Von Gott wissen wir nichts. Aber dieses Nichtwissen ist Nichtwissen von Gott. Als solches ist es der Anfang
unsres Wissens von ihm. Der Anfang, nicht das Ende. Das Nichtwissen als Ende und Ergebnis unsres
Wissens ist
der Grundgedanke der negativen Theologie
gewesen, welche die vorgefundenen Behauptungen über Gottes Eigenschaften
zersetzte
und abtat, bis das Nicht aller dieser Eigenschaften als Gottes Wesen übrig blieb, Gott also bestimmbar wurde nur in seiner
völligen Unbestimmbarkeit. Diesen Weg, der von einem vorgefundenen Etwas zum Nichts führt und an dessen Ende sich Atheismus und
Mystik die Hand reichen können, beschreiten wir nicht, sondern den entgegengesetzten vom Nichts zum Etwas. Unser Ziel ist kein
negativer, sondern im Gegenteil ein höchst positiver Begriff. Wir suchen Gott, gleich wie späterhin die Welt und den Menschen,
gerade nicht innerhalb eines einen und allgemeinen All als einen Begriff unter andern; wollten wir das, dann allerdings wäre die
negative Theologie des Cusaners oder des Königsbergers das einzig wissenschaftliche Ziel; denn dann wäre das Negative schon im
Ausgangspunkt des Denkens als das Ziel festgelegt; ein Begriff unter andern ist stets negativ, mindestens gegen andre; und macht
er den Anspruch auf Unbedingtheit, so kann ihm die Wissenschaft nur dienen mit unbedingter – Nichtigkeit. Aber eben jene
Voraussetzung des einen und allgemeinen Alls haben wir aufgegeben. Wir suchen Gott, wie späterhin Welt und Mensch, nicht als
einen Begriff unter andern, sondern für sich, auf sich allein gestellt, in seiner – wenn der Ausdruck nicht mißverständlich ist
– absoluten Tatsächlichkeit, also gerade in seiner Positivität
. Deshalb müssen wir das Nichts des gesuchten Begriffs an den
Anfang stellen; wir müssen es in unsren Rücken bringen; denn vor uns liegt als Ziel ein Etwas: die
Wirklichkeit Gottes.
Gott also ist uns zunächst ein Nichts, sein Nichts. Vom Nichts zum Etwas, oder sagen wir schärfer: vom
Nichts zu dem, was nicht Nichts ist – denn wir suchen kein Etwas
– führen zwei Wege, der Weg der Bejahung und der Weg der
Verneinung. Die Bejahung, nämlich des Gesuchten, des Nichtnichts; die Verneinung, nämlich des Vorausgesetzten, des Nichts.
Diese zwei Wege sind untereinander so verschieden, ja so entgegengesetzt wie – nun eben wie Ja und Nein. So sind auch die
erreichten Punkte nicht etwa einerlei mit dem, der vorhin als das Gesuchte
bezeichnet wurde, sondern untereinander
verschieden – wieder wie Ja und Nein. Das Ja gilt dem Nichtnichts, das Nein dem Nichts. Bejahung des Nichtnichts setzt – wie
jede Bejahung, die durch Verneinung geschieht, – ein Unendliches, Verneinung des Nichts setzt – wie jede Verneinung – ein
Begrenztes, Endliches, Bestimmtes. Wir sehen also das Etwas in zweierlei Gestalt und in zweierlei Verhältnis zum Nichts:
einmal als seinen Anwohner und einmal als seinen Entronnenen. Als Anwohner des Nichts ist das Etwas die ganze Fülle alles
dessen, was nicht Nichts – ist, in Gott also, da wir außer ihm hier nichts kennen, die ganze Fülle dessen, was in ihm ist
;
als Entronnener hingegen, der soeben das Gefängnis des Nichts brach, ist das Etwas nichts weiter als das Ereignis dieser
Befreiung vom Nichts; es ist ganz bestimmt von diesem seinem einen Erlebnis, in Gott also, dem von außen, mindestens hier,
nichts geschehen kann, ganz und nur Tat. Ohne Ende entquillt so dem Nichts das Wesen, in scharfer Begrenzung entbricht ihm die
Tat. Beim Wesen fragt man nach dem
Ursprung,
bei der Tat nach dem Anfang.
