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Euer Exzellenz werden verzeihen, daß ich auf Dero gütige Anfrage vom 4ten Mai erst jetzt antworte, wenn ich bemerke, daß der Künstler, mit welchem gemeinsam ich die fraglichen Versuche angestellt, durch eine besondre, mittelst Erkältung herbeigeführte Affektion der Augen lange an der Fortsetzung derselben verhindert worden. Dieser Zustand vorzüglich des rechten Auges ist in chromatologischer Hinsicht merkwürdig. Es ist nämlich beinahe der dritte Teil seiner Sehe gegen das Licht fast unempfindlich geworden. Wirkt aber starkes Licht auf denselben durch gefärbte Mittel, z. B. Gläser, so wird es empfunden, aber mit der Ergänzungs-Farbe, die erst nach einiger Zeit in die wirkliche Farbe des Mediums übergeht. Hier wäre also mit der Überreizung der Retina durch krankmachende Einflüsse eine polarische Umstimmung in ihr eingetreten. Bei dieser Gelegenheit erlaube ich mir auch einen kleinen Aufsatz, den ich über einen verwandten Gegenstand in unserem Provinzialblatte habe einrücken lassen, hier beizufügen. Vor Kurzem habe ich nun mit dem, schon etwas hergestellten Künstler, die Versuche, auf welche Ew. Exzellenz mich hochgeneigt aufmerksam machten, vorgenommen, indem ich die tönenden Glasröhren zwischen den Spiegelapparat brachte, und je nach den Schwingungen der Hitze und des Tönens sukzessive Erhellungen und farbige Figuren zu erblicken verhoffte. Es ließen sich jedoch diese Erscheinungen mit keiner entschiedenen Deutlichkeit erkennen, woran vornehmlich die ungünstige, runde Form der Glasstäbe Schuld sein mochte. Ich änderte also den Versuch dahin ab, daß ich lange Streifen von Spiegelglas an die Stelle jener Röhren nahm, und sie auf verschiedene Weise zum Tönen brachte. Einigemale trat hier die beabsichtigte Wirkung mit ziemlicher Bestimmtheit hervor, zum Beweise, daß jene momentane Erschütterung die Beziehung des Glases zum Licht wesentlich verändert oder doch modifiziert habe. Später fand ich, daß diese letzteren Versuche mit noch günstigerem und auffallenderem Erfolge schon von Biot und Savart angestellt worden. Vrgl. Gilberts Annalen der Physik 1820 St. 5.

Die Einrichtung der Thermoharmonika, aus der wir kein Geheimnis machen, werde ich in Kurzem genauer angeben. Ihre ergreifende harmonische Wirkung und das Eigentümliche der Tonerregung haben die Akustiker, Gebrüder Weber aus Leipzig und Halle, denen ich jüngst hier dieselbe vorführte, einstimmig anerkannt.

