann vorgethan, und nach bedacht, hat schon viel ins Leid gebracht. Hast du es aber mit wohlbedachtem Gemüth gethan, so gedencke: Versprechen macht halten.

25. Exempel
Fünf und zwantzigstes Exempel.
Ein unkeuscher, liederlicher Sohn ersticht sich selbst aus Verzweiflung, mit einem Messer.

Zu Lübeck, einer vornehmen Stadt, war ein Sohn, schön zwar von Gestalt, und reich am Vermögen; aber der Unzucht sehr ergeben. Er verliebte sich demnach in eine Person, so an Schönheit alle andere in der Stadt übertraffe. Ja er liesse sich von ihr dergestalten einnehmen, daß ihn weder die Forcht GOttes; noch die treuhertzige Ermahnungen seiner Befreundten davon abziehen konten. Dannenhero es geschehen, daß er in dem Luder-Leben all sein Geld hindurch gejagt und mithin in grosse Armuth gerathen. Als seine Mutter solches vernommen (dann der Vatter war schon gestorben) halfe sie ihm zwar aus Mitleiden mit einem Stuck Geld wiederum aus der Noth; bathe ihn aber mit weinenden Augen, er wolte sich doch der Gemeinschaft mit gedachter Person entschlagen, und seine Mutter mit so liederlichem Leben nicht länger betrüben. Aber alle gute Ermahnungen waren umsonst; dann er hatte sich schon zu weit in die Gemeischaft mit gedachter Person eingelassen. Wie nun die Mutter gesehen, daß er ihr nicht folgen wolte, schlosse sie auch ihre Händ zu, und liesse ihn in die vorige Armuth hinein rinnen. Das brachte nun den ungerathenen Sohn [94] in eine solche Furie, daß er wider die Mutter (O unerhörte Gottlosigkeit!) den Degen zuckte, und sie damit (unglückselige Feder! die du solche abentheurliche Ding beschreiben must) an der Stell zu entleiben drohete, wann sie ihm nicht ein Stuck Geld darschiessen wurde. Was wollte die betrübte Mutter thun? Aus Forcht und Schrecken gibt sie ihm eben das Gelt, und so viel als er begehrt: verbeißt unterdessen die greuliche Unbild, so ihr der Sohn angethan, aus Beysorg, wann sie sich darüber bey denen Befreundten beklagen thäte, möchte die Sach gar für die hohe Obrigkeit kommen; welche dann mit dem Sohn scharf verfahren wurde. Nichts destoweniger ist endlich die Sach, unwissend, durch wen, den Befreundten zu Ohren kommen, welche dann zusammen gestanden, und dem ungerathenen Sohn seine verübte Gottlosigkeit scharf verwiesen haben, mit Bedrohung, daß, wann er dergleichen ferners wider die Mutter unternehmen wurde, sie ihn insgesamt bey der Obrigkeit verklagen, und die Justitz wider ihn begehren wolten. Was geschiehet? wie unverschamt sonst dieser gottlose Gesell war, so schamte er sich doch wegen dieses Verweises. Raumte also das Haus, und gienge der Mutter aus denen Augen: verfügte sich aber wieder zu seinem Schleppsack, mit welchem er nach und nach alles Gelt im Luder verzehrt, und wiederum so arm worden, daß er weder aus noch an wußte. Dannenhero geriethe er in eine Verzweiflung, in welcher, als er sich einstens gantz allein befunden, nahme er ein langes, und scharf schneidendes Messer, steckte es mit dem Heft starck in eine Wand; risse alsdann den Rock auf, entblößte die Brust und lieffe mit solchem Gewalt auf das Messer zu, daß er ihm das Hertz-Blat durch und durch gestossen, und das Messer so gar den Ruck-Grad durchdrungen. Worauf er zur Erden gesuncken, und nachdem er sich verblutet, seinen unglückseeligen Geist aufgeben. Wie dieses kundbahr worden, ist die gantze Nachbarschaft zugeloffen, und hat über diesen leydigen Fall geseuftzet: vornehmlich die Mutter, als welche in Ansehung des im Blut liegenden Leichnams ihres unglückseeligen Sohns in eine Ohnmacht gefallen, und wenig gefehlt, daß sie nicht auch vor Leydwesen dahin gestorben. Des andern Tags ist der todte Leichnam (welcher sonst den Rechten nach hätte sollen verbrennt werden) der ehrlichen Freundschaft zu verschonen (dann des entleibten Sohns Herr Vatter vormahlen Burgermeister zu Lübeck gewesen) in eine ungeweyhte Erden verscharret worden. Aber gleich den andern Tag darauf hat man gesehen, daß das Grab über Nacht eingesuncken. Aus welchem man gemuthmasset, die leydige Teuffel haben den Leichnam samt der Seel mit sich geführt und in der Hölle begraben. Drexelius in Nicera l. 2. c. 12. ante fin.


O unglückseeliger Tod! O gottloses End! aber was Wunder? wann [95] dieser unkeusche, liederliche Sohn, sonst nichts gethan hätte, als daß er mit seiner Mutter so gottlos umgangen, und sie dergestalten betrübet, wurde er einen solchen Tod mehr, als wohl verschuldet haben. Die Entleibung, so er hat dörffen der Mutter androhen, ist auf ihn selbst gefallen. O wie gerecht ist GOtt.

26. Exempel
Sechs und zwantzigstes Exempel.
Ein Jüngling hoft der Wollüsten in der Welt auf viele Jahr hinaus zu geniessen, und hernach in ein Closter zu gehen; wird aber in seiner Hofnung betrogen.

Es wurde dieser Jüngling von GOtt zum öftern durch innerliche Einsprechungen ermahnt, in sich selbst zu gehen; den verbottenen Wollüsten den Korb zu geben, und in einem Closter Buß zu thun; allein, weil er frisch und starck, schluge er solche Einsprechungen in den Wind, und machte bey sich selbst diese Rechnung: wie? sollte ich mich bey so jungen Jahren der Wollüsten entschlagen? und darfür in ein Closter gehen? ein solches Leben ist für die junge Leut viel zu langweilig. Wie hart ist es keine Freyheit haben und gleichsam eingesperret leben! solche Art zu leben taugt besser für alte, als junge Leut; weilen bey denen Alten ohne das kein Muth mehr ist. So will ich dann meine Freyheit, und mithin der Wollüsten geniessen, weil ich noch frisch und starck bin. Mit der Zeit laßt es sich von dem Closter-Leben, und Buß thun schon noch reden. Anjetzo ist es zu frühe. Wie der böse Feind hinter diese Gedancken (welche der Jüngling ohne Zweifel dann und wann mit Worten gegen anderen seines gleichen wird zu verstehen gegeben haben) kommen, gabe er ihm auf eine Zeit ein, er sollte in das Feld hinaus spatzieren; da werde er den Guggu hören, der ihm mit seinem Geschrey werde anzeigen, wie viele Jahr er noch zu leben habe. Der freche Jüngling folget diesem aberglaubischen Gedancken; gehet den anderen Tag in aller Frühe in das Feld hinaus: und da er den Guggu gehört, rufte er ihm zu und sagte: hörst du, Guggu! sag mir her: wie viele Jahr hab ich noch zu leben? wann du mir es sagest, so will ich dir schönen Danck darfür erstatten, was geschiehet? der Guggu schreyt; und der Jüngling zehlet 22mahl. O ho, sagte er bey sich selbst: hab ich noch 22. Jahr zu leben; was wolte ich so frühe in einem Closter thun, und mich selbst also plagen? so frühe aufstehen, so viel in dem Chor stecken, so viel betten, betrachten, fasten, und in allem der Sinnlichkeit einen Abbruch thun? so will ich dann die Zeit abtheilen, [96] und noch 20. Jahr in der Welt leben, und dero Wollüsten geniessen; darnach will ich ins Closter gehen, und die noch übrige 2. Jahr GOtt schencken, und Buß thun. Dieses also bey sich beschlossen, führte er ein Leben, daß es zu erbarmen war. Essen, Trincken, Spielen, Bulen, Springen, und Tantzen, das war seine eintzige Verrichtugn. In Summa der Bauch war sein Abgott. Aber GOtt hat ihm diese Rechnung verwirret. Dann als der armseelige Mensch kaum 2. Jahr in seinem Luder-Leben zugebracht, überfiele ihn eine tödtliche Kranckheit, die ihm auch den Lebens-Faden abgeschnitten, und ihn in die andere Welt geschickt hat. Wie er werde gefahren seyn, ist leicht zu erachten; indem man von keiner Buß weißt, die er vor seinem End gethan hätte. Prompt. Exempl.

O wie viel hat der höllische Guggu schon betrogen; indem er ihnen die Hofnung eines längeren Lebens gemacht! damit sie also im sündigen fortfuhren, hoffend, sie werden auf die letzte noch Buß thun. Traue doch nicht O Jugend! wann du schon frisch und starck bist; dann der Tod zihlet mit seinen Pfeilen so wohl auf die Junge, als Alte. Zu dem, je mehr du sündigest, je mehr verkürtzest du dir selbst die Jahr deines Lebens. Gedencke nicht also: ich bin noch jung, ich kan noch allezeit Buß thun. Freylich kanst du Buß thun. Es ist aber die Frag, ob du es thun werdest? heut noch verspricht dir GOtt Gnad und Verzeyhung deiner Sünden, wann du heut noch wirst Buß thun: aber er verspricht dir nich den morgigenTag, daß er dich selbigen wolle erleben lassen, damit du noch Buß thun mögest. Wie darffest du dann die Buß bis auf den morgigen Tag verschieben? O Blindheit!

27. Exempel
Sieben und zwantzigstes Exempel.
Einen Jüngling peiniget das böse Gewissen wegen begangener Mordthat dergestalten, daß er sich selbst vor der Obrigkeit angeklagt, und das Tods-Urtheil über sich gesprochen.

In einer Stadt des Teutschlands diente bey einem Wirth ein frischer Jüngling, dessen Amt war, den Wein aus dem Keller zu holen, und denen Gästen aufzuwarten. Mitlerweil warffe er ein Aug auf des Wirths Tochter, des Willens, sie zu heyrathen! worzu auch diese sich nicht ungeneigt erzeigte. Allein weilen ihm das Vermögen abgienge, zu seinem Zweck zu gelangen, bedachte er sich hin und her, wo er etwann ein Stuck Gelt auftreiben möchte. Einsmahls nahme ein reicher Kaufmann, der ein schweres, und mit Gelt angefülltes Felleisen mit sich führte, die Einkehr in dem Wirthshaus, mit dessen Gelt der Jüngling seine verlangte Braut [97] zu erkauffen sich entschlosse. Nach solchem gefaßten teuflischen Anschlag schliche der Böswicht nächtlicher Weil in die Kammer, wo der Kaufmann lage, und schnitte dem guten Mann im Schlaf mit einem Messer die Gurgel ab; verscharrete hernach den Leichnam in den Keller, und gienge alles so listig an, daß niemand den geringsten Argwohn einer so greulichen That auf ihn warffe. Ja solchen Argwohn den Leuten gäntzlich zu benehmen, zeigte er dem Wirth einen erdichteten Brief, und begehrte Erlaubnus, in sein Vatterland zu verreisen, unter dem Vorwand, eine von einem seiner Befreundten ihme hinterlassene reiche Erbschaft anzutretten. Nun er ziehet hin; kommt nach etlichen Wochen mit einem schönen Stuck Gelt wieder; haltet an um die Tochter, bekommt sie; führet sie zur Kirchen, und wird das Hochzeit-Fest mit Freuden vollzogen. Es hauseten auch diese zwey junge Ehleut treflich wohl miteinander. Ihre Wirthschaft nahme zu, das Gelt wuchse in der Truchen, und ward der Zulauf der einkehrenden Gästen je länger je grösser, weilen so wohl sie ein Ehrenliebendes freundliches Weib; als er ein emsiger, kluger, und haußlicher Mann ware. Uber solches hatte nicht allein der Schweher-Vatter eine ungemeine Freud; sondern die gantze Stadt hielte so viel von dem jungen Wirth, daß er zu einem Raths-Herrn erwählet worden. Nun bishero gienge noch alles wohl, dem äusserlichen Schein nach; aber der inwendige nagende Wurm des bösen Gewissens, welches ihm ohne Unterlaß diesen Vorwurf thate: du bist ein Mörder, du hast den Tod verdient, und dergleichen versaltzte ihm alle gute Täg gar übel. Es druckte ihm manchen heimlichen Seuftzer aus dem Hertzen; es machte ihn oft gantz verwirret, mit solchem Gewalt und Angst, daß er sich ent schlossen, lieber zu sterben, als eine so unleidentliche Plag länger zu gedulden. Es stunde auch nicht lang an, daß er seinen Wunsch erlangt: und das bey folgender Gelegenheit. Man hielte auf eine Zeit einen Gerichts-Tag über einen verhaften Dieb und Mörder, um das End-Urtheil über ihn zu fällen. Der junge Wirth samt anderen Raths-Herren wohnte nach altem Herkommen der heiligen Meß bey; verfügte sich alsdann nach Haus, und begehrte an sein Weib ein Fruhestuck, um desto leichter so lange Zeit im Rath ausdauren zu können. Die Wirthin hierzu gantz willig, rüstete ihm einen Kalbs-Kopf zu, und stellte ihm selbigen auf den Tisch vor: weilen sie wohl wußte, daß dieses ein Speiß nach seinem Magen wäre. Er aber entsetzte sich heftig darab; erbleichte in dem Angesicht; fienge an zu zittern am gantzen Leib, und rufte überlaut:thue mir diesen Menschen-Kopf hinweg. Die Wirthin solches sehend und hörend, meinte anderst nicht, als ihr Mann müßte gähling im Kopf verruckt worden seyn; als die wohl wußte, daß sie keinen Menschen-Kopf, sondern einen Kalbs-Kopf gesotten, und [98] auf dem Rost gebraten hätte. Er aber voll der betrübten Gedancken stunde vom Tisch auf, nahme seinen Hut und Mantel, und gienge dem Rathhaus zu. Wie nun die Ordnung an ihn kame, seine Stimm zu geben, redete er gantz vernünftig von der Sach, und erkennete obgedachten Mörder des Tods schuldig: setzte aber noch dieses hinzu, er halte darfür, und erachte, daß man heut nicht nur einen, sondern zwey Ubelthäter hinrichten soll. Er habe eine weit grössere Straf verdient, als dieser Maleficant: es wäre dann Sach, daß die Richter aus sonderbahrer Gnad und Mildigkeit etwas gütigers mit ihme verfahren wurden. Alle anwesende Raths-Herren entsetzten sich ab dieser Red, und konnten ihnen nicht einbilden, daß ein solcher Mann, von deme man nichts, als alles ehrliches wußte, eine That sollte begangen haben, so den Tod verdiente. Allein er erzählete ihnen den gantzen Verlauf: wie mörderisch nemlich er vor so, und so viel Jahren mit einem Kaufmann umgangen. Und zu Bekräftigung seiner Worten begehrte er, man sollte hinschicken in den Keller, an diesem Ort, in jenem Winckel werde man die eingegrabene Todten-Beiner von dem ermordeten Kaufmann noch finden. Nun das geschiehet. Man schickt hin, suchet, grabet, und findet alles, wie er ausgesagt. Worauf er dann (wie er selbst begehrt) zu dem Tod verurtheilt, nebst obgedachtem Mörder (mit Verwunderung der gantzen Stadt über die gerechte Urtheil GOttes) zur Richtstadt hinaus geführt, und geköpft worden.) D Outreman in Pædagogo Christiano Tom. 2. P. 1. c. 3. Sect. 1. n. 3.


Ewiger GOtt! was für ein greuliches Ubel ist es um ein böses Gewissen! wie nagt es! wie zwickt es! wie foltert es! und wie laßt es dem Menschen weder bey Tag, noch bey Nacht so gar kein Ruhe! und gesetzt auch, daß einer, der ein böses Gewissen hat, bisweilen einen Schlaf thun könne; wie bald wachet der nagende Wurm wieder auf, und fangt an, auf ein neues zu nagen und zu beissen; den Verstand mit Verwirrungen; den Willen mit Forcht und Schrecken; das Hertz mit Bitterkeit, den gantzen Menschen mit Tods-Aengsten anzufüllen! was für ein elendes Leben ist dieses, wo man lieber sterben, als noch länger also leben wollte; herentgegen was für ein Trost, was für ein Freud, was für eine Vergnügung bringt mit sich ein gutes Gewissen! wie wohl ist einem solchen Menschen, wann er auch arm ist, wann er kranck ist, wann er verfolgt wird, daß also nichts der Wahrheit so gemäß ist, als was das Sprichwort sagt:


Ein gutes Gewissen,
Ist der beste Bissen.
Wohl redlich! und bringt es auch die Erfahrnuß mit sich.
28. Exempel
[99] Acht und zwantzigstes Exempel.
Aus Zulassung GOttes gerathet ein Student (weil er den göttlichen Beruf in einen geistlichen Ordens-Stand in Wind geschlagen) in die Händ der Mörder: von welchen er in ein Fuhr-Faß eingesperrt, wider ihr Verhoffen auf ein wunderliche Weis ist erlediget worden.

In unserem lieben Teutschland war vor Zeiten ein Jüngling, den seine Elteren zum Studieren auf eine hohe Schul in die Fremde geschickt. Ob sie nun wohl bey Mittlen waren; so schickten sie ihm doch das Jahr hindurch nur so vil Geld, als er für die Kost, und endlich zu einer ehrlichen Kurtzweil vonnöthen hatte: aus Beysorg, er möchte es versauffen; oder sonst unnutzlich ausgeben. Auf solche Weis geschahe es, daß er sich inner den Schrancken der Gebühr, und Mäßigkeit hielte. So lage er auch nicht allein dem Studiren fleißig ob; sondern machte auch in der Tugend, und einem Studenten anständigen Sitten einen solchen Fortgang, daß er ab der Welt nach und nach einen Eckel bekame, und den Heil. Vorsatz machte, nach vollendtem Studieren in einen gewissen geistlichen Orden zu tretten; um darinn GOtt zu dienen, und sowohl des Nächsten, als seiner Seelen-Heyl abzuwarten. Aber, O wie unbeständig ist die Jugend in ihren Anschlägen! und wie bald laßt sie sich verführen! dann sihe, wie seine Schul-Gesellen gemerckt, daß er zum Clösterlichen Leben geneigt wäre, suchten sie ihn auf alle Weis davon abzuziehen. Zu diesem End luden sie ihn öfters ein; jetzt in ein Garten-Häußlein; jetzt zu einer Abend-Zech; jetzt zu einem Karten-Spiel; und endlich auch zu einem Tantz. Weilen er sich nun von ihnen bereden liesse, geschahe es, daß er nicht allein im Studiren; sondern auch in der Tugend nach und nach erkaltete. Er kam also nicht mehr so fleißig in die Schul; beichtete und communicirte nicht mehr so oft, wie vorhin: sondern seine Gedancken stunden meistentheils auf die Gesellschaften, auf das Trincken, Spilen, und Tantzen. In Summa unser Student ware nunmehr gantz verändert, und nicht mehr derjenige, der er zuvor gewesen. Das verursachte nun seine Lehr-Meister, daß sie an die Elteren schriben, und sie mahnten, den Sohn nach Haus zu beruffen, und nach der Vacantz anderstwohin zum Studiren zu schicken: damit ihm also die Gelegenheit verderblicher Gesellschaft abgeschnitten wurde. Welches sie dann auch thaten, und dem Sohn zur Straf seines Unfleißes, und freyen Lebens kaum so vil Geld schickten, als er zu einer Weeg-Zehrung vonnöthen hatte.[100] Also dann machte sich unser Student, ohne Gefährten auf die Heim-Reis; mußte aber unter Weegs durch einen zimlich langen, dicken, und förchtigen Wald passiren. Nun geschahe es, daß er im Wald des Weegs verfehlte, und keinen Ausgang finden könte: welches ihn dann in grosse Sorgen setzte, er wurde villeicht in dem Wald über Nacht zu bleiben gezwungen seyn. Nachdem er also lang herum geirret, neigte sich der Tag gegen Abend, und fiele endlich die Nacht ein. Da ist nun nicht auszuprechen, in was Aengsten unser Student sich befunden, sorgend, er möchte etwann von den wilden Thieren gefressen; oder von den Wald-Gespenstern geplaget werden. Indem er also Schritt für Schritt geht, erblickt er zwischen den Bäumen ein Liecht, welches ihn glauben gemacht, er werde villeicht zu einer Hütten kommen, in welcher sich Hirten aufhielten, so das Vieh thäten hüten. Das munterte ihn dann auf, daß er dem Schein des Liechts nachgienge: ist auch endlich geschehen, daß er zu einer Hütte kommen. Als er nun dort anklopfte, kame mit einem Liecht für die Thür heraus ein altes Weib. Die fragte ihn, wie er daher kommen? wer er seye? und was er zu solcher Unzeit verlange? er antwortete; wie daß er ein Student und auf der Heim-Reis wäre: habe aber das Unglück gehabt, daß er in dem Wald verirret, und bis es Nacht worden, keinen Ausgang finden können. Bitte also, sie möchte ihn über Nacht beherbergen: er wolle ihr im geringsten keine Ungelenheit machen, und gern auf einer Burde Stroh verlieb nehmen. Wann er aber ein Suppen, oder wenigst ein Stuck Brod haben könte, wolte er solches bezahlen; dann er von dem Gehen ziemlich abgemattet, und hungerig seye. Wie das alte Weib gesehen, daß der Student wohl gekleidet, und eines feinen Ansehens, sagte sie zu ihm, ach mein guter Mensch, wie erbarmest du mich! dann wisse, daß dieses ein Mörder-Hürten seye. Darum mache dich geschwind fort! sonst ist es mit deinem Leben geschehen: dann die Mörder seynd nicht längst ausgangen einem Fuhrmann, den sie in dem nächsten Dorf erkundiget, und verstanden, daß er noch diese Nacht mit einem Güter-Wagen durch den Wald fahren werde, aufzupassen, ihn zu ermorden, und was auf dem Wagen ist, mit sich hieher zu führen. Wird auch nicht mehr lang anstehen, so werden sie mit dem Wagen da seyn. Dieses geredt, weinte sie vor Erbärmnuß und Mitleyden gegen dem Studenten; holte ihm ein Stuck Brod aus der Hütten, und zeigte ihm einen Weeg, wo er denen ankommenden Mördern entgehen möchte. Wie dem armen Studenten werde um das Hertz geweßt seyn, ist leicht zu gedencken. Dann er ware gantz allein, und wußte weder Steg noch Weeg. Zudem schröckte ihn nicht allein die Nacht; sondern auch der dicke Wald. So ware [101] er auch abgemattet, und konte kaum mehr fortkommen. Allein die Forcht denen Mördern in die Händ zu gerathen, machte ihm Füß; und kame ihm der Mondschein sovil zu statten, daß er wenigst den Weeg sehen konte. Er saumte sich also nicht; sondern gienge darauf so geschwind, als ihm möglich war: bis er ein gutes Stuck Weegs hinter sich gelegt hatte. Aber, O! Des Unglücks! indem er selbigem zu entgehen verhoft, fallt er ihm mitten in die Händ. Dann sihe! er kame just auf den Weeg, wo die Mörder den Fuhrmann eben unter die Erden verscharreten. So bald ihn diese bey dem Mondschein erblickt, lieffen sie auf ihn zu, packten ihn an, und fragten wer er wäre? und was er bey nächtlicher Weil in dem Wald zu thun hätte? der arme Jüngling, aller erschrocken, antwortete: wie daß er ein Student, und auf der Heim-Reis begriffen, in dem Wald verirret wäre. Bitte also, sie wollen ihn seinen Weeg paßiren lassen. Als die Mörder dises gehört, sagte einer aus ihnen, bey dem noch ein Mitleyden war, zu denen anderen auf Kauder-Welsch: Brüder! was wollen wir usere Händ in dem Blut dieses armen Tropfens waschen? es ist genug: wann wir ihn ausziehen, und ihm das Geld, das er etwann bey sich hat, wegnehmen. Als dann mag er gleichwohl hingehen! Wo er will. Bey Leib nicht, sagte einer aus denen anderen: Dann lassen wir ihn gehen, so wird er uns in dem nächsten Dorf verrathen. Alsdann wird man uns aufsuchen, und nicht nachlassen, bis daß man uns erdappet und zur gebührenden Straffe wird gezogen haben. Es ist wahr, sagt der dritte: allein, ich weiß, was wir thun. Laßt uns ein Fuhr-Faß von dem Wagen herunter wältzen, und den Studenten drein sperren, bis wir gleichwohl mit dem Wagen nach unser Hütten zuruck gefahren, und das Nacht-Essen eingenommen: als dann können wir wieder zuruck kehren, und den eingesperrten aus dem Faß herauslassen, und ihm dem Garaus machen. Solche Reden führten sie untereinander in Kauder-welscher Sprach, nicht glaubend, daß der Student selbe verstehe. Allein dieser hatte sich vor diesem unter anderen Studenten solcher Sprach oft Schertz-weis zu gebrauchen gewohnt. Weilen nun die Meinung des letzteren Mörders von den anderen gut geheissen wurde, sperrten sie den armen Studenten in das Fuhr-Faß, und nahmen den Weeg nach ihrer Hütten zu. Wie sich der Student nun allein befande, fienge er an bitterlich zu weinen, und sein Unglück zu beklagen. Ach! sagte er: in was Unglück bin ich gerathen! O wie werden diese Mörder mit mir umgehen! mit wie vil Wunden werden sie mich umbringen! O daß GOtt erbarme! und was werdet ihr, meine liebe Elteren! gedencken, wann ihr mich nicht mehr sehen werdet? O in was [102] Kummer, Sorgen, und Hertzen-Leyd werdet ihr gestürtzt werden! indem ihr nicht werdet errathen können, wo ich hinkommen oder wie es mir gangen seye. Allein was nutzt dieses mein Klagen? da ist nicht mehr zu helffen. Aus ist ist es mit mir: verlohren bin ich. Es geschiehet mir aber recht, O GOtt! dieses Unglück hast du billich über mich verhenget. Warum hab ich dir nicht gefolget, da du mich innerlich so oft angetrieben, die Welt zu verlassen, und dir in einem geistlichen Ordens-Stand zu dienen. Ich hab gesündiget: ich bekenne es: und ist mir leyd darfür. Ach GOtt verzeyhe es mir: ich hab es nicht besser verstanden. Sihe an mein reumüthiges Hertz, und thue es nicht verachten. Indem er sich also selbsten beklagte, und sein Hertz zu GOtt ausschüttete, sihe! da kame ihm dieser Gedancken: ey! wann schon alle menschliche Hülf hin ist, so kan doch GOtt noch helffen. Warum setze ich dann nicht all mein Vertrauen auf ihn? warum ruffe ich ihn nicht aus gantzem Hertzen an, er wolle mir aus diesem Faß hinaus helffen? wer weißt, ob er mich nicht erhören wird? O! es ist noch keiner geweßt, der auf ihn gehoft, und doch wäre zu Schanden worden. Dieses geredt, thate er ein Gelübd zu GOtt, daß, wann er ihm aus dieser Noth helffen wurde, wolte er ohne längeren Aufschub in denjenigen Ordens-Stand tretten, zu welchem er so oft innerlich angetriben worden. Kaum hatte er dieses Gelübd gethan, da schöpfte er eine grosse Hoffnung, aus dem Fuhr-Faß erlediget zu werden: welches auch geschehen; und zwar auf folgende wunderliche Weis. Indem eben dazumahl der Mond hoch an dem Himmel war, geschahe es, daß etliche vor Hunger heulende Wölf daher kamen, um das Fuhr-Faß herum giengen, und bald oben, bald unten schmeckten, was darinn seyn möchte. Der Student, wie er zum Spund-Loch hinaus gesehen, gedachte bey sich selbst: da werdet ihr mir nicht zukommen, wie hungerig ihr auch seyn möget. Ich bin da vor euch wohl versorget. Da er dieses gedenckte, sihe! da sprange einer aus den Wölffen auf das Fuhr-Faß hinauf, und indem er lang herum geschmeckt, geschahe es, daß er sich nidersetzte, und den Schweif in das Spund-Loch hinein hangen liesse. Der eingesperrte dies sehend, bediente sich dieser unverhoften Gelegenheit; ergriffe den Wolf-Schweif; risse ihn zu sich, und hebte ihn so fest an, daß der Wolf greulich zu heulen angefangen, und dardurch die andere Wölf weg getriben. Allein er machte sich darum nicht loß. Weil er sich aber zuletzt so starck bemühet, daß sich das Fuhr-Faß zu wältzen anfienge, zoge er solches über ein schrofechtige Büchel-Halden (an welcher es gestanden) nach sich: wo es dann durch das gähe wallen und stürtzen bald da, bald dort an einen schrofechtigen [103] spitzigen Stein so starck und gewaltthätiger Weis zerstossen worden, bis endlich die Faß-Reif zersprungen, und mithin auch die Faß-Taugen aus einander gangen seynd. Als der Student sich auf solche Weis ledig gesehen, liesse er den Wolf mit seinem Schweif lauffen, wo er wolte. Der Wolf aber, welcher froh war, daß er mit seinem Schweif davon kommen, eylte mit vollem Lauf nach seiner Höhle, und sahe wohl nicht einmahl um, wer derjenige seye, so das Hertz gehabt, ihn so lang an dem Schweif vest zu halten. Der Student, welcher nunmehr in die Freyheit gesetzt war, danckte GOtt aus gantzem Hertzen, daß er durch seine Vorsichtigkeit so wunderbarlicher Weis aus dem Fuhr-Faß, und mithin aus den Händen der Mördern errettet worden. Saumte sich beynebens nicht, eylends den Weeg zum Wald hinaus zu nehmen: den er auch gegen anbrechenden Tag mit GOttes Hülf gefunden; in dem nächsten Dorf in einem Wirths-Haus eingekehrt, und dem Wirth mit erstaunen den gantzen Handel erzählet hat. Nachdem er sich allda mit Speiß und Tranck erquicket, nahme er den Weeg weiters nach der nächsten Stadt, in welcher ein Closter von demjenigen Orden war, in welchen er zu tretten schon längsten einen Lust gehabt. Dort hielte er inständig um den H. Orden an; wurde aufgenommen, und diente GOtt darinn bis an das End seines Lebens. Wie sich unterdessen die Mörder werden verwundert haben, da sie in ihrer Ruckkehr wider alles Verhoffen weder den Studenten, noch das Fuhr-Faß mehr gefunden, ist leicht zu gedencken. S.J. Libro de fiducia in Deum. c. 15.


Wie wohl hat es GOtt mit diesem Studenten noch gemeint! Er hätte in dieser Gefahr zu ihm können sagen: ich hab dir lang geruffen, und du hast mein Ruffen verachtet, und in Wind geschlagen. Jetzt will ich deiner auch spotten, und zu deinem Verderben lachen. Aber nein; so bald der Student seinen Fehler erkennt, GOtt um Verzeyhung gebetten, den Fehler zu besseren versprochen; mithin sein Vertrauen auf GOtt gesetzt, und ihn um Hülf angeruffen, hat ihn dieser auch nicht stecken lassen. So gütig und willfährig ist GOtt, wann man sich mit gantzem Hertzen wiederum zu ihm wendet. Mithin sihet man auch, wie wahr es seye, was man insgemein zu sagen pflegt: wann die Noth am grösten ist, da kommt GOtt, und hilft.

29. Exempel
[104] Neun und zwantzigstes Exempel.
Ein Vatter zahlet seine undanckbare Töchtern, in Aufsetzung des Testaments gar artig aus.

In einer gewissen Stadt war ein Raths-Herr, mit Namen Johannes Conaxa; reich an Vermögen. Seine verstorbene Ehe-Frau hinterliesse ihm zwey gewachsene Töchteren; die er aber recht närrisch liebte. Dann er ihnen nicht allein durch reichliche Aussteurung zu einem ehrlichen Heurath geholfen; sondern nachdem sie auch schon verheurathet waren, selbige fast täglich mit ihren Männern zu Gast geladen, und niemahl unbeschenckt von sich weggelassen. Damit nun die Töchtern den Vatter in seiner Freygebigkeit, oder besser zu reden, Verschwenderey erhielten, luden sie ihn dann und wann auch zu Gast, und stritten in die Wette, welche aus ihnen dem Vatter am meisten Freundlichkeit, und Gutes erweisen könnte. Sie thaten es auch nicht umsonst. Dann der Vatter dardurch bewegt, und eingenommen, griffe endlich sein Silber-Geschirr, und anderen kostbaren Haus-Rath an, und schenckte ihnen ein Stuck nach dem anderen; bis er sich auf die letzte also erschöpfet, daß er fast nichts mehr hatte, und nunmehr selbst Mangel leiden mußte. Wie die Töchteren von dem Vatter nichts mehr zu hoffen hatten, da hatte ihr Einladen und Freundlichkeit auch ein End. Sie liessen ihn halt gehen, wie er gienge. Geschahe es aber, daß der Vatter dann und wann ihnen zu Haus kante, und gantz erhungert sich zu Gast lude, sahen sie ihn mit schlechten Augen an; und mußte er frohe seyn, wann sie ihme eine gute Zeit wünschten, oder Vatter hiessen: so gar galte er nichts mehr bey ihnen. Dannenhero so etwann in der Kuchel ein Braten am Spieß steckte, fuhren sie damit vom Herd hinweg, und versteckten ihn, nur damit sie dem Vatter nichts müßten darvon geben. Mußte also der gute Vatter mit dem Geschmack vom Braten verlieb nehmen, und mit hungerigem Bauch nach Haus kehren. Da gienge dann dem Conaxa der Verstand auf; bisse unterwegs in die Nägel der Hände, und sagte bey sich selbsten: so so? gehen deine Töchteren mit dir also um, nach dem du ihnen alles angehenckt, und nun ihrentwegen in diese Armuth gerathen? ist das der Danck, daß ich sie so oft zu Gast geladen, und das meine mit ihnen verthan hab? Die anjetzo thun, als kennten sie mich nicht mehr; will geschweigen, daß sie mich auch nur ein eintziges mahl mehr zu Gast luden. Gantz recht: ich will ihnen schon einen Possen reissen, daß sie an den Conaxa gedencken sollen. Dieses geredt, nahme er in der Stille, und unwissend seiner Töchteren, den geraden Weeg zu einem seiner besten Freun den, ihne inständig bittend, er möchte die Freundschaft [105] vor ihn haben, unb ihme ein Summa Geld leihen, mit der Versicherung, soche Summa in wenig Tägen wiederum heim zu stellen. Wie er nun von diesem Freund gedachte Summa erhalten, liesse er seinen Töchtern sagen, sie wolten ihnen belieben lassen, in sein Haus zu kommen, und mit ihm ein Mittag-Süpple einzunehmen; dann ihm ein guter Freund etwas zu essen geschickt hätte. Die Töchteren dies hörend, liessen sich nicht lang bitten; sondern fanden sich zeitlich in ihres Vatters Haus ein. Nun man setzet sich zu Tisch; man isset: machts aber kurtz; dann der Speisen nicht viel waren. Conaxa stunde zu erst vom Tisch auf, und sagte zu denen Töchteren, sie solten nur noch ein Weil still sitzen; er wolle bald wieder zu ihnen kommen. Darauf hin gehet er in die Stuben-Cammer; und nachdem er sie verrigelt, nahme er aus einer Truhen das von seinem Freund entlehnte Geld herfür, warfe einen Thaler und Gulden nach dem anderen auf einen Schreib Tisch hin, als wolte er probiren, ob sie gerecht wären, und also den rechten Klang hätten. Zählete alsdann das Geld sagend: das seynd tausend Thaler, und das auch so viel. Das seynd so viel Gulden: und so fort. Wie die Töchteren am Tisch hörten, daß der Vatter in der Stuben-Cammer Geld zählete, stunden sie alsobald vom Tisch auf, schlichen zur Cammer-Thür hin, und sahen durch eine Klumse auf des Vatters Schreib-Tisch einen grossen Hauffen Geld. Da schaueten sie dann einander an, riben vor Freuden die Händ, und sagten: O wie kommen wir dem Vatter so unverhofter Weis hinter seine Spring! wer hätte gemeint, daß er noch so viel verborgenes Geld haben solte! ja ja; es heißt wohl, alte Füchs, alte List. Allein jetzt liegt es nur an dem, wie wir ihm auf ein neues schön thun; damit er uns auch dieses Geld lasse zukommen. Unterdessen da die Töchteren dieses einander in die Ohren sagen, verschließt der Alte das gezählte Geld wieder in die Truche, und kommt darauf wieder in die Stuben: allwo sich die Töchteren wohl nichts mercken liessen, als hätten sie den Vatter in der Stuben-Cammer hören Geld zählen. Doch sagten sie ihm Danck für das Mittag-Essen, nahmen von ihm freundlichen Abschied, und giengen voller Freuden wieder nach Haus. Kaum aber waren sie weg, da truge Conaxa in der Stille das entlehnte Geld seinem Freund zuruck, und bedanckte sich auf alle Weis, daß es ihm wäre anvertraut worden; verschlosse unterdessen in obgedachter Truchen anstatt des entlehnten Gelds einen anderen Schatz. Des andern Tags darauf in aller Fruhe fanden sich in des Conaxa Haus ein seine Töchteren, und dero Männern; thaten ihm über die massen schön, und fragten, was er guts lebe; wie er die vorige Nacht geschlaffen; und ob sie ihm in etwas dienen könnten? er solte nur befehlen; sie stehen ihm alle Stund und Augenblick zu Diensten. Allein Conaxa gabe ihnen keine Antwort; sondern kehrte [106] sich auf die Seiten, knappete mit dem Kopf, und sagte bey sich selbsten: ja ja diese Freundlichkeit erweisen sie nicht dir, mein Conaxa; sondern deinem Geld, das sie noch hoffen von dir zu bekommen. O wann das nicht wär, wurden sie es wohl bleiben lassen! allein es ist nichts daran gelegen. Aufs wenigst hat es das Ansehen, sie werden mir ins künftig höflicher begegnen, und Guts thun, wo sie können. Es ward auch Conaxa in seiner Hofnung nicht betrogen. Dann die Töchteren luden den Vatter wieder auf ein neues ein, und stritten in die Wette, welche ihm mehr Höflichkeit und Gutes erweisen könnte. Wie Conaxa das gesehen: sagte er: hört ihr, meine Töchteren, und Töchter-Männer! wann ihr mich werdet in Ehren halten, wie es eure Schuldigkeit ist, und mir Guts thun; so lang ich noch lebe, so solt ihrs nach meinem Tod reichlich zu geniessen haben: dann so und so viel Geld hab ich noch im Vorrath. Solte ich aber das Widerspiel erfahren, so werde ich alsdann auch thun, was ich will. Da solte man gesehen haben, wie sich die Töchteren und ihre Männer alles Gutes anerbotten; wie sie ihm geschmeichelt; wie ein jedes am besten bey ihm habe wollen dran seyn. Wie Conaxa das gehört, sagte er: Nun so ver lange ich dann, daß ihr mir vor meinem Tod, und weil ich noch wohl auf bin, so und so viel heilige Messen sollet lesen lassen; daß ihr unter die Haus-Arme Leut so und so viel Allmosen austheilet: damit ich ein glückseliges Sterbstündlein erlange, und dann nach meinem Tod nicht lang auf eure Hülf warten müsse. Die Töchteren, und ihre Männer, als welche hoften, sie wurden nach seinem Tod noch einen grossen Schatz ererben, sagten ihm alles zu; liessen unverzüglich viel heilige Messen lesen, und theilten unter die Haus-Arme grosses Allmosen aus. Eine lange Zeit auf dieses hin wurde Conaxa mit einer tödtlichen Kranckheit überfallen. Wie er gemerckt, daß er sterben müsse, liesse er seine Töchteren für sich kommen, zu welchen er mit gebrochener Stimm also redete: höret, ihr meine Töchteren! dies ist mein letzter Will: wann ich werde gestorben seyn, so sollet ihr mich ehrlich, wie es einem Raths-Herrn gebühret, zur Erden bestatten; mir die gewöhnliche Seel-Aemter halten, und andere heilige Messen nachlesen lassen: koste es hernach, was es immer wolle. Dann jene Truchen, die ihr vor meiner Bethstatt sehet, wird euch die gemachte Unkösten häufig ersetzen. Dieses geredt, griffe er in die letzte Zügen, und gabe in Gegenwart seiner Töchteren den Geist auf. Die Töchteren weinten zwar; aber es war ihnen nicht recht ernst darbey. Sie machten es halt, wie alle undanckbare Kinder, welche mehr weinen, weil ihnen ihre Elteren keine grössere Erbschaft hinterlassen, als daß sie ihnen weggestorben. Doch haben sie dem Vatter die Leich begängnuß [107] halten lassen, wie ers begehrt hatte; und das mit grossen Unkösten. Wie nun die 30. Täg nach der Leich vorbey, und es Zeit war, die hinterlassene Erbschaft untereinander zu theilen, da hätte man sehen sollen, wie sie der Truchen zugeloffen. Ein jedes wollte in dero Eröfnung das erste seyn. Aber siehe! wie sie selbige eröfnet (lache doch keiner, der dieses lieset, oder hört) da fanden sie weder Heller, noch Pfenning darinn; wohl aber an statt der verhoften Thaler und Gulden einen grossen knoßpeten Prügel, auf welchem folgende Wort mit grossen Buchstaben eingeschnitten waren.


Derjenige Vatter, welcher seine Kinder so närrisch liebt,
Daß er ihnen alles anhängt, und darbey seiner selbsten vergißt,
Der solle allein Erb dieses Schatzes seyn.
Also schaffe ich, also verordne ich, also testamentiere ich: das ist mein letzter Will.

Wie die Erben das gelesen, da ist nicht auszusprechen, wie sie sich in das Hertz hinein geschämt haben. Sie sagten wohl kein Wort: sondern zogen in der Stille mit einer Nasen ab, die mehr als ein Spann lang war. Angelinus Gazæus S. J. in Piis Hilar.


O wann alle undanckbare Kinder von ihren Elteren also bezahlt wurden, wie recht geschehe ihnen! geschihet es nicht, so wird GOtt sie darum finden; seye es über kurtz, oder lang.

30. Exempel
Dreyßigstes Exempel.
Ein undanckbarer Sohn gedenckt nicht einmahl seines verstorbenen Vatters in der andern Welt.

Ein wohl vermöglicher Mann in Portugall hatte seinem eintzigen Sohn viel Gelt und Gut hinterlassen, aus Hofnung, der Sohn werde seiner nach dem Tod ingedenck seyn, und ihm Theils durch heilige Messen; Theils durch Allmosen, wann er etwann deren in der anderen Welt sollte vonnöthen haben, zu Hülf kommen. Allein der gute Vatter fande sich weit betrogen, indem der Sohn nichts weniger, als dieses gethan. Das thate nun einem Freund des Verstorbenen so wehe, daß er den Sohn deßwegen mit Worten gestraft, und zu ihm gesagt: er sollte sich in sein Hertz hinein schämen, daß er gegen seinem verstorbenen Vatter so undanckbar seye, der ihm doch so viel Gelt und Gut mit grosser Mühe und Arbeit zusammen gesammlet, und als ein Erb hinterlassen hätte. Allein der Sohn antwortete mit unerhörter Frechheit folgender Gestalten: was frag ich darnach, wie es meinem Vatter in der anderen [108] Welt gehe. Meinetwegen mag er seyn, wo er wolle, das bekümmeret mich wenig. Dann ist er im Himmel, so hat er meiner Hülf nicht vonnöthen. Ist er in der Höll, so kan ich ihm nicht helffen. Ist er aber vielleicht im Fegfeur, so wird er froh seyn, und gern leyden; dieweil er nemlich der Seeligkeit halben versichert ist. Benedictus Pererius in Cap. 50. Genes.


Wer hat jemahl eine so freche Red von einem Sohn gehört? und was hat diese Red wohl verdient? wäre es ein Wunder geweßt, wann sich der Boden eröfnet, und dieses Abendtheur von einem Sohn lebendig verschluckt hätte? gewißlich nicht. Aber GOtt wird ihm ohne Zweifel die Rechnung gemacht haben; und wann er der Höll entrunnen ist, hat GOtt wohl eine sonderbahre Barmhertzigkeit an ihm erwiesen. Unterdessen lassen ihnen alle Vätter in ein Ohr gesagt seyn: daß sie nemlich ihren eigenen Kinder nicht zu viel trauen sollen.

31. Exempel
Ein und dreyßigstes Exempel.
Ein Jüngling, der unter dem Spielen auf sich selbsten fluchet, wird von einem grausamen Gespenst erschröckt.

In Welschland war im Jahr Christi 1586. ein Jüngling der sich dem Würffel und Karten-Spiel unmäßig ergeben hatte. Nun geschahe es einstens, daß, indem er bey nächtlicher Weil mit seinen Cammeraden gantz begierig spielte, und (wie es eben beym Spielen insgemein geht) sich unter ihnen ein Zanck und Wort-Streit erhebte; und aber die andere ihm nichts draus gehen liessen, er gantz frech in diese Wort ausgebrochen: der Teufel soll ihn hohlen, wann deme nicht also, wie er behaupte. Und siehe! kaum hatte er den Wunsch gethan, da erzitterte das gantze Zimmer, wo diese Spieler beysammen waren. Bald darauf liesse sich an der Wand des Zimmers ein erschröckliches Gespenst sehen, welches von einem Winckel des Zimmers in den anderen fladerte; und das mit solchem Schrecken des Fluchers, daß er in eine Ohnmacht dahin gesuncken. Wie er sich aber wieder erhohlet, fiele er auf seine Knye nieder, und bate GOtt mit aufgehebten Händen um Verzeyhung wegen des gethanen frechen Fluchs; mit dem Versprechen, des andern Tags eine heilige Meß lessen zu lassen, wann das Gespenst abweichen wurde. Allein er wurde nicht gleich erhört: dann das Gespenst nicht allein in dem Zimmer noch herum fladerte; sonderen auch das Liecht, so auf dem Spiel-Tisch branne, auszulöschen sich bemühete: welches aber die andere Cammeraden mit Vorhaltung eines Crucifix Bilds verhindert, und vom Liecht abgetrieben. Allein [109] dieses Gefecht mit dem Gespenst daurete die gantze Nacht hindurch, bis endlich der Tag anzubrechen begunnte: da dann auf gegebenes Zeichen des Gebett-Läutens das Gespenst mit erschröcklichem Geräusch abgewichen, und verschwunden. Es hatte sich aber darum der Schrecken bey dem Flucher nicht verlohren; indem er noch immer in Sorgen gestanden, das Gespenst möchte ihn etwann die darauf folgende Nacht auf ein neues schrecken, oder wohl gar weg führen. Damit er sich dann auf allen Fall versicherte, nahme er seinen Weeg in aller Frühe in ein nächst gelegenes Closter: allwo er eine reumüthige Beicht abgelegt, mit dem Versprechen, sein Lebtag nimmermehr einen so frechen Fluch zu thun. Welches er auch heiliglich gehalten, und forthin von fernerem Schrecken, und Beunruhigung des Gespensts erlediget worden. Franc. Bencius in Annal. Soc. Anno 1586.de rebus Collegii Vercellensis.


O wann alle Spieler und freventliche Flucher allezeit an dieses Gespenst gedenckten, wie wurden sie sich besinnen, bis sie auf sich selbsten fluchten! und viel minder dem Teufel, als dem abgesagten Feind der Menschen, ruften; freche Gesellen, ihr dörffet ihm eben nicht ruffen; er kommt wohl vor sich selbsten.

32. Exempel
Zwey und dreyßigstes Exempel.
Die dritte Person in der heiligsten Dreyfaltigkeit, nemlich der heilige Geist, tröstet einen Tod-Krancken Studenten, welcher vorhin an seiner Seelen-Heyl verzagt war.

Es waren zwey leibliche Brüder, die studierten miteinander auf der hohen Schul zu Paris; waren aber von gar ungleichen Sitten: dann der jüngere aus ihnen hatte GOtt vor Augen; studierte fleißig ware sittsam, und flohe alle böse Gesellschaft: der ältere aber thate in allem das Widerspiel. Dann er verzehrte nicht allein die edle Zeit mit Spielen und Sauffen; sondern henckte sich auch an leichtfertige Schleppsäck, mit welchen er so ärgerlich lebte, daß die gantze Stadt Paris von ihm zu sagen wußte. Das thate nun dem jüngeren im Hertzen wehe; indem er aller Orten, wo er hin kame, sich seines Bruders schämen mußte. Demnach ermahnte er ihn ein und andermahl, er wollte doch in sich selbsten gehen, und gedencken, was für ein schwere Verantwortung er ihme selbst bey dem höchsten Richter auf den Hals lade. Allein der gottlose Bruder lachte den jüngeren nur aus, sagend: er wisse schon, was er zu thun habe. So stehe auch dem jüngeren nicht zu, den älteren zu ermahnen. Es setzte aber der jüngere darum nicht aus: sondern sagte mit weinenden Augen: Bruder! [110] du lachest mich zwar jetzt aus, allein es wird die Zeit kommen, da du die Härtigkeit deines Hertzens spät bereuen wirst. Und mit diesen Worten gienge er traurig von seinem Bruder weg; unterliesse aber nicht, GOtt inbrünstig zu bitten, er wolle doch des Bruders Hertz erweichen, und ihme den Geist der Buß geben: welches GOtt auch bald darauf gethan; indem er den ältern Bruder mit schwerer Leibs-Kranckheit angegriffen, und ins Beth geworffen. In dieser Kranckheit nun als der elene Mensch sein voriges Leben zu Gemüth führte, fande er einen solchen Hauffen schwerer Sünden und Missethaten, daß er fast gar verzweifelt. Wie er nun einstens bey nächtlicher Weil gantz allein war, und mit schwermüthigen Gedancken umgienge, siehe! da wurde das Zimmer, in welchem er lage, gähling mit grossem Glantz erleuchtet; und es trate hinein ein Manns-Person, Tauben-weiß und eines gar ehrwürdigen Ansehens. Diese Person nun stellte sich für das Beth des Krancken, und sahe ihn gantz ernsthaft an. Der Krancke erschracke hierüber heftig, und fienge vor Angst am gantzen Leib zu schwitzen. Wie er sich aber ein wenig erhohlet, fragte er den ehrwürdigen, Taubenweissen Mann, wer er wäre? und warum er ihn zu schrecken zu so ungelegner Zeit der Nacht kommen seye? Da bekame der Krancke zur Antwort: wisse, daß ich der himmlische Vatter bin, der dich aus nichs erschaffen, dir eine vernünftige Seel gegeben, damit du deinen Schöpfer erkennest, ihme durch Haltung seiner Gebotten dientest; und ihn aus gantzem Herzen liebtest. Weilen du aber bishero das Widerspiel gethan, und die treue Ermahnungen deines jüngeren Bruders verlacht, und in Wind geschlagen, so bin ich hieher kommen, dir anzudeuten, daß du ein Kind der ewigen Verdammnuß seyest. Mit welchen Worten dieser Ehrwürdige, Tauben-weisse Mann aus den Augen des Krancken verschwunden. Uber dieses angedeute Urtheil der ewigen Verdammnus wurde der Krancke mit solcher Angst und Schrecken erfüllet, daß es mit Worten nicht auszusprechen. Ja es brache der Schweiß am gantzen Leib häuffig herfür; indem der elende Mensch die Vollziehung des ergangenen Urtheils stündlich erwartete. In solcher Angst und Schrecken brachte er die übrige Nacht, wie auch den darauf folgenden Tag zu. In der anderen Nacht erschiene ihm eine andere Manns-Person, mit einer dörneren Cron auf dem Haupt; tragend auf den Schultern ein schweres Creutz, übrigens aber am gantzen Leib voller Wunden. Diese Manns-Person tratte gleichfalls, wie die erstere für das Beth des Krancken hin, schauete ihn ernsthaft an, und fragte: kennest du mich; der Krancke antwortete mit Nein; jedoch geduncke es ihn, es seye zwischen ihr, und der ersten Person keine Ungleichheit. Freylich ja (sagte diese Manns-Person) ist zwischen mir und ihr [111] keine Ungleichheit in der Macht und Herrlicheit. Dann ich bin Christus, der eingebohrne Sohn des himmlischen Vatters; der um deinetwillen die menschliche Natur angenommen; 33. Jahr auf Erden vil Mühe und Arbeit;. Armuth und Verachtung; Hunger und Durst ausgestanden: ja letztlich all sein Blut für dich vergossen, und an einem Creutz den bittersten und schmählichsten Tod gelitten. Weilen du aber dieses alles bishero nicht erkennt, und mir deinem Erlöser gutes mit bösen vergolten, so bin ich gleichfalls kommen, dir anzudeuten, daß du ein Kind der ewigen Verdammnuß seyest. Nach welchen Worten auch diese Person verschwunden; die aber in dem Krancken einen solchen Schrecken hinterlassen, daß er nunmehr nicht wußte, wo er sich hinwenden solte. Also mit Schrecken erfüllet ruft er seinen jüngeren Bruder und erzählet ihm alles, was in 2. Nächt nacheinander begegnet. Scheine also, keine Hofnung mehr übrig zu seyn, wie er der ewigen Verdammnuß entgehen könne. Das ängstigte nun ihn; das triebe ihm den Schweiß aus; das bringe ihn in Verzweiflung. Behüt GOtt! sagte der jüngere Bruder: du mußt darum nich verzweiften. So lang du lebst, kanst du noch Gnad und Barm hertzigkeit von GOtt hoffen. Dann obschon der Vatter und Sohn dir die ewige Verdammnuß angekündet, so haben sie es nur darum gethan, damit du erkennen sollest, wie du aller Gnad und Barmhertzigkeit unwürdig seyest, und nach der strengen Gerechtigeit GOttes nichts anders, als die ewige Verdammnuß verdient habest: weilen du nemlich bishero alle treue Ermahnungen zur Buß und Besserung des Lebens verlacht, und in Wind geschlagen. Aber es ist noch übrig die unendliche Güte GOttes, die keinen Sünder verwirfft, so lang er sich zu besseren gesinnet ist. Thue also noch Buß: wende dein Hertz zu der unendlichen Güte GOttes: bitte sie, daß sie dir deine Widerspenstigkeit des Hertzens aus Gnaden verzeyhen wolle. Beichte mithin mit wahre Reu, Demuth, und Aufmercksamkeit deine Sünden; wer weißt, ob nicht die dritte Person in der heiligsten Dreyfaltigkeit, nemlich der Heil. Geist (welcher die Gütigkeit selbst genennt wird; weilen er zwischen dem Vatter und dem Sohn die Liebe ist) das angekündete Urtheil wiederruffet, und dich, wiewohl unwürdigen, aus lauter Gütigkeit wiederum zu Gnaden aufnimmt, den er Gerechtigkeit nach vewerffen könte. Auf solche Ermahnung faßte der Krancke wiederum ein Hertz, und liesse alsobald einen Priester zu sich kommen; deme er dann alle Sünden mit solcher Reu und Leyd gebeichtet, daß er vor Seuftzen und Weinen die Wort öfters zu unterbrechen genöthiget worden. Nach empfangener H. [112] Absolution liesse er sich auch mit der Heil. Communion und letzten Oelung versehen: worauf er stündlich des Tods erwartete. Wie nun die dritte Nacht herbey kommen, da erschine dem Krancken eine Manns-Person, von Angesicht denen vorigen nicht ungleich. Die Kleidung war hell-schimmerend; und auf seiner rechten Schulter sasse eine Schneeweisse Tauben. Sie gienge hin vor des Krancken Beth, und sahe ihn mit überaus lieblichen und gütigen Augen an. Wie der Krancke das gesehen, fassete er ein Hertz, und fragte:Herr! erlaube mir, daß ich dich frage, wer du seyest? indem du dich würdigest zu mir elenden Menschen zu kommen, und mich mit so gütigen Augen anzusehen, der ich schon zweymahl so heftig erschröckt worden? da antwortete die Person: ich bin der H. Geist, der von dem Vatter und dem Sohn ausgehet, und ein GOtt mit ihnen ist. Ich bin die Liebe zwischen beyden; und darum werd ich die Gütigkeit selbst genennt. Weilen du nun deine Sünden reumüthig gebeichtet, und den Vorsatz gemacht, dich ernstlich zu besseren, wann du von deiner Kranckheit wiederum aufstehen soltest; so bin ich kommen, dir anzudeuten, daß dir deine Sünden aus göttlicher Güte verzyhen seyn. Wie der Krancke das gehört, schwunge er sich aus der Tieffe seiner gehabten Angst un Forcht über sich, und brache voll des Trostes in diese Wort aus: O Heil. Geist! ein Vatter der Armen; ein Tröster der Betrübten; was höre ich aus deinem göttlichen Mund? solle mir dann der Himmel offen stehen, deme der Vatter und der Sohn die ewige Verdammnuß angekündet; und zwar billich: weil ich so oft und schwerlich wider sie gesündiget hab. Solle dann das wider mich gefällte Urheil widerruffen worden seyn? Hierauf sagte der Heil. Geist: sey getröst, und zweifle nicht an deiner Seeligkeit: dann die Buß vermag viel bey dem Allmächtigen. Sie überwindet denjenigen, der sonst unüberwindlich ist. Sie besänftiget seinen sonst gerechten Zorn, und machet, daß seine anegebohrne Güte das jenige Urtheil widerruft, das seine Gerechtigkeit gefällt hat. Ligt jetzt nur an dem, daß du in der Buß beständig verharrest, und dich mit Ubungen des Glaubens, der Hofnung, der Libe gegen GOtt, und anderen Tugenden zum Tod bereitest, so werden wir drey göttliche Personen nach dreyen Tägen wiederum zu dir kommen, und dich zu uns in die ewige Freud aufnehmen. Welches auch geschehen; in dem der Krancke (welcher vorhin alles, was ihme begegnet, seinem jüngeren Bruder erzählet hatte) nach verflossenen drey Tägen seinen Geist in die Händ seines Schöpfers aufgeben, und wegen seiner Buß in die ewige Freud abgeflogen ist. Spec. Exempl. Tit. Confessio, Ex. 29.


[113] Wie gütig ist doch der grosse GOtt! und wie muß man bekennen, daß er nicht verlange den Tod des Sünders; sonderen daß er sich bekehre, und daß er lebe! wie er selbst hoch betheuret Ezech. 33. solte nicht diese Güte den Sünder bewegen, daß er sich ungesaumt bekehre, und GOttes Langmüthigkeit nicht länger mißbrauche? weißt du nicht (redet der Apostel Paulus Rom. 2. einen jeden Sünder an) daß dich die Gütigkeit GOttes zur Buß anleitet? eben darum, daß GOtt so gütig ist, solle dir das, O Sünder! Anlaß zur Buß geben, und du nichts mehrers bedauren, als daß du einen so gütigen GOtt auch nur einmahl hast därffen schwerlich beleydigen.

33. Exempel
Drey und dreyßigstes Exempel.
Eine verzweiflete Tochter stirbt letztlich vor lauter Reu und Leyd, und fahret von Mund auf in den Himmel.

Es war eine freche Tochter: die hatte sich so weit vergessen, daß sie sich von ihrem eigenen Vatter zu einer Blutschand bereden lassen. Wie ihre Mutter hinter diese greuliche Sünd kommen, thate sie die Tochter mit harten Worten überfahren; nennte sie eine leichtfertige, GOttes, aller Ehr, ja des Gesatzes der Natur selbst vergessene Vettel; mit hinzugesetzter Warnung, sie könne sich wohl vorsehen, daß die Blut-Schand nicht weiter an Tag komme; sonst därfte es sie das Leben kosten. Wie die Tochter gehört, daß ihr Blut-Schand der Mutter unverborgen, nahme sie diesen harten Verweis so übel auf, daß sie auf Gelegenheit gedachte, ihre eigene Mutter durch beygebrachtes Gift aus dem Weeg zu raumen: wie sie es dann auch (O verzweifeltes Mensch!) in kurtzem werckstellig gemacht. Der Vatter, so dazumahlen verreißt war, wie er nach seiner Zuruckkunft von der Tochter verständiget worden, was Gestalten sie der Mutter ab dem Brod geholffen, überfuhre er sie gleichfalls mit scharffen Worten; mit vermelden, wann dieser Mutter-Mord solte auskommen, wurde sie durch einen grausamen Tod hingerichtet werden. Die unglückseelige Tochter, welche nicht gedulden konnte, daß sie einen Verweis über den anderen einnehmen müßte, geriethe hierüber in so verzweifelte Gedancken, daß sie sich entschlosse, auch ihren eigenen Vatter aus dem Weeg zu raumen. Welches sie auch über eine kurtze Zeit ins Werck gesetzt; indem sie einstens dem Vatter in dem Schlaf die Gurgel (erschröcke hierüber, O Jugend! die du dieses lisest, und verfluche die greuliche That) mit einem Messer abgeschnitten. Auf dieses hin nahme sie die Flucht; zoge in fremde Länder; und weil sie schon in die Verzweiflung [114] gerathen, ergab sie sich allem Scham-losen Leben, und gabe dem Teufel ein Netz ab, wordurch er nicht wenig gefangen bekame. Es schickte sich aber auf eine Zeit, daß dieses verzweifelte Mensch Fürwitz hälber in ein Kirchen gieng, da eben der Prediger auf der Cantzel die Barmhertzigkeit GOttes so hoch erhebte, daß er sagte: es könne unter dem gantzen Himmel kein Mensch gefunden werden, so tief in die Sünden und Laster versenckt, daß er nicht noch Hofnung seines Heyls schöpfen könne. Diese Worte giengen der armen Sünderin so tief ins Hertz hinein, daß sie gleich nach der Predig zu dem Prediger hingienge, und ihn mit folgenden Worten anredete. Ehrwürdiger Herr! ist es wahr, was ihr auf der Cantzel von der Barmhert zigkeit GOttes geprediget habt? und als der Prediger solches noch einmahl bestättigte, sagte sie: nun wann deme also, so bitte ich euch, ihr wollet meine Beicht anhören. Er thuts: und nachdem er sie völlig angehört, besinnte er sich eine Zeit lang, was er dieser überaus grossen Sünderin, nach Maaß der Vile und Schwere ihrer Sünden auferlegen müsse. Wie die Sünderin das gemerckt, sagte sie: was ist das? mein Herr! vorhin habt ihr die Barmhertzigkeit über alles erhebt; anjetzo aber scheinet es, als woller ihr an meiner Seelen-Heyl zweiflen. Nein, nein, antwortete der Beicht-Vatter: das geschiehet nicht darum; sondern ich finde zum Heyl deiner Seel für rathsam, daß du dich an statt der Buß, so du wegen deinen Sünden verdient, morgiges Tags in meiner Predig wiederum einfindest. Wie diese Sünderin gehört, daß ihr eine so geringe Buß auferlegt werde, entstunde in ihr eine solche Reu und Leyd, ein solches Seuftzen, und Hertz-Klopfen, daß sie vor lauter Leydwesen den Geist aufgabe. Als der Beicht-Vatter dieses mit Erstaunung gesehen, befahle er sie in das Gebett gewisser Ordens-Leuten in einem Closter. Wie nun diese ins gesamt die göttliche Barmhertzigkeit für die verstorbene Sünderin anruften, da hörten sie eine Stimm vom Himmel herunter, dieses Innhalts: es ist nicht vonnöthen, daß ihr für sie bittet: vil mehr wird sie für euch bitten. Julius Mazarinus in Psal. 50. P.I. Discursu 10.

Wie? ein so grosse Sünderin solte von Mund auf in Himmel kommen seyn? da unterdessen so vilen Ordens-Leuten, nachdem sie vil Jahr in Strengheit des Lebens zugebracht, solche Gnad nicht widerfahrt? also ist es. Die Liebe gegen GOtt, aus welcher die Reu und Leyd über die Sünden erweckt wird, kan so zart, aufrichtig, und heftig seyn, daß sie nicht allein die Schuld, sondern auch die Straf der Sünd auf einmahl, und in einem Augenblick auslöschet. Aber eben das ist eine sonderbare Gnad, und Barmhertzigkeit GOttes, welche vil tausend nicht [115] widerfahrt. Es ist halt, und bleibt wahr, was GOtt selbsten sagt Exodi. 33. Ich will mich erbarmen, über die wen ich will. Gehe es aber wie es wolle, so muß man gleichwohl einen Weeg, wie den anderen mit dem Psalmisten David bekennen: daß die Erbarmnussen GOttes alle seine Werck übertreffen. Psalm. 144.

34. Exempel
Vier und dreyßigstes Exempel.
Einem ungerathenen Sohn entziehet die Bildnuß des schmertzhaften Erlösers das Angesicht; laßt sich aber auf dessen gethane Buß wiederum sehen.

Zu Bononien, eine Stadt in Welschland, war ein adelicher Jüngling, mit Namen Johannes, welchen sein Herr Vatter und Frau Mutter, mit sonderem Fleiß zur Tugend, GOtts-Forcht; beynebens aber auch, seinem Alter gemäß, anständigen freyen Künsten und ritterlichen Ubungen liessen auferziehen. Er nahme auch in der Tugend und Geschicklichkeit also zu, daß sowohl seine Lehr-Meister als liebe Elteren eine hertzliche Freud ob ihme hatten. Wie er nun das achtzehende Jahr erreicht, waren seine Elteren gesinnt, ihne in fremde Länder zu schicken; um darinnen etwas sehen zu können, und mithin kluger zu werden. Allein weil dazumahl in Welschland eine Kriegs-Unruhe entstunde, mußten sie ihn zu Haus behalten Unterdessen ware Johannes aus den untern Schulen getretten, und mithin der Zucht seiner Lehr-Meistern entrunnen. Weilen er nun mehr Freyheit, als vorhin hatte, geschahe es; daß er mit der Zeit in böse Gesellschaft geriethe, und mithin auf einmahl (O des Unglücks! alle Tugend und Frommkeit verluhre. An statt des Studierens gienge er spazieren. Anstart des Bett-Büchleins nahme er in die Hand das Karten-Spiel. Von Sauffen, Tantzen, Springen, und anderen Leichtfertigkeiten hier nichts zu melden Mitlerweil merckten die Elteren, daß es mit ihrem Sohn nicht recht hergienge. Die Lehr-Meister mahnten den Herren Vatter: der Johannes wäre nicht mehr der vorige züchtige, fleißige, eingezogene Jüngling; sondern gantz in ein andere Haut gelschoffen Die Benachbarte kamen auch, und sagten: Herr! gebt acht, euer Sohn hangt an keiner guten Gesellschaft: er sauft und spilt zu vil. Die Frauen kamen auch mit Verwunderung zu der Frau Mutter, sagend: Frau! wie kommt uns eine Zeit her euer Sohn so gar gantz anderst vor! sehet ihm nur selbst in die Augen, wie er aussehe. Man sagt, er lauft diesem und jenem Mägdlein nach. Ist wohl schad für ihn: ist sonst vor disem ein so feiner Knab geweßt. Das war nun denen Elteren ein grosses [116] Hertzen-Leyd. Konten nicht wohl anderst; mußten ihn deswengen zu Red stellen.

Der Herr Vatter fuhre ihn einstens nach dem Tisch unverhoft mit folgenden Worten an: wie ists Bub? was muß ich von dir hören? das sagt man von dir: und das wiederum: und das auch. Sage jetzt her: ists wahr? oder nicht? da ware Feur im Tach. Ja wohl. Er? Das Ding gethan haben? ist mir nie eingefallen. Er schauete mit den Augen gen Himmel; schluge mit der Hand auf den Tisch: der Donner (O Frechheit! O Unverschamkeit eines Sohns vor seinem Vatter!) soll ihn in Boden hinein schlagen: der Teufel (O das war zu grob) in tausend Stück zerreissen, wann er in einem halben Jahr eine Karten hab in der Hand gehabt. O! wußte ich (setzte er hinzu) wer diese verlogene Goschen wäre, die mich also angeschwärtzt hat, ich wollte es ihr gewiß machen, daß sie an mich dencken sollte. Das war grob genug über die Schnur gehauen. Ob ihm sein Herr Vatter wegen dieses gottlosen Fluchens mit einer guten Carbatsch den Buckel abgesalbet habe, ist nicht bekannt. Hat er es nicht gethan, so hat er nicht recht gethan. Aufs wenigst wußte er jetzt aus diesem Polderen seines Sohns, von dem man bis dato so grobes nichts gehört hatte, wie viel es beyläuffig bey ihm geschlagen. Von dieser Zeit an wurd dieser ungerathene Sohn nur immerdar schlimmer. Eines Tags, als sein Herr Vatter, nachdem wiederum viel Klagen eingelossen, mit einem Ernst hinter ihn wollte, dörfte ihm Johannes fein hurtig, wie der verlohrne Sohn in das Gesicht sagen: wann ich euch nicht recht thun kan, so gebt mir mein Erbtheil heraus. Was frag ich (O gottlose Zung, welche verdiente, daß man sie ausschnitte!) nach euch: ich will noch schon ein Ort finden, wo ich lieb und werth seyn wird. Ich sags euch vor: hinter den Ofen, und zur Kunckel lasse ich mich nicht setzen. Wie ihm nun der Herr Vatter wegen solcher unerhörter Frechheit im Reden mit einem Stecken eines und das andere versetzte, hatte es wenig gefehlt, daß der gottlose Sohn sich nicht wehrte, und den Stecken wider den Vatter umkehrte. Der Vatter merckte wohl, daß er mit seinem ungerathenen Sohn in die länge nicht werde gut thun. Stiesse ihn also zum Haus hinaus, und sagte: er soll ihm nur sein Lebtag nicht mehr unter das Gesicht kommen. Zu mehrer Bezeugung seines gefaßten billichen Zorns, befahle er das Studier-Stüblein Johannis so lang dieser Galgen-Strick bey Leben, wie er es verlassen, samt allem, was darinnen, zu verschliessen, und niemand mehr hinein zu führen; weil er auch den Boden, welcher dieses Abendtheur getragen, unwürdig schätzte, daß er von einem eintzigen Menschen mehr sollte betretten werden. Das war aber diesem Bürschlein ein schlechter Possen: lachte seine Elteren nur[117] aus: gienge den geraden Weeg hin, und liesse sich unterhalten. Er zoge hinaus in Krieg, und übte sich nicht allein in denen Sachen, die ein Soldat wissen soll; sondern führte beynebens ein so gottloses verruchtes Leben, daß unter seinem gantzen Regiment keiner zu finden geweßt, der es ihm in der Boßheit gleich gethan hätte. Und in solchem üblen Stand brachte er 15. gantze Jahr zu. Unter welcher Zeit er niemahlen gebeichtet, noch communicieret; ja (was noch mehr ist) nicht ein Vatter unser, oder Ave Maria gebettet hat. Und ob er schon von seinen Officieren und Hauptleuten ziemlich hart gehalten wurde, halfe doch alles nichts. Ja man stellte ihn in denen Scharmützlen mit Fleiß oft zuforderst an die Spitze; nur damit er sollte umkommen: allein es wollte nicht gerathen; und hiesse bey ihm wohl redlich: Unkraut verdirbt nicht. Letztlich wurde der Obrist, unter dessen Regiment er stunde, seiner müd, und stunde in Sorgen, es möchte etwann GOtt wegen dieses Bößwichts das gantze Kriegs-Heer straffen. Rufte ihn derohalben zu sich; gabe ihm einen scharffen Verweis wegen seines gar liederlichen Lebens; zugleich aber wegen anderer Diensten, die er als ein wohl geübter Soldat gethan, ein Stuck Gelt in Sack, und schafte ihn fort, sagend: er solle sein Glück anderwärts suchen.


Wie nun Johannes wiederum der Kriegs-Diensten los war, kame ihn ein Begierd an, sein Vatterland noch einmahl zu sehen, und seine Befreundte zu besuchen. Reisete derohalben den graden Weeg nach Haus, und fande seinen Herrn Vatter und Frau Mutter noch bey Leben. Der nach so langer Abwesenheit unverhofte Anblick verursachte in dem vätterlichen und mütterlichen Hertzen allerhand Bewegungen: und konte der Vatter nicht wohl anderst; weilen ihme villeicht der Johannes zu Füssen gefallen, seine Schuld mit weinenden Augen bekennet: Vatter ich hab gesündiget in Himmel und vor dir. Luc. 15. cap. Und noch über das ein so kräftige Fürsprecherin die Frau Mutter auf seiner Seiten hatte; als daß er ihm sein mildreiches Hertz eröfnete, und mit Hindansetzung seines allzugrossen Verbrechens ihn auf ein neues zu Gnaden thäte annehmen. Wie dann auch geschehen.