Aus guten Gründen gehen wir hier zunächst nicht über diese bloß formellen Bestimmungen hinaus; wir wollen
uns nicht vorgreifen. Das Gesagte wird sich aber schon etwas erhellen, wenn wir, nur zum Vergleich, den umgekehrten Vorgang,
das Werden zum Nichts, betrachten. Hier sind ebenfalls zwei Möglichkeiten gegeben: die Verneinung des, um nun einmal den heute
zu stark verengten Ausdruck Etwas
durch einen unbelasteten zu ersetzen, – also die Verneinung des Ichts und die Bejahung des
Nicht-Ichts, des Nichts. Die Umkehrung ist so genau, daß dort, wo auf dem Hinweg das Ja erschien,
jetzt das Nein erscheint und umgekehrt. Für die Entstehung des Nichts durch Verneinung des Ichts hat die deutsche Sprache
einen Ausdruck, den wir nur von seiner engeren Bedeutung befreien müssen, um ihn hier einsetzen zu können: Verwesung
bezeichnet (genau wie das Mystikerwort Entwesung) die Verneinung des Ichts. Für die Bejahung des Nichts aber hat die Sprache
das Wort Vernichtung. In der Verwesung, der Entwesung entsteht das Nichts in seiner unendlichen Unbestimmtheit; der verwesende
Leib so wenig wie die entwesende Seele streben nach dem Nichts als einem Positiven, sondern einzig nach Auflösung ihres
positiven Wesens; aber indem ihnen die geschieht, münden sie in die gestaltlose Nacht des Nichts. Hingegen Mephisto, der das
Böse geradezu will und das Ewigleere eingestandenermaßen liebt, begehrt das Nichts, und da muß das Ganze dann freilich
hinauslaufen auf – Vernichtung
. Hier sehen wir also das Nichts zwar nicht selber als ein Komplexes – denn dann wäre es ein
Bestimmtes und nicht das Nichts –, aber doch als ein auf mehreren und entgegengerichteten Wegen Erreichbares; und so verstehen
wir nun vielleicht besser, wie im bestimmungslosen Nichts verschiedene Ursprünge des Bestimmten liegen können und der stille
Fluß des Wesens, der hochschießende Springquell der Tat aus dem selben dunkel stehenden Wasser entspringen mögen.
Wohlgemerkt, wir sprechen nicht wie die frühere Philosophie, die nur das All als ihren Gegenstand
anerkannte, von einem Nichts überhaupt. Wir kennen kein eines und allgemeines Nichts, weil wir uns der Voraussetzung des einen
und allgemeinen All entschlagen haben. Wir kennen nur das einzelne (deswegen aber nicht etwa bestimmte, sondern nur
bestimmungerzeugende) Nichts des einzelnen Problems. In unserm Fall also das Nichts Gottes. Gott ist hier unser Problem, unser
Vor-wurf und
Gegen-stand.
Eben daß er zunächst uns nichts weiter sein soll als ein Problem, drücken wir darin aus, daß wir mit seinem Nichts beginnen,
das Nichts also zu seiner Voraussetzung (nicht etwa, wie zu Anfang schon bemerkt, zum Ergebnis) machen. Wir sagen
gewissermaßen: wenn Gott ist, so gilt von seinem Nichts das folgende. Indem wir also das Nichts nur als das Nichts Gottes
voraussetzen, führen auch alle Folgen dieser Voraussetzung nicht über den Rahmen dieses Gegenstandes
hinaus. Es wäre also ganz falsch und ein Rückfall in den überwundenen Begriff des einen und allgemeinen Nichts, wenn wir in
dem Hervorquellen des Wesens
und in dem Hervorbrechen der Tat
das Wesen und die Tat allgemein, etwa das Wesen der Welt
oder die auf Welt oder Menschen gerichtete Tat, abgeleitet zu haben dächten. Alle Begriffe, solange wir uns in dieser
hypothetisierenden Bannmeile des Nichts bewegen, bleiben in dieser Bannmeile, bleiben unter dem Gesetz des Wenn und So, ohne
aus dem Zauberkreis heraustreten zu können. Das Wesen etwa kann immer nur ein Wesen innerhalb Gottes bedeuten, die Tat nie auf
einen außerhalb Gottes gedachten Gegenstand bezogen werden. Es bleibt bei lauter Reflexionen Gottes – wie nachher der Welt und
nachher des Menschen – in sich selber. Wir haben das All zerschlagen, jedes Stück ist nun ein All für sich. Indem wir uns in
dies Stückwerk unsres Wissens versenken, sind wir bei unserer Wanderung ins Reich der Mütter noch Knechte des ersten Befehls:
des Befehls zu versinken. Das Steigen, und in ihm das Zusammenwachsen des Stückwerks zum Vollkommenen des neuen All, wird erst
später kommen.