In meinen öffentlichen Vorträgen über Farbenlehre bin ich bis an die paroptischen Farben gekommen. Ich hatte mir zuerst vorgenommen und auch meinen Zuhörern angekündigt, daß ich diese Lehre sowohl nach der alten als auch nach der neuen Schule darstellen und mich dabei gewissermaßen neutral verhalten wolle. Aber im Laufe der Mitteilungen und Versuche ergab sich, daß Letzteres unmöglich sei; meine sich immer mehr befestigende Überzeugung von der Haltlosigkeit jener und der Naturgemäßheit dieser Ansicht drängte sich unaufhaltsam hervor und ging auf den größten Teil der Anwesenden über, die es mir nun sehr danken, ihnen das Verständnis eines so herrlichen und uner-[1264]schöpflichen Werks, als Goethes Farbenlehre ist, aufgeschlossen und von allen Seiten zugänglich gemacht zu haben. Einige Schwierigkeit machte mir, und macht mir noch die Erklärung der dioptrischen Farben: daß beim Durchgange durch das Prisma das helle Bild nicht rein verrückt werde, sondern sich neben und an ihm noch ein Nebenbild erzeuge, welches denn als das Trübe wirke. Ich habe mir viele Mühe gegeben, einen physikalischen Grund für die Erzeugung eines solchen Nebenbildes aufzufinden, und mich endlich damit begnügt, daß eben die Annahme eines solchen die Phänomene am befriedigendsten erkläre. Zuerst glaubte ich mit der bloßen Verrückung des hellen Bildes über dem dunklen Grunde auszureichen und mit der Annahme, daß es auf dem Wege durch das dichtere Mittel eine größere Bestimmbarkeit zur Farbenerregung empfangen habe; (denn sonst müßte ja auch ein durch Spiegelung über einen dunklen Grund geführtes Bild farbige Ränder und Säume zeigen,) aber diese Erklärung schien mir so wenig zureichend, als die von Cominale, der in seinem Antinewtonianismus p 115 eine Oppositio lucis et umbrae annimmt, oder die von Werneburg, der die helle und dunkle Seite des Prisma zu Hilfe ruft. Seltsamer aber läßt sich nichts denken als wie J. Reade (in s. Experimental outlines for a new Theory of colours London 1816. I.) die Sache erklärt. Er läßt alle Farben aus dem Schwarzen, dem Nichtlicht hervorgehen, und die des Prismas aus den dunkeln Kanten des Glases. Wie merkwürdig ist aber dieser Gegensatz gegen seinen Landsmann, der Alles aus dem Lichte ableitet, und wie nahe liegt die Folgerung, daß die Wahrheit in der Mitte liege! In dem Buche sind übrigens manche eigentümliche und tüchtige Beobachtungen enthalten. Der p. 180 angegebene Versuch, Blasen aus Seifenwasser und Hausenblase zu bilden, welche die farbigen Ringe vorzüglich zeigen, und sich Monate lang halten sollen, hat mir nicht gelingen wollen. - Um die farbigen Schatten sehr bequem und deutlich zu zeigen, bediene ich mich einer argandischen Lampe, über die ich Zylinder von verschiedentlich gefärbtem Glase stelle. - Nicht bloß die frische Kastanienrinde stellt im Wasser das schöne blaue und gelbe Farbenspiel dar, auch das in den Apotheken vorhandene offizinelle Extrakt der alten Rinde dient ganz besonders zu diesem Grundversuche. - Wenn das volle Sonnenbild durch ein Prisma aufgefangen an eine Wand geworfen wird und da ein langes horizontales Spektrum bildet, so erscheint es in der Mitte auseinander gezogen, wenn man es mit einem halb roten halb blauen Papier auffängt; da hier an keine zweite Refraktion zu denken ist, so zeigt der Versuch unwidersprechlich und objektiv die Wirkung der homogenen und heterogenen Ränder. Ich habe ihn im Entwurf nicht gefunden. Das Zurückführen der mannigfachen epoptischen und entoptischen Farbenerscheinungen auf scharfe Bestimmungen und Maße, in dem Sinne der neuen Lehre, beschäftigt sehr mein Nachdenken und wie oft im Gedränge schwerbegreiflicher, kaum erklärbarer Vorkommnisse fühle ich mich versucht an den Meister zu appellieren, der mit Ruhe, Kraft und Klarheit der leitenden Gedanken sich bemächtigt. Möge es ihm doch gefallen, das Viele was er in diesem Felde erfahren, gefunden, geahnet, dankbaren Jüngern mitzuteilen!

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TextGrid Repository (2022). Goethes Farbenlehre in Berlin. Repositorium. 24. Juni 1827. K. M. Marx an Goethe. Z_1827-06-24_k.xml. Wirkungsgeschichte von Goethes Werk „Zur Farbenlehre“ in Berlin 1810-1832. Niedersächsische Staats- und Universitätsbibliothek. https://hdl.handle.net/21.11113/0000-000F-5C04-6