Nach Erweisung allerhand Liebs-Zeichen, führte man ihn auf sein Begehren, auch in das Studier-Stüblein: welches,wie oben gemeldt, seithero in die 15. Jahr lang niemahlen eröfnet worden. Da sahe es in der Wahrheit wohl übel bestellt aus. Nichts stunde in der Ordnung; sondern alles hin und wieder zerstreut. Alle Fenster und Winckel hiengen voller Spinnen-Geweb. Auf den Bücheren fande man wohl 2 Finger dick Staub. Mit einem Wort. Es sahe eben alles aus, wie es in einer unaufgeraumten Stuben aussehen soll. Bey dem ersten Eintritt in das Zimmer gabe GOtt dem Johannes alsobald [118] einen guten Gedancken ins Hertz:also recht, mein Luder, sagte er bey sich selbst: da hast du einen schönen Abriß deines Gewissens. Also ists auch mit dir bestellt. Aber noch mehr wurde er getroffen, als er zu seinem Altärlein kame, das er vor diesem noch als ein Knab in denen unteren Schulen mit grosser Freud oft aufgerichtet, und veränderet hatte. Als er nun sehen wollte, wie es allda stunde und sonderbahr nach einem schönen Täfelein, welches die Bildnus des schmertzhaften Erlöser in der dörnenen Cron, Purpur-Mantel, und einem Mos-Rohr in der Hand vorstellte, was emsigers umsahe, zoge man letztlich selbiges unter anderen mit Staub bedeckten Bildern hervor. Johannes vor zarter Neigung wollte alsobald darmit dem Mund zufahren, und es andächtiglich küssen. Aber höre Wunder! Das Bild, nicht anderst, als wann es sich weigerte, noch einmahl einen Judas-Kuß zu empfangen, verschwunde Angesichts aus den Augen, mit Verliehrung der Gestalt und Farben; und bliebe dem Johannes nichts in der Hand, als die Ramsamt der blossen Leinwath. Dieses Miracul erschreckte ihn dermassen, daß er lang vor Forcht und Zitteren kein Wort reden konnte. Desgleichen auch der Herr Vatter, und alle Anwesende gantz erstaunet, sahen einander an, und wußten nicht, was dieses bedeuten sollte. Johannes aber erkennte gar bald, daß solches ein klares Anzeigen des göttlichen Zorns, und seines herbey nahenden Tods wäre. Gienge darauf in sich selbst, fienge an, bitterlich zu seuftzen und zu weinen. Wehe mir Armseeligen! sagte er mit zusammen geschlagenen Händen: wann Christus, mein Heyland das Angesicht von mir abwendet, wo werd ich dann Gnad und Verzeyhung erlangen? hatte auch wenig gefehlt, daß er sich nicht selbst vor Kleinmüthigkeit entleibt hätte. Doch gabe ihm der mildreiche GOtt bey solcher Verwirrung tausenderley Gedancken noch so viel Liecht: er solle einen Geistlichen um Rath fragen. Lieffe also gantz bestürtzt zu einem gelehrten geistreichen Mann aus dem Orden des Heil. Dominici, und erzählte ihm den Verlauf der Sachen. Dieser tröstete und ermahnte ihn gantz liebreich, vor allen Dingen sein Gewissen durch ein kindliche General-Beicht zu reinigen, hernach GOtt durch das heilige Gebett, etliche gewisse Bußwerck, und Leibs-Casteyung zu versöhnen: der sich auch gern versöhnen lassen wurde: als welcher nicht wolle den Tod des Sünders, sondern daß er sich bekehre, und lebe. Alsdann nach geschehener Versöhnung wurde die Bildnus des schmertzhaften Erlösers sich schonwiederum sehenlassē. Johannes folgte dem guten Rath: sperrte sich 3. Tag ein: nahme nichts zu sich, als Wasser und Brod: casteyete seinen Leib mit einem härenen Cilicium: geißlete sich täglich bis auf das Blut: schriebe entzwischen seine General-Beicht zusammen; welche er hernach gemeldtem Pater mit höchster Bitterkeit seiner Seelen, und solcher [119] Reu-Bezeugung gethan, daß es schiene, er wurde vor Schmertzen vergehen. Weilen sich aber die Bildnus des schmertzhaften Erlösers noch nicht sehen liesse, geriethe er noch mehr in Angst, sein Buß möchte umsonst seyn. Er sahe die leere Leinwath der Tafel zum öftern mit weinenden Augen an, schluge die Händ ineinander, und führete folgende, oder dergleichen Klag. So bin ich dann allein der unglückseeligste Mensch von der Welt, von deme GOtt seine Gnaden-Augen abwendet? jener unglückshafte Wanders-Mann, der von Jerusalem aus nach Jericho gangen, und unter die Mörder gefallen, hat einen barmhertzigen Samaritan gefunden, der sich um ihn angenommen, und seine Wunden geheylet hat. Uber den armen Lazarum vor des reichen Manns Hausthür haben sich aufs wenigst die Hund erbarmet, und ihm die Geschwär abgelecket. Der bey dem Schwemm-Teich zu Jerusalem liegende, und 38. Jahr Bethligerige Krancke hat endlich einen Menschen gefunden, der mit ihme Mitleyden getragen: nemlich dich, mein JEsu! der du ihn gesund gemacht hast. Und ich liege nunmehr 15. Jahr lang nichr allein kranck an dem Leib, sonder auch an der Seel, voller grossen Wunden, und heßlichen Geschwär; und finde keinen Menschen, der sich meiner erbarme. Ach des Elends! es hat zwar schon längst der Jüdische Landpfleger Pontius Pilatus dich auf einer Altanen allem Volck vorgestellt, und offentlich ausruffen lassen: sehet! das ist der Mensch, der helffen kan. Wo ist aber dieser Mensch jetzt hin? leider GOtt erbarms! ich siehe ihn nicht mehr. Warum mein JEsu! verbirgest du dein Angesicht? und haltest mich noch für deinen Feind? hab ich doch schon gebeichtet: hab ich doch Buß gethan; und bin willig und bereit, alles dasjenige zu vollbringen, was man mir auferlegen wird. Du fällest wohl ein strenges Urtheil wider mich: und scheint, du wollest mich in den Sünden meiner Jugend lassen zu Grund gehen. Nicht also mein gütigster JEsu! nicht also. Verwirf mich nicht von deinem Angesicht. Mache mir vielmehr die Freud, daß ich wiederum möge anschauen dein Angesicht, und steiffe mich in dem ersten Geist der Unschuld und Tugend: damit ich dich dich mit einem neuen Eyfer wiederum lieben und loben könne in Ewigkeit. O himmlischer Vatter! nur dieses bitte ich mit dem rebellischen Absolon: lasse mich des Königs, deines Sohns JEsu, Angesicht wieder sehen; sonst ist es nicht möglich, daß ich länger leben könne.


In solcher Hertzens-Quaal und Angst lieffe er wiederum hin zu seinem Beicht-Vatter, und klagte ihm sein Noth. Dieser hingegen ermahnte ihn zur Gedult und Beharrlichkeit, vorgebend: es wäre eben nicht so viel [120] an Widerkehrung des Bilds gelegen: vielleicht stecke noch ein Butzen in dem Gewissen, welcher noch nicht heraus wäre, und GOtt ein Mißfallen verursachte. Nach langem examiniren und Ausforschung des Beicht-Vatters kame man endlich auf einen groben Brocken, eine schwere, und bishero noch niemahl in dem Beichtstuhl entdeckte Sünd: dessen dann beyde von Hertzen froh waren, und der Johannes nach empfangener heiligen Absolution gleich darauf eine Leichterung seines Gewissens empfande, nicht anderst, als wann ihm ein Centnerschwerer Stein von der Brust weg wäre. Gleich darauf in dem er vor dem Altar unser lieben Frauen seine auferlegte Buß bettete, und dieser schmertzhaften Mutter, als nach GOtt der grösten Zuflucht der Sünder, das Heil seiner armen Seel inbrünstigst anbefahle, ist er vor Mattigkeit entschlaffen. In dem Schlaf gedunckte ihn, er sähe sein Zimmer gantz schön, sauber, glantzend, und von neuem aufgebutzt, und zugleich auch das so fast verlangte Bild des schmertzhaften Erlösers an seinem vorigen Ort. Worüber er erwacht, voller Freuden und Hofnung schnell nach Haus sich begeben, und seinen Traum wahr zu seyn befunden. Da gabe es dann viel andächtige Küssen ab: da erheiterte sich die Stirn; da glantzten die Augen; da lachten die Wangen; da frolocketen Mund und Händ; da regten sich die Aderen; da wallete das Blut; da sprange vor Freuden das Hertz im Leib auf. Das übrige mag man besser gedencken, als aussprechen. Bald hernach hat er mit Bewilligung seiner Eltern die Welt beurlaubt; ist in den heiligen Prediger-Orden eingetretten; darinnen in strenger Buß noch 3. Jahr gelebt; und, nachdem er von einem langwierigen Fieber gantz ausgemergelt worden, mit allen heiligen Sacramenten wohl versehen, in Beyseyn seines Herrn Vatters, und geistlichen Ordens-Brüdern, mit mehr gesagtem Täfelein in der Hand, welches er nimmermehr von sich lassen wolte, unter viel reuigen Zäheren, und Hertz-brechenden Liebs-Seuftzern zu seinem Erlöser, gottselig entschlaffen. P. Joannes Junior S.J. in Quadragesimali Tom. 2. c. 3. §. 4.


Wie leicht wendet GOtt sein Angesicht wiederum zu dem Sünder, wann dieser nur von gantzem Hertzen sich zu ihm bekehrt; ihn um Verzeihung bittet, und Besserung verspricht! es sagt ja GOtt selbsten zu einem jeden Sünder Jerem. 3. c. Kehre wiederum zu mir, so will ich dich aufnehmen. O was für liebreiche Wort! wie sollen sie dem Sünder ein Hertz machen, sich ohne Verzug zu seinem GOtt und HErrn wiederum zu kehren! und wann das nicht geschihet, wie verstockt muß des Sünders Hertz seyn?

35. Exempel
[121] Fünf und dreyßigstes Exempel.
GOtt verhängt über einen Sohn, daß ihm eben derjenige Fuß, mit welchem er vor vielen Jahren seine leibliche Mutter gestossen, ist abgehauen worden.

Ein Edelmann hatte einen Diener, der ihm viel Jahr fleißig und treulich gedient. Nun truge es sich einstens zu, daß der Edelmann durch einen Wald ritte, bey sich habend einen grossen Seckel mit Geld. Wie er nun tief in Wald hinein kommen, suchte er, ob er den Seckel noch bey sich habe. Als er ihn aber nicht mehr fande, fragte er den Diener, der ihm zu Fuß nachgefolget, ob er nicht etwann den verlohrnen Seckel auf dem Weeg ersehen hätte? Da ihm nun dieser mit Nein geantwortet, geriethe der Edelmann auf den Argwohn, der Diener laugne es darum, damit der gefundene Seckel mit Geld ihm bleiben möchte. Dieser Ursach halber ergrimmte er über ihn; stiege vom Pferd ab; zoge den bey sich habenden Sabel aus, und hiebe damit dem armen Tropfen den einten Fuß ab. Als dieses geschehen, liesse er ihn in seinem Blut liegen; stiege wieder aufs Pferd, und nahme den Weeg durch den Wald zurück; in Hofnung, den verlohrnen Seckel wieder zu finden. Der arme Diener, dem der abgehauene Fuß grosse Schmertzen verursacht, erfüllt mit seinem Geschrey und Wehklagen den gantzen Wald. Wie dieses ein Wald-Bruder, so nicht weit von dem Ort, wo dieses geschehen, eine Clausen hatte, vernommen, lieffe er herbey, und fande den Diener, weil er sich ziemlich verblutet hatte, halb todt. Aus Mitleiden nun bewegt, fragte er den Diener, wie ihme gegangen wäre? Und als er von ihm den gantzen Verlauf vernommen, tröstete er ihn, so gut er konte. Weil aber der Diener so schwach war, daß es schiene, er wurde dahin sterben, ermahnte er ihn zu wahrer Reu und Leid über seine Sünden; wie auch, daß er seinem Herrn die unbarmhertzige That verzeihen wollte: Dann auf solche Weis werde ihm auch GOtt seine Sünden gnädiglich verzeihen. Als nun der Diener zu allem sich willig verstanden, hebte ihn der Wald-Bruder auf, nahme ihn auf den Rucken, und truge ihn in seine Clausen. Allwo er ihm den abgehauenen Fuß verbunden, und mit grosser Lieb abgewartet hat. Mithin konte er nicht fassen, wie doch GOtt habe können zulassen, daß der Edelmann so unbarmhertzig mit dem Diener seye umgangen. Fienge demnach an zu zweiflen, ob GOtt auch gerecht, und vorsichtig seye? Indem er mit diesen Gedancken umgienge, erschiene ihm ein Engel vom Himmel, von dem er auf folgende Weis angeredt worden: Was zweifelst du, ob GOtt gerecht, und vorsichtig seye? Steht es nicht geschrieben: HErr, du bist gerecht; und dein Ur theil ist [122] auch gerecht? Psalm. 118. Das weiß ich wohl, sagte der Wald-Bruder, und habe es oft gelesen. Das kan ich aber nicht fassen, wie diesen armen Diener ein solches Unglück habe treffen können, indem er doch von dem verlohrnen Seckel nichts gesehen, und also unschuldig war. Da sagte der Engel: Hüte dich, zu glauben, als wann der Diener gantz unschuldig gewest; und also das Unglück, so GOtt über ihn verhängt, nicht verdient habe. Dann wisse, daß, als dieser Diener vor vielen Jahren mit seiner Mutter auf einein Wagen gefahren, er selbige mit eben dem Fuß, der ihm jetzt abgehauen ist, vom Wagen herunter gestossen. Weilen er sich nun durch diese Unthat an seiner Mutter über die massen schwerlich versündiget, und aber darüber kein solche Reu, wie seyn sollen, erweckt; so hat GOtt aus gerechtem Urtheil dieses Unglück über ihn verhänget; damit er ihm wegen solcher zeitlichen Straf mit der ewigen verschonen könte. Hingegen hat er aus Barmhertzigkeit zugelassen, daß der Edelmann den verlohrnen Seckel mit Geld nicht mehr gefunden; weilen er solches Geld zu allerhand schweren Sünden wurde mißbraucht haben, und mit der Zeit wäre verdammt worden. Letzlich hat es GOtt geschickt, daß den Seckel mit Geld gefunden hat ein frommer, mithin aber armer Mann, der viel Kin der hatte, und nicht zu erhalten wußte. Dem ist dann dieser Fund wohl zu statten kommen. Dann als er den gefundenen Seckel seinem Pfarrer gebracht, damit von der Cantzel möchte verkündet werden: Wer diesen Seckel verlohren, der könne sich darum bey dem Pfarrer anmelden; mithin aber niemand kame, der eine Anforderung dazu hatte: Gabe der Pfarrer den einten halben Theil von diesem Geld dem frommen, und armen Mann; den anderen aber theilte er unter seine arme Pfarr-Kinder aus.

Wie der Wald-Bruder von dem Engel alle Ursachen der göttlichen Verhängnuß verstanden, erkennte er seinen groben Fehler, und bate GOtt mit weinenden Augen deswegen um Verzeihung. Worüber der Engel ihn mit diesen Worten getröstet: Weil du deinen Fehler erkennest, so wisse, daß dir GOtt selbigen auch gnädiglich verziehen hat. Fahre fort, ihm treulich und beständig zu dienen, so wird er dich auch ewiglich belohnen.


Henricus in Dioptra Exemplorum.


Wir klagen oft, wann uns unversehens ein Unglück auf den Hals kommt, und brechen oft voll der Verwunderung in diese Wort aus: Mein GOtt! wie hab ich doch dieses Unglück verschuldet? Allein wann wir gedencken wollten, wie oft und vielfältig wir gesündiget, und doch nicht Buß gethan, wie wir hätten[123] sollen, so wurde das Klagen, und Verwunderen bald aufhören. Vielmehr wurde mancher mit dem gottlosen König Antiochus sagen müssen: 1. Macb. 6. Jetzt kommt mir zu Gemüth das Uebel, so ich gethan hab. Derowegen erkenne ich, daß mir darum dies grosse Unglück begegnet ist. Ja wohl redlich, du unglückseliger König! da hast du aber sollen Buß thun. Und weil du es nicht gethan, hast du dir selbst den zeitlichen, und ewigen Tod zugezogen. Glückselig diejenige, welche die verdiente Straf der Sünden nicht allein erkennen, sondern auch die Sünden von Hertzen bereuen, und darüber Buß thun.

36. Exempel
Sechs und dreyßigstes Exempel.
Ein königlicher Printz will seinen eigenen Herrn Vatter erschiessen.

Carl, der erstgebohrne Sohn Philippi des Anderen, Königs in Spanien, war von Jugend an von heftiger Natur, und hitzigem Geblüt: Weßwegen er keine Zucht annehmen wollen, sondern vielmehr seinem eigenen Willen, als denen guten Ermahnungen seiner Lehr- und Hofmeistern gefolget hat. Dann als das junge und hitzige Geblüt in ihm begunte aufzuwallen, hat er sich nicht der Zucht und Eingezogenheit, sondern der Vermessenheit; nicht der Keuschheit, sondern der Ungebühr; nicht dem friedlichen Wandel, sondern denen Zanck-Händeln; nicht der Ehrbarkeit, so einem königlichen Printzen wohl anstunde, sondern denen Lastern ergeben. Darum er bey nächtlicher Weil, wie eine gemeine Person, in der königlichen Residentz-Stadt Madrit herum geloffen, jedermann angefallen, und zum schlagen heraus gefordert. Ja nicht allein dieses: sondern, weil in der Stadt eine gewisse Gasse, in welcher kein andere, als unerbare Weibs-Personen, die ihren Leib nur vornehmen Leuten feil gebotten, ihre Wohnung hatten, hat er sich schier alle Nacht in ihre Häuser begeben, und sich mit anderen, so von gleicher Neigung waren, in allem Luder umgewältzet. Wegen welcher Ungebühr aber er nicht allein von dem König, seinem Herrn Vatter, sondern auch aus dessen Befehl von seinen Hofmeistern gezüchtiget worden. Weil nun der Printz vermeinte, unbillig zu seyn, daß ein Sohn eines so mächtigen Königs, wie Philipp ware, sollte wie ein gemeiner Schuler gestraft werden, nahme er es sehr übel auf. Demnach je mehr er von dem Herrn Vatter gestraft wurde, je verbeinter wurde er: Risse allen Zügel der Gebühr ab, und ergabe sich aller Leichtfertigkeit. Als er aber darum noch öfters, und schärfer von dem Herrn Vatter gestraft worden, hat er einen solchen Haß und Widerwillen wider denselben bekommen, daß er ihm, wie ein anderer Absalon dem David, nach dem Leben [124] getrachtet: Damit er also frey und ungebunden seinen bösen Begierden nachhängen konte. Also dann hat er heimlich und offentlich angefangen, seinen Herrn Vatter zu verachten; von ihm übel zu reden, als wäre er des Reichs unwürdig; und mithin alles zu thun, was dem königlichen Ansehen zuwider laufte. Einsmahls hat es sich begeben, daß die Fürsten und Vornehmste des königlichen Hofs ein schönes Buch vor sich hatten, in welchem die herrliche Thaten Carls des Fünften, seines Anherrens, verzeichnet und enthalten waren. Als nun der Printz dazu kame, fragte er, was sie da für ein Buch hätten? Diese reichten ihm so gleich mit aller Reverentz das Buch, und sagten, er solle ihm belieben lassen, selbiges zu lesen. Das thate der Printz: Und nachdem er selbiges durchblättert, und alles gelobt, was darinn enthalten war, gienge er davon, vermeinend, jetzt hätte er nunmehr die Gelegenheit bekommen, seinen Herrn Vatter recht zu schimpfiren, und ihn bey diesen Herren verächtlich zu machen. Demnach liesse er ein anders Buch verfertigen, so weit schöner und köstlicher eingebunden, als das vorige, so ihme von denen Herren überreicht worden; in welchem aber gar nichts geschrieben; sondern lauter leere und weisse Blätter waren. Mit diesem Buch setzte er sich mitten in den königlichen Pallast; und nachdem er solches lang durchblättert, überreichte er es denen Fürsten und Herren, so gegenwärtig waren, fragend; was sie gedunckte von diesem Buch? Sie antworteten: Dem Ansehen nach seye es schön, und köstlich eingebunden. Hierauf bate der Printz, sie wollten es aufthun, und sehen, was darinn geschrieben und enthalten wär? Als sie solches gethan, und das Buch lang durchblättert, mithin aber nichts, als das leere und weisse Pappier darinn gefunden, sagten sie:Durchleuchtigster Printz! wir finden in diesem Buch nicht ein Buchstaben geschrieben. Ihr habt recht, sagte der Printz! Das seynd die herrliche Thaten meines Vatters: Nichts ist, was er gethan hat. Lasset mich einmahl zur Regierung kom men; ich will es weit anderst machen. Ueber diese ungebührliche Red des Sohns wider seinen Vatter erstaunten die Fürsten und Herren dergestalten, daß sie kein Wort mehr geredt. Nahmen aber daraus klärlich ab, dieser Printz därfte mit der Zeit entweders dem Reich entsetzlich schaden; oder aber ein unglückseliges End nehmen. Dann wer seinen Vatter verspottet, der wird von GOtt wie der Cham, vermaledeyt, und eilet seinem Untergang zu. Das hat sich auch bald geäussert. Dann weil der Printz wegen seiner unanständigen Aufführung von seinem Herrn Vatter immerzu mit Worten gestraft, und zuschanden gemacht wurde, machte er mit denen Türckischen Gesandten (O verzweifelte Entschliessung!) so dazumahl an dem königlichen Hof zu Madrit waren, eine heimliche Freundschaft; damit selbige ihnen möchten lassen angelegen seyn, den [125] Türckischen Sultan wider seinen Herrn Vatter, den König zu verhetzen: Der ihn dann mit Krieg überziehen, vom Thron verstossen; und herentgegen ihm, dem Printzen, darauf helfen sollte. Es haben es auch die Gesandte zu thun nicht unterlassen, und die Sach so weit gebracht, daß der Türckische Sultan den Printzen nicht allein alles Beystands versichert; sondern ihm auch seine eigene Tochter zur Ehe versprochen hat. Allein, weil der Printz besorget, das Glück därfte ihm vielleicht zuwider seyn, und nichts aus der Sach werden, spannete er alle seine Sinn und Gedancken an, wie er den Vatter möchte aus dem Weeg raumen. Demnach gienge er auf einen gewissen Tag, da der König wegen Schwachheit des Leibs zu Beth lage, mit 2. geladenen Feuer-Rohren, die er unter denen Kleidern verborgen hatte, zu dem Vatter für das Beth hin, sich stellend, als hätte er etwas vorzubringen; nahme aber unversehens das einte geladene Rohr herfür, und wollte schon Feuer auf den Vatter geben; mit dieser gottlosen Stimm aufruffend: Nun must du mir sterben: Weil du dich so oft mir widersetzet hast. Auf diese Stimm ist gleich die königliche Wacht herzu geloffen, und hat den Schuß verhindert. Der König gantz erdattert, rufte überlaut: Du Gottloser! was fangst du an? Leibwacht! geschwind! ergreiffe ihn, und führe ihn weg aus meinem Angesicht in die Verwahrung. Also wurde der elende Printz ergriffen, gefangen genommen, und in Verwahrung geführt. Das gantze königliche Haus war über diese unerhörte That bestürtzt; und die Stadt mit Schrecken und Traurigkeit angefüllt über diesen entsetzlichen Anschlag, so der königliche Printz wider seinen eigenen Herrn Vatter hat wollen ausführen. Die Fürsten, und Vornehmste des Reichs hatten sich zwar unterstanden, den Vatter zu versöhnen, für den Sohn um Verzeihung zu bitten, und für sein Leben anzuhalten; allein der fromme König gabe ihnen kein Antwort, sondern erhebte seine Zäher-volle Augen, und Händ gen Himmel, und sagte:


»O unsterblicher GOtt! soll ein solches Laster in meinem königlichen Haus vorgenommen werden? Soll diese Unthat von königlichem Geblüt geschehen? Soll dieses von dem Haus Oesterreich gehört werden? Soll man diese Missethat in meinem so Catholischen Reich gedulten? Soll ein so schröcklich gesuchter Vatter-Mord ohne gebührende, und exemplarische Straf übersehen werden? Wann einer aus dem gemeinen Volck sich an der Person des Königs vergreift, wird er ein Vatter-Mörder genennt, und grausamlich getödtet; seine gantze Nachkommenschaft auf ewig verbannisirt; aller Ehr und Gütern beraubet: Und soll der Sohn des Königs ungestraft hingehen? Hast du nicht selbst gesagt, gerechtester GOtt! wer seinen Vatter maledeyen wird, soll des Tods sterben? Was muß man dann dem [126] jenigen thun, der seinen Vatter hat ermorden wollen? Wie kan mein Reich bestehen, wann ich des Allerhöchsten Königs, durch welchen alle König regieren, sein Befehl übertrette, um der Liebe meines ungerathenen Sohns willen? Es wird mein Reich untergehen, und zerstöhret werden, wann ich den Befehl des Allerhöchsten, und himmlischen Königs nicht vollziehe. Damit dann dieses nicht geschehe, so nehmet hin diesen Gottlosen, und übergebt ihn (wie GOtt befihlt) denen Richtern, auf daß er sei nen wohl verdienten Lohn empfange; mithin alles Uebel von mir, und meinem Reich abgewendet werde: Damit GOttes Zorn nicht über mich ausbreche; und alles Volck, so dieses hören wird, darüber erschrecke: Mithin nicht ein jeder Rebell angefrischt werde, sich wider seinen rechtmäßigen König und Herrn aufzulehnen; oder ein ungerathener Sohn wider seine selbst eigene Elteren eine solche Unthat und Lasterstuck zu begehen.«


Dieses geredt, gabe der König denen Blut-Richtern Befehl, seinem Sohn das Urtheil zu fällen, und ihn nach allen Rechten abzustraffen. Doch ist auf Bitten und Anhalten der Fürsten, und Vornehmsten des Reichs das Urtheil gemiltert, und der Printz nicht offentlich, sondern in einem Zimmer in ein warmes Wasser gesetzt, ihme die Ader am Fuß gelassen; und also, nachdem er sich verblutet, getödt worden.


Ex Relatione Henrici Doerganck impressa Coloniæ 1614.


Aus dieser entsetzlichen Begebenheit siehet man klar, wie tief die Kinder fallen können, wann sie nichts um die Eltern geben; und bey ihnen weder Wort, noch Streich etwas verfangen wollen. Dann da ziehet GOtt endlich die Hand von ihnen ab, und überlaßt sie ihren ungezäumten Begierden. Wann aber das geschiehet, was kan man von ihnen erwarten? Nichts, als alles Böses. O wie viel hat man traurige Exempel! und O daß die Jugend sich daran spiegelte! wann sie verständig wär, wurde sie nicht allein die Eltern wegen gebrauchter Straf nicht anfeinden, sondern ihnen noch darum dancken: Dann solche Straf ziehet die Kinder vom Bösen ab; macht sie behutsam; und treibt sie an zum Guten: Welches lauter gute Früchten seynd. Darum sagt der weise Salomon in seinen Sprüchwörtern am 12. Capitul: Wer die Straf hasset, der ist nicht weis. Das ist aber der Jugend kein Ehr: Laut dessen was gedachter Salomon abermahl sagt in denen angezogenen Sprüch-Wörtern am 13. Capitul: Schmach kommt über den der sich der Züchtigung entziehet: Wer aber die Straf willig annimmet, der wird zu Ehren kommen.

37. Exempel
[127] Sieben und dreyßigstes Exempel.
Ein Sohn ermordet aus Rachgierd seinen leiblichen Vatter.

In Hispanien war ein Student, welcher dem Studieren nicht unfleißig oblage. Nachdem er die untere Schulen zu End gebracht, und mithin die Eitelkeit und Gefahr des weltlichen Lebens zu Gemüth geführet fassete er den Schluß, in einen geistlichen Ordens-Stand einzutretten; um darinn GOtt zu dienen, und dem Heil seiner Seel mit grösserer Sicherheit obzuligen. Er haltet demnach, ohne Wissen seiner Elteren, die sehr vermöglich waren, in einem gewissen Closter an; wird von dasigem Convent aufgenommen, und mit ihm das Probier-Jahr angefangen. So bald die Elteren dessen verständiget worden, da ist nicht zu sagen, was sie für einen Lermen angefangen. Dann weil dieser Sohn ihr eintziges Kind war, lieffen sie dem Closter zu, und wollten ihn mit Gewalt heraus haben. Weilen sie aber von dem Obern des Closters wegen ihrer ungestümmen Manier bestraft worden, verlangten sie wenigst, mit dem Sohn sprechen zu können: Welches ihnen endlich erlaubt worden. Kaum hatten sie den Sohn ersehen, da fiele ihm einer Seits die Mutter um den Hals; weinete, und bathe ihn, er wollte sie doch nicht verlassen; sondern mit ihr in die Welt zuruck kehren: Der Vatter aber redete ihm folgender massen zu: »Was ist das? Mein Sohn! was hast du angestellt? Wie hast du dich, ohne unser Wissen, mögen in ein Closter begeben? Gedenckst du nicht, daß du unser eintziges Kind seyest? Wolltest du uns, da wir nunmehr alt seynd, verlassen? In Kummer und Betrübnuß setzen? Und uns denjenigen Stab, auf welchen sich unser Alter zu lehnen die Hofnung gemacht, entziehen? Gedencke doch, was du thust, mit was Lieb und Sorg wir dich erzogen; was Mittel wir erhauset; was für schöne Güter vorhanden seyen. Wem werden wir dieses alles hinterlassen, wann du im Closter bleiben solltest? Wer wird unseren Stammen und Geschlecht fortsetzen? Wer in der letzten Kranckheit uns Hilf leisten? Wer im Tod-Beth die Augen zuschliessen? Zu dem Was willst du dich inner die Mauren eines Closters verschliessen? Warum mit Betten, Fasten und Wachen dich abmerglen? Warum dir selbst das Leben abkürtzen? Da du hingegen in der Welt den freyen Luft hättest, und dir allerhand Kommlichkeiten verschaffen köntest? Absonderlich, weilen Mittel genug vorhanden seynd? Wahrhaftig: Wer dieses alles nicht achtet; wer es in Wind schlagt, der ist nicht recht bey Sinnen. Hoffe [128] also, du werdest deinen Verstand brauchen, und mit mir nach Haus kehren.«

Ach! was für eine schädliche Würckung hatte nicht diese Red bey dem Sohn! dann siehe! er liesse sich alsobald erweichen; zoge das Ordens-Kleid aus; vertauschte es mit dem vorigen; und kehrte also in seiner Elteren Haus zuruck. Da stunde es aber nicht lang an, so verheyrathete er sich, ohne die Elteren um Rath zu fragen, mit einer jungen Tochter; die ihm aber ausser der schönen Gestalt, mit welcher sie begabt war, nichts zugebracht; beynebens auch von geringem Herkommen geweßt. Das verdrosse nun die Elteren (besonders den Vatter) nicht wenig. Allein, was wolte er machen? die Ehe war schon vollzogen. Er unterliesse aber nicht, seinen Verdruß so wohl gegen dem Sohn, als der Sohns-Frau an Tag zu geben; indem er gegen ihnen immer zu saure Gesichter machte, und weder dem einen, noch anderen jemahl ein gutes Wort gabe. Das brachte nun den Sohn dergestalten in den Harnisch, daß er auf Mittel und Weeg gedachte, wie er sich des alten Gruntzers möchte loß machen. Was? (sagte er) Ist das der Danck, daß ich dem Alten zu Gefallen aus dem Closter in die Welt zuruck gekehrt bin? Soll ich mich von ihm so weit scheren lassen, daß ich nicht einmahl ein gutes Gesicht, will geschweigen ein gutes Wort von ihm bekomme? Ist das ein Manier von einem Vatter gegen seinem eintzigen Sohn? Hatte ich das vorgesehn, wär ich im Closter geblieben. O wie übel hab ich gethan, daß ich mehr ihm, als GOtt gefallen wol len! Allein es ist schon geschehen. Was soll ich aber anfangen? Soll ich es also gelten lassen? Soll ich und meine Liebste noch länger von ihm also geplagt werden? Sollen wir ihm ein Freud machen, wann er siehet, daß er uns das Leben verbitteren könne? Nein, gewißlich nicht. Seye er versichert: ich will schon Mittel und Weeg finden, wordurch uns beyden Ruhe geschaft werde. Unterdessen liesse er sich nichts mercken, sondern wartete nur, bis sich eine Gelegenheit herfür thäte, seine Rach wider den Vatter auszuführen: Welche auch bald erfolget; und das auf ein Weis, wie jetzt soll erzählt werden.


Es hatte der Vatter ausser der Stadt, in welcher er zu wohnen pflegte, einen Meyerhof. Auf diesen ritte er nun einstens hinaus; entweders, frischen Luft zu schöpfen; oder zu sehen, wie sein Lehen-Mann, den er allda hatte, haushalte, und dem Meyerhof vorstehe. Da bediente sich der Sohn dieser Gelegenheit; eilte dem Vatter heimlich nach; und nachdem er ihn mitten auf dem Feld angetroffen, rufte er mit lauter und trotziger Stimm: Halt still, du alter Gruntzer! und steige bälder als bald vom Pferd herunter. Der Vatter erschracke heftig; wendete sich um; und als er gesehen, daß sein eigner [129] Sohn mit blossem Degen in der Hand auf ihn zulauffe, konte er Anfangs vor Schröcken und Erstaunung kein Wort reden. Dann er merckte wohl, daß sein Sohn nichts Gutes im Sinn hätte. Als er sich aber aus dem Schröcken erholet, sagte er zu ihm: Was ist das? Mein Sohn! (wann du doch verdienest, daß ich dich meinen Sohn nenne?) Was fangst du an? oder was hast du im Sinn? wie? solle ein Sohn mit blossem Degen auf seinen leiblichen Vatter zu lauffen? ihn so trotzig anschreien? ja so gar heissen vom Pferd absteigen? was ist das für eine unerhörte Gottlosigkeit? Der Sohn antwortete: Du hast es schon gehört: Alsobald steige ab; oder ich will dich schon lehren. Wie? sagte der Vatter: Du mich lehren vom Pferd absteigen? du Gottloser! soll ein Sohn also zu seinem Vatter reden? O Himmel! was für eine Straf verdient nicht diese Frevel-Red: Allein der Sohn kehrte sich nichts an diesen Verweis: sondern risse den Vatter mit Gewalt vom Pferd, und warfe ihn zu Boden. Wie der Vatter dieses Tractament (über welches Himmel und Erden sich entsetzen solle) von seinem Sohn erfahren müssen, bathe er ihn, er wolte doch nichts weiters vornehmen. Allein der Sohn antwortete: Was ich mir vorgenommen, das muß nun vollzogen werden. Es seynd allbereits etliche Jahr verstrichen, als du minch aus dem Closter gezogen. Das war freylich eine Sach, über welche du dir hättest sollen ein Gewissen machen. Allein, da war dir wenig daran gelegen, was GOtt dazu sagen, und wie es mir der Seel nach gehen wurde. Weilen nun darzu kommt, daß ich bishero kein gutes Gesicht, will geschweigen ein gutes Wort von dir bekommen können; und du mich also um Seel und Leib hast bringen wollen, wie solte ich dir anjetzo verschonen? wie solte ich Mitleiden mit dir haben können? Nein: jetzt sollest du den Rest haben; damit ich deiner einmahl abkomme. Dieses geredt, stiesse er (O Papier! werde schamroth über diese greuliche That) dem Vatter den Degen gantz unbarmhertzig in den Leib, und liesse ihn in seinem eigenen Blut verzapplen. Weil er nun glaubte, es hätte die Mordthat Niemand gesehen, liesse er den Leichnam gleichwohl an der offenen Straß liegen; er aber machte sich davon, und nahme seinen Weeg wiederum nach Haus.


Allein, wie gienge es weiters? Den anderen Tag, als dieser greuliche Vatter-Mord geschehen, kame das Gerücht in der Stadt aus, es wäre in dem Feld draussen ein Burger umgebracht worden, dessen Leichnam annoch in seinem Blut liege: wer aber der Thäter wäre, könne man nicht wissen. Da solte man gesehen haben, wie der Sohn in Anhörung dieser Zeitung die Händ in einander geschlagen; wie er geweint; wie er lamentirt. Ach! sagte er: Mein liebster Vatter! wel cher [130] grausame Mörder hat dir das Leben genommen? welcher hat seine Händ mit deinem Blut gefärbet? Ach! könnte ich dir das Leben wiederum geben, wie gern wolte ich das meinige darfür aufsetzen! aufs wenigst werd ich nicht nachlassen, bis man den Möder wird erfragt, und dein Blut mit seinem Tod gerochen haben. Dieses geredt, nahme er den geraden Weeg zu der hohen Obrigkeit, und bathe, man wolte doch scharf nachfragen lassen, durch wen diese Mordthat wäre begangen worden? was die Unkösten darüber belange, wolle er selbige alle aushalten. Nun liesse die hohe Obrigkeit ihr die Sach angelegen seyn, etwelche Tag scharf nachfragen; konte aber mehr nicht innen werden, als, daß ein Schaaf-Hirt vorhanden seye, welcher sich vernehmen lassen, was gestalten er vor etlich Tagen auf dem Feld von weitem ihrer zwey gesehen, welche einen scharfen Zanck-Handel mit einander gehabt; doch habe er nicht verstehen können, was es antreffe. Als diser aber eine Zeitlang gewähret, habe er gesehen, daß einer davon geloffen, der einen blauen Mantel, und rothen Rock angehabt: und wann ihn die Augen nich betrogen, von mittelmässiger Statur geweßt seye: mehr könne er nicht sagen. Wie die Obrigkeit das gehört, schöpfte sie einen starcken Argwohn, der Sohn selbsten müsse den Vatter-Mord begangen haben: Dann die Beschreibung seiner Person traffe just ein. Zudem ware bekannt, daß er eine Zeitlang vorher mit dem Vatter nicht wohl gestanden. Damit man aber behutsam in die Sach gienge, liesse die Obrigkeit die Haus-Genossen des Sohns vor sich kommen, und fragte sie aus, ob der Sohn um die Zeit, da die Mordthat begangen worden, zu Haus geweßt; oder nicht? Und als diese mit Nein geantwortet; und noch dazu gesetzt, daß er am Tag des begangenen Mords erst um sechs Uhr gegen Abends nach Haus kommen; und zwar im Angesicht gantz verwirrt, und mit vielem Schweis überrunnen; also, daß er selbige Nacht mit Niemand im Haus ein Wort geredt: Berufte die Obrigkeit auch den Sohn herbey, und sagte ihm; wie daß viel und heftige Anzeigen vorhanden wären, er selbsten, und kein anderer, müsse der Vatter-Mörder seyn. Wie der Sohn das gehört, erbleichte er im Angesicht; fienge an zu zitteren, und konte vor Schröcken kein Antwort darauf geben. Als er nun von sich selbsten überwiesen zu seyn schiene, liesse ihn die Obrigkeit in die Gefängnuß werfen: Da sie ihm dann den Proceß gemacht, und das Urtheil gefällt, daß er nach uralter Gewohnheit, als ein Vatter-Mörder, lebendig, samt einer Schlangen und Güggel solte in einen ledernen Sack eingenehet, und in das Wasser versenckt werden. Allein, weil eine ansehnliche Freundschaft darfür gebetten, ist das Urtheil in etwas gemildert, und er auf ein andere, wiewohl nach dem Verbrechen gemessene Weis hingericht worden. Wo aber nicht auszulassen, was [131] Gestalten er im Ausführen auf den Richt-Platz allen Kinderen beweglich zugesprochen, sie solten sich an ihm spieglen, und wohl hüten, daß, wann sie einen starcken, und stets anhaltenden innerlichen Antrib spürten, GOtt in einem Ordens-Stand zu dienen, sie sich von den Elteren davon nicht sollen lassen abwendig machen; und noch vil weniger den einmahl angetrettenen Ordens-Stand, den Elteren zu Lieb, verlassen: wann sie nicht wollen, daß so wohl die Elteren, als sie von GOtt empfindlich gestraft werden: Wie dann das traurige Spectacul davon vor Augen wäre.

Bidermann S.J. Acroamatum lib. 1. Acroamate. 4.


Was für ein erschröckliches Exempel ist dieses! und wie unverantwortlich ist es, wann die Eltern ihre Kinder, die sie doch von GOtt nur Pfand-weis bekommen, seinem Dienst entziehen; ungeachtet die Kinder genugsame Zeichen ihres Berufs in einen Ordens-Stand haben! sollen die Elteren nicht froh seyn, wann sie ein Kind in einem Closter haben? Erstlich; weil es anstatt ihrer GOtt den HErrn Tag und Nacht lobet, und ihm dienet: ja auch wohl des Nächsten Heyl befördert Andertens: weil es ja im Closter mit mehrer Sicherheit seiner selbst eigenen Seelen Heil würckt, als wann es in der Welt wäre. Drittens: weil es mehr für die Elteren bettet im geistlichen, als weltlichen Stand. Seynd das nicht solche Ursachen, durch welche die Elteren sollen bewegt werden, einem Kind, welches scheint in einen Ordens-Stand beruffen zu seyn, mit Händ und Füssen darein zu helffen? So, glaub ich, werden alle Verständige darfür halten. GOtt gebe! daß es ihnen die Elteren lassen eingehen. O wie vielem Unheyl können sie vorbiegen! herentgegen, zu wie vilem Guten helffen!

38. Exempel
Acht und dreyßigstes Exempel.
Nach dem Tod eines zwar adelichen, aber der Unzucht ergebenen Jünglings, laßt sich ob seinem Grab sehen ein erschreckliches Gespenst.

In Welschland war ein von Stammen und Geschlecht zwar hochadelicher Jüngling; mithin aber schandlicher Sclav seiner Begierden, und ein Leibeigner der Unzucht. Als dieser einstens eine nicht allein mit Schönheit, sondern auch Tugend, Zucht und Ehrbarkeit gezierte, und über das mit dem Gelübd der Keuschheit gegen GOtt verbundene Jungfrau auf der Gassen angetroffen, und etwas stärckers ins Gesicht gefaßt, da sie ungefehr mit einem Bett-Buch unter dem Armb, aber villeicht nicht [132] mit genugsam unterschlagenen Augen in die Kirchen gienge, wurde er gleich mit unzimlicher Lieb gegen ihr gefangen, und traffe an ihren hell-leuchtenden Augen zwey Irr-Stern an, durch deren Glantz seine Vernunft und Zucht bald zu Grund gangen, und in den Wellen unreiner Begierden ersoffen seynd. Dann ob er schon sonst ein gantzes Jahr in kein Meß und Predig kame, fande er sich doch in derjenigen Kirchen zum öftern ein, wohin er wußte, daß sein Holderstock zu gehen pflegte; und stellte sich mit Fleiß an ein solches Ort, wo er seinen fleischlichen Augen ein erwünschte Weyd könte anrichten, und anderer seiner schändlichen Lüsten pflegen; ohne daß ein eintziges mahl umschauete, ob nicht der Teufel hinter ihm stunde, und ein gantzes Schreib-Täfelein voller Tod-Sünden aufzeignete. Von dieser Zeit an gienge ihm diese Jungfrau je länger, je mehr ein. Er laurete ihr so lang auf, und liesse ehender nicht nach, bis er sie letztlich (weiß nicht, mit was Gelegenheit) an einem Ort ihrer Behausung allein erwischt hat. Die keusche Jungfrau bey seinem ersten Anblick wolte gleich die Flucht nehmen: er aber gestattete ihr solches nicht; sondern trohete ihr den Tod, wann sie nicht an der Stell halten, oder mit einigem Schrey sich wurde vernehmen lassen. Fienge alsdann an, sein unziemliches Verlangen vorzubringen. Sie aber widersetzte sich dapfer, und erinnerte ihn, wie daß sie durch das Gelübd der Keuschheit verbunden, ohne GOttes-rauberische Untreu darwider nicht handlen könte, noch wolte. Weil aber dieses nichts verfienge, ersahe sie in ihren Aengsten in dem Zimmer ein andächtiges Unser Lieben Frauen-Bild; deutete mit dem Finger darauf, und sagte mit weynenden Augen:Ich bitte dich durch diese Allerreiniste Jungfrau, du wollest mir ihr etwegen verschonen: Widrigenfalls sollest du wissen, daß diese Jungfrau, unter dero Schutz ich lebe, diese Schmach nicht werde ungerochen lassen hingehen. Allein der vor Geilheit brinnende Jüngling lachte darzu, und sprache Gottslästerischer weis: Und wer ist dann diese gewaltige Jungfrau, welche also zur Rach geneigt ist, und mir ein solche Reu einjagen wird? Dieses geredt, brauchte er Gewalt und beraubte die Jungfrau ihrer Ehr. Der Jüngling hatte nunmehr seiner Begierd ein Genügen gethan, und achtete es wenig, daß er neben begangenem gottsrauberischen Gewalt noch über das die alerseeligste Mutter GOttes gelästert hatte. Aber GOtt, welcher die Ehr seiner Heiligen jederzeit zu verfechten pflegt, hat auch diesen doppelten Frevel alsobald gerochen. Dann kaum war der Jüngling nach Haus kommen, da fiele er Stein todt nieder, ohne eintziges Zeichen der Reu; ohne Empfahung der Heil. Sacramenten. Wie die Seel werde gefahren seyn, ist leicht zu erachten. Die hochansehnliche Freundschaft, welche grosses [133] Leyd-Weesen über diesen traurigen Fall bezeugte, liesse den Leichnam in der Kirchen der Cappuciner beysetzen; welche aus guthertziger Meynung, und weil sie nichts um das wußten, was fürübergangen, den Verstorbenen nach Catholischen Brauch zur Erden bestättigten. Gleich die erste Nacht der Begräbnuß, als ein frommer Pater um die Metten-Zeit etwas frühers in die Kirchen kame, erblickte er ob dem Grab des verstorbenen Jünglings ein erschröckliches Gespenst; darob er sich dermassen entsetzte, daß er schier in eine Ohnmacht gefallen. Wie er sich aber wieder etwas erholet, lieffe er eylends zu dem Pater Guardian hin, und erzählte, was ihm eben jetzt für ein Abentheuer aufgestossen, erbotte sich doch beynebens, wann er ihm solches unter dem Gehorsam befehlen wolte, wieder umzukehren, und das Gespenst zu beschwören. Der Guardian laßt noch etliche aus denen älteren zu sich beruffen, und berathschlagte sich mit ihnen, was zu thun wäre? Sie befinden des gedachten Paters Anerbieten für gut: gehen darauf, nachdem sie sich mit geweyhten Kertzen, und Heiligthümern wohl versehen, samt ihme hin, und finden ebenfalls das oben beschriebene erschröckliche ungeheure Thier auf dem Grab. Der Pater hebt die Beschwörung an: Worauf sich das Gespenst bewegt; die Gestalt verändert; bald wie ein geschüppete gesprengelte Schlang sich ineinander gewickelt; bald wie ein Drach Feur ausgespyen, und endlich folgender Gestalten zu reden angefangen hat. Ich bin der Geist des allda begrabenen Jünglings: wegen eines gebrauchten gottsräuberischen Nothzwangs gegen einer mit dem Gelübd der Keuschheit verbundenen Jungfrau; und ausgestossenen Gottslästerung wider die GOttes Gebährerin immer und ewig verdammt. Mein Leib ist von denen Teuflen auch schon aus diesem Grab weggeführet, und neben dem reichen Mann in der Höllen vergraben worden. Wann ihr das Grab werdet eröffnen, so wer det ihr meine Wort wahr finden. Und mit diesem ist das Gespenst verschwunden. Die Patres alle ertattert, sahen einander an, und erwegten villeicht bey sich selbst, wie so gar anderst die Urtheil GOttes, und der Menschen beschaffen wären. Diesen Jüngling hatte man für einen frommen Menschen angesehen, Mitleyden mit ihme getragen, und den blinden Tod einer Tyranney beschuldiget, daß er ohne eintziges Absehen auf das hoch-adeliche Geschlecht, und junge Jahr, einen von allen schönen Gaaben der Natur, und des Glücks gezierten Jüngling in der besten Blühe seines Alters also tölpisch und bäurisch hinweg geraffet: Da er doch vor denen Augen GOttes eine stinckende, und nur mit Schnee bedeckte Mistlachen der greulichsten Sünden und Lastern gewesen; den nunmehr GOtt, als seinen abgesagtisten Feind, auf ewig verworffen, und der Teuffel in seinen Klauen hatte.

[134] Unterdessen ward bey denen Patres beschlossen, das Grab zu eröfnen. Kaum aber hatte man oben her von der Erden etwas wenigs hinweg gescharret, da gienge ein so unleidentlicher Gestanck heraus, daß etliche mit Verhebung der Nasen sich in die Flucht begaben. Letztlich wurde doch der höltzerne Sarch heraus gebracht; sahe aber gantz kohlschwartz und verbrennt aus, also, daß Niemand zweiflen konnte, daß ihn die Händ der kohlschwartzen Teuflen berührt hätten. Als man den Deckel hinweg ruckte, und nach dem todten Aas umsahe, war keines vorhanden; sondern auf ein neues fuhre ein unerträglicher Gestanck heraus. Und weil man kein ehrliches Orth für ein solches faules Aas finden konnte, wurde es endlich (mit Gunst zu melden) auf den Mist hinaus geworffen. Siehe aber Wunder! zu mehrer Bekräftigung, daß denen höllischen Raub-Vöglen das in dem Sarg liegende Luder über die massen wohl müsse geschmeckt haben, flogen alsobald vier schwartze Raben herzu, welche Zweifels ohne vier verstellte Teufel waren, zerrissen und zerbissen mit ihrem Schnabel die Todten-Bahr, und verschluckten ein abgepicktes Stücklein nach dem anderen, bis nach kurtzer Zeit kein Schifer mehr davon überblieben: Worauf sie, als von einer guten Mastung wohl ersättiget, davon geflogen.Theoph. Raynaudus in Prato spirituali. Historia 85.


O Augen! oder besser zu sagen: O Schrofen! an welche schon so oft das Schif (ich will sagen, das Hertz) eines jungen Menschens getrieben worden: wo hernach die Keuschheit gescheitert, und ein solcher an Leib und Seel jämmerlich zu Grund gangen. O verschreyte Schrofen! wann wird man euch fliehen? Wann man nemlich von fürwitzigem Anschauen fremder Gestalten sich enthalten wird. Die Augen seynd Liechter; ist wahr: aber Irrliechter, die das menschliche Hertz verführen, und ins Verderben bringen. Darum warnet Christus Matth. am 5. Capitul einen jeden Menschen mit diesen Worten: Wann dich dein Aug ärgert (das ist: zur Sünd anreitzt) so reisse es aus (er will sagen: hüte dich vor fürwitzigem Anschauen fremder Gestalt) dann es ist dir besser, daß eins von deinen Gliederen verderbe, als daß dein gantzer Leib in die Höll geworffen werde. Nemlich, fremde Gestalt dringt leicht durch die Augen, und durch diese in das Hertz hinein: aber man bringt sie sobald nicht mehr daraus. Die Erfahrnus gibt (leider!) davon Zeugnus über Zeugnus.

39. Exempel
[135] Neun und dreyßigstes Exempel.
Ein Adeliches Fräulein verübt an einem welschen Baron, der ihren Liebsten umbringen lassen, eine grausame Rach; bringt sich aber darauf selbst auf eine gantz verzweifelte Art um das Leben.

Zur Zeit der Regierung Heinrichs, des Vierten befande sich in Franckreich eine Hoch-Adeliche Familie, so auf einem Schloß wohnte. Dieses lage an einem Schiffreichen Wasser: hatte auf einer Seiten, ohngefehr eine halbe Stund weit davon, ein schattächtigen Wald; auf der anderen schöne Fischereyen, Wayd-Werck, Gärten, Matten, Wisen, und was dergleichen Lustbarkeiten mehr waren, deren die Edelleut in stiller Ruh ausser den Städten auf ihren Güteren geniessen. Ueber alle Ergötzlichkeit aber ist gewesen Flora, ein eintzige liebe Tochter, und Erbin grosser Schätz und Reichthumen, welche nach dem Hintritt ihrer Eltern, heut oder morgen auf sie warteten. Dieser Augen-Trost des Herren Vatters, und der Frau Mutter ware mit allerhand schönen Gaaben des Leibs und der Seelen geziert. Uber das noch in der Neh- und Stick-Kunst; wie auch im Singen und Lauten schlagen eine Meisterin. Allein 2. Mängel hatte sie, welche einem Adelichen Fräulein gar nicht wohl anstehen. Erstlich, eine freche Weiß zu handlen: Andertens, eine zornmüthige Natur. Mithin wurde ihr alles, was sie immer verlangte, gestattet. Wollte sie spatzieren fahren; stunde die Gutschen zu ihrem Dienst schon bespannet. Hatte sie Lust zu spielen; lagen die Würffel und Karten schon auf dem Tisch. Verlangte ihr Hertz nach einem guten Muth zu einem Tantz; liesse man ihr ein neues paar Schuh darauf machen. Fienge sie an mit den Cavallieren zu galanisiren; sahe man ihr droben zum Fenster herunter zu. In Summa: man setzte dieser Tochter nur immerdar süssen Zucker vor, und gabe ihr niemahls den bitteren Wermuth-Saft einer ernsthaften Zucht zu verkosten. Aber Zucker macht Gall. Das hat man an der Flora auch erfahren. Wann ihr das geringste nicht nach ihrem Sinn gienge, lieffe ihr die Gall über. Sie fienge an zu trutzen, den Stutz-Kopf aufzusetzen; also zwar, daß sie dem Herren Vatter nicht mehr schwiege; der Frau Mutter aber ungescheut nicht selten eines überzwerch anhengte: wormit die gute Frau mußte zufrieden seyn, wann sie nur nicht gar von der Tochter geschlagen wurde. Das waren dann gar schlimme Vorbotten ins künftig vieler besorglichen Ubel.


Eines Tags, bey heiterem Himmel, und milden Wetter spatzierte unser Gnädiges Fräulein, die Flora, samt anderen ihren Gespielinen in obgedachten [136] Wald. Nahme Kurtzweil halber die Lauten mit; und fienge gleich bey erstem Eintritt des Walds so künstlich zu schlagen, und mit ihrer zarten hellen Stimm dermassen lieblich darein zu singen, daß ihr es kein Nachtigall wurde bevor gethan haben. Ohne Zweifel wird es ein Bul-Liedlein gewest seyn: dann, was singen freche Töchter anders? Seye ihm aber, wie es wolle, so ist mithin Flora samt ihren Gespielinen ausgesperrt worden. Dann kaum hatten sie sich etwas tieffers in den Wald hinein gelassen, Flora ein und ander Gesätzlein geendet, da liesse sich von weitem sehen ein junger Cavallier, Lusidamor mit Namen, der mit sonderem Vergnügen der Music eine Weil zugehört hatte: hernach mit der Flora in so gute Verträulichkeit gerathen, daß er sie zur Ehe begehrt; Flora auch keinen andern Mann haben wollte. Letztlich ist die Sach so weit kommen, daß man sie wohl hat müssen zusammen geben; wollte man nicht noch vor der Hochzeit einen zum Gevatter bitten. So gehts, wann man jungen Rotz-Mäulern alles gleich thut, was sie wollen: wann sie erwachsen seynd, lassen sie sich nicht mehr biegen. So gehts, wann man mannbare Töchter überall ihres Gefallens hinrollen laßt, und ihnen nicht 10. Hüter für einen bestellt.


Lusidamor, und Flora stunden nunmehr in der Bereitschaft, und ward alle Anstalt zum Hochzeitlichen Fest gemacht. Mit diesem aber wollte ein welscher Baron, Clorisandus mit Namen nicht recht zufrieden seyn; als welcher von der Schönheit Florä eingenommen, ihm selbige zur Ehe-Gemahlin bestimmt hatte. Er war zwar des Lusidamors bester und vertrautister Freund: Allein, so wenig zween Hund, die erst zuvor miteinander geschertzt haben, sich mit einem Bein vertragen können; also wenig bleiben zween Buler lang gute Cammeraden, wann es um ein Weib zu thun ist. Clorisandus sahe wohl, daß sein Beginnen eine vergebene Sach, wann er nicht noch vor der Hochzeit einen Stein in Weeg legte, worüber der Lusidamor den Hals müßte brechen. Geht derohalben hin, bedingt einen Banditen, oder Strassen-Rauber (wollen ihn unterdessen Audifax, das ist, einen kecken Waghals nennen) um ein Stuck Geld; der bey nächster Gelegenheit dem Lusidamor ein Kugel durch den Leib sollte jagen. Wo, wann, und auf was Weis, das redeten sie in höchster Geheim miteinander ab. Wie die Sach nun bester massen eingefädlet war, verfügte er sich zu dem Lusidamor, und der Flora; machte ein langes Compliment; wünschte denen Braut-Personen zu ihrem bevorstehenden Ehren-Tag alles Glück, und erbotte mit sonderbahrer Höflichkeit seine möglichste, wohl geringste Dienst hierzu an. Wußte auch in allem durch listige Schmeichlerey den Schalck so meisterlich zu verdecken, daß er vor anderen zum Brautführer erbetten wurde: welches dann eben das rechte [137] Wasser war, so dieser Betrüger auf sein Mühle zu leiten trachtete.


Wenig Täg vor der Hochzeit stellte er Lusts halber samt dem Lusidamor einen Spatzier-Ritt an: weil sie ohne das die Lieblichkeit des Wetters dazu einlude. Sie mußten durch eben den Wald, von dem schon oben Meldung geschehen, ihren Weeg nehmen. Dahero es eben den Clorisandum die rechte Zeit gedunckte, sein teuflisches Vorhaben ins Werck zu setzen. Versteckte demnach obgedachten Banditen in einen Busch nicht weit von der Straß, mit Befehl, auf gegebenes Zeichen los zu brennen, und alsdann sich eilfertig auf ein Seiten zu machen: er wollte im übrigen die Sach schon also angehen, daß er Zeit und Weil genug haben sollte, das Leben durch die Flucht zu erretten. O des teuflischen Anschlags! alles war nunmehr zum Spatzier-Ritt fertig. Die Pferd gesattelt; und anderes nichts übrig, als daß sie sich von der Fräulein Hochzeiterin beurlaubten: welches auch mit viel eitlem Gepräng und Luft-Reden, nach jetzigem Welt-Brauch, geschehen Flora wünschte ihnen viel Glück auf den Weeg, nebst angehengter Bitt, bald wieder zu kommen: welches ihr dann auch von beyden auf den Abend zugesagt worden. Unterweegs führten diese 2. vertrauteste Brüder, Lusidamor, und Clorisandus, wie ein anderer Abel und Cain, allerhand kurtzweilige Reden: vom Frauenzimmer, Gutschen und Pferden; von allerhand Feder-Wildprät, leckerhaften Speisen, und kostbahrem Zuckerwerck; von prächtigem Kleyder-Geschmuck; neuen Balletten und Täntzen, welche bey der Hochzeit sich würden müssen sehen lassen; und gedachte der arme Lusidamor nichts wenigers, als daß er den ersten Tantz mit dem Tod wurde thun; und daß seinen Leib nicht ein Scharlach, mit guldenen Porten dick verbrämter Rock; sondern sein eignes Blut, und bald hernach die Würm und Maden bedecken wurden. In solchem Gespräch ritte diese lustige Gesellschaft miteinander fort, bis man allgemach zur bestimmten Mörder-Gruben kommen. Da ritte Clorisandus mit allem Fleiß etwas voran, und fienge an zu singen; welches eben das verrätherische Zeichen war. Gleich darauf geschiehet hinter ihm ein Schuß: Lusidamor wird getroffen, fallt vom Pferd: und weil die Kugel nahe bey dem Hertz hinein gangen, wurde er bald darauf gantz Kraftloß, und gabe ein kleines hernach den Geist auf. O Lusidamor! wie wirst du gefahren seyn? So bald Lusidamor gefallen, sprange auch der Clorisandus aller ertattert vom Pferd, und erzeigte grosses Leyd-Wesen gegen seinem allerliebsten Bruder, und bemühete sich aufs höchste, ihme das Blut zu stillen: deßgleichen auch beyde Diener thaten. Bald aber setzte er sich wieder aufs Pferd, und sprengte dem Schein nach, als wollte er dem Thäter nachsetzen, mit blossem Degen im Haag herum; aber gantz auf einer andern Seiten, als er wußte, daß der Mörder seinen Weeg [138] durchnehmen wurde. Er wurde aber bald wiederum von einem Diener zuruck beruffen, mit Vermelden, Lusidamor greiffe schon in die Zügen, und sterbe ihnen unter den Händen dahin. Worauf er dann Sporrenstreichs wieder zuruck gekehrt, dem Lusidamor gantz kläglich zugesprochen, ihm mit Weynen und Küssen um den Hals gefallen, und endlich die Augen zugedruckt. O des falschen Judas-Kuß! solche Maul-Freund, und Schelmen in der Haut gibt es heut zu Tag, leyder! nur gar zu viel: also, daß es vonnöthen, einen jeden zu warnen mit folgenden Worten:


Trau; aber schau, wem?


Nachdem Lusidamor in die andere Welt befördert worden, schickte Clorisandus seinen Diener voran auf das Schloß, der Florä Elteren die traurige Post in Geheim anzudeuten; bis er gleichwohl bald hernach umständlichen Bericht ertheilen wurde. Was dieser für ein angenehmer Both gewesen seye, ist leicht zu erachten. Der Diener kam bald mit einer Senften und Beth zuruck: Worauf man den Leichnam gelegt, und mit grossem Trauren und Klagen in das Schloß gebracht hat. Die Sach liesse sich nicht lang verbergen: Clorisandus selbst in Begleitung des Herrn Vatters, und beyder Diener begabe sich zu der Flora, ihr den kläglichen Tod-Fall so glimpflich, als es seyn konte, anzuzeigen. Sie bande vielleicht eben dazumahl ein schönes Mayen-Büschelein zusammen, welches sie bey nächster Wiederkunft ihrem Lusidamor zu verehren gedachte; unwissend, daß ein anderer solches auf sein Todten-Bahr stecken wurde. Bey erstem Eintritt in das Zimmer war gleich die Frag an den Clorisandum: Wo er ihren Liebsten gelassen hätte? Clorisandus gabe zur Antwort: Gnädiges Fräulein! Er ist gar weit. Es schossen ihm aber zugleich die Zäher in die Augen: Worüber dann der Flora ein Stich ins Hertz gienge, bevorab, weil sie auch in den Angesichtern der anderen ein gleiches trübes Gewölck sahe.Wo ist dann mein Lusidamor? Fragte sie noch einmal? In der andern Welt, antwortete Clorisandus.Ach! Gnädiges Fräulein: Euer Liebster ist todt: Und wollte zugleich anfangen, den gantzen Verlauf erzählen. Aber zu dem ersten Wort: Lusidamor ist todt, war der Flora nicht anderst, als hätte sie der Donner getroffen. Sie sprange aus dem Sessel auf:Wie? Sagte sie gantz erbleicht im Angesicht, und an Händ und Füssen zitterend: Soll Lusidamor todt seyn? Und als man ihr abermahl mit einem traurigenJa, und Achsel-Zucken geantwortet, fienge sie an, erbärmlich zu weinen und zu schreyen; die Händ ober dem Kopf zusammen zu schlagen, das Haar auszurauffen, und mit so Hertz- brechendem Seuftzen über die Grausamkeit des Meuchel-Mörders zu klagen, daß sie einen Stein hätte erbarmen mögen; bevorab als sie des erblaßten Leichnams ansichtig worden: [139] Worüber sie in eine Ohnmacht gesuncken, also, daß man sie für halb todt in ein anders Zimmer hat tragen müssen. Wie sie wieder zu sich selbst kommen, wiederholte sie die vorige Klag, und hatte man genug an ihr zu trösten, und zu hüten, daß sie ihr nicht selbst ein Leid anthate; sonderbar, als man den Leichnam, und mit ihm ihr Hertz, zur Erden bestattete. Da schüttete sie erst den übrigen Rest ihrer bitteren Zäher auf das Grab aus, und mußte nunmehr in der Schoos der Erden ruhen lassen, wornach sie ein so hitziges Verlangen getragen hatte.


Mittlerweil liesse der Schmertz in etwas nach: Die Wangen wurden alsgemach trocken, und fienge nach langem Regen die Sonne wieder an zu scheinen; Worbey der Clorisandus das beste thate, und der Flora noch so fleißig, als zuvor aufwartete. Und damit er ihme desto leichter einen Zugang in ihre Huld- und Gunst-Cammer eröfnete, kleidete er sich gantz prächtig herfür. Welches dann bey der Flora so viel vermögen, daß sie schier allerdings des Lusidamors vergessen, und ihn ihrer Lieb gewürdiget hätte. Ein Ding stunde ihm noch im Weeg. Der nagende Wurm des bösen Gewissens liesse ihm kein Ruhe; sondern hielte ihn in steter Forcht, sein Meuchelmord möchte Heut oder Morgen noch an Tag kommen. Damit er derohalben desto sicherer zur Ehe-Verlöbnuß schreiten möchte, wagte er noch einmahl ein Stuck Geld, und bestellte einen anderen Knecht (wollen ihn Davus nennen) der dem Mörder des Lusidamors das Maul auf ewig stopfen sollte. Dieser findet bald Gelegenheit; trift den Audifax unter einem Baum schlaffend an; entblößt das Stilet, oder spitzige Gewehr, willens, alsobald ihm eines zu versetzen, daran er genug haben sollte. Aber da er den Stoß führen wollte, kame ihn ein Reu an, und dunckte ihn, die höchste Unbillichkeit zu seyn, einen Menschen, der ihm sein Lebtag kein Leid gethan, in dem Schlaf umzubringen. Besonne sich derohalben eines besseren; setzte ihm gleichwohl das Stilet an die Brust, weckte ihn auf, und sagte: Bruder! siehe, dein Leben steht in meiner Hand. Audifax darüber erwachend erschracke gar heftig; bate um Gnad und Lebens-Frist: welche ihm der Davus nicht allein geben; sondern auch noch über das den Urheber, von dem er um so und so viel Geld auf seinen Kopf gedingt worden, entdecket. Weswegen sich Audifax höchstens bedanckt, Davum umfangen; beynebens aber wider den Clorisandum übel geflucht hat, als der ihn eben auch mit Geld bestochen, den Lusidamor umzubringen, und ihme jetzt ein so blutiges Trinck-Geld geben wollte. Davus konte ihm leicht die Rechnung machen, daß er von dem Clorisandus Heut oder Morgen einen gleichen Danck zu gewarten hätte: Wurde bald mit dem Audifax eins; schwuren zusammen, bey nächster Gelegenheit den Welschen bey dem Kragen zu nehmen. Worbey der Audifax für das beste hielte, [140] Davus sollte wieder nach Haus kehren, dem Clorisandus einen blauen Dunst vor die Augen machen, als hätte er seinen Willen nach Wunsch vollzogen: Könte auch nicht schaden, wann er ihme zu grösserer Versicherung einen blutigen Degen wollte weisen; entzwischen aber sollte er den gantzen Verlauf heimlich der Flora entdecken, die zweifels ohne den Tod ihres liebsten Bräutigams nicht ungerochen wurde lassen hingehen. Ich (sagte Audifax) will mich entzwischen auf die Seiten machen: Da und da (und zugleich nennte er ihm ein Dorf)wird man mich können antreffen; und darf mir die Flora nur ein Brieflein zuschicken, wann sie meines Diensts vonnöthen hat. Ich schwöre ihr bey meinem Eyd, nicht minder bey Hinrichtung dieses undanckbaren Mörders mich gebrauchen zu lassen, als ich, leider! keck und vermessen genug ihren unschuldigen Lusidamor ermordet hab. Bey dieser Abred ist es verbliben. Davus nahme seinen Weeg wiederum zuruck; und Audifax einem gewissen Dorf zu. Clorisandus, wie er den Davum ersehen, und von ihm vernommen, was gestalten Audifax also auf die Haut gelegt worden, daß er so bald nicht mehr aufstehen wurde, liesse ihm den Handel gefallen; und war nunmehr ein schwerer Stein von seiner Brust. Beschlosse also, die Flora wieder zu besuchen, und durch Liebkosen das endliche Ja-Wort von ihr zu erzwingen. Unterdessen wurde auch von dem Davus der Flora Bericht erstattet, wie fälschlich und schelmisch Clorisandus mit ihr spielen thäte. Mit was für einem Gesicht, und Hertzens-Stoß sie diese Zeitung werde angehört haben, ist leicht zu gedencken. Zuletzt nach vielen Fluchen und Vermaledeyen, nahme sie ihr auf Einrathen des Davi vor, in dem geringsten nichts dergleichen zu thun; sondern die Rach auf eine gelegnere Zeit zu verschieben. Clorisandus stellte sich bald wiederum bey seinem Liebs-Dienst mit dem gewöhnlichen Fuchs-Wadel ein. Aber sein Schmeichlen und Flattiren ware nunmehr der Flora wenig angenehm. Gleichwohl verbisse sie den Schmertzen, und erzeigte sich freundlicher gegen ihm, als sonst niemahls. Nahme ihre Lauten von dem Nagel herunter, und spielte diesem Liebs-Knecht eines auf: der dann vor Süßigkeit schier zergienge.


Es stunde nicht 8. Täg an, da liesse Flora an einem schönen Sommer-Tag Clorisandum in ihren Garten (der etliche Büchsen-Schuß von dem Schloß entlegen, allerhand schöne Baum-Gewächs, Spatzier-Gäng, und in der Mitte ein schönes Sommer-Haus hatte) einladen. Dahin sollte er sich ohngefähr um 8. Uhr gegen dem Abend in Geheim verfügen: Allda wollte sie eintzig und allein seiner erwarten. Unterdessen hatte sie heimlich um den Audifax geschickt, und das Sommer-Haus also künstlich lassen zurichten, daß ihr der verlangte Vogel unfehlbar wurde ins Garn gehen. Kein angenehmere Zeitung hätte dem [141] Clorisandus nicht können gebracht werden, als eben diese. Er schickte den Diener bald wiederum zuruck, die Flora seiner unfehlbaren Ankunft zu versicheren. Er verstunde, als ein erfahrner Buler, diese Sprach nur gar zu wohl, und bildete ihm anders nichts ein, als jetzt einmahl zu dem erwünschten Zweck zu gelangen, nach welchem er schon lange Zeit vergebens geziehlet hatte. Alle Uhren giengen ihm denselben Tag zu langsam; und alle Viertel-Stund zählte er an den Fingern ab, bis alsgemach die Sonn in das Meer sich versenckte, und der Abend anzubrechen begunte. Da schliche er gantz eintzig und allein (zweifels ohne in verstellter Kleidung, einem fremden Mantel und Hut, damit man ihn nicht können sollte) durch einen Abweeg der hinteren Garten-Thür zu. Die Flora daselbst seiner schon wartend, ersahe ihn vom Fenster des Sommer-Haus herab: Lieffe ihm eilend entgegen; machte ihm auf, und empfienge ihn auf das freundlichst, als ihr immer möglich. Und als er fragte, wer sonst noch vorhanden wäre? Niemand (antwortete sie) als wir beyde allein: Und bate zugleich, ohne weitere Ceremonien auf ein Gläslein Wein, und geheime Unterredung hinauf in das Sommer-Haus zu spatziren, und ohne Prangen an einem fremden Ort den Vorzug zu nehmen. Er sollte ihr nur diese Bitt nicht abschlagen; sie wollte ihm hernach auch etwas zu gefallen thun. Clorisandus, der sonst ehender wider die 10. Gebott GOttes zu sündigen bereit ware, als wider die Regel der Höflichkeit, einem Frauenzimmer vorzugehen, weigerte sich zwar eine Zeitlang, solches Anerbieten anzunehmen. Allein, was wollte er machen? Sein gnädiges Fräulein hatte zu gebieten. Er geht also voran; steigt die Stiegen hinauf; trittet in das Sommer-Haus hinein; wird aber gleich des Tritts von einer mit Fleiß hierzu gerichten Falle zu Boden geschlagen, und von zwey auf ihn fallenden Garn, nicht anderst, als wie ein Vogel auf der Tenne, bedeckt und verstrickt. Audifax, der entzwischen, bis das Traur-Spiel sollte angehen, in einem Winckel verborgen lage, sprange auf ihn zu, und hielte ihm die Händ, daß er sich nicht könte los reissen. Flora aber, wie ein grimmiges Tiger-Thier, wischte mit einem spitzigen Messer über ihn her. Habe ich dich jetzt einmahl (rufte sie mit feurigen Augen, und schaumend vor Zorn) in meinem Ge walt, du grausamer Mörder! der du mir meinen liebsten Lusidamor um das Leben gebracht; und mich in äusserste Betrübnuß gestürtzt hast? Hat er? Hab ich dieses um dich verdient? Aber der gerechte GOtt hat dich mir in meine Händ geliefert. Jetzt will ich dir den verdienten Lohn geben, ob du schon billicher von des Henckers, als meiner Hand sterben solltest. Und mit diesem versetzte sie ihm ein und den anderen Stich in das Angesicht, Schultern, und Arm. Und ob zwar der armselige Mensch durch GOtt, alle Heilige, und das jüngste Gericht um [142] Gnad und Barmhertzigkeit bate, thate sie doch seiner nur spöttlen Gelt aber! sagte sie, du Blut-Hund! du hast auch mit meinem Hochzeiter, und mit mir Mitleiden getragen? Darum ist es ja billich, daß ich dir jetzt auch verschone. Habe nur ein wenig Gedult; es wird bald anderst hergehen. Hierauf risse ihm Audifax den Rock voneinander; Flora aber brachte ein Pfannen voller Glut her; schüttete ihm die brinnende Kohlen auf die blosse Brust, und sprache: Jetzt kanst du dein geile Brunst löschen, du Bestie! da erkühle dich; da büsse deinen Lust: O du! als er aber vor Grösse der Schmertzen hierüber jämmerlich zu schreyen anfienge, wurde ihm der Mund mit einem Schnupf-Tuch verstopft, und ihm der Trost gegeben, es wurde bald besser werden. Wohlan, sagte Flora: Die Lieb ist blind, und hat dich auch so weit verblendet, daß du alle Gebühr auf die Seiten gesetzt, und meinetwegen meinen liebsten Lusidamor erwürget hast. Damit du dann der Liebe gleich sehest, will ich dich auch blind machen. Dieses geredt, stache sie ihm beyde Augen aus. Und weil sie mithin müd wurde, und schon gantz mit Blut bespritzt war, wollte sie dem Metzgen ein End machen. Schnitte ihm derohalben die Brust auf; risse das Hertz heraus, und warfe es ins Feuer: Die Seel aber schickte sie besorglich in die Höll hinunter. Audifax nach vollbrachter greulicher Mordthat empfienge für seinen Lohn einen Beutel mit Geld, hatte die Nacht zum Vortheil, und machte sich ohne sonderbare Mühe aus dem Staub. Flora aber versperrte das Sommer-Haus, verfügte sich nach ihrem Schloß, setzte sich nieder, und verfaßte schriftlich den gantzen Verlauf. Und wie sie mit dieser Arbeit fertig, saufte sie ein Glas voll des stärcksten Gifts aus. Weil sie aber vor Grimmen und Reissen im Leib sich des Schreyens nicht enthalten konte, lieffe eine Beschliesserin, und bald hernach auch der Herr Vatter und Frau Mutter zu; fanden sie aber schon in den Zügen, mit dem Tod ringend, und den Brief in ihrer Hand: Wie sie dann auch gleich darauf ihren unglückseligen Geist aufgeben. Aussen her an statt der Ueberschrift stunden diese wenige Wort in Frantzösischer Sprach:


Gut Nacht, gut Nacht, liebste Elteren.