Das ja ist der Anfang. Das Nein kann nicht Anfang sein; denn es könnte nur ein Nein des Nichts sein; das
setzte aber ein Nichts voraus, das verneinbar wäre, also ein Nichts, das sich schon zum Ja entschlossen hätte. Das Ja ist also
der Anfang. Und zwar kann es nicht das Ja des Nichts sein; denn es ist der Sinn unsrer Einführung des Nichts, daß es nicht
Ergebnis sein soll, sondern im Gegenteil Ausgangspunkt und nur Ausgangspunkt. Es ist noch nicht einmal Anfang. Es ist höchstens
Anfang unsres Wissens. Es ist eben wirklich nur Ausgangspunkt, also schlechthin unfähig, selber bejaht zu werden. Ebenso unfähig
freilich auch, wie schon gesagt, verneint zu werden. Es liegt vor dem Ja wie vor dem Nein. Es läge vor allem Anfang – wenn es
läge. Aber es liegt
nicht. Es ist nur der virtuelle Ort für den Anfang unsres Wissens. Es ist nur die Markierung für das
Gestelltsein des Problems. Wir vermeiden streng, es zu benennen. Es ist kein dunkler Grund
noch sonst ein irgend mit Eckharts,
Böhmes oder Schellings Worten Benennbares. Es ist nicht im Anfang.
Im Anfang ist das Ja. Und da das Ja also nicht auf das Nichts gehen darf, so muß es auf das Nichtnichts gehen. Und weil dies Nichtnichts ja nicht selbständig gegeben ist denn es ist überhaupt nichts gegeben außer dem Nichts –, so umschreibt die Bejahung des Nichtnichts als innere Grenze die Unendlichkeit alles dessen, was nicht Nichts ist. Es wird ein Unendliches bejaht: Gottes unendliches Wesen, seine unendliche Tatsächlichkeit, seine Physis.
Das ist die Kraft des Ja, daß es überall haftet, daß unbegrenzte Möglichkeiten von Wirklichkeit in ihm
liegen. Es ist das Urwort der Sprache, eins von denen, durch die – nicht etwa Sätze, sondern erst einmal überhaupt
satzbildende Worte, die Worte als Satzteile, möglich werden. Ja ist kein Satzteil, aber ebensowenig das kurzschriftliche Sigel
eines Satzes, obwohl es als solches verwendet werden kann, sondern es ist der stille Begleiter aller Satzteile, die
Bestätigung, das Sic
, das Amen
hinter jedem Wort. Es gibt jedem Wort im Satz sein Recht auf Dasein, es stellt ihm den Sitz
hin, auf dem es sich niederlassen mag, es setzt
. Das erste Ja in Gott begründet in alle Unendlichkeit das göttliche Wesen.
Und dies erste Ja ist im Anfang
.
