I
Linkes Auge.

[53r]

Figur a. Ein fadenartiges Wölkchen. Sehe ich schnell von oben nach
unten, so fliegt es wie diese Figur voraus. Sehe ich schnell nach der
Seite, so fliegt es wie fig. b vorher, zuweilen weniger, oft aber sehr
auffallend bemerkbar; in Freien zuweilen wie fig c. Schließe
ich das Auge, so daß ich nur wie durch eine Quer-Spalte sehe, er-
scheint mir fig. d. glänzend; jemehr ich schließe, je gedrückter von
oben nach unten werden die Formen, und im Hintergrund scheint mir
eine sehr feine und regelmäßige Schraffirung zu seyn, welche bey der
geringsten Erweiterung verschwindet, so wie auch die Figur dahin sich1 ver-
ändert, daß das, was noch bleibt, mehr Rundung erhält, und nicht
mehr mit den Wölkchen zusammenhängt. Es sieht aus als wenn
jede Figur ein anderes Geschäft zu besorgen hätte und eins schneller
als das andere fliege oder schwebe. Es komt mir vor, wie einige
hinter einander gestellte Gruppen, welche durch diese Stellung perspec-
tivisch, von meinen Auge aus zu stehn scheinen; als wenn eins vor
den andern, immer etwas mehr vorwärts sich bewege, und das entfern-
teste auch immer das schnellste wäre. Je weiter ich sehe desto größer
sind die Figuren. Sehe ich in der Nähe, aber besonders zu einer kleinen
Oeffnung (vielleicht eine Papierrolle) hinaus ins Helle, so sind die Fi-
guren viel kleiner, aber so scharf, und deutlich mit Glanz.
[53v]Wie ich die Figuren hier gezeichnet habe, von der Größe sind sie in der Ferne

IIRechtes Auge.

Durch dieses sehe ich2 nun so auffallende Erscheinungen, daß ich oft da-
durch gehindert bin, einen festen Punkt zu behalten, inden fig e. immer
den Mittelpunct besetzt, und dadurch mein Auge unruhig macht.
Die Figur e. sehe ich so wie sie hier abgebildet ist, mit (gewöhnl.)^gewöhnlich
geöffneten Augen. Die Ringe sind schön rund, einige davon beson-
ders hell und größer, zuweilen aber auch 2 bis 3 dunkler als die
andern sind, und sehn eher wie das Auge einer Elster aus, hängen
auch nicht mit den andern Figuren zusammen, sondern kommen wenn
diese dasind herbey, bewegen sich schnell, und sind auf einen Augen-
blick mehr oder weniger, auch wohl auf kurze Zeit ganz weg.
Uebrigens ist es bey dieser Figur wie bey d, das Helle darin
ist glänzend wie Demant; besonders wenn man das Auge ein
wenig schließt. Jemehr dieses geschieht, so entsteht fig f.. Die
Gruppe von Ringen erscheint gedrückt; die Dunklen, welche wie oben
bemerkt für sich hervor kommen erhalten das Ansehn wie + bei fig f,
und was um dieselben mit Puncten angegeben, ist ein heller Schein.
Nächstdem sehe ich hakenförmig gebogene Gestalten bald wie
Bandwurm gegliedert, welche auch für sich herauf und herunter
[54r]kommen, und schnell verschwinden. Die größten hellen Ringe bey fig e.
sind bey fig. f. 3 auch 4 zusammen, und jemehr zusammen hängen desto
glänzender sind sie. fig h. ist bey etwas geschloßnen Auge die ver-
wandelte figur. e.

Figur. g. Dergleichen Figuren in {manichfaltigen} Formen, sehe ich
bey Flammenlicht, wenn ich die beiden Augen so eng schließe, daß nur
ein kleiner Spalt noch ist, so fahren sich kreuzende Strahlen der {Licht-
flame}
nach den Augen. Doch muß ich dieselben so eng schließen, daß
ich nicht mehr die Flamme, sondern die daraus entstandenen Strahlen
sehe, welche bey der [Geringsten] Bewegung der Augendeckel, eine
ganz andere Gestalt bekommen. Eng geschloßen sind die Strahlen breit,
fecherartig, und unruhig, daß man sie nicht lange in einer Stellung
beobachten kann, und sehn aus als wenn Verzierungen mit Gold
aufgetragen wären. Der Mittelpunct ist die3 Gegend der Flamme, und
2 die Richtung der Strahlen des rechten Auges, und 1 die des Linken.
Das Ganze ist feurig auf schwarzen Grund. So bemerke ich besonders
beym Stechen gerader Linien, dieselben, wenn ich schnell hinsehe,
an der Wand, aber alle in Bewegung, bis sie schwächer werden.

[55r]
sich]
ich]
die]
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TextGrid Repository (2022). Goethes Farbenlehre in Berlin. Repositorium. M 76 (1821): I Linkes Auge. M_076_1821.xml. Wirkungsgeschichte von Goethes Werk „Zur Farbenlehre“ in Berlin 1810-1832. Niedersächsische Staats- und Universitätsbibliothek. https://hdl.handle.net/21.11113/0000-000F-4979-8