Der Innhalt bestunde in folgenden, oder dergleichen Worten:


»Vermaledeyte Eltern! hätte ich sollen schreiben; die ihr die meiste Ursach meines Tods seyd. Ich hab zwar länger nicht mehr leben können, nachdem man mir mein Leben, den Lusidamor benommen; wurde aber noch leben, euch und unserer Freundschaft zu Trost, wann ihr mich nicht hättet lieben gelehrt; oder aufs wenigst mein Lieb inner den Schrancken der Gebühr und Ehrbarbarkeit gehalten. Clorisandus hat[143] meinen Lusidamor durch einen Banditen; ich den Clorisandum, (dessen Leichnam ihr in dem Sommer-Haus des Gartens finden werdet) um verdiente Rach einzuholen; mich aber habt ihr umgebracht. Hättet ihr in den ersten Jahren meiner Jugend mir nicht so viel übersehen, nicht allen Muthwillen gestattet, mein zornmüthige und freche Natur gebrochen, wurde es nie so weit kommen seyn. Ey dann! so erndet, und schneidet jetzt ein, was ihr ausgesäet: nemlich den ewigen Fluch, den ein ungerathenes Kind seinen nichts-werthen Eltern geben kan, und ich euch samt 1000. Teuflen auf den Hals wünsche. Ihr jammeret, und weinet zwar über mich; aber euer Reu kommt zu spat, und euere Zäher werden mir das höllische Feuer nich auslöschen. Ach vermaledeyter Vatter! ach verfluchte Mutter! was nutzt mir anjetzo das adeliche Geblüt, das ich von euch empfangen? was euere Reichthum und Schätz, die ihr mir gesammlet? was die gute Täg, die ihr mir gemacht? was die lustige Gesellschaft und Buhlerey, die ihr mir gestattet? und was nutzt euch jetzt euer Zärtlen, euer Liebkosen, euer Fingersehen; und allzu grosse Gelindigkeit gegen mir? als daß ihr dem Teufel ein Kind erzogen; ein Brand-Opfer der Unzucht; einen Schand-Fleck euers Geschlechts; eine grausame Mörderin; eine Feindin GOttes; eine Sclavin des Lucifers; mein und euer ewiges Wehe? verflucht seye die Stund, in der ich gebohren; vermaledeyt der Augenblick, da ich das erstemahl den Lusidamor gesehen; verflucht seye der Clorisandus, ein grosse Ursach meines Verderbens; verdammt, verflucht, und vermaledeyt seyd auch ihr samt mir in Ewigkeit. Gleich jetzt lege ich die Feder aus der Hand, greiffe nach einem Glas Gift, woraus ich euch zur Letze eines zubringe: ihr müsset mir mit nächstem daraus eines in der Höllen Bescheid thun.«


Zu unterst des Briefs stunde gegeschrieben


Euer ungerathene Tochter Flora.


In was Leidwesen, Trauren, und Klagen dieser Brief die Elteren werde gesetzt haben, mag ein jeder für sich selbst leicht gedencken. Das ist gewiß, daß sie ihn in kein Fenster werden gesteckt haben.

Franc. Rosetti, in einem kleinen Büchlein greulicher Mordthaten, so er in Frantzösischer Sprach beschrieben: Und ist der Ordnung nach die 16. Histori.


Blinde, unsinnige Lieb! auf was verzweifelte Gedancken, und Entschliessungen bringst du nicht die junge Leut! O! daß sie bedenckten die Wahrheit jenes Spruchs: Wer anfangt zu lieben, der fangt schon an, unglücklich zu werden: Wie werden [144] sie sich hüten, daß sie von dir nicht verstrickt werden! allein, weil sie so viel Verstand nicht haben, die Gefahr zu überlegen, so liegt euch Elteren ob, gute Vorsorg für euere Kinder zu tragen, und sie durch eine kluge Ernsthaftigkeit inner den Schrancken der Gebühr und Ehrbarkeit zu halten: Damit, wann sie an Leib und Seel solten zu Grund gehen, GOtt nicht von eueren Händen ihr Blut; ich will sagen, die Verantwortung wegen ihrem Untergang von euch fordere. Dann solches Blut wurde um Rach schreien; und mithin die Schärfe der göttlichen Gerechtigkeit wider euch in den Harnisch brringen.

Andere auserlesene Exempel

1. Exempel
Erstes Exempel.
Eines schlimmen Advocaten tägliche Andacht zu unser lieben Frauen verhinderte, daß ihn der Teufel nicht konte wegführen.

Zu Venedig, in Welschland, ware ein Advocat (das ist: ein Rechts-Gelehrter, dessen Amt ist, sich streitender Partheyen anzunehmen, und ihre Rechts-Händel auszuführen) welcher einstens einen wegen seiner Gottseligkeit, und Wunderwercken durch gantz Welschland berühmten Capuciner, mit Namen Pater Matthäus Basus zu einem Mittagmahl einlude. Der fromme Pater erscheint. Ehe man sich zu Tisch setzte, meldete unter währendem freundlichen Gespräch der Advocat: wie daß er einen Affen hätte, der ihm hunderterley Lustbarkeiten machte: er decke den Tisch; lege Teller auf; schwencke die Gläser; und was der gleichen Hausdienst mehr seynd, welche sonst die Dienstbotten zu verrichten pflegen. Der Pater aus göttlicher Eingebung erkannte gleich, daß es der Teufel wäre. Begehrte demnach, man solte ihn lassen herfür kommen. Man durchsuchte das gantze Haus; man rufte; man pfeifte ihm: aber der Aff wolte [145] sich weder sehen, noch hören lassen. Letztlich fande man ihn in einer finsteren Kammer unter einer Bethstatt, wohin er sich versteckt hatte: ohne Zweifel sich förchtend wegen der Gegenwart des gottseligen Paters. Als man ihn nun mit Gewalt herfür treiben wolte, bleckte er die Zähn, und stellte sich wider sein Gewohnheit gantz wild. Der Pater dessen bericht, verfügte sich selbst in Begleitung des Advocaten, und etlich anderer Hausgenossenen an das Ort, und rufte mit heller Stimm: komme herfür, du höllische Bestie! also befihle ich dir im Namen unsers HErrn JEsu Christi. Den Augenblick gehorsamete der Aff, und stellte sich mit zornigen Gebärden dem gottseligen Pater unter das Gesicht: der ihm dann ferners im Namen des Allerhöchsten befahle, unverzüglich zu sagen, wer er wäre? und was Ursachen halber er in dieses Haus kommen? auf welches der Aff mit menschlicher Stimm zu reden angefangen, und gesagt: ich bin der Teufel; und keiner anderen Ursach halber in dieses Haus kommen als die Seel dieses Menschens (da deutete er zugleich auf den Advocaten) der mir schon längsten zugehört, mit mir in die Hölle zu führen: welches ich schon wurde gethan haben, wann mich nicht ein Ding verhindert hätte. Als ihm der Pater befohlen, auch dieses zu bekennen, sagte er weiters: die Andacht, nächst GOtt, zu der Mutter GOttes, die er alle Nacht, ehe er schlaffen gangen, um Hülf angeruffen, hat mich verhindert. Hätte er dieses ein eintziges mahl unterlassen, so wäre er hin geweßt. Allen Anwesenden stunden vor Forcht und Zitteren die Haar gen Berg. Wie dem Advocaten werde um das Hertz geweßt seyn, ist leicht zu gedencken. Der Pater ohne längeres Verweilen befahle dem Teufel auf der Stell, das Haus zu verlassen, und ohne einiges Menschen Schaden seinen Weeg hinzunehmen, wo er herkommen. Der Teufel weigerte sich; mit Vermelden, daß er von GOtt Erlaubnuß hätte, ohne Schaden nicht zu weichen. Der Pater wolte solches weder glauben, noch gestatten; der Teufel aber kurtzum hierinn nicht nachgeben. Da entstunde dann bey allen auf ein neues ein Forcht und Zittern, sonderbar bey dem Advocaten, als der sich am meisten schuldig wußte. Darum ruften alle überlaut: O Pater! verlasset uns doch nicht. Der Pater tröstete sie, und sagte, sie solten gut Hertz fassen; es werde keinem was Leids geschehen. Erlaubte darauf dem Teufel, daß, wann er je ohne Schaden abzuweichen nicht gedacht wäre, so solte er ein Loch durch die Maur machen, und dardurch hinausfahren: welches auch geschehen, nicht ohne Entsetzung der Zuseher. Wie sie nun von diesem höllischen Gast los waren, fielen alle dem Pater zu Füssen, und sagten ihm hertzlich Danck, daß er sie aus so augenscheinlicher Gefahr errettet; absonderlich der Advocat: welchen der Pater liebreich umfienge; ihn das ungerechter Weis gewonnene [146] Gut heim zustellen; ein besseres Leben zu führen; auch das gemachte Loch in der Mauer mit einem Stein, auf welchem die Bildnuß des Heil. Schutz-Engels solte eingehauen werden, zu vermachen ernstlich ermahnte; so wurde er hinfüran wohl sicher seyn: welches dann auch geschehen. Auf dieses hin setzte man sich zu Tisch. Der Pater, welcher begieriger war nach der Seelen-Speis, als des Leibs, wolte sich der Gelegenheit bedienen, den Advocaten, da er noch mit heylsamer Forcht erfüllet war, gäntzlich zu bekehren. Nahme zu diesem End einen Zipfel von dem Tischtuch in die Hand, und sagte zu dem Advocaten: Herr! sehet: dieses Tischtuch ist voller Blut. Mit welchen Worten er zugleich das Tischtuch ausdruckte: und sihe! das helle Blut flosse häuffig herfür: Uber welches neue Miracul der Advocat also ertattert, daß er kein Wort reden konte. Der gottseelige Pater aber fuhre fort, und sagte: sehet! das ist das Blut, das ihr durch euere schlimme Tück aus den Aderen der armen Partheyen gesogen. Wie ist es möglich, daß euch bishero ein eintziger Bissen hat schmecken können? nehmet euch in Acht: dieses Blut schreyet Rach wider euch gen Himmel: thut Buß: es ist Zeit über Zeit. Der Advocat folgte der treulichen Ermahnung des Paters; gab das ungerechter Weis erworbene Gut wieder zuruck: und setzte sich also ausser Gefahr des ewigen Verderbens. Zacharias Boverius Parte prima Annalium PP. Capucinorum.


O Maria! wie mächtig schützest du diejenige, so dich um Hülf anruffen! absonderlich, wann sie dich täglich mit einer gewissen Andacht verehren! O wie groß ist gegen ihnen deine Güte! und wie erkennest du auch den geringsten Dienst, den sie dir erwisen! wohl ein mächtige! wohl ein gütige Jungfrau! zu dieser Jungfrau, O Christliche Jugend! nimme deine Zuflucht: ruffe sie an um Hülf: verehre sie täglich mit einer gewissen Andacht: und du wirst erfahren, wie sie ihr so gar nichts umsonst thun lasse. Oben gedachter Advocat hat es erfahren; und zwar zu seinem ewigen Heyl. Du möchtest aber villeicht gern wissen, was ich dir für eine Andacht rathe, welche leicht, und unser lieben Frau angenehm seye. So höre dann.


Erstens: so oft du hörest die Stund schlagen, bette allzeit zur Ehr unser lieben Frau ein Ave Maria.

Andertens: gehe zu Nacht niemahl schlaffen, du habest dann vorher ihr zu Ehren knyend, und mit aufgehebten Händen, vor ihrer Bildnuß (wann es seyn kan) gebettet, was hier folgt.


Gegrüsset seyest du Königin, Mutter der Barmhertzigkeit: das Leben, Süßigkeit, und unser Hofnung sey gegrüsset. Zu dir schreyen wir elende Kinder Evä. Zu dir [147] seuftzen wir traurende, und weinende in diesem Tahl der Zäher. Eja unsere Fürsprecherin! darum wende deine barmhertzige Augen zu uns. Und nach diesem Elend zeige uns JEsum, die gebenedeyte Frucht deines Leibs. O milde! O gütige! O süsse Jungfrau Maria.

Unter deinen Schutz und Schirm fliehen wir, O Heil. Gebährerin GOttes! verschmähe nicht unser Gebett in unseren Nöthen, sondern erlöse uns von aller Gefährlichkeit: O du glorwürdige, und gebenedeyte Jungfrau!

Gegrüsset seyest du Maria etc.


O Maria Jungfrau rein,
Laß mich dir befohlen seyn.
Steh mir bey in aller Noth;
Und verlaß mich nicht im Tod.

Dieses ist ein leichte; aber kräftige, mithin unser lieben Frauen angenehme Andacht.
2. Exempel
Zweytes Exempel.
Ein Doctor der Gotts-Gelehrtheit laßt sich im Todt-Beth mit dem bösen Feind in einen Glaubens-Streit ein; wird aber überwunden.

Auf der weit berühmten hohen Schul zu Padua, in Welschland, waren 2. Doctorn, welche die studierende Jugend in der GOttes-Gelehrtheit unterwisen: beyde vortreflich an Tugenden und Geschicklichkeit; und darneben die beste Freund untereinander. Der Tod aber zerstörte zuletzt ihre gute Vertreulichkeit, indem er den einen in die andere Welt forderte, nachdem er sich zuvor wohl und gottseelig zu einer so gefährlichen Reis bereitet hatte. Eines Tags, als der andere in seiner Studier-Stuben sasse, und dem Studieren oblage, stellte sich der Verstorbene in der Gestalt und Kleydung, wie er zu Lebs-Zeiten zu gehen pflegte, ihm unter die Augen; aber gantz erschröcklich anzusehen: weil allenthalben die Feur-Flammen, wie aus einem Bachofen heraus schlugen. Der gute Herr Doctor erschrack Anfangs gar hefttig ab einem solchen Gast. Wie er sich aber erholet, fragte er: was dieser klägliche Aufzug bedeute? ob, und wie ihm zu helfen seye? er solle nur begehren von guten Wercken, was vonnöthen wäre; er wolle einen Kosten, keine Mühe noch Fleiß spahren. Hierauf gabe der Geist mit einem tief geholten Seuftzer, und erbärmlicher Stimm zur Antwort; er solle das alles unterlassen: dann es wurde doch nichts nutzen; alldieweil er zum höllischen Scheiterhauffen auf ewig verdammt seye. So bist du dann verdammt? fragte der Doctor. Wie ist es aber möglich, daß ein [148] so tugendsamer Mann, der vor seinem End mit allen heiligen Sacramenten versehen worden, und selbige ja nicht unwürdig wird empfangen haben, auf ewig sollte verlohren seyn? ach! antwortete der Geist: da hat es nicht gefehlt; sondern erst hernach, da es mit mir auf die Neige gieng, kam der böse Feind für das Beth; und weil er wußte, daß ich in der Gotts-Gelehrtheit wohl erfahren war, fieng er an mit mir vom Glauben zu disputiren, und fragte, was ich glaubte? ich antwortete: alles, was in den 12. Articklen des Apostolischen Glaubens enthalten wird. Allein er verlangte von mir, daß ich ihm etliche duncklere Artickel erklären sollte. Das thate ich: und nahme zum Gehülffen die Glaubens-Bekanntnus des heiligen Athanasii; weil ich darfür hielte, daß man kaum anderwärts her ein bessere Erklärung haben könnte, sonderbahr was das Geheimnus der heiligsten Dreyfaltigkeit anlangt. Es wendete aber der böse Feind darwider ein: dem wäre nicht also, wie ich glaub te: und wiewohl ich seine Einwürf nacheinander aufzulösen mich bemühete, so ließ er mir doch nichts draus gehen, sondern brachte mich mit neuen, und verschrauften Fragen so weit, daß ich endlich an einem und anderen Glaubens-Artickel zu zweiflen anfienge; ja so gar in grobe Irrthum von dem Geheimnus der heiligsten Dreyfaltigkeit geriethe: in welchen da ich gäntzlich verstrickt war, griffe ich in die letzte Zügen, und sturbe dahin. Als ich darauf für den Richter-Stuhl Christi gestellt worden, ward ich als ein Ketzer auf ewig verdammt. Dieses geredt, ist er verschwunden. Der gute Doctor liesse ihm solches eine Warnung seyn; widerhohlte zum öftern die Catholische Glaubens-Bekanntnus, um sich wider einen so argen Feind desto besser zu bewafnen. Wie er nun ins Tod-Beth kam, war der Versucher bald vorhanden mit Disputieren, und fragte den Krancken, was er glaubte? dieser antwortete: Ich glaube, was die Catholische Kirch glaubt. Was glaubt aber die Catholische Kirch? versetzte der böse Feind hinwieder. Und der Krancke sprach: sie glaubt, was ich glaub. Und auf solche Weis mußte der unverschamte Teufel mit langer Nasen abziehen. Der Krancke griffe darauf in die Zügen, starbe seeliglich, und erschiene wenig Tag hernach mit frölichem glantzenden Angesicht seinen Freunden, und versicherte sie des Sieges, den er wider die Angrif des höllischen Feinds erhalten, Barocius de præparatione ad Mortem.


Aus diesem Exempel ist zu lernen, wie man sich im Tod-Beth mit dem bösen Feind keinesweegs in Glaubens-Sachen solle in einen Streit einlassen. Dann er ist viel zu verschrauft, und weißt allerhand Ränck, den Menschen damit zu verstricken. Das [149] beste ist, daß man seinen Anfechtungen wider den Glauben kein Gehör gebe; sondern sich einfältig, demüthig, und vest an das halte, was die Catholische Kirch glaubt und bekennt. Dann ihr Lehr kommt von GOtt her, der die ewige Wahrheit ist; und weder fehlen, noch betriegen kan. So hat auch GOtt diese Lehr zu allen Zeiten mit unzahlbaren Wunderwercken, so über die Natur seynd, bekräftiget: welches er nicht gethan hätte, wann solche Lehr nicht unfehlbar wahr wäre; in Bedencken, daß GOtt als die ewige Wahrheit, allein der Wahrheit mit einem Wunderwerck Zeugnus geben kan.

Im übrigen warum GOtt obigen Doctor, ungeachtet er dem Ansehen nach vorhin ein frommer Mann geweßt, im Tod-Beth vom bösen Feind habe lassen überwunden werden, das weißt GOtt allein. Vielleicht ist dieser Doctor in Glaubens-Sachen gar zu fürwitzig und nachgrüblig geweßt, und hat sich wegen seines scharfsinnigen Verstands übernommen. Von solchen aber sagt der weise Salomon in seinen Sprüchwörteren: wer der Majestät (zu fürwitzig) nachforschet, der wird von dem Glantz der Glory unterdruckt werden. Prov. 25.

3. Exempel
Drittes Exempel.
Ein guter Freund erscheint dem anderen nach dem Tod, und versichert ihn wegen Unsterblichkeit der Seel.

Es waren 2. in der Welt-Weisheit geschickte Männer, deren einer Marsilius Ficinus; der andere aber Michael Mercatus hiesse. Diese machten unter sich eine genaue Freundschaft, wegen gleicher Neigung, die sie zur Erlernung der Welt-Weisheit trugen. Es geschahe also, daß sie öfters zusamen kamen, und von der Natur disputirten: absonderlich fande Michael eine Beschwernus, wie man aus der Vernunft die Unsterblichkeit der Seel probieren könnte. Marsilius aber bemühete sich, seines Freundes Gegen-Beweisthum aufzulösen, und sein hin und wieder getriebenes Gemüth zu bevestigen, und in Ruhe zu setzen. Allein Michael wollte sich so leichter Dingen nicht zufrieden geben; sondern gabe dem Marsilius immerdar mit neuen Einwürffen zu schaffen. So sagte dann einstens Marsilius zu dem Michael: weil ich sihe, daß du dich auf die Scharfsinnigkeit deines Verstands verlassest, so laßt uns miteinander einen Pact machen, daß nemlich derjenige, so der erste aus uns sterben wird, dem anderen nach dem Tod (wann es GOtt anderst zulaßt) erscheine, und ihn wegen der Unsterblichkeit der Seel versicheren solle Michael war dessen wohl zufrieden; und also gaben beyde drauf hin einander die Händ. Was geschiehet? es steht [150] nicht lang an, so stirbt Marsilius. Indem nun Michael auf eine Zeit des Morgens Frühe in seiner Studier-Stuben allein war, und die Bücher, so von der Weltweisheit handlen, durch gienge, da hörte er gähling, daß einer auf der Gassen schnell daher geritten käme, und vor der Haus-Thür still hielte; mithin aber überlaut rufte: O Michael! Michael, alles ist wahr, was ich dir von der Unsterblichkeit der Seel gesagt hab, Michael erkannte alsobald die Stimm seines Freundes des Marsilii; stunde demnach von seinem Studir-Tisch auf, lieffe dem Fenster zu: eröfnete selbiges; und da er auf die Gassen hinunter gesehen, erblickte er seinen Freund Marsilium, in Schneeweisser Gestalt, sitzend auf einem gleichfals Schneeeweissen Pferd; der aber selbigem die Sporren gegeben, und in aller Eyl fortgeritten. Es rufte ihm zwar Michael nach mit diesen Worten: Marsili! Marsili! halt still; halt still. Wohin so schnell? allein Marsilius liesse sich nicht aufhalten; sondern ritte fort, und verschwunde darauf. Das machte nun dem Michael sorgfältige Gedancken, was dieses bedeuten müßte? und ob vielleicht sein Freund Marsilius gestorben seye? diesem nach schickte er ungesaumt einen Botten nach Florentz, einer Stadt in Welsch land, wo Marsilius seine Wohnung hatte, und von Michael weit entlegen war; und liesse erkundigen, was es für eine Beschaffenheit mit seinem Freund Marsilio habe? ob er noch lebe? oder villeicht gestorben seye? und sihe! wie der Bott zu Florentz angelangt, vernimmt er, daß Marsilius eben in selbiger Stund, da sein Geist vor des Michaels Haus auf einem Schnee-weissen Pferd erschienen, mit Tod abgangen. Wie Michael solches vernommen, wurde er gantz verändert. Dann er beurlaubte das Studieren auf die Welt-Weisheit, und verlegte sich allein auf die Betrachtung der ewigen Dingen; damit, weil er nunmehro von der Unsterblichkeit der Seel versichert war, er forthin so fromm und gottseelig leben thäte, daß er mithin auch das Heyl seiner Seel versicheren möchte. Welches auch geschehen; indem dieser ohne das vorhin fromme Mann in seiner gottseeligen Weis zu leben beständig verharret, und letztlich seeliglich verschieden ist. Baronius Tom. 5. Annalium, ad Annum Christi. 411.


O wann wir allezeit an die Unsterblichkeit unserer Seel gedenckten, wie wurden wir unser Leben gantz anderst anstellen, und unsere Gedancken mehrentheils nur auf das Ewige verwenden! Christus, unser Herr und Heyland, hat uns genugsam drauf gedeutet, Matth. 16. Indem er sagt: was nutzet es dem Men schen, wann er gewinnen thäte die gantze Welt, wurde aber Schaden leyden an seiner Seel?

4. Exempel
[151] Viertes Exempel.
Ein von Todten auferstandener erzählet, was ihme nach seinem tödtlichen Hintritt aus diesem Leben widerfahren.

Zu Zeiten des heiligen Bonifacii, Bischoffens zu Mayntz (den man sonst der Teutschen Apostel nennet; weilen er Teutschland zum Christlichen Glauben bekehrt; und auch deswegen im Jahr Christi, 755. gemartert worden) ist ein Mensch von Todten auferstanden. Diesen hat ermelter heiliger Bonifacius selbst auf das fleißigst ausgefragt: wie er gestorben? was er in der anderen Welt gesehen? und wie er wieder in diese Welt kommen seye? dem solle der Erstandene weinend geantwortet haben mit folgen den Worten: »Ach! was für ein Unterschied ist zwischen der Erkanntnuß dieses, und des andern Lebens! allhier sehen wir mit unseren leiblichen Augen nur die äusserliche Gestalten der Geschöpfen; dort aber siehet unser Seel auch die innerste Substantz und Wesenheit. In diesem Leben seynd wir gleich einem Stockblinden, der sein Lebtag niemahl gesehen; deme man viel sagt von der Beschaffenheit dieser Welt: wann er sie aber dort einmahl ins Gesicht bekommt, siehet er viel andere Sachen, und gantz anderst, als er ihm zuvor eingebildet. Also ist auch mir widerfahren, da mein Seel um Mitternacht von dem Leib abgeschieden. Dann ich sahe in einem Augenblick die gantze Welt, und das Meer vor mir. Der gantze Erdboden war mit einer solchen Flammen umgeben, daß ich darfür hielte, sie wurde alle Elementen verzehren; wann nicht ihr Gewalt durch die göttliche Hand wäre verhindert worden. Eben diesen Augenblick sahe ich Christum unseren HErrn, mit unaussprechlicher Klarheit, in Gestalt eines Richters; umgeben mit einer unzahlbaren Schaar der Englen. So ersahe ich zugleich eine fast unendliche Menge der Teuflen, deren grausame Gestalt ich nicht genugsam beschreiben kan. Bald darauf kame von allen Orten der Welt eine solche Anzahl der abgeleibten Seelen vor den Richter-Stuhl GOttes, daß ich mir niemahl eingebildet hätte, daß so viel Menschen auf der Welt wären. Da wurde nun eine scharfe und strenge Untersuchung über alle Verbrechen angestellt. Sehr wenig sahe ich, die in dieser Welt heilig gelebt, und ohne Mackel ihr zeitliches Leben beschlossen; diese flogen alsobald mit ihren Sieg-Kräntzlein und Palm-Zweigen der ewigen Seeligkeit zu. Andere, so einer Reinigung bedürftig, wurden in das Fegfeur geschickt, allwo sie gleich wie das Gold durch die Flammen solten geläutert, und endlich der ewigen Freuden theilhaftig werden. Diejenige aber, so in einer [152] Tod-Sünd, und ausserhalb der Gnad GOttes von dieser Welt geschieden, waren erbärmlich anzusehen; indem sie alsobald denen Teuflen übergeben wurden: die dann selbige mit ihren feurigen Hacken, Zangen und Klauen in höchster Grimmigkeit ergriffen, und in den feurigen Teich, so von Schwefel und Pech angezündet war, stürtzten. Ich sahe die unglückselige Seelen in Gestalt der Nacht-Raaben ob dem höllischen Rachen eine Zeitlang schweben, und ihren elenden Stand so bitterlich beklagen, und beweinen, daß es ein steinernes Hertz hätte sollen zum Mitleiden bewegen. Alsdann wurden sie von dem höllischen Rachen sammentlich verschluckt; und nahmen also einen ewigen Abschied von dieser Welt: von denen falschen Ergötzlichkeiten; von Sonn und Mond: an derer statt ihnen hinfür an die Flammen des höllischen Feuers in alle Ewigkeit leuchten solten. Nun, lasse ich einen erwegen, mit was Schröcken und Zittern ich mein Urtheil erwartet habe. Die böse Geister fiengen an, mir alle meine Verbrechen, auch die geringste herfür zu bringen: sie hatten alle meine Wort und Werck, auch die Gedancken auf das fleißigst aufgezeichnet. Von diesen allen mußte ich strenge Rechnung geben. Nichts war mir dazumahl so beschwerlich, als mein eigenes Gewissen: dann diejenige Sünden, so ich vor diesem für gering geachtet, die kamen mir jetzt unaussprechlich groß für. Sie warfen mir vor meine Undanckbarkeiten wider meinen GOtt und HErrn: siehe! sagten sie, ich bin der Wollust, dem du gefolget: ich bin der Ehr-Geitz, dessen du ein Leibeigner warest: ich bin das Silber und Gold, welches du für deinen GOtt gehabt. Wir alle seynd deine Kinder: uns hast du GOtt deinem Erlöser, vorgezogen. Solche starcke Anklagen hatten mir das Hertz dermassen benommen, daß ich nichts anders, als den erschröcklichen Ausspruch meiner Verdammnuß erwartete. Allein zu allem Glück tratte herfür mein Schutz-Engel, und erzählte etliche wenige gute Werck, so ich in Lebs-Zeiten verricht hatte. Niemand kan ihm einbilden, was ich damahlen für einen Trost darob empfangen. Glückselig seynd diejenige Händ, so in diesem Leben reichlich das Allmosen unter die Armen aussäen, damit sie dessen Früchten in dem anderen einsammlen mögen. Endlich ergienge das Urtheil; daß ich, anderen zur Unterricht, wieder in diese Welt kehren solte. Jch muß bekennen, daß ich damahlen unter allen meinen schweren Aengsten, und Beträngnussen, nach dem Schröcken in Anschauung der leidigen Teuflen, und Erwartung der Höllen, keinen grösseren Schröcken eingenommen, als ab meinem eigenen Leichnam, den man zur Erden bestatten wolte. Ist das der Maden-Sack (sprach ich zu mir selbsten) um dessentwegen ich [153] meinen GOtt und HErrn so oft auf die Seiten gesetzt? ist das die stinckende Gefängnuß, die ich der Freyheit, so mir Christus durch sein bitteres Leiden und Sterben erworben, so oft vorgezogen? dannenhero ich auch eine grosse Beschwernuß empfunden, wieder in meinen Leib, der mir wie eine kleine Höll vorkame, zu kehren. Nachdem ich mich aber mit ihm wieder vereiniget, verbliebe ich sieben gantze Täg stumm, und sinnlos: beweinte meine Sünden mit blutigen Zähern; alldieweilen mich das Wasser, solche abzuwaschen, nicht genugsam zu seyn gedunckte. Also befinde ich mich durch sonderbare Gnad GOttes wieder in diesem Leben; damit ich jedermänniglichen den Spruch des weisen Manns mit meinem Exempel erweise, der also lautet«: gedenck, O Mensch, deiner letzten Dingen, so wirst du ewiglich nicht sündigen. Caussinus in Aula Sancta P. 3. l. 3. c. 8.


Wem soll dise Erzählung nicht einen heilsamen Schröcken einjagen? und wie ist es möglich, daß man daran gedencke, und doch sündige? gütiger GOtt! verhüte es durch deine mächtige Gnad.

5. Exempel
Fünftes Exempel.
Ein Verstorbener richtet sich nach dem Tod zu dreymahlen in der Todten-Bahr auf.

Als der heilige Bruno, Stifter des Carthäuser-Ordens, zu Paris auf der hohen Schul studirte, soll sich mit einem auf gedachter Schul, so wohl wegen seiner Tugend, als Gelehrtheit berühmten Doctor nach dessen Tod folgendes zugetragen haben. Als man ihme in Beyseyn einer ungemeinen Menge Volcks in der Kirchen bey der Bahr, in welcher der todte Leichnam mit abgedeckten Deckel lage, und also von jedermann konte gesehen werden, die Leich-Besingnuß hielte, und einer aus denen Geistlichen in Ablesung einer Lection der Seel-Mette zu jenen Worten kame: gieb mir Antwort: siehe Wunder! da richtete sich der todte Leichnam in der Bahr auf, und sagte mit kläglicher Stimm: aus gerechtem Urtheil GOttes bin ich angeklagt worden: worauf er sich wiederum in der Bahr nieder gelegt. Was für ein Schröcken unter dem anwesenden Volck über diese unerhörte Begebenheit werde entstanden seyn, wer wird es können mit Worten aussprechen? jedermann schauete einander voller Forcht und Erstaunung an, und konnte Anfangs vor Schröcken kein Wort reden. Wie aber der Schröcken etwas nachgelassen, tratte die anwesende Geistlichkeit zusammen, und hielte Rath unter einander, was in dieser Sach zu thun wäre? und ob [154] man in der angefangenen Seel-Mette fortfahren solte; oder nicht? da waren dann die meiste der Meinung, man solle damit inhalten, und selbige bis auf den folgenden Tag verschieben: vielleicht werde es sich alsdann zeigen, was GOtt durch dieses Wunder andeuten wolle. Und bey diesem Schluß hatte es auch sein Verbleiben. Unterdessen wurde das Wunder in der gantzen Stadt Paris ausgebreitet; also daß sich des anderen Tags eine unbeschreibliche Menge Volcks in der Kirchen eingesunden. Wie nun die Geistliche die Leichbesingnuß wiederum angefangen, und der Leser abermahl zu jenen Worten kommen: gib mir Antwort: da richtete sich der todte Leichnam das andertemahl in der Bahr auf, und sagte mit entsetzlicher Stimm: aus gerechtem Urtheil GOttes bin ich geurtheilet worden. Auf welche Wort er sich wiederum, wie das erstemahl, in der Bahr nieder gelegt. Das war nun ein neuer Schröcken, welcher das Volck in eine ungemeine Erstaunung setzte; indem es nicht errathen konte, ob das Urtheil für, oder wider den Verstorbenen ausgefallen? demnach wurde die Leich-Besingnuß wiederum unterbrochen, und bis auf den dritten Tag verschoben. Wie nun selbige an ermeltem Tag bey Versammlung fast der gantzen Stadt Paris (so überaus volckreich ist,) auf ein neues angefangen worden, und der Leser abermahl zu jenen Worten kommen: gieb mir Antwort: da richtete sich der Leichnam das drittemahl mit grossem Gewalt in der Bahr auf, sperrete die Augen entsetzlich auf, schauete das umstehende Volck starrend an, holte einen tiefen Seufzer, und schrie mit greulicher Stimm: aus gerechtem Urtheil GOttes bin ich verdammt worden. Uber welches das anwesende Volck nicht anderst erschrocken, als wäre es vom Donner getroffen worden. Dann eine machten vor Erstaunung das heilige Creutz; andere schlugen die Händ in einander: andere klopften auf die Brust, andere heulten und weinten, und nahmen, mit unaussprechlicher Forcht über die Strenge des göttlichen Gerichts erfüllet, den Weeg aus der Kirchen wieder nach Haus, wo sie lange Zeit nichts, als von dieser traurigen Begebenheit zu reden wußten. Unter anderen hatte diese niemahl erhörte Begebenheit den dazumahl zu Paris auf der hohen Schul noch studirenden Bruno dergestalten erschröcket, daß er die Welt alsobald beurlaubt; die Würde einer Domherren-Stell zu Rheims in Franckreich verlassen, und sich in eine Einöde begeben: in welcher er Tag und Nacht die Strenge des göttlichen Gerichts betrachtet; seine Sünden mit vielen Zähern beweinet; mit Betten, Fasten, Geißlen, und anderen Buß-Wercken sich abgemergelt, und hernach den strengen Carthäuser-Orden (in welchem alles Fleisch-Essen für die gantze Lebens-Zeit unter schwerer Sünd verbotten ist) eingesetzt. Annal. Carthus. l. 1. c. 1.

Allem nach mußte dieser verstorbene Doctor ein grosser Gleißner geweßt [155] seyn. Seye ihm aber, wie es wolle, so hat man grosse Ursach, sich vor der Strenge des göttlichen Gerichts zu förchten. Dann anderst seynd beschaffen die Urtheil GOttes; anderst die Urtheil der Menschen. O wie bald ist es geschehen, daß wir uns durch die eigne Lieb, durch die Sinnlichkeit; durch die böse Anmuthungen verführen lassen! dies und jenes für gering halten, das etwann vor GOtt ein schwere Sünd ist! darum sollen wir öfters mit dem David zu GOtt ruffen: Durchstiche mein Fleisch mit deiner Forcht: dann ich hab mich vor deinen Rechten geförchtet. Psal. 118.

6. Exempel
Sechstes Exempel.
Einem, der nur einen Tag im Fegfeuer gelitten, kommt es vor, als hätte er schon viel Jahr darinnen zugebracht.

Es ware auf eine Zeit ein frommer und aufrichtiger Mann, der in eine schwere Kranckheit gefallen, mit welcher er ein gantzes Jahr zu thun gehabt, mit grossen Schmertzen, und Verdrüßlichkeit. Er bate demnach GOtt, er wollte sich seiner erbarmen, und diesem Elend mit einem glückseligen Sterbstündlein einstens ein End machen. Was geschihet? GOtt erhört ihn, und laßt ihm durch den Schutz-Engel folgendes sagen:wisse! daß GOtt dein Gebett erhört hat. Allein laßt er dir die Wahl: entweders noch ein Jahr lang diese Kranckheit auszustehen, und darnach von Mund auf in Himmel zu kommen; oder 3. Täg im Fegfeuer zu leiden. Der Krancke besinnete sich nicht lang; sondern sagte: ich will lieber anjetzo sterben, und 3. Täg im Fegfeuer seyn, als noch ein gantzes Jahr mit einer so schmertzlichen, und verdrüßlichen Kranckheit geplaget werden. So seye es, sagte der Schutz-Engel: es geschehe nach deinem Begehren. Bald darauf greift der Krancke in die letzte Zügen, stirbt, und sein Seel wird in das Fegfeuer geführt. Ueber einen Tag hernach kommt der Schutz-Engel zu der Seel, und fragte sie: nun, wie stehts? was machest du jetzt? und wie kommt dir dieses Ort für? O! sagte die Seel! gar übel. O mein Schutz-Engel! wie bin ich hintergangen worden! du hast mir gesagt, ich müßte nur 3. Täg im Fegfeuer seyn; nun aber leide ich hier schon viel Jahr unaussprechliche Pein und Quaal. Ja wohl nicht, sagte der Schutz-Engel zu der Seel: du bist nicht hintergangen worden; sondern die Schärfe des Feuers macht dir die Zeit und Weil so lang. Dann du sollt wissen, daß du erst einen eintzigen Tag im Fegfeuer zugebracht. Jedoch, wann dich die gethane Wahl gereuet, so ist GOtt der HErr noch [156] so gütig, und will dich mit deinem Leib wiederum lassen vereiniget werden; du must aber die vorige Kranckheit noch ein gantzes Jahr ausstehen. O daß GOtt gebe! sprach die Seel: nicht nur ein, sondern mehr Jahr; ja bis auf den jüngsten Tag will ich auf der Welt leiden, wann ich nur einmahl aus dem Fegfeuer komme. Das ist dann auch geschehen; in dem die Seel mit dem Leib wiederum vereiniget worden; und hat dieser Mensch noch ein gantzes Jahr länger die vorige Kranckheit ausstehen müssen. Der hernach alles, was sich mit ihme zugetragen, andern erzählet; ihrer viel zur Buß und Bekehrung gebracht; letztlich wiederum in GOtt verschieden, und in Himmel aufgenommen worden. Cantiprat. l. 2. Apum. c. 16.

O was ist für ein Unterschied der Peinen in diesem Leben; und jener in dem Fegfeuer! ein Schatten ist es, was man hier leidet, gegen dem, was dorten die Seelen leiden. Dann die göttliche Gerechtigkeit selbst zündet jenes Feuer an; sie schärfet es; sie erhaltet es: und da verschont sie nicht; weilen nemlich die Zeit der Gnaden allbereit verflossen, und anjetzo allein die Gerechtigkeit regiert. Welches jener wohl verstanden, so das Lied von den armen Seelen im Fegfeuer gemacht; da er ihre Klag also anstimmet.


O schwere GOttes Hand,
Wie bist allhie zu Land,
So schmertzlich zu gedulten!
Ach wie muß man so theur
In diesem strengen Feur
Bezahlen alle Schulden!
7. Exempel
Siebendes Exempel.
Ein verstorbener Student erscheint seinem Lehrmeister nach dem Tod in einem peinlichen Mantel, von Pergament.

Auf der hohen Schul zu Paris lehrte vor Zeiten ein berühmter Doctor, mit Namen Silo. Seine Spitzfindigkeit bestunde meistentheils in der Disputir-Kunst: In welcher er also erfahren, daß er diejenige, so mit ihm disputirten, durch verschraufte Beweisthum dergestalten verwicklete, daß sie weder aus, noch an wußten: mithin (wie man zu reden pflegt) in Sack geschoben wurden und sich überwunden zu seyn bekennen müßten. Unter andern Lehr-Jüngern hatte er auch einen Studenten von spitzfindigem Verstand. Dieser fassete die Kunstgrif seines Lehrmeisters dergestalten, daß er in der Disputir-Kunst fast so geschickt, als der Lehrmeister selbst, erfunden wurde. Auf diese Kunst studirte er Tag und Nacht: und war seine gröste Freud, wann er mit spitzfindig ausgesonnenen Beweisthumen einen seiner Mitschuler im Disputiren fangen, und überwinden konte: unterdessen [157] wenig sorgend, seine unordentliche Anmuthungen des Gemüths zu überwinden, und in der Tugend einen Fortgang zu machen. Diese seine Geschicklichkeit nun machte ihn bey dem Lehrmeister sehr beliebt und angenehm; also daß der Lehrmeister mit ihm prangete, und ihn öfters die Zierd seiner Schul zu nennen pflegte. Allein der Lehrmeister mußte diese Zierd bald verliehren. Dann siehe! indem der Student dem Studiren gar zu starck oblage, zoge er sich dardurch eine auszehrende Kranckheit zu, welche in kurtzer Zeit also zunahme, daß der Tod vor der Thür stunde. Wen betrübte dieser Zustand mehr, als eben den Lehrmeister? er suchte demnach den Lehrjung heim, und bezeugte gegen ihm grosses Mitleiden. Ach! sagte er: mein lieber Lehrjung! wie bedaurest du mich, daß ich dich in diesem Stand sehen muß! dann du weißt, wie ich dich wegen deiner Geschicklichkeit vor anderen Studenten geliebt, und geschätzt hab. Du warest die Zierd meiner Schul: du warest mein Freud. Ach! könte ich dir helfen! wie gern wollt ichs thun! dieses geredt, schossen ihm die Zäher in die Augen: kehrte sich damit auf die Seiten, und fienge wider den Tod an also zu klagen: giengest hin, du allgemeiner Menschen-Fresser in ein Haus, wo arme Eltern seynd, die viel Kinder haben, und wissen selbige kaum zu erhalten: oder wo Kinder gefunden werden, die sich von den Elteren nicht ziehen lassen: nehmest da eines nach dem anderen weg: O wie wurden dir solche Elteren darum dancken! aber mir ein so geschickten Lehrjung in der Blühe der Jugend weg nehmen, mithin die gröste Zierd meiner Schul entziehen: was für ein Unbarmhertzigkeit ist dieses: allein weil er sahe, daß alles Klagen umsonst wäre, schickte er sich endlich in die göttliche Verordnung: kehrte sich wieder zu dem Lehrjung, und tröstete ihn mit diesen Worten:mein lieber Lehrjung! schicke dich in den Willen GOttes; und gedencke, wir seyen darum auf die Welt kommen, das wir einstens sterben müssen. Mache also aus der Noth ein Tugend, so wird dich alles ringer ankommen; und wird dein Tod nur desto verdienstlicher seyn. Allein, eines begehre ich von dir: wann es doch muß gestorben seyn, und es GOtt zulaßt, so komme nach dem Tod zu mir, und zeige mir an, wie es dir auch in der andern Welt gehe. Der Lehrjung sagt es dem Lehrmeister zu: womit beyde von einander den Abschied genommen. Was geschihet? die Kranckheit nimmt von Stund zu Stund zu, und der Krancke stirbt dahin. Es steht nicht lang an, da erscheint des Lehr-Jungen Geist dem Lehrmeister. Die Gestalt des Angesichts war bleich; die Augen eingefallen: über die Achsel aber truge er einen langen Mantel, von Pergament; auf welchem alle spitzfindig-ausgesonnene Beweisthum, denen er sich bey Lebzeiten, andere Studenten damit [158] zu fangen, und im Disputiren zu überwinden bedient hatte, geschrieben stunden. Der Lehrmeister erkennte ihn gleich aus dem Angesicht, und fragte ihn: mein lieber Lehrjung! wie geht dir auch in der anderen Welt? sehr übel, antwortete der Geist: dann dieser Mantel beschweret mich über die Massen. Wie kan das seyn, sagte der Lehrmeister? ist er doch nur von Pergament? was ist leichters zu tragen? der Geist antwortete: O Silo! Silo! du solt wissen, daß dieser Mantel von Pergament, mir grössere Beschwernuß macht, als wann ich den grösten Thurn in Paris tragen müßte. Der Lehrmeister verwunderte sich sehr darüber. Allein, was bedeuten die auf dem Mantel geschriebene Beweisthum? fragte der Lehrmeister weiters. Da antwortete der Geist: weilen ich bey Lebs-Zeiten mehr Sorg getragen, wie ich andere Studenten im Disputiren mit verschrauften Beweisthumen überwinden, als das Heil meiner Seel beförderen möchte, so muß ich diesen Mantel zur Straf meiner Eitelkeit, und schnöden Freud, die ich im Disputiren gehabt, antragen: der mir aber einen solchen Schweiß austreibt, dessen brennende Hitz ich mit Worten nicht aussprechen kan. Wie aber der Lehrmeister sich verlauten liesse, er könne ihm dieses nicht einbilden; sagte der Geist zu ihm: so reiche dann deine Hand her; und ich will einen eintzigen Tropfen von diesem brennenden Schweiß darein fallen lassen: was gilts? du wirst mir Glauben zustellen. Der Lehrmeister wollte es doch nicht glauben: reichte also die Hand her: und siehe! ein eintziger Tropf, den er in die Hand empfienge, durchdrunge in einem Augenblick das Fleisch, Bein, und aderechtige Theil der Hand mit so unerträglichem Schmertzen, daß er überlaut aufschrye: ach wehe! ach wehe! ich muß vor Schmertzen sterben. Hab ichs dir nicht vorgesagt? waren die Wort des Geists: ein andermahl seye nicht so unglaubig. Hüte dich auch vor der Eitelkeit, die du bishero in der Disputir-Kunst gesucht, damit du nicht einstens gleiche Straf, wie ich, im Fegfeuer ausstehen müssest. Dieses geredt, verschwande der Geist: der Lehrmeister aber bekame einen solchen Eckel ab der Eitelkeit seiner Disputir-Kunst, daß er sich selbiger gantz und gar entschluge; der Welt Urlaub gabe, und in ein Closter gienge: in welchem er GOtt diente, und seiner Seelen Heil sorgfältig oblage; damit er nach dem Tod nicht erfahren müßte, was seinem Lehrjung begegnet ist. Gazæus in Piis Hilar. Tom. 2.


O hätte dieser Lehrjung zu Gemüth geführt jene nutzliche, und Hertzdurchdringende Reimen, so in dem Lied von den armen Seelen des Fegfeuers enthalten seynd! wie wurde er seine allzu grosse eitle Freud im Studiren gemäßiget haben! höre, Christliche Jugend! wie sie lauten: behertzige sie; und drucke selbige tief [159] in deine Gedächtnuß: dann du wirst daraus keinen geringen Nutzen ziehen.


1.
O wehe der Eitelkeit,
O wehe der kurtzen Zeit,
O wehe der schnöden Freuden!
Ach wie so grosse Pein
Nimm ich darfür jetzt ein!
Ach wie viel muß ich leiden!
2.
Ach hätt ich jetzt die Zeit,
Die ich in Eitelkeit,
So unnütz thät verzehren!
Ach hätt ich nur ein Stund!
Leicht wolt ich mich jetzund
All dieser Pein erwehren.
8. Exempel
Achtes Exempel.
Ein Mörder erlangt durch seine reumüthige Zäher vor dem Tod Verzeihung seiner Sünden.

Zur Zeit des Christlichen Kaysers Moritz, hielte sich in den Gräntzen von Thracien lange Zeit auf ein grausamer Mörder, ja ein Rädelführer der Mörder. Dieser machte alle Weeg und Strassen unsicher, und begienge viel grosse Mordthaten. Letztlich wurde er durch zuthun gedachten Kaysers wunderlich bekehrt, und so zahm als ein Lamm gemacht; also, daß er sich selbst dem Kayser persönlich dargestellt, und um Gnad gebetten; die er auch erlangt hat. Bald aber darauf wurde er von einem tödlichen Fieber überfallen, und in einen Spital überbracht. Wie er nun sahe, daß er von dem Tod übereilt wurde, auch nicht gleich ein Priester vorhanden gewesen, dem er seine Sünden hätte beichten können, ergriffe er dasjenige Mittel, welches in dergleichen Fällen allein einem Sünder noch durchhelfen kan; nemlich die vollkommene Reu und Leid. Er erhebte also sein Gemüth durch den wahren Glauben und Hofnung zu Christo, und sprache (wie es die herumligende Krancke hernach bezeugten) mein HErr! weil ich niemand anderen haben kan, dem ich beichten könte, so beichte ich dir meine Sünden; und begehre nichts anders, als was schon einmahl ein Mörder von dir am Creutz erlangt hat: nemlich Gnad und Verzeihung: und das durch dein unendliche Barmhertzigkeit. Zu Zeugen meiner Reu opfere ich dir auf diese meine Zäher; und begehre nichts anders, als zu sterben in deiner Gnad. O GOtt! seye gnädig mir armen Sünder. Dieses geredt, wendete er sich gegen der Wand des Krancken-Zimmers, weinte mit viel Seufzen und Wehklagen sein Schnupftuch an, und gabe in solcher Reu den Geist auf. Der Artzt des Spitals, ein so wohl gottseliger, als Artzney erfahrner Mann, sahe dieselbige Nacht, eben in der Stund, da der Mörder gestorben, [160] zu des verstorbenen Beth hinzu gehen viel schwartze Mohren, mit langen Zettlen in den Händen, worauf des Mörders begangene Missethaten verzeichnet stunden. Es waren aber auch zugegen zwey andere Männer, in weisser Kleidung; nemlich 2. Engel, deren einer in der Hand eine Waag hielte. Wie man nun die Zettel auf die Waag legte, druckten sie die Waag-Schalen tief unter sich: Worauf die Mohren, nemlich die Teufel, auf den Sententz drangen; daß man der Gerechtigkeit gemäß diese Seel ihnen zuerkennen solte. Da sprach der eine Engel: haben wir dann gar nichts, das wir auf die andere Waag-Schal legen könten? der andere antwortete: was müßten wir haben? es seynd noch nicht 10. Täg verflossen, daß dieser Mensch die Mörder-Grub verlassen. Doch suchten sie in dem Beth herum, und fanden zuletzt das mit Zäher angefeuchte, und nasse Schnupftuch; welches, als sie es auf die Waag gelegt, hat es die Zettel alle überwogen. Darauf die Mohren verschwunden; die Seel aber von den Englen weg geführet worden. Des anderen Tags, so bald der Artzt des Spitals erwacht, eilte er dem Spital zu; fande das von Zähren gantz nasse Schnupftuch: und wie er von denen anderen Krancken vernommen, was sich mit dem sterbenden Mörder begeben, zweifelte er nicht mehr, daß diese Buß-Zäher dem reuenden Mörder wohl müßten zustatten kommen seyn: sagte GOtt Danck wegen des gehabten Gesichts, und machte es ihm auch selbsten fleißig zu Nutz. Mancinus de Passione Domini. l. 2. Dissert. 3.


O was haben die Zäher nicht für ein Kraft, wann sie aus einem reumüthigen Hertzen herfliessen! wie zornig auch GOtt wegen den Sünden geweßt ist, so besänftigen ihn doch die Zäher. Sie fallen ihm gleichsam in die Arm, und verhindern, daß er den Sünder nicht straft nach seinen Verdiensten. Welches aber mehr zu verstehen ist von denen Zäheren des Hertzens, als der Augen. Und dahin deutet der Prophet David, wann er sagt: Ein zerknirschtes, und demüthiges Hertz wirst du, O GOtt nicht verachten. Psalm. 50.

9. Exempel
Neuntes Exempel.
Zu einem krancken, unkatholischen Herren kommen bey nächtlicher Weil 6. verdammte Geister, die ihn schrecken.

Unter der Regierung der Königin Elisabeth in Engelland, von welcher die Catholische hart verfolgt worden, lage zu Londen königlichen Haupt- und Residentz-Stadt in Engelland, auf den Tod kranck ein gewisser Freyherr, gedachter Königin Rath. Wenig Täg[161] vor seinem Tod sahe er bey nächtlicher Weil 6. ihm bekannte Herren, die schon vor etlich Jahren gestorben, zu ihm in das Krancken-Zimmer hinein tretten: alle in gar kläglicher und erschröcklicher Gestalt, so auch vor diesem der Königin Elisabeth Räth waren. Ewiger GOtt! wem solte nicht ein Grausen durch den Rucken gehen? Was werden diese so spath in der Nacht vor des krancken Beth wollen? was für ansehnliche Männer waren nicht diese alle bey Lebs-Zeiten? jetzt aber lauter Sclaven des Teufels, mit schwartzen langen feurigen Röcken angethan, aus welchen die Flammen heraus schlugen: die winselten, und heulten wie die Hund vor Schmertzen, daß einem darvor grausen soll, der es auch nur erzählen hört. Wie dem Krancken müsse zu Gemüth geweßt seyn, kan ihm ein jeder leicht einbilden. Einer aus denen Verdammten ergrif ihn bey der Hand, worüber selbige vor Kälte gantz erstarret, und der Krancke vor Schrecken schier allerdings verschmachtet ist. Aus welchem abzunehmen, daß die Verdammte nicht nur allein Hitz; sondern oftermahls auch Kälte leyden. Warum aber eben diese Hand des verdammten Herren Eiskalt gewesen, da doch der übrige Leib branne, ist nicht leicht zu errathen. Villeicht weil er im Leben eine kalte Hand gegen denen Armen im Geben gehabt; oder weil er sich mit Schmirbalien einnehmen, oder Unterzeichnung ungerechter Befehls-Brief vergriffen hatte. GOtt weißt es, warum? damit es aber der Todt-Krancke auch bald innen wurde, wendeten sich die verdammte Herren insgesamt zu ihm, und sprachen: Richte dich du nur auf die Reis: dann du wirst bald bey uns seyn. Sage auch dieses dem Schatz-Meister der Königin, dem Cäcilio, daß ein eigenes Ort auf ihn in der Höll warthe: wo er samt dir uns einen Gesellen in der Peyn abgeben wird. Dieses geredt, verschwanden sie im Augenblick: liessen aber den sonst Todt-Krancken im Schweiß und Angst ligen: welcher hernach denen, die ihn besuchten, alles treulich erzählte, und mit einem Eyd-Schwur bestätigte. Unter anderen, die ihn heimsuchten, war auch eine adeliche Matron, die ihn gantz sorgfältig fragte, ob deme also wäre, was man von ihm sagte? Und da die ser bestättigte, daß alles nur gar zu wahr seye: bekümmerte sich die gute Frau über die Massen, und fragte weiters: ob dann gar kein Mittel mehr vorhanden wäre, ihm zu helffen? da antwortete der Krancke: es seye kein anderes Mittel mehr übrig, als daß man ihm heimlich einen Catholischen Priester kommen lasse: dann das Gewissen gebe ihm ein, daß keiner ausser der Catholischen Kirchen könne seelig werden. Allein da wolte sich niemand brennen; niemand um einen solchen Beicht-Vatter umsehen: weil solches von der Königin Elisabeth scharf verbotten war. Worauf der verlassene Freyherr erbärmlich zu schreyen[162] angefangen, welches Geschrey aber mehr von einer Verzweiflung, als Bußfertigkeit herkame. Und auf solche Weis gabe er den Geist auf: deme auch Cäcilius, der Schatz-Meister durch einen unversehenen Tod bald auf dem Fuß nachgefolget, und bestättigen helffen, daß es keine Phantasey des Krancken; sondern ein wahres Gesicht gewesen, was er von erstgedachten Geistern so hoch betheuret hat. Pædagogus Christianus P. 1. c. 8. §. 9. n. 6.


O wie vielen Uncatholischen gibt das Gewissen folgenden Rupf: ausser der Catholischen Kirchen kan niemand seelig werden. Dann diese Kirch ist zu jederzeit von GOtt mit unzahlbaren Wunder-Wercken bestättiget worden: da hingegen die Un catholische für sich kein eintziges Wunder-Werck aufweisen können. Wie darffest du dann trauen? Wie kanst du dir eine Hofnung machen auf deinem Glauben seelig zu werden? du gehest irr; du fehlest; und du wirst des Himmels verfehlen, wann du bleibst, wie du bist. Wilst du dann mit blinden Augen dem Verderben zulauffen? Ey; wache einstens auf: ruffe GOtt an, er wolle dich erleuchten: liese die Grund-Sätz des Catholischen Glaubens; oder lasse dich von geschickten Catholischen unterrichten; sonst bist du ewig verlohren. Allein, wie vil kehren sich an solche Rüpf des Gewissens? das zeitliche, die Ehr, die Kommlichkeit geht bey ihnen vor. Weilen aber dieses alles über ein kurtzes ein End nimmt, verliehren solche unglückseelige Leut neben dem Zeitlichen auch das Ewige. O wie werden sie einstens ihre Blindheit beweinen! aber zu spath.

10. Exempel
Zehendes Exempel.
Ein Mägdlein wird ewig verdammt; weil sie aus Schamhaftigkeit ihre unreine Liebs-Händel dem Beicht-Vatter vor dem Tod nicht bekennen wollen.

In Indien (so eines der grösten Ländern in der neuen Welt ist) war ein Mägdlein von 16. Jahren mit Namen Catharina. Diese diente bey einer vornehmen Frauen; war aber so frech und unverschamt, daß sie sich mit jungen Gesellen gemein machte, und mit ihnen sündigte. Es strafte sie zwar ihre Frau öfters mit harten Worten darum; allein es halffe alles nichts: also gar ware sie mit unreiner Lieb schon verstrickt. Unterdessen beichtete sie dannoch zu gewissen Zeiten; meldete aber niemahls das geringste von ihren unreinen Liebs-Händlen: Damit sie nemlich von dem Beicht-Vatter nicht für ein leichtfertiges Mägdlein [163] angesehen wurde. So geschahe es dann, daß sie von GOtt mit schwerer Kranckheit heimgesucht wurde. Dieses veranlaßte sie ihren Beicht-Vatter zu begehren; um ihre Beicht abzulegen. Der Beicht-Vatter kommt; hört sie an: allein sie sagte kein Wort von ihrer unreinen Lieb. Und solche falsche Beicht widerholte sie in selbiger Kranckheit (O Frevel!) zum neunten mahl. Wann nun der Beicht-Vatter wiederum hinweg war, tribe sie vor anderen Dienern und Mägdlein des Hauses nur das Gespött und Gelächter, sagend: Ja freylich: ich hab gewiß sonst nichts zu thun, als daß ich dem Pfaffen meine Liebs-Stückel bekennen solte. Er muß lang warten, bis er etwas davon innen wird. Alsdann brachte sie etwelche unzüchtige Liebs-Possen und verbulte Reden vor, ab welchen sich die Diener und Mägd nicht wenig ärgerten, und sie deswegen bey ihrer Frau verklagten. Diese dann gabe ihr Anfangs einen ernstlichen Verweis, nachgehends aber, ihr ein Hertz zu machen, und sie zu einer vollkommenen Beicht zu bewegen, fragte sie gantz freundlich: was es dann seye, daß sie dem Beicht-Vatter zu bekennen so grosses Bedencken trage? da gestunde sie es ihrer Frauen; erzählte ihr auch, was Gestalten sie, so oft der Beicht-Vatter zu ihr kommen, zur lincken Seiten neben ihr stehen gesehen einen Mohren, der sie stets abgemahnet, sie solle dem Beicht-Vatter nichts von ihren Liebs-Händlen bekennen: dann es lige so vil nicht daran, und seye der Mühe nicht werth, etwas davon zu melden: auf der rechten Seiten aber habe sie neben ihr stehen gesehen die Heil. Büsserin Magdalena, welche ihr zugesprochen, sie solte das Gift der Sünden durch eine aufrichtige Beicht heraus werffen; sonst könne sie an der Seel nicht gesund werden. Wie die Frau dieses gehöret, liesse sie den Beicht-Vatter auf ein neues kommen, und erzählte ihm alles, was ihr die Catharina bekennet hatte. Der Beicht-Vatter bemühete sich auf ein neues, die Krancke zu einer aufrichtigen Beicht zu bereden. Aber alles umsonst. Je mehr man ihr zusprache, je verstockter wurde sie, also daß sie nicht einmahl den Namen JESUS aussprechen wolte. Ein andersmahl, als man ihr das Crucifix vorhielte, um selbiges anzuschauen, und sich dabey zu erinneren, was Gestalten Christus an dem Creutz für sie gelitten, und daran gestorben, sagte sie mit Unwillen: Ich weiß schon, was es ist. Was wolt ihr, daß ich thun solle? ihre Frau antwortete: daß du dich zu Christo, deinem Heyland, bekehren wollest. Dann so du deine Sünden aufrichtig, und mit währer Reu des Hertzens bekennen wirst, so sey versichert, daß du bey ihm Gnad und Verzeyhung erlangen werdest. Allein Catharina sagte darauf: man sollte sie doch mit Ruhe lassen, und nicht also plagen. Wie nun die Frau auf dieses hinweg gangen, redete Catharina von nichts [164] anders, als von ihren Liebs-Händlen: welches sie etliche Täg nacheinander also fortgetrieben, bis sie einstens bey nächtlicher Weil eine von den Mägden des Hauses zu ihr beruffen, zu welcher sie sagte: O wie werde ich, geängstiget, daß ich so oft falsch gebeichtet hab, von selbiger Stund an bis gegen Mitternacht erstarrete sie an dem gantzen Leib; also daß man sie für tod hielte, und schon die Anstalt zur Bergräbnus machen wollte. Allein sie kame unverhost wieder zu sich selbst. Allwo sich dann der Beichtvatter dieser Gelegenheit bedient, und ihr auf ein neues zugesprochen: es seye nunmehr Zeit über Zeit, eine aufrichtige Beicht abzulegen; sonst seye sie verlohren. Aber auch dieses Zusprechen war vergebens; und bliebe die Krancke so verstockt, als zuvor. Drey Stund vor ihrem Tod, als die Bediente des Hauses ihr zusprachen, sie sollte in die einte Hand eine geweyhte Kertzen; in die andere aber das Crucifix nehmen, und den heylwerthisten Namen JEsus anruffen: fragte sie: wer ist dieser JEsus? ich kenne ihn nicht. Dieses geredt, wendete sie sich auf die Seiten des Betts, und führte ein Gespräch mit einem, den man nicht sehen konnte: welcher aber kein anderer, als der böse Geist war. Dazumahl lage in selbiger Kammer noch ein andere Magd kranck darnieder. Diese hielte bey der Frau des Hauses inständig an, man möchte sie doch in eine andere Kammer legen lassen: dann es fahre in der Kammer ein Hauffen der höllischen Gespenstern herum, von denen sie grossen Schrecken einnehmen müsse. Mithin gabe Catharina noch selbige Nacht ihren unglückseeligen Geist auf: das gantze Haus war aber mit so unerträglichem Gestanck angefüllet, daß man den Leichnam zum Haus hinaus und unter den freyen Himmel tragen mußte. Zehen gantze Täg hernach rumorte und polderte der Geist Catharinä dergestalten, daß die Frau samt ihren Bedienten aus dem Haus ziehen mußte; ausser einigen Mägden, welche sie das Haus zu verwahren zuruck gelassen. Als nun eine aus diesen am zehenden Tag in das Speiß-Gewölb gangen, um etwas heraus zu hohlen, da rufte ihr der Geist zu dreymahlen. Uber welches die Magd also erschrocken, daß sie eylends zum Speiß-Gewölb hinaus geloffen. Nachdem aber die andere Mägd sie angefrischt, und ihr zugesprochen, sie sollte sich nicht förchten, sondern den Namen JEsus anruffen, und mit einer geweyhten brinnenden Kertzen zuruck kehren: liesse sie sich überreden, und kehrte in Begleitung zweyer anderer Mägden, die etwas behertzters waren, in das Speiß-Gewölb zuruck; da sie dann von dem Geist ermahnt worden, die andere zwey Mägd von sich zu entlassen, und die geweyhte Kertzen auszulöschen; als welche ihm die Peyn nur vermehre. Die Magd, auf GOttes Schutz trauend, thate es. Und sihe! es erschiene ihr Catharina mit Feur und Flammen umgeben. Sie hatte um ihren Leib ein feuriges Leilach, so bis auf den Boden hinunter hienge: [165] zum Zeichen und Straf ihrer Unzucht. Wie die Magd Catharinam in so erschröcklicher Gestalt vor sich sahe, fienge sie an Händ und Füssen zu zitteren. Der Geist aber sagte zu ihr: Komme her! wie oft hab ich dir schon geruffen? und du hast mir doch nie geantwortet. Die Magd, so vor Forcht schier in ein Ohnmacht dahinge suncken, antwortete mit zitterender Stimm: ach GOtt! wer soll sich vor dir nicht förchten? auf diese Antwort erschiene ein holdseeliger Knab in einem Schnee-weissen Kleyd. Dieser munterte die Magd auf, sie solle ihr nicht förchten, sondern fleißig aufmercken, was ihr der Geist sagen werde; und solches hernach andern auch offenbahren. So bald sie aber werde zuruck gekehrt seyn, solle sie ihr Gewissen durch die H. Beicht reinigen. Alsdann liesse sich der Geist Catharinä mit diesen Worten vernehmen: Wisse, daß ich immer und ewig verdammt bin, und unaussprechliche Peyn in der Höll leyde; und das darum: weilen ich bey Lebs-Zeiten so oft falsch gebeichtet: indem ich zwar die geringere Sünden bekennt, die grössere aber (als da waren meine unzüchtige Liebs-Händel) aus Schamhaftigkeit verschwiegen hab. Lerne aus meinem Schaden vollkommentlich beichten, und wissentlich keine schwehre Sünd verschweigen. Welches alles durch GOttes Gewalt gezwungen, ich dir hiemit hab offenbahren wollen, damit du es auch anderen anzeigest, und sie sich an meinem Exempel spieglen mögen. Dieses geredt, als eben dazumahl mit der Glocken das gewöhnliche Zeichen zum Englischen Gruß gegeben wurde, hat sich der Geist in einen Winckel des Speiß-Gewölbes verzogen, und ist aus den Augen der Magd verschwunden; der Knab aber in dem weissen Kleyd (so der heilige Schutz-Engel war) hat der Magd befohlen, zu den Ihrigen zuruck zu kehren, und ihnen alles, was sie gesehen und gehört, umständlich zu erzählen: welches sie auch ohne Verzug, und treulich gethan hat. Mart. Delrio l. 2. Disquis. Magic. Quæst. 26. Sect. 5.


Unglückseeliges Mägdlein! wie gern wurdest anjetzo einem Beicht-Vatter deine Sünden bekennen, wann du noch köntest Verzeyhung hoffen; allein, es ist zu spath: und werden deine Sünden dannoch am jüngsten Tag, nicht allein zu deiner höchsten Beschämung, sondern auch ewiger Verdammnus vor der gantzen Welt offenbahr werden: welches du alles durch eine aufrichtige Bekantnus hättest verhinderen können. O Blindheit! O Unsinnigkeit.

11. Exempel
[166] Eilftes Exempel.
Einem Ertz-Bischof, mit Namen Udo, wird von einem Engel das Haupt abgeschlagen, weilen er ohngeachtet seines ärgerlichen Lebens, dannoch hat dörffen das heilige Meß-Opfer halten; und mithin die heilige Hostie unwürdig empfangen.

Udo studierte in seiner Jugend zu Magdeburg, einer Stadt in Sachsen; hatte aber einen so harten Kopf, daß ihm nichts eingehen wollte. Man treschete also leeres Stroh an ihm; mußte auch deßwegen seinen Schul-Gesellen zum Gespött und Gelächter dienen. Das betrübte ihn dann über die Massen. Einstens fiele ihm ein, er sollte seine Zuflucht zum heiligen Gebett nehmen: vielleicht wurde ihm GOtt einen gelernigen Kopf geben. Geht also in die nächste Kirch, so zur Ehr des heiligen Martyrers Moritz geweyht war. Dort wirft er sich vor einem Altar, worauf die Bildnus der Mutter GOttes stunde, auf seine Knye nieder, und bittet sie inständig, sie wolle ihm doch bey ihrem lieben Sohn einen gelernigen Kopf ausbitten, und zuwegen bringen. Wie er nun eine Zeitlang in dem Gebett verharret, da überfiele ihn ein tieffer Schlaf. In diesem erschiene ihm die Mutter GOttes, und sagte. Sihe! ich hab dein Gebett erhört, und dir bey meinem Sohn nicht allein einen gelernigen Verstand ausgebetten, sondern daß du auch mit der Zeit mögest Ertz-Bischof zu Magdeburg werden. Wirst du nun diesem Ertz-Bisthum löblich vorstehen, so wirst du auch den Lohn darfür im Himmel einnehmen. Wo nicht, so wirst du an Leib und Seel zu Grund gehen. Dieses geredt, verschwande die Mutter GOttes; Udo aber erwachte aus dem Schlaf, und fande sich mit solcher Wissenschaft erfüllet, daß er seine Schul-Gesellen weit übertraffe: also daß sich nicht allein diese, sondern auch sein Lehrmeister sehr verwunderten, woher ihm doch gähling eine so hohe Wissenschaft müsse zukommen seyn. Wie gehts weiter? nach 2. Jahren wird er von den Dom-Herren zu Magdeburg mit einhelliger Stimm zu ihrem Ertz-Bischof erwählt; und das in Ansehung seiner auserlesenen Wissenschaft und Tugend. Jedermann hofte, er wurde dem Ertz Bisthum löblich, und mit grossem Nutzen vorstehen; wie er es auch eine Zeitlang gethan hat. Allein (wie es eben mit der Zeit geht) weil er täglich Tafel hielte, und wohl lebte, geschahe es, daß er nicht allein in der Tugend erkaltete, sondern seiner selbst so weit vergasse, daß er sich denen fleischlichen Wollüsten ergabe; ja so gar (O GOttes-Vergessenheit!) mit einer Closter-Frau verbottene Gemeinschaft hatte. Dieses liederliche und ärgerliche Leben triebe [167] er viele Jahr aneinander, bis ihn endlich GOtt auf folgende Weis zur Buß ermahnte. Als er sich einstens zu Nachts bey gedachter Closter-Frau aufhielte, da liesse sich in der Cammer eine Stimm hören, dieses Innhalts: Udo, Udo, höre auf, du hast schon lang mit GOtt gespielet: mißbrauche nicht länger seine Langmüthigkeit. Allein er triebe nur das Gespött aus dieser Stimm, und sagte zu der Closter-Frau, sie solle sich von dieser Stimm nicht schrecken lassen: es seye nichts, als ein Betrügerey, die vom bösen Geist herkomme. Also fuhre er in dem Luder fort auch die anderte, u. dritte darauf folgende Nacht; da sich dann allzeit die vorige Stimm in der Cammer wiederum hören liesse. Allein, er ware schon verstockt, und kehrte sich so wenig daran, als wann es ihn nichts angienge. Was geschihet endlich? nach Verfliessung etlicher Monath begabe sich ein frommer und gottseeliger Dom-Herr bey nächtlicher Weil in die Dom-Kirchen, um alldorten seiner Gewohnheit nach dem heiligen Gebett obzuliegen. Weil er nun behertzigte, daß das Ertz-Bisthum Magdeburg mit einem so ärgerlichen Ertz-Bischof versehen seye, bate er GOtt, er wolle dieser Aergernus abhelffen, entweders durch einen frühzeitigen Tod des Ertz-Bischofs, oder aber ihm bessere Sinn und Gedancken geben, damit er sich bekehre, und forthin ein besseres Exempel von sich gebe. Und sehet! wie er also in dem Gebett begriffen war, da entstunde gähling in der Kirchen ein Sturm-Wind, der alle brinnende Amplen auslöschte. Er erschracke, und wußte nicht, was er gedencken solte. Die Haar stunden ihm gen Berg, und er erwartete in dieser Finsternus, was dann endlich daraus werden wollte. Wie er nun also mit Forcht umgeben war, da sihet er in die Kirch hinein tretten 2. Jüngling mit brinnenden Facklen, die giengen zum hohen Altar hin: und stellte sich einer auf die rechte, der andere aber auf die lincke Seiten des Altars. Nach diesem kamen wiederum 2. andere Jüngling, deren einer einen Teppich vor dem Altar auf den Boden ausbreitete, der andere aber stellte zu beyden Seiten des Altars 2. verguldete Sessel herum. Drauf hin gienge einer mitten durch die Kirch in den Chor hinein, führend in der Hand ein entblöstes Schwerd: und nachdem er sich in die Mitte des Chors gestellt, rufte er mit lauter Stimm: O ihr Heilige GOttes, deren Leiber in dieser Kirch begraben seynd, stehet auf aus eueren Gräberen, und kommet für Gericht. Kaum hatte er diese Stimm von sich hören lassen, da kame aus den Gräberen herfür eine grosse Menge der Heiligen, beyderley Geschlechts. Diese alle giengen in den Chor hinein, und stellten sich zu beyden Seiten des Chors in eine Ordnung. Auf diese tratten in die Kirch hinein die 12. Apostel, und mitten unter ihnen Christus der HErr, glantzend wie die Sonn, und mit einer goldenen Cron auf dem Haupt Vor diesem fielen alle Heilige auf ihre Knye [168] nieder, stunden darnach wiederum auf, und erhebten ihn auf den einten vergoldeten Sessel. Hernach kame auch die Mutter GOttes, glantzend über die Stern, begleitet von einer grossen Schaar heiliger Jungfrauen: vor welcher alle Heilige eine tieffe Reverentz machten, und selbige hernach auf den anderen vergoldeten Sessel erhebten. Letztlich tratte herfür der heilige Martyrer Mauritius mit seinen 6666. Gesellen und Martyrer, die sich alle vor Christo dem HErrn niederwarffen, und ihn mit diesen Worten anredeten: O gerechtester Richter, urtheile nach deiner Gerechtigkeit. Da hiesse sie Christus aufstehen, und sagte: Ich weiß schon, was ihr wollet. Lasset Udonem, den Ertz-Bischof herbey kommen. Gleich auf diesen Befehl giengen einige von den Anwesendē hin, und brachten Udonem aus der Cammer, wo er seiner verbottenen Liebe pflegte, herbey. Diesen sahe der H. Mauritius ernstlich an, und sagte zu Christo: HErr, der du ein gerechter Richter bist: urtheile diesen nach deiner Gerechtigkeit. Dann dieser Udo ist kein Ertz-Bischof, sondern ein Unflat, kein Hirt, sondern ein Wolf. Diesem hat deine Jungfräuliche Mutter zuwegen gebracht einen gelernigen Verstand, damit er einstens dem Ertz-Bisthum Magdeburg nutzlich könnte vorstehen; diesen aber hat er mißbraucht, hat sich dem Wolleben ergeben, und sich so weit verlohren, daß er sich mit einer Closter-Frau versündiget, mit grosser Aergernus des gantzen Ertz-Bisthums. Und wiewohlen du ihn zum drittenmahl durch eine Stimm ermahnet hast, von seinem sündigen und ärgerlichen Leben abzustehen; so hat er dannoch diese Stimm und Ermahnung in Wind geschlagen. Also fälle über ihn das Urthel, gerechtester Richter! auf diese Anklag sagte Christus zu den umstehenden Heiligen: Was gedunckt euch von diesem Beklagten? Hierauf sagten alle Heilige, HErr! er hat den Tod verschuldet. Auf diesen Sententz befahl derjenige, so mit dem entblößten Schwerdt in die Kirchē getretten, Udo solle herfür tretten, und den Hals herstrecken. Als Udo das gethan, und jener den Streich führen wollte, ihme den Kopf abzuschlagen, da rufte ein anderer, Halte inn, dann wir müssen vorher von ihm nehmen die heilige Hostien, die er so oft unwürdig, da er das Meß-Opfer hielte, genossen hat. Hierauf hielte ihm einer vor den Mund einen goldenen Kelch, ein anderer aber schlug ihn etlichmahl mit der Faust auf das Genick, mit solchem Gewalt, daß auf einen jeden Streich eine Heil. Hostie aus dem Mund heraus, und in den Kelch sprange; welche dann samt dem Kelch mit grosser Ehrenbiethung zum Altar getragen worden. Letztlich war Udoni auf einen Streich das Haupt abgeschlagen: worauf alle Anwesende verschwunden. Der fromme Dom-Herr, so diesem traurigen Spectacul zugesehen, fande unverhoft [169] in der Sacristey noch ein Liecht. Mit diesem gienge er zum Altar hin zu sehen, ob dises alles etwann nur ein Traum; oder ein wahre Geschicht gewesen. Und sehet! er findet die aus Udonis Mund heraus gesprungene Hostien in einem Kelch auf dem Altar: den Leib Udonis aber auf der Erden ligend mit abgeschlagenem Haupt, von dessen Blut der gantze Boden besprengt war. Da schrye er dann auf:O trauriges Spectacul! O erschreckliches Gericht GOttes! O wie entsetzlich ist es, fallen in die Händ des lebendigen GOttes! dann die er lang gedultig übertragen hat, die straft er mit der Zeit nur desto schärffer. Darauf hin gienge er aus der Kirch nacher Haus, nachdem er die Kirchen-Thür hinter sich wohl verschlossen hatte. So bald der Tag angebrochen, gienge er zu denen andederen Dom-Herren, und erzählte ihnen den gantzen Verlauf der Sach: batte sie auch zugleich, sie wolten mit ihm der Kirchen zugehen, und den Augenschein auch selbst einnehmen. Das thaten sie auch, und sihe! als sie in die Kirchen, und für den hohen Altar kommen, fanden sie wahrhaftig ihren Ertz-Bischof mit abgeschlagenem Haupt auf der Erden ligend, und in seinem Blut schwimmend. Was für ein Forcht und Schrecken bey den Zusehenden werde entstanden seyn, ist leicht zu gedencken. Ein jeder entsetzte sich über das erschröckliche Urtheil GOttes, und dessen Vollziehung: ist auch kein Zweifel, ein jeder werde mit dem David aufgeruffen haben: HErr du bist gerecht? und dein Urtheil ist auch gerecht. Psal. 118. Bredenbach Collation. Sacrar. L. 8. c. 15.