Wir können den Schritt, den dieses erste ja auf dem Wege zur Vollendung Gottes bedeutet, in bekannten
logisch-mathematischen Symbolen festzuhalten versuchen. Wir wollen uns dabei zunächst beschränken auf die Verwendung der
algebraischen Buchstaben und des Gleichheitszeichens. In der Gleichung y=x etwa würde y den Gegenstand, x den Inhalt der
Aussage bezeichnen, y also das Subjekt, x das Prädikat. Während nun sonst die bejahende Setzung das Subjekt, die verneinende
Bestimmung das Prädikat bezeichnet, ist es hier, wo es sich um die Ursprünge handelt, gerade umgekehrt; die Bejahung wird das
Merkmal der Urbestimmung; das Prädikat ist zwar im einzelnen Fall stets ein einzelnes, also negativ, nach ihrem ursprünglichen
Begriff aber ist die Bestimmung gerade positiv, – das reine So
. Daß dieses So
dann weiterhin ein So und nicht anders
wird, tritt erst in Kraft, wenn zu dem ursprünglich Einen das Andre
hinzutritt. Erst durchdiesen Übergang zur Vielheit wird
die Bestimmung zur Verneinung. Und wie die Urbestimmung im Ja geschieht, so die Ursetzung, die Setzung des ursprünglichen
Subjekts, im Nein; jede einzelne Setzung eines Subjekts ist zwar bloße für sich grundlose Position,
aber die ursprüngliche Setzung, die vor allen einzelnen liegt, die
Voraus-setzung,
ist Verneinung, nämlich des Nichts; jedes einzelne Subjekt ist schlechthin anders
, anders nämlich als das Nichts. In der
Gleichung, die wir hier aufzustellen haben, wird also links vom Gleichungsstrich das Nein, rechts das Ja zu stehen kommen. Mit
dem einfachen x oder y symbolisieren wir die vollkommene Beziehungslosigkeit, mit y= die Beziehung des Subjekts auf ein
Prädikat, also die Bestimmung mit dem Hinblick auf eine ihr noch zuzuordnende Gesetztheit, mit =x die Gesetztheit mit dem
Hinblick auf eine ihr noch bevorstehende Bestimmung. In dieser Symbolsprache müßten wir also Gottes Physis, Gottes
schlechthinniges und unendlich bejahtes Sein, mit A bezeichnen; mit A und nicht etwa mit B oder C, denn es ist unendlich
bejaht, es geht ihm innerhalb der ihm eigentümlichen, von seinem Nichts bedingten Sphäre nichts voraus, dem es etwa folgen
müßte; es kann ihm nichts vorausgehen, weil es als unendlich und nicht als endlich gesetzt ist. Es ist schlechthinnige
ruhende, aber unendliche Tatsächlichkeit; ob in dieses stille Meer der innergöttlichen Physis ein Sturm hineinfahren wird, der
seine Fluten aufbrausen läßt, ob aus seinem eigenen Schoß sich Wirbel und Wellen bilden, die in die stille Fläche strömende
Bewegung bringen, – das wissen wir noch nicht. Vorerst ist es A
, – unbewegtes, unendliches Sein.
Wissen wir wirklich nicht, welche von den beiden Möglichkeiten, der Sturm von außen oder der Wirbel von innen
die glatte Fläche in Bewegung bringen wird? Der Fläche selber freilich sehen wir nichts an. Aber erinnern wir uns doch, wie dies
unbewegte Wesen uns entstand im Ja und wie wir soeben vorgreifend ausführten, daß das Ja stets die rechte, die x
-Seite der
Gleichung y=x einnahm. Damit ist schon für die erste der beiden Bewegungsmöglichkeiten entschieden. Im Ja liegt nichts, was über
es selbst hinaustreibt; es ist das so
. Vom Nein also muß die Bewegung kommen.
Das Nein ist ebenso ursprünglich wie das Ja. Es setzt nicht etwa das Ja voraus. Diese Voraussetzung macht wohl
das einzelne abgeleitete Nein. Das ursprüngliche aber setzt nichts voraus als das Nichts. Es ist Nein des Nichts. Aber nun
freilich: es entbricht zwar unmittelbar dem Nichts, eben als dessen Verneinung, kein Ja geht ihm voraus;
wohl aber eine Bejahung. Nämlich: es setzt zwar nur das Nichts voraus, aber das von ihm vorausgesetzte Nichts ist kein Nichts,
bei dem es sein Bewenden hätte haben dürfen, nicht das Ewigleere, das Mephistopheles sich liebt, sondern ein Nichts, aus dem das
Ja hervorquellen mußte, das Nichts, das nur als ein Nichts des Wissens gedacht war, nicht als positives gesetztes Nichts, nicht
als dunkler Grund
, nicht als Abgrund der Gottheit
, sondern als Ausgangspunkt des Denkens über Gott, als Ort der Stellung des
Problems. Zwar nicht das Ja selber, aber das Nichts, aus dem Bejahung hervorgehen mußte, geht dem ursprünglichen Nein voraus. So
ist das Nein, unbeschadet der Unmittelbarkeit seines Ursprungs, jünger
als das Ja. Das Non ist nicht propter Sic, aber post
Sic.