Wie förchtig seynd nicht alle Umständ dieser Geschicht! und wie erhellet daraus die Wahrheit jenes erschröcklichen Spruchs, den der Heil. Paulus gethan hat. 1. Corinth. 11. von denen, so unwürdig die H. Hostie geniessen! wer unwürdiglich isset (nemlich das Brod der Englen; den Leib des HErren in der Heil. Communion) der isset ihm selbst das Gericht. Das hat erfahren der unglückseelige Udo. Er hat das blutige Urtheil seiner Enthauptung wider sich selbst geschriben: und mit disem Urtheil das Urtheil der ewigen Verdammnuß. Jetzt heißt es: So vil er der Gelüsten genossen hat, so vil thut ihm Peyn und Qual an. Apoc. 18. Das ist das End aller deren, so mit GOtt spilen därffen.

12. Exempel
[170] Zwölftes Exempel.
Ein voller Zapf wird in die Höll geführt, allda zu sehen die Peyn der Vollsauffer.

Es war ein lasterhafter Mann, der Tag und Nacht bey Kanten und Gläseren sasse, und den Magen mit überflüßigen Trincken anfüllte Einsmahls als er seinem Gebrauch nach voll und toll nach Haus gieng, und über einen Kirchhof wackelte, auch bald an diesem, bald an einem anderen Grabstein anstossete; erzörnete er sich so hefftig, daß er greulich (wie es eben die Vollsauffer machen) zu schelten und zu fluchen ja so gar GOtt, und seine Heilige zu lästeren angefangen: und das auf eine so erschröckliche Weis, daß letztlich die Todte selbst aus den Gräberen herfür kommen, und wider ihn aufgestanden: unter welchen einer mit Krotten, Schlangen, und Würmen umgeben sich dem Vollsauffer unter das Gesicht gestellt hat. Der volle Zapf hatte das Hertz, den Geist gantz freventlich und unverschamt anzufragen, wer er wäre? die Todten-Larve gabe zur Antwort: ich bin, was du seyn wirst. So komme dann, sagte der verwegene Vollsauffer, heut Abend noch in mein Haus, und isse mit mir zu Nacht: darzu will ich dich eingeladen haben, und deiner gewärtig seyn. Die Todten-Larve ant wortete: Gehe nur hin; ich will mich ordentlich bey dir einfinden, und bald nach kommen. Auf diese Antwort nahme der volle Zapf seinen Weeg weiters fort, und seinem Haus zu. Unter Weegs aber kam ihn ein Schrecken an; daß er die Todten-Larve so freventlich habe dörffen zum Nacht-Essen einladen: dann er konte sich nichts Gutes vorsagen. Demnach saumte er sich nicht bäldist zu Haus zu seyn. So bald er dort ankommen, erzählte er seinem Weib mit Schrecken, was ihme auf dem Kirchhof begegnet, und was er dort für einen seltsamen Gast zum Nacht-Essen eingeladen habe. Befihlt also Thür und Thor des Hauses wohl zu verriglen, und den Gast, wann er käme, beyleib nicht einzulassen. Was geschiehet? es stehet nicht lang an, da kommt der geladene Gast daher, und klopft an. Allein Niemand gabe Antwort. So klopfte er dann das anderemahl an, und das mit solchem Gewalt, daß das gantze Haus darüber erzittert, und mithin Thür und Thor aufgesprungen. Der Geist begibt sich in die Stuben hinauf, und kommt für den Tisch hin, an welchem der Vollsauffer sitzte, und eben das Nacht-Essen einnahme. Da redete dann der Geist den Vollsauffer also an: Hier bin ich, du voller Zapf; weil du mich zum Nacht-Essen eingeladen. Und damit du sehest, daß ich mir nichts umsonst thun lasse, so lade ich dich auch [171] zu meiner Tafel ein. Uber drey Täg sollest du dich eben um diese Stund dabey einfinden. Und mit diesem ist der Geist verschwunden. Wie der Vollsauffer folgenden Morgen ausgenüchtert, und sich erinnert, zu was für einer schlimmen Tafel er von der Todten-Larven seye eingeladen worden, lieffe er vor Forcht und Schröcken der Kirchen zu, beichtete dort seine Sünden mit grosser Reu, und nahme ihm festiglich für, ins künftig ernstlich sein Leben zu besseren, und von dem Vollsauffen abzustehen: worüber er dann die Heil. Absolution empfangen, damit nach Haus gangen, und gleichwohl den bestimmten Tag und Stund erwartet, da er bey der Mahlzeit der Todten-Larven erscheinen müßte. Wie nun die Zeit herbey kommen, wurde er von dem Geist mit Leib und Seel in die Höll abgeholet, zu sehen die Peyn der Vollsauffer. Alldorten sagte der Geist zu ihm: sihe das ist mein Nacht-Essen. Zeigte ihm zugleich Krotten und Schlangen; feurigen Schwefel und Pech: und sagte ferners: da isse nun; da trincke, wann es dich gelustet. Der arme Tropf zitterte hierüber an Leib und Seel, und sorgte, es möchte mit ihm noch übler gehen. Allein der Geist war zufriden, daß er ihm Peynen der Höllen gezeigt hatte. Führte ihn also aus göttlichem Befehl halb todter in sein Haus zuruck; allwo er wegen eingenommener Forcht und Schrecken Eis-grau schine, der vorhin frisch und jung anzusehen war. Er veränderte aber mit der Gestalt auch den Lebens-Wandel; indem er sein Lebtag nimmermehr gelacht, sondern seine Sünden mit vilen Zähern beweint hat. Gotschalcus Holen. Part. æstiv. Serm. 301.


O wann alle Vollsauffer gedenckten an das Tractament, das in der Höll auf sie wartet, wie wurden sie ihre unmäßige Begierd zu trincken inner den Schrancken der Bescheidenheit halten! dann was wartet anderst auf sie, als feuriger Schwefel und Pech? das wird in alle Ewigkeit ihr Tranck seyn: welches ihnen aber den Durst nicht löschen; wol aber noch mehr anzünden wird. Sie werden mit dem verdammten Prasser ein eintziges Tröpflein Wasser wünschen, nur damit ihre feurige Zungen in etwas abzukühlen; aber sie werden es in Ewigkeit nicht erhalten. Gehet nun hin, ihr Vollsauffer, und fahret also fort; aber rüstet euch zugleich auf einen ewigen Durst.

13. Exempel
[172] Dreyzehendes Exempel.
Ein gefangener Bauer wird von dem bösen Geist aus der Gefängnuß in die Höll geführt; allwo ihm die höllische Peyn gezeigt worden.

Zu Sulmona in Welschland war ein Graf; oder besser zu reden, ein rechter Wüterich, als welcher mit seinen Unterthanen sehr streng, und unchristlich umgienge. Ja er hielte sie schlimmer, als seine Hund; massen diesen besser, als denen armen Unterthanen gepflogen wurde. Dann weilen er ein Liebhaber der Jagd war, unterhielte er etliche Kuppel der Jagd-Hunden, denen er manches Stuck-Fleisch hinwarffe; wo die arme Unterthanen unterdessen den bitteren Hunger litten. Nun geschahe auf eine Zeit, daß einer dieser Hunden, der dem Grafen vor anderen lieb war, einem seiner Unterthanen, einem Bauren, weiß nicht was für eine Unruhe und Uberlast anthate. Weilen nun der Baur solchen Hund deswegen tapfer abprüglete, schrye er jämmerlich. Der Graf dies hörend, erzörnte sich wider den guten Mann dergestalten, daß er Befehl gab, den Bauren alsobald in Eisen und Band zu schlagen, und in die Gefängnuß zu setzen. Wie nun der arme Baur aller menschlicher Hülf sich beraubet sahe, überfiele ihn ein solcher Unmuth und Melancholey, daß er aus Verzweiflung den bösen Feind um Hülf angeruffen. Als nachgehends der Kercker-Meister dem Gefangenen zu Essen bringen wolte; sihe! da fande er den Kercker leer, und konte nicht errathen, wie und wohin doch der Gefangene möchte die Flucht genommen haben. Erschracke also nicht wenig ob dieser Begebenheit: und noch vilmehr der Graf selber, da er die Bottschaft davon erhalten: dann er machte ihm deswegen allerhand wunderliche Gedancken. Es waren aber kaum 3. Täg verstrichen, da hörte einstens der Kercker-Meister eine klägliche Stimm, die ihne gedunckte aus der Tieffe des bishero stets verschlossenen Kerckers zu kommen. Er lauft also dem Kercker zu, eröfnet denselbigen; und sihe Wunder! er fande wiederum den Flüchtling; aber gantz verstellet: dann er sahe Kohl-schwartz aus, und die Kleider waren halb verbrennt. Der Kercker-Meister fragte ihn: wo er hingeflohen? und wie er wieder anhero gekommen? der Gefangene aber gab ihm nichts anders zur Antwort, als daß er dem Kercker-Meister mit kläglicher, und gebrochener Stimm sagte: gehe alsobald zum Grafen, und sage ihm, wie daß ich ihm etwas hochnothwendiges zu erzählen habe. Nun das wird dem Grafen hinterbracht. Und weil der Graf begierig war zu hören, was es dann wäre, liesse er den gefangenen Bauren alsobald für sich führen. Da fienge dann der Gefangene [173] mit einem tieffen Seuftzer an also zu reden: »Herr Graf! ich komm daher, als ein Bott, aus der Höll abgesandt, wohin ich bin geführt worden, den Augenschein von den erschröcklichen Peinen daselbst einzunehmen. Dann wisset: wie ich im Kercker gefangen lag, und niemand mich trösten wolte, da hab ich den bösen Geist um Hülf angeruffen. Es erschiene auch dieser ohnverzüglich in abscheulicher Gestalt; faßte mich in der Mitte, und führte mich in den Abgrund der Höllen. O was hab ich dort nicht für erschröckliche Sachen angetroffen, und sehen müssen es waren allda tiefe finstere Gruben; mit feurigem Schwefel und Pech angefüllte Teich; überaus grosse brennende Feur-Oefen. Allda hab ich Fürsten und grosse Herren gesehen, mitten in den feurigen Kohlen liegen, an dero Häls glüende Ketten hiengen. Diese wurden gleich den Sclaven von den Teuflen mit Füssen getreten, unter welchem Tretten diese vorhin grosse Herren ihre geführte Regierungen verfluchten. Es waren allda auch zu sehen geistliche Personen als Prälaten, sitzend auf brennenden Ehren-Stühlen, angethan mit flammenden Rauch-Mäntel: diese verfluchten ebnermassen ihre gehabte Ehren-Stellen, und Würden. Wiederum sahe ich auf einer Seiten etwelche Kauf-Leut, die waren zerfetzt, und zerfleischt bis auf die blosse Beiner, an welchen die höllische Hund nagten. Diese Kauf-Leut verdammten gleicherweis ihre gehabte Reichthümer. Ferners waren allda geile unzüchtige Weibs-Bilder, mit Schlangen und Drachen umwickelt, die ihnen da und dort das Fleisch zerbissen. O was für erbärmliches Geheul setzt es dort nicht ab; welches mein Gehör gantz taub gemacht! O was für ein unleidlicher Gestanck ist nicht allda; der mein Hertz schier ersticket hat! indem ich also die Augen hin und her wurfe, erblickte ich einen gewissen Herrn (und diesen nennte der gefangene Baur mit Namen) den ihr und ich wohl kennen; und der kurtz vorher gestorben. Dieser als ich zu ihm tratte, liesse einen tiefen Seufzer, und zeigte mir, wie er mit stinckenden Eyter und Geschwären angesteckt, und mit Schwefel-Flammen umgeben seye. Alsdann sprach er mit Schauder-voller Stimm zu mir: siehest du in jener finsteren Höle jenen glüenden Sessel? wisse, daß dieser zubereitet seye dem Grafen von Sulmona, wofern er sich nicht bessern wird. Gehe dann, und ermahne ihn; damit er einmahl aufhöre, seine Unterthanen zu plagen, auf daß er nicht auch in dieses Ort der Pein und Qual komme. So man dir aber nicht glauben solte, so setze zu Bestättigung der Wahrheit folgende Erzählung hinzu: es solle nemlich der Graf sich erinneren jenes geheimen Anschlags, den er vor diesem mit ihm in Kriegs-Sachen gehabt: [174] von welchem niemand als er, und ich Wissenschaft habe. Als er dieses ausgeredt, schwiege er still. Und als ich die Hand ausstreckte, den Saum der Kleider zu berühren, schrie er überlaut: laß bleiben; laß bleiben, dann mein Kleid ist lauter Feur: wehe dir! so du es anrührest. Hab also mein Hand zuruck gezogen: und siehe! der Athem allein, und der Dampf war so mächtig und umfressend, daß er sie verbrennt und geschwärtzt hat, wie ihr selbst sehet. Schauet doch, wie viel eyterige Blattern mir aufgefahren, die nun eine stinckende Matery von sich geben; und wie die Würm daraus kriechen, so mir das Fleisch wegfressen.« Auf so erschröcklichen Anblick dieser verbrennten Hand; auf so traurige Zeitung von jenem glüenden Sitz, welches alles der entdeckte Anschlag bekräftigte, erbleichte der Graf im Agesicht; zitterte an Händ und Füssen, und der häufige Schweis brache ihm am gantzen Leib aus: der Gefangene aber wurde alsobald auf freyen Fuß gestellt: welcher darauf nach Haus gienge: den aber niemand aus seinen auch nächsten Befreundten mehr kennte: also gar war er verstellet. Er wandelte forthin seine übrige Lebens-Zeit immer in tiefer Melancholey herum, und konte auf keine Weis mehr getröstet werden. Dann er erschröckte jedermann mit Erzählung seiner traurigen Begebenheit. Wohin er nun kame, beschriebe er jenes greuliche Ort der Peinen; jene feurige Oefen, die nicht erlöschen; jene glüende Ketten, welche diesen elenden Verdammten stets anhangen; jenen unleidentlichen Durst, den man nicht einmahl mit einem Tröpflein Wasser kan abkühlen; jenes Metzgen, Hauen, und Beissen in dem Fleisch; jene häßliche Larven, und Angesichter der Teuflen; jenes Heulen und Klagen; jene Trostlosigkeit und Verzweiflung: und endlich jenes erbärmliche Leben, damit man immerzu sterbe; und jenes erbärmliche Sterben, damit man immerzu lebe. Mit einem Wort: wo man zu keinem anderen Ziel lebt, als daß man immer und ewig brinne und brate; ein Pein und Qual über die andere leide; rase und verzweifle. Damit aber brachte er manchen auf gute Weeg, und verleidete ihnen die Welt-Gelüsten; damit sie nicht in jene höllische Schmertzen geriethen. Ja nicht allein mit Worten, sondern auch in der That selbsten erwiese er in seinen noch wenig übrigen Tägen, daß er nichts anders verlange, als jenes Ort der Pein und Qual auf alle Weis zu vermeiden; als welches ihm solche Forcht und Schröcken eingejagt hatte. Das Gerücht von dieser traurigen Begebenheit hatte sich in selbiger gantzen Landschaft ausgebreitet. Etwelche haben daraus ein Gelächter gemacht; dann es taugte diesen Welt-Vöglen nicht für ihr unordentliches Leben, solche Geschicht zu glauben; und so sie es glaubten, fienge gleich der Gewissens-Wurm an zu nagen. Andere, die von gesunder Vernunft waren, hielten es für eine wahre Begebenheit; als welche mit den Prophezeihungen [175] einstimmte, und mit dem heiligen Evangelio eintraffe. Giengen also in sich selbsten; thaten Buß: damit sie nicht an jenes Ort der Pein und Qual kämen, an welches sie ohne Forcht und Schröcken nicht gedencken konten. Gregorius Rossignolius S.J. in seinen ewigen Grund-Wahrheiten.


Wann grosse Herren, und Obrigkeiten an jenen Spruch im Buch der Weisheit, C. 6. öfters gedenckten: Die Gewaltige werden gewaltige Pein leiden; wie gantz anderst wurden sie mit ihren Unterthanen umgehen! die Obrigkeiten seynd gesetzt zu Gutem der Unterthanen: und also sollen sie diesen Guts thun; und nicht tyrannisch über sie herrschen. Sollen auch gedencken, daß noch einer ober ihnen seye, der sie straffen könne, wann sie die Schrancken ihres Gewalts überschreiten.

14. Exempel
Vierzehendes Exempel.
In einem Closter setzen sich verdammte Geister vor dem Nacht-Essen an die Tisch des Convents.

Zu Neapel einer Stadt in Welschland, ist ein gewisses Closter, dessen Orden ich nicht benamsen will. In diesem hat sich einstens folgendes zu getragen. Als ein Bruder des Closters auf einen Abend in das Convent gieng, den Tisch zu decken, siehe! da nimmt er wahr, daß alle Tisch des Convents mit Geistlichen seines Ordens besetzt wären, welche in der Stille gleichsam warteten, bis man das Nachtessen auftragen wurde. Weil nun der Bruder keinen aus ihnen kennete, als der sie sein Lebtag niemahl gesehen, kam es ihm sehr fremd vor: dann er wohl wußte, daß die Geistliche, so ins Convent gehörten, noch in ihren Zellen wären, und warteten, bis sie das Zeichen zum Nacht-Essen hören wurden. Endlich gieng ihm ein Schauder durch den Rucken; weil er darfür hielte, es müßten Geister seyn. Demnach stunde er nicht lang still, sondern luffe eilend zum Convent hinaus, und dem Prior des Closters zu. Diesem erzählete er voller Schröcken, was er im Convent gesehen hätte. Der Prior glaubte anfänglich, der Bruder müß von Sinnen kommen seyn; oder er gehe etwan im Traum: liesse ihm also nichts aus der Sach gehen. Allein weil der Bruder sagte: er wisse wohl, was er rede; und daß es kein Traum wäre: mithin den Prior bathe, er wolte selbst mit ihm ins Convent gehen, und den Augenschein einnehmen, liesse sich dieser überreden, und gienge in Begleitung des Bruders selbst ins Convent hinein. Wie er nun eben das gesehen, was ihm der Bruder erzählt hatte, kame ihn gleichfalls ein Grausen an: nahme also samt dem Bruder den Weeg eilends zum Convent hinaus, und berufte die [176] Aeltiste des Closters zusammen ihnen voller Schrecken erzählend, was er und der Bruder im Convent gesehen hätten. Nun komme es auf die Frag an, was zu thun seye? dann das seyen Geister; und also müsse man behutsam drein gehen, wann man sie aus dem Convent vertreiben wolle. Da wurde dann einhelliglich beschlossen, der Prior solte in die Sacristey gehen, und dort die priesterliche Kleider anlegen: alsdann das Hochwürdigste Gut aus dem Tabernackel des Altars nehmen, und damit in Begleitung aller Geistlichen des Closters ins Convent hinein gehen, und die Geister durch die Gegenwart Christi beschwören, daß sie sagen und bekennen sollen: wer sie seyen? zu was End sie in das Convent kommen? und was sie wollen? nun das geschiehet. So bald der Prior dann mit dem Hochwürdigsten Gut ins Convent kommen, stunden die Geister zwar alle auf, und neigten sich; zohen aber ihre Münchs-Kappen über die Angesichter herunter, damit sie Christum den HErrn im Sacrament nicht müßten anschauen: auf welches hin sie sich wiederum nieder setzten. Als aber der Prior den Obersten, so diesen Geistern allen vorsasse, anfragte, wer sie wären? stund der Geist auf, und sagte: Wisse, daß wir vor diesem alle deines Ordens-Brüder geweßt, aus welchen die meiste die Stell eines Oberen, als Priors; oder ein anders Ehren-Amt des Ordens, als Magisters, Lectors, und dergleichen vertretten. Nun aber seynd wir alle verdammt; und zwar wegen unserem Ehr-Geitz, Hoffart, Neid, und anderen Lastern, so die Höll verdienen. Es hat aber GOTT aus sonderbarer Gnad gegen euch wollen, daß wir anhero kommen, und nicht allein euch, sondern alle Ordens-Brüder ermahnen solten, daß ihr euch befleisset, vermög eueres Berufs nach der Clösterlichen Vollkommenheit zu streben; wann ihr anderst mit uns nicht auch wollet verdammt werden. Damit ihr aber an unserer Verdammnuß nicht zweiflen könnet, so schauet uns nur recht an. Als er dieses geredt, zogen sie ihre Münchs-Kappen von denen Häuptern herunter. Und siehe! es fuhren aus ihnen feurige Flammen, und sie sahen gantz giüend aus, wie ein feuriges Eisen. Auf dieses schluge der Oberste aus diesen Geistern mit der Hand auf den Tisch: und damit verschwunden sie insgesamt. Antonius Senensis in Chron. FF. Prædicat. in Com. fol. 119.


Wie gefährlich ist es, wann man an demjenigen Ort, welches ein Schul der Demuth seyn soll, dem Ehr-Geitz ergeben ist, andere verachtet; oder sie beneidet, wann sie herfür gezogen werden! und wie ist es möglich, daß man die wahrhafte Tugend erlange, wann man nicht die Demuth zum Grund legt? darum sagt gar schön der heilige Augustinus: Wilt du ein Gebäu der Tugenden anführen? so stehe zu erst um die Demuth, [177] als um das Fundament dieses Gebäues. Und dieses ist was Christus von seinen Nachfolgeren verlangt; indem er sagt: Lernet von mir: dann ich bin demüthig von Hertzen. Matth. 11.

15. Exempel
Fünfzehentes Exempel.
In einem gewissen Schloß werden die nächtliche Polder-Geister beschworen, und vertrieben.

Nicht weit von der berühmten Stadt Brüssel, in Niderland, wurde ein Schloß nächtlicher Weil von den Gespenstern beunruhiget; absonderlich ein gewisser Theil desselben: welcher dessentwegen gar nicht konte bewohnt werden. Der Herr des Orts um dieser Ursach willen nicht wenig bestürtzt, weilen kein eintziges angewendtes Mittel was verfangen wolte, kame eines Tags nacher Brüssel, und auch in das Jesuiter Collegium, um sich in etwas der traurigen Gedancken zu entschütten; und wo möglich einen guten Rath und Hilf zu finden. Unter andern traffe er einen Pater an, Herennius mit Namen; einen Mann nicht weniger von Tugend, als Hertzhaftigkeit. Dieser tröstete den guten Herrn, und botte ihm seine Dienst an, mit Versprechen, sich um das Schloß anzunehmen, und selbiges durch Beystand GOttes von den Polder-Geistern zu befreyen. Der Edelmann nahme so freundliches Erbieten mit Danck an; verfügte sich wider nach Haus, um alle erforderte Anstalt zu machen, und erwartete des Paters auf den bestimmten Tag. Den anderen Tag begabe sich Herennius, seiner Zusag gemäß, mit einem Gesellen seines Ordens auf den Weeg, obgedachtem verschreyten Schloß zu: allwo er mit sonderbaren Freuden und Höflichkeit empfangen worden. Nach eingenommenem Nacht-Essen verfügte er sich samt seinem Gesellen in eben dasjenige Zimmer, welches wegen Ungestümme der Geistern am aller unsichersten war, und nächst an einen grossen Saal stoßte. Gleich nach ihrem Eingang knyeten beyde nieder; verrichteten in der Stille ihr Gebett; stellten ein Crucifix samt dem Weyh-Wasser auf den Tisch; zündeten geweyhte Wachs-Kertzen an; verrigelten zuletzt die Stuben-Thür auf das genauiste, und brachten einen guten Theil der Nacht theils mit eifrigem Gebett; theils mit gottseligem Gespräch zu. Um Mitternacht herum hörten sie in dem Saal ein Geräusch von eisenen Ketten; und gleich darauf etwas gantz ungestümm auf- und ablauffen, und je mehr und mehr dem Zimmer, in dem sie waren, zukommen. Der Pater gedachte wohl, es wurde bey diesem nicht verbleiben: stunde derohalben von dem Gebett auf; legte das Brevier auf den Tisch, und rüstete sich zu dem Beschwören. Entzwischen klopfte man [178] an der Thür starck an; und das zum ersten, anderen, und dritten mahl. Weil aber niemand ein Zeichen zum Hereingehen geben wolte, ward die Thür nach dem dritten Anklopfen für sich selbst, mit einem starcken Widerknall eröfnet. Und siehe! ein erschröckliches Gespenst zeigte sich unter der Thür, fast so lang, als ein Ris: Kohl-schwartz von Leib anzusehen: gantz ausgemergelt, und eingefallen in dem Angesicht; mit zerrauften verwickleten Haaren: deme die Feuer-Funcken zu den Augen ausschlugen; und welches mit auf den Rucken gebundenen Händen eine lange eisene Kette nachschleppte. In solcher entsetzlicher Gestalt, mit ausgestreckter Zungen, und gegen der Erden niedergesencktem Haupt liefe dieses Gespenst in das Zimmer hinein, und stellte sich dem Pater unter das Gesicht: der sich aber im geringsten nicht entsetzte; sondern mit heller und behertzter Stimm den Geist fragte: wer er wäre? und was er an diesem Ort zu suchen hätte? worauf ihm der Geist mit einer tieffen Stimm kurtz geantwortet: Was fragst du mich? der nach mir kommt, wird dirs schon sagen. Mit diesen Worten setzte er sich in einen Sessel, deren etliche gegen dem Pater über in der Ordnung nach einander an der Wand herab stunden. Ohngefehr nach einer Viertel-Stund liesse sich ein anderer Geist mit gleicher Ungestümme vor der Thür hören: kame letztlich nach dreymahligen Anklopfen in fast einerley Gestalt und Aufzug, wie der vorige, hinein, und setzte sich neben ihm in den anderen Sessel nieder. Und als er seiner Ankunft halber, und was Ursachen er das Schloß beunruhigte, von dem Pater befragt wurde, gabe er trutzig zur Antwort: Der nach mir kommt, wird dirs schon sagen. Eben mit solchem Getöß, hin und her lauffen, nachdem abermahls beyläufig ein Virtelstund verflossen, tratte auch der dritte hinein; setzte sich zu den zweyen anderen in einen Sessel hin; und gab auf die vorige widerholte Frag: wer er wäre? und was er da zu suchen hätte? eben diese Antwort: Der nach mir kommt, wird dirs schon sagen. Letztlich kame auch der vierte durch den Saal in das Zimmer; doch ohne sondern Tumult; bleich zwar von Angesicht; aber gleichwohl mit etwas Frölichkeit untermischet. Sein Kleidung war weiß; seine Gebärden sittsam; die Händ in einander geschrenckt, gleich einem Bettenden. In solcher Gestalt gienge er dem Pater unter die Augen, und setzte sich nach den anderen in den vierten Sessel. Wie er nun von dem Pater mit grösserer Ehrenbietung und sanften Worten befragt wurde: wer er wäre? wer diese herum sitzende? und warum sie in diesem Schloß sich aufhielten? gabe er mit einem tieffen Seufzer folgender Gestalt Antwort: Pater! sagte er: Ich bin der verstorbene Vatter dessen, den man für den dermahligen Herrn des Schlosses haltet; und um dessen Willen ihr allhier seyd, uns zu beschwören Diese drey aber seynd meine Vorfahrer. Dieser, so gleich [179] vor mir sitzt, ist mein Herr Vatter; der nächste an ihm mein An-Herr; und der erste mein Uranherr: alle drey waren bey Lebs-Zeiten ungerechte Besitzer dieses Schlosses. Der erste mein Uran-Herr, hat solches gewaltthätiger Weis an sich gezogen, und seinem Sohn meinem Anherrn, der um den gantzen Handel wohl wußte, erblich hinterlassen. Von diesem ist das ungerechte Gut, auf den dritten, meinen Vatter kommen; der solches auch wissentlich behalten, und das Einkommen bis zu End seines Lebens unbillicher Weis genossen hat. Und der Ursachen halber seynd sie alle drey ewiglich verdammt. Kaum hatte er solches geredt, da seynd gemelte drey Gespenster nicht anderst, als wann sie der Donner in die Erden hinein geschlagen hätte, augenblicklich verschwunden. Er aber der vierte fuhre fort, und sagte weiter: Ich hab anfänglich, auf gute Treu und Glauben hin, (nach dem Hintritt meines Vatters aus dieser Welt) die Herrschaft besessen, unwissend, daß einige Ungerechtigkeit vor diesem solte mit eingeloffen seyn. Weilen ich aber über ein Zeit hierüber in Zweifel gerathen, hab ich zwar der Wahrheit auf den Grund zu kommen, Nachfrag gehalten; aber nicht mit rechtem Ernst, wie ich hätte sollen. Bin also zwar nicht verdammt; aber solcher meiner Saumseligkeit halber muß ich so lang und viel in der Pein verharren, bis entweders dem rechtmäßigen Herrn das Schloß wiederum zugestellet wird; oder man sonsten durch einen gutwilligen Vergleich mit ihm ab kommt. Gehet demnach hin, liebster Pater! und sagt meinem Sohn in meinem Namen: nicht er; sonder der rechtmäßige Erb des Schlosses, auf den es durch Erb-Recht gefallen, seye der Hanns, der in dem Stadel treschet. Wann ihm derohalben mein und sein Seligkeit lieb ist, so solle er ohne weitern Verzug die Herrschaft abtretten; oder sonst mit dem Hanns einen billigen und leidentlichen Vertrag treffen. Mit diesen Worten hat er sein Red beschlossen, und ist zugleich verschwunden. Der Pater Herennius, nachdem auch der vierte, und gute Geist sich verlohren, sagte samt seinem Gesellen wegen so erwünschter Verrichtung GOtt hertzlich Danck, und bate gantz inständig um völligen glücklichen Ausgang der Sachen. Darauf begaben sich beyde noch ein wenig zur Ruhe, bis gegen dem anbrechenden Tag. Morgends in aller Frühe schickte der Edelmann einen Diener, um zu erforschen, wie es mit dem Pater, und seinen Gesellen stunde? sie waren aber bald selber vorhanden, und erzählten alles der Länge nach, was sich mit denen Geisteren begeben hättē, nicht ohne mitleidiges Seufzen des guten Herrns, welcher das grosse Getümmel wohl selbst gehört hatte, und deme die Verdammnuß seiner unglückseligen Vätteren tief zu Hertzen [180] gienge. Jedoch war der Schmertz in etwas gelindert, als er verstanden, daß sein Herr Vatter der Seligkeit halber versichert seye; und es anjetzo allein bey ihm stehe, wie bald er demselbigen hierzu verhilflich seyn wolte. Und weil der Pater anfänglich mit der Sprach noch nicht heraus wolte, und nur von weitem drauf redte, sich bemühend, mit allerhand Fragen und Einwürfen den Edelmann zu einer sehr schweren Entschliessung verfaßt zu machen; wurde endlich der Edelmann über gethanes vielfältige Fragen müd, und sagte: Euer Ehrwürden werden mir ein sonderes Gefallen thun, wann sie fein offenhertzig, und unverholen heraus sagen, was sie von dem Geist meines Herrn Vatters im Befehl haben; treffe es hernach an, was es wolle: weilen ich verlange, dessen Willen in allem nachzukommen. Versichere dieselbige, daß sie mir kein unangenehme Zeitung bringen werden, was sie mir immer von meinem liebsten Herrn Vatter werden ausrichten. Mir wird genug seyn, daß ich dessen Begehren vernehme; und mag mir nichts so schweres aufgetragen werden, daß ich nicht noch mehr seinetwegen zu thun erbietig und bereit seye. Ich hab zwar die Schärfe des Fegfeuers nicht versucht; doch empfinde ich sie gleichwohl: weil sie derjenige gedulten muß, der bey Leib-Zeiten mit mir nicht nur ein Fleisch und Blut; sondern auch ein Seel war. Auf dieses Zusprechen deutete ihm der Pater mit allem Glimpf an: wie daß nicht er; sondern sein Knecht, der Hanns, rechtmäßiger Herr des Schlosses, und aller darzu gehörigen Gütern seye. Neben dem: daß zu gäntzlicher Erlösung seines Herrn Vatters erfordert werde, alle vermeinte Recht und Gerechtigkeiten auf ersagte Güter fahren zu lassen: und: daß man dem Knecht die Herrschaft müsse abtretten; oder ihn anderwärts, der Billigkeit gemäß, zufriden stellen. Alles dieses kame dem Edelmann gantz wunderlich vor. Er erstummete eine Zeit lang, als ab einem unverhoften, weit aussehenden Begehren. Tausenderley Gedancken kamen ihm zu Gemüth, und trieben ihn von einer Seiten auf die andere; wie zwey widerwärtige Wind ein Schiflein auf dem Meer. Wie? sprach er bey sich selbst: »Solt ich dann auf einmahl aller Reichthumen und Gütern beraubt werden? was wird mein Hausfrau; was werden meine Befreundte darzu sagen? und wie wird es meinen Kindern ergehen? will ich dann ihnen selbst den Bettel-Stab in die Hand geben? und wie wird es mir anstehen, wann ich an statt dieses meines sammeten Rocks einen wullenen Küttel anziehen, und meinem Knecht, da er am Tisch sitzt, aufwarten soll? fürwahr: das wurde ein gar seltsame Aenderung seyn; und wurde ich jedermann zum Gespött und Gelächter dienen müssen. Aber: seye deme also: das Heil meines Vatters dringt vor: mein [181] eigne Seligkeit ist mir lieber, als Gold und Silber: es ist besser, die zeitliche Güter verliehren, als die ewige; ein Schloß, als den Himmel. Sagen andere darzu, was sie wollen: ich muß die Billigkeit mehr achten, als das Urtheil der Menschen: auch meine Mißgönner können nicht tadlen, was verständige Leut gut heissen: GOtt und die Recht gebieten. Er, der allmögende HErr, welcher so viel Creaturen ernährt, wird auch wissen, meinen Kindern Vorsehung zu thun: er hat tausenderley Weis und Mittel, mir dasjenige anderwärts wieder zu erstatten, was ich um seinetwegen, und aus Lieb zur Gerechtigkeit verlasse Wohlan: hiemit seye es beschlossen: es muß zuruck gegeben werden, was mir nicht gehört.« Hierauf wendete er sich zu dem Pater; und nachdem er sich eine Zeit lang mit ihme berathschlaget, was er dann eigentlich schuldig, und wie man die Sach angreiffen müßte, ward endlich beschlossen, man solte den Knecht, den Hansen kommen lassen, und sein Meinung, wie weit er sich einlassen wollte, von ihme selbst mündlich vernehmen. Solchen nun zu beruffen, wurde ein Diener abgeschickt. Der gute Hanns befande sich eben dazumahl in dem Stadel, und reiterte das ausgetroschene Korn; und bildete ihm nichts wenigers ein, als was sein Herr zu thun im Sinn hatte. Viel mehr glaubte er, daß er beruffen worden, weil ihm sein Herr wolle ein Verweis geben; oder ein neue Arbeit auferlegen, die ihn nicht fast freuen wurde. Gienge also ungesaumt zu seinem Herrn fort, wie er dazumahl angelegt war; ohne Kragen und Wammes; voller Schweiß und Staub; und tratte in die Stuben hinein: worauf ihn der Edelmann also angeredt: Lieber Johannes! bishero hab ich dich gehalten als meinen Knecht: und geliebt als einen treuen Diener: hinfüran wird ich dich einen Herrn tituliren, und mich glückselig schätzen, wann ich dir wird können an der Seiten stehen. Dann siehe! dieses Schloß, und alles, was ich bishero besessen, ist dein: und muß anjetzo sehen, daß mich der Himmel bishero vielmehr für einen Verwalter solcher Gütern, als vollmächtigen Gewalts Haber bestellt habe. Mit diesen Worten stunde er auf, und wolte, der Johannes solte an seiner Stell niedersitzen. Der einfältige Mann wußte nicht, wie er diese ungewöhnliche Reden müßte verstehen: batte darfür, und entschuldigte sich, so gut er konte: letztlich doch, weil mans also befahle, setzte er sich mitten an den Tisch hinan. Wie er aber ausführlich mit allen Umständen berichtet wurde, was sich vergangene Nacht mit denen Geistern begeben hätte; und was Gestalt nach derselben Aussag in vorigen Kriegs-Läuffen das Schloß von seinen Vorelteren an seines Herrns, des Edelmanns Groß-Vätter kommen; dieser aber nunmehro erbietig wär, ihm die Herrschaft abzutretten; oder mit ihm einen [182] gutwilligen Vergleich zu treffen: damit auf solche Weis der Gerechtigkeit ein Genügen geschehe, und dem verstorbenen Herrn Vatter des Edelmanns, wie auch dem Schloß Ruhe geschaft wurde: konte er sich wegen der wunderlichen Glücks-Aenderung in diesen Handel lang nicht finden. Desgleichen bewegte ihn seines Herrn Redlichkeit, und Guthertzigkeit gegen dem verstorbenen Herrn Vatter. Letztlich nach kurtzem Bedacht, weilen er von Jugend auf geschickter war den Flegel, als ein grosses Hauswesen zu führen, ward er bald der Sachen eins: als nemlich

Fürs erst: solte das Schloß mit allen Rechten und Gerechtigkeiten, liegenden und fahrenden Gütern, dem Edelmann und dessen Erben zu ewigen Zeiten eigen verbleiben; weder er aber (nemlich der Johannes) noch seine Nachkömmling sollten hinfüran zu dieser Herrschaft einigen Anspruch mehr haben. Hingegen aber, und

Fürs ander: solle der Edelmann samt seinen Kinderen und Kinds-Kindern eydlich verpflichtet seyn, jährlich eine gewisse Summa Gelds (welche zugleich benamset, und dem Vertrag einverleibt worden) zu seiner des Johannes, und seiner Kinder ehrlichen Unterhaltung von dem Einkommen des Schlosses ausfolgen zu lassen.

Drittens: im Fall daß die Herrschaft durch Verkauffen, oder auf einige andere Weis, solte an Fremde kommen, alsdann solten die Besitzer des Schlosses, gedachte Summa Gelds jährlich zu geben, gleichfalls schuldig seyn. Und hiemit war der Vertrag beschlossen, schriftlich aufgesetzt, und beyden Theilen eine Abschrift davon zugestellt. Hat also der weiseste GOtt ein Mittel getroffen; und einer seits des Edelmanns Aufrichtigkeit und Tugend so weit belohnt, daß ihme das Schloß ohne mercklichen Abtrag, mit weit grösserem Fug, als zuvor, eigen geblieben; anderwärts nichts desto minder der Gerechtigkeit, und seines verstorbenen Herrn Vatters Begehren ein Genügen geschehen; dann von derselben Zeit an das Schloß von denen Polder-Geistern befreyt worden; und zweifelsohne noch heut zu Tag befreyt ist.Theoph. Raynaudus in Prato Spirituali. Historia 87.


Was hat man doch für einen Gewinn darbey, wann man fremdes Gut ungerechter Weis an sich bringt? erstlich thut man sich schwerlich versündigen. Andertens muß man es nicht allein wieder zuruck geben; sondern auch den Schaden, so der andere Theil unterdessen gelitten, ersetzen. Drittens muß man ohne Unterlaß hören diesen Vorrupf des bösen Gewissens: Du bist ein ungerechter Besitzer fremdes Guts; und so lang du es bist, so hast du nichts anders zu gewarten, als die ewige Verdammnuß! O wie bitter! O wie gesaltzen seynd diese Wort! darum ist nichts bessers, als seine Händ von fremden Gut rein behalten.

16. Exempel
[183] Sechszehentes Exempel.
Ein ungerechter Wucherer wird 3. Täg vor seinem Tod in die Höll geführet, und ihm dort sein bestimmter Sitz gezeigt.

Im Jahr Christi, 1219. lebte ein reicher Baur, mithin aber ein Ertz-Wucherer. Als dieser einstens bey nächtlicher Weil ungeschlaffen in dem Beth sich von einer Seiten auf die andere kehrte, und mit seinen wucherischen Gedancken umgienge, hörte er, daß alle Räder in einer Mühle (die zu nächst bey seinem Haus stunde, und ihm zugehörte) wären lauffend worden. Auf dieses hin rufte er gleich seinem Knecht, und befahle ihm, hin zu gehen, und zu sehen, wo es fehle. Der Knecht gehet; ware aber bald wieder da, gantz ertattert, und erbleicht im Angesicht, mit Vermelden, wann ihm sein Meister, der Baur schon 100. Thaler versprechen thäte, wolte er nicht einmahl mehr dahin gehen; also wütet und tobet es in der Mühle als wann alle Teufel darinn wären. Der Baur spottete nur des Knechts, als eines forchtsamen Haasens; stunde selber auf und gienge in die Mühle hinein. Er hatte aber die Thür kaum eröfnet, da traffe er 2. Kohl-schwartze Pferd, und einen Mohren darbey an. Der Mohr ergriffe ihn bey der Hand, und befahle ihm mit ernsthaftem Angesicht und Trohworten, alsobald aufzusitzen, und mit ihme zu reiten. Was wollte der Baur thun? er mußte eben aufsitzen; und siehe! er kam in Begleitung des Mohren in kurtzer Zeit für die Pforten der Höllen. Als er nun in den tieffen Abgrund hinab sahe, erblicket er dort seinen verstorbenen Vatter und Mutter; zwischen ihnen aber einen leeren feurigen Stuhl. Worauf sich der Mohr zu dem Baur wendete, und sagte: Besihe dieses Orth nur wohl; dann es wartet auf dich. Kehre aber jetzt hin, wo du her gekommen; nach 3. Tägen wirst du sterben müssen, und da sitzen in alle Ewigkeit. Darauf ward der Baur durch unsichtbaren Gewalt wiederum in die Mühle geliefert, wo ihn sein Weib des andern Tags halb todt angetroffen, und heim tragen lassen. Nachdem er nun alles erzählt, wie es ihm ergangen, wurde sein Pfarrer herzu geruffen, welcher nach angehörter Erzählung dem Bauren ernstlich zusprache, zu beichten, und sich zu bekehren, mit Vermelden: wie daß dieses nur eine Trohung geweßt wäre, unter der Bedingnuß: nemlich, wann er nicht wurde Buß thun; von ungerechtem Wucher ablassen, und das fremde Gut heimb stellen, habe er freylich nichts anders zu gewarten, als die ewige Verdammnuß, und anderst nicht. Dann GOtt seye barmhertzig, und wolle nicht den Tod des Sünders, sondern daß er sich bekehre [184] und lebe. Es seye noch Zeit, solle also diese nur nicht versaumen. Allein alles dieses Zusprechen war umsonst. Der Baur bliebe verstockt in seinen Sünden, vorwendend, es seye schon verhaußt, und nicht mehr zu helffen. Und in solcher Verzweiflung verharrete er 3. Täg; nach welchen er seine vermaledeyte Seel ausgespyen, und den ihme in denen höllischen Flammen bestimmten Sitz bezogen hat. Cæsar. Heisterbac. l. 2.Mirac. c. 7.


Das tragt zuletzt der ungerechte Wucher ein. Das ist aller ungerechter Wucherer Gewinn, daß sie von GOtt in dem Todt-Beth verlassen werden; folgends in der Verzweiflung dahin sterben, und dem Teufel zufahren. O blinde Leut! thut einmahl die Augen auf, schauet in den Abgrund der Höllen hinunter; höret was eures gleichens Wucherer für ein Klag führen:Verflucht, seye das Geld und Gut, das uns in dieses Feur gestürtzt hat! verflucht die Händ, welche solches Gelt eingenommen, verflucht die Truchen und Kästen, in welche es versperret worden! was haben wir jetzt darvon? nichts als Feur-Flammen, brennenden Schwefel und Pech, wütigen Hunger und Durst, äusserste Armuth, und ein ewiges Elend. Ach wie verblendet waren wir! aber was hilft jetzt uns dieses Klagen? verlohren seynd wir, verzweifelt seynd wir, verflucht seynd wir. Wehe uns derohalben! wehe uns in alle Ewigkeit! Ungerechter Wucherer, kanst du solches Klagen anhören, und im Wucheren dannoch fortfahren? so must du dich auch entschliessen können, immer und ewig mit deines gleichen in dem höllischen Feur zu brinnen und zu braten. Aber besinne dich vorher, was du dem Propheten Isaias auf folgende Frag am 33. Cap. wollest zur Antwort geben: Wer ist unter euch, der bey einem zehrenden Feur wohnen kan? welcher unter euch wird bey der ewigen Glut bleiben mögen?

17. Exempel
Siebenzehendes Exempel.
Ein reicher Wucherer wird nach seinem Tod in einer Capuciner-Kutten begraben; die ihn aber über die Massen brennt.

Zu Genua, einer Stadt in Welschland, war ein Herr, der durch ungerechten Wucher viel Reichthumen zusammen gebracht hatte. Damit er aber nicht müßte zuruck geben, was er auf solche Weis bekommen, und mithin in seinem Wucher könnte fortfahren, unterliesse er viel Jahr alles Beichten und Communicieren. Und damit es nicht offenbahr wurde, erhandelte er durch ein gewisse Practic alle Jahr auf Ostern ein Beicht und Communion-Zettel an sich, und machte dardurch die Leut glauben, als [185] hätte er die Oesterliche Beicht und Communion abgelegt. Was geschiehet? GOtt wirft ihn durch eine tödtliche Kranckheit ins Beth; um ihn also zur Buß zu bewegen. Allein umsonst, dann er ohne Beicht und Buß aus dieser Welt verschieden. Seine Frau, welche nicht gewußt, daß ihr Herr so viel Jahr lang in einem bösen Stand gelebet, war besorgt, der Seel des Verstorbenen auf alle Weis, und so viel ihr möglich, beyzuspringen und zu helffen, wo selbige in der anderen Welt der Hülf etwann vonnöthen hätte. Also dann, weilen sie viel auf den Capuciner Orden hielte, und dessen Vätteren viel Guts thate, hielte sie bey einem Guardian aus diesem Orden inständig an, er wollte doch eine Capuciner-Kutten lassen hergeben, damit der Verstorbene darinn begraben, und mithin des Gebetts, und guter Werck der Brüder aus diesem Orden möchte etwann theilhaftig werden. Nun der Guardian durch die Bitt dieser Gutthäterin des Ordens bewegt, laßt es zu. Worauf der Verstorbene mit einer Capuciner-Kutten angelegt, in das nächste Franciscaner-Kloster (die von ihrer Weis zu leben sonst die Observanten genennt werden; und bey denen der Verstorbene seine Begräbnus hatte) getragen, und in einer Capell (bis man gleichwohl die gehörige Anstalt zur Leich-Begängnus gemacht hätte) beygesetzt worden. Als nun 2. Franciscaner-Brüder bey nächtlicher Weil bey dem Verstorbenen wachten, fienge dieser um Mitternacht an, sich zu rühren, aus der Todten-Bahr heraus zu springen, und mit vielem Polderen auf die Brüder zuzulauffen, sich stellend, alswann er sie anfallen wollte. Diese solches ersehende, nahmen eylends die Flucht, und lieffen voller Forcht und Schröcken dem Guardian des Closters zu, ihme erzählend, was sich mit dem Verstorbenen zugetragen. Der Guardian dies hörend, wollte ihnen anfänglich keinen Glauben zustellen; indem er darfür hielte, es wäre nur eine forchtsame, und leere Einbildung. Als aber die Brüder auf ihrer Aussag beharreten, schickte er 2. andere hin, um sich besser zu erkundigen, ob dem also wäre, wie er berichtet worden? oder nicht? wie nun diese letztere hingangen, und den Verstorbenen in der Capell polderend auf und ablauffen gesehen, zeigten sie es dem Guardian redlich und aufrichtig an. Dieser nun ausser allem Zweifel gesetzt, liesse unverzüglich alle Brüder des Closters in das Convent zusammen kommen; und nachdem er ihnen erzählet, was sich mit dem Verstorbenen zugetragen, ward einhelliglich beschlossen, er sollte sich mit dem Priesterlichen Stol angethan, in Begleitung zweyer Brüder in die Capell verfügen, und dem Verstorbenen im Namen des Allerhöchstens befehlen, ihme in das Convent nachzufolgen. Nun das geschahe; und der Verstorbene (O nicht bald erhörte Sach!) durch den Befehl des Guardians gezwungen, folgte ihm bis in das Convent auf dem Fuß nach. Da wurde [186] dann der Verstorbene im Convent in Gegenwart aller Brüdern des Closters, von dem Guardian beschworen, und mit diesen Worten angefragt; Was fangst du im Closter für ein Polderen an? und was verlangst du von uns? können wir dir helffen, oder nicht? Da antwortete der Verstorbene mit entsetzlicher Stimm:Was beklagst du dich über mein Polderen, verwundere dich vielmehr, daß ich nicht ärger gepoldert habe. Die Ursach meines Polderens ist, weil mich diese Kutten mehr brennt, als das hölische Feur selbsten. Und wann diese Kutten nicht wär, wurden mich die Teufel schon längst in den Abgrund der Höllen geführt haben: dann ich aus gerechtem Urtheil GOttes ewig verdammt bin. Ziehet mir also diese Kutten aus, so werdet ihr inskünftig hin Ruhe haben. Als ihm nun aus Befehl des Guardians die Kutten von den Brüdern ausgezogen worden, ward er in Angesicht des gantzen Convents von den Teuflen mit Leib und Seel weggeführt, und in den Abgrund der Höllen begraben, nachdem er einen unerträglichen Gestanck hinter sich gelassen.Zach. Bover. Demonstrat. 4. de vera Habitus forma.

Daß die Capuciner-Kutten den Verstorbenen also gebrennt, ist kein Wunder. Dann diese ist erstlich ein Kleyd der Armuth, andertens ein Zeichen eines bußfertigen Lebens. Der Verstorbene aber war erstlich ein reicher Wucherer, andertens ein unbußfertiger Sünder. War also unwürdig, solches Kleyd zu tragen, das von ihm dergestalten entunehrt wurde.

Daß ihn aber die Teufel nicht haben können wegführen, bis ihm dieses Kleyd ausgezogen worden, gibt zu verstehen, in was Ehren der Capuciner-Habit, als ein Zeichen der Demuth, und der Armuth solle gehalten werden. Letztlich können alle gottlose Christen ihnen folgende Rechnung machen: hat ein bußfertiges Ordens-Kleyd einen Verstorbnen so unleydentlich gebrennt, weilen es allein durch die Antragung entunehrt worden; wie wird dann solche Christen in der Höllen brennen das unauslöschliche Zeichen eines Christens, das sie in dem heiligen Tauf empfangen; wann sie selbiges mit ihrem gottlosen Leben entunehrt haben? dann wegen solchem Undanck für die empfangene Gnad des Heil. Tauffes, werden sie viel tieffer in die Höll kommen, als andere, die keine Christen geweßt seynd; welches ja erschröcklich anzuhören ist.

18. Exempel
[187] Achtzehendes Exempel.
Einer der seinem Feind bey Leb-Zeiten nicht verzeyhen wollen, holet nach dem Tod den andern zu gleicher Peyn in die Höll ab.

Im Jahr Christi 1570. lebten in einem Closter in Spanien 2. Ordens-Brüder, welche (wer solt es glauben? in grosse Feindschaft miteinander zerfielen, und solche lange Zeit fortsetzten. Die Ursach ist nicht bekannt. Seye es aber geweßt, was es wolle, so hätten sich diese zween gleichwohl ihres Stands erinneren, und nicht so weit verliehren sollen. Allein, wie schluge es letztlich aus? es fiele eben einer aus ihnen mit der Zeit in eine tödtliche Kranckheit. Wie er nun gemerckt, daß es mit seinem Leben geschehen seye, gienge er in sich selbst, und bereuete die bishero geführte Feindschaft. Ehe er sich aber mit den heiligen Sacramenten wollte versehen lassen, verlangte er, daß sein bishero geweßter Feind möchte zu ihm kommen. Nun das geschiehet. Der Todt-Krancke verzeyhet ihm nicht allein alle empfangene Unbilden, sondern thut ihn auch umfangen: zum Zeichen, daß er sich von Hertzen mit ihm versöhne. Allein der andere, der ein trutziger Gesell war, spottete darüber, und sagte zu einem, der hinter ihm stunde: Ja ja, weil er siehet, daß er sterben muß, verzeyhet er mir, sonst wurde er es gewißlich nicht thun. Wie der Krancke diese hönische Red vernommen, stiege sie ihm dergestalten in den Kopf, daß er darüber die gegebene Verzeyhung widerrufte, und diese Wort zusetzte: So? ist es um die Zeit? ey, so will ich dir auch nicht verzeyhen, verlange auch nicht, daß du mir verzeyhest. Dieses war kaum geredt, da verluhre er nicht allein die Sprach, sondern auch den Verstand. Es stunde aber nicht lang an, griffe er in die Züge, und gabe seinen unglückseeligen Geist auf. Wie geht es weiters, der todte Leichnam wird den anderen Tag gleichwohl zur Erden bestattet. Indem aber die Ordens-Geistliche darauf sich in dem Convent versammlet, und das Nacht-Essen einzunehmen zu Tisch gesessen, sihe! da kommt der Verstorbene ohnversehens ins Convent hinein; und zwar mit trutzigem Gesicht, verzauseten Haaren, und feurigen Augen. Und nachdem er sich in die Mitte gestellt, und einen nach dem anderen scharf angesehen, brache er endlich mit entsetzlicher Stimm in diese Wort aus: Weil ich unglückseeliger bey Lebs-Zeiten auf Erden eine unversöhnliche Feindchaft geführt, brinne ich anjetzo nach meinem Ableiben in der Höllen drunten; und werde also brinnen in alle Ewigkeit. Aber auch derjenige, der Ursach daran ist, wird gleichfals über ein kurtzes mit mir brinnen müssen. Alsdann wendete[188] er die Augen auf seinen Feind: und sagte: Stehe vom Tisch auf, du unglückseeliger! es ist genug geessen. Dann wisse, daß der göttliche Richter das Urtheil der ewigen Verdammnuß gleichfalls wider dich ausgesprochen, damit, gleich wie wir einander auf Erden angefeindet, wir solche Feindschaft in der Höll ewig fortführen. Als er dieses geredt, der Bruder aber vor Forcht und Schrecken nicht aufstehen wolte, risse er ihn vom Tisch herfür, zohe ihn in die Mitte des Convents: griffe ihn gantz grimmig an: schluge, stoßte, krätzte, und bisse ihn, wie ein wütiger Hund. Indem sich aber der andere auch wehrte, und mit dem Verstorbenen runge, eröfnete sich unter ihren Füssen die Erden, und verschluckte alle beyde lebendig bis in den Abgrund der Höllen hinunter; also daß von ihnen nichts, als ein unerträglicher Gestanck hinterbliben ist. Als man nachgehends des Verstorbenen Grab visitirt, ist selbiges leer gefunden worden: zu einem handgreiflichen Zeichen, daß Leib und Seel in der Höll beysamen seyen. Francisco Christoval en la Jordana premiere. c. 17. Anno, 1570.


Was für ein entsetzliches Exempel ist dieses! ach! hätten diese zwey unglückseelige gedacht an die Ermahnung des weisen Syrachs, die er thut am 28. Cap. mit diesen Worten: Gedencke an die letzte Ding, und höre auf Feindschaft zu tragen: wie wurden sie gantz anderst geredt; und gethan haben! wann man an den Tod gedenckt, und an das darauf folgende erschröckliche Gericht: ist es möglich, daß man doch nicht verzeyhe? O Blindheit! oder besser zu sagen: O Unsinnigkeit! wann ein Mensch dem andern nicht verzeyhen will; wie darf er hoffen, daß ihm GOtt der unendlich groß ist, verzeyhen werde? man muß also folgen dem Rath oben gedachten Syrachs, welcher also lautet: Vergibe deinem Nächsten, wann er dich beleydiget; so werden dir die Sünden auch nachgelassen, wann du darum bittest.

19. Exempel
Neunzehendes Exempel.
Ein gottslästerischer unbußfertiger Edelmann stirbt verzweifelt, und gehet an Leib und Seel zu Grund.

Im Jahr Christi, 1644. war in Franckreich ein vornehmer Edelmann, der wohnte auf einem Schloß, aller verdrüßlichen Geschäften und Sorgen überhebt, in Mitten der grösten Glückseeligkeit, und Uberfluß aller Sachen. Er hatte zur Ehegefehrtin eine edle, und mit allen Gaaben gezierte Dame, von welcher er auch liebe Kinder erzeugt: [189] hätte auch mit ihr in süsser Ruhe, und allem Wohlergehen die Täg seines Lebens verzehren können, wann er ihm nur nicht selbst immerdar etwas in den Weeg gelegt hätte. Die Natur hatte ihn sonst nicht gar uneben gestaltet, wann er nur auch gute Sitten an sich gezogen hätte. Anderer Lastern zu geschweigen, war das allerschlimmste an ihm, daß, wann er etwann wohl bezecht, von dem Trunck; oder mit leeren Seckel vom Karten-Spil; oder sonst voller Verdruß von der Jagd heim kame, er gemeiniglich dermassen zu schelten, fluchen, und GOtt zu lästeren anfienge, daß es kein Wunder geweßt wär, wann sich schon der Erd-Boden aufgethan, und ihn lebendig verschluckt hätte. Die Edel-Frau samt denen Ehehalten, über welche zum öftern dergleichen Ungewitter, samt einem Hagel der schmächlichsten Worten ausgienge, därften sich nicht rühren; sondern mußten noch froh seyn, wann sie mit gantzer Haut, und ungeschlagen davon kamen. Das war nemlich der Danck, welchen er seiner Ehegefehrtin für ihre Ruh-Warthung im Haus-Weesen gabe. O was für ein grosses Haus-Creutz war dieses! gleichwohl wußte sich die Edel-Frau meisterlich in den Kopf ihres Herren zu schicken, und als ein kluge verständige Dame mit Christlicher Sanftmuth dessen Untugenden zu übertragen: weil sie allbereit zu Genügen erfahren, daß das Stillschweigen am besten seye, wann weder bitten, noch filtzen etwas verfangen will. Sie schwiege, und litte; wie wohl ihr tief zu Hertzen giengen die vilfältige Beleydigungen der göttl. Majestät, und die Aergernussen, so ihre Kinder ab dem bösen Exempel des Vatters nahmen.


Also lebte; also hausete der Edelmann: dessen Tag-Ordnung war, unordentlich, und im Luder-Leben; dessen Gedancken nur von guten Muth und Kurtzweil; dessen Reden unflätig, oder gottslästerlich; dessen Thun und Lassen nichts anders, als: fressen, sauffen, spilen, jagen, huren, buhlen: mit einem Wort: alles thun, was nur der Brief vermag. Aber wie lang währete dieses saubere Leben? so lang, bis die Maaß der Boßheit erfüllt, und er allgemach zeitig war, der strengen Gerechtigkeit GOttes ein Straf-Opfer abzugeben. Die Gelegenheit gabe dazu ein Zanck, den er mit einem anderen von Adel angefangen. Weil es aber dabey nicht gebliben, sondern einer den anderen auf den Degen heraus forderte; geschahe es, daß der Edelmann von seinem Gegner einen tödtlichen Stich bekame; worauf er für halb todt mußte nach Haus getragen werden. Was für einen Jammer diese traurige Bottschaft in dem Hertzen der Edel-Frauen werde angerichtet haben, ist leicht zu gedencken. Sie wußte ihres Leyds kein End noch Anfang vor Schrecken und Zitteren. Nachdem sie sich aber ein wenig erholet, und zum Schloß hinaus eylte, ihrem Herren, wo möglich, einige [190] Hülf, oder den letzten Liebs-Dienst zu erweisen, und ihm die Augen zu zudrucken; sihe! da brachte man ihn eben daher auf einem Beth, besprützet mit seinem eigenen Blut; gantz erbleicht in dem Angesicht, und noch brinnend vor Zorn. Das war nun ein leydiges Schau-Spiel in den Augen der Edel-Frau, welcher auch einem Felsen, will geschweigen einer liebhabenden Ehe-Frau, einen Bach der Zäher hätte mögen auspressen. Und obwohlen sie nicht grosse Ursach hatte, vil zu klagen, sondern zu frohlocken, in Bedencken, daß sie dieses harten groben Manns mit nächstem abkommen wurde; griffe ihr doch, als einer gottsförchtigen Dame, tief in das Hertz desselben gegenwärtiger Zustand, nicht so fast wegen der Wunden, die er empfangen in dem Leib, als wegen der Wunden, die er herum truge in der Seel.

Man lauft eylends um einen Barbierer, und zugleich um einen Geistlichen, in einer nicht weit davon entlegenen Stadt: damit, indem jener das Blut stellete; dieser die Wunden der Seel verbinden solte. Beyde waren alsogleich vorhanden, und wendeten möglichsten Fleiß an, diesen heicklen, und schwürigen Patienten ausser der Gefahr des zeitlichen, und ewigen Tods zu setzen. Den Wund-Artzt liesse zwar der Edelmann zu; aber von dem Beicht-Vatter wolte er nichts hören. Was? sagte er: beichten? fort mit dem Pfaffen. Es thut nicht Noth, daß man ein solches Gescherr anfange: die Gefahr ist noch so groß nicht, und zum beichten ist morgen auch ein Zeit. Ein Cavalier laßt sich durch Vorhaltung einer Todten-Larven nicht gleich schrecken. Ich hoffe, mit nächsten meinem Feind auf ein neues zu begegnen, und ihm zu zeigen, wer aus uns, ich, oder er, der erste müsse in das Gras beissen? auf eine solche Weis redete er, und stoßte zugleich etliche Millionen der Gotts-Lästerungen aus. Also machen es die Prall-Hansen, welche allzeit mit dem Maul bewehrter, als mit der Faust seynd. Wie der gute Geistliche gesehen, daß er nichts ausrichte, verfügte er sich mit seinem Gesellen in das nächste Zimmer; fiele auf seine Knye nieder, und hielte vor der Bildnuß des gecreutzigten Heylands um die Bekehrung dieses Sünders an. Ohngefehr nach einer Viertel Stund fienge der Krancke gähling an, erbärmlich zu schreyen: Pater! Pater! Barmhertzigkeit! Barmhertzigkeit! der Pater lauft eylends herzu, und findet den armen Edelmann gantz verwirrt! der sich in dem Beth hin und her kehrte; die Augen von dem Crucifix, so man ihm vorhielte, abwendete, und den Kopf bald in das Küssen; bald unter das Oberbeth steckte, gleich einem der sein Heyl in der Flucht suchet. Als er gefragt wurde, was er begehre? sagte er mit zitterender, und von vilen Seuftzeren unterbrochener Stimm: Ach Pater? was sihe ich? der [191] Pater strengte ihn an, zu sagen, was er dann sehe? er antwortete ich sihe eine Schrift vor mir. Alle Anwesende, weil sie nichts sahen, vermeinten anderst nicht, als er rede ab. Sprachen ihm gleichwohl zu, er solte die Schrift lesen: denen er auch willfahrte. Es war aber ein Spruch aus der Epistel des Heil. Apostels Pauli zu den Galateren am 6. Cap. und lautete also: Laßt uns Guts thun, weil wir Zeit haben. Das waren eben die Waffen, welche GOtt scheinte demPater von Himmel geschickt zu haben, diesen widerspenstigen Sünder damit zu schlagen, und zu bekehren. Der Pater nahme also die Gelegenheit, dem Krancken bey dieser Schrift die Barmhertzigkeit GOttes zu erklären: was Massen selbige einem jeden Sünder eine gewisse Zeit zur Buß gebe: wann diese aber verwahrloset werde, man hernach vergebens an der Gnaden-Porten des Himmels klopfe. Der mildreicheste GOtt ruffe ihm villeicht mit eben diesen Worten, die er allererst selbst gelesen, zur Besserung des Lebens das letzte mahl: wofern er auf dieses so freundliche Einladen nicht erscheinte, därfte er ihm villeicht so bald keinen Brief mehr nachschicken. Solte sich derohalben zur Buß bequemen, und noch eines aus jenen irrigen Schäflein zu seyn sich befleissen, welche die Stimm Christi, ihres Hirtens anhören, und auf den rechten Weeg sich wiederum leiten lassen. Fienge darauf an, ihn durch eine hertzliche Reu zur Beicht zu bereiten; zu welchem End er ihm vil geistreiche hertzrührende Sprüch vorlase. Aber umsonst, und vergebens. Der Krancke unterbrache gleich die Red, und fragte den Pater: ob er auch gescheid, und ein Gotts-Gelehrter wäre, der von einem schwachen krancken Menschen eine vollkommene Reu und Leyd erforderen därffe; da doch aus tausend Starcken und Gesunden kaum einer selbige zu erwecken im Stand seye? der Pater hielte Widerpart, und erwise, daß solche zwar aus eigenen Kräften zu erwecken unmöglich; durch den Beystand GOttes aber, auch einem Kranckē leicht und wohl möglich wäre. Bekame aber hierauf von dem Krancken keinen anderen Bescheid, als diesen: es lasse sich jetzt da nicht disputiren. Solte sich also hinweg machen, und ihn mit Ruhe lassen.

Entzwischen kommt der Doctor, und vermerckt aus Berührung der Pulß, und anderen Kenn-Zeichen, daß es innerhalb wenig Stunden mit dem Krancken werde geschehen seyn. Ermahnte ihn derohalben der bevorstehenden Gefahr: wie der Tod schon vor der Thür, und das letzte Stündlein bald schlagen werde. Solte sich demnach mit denen heiligen Sacramenten versehen lassen, und sich verfaßt machen, den gefährlichen Weeg der Ewigkeit anzutretten. Alle Anwesende fielen dieser Ermahnung bey, und batten den Krancken insgesamt mit weinenden Augen, er solte ihm doch das Heyl seiner armen [192] Seel besser lassen angelegen seyn, und sich durch eine wahre Beicht mit GOtt versöhnen. Er aber, der Krancke, zörnte hierüber noch mehr, mit Vorwenden: er befinde sich so schwach noch nicht, als man ihn machte: er wolle schon mahnen, wann es Zeit seye, und sich selbst nicht verkürtzen. Mit dieser Antwort wurde der Pater zum anderenmahl abgewisen: deme dann nichts überig war, als daß er sich wiederum in das vorige Zimmer verfügte, und noch inständiger, als zuvor durch das Heil. Gebett bey der göttlichen Barmhertzigkeit um Erweichung dieses unbußfertigen Sünders anhielte. Mittler Weil fiele der Krancke in ein Ohnmacht: da man dann genug zu thun hatte, die allbereit flüchtige Lebens-Geister durch Labung und Kraft-Wasser wiederum einzuholen, und aufzumunteren. Wie er wieder zu sich selbst kommen, fienge er auf ein neues an zu toben, und wie ein rasender Hund an der Ketten zu heulen.Pater (schrye er) mein Pater! geschwind, geschwind, Barmhertzigkeit! Barmhertzigkeit! derPater springt abermahl eylends auf, lauft zu, und findet den Krancken gantz abgemattet, und zapplend, und mit kläglicher Stimm ihme zuruffend: ach! meinPater Barmhertzigkeit! der Pater tröstete ihn mit den liebreichisten Worten, und führte ihm zu Gemüth, wie daß der barmhertzige GOtt, der nicht wolle den Tod des Sünders, sondern daß er sich bekehre und lebe, ihme gantz vätterlich Gnad und Verzeyhung anerbiete, wann er nur solche wolte annehmen. Ach! versetzte der Krancke hinwieder. Es ist zu spath: dann ich sihe abermahl eine Schrift vor mir, die gantz anderst lautet: und zugleich lase er sie, folgenden Innhalts: ihr werdet mich suchen, und nicht finden. Joh. 7. Cap. der Pater wendete möglichisten Fleiß an, ihme solche verzweifelte Gedancken zu benehmen; richtete aber anders nichts aus, als daß der Armseelige nur noch mehr wütete, und in gantz unerhörte Gotts-Lästerungen herausbrache. Von dieser Zeit an hatte er weder Rast noch Ruhe: fienge schon an, inwendig zu faulen, und andere Kenn-Zeichen mehr von sich zu geben seiner allgemach herbey nahenden Verdammnuß. Dann er blibe auf seiner Eigensinnigkeit, und wolte den Beicht-Vatter gäntzlich aus dem Gesicht haben. Dieser aber liesse sich darum nicht abwendig machen; sondern nachdem er zum drittenmahl in mehr gedachtem Zimmer das Heyl dieses gottlosen Sünders Christo dem Herren, und seiner werthesten Mutter durch das Heil. Gebett innbrünstig anbefohlen, beschlosse er den letzten Sturm zu wagen; bevorab, weil nach Aussag des Doctors des Krancken Leben auf die Neige gienge, und zu förchten stunde, daß er nicht vor hefftigen Schmertzen gar von Sinnen kommen, und also zur Buß und H. Absolution möchte untüchtig werden. Fiele ihm derohalben samt allen Anwesenden zu Füssen; batte mit ausgestreckten [193] Händen, und Zäher-vollen Augen durch das Blut JEsu Christi; und durch alles, was ihm lieb wäre: er wolte doch das Heyl seiner armen Seel ihm lassen angelegen seyn; und dieses letzte Stündlein, woran die Ewigkeit hange, zur Buß anwenden. GOtt sey bereit, ihme zu verzeyhen, wann er nur der angebottenen Gnad nicht länger widerstreben wolte. Ach! das waren ja solche Wort, welche auch ein Stein hätten bewegen, und aus einem Felsen Wasser pressen sollen. Aber den Krancken bewegten sie nicht: dann er war härter, als ein Stein und trockner, als ein Fels. Er schrye demnach mit erhebter unnatürlicher Stimm: Es ist aus mit mir: jetzt ist kein Zeit mehr Buß zu thun. Sehet ihr dann nicht, was für ein Schulden- Buch meiner Sünden der Teufel mir vorhalte? Ach! wie viler Ehebrüch? wie viler Gotts-Lästerungen; wie vieler gegebener Aergernussen werd ich beschuldiget! wehe mir armseeligen! jetzt, jetzt schon greift er mich mit seinen grimmigen Klauen an, und reißt mir das Ingeweyd aus dem Leib heraus. Das Urtheil ist schon ergangen. Ewig bin ich verlohren: Dann ich sihe abermahl ein Schrift vor mir, deren Innhalt mir das Marck in denen Beinē durchdringt. Lase zugleich die Schrift, so also lautete: ihr werdet in eueren Sünden sterben. Joh. 8. Cap. Dieses geredt, griffe er in die Züg, und gabe mit ungewöhnlichem, unerhörten, erbärmlichen Zetter-Geschrey, und Zähn-Klapperen seinen vermaledeyten Geist auf. Gleich denselben Augenblick sahe der Todten-Cörper Kohlschwartz aus, und gabe einen so unleydentlichen Gestanck von sich, daß einer nach dem anderen aus denen Anwesenden mit verhebter Nasen sich zur Thür hinaus machte; ausser zweyen Bauren, welche das Todten-Aaß zu begraben bestellt waren.


Der Beicht-Vatter nunmehr selbst einem Todten gleicher, als einem Lebendigen, nachdem er die verwittibte Edel-Frau getröstet, kehrte wieder nach Haus und überlegte unter Weegs mit seinem bey sich habenden Gesellen wehemüthig, was sie beyde gesehen, und gehört hatten. Sie wurden aber bald von einem ihnen nachlauffenden Diener zuruck beruffen, der vor Schröcken und Forcht kaum reden konte. Gleichwohl berichtete er so viel, was gestalten allererst zwey Kohl-schwartze Hund, mit feurigen Augen in des Krancken Zimmer hinein geloffen, den todten Leichnam seines unglückseligen Herrn mit ihren Zähnen angefallen, in die Tatzen gefaßt, und mit grossem Getümmel zu einem Camin hinaus mit sich weggeführt, und von ihm kein Härlein überlassen hätten. Bathe darauf den Pater inständig, er wolte doch wieder zuruck kehren, und die verlassene höchst betrübte Wittib noch mehr helfen trösten und stärcken. Der fromme Geistliche, ob er sich schon ab dieser Post sehr entsetzte, bathe doch GOtt um ferneren Beystand: kehrte mit dem [194] Diener zuruck, und fande in dem Krancken-Zimmer nichts, als den Stroh-Sack, auf welchem der verdammte Todten-Cörper des Edelmanns gelegen: dann der feißte Brocken denen höllischen Hunden zu Theil worden. Es konnte aber der Pater wegen des unerträglichen Gestancks nicht länger dort verbleiben, sondern gienge nach dem Zimmer der mit Trangsal und Bitterkeit erfüllten Wittib; welche er vor einem Crucifix, auf den Knien liegend angetroffen, mit gen Himmel aufgehebten Händen; gantz von Kräften, sinnloß, und verseckt in ein Meer der Schmertzen. Der Pater wolte sie zwar in gegenwärtigem Leid ferners trösten, und zu Christlicher Starckmüthigkeit aufmunteren. Allein sie gabe kein Antwort. Weilen nun der Pater für diesmahl ihr keine andere Hülf leisten konnte, befahle er sie in den Schutz GOttes, dessen gerechte Urtheil sie mit einem tiefen Stillschweigen verehrte und anbetrete. Nahme darauf von denen Hausgenossenen Urlaub, und gienge darvon.


Nachdem nun dieser grausame Strudel fürbey, machte die Wittib noch dasselbige Jahr ihrer Sachen eine Richtigkeit; überliesse ihre noch überbliebene zwey Kinder denen Vormünderen über, welche doch bald hernach sturben; kehrte der Welt den Rucken; begabe sich in ein Frauen-Closter: allwo sie eine Zeitlang gottselig gelebt, und Zweifels ohne auch also gestorben ist: als welche die Kunst, wohl zu sterben aus dem Gegenspiel ihres unglückseligen Ehemanns schon zuvor auf das beste erlernet hatte. Thomas le Blanc. S.J. In seinem hertzhaften Soldaten.


Mit was Recht sagt der heilige Augustinus! das ist die wohl verdiente Straf der Sünd: daß der Sünder dasjenige verliehre, dessen er sich nicht bedienen wollen, da er doch ohne Beschwernuß hätte können. Dann einem solchen heillosen Tropfen geschiehet recht, daß er nimmermehr wisse, was zu thun seye: weil er nicht gut gethan hat, da er doch sein Schuldigkeit wußte. Er verdient, daß ihm die Gelegenheit, sich zu bekehren, entzogen werde, weil er sich der Gelegenheit, da er sie hatte, nicht hat bedienen wollen.


Wohl ein entsetzlicher Spruch! welcher den halsstärrigen Edelmann getroffen; und allen hartnäckigen Sündern, welche die beste Zeit zur Buß unachtsam lassen fürbey gehen, einen gleichen Untergang trohet:Daß sie nemlich in ihren Sünden sterben werden. O unglückseliger! O entsetzlicher Tod! von welchem der David sagt: daß dem schlimmerer Tod seye, als der Tod der Sündern. Psal. 33. weil er nemlich nach sich ziehet den ewigen Tod: folgends ein ewige Pein und Qual. Wer kan ohne Schröcken daran gedencken?

20. Exempel
[195] Zwantzigstes Exempel.
Der Geist eines verstorbenen Herrn erscheint nach dem Tod einer Magd im Haus, und begehrt Hülf von ihr.

Um das Jahr Christi 1581. ist zu Hertzogen-Busch, einer Holländischen Stadt (die aber dazumahl noch unter Spanien gehörte, und Catholisch war) ein gewisser Herr gestorben, welcher bey Leb-Zeiten einen ehrlichen Wandel geführt hatte. Ein Jahr nach seinem Tod erschiene er einer Magd im Haus, in eben denen Kleideren, die er bey Leb-Zeiten getragen. Er war angethan mit einem schwartzen Mantel; hatte das Haupt unbedeckt; hebte aber gleich einem Bettenden die Händ gen Himmel. Nachdem er in solchem Aufzug eine Zeitlang vor den Augen der Magd gestanden, thate er endlich den Mantel von einander. Und siehe! es schlugen allenthalben feurige Flammen herhaus: worüber er verschwunden. Die Magd aber erschracke so heftig darüber, daß sie in eine Ohnmacht dahin gefallen. Nachdem sie sich nach und nach wiederum erholet, und des Verstorbenen hinterlassenen Töchteren im Haus erzählet, was ihr begegnet, ward sie von ihnen gebetten, sie möchte doch den Geist des Verstorbenen, wann er ihr etwann noch einmahl erscheinen solte, anfragen, ob? und wie ihm zu helfen wäre? als aber die Magd sich entschuldigte, wie daß sie ihr vor Forcht solches zu thun nicht getraute, zeigten es die Töchteren dem Pfarrer des Orts an: welcher dann der Magd zugesprochen, sie solte ihr nicht förchten; dann wann sie in einem guten Stand seye, und kein Tod-Sünd auf ihr habe, werde ihr kein Leid widerfahren. Was geschiehet? die Magd laßt sich überreden. Bald darauf erscheint ihr der Geist das andermahl in voriger Gestalt; und redet sie an mit diesen Worten:Warum hilfest du mir nicht? was förchtest du dir? es wird dir nichts geschehen. Die Magd antwortete, wie daß sie bishero voller Forcht geweßt wäre, und deswegen ihn anzufragen ihr nicht getraut hätte. Weil er aber das andermahl zu ihr komme, so soll er nur sagen, was er verlange? sie wolle thun, so viel ihr möglich seyn werde. Da sagte der Geist: wie daß man erstlich für ihn müßte drey heilige Messen lesen lassen. Andertens hätte er einstens, da er kranck gewesen, um vorige Gesundheit wiederum zu erlangen, in eine gewisse Kirchen (die er auch benamset) ein Opfer versprochen, welches er aber bis dahin abzulegen versaumt hätte: dieses müßte noch, und zwar mit nächstem abgelegt werden. Drittens ersuchte er seine hinterlassene Töchteren, daß sie doch fleißg für ihn betten wollen. Und als die Magd, diesem allem treulich nachzukommen versprochen, ist er ver schwunden. Da aber die Magd das versprochene Opfer in die ihr bedeutete [196] Kirchen truge, erschiene ihr der Geist abermahl, und gienge mit aufgehebten Händen vor ihr her. Ja, wie sie mit einander in die Kirchen kommen, und das Opfer abgelegt worden, kniete der Geist neben der Magd vor dem hohen Altar nieder, und thate das Gebett mit ihr verrichten. Nachgehends begleitete er sie wiederum mit aufgehebten Händen nach Haus zuruck, ohne daß er unter Weegs ein Wort mit ihr geredt hätte. Worauf er abermahl verschwunden. Es stunde aber nicht lang darauf an, so kame der Geist das letztemahl zu der Magd, und zwar bey nächtlicher Weil: weckte sie auf, und sagte: stehe eilends auf; dann ich werd mich hier nicht lang mehr aufhalten. Als die Magd aufgestanden, und angekleidet war, führte er sie mit sich in den Hof des Hauses, allwo gähling durch ein helles Liecht alles erleuchtet worden. Da sagte der Geist zu ihr: Gehe hin zu meinem Bruder, der noch bey Leben ist, und sage ihm in meinem Namen: er und die Seinige sollen fein beständig im Catholischen Glauben verharren; dann ausset diesem könne keiner selig werden: sollen auch fleißig für die Verstorbene betten. O wann sie wußten, was die arme Seelen im Fegfeur leiden müssen, wie wurden sie Tag und Nacht für sie betten! was mich anbelangt, hätte ich fünf Jahr lang müssen im Fegfeur lei den: aber wegen dem Gebett, so die Meinige für mich verrichtet haben, seynd mir vier Jahr, und so viel Täg nachgelassen worden; und bin ich jetzt (GOtt Lob, und Danck!) einmahl aus der Pein erlößt, und gehe der ewigen Freud zu. Als die Magd von ihm zu wissen verlangte, wie es diesem und jenem, ihren Freunden und Bekannten, in der andern Welt gehe? antwortete er: wie daß er von GOtt kein Erlaubnuß hätte, ihr solches zu offenbaren. Setzte doch hinzu: sie solle nicht aufhören, für sie zu betten. Als er dies geredt, bedanckte er sich gegen der Magd, und denen Seinigen für alles, was sie ihn zu erlösen gethan hatten, mit dem Versprechen, daß er auch für sie vor GOttes Angesicht treulich bitten wolle. Nach diesen Worten fienge er wie die Sonn an zu glantzen, hebte die Händ gleich einem Bettenden über sich, und fuhre in solchem Glantz freudig dem Himmel zu. Bredenbach Sacr. Collat. l. 8. c. 40.


Was für ein grosses Werck der Liebe ist es, wann man für die Abgestorbene bettet, und auf solche Weis ihre Erlösung befördert! damit sie nicht länger aufgehalten werden, GOtt anzuschauen; ihn vollkommentlich zu lieben, und zu loben! wie seufzen diese arme Tröpflein in dem Fegfeur, bis daß sie ihr letztes Ziel und End, zu welchem sie erschaffen worden (nemlich die ewige Seeligkeit) erreichen! wie gedunckt sie ein jede Stund, eine halbe Ewigkeit zu seyn! wie warten sie auf das Gebett der Glaubigen auf Erden, um dardurch die restierende Straf für die Schuld ihrer Sünden abzahlen zu können! und solte es auch nur [197] in diesen kurtzen Worten bestehen: Tröste GOtt die Abgestorbene: GOtt gebe ihnen die ewige Ruhe! wann man aber noch darzu für sie Allmosen giebt; oder eine Heil. Meß lesen laßt, O wie bald wird ihnen dardurch aus ihrer Pein geholfen! und warum solte man es nicht thun? in Bedencken, daß ein erlößte Seel, wann sie vor GOttes Angesicht kommet, nicht wird nachlassen, so lang und viel für ihren Gutthäter zu bitten, bis auch er mit der Zeit ihr in dem Himmel beygesellet werde. Wie trostreich ist dieses! und wie oft soll man an jenen Spruch Christi gedencken: Selig seynd die Barmhertzige; dann sie werden Barmhertzigkeit erlangen! Matth 5. solche seynd die mitleidige Gutthäter der armen Seelen im Fegfeur.

21. Exempel
Ein und zwantzigstes Exempel.
Der Geist eines verstorbenen Dieners erscheint nach dem Tod seinem Herren, ihne bittend, er, und seine Gemahlin wollen seiner nicht vergessen.

Um das Jahr Christi tausend, ein hundert, und was darüber seyn mag, lebte in Spanien Petrus von Engebert, aus dem Orden des Heil. Vatters Benedicti. Er war vorhin, da er noch in der Welt gewesen, ein vornehmer reicher Herr. Der sich aber, nachdem er aus sonderbahrer Gnad GOttes die Eytelkeit dieser Welt erkannt, in gedachten heiligen Orden, wiewohlen er schon ein ziemliches Alter auf sich hatte, begeben: um darinnen die übrige Zeit seines Lebens besser, als die vergangene zuzubringen. Dieser thate oft unter denen Mitbrüderen Meldung von einer Erscheinung, so ihme zu seiner Bekehrung ein grosser Antrieb gewesen. Den gantzen Verlauf erzählte er auf folgende Weis, und mit diesen Worten:

»Als auf ein Zeit Alphonsus, der jüngere, König in Spanien, wegen eines grossen Aufstands seiner Unterthanen in Castilien, einen Befehl ausgehen lassen, daß eine jede Haushaltung in seinem Reich einen Soldaten stellen, und der Königlichen Armee, um die entstandene Unruhe zu stillen, zuschicken sollte; hab ich diesem Befehl gehorsamlich nachzukommen, einen aus meinen Dienern, Sancius genannt, mit behöriger Zurüstung ausstaffirt, und dem Haupt-Lager zugeschickt. Nachdem der Aufstand gestillet, der Frieden getroffen, und die Soldaten abgedanckt worden, kame Sancius wiederum in mein Haus zuruck, und versahe seinen vorigen Dienst. Ueber wenig Jahr erkranckte er tödtlich, und bezahlte die Schuld der Natur. [198] Ich liesse ihn ehrlich begraben, und was die Christliche Liebe erfordert, für seine Seel fleißig verrichten. Vier Monath lang war alles still im Haus, Niemand aus meinen Hausgenossenen beklagte sich, daß er was gehört, oder gesehen. Als ich aber zu Winters-Zeit nächtlicher Weil in dem Beth wachte, hörte und sahe ich einen Menschen, so bey dem Camin auf der Herd-Blatten die Aschen von der Glut scharrete, also, daß ich die glüende Kohlen wohl sehen konnte. Und obwohlen ich ab diesem Gesicht sehr erschrocken war, hatte mir doch GOtt der HErr so viel Hertz gegeben, daß ich fragen durfte, wer er wäre? und warum er die Glut entdecke? da vernahme ich ein tieffe klägliche Stimm: mein Herr! förchtet euch nicht. Ich bin Sancius, euer armer Diener. Ich gehe samt meinen Gesellen nach Castilien; damit ich meine Sünden abbüsse, die ich allda begangen. Hierauf sagte ich, wann dich der göttliche Befehl dorthin zu gehen verordnet, was machst du dann allhier? mein Herr, antwortete er: verzeyhet mirs. Dieses geschiehet nicht ohne göttliche Erlaubnuß: dann ich mich nicht gar in einem üblen Stand befinde; in welchem ihr mir, wann ihr nur wollet, könnet zu Hülf kommen. Darauf fragte ich ihn: was dann sein Anliegen, und Begehren von mir seye? da sagte er, ihr wisset mein Herr, daß ihr mich kurtz vor meinem Tod an ein Ort geschickt, wo man nicht pflegt heilig, sondern gottlos zu leben. Die Jugend, die Freyheit, das böse Exempel, und die Vermessenheit können einen armen Soldaten, der sich selbst nicht zu regieren weißt, leichtlich in das Verderben stürtzen. Ich hab mich in dem jüngst verwichenen Krieg mit Rauben und Stehlen versündiget; auch so gar den Kirchen-Gütern nicht verschont, darum ich anjetzo schwehrlich gepeiniget werde. Dahero, ach mein lieber Herr, wann ihr mich lieb habt, vergesset doch meiner nicht. Ich begehre von euch nicht grosse Reichthum, sondern allein euer Gebett, und ein kleines Allmosen, welches alles mir in meiner Peyn verhülflich seyn wird. Euer Gemahlin ist mir noch von der letzten Rechnung her 3. Gulden und 20. Kreutzer schuldig, diese verlange ich, daß sie zu Trost meiner Seel angewendet werden.«


»Ich weiß nicht, wie mir unter diesem Gespräch das Hertz gewachsen, daß ich mich unterfangen auch andere Sachen zu fragen. So frage ich dann, Mein! weist du nicht, wie es mit jenem meinem Lands-Mann Petrus Dejaca, so ohnlängst mit Tod abgangen, stehe? Hierauf sagte er: Herr! laßt euch diesen nicht angelegen seyn, dann er allbereit die ewige Seeligkeit erlangt hat; weilen er in nächst geweßter Hungers-Noth viel Almosen geben, und dardurch den Himmel erworben. Der Fürwitz stache mich noch mehr, daß ich ihn [199] fragte, wie es um einen Richter, der mir wohl bekannt, auch ohnlängst mit Tod abgangen, stehe? Mein Herr! antwortete er:sagt mir nichts von diesem armseeligen Menschen, dann er wegen seinen verübten Ungerechtigkeiten ewig verdammt worden. Ich wollte mit diesem noch nicht zufrieden seyn, sondern fragte weiters, in was für einem Stand sich die Seel des Königs Alphonsi befinde? Hierauf hörte ich eine andere Stimm von einem Fenster, das hinter mir war: die sprache: Auf diese Frag kan Sancius nicht antworten: weilen ihm von dieses Königs Stand nichts bewußt. Ich aber, der ich vor 5. Jahren gestorben, kan hierinn einen Bericht geben. Diese unverhofte Antwort brachte mir wiederum einen Schrecken; jedoch kehrte ich mich um, und sahe vermittelst des Mondscheins einen Menschen an dem Fenster lehnen, den ich bate, er wolle mir die Beschaffenheit gedachten Königs anzeigen. Hierauf antwortete er: Ich weiß zwar wohl, daß er nach seinem Ableiben grosse Peyn erlitten; welche doch durch das Gebett der Geistlichen Ordens Leuten bald gelindert worden. Wie es ihm aber weiters ergangen, kan ich nicht wissen. Indem er dies sagte, wendete er sich gegen dem Sancio, so beyder Glut sasse, und sprache: Fort, fort, es ist Zeit. Sancius antwortete ihm nichts dargegen, sondern stunde alsbald auf, und sprach im hinweg Scheiden zu mir mit kläglicher Stimm: Ach mein Herr! ich bitte euch für das letztemahl: seyd meiner ingedenck, und laßt euer Gemahlin für mich verrichten, was ich begehrt hab.«


»Folgenden Morgen hab ich den gantzen Verlauf meiner Frauen erzählt: worauf wir beyde uns beflissen auf das bäldigst u. fleißigst dieser armen Seel zu Hülf zu kommen. Und dieses ist die Erscheinung, so ich gehabt, und bey meinem Gewissen bezeuge, daß ich sie erzählet, wie sie sich in der Wahrheit zugetragen hat.« Petrus Cluniacensis in operibus suis: Ut habet Caussinus in Aula Sancta Part. 3. l. 3. c. 6.


Was können wir nun anderst zu dieser Sach sagen, als daß wir sie mit den Worten des Heil. Augustini, von der Sorg über die Abgeleibte, am 15. Cap. beschliessen. Die heilige Schrift bezeugt uns, daß unterweilen die Verstorbene zu denen Lebendigen gesandt werden. Dann wir insgemein nicht wissen, was sich mit denen Verstorbenen zutragt. So wissen auch die Verstorbene nicht alles, was in der Welt geschiehet; sondern vernehmen solches von denjenigen, die von dieser Welt zu ihnen scheiden; oder aber von denen Englen, von welchen sie unterweilen besucht werden, die ihnen aber mehrer Bericht nicht können geben, als der höchste Richter zulaßt.

[200] Unterdessen, wie ist es möglich, daß man gedencke an die unaussprechliche Peyn der Seelen im Fegfeur; und sich ihrer doch nicht erbarme? für sie nicht bitte? ihnen nicht zu Hülf komme? absonderlich, wann sie nahe Anverwandte auf Erden geweßt seynd? Laßt uns einbilden, wir hören ein arme Seel folgende Klag führen, wie sie im Klag-Lied der armen Seelen ausgedruckt ist:


1.
Ihr meine liebe Freund,
Zu helffen mir erscheint;
Noch heut, und nicht erst Morgen.
Um eure Hülf ich bitt,
Ihr habt ein gut Credit,
Ihr könnt mich wohl ausborgen.
2.
Ihr könnt mir helffen bald,
Es steht in euerm Gewalt;
Ach thut mein Noth betrachten.
Erbarmt euch über mich,
Ich bitt euch hertziglich;
Mein Bitt thut nicht verachten.
3.
Helft mir aus dieser Flamm,
Ich bitt euch allesam;
Thut fleißig für mich betten.
GOtt höret euer Bitt,
Ihr könnt mich bald darmit
Aus meiner Peyn erretten.
4.
Helft mir aus dieser Glut,
Die schmertzlich brennen thut;
Helft mir durch euer Fasten.
Ach thut nur bald darzu,
Ich hab hie gantz kein Ruh;
Kan Tag und Nacht nicht rasten.
5.
Helft mir aus diesem Feur,
Den Armen gebt ein Steur;
Thut Allmos für mich reichen.
Ach helft mir doch behend,
Das Feur sehr heftig brennt.
Ach laßt euch doch erweichen.
6.
Durch euere gute Werck,
Verlang ich Hülf und Stärck;
Und sonderlich durch Messen.
Gedenckt, wie ich so hart,
Darauf mit Schmertzen wart;
Thut meiner nicht vergessen.
7.
Wann ihr die Meß anhört,
Für mich auch Hülf begehrt;
Damit werdt ihr mich stärcken.
Laßt euch befohlen seyn,
Mein Schmertz, und schwehre Peyn;
In allen guten Wercken.
8.
Auch die Communion,
Und was ihr habt darvon;
Den Ablaß thut mir schencken.
Wann ich komm in die Freud,
So will ich allezeit;
Gar fleißig an euch dencken.
9.
Ach bettet all für mich,
Daß GOtt erbarme sich;
Daß er mir Gnad woll geben.
Ach helft mir all darzu,
Daß ich komm in die Ruh;
Und in das ewige Leben.

Wessen Hertz ist so hart, so unempfindlich, das durch solche Klagen nicht erweicht, nicht zum Mitleyden soll bewegt werden? O! der du dieses [201] liesest, und ein solches Hertz hast, seye versichert, daß wann auch du einstens in solche Peyn und Qual kommen sollest, Niemand sich deiner erbarmen werde. Du wirst ruffen, du wirst schreyen, du wirst klagen, du wirst bitten, aber Niemand wird sich dran kehren. Und billich, dann es heißt: Mit was Maaß ihr messet, mit der wird euch wiederum gemessen werden. Matth. 7.Cap. Darum wirst du wohl thun, wann du oben angeführte Klagen öfters liesest, und tief zu Hertzen führest. Dann auf solche Weiß wirst du ehender zum Mitleyden gegen den armen Seelen im Fegfeur bewegt werden, und bey dir selbst also dencken: was ich gern hätte, das mir andere thäten (wann ich in solchem Stand wär) das muß ich ihnen auch thun. Wohl geschlossen.

22. Exempel
Zwey und zwantzigstes Exempel.
Ein regulirter Chorherr des heiligen Augustini streitet in dem Todbeth unermüdet wider die böse Geister, und erhaltet den Sieg wider sie.

Im Jahr 1165. lebte zu Reichersperg, einem berühmten Closter der regulirten Chor-Herren des heiligen Augustini, im unteren Bayerland, ein Ordens-Geistlicher, Arnoldus mit Namen. Dieser erkranckte vor dem heiligen Christ-Tag an einem langsamen und auszehrenden Fieber. Man sahe bald, daß es ihn zum Grab beförderen wurde. Unterdessen so oft man ihn fragte:Wie er lebe? gabe er zur Antwort: GOtt Lob! gantz wohl. Ich bin zwar an Kräften erschöpft; jedoch empfinde ich weiters keine Schmertzen. Im übrigen, gleichwie er sich vorhin, da er noch gesund war, allzeit freundlich, sanftmüthig, und gedultig erwiesen, also thate ers auch in der Kranckheit. Batte mithin seine Mit-Chorherren, die ihn besuchten, sie wolten in dem heiligen Gebett sein Sterbstündlein ihnen brüderlich lassen anbefohlen seyn; dann an dem heiligen Liechtmeß-Tag nächst folgendes Jahrs werde er sterben. Wie er vorgesagt, also ist es auch geschehen. Als nun gedachter Tag anzubrechen begunte, sahe er eines Morgens in aller Frühe die böse Geister um das Beth herum stehen. Da fienge er dann an zu zitteren, zu schwitzen, und zu ruffen: Sehet sehet, liebe Herren Mit-Brüder! das Zimmer ist voller bösen Geister! O was seynd das für Abentheur! die Chorherren gaben ihm auf dieses Ruffen ein Crucifix in die Händ, darmit die böse Geister abzutreiben. Das küßte er dann mit grosser Andacht, druckte es hertzlich an die Brust, und hielte es hernach den bösen Geistern, als einen [202] unüberwindlichen Schild entgegen. Unterdessen knieten die Chorherren nicht ohne Forcht und Schrecken um des Krancken Beth herum, und ruften samt ihm den gecreutzigten Heyland um Hilf und Beystand an. Vornemlich aber begehrte der Krancke, sie solten öfters das heilige Vatter unser, wie auch den Apostolischen Glauben betten; dann diese seyen die stärckiste Waffen wider die böse Geister. So verlangte er auch, mit ihm die Mutter GOttes um ihren Beystand anzuruffen; dann diese werde nicht umsonst genennt:Das Heil der Krancken. Also nachdem er lang gebetten lage er da ganz abgemattet, von dem Streit wider die böse Geister, und halb tod. Nichts destoweniger, so schwach und matt er war, ließ er sich doch von ihnen nicht überwinden: sondern sagte bisweilen: Klagt mich an; klagt mich an, wann ihr könnt: ich hab mich schon längst in der Beicht selbst angeklagt. Mit welchen Worten er wolte zu verstehen geben, seine Sünden seyen ihm durch die Kraft des heiligen Sacraments der Beicht schon nachgelassen worden. Allein die böse Geister hörten darum nicht auf, ihne zu bestreiten. Er herentgegen gabe ihnen im geringsten nichts nach. Und obwohl er so schwach worden, daß er kaum mehr reden konte, versammlete er doch die noch übrige Kräften in so weit, daß er überlaut sagte: Packt euch fort, ihr Dieb; packt euch fort: ihr solt mich nicht überwinden. Wann ich GOtt auf meiner Seiten hab, wer wird mir etwas abgewinnen? wehrendem diesem Streit wider die böse Geister fienge es allgemach an, Tag zu werden. Da befahle er sich auf ein neues in den Schutz der Mutter GOttes, und sagte voll des Vertrauens:Ey! die Mutter der Barmhertzigkeit wird mir bey ihrem Sohn mit einem eintzigen Wort Gnad und Barmhertzigkeit erlangen. Also brachte er in hertzlicher Anrufung der Mutter GOttes den übrigen Tag zu, bis es Nacht worden, da er in etwas schlaffen, und von gehabtem Streit ausrasten können. Als es wiederum Tag worden, war alle Forcht von ihm verschwunden. Ja er sahe nicht nur frölich drein; sondern erhebte auch vor Freuden die rechte Hand in die Höhe, sagend aus dem 121. Psalmen: Ich hab mich erfreut in dem, was mir gesagt worden: wir werden eingehen in das Haus des Herrn. Auf dieses hin deutete er auf das Crucifix und sagte: Sehet! liebe Herren Mit-Brüder: dieser ist unser Heil: dann dieser hat uns durch sein Tod am Creutz erlößt. Bald rufte er auf: O Gehorsam! dardurch anzudeuten, wie getröst ein Ordens-Geistlicher sterbe, der sich bey Leb-Zeiten in der Tugend des heiligen Gehorsams geübt hat. Und nicht lang darnach: O was siehe ich für eine unaussprechliche Glory! wie eitel seynd alle zeitliche Ding! und wie ist alle Trübsal dieser Welt nur für einen Augenblick zu rechnen! und dannoch, wann wir sie mit Gedult übertragen, [203] O was für eine Glory würckt sie uns nicht in dem Himmel aus! darnach thate er, als wolte er auf den ausgestandenen Strudel ein wenig verschnauffen, und sagte: O! die Jungfräuliche Mutter GOttes hat mir bey ihrem Sohn Gnad erlangt. Auf dieses hin stunde es nicht lang an, da richtete er sich in dem Beth über sich, so viel ihm möglich war; streckte beyde Arm aus, und bemühete sich aufzustehen, nicht anderst, als wann ihn einer einladete, ihm nachzufolgen. Weil er sich aber an Kräften zu schwach befunden, sagte er:Ich kan nicht aufstehen; sonst wolte ich gern nachfolgen. Dieses geredt, sancke er wieder ins Beth hinein; redte forthin kein Wort mehr, und gabe über ein kurtzes den Geist in die Händ seines Schöpfers auf. Chronicon Reicherspergense ad Annum 1166.

Was für einen Gewalt laßt nicht GOtt zu Zeiten denen bösen Geistern auch über die Gerechte im Todbeth zu! das geschiehet aber, ihnen dardurch Gelegen heit zu geben, die Cron im Himmel zu vermehren. Sonst ist kein Gefahr, daß er demjenigen im Todbeth verlassen werde, der ihm bey Lebs-Zeiten treulich gedient hat. Vielmehr wird er wahr machen, was er dem Gerechten verspricht in dem 90ten Psalmen mit diesen Worten: Dieweil er auf mich gehoft hat, so will ich ihn erretten: ich will ihn beschirmen; weil er meinen Namen erkennt hat. Er wird zu mir ruffen, und ich will ihn erhören: ich bin mit ihm in der Trübsal; ich will ihn daraus erretten, und glorreich machen. Mit langem Leben will ich ihn erfüllen, und ihm mein Heil zeigen. O wie trostreich seynd diese Wort! und wie sollen sie dem Gerechten ein Antrieb seyn, beständig an GOtt zu hangen, und ihm treulich bis in Tod zu dienen!

23. Exempel
Drey und zwantzigstes Exempel.
Ein edler Herr erlangt durch die Vorbitt des heiligen Martyrers Cäsarii vor dem Richterstuhl GOttes Gnad und Barmhertzigkeit.

Zu Rom war ein edler, und reicher Herr mit Namen Andreas. Dieser lebte nach seinem Gefallen, und liesse ihm fein recht wohl seyn. Wo nur ein Freud, ein Lust, ein Ergötzlichkeit, ein guter Muth aufzubringen war, das müßte ihm werden. In Summa: das Wohlleben war sein vornehmstes Absehen. Doch hatte er diese Tugend an sich, daß er gegen dem heiligen Martyrer Cäsarius ein sondere Andacht truge, und nicht allein die Kirch, in welcher dieser heilige Martyrer verehrt wurde, öfters mit Andacht besuchte; sondern auch zu Zeiten ein Opfer darinn ablegte. Mithin geschahe es, daß er ihm selbst durch sein Wohlleben den frühzeitigen [204] Tod auf den Hals zoge. Er starbe also; doch nicht ohne Zeichen der Reu über das vergangene. Nun der todte Cörper wird in ein Bahr gelegt: man kleidet ihn an seinem Stand gemäß: man ladet zur Leichbegängnuß ein die adeliche Freundschaft: man unterlasset nichts von allem dem, was zur Begräbnuß gehörte. Ein eintzige Nacht war noch entzwischen, daß der Leichnam solte zur Erden bestattet werden. Was geschiehet? indem der Leichnam verwachet wird, fangt dieser um Mitternacht herum an sich zu rühren; nach und nach den Kopf aus der Todten-Bahr in die Höhe zu strecken; mit den Augen hin und her zu sehen: dardurch anzudeuten, daß er wiederum zum Leben erweckt wäre. Was nun bey denen Wächtern, und anderen Hausgenossenen für ein Forcht und Schrecken werde entstanden seyn, kan ihm ein jeder leicht einbilden. Viel, bey denen die Forcht über Hand genommen, flohen davon: andere aber, die etwas behertzters waren, hielten noch Stand; sahen den Auferweckten erstaunend an, und fragten ihn endlich: ob er wahrhaftig vorhin gestorben, und anjetzo wiederum zum Leben erweckt worden? oder aber (wie es bisweilen geschehen) nur ein Zeitlang in einer Ohnmacht gelegen? also daß er die Leut Glauben gemacht, er wäre wahrhaftig gestorben? da gabe der Auferweckte mit einem tiefen Seufzer folgende Antwort; Wisset, daß ich wahrhaftig vorhin gestorben; und wurde ich würcklich in der Höllen brinnen, wann nicht der heilige Martyrer Cäsarius bey dem göttlichen Richter mein sonderbarer Patron geweßt wäre, und mich noch erhalten hätte. Als ihn herauf die Anwesende fragten; was er in der andern Welt gesehen? was er gehört? und wie er wiederum zum Leben kommen wäre? gab er ihnen zur Antwort: »höret! als mein Seel vom Leib geschieden, da bin ich in einem Augenblick für den erschröcklichen Richterstuhl Christi gestellt worden. Um ihne stunden herum viel 1000. Engel. Als ich in mein Gewissen hinein schaute, und darinnen mein vergangenes Leben sahe, stunde ich da voller Forcht und Schrecken, und dörfte meine Augen nicht über sich heben. Unterdessen stunden zur lincken Seiten die leidige Teufel, welche mit höchstem Verlangen auf das Urtheil des Richters warteten. Was ich da für ein Angst ausgestanden; mit was Schrecken ich überfallen worden, wird mir niemand leicht glauben. Aber ich weiß es; weil ichs erfahren hab. Als ich nun nichts anders, als das Urtheil der ewigen Verdammnuß erwartete, siehe! da trittet unversehens für der heilige Martyrer Cäsarius; kommt für den Richterstuhl Christi; fallt nieder auf die Knie, und redet den Richter folgender massen an: Höchster, und gerechtister Richter! lasse dir gnädigst gefallen, die Wundmahlen meines Leibs anzuschauen. Gedencke, O HErr! daß ich um deines [205] Namens willen jene Wunden einstens empfangen; ja Leib und Leben für die Ehr deines Glaubens aufgeopfert hab. Anjetzo bitte ich demüthigst um diese eintzige Gnad: du wollest nach deiner unendlichen Barmhertzigkeit diesem armen Sünder verschonen: weil er sich bey Lebs-Zeiten so oft in meinen Schutz und Schirm befohlen hat. Was geschiehet? die Mutter GOttes, und andere Heilige, so auch zugegen waren, fielen dem heiligen Martyrer Cäsario gleichfalls bey: und der Richter liesse sich besänftigen; schenckte mir die ewige Straf und liesse zu, daß mein Seel wiederum solte zu ihrem Leib kehren. Also bin ich jetzt da, euch zu Gutem: damit ihr euch desto sorgfältiger auf das künftige Gericht bereiten möget. Sehet zu, daß ihr in aller Forcht vor GOtt wandlet; dann ihr wißt weder den Tag noch die Stund, da der HErr kommen wird. Dieses geredt, sancke er wiederum in die Todten-Bahr hinein, und gabe den Geist neuer Dingen auf.« In Vita S. Annonis Archi Episc. Colon. l. 1. c. 35. apud Surium To. 6.Die 4. Decemb.


O wie nutzlich und heilsam ist es, wann man sich einen sonderbaren Patronen aus denen Heiligen GOttes erwählet; ihm das Sterbstündlein anbefihlet; und deswegen zu seiner Ehr täglich etwas gewisses bettet! dann ein solcher Heiliger wird seinem Pflegkind im Tod sonderbar beystehen, und nicht nachlassen, bis er ihm bey GOtt ein wahre Reu über die Sünden; und mithin ein seliges Sterbstündlein wird ausgebetten haben. Das hat gethan an seinem Pflegkind der heilige Martyrer Cäsarius. Und das gabe zu verstehen das gehabte Gesicht des Richterstuhls Christi. Wäre der heilige Cäsarius seinem Pflegkind im Todbeth nicht beygestanden; wurde es nach dem Tod zu spat geweßt seyn. Dann wie GOtt einen nach dem Tod findet, also richtet er ihn. Und da ist kein Zeit der Barmhertzigkeit mehr; sondern allein der Gerechtigkeit.


Sonsten thun diejenige sehr wohl, welche ein seliges Sterbstündlein zu erlangen, alle Nacht unser lieben Frauen zu Ehren ihre Litaney betten. Dann diese ist eine sonderbare Patronin der Sterbenden. O wie vielen hat sie noch in der letzten Stund ein wahre Reu, und durch diese die Seligkeit erlangt! und erlangt es noch täglich! darum soll man folgendes Gebettlein öfters (vornemlich, wann die Stund schlagt) mit Andacht sprechen:

Maria, Mutter der Gnaden! Mutter der Barmhertzigkeit! Beschütze uns wider den bösen Feind:
Und nimme uns auf in der Stund des Tods.
24. Exempel
[206] Vier und zwanzigstes Exempel.
Ein tödtlich-verwundter Soldat wird durch die Fürbitt Mariä so lang beym Leben erhalten, bis er seine Sünden gebeichtet, und darvon absolvirt worden.

Im Jahr Christi 1415. als Kayser Sigismund Krieg wider die rebellische Walachen führte; und aber das Unglück hatte, daß er die Schlacht verlohre, bliebe unter andern verwundten auf dem Platz auch liegen ein gemeiner Soldat; dem Ansehen nach vor diesem ein liederlicher Gesell; aber doch kein schlechter Liebhaber Mariä. Bey dieser Schutzfrauen hatte er allezeit inständig angehalten, sie wolte ihn doch nicht ohne Beicht sterben lassen, welche Gnad er auch folgender Massen erhalten. 2. oder 3. Jahr nach gehaltener Schlacht geschahe es, daß gedachter Kayser mit seinem Kriegs-Volck neben dem Platz fürbey zoge, allwo die Schlacht gehalten worden. Da hörten dann die Soldaten aus einem Hauffen der auf einander liegenden, und bis dahin noch unbegrabenen todten Leibern der Erschlagenen eine klägliche Stimm, dieses Innhalts: JEsus! Maria! JEsus! Maria! alle so diese Stimm hörten, erschracken hierüber, und hielten deswegen still, erwartend, von wem sie dann herkäme, und was sie wolte? und als die Stimm sich abermal hören liesse, giengen sie zu dem Hauffen der todten Leiber hin, sahen hin und her, wo dann die Stimm herkommen müsse. Und siehe! sie erblickten endlich den Cörper des erschlagenen Soldaten, der bis an das Haupt schon gantz ausgedigen war. Wie das noch lebende Haupt die Soldaten mit Forcht und Verwunderung eingenommen, um sich herum stehend gesehen, fienge es an also zu reden: Was stehet ihr voll der Verwunderung um mich her? wisset, daß ich ein Catholischer Christ, und vor diesem unter Kayser Sigmund ein Soldat gewesen; an diesem Ort aber tödlich verwundet worden, und unter denen Todten liegen geblieben: wäre auch gleich gestorben, wann mich nicht die Mutter GOttes so lang beym Leben erhalten, bis ich meine Sünden, in welchen ich gestorben, wurde gebeichtet haben. Dann um diese Gnad hab ich sie gebetten, da ich noch gesund war. Also dann bitt ich euch, ihr wollet doch einen Priester zu mir kommen lassen, der mein Beicht anhöre, und mich von meinen Sünden ledig spreche. Als man ihn gefragt, wie er doch diese unerhörte Gnad um die Mutter GOttes verdient hätte? sagte er: wie daß er im Brauch gehabt, Jährlich die Fest-Täg von unser lieben Frauen in sonderbaren Ehren zu halten, und zu diesem End den Tag vorher in Wasser und Brod zu [207] fasten, damit er auf solche Weis die Gunst Mariä gewinnen möchte. Als man diese Antwort vernommen, schickte man unverzüglich nach einem Priester; den man auch bald in einem nächst gelegenen Dorf gefunden. Dieser bliebe nicht lang aus; hörte das noch lebende Haupt-Beicht, und ertheilte ihm die heilige Absolution. Welches als es geschehen, verliesse die Seel das Haupt, und floge ohne Zweifel den geraden Weeg zu ihrer allergnädigsten Patronin, und Erhalterin in den Himmel hinauf.

Bonfinius in Histor. Hungar. Decade 3. Lib. 3.ad. Annum Christi 1415.


O mächtige Jungfrau! wie weit erstreckt sich deine Güte gegen denen, die dich beständig verehren! O glückselige Liebhaber Mariä! was Hilf! was Schutz! was Trost findet ihr bey dieser mächtigen Jungfrauen! O Himmel! O Erden! ergießt euch in das Lob dieser Jungfrauen. Peiset sie; erhebt sie: aber bekennet auch zugleich, daß sie alles Lob weit übersteige: wie es die Catholische Kirch gern bekennt in denen Tag-Zeiten von dieser unvergleichlichen Jungfrauen, sich folgender Worten gebrauchend: heilige, und unbefleckte Jungfrau! ich weiß nicht, wie ich dich genug loben solle: weilen du in deinem Leib hattest geschlossen denjenigen, den so gar der Himmel nicht hat fassen können. O unvergleichliches Lob! wie gönnen wir dir selbiges von Hertzen! O mächtige Jungfrau! O gütige Jungfrau! seye unser ingedenck: und lasse uns nicht sterben, wir seyen dann mit deinem Sohn versöhnt.

25. Exempel
Fünf und zwantzigstes Exempel.
Ein Ordens-Bruder stirbt fröhlich, und getröst, ohngeachtet er hinläßig gelebt hatte.

Es ware ein gewisser Ordens-Bruder: der hatte viel Jahr zimlich lau und hinläßig gelebt. Er bettete zwar zu seiner Zeit; aber mit schlechter Andacht. Er fastete; aber es war ihm leid, daß er nicht essen dörfte. Er hielte die Regul, und Satzungen des Ordens; aber viel mehr aus Zwang, als aus Liebe zur clösterlichen Vollkommenheit. Und dannoch, da er ins Tod-Beth kam, förchtete er sich so wenig, als nichts; ja er wartete lächlend, und mit Freuden auf den letzten Abdruck. Wie das die umstehende Brüder gesehen, erschracken sie nicht wenig, förchtende, dieser Bruder möchte eines üblen Tods sterben. Darum gabe ihm einer aus ihnen folgenden Verweis: »Bruder! wie darfest du lachen, und fröhlich seyn, indem doch der Tod vor der Thür stehet, und du über ein kleines für den strengen Richter-Stuhl Christi wirst gestellt werden; um allda von deinem gantzen Lebens-Wandel genaue Rechenschaft zu geben? [208] gedenckst du nicht, wie lau und hinläßig du gelebt; wie schlecht du deinem GOtt und HErrn gedient habest? und du lachest noch? weinen soltest du: klagen soltest du; zittern soltest du: aus Forcht, es möchte das Urtheil der ewigen Verdammnuß wider dich ausgesprochen werden. Gedencke was der Heil. Apostel Petrus sagt; Petri 4. wann der Gerechte kaum selig wird, wo wird dann der Sünder bleiben? daß du gesündiget habest, das weißt du. Aber, hast du auch Buß gethan? gehe also in dich selbst; thue Buß, weil du noch Zeit hast: und giebe Acht, daß dich nicht etwann der böse Feind mit einer falschen Hofnung betrüge.« Als der Sterbende diesen Verweis mit Gedult angehört, sagte er: »Es ist wahr, und ich kan es nicht laugnen, daß ich zimlich lau und hinläßig gelebt, und meinem GOtt und HErrn nicht gedient hab, wie ich hätte sollen. Es ist mir aber leid darfür; und bitte deswegen GOtt demüthigst um Verzeihung. Unterdessen kan ich nicht bergen, was mir erst diese Stund begegnet ist. Es kamen nemlich zu mir für das Beth, in Gestalt der schönsten, holdseligsten Jüngling, zwey Engel. Diese hatten in den Händen lange Zettel, auf welchen alle meine Sünden verzeichnet stunden. Sie fragten mich, ob ich nicht diese Sünden begangen hätte? ich antwortete: wie daß ich es nicht laugnen konte; seye mir aber leid darfür; und wünsche, daß daß ich meinen GOtt, das höchste Gut, niemahlen beleidiget hätte. Unterdessen hoffe ich dannoch, an GOtt einen gnädigen Richter zu haben; weil ich mich verlasse auf die Wort Christi des HErrn, der die ewige Wahrheit ist. Dieser aber sagt bey dem Heil. Lucas am 6. Cap. Richtet nicht, so werdet ihr nicht gerichtet werden. Verdammt nicht, so werdet ihr nicht verdammt werden. Vergebet, so wird euch vergeben werden. Nun kan ich mich fürs erst nicht erinneren, daß so lang ich im Closter gelebt, ich jemahl einen Menschen geurtheilt, und durch solches Urtheil verdammt hätte. Dann ich sahe auf meine, und nicht auf anderer Leuten Fehler; schätzte auch deswegen Niemand weniger, als mich selbsten. Fürs ander: wann mir schon ein Unbild ist angethan worden, hab ich doch selbe gern verziehen; ja, so viel möglich, gleich aus dem Sinn geschlagen. Also hoffe ich, Christus der HErr werde mich auch nicht richten; sondern mir gnädiglich verzeihen. Wie die Engel diese Antwort von mir vernommen, zerrissen sie ihre Zettel; zum Zeichen, daß die Schuld meiner Sünden von GOtt ausgelöscht, und mir nachgelassen wäre: auf welches hin sie aus den Augen verschwunden.«

Ey! warum solt ich dann nicht freudig und getröst auf den letzten Abdruck warten? dieses geredt, griffe er in die letzte Züg, und gabe [209] den Geist in die Händ seines Schöpfers auf; nicht ohne Auferbauung der umstehenden Brüder, welche sich über die Gütigkeit GOttes höchstens verwunderten. Anastasius Sinaita, Episc. Antiochen. apud Baronium Tom. 8. Anno 599. n. 10.


Wohl ein trostreiche Begebenheit; welche allen ein Antrieb seyn soll, daß sie den Nächsten nicht urtheilen: und wann sie von ihm ein Unbild empfangen, daß sie solche gern verzeyhen. O was für 2. schöne Tugenden seynd diese, kehre ein jeder vor seiner Thür, er wird Fehler genug finden, die er verbessere, was gehen ihn andere an, über die er nicht bestellt ist; darnach, wann uns GOtt so leicht verzeyhet, ob er schon von uns beleydiget worden, was soll dann ein Mensch gegen dem andern thun? Laßt uns dieses wohl bedencken.

26. Exempel
Sechs und zwantzigstes Exempel.
Ein krancker Herr bereitet sich besser zum Tod; weilen ihm sein Narr die Wahrheit gesagt.

Ein vornehmer reicher Herr hielte unter vielen Hausgenossenen auch einen Narren auf seinem Schloß, der ihm manche Kurtzweil machen müßte. Nachdem er diesen seinen Narren einstens neu von Fuß auf hatte kleiden lassen, händigte er ihm zugleich einen grossen Kolben ein, mit dieser Ermahnung: Hans! gib diesen Kolben bey Leib keinem anderen, als der ein grösserer Narr, als du bist. Das liesse ihm der Narr fleißig gesagt seyn, und war ihm sein Kolb auch um viel Gelt nicht feil. Ueber ein Zeit begabe es sich, daß gedachter Herr tödtlich erkranckte. Da schickte er sich zwar zum Testament machen: allein gleichwie er bey gesundem Leib sich wenig der Armen, und geistlichen Sachen achtete; also liesse er es jetzt auch dabey gelten: schriebe zu Erben aller seiner Güter die nächste Bluts-Freund; des Allmosens aber und anderer gottseeligen Vermächtnussen wurde mit keinem Wörtlein gedacht. So geschahe auch des Beichtens, der letzten Weeg-Zehrung, der heiligen Oehlung kein eintzige Meldung. Entzwischen gienge das Lamentieren und Mumlen im Haus um, der Herr werde bald dahin fahren. Der Narr solches hörend, lieffe eylends in die Kammer für das Beth, und sprach: Herr, ich höre, ihr werdet verreisen. Ist es wahr, der Herr antwortete: Es kan seyn, das Ansehen ist gut darzu. Aber wohin? fragte der Narr: seynd die Pferd schon gesattelt? ist die Gutschen schon gespannt, seyd ihr auch gerüst auf die Reise? der Herr antwortete: ich weiß es nicht. Wie weit aber (fragte der Narr ferners) werdet ihr reisen? und wie lang werdet ihr ausbleiben? [210] vielleicht ein Monath, 2. Monath, ein halbes Jahr, oder ein gantzes Jahr? Der Herr sagte abermahl: Ich weiß es nicht. Wann kommt ihr aber wieder? fragte der Narr zu letztens. Und der Krancke sagte mit einem Seuftzer: Ach vielleicht nimmermehr. So? sagte der Narr: Habt ihr ein so weite Reise vor euch, und wisset selbst nicht, ob ihr wieder kommen werdet, und machet so gar kein eintzige rechte Anstalt zu einer so weiten und gefährlichen Reise? da habt ihr meinen Kolben (und zugleich legte er den Kolben zu ihm auf das Beth) dann ihr seyd ein weit grösserer Narr, als ich bin.


Dieser gute Einfall hatte bey dem Krancken einen solchen Nachdruck, daß er bekennt, der Narr habe die Wahrheit gesagt: hat auch unverzüglich viel Gelt unter die Arme lassen austheilen, und sich besser zum Tod bereitet. Guil. Pepinus Tract. 4. super Confiteor. c. 2.


O wie vielen müßte dieser Narr seinen Kolben geben! sie wissen, daß sie sterben müssen; wissen aber nicht, wann? sie wissen, daß sie in die Ewigkeit verreisen müssen. Sie wissen, daß auf den Tod folge das strenge Gericht GOttes. Machen sie aber auch die behörige Anstalt darzu? enthalten sie sich deßwegen von schwehren Sünden? beichten sie selbige mit wahrer Reu und Aufrichtigkeit, des steiffen Vorsatzes davon abzustehen, und sich zu besseren? thun sie Buß darfür? üben sie sich in Christlichen Tugenden, im Betten, Fasten, Allmosen geben, und anderen guten Wercken, nichts wenigers. Wie getrauen sie sich dann in solchem Stand zu sterben; in die Ewigkeit zu verreisen; und vor dem Gericht GOttes zu erscheinen? heist das nicht sterben, und mithin ewig wollen verderben? kan auch ein grössere Thorheit gefunden werden, als diese ist? damit man dann den Narren-Kolben nicht bekomme, muß man durch ein frommes Leben eine gute Vorbereitung zum Tod machen. Dann insgemein: Wie man lebt, so stirbt man. Zu solcher Vorbereitung aber wird viel helffen, wann man allezeit gedenckt, wie ungewiß die Stund des Tods seye. Wie man ihm deßwegen nicht trauen solle, aus Beysorg, er möchte uns etwann gähling überfallen, da wir in einem bösen Stand wären. O wie förchtig ist dieses! darum warnet uns Christus so wohlmeynend mit diesen Worten: wachet, dann ihr wisset weder den Tag, noch die Stund. Matth. 25.


Liese, O Jugend! folgende Reimen aus dem bekannten Lied von dem Tod, drucke sie tief in dein Hertz hinein, und erinnere dich selbiger zu Zeiten, O was gute Gedancken können sie erwecken!


1.
Der Tod urplötzlich wie ein Dieb,
Thut gähling einher schleichen;
Es sey dir gleich leyd oder lieb,
[211]
Du kanst ihm nicht entweichen.
Sein Pfeil ist Gift, wann er dich trift,
So must dich bald aufmachen;
Er nimmt dich mit, es hilft kein Bitt,
Drum sih zu deinen Sachen.
2.
Vielleicht ist heut der letzte Tag,
Den du noch hast zu leben;
O Mensch! veracht nicht, was ich sag,
Nach Tugend solt du streben.
Wie mancher Mann wird müssen dran,
So hoft noch viel der Jahren;
Und muß doch heut weil die Sonnen scheint,
Zur Höll hinunter fahren.
3.
Darum, mein Seel! sey stets bereit,
Thu allzeit mannlich wachen;
Wann der Tod kommt zu jeder Zeit,
Will dir den Garaus machen.
So kanst du dich fein ritterlich,
Mit ihm in Kampf begeben;
Ein grosse Cron tragst du darvon,
Wann er dir nimmt das Leben.

O Reimen, würdig, daß man sie auswendig lerne, und öfters daran gedencke!
27. Exempel
Sieben und zwantzigstes Exempel.
Ein von Todten Erweckter macht einen streitigen Handel vor Gericht auf Erden aus.

Es hatte der Heil. Stanislaus, Bischof zu Cracau in Pohlen, zur Zeit des Pohlnischen Königs Boleslai, einem reichen Mann, mit Namen Petrus, ein Gut für seine Kirch abgekauft, und das baare Geld darfür ausgezahlt. Der Kaufbrief aber, so darüber aufgesetzt worden, bestunde in so duncklen und zweifelhaftigen Worten, daß man selbigen leicht anfechten konnte. Nachdem nun gedachter Petrus gestorben, und nunmehr 3. Jahr nach seinem Tod verflossen, stache die Erben Petri das verkaufte Gut in die Augen, und forderten von dem Bischof, er solle das Gut wiederum abtretten, als einen Theil der Erbschaft, so ihnen von Rechts wegen zustehe. Und weilen sie wußten, daß der König Boleslaus dem Bischof nicht günstig wär, bedienten sie sich dieser Gelegenheit zu ihrem Vortheil, und machten die Sach bey des Königs-Hof-Gericht anhängig. Nun die Sach wird in Beyseyn des Königs gerichtlich fürgenommen; und der Ausspruch gefällt, der Bischof solle den Kaufbrief aufweisen. Als dieses geschehen, und aber (wie gemeldet) die dunckle Wort des Briefs die Strittigkeit nicht könnten ausmachen, schritte man zu denen Zeugen, die etwann wegen geschehenen Kaufs genugsame Kundschaft könnten geben. Es waren auch deren genug vorhanden. Allein Niemand wollte sich [212] gern dazu gebrauchen lassen; und das aus Forcht, den König für den Kopf zu stossen. Also geschahe der Schluß, Stanislaus sollen denen Erben Petri ihr Gut wiederum zustellen. Was thate der heilige Mann? er begehrte von denen Richtern einen Verschub auf 3. Tag, mit Versicherung, der schon vor 3. Jahren verstorbene Petrus werde selbst für Gericht kommen, und wegen des richtig bezahlten Guts den Handel ausmachen. Der gesammte Rath spricht einhellig ja, lachten ihnen aber die Haut voll an, wegen der wunder seltsamen Versicherung. Unterdessen wendet sich Stanislaus zu GOtt: fastet, wachet, und bettet unabläßlich, er als höchster und gerechtester Richter wolle ihm gnädiglich beystehen, und zu demjenigen, was die Billigkeit mit sich bringe, verhülflich seyn. Als nun der dritte Tag angebrochen, opfert Stanislaus forderist GOtt die heilige Meß; gehet alsdann in seinem Bischöflichen Aufzug zum Grab, allwo der Leichnam Petri ruhete: lasset die Erden ausgraben, und die Todten-Bahr eröfnen. Berühret darauf den Leichnam mit dem Bischofs-Stab, und befihlet ihm, aufzustehen. Ein Wunderding, der so lang verstorbene gehorsamet augenblicklich; steht auf, und folget dem Bischof auf dem Fuß nach, bis in das Zimmer, wo der König samt allen seinen Reichs-Räthen versammlet, mit äusserstem Verlangen der Sachen Ausgang erwarteten. Wer will zweiflen, daß es allerseits ein grossen Schrecken habe abgeben, als aber dieser vorbey, sagte Stanislaus mit heller Stimm: Sehet hier den wieder lebendigen Petrum, da steht er nun vor eueren Augen, der mir das Gut verkauft hat: fraget ihn nun, und lasset euch Antwort geben, ob ich ihm das abgehandelte Gut nicht redlich bezahlt hab, er ist ein Mann, der euch nicht unbekannt ist, sein Grab stehet offen, GOtt hat ihn, die Wahrheit zu schützen, aus dem Grab heraus steigen lassen: ihm ist mehr zu glauben, als allen Sigillen, und allen anderen Zeugen. Hierüber erstaunten die boßhafte Anforderer dergestalten, daß keiner ein einiges Wörtlein mehr vorbringen könnte. Petrus aber fienge alsbald an den gantzen Verlauf zu erzählen, und wie die Sach an ihr selbsten beschaffen war: kehrte sich alsdann zu seinen Gewissenlosen Befreundten, ermahnte sie zur Bereuung ihrer ungerechten Anforderung, und dessen, was sie dem heiligen Bischof Leyds gethan hatten. Nachdem nun solcher Gestalt der Handel durch dieses entsetzliche Wunderwerck geschlichtet, gabe der heilige Bischof Petro die Wahl: ob ihme beliebe länger zu leben? oder wiederum in sein Grab zu kehren? wann ihm das erstere gefällig, wolle er GOtt bitten, daß er ihm das Leben noch auf etliche Jahr hinaus verlängere. Allein Petrus bedanckte sich und sagte: er wolle lieber seinen Leib wiederum mit Erden bedecken, und die Seel den vorigen Weeg hinfahren lassen, als in dieser kummerhaften Welt länger unter so [213] vielen Bedrängnussen wohnen. Es müsse zwar seine Seel länger in denen Flammen des Fegfeuers abbüssen, was ihr noch von begangenen Sünden in seinem Leben unreines anhange; allein er wolle lieber mit dermahligen Versicherung seiner Seeligkeit in solchen Peynen verharren, als ohne Peyn sich wiederum in so viel Gefahr und Unruhen dieses Lebens stürtzen. Batte hierauf den Heil. Bischof, er wolle ihm bey GOtt die Nachlassung der übrigen Straf durch sein Heil. Gebett auswürcken, um desto ehender vor GOttes Angesicht zu gelangen. Weilen dann Stanislaus Petri Willen vernommen, und nicht zu wider seyn wolte, führte er ihn in Begleitung einer unzahlbaren Menge Volcks wiederum zu seinem Grab: in welches Petrus so dann sich hinein gelegt; der umstehenden Gebett für seiner Seelen-Heyl begehrt, und zum anderenmahl verschieden, im Himmel ewig zu leben. Cromerus Histor. Polon. l. 4. circa finem. Et sub initium l. 9.


Wem solte dieses grosse Wunder nicht zu Hertzen gehen, und solte er auch aus den wildesten Barbaren seyn? Welches Hertz kan so verstockt seyn, das nicht zur Lebens-Besserung erweicht werde? Indem es vor Augen sihet, daß ein schon einmahl zur Erden Begrabener, und in denen erschrecklichen Flammen sitzender, nachdem er dem Tod aus dem Rachen gerissen, und aus der unleydentlichen Qual gezogen worden, dannoch lieber wiederum zu seinen Krotten, Würmen und Schlangen dem Leib nach, mit der Seel aber in seinen feurigen Ofen kehren, als noch länger in dieser elenden Welt sich hat aufhalten wollen? wiewohl trift dieser Entschluß ein mit dem Spruch des weisen Sirachs am 30. Cap. allwo er also spricht: Der Tod ist besser, dann ein bitteres Leben! ja, wahrhaftig. Dann wie soll einen dieses gegenwärtige Leben freuen können, in welchem man so vielen Verdrüßlichkeiten muß unterworffen seyn? und das bey täglicher Gefahr, GOtt den HErren schwerlich zu beleydigen? O! wann anderst nichts, als diese Gefahr wär, solten wir den Tod dem Leben weit vorziehen. Was ist glückseeligers, als nicht mehr sündigen können? das geschiehet durch den Tod. O dann! (wenigst dieser Ursach halber) erwünschter Tod!

28. Exempel
[214] Acht und zwanzigstes Exempel.
Ein adelicher Herr, aus Forcht der Justiz hoher Obrigkeit in die Händ geliefert, und durch ein grausamen Tod hingericht zu werden, verdingt sich zu einem Bauren, und gibt (mit Gunst zu melden) einen Sau Hirt ab.

Im Jahr 1308. machten die vornehmste von Adel an des Kaysers Alberti Hof mit einander einen Bund, gedachten Kayser, ab dessen Alter und Weis zu regieren sie allgemach verdrüßig waren, bey nächster Gelegenheit umzubringen. Der Rädelführer diser rebellischen Rott ware Johannes, Hertzog von Schwaben, erst gedachten Kaysers nächster Anverwandter. Unter seinem Anhang befande sich neben anderen auch einer, mit Namen Walther von Eschenbach (so dazumahl ein Freyherrliches Geschlecht in der Schweitz, im Lucerner Gebiet war) ein Mann hohen Ansehens, und grosser Reichthumen. Nachdem sie nun ihren mörderischen Anschlag hemlich miteinander abgelegt, griffen sie zum Werck: und zwar bedienten sie sich der Gelegenheit, als gedachter Kayser von Baden nach Rheinfelden ritte, um seine Gemahlin und seine Tochter, die Ungarische Königin zu besuchen. Dann sie umringten ihn feindthätlicher Weis, da er an nichts weniger gedachte. Der erste, so ihm den Degen in Leib stiesse, ware Johannes. Darauf fielen auch die andere zu: versetzten dem armen Kayser unterschiedliche Hieb und Stich, wie sie könnten zu kommen: stiessen ihn vom Pferd; gaben ihm völlig den Rest, und liessen ihn also in seinem Blut ligen. Mein GOtt! was für eine erschröckliche That war dieses? was für ein Erbarmnuß-würdiger Anblick? einen Römischen Kayser, deme man alle Ehr, Reverentz, und Gehorsam schuldig ist, nicht von gewaltsamer Hand ausländischer Feinden, sonderen von seiner eigenen Befreundten, u. Hofherren Untreu also grausam ermordet, auf offener Straß gantz mit Blut überronnen, und voller Wunden antreffen! könte wohl etwas kläglichers seyn? allein der gerechte GOtt hatte dieses verhängt, allen hohen Häupteren zur Warnung, daß auch sie nicht allein der Sterblichkeit unterworffen; sondern wohl zu Zeiten auch eines gewaltsamen Tods sich zu besorgen haben. Wie gehts weiters? nachdem des Kaysers erbärmlicher Tod erschollen, wurde das gantze Reich höchlich darüber bestürtzt. Man griffe zu den Waffen; schickte allenthalben Parthey-Reuter aus; setzte grosses Geld auf der Thäter Köpf, wann einer sie lebendig, oder tod der Justitz überlieferen wurde. Herentgegen wurden alle diejenige mit schweren Straffen betrohet, welche denen Flüchtigen Hülf leisten, oder Unterschluf geben [215] wurden. Es ware auch solcher Ernst nicht umsonst: indem alle, so an der Mordthat Theil hatten (Hertzog Johannes, und Walther ausgenommen) erwischt; einer da aus einem Winckel; dort ein anderer aus einem Wald herfür gezogen, und mit wohl verdienter Straf angesehen worden. Hertzog Johannes, nachdem er lang im Elend herum gefahren, versteckte sich letztlich in eine Mönchs-Kutten und entranne also dem Rach-Schwerdt: entweders weil er im Closter verborgen gebliben; oder weil man durch die Finger gesehen, und sich mit dieser freywillig angenommenen, und für einen Hertzog strengen Buß genug vergnügen lassen. Walther aber suchte sein Heyl ferners in Füssen. Dann es war ihm nicht verborgen, wie erschröcklich man mit seinen Mitverhaften unterdessen verfuhre, und einen nach dem anderen durch einen grausamen Tod in die andere Welt schickte. Was aber in ihm die Forcht vermehrte, war die Einbildung, die ihm vorstellte die Kettē und Band, die man ihm wurde anwerffen; die finstere Gefängnuß, in die man ihn wurde stecken; die glüende Zangen, mit welchen man ihn wurde zerfetzen; die Radbrechung, in welcher man ihm alle Glider wurde abstossen: vor allem aber die Bildnuß des ermordeten Kaysers, die ihm weder bey Tag noch Nacht einige Ruh liesse. So glaubte er auch, nirgends, weder bey denen Befreundten, noch in denen GOtt geweyhten Kirchen sicher genug zu seyn. Entwiche also von einem Ort in das andere. Unter Tags verkroche er sich in denen Wälderen und Berg-Höhlen; zu Nachts setzte er seine Reis weiters fort; und wußte doch nicht, wohin? veränderte bald die Kleyder; bald Haar und Bart; zitterte ab einem Eschbaum-Laub; erschracke ab seinem eigenen Schatten, und wo er nur jemand von weitem sahe, meinte er anderst nicht, als wären es eben die ausgeschickte Gerichts-Diener, die ihn fangen wolten. Einsmals setzte er sich seinem betrübten Hertzen ein wenig Luft zu machen, in den Schatten unter einem Baum nieder, wo ihn dann ein Geschwader der schwermüthigsten Gedancken überfallen. »So ist dann das (sprache er bey sich selbst) der Zweck meiner Glückseeligkeit nach welcher ich grausamer Mörder getrachtet hab? vorhin war ich ein reicher Herr; anjetzo der ärmeste Bettler. Vorhin in Ehren und Würden; anjetzo ein allenthalben verruffener, verbannisirter, und zum Tod gesuchter Maleficant. Wie? soll ich dann dem Hencker unter die Händ kommen? soll ich mir den Kopf lassen abschlagen? was sag ich, den Kopf abschlagen? Feur und Rad warten auf mich. Mit vier Rossen wird man mich zerreissen, und nicht gütiger mit mir verfahren, als man mit den anderen meines gleichen schon verfahren ist. Das hab ich verdient, muß bekennen; hab auch anderst nichts zu gewarten, wann ich erdappt werde. Werd ich es aber auch können ausstehen? was für Schand (will [216] ich nicht sagen, Peyn und Qual) hat solches auf sich? ach! hätte ich es vorbedacht! jetzt ist es zu spath. Es wäre dann Sach, daß mich mein adeliches Geschlecht wurde erretten; oder meine Befreundte mir Gnad ausbitten, oder meine Reichthum mir hinaus helffen. Aber was Hoffnung kan ich setzen auf mein adeliches Geschlecht? Dem ich einen ewigen Schandfleck angehengt. Auf meine Befreundte? die sich meiner schämen müssen. Auf meine Reichthum? mit denen das Kayserliche Blut nicht kan bezahlt werden. Und was hab ich für Reichthum mehr? meine Güter seynd der kayserlichen Cammer heimgefallen. Das wenige Geld, so ich zu mir genommen, ist allbereit durch so vil Reisen drauf gangen. Nichts ist übrig, als der goldene Ring an denen Fingeren, und der mit Silber verbrämte Rock. Wie kan aber solches, wann ich sie schon versetzte, in die Länge erklecken, und wer weißt, ob mich nicht eben diese Sachen verrathen, und in die Händ der ausgeschickten Gerichts-Dieneren liferen wurden, was fang ich dann weiters an? wo will ich hin? wo die Lebens-Mittel nehmen? wo bin ich sicher?« indem Walther mit solchen kleinmüthigen Rathschlägen umgienge, und mit seinen eigenen Gedancken stritte, da hörte er in denen nächsten Thäleren von Hunden und Pferdten ein Geräusch. Gleich beredte ihn die Forcht: jetzt seye es mit ihm geschehen. Und zwar nicht ohne Grund; dann es war eben ein Hauffen der ausgeschickten Gerichts-Dienern, die ihn aufsuchen solten. Da wurde ihm mehr nicht als daß er Hut, Degen, Rock, und Ring von sich warffe, und eines eylens sich in den Wald hinein verlieffe, und in einer Berg-Höhle verschloffen, um allda ungeessen und getruncken zu übernachten. Bald hernach kamen auch die ausgeschickte Gerichts-Diener an das Ort, wo er die Kleyder von sich geworffen; aus welchem sie nicht uneben geargwohnet, was für einem Herren sie zugehörten. Weilen sie aber selbige neben einem fürüber lauffenden Fluß gefunden, kamen sie auf die Gedancken, Walther müßte sich selbst aus Verzweiflung in dem Fluß ertränckt haben. Kehrten demnach zuruck, und sprengten dieses Gerücht aller Orten aus: weswegen dann auch die hohe Obrigkeit ihm weiters nachzusetzen unterliesse. Zoge aber seine Güter ein; und weil sie die Person selbst nicht haben konte, nahme sie zur ewigen Schmach, und üblen Nachklang die Straf seiner Bildnuß vor. Unterdessen bekame Walther Luft; kroche aus seiner Berg-Höhle herfür: wo ihm aber bey erstem Anblick des Tags-Liechts nichts anders, als Jammer und Elend in die Augen schlugen, und ihm manchen heissen Zäher ausdruckte. Gleichwohl weilen er Unsicherheit halber, und aus Mangel der Lebens-Mittel länger allda nicht zu bleiben hatte, suchte er sein Heyl weiter, [217] und kame letztlich im Würtemberger-Land an. Da fiele ihm zwar ein, was Gestalten bey dergleichen Unglücks-Fällen vor Zeiten etwann Fürsten und Herren mit Schul halten, Sing-Kunst oder einer Handthierung in unbekannter Kleydung eine Zeit lang sich hindurch gebracht hätten, bis gleichwohl das Ungewitter sich verzogen, und die liebe Sonn mit besseren Jahren sie wiederum angeschienen. Allein er ware in keinem dergleichen erfahren. Mithin von Haus zu Haus bettlen, wolte ihm in die Länge auch zu schwer fallen. Zu einem Bauren sich verdingen dörfte er sich auch nicht: weil er weder zum Ackeren geschickt, noch seine zarte Händ des Holtzhackens gewohnt waren. Letztlich nach vilem Berathschlagen, drange ihn der Hunger und äusserste Noth, einen harten Schluß zu fassen, über welchen sich die gantze Welt billich verwunderen, und die Urtheil GOttes verehren solle. Kurtz zu sagen: er gienge hin, und dingte sich auf ein Dorf um einen gar schlechten Lohn in Dienst (mit Gunst zu melden) eines Säuhirtens, und veharrete in solchem verächtlichen Aemtlein bis in sein hohes Alter auf die 35. Jahr. Nach so langem Elend, und betrübten Leben erkranckte er endlich; und der vor diesem pflegte auf linden Federen zu ligen, hatte anjetzo kein anders Beth, als ein arme Burde Stroh. Mithin weil die Schwachheiten je länger, je mehr zunahmen, wolte er samt dem Leben auch die Person ablegen, die er hishero gespilt hatte. Er rufte demnach die Hausgenossene für sich, und redete sie folgender Gestalten an: was es für eine Beschaffenheit mit mir habe, das sehet ihr mit Augen. Mein Leben stehet auf dem äussersten Ziegel des Tachs (wie man pflegt zu reden) und ist um einen schlechten Stoß zu thun, so wird es mit mir geschehen seyn. Doch hab ich vor meinem Hintritt nicht bergen wollen, daß ich nicht derjenige geweßt seye, für den ihr mich habt angesehen. Ich bin jener Walther von Eschenbach, den man schon vor etlich 30. Jahren Vogel-Frey gemacht, und wegen des grausamen Kaysers-Mords, an welchem ich Theil hatte, aller Orten zum Tod aufgesucht hat. Muß bekennen, daß in Erwegung der vorigen Freyheit meines hochadelichen Geschlechts meiner liebsten Ehe-Gemahlin und Kindern; Reichthümer und guter Täg, deren ich genossen, mir dieser verächtliche Stand, Armuth, und harte Dienstbarkeit bitter-schwer gefallen. Allein in Vergleichung des gewaltsamen Tods, Marter und Peyn, neben der offentlichen Schand, so ich von des Henckers Hand hätte müssen ausstehen, war alles lauter Zucker und Hönig. Der Justiz weltlicher Obrigkeit bin ich entgangen; wie ich aber vor der strengen Gerechtigkeit GOttes mit meiner Rechnung bestehen werde, das stehet dahin; und muß ich es gewärtig seyn. Dieses [218] geredt, vergossen die guthertzige Zuhörer aus Mitleiden die Zäher; er aber senckte das Haupt, und gabe bald hernach den Geist auf. Bidermannus S.J. Acroamatum l. 2. Acroamate primo.


O GOtt! wann dieser Edelmann, einer zeitlichen Pein und Marter zu entgehen, (die etwann auf dem Rad 2. 3. Tag gewährt hätte) so viel Jahr in so verächtlichem Stand gelebt; so viel Kummer, Elend, und Betrübnuß, neben dem harten Dienst ausgestanden: was soll man dann nicht leiden? was soll man nicht ausstehen? was soll man nicht gedulten, daß man der ewigen Straf entgehen möge? wie entsetzlich ist es: leiden müssen unaussprechliche Pein? leiden müssen an allen Kräften Leibs und der Seelen? leiden müssen ohne Linderung; ohne Nachlaß; fort und fort; immer und ewig, so lang GOTT GOtt seyn wird, ohne die geringste Hofnung, davon erlößt zu werden? wer dieses zu Gemüth führt, wird sich so sehr nicht verwunderen über das, was jener gottselige, und zugleich hochgelehrte Pater, aus der Gesellschaft JEsu, mit Namen Sebastian Barradius, ein Spanier von sich selbsten bekennt hat: nemlich, als er einstens die Ewigkeit der höllischen Pein etwas tiefers zu Gemüth geführt, da seye ihn ein solche Forcht und Schrecken ankommen, daß er von freyen Stucken von solchem Nachdencken habe aufhören müssen; sonst wurde er vor lauter Forcht verschmachtet, und dahin gestorben seyn. So entsetzlich ist die Ewigkeit der höllischen Pein.

29. Exempel
Neun und zwantzigstes Exempel.
Carl, der Fünfte dies Namens, Römischer Kayser, führt nach abgelegtem Kayserthum 2. Jahr ein einsames Leben; und bereitet sich also zu einem guten Tod.

Was dieser für ein grosser Monarch geweßt seye, ist aus folgendem abzunehmen. Zu Feld ist er gezogen in eigner Person mehr dann 70. mal. Auf die 40. mal hat er in Haupt-Treffen den Sieg erhalten. Nichts zu melden von kleinen Scharmützlen, und darinn gemachten Beuthen, welche unzahlbar seynd. 1800. Städt hat er übergwältiget. Auf die 100000. Schlösser in seinen Gewalt gebracht: und (dessen sich vielleicht keiner aus den Obsiegern zu rühmen hat) alle König und Fürsten; und unter diesen auch den Türckischen Kayser Solimann: 3. Kayser zu Mexico und Peru, neben 18. Königen in dem eintzigen Welt-Theil America, hat er entweders geschlagen, oder in die Flucht gejagt, oder gefangen bekommen. Innerhalb 40. Täg hat er 7. mal dem Feind ein Schlacht geliefert, und jedesmahl überwunden: und diese 7. mal allein auf 140000. Soldaten [219] erlegt: wie hievon bezeugt Avancinus in denen Lobsprüchen von den teutschen Kaysern. Was für Schätz, Reichthumen, Scepter, Cronen er durch solche Dapferkeit erworben habe, wurde viel Zeit nicht klecken zu erzählen. Kurtz zu sagen: dieser eintzige Kayser hat mehr Triumph, oder sieghafte Einzüg verdient, als ihm die Welt seinem Verdienst nach halten könte. Nach so vielfältigen Siegen war noch ein eintziger Feind übrig, nemlich der Tod; deme endlich dieser dapfere Held, als ein sterblicher Mensch hat unterliegen müssen. Aber zu erweisen, daß er ihn nicht förchte, hat er sich bey Zeiten zur Gegenwehr gerüstet, und ist ihm zuletzt auch behertzt unter die Augen getretten; und das auf folgende Weis:


Im Jahr 1556. hat er sich der Beherrschung seiner Reich völlig begeben: und zwar das Römische Reich seinem Herrn Bruder Ferdinand (der schon erwählter und gecrönter Römischer König war) abgetretten; die übrige Erbländer aber seinem Sohn Philipp, dem anderen dies Namens König in Spanien, samt allen Rechten und Gerechtigkeiten völlig überlassen; und für seine eigne Person zum jährlichen Unterhalt von allen vorigen unschätzbaren Reichthumen mehr nicht, als 100000. Ducaten ihm vorbehalten: welches für einen solchen Monarchen wohl nicht zu viel war. Wie nun diese so wichtige Sach zu End gebracht worden, beurlaubte er sein liebes Niederland (dann in diesem war er gebohren, und hielte sich dazumahl darinn auf) und brache auf nach Seeland, allwo er sich zu Schif setzte, und mit gutem Wind nach Spanien über fuhre. Als er dort in einem Meer-Hafen eingeloffen, und auf das Land ausgestiegen, solle er auf seine Knie nieder gefallen seyn, und die Erden geküßt haben, sagend: er verehre selbige, als die allgemeine Mutter der Menschen. Nackend und bloß seye er von seiner ersten Mutter auf die Welt gebohren worden; also wolle er auch in den Leib dieser anderer Mutter (nemlich die Erden) kehren. Das waren seine Wort: welche die Umstehende zum häufigen Weinen bewegt haben. Auf dieses hin liesse er sich in einer Senften nach dem Closter des heiligen Justi (dessen Ordens-Geistliche unter der Regul des heiligen Hieronymi leben) tragen. Dieses Ort, so nicht weit von der Stadt Placentz auf einem sehr fruchtbaren Boden liegt, hatte er ihm wegen des gesunden Lufts, und lustigen Aussehens halber schon längst gleichsam für seinen Wittlings-Sitz auserkohren; allwo er von aller weltlicher Unruhe befreyt, die letztere Jahr seines Lebens zu zubringen vorgenommen. Da er noch in Niederland war, liesse er ihm ein Haus an gedachtes Closter bauen, welches in allem 6. oder sieben Zimmer hatte, und im übrigen auch fast Clösterlich zugerichtet war. Die Fenster des Zimmers, welches er bewohnte, giengen gegen einem Garten hinaus; und also machten ihm zu Frühlings-und Sommers-Zeit die [220] vielfältige Blumen-Bettlein des Gartens; die springende Brünnelein und künstliche Wasserwerck; die wohlriechende Kräutlein und Gewächs eine unschuldige Freud und Ergötzlichkeit. So bald er dort ankommen, hat er die übrige Hof-Leut, deren 60. an der Zahl gewesen, beurlaubt, und mehr nicht, als nur 12. Bediente, samt einem eintzigen Pferd; und von Hausgeräth, so viel er dessen nöthig hatte, für sich behalten; das andere aber alles unter seine entlassene Diener ausgetheilet.