Das Nein ist ursprüngliche Verneinung des Nichts. Während das Ja an dem Nichts nicht hatte haften bleiben
können, weil dieses ihm gewissermaßen keinen Ansatzpunkt gab; während es also von ihm abgestoßen sich auf das Nichtnichts warf
und, so ins Unendliche befreit von seinem Ausgangspunkt, in dem unendlichen Gebiet des Nichtnichts das göttliche Wesen setzte:
ist das Nein mit dem Nichts in engster Verschlingung Leib an Leib. Die enge Verschlingung ist jetzt möglich, da durch die
vorausgegangene unendliche Bejahung des Nichtnichts das Nichts als ein Endliches zurückgeblieben war. So findet das Nein hier
seinen Gegner dicht vor sich. Aber das Bild des Ringerpaars führt irre. Es ist kein Paar. Es ist ein Ringkampf nicht zu Zweien,
sondern zu Einem; das Nichts verneint sich selbst. In der Selbstverneinung erst bricht aus ihm das Andre
, der Gegner
, hervor;
und in dem Augenblick seines Hervorbrechens ist das Nein aus der selbstverneinenden Verschlingung des Nichts gelöst und frei
geworden. Als freies, ursprüngliches Nein nimmt es jetzt Gestalt an.
Hier gilt es nun wieder die Frage genau einzustellen. Wir fragen nach Gott. Das sichselbstverneinende Nichts
war das sichselbstverneinende Nichts Gottes; das aus dieser Selbstverneinung geborene Nein ist ein Nein Gottes. Das Ja in Gott
war sein unendliches
Wesen. Sein
freies, aus der Verneinung seines Nichts hervorschießendes Nein ist nicht selbst Wesen; denn es enthält kein Ja; es ist und
bleibt reines Nein, es ist nicht so
; nur nicht anders
; so ist es immer auf andres
gerichtet, es
ist immer nur das eine
. Und zwar das eine
als das eine
in Gott, vor welchem also alles andre in ihm zum bloßen andern
wird. Dies schlechthin eine
, dies schlechthinnige Nein zu allem, was nicht es selbst, sondern andres
ist, welchen Namen
dürften wir ihm geben, wenn nicht den der Freiheit? Gottes Freiheit wird geboren aus der ursprünglichen Verneinung des Nichts als
das auf alles andre nur als auf andres Gerichtete. Gottes Freiheit ist schlechthin gewaltiges Nein.
Gottes Wesen war unendliches Ja. jenes ja ließ das Nichts als ein des Unendlichen entleertes zurück. Aus
diesem endlich gewordenen entrang sich in ursprünglicher Selbstverneinung das freie Nein. Es trägt die Narben des Kampfs, in dem
es hervorbrach. Es ist unendlich in seinen Möglichkeiten, in dem, worauf es geht; denn es geht schlechthin auf alles; alles ist
ihm andres
; aber es selbst ist stets eines
, stets begrenzt, stets – endlich, wie es ja in der Selbstverneinung des endlich
gewordenen Nichts hervorbrach. Es bricht in alle Ewigkeit hervor; denn alle Ewigkeit ist ihm bloß andres
, ist ihm bloß
unendliche Zeit. Es ist diesem ihm stets andern
gegenüber in alle Zeit das Einmalige, das immer Neue, immer Erstmalige. Dem
unendlichen göttlichen Wesen tritt gegenüber die göttliche Freiheit, die endliche Gestalt der Tat, einer Tat freilich, deren
Mächtigkeit unerschöpflich ist, die sich ins Unendliche immer neu aus ihrem endlichen Ursprung heraus ergießen kann, kein
unendliches Meer, sondern eine unerschöpfliche Quelle. Dem einfürallemal so wie es ist beschaffenen Wesen tritt entgegen die
allzeit neu sich offenbarende Freiheit der Tat, eine Freiheit aber, für die wir noch keinen anderen Gegenstand denken dürfen
außer der Unendlichkeit jenes immerwährenden
Wesens. Es
ist keine Freiheit Gottes, Gott ist uns auch jetzt noch Problem. Es ist göttliche Freiheit, Freiheit in Gott und in Bezug auf
Gott. Wir wissen auch jetzt noch nichts von Gott. Wir sind noch beim Stückwerk des Wissens, noch beim Fragen, nicht beim
Antworten.