Von dieser Zeit an entschluge sich Carl aller weltlichen Geschäft, und brachte in stiller Einsamkeit 2. gantzer Jahr zu. Den halben Tag nemlich den Vormittag, schenckte er dem Gebett, dem Lesen geistlicher Bücher, und Kirchenbesuchen. Den anderen halben Tag wendete er zu seiner Ergötzlichkeit an: und theilte also redlich mit dem Himmel: gabe GOtt, was GOttes ist; und dem Kayser, was des Kaysers ist. Wenigst gebührte ihm noch der Titul eines Kaysers; wiewohlen er nicht mehr regierte. Seine gantze Ergötzlichkeit aber, so er Nachmittag hatte, bestunde in dem: daß er entweders einen eintzigen Laquey, der neben ihm herlieffe, bey sich habend spatzieren ritte; oder in dem Garten mit Pflantzen und Beltzen der Bäumen umgienge; oder etliche Sonnen-Uhren machte. Also, wie gehört, brachte Anfangs Carl den Tag dieser seiner Einsamkeit zu. Wie er aber an Leibs-Kräften immerdar abnahme, und wohl merckte, daß allgemach das End seines Lebens herbey ruckte, brauchte er erstgemeldte Kurtzweilen gar mäßig, und beflisse sich vielmehr, durch allerhand gottselige Werck zu einem Christlichen Tod sich zu bereiten. Er bettete demnach öfter, und länger, als zuvor: wohnte denen Tagzeiten der Closter-Leut im Chor fleißig bey: lase selbst, und liesse ihm geistliche Bücher vorlesen, vornemlich die, so von dem Leben der Heiligen handelten: Führte anmüthige gottselige Gespräch: reinigte öfters sein Gewissen durch das heilige Sacrament der Buß, und empfienge die heilige Communion: casteyete auch seinen Leib mit einer aus harten Stricklein zusammen geflochtenen Geisel bis auf das Blut. Und diese ganz blutige Geisel hat er seinem Sohn Philipp, dem anderen König in Spanien, Testaments-weis vermacht; der sie hernach gleichfalls in dem Todbeth Philipp dem Dritten überreicht hat: welche noch heutiges Tags (wie man sagt) unter denen Kennzeichen der Oesterreichischen Gottseligkeit aufbehalten wird. Entzwischen nahete die Zeit herbey, zu welcher er den Jahr-Tag seiner Frau Mutter, mildseligisten Angedenckens, zu begehen pflegte. Da kame ihn ein Begierd an, auch seine eigene Leichbegängnuß, wie er wolte, daß sie nach seinem Ableiben gehalten wurde, beyzufügen. Doch wolte er vorher seines Beicht-Vatters Rath darüber vernehmen. Und als dieser zur Antwort gabe, wie daß solches zwar in der Catholischen Kirch etwas [221] neues, und ungewöhnliches wäre, daß man einem, der noch bey Leben, die Leichbegängnuß halten solle; jedoch mithin auch nicht zu laugnen, daß es ein Christlicher gottseliger Gedancken seye: vergnügte sich Carl mit dieser Antwort, und ertheilte alsobald Befehl, ihme in der Kirch ein Todten-Gerüst aufzurichten; die Mauren und Saulen mit schwartzen Tücheren zu bekleiden, und allenthalben brinnende Kertzen anzuzünden. Seine Diener müßten die Klag-Kleider anziehen; desgleichen auch die Priester und Singer in gewöhnlichen schwartzen Kirchen-Kleideren sich einstellen. Er selbst erschiene auf den bestimmten Tag in einem schwartzen Kleid und Klag-Mantel; und nach gebräuchlichem Zusammen-Läuten der Glocken, verfügte er sich in die Kirch; begabe sich auf den Chor; wohnte der gantzen Leichbesingnuß und Seelen-Amt mit grosser Auferbäulichkeit des Volcks bey: und sahe also lebendig (welches etwas unerhörtes) seiner eigenen Leich-Begräbnuß zu. Unter dem Amt der heiligen Meß nach der Wandlung mußte sich der Priester zu ihm kehren; er aber mit einer brinnenden weissen Wachs-Kertzen in der Hand tratte hinzu; knyete an dem untersten Stafel des Altars nieder, und mit gen Himmel gerichten weinenden Augen sprache er folgende Wort: Dich, O grosser GOtt! in dessen Gewalt mein Leben und mein Tod steht, bitte ich demüthigst, daß, gleich wie ich anjetzo diese brinnende Kertzen dem Priester an deiner Statt in seine Händ überreiche; also wollest auch du meine arme Seel in deine Händ aufnehmen: wann es dir selbige aus dieser Welt abzuforderen gefallen wird. Als er solches geredt, übergabe er die brinnende Kertzen dem Priester: darnach legte er sich auf die blosse Erden nieder, und streckte die Arm von sich; nicht anderst, als wann er tod wäre. Ueber welches dann bey allen Anwesenden ein grosses Weinen und Weheklagen erfolget ist, er aber verharrete also liegend, bis er völlig besungen worden.


Das ware nun der Vorbott seines bald hernach folgenden Tods; welcher sich auch gleich den nächst-folgenden Tag darauf durch ein Fieberlein angemeldet, so ihn ins Beth geworfen, und nach und nach also ausgezehrt hat, daß er im Jahr 1558. die Nacht vor dem Fest des heiligen Apostels Matthäi ein Leich gewesen. Er rüstete sich aber gantz ritterlich zum Tod, in Beyseyn des Bischofs von Toledo, wie auch vieler Geistlichen, welche durch ihr eifriges Gebett und Zusprechen ihm in seinem letzten Kampf beygestanden, bis er gantz Christlich und starckmüthig den letzten Hertz-Stoß von dem Tod empfangen; und mit aller Gegenwärtigen höchsten Trost, und bester Hofnung, daß er nach so viel erhaltenen Siegen auch der himmlischen Cron wurde theilhaftig werden, gantz sanftiglich abgedruckt hat. Famianus Strada S.J. de Bello Belgico Decade 1. l. 1.


[222] Was für ein schönes Exempel von diesem grossen Monarchen! ohne Zweifel wird er tief zu Gemüth geführt haben den so nachdencklichen Spruch Christi,Matth. 16. Was nutzt es den Menschen, wann er schon die gantze Welt solte gewinnen; wurde aber Schaden leyen an seiner Seel? welches bald geschehen ist, wann man sich nicht bey Zeiten zu einem guten Tod bereitet. So hat ihn auch nicht wenig bewegt jene kluge Antwort von einem seiner Officiren, der von ihm den Abschied, und Entlassung der Kriegs-Diensten begehrt hat. Es hatte dieser Officier dem Kayser viel Jahr im Krieg gute Dienst gethan, also daß er sich die Hofnung machen konte, zu der Stell eines Obristen befördert zu werden. Als er aber, ohngeachtet dieser Hofnung, dannoch gehling und auf einmahl den Abschied verlangte, verwunderte sich der Kayser nicht wenig darüber; und wolte deswegen die Ursach wissen. Die Antwort des Officiers bestunde in diesen wenigen Worten: Allergnädigster Kayser! man muß zwischen den Geschäften dieses Lebens; und zwischen der Stund des Tods eine Zeit ausklauben: damit man sich auch zu einem guten Tod bereiten könne. O wohl ein kluge! wohl ein Christliche, und von einem Soldaten unerwartete Antwort! welche aber bey dem Kayser ein solches Nachdencken verursacht, daß er sie nimmer konte aus dem Kopf bringen. Ja sie vermöchte bey ihm so viel, daß er sich nicht lang hernach entschlossen seinem Officier diesfalls nachzufolgen, und sich von ihm in der Vorbereitung zu einem guten Tod nicht überwinden zu lassen: welches er auch 2. gantze Jahr hindurch redlich gethan hat.

30. Exempel
Dreyßigstes Exempel.
Ein verzweifelter Sünder wird noch vor seinem letzten Abdruck bekehrt.

In dem Leben des gottseligen Dominici, von JEsu Maria, Carmeliter-Ordens, welcher im Jahr 1630. von wunderlichen Thaten, und auserlesener Heiligkeit berühmt, zu Wien in Oesterreich gestorben, befindet sich folgende Geschicht.

Es hielte sich dieser Wunderthätige Mann auf ein Zeit, da die Pest regierte, in dem grossen Spital zu Valentz in Spanien auf, und wartete allda denen Krancken aus mit grosser Liebe, und Auferbauung der gantzen Stadt. Unter diesem heiligen Liebs-Dienst bate er einstens die Mutter GOttes, die ihm sichtbarlich erschinen, sie wolte doch gedachten Spital in ihren sonderbaren Schutz und Schirm aufnehmen; zugleich auch denen Krancken, so darinnen sterben wurden, diese absonderliche Gnad bey ihrem göttlichen Sohn auswürcken, daß sie [223] doch nicht ohne Buß, und Geniessung der heiligen Sacramenten aus diesem Leben abscheideten. Die mildreiche Jungfrau sagte alsobald zu: und zum Zeichen der erhaltenen Gnad befahle sie ihm, in eine gewisse Cammer des Spitals zu gehen, und alldort einen schon dahin sterbenden, bis hero unbußfertigen, ja verzweifleten Sünder zur Buß anzufrischen. Dominicus kame dem Befehl eilfertig nach; begabe sich in die Cammer, und fande da einen alten Mann, schon in denen Zügen liegend. Diesem als er mit allem Eifer und Kräften zugesprochen, und zur Buß ermahnet, erholte sich der Tod-krancke Mensch gähling; sahe Dominicum mit Entsetzung, und gantz unbeweglich an, und sprache voll der Verzweiflung; er seye schon verdammt, und werde ihm weder Beicht noch Buß, weder einiges andere Mittel zur Seligkeit ersprießlich seyn: Ursach dessen; weilen die höllische Geister denen er sein Leben hindurch gedienet habe, schon zugegen wären, damit sie sein Seel in den Abgrund der Höllen hinunter führen. Dominicus auf das Versprechen Mariä vertrauend, setzte das andermahl an diesen harten Felsen: führte ihm zu Gemüth die unendliche Güte GOttes; und machte ihm eine unfehlbare Hofnung des Heils, wann er nur die noch kurtze Zeit seines Lebens zur Buß anwenden wurde. Und siehe Wunder! urplötzlich ward der Sünder zur Reu bewegt, und dergestalten verändert, daß er mit vielen Zäheren GOttes Barmhertzigkeit angeruffen, seine Sünden bekennt, und offentlich vor allen Umstehenden von sich selbst ausgesagt, daß er 30. Jahr lang seinen bösen viehischen Begierden abgewartet; auch von solcher Zeit an niemahl gebeichtet habe. Dominicus ermahnte ihn, daß es nicht nöthig, seine Sünden offentlich auszusagen; sondern wäre genug, wann er selbige in Geheim thäte beichten. Aber der von Reu nunmehr gantz eingenommene Büsser sagte: Nein: auf einen so grossen und ärgerlichen Sünder, wie ich bin, geziemet es sich, daß er seine Sünden offentlich bekenne. Kan auch diesem innerlichen Antrieb nicht widerstreben, indeme mir vor Grösse des Leids das Hertz allgemach zerspringen will. Unter diesen Eifer-vollen heiligen Ubungen empfienge er die heilige Sacramenten; nach deren Geniessung er gottselig dahin starbe: ward auch gleich darauf seine Seel von der Mutter GOttes ihrem Diener Dominico in grossem Glantz und Herrlichkeit gezeiget. Reitmayr S.J. Festivale. n. 585.


O was vermag nicht die Mutter GOttes bey ihrem Sohn! und wie wahr ist es, was der heilige Bonaventura sagt, Mariam also anredend: O du gebenedeyte Jungfrau! unser Heil steht in deinen Händen. Wem du wilst, und deine barmhertzige Augen auf ihn wendest, der wird selig werden. O was seynd das für Wort! und wie sollen alle Menschen sich erfreuen, und ihnen [224] selbsten Glück wünschen, daß sie an Maria eine so mächtige, so gütige, so barmhertzige Mutter haben, und ihr Gunst erwerben können, wann sie nur wollen! verehre sie dann O liebe Jugend! nimme dein Zuflucht zu ihr; ruffe sie öfters den Tag hindurch mit diesen kurtzen Worten an: O Mutter GOttes! wende deine barmhertzige Augen zu mir. O wie wirst du ihr dardurch das Hertz abgewinnen.

Was vermag hernach nicht bey einem Sünder, die Betrachtung der unendlichen Güte GOttes! wann er bedenckt, wie selbige so langmüthig seye; so liebreich; so geneigt zum verzeihen; und wie sie sich von keiner Viele, noch Schwere der Sünden überwinden lasse! ist es möglich, daß die Härte des Hertzens nicht erweicht werde? daß es nicht Reu und Leid erwecke? daß es nicht das Wasser in die Augen treibe? in Erinnerung, daß eine solche Güte von dem Sünder nicht allein geliebt; sondern verachtet, erzörnet, und beleidiget worden? und das so oft, so schwerlich, und so vielfältig? O der höchsten Unbillichkeit! der H. Augustinus rufte öfters wehmüthig auf: Wehe der Zeit! da ich dich nicht geliebt hab, O du unendliche Güte GOttes! ruffe auch du auf, O Sünder! Wehe der Zeit, da ich dich beleidiget hab, O du unendliche Güte GOttes!

31. Exempel
Ein und dreyßigstes Exempel.
Ein frommer Ordens-Mann kan dem lieblichen Gesang eines unbekannten Vögeleins nicht genug zuhören.

In einem Closter war ein frommer Ordens-Mann: dieser gienge einstens an einem Morgen in aller Frühe im Closter-Garten auf und abspatzieren, bey sich selbst betrachtend die Grösse der himmlischen Freuden: Aus welcher Betrachtung in ihm eine ungemeine Begierd entstanden, solcher Freuden im Himmel ehistens zu geniessen. Allein eines war, das ihm nicht wolte eingehen: wie es nemlich seyn könne, daß, ohngeachtet solche Freuden ewig währen, sie dannoch einem keinen Eckel bringen sollen. Indem er nun dieser Sach nachdenckt, siehe, da hört er auf dem nächsten Baum ein Vögelein über die Massen lieblich singen. Er schaut demnach über sich, und erblicket das Vögelein; konte aber nicht errathen was Gattung es seye: dann er dergleichen sein Lebtag niemahl gesehen. Indem er nun selbiges mit Verwunderung anschaut, und ihm begierig zuhört, floge das Vögelein gähling zum Garten hinaus, und in einen nächst am Closter-Garten gelegenen Wald. Der Ordens-Mann folgte ihm eilends zum Garten hinaus nach, und erblickte es wiederum auf einem Baum sitzend; da es dann auf ein neues zu singen angefangen; und zwar so lieblich, [225] daß der Ordens-Mann sich vor Freuden nicht fassen können; ja gewunschen, ein lauteres Ohr zu seyn, nur damit er die Lieblichkeit dieses Gesangs genug hören möchte. Es sasse aber das Vögelein nicht lang auf diesem Baum; sonderen floge weiter in den Wald hinein: wo es sich jetzt auf diesen, bald auf jenen Baum setzte; jetzt näher herzu, bald weiter weg floge: deme aber der Ordens-Mann alleweil nachfolgte, und ihme mit Erstaunung, und aufgesperrtem Mund zuhörte: bis es letztlich gähling, und mit schnellem Flug so weit in den Wald hinein geflogen, daß es der Ordens-Mann nicht mehr sehen, noch hören konte. Er hofte zwar alleweil, es werde etwann wiederum zuruck fliegen; aber umsonst. Das betrübte ihn nun ungemein, daß seine Freud so kurtz gewährt hätte. Klagte deswegen wider das Vögelein, und brache in diese Wort aus. O liebes Vögelein! wo bist du doch so geschwind hinkommen? ist dann kein Hofnung mehr überig, dich wiederum, wo nicht zu sehen; wenigst zu hören? warum hast du mir die Lieblichkeit deines Gesangs so bald entzogen? hättest aufs wenigst ein Stund; hättest endlich nur ein halbes Stündlein fort gesungen, so wolt ich mich nicht beklagen: aber du hast es gar zu kurz gemacht. Ey ey! was wolte ich geben, wann ich dich nur ein einzi ges mahl noch hören könte: O wie wolte ich meinen Lust büssen! allein, weil er sahe, daß sein Klagen umsonst, und es nunmehr wolte Abend werden, nahme er den Weeg zuruck, und gienge wiederum dem Closter zu. Aber, O Wunder! indem er das Closter wiederum siehet, nimmt er wahr, daß Zeit seiner Abwesenheit, das Closter-Gebäu fast gäntzlich verändert; da und dort ein neue Maur aufgeführt war. Er konte sich demnach nicht genug darüber verwunderen, wie das möglich geweßt seye, indem er erst am Morgen aus dem Closter gangen wär. Das müsse ja ein künstlicher Baumeister geweßt seyn, der in so kurtzer Zeit das Closter dergestalten erneuert hätte. Dessen aber ohngeachtet gienge er der Closter-Porten zu, die er gleichfalls gantz neu fande. Als er nun dort angeläutet siehe! da kam ein Portner herfür, der ihm gantz unbekannt. Der Portner fragte ihn, was er verlangte? dieser antwortete: er verlange in sein Closter. In dieses gehöre er; und seye er ja Kuster darinn. Nehme ihn also Wunder, daß man ihn fragen möge. Der Portner lächlete, und fragte ihn: wie er dann heisse? und als ihm der Ordens-Mann den Namen angezeigt, sagte der Portner, daß keiner im gantzen Closter dieses Namens wäre. Scheine also, er wolle entweders die Leut betrügen; oder aber er müsse nicht bey sich selbsten seyn. Ueber dieses verwunderte sich der Ordens-Mann noch mehr, und wußte nicht, was er gedencken solte. Endlich bate er den Portner, er möchte ihn wenigst für den Abbt des Closters kommen lassen; der werde [226] ihn wohl kennen. Nun das geschiehet. Aber siehe! wie er für den Abbt kame, da kennte keiner den anderen. Und als ihn der Abbt fragte, was er wolle? gab er ihm Antwort, wie dem Portner. Da ihm aber der Abbt nichts daraus gehen liesse, sondern vielmehr darfür hielte, er wäre nicht bey sich selbst, da hat der Ordens-Mann eben gemeint, er müsse vor Verwunderung vergehen. So verlangte er dann auf die letzte, man wolte aufs wenigst die alte Jahr-Schriften des Closters herfür bringen; da werde man seinen Namen, und daß er Kuster des Closters gewesen, aufgezeichnet finden: Der Abbt, unter dessen Gehorsam er gestanden, habe so und so geheissen: und wann dem nicht also, so solle man ihn nur als einen Leut-Betrüger zum Closter hinaus jagen. Der Abbt, welcher begierig war, aus dem Wunder zu kommen, beruft alsbald den Prior des Closters, und das gantze Convent zusammen, und laßt in aller Gegenwart die alte Jahr-Schriften aufschlagen. Da hat man dann endlich nach langem Durchblätteren mit fast unlesentlichen Buchstaben so wohl den Namen dieses Ordens-Manns, als auch des Abbts, unter dem er gelebt, eingeschrieben gefunden. So war auch dabey aufgezeichnet, was Gestalten unter gedachtem Abbt der Kuster des Closters einstens verlohren worden, ohne daß man hätte können innen werden, wo er hinkommen. Und da hat man gefunden, daß dieser Ordens-Mann (O unerhörtes Wunder!) drey hundert Jahr ausser dem Closter geblieben. Wie nun der Abbt samt dem Convent sich hierüber höchstens verwundert, und es fast nicht glauben können, da hat er ihnen den gantzen Verlauf mit dem Vögelein erzählet: und daß er also diese gantze Zeit in Hitz und Kälte; Regen und Wind; ohne Speis und Tranck sich in dem Wald aufgehalten, und seine Freud allein in Anhörung des Vögeleins gehabt hätte. Uber welche Erzählung alle auf ein neues erstaunet, und GOtt in seinem Diener gelobt haben. Er hatte aber seine Erzählung kaum vollendet, da nahme er an Kräften dergestalten ab, daß er wohl gemerckt, das End seines Lebens rucke herbey, und wolle ihn GOtt aus diesem Zeitlichen abforderen. Begehrte demnach, man solte ihn mit denen gewöhnlichen heiligen Sacramenten der Sterbenden versehen. Welches als es geschehen, gab er unter den Armen der umstehenden Ordens-Brüdern den Geist auf, und machte in dem Himmel der ewigen Freud den glückseligen Anfang. Bidermann in deliciis sacris l. 3. ex spec. exemp.


O GOtt! wann diesem frommen Ordens-Mann in Anhörung eines Vögeleins drey hundert Jahr so kurtz seynd vorkommen, als wären sie kaum ein halbes Stündlein geweßt; wie kurtz wird dann erst denen Auserwählten in dem Himmel in Anhörung der englischen Music die Weil vorkommen? O wie ist da so gar kein Gefahr, daß ihnen die Freud, so sie daraus schöpfen, jemahlen verleiden soll! in [227] Bedencken, daß sie ihnen alle Augenblick gantz neu vorkommen wird. Uns aber solle die Weil lang seyn, bis wir zu solcher Freud gelangen werden.

32. Exempel
Zwey und dreyßigstes Exempel.
Ein Verstorbener ladet einen guten Freund, der noch bey Leben war, zu einer Mahlzeit im Himmel ein.

Es waren zwey adeliche Herren, von grosser Tugend und Frommkeit. Und weilen sie nicht weit von einander wohnten, geschahe es, daß sie als gute Freund nicht allein öfters zusammen kamen; sondern einander bisweilen auch zu Gast luden: nicht so sehr Essens und Trinckens halber, als daß sie von himmlischen Dingen ein Gespräch mit einander führen möchten. Nun geschahe es auf eine Zeit, daß einer aus ihnen auf einen gewissen Tag eine kostbare Mahlzeit anstellte, und dazu nicht allein gedachten seinen guten Freund; sondern auch andere gute Bekannte einlude. Allein ehe der bestimmte Tag der Mahlzeit ankommen, starbe unterdessen der eingeladene adeliche Herr, der zur Mahlzeit zu kommen schon zugesagt hatte. Dieses ware freylich demjenigen, so den nunmehr verstorbenen zu Gast geladen, ein sehr betrübter und empfindlicher Streich: Nicht daß er die Kösten auf die Mahlzeit schon angewendet; sondern weil er einen so lieben und werthen Freund verlohren hatte. Nichts destoweniger, nachdem der Verstorbene zur Erden bestattet worden, und der zur Mahlzeit bestimmte Tag endlich ankommen, wolte der, so zu Gast geladen, wenigst die andere gute Bekannte bey sich haben, um mit ihnen eine freundliche Ansprach zu halten, und das Leid in etwas zu vergessen. Nun so kamen dann die eingeladene Gäst zusammen. Man setzt sich ohne vieles Gepräng zu Tisch, und der Gastgeb spricht denen Gästen zu, sie wolten ihnen Speis und Tranck belieben lassen, und thun, als wann sie in ihrem eigenen Haus wären. Aber siehe! indem sie gantz fröhlich seynd, und unter anderen ein Gespräch von künftiger Seligkeit führen, da klopft man an der Stuben-Thür an. Und als der Gastgeb gesagt: Herein, was gute Freund seynd: O unverhofter Gast! da trittet in die Stuben hinein der neulich verstorbene adeliche Herr; siehet aber gantz fröhlich drein, und grüßt nicht allein den Gastgeb, sondern auch die Gäst: mit vermelden, wie daß er nicht komme, ihre Freud zu zerstöhren; sonderen vielmehr mitzuhalten, und das angefangene Gespräch von der ewigen Seligkeit fortzusetzen: und hiemit die Zusag, die er dem Gastgeb bey Leb-Zeiten gethan, zu erfüllen. Dieses geredt, setzt er sich mit Erlaubnuß des Gastgebs an den Tisch, ißt und trinckt, wie die andere; und erzählt ihnen Wunderding von der ewigen Glückseligkeit. Nachdem [228] man aber vom Tisch aufgestanden, bedanckte er sich zu vorderst gegen dem Gastgeb; nahme ihn aber auf ein Seiten, und sagte ihm heimlich, wie daß er ihn anjetzo auch zu einem Gastmahl einlade: wobey er ihm zugleich den Tag bestimmte, und die Weis anzeigte, auf welche er ihn wolte abholen lassen. Nemlich auf den bestimmten Tag werde ein Schnee-weisses Pferd mit Gold und Silber geziert, vor sein Haus kommen: dieses solle er besteigen; ihm den Zaum frey lassen, und unerschrocken fort reuten: dann es werde ihn sicher an dasjenige Ort bringen, wo die Mahlzeit werde gehalten werden. Solle sich also auf die Reis rüsten. Dieses geredt, veschwande er aus denen Augen des Gastgebs. Aus dieser Einladung nahme der eingeladene Gastbeb leichtlich ab, daß diese Mahlzeit nirgends anderst als in der anderen Welt wurde gehalten werden. Machte also dazu die erforderte Bereitung durch andächtige Empfahung der heiligen Sacramenten. Wie nun der heilige Oster-Tag angebrochen (dieser war nemlich die zur Mahlzeit von dem Verstorbenen bestimmte Zeit) siehe! da war das Schnee-weisse Pferd in aller Frühe vor der Haus-Thür des Gastgebs. Es hatte auf dem Kopf einen rothen Feder-Busch. Der Sattel und Deck-Zeug war mit Gold und Silber ausgearbeitet, der Zaum aber, und Steig-Bügel von purem Gold. Mit einem Wort: wann ein Kayser hätte darauf reuten sollen, hätte es nicht köstlicher können ausstaffirt seyn. Da nahme dann der Eingeladene von seinen Hausgenossenen den Abschied; welche ihn auch mit weinenden Augen bis zur Haus-Thür hinunter begleitet, und ihm auf die unbekannte Reis Glück gewunschen. Wie nun dieser HErr das Pferd bestiegen, eilte es mit ihm schnell davon, und führte ihn durch allerhand unbekannte Weeg und Landschaften: bis es endlich mit ihm in ein grünes und annehmliches Thal kommen, in welchem ein herrlicher Pallast, von lauter Edelgestein aufgebaut zu sehen war. Da stunde dann das Pferd vor dem Pallast stockstill: woraus der Herr abgenommen, eben dieses müsse das Ort seyn, wohin er zu einer Mahlzeit eingeladen worden. Und war ihm auch nicht anderst. Dann siehe! nachdem er vom Pferd abgestiegen, da kam ihm aus dem Pallast herunter entgegen der Verstorbene, so ihn eingeladen hatte. Er grüßte den angekommenen Gast auf das freundlichste; nahme ihn bey der Hand, und führte ihn mit sich in den Pallast hinauf, dessen Boden mit purem Gold besetzt war. Und nachdem er ihn ein und andere Stiegen, deren Treppen von lauter Edelgestein waren, hinauf geführt, führte er ihn weiters in einen grossen Saal, in dessen Mitte eine Tafel war, mit köstlichen Speisen, Tranck und Confect übersetzt. Die Schüßlen und Teller, wie auch die Trinck-Geschirr, waren alle von purem Gold, und mit Edelgestein versetzt: an der Tafel aber sassen viel Personen von unvergleichlicher Schönheit, welche sich nicht allein mit Essen und[229] Trincken; sondern auch mit freundlicher Ansprach erquickten. An diese Tafel wurde nun der neu angekommene Gast auf das freundlichste eingeladen: welcher sich auch ungesaumt hinzu setzte, und was von Speis und Tranck noch überig, begierig verkostete. Da fande er dann einen solchen Geschmack, eine solche Süßigkeit, dergleichen er sein Lebtag niemahl verkostet; noch sich hätte einbilden können. Zu dem hatten seine Augen in Anschauung der unvergleichlichen Schönheit so wohl deren, die an der Tafel sassen, als des Orts; wie auch die Ohren in Anhörung der lieblichsten Music eine unaussprechliche Freud: also daß er nunmehr alle Schönheit und Ergötzlichkeit so auf der Welt kan erfunden werden, für ein lauteres nichts; und also für nicht werth hielte, daß man einmahl davon reden solte. Indem er nun aller Freuden voll war, und ihn gedunckte, er hätte kaum angefangen, an der Tafel zu sitzen, da kame der Verstorbene, so ihn zur Tafel eingeladen, zu ihm; stunde hinter seinen Sessel, und sagte ihm in das Ohr: Freund! es ist Zeit; daß du deinen Weeg zuruck nehmest an das Ort, wo du herkommen. Dann dieses Ort, wo du jetzt bist, gestattet denen sterblichen Menschen nicht, länger hier zu bleiben. Saume dich also nicht: dann das Pferd, auf welchem du herkommen, wartet deiner, um dich wiederum in dein Heimat zu führen. Allein der Gast beschwerte sich über diese unverhofte Ausbietung aus einem so glückseligen Ort, und sagte klagend: Wie? wilt du dann, daß ich schon wiederum weggehe; da ich mich doch kaum an die Tafel gesetzt? was ist das für eine Höflichkeit? Was für ein Freundstuck? wann ich allbereit eine oder andere Stund hier wär, wolte ich mich endlich so fast nicht beklagen. Aber da ich kaum ein oder anders Vatter unser lang hier bin, mich schon heissen wiederum weggehen; was für ein fremde Modi ist dieses? darum bitte ich dich, du wollest mich länger hier lassen. Es sagte ihm aber, der ihn eingeladen: Du hast es schon gehört: dieses ist ein Ort, allwo denen sterblichen Menschen nicht gestattet wird, länger zu bleiben. Behüte dich also GOtt; und nimme deinen Weeg zuruck. Wie der Gast gesehen, daß er nichts erhalten könnte, nahme er endlich Abschied, und bestiege das Schnee-weisse Pferd, so vor der Porten des Pallasts auf ihn wartete: welches ihn dann wiederum schnell durch allerhand unbekannte Weeg und Landschaften in sein Heimat zuruck geführt; und so bald der Gast davon abgestiegen, aus den Augen verschwunden ist. Es fande aber dieser Herr in seiner Heimat alles verändert. Dann an dem Ort, wo vorhin sein Haus stunde, war anjetzo ein ansehnliches Closter auferbauet. So kennete er auch keinen einigen Menschen aus denen, so ihm begegneten. Und im Gegentheil wolte ihn auch niemand von denen, so ihm begegnet kennen; noch von seinem Geschlecht, oder Namen im geringsten [230] was wissen. Das erweckte nun in ihm eine solche Verwunderung, daß er nicht wußte, was er gedencken, oder sagen sollte. Endlich geht er zur Obrigkeit des Orts, und bittet, man möchte doch in denen Jahr-Schriften nachsuchen, ob nicht dieses Geschlecht (so er auch nennte) vor Zeiten an diesem Ort berühmt geweßt? und ob nicht einer davon (da gabe er seinen Namen an) aus seiner Heimath in fremde Länder abgereißt wäre? man willfahrt ihm, suchet nach, und findet endlich, daß dieser Herr 200. Jahr von seiner Heimath weg gewesen. Idem Bidermann. loco citato.


Ewiger GOtt, wann 200. Jahr, so dieser Herr an der himmlischen Tafel zugebracht, ihme nicht länger seynd vorkommen, als wann es nur ein oder ander Vatter unser lang gewährt hätte; wie unaussprechlich muß dann die Freud im Himmel seyn? wie süß? wie erquickend? wie vollkommen? der Zucker aber dieser Freud ist, daß sie ewig währet; und kein Gefahr ist, selbige jemahlen zu verliehren: über welches der H. Augustinus also aufschreyt: O Reich der ewigen Seeligkeit! da wird seyn ein unendliche Freud, da wird seyn alles Gutes, und nichts Böses; dieweilen man da besitzt das höchste Gut. Gückseelig diejenige, welche zu so grosser Freud aus diesem Leben allbereit gelangt seynd. Soliloq. c. 35.

33. Exempel
Drey und dreyßigstes Exempel.
Unerhörte Christliche Standhaftigkeit eines Ehe-Herren auf das Zureden seiner Gemahlin.

Henricus, der achte dieses Namens, König in Engelland, nachdem er mit Catharina, seiner Gemahlin (so eine gar gottseelige, und mit allen Tugenden gezierte Fürstin war) lange Jahr in der Ehe gelebt, einen Königlichen Printzen und Printzessin erzeugt, vergasse seiner selbst so weit, daß er sich nicht allein in Annam Bolenam, eine freche und verbulte Person unehrbar verliebte; sondern auch Catharinam, seine rechtmäßige unschuldige Gemahlin, durch eine Ehescheidung von sich verstossen, und sich mit gedachter Anna Bolena offentlich, mit grosser Aergernuß des gantzen Königreichs, hat lassen zusammen geben. Diese seine unehliche Ehe zu beschönen, suchte er die vornehmste Herren seines Reichs, theils durch Versprechen, theils durch Trohungen dahin zu bereden, daß sie seine Ehescheidung als rechtmäßig möchten billichen und gutheissen. Zuvorderst aber suchte er auf seine Seiten zu bringen den Reichs-Cantzler, mit Namen Thomas Morus, einen nicht allein gelehrten und verständigen; sondern auch Ehr, Tugend, und Gerechtigkeit liebenden Mann. Dann so der König diesen Mann hätte bereden könne, daß die [231] Ehescheidung von ihm wäre gut geheissen worden, wurde er wenig darnach gefragt haben, was andere Unterthanen des Reichs dazu gesagt hätten. Demnach liesse ihn der König zu sich kommen, und versichert ihn nicht allein beständiger Königlicher Gnaden; sondern versprache ihm auch grosse Reichthum, wann er die Königliche Ehescheidung wurde gutheissen. Allein Morus entschuldigte sich, sagend: wie daß er solches ohne Verletzung seines Gewissens, und der Gerechtigkeit nicht thun könnte. Wurde Ihro Majestät sonst etwas von ihm begehren, so wollte er thun, was die unterthänigste Schuldigkeit eines treuen Unterthanen von ihm erforderte. Das verdrosse nun den König dermassen, daß er Morum liesse in die Gefängnuß setzen; in Hofnung, diesen Mann durch Schrecken auf seine Seiten zu bringen. Allein, weilen auch dieses umsonst war, liesse der König des Mori Ehe-Gemahlin, mit Namen Aloysia, zu sich kommen. Dero gab er Befehl, alles anzuwenden, daß ihr Ehe-Herr dem König in der Ehescheidung möchte beyfallen. Wurde er das thun, so sollte er aller Königlichen Gnaden versichert seyn. Widrigen Falls wollte er nicht allein alle seine Reichthum und Güter, sondern gar das Urtheil des Tods über ihn fällen lassen. Aloysia liesse ihr den Königlichen Befehl zu vollziehen auf alle Weiß angelegen seyn. Gienge demnach mit ihren Kindern zu ihrem Ehe-Herren in die Gefängnus; allwo sie ihn auf folgende Weis angeredt: »Ach mein liebster Ehe-Gemahl! in was Unglück seyd ihr, ich, und diese unsere liebe Kinder gerathen! vorhin waret ihr in grossen Ehren, und Ansehen; anjetzo in den verächtlichen, und elenden Stand eines Gefangenen. Vorhin stundet ihr bey dem König in Gnaden; anjetzo habt ihr einen Feind an ihm. O harter Unglücks-Streich, allein ihr könnet alles wiederum zurecht bringen, wann ihr nur wollet. Ihr dörffet nur die Königliche Ehescheidung gutheissen, so setzt euch der König nicht allein wiederum auf freyen Fuß, sondern versichert euch auf ein neues seiner vorigen Königlichen Gnaden. Sollet ihr aber wider alles Verhoffen euch nicht bereden lassen, so wisset, daß der König nicht allein alle euere Reichthum und Güter entziehen, sondern gar das Urtheil des Tods über euch wird fällen lassen. Ach! in was Unglück setzt ihr nicht allein euch selbst, sondern auch mich, und unsere liebe Kinder, wie? Mein liebster Ehe-Gemahl! werdet ihr dann zulassen, daß ich euch durch einen schmählichen Tod verliehren solle? Werdet ihr unsere Kinder zu armen verlassenen Waißlein machen? Werdet ihr zugeben, daß wir an den Bettelstab gerathen? Gedenckt doch, wie inniglich wir einander allzeit geliebt haben. Gedenckt an die Ehrerbietung, Liebe, und Gehorsam, so euch diese unsere Kinder erwiesen haben. Sehet, wie betrübt sie vor euch da stehen; wie ihnen die Zäher aus denen Augen schiessen: wie sie die Händ ineinander [232] schlagen: wie sie vor Leydwesen vergehen möchten. Ach! laßt euch doch bewegen, und gebet nicht zu, daß wir umsonst zu euch in diese Gefängnuß kommen seyen. Lasset uns nicht ungetröst von euch weggehen.« Dieses geredt, vergosse die gute Frau samt ihren lieben Kindern einen gantzen Bach der Zähern.


Ach GOtt! wie schnitten diese Reden dem guten Herren in das Hertz hinein! mit was Betrübnus sahe er seine liebe Gemahlin und Kinder an! Wie schosse ihm das Wasser in die Augen; aber dannoch liesse er sich durch dieses alles nicht überwinden, sondern hielte vest an GOtt, an sein Gewissen, und an die Gerechtigkeit. Also dann nach einem langen Stillschweigen redete er seine Gemahlin mit folgenden Worten an: Meine liebste Aloysia! ihr sagt mir wohl von des Königs Gunst, dafern ich nach seinem Gefallen reden sollte. Ihr sagt mir von anerbottenen Reichthumen, die ich zu geniessen hätte. Allein wie lang meynt ihr wohl, liebste Aloysia! daß ich solcher Dingen zu geniessen hätte? Aloysia antwortete: Mein Herr! euerer Leibs-Gesundheit und Stärcke nach wenigst noch 20. Jahr. Auf diese Antwort sagte Morus: So wolltet ihr dann, daß ich die Ewigkeit mit 20 Jahren vertauschen sollte? Wahrhaftig, Aloysia, ihr wurdet kein gute Käufferin abgeben. Wann ihr von etlichen 1000. Jahren gesagt hättet, wurde es sich vielleicht haben hören lassen, Aber nur 20. Jährlein; was seynd sie gegen der Ewigkeit? ein Schatten seynd sie, Nichts seynd sie. Darum bitte ich euch, ihr wollet mir nicht länger beschwehrlich seyn. Dann ihr sollet es nicht erleben, daß ich von GOtt, von meinem Gewissen, und von der Gerechtigkeit dem König zu gefallen, um ein Haar breit werde abweichen. Behüt euch dann GOtt, liebste Aloysia! behüt euch GOtt meine liebe Kinder! in seinen Schutz befehle ich euch. Dieser wird an meiner statt vätterliche Sorg für euch tragen. Noch einmahl: Behüt GOtt! im Himmel wollen wir hoffentlich einander wiederum sehen. Dieses geredt, entliesse er seine Frau samt denen Kinderen gantz trostloß von sich; bliebe beständig, und wollte lieber alles, als GOttes Gunst verliehren. Wie er dann auch seinen Kopf für die Wahrheit unerschrocken dargegeben, und der ewigen Seeligkeit zugeflogen ist. Staplet. in vita.


O mit was Wahrheit konnte dieser gottseelige Cantzler mit dem David sagen Psalm. 76. Die ewige Jahr seynd mir zu Gemüth kommen! In dero Betrachtung verachtete er alles, was zeitlich war. Und also solle es seyn. Was zeitlich ist, das vergeht, was ewig ist, das besteht. Alle Freud auf dieser Welt nimmt ein End, und muß man zuletzt bekennen, was dort geschrieben steht im Buch der Weisheit Cap. 5.Alles ist vorüber [233] gangen, wie ein Schatten. Nur die Freud in jener Welt hat kein End, sondern währet ewig, gleichwie im Gegentheil auch die Peyn ewig währet. O glückseelige Ewigkeit in der Freud; O erschröckliche Ewigkeit in der Peyn; und dannoch wartet aus beyden eine auf uns. Wie sollen wir uns dann lassen angelegen seyn, damit wir die glückseelige Ewigkeit erlangen.

34. Exempel
Vier und dreyßigstes Exempel.
Ein Officier will lieber durch des Henckers Hand das zeitliche, als durch den Tod in einer Todsünd das ewige Leben verlieren.

In dem Welt bekannten langwierigen Krieg, so die Spanier wider die Rebellische Holländer führten, wurde von jenen ein Holländische Stadt belagert, und mit Stucken so hart beschossen, daß sie auf die letzte nicht mehr im Stand war, dem Gewalt der Spanier länger zu widerstehen. Die eintzige Stadt-Thor verhinderten, daß der Orth noch nicht in der Spanier Händen ware. Demnach wurde von dem General der Spanischen Armee ein gewisser Officier, samt einem Hauffen Kriegs-Volck commandirt und beordert, die Stadt-Thor mit Gewalt zu erbrechen, und sich des Orths zu bemächtigen. Allein, nachdem einige von denen Soldaten, so die Stadt-Thor mit Axten aufgebrochen, und darauf in die Stadt hinein marschieren wollten, von denen Feinden, die sich hinter die Stadt-Thor verborgen hatten, erschossen worden; erschracke der commandierende Officier, so sich erinnerte, ein Todsünd auf sich zu haben, dergestalten, als sehe er vor ihm die Pforten der Höllen eröfnet. Weßwegen er sich nicht getraut durch die Stadt-Thor hinein zu marschieren; aus Forcht, er möchte auch erschossen werden. Wie nun die übrige Soldaten die Forcht ihres Officiers vermerckt, wollten sie sich auch nicht in die Gefahr begeben. Kehrten also mit ihm unverrichter Sachen wiederum in das Lager, wo die Armee war, zuruck. Als nun der General der Armee verstanden, daß der commandierende Officier seiner Schuldigkeit nicht nachkommen, und die Gelegenheit der Stadt sich zu bemächtigen, aus Zagheit versaumt, machte er ihm den Proceß, daß er sollte enthauptet werden. Wie der Officier auf die Richtstatt hinaus kommen, und nunmehr von des Henckers Hand den Streich empfangen sollte, seuftzete er, und bekennte offentlich, daß ihm von dem Marsch durch die Stadt-Thor hinein nichts anders hätte zuruck gehalten, als die Erinnerung einer Todsünd, die er weder gebeichtet, noch eine vollkommene Reu und Leyd darüber erweckt hatte. Das habe ihm dann eine solche Forcht eingejagt, daß er lieber habe wollen mit Hindansetzung aller Ehr, durch des Henckers Hand das zeitliche, als durch den [234] Tod in einer Todsünd das ewige Leben verlieren. Hermannus Hugo S.J. de Militia Equestri. l. 3. c. 1.


O wie erschröcklich ist es, in einer Todsünd sterben, dann das heißt sterben als ein Feind GOttes. Was hat ein solcher in jener Welt anders zu gewarten, als das höllische Feuer, mit welchem der erzörnte GOtt die Unbild, so seiner unendlichen Majestät durch ein Todsünd ist zugefügt worden, in alle Ewigkeit auf das empfindlichste straffen und rächen wird? O wie erschröcklich ist dieses, ich sage es noch einmahl: O wie erschröcklich!

35. Exempel
Fünf und Dreyßigstes Exempel.
Ein Todtschläger wird wunderbahrlich durch ein Gespenst verrathen, und der Justitz hoher Obrigkeit in die Händ geliefert.

Zu Stockholm, der Königlichen Residentz-Stadt in Schweden, liesse ein Metzger die Augen zu weit schiessen auf seine Dienst-Magd, dero er auch seine unziemliche Lieb auf allerley Weiß zu verstehen gab. Allein, weilen sie weit eines ehrlicheren Gemüths, als er war, danckte sie ihm kurtz ab, und gab ihm für ein und allemahl den Korb; es wäre dann Sach, daß er sie nach dem zeitlichen Hintritt seines Weibs ehelichen wollte: auf welchen Fall ihro sein Ansuchen nicht entgegen wäre, bis dahin aber sollte er ihm nur keinen Gedancken machen; wann er sich nicht vergeblich mit leerer Einbildung plagen wollte. Der Metzger liesse ihm diesen Schluß nicht übel gefallen. Allein die Metzgerin steckte in einer zähen Haut, und hatte nicht im Sinn, ihnen beyden zu Lieb früher zu sterben. Was dem Metzger etlicher massen eine Hofnung machte, ihrer villeicht bald abzukommen, ware die Pest, welche selbiger Zeit starck in der Stadt eingerissen, und sich allbereit auch in seiner Gassen angemeldt hatte. Allein in sein Haus wolte sie nicht kommen, wie sehr er es auch verlangte. So beschlosse er dann aus Eingebung des bösen Feinds, selbst die Pest zu seyn, und ihr in der Still den Garaus zu machen. Er liesse eine Todten-Bahr zurüsten, um sich dero im Fall der Noth zu bedienen, und wartete jetzt nur auf Gelegenheit seinen boßhaften Anschlag ins Werck zu richten. Eines Tags gienge das gute Weib, weil sie sich was übels auf befande, etwas frühers schlaffen: der Knecht und Magd waren zu allem Unglück nicht vorhanden; er aber in der Stuben gantz allein. Da gedunckte es ihn dann, jetzt Zeit zu seyn, die vorhabende Mordthat zu vollbringen. Schliche derohalben zur Bethstatt hinzu; und wie er spührte, daß das Weib in vollem Schlaf begriffen, spaltete er ihr mit einem Beil die Hirnschal entzwey. Wischte darauf das Blut sauber ab; zoge das Beth [235] neu gewaschen über; legte den Leichnam in die schon vorher bereitete Todten-Bahr; schobe sie für sein Haus-Thür hinaus, damit sie von denen dazu bestellten Todten-Gräbern vor Tags möchte abgeholet, und samt anderen an der Pest Verstorbenen begraben werden. Des anderen Tags sprengte er ein Gerücht aus, die Pest habe urplötzlich sein liebes Weib hingerissen; vergosse zum Schein etliche Zäher; beweinte aber nichts mehrers, als daß er sie nicht schon längst habe beweynen können. Nunmehr ware das ehliche Band durch den Tod zerrissen; die Alte in die Vergessenheit gestellt, also, daß kein Hahn mehr nach ihr krähete: und wußte den Mord Niemand, als der Thäter, und der Allwissende GOtt. Drauf hin legte er bald die Klag ab; liesse ihm sein Magd ehlich trauen, und machte sie zu einer Frau; dero gantze Aussteuer die Jugend, und die Reue die Morgen-Gaab war. Sie hauseten miteinander nicht gar lang, da wurde ihnen aus gerechtem Urtheil GOttes der gute Muth übel genug versaltzen. Dann ein erschröckliches Gespenst fienge an, das Haus zu beunruhigen; absonderlich aber setzte es dem Metzger zu; tribe ihm manche Nacht den Angst-Schweiß aus, und zwange ihn endlich gar, ein anders Haus zu beziehen, ob er schon auch allda wegen seines bösen Gewissens wenig Ruhe fande. Unterdessen wurde zu Stockholm ein Reichs-Tag ausgeschriebe, und die gantze Stadt wegen des grossen Zulaufs mit Fremdlingen angefüllt. Unter anderen verfügte sich auch dahin eine edle Wittib; welche aber reicher an Tugenden, als an Geld-Mittlen war. Dahero, weil sie kein andere Herberg, als um gar grosses Geld haben konte, bezoge sie das verschreyte Haus des Metzgers, welches noch allein unter allen anderen unbewohnt da stunde. Man verhielte ihr zwar nicht, wie es darinn zugienge; sie aber liesse sich nicht schröcken; mit Vermelden: GOtt, welcher der armen Wittwen Beystand seye, werde ihr kein Leyd widerfahren lassen. So miedete sie derohalben um ein schlechtes gedachte Behausung, und begabe sich was frühzeitiges zur Ruhe. Ohngefähr um Mitternacht herum hörte sie vor der Stuben-Thür ein Getümmel: Woraus sie leicht konte abnehmen, wie vil es geschlagen. Waffnete sich also mit dem Gebett, und wolte des Ausgangs erwarthen. Bald hernach wird die Thür mit einem lauten Schnall eröffnet; und der Polder-Geist platzte mit Ungestümme hinein; rumpelte die Stuben auf und ab; warffe eines hin, das andere her, und erzeigte sich wild genug. Die gute Edel-Frau, so viller Streich sie sich zuvor ausgethan, erschracke hierüber nicht wenig; hielte sich Mäußle-still, und das Gesicht gegen der Wand: Erneuerte doch bald wiederum ihr Vertrauen auf GOtt, und liesse dem Gespenst sein Wesen: welches dann nach langem Toben zur Stuben-Thür wiederum [236] hinaus gewischt und verschwunden. Der Wittfrauen aber wurde nicht mehr, als daß sie einen eintzigen Blick unter der Beth-Deck herfür thate, und eines wüsten Abentheuers gewahr wurde; nemlich der Gestalt eines Weibs mit gantz blutigen, und zerspalteten Kopf. Die nächst-folgende Nacht stellte sich das Gespenst noch mit grösserer Ungestümme ein. Weilen selbiges aber die vorige Nacht der Frauen kein Leyd zugefügt, nahme sie das Hertz, und redete es mit den Worten des Psalmisten an: Alle gute Geister loben GOtt den HErren. Psalm. 150. Das Gespenst antwortete mit tieffer Stimm: ich bin ein guter Geist, und lobe GOtt den HErrn. Die Wittfrau fragte weiters: bist du ein guter Geist, warum haltest du dich dann also ungestümm, und in so wüster Gestalt in diesem Haus auf? Hierauf fienge der Geist an, den gantzen Verlauf zu erzählen. Das (sagte er) ist mein Leib: und ich ware bey Leb-Zeiten die ehliche Haus-Frau des Metzgers, deme das Haus gehört. Lange Jahr hab ich mit ihm friedlich gehauset, bis er meines Alters halber an mir einen Verdruß geschöpft, und sich an meine Magd gehänget, die er jetzt würcklich zum Weib hat. Dahero meiner desto eher abzukommen, hat er mir im Schlaf das Haupt, wie du sihest, mit einem Beul gespaltet, und hernach vorgeben, ich seye gähling an der Pest gestorben: in welcher Meynung ohne weiteres Nachdencken man mich auch begraben hat. Aber von der Zeit an kan der Leib nicht ruhen, bis der grausame Mörder von der Obrigkeit seinen gebührenden Lohn empfangen hat. Darum bitte ich dich: gehe den graden Weeg Morgens hin, und zeige solches der Obrigkeit an, damit dieses Haus von mir befreyet, und ich zu meiner Ruhe gelangen möge. Die Wittfrau erzeigte grosses Mitleyden: sagte aber hinwieder: sie wolte es zwar gern thun; sehe aber nicht, wie sie bey der Obrigkeit wurde Glauben finden. Solte sie dann den Metzger in einer so schweren Sach, die Leib und Leben antreffe, verschreyt machen, därfte es ihr übel genug gehen.Wohlan, sagte das Gespenst: ich will machen, daß man dir glauben wird. Begehrte darauf von der Wittfrauen, sie solte ihren Pettschier-Ring von dem Finger abziehen; solchen in die offene Hirnschal hinein werffen, und mit ihrem Haupt-Tuch verbinden; alsdann das Grab (das sie ihr zugleich anzeigte) lassen eröffnen; und sich auf ihren Ring beruffen. Und weil man ihn ihrer Aussag gemäß in der Hirnschal finden werde, so werd auch die Obrigkeit ihren Worten Glauben zumessen. Die Wittib laßt sich überreden; zieht den Ring von dem Finger ab; das Gespenst neigt den Kopf gegen ihr; sie wirft den Ring in die zerspaltene Hirnschal hinein; und nachdem sie dieselbige (welches wohl ein keckes Stuck [237] von einem Weibsbild geweßt; die tausendste wurde ihr nicht trauen) mit ihrem eigenen Haar-Tuch zusammen gebunden, nahme das Gespenst Urlaub, und veschwande. So bald es Tag worden, verfügte sich die Wittfrau zur Obrigkeit; zeigte an, was sich zwischen ihr, und dem Gespenst verwichene zwey Nächt begeben hätte, und gabe den Metzger für den Thäter an. Batte zugleich auch, man solte hinschicken, der Metzgerin Grab lassen eröffnen, so werde man zum Wahrzeichen ihren Pettschier-Ring in der Hirnschal des todten Cörpers finden: einen anderen Zeugen habe sie vor diesmahl nicht. Die Herren des Raths sahen einander an; und so wunderbarlich ihnen die gantze Sach vorkame, konten sie doch nicht glauben, daß eine fremde, ehrliche Matron, die etwann zuvor ihr Lebenlang den Metzger nicht gesehen, dieses aus ihrem Kopf solte herausspinnen. Müsse also etwas an der Sach seyn, bevorab, weil sie sich auf eine so unfehlbare Zeugnuß beruffe. Schickten derohalben hin; liessen durch gewisse hierzu verordnete Personen das Grab eröffnen; und fanden mit höchster Verwunderung alles, wie die Wittfrau ausgesagt hatte. Der Metzger, der ihm nichts weniger traumen liesse, wird in Verhaft genommen; vor Gericht gestellt; bekennte ohne weitere peynliche Frag seine Missethat, und batte allein um Verzeyhung, und um ein gnädiges Urtheil. Man machte mit ihm nicht vil Wesens; faßte bald ein Urtheil ab; übergabe ihn dem Scharf-Richter; der ihn dann durch den Weeg, den alle Dieb und Mörder lauffen müssen, aus dieser in die andere Welt geschickt hat. Mithin ist auf solche Weis der Gerechtigkeit ein Genügen geschehen, und das Haus seines Polder-Geists los worden.Ex Erasmo Francisci, in dem 1. Theil seiner lustigen Schau-Bühne am 916. Blat.


Was für wachtbare Augen hat nicht die göttliche Gerechtigkeit über die Todtschläger! und wie wunderbarlich pflegt sie selbige zu verrathen, und mithin in die Händ der Justitz auf Erden zu lieferen! es muß nemlich erfüllt werden, was GOtt gedrohet hat Genes. 9. mit diesen Worten: wer Menschen-Blut vergießt dessen Blut soll auch vergossen werden. Dann der Mensch ist nach dem Ebenbild GOttes erschaffen. Solches Blut schreyt Rach gen Himmel, und laßt nicht nach zu schreyen, bis dem Todtschläger mit gleichem vergolten worden. Wenigst geschiehet es insgemein. Und wo der Todtschläger nicht am Leben gestraft wird, wird er doch sein Lebtag kein Glück haben.

36. Exempel
[238] Sechs und dreyßigstes Exempel.
Einen untreuen, Geld-gierigen, und noch darzu mit bösem Gewissen auf sich selbst fluchenden Wirth, führt der Teufel lebendig durch den Luft hinweg.

Zu Spandau, einer Stadt in Brandenburg, kame einstens ein fremder Soldat an, und kehrte in einem der besten Wirths-Häusern ein. Es war ihm aber mehr um die Ruhe, als um Essen und Trincken zu thun; weilen er sich etwas übel befande: Kame im übrigen wohl bekleidet auf einem dapfern Pferd daher, und führte ein Felleisen nach sich, welches ihm um etlich 1000. Gulden nicht feil war. Ist wohl zu glauben, er werde sich auf das Beutmachen meisterlich verstanden haben. Dem seye aber, wie ihm wolle: Wenigst hatte er braf Geld, und durfte auch in einem Wirths-Haus einkehren, wo man denen Gästen einen silbernen Löffel vorlegt. Allein es gelustete ihn, weder aus Silber, noch aus Zinn viel zu essen: Dann die Kranckheit nahme überhand, und warfe ihn nach wenig Tägen gar in das Beth. Was wollte er nun anfangen? Er war in der Fremde; kein eintziger bekannter Mensch vorhanden, der sich seiner annehmen, oder Hilf leisten konte. Der Wirth, dem allgemach schon Angst um die Zech ware, machte saure Gesichter, und wünschte, daß er bezahlt; sein Gast aber im Himmel, oder anderstwo wäre. Man truge nimmer so wohl zu Essen und Trincken auf, wie zu vor; gienge auch mit dem Herrn-Titul gesparsamer um. Die gute Wort waren so theur, als der Wein: und wo der Wirth zuvor selbst kommen, und aufgewarthet, schickte er jetzt nur seinen Haus-Knecht. Sahe also der gute Soldat wohl, daß er müßte andere Saiten aufziehen, wann er einen freundlichen Wirth haben wollte. Hingegen erzeigte sich die Wirthin noch etwas mitleidigers gegen ihm; und wo ihr Mann einen Holtzbock spielte, brachte sie den Fehler mit einer bescheidentlichen Manier wiederum herein. Deswegen berufte er eines Tags die Wirthin zu sich, und bate sie, kein Mißtrauen der Bezahlung halber auf ihne zu setzen; dann es ihme, GOtt Lob, an Geld nicht mangle, alle bishero angewendte Unkosten, und was noch ins künftig aufgehen möchte, mit Danck abzustatten. Ja, wann er ihrer Treu versichert wäre, wollte er ihr unterdessen ein solches Pfand einsetzen, wormit sie gäntzlich wurde zu frieden seyn. Und mit diesen Worten zoge er einen mit Geld wohl gespickten Sack herfür, welchen seine schwache Händ kaum mehr erheben konten. Frau Wirthin! sagte er: Nehmet hin diesen Sack mit Geld unterdessen in euere Verwahrung, und behaltet ihn zu einem Unterpfand meiner Erkanntlichkeit. Stirb ich, so ist die Zech schon bezahlt: Komme ich aber [239] wie derum auf, so sollt ihr wegen euer mir geleisteten guten Verpflegung eine schöne Verehrung davon haben. Die Wirthin, wie sie diesen Willkomm gesehen, bedanckte sich gar höflich seiner Zuflucht halber: Verpfändete hingegen Treu und Eyd, das Geld in fleißige Verwahrung zu nehmen: Und was er mehr wolle: Sie werde es ihr lassen angelegen seyn, als wann es ihr eigenes Gut wäre. Dieses geredt, wischte sie flugs mit dem Sack dem Winckel eines Kastens zu.

O du einfältiger Tropf! was hast du gethan? Die Wirthin wird ihro freylich den Sack lassen angelegen seyn, als wann es ihr, nicht aber dein Geld wäre. Hättest doch wenigst in Beyseyn anderer ihr das Geld eingehändiget; damit du für allen Fall köntest Zeugen herstellen. Jetzt ist wohl zu sorgen, du habest es das letzte mahl gesehen.


Wie der Sack von der Wirthin in die Verwahrung genommen worden, zeigte sie dem Mann auch etwas davon an, und ermahnte ihn, gegen dem Soldaten ins künftig freundlichere Gesichter zu machen, wann er ihm von diesem Geld etwas zu erhaschen eine Hofnung machen wolle. Als aber der Wirth gehört daß der Sack nur auf Wiedergeben vorhanden wäre, wollte er sich darauf nicht verstehen; sondern befahle seinem Weib, alles in höchster Geheimnuß zu halten, und ohne sein Wissen und Willen den Sack nicht mehr aus den Händen zu lassen. Aber diese Gedgierigkeit ist dem Böswicht bald genug versaurt worden. Dann der Soldat fienge unterdessen an, widerum zu genesen, und erholte sich innerhalb etlich Tägen so weit, daß er seine Reise konte ferners fortsetzen. Begehrte demnach von der Wirthin sein Geld, und daß man ihm die Zech sollte machen. Das arge Bein thate dergleichen, als hörte sie es nicht; wendete die Red anderstwo hin, und wischte zur Stuben hinaus zu dem Wirth, dem sie still in ein Ohr sagte: Der Soldat wolle sein Geld haben: Was jetzt zu thun seye? Dieser gantz gewissenlose Mann befahle ihr, sie sollte laugnen, daß sie jemahl einen Kreutzer von ihm empfangen hätte: Er wollte bald da seyn, und ihr an die Hand gehen. Sie kommt dem Befehl nach: Und wie der Soldat abermahl, was er schuldig, zu wissen begehrte: Macht sie ihm, mit Erzeigung grosses Leidwesens, die Zech; welche (wie leicht zu ermessen) auf ein ziemliches hinauf geloffen. Als er aber noch einmahl Meldung that seines Gelds, und solches von der Wirthin forderte, damit er zahlen könnte, verwunderte sie sich anfangs: Was für ein Geld? Sie hätte von ihm kein Geld bishero empfangen; hoffe aber jetzund, eines einzunehmen. Da gienge dem Soldaten gleich grün und gelb vor den Augen um. Ey! Frau Wirthin (sprach er) ihr habt ja kein so schwache Gedächtnuß, daß ihr euch nicht solltet zu erinneren wis sen, jenes Sacks voll Gelds, den ich euch [240] erst vor 6. Wochen, da meine Kranckheit wollte überhand nehmen, zu mehrerer Versicherung aufzubehalten anvertraut hab? Da stiege der Wirthin wie einer Indianischen Hennen, der Zorn in den Kopf; fienge an, zu widersprechen, und mit allerhand Schmach-Wort zuzuwerfen, und hoch zu betheuren, sie wußte von seinem Geld nichts; sondern wollte jetzt Geld von ihm haben. Was? Sagte der Soldat dargegen: Seyd ihr ein solche? Wollt ihr mein Geld ablaugnen? Und weil sie also mit einander stritten, kame der Wirth darzu: Und nach verstandener Sach, nachdem man zu beyden Theilen die Schmach-Glocken wacker gelitten, Schelm und Dieb durcheinander geworfen, stiesse er mit Hilf seines Knechts den Soldaten die Stiegen hinab, und zum Haus hinaus. Die Unbild thate diesem ehrlichen Soldaten so wehe, daß er sich nimmer enthalten können. Entblößte derohalben den Degen; führte damit einen Stoß nach dem Wirth, und wurde ihn ohne allen Zweifel durchgestochen haben, wann nicht jener entzwischen die Haus-Thür zugeschlagen hätte, und der Stich so tief in die Thür gangen wäre, daß der Degen darinn stecken geblieben. Da wurde alsbald Lermen. Der Soldat donnerte und hagelte vor der Thür; der Wirth und Knecht drinnen im Haus; die Wirthin lieffe unter das Fenster; schluge die Händ ober dem Kopf zusammen; rufte die Benachbarte um Hilf an: Der Mörder, der Soldat wolle ihr das Haus stürmen, und ihren Mann ums Leben bringen. Man lauft zu: Es kommen die Schergen; nehmen dem Soldaten das Gewehr, und führen ihn, ohne viel krummes zu machen, fort in die Gefängnuß.

Das ist nunmehr ein feiner Handel. Wer wirds aber gewinnen? Der Soldat? Oder der Burger? Man wird Wunder hören: Es wird noch seltsam hergehen. Unterdessen, da der Soldat in der Gefängnuß lage, kame der Wirth mit seinen Zeugen für Rath: Forderte den Soldaten für Gericht, und strengte die Klag hart wider ihn an. »Wie daß er diesen Leut-Betrüger so und so viel Wochen in seiner Behausung unterhalten, mit seiner und der seinigen höchsten Ungelegenheit; denselbigen auf das fleißigist bedient; weder an Speis und Tranck, noch an Artzney, wie es der Artzt verordnet, ihme was ermanglen lassen: Zum Danck aber nichts, als Schand und Schaden davon getragen hätte; indem dieser lose Gesell gantz verschlagener Weis auf einen List gedacht: Und damit er ohne Bezahlung möchte davon kommen, ein Stuck Geld von seiner Haus-Frauen, unter dem Vorwand, als wann er ihr solches bey währender Kranckheit hätte aufzubehalten geben, keinen Scheu getragen zu fordern; und also ihn und sie eines Diebstahls bezüchtiget, und zum höchsten Nachtheil seiner Wirthschaft das Haus übel verschreyt gemacht.

[241] Ueber das, zu geschweigen der groben unerträglichen Schmach- und Schelt-Worten, habe er Gewalt gebraucht; den Degen würcklich entblößt, und einen Stoß auf sein eigne Person nach dem Leben geführt; solches ihme auch unfehlbar wurde benommen haben, wann der Degen nicht zu allem Glück in die vorgeschützte Haus-Thür gangen wäre, dermassen starck, daß er auch darinnen stecken geblieben. Woraus die Herren Richter und Rath ohnschwer zu erachten hätten, was durch diese, und vorhin gemelte Frevel-That einem ehrlichen Burger für Schand, Spott, Schaden, und offentlicher Gewalt wäre angethan worden. Solches alles seye zwar der gantzen Nachbarschaft bekannt; habe doch zum Ueberfluß gegenwärtige Zeugen wollen mit bringen, des ferneren Anbietens, wann es die Noth erfordert, hierüber einen leiblichen Eyd abzulegen.

Jetzt seye er da: Begehre billichen Abtrag, und das Lob und guten Namen, den er bishero bey der gantzen Stadt, und allen Ausländern unversehrt erhalten; dieser Ehrlose Mensch aber nicht ein wenig zu schmäleren sich unterstanden, wiederum abzuholen. Bitte derohalben unterthänigst den Hoch-Ehrsamen Rath, dasjenige bey gegenwärtigem Streit-Handel vorzunehmen, was Urtheil und Recht vermag; damit ehrliche Burger an ihrem Haab und Gut schadlos; an guten Namen ungekränckt, in Fried, Ruhe, und Sicherheit forthin vor dergleichen Land-Fahrern, Maus-Köpfen, und Leut-Betrügern verbleiben mögen.«


Solche Klag brachte er mit grossem Ernst, und Nachdruck der Worten, theils durch einen Beystand, theils selbst mündlich vor.

Dem armen Soldaten hätte entzwischen das Hertz im Leib zerspringen mögen vor Unmuth, als er hörte, auf was für Schraufen man die Lugen stellte. Als man ihm befahle, sich zu verantworten, bemühete er sich zwar, zu behaupten, daß er einmahl der Wirthin einen Sack mit Geld aufzubehalten anvertraut hätte: Allein es war alles umsonst und vergebens, was er immer sagte. Dann, neben dem, daß er viel einen spitzigeren Degen, als Zungen hatte, und also dem Beystand des Wirths mit Worten nicht gewachsen ware, wußte er des Gelds halber keinen Zeugen zu nennen. Das Vor-Urtheil stunde für den Wirth, daß er ein redlicher aufrichtiger Mann; er aber ein Fremdling und Soldat wäre: Bey dergleichen Leuten aber seye es nichts neues, daß sie allerhand listige Stücklein ersinnen, die Zech ohne Geld zu bezahlen. Zu dem, daß er den Wirth und sein Weib mit Schmach-Worten an ihren Ehren grob angetastet; über das den Degen über ihn gezucket, und würcklich einen Stoß nach dem Leben geführt hätte, konte er nicht laugnen; dann die Zeugen stunden darum da. Hatte also der gute Soldat einen verlohrnen [242] Handel: Wurde wiederum in die Gefängnuß geführt, und härter verwahrt, als zuvor: Dem Wirth hingegen die Vertröstung gegeben, die Sach wurde bald einen Ausgang gewinnen. Wormit er dann wohl zufrieden sich nach Haus begeben. Darauf hin liesse der Stadt-Rath den gantzen Handel schriftlich verfassen, und überschickte ihn einem höheren Gericht, um darüber den endlichen Ausspruch und Urtheil zu gewarthen. Weilen derohalben kundbar, daß der Soldat offentliche Gewaltthätigkeit verübt, und etwann sonst was hoch angezogen worden, ergienge das Urtheil, daß er das Leben verwürckt hätte: Und wurde noch dazu in den Befehl hinein gesetzt, ohne Verlust der Zeit die Vollziehung des Urtheils zu beschleunigen. Ware also mit dem unschuldigen Soldaten geschehen, und hatte die Bosheit abermahl über ihre Feind den Fahnen geschwungen.


Aber nur nicht zu frühe lamentirt über die unglückhafte Verhängnuß dieses Menschens. Die Richter haben geurtheilt, wie sie es befunden, und für billich erkennt: Es ist aber noch ein Richter im Himmel, der auch die Richter richtet. Die unschuldige Susanna hat einen Vorsprecher gefunden an dem jungen Knaben Daniel, eben dazumahl, als man sie zur Richtstatt hinaus führte: Unser Soldat wird auch jemand finden, der ihm das Wort führe, ob er ihn schon nicht gesucht hat.

Die Nacht zuvor, ehe dieses unschuldige Blut von dem Geitz und Falschheit des Wirths sollte gestürtzt werden, erschiene dem Soldaten der böse Geist: Deutete ihm an, was Morgen für ein heisses Blut-Bad auf ihn warte; erzeigte beynebens ein grosses Mitleiden gegen ihm. Ich weiß (sagte er) daß du unschuldig bist; ich will dir aber noch helfen; wann du dich mir mit Leib und Seel verschreiben willst. Der Soldat erschracke anfangs über die massen ob der Ankunft dieses fremden Gasts, der so fein in der Stille zur verschlossenen Thür hinein kame. Wie er sich aber etwas erholet, antwortete er folgender gestalt:Packe dich fort, du verfluchter Geist: Behüte mich mein GOtt darvor: Das thue ich in Ewigkeit nicht. Hab ich bishero GOTT nicht gedient, wie ich hätte sollen, so mag ich doch dem Teufel auch nicht dienen. Packe dich fort: Ich brauche keinen solchen Beystand. Der böse Geist liesse sich darum so leicht nicht abwendig machen; sondern wendete dargegen ein: Er sollte gleichwohl auch bedencken, das Leben seye lieb, und einem ehrlichen Soldaten ein grosser Spott, also schandlich unter des Henckers Händen sterben müssen. Wann er aber je sich zu unterschreiben Bedencken truge, sollte er ihm aufs wenigst etwas von seinen Kleidern, oder sonst was verpfänden. Der Soldat zeigte sich standhaftig, und sagte hinwieder; Nein: Auch das thue ich nicht. [243] Wann du einmahl den Zaum hättest, wurdest du auch das Roß wollen haben. Lasse mich mit fried. Ich bin nicht der erste, der unschuldiger Weis gestorben; werd auch nicht der letzte seyn. Ich bedarfte deiner Hilf nicht: Will dir schon ruffen, wann ich dich haben will. Allein der listige Satan setzte noch nicht aus; sondern machte es in der Gefängnuß, wie der Fuchs in der Hennen-Steig. Wann dieser zwey Hennen nicht wohl tragen kan, siehet er aufs wenigst, wie er eine davon bringe. Sagt also zu dem Soldaten: Nun dann, so seye es: Ich begehre nichts von dir. Du erbarmest mich aber: Und damit dein Unschuld an Tag komrne, will ich dir umsonst, und um nichts beystehen, und dir wiederum zu deinem Geld, und auf freyen Fuß helfen. Morgen, wann man dich offentlich für Gericht stellen wird, das Hals-Urtheil anzuhören, will ich unter den Zuseheren auch auf dem Rath-Haus erscheinen. Wann man dir alsdann nach Lands-Brauch einen Beystand erlauben wird, der noch ein gutes Wort für dich rede, so begehre mich: Ich will dir den Handel gewinnen. Damit du mich aber aus dem Hauffen erkennest, werd ich einen blauen Hut und Federn auf haben. Seye wohl gemuther: Es wird alles glücklich ablauffen. Der Soldat wollte auch nicht recht ja sagen. Jedoch war ihm das Geld lieb; sein ehrlicher Namen aber, und Leben noch lieber. Weil er also aus Einfalt, und einer Unwissenheit, die er in solchen Umständen nicht zu vermeiden wußte, darvor gehalten, es seye ihm nicht verbotten, des bösen Feinds Anbieten (bevorab, weil dieser keinen Zins von ihm forderte) anzunehmen, sagte er gleichwohl zu, er wolle sich Morgen seiner Hilf bedienen; jedoch mit diesem Beding, daß er für solchen geleisteten Dienst nicht das geringste zu gewarten haben sollte. Und bey dieser Abred ist es geblieben: Worauf der böse Feind auch gleich verschwunden.


Des anderen Tags erschienen zu bestimmter Zeit die Richter auf dem Rath-Haus. Der Wirth mit seinem Anhang stellte sich bey Zeiten ein. Desgleichen wurde auch der Gefangene in Band und Eisen fürgeführt, das Urtheil des Tods anzuhören. Der fremde Beystand im blauen Hut liesse sich unter dem Hauffen des zulauffenden Volcks auch sehen. Nach etlichen gebräuchlichen Ceremonien fragte der Blut-Richter, ob er des jenigen noch ingedenck und geständig wäre, was er schon vorhin in der gerichtlichen Verhör bestanden? In gleichem auch, wann er sonst etwas zu seiner Rechtfertigung vorzubringen hätte, sollte ihm solches in Gegenwarth erlaubt seyn; Sollte es aber nicht lang machen.

Der Soldat gabe mit kläglicher Stimm zu verstehen, wie daß er ja freylich noch etwas vorzubringen hätte: Weilen er aber der Red-Kunst [244] unerfahren, und besser mit Pulver und Bley, also mit Rechts-Händlen umzugehen wüßte, wollte er gebetten haben, man möchte ihm (wie auch anderen diese Gnad wiederfahren) einen aus denen anwesenden Herren um Beystand anzusprechen, großgünstig gestatten. Welches als man ihm bewilliget, erwählte er zu solchem Amt obgedachten Fremdling mit dem blauen Hut. Der sich dann auch nicht lang weigerte; sondern, nachdem er zum Schein sich mit dem Soldaten auf der Seiten ein wenig unterredet, tratte er behertzt in die Mitte, machte denen Richtern einen Reverenz, und fienge sein Red fast auf folgende Gestalt an.


»Wann mir so leicht wäre, für den Beklagten Wort zu finden, als schwer mir fallt, die Unbilligkeit des Anklägers zu verbeissen, wollte ich euch mit einer langen Red nicht überlästig seyn. Weilen es aber um unschuldiges Blut zu thun ist, werdet ihr mich hoffentlich nicht verdencken, wann ich die nothwendige Beschützung etwas weitläufigers vortragen werde.

Ihr habt gegenwärtigen Beklagten zum Tod verurtheilt: Mit was Recht und Billigkeit, gibe ich euch selbst zu erachten. Des Anklägers Arglist (verzeihet mir, daß ich also rede) hat euch hintergangen. Bin aber vergwißt, ihr werdet nach verstandener Sach auf andere Gedancken gerathen, und nicht zugeben, daß die Unschuld ferners unterdruckt, und die falsche Auflag gehandhabet werde. So viel ich kürtzlich Nachricht erhalten, besteht die geführte Klag wider den Soldaten hauptsächlich in 3. Puncten. Erstlich, daß er schelmischer verschlagener Weis ein Stuck Geld, unter dem Schein eines Pfands, an die Wirthin gefordert; und also eines Diebstahls sie verdächtig zu machen getrachtet. Fürs andere, daß er so wohl die Wirthin, als ihren Mann, ehrlichen Burger, und bey männiglich beliebten Gastgeb mit Ehrenrührischen Schmach- und Schelt-Worten angetastet. Drittens (und das, ihm den Hals bricht) den Degen über den Wirth gezuckt, einen Stoß nach dem Leben geführt; und also offentliche Gewaltthätigkeit verübt habe. Welches alles glaubwürdig zu machen, werden Zeugen, nicht nur ein und der andere, sondern die gantze Nachbarschaft beygebracht. Arglistig und verschrauft genug: Ueber die massen treflich alles eingefädlet. Aber ein Gespunst von lauter schwachen Faden, welcher nicht genugsam, dem armseeligen Soldaten einen Strick daraus zu spinnen; und den ich auf einmahl zerreissen will.


Von dem letzten und vornehmsten anzufangen, laugnen wir nicht, daß der Soldat den Degen über den Wirth gezuckt habe. Ist aber nicht zu beweisen, daß er am ersten Gewalt gebraucht; wohl aber, daß er Gewalt mit Gewalt abgetrieben: Nachdem er nemlich (wie ich hernach [245] erweisen werde) gewaltthätiger Weiß beraubet; von dem Wirth und dessen Knecht, wie ein anderer Schelm und Dieb, erstlich die Stiegen hinab, und alsdann gar zu dem Haus hinaus gestossen worden. Und solle es hernach ein Wunder seyn, wann ein ehrlicher Soldat nach solchem erlittenen Schimpf und Unbild den Degen entblößt? Ein Soldat fechtet mit dem Degen, ein Weib mit dem Maul.


Man möchte aber vorwerffen, er habe einen Stoß mit dem Degen geführt. Ich frage: auf wen? Ich bekomme zur Antwort: auf den Wirth. Ich frage aber wiederum, warum nicht auf seinen Knecht? Wann der Stich auf den Wirth vermeynt geweßt, wurde er gewißlich nicht eben gewartet haben, bis die Thür verschlossen, und er nimmer konnte zukommen. Daß er aber erst alsdann vom Leder gezogen, hat er Schanden halber, wegen des zulauffenden Volcks thun müssen: damit man ihn nicht für ein Ledfeigen hielte, und vermeynen dörfte, als hätte er gar keinen Degen in der Scheid.


Seye ihm aber also, daß der Stoß auf den Wirth an gesehen gewesen, was einer für eine Meynung gehabt habe, darüber pflegt der Richter nicht zu urtheilen, wie ihr selbsten wisset: wann nur im Werck kein Schaden weiter zugefügt wird. Nun aber ist die Wunden der Haus-Thür, und nicht dem Wirth zu Theil worden; welche in Wahrheit so groß und gefährlich nicht ist, daß der Schaden nicht mit wenig Kreutzern möge abgetragen werden. Wann also der Beklagte (wie ich erwiesen) nur gezwungener und getrungener Weiß, und zwar nur um sich zu schützen, darein gangen, und den zuvor erlittenen Gewalt mit Gewalt abgetrieben: wann er den Wirth zu beschädigen nicht vermeynt, wenigst nicht beschädiget hat; so sihe ich nicht, warum man ihm deßwegen das Leben absprechen könne: es wäre dann in eueren Rechten ein Hals-Verbrechen, einer höltzernen Thür einen Stich geben, der nicht blutet: worfür ich euch sorgen lasse.


Aber auf den mittlern Puncten der Klag zukommen, daß er den Wirth, einen ehrlichen Burger, und bey männiglich beliebten Gastgeb, mit Schmach- und Scheltworten an seinen Ehren angetastet, kan seyn: will hierinn meinem Gegner nicht widersprechen. Aber wann? nachdem nemlich die Wirthin schon zuvor mit Schelmen und Dieben grob genug zugeworffen, und der Wirth ihrer losen Goschen mit dergleichen schönen Ehren-Titulen Beyfall gethan. Wie man in den Wald hinein schreyt, geht der Hall wiederum heraus. Wann sie aber je so unschuldige und ehrliche Leut seynd, frage man dann die Wirthin, was sie, nicht unlängst aus des Soldaten Kammer getragen? Wessen ist dann [246] der in dem Winckel eines grün angestrichenen Kastens, gleich gegen dem Beth über in der Kammer stehender, von Gelt angefüllter, und mit fremdem Insiegel verpetschirter Sack, wann er des Soldaten nicht ist? und du Ehrenvoller (ob GOtt will) bey männiglich beliebter Mann, sage mir her: was hast du ungefehr vor einem Monath, wie der Soldat sich wieder zu erhohlen angefangen, dich mit deinem Weib einmahls lang in die Nacht hinein unterredet; als wie du sein Geld dir eigen machen, und ihm mit Gift oder sonsten das Leben nehmen könntest; letztlich aber, sicherer zu gehen, beschlossen, und deinem Weib das Geld abzulaugnen befohlen hast? ist es nicht wahr? kanst du es laugnen, hast du nicht eben zuvor, ehe der Tumult angangen, diesen deinen Befehl wiederhohlt? nemlich, wie der Soldat das Geld begehrt, und dich dein Weib, was zu thun, noch einmahl heimlich gefragt hat? laugne es, wann du kanst, und ein ehrlicher Mann bist. Ein solcher magst du vor diesem gewesen seyn; daß du aber anjetzo ein Lugner, ein Betrüger, ein falscher Ankläger, ein Schelm, ein Dieb seyest, wird aus der Widerlegung des ersten Puncten der geführten Klag erhellen.


Du laugnest, daß du jemahlen von dem Soldaten einen Kreutzer empfangen, und empfindest sehr hoch, daß er in Forderung eines Pfandweiß anvertrauten Gelds dein Weib zur Diebin, und dich zum Schelmen machen wollen. Recht so. Warum soll es aber nicht auch der Soldat hoch empfinden, daß ihr solche Lumpen-Leut abgebt. Wohl ein feines paar Ehe-Volck, wo der Mann ein Schelm, und das Weib eine Diebin ist. Wann ihr nie keinen Kreutzer von dem Soldaten empfangen, warum habt ihr ihn dann so lange Zeit in euerem Haus geduldet, und nicht vielmehr in den Spital mit ihm getrachtet? Warum habt ihr ihn so stattlich gastirt, so unverdrossen bey Tag und Nacht bedienet; du, dein Weib, dein Tochter, Knecht und Mägd, das habt ihr sicherlich nicht umsonst gethan. Und was noch mehr ist: warum bist du bey dem Artzt, und in der Apotheck für ihn Bürg worden, für einen Fremdling? für einen unbekannten Soldaten? das ist sonsten anderer Wirthen Brauch nicht. Wirst gewiß du allein aus allen derjenige seyn, der dies alles einem Ausländer zu Gefallen thue, ehe er sich auch nur ein eintzigesmahl erkundige, wer derselbige seye? ob solchen Kosten der Beutel ertrage, oder nicht? ob man wohl auch der Bezahlung halber versicher seye? warthe ein Weil, bis wir dieses von dir glauben. Es ist gewiß nicht Stadtkündig, was du für ein schindhäriger Kis sen-Pfenning seyest, also daß man leichter der Katz den Speck, als dir einen Kreutzer könnte abjagen.


Jetzt rede, jetzt schwöre, jetzt verantworte dich. Was zitterest? [247] was erstaunest du, dein böses Gewissen macht dich bleich; welche Farb allen Schelmen und Dieben gemein ist, und dein verstelltes Angesicht gibt genugsam zu erkennen, daß du ein verlogner, Ehrvergessener, überwiesener Mann seyest. Aber was braucht es so viel Wort, wo man den Augenschein haben kan; man schicke hin in des Wirths Haus, und lasse nachsuchen, in obgedachtem, grün angestrichenen Kasten gegen der Bethstatt über, in dieses Bößwichts Kammer, zu unterst, rechter Hand in dem Winckel, wie man aufthut, wird man einen verpetschirten Sack voll Geld finden, so diesem unbillicher Weiß beklagten Soldaten zugehörig ist. Und sofern sich nicht alles, wie ich da aussage, also befindet, Hochansehnliche Richter! will ich meinen Kopf verlohren haben.«


Mit diesen Worten beschlosse er sein Red, und wiche etliche Schritt wiederum zuruck auf ein Seiten.


Das ware nun ein gantz unverhofter Streich. Die Richter über so hertzhafte Verantwortung wurden eine Zeitlang allerdings stumm, und sahen einander an: absonderlich dem Wirth wurde hierdurch das Lebendige getroffen. Er hätte vor Gift und Zorn zerspringen mögen, und konnte nicht begreiffen, welcher Teufel doch ewiglich diesem Blauhütler alle Geheimnussen so umständlich müsse entdeckt haben. Man sahe es ihm im Gesicht an, daß es nicht recht hergienge. Herentgegen frolockte der Soldat, und bedanckte sich gegen seinem Vorsprecher, daß er der Wahrheit und Unschuld so treulich Beystand geleisten hätte.


Man befahle denen Partheyen einen Abtritt zu nehmen, und nach gethaner Umfrag wurde beschlossen, die Gerichts-Diener in des Wirths Haus zu schicken, mit Befehl, den Schlüssel von der Wirthin zu obbeschriebenen Kasten zu begehren, oder mit Gewalt aufzubrechen, und einen gewissen verpetschirten Sack mit Geld (den man ihnen mit mehrerem beschriebe) ohnverzüglich anhero zu bringen. Als nun solcher Rath-Schluß auch dem Wirth angedeutet wurde, und man ihn ermahnte, GOtt die Ehr zu geben; und wann er sich schuldig wüßte, die Wahrheit redlich zu bekennen; beklagte er sich höchlich, als über ein unerhörte Sach, daß man ihm auf das blosse Aussagen eines Fremdlings, der nichts mit Grund darthun könnte, wollte lassen Truchen und Kästen eröfnen, worfür er feyrlich protestirt, und gebetten wollte haben. Aber umsonst. Die Vollziehung des Befehls gienge fort: worauf dann der Soldat und sein Beystand starck trangen. Wie nun der Wirth sahe, daß er nichts ausrichtete, fienge er an erschröcklich zu fluchen: GOtt sollte keinen Theil an ihm haben, der Teufel solle ihn zerreissen, wann er, oder sein Weib jemahlen einen Heller von dem Soldaten empfangen. [248] Man ermahnte ihn, zu schweigen, so gar der verstellte Beystand gewarnete ihn, mit Schelten und Fluchen nicht zu laut zu schreyen; der Teufel habe dünne Ohren, man dörffe ihme nicht lang ruffen, er komme für sich selbst schon. Er aber fuhre in seiner verstockten Weiß fort, und betheuerte abermahl mit einem erschröcklichen Fluch: Der Teufel sollte ihn mit Leib und Seel an der Stell hinführen, wann er die Unwahrheit redete. Hierauf fienge der verstelte Beystand an die Gestalt zu veränderen, in dem Angesicht schwartz zu werden, ihme lange Nägel an den Händen, und Hörner auf dem Kopf herfür zu gehen, und mit feurigen Augen und gantz entsetzlicher Stimm sprache er:Nun, so seye es dann, weilen du es also haben willst. Siehe! da bin ich. Und mit diesen Worten ergriffe er ihn bey der Gurgel, und mit erschröcklichem Getöß, Erschüttung des gantzen Gebäues, in Ansehung aller Anwesenden führte er ihn zum Fenster hinaus, über den Platz durch den Luft fort, also daß man kein Härlein mehr von ihm gefunden. Allen Anwesenden stunden die Haar gen Berg: etliche vor Forcht und Zitteren schryen überlaut; andere sancken schier dahin in eine Ohnmacht, andere sahen nach der Thür um, und lieffe einer da, der andere dort hinaus. Auch der Soldat erschracke, und erzählte, was sich vergangene Nacht mit ihm, und dem bösen Feind in der Gefängnus verloffen; und wie weit er sich eingelassen, ihne für einen Beystand zu gebrauchen: hätte aber gleichwohl nicht vermeynt, daß die Sach einen solchen Ausgang nehmen wurde. Unterdessen wurde der Sack mit Geld von denen Gerichts-Dienern auch herbey gebracht, dem Soldaten eingehändiget, und er auf freyen Fuß gestellt, nicht ohne sonderbahre Verwunderung über die Urtheil GOttes, welcher den bösen Geist für einen Werckzeug hätte wollen brauchen, die unterdruckte Unschuld zu retten, und die Boßheit zu straffen. Wie es der Wirthin ergangen, meldet der Geschicht-Schreiber nicht: hab auch ich ferners davon nichts zu berichten. Martinus Delrio S.J. Libro Magicarum Disquisitionum Parte 1 ma. Quæst. 7. Sect. 1.


Was hat diesem Wirth seine Untreu, Geldgierigkeit, und falsches Fluchen auf sich selbst genutzt, als daß er das Gewissen verletzt; GOtt schwerlich beleydiget, einen Unschuldigen in Leib- und Lebens-Gefahr gebracht, sein Ehr und guten Namen dabey eingebüßt, und letzlich mit Leib und Seel dem Teufel selbst ist zu Theil worden? und wann GOtt schon nicht allzeit so erschröcklich straft, so thut ers doch zu Zeiten, und hats auch an diesem diebischen Wirth gethan, anderen zu einem Beyspiel, daß sie sich daran stossen sollten. Und wann GOtt das thäte, O wie wenig wurde man mehr von solchen Lasteren, welche den unglückseeligen Wirth um Leib und Seel gebracht, hören müssen.

37. Exempel
[249] Sieben und dreyßigstes Exempel.
Ein alter Greiß, so vor vielen Jahren einen Todschlag begangen, wird auf ein wunderliche Weiß verrathen.

Zu Lucern im Schweitzerland, ware ein alter Greiß, und (wie man darfür hielte) fromme Einfalt. Der sasse einstens, nach Spitaler Brauch, vor der Haus-Thür an der Sonnen; die ihn vielleicht so bald nicht mehr anscheinen wurde, erinnerte sich aber nicht des teutschen Sprüch-Worts;


Nichts ist so klein gesponnen,
Es kommt einmahl an die Sonnen.

Dieser alte Bößwicht aber hatte einen gar groben Faden gesponnen, den zuletzt der Hencker müste abhasplen. Weilen er also auf dem Bäncklein sasse, und entweders schlummerte, und mit dem Kopf gnappete, oder die Zeit mit Schwätzen vertriebe, begabe es sich, daß ein grosser Hund mit eines Menschen Todten-Kopf zwischen den Zähnen, über den Platz, die lange Gassen herab geloffen kame. Männiglich erschracke ab diesem Spectacul, der Hund aber liesse ihm weder mit Schrecken, noch Trohen die erhaschte Beuth abjagen, sondern trange durch den herumstehenden Haufen Volcks; nahme den geraden Weeg zu gedachtem Spitaler, einem 70. oder 80. jährigen Greisen, legte ihm den kahlen Todten-Kopf in den Schooß, und machte sich ohne einiges Bellen wieder davon. Man verwunderte sich über eine so seltsame Sach, und sahe den Alten starck an. Er aber gantz ertattert und von seinem bösen Gewissen getrieben, stunde auf, und bekennte offentlich: Wie daß er beyläuffig vor 30. Jahren in dem nächst gelegenen Wald einen Studenten habe umgebracht, aus Hofnung, ein Stuck Geld bey ihme zu erhaschen; hätte aber mehr nicht als 3. Kreutzer gefunden, und darauf den Leichnam in ein Gruben geworffen, und eingescharret. Jetzt erkenne er die gerechte Urtheil GOttes, und verstehe von diesem Botten, den ihm GOtt zugeschickt, zu genügen, daß er von dem so unschuldig ermordten Studenten für Gericht beruffen werde. Die Sach kame bald für die Obrigkeit, der boßhafte Thäter wurde eingezogen, gerichtlich befragt, und auf eigene Bekanntnus zu dem Schwerdt verdammt. Stengelius Tom. 4. de Judiciis divinis cap. 52. num. 3.


Gerechter GOtt! wie weist du einen Todtschläger so wunderlich zu finden, und beym Kopf zu nehmen, wann er sich geduncken laßt, als gedencktest du seiner nicht mehr! O nein! du verschiebest zwar unter weilen die Straf, aber du schenckest sie darum nicht. Und was Wunder? Unschuldig-vergossenes Blut schreyt ohne Unterlaß [250] Rach zu dir. Und da muß erfüllet werden, was du gedrohet hast Gen. 9. Wer Menschen Blut vergießt, dessen Blut soll auch vergossen werden.

38. Exempel
Acht und dreyßigstes Exempel.
Vil Erben aus einem gräflichen Geschlecht steigen nach dem Tod auf einer feurigen Leiter in die Höll hinunter.

Es ware ein teutscher Graf; der führte dem äusserlichen Schein nach ein auferbäuliches Leben, welches er auch (wie man glaubte) mit einem guten Tod beschlosse. Aber die Sach verhielte sich gantz anderst. Dann als einsmahls ein frommer Geistlicher für ihn bettete, eröfnete sich vor ihm die Erden; und er sahe in einen tieffen finsteren Abgrund hinab, woraus Rauch und Feuer-Funcken schlugen. Mitten aus den Flammen wurde er gewahr einer bis auf den Ranft herauf angelehnten Leiter, auf deren Staffel vil aus dem Geschlecht dieses Grafens einer nach dem anderen hinabgestigen, also daß der ältiste aus ihnen auf dem untersten; der jüngst-verstorbene aber auf dem obersten stunde. Wie er nun heftig ab diesem Gesicht erschrocken, und die Ursach solcher Peyn von GOtt zu wissen verlangte, hörte er ein Stimm, die ihm sagte: es geschehe solches zur Straf dieses Geschlechts wegen eines geistlichen Kirchen-Guts, so einer der Uran-Herren zu Metz in Lothringen, St. Stephan unbillicher Weis entzogen, und auf seine Erben nunmehr bis auf das 10te Glied gebracht hätte. Weilen derohalben die Erben um den gantzen Handel wohl gewußt, oder hätten wissen können, wann sie nur hätten nachfragen wollen; und dannoch keiner aus ihnen solches Gut zuruck gestellt, darum wären alle verdammt, und mache jedesmahl einer dem anderen Platz auf der Leiter, daß er möge hinnach steigen, so oft einer aus diesem Geschlecht stirbt. Worauf das gantze Gesicht verschwunden. Baronius Tom. 11. ad Annum Christi 1055.


Wem solle hie nicht in Sinn kommen der ernsthafte Spruch Christi bey dem Heil. Lucas am 18. Cap. O wie schwärlich kommen, die wohl bey Geld-Mittlen seynd, in das Reich GOttes! und wiederum: leichter wird ein Cameel durch ein Nadelloch gehen, als ein Reicher in Himmel. Uber welche Wort der Heil. Bernard diesen denckwürdigen Spruch hat: Das Cameel-Thier hat nur einen Buckel, der es beschwärt; der Reiche aber zwey: und also ein grössere Burde: eine voll der zeitlichen Güter; die andere voller Sünden. Die erste Burde wird im Tod abgelegt; die andere (er wolle, oder nicht) muß [251] er behalten; und wird davon in die Höll hinunter gedruckt, wann er sie nicht vor seinem End noch ablegt.

39. Exempel
Neun und dreyßigstes Exempel.
Ein Wucherer will aus Lieb wegen seinem Weib und Kindern ehender verdammt werden, als den ungerechten Gewinn heimstellen.

Es war ein Wucherer der in dem Tod-Beth einen Pater aus dem Franciscaner-Orden zu sich beruffen, und zu besserer Abfahrt eine reumüthige Beicht bey ihm abgelegt hat. Der Pater (wie es dann seyn mußte) ermahnte den Krancken seiner Schuldigkeit: wie er nemlich müßte allen ungerechten Gewinn, den er durch Wucher erworben, denen jenigen heimstellen, so dardurch bebeschädiget worden. Der Krancke, so schwer es ihn ankame, liesse einen geschwornen Schreiber beruffen, und ein förmliche Schrift aufsetzen, Kraft welcher seine Erben, Weib und Kinder solten schuldig seyn, an statt seiner den ungerechten Wucher heimzustellen. Worauf ihm der Pater die Heil. Absolution ertheilt, und wiederum nach Haus gangen. Das Weib, nach verstandener Sach, kame samt allen Kinderen für das Beth: fienge ein erbärmliches Weinen und Klagen an: ach mein Mann, (sagte sie) wo gedenckst du doch hin, daß du dir ein so schwere Burde auflegest, und die jenige, die du bey Lebs-Zeiten so inniglich geliebt hast, erst nach deinem Tod in Schand und Spott stürtzen woltest? wann wir alles wieder zuruck geben solten, worzu dich der Beicht-Vatter verbunden, was wurde uns von aller Verlassenschaft überbleiben? das wäre ja nicht anders; als deinen liebsten Theil, dein eigen Fleisch und Blut an Bettel stossen? ach! so bitte ich dann dich samt deinen und meinen Kinderen durch alles, was dir lieb ist, du wollest dich doch eines Besseren bedencken, und deinen letzten Willen änderen. Was vermag die Lieb nicht? was erhalt ein Weib nicht? wann sie mit Zäheren aufgezogen kommt? der bethörte Krancke, von so kläglicher Gestalt der Seinigen bewegt, liesse die vorige Schrift durchstreichen, und eine neue aufsetzen, worinn er all sein Geld und Gut seinem Weib und Kinderen verschaffte, und nicht die geringste Meldung von einer Heimstellung thate. Als nun der Pater wieder zuruck gekehrt, zu sehen, wie es um seinen Krancken stunde, und dessen, was in seiner Abwesenheit vorbey gangen, verständiget worden, brache er voll göttlichen Eyfers in folgende Wort aus: weil du dein billiches [252] Vorhaben verändert, so wiederruffe ich auch die dir ertheilte Absolution. Er wolte mit diesen Worten so vil sagen: daß ihm die empfangene Absolution, wegen des von neuem gefaßten sündhaften Willens, nicht heimzustellen, was er schuldig war, nichts nutzen wurde zum Seelen-Heyl. Kaum hatte der Pater solches ausgeredt, sihe da floge ein schwartzer Raab zum Fenster herein (oder vilmehr) ein böser Geist in dieses Vogels Gestalt) der die allbereit ausfahrende Seel des verdammten Wucherers in den Schnabel aufgefangen, und in die Höll getragen hat. Chronica Minorum S. Francisci P. 3. l. 5. c. 2.


Was für ein entsetzliche Thorheit um Weib und Kinder willen ewig wollen verdammt seyn; nur, damit man sie nicht betrübe! O du unglückseeliger! was hast du anjetzo von ihnen zu hoffen? werden sie dir helffen? werden sie dich trösten können? seynd sie in einem Stand, wie du gestorben, so dienen sie dir nur zur Vermehrung deiner Peyn. O wie wirst du anjetzo sie; und im Gegentheil sie dich verfluchen! lassen ihnen das alle, die da Weib und Kinder haben, zu einer Warnung dienen. Tragen sie zu ihnen eine solche Lieb, daß sie sich beynebens nicht selbsten in das ewige Verderben stürtzen. Das eigene Heyl gehet allen vor.

40. Exempel
Viertzigstes Exempel.
Ein armer Steinmetz, so lang er in der Armuth gelebt, war er fromm und gottsförchtig, so bald er aber zu unverhoften Reichthum gelangt, ist er gottloß und verkehrt worden.

Um das Jahr Christi 528. zur Zeit Kaysers Justini, des älteren lebte in Thebaide, einer Landschaft inEgypten, ein armer, aber tugendhafter Steinmetz, mit Namen Eulogius. Er war ein sonderbarer Spiegel der GOttes-Forcht, Andacht, Keuschheit, Mäßigkeit, Gedult, und Liebe gegen dem Nächsten; als welcher neben strengem Fasten das wenige Geld, so er mit seiner Handthierung gewunnen, unter die Arme ausgetheilt. Denen Fremdlingen gienge er wie ein anderer Abraham, entgegen, wusche ihnen die Füß, und führte sie in seine Behausung. Nicht weniger erzeigte er sich freygebig gegen denen Haus-Armen seines Fleckens. In Summa: wer alles, was dieser arme Handwercks-Mann denen Nothdürftigen ausgetheilt, überschlagen wolte, wurde vermeinen, er wäre ein wohlhabender reicher Herr gewesen: also reichlich hat ihm seine grosse Armuth eingetragen.


Auf eine Zeit begabe es sich, daß ein Einsidler mit Namen Daniel (so wegen seiner grossen Tugend im Ruff [253] der Heiligkeit stunde) bey diesem Eulogio einkehrte; von dem er nicht anderst, als ein Engel vom Himmel mit grosser Lieb und Dienstbarkeit empfangen worden. Der Einsidler, als ein geistreicher Mann, erkennte alsobald in diesem armen Steinmetz ein so grosse Vollkommenheit, daß er sich nicht genug darüber verwunderen konte; beynebens auch, daß GOtt an allen Orten seine Diener habe. Er gewanne also zu seinem tugendhaften Gastgeb eine solche Liebe, daß er von dieser Zeit anfienge für ihn zu betten, und zu fasten, damit er ihme von GOtt bessere Mittel sich zu ernähren erlangen möchte. Ja sein Eyfer brachte ihn so weit, daß er nicht mehr gedachte, was er begehrte; weilen er sich nicht mehr erinnerte, daß GOtt auch seine grosse Freund, den Eliam, Paulum den Eremiten, und andere, allein mit Wasser und Brod ernähret habe. Er fienge an sich gegen GOtt zu beklagen, daß er den grossen Sünderen überflüßige Reichthum gebe, die sie doch zur Hoffart, Unlauterkeit, und anderen Lasteren mißbrauchten; diesem armen Steinmetz aber, dem alle Gold-reiche Flüß ihre Schätz ohne Unterlaß mittheilen solten, also hart mit der Armuth ringen liesse; dardurch er von seiner Andacht, und gottseeligen Ubungen mercklich verhindert wurde. Als er deswegen auf eine Zeit mit ungewöhnlichen Anhalten, und Fasten (welche sich in die 3. gantze Wochen erstreckt hatte) den Himmel beunruhiget, hörte er von dannen eine Stimm, welche ihn von seiner unbescheidenen Bitt abzustehen vermahnt, und sagte: was bemühest du dich so vil, dem Eulogio Reichthum zu erlangen? es wäre nicht für ihn: dann er wurde samt der Armuth auch sein Gewissen, Tugend und Vollkommenheit verliehren. Höre also auf schädliche Ding für ihn zubegehren. Allein der Einsidler, so allbereit von seinem unzeitigen Eyfer verblendet war, damit er sein Begehren erhielte, antwortete, und sagte: er wisse das Widerspiel. Eulogius seye in der Vollkommenheit schon so weit kommen, daß er sich der Reichthumen nicht mißbrauche; sondern vilmehr denen armen Betrangten reichlicher beyzuspringen bedienen wurde: er wolle sein Leib und Seel für ihn verpfänden.


Hierauf hat GOtt diese des Einsidlers gar zu vermessene Frechheit abzustraffen zugelassen, daß Eulogius in kurtzer Zeit sehr reich, und ein grosser Herr worden; weilen er bald darauf, als er ungefehr in die Erden grube, einen grossen Schatz gefunden. Da hätte einer billich sagen können, daß dieser arme Steinmetz, indem er den Schatz aus der Erden gegraben, zugleich alle seine Frommkeit und Tugend darein vergraben habe; weilen er alsobald ein anderes Leben angestellt. Dann der zuvor in grosser Armuth unter währender rauher und strenger Arbeit das Lob GOttes unabläßlich, wie ein Distel-Vogel unter den Dörneren[254] gesungen, fienge nunmehr an, unter diesem goldenen Last zu seuftzen, angsthaft, verdrüßig, argwöhnisch und kranck zu werden. So vergasse er auch seiner gewöhnlichen Andacht; der Armen, und seiner selbst: indem er den gantzen Tag anders nichts, als sein Gold zählete, und von einer Kisten in die andere trug. Und weilen er in seinem Flecken gar zu wohl bekannt war, und also seinen Stand schwärlich änderen konte, begabe er sich in der Stille nach Constantinopel (so dazumahl die Haupt- und Residentz-Stadt des morgenländischen Kayserthums war) allwo sich unterschiedliche Völcker befanden; damit er desto freyer sein Vorhaben in das Werck stellen möchte. Er fienge an sich stattlich zu kleiden; höflich und sittlich zu werden; mit vornehmen Herren Kundschaft zu machen; den kayserlichen Hof zu betretten; sich unter den Soldaten des kayserlichen Leib-Regiments in den Waffen zu üben: und weilen er Geld vollauf hatte, gewanne er dardurch ihre Gunst dergestalt, daß er in wenig Jahren die Stell des Obersten in dem kayserlichen Leib-Regiment erlangt hatte. Also war dieser arme Steinmetz, der in seinem Haus kaum ein Katz ernähren konte in kurtzer Zeit ein Obrister über die Haupt-Wacht des Kaysers Justini erkläret worden. In diesem Stand gedachte er an den vorigen anderst nicht, als solchen zu vertuschen; noch an die vorige Freundschaft, als selbige zu vermeyden. Er kennete weder GOtt, noch die Menschen mehr, als zu seinem Nutzen und Diensten. Er prangte durch die Constantinopolitanische Gassen, wie ein irrdischer Gott. Seyden und Sammet waren ihm zu schlecht, wann sie nicht mit Gold schwer verbrämet waren. Seine Händ glantzten von Edel-Gestein: und welcher vorher mit harter Mühe kaum so vil zu sammen zu bringen vermöcht, daß er ihm ein Stemm-Eisen konte schmieden lassen, deme seynd anjetzo die silberne und goldene Geschirr zu schlecht, seinen Speichel darein zu werffen. Das Betten war ihm ein Creutz; das Fasten ein Marter; die Kirchen-Gebräuch ein Greuel. Dieser üble Stand kame her aus täglichem, köstlichem, überflüßigem Essen und Trincken; aus unmäßigen Kurtzweilen, und unreiner Liebe. Je schlechter sein Herkommen, und Stamm-Haus ware, je prächtiger und scheinbarer zeigte er sich: wie gewöhnlich zu thun pflegen diejenige, welche aus einem Ochsen- oder Geiß-Stall; oder gar unter einem Banck herfür gezogen zu hohen Aemtern und Ehren erhebt werden.


Indeme sich Eulogius in allerhand Wollüsten, als wie ein Schwein in dem Koth, herum wältzet, erschiene dem Einsidler (der da nicht wußte, wo sein Steinmetz hinkommen) ein erschröckliches Gesicht, durch welches er behend für den göttlichen Richterstuhl gezogen ward. Die höllische Geister hatten ihn mit ihren feurigen Hacken, und glüenden Ketten gantz umgeben. [255] Der strenge Richter sasse in Herrlichkeit auf einem Thron: zeigte ihm mit einem sauren Anblick einen Menschen, der in Rosen vergraben, und von den schnöden Wollüsten gantz verzehrt ware, und sprach: Ist das die Sorg, so du über deines Bruders Seel getragen? Hierauf wendete er sich zu den grausamen Gerichts-Dienern, und sagte: schlagt darauf, und verschonet diesem Widersprecher nicht. Der arme, und vor Schröcken halb todte Einsidler, erkennte alsobald, daß dieser verlohrne Mensch sein Eulogius wäre deme er also ungestüm die Reichthum erbetten, deren er sich aber allbereit mißbraucht hätte: warfe sich demnach vor dem Richter nieder; begehrte mit bitteren Zähern, er wolle mit seinem gerechten Urtheil eine Zeitlang einhalten; dann er kein Mühe noch Arbeit sparen wolle, damit er diesen armen Menschen auf den rechten Weeg bringe: Worauf das Gesicht verschwunden; er aber machte sich geschwind auf, und suchte seinen Steinmetz an dem Ort, da er von ihm zur Herberg aufgenommen worden; aber umsonst: weilen er allda Bericht bekommen, was gestalten er sich allbereit an dem Kayserlichen Hof zu Constantinopel in grösten Ehren und Glück aufhielte. Dieser Bericht bestättigte das Gesicht, so er kurtz vorher gesehen: eilete demnach der Kayserlichen Haupt-Stadt zu, allwo er wahr zu seyn befunden, was er von ihm vernommen hatte; indem er sahe, mit was Herrlichkeit er täglich Ihro Kayserlichen Majestät aufwartete; wie er mit allerhand Geschäften beladen denen Eitel- und Ergötzlichkeiten ohne Maaß ergeben ware; also, daß er einen gantzen Monat täglich um Audientz angehalten; solche aber niemahl erlangen können. Endlich begabe es sich aus sonderbarer Schickung GOttes, daß er solche in seinem innersten Zimmer, ohne Anwesen einiger Person erhalten. Alsobald gab er sich zu erkennen; erinnerte ihn seines Herkommens, seines Handwercks, seiner erlittenen Armuth; zeigte ihm an, was gestalten er ihm durch sein Gebett diese Reichthum und Ehren-Stand, in welchem er sich anjetzo befinde, von GOtt erhalten; verwise ihm behertzt sein grosse Undanckbarkeit, und Untreu gegen GOtt; ermahnte ihn ernstlich zur Buß und Besserung des Lebens, und entdeckte ihm die augenscheinliche Gefahr in welcher er stecke.


Eulogio war dieses eine seltsame Predig; als welcher lieber das Rauschen der sammeten und seidenen Kleider; den Klang lieblicher Saitenspiel, die grosse und höfliche Ehren-Titul hörte, als die Tadlung seines schlechten Herkommens. Fiele also dem Einsidler in die Red, überfuhre ihn mit harten Worten, und stiesse ihn mit grossem Unwillen für die Thür hinaus; fragte die Wacht: was sie für einen Narren bis in sein innerstes Zimmer passiren lassen? darob die Wacht ergrimmet, den armen Einsidler dermassen abgeprügelt, daß er weder gehen, noch stehen mehr konte. Endlich kroche er mit blutigem Kopf, und [256] wohl gesalbtem Rucken davon; und bathe GOtt inbrünstig mit vielen Zähern, er wolle Eulogium der Reichthum und Ehren-Aemter entsetzen, und an deren statt wiederum mit Armuth, Arbeit und Verachtung beladen; weilen kein anders Mittel, als dieses mehr übrig seye, ihne zu seiner selbst Erkanntnuß zu bringen. Er wurde auch von GOtt erhört; weilen der Kayser Justinus in kurtzer Zeit mit Tod abgangen; Justinianus aber, sein Nachkömmling eine andere Leibwacht bestellt, und Eulogium seines Diensts entlassen; welches dann in ihme einen Widerwillen gegen ermeltem Kayser erwecket; der auch ein Ursach seines ferneren Untergangs gewesen ist: indem sich in wenig Tagen ein grosse Aufruhr wider den neuen Kayser in der Stadt erhebte, als wolte sich das gantze Orientalische Reich samt der Hauptstadt unter über sich kehren.


Die Ursach war diese: zwey der vornehmsten Herren masseten sich des Reichs an; und zwar deswegen: weil ihnen von dem verstorbenen Kayser Justino kein genugsames Vergnügen wegen ausständigen Schulden geschehen. Sie zogen nicht wenig vornehme Herren an sich (unter welchen sich Eulogius auch befande) und erbitterten das gemeine Volck wider Justinianum, unter diesem Vorwand: Er bringe ungewöhnliche Aufklagen auf; er werbe aller Orten Soldaten; fülle die Stadt mit Wehr und Waffen, wie auch aufrührischen Völckern an, unter dem Schein, die Stadt zu beschützen; in der That aber selbige auszuplündern, mit Mord und Jammer anzufüllen. Allein der Kayser Justinianus kame dieser Aufruhr vor; liesse die Rädelführer gefangen nehmen, und um den Kopf kürtzer machen. Eulogius, so mit ihnen (wie vermeldet) unter der Decken lage, wolte dieses Tractament nicht erwarten; machte sich bey Zeiten aus der Stadt; brachte nichts, als sein boshaftige Haut davon, da unterdessen all sein Vermögen in die Kayserliche Schatz-Cammer gezogen worden. Der arme Tropf wußte nichts mehr zu beissen, noch zu nagen; ergriffe widerum sein Stemm-Eisen; verkroche sich in ein unbekanntes Ort, damit seine Sünd und Laster nicht weiter bekannt wurden; hebte mithin an, mit seinem Handwerck das tägliche Brod wiederum zu verdienen, und sein ärgerliches Leben durch Buß-Werck zu verbesseren.


Unterdessen richtet es die göttliche Vorsichtigkeit so wunderbarlich, daß der Einsidler Daniel abermahl über Feld reisete, und ungefähr seinen bekannten Steinmetz antraffe; der ihn anjetzo viel demüthiger, als zu Constantinopel empfienge, und anhörte. Zu diesem sagte der Einsidler: Was ist das? mein Eulogi! hat die Comödi ein End? hast du die Faßnacht-Kleider abgelegt? Auf dieses antwortete Eulogius aller schamroth: Er bekenne seine Schuld, und grosse Undanckbarkeit gegen GOtt, dessen Gutthaten er höchlich mißbrauchet hätte; und dafern er wiederum [257] für ihn betten wolte, solle er doch nicht begehren, daß er wieder nach Hof, allwo er sein Unschuld verlohren, kommen möge; sondern allein, daß er nicht so hart mit der Armuth ringen müsse: er wolle solcher Gutthat sein Lebtag nicht mehr vergessen. Der Einsidler antwortete ihm: Mein Freund! du wirst mich ferner nicht mehr betrügen: deine Thorheiten haben mich kluger gemacht, als ich zuvor ware. Obwohlen die Armuth beschwerlich ist, so ist sie dir doch zu deiner Seelen Heyl sehr nothwendig. Derohalben seye mit dem Stand, in welchem du gebohren, zu frieden, und begehre keine Reichthum mehr; als welche dir zu keinem anderen Ziel und End dienen, als dich in das zeitliche und ewige Verderben zu stürtzen.

Caussinus in seiner heiligen Hofhaltung dritten Theil, ersten Buch, 10. Capitel.

Wie kommt da auf den Buchstaben heraus, was der Apostel sagt. 1. Tim. 6. Die da reich wollen werden, fallen in Versuchung, und in den Strick des Teufels, und in viel unnütze und schädliche Begierden, die den Menschen ins Verderben, und in die Verdammnuß sencken! darum sollen sich die Armen nicht beklagen; sondern mit ihrem Stand, in welchen sie von GOtt gesetzt worden, zu frieden seyn; in Bedencken, daß sie mit der Armuth sicherer in den Himmel kommen; da hingegen die Reiche in grosser Gefahr stehen, wann sie die Reichthum (wie gemeiniglich geschehen pflegt) mißbrauchen: dann Gut macht Ubermuth.

41. Exempel
Ein und viertzigstes Exempel.
Ein tapferer Kriegs-Held kommt durch wundersame, und traurige Begebenheiten um seine Frau Gemahlin, zwey Söhnlein, Bediente, und Kriegs-Leut; samt grossen Reichthum.

Emanuel Sosa, ein tapferer, und erfahrener Kriegs-Held, hat zwar durch viel rühmliche Thaten, so er seinem König in Portugal, als Commendant über ein berühmten Meer-Hafen, und See-Stadt in Ost-Indien, treulich geleistet; hernach aber durch wundersame und traurige Begebenheiten seinen Namen der Nach-Welt zur Gedächtnuß hinterlassen. Als er auf dem Gipfel des Glückstands, worzu ihme sein eigene Tugend, und Tapferkeit den Weeg gebahnet, stunde, entschlosse er sich, dessen ruhig, und in seinem Vatterland zu geniessen. Stiege demnach im Jahr 1553. mit seiner hochedlen Gemahlin Eleonora, einer Tochter des Unter-Königs in Ost-Indien, zwey Söhnlein, Bedienten, Kriegs-Leuten, neben grossem Reithum, so er in Indien gesammlet, zu Schif, und liesse die Segel nach Portugall fliegen. Wind und Wetter waren ihnen Anfangs sehr [258] günstig; bis sie zu den äussersten Gräntzen des Welt-Theils Africä gelangt seynd. Allda schiene es unversehens, als wann Himmel und Erden wider sie zusammen geschworen hätten. Die West-Wind fiengen an zu brausen; das schwartze Gewölck sich zu sammlen; der Himmel zu donneren, und zu blitzen; das Meer sich aufzublähen; die Wasser-Wellen wie grosse Berg aufzusteigen; das Schif nicht allein zuruck, sondern bald in die Höhe, bald in die Tiefe dergestalt getrieben und geworfen zu werden, daß man augenblicklich nichts anders, als den erbärmlichen Untergang zu gewarten hatte. Sie bemüheten sich zwar, das Schif-Ancker fest zu machen; allein es wolte nichts helfen. Also mußten sie sich werfen und schwingen lassen, wie, und wohin es der Ungestümme gefällig ware. Als nun der Mastbaum und Segel zu Schanden gerichtet, auch das Schif an vielen Orten durchlöchert war, triebe sie ein Sud-Wind zu einem gefährlichen Meer-Hafen; wohin sie aber eben dieser Ursach willen nicht länden wolten. Nach gepflogenem Rath setzte sich Emanuel samt seiner Gemahlin, Kindern, und Bestem, was er hatte, in ein Neben-Schiflein, und ware äusserst bemühet, das Land zu erreichen. Unterdessen aber erhube sich bey denen, die im Schif verblieben, ein erbärmliches Jammeren und Heulen; und weilen das allenthalben beschädigte Schif zu sincken begunte, ward ein jeder besorget, so gut er vermöchte, sein Leben zu retten. Manche trachteten mit Schwimmen ans Land zu kommen; wurden aber von den Trümmern des Schifs, Kisten und Kästen, so im Meer herum schwebten, gequetscht, und mercklich verhindert. Andere hatten zu ringen mit den Wellen und Winden, bis sie von denselben überwunden in die Tiefe gestürtzt wurden. Das Heulen und Jammeren ward des Brausens und Sausens halber von Niemand vernommen, als von denen, die es selbsten angienge; die aber ihnen selbst so wenig helfen konnten, als diejenige, denen es nicht zu Ohren kame. Viertzig Portugesen, und siebentzig andere Lands-Gebohrne hat das unersättliche Meer verschlucket; die übrige aber haben durch unterschiedliche Mittel, wiewohl kümmerlich, das Land erreicht.


Demnach Sosa mit seinem kleinen Häuflein auch an das Gestatt kommen, sahe er allbereit viel todte Cörper deren, so das Meer dahin geworfen, daher schwimmen; gleichsam begehrten sie zur Erden bestattet zu werden: andere aber, so halb tod, oder hart verwundet, schrien um Hülf und Labung. Der betrübte Held ertheilte beyden, so viel möglich, seine willfährige Hülfleistung; wiewohl ihm dieser elende Zustand das Hertz fast entzwey schnitte. Er begrube die Verstorbene; erquickte die Schwache und Ohnmächtige, sprache allen Muth und Hertz ein, die von GOtt gesandte Verhängnuß mit Christlicher Gedult zu übertragen: worinn er auch selbst samt seiner Gemahlin allen anderen mit dem Beyspiel vorgienge. [259] Sie aber von so treu-meinender Red ermuntert, übergaben sich insgesamt seinem Gefallen, und gelobten an; ihme, als ihrem Herrn und Hauptmann überall, und in allen Dingen zu folgen, wo er sie auch hinleiten, oder was er immer von ihnen begehren wurde. Nach Verweilung von 13. Tagen zogen sie Ost-wärts gegen einem bekannten Fluß in das Land hin ein, zu sehen, ob sie allda einige Hilf antreffen, und zur Fortsetzung ihrer Reis möchten angewiesen werden. Der Schif-Herr, Andreas Vatz, gienge voran mit einem grossen Creutz in der Hand; ihme folgte Emanuel, sein Gemahlin Eleonora, und die Kinder: hernach 80. Portugesen: 100. Kriegs-Knecht: endlich die übrige Schif-Bursch, Diener, und Mägd, samt den Krancken, und Beschädigten, so diesen elenden Hauffen beschlossen. Sie mußten manches von den Mördern, und wilden Thieren unsicheres Ort durchreisen: jetzt über hohe abhängige Berg-Felsen; bald in tieffe Thäler sich hinab lassen; durch unwegsame sandige Wüsten ziehen; über angeloffene Ströhm, und morastige Pfützen setzen, nicht ohne 1000. Ungemach, und stete Gefahr des Lebens. Jedoch zeigte sich Eleonora über ihr weibliches Geschlecht hierinn sehr großmüthig, und behertzt, als welche diesen so beschwerlichen, und fast 100. Meil langen Weeg mehrentheils zu Fuß abgelegt; auch (ihre Bediente zu entheben) die Kinder selbst auf den Armen, oder Rucken dahin getragen hat.

In solcher Müh-vollen Beschwernuß verflosse fast ein gantzer Monath, nach welchem die Nahrung, und nothwendige Lebens-Mittel begunten abzunehmen; dannenhero sie sich eine Zeitlang mit denen von dem Meer ausgeworffen, und allbereit stinckenden Fischen ernähren; da aber auch diese nicht vorhanden, oder erklecken wollten, mit den unzeitigen Früchten, wilden Kräutern, und Baum-Blättern, ja wohl auch mit dem Aas wilder Thieren, deren gebratenen Gebein, und im Wasser erweichten Häuten zu frieden seyn mußten. Etliche, bey denen der Hunger all zu starck anhielte, aus Begierd, etwas anzutreffen, verzogen sich etwas in Wald; wurden aber unter Weegs von der Schwachheit überfallen, und seynd selbsten den wilden Thieren zur Speis worden. Niemand trunge dieser schmertzliche Zustand empfindlicher in das Hertz, als eben dem unglückseligen Sosa, welches bey so ungütigem Anstoß (wie unschwer zu gedencken) leichtlich hätte mögen zu Trümmer gehen. Aber durch eigene Schwachheit andere nicht kleinmüthig zu machen, und dergestalt in beyden das Elend zu vergrösseren, wußte er nicht allein seinen Unmuth meisterlich zu verdecken; sondern auch anderen Muth und Gedult einzureden; bevorab, weil er sahe, daß seine Gemahlin ein zartes, und des Ungemachs gantz ungewohntes Frauen-Bild, die Bitterkeit des Unglücks mit beständigem Muth verkostete, ihre Kinder selbst auf dem Rucken truge, Früchten und [260] Blätter für die Hungerige sammlete, und sich nicht einmahl wider GOttes Verhängnuß beklagte.


Es verflossen bey dieser Mühe- und Leid-vollen Reis 4. gantze Monath: da gelangten sie endlich bey obgedachtem Fluß an; wurden auch daselbst von einem Heydnischen Mohren-König, der sich über ihr Unglück, und elenden Stand gantz mitleidig erzeigt hatte, nicht allein freundlich empfangen, sondern auch mit allem Behuf, und Lebens-Mitteln gutwillig versehen. Weilen er auch ehedessen der Portugesen Hilfleistung erfahren, oder derselben noch inskünftig bedürftig war, wollte er sie aus tragender Zuneigung, und danckbarem Gemüth gantz treulich gewarnet haben, daß sie sich vorsehen, auch nicht weiter begeben; sondern bey seinem Hof verweilen, und der Gelegenheit, so sich etwann ereignen möchte, nach Portugal zu seglen, erwarten wollten: weilen von nächst gelegenen König, dahin sie ihren Weeg nehmen wollten, ihnen nichts, als Unheil, und augenscheinliche Lebens-Gefahr bevorstunde. Je freundlicher aber dieser Heid sich gegen Sosa erzeigte, je verdächtlicher fiele ihm dessen Anerbieten, und wohlmeinende Warnung; aus Beysorg, unter diesen Rosen (wie es dann öfters geschehen) möchte etwann ein Gift verborgen seyn, und sie davon unverhoft beschädiget werden. Also schlagt der Menschen Klugheit zum öfteren aus, sich selbst zu betrügen; und was zu forderist ersprießlich seyn könnte, wird durch ungegründeten Argwohn geflohen. Weilen nun der gutwillige Mohren-Fürst mit allen Rathen, und Warnen seine Gäst vom Untergang nicht abziehen konte, gabe er ihnen auf innständiges Anhalten etliche Schiflein, den nächsten Fluß hinab zu fahren, und endlich überzusetzen. Also gienge Sosa neben 100. und 20. seiner Gefehrten, so von 600. noch übrig waren, zu Schif, und erreichten erst am fünften Tag das Land, allwo er bey nächtlicher Weil ausgestiegen. Des anderen Tags zeigte sich ein Geschwader von 200. Mohren, so geraden Weegs auf sie zu ritten: weilen sich aber die Portugesen zur Gegenwehr stellten, und die Feuer-Rohr sehen liessen, hielten die Mohren still, und erforschten durch einen, den sie voraus gesendet, wer, und woher sie dahin gelangt wären. Sosa liesse ihnen zur Antwort ihr Unglück wissen; reichte ihnen etwas von schlechtem Eisen-Geräth, und begehrte hinwiederum einige Nahrung darvor. Die Barbaren entschuldigten sich, daß sie dermahlen nichts bey Handen härten; wollten sie aber ihnen in die Stadt, und zum König folgen, so wurde ihnen nicht allein nichts feindseliges, sondern alles gutes wiederfahren.


Die äusserliche Freundlichkeit dieser Heyden betroge damahls den sonst klugen Helden, daß er ihren Worten Glauben gabe, und samt den Seinigen (jedoch in guter Ordnung, und bewaffnet) der Stadt zu zoge. Als [261] der König (deme unterdessen alles hinterbracht worden) sie dergestalt, das ist, bewaffnet daher kommen sahe, begunte er sich in etwas zu förchten: damit er sie aber desto leichter in sein Netz bringen möchte, liesse er sich durch etliche Abgeordnete entschuldigen, daß er sie anjetzo der Gebühr nach, und zu Hof nicht bewürthen könte: Alldieweilen ihre Rüstung seinen Leuten schröckbar, und zuwider wäre: von denen sie in solchem Aufzug nicht wurden bedient werden. Wofern sie aber Wehr und Waffen von sich legen, und als vertraute Freund mit ihme umgehen, und handlen wollten, sollte ihnen alle Lieb und Ehr, so wohl von seiner Person, als von seinen Untergebenen wiederfahren; sie in unterschiedliche Flecken ausgetheilt, und mit allerhand Nothdurft nach Genügen versehen werden.

Allen gedunckte dieser Vortrag gut, und thunlich zu seyn; allein der klugen Eleonorä fiele alles verdächtig: welche sich doch aller anderer Meinung nicht widersetzen wollte, noch konte. Also wurden die Gemeine hier und dort in die Flecken vertheilet; Sosa aber, sein Gemahlin, und etliche Bediente, bis in die 20. Personen, in die Stadt und Vestung eingeholet.


Der Tyrann vermeinte nun, das Gewild im Garn zu haben, und ihm den Garaus zu machen. Demnach liesse er die Diener und Schif-Leut von seinen Untersassen sehr übel halten; den Sosa aber samt den Seinigen alles dessen, was vom Schifbruch noch übrig war (allein die Kleidung, und das Leben ausgenommen) berauben, auch dergestalt als See-Rauber vom Hof, und aus der Stadt verstossen. Dazumahl verdoppelte sich das Leid in den Hertzen dieser betrübten Gesellschaft, nicht allein wegen gegenwärtigen elenden Zustand, darein sie sich ohne Hofnung einiger Hilf gesetzt sahen; sondern, und vielmehr, weilen sie dem treulosen Anerbieten des verstellten Tyrannens Glauben zu gestellt, und sich mit Dargebung der Waffen zu allem seinem boshaften Ansinnen bloß gegeben hatten. Aber kaum da sie auch diese Wunde mit der Gedult, und Gleichmüthigkeit auszuheilen gedacht waren, da überfiele sie ein andere Mohrische Truppe, entzoge ihnen mit Gewalt die noch allein übrige Kleidung, und liesse sie gantz nackend auf dem freyen Feld sitzen, und weheklagen.


Niemand empfande diese Unbild schmertzlicher, als eben Eleonora, dero fast eisene Gedult bey so gewaltigem Stoß sich dazumahl in etwas hat krümmen lassen. Sie runge mit den unverschamten Raubern, und bemühete sich mit Händ und Füssen zum wenigsten das Unter-Kleid zu erhalten; und, da solches nichts verfienge, fiele sie den Mördern zu Füssen und bate mit heissen Zähern, ihro so viel zu vergönnen, daß sie sich ehrlich bedecken möchte. Aber eins halfe so viel, als das andere. Dannenhero ihrer eigenen Schamhaftigkeit, und anderer Ehrerbietung zu steuren, sprange [262] sie auf einen Sand-Haufen, machte allda eine Grube, und versenckte sich darein bis zu der Gürtel; den übrigen Theil des Leibs verdeckte das herab hangende Haar ihres Haupts. Sie rufte zwar unabläßlich nach ihrem Ehe-Herrn; weilen er aber von den Mohren hinweg geführt sich nicht mehr sehen liesse, wendete sie sich zu dem Schif-Hauptmann, und allen anderen Bedienten mit nachfolgender Klag, und Urlaubs-Red:

»Geliebteste Freund! ihr habt bishero mir, und meinem Gemahl, euerem Herrn, dermassen treue, und beharrliche Dienst geleistet, daß wir nicht mehr von euch hätten begehren, noch erwarten mögen. Nun aber, weilen es GOttes unerforschlicher Rath also verordnet, daß uns dieselbe nicht mehr erspriessen können, so will ich euch hiemit euerer Pflicht entlassen, und entlediget haben: Damit ein jeder sein Leben fristen, und sich, so gut er vermag, in Sicherheit setzen möge. Wofern aber dem einem, oder anderen aus euch das Glück wiederfuhre (wie ichs dann von Hertzen wünsche) daß er nach Portugal gelangen sollte, so bitte ich inständig, er wolle die Meinige, so etwann hierum forschen möchten, von allem, so uns begegnet (besonders von diesem unglückseligen End, welches ich durch meine vielfältige Missethat verdient) ausführlichen Bericht ertheilen.«

Hierauf schwiege sie ein Zeitlang still, als hätten ihr die aufwallende Schmertzen die Stimm verlegt. Bald aber erhebte sie ihre Augen gen Himmel, und gosse mit heissen Zähern gegen demselben folgende Wort aus.


»O GOTT! der du HErr über mein Leib und Leben bist. Dein Verhängnuß ist gerecht; und deine Urtheil seynd gantz billig. Nackend und bloß bin ich auf die Welt kommen; nackend und bloß verlaß ich sie wiederum. Ich küsse, und verehre deine göttliche Hand, welche mich also gezüchtiget hat. Scheide auch gern von dieser Welt: weil du es also gebietest. Dann mir ist dein heiligster Will über alles. Was mir das Sterben konte bitter machen, seynd diese zwey kleine Kinder, die mir an meiner Seiten verschmachten. Aber, du bist ein Vatter der Waisen. Dir übergiebe ich sie zum Leben; oder zum Tod. Dann auch dieses will ich deiner göttlichen Vorsorg heimgestellt haben. Lasse dir auch die Seel meines Ehe-Gemahls, so er etwann verschieden, anbefohlen seyn; und dann endlich die Meinige, welche ich in deine vätterliche, Händ willig aufgebe. Und obwohlen dies in einem wilden, und unchristlichen Land geschiehet; so weiß ich doch, daß kein Ort in der Welt zu finden, dahin sich dein grundlose Barmhertzigkeit nicht erstrecke.«


In dem sie dieses redete kam Sosa, der den Mohren entrunnen war, eilends daher geloffen; zu sehen, wie[263] es mit den Seinigen stunde. Als er nun Eleonoram, samt den zwey Söhnlein in einem so elenden Stand angetroffen, stunde er ein Zeitlang redloß, und gantz unbeweglich; gleichsam, als hätte ihn der übermäßige Schmertz in einen Stein verwandelt. Demnach warfe er sich gantz trostlos in den Sand, als wollte er samt ihnen den Geist aufgeben. Sein Gemahlin, so auch allbereit die Red verlohren, sahe ihn mit betrübten, und halb sterbenden Augen an, von ihm den letzten Abschied zu nehmen, welches ihm dann viel tieffer, als alle vorher gehende traurige Fäll ins Hertz schnitte. Endlich stunde er wiederum auf; begabe sich in das Gehöltz des beyliegenden Walds; um zu sehen, ob noch einige Nahrung anzutreffen, wormit er seine zwey Kinder, so neben der Mutter erhungerten, laben, und ihnen das Leben erhalten möchte. Obwohlen ihn nun die vätterliche Liebs-Sorg nicht lang in diesem Geschäft verweilen liesse, fande er doch bey seiner Wiederkunft allbereit eines aus beyden vom Tod übereilet; welches er zwar mit eignen Händen zur Erden bestattet; aber vor Leid fast sich selbsten mit eingescharret hätte. Bald hierauf lieffe er abermahl in den Wald, für das andere Kind noch einige Erquickung zu suchen; allein vor Angst und Sorgfalt, die Mutter und das Kind möchten etwann Zeit seiner Abwesenheit vor Elend verschmachten, kehrete er mit leeren Händen zuruck, und fande (leider!) allda, was er so ängstig geförcht hatte; das ist, beyde tod: die Mutter, und das zweyte Söhnlein. Da ergosse sich der Schwall aller vätterlichen, und ehelichen Betrübnuß, welcher bishero in den Schrancken der Starckmüthigkeit sich noch eingehalten hatte, völlig heraus, daß man hätte vermeinen mögen, er wurde vor Schmertzen dahin fallen, und sich samt ihnen beerdigen lassen. Jedoch, weil es anderst nicht seyn konte, zoge er die letzte Kräften zusammen; begrube mit Hilf zweyer Diener, von deren kläglichen Jammeren die Gegend erschallete, die verstorbene Leiber, und begabe sich nach vollendter Begräbnuß wiederum in den Wald, entweders seinem Leid und Wehe-Klagen allein Platz zu geben; oder einen Aufenthalt seines Lebens zu suchen. Man hat aber von selbiger Zeit an ihn niemahls mehr ersehen, noch erfragen mögen: ob er etwann von den wilden Thieren verzehrt; oder von den Barbaren seye aufgerieben worden.


Von der grossen Anzahl dieser Reisgefährten haben 26. das Leben davon gebracht, und seynd nach geraumer Zeit von einem Portugesischen Steurmann, so der Orten angelangt, und selbe als Sclaven (wie sie sich haben verdingen müssen) um ein Stuck Geld gekauft, und nach Portugal übergeführt worden: allwo sie diesen kläglichen Zufall der Welt kund gemacht haben.

[264] Hatzart, im Anderren Theil seiner Kirchen-Geschichten, von Abißinien, oder Ober-Mohrenland, 8. Capitel.


Allerweiseste Vorsichtigkeit GOttes! wie erstaunlich seynd deine Verhängnussen! und wie wunderbarlich lassest du die Sachen durcheinander lauffen! Sosa gedachte, seines Glück-Stands ruhig, und in seinem Vatterland zu genüssen. Aber da hat es geheissen, was man im Sprüchwort zu sagen pflegt:


Der Mensch denckts;
GOTT wendts.

Allein, wann uns zu fragen erlaubt ist, O grosser GOtt! warum hast du es gewendet? warum verhindert? vielleicht darum: weilen du vorgesehen, daß Sosa durch seinen Glück-Stand übermüthig werden, und selbigen zu seiner Seelen Verderben mißbrauchen wurde. O liebreiche! O Anbettens-würdigste Vorsichtigkeit! wie gut meinest du es mit uns! und wie angelegen ist dir unser Seelen Heil! Gelobt seyest du in Ewigkeit.

42. Exempel
Zwey und viertzigstes Exempel.
Unsinnige Lieb eines Ehe-Brechers, und einer Ehe-Brecherin.

Um das Jahr Christi 1191. unter der Regierung Philippi Augusti, Königs in Franckreich, lebte ein Edelmann, mit Namen Reginald: der verliebte sich in die Frau Gemahlin eines andern Edelmanns (den man den Herrn von Fayel hiesse) mit solcher Heftigkeit und Innbrunst, daß er schier darüber zu einem Narren worden. Die Frau (wollen sie Cordula nennen) ware ihrem Buhler mit nicht geringer Gegen Lieb gewogen. Lebten also diese beyde ein Zeitlang im Ehe-Bruch; doch also heimlich, daß es Niemand wußte, als der allwissende GOtt: der auch schon die Straf zubereitete, die er mit nächsten beyden zu Haus schicken wurde. Mit der Zeit (vielleicht aus Beysorg, der Herr von Fayel möchte den Braten riechen) faßte Reginald andere Gedancken, und entschlosse sich, in den Krieg zu ziehen. Cordula wolte ihn, als den anderen Theil ihrer Seel, ohne ein Denck-Zeichen nicht von sich ziehen lassen. Verehrte ihm demnach, zu Bezeugung ihrer beständigen Treu, einen von zarter Cammer-Leinwath, mit Perlein gestickten Schleyer, samt einem aus ihren Haaren geflochtenen Knopf, mit diesen Worten: Hab dir das; und vergisse meiner nicht. Diesen nahme Reginald an, als das liebste Kleinod von der Welt, und zoge damit freudig in den Krieg. Es stunde nicht lang an, da geriethe er in einen feindlichen Hauffen, mit dem er sich [265] schlagen mußte. Er setzte zwar tapfer hinein; wurde aber gähling verwundet; und das tödtlich: also, daß er selbst vermerckte, daß er sterben müßte.


Ohne Zweifel wird er jetzt in sich selbst gangen seyn; seine unsinnige Buhlschaft verflucht; um einen Beicht-Vatter geschickt; mithin das mit so vielen Todsünden befleckte Hertz mit bitteren Buß-Zäheren abgewaschen, und seinem Schöpfer, dem er es so lange Zeit entzogen, mit einem tief-geholten Seufzer wiederum eingehändiget haben. Wenigst hätte er also thun sollen; wolte er anderst seiner Seelen Heil nicht verschertzen. Aber der verzweiflete Mensch gienge mit gantz anderen Gedancken um. Vernehme man ein Frevel-That, ob welcher billich die schamlose Frechheit selbst schamroth werden solte. Er berufte seinen Diener zu sich für das Beth, und redete ihn mit folgenden, oder dergleichen Worten an:


»Was es für ein Beschaffenheit mit mir habe, das siehest du. Die Artzten haben mich verlassen; die Schmertzen und Leibs-Schwachheiten nehmen zu, und verspühre ich bey mir selber wohl, daß mein Stündlein bald schlagen werde. Wie aufrichtig du es jederzeit mit mir gemeinet; wie treulich und fleißig du mir gedienet, das erkenne ich mit Danck: und ist mir nur leid, daß ich von dem Tod übereilet, dein Wohlverhalten nicht genugsam belohnen kan. Bishero hab ich dir, als ein Herr, gebotten; jetzt aber, als ein Tod-Krancker, bitte ich dich, daß du mir nur den letzten Dienst noch erweisen, und in einem Stuck willfahren wollest.«

Als nun der Diener mit nassen Augen zu allem sich urbietig, was sein Herr befehlen wurde, erzeigt, fuhre der Edelmann ferners fort.


»So bitte ich dich derohalben; ja ich beschwöre dich, daß du folgendes gewiß werckstellig machest. So bald ich werde tod seyn, so schneide meinen Leib auf; nimme das Hertz heraus; wasche es sauber, und balsamire es, damit es nicht stincke: mache es alsdann samt diesem Haar-Knopf, und Hand Brieflein zusammen in ein Trüchlein ein; nimme den Weeg gerad nach der Cordula; überliefere ihr dieses letzte Pfand meiner Liebe, und versichere sie, daß gleichwie ich bey Lebs-Zeiten ihr getreuer Diener allzeit verblieben, also auch in beständiger Treu gegen ihr gestorben sey. Das übrige wird das Hand-Brieflein geben.«


Der Diener neigte das Haupt; und gelobte seinem Herrn theur an, daß er alles bey einem Pünctlein ausrichten wolle. Reginald aber ward bald hernach ein Leich. Wie er werde gefahren seyn, kan ihm ein jeder leicht einbilden. Dann was für ein Gottlosigkeit ware es, im letzten Sterb-Stündlein, im letzten Augenblick, da man mit dem Tod ringt, sein Hertz einem losen Schleppsack vermachen? O unerhörter Frevel! unter dessen [266] kommt der Diener dem Befehl des Herrn nach; nimmt das Hertz aus dem Leib; balsamirts, machts ein, reiset damit der Behausung Cordulä zu. Er ware auch nicht weit mehr davon; da begegnete ihm zu allem Unglück Fayel der Cordulä Gemahl, in einem Wald. Und weil man ihn stracks erkennet, wurde er auch gleich angepacket, und gefragt: Woher kommst du? wie so gar allein? wo ist Reginald? wo willst du weiter hin? was führst du in dem Felleifen? Der Diener gabe auf alles ordentlich Antwort: weil er aber auf die letzte 2. Fragen mit der Sprach nicht recht heraus wolte, sondern einige Zeichen der Forcht spühren liesse, merckte Fayel gleich, daß er nichts guts im Schild führte. Bedrohete ihn demnach, bey dem Kopf zu nehmen, und gleich in die Gefängnuß zu setzen, wann er nicht alsobald die Wahrheit bekennen wurde. Weil nun der Diener auf frischer That erwischet ware, fienge er an, um Gnad zu bitten; zoge das Trüchlein samt dem Hand-Brieflein heraus; lieferte solches dem Fayel ein, und zeigte beynebens an, wie daß er von seinem verstorbenen Herrn hätte Befehl empfangen, selbiges der Frauen Cordulä, als ein Erb-Geschänck, einzuhändigen. Wie Fayel den gantzen Handel verstanden, liesse er den Diener seinen Weeg fort reiten; er aber kehrte mit dieser so unerwarteten Beut wiederum auf das Schloß zuruck.

O Cordula! sauset dir das lincke Ohr noch nicht? So rüste dich doch zu einem harten Strauß. Du bist verrathen; deine schandbare Liebsstücklein seynd am Tag: dein Herr Gemahl kochet schon an der Rach. Feurige Augen; Blitz- und Donners-Wort, Schwerdt, Strang, Gift, oder noch ein härterer Tod wartet auf dich. O hättest du dich bey deinem Nehe-Kiß, Stick-Nadel, Spinn-Rocken, oder Garn-Haspel zu Zeiten erinnert jenes Sprüch-Worts:


Nichts ist so klein gesponnen,
Es kommt einmahl an die Sonnen.

Wie wurdest du in dich selbst gangen seyn, und der verfluchten Buhlschaft aufgekündet haben! aber jetzt ist es zu spat. Willst du es laugnen? das geht nicht an. Man hat dir die Hand schon im Sack erwischt. Allein Fayel ist nicht so wild, als man wohl hätte sorgen können. Wie geht er dann die Sach an? Er kommt nach Haus; trittet beyseits in ein Zimmer; eröfnet das Trüchlein; erhebt den schönen Schatz; liset den Buhlbrief; und hat nunmehr handgreifliche Zeugnuß der Untreu seiner Frauen. Nachdem er sich lang hin und her bedacht, mithin die Gall schon mächtig aufbranne, und der rechtmäßige Zorn allerhand hitzige Vorschläg thate; beschlosse er doch zuletzt, die Sach glimpflich anzustellen, und die Verantantwortung [267] des schuldigen Theils auch noch anzuhören. Gienge darauf mit fröhlichem Gesicht zu der Cordula, deutete ihr an, wie daß ihm heut ein sonderbahres Glück wiederfahren, und er gedacht wäre sich lustig zu machen. Er wolle selbst in der Kuchel alles anschaffen, sie solle sich unterdessen aufmunteren, und der grösten Freud, die ihr auf Erden könnte zu Theil werden, zu ihrem gäntzlichen Vergnügen geniessen. Was aber? und wie? das wolle er ihr hernach offenbahren.


Cordula, so den geringsten Argwohn von dem, was in dem Handel war, nicht hatte, willigte in alles ein, was ihrem Herrn beliebig wäre. Darauf hin rufte er den Koch zu sich; befahle unter Betrohung höchster Ungnad, wann er anderst thun, oder von solchem Geheimnus das geringste offenbahren wurde, das Hertz des Reginalds in kleine Stücklein zu zerhacken; ein Gehäck von bestem Gewürtz, so gut er könnte, daraus zu machen, und neben anderen Speisen aufzusetzen. Es geschiehet. Fayel sitzt zu Tisch, und die Cordula auch. Man tragt auf, schenckt ein, beyde essen, trincken, und seynd guts Muths. Und als man das bewußte Gehäck auf die Tafel brachte, setzte solches Fayel seiner Gemahlin vor, mit Vermelden, wie daß er ihr solches zu sonderbahren Ehren, und aus grosser Liebe hätte lassen zubereiten; solle ihrs also geschmecken lassen, werde hoffentlich kein böse Speiß seyn. Cordula nahme solches mit höflichem Danck an, wußte nicht, woher diese ungewöhnliche grosse Freundlichkeit ihres Herrns käme; griffe zu, und asse alles aus. Der Herr fragte darauf, ob es gut gewesen? in allweeg antwortete Cordula: die Zeit meines Lebens hat mir kein Speiß bessr geschmecket. Auf diese Antwort eröfnete der Herr das Trüchlein, zeigte ihr den Haar-Knopf, den Cammer-Schleyer, die daran hangende Perlein; befahle ihr den Brief zu lesen, fragte sie, ob sie die Handschrift auch kennete, und ob diß nicht das Pittschaft des Reginalds wäre? Als nun hierüber die Frau gantz im Angesicht erbleicht, und vor Schrecken schier in ein Ohnmacht gesuncken, verwiese ihr der Herr erst mit aufgezogenen Runtzlen an der Stirn, feurigen Augen, erhebter Stimm, u. den schärffisten Worten ihr Untreu, u. sprache: Freylich ja, du Ehr-Pflicht-Vergessene! kennest du diese Hand, und diese Haar, hab ich solches um dich verdient? haltest du also die so theur angelobte und geschworne eheliche Treu? nimmest du also meine und deines adelichen Hauses Ehr in acht, daß du mit Hindansetzung aller Gebühr deinen Leib einem andern, einem doll-kühnen, unsinnigen Edelmann, der nunmehro tod ist, geschenckt hast? Recht so, du hast aber deinen Lohn zum Theil schon empfangen, die noch übrige verdiente Straf will ich mir vorbehalten. Weißt du auch wohl, was du gefressen hast, das Hertz des Reginalds, dieses ehebrecherischen, [268] verfluchten Bößwichts, das dir lieber, als mein Hertz ware, das hast du gefressen. Und weil es dir so wohl geschmeckt hat, so nimme für dißmahl vorlieb mit einer solchen Speiß, bis etwas bessers hernach komme.


Cordula vor Angst, Traurigkeit, Lieb, Gift und Zorn wußte lang nicht, was sie sagen sollte. Nachdem sie sich aber ein wenig erhohlet, gabe sie gantz unverschamt folgende verzweiflete Antwort: Habt Danck, Herr! sprache sie: für ein so kostbares Tractament. Ich bekenne mein Schuld, diese Speiß hab ich mehr geliebt, als mein Leben, als mein eignes Hertz! O süsse Speiß, wann jemahlen zwey Hertzen eines gewesen, so seynd sie es jetzt; indem ich das Hertz meines aller liebsten Reginalds genossen, und meinem Hertzen einverleibt hab. Weilen er aber nun tod, will es sich nicht geziemen, daß ich länger lebe. Ihr habt mir sein Hertz zu essen geben; das solle auch mein letzte Speiß geweßt seyn; dann es wäre ein Schand, wann ich auf ein so gute Speiß etwas schlechters mehr versuchen sollte. Dieses geredt, begabe sie sich in ihr Zimmer mit vielem Weinen und Weheklagen, wegen des unglückhaften Todfalls des Reginalds. Und obschon ihr Herr sie tröstete, und ihr Verzeyhung anerbotte, im Fall sie forthin treu verbleiben wollte, so ware doch alles vergebens. Dann sie verharrete auf ihrem Schluß; und kein Mensch konnte sie mehr bereden, einige Speiß zu sich zu nehmen, sondern gantz rasend vor bitterem Unmuth, und mithin verzweiffelte gottlose Reden ausstossend, hungerte sie sich selbst aus, verschmachtete nach etlichen Tagen, und fuhre besorglich demjenigen nach, sich mit ihme in der Höllen zu zerreissen, den sie also thorecht und eydbrüchig auf Erden geliebt hatte. Claudius Fauchetus, ex quadam Chronica Franciæ, ad Annum 1191.


Verfluchte Unzucht, was wirst du nicht noch ersinnen, die Leut in die Hölle zu stürtzen, wie ist es aber möglich, daß man diesem Laster sein Hertz ergebe, welches doch von GOtt erschaffen worden, daß es ihn allein lieben sollte? O wie hat diese Blindheit nach seiner Bekehrung bedauret der H. Augustinus, da er also aufschreyt: Mich armseeligen! mein Hertz, das dich O GOtt! allein hat lieben sollen, hab ich leyder auf die Eytelkeit gewendet Soliloq. c. 1. Was ist aber eytlers? was schnöders? ja, was schandlichers, als die unzüchtige Lieb? und wegen dieser soll der Mensch sein Hertz von GOtt dörffen abwenden? O der höchsten Unbild, die man ihm anthut, wahrhaftig derjenige ist nicht werth, daß er ein Hertz habe, welcher selbiges GOtt entziehen, und herentgegen einer schnöden Creatur schencken darf.

43. Exempel
[269] Drey und viertzigstes Exempel.
Ein Cavalier fallt aus gerechtem Urtheil GOttes, wegen begangener Ehr-Abschneidung, in das greuliche Laster der stummen Sünd; und mithin in den Ehe-Bruch: stirbt aber als ein Büssender.

In dem Königreich Peru (so in dem Welt-Theil America liegt, und der Cron Spanien unterworffen ist) ward in der Stadt de la Plata: will auf Spanisch so viel sagen, als: die Silber-Stadt gebohren, und in dem Schooß des Glücks auferzogen Antonius Pantoja, deme seine liebe Elteren nach ihrem zeitlichen Hintritt aus dieser Welt neben dem Hoch-Adelichen Geblüt ein herrliches Vermögen, Häuser, Land-Güter und ein ansehnliche Paarschaft an Gelt hinterlassen. Ueber das hatte er von Natur einen starcken, gesunden, wohl gebildeten Leib, und noch viel ein edlere, mit hohem Verstand, Tugend, und Geschicklichkeit begabte Seel. In den ersten Jahren seiner Jugend übte er sich so wohl in den freyen Künsten, als auch in der Fecht-Reit und Tantz-Schul, und machte sich also in allerhand Ritterlichen Stand-mäßige Ubungen verfaßt. Wer ihn etwann zu Pferd, oder in der Rüstung sahe, hätte geschworen, er sehe den bravesten Cavalier und Soldaten von der Welt: also wußte sich dieser junge Ritter in alle Sättel zu schicken, und seinen Unterfahungen überall ein Form und Nachdruck zu geben. Und, damit nur nichts abgienge an zeitlicher Glückseeligkeit, hatte ihm der Himmel ein Wunder-schönes, und tugendhaftes Fräulein zur Ehe geschencket: die wir Margareth nennen wollen. Bey dieser hätte Antonius mehr dann goldene Jahr erleben können, wann er sein Glück besser in Ehren gehalten, und zuletzt nicht einen Unflath für die Schönheit erwählt hätte; dann er war in die Länge mit seiner Margareth nicht vergnügt, sondern wendete mittler Zeit seine Lieb anderwärts hin; und wurde nicht allein zu einem Ehe-Brecher, sondern (welches ein Schand zu sagen) zu einem abscheulichen Sodomiten. Solches Laster triebe er ein geraume Zeit in höchster Geheim, ohne daß jemand den geringsten Argwohn wider ihn schöpfte, weil man von einem so tapferen Cavalier, als Pantoja war, weit ein besseres gedachte, und höhere Gedancken hatte.


Ehe und bevor er aber in solches Luder hinein ranne, faßte er (weiß nicht, aus was Ursach) einen grossen Haß und Grollen wider ein gewisses Frauen-Closter, welches mir Ehrerbietung halber nicht nahmhaft machen wollen. Damit er derohalben seinen Grimmen und Rachgierd desto besser könte auslassen, sprengte er in der Stadt ein falsches Gerücht aus, als wann ein gewisse Closter-Frau selbiges [270] Ordens, sich spöttlich wider ihren Stand übersehen, und weiters nichts Jungfräuliches mehr an ihr, als die Kleydung hätte. O Ehr-abschneidische Zung! was für ein grausamer, blutiger Stich war dieses? durch so greuliche Verleumdung wurde die fromme Jungfrau gantz unschuldiger Weiß allenthalben sehr übel verschreyt; wordurch dann auch ihren geistlichen Brüdern, und Ordens-Genossenen ein nicht geringer Schandfleck angehenckt wurde. Wie man dann bald Leut findt, die, was man von den Geistlichen ärgerliches ausgibt, für die ewige Wahrheit auffangen, und weiters bringen, um hierdurch ihre Laster zu bemäntlen und zu beschönen; indem sie auch diejenige gleicher Schandthaten bezüchtigen, von denen sonst jedermann einen Tugend-Spiegel erwartet, welches dann ein sonderbahrer List des Teuffels ist, der hierdurch Glaub, Trauen, und Zuversicht zu den Geistlichen aufzuheben suchet.


Pantoja hatte sich nunmehr auf solche Weis an seinen Feinden erkühlet; aber GOtt den HErrn, der ab dem Ehrabschneiden ein höchstes Mißfallen hat, schwerlich erzörnt, der dann mit der Straf länger nicht verziehen wollte; sondern alsobald seinen gerechten Zorn diesem gottlosen Menschen zu verstehen gabe. Es stunde kaum etliche Monath an, da ward Antonius wegen eines stummen Lasters gerichtlich angegeben; und nach reiffer Erwegung einiger Umständ von dem Königlichen Hof-Gericht dem Rumor-Meister Befehl ertheilt, den Pantojam in aller Still in Verhaft zu nehmen. In obgedachtem hohen Rath befanden sich dazumahl gegenwärtig etliche gute Freund des Pantoja, welche, gleichwie sie sich höchlich verwunderten über die unsinnige Buhlschaft eines sonst so verständigen Herrns; also ihme Freundschaft halber wohl gönnen mögen, wann er sich gegenwärtiger Gefahr entziehen, und mit gantzer Haut davon kommen wurde. Derohalben liesse einer aus ihnen noch denselbigen Tag des Antonii Frau Gemahlin den wider ihren Herrn ergangenen Rathschluß andeuten, mit diesem Zusatz: Er sollte sich wohl vorsehen, ehe daß man sich seiner Person bemächtigte; widrigen Falls wurde man der Gerechtigkeit den Lauf lassen, und ihm das Leben absprechen.


Das ware nun für die arme Margareth ein unerwartete, und gantz betrübte Zeitung, als welche gantze Schlösser auf die Treu und Redlichkeit ihres Gemahls gebaut, und ihr nichts wenigers eingebildet hätte, als daß derselbe jemahls so schandlicher Weis an ihr eydbrüchig sollte werden. Zorn, Rachgierd, Schmertzen, Mitleyden, und dergleichen Anmuthungen mehr überfielen zugleich das Gemüth dieses Frauen Bilds, und bestritten es von allen Seiten so starck, daß sie lang nicht wußte, wohin sie sich lencken sollte; ob es besser wäre den Ehr-vergessenen, meyneidigen [271] Sodomiten auf den Scheitterhauffen zu liefferen, oder aber ohngeachtet seiner Treulosigkeit ein Erbarmnus zu haben, und ihm durchzuhelffen. Nach langem Streit erhielte der süsse Zwang ehelicher Liebe die Oberhand, und weil ihr Gemahl nicht zugegen war, sie auch mit ihm nicht sprechen konnte, setzte sie sich nieder, ergriffe die Feder, und schriebe mit wenig Zeilen einen Brief, ohngefehr folgenden Inhalts.


»Ihr müßt euch nicht befremden, daß ich den gewöhnlichen Titul eines liebsten Schatzes nicht voran setze, weilen ihr euch selbst dessen unwürdig gemacht. Wann ihr den Brief naß überkommt, gedencket nur, daß er mit meinen Zähern geschrieben worden. In was für ein Meer der Schmertzen stosset ihr mich nicht, gottloser Mann! was für einen Spott thut ihr nicht meinem, und euerem Adelichen Geschlecht an! euere Schandthaten, und Sodomitische Geilheiten seynd entdecket, und werdet ihr allenthalben zum Tod aufgesucht. Was mich betrift, verzeyhe ich euch gern euere Untreu, und bitte GOtt, daß er euch auch verzeyhen, zur wahren Erkanntnus und Bereuung euerer Sünden bewegen wolle. Saumet euch nicht, die Flucht zu ergreiffen, wann euch anderst die Ehr eueres Haus, und euer eigenes Leben lieb ist.«


Mit diesem Schreiben fertigte sie eylfertigst einen ihrer Dienern ab, mit Befehl, schleunigst fortzureiten, weilen die Sach keinen Verzug litte.


Pantoja befande sich dazumahl auf seinem Land-Gut, einem von der Silber-Stadt 6. Meil gelegenem lustigen Orth. Der Diener ritte gegen dem Abend eylends fort, und reysete die gantze Nacht durch. Dannoch trift ihn Margareth (die vor Kummer und Weinen dieselbige Nacht kein Aug hatte können zuthun) mit anbrechendem Tag im Vorhof des Haus wiederum an, und meynt Anfangs, er seye von der Reiß schon wieder zuruck kommen. Allein sie mußte das Widerspihl vernehmen; indem der Diener sagte, wie alle seine Mühe, des Land-Gut zu erreichen, für dißmahl vergeblich gewesen, weilen ihm nemlich ein erschröckliches Gespenst, ein feuriger Mann ein Hindernuß über die andere in den Weeg gelegt hätte; und jetzt da zu einem Morast, dort zu einem Fluß, bald zu einem Wald, bald zu einer Gruben geführt; also daß er weder hinter noch für sich mehr gewußt, und also gedrungen worden, wiederum nach Haus zu kehren. Margareth fertigte alsobald den Diener mit einem andern Schreiben fast des vorigen Inhalts wiederum ab; ausser daß sie die Ursach dessen spätheren Ankunft dem Brief einverleibte, und zuletzt noch einmahl bate, so lieb ihm die Ehr ihres Adelichen Geschlechts, ja sein selbst eigenes Leben seye ungesaumt sich den Händen der Gerichts-Dienern zu entziehen. Die Reis laufte bey dem Tag besser ab, [272] als bey der Nacht. Der Diener kommt bey guter Zeit auf dem Land-Gut an, und überliefert das Schreiben. Wie nun Pantoja dasselbe eröfnet, und den Innhalt ein und das andermahl durchlesen; über das auch, was dem Diener unter Weegs begegnet, vernommen, erschracke er Anfangs gar heftig; tratte darauf beyseits in ein Zimmer, und berathschlagte mit sich selbst, was zu thun wäre? Da ihn dann die Einbildung und Forcht des Tods in einen Irrgarten der Gedancken führete, woraus er so geschwind den Weeg nicht finden konnte. Endlich, nachdem er alles wohl ausgeecket, und sein greuliche Missethat in den Boden hinein verflucht, fassete er einen gantz unverhoften Entschluß, nicht allein keinen Schritt zu weichen, sonderen der Gefahr erst recht unter die Augen zu gehen. Er kam aus dem Zimmer mit fröhlichem Angesicht herfür, befahle die Fuß-Eysen, welche er seinen Sclaven auf dem Land, wann sie ein Verbrechen begangen, anschlagen liesse, herbey zu bringen; und sagte hiernächst zu dem Diener: »Derjenige, welcher dein gestrige Ankunft anhero so wunderlich verhindert hat, will mich Zweifels ohne meiner schweren Mißhandlungen wegen zur Straf ziehen. Wolan: ich will, und kan GOtt nicht widerstreben: seine Urtheil seynd gerecht. Hab ich gesündiget, so will ich auch büssen. Darum begehre ich, daß man mich in die Eysen schlage. Muß doch gleichwohl bekennen, daß die Schand des schmählichen Tods, so auf mich warthet, und die Betrübnus meiner Frau Gemahlin mir viel härter falle, als der Tod selbst. Bitte allein GOtt aus demüthigstem Hertzen, daß hierdurch noch auf dieser Welt ein guter Theil der Straf, so ich durch meine Sünden verdient hab, möge ausgelöscht werden.« Dieses geredt, stiege er mit angeschlagenen Fuß-Eysen zu Pferd, und an statt, daß er über Berg und Thal, über Stauden und Stiegel hätte sollen durchgehen, eylte er den geraden Weeg der Stadt zu.


Sein Ankunft bekümmerte seine Gemahlin, und Befreundte noch mehr, die ihme mit gantz beweglichen Worten den grossen Schandfleck, den er seinem Hoch-Adelichen Geschlecht wurde anhencken, wann er als ein Maleficant sollte zur Richtstadt hinaus geführt werden, und unter des Henckers-Hand sterben, vor Augen stellten. Baten beynebens eines Bittens, wann er je nicht bedacht wäre, die Flucht zu ergreiffen, (damit er sich vielleicht nicht eben darum schuldig gebe) aufs wenigst die That zu laugnen, und seinen Handel durch das Recht auszuführen; welches so gar schwehr nicht fallen wurde; angesehen seine Ankläger nur Indianer, ein verachtetes schlechtes Volck, die Richter aber meisten Theils ihm günstig wären, und selbst wohl gedulden möchten, wann er sein Verbrechen nur mit einem kleinen Schein der Unschuld könnte beschönen; im übrigen [273] sie auch gern ein Färblein darzu wurden herleyhen, und ihme durchhelffen. Dann, wer ihn überzeugen werde, die Sach seye ja in Geheim geschehen; allein alles umsonst. Pantoja hatte einmahl beschlossen zu sterben, und diesen Fürsatz liesse er ihm so geschwind nimmer aus dem Hertzen reissen; Zweiffels ohne aus innerlichem Antrieb eines guten Geists, der ihn aus solche Weiß wollte in dem Himmel haben, den er etwann sonst nicht wurde finden, wie dann bey andern Uebelthätern mehr geschehen. Er sagte offentlich, und unverhohlen, daß er die stumme Sünd begangen, und klagte die Obrigkeit selbst an, daß sie also saumseelig mit der Sach umgienge: und so lang möchte durch die Finger sehen. Weßwegen die Obrigkeit genöthiget wurde, nach ihme greiffen zu lassen; dessen dann Pantoja gar wohl zufrieden ware, und nur ein Monath lang um Lebens-Frist anhielt, keiner anderer Ursach halber, als sich mit GOtt durch ein ernstliche Buß zu versöhnen, und desto besser zu dem Tod zu bereiten. Welches sein Begehren auch Statt und Platz gefunden.


In die Gefängnuß tratte er ein, wie ein Büssender. Er redete gar wenig mit den Leuten: sein Gespräch war inwendig mit GOtt: brachte die meiste Zeit des Tags zu mit Betten, Ablesung Geistlicher Bücher, und dergleichen gottseeligen Ubungen. Wann aber die Nacht herbey kame, fienge an er mit dem busfertigen David sein Ligerstatt mit Thränen zu waschen; sein zerknirschtes Hertz zu GOtt auszugiessen, und um Verzeyhung zu bitten. Er beichtete zum öfteren seine Sünden, und empfienge das Hochwürdige Sacrament des Altars, so oft es ihm nur gestattet wurde. Seinen Leib casteyete er mit Fasten, und anderen dergleichen Strengheiten; geisselte sich zu mehrmahlen bis auf das Blut; wordurch er sich dermassen ausgemercklet, daß man bey seiner Ausführung schier nur einen lebendigen Schatten noch überig fande.


Entzwischen näherte sich der Tag seines Tods herbey; der ihme dann sonders willkomm war. Ein unzahlbare Menge Volcks lieffe von allen Orten zu, der Ausführung zuzusehen; welche dann in der Wahrheit kläglich war anzuschauen. Ohngefähr um 9. Uhr des Tags kame ein Gerichts-Diener, und deutete ihm an, sein Stündlein hätte geschlagen, und er sich nunmehr zum Sterben müßte verfaßt machen: deme er behertztes Muths zu verstehen gabe, wie daß er bereit wäre. Tratte darauf ohne Verzug, in Begleitung seines Beicht-Vatters, aus dem Dominicaner Orden, und einem anderen Geistlichen herfür. Vor ihm gienge her ein Hauffen mit Lantzen und Streit-Kolben gewaffneter Männer. Diesen folgten etliche Schergen, deren einer an einer langen Stang die Ursach des Tods, auf einer daran hangenden Tafel mit diesen Worten [274] geschrieben truge: Antonius Pantoja, ein Sodomit. Gleich darauf führte man auf einem mit schwartzen Tuch bedeckten Maulthier den armen Maleficanten selbst gleichfalls mit schwartzer Kleydung angethan, samt einem Strick um den Hals. In der Hand hielte er ein Crucifix; welches er mit unverwendten Augen, und solcher Reu-Bezeugung immerzu anschauete, und kußte, daß darüber vilen Zusehern die Zäher aus den Augē schossen. Und zwar noch vil mehr da er bey seinem Haus vorbey ritte, u. seine Frau Gemahlin der zugefügtē Schmach halber inmüthig um Verzeyhung batte.m »Glück zu! rufte er mit weynenden Augen, hertzliebste Gemahlin! ich eile nun, wie ihr sehet, zu dem Tod; den Schandfleck, wormit ich euch, und mein gantzes adeliches Geschlecht beschimpffet habe, wiederum auszulöschen. Verzeyhet mir um der Liebe Christi willen: verzeyhet mir; und erbettet mir von GOtt Stärcke in diesem meinem letzten, und harten Streit.«


Als man aber mit ihm auch bey dem Frauen-Closter angelangt, welches er vor diesem, wie oben gesagt, durch ein Ehrabschneidung ziemlich schwartz gemacht, batte er seinen Führer still zu halten, und auch anderen das Stillschweigen zu gebieten; weilen er allda etwas nothwendiges vorzubringen hätte. Worauf dann ein tieffes Stillschweigen erfolget ist; er aber hat die Umstehende also angeredet: »Alle die (sagte er) welchen meine Schandthaten zu Ohren kommen seynd, sollen wissen, daß derselben Anfang und Ursach geweßt seye die Ehrabschneidung, wormit ich dieses so heilige und keusche Closter verschreyet hab. Welchen Frevel der höchste GOtt, und gerechtiste Richter solcher Gestalt an mir gerochen, daß ich nach Abweichung seines göttlichen, und kräftigen Beystands gleich den anderen Tag darauf in diesen unflätigen Sünden-Koth gefallen, und mich darinn so lang gewältzet, bis mich das Gericht in Verhaft genommen. Spieglet euch an diesem meinem Exempel, und lasset die Keuschheit der GOtt verlobten Jungfrauē mit falscher Nachred ungelästert. Sehet! mit was für einer schändlichen Schmach ich solche Mißhandlung muß büssen.« Nach diesen Worten schwiege er ein Weil still; schrye aber über ein Kurtzes mit lauter Stimm: JEsu stehe mir bey. Fiele auch hierauf mit Zitteren, und Schrecken in eine so starcke Ohnmacht, daß man meinte, er wäre schon todt. Jedoch hat man ihn mit Anstreichung eines kräftigen Balsams bald wieder erquicket, und sein Beicht-Vatter mit eyfrigen Zusprechen ihm ein neuen Muth gemacht. Wie er wieder zu sich selbst kommen, bekennte er mit einem lauten Seuftzer, wie daß er einen erschröcklichen Teufel gesehen, der ihm auf das Frauen-Closter gedeutet, mit Vermelden, es seye nahe darauf gestanden, daß er um der eintzigen Ehrabschneidung [275] ewig wäre verdammt worden. Als ihn nun sein Beicht-Vatter abermahls getröstet, batte er noch etlich mahl gedachteCloster-Frauen um Verzeyhung, und setzte seinen betrübten Weeg nach der Richtstatt fort.


Ausser der Stadt stunde ein von Holtz und Stroh hoch aufgerichter Scheiter-Hauffen; und in Mitte desselben ein höltzener Pfal, woran man den armen Maleficanten, der vor Betrübnuß und Kummer schon halb todt war, mit Stricken anbande: darauf an 4. Orten den Scheiter-Hauffen ansteckte, und ihn also lebendig verbrennte. In welcher schmertzhaften Glut er dannoch weit glückseeliger, als vormahlen in dem sodomitischen Unzucht-Feuer gesessen: weil er die scharffe Züchtigung mit Gedult angenommen; beständiglich bis in sein letztes End in der Bußfertigkeit verharret; mit heller Stimm, und Hertz-brechenden Seuftzern GOtt ohne Unterlaß mit Gnad und Verzeyhung angeruffen; und also zweifels ohne durch diese zwar hart-brennende, aber nur zeitliche Flammen, das höllische und ewige Feuer ausgelöscht hat. Brulius in Historia Peruana l. 9. c. ult.


Also geschiehet es oft aus Verhängnus GOttes, daß der Ehrabschneider in eben die jenige Sünd fallet (oder noch in ein ärgere) mit welcher er seinen Nächsten angeschwärtzt, und verläumdet hat. Mithin wärePantoja bey nahe verdammet worden, wann er nicht einen offentlichen Wiederruf gethan hätte: und da hätte sein strenges in der Gefängnuß geführtes Leben, ja der schmertzhafte Tod selbst nichts darfür geholffen. Also nothwendig ist es, daß der gute Nam, den du einem anderen genommen, wieder ergäntzt, und zugestellt werde: da hilft nichts darfür. Darum hüte dich vor Ehrabschneiden.

44. Exempel
Vier und viertzigstes Exempel.
Ein frommer Kieffer wird aus eines Drachen-Gruben wunderbarlich erlößt.

Zu Lucern, im Schweitzerland war ein frommer Kieffer: der gienge einstens im Wintermonat in einen Wald hinaus, um darinn Holtz für Faß-Taugen auszusuchen. Er kam aber so tief in Wald hinein, daß er auf die letzte nicht mehr wußte, wo er den Weeg zuruck nehmen müßte. Demnach wendete er sich bald auf diese, bald auf jene Seiten, in Hofnung, endlich einen Ausgang zu finden. Allein umsonst. Mithin, als er den gantzen Tag irr gangen, fiele die Nacht ein. Da wurde er dann gezwungen in dem Wald zu übernachten, welches ihn nicht wenig betrübt; [276] bevorab, weil es Winter-Zeit war. Weil es aber nicht anderst seyn konte, sahe er ihm ein bequemes Ort aus, wo er sich nieder legen, und schlaffen möchte; dann er von seinem Herumschweiffen in dem Wald ziemlich müd war. Nachdem er nun die Nacht hindurch geschlaffen, und des anderen Tags in aller Frühe erwacht, stunde er auf, und machte sich wiederum auf den Weeg, in Hoffnung, endlich aus dem Wald hinaus zu kommen: es müßte dann gar alles Unglück sich wider ihn verschworen haben. Weil es aber noch ziemlich düster war, und er den Weeg nicht recht sehen konte, kame er zu einer etlich Klafter tieffen Gruben, in welche er stürtzte. Wiewohl er nun von einer ziemlichen Höhe hinunter gefallen, ist er doch am Leib weiters nicht verletzt worden; weilen nemlich die Gruben einen lettichten Boden hatte. Allein weilen er im Fallen voller Angst und Forcht war, ist ihn ein Ohnmacht ankommen. Nachdem er sich aber daraus erholet, und mithin um sich herum gesehen, wo er seye, nahme er wahr, daß er sich in einer so tieffen Gruben befinde, aus welcher er menschlicher Weis sich nicht mehr schwingen wurde. Dann, weilen diese Gruben einem runden und weiten Schöpf-Brunnen gleich, die Wände aber von glatten Steinen waren, wußte er sich nirgends anzuheben, und mithin die Höhe zu besteigen. Da rufte er dann GOtt, und seine wertheste Mutter aus gantzen Hertzen an, sie wolten ihm doch aus dieser äussersten Noth hinaus helffen. Allein es gefiele GOtt, den Kieffer zu Vermehrung seiner Verdiensten noch länger zu probieren. So geschahe es dann, daß, indem der Kieffer in denen Wänden der Gruben da und dort eine tieffe Höhle ersahe, in eine derselben hineinschlieffen, und darinn sein Ligerstatt nehmen wolte, zwey erschröckliche geflügelte Drachen gegen ihme herausgeschossen: über welches der arme Mann also erschrocken, daß er sich eylends in die Grub zuruck gezogen, GOtt und sein werthiste Mutter auf ein neues angeruffen, sie wolten ihn doch nicht verlassen. In welcher Bitt er auch von GOtt erhört worden: in dem ihn zwar die Drachen mit ihren Leiberen umrungen; ihm aber weiters kein Schaden zugefügt. Wie nun dem armen Kieffer in dieser Gesellschaft der Drachen werde zu Muth geweßt feyn; was er werde gedenckt haben; was Angst und Forcht in ihm werde erweckt worden seyn, wer will es beschreiben? wer mit Worten aussprechen? und dannoch hat er in dieser Gruben und Gesellschaft müssen zubringen ein gantzes halbes Jahr. Aber da wirst du (der du dieses lisest) bey dir selbst gedencken, wie dieser Mensch so lange Zeit sich habe können beym Leben erhalten. So höre dann, und erstaune darüber. Er nahme wahr, daß die Drachen sich mit nichts anders erhielten, als daß sie täglich die Wände der Gruben, aus welchen eine gesaltzene Feuchtigkeit heraus schwitzte, abschleckten. [277] Da gedachte er bey sich selbsten: O! können die Drachen durch dieses Abschlecken sich erhalten, so werd ich es auch können. Demnach folgte er ihnen nach: und sihe! es gabe ihm so viel Kraft, daß er ein halbes Jahr kein andere Speis noch Tranck genossen, als gedachte saltzige Feuchtigkeit. Da hätte man wohl sagen können, daß die Natur mit wenigen zu friden seye; wann nicht andere Ursachen wären, welche uns überweisen, daß hier etwas übernatürliches unterloffen seye. Nun, wie gienge es weiters? Nachdem der Winter fürbey, und sich eine warme Frühlings Witterung anmeldete, floge einer aus denen Drachen zur Gruben hinaus, um sich in dem Wald eine andere Nahrung zu verschaffen. Wie der Kieffer das gesehen; gedachte er bey sich selbst: O! hätte auch ich mit dir können hinausfliegen, wie glückseelig wurde ich geweßt seyn! Gutiger GOtt! verschaffe doch ein Mittel, daß auch ich aus dieser Grub hinaus komme. Indem er also mit diesen Gedancken umgehet, schwunge auch der andere Drach seine Flügel, um zur Grub hinaus zu fliegen. Wie der Kieffer das gesehen, hielte er sich (O! wer entsetzt sich hier nicht über die Kühnheit dieses Manns?) an den Schweiff des Drachens; und floge also mit ihm zur Gruben hinaus. Wie dieses geschehen, liesse er den Drachen fliegen, wohin er wolte; er aber kame mithin auf den rechten Weeg, der nach Lucern gienge. Diesen nahme er dann ungesaumt unter die Füß, bis er zu den Seinigen (welche ihn längst für todt gehalten) wiederum nach Haus gekommen; denen er auch, mit ihrer höchsten. Erstaunung erzählet, wo er so lange Zeit sich aufgehalten, und auf was Weis er aus seiner Gruben erlößt worden. Damit er aber jedermänniglich kund machte, daß er seine Erlösung Niemand anderst, als GOtt, und nach ihm seiner werthisten Mutter zuzuschreiben habe, liesse er ein Meß-Gewand verfertigen, auf welches sein Ausflug samt dem Drachen aus der Gruben, zu einem ewigen Angedencken der Nachkömmlingen künstlich gestickt wurde: welches Meß-Gewand noch heutiges Tags in St. Leodegari Kirchen zu Lucern denen Fremdlingen zur Erstaunung gezeigt wird. Unterdessen wendete sich der fromme Kieffer mit gantzem Hertzen zu GOtt, und danckte ihm Tag und Nacht für die wunderbarliche Erlösung. Weil er aber in gedachter Gruben so lange Zeit ohne menschliche Speis gelebt, mithin sein Magen gäntzlich verderbt worden; ist er nach zwey Monath seeliglich in dem HErrn verschieden. Athanasius Kircher S.J. in Mundo subterraneo. Tom. 2. l. 8. Sect. 4.


Wie weißt GOtt so wunderbarlich zu helfen, wann er seine Allmacht zeigen will! diese hat er gezeigt, da er den frommen Kieffer so lange Zeit in der Drachen-Grub erhalten hat. Dann wie leicht hätte er von ihrem vergiften Athem können angesteckt, und getödtet;[278] oder von ihnen lebendig verschluckt werden? wie bald hätte er aus Mangel menschlicher Speis und Tranck verschmachten können? Aber wegen seiner Frommkeit hinderte GOtt, daß ihm weder die Drachen schaden, noch der Mangel menschlicher Speis und Tranck den Tod konte bringen. Also schützt GOtt die Fromme, und zeigt, daß er sich ihrer annehme. Was für ein Antrieb ist dieses, fromm zu seyn.

45. Exempel
Fünf und viertzigstes Exempel.
Drey edle Gebrüder werden wunderbarlicher Weis in ihr Vatterland übersetzt.

Um das Jahr Christi 1132. herum, waren in Franckreich drey edle Gebrüder, die als Ritter unter einem Kriegs-Hauffen, so aus dem Frantzösischen Adel bestunde, in das heilige Land zogen; um selbiges aus den Händen der Türcken zu erretten. Als sie sich aber wider selbige in einem Treffen zu hitzig hinein gelassen, seynd sie von ihnen umringet, gefangen, und nach Cairo (so die Haupt-Stadt in Egypten ist, und an dem Fluß Nilus liegt) geführt, und dasigem Sultan (ist so viel, als ein Fürst der Türcken) in die Händ gelieffert worden. Nachdem solcher verstanden, daß diese junge Herren aus Franckreich gebürtig, und edle Ritter wären, suchte er selbige theils mit Versprechen, theils mit Bedrohungen dahin zu bringen, daß sie den Christlichen Glauben abschwören solten. Aber sie blieben beständig, und waren bereit, ehender Leib und Leben zu lassen, als an Christo meineidig zu werden. Das verdrosse nun den Sultan dergestalten, daß er selbige unverzüglich liesse in ein finstere Gefängnuß stecken. Weil er aber ein eintzige Tocher, Ismeria mit Namen, hatte, so eine Prinzessin nicht allein von aus bündig schöner Gestalt, sondern auch treflichen Verstand, und ungemeiner Beredtsamkeit; beynebens in dem türckischen Gesatz von Jugend auf mit allem Fleiß unterrichtet, und erfahren war; hofte er, sie wurde endlich die Ritter überreden, dem Christlichen Glauben abzusagen, und den Türckischen anzunehmen. Demnach befahle er ihr, in die Gefängnuß zu gehen, und allem ihrem Verstand aufzubieten, damit die Ritter zum Abfall möchten gebracht werden. Nun Ismeria kommt dem Befehl nach; gehet in die Gefängnuß; grüsset die Ritter, und fangt an von dem türckischen Gesatz ein langes und breites her zu sprechen; mit vermelden, wie selbiges die Wollüsten des Leibs so gar nicht verbiete: und also mit beyden Armen solle umpfangen, und angenommen werden. Solten sie das thun, wurden sie nicht allein aus der Gefängnuß entlassen, sondern auch von ihrem Herrn Vatter, dem Sultan, mit grossen Gnaden angesehen [279] werden. Allein die edle Ritter zeigten ihr einer Seits das Lugenwerck, und viehische Weesen des türckischen; ander Seits aber die Wahrheit, Vernunft, und Heiligkeit des Christlichen Gesatzes so klar, daß sie nach und nach zu wancken angefangen; und letztlich gar das türckische Gesatz, samt dessen Urheber, den lugenhaften Mahomet, verflucht und verworfen hat. Auf dieses hin kehrte sie zu ihrem Vatter, dem Sultan, zuruck, und thate dergleichen, als hätte sie gute Hofnung, die Ritter zu überwinden, und auf ihre Seiten zu bringen. Welches dann der Sultan mit solchem Vergnügen angehört, daß er Befehl ertheilt, die Ritter forthin in Speis und Tranck besser, als bishero, zu tractiren. Das gabe nun der Ismeriä Gelegenheit, die Ritter in der Gefängnus öfters zu besuchen, und mithin in dem Christlichen Glauben sich vollkommentlich unterrichten zu lassen: wie dann auch geschehen; indem Ismeria in kurtzer Zeit so viel gelernet, daß nunmehr Christus, und sein heiliges Gesatz ihr Hertz völlig eingenommen hatten. Zu dem gewanne sie, weiß nicht was für ein hertzliche Liebe gegen der Mutter GOttes, wann ihr die Ritter von selbiger etwas erzählten: wann sie ihre unversehrte Jungfrauschaft; wann sie ihr mildreiches Hertz; wann sie ihre beständige Guthertzigkeit gegen denen Menschen herfür strichen. O! sagte sie: Wann ich doch ein geschnitzeltes Bild, welches diese Jungfräuliche Mutter, mit ihrem liebsten Kind auf denen Armen, vorstellte, haben könnte: wie wolte ich es umpfangen, verehren, und an mein Hertz drucken! Ey! ihr edle Ritter: ist es möglich, daß mein Wunsch erfüllet werde? Die Ritter antworteten: wann sie nur ein Stuck von guten Holtz hätten, das sich leicht arbeiten liesse, so getrauten sie ihnen, ein solches zu verfertigen. Als Ismeria dies gehört, gienge sie hin, suchte ein solches Holtz; und nachdem sie eines gefunden, brachte sie solches denen Rittern, samt einem Stemm Eisen, und anderen dazu erforderten Werckzeug. Worauf sie von ihnen Abschied genommen. Da sahen nun die Ritter einander an, und wußten nicht, was sie anfangen solten. Dann sie sich auf die Bildhauer-Kunst so viel verstunden, als nichts. Indem sie nun voller Sorgen waren, und hin und her gedachten, wie sie die Begierd der Ismeriä erfüllen möchten, fielen sie auf ihre Knie nieder, und ruften Unser Liebe Frau an, daß sie ihnen so viel Kunst und Geschicklichkeit vom Himmel wolte erwerben, als nöthig wär, ein solches Mariä-Bild zu verfertigen, welches der Printzessin Ismeriä gefallen wurde. Kaum hatten sie diese Bitt gethan, da überfiele sie ein sanfter Schlaf; in welchem da sie begriffen waren, stiegen die Engel vom Himmel herunter, und brachten mit sich ein schönes Mariä-Bild, welches sie mit ihren Händen verfertiget hatten. Und nachdem sie nicht allein die Gefängnuß mit ungemeinem Glantz erleuchtet, sondern auch mit himmlischen Geruch angefüllet, stimmten [280] sie eine Music an, dergleichen unter den Menschen nicht gehört wird. Da geschahe es dann, daß einer aus denen Rittern an dieser Music erwachte, Augen und Ohren aufsperrte, und den nächsten mit den Ellenbogen stossend, fragte:Bruder! was ist das für eine Music? was bedeutet dieser Glantz, der die Nacht in den Tag verwandelt? und woher kommet die Lieblichkeit des Ge ruchs? Als nun auf diese Frag die andere auch erwachet, stunden sie mit Schröcken erfüllet auf; und indem sie sich in der Gefängnuß umsahen, erblickten sie ein auf der Erden stehendes Mariä-Bild, samt dem JEsus-Kindlein auf den Armen, von welchem der ungemeine Glantz, und himmlische Geruch herkame. Was nun die Ritter in Ausehung dessen für ein Frolocken gehabt; was Freuden-Zäher sie vergossen; was Danck sie GOtt, und seiner Mutter erstattet haben; wer wird es mit der Feder beschreiben? wer mit dem Mund können aussprechen? sie warfen sich vor dem Mariä-Bild nieder auf die Knie, kußten und verehrten selbiges: und weil dies alles bey eitler Nach vorbey gangen, haben sie eben gemeint, es seye unmöglich, den anbrechenden Tag zu erwarten. Kaum aber war dieser angebrochen, da kame Ismeria in die Gefängnus, um zu erfahren, wie weit die Ritter mit Verfertigung des Mariä-Bild kommen wären? und siehe! in dem sie hinein trittet, findet sie die Ritter noch vor dem Bild auf der Erden kniend, und mit Freuden-Zäher übergossen. Verwunderte sich zugleich ab dem ungemeinen Glantz, und himmlischen Geruch, mit welchen die Gefängnus erfüllet war. Als sie aber von den Rittern verstanden, was sich bey nächtlicher Weil zugetragen hatte, konnte sie sich selbst vor Freuden nicht fassen. Sie frolockte; sie fiele dem Bild zu Füssen: und nach dem sie es mit einem Kuß verehrt, und an ihr Hertz gedrucket, stunde sie auf, und truge es voller Freuden in ihr fürstliches Zimmer: Allwo sie es auf einen Tisch gesetzt, darvor nieder gekniet, und Unser Liebe Frau mit weinenden Augen gebetten, sie wolte ihr doch verhülflich seyn, daß sie samt denen Rittern aus ihres Vatters, des Sultans Haus mit der Flucht entrinnen, und an ein sicheres Ort kommen; mithin den heiligen Tauf empfangen, sich zum Christlichen Glauben bekennen, und GOtt ungehindert dienen könnte. Kaum hatte sie dieses Gebett verrichtet, da fiele sie in einen süssen Schlaf. Und siehe! die Mutter GOttes erscheint ihr, und redet sie an mit folgenden Worten: Wohlan, mein Tochter! deine Bitt solle erfullet werden. Morgiges Tags nimme sammt denen gefangenen Rittern die Flucht: dann ich will euch in eine weit entlegene Landschaft führen, allwo diese meine Bildnuß solle verehrt, du mithin getauft werden, und den Namen Maria bekommen. Als sie dieses geredt, und ihr Ismeria die Füß kussen wollen, ist Unser Liebe Frau verschwunden; Ismeria aber mithin aus dem Schlaf erwachet. Sie stunde [281] demnach auf, und ware bedacht wie sie die Sach müßte anstellen. Das schwerste war, auf was Weise ihr Vatter, der Sultan, möchte hintergangen werden. Zu diesem End stellte sie sich noch immerdar und machte dem Vatter die Hofnung, als wolte sie die Ritter mit nächsten dahin bereden, daß sie sich zum türckischen Glauben bequemen wurden; damit ihm also der Argwohn der vorhabenden Flucht möchte benommen werden. Unterdessen sammlete sie in höchster Geheime zusammen alles, was sie von Gold, Perlein, und Edelgesteinen in ihrem Schatz-Trüchlein verschlossen hatte: und nachdem der andere Tag angebrochen, gienge sie gegen Abend zu denen Rittern in die Gefängnuß, und sagte zu ihnen: Wohlan, ihr edle Ritter! laßt uns die Flucht nehmen; dann die Mutter GOttes wird unsere Weegweiserin seyn. Kaum hatte sie das geredt, fielen denen Rittern nicht allein die Ketten und Band von den Füssen; sondern es eröfneten sich auch alle zugeschlossene Thüren von sich selbst, und durch verborgenen Gewalt. Wie sie das gesehen, giengen sie zur Gefängnuß hinaus. Und obwohlen sie mit der Ismeria den Weeg mitten durch die Stadt Cairo nehmen mußten, konnten sie doch von denen Innwohnern nicht gesehen werden. Also hatte GOtt ihre Augen verblendet. Nachdem sie nunmehr vor der Stadt draussen waren, eilten sie dem Fluß Nilus zu, an dessen Gestatt sie ein Schiflein antraffen, und in selbigen einen überaus schönen Jüngling, welcher sie ungesaumt über den Fluß gesetzt hatte. Daß dieser Jüngling ein Engel geweßt seye, ist bald errathen. Nachdem sie über den Fluß waren, frolockten sie, und wünschten einander Glück, daß sie nunmehr kein weitere Gefahr hätten. Giengen also fort, bis Ismeria (welche mehr in Gutschen zu fahren, als über Feld zu Fuß zu gehen gewohnt ware) ermüdet, und nicht weiter gehen konte. Da setzten sie sich dann unter einem Cypreß-Baum nieder; und weil die Nacht einbrache, mußten sie allda ihre Liegerstatt nehmen. Es stunde auch nicht lang an, da überfiele sie der Schlaf: zu welcher Zeit das Mariä Bild, so Ismeria unter dem Cypreß-Baum nieder gesetzt hatte, für sie gewachet, und folgendes Wunder angestellt hat. Es mußten nemlich auf den Befehl Mariä die Engel mit einer hell leuchtenden Wolcken sich auf die Erden hinunter lassen. Und nachdem die Schlaffende samt dem Mariä-Bild von dieser Wolcken aufgenommen worden, erhebten die Engel selbige in den Luft, und trieben sie die gantze Nacht hindurch viel hundert Meil Weegs über unterschiedliche Länder und Königreich fort, bis sie damit gegen anbrechenden Tag in Franckreich, und zwar an dasjenige Ort kommen, allwo die Ritter zu Haus waren, und auf dem Land ein adeliches Schloß hatten. Da liessen sich dann die Engel samt der Wolcken abermahl auf die Erden herunter, und thaten in einer grünen Wiese, bey einer Brunnquell, die Schlaffende abladen: sie aber verschwanden [282] samt der Wolcken, und liessen die Schlaffende in ihrer Ruhe unverstöhrt. Als nun der Tag angebrochen, thaten die Schlaffende endlich erwachen. Indem sie aber sahen, daß sie sich nicht unter einem Cypreß-Baum, wie gestern zu Abends, sondern bey einer Brunnquell, wo viel Weyden stunden, befinden, konnten sie sich nicht genug darüber verwunderen: dann sie nicht wußten, was sich mit ihnen im Schlaf zugetragen hatte. Als sie sich nun allenthalben umsahen, und ratheten, an was für einem Ort sie dann wären, hörten sie nicht weit von ihnen einen Hirten, so unter einer Weyden sasse, und das Vieh hütete, auf seiner Pfeiffen eines aufspielen. Diesem dann giengen sie nach; und nachdem sie zu ihm kommen, fragte ihn Ismeria (die voran gangen, und geglaubt, sie wäre noch in Egypten, ihrem Vatterland) in türckischer Sprach: Freund! sagt uns doch: was ist das für ein Ort, da wir uns befinden? der Hirt, so diese Sprach nicht verstunde, wußte Anfangs nicht, was er sagen sollte. Endlich sagte er in frantzösischer Sprach: Ich verstehe nicht, was ihr sagt. Als die Ritter ihr Mutter-Sprach gehört, fragten sie den Hirten: Was ist das für ein Dorf, so wir vor uns sehen? und wem gehört dieses Schloß zu, das nicht weit davon liegt? Da antwortete ihnen der Hirt, was an der Sach war. Wie die Ritter verstanden, daß sie sich nicht allein in Franckreich, sondern auch auf ihrem Land-Gut befinden, da ist nicht auszusprechen, was erstlich in ihnen für eine Verwunderung; hernach aber für ein Frolocken entstanden. Ey! sagten sie: daß GOtt, und seiner Jungfräulichen Mutter im Him mel gedanckt seye! dann es ist mit uns ein Miracul geschehen, dergleichen nicht bald gehört worden. Laßt uns dann eilends zu unserem Mariä-Bild so wir bey der Brunn-Quell stehen lassen, zuruck kehren, und vor selbigem unsere schuldigste Danckbarkeit abstatten. Dieses geredt, kehrten sie zur Brunnquell zuruck: und siehe! das Wasser ware unterdessen also aufgeschwollen, daß es das Mariä-Bild ringsweis umgeben, und benetzet hatte: wordurch dann geschehen, daß es von dem Bild eine übernatürliche Kraft bekommen, durch welche (so man davon getruncken) allerhand Kranckheiten feynd geheilet worden. Das hatte dann die Ritter bewogen, daß sie zur Ehr des Mariä-Bilds an diesem Ort eine Kirch aufzubauen versprochen: welches auch bald darauf geschehen. Ja es wird dieses Bild noch heut zu Tag von denen andächtigen Christen verehrt, nicht ohne vielfältige Wunder-Werck, welche GOtt dardurch sowohl zum Heyl der Seel, als des Leibs würcket. Nun, wie gienge es weiters? als die Ritter ihrem Schloß zu eilten, um zu vernehmen, ob ihre Frau Mutter noch bey Leben wäre, sahe diese eben zum Fenster heraus: und wie sie ihre Söhn aus dem Angesicht erkennt, da ist nicht auszusprechen, mit was Freud ihr Hertz erfüllet worden; [283] indem sie nicht anderst geglaubt, als ihre Söhn wären in dem heiligen Land schon längst umkommen. Dannenhero lieffe sie ihnen freudig entgegen, fiele ihnen um den Hals, kußte sie, und konte vor Freuden eine lange Zeit kein Wort reden. Nachdem sie sich aber erholet, fragte sie alles aus: wie ihnen so lange Zeit gangen? und auf was Weis sie wiederum in ihr Vatterland kommen wären? und nachdem sie von allem verständiget worden, warfe sie ihre Augen auf die Ismeriam; aus dero ungemeinen Schönheit sie gleich geurtheilt, sie müßte von hohem Stammen seyn, und als sie darüber den Bericht eingenommen, fiele sie ihr gleichfalls um den Hals, und kußte sie vor Freuden. Führte sie hernach samt den Söhnen in das Schloß hinauf; allwo sie ihnen ein stattliches Tractament zugerichtet, welches man billich ein Freuden-Mahl hat namsen können. Es stunde auch nicht lang an, daß Ismeria den Heil. Tauf empfangen, und darinn den Namen Maria bekommen: über welches die Frau des Schlosses sich also erfreut, daß sie Ismeriam nicht anderst, als ihre eigene Tochter gehalten, und geliebt hat. Ismeria aber diente GOtt, und seiner Jungfräulichen Mutter im Stand der Jungfrauschaft bis an das End des Lebens. Cazæus in piis Hilar. in Præludio. Ex Annalibus Melitensium.


Wer siehet nicht aus dieser Gelegenheit, daß es GOtt angenehm seye, wann man die Bilder seiner Jungfräulichen Mutter verehrt? dann so es anderst wäre, so frage ich: wurde er durch die Engel ein solches Bild im Himmel haben verfertigen lassen? wurden Ismeria, und die Ritter, so selbiges verehrt, durch die Engel über so viel Länder in Franckreich übersetzt worden seyn, wurde GOtt in gedachtem Reich bey dem Mariä-Bild so viel Wunder gewürckt haben? und dannoch därfen die Ketzer die Verehrung der Mariä-Bilder verwerfen. Was Unverschamheit ist dieses! was Halsstarrigkeit! ja: was Gottlosigkeit! kehre dich nicht daran, Catholische Jugend! sondern folge dem uralten Gebrauch der Catholischen, und allein Seeligmachenden Kirchen, welche zu allen Zeiten die Mutter GOttes in ihren Bildern verehrt; und eben darum von GOtt unzahlbare Gutthaten so wohl der Seel, als des Leibs (und das gantz wunderbarlich) erlangt hat.

46. Exempel
[284] Sechs und viertzigstes Exempel.
Ein adelicher Jüngling wird seinen Elteren durch den H. Niclas wunderbarlicher Weis wiederum zugestellt.

Als vor Zeiten die Türckische Meer-Rauber an dem Fest des Heil. Niclas an den Gräntzen des Welschlands einen feindlichen Einfall gethan; mithin alles, was sie angetroffen, weggeraubt, haben sie auch gewaltthätiger Weis mit sich weggeführt einen Jüngling, so von adelichen und reichen Elteren gebohren war. Es lebten diese Eltern lange Zeit im Ehestand, ohne daß sie mit einer Jugend begabt worden; bis sie endlich durch die Fürbitt des heiligen Niclas ein Söhnlein (nemlich gedachten Jüngling) erhalten. Deswegen pflegten sie zu schuldigster Danckbarkeit alle Jahr das Fest des Heil. Niclas mit sonderbarer Andacht zu begehen; indem sie nach verrichtem Gebett in der Kirchen denen armen Geistlichen ein Mittag-Mahl gaben; unter andere Arme aber ein reichliches Allmosen austheilten. Eben an diesem Fest (wie gesagt) wurde der adeliche Jüngling von denen Meer-Raubern nach Babylon (einer Stadt in Egypten, nicht weit vom Nil-Fluß gelegen) geführt, und dasigem Sultan zu einem Aufwarter verehrt. So bald ihn dieser gesehen, gefielen ihm so wohl die adeliche Sitten, als schöne Leibs-Gestalt; also, daß er ihn, nach eingenommener langer Prob von seiner Treu, zu seinem Mundschenck gemacht hat. Das ist: er mußte dem Sultan zur Tafel dienen, und ihm zu trincken reichen. Nachdem er nun diesen Dienst fast ein Jahr lang versehen, und das Fest des Heil. Niclas allbereit wiederum eingefallen, erinnerte er sich, was gestalten seine liebe Eltern zu Haus dieses Fest mit sonderbarer Andacht begiengen. Das triebe ihm dann das Wasser in die Augen, daß er nicht auch dabey seyn konte. Das erpreßte aus seinem Hertzen manchen tiefen Seufzer; welches zu verbergen ihme fast unmöglich fiele. Als er nun an gedachtem Fest dem Sultan bey der Tafel aufwartete, und ihm einen grossen silbernen, und vergoldten Pocal, oder Becher, von dem köstlichsten Wein, welcher an der Tafel herumgehen sollte, mußte einschencken, da konte sich der adeliche Jüngling nicht enthalten, daß er nicht einen tiefen Seufzer aus dem Hertzen gehen liesse. Der Sultan, so dieses vermerckt, fragte ihn gleich: Warum seufzest du? was hast du für ein Anligen? Der Jüngling antwortete: Großmächtiger Fürst! warum sollte ich nicht seufzen; indem heut bey uns Christen das Niclas-Fest begangen wird, an welchem ich in meinem Vatterland gefangen, und hieher gebracht worden? das solle mir ja billich zu Hertzen gehen? [285] was ist das für ein Niclas (fragte der Sultan) von dem du redest? ist es viel leicht einer aus denen Haus-Götzen, den die Christen verehren? kein Haus-Götz (antwortete der Jüngling) sondern ein grosser Heiliger im Himmel ist der Heil. Niclas. Von diesem haben mich meine Eltern erbetten, und mich ihme aufgeopfert. Diese verehren ihn nun heutiges Tags mit sonderbarer Andacht; speisen auch zu seiner Ehr die arme Geistliche; und theilen unter andere Arme ein reichliches Allmosen aus. O daß auch ich bey ihnen wäre, und solcher Andacht beywohnen könte! da fiele ihm der Sultan in die Red, und sagte: was erzählest du da für Mährlein; und was machest du aus deinem Niclas? was wird er dir helfen, wann du ihn lang verehrest? Kaum hatte er diese Wort geredt, siehe! da erschiene der Heil Niclas mitten in dem Saal, allwo der Sultan mit andern vornehmen Herren des Reichs an der Tafel speisete. Er hatte auf dem Haupt eine Inful; in der rechten Hand einen goldenen Bischofs-Stab, und war mit einem von Gold und Edelgesteinen gestickten Bischöflichen Ornat angethan. Nachdem er nun den Sultan, und andere Herren an der Tafel scharf angesehen, ergriffe er den adelichen Jüngling, da er den Pocal mit Wein noch in der Hand hielte, bey einem Haar-Schopf; truge ihn daran zu einem offenen Fenster des Saals hinaus, und führte ihn viel hundert Meil Weegs durch den Luft frisch und gesund bis in sein Vatterland; ja gar in das Haus seiner Eltern, da sie eben mit denen armen Geistlichen am Tisch sassen, und das Mittagmahl einnahmen. Mit was Verwunderung der Elteren dieses geschehen seye, als sie ihren Sohn, wider alles Verhoffen, aus so fernen Landen, und zwar mit einem silbernen und vergoldten Pocal in der Hand, vor sich gesehen; was für ein Frolocken bey ihnen entstanden: was Freuden-Zäher sie vergossen; wer wird es aussprechen? die Frau Mutter, so ihn zuerst gesehen, sagte zu ihrem Herrn: Liebster Gemahl! siehe! unser Sohn ist da. Dies geredt, stunde sie eilends von ihrem Sessel auf, und war so begierig, den Sohn zu umfangen, und zu küssen, daß sie fast den Tisch samt allen Trachten unter über sich gekehrt hätte. In welchem Stuck dann auch die andere ihr nachgefolgt seynd. Also groß war die Freud, und das Frolocken. Nachdem der Willkomm fürbey, mußte der Sohn zu obrist an den Tisch hinsitzen, und allen Anwesenden erzählen, wie er anhero kommen und wie ihm Zeit seines Ausbleibens ergangen wär. Welches dann der Sohn gethan, und mit seiner Erzählung die Zuhörer mit gröster Verwunderung erfüllet hat. Alsdann nahme er den Pocal mit Wein, aus welchem bishero nicht ein Tropfen verschüttet worden, und trancke es seinen lieben Eltern zu mit Bitt, sie wollen samt ihne dem Heil. Niclas Danck sagen, [286] der ihne so wunderbarlicher Weis frisch und gesund aus dem Gewalt des Sultans erlößt, und in sein Vatterland zuruck gebracht hätte. Das thaten dann nicht allein die Elteren, sondern auch die anwesende Gäst, und mußten bekennen, daß sie ihr lebtag keinen köstlicheren Wein, und mit grösserer Freud, als diesen getruncken hatten. Was unterdessen der Sultan in Egypten werde gedacht haben; wie er werde zufrieden geweßt seyn, daß ihm der Jüngling samt dem silbernen und vergoldeten Pocal aus seinem Gewalt entrissen worden, das mag ein jeder bey sich selbst gedencken. Was die Eltern, und den Jüngling anlangt, blieben selbige dem Heil. Niclas lebenlänglich mit aller Andacht zugethan, und vergassen nimmer mehr der Gutthat, so er ihnen erwiesen hatte. Cazæus in piis Hilar. To. 2. Ex ejusdem vitæ per P. Ribadeneiram.

Aus dieser Gelegenheit ist abermahl zu ersehen, wie nutzlich es seye wann man die Heilige GOttes verehrt; um Hilf anruft; sich in ihren Schutz befihlet, und sein Vertrauen auf ihre Vorbitt setzet. Dann, so es GOtt angenehm ist, wann wir die fromme Menschen auf Erden ersuchen, daß sie GOtt für uns bitten wollen; um wie viel angenehmer wird es ihm seyn, wann wir seine Heilige in dem Himmel um ihre Fürbitt anruffen? dann weil diese seine liebst Freund seynd, und solche seyn werden in alle Ewigkeit, so wird er ihnen ja ehender willfahren, als denen Menschen auf Erden, die der ewigen Seligkeit halber noch nicht versichert seynd? und da sollen die Ketzer nicht sagen, als wußten die Heilige im Himmel nichts um uns Menschen auf Erden. Dann GOtt offenbaret es ihnen, wann wir sie anruffen, und auf solche Weis belohnt er ihre Verdienst, die sie auf Erden gesammlet haben. Fahre also fort, Catholische Jugend! die Heilige um ihr Vorbitt anzuruffen; dann du wirst erfahren, daß du es nicht umsonst thust. Verehre den Heil. Niclas, als einen sonderbaren Patronen der Jugend; und er wird sich deiner annehmen. Seiner Wunderthaten seynd viel zu viel, als daß man sie laugnen konte: wie es dann bezeugt die Catholische Kirch, indem sie sich gebraucht folgenden Gebetts:


O GOtt! der du den Heil. Bischof Niclas mit unzahlbaren Wunderthaten gezieret hast: wir bitten dich durch seine Verdienst, daß du uns auf seine Vorbitt von denen höllischen Flammen befreyen wollest. Durch JEsum Christum, unsern HErrn. Amen.

47. Exempel
[287] Sieben und viertzigstes Exempel.
Ein Bedienter wünscht im Todbeth, daß er mehr GOtt, als seinem Herrn auf Erden gedient hätte.

Es war ein gewisser Bedienter, der einem Marggrafen viel Jahr fleißig, und treulich gedienet hatte: weswegen er auch von seinem Herrn inniglich geliebt wurde. Als er auf eine Zeit erkrancket, suchte ihn sein Herr heim, und bezeigte gegen ihm grosses Mitleiden, sagend: »Mein guter Mensch! wie bedaurest du mich, daß ich dich in solchem Zustand sehen muß! du weißt, was grosse Lieb ich allzeit gegen dir getragen, wegen denen treuen Diensten, die du mir so lange Jahr her geleistet hast. O! Könte ich dir helfen, wie gern wollt ich es thun! sage mir nur, was du vonnöthen habest, ich will keine Unkösten sparen.« Wie der Bediente das gehört, sagte er: »mein Herr! wann ihr je meine treue Dienst belohnen wollet, so verschaffet, daß ich entweders nicht jetzt sterben müsse; oder eine Stund lang von meinen Schmertzen befreyet werde; oder, wann ich je verscheiden sollte, in der anderen Welt eine eintzige Nacht eine, gute Herberg habe.« Der Herr antwortete: »mein guter Mensch! das seynd Sachen, die nicht in meinem, sondern GOttes Gewalt stehen. Begehre etwas, das in meinem Vermögen ist, so will ich thun, was ich kan.« Als der Krancke diese Entschuldigung gehört, kehrte er sich zu zu denen, die um sein Beth herum stunden, fienge an bitterlich zu weinen, und sagte! »O ihr gute Freund! wie übel seynd meine Dienst angelegt worden! dann sehet! ich kan von meinem Herrn nichts erhalten von allem dem, was ich von ihm begehrt hab. Darum rathe ich euch, daß ihr ab meiner Thorheit witziger werdet, und dem jenigen HErrn dienet, der euch nicht allein von Schmertzen befreyen, sondern auch mit ewiger Freud belohnen kan. Wer ist aber dieser anderst als unser lieber HErr GOtt? O köntet ihr mir durch euer Gebett das Leben erlängeren, mit was Eifer wollte ich ihm dienen! allein, das ist mehr zu wünschen, als zu hoffen. Aufs wenigst bedaure ich in meiner Seel, daß ich ihm so hinläßig gedient hab. Diese Reu und Leid hoffe ich, werde meine Hinläßigkeit ersetzen.« Dieses geredt, gabe er bald darauf seinen Geist auf nicht ohne Auferbauung deren, so um sein Beth herum stunden. Belvacensis in speculo morali.


Was dieser Bediente in seiner Kranckheit gewunschen, das soll man thun, weil man noch gesund ist; und öfters jenen Spruch des gottseligen Thomä von Kempis zu Gemüth führen: daß nemlich alles auf Erden [288] eine lautere Eitelkeit seye; ausser GOtt lieben, und ihm allein dienen. O was Trost bringt dieses einem Sterbenden! und mit was Hofnung erwartet er die ewige Belohnung!

48. Exempel
Acht und viertzigstes Exempel.
Thomä Mori Reichs-Cantzlers in Engelland, Christliche Starckmüthigkeit, so er in Aufnehmung eines Unglücks-Streichs erwiesen.

Als in dieses Herrn Abwesenheit durch ein Feuers-Brunst ein Theil seines Haus, samt denen Korn-Scheuren, voll des besten Getrayds, abgebrunnen, und in die Aschen gelegt worden; mithin seine Gemahlin Aloysia ein grosses Jammeren machte, und ihm den erlittenen Schaden in einem langen Brief, der mehr mit Zähern, als Dinten geschrieben war, zu wissen thate, liesse er an sie diese wenige Trost-Zeilen zur Antwort ablauffen.

Meinen Gruß voran liebste Aloysia!

»Ich vernimme aus eurem Schreiben, was gestalten unsere Korn Scheuren durch Feuers-Noth verunglückt worden. Ist wohl schad um das liebe Getrayd. Weilen es aber GOtt also gefallen, müssen wir diesen Streich nicht allein gedultig, sondern auch willig annehmen. Was wir verlohren, das hat uns GOtt geben: jetzt hat ers wieder genommen. Der Namen des HErrn seye gebenedeyt: seinem Willen wollen wir uns nicht widerspenstig erzeigen. Wir haben nicht Ursach deshalben zu murren, sondern alles wohl aufzunehmen, und ihm Danck zu sagen, gehe es wohl, oder übel. Ja, wann wir die Sach recht überlegen wollen, so hat uns GOtt durch gegenwärtigen Verlust eine grössere Gutthat erwiesen, als wann er uns weiß nicht was vor einen Gewinn beschehret hätte; weil er besser weißt, als wir, was uns nutz seye. Derohalben seyd wohl getröst, mein liebste Aloysia! und verfüget euch alsobald mit dem gantzen Hausgesind in die Kirchen, dem gütigen GOtt schuldigsten Danck zu erstatten, so wohl um das, was er uns entzogen, als was er uns gelassen hat. Beliebet es ihm, so kan er, was noch übergeblieben, bald vermehren: will er noch mehr nehmen, bin ich dessen auch zufrieden. Was dem HErrn gefällig, das geschehe: ihr aber, liebste Aloysia! lebet wohl.«

Von Hof aus, zu Wodstock

Den 13. Septemb. An. 1529.


Stapletonis in vita Thomæ Mori.

[289] Mein GOtt! was für ein Saft der Gottseligkeit ist in diesem kurtzen Trost-Schreiben begriffen! was edle Gedancken, was Stärcke! was Standhaftigkeit! wann der gedultige Job selbst dieses Schreiben angegeben hätte, wurde er auch starckmüthiger geredt haben? O edles Gemüth! O Hertz, das sich allein auf GOtt gegründet hat! O More! würdig, daß dich die gantze Welt bewundere, und dein Starckmüthigkeit bis an die Himmel erhebe! lerne, lerne, Christliche Jugend! von diesem grossen Mann, wie du dich mit der Zeit drein schicken sollest, wann GOtt einen Unglücks-Streich über dich verhängen sollte. Ueberlise dieses Schreiben, und du wirst erfahren, was Trost es dir bringen werde.

49. Exempel
Neun und viertzigstes Exempel.
Ein frommer Priester erkennt durch ein Gesicht den innerlichen Stand dreyer Mägdlein, da sie seiner Meß beygewohnt.

Es war ein frommer Priester, der lase täglich Meß: jedoch etwas längers als andere: indem er seiner besonderen Andacht pfloge. Als nun auf eine Zeit drey Mägdlein seiner Meß beywohnten, sahe er unter währendem Meßlesen erstlich von dem Himmel herunter steigen einen Engel, haltend in der rechten Hand einen Crantz, aus rothen Rosen zusammen geflochten, welchen er einem aus diesen Mägdlein auf den Kopf gesetzt. Bald darauf einen anderen, mit sich bringend einen Crantz von gelben Rosen, den setzte er gleichfalls einem andern Mägdlein auf den Kopf. Letztlich aber hatte er wegen des dritten Mägdleins ein gantz anderes Gesicht. Dann er sahe, was gestalten die böse Geister gegen ihr ein Compliment machten, gleich wären sie tantzende Jüngling, welche mit unverschamten Gebärden selbiges zu aller Geilheit anreitzten. Sobald die Meß aus ware, rufte der Priester die drey Mägdlein zu sich, und fragte ein jedes, mit was Gedancken es doch unter der Heil. Meß seye umgangen? dann er hätte ihnen was wunderliches zu sagen. Da bekennte ihm das erste, und sagte: es habe unter der Heil. Meß betrachtet, was gestalten die Juden Christo dem HErrn eine dörnere Cron so tief in sein Allerheiligstes Haupt hinein gedruckt hätten, daß ihm das Blut häufig über die Stirn und Wangen herunter geloffen. Da habe es dann aus Mitleiden bey sich selbst gesagt: Ach mein JEsu! wie viel hast du für mich gelitten! und wie wenig leide ich dir zu Lieb! O mich Undanckbare! da sagte der Priester: das ist die Ursach, daß dir unter der Heil. Meß ein Engel vom Himmel einen Krantz von rothen Rosen aufgesetzt hat. Dann durch [290] die rothe Farb der Rosen wurde bedeutet die rothe Farb des Bluts Christi. Fahre fort, mein Tochter! in solcher Betrachtung; habe Mitleyden mit dem leydenden JEsu, so wird er dich auch seiner Freuden im Himmel theilhaftig machen.


Hernach fragte er das anderte Mägdlein, was es unter der Heil. Meß für Gedancken gehabt hätte? und es bekennte, daß es ihme Christum den HErrn eingebildet, wie er noch als ein Kind in der Krippen gelegen. Da habe es dann seine zarte Händlein mit tieffester Ehrerbietung gekußt, habe ihm schön gethan, selbiges auf seine Armb genommen, an das Hertz gedruckt, und mit Freuden-Zähern benetzt. Recht, sagte der Priester: darum hat dir ein Engel vom Himmel unter dieser freudigen Betrachtung einen Krantz von gelben Blumen aufgesetzt: dann diese ist ein Freuden Farb.


Was hast aber du, fragte der Priester das dritte Mägdlein, unter der Heil. Meß für Gedancken gehabt, das Mägdlein bekennte rund heraus, und sagte:ich hab bey mir selbsten gedenckt: O was ist doch dieser Geistliche für ein Kertzen-Brenner! wie lang blättert er in dem Meß-Buch herum! es sollte einer glauben, er buchstabire ein Wort nach dem anderen. Ach! wann er doch einmahl fertig wär, so könnte ich auf den Tantz-Platz gehen, das wäre mir über essen und trincken. So so! sagte der Priester: jetzt nimmt es mich nicht wunder, daß dir die böse Geister unter der H. Meß ein Compliment gemacht haben. Du bist halt ein Welt Kind, und gedenckst an nichts anders, als an Springen und Tantzen, und dergleichen üppige Freuden, wordurch die böse Geister schon viel in ihr Netz gebracht haben. Hüte dich also, und folge vielmehr denen anderen zweyen Mägdlein nach: damit auch du mit ihnen in dem Himmel gleicher Freuden mögest theilhaftig werden. Und mit dieser Auslegung und Warnung entliesse der Priester die Mägdlein von sich. Godschalcus Holenius Serm. 100. Parte æstiva.


O wann man oft sehen könnte die Gedancken, welche von denen, so der H. Meß beywohnen, im Hertzen geführt werden, was für ungereimte Sachen würden heraus kommen? wie viel gedencken an nichts wenigers, als an die Gegenwart Christi auf dem Altar, wie viel tausend der Englen ihm aufwarten, wie sie auf ihre Angesichter aus tieffester Ehrerbietung fallen, und ihn anbetten; ist aber das die Ehr, die man GOtt schuldig ist, ist das die Andacht, die man bey diesem göttlichen Opfer haben solle? O Schand! O Verantwortung! O Gericht, das auf solche warthet.

50. Exempel
[291] Fünftzigstes Exempel.
Schwehrer Streit, so ein Jüngling im Tod-Beth wider den bösen Geist ausgestanden.

Um das Jahr Christi 1586. erkranckte zu Padua, einer Stadt in Welschland, ein Jüngling auf den Tod. Wie er gemerckt, daß kein Hofnung des Lebens mehr übrig, liesse er sich zeitlich mit den gewöhnlichen Sacramenten der Sterbenden versehen; damit er auf den Tods-Kampf wider den bösen Geist gerüstet wäre. Indem er nun also da liegt, laßt sich der böse Geist in abscheulicher und schröcklicher Gestalt vor ihm sehen; um hierdurch den Krancken zu schröcken, und verzagt zu machen. Kaum hatte ihn der Krancke ersehen, da schreyt er überlaut: Sehet! sehet! der böse Geist ist da. Gebt mir gschwind das Crucifix, damit ich ihn verjage. Als er solches von denen Umstehenden empfangen, bate er sie, sie wollten doch für ihn betten, damit ihm der böse Geist nicht möchte beykommen. Welches dann die Umstehende auch fleißig gethan; also, daß der Krancke eine weil ruhen konnte, es stunde aber nicht lang an, da liesse sich der böse Geist das andertemahl sehen. Weßwegen dann der Krancke die Umstehende auf ein neues um ihr Gebett ersucht, sagend, der böse Geist wolle ihm das Crucifix mit Gewalt aus denen Händen reissen. Als ein Geistlicher, der ihm beystunde, solches gehört, besprengte er den Krancken mit dem Weyh-Wasser, sprache ihm zu, er sollte den Schild des Glaubens ergreiffen, und sein Vertrauen auf die göttliche Barmhertzigkeit setzen; dann diese werde ihn nicht verlassen. Der Krancke thuts, und sihe! der böse Geist mußte wiederum abweichen. Allein er kame zum drittenmahl, und weil er mit seiner Abscheulichkeit nichts konnte ausrichten, zeigte er sich nunmehro in einer gantz poßirlichen Gestalt, und triebe allerhand Gauckler-Spihl vor dem Krancken, ihne hierdurch vom Gebet abzuhalten, oder wenigst darinn irr zu machen. Weil sich aber der Krancke nichts daran kehrte, verdrosse es den bösen Geist dergestalt, daß er ihn nicht allein mit Fäusten hart schluge, sondern ihm auch Händ und Füß also zusammen bande, daß er sich nicht mehr bewegen konnte; worauf er die Flucht genommen. Nach diesem Streit, (welcher zwey Stund lang gedauret) erfolgte bey dem Krancken ein grosse Ruhe. Wie er aber gemerckt, daß ihm Händ und Füß vom bösen Feind wären gebunden worden, verlangte er mit dem Weyhwasser besprengt zu werden. Und siehe, des bösen Feinds unsichtbahrer Gewalt wurde aufgelöset; und konnte sich der Krancke nunmehr wiederum frey bewegen, wie er wollte. Das erweckte nun in ihm ein [292] solche Freud, daß er GOtt dem HErrn für den erhaltenen Sieg ohnabläßlich Danck sagte, und in solcher Dancksagung letztlich seinen Geist in die Händ des Schöpfers aufgabe. Der Streit aber, so der Krancke mit dem bösen Feind gehabt, verursachte bey denen Umstehenden eine solche Veränderung im Gemüth, daß viel ihr Leben gebessert haben; sorgend, sie dörften einstens im Tod-Beth, gleich dem verstorbenen Jüngling mit dem bösen Geist zu streiten haben: und das villeicht mit gröster Gefahr, von ihm überwunden zu werden. Annales Venetorum, ad Annum Christi 1586.


Was wendet nicht der böse Gest für Gewalt an, den todt-krancken Menschen anzufechten, und zu schröcken, damit er ihn ins Verderben stürtze; und wie wahr ist, was der Job sagt am 41. Cap. Es ist kein Macht auf Erden, die man mit ihm vergleichen möge. Aber diese seine Macht wird gebrochen durch das Vertrauen, so der Todt-Krancke setzt auf die göttliche Barmhertzigkeit, durch Fürhaltung der Bildnus des gecreutzigten Heylands, welcher den bösen Geist am Creutz überwunden; durch Besprengung des Weyhwassers, welches von dem Gebett, so die Kirche darüber spricht, grossen Gewalt hat, den bösen Geist abzutreiben. Welche Mittel ein Tod-Krancker wohl in Acht nehmen solle, damit er wider den bösen Feind den Sieg erhalten möge.

51. Exempel
Ein und Fünftzigstes Exempel.
Ein Oesterreichischer Printz wird wunderbahrlicher Weiß aus äusserster Lebens-Gefahr errettet.

Maximilian, der Erste dieses Namens, Römischer Kayser, aus dem glorwürdigsten Haus Oesterreich entsprossen, als er noch ein junger Printz, hatte kein grössere Freud, als im Gembs-Jagen. Es seynd aber die Gembse wilde Geissen, die sich auf hohen Bergen, und schroffigen Felsen aufhalten, und im Springen von einem Felsen zum andern so geschwind seynd, als flogen sie im Luft. Nun geschahe es, daß, als dieser junge Printz sich im Tyrol (welches sehr gebürgig ist) aufhielte, und samt seinen Hof-Herren mit einer solchen Gembs-Jagd sich erlustigte, er auf einem überaus hohen Felsen sich dergestalten verstiege, daß er weder hinter noch für sich mehr konnte. Dann, sahe er über sich, so ware vor ihm der Gipfel des Felsens, der sich nicht besteigen liesse; sahe er unter sich, so schwindelte ihm vor der entsetzlichen Tieffe, in welche er stürtzen, und in Stuck zerfallen mußte, wann er den Felsen wiederum absteigen wollte. Das machte ihn nun nicht allein erstaunend, sondern füllte ihn auch mit einem ungemeinen Schauber an; indem er nicht sahe, wie man ihm [293] könnte zu Hülf kommen. Dann das Ort, wo er stunde, viel zu hoch war, als daß man selbiges mit Leitern besteigen, oder dem armen Printzen einige Seiler hätt zuwerffen können. Da verwarffe er dann seine Keckheit, welche ihn in solche Gefahr gesetzt hatte. Dann er sahe nichts anders vor, als die Nothwendigkeit, auf diesem schrofigen Felsen vor Hunger und Durst zu crepiren, und elendiglich dahin zu sterben. Wie nun die Hof-Herren ihren Printzen unten am Felsen in solcher Gefahr gesehen, da ist nicht auszusprechen, wie sie sein Unglück bedauret, und beweint haben; vornehmlich, weil hier weder zu rathen, noch zu helffen war. Als demnach der arme Printz in diesem elenden Stand nunmehr zwey gantze Tag und Nacht ohne Speiß und Tranck verharret, gabe er sich in den göttlichen Willen, schluge das gegenwärtige Leben in die Schanz, und war allein für das Ewige besorget. Zu diesem End schrye er zu seinen Hof-Herren von dem Felsen herunter, weilen es je um sein Leben geschehen seye, so wollen sie aus dem nächsten Dorf einen Priester mit dem Hochwürdigen Gut lassen herbey kommen, der ihm solches von weiten zeigen sollte; damit, weil er selbiges doch nicht empfangen könne, wenigst seine Seel in dessen Anschauung erquickt, und getröst werde; welche er auch in die Händ seines, in dem heiligen Sacrament gegenwärtigen Heylands, auf das kräftigste, als ihm möglich, befehlen wollte. Nun das ist geschehen, und hiemit die gottseelige Begierd des armen Printzen erfüllet worden. So bald in der Nachbarschaft das Geschrey erschollen, in was Gefahr der arme Printz sich befinde; da entstunde bey allen treuen Unterthanen ein solches Klagen, Jammern, Weynen, daß nicht davon zu sagen. Jedermann lieffe denen Kirchen zu, in welchen das Hochwürdige Gut ausgesetzt, und dabey das allgemeine Gebett von vielen Seufftzen und Weynen verrichtet wurde: damit doch der barmhertzige GOtt den armen Printzen aus der Gefahr erretten wollte. Ist auch solches Gebett nicht fruchtloß abgeloffen. Dann siehe! indem der arme Printz mit den Gedancken des künftigen Lebens beschäftiget ist, hört er hinter ihm ein starckes Geräusch. Er verwundert sich, was es bedeute solle. Schauet also zuruck, und sihet an der Wand des Felsens zu ihm hinauf kletteren einen wohlgestalten Jüngliing in Baurs-Kleydern. Dieser risse mit grossem Gewalt ungeheure Schroffen aus dem Felsen heraus, um hierdurch den Zugang zu dem Printzen zu bahnen. Wie er endlich zum Printzen hinauf kommen, reichte er ihm die Hand, und sagte: Printz! seyd getröst, und förchtet euch nicht, dann ich bin kommen euch aus der Gefahr, in der ihr seyd, zu erretten. Folget mir nach, ich will euch auf die Ebene, wo euere Hof Herren seynd, hinunter bringen. Der Printz folgte, ob ihm schon der Jüngling nicht bekannt war. Und siehe! er wird durch s