Suchen wir das eben gewonnene Stück, die göttliche Freiheit, ebenso in einem Symbol einzufangen wie zuvor
das göttliche Wesen. Als ursprüngliches Nein haben wir die göttliche Freiheit auf die linke Seite der zukünftigen Gleichung zu
stellen. Und da es ein Nein ist, das als ursprüngliches Subjekt mit unbeschränkter Macht über sich
hinaus (wenn auch, wie stets wieder betont werden muß, nur innerhalb Gottes über sich hinaus) greift, so wird das Symbol nach
dem Schema y=
zu bilden sein. Und da schließlich diese Freiheit zwar in ihrer allzeit erneuerten Einmaligkeit endlich, aber
in ihrer beständigen Neuheit unendlich ist und ihr nichts vorausgehen kann, weil es nichts neben ihr gibt, sondern sie ein
stets Einmaliges, aber nie Einzelnes ist, so ergibt sich als Symbol für sie das A =
. Wie dies Symbol für die göttliche
Freiheit sich mit dem für das göttliche Wesen zusammenfindet und dadurch erst die Gleichung und mit ihr die erste Antwort auf
die Frage nach Gott zustande kommt, das sei nun dargestellt.
Die Freiheit geht auf Unendliches. Als Freiheit ist sie endlich; insofern sie auf ein Unendliches geht, ist
sie Macht, unendliche Macht, schroff gesagt: unendliche Willkür. Als der unendliche Gegenstand, den sie verlangt, liegt ihr vor
nur das Wesen. Aber in dem Wesen, wie es denn symbolisiert war durch einen bloßen Buchstaben ohne das Gleichheitszeichen, liegt
keinerlei ausgesprochene Richtung, weder eine tätige noch eine empfängliche, die jener Kraft entgegendrängt; das göttliche Wesen
ruht im unendlichen Schweigen des reinen Daseins, der stummen Tatsächlichkeit. Es ist. So scheint die Willkür, weder gerufen noch
gezogen, sich über das Wesen stürzen zu können. Aber indem sie sich ihm nähert, gerät sie gleichwohl in den Bannkreis seines
trägen Seins. Ohne daß etwa dies Sein ihr eine Kraft entgegenschickt, fühlt sie dennoch ihre eigene Kraft erlahmen; die
unendliche Macht spürt mit jedem Schritt, den sie sich dem Wesen nähert, einen wachsenden Widerstand, einen Widerstand, der am
Zielpunkt, beim Wesen selbst, unendlich werden würde; denn hier würden die Äußerungen der Macht verschluckt von dem durchgängig
ausgebreiteten, träge daliegenden Es ist
, So ist es
des Wesens. An dem Brennpunkt der Unendlichkeit des trägen Ja würde die
unendlich geschwächte Macht des unendlich aktiven Nein erlöschen. So müssen wir die Macht, wie sie selber schon nicht mehr das
ursprüngliche unendliche Nein, sondern schon dies Nein auf dem Wege zu seiner Machtausübung am trägen So des Ja ist, erfassen vor
dem Ende der Bewegung, also ehe die Trägheit des Soseins als unendliche wirken kann. Dieser Punkt, wo
gewissermaßen die unendliche Macht der göttlichen Tat eintritt in das Kraftfeld des göttlichen Wesens, noch gewaltig über seine
Trägheit, aber doch schon an ihr gehemmt, – diesen Punkt bezeichnen wir im Gegensatz zu dem Punkt der göttlichen Macht und
Willkür als den Punkt des göttlichen Müssens und Schicksals. Wie die göttliche Freiheit sich zu Willkür und Macht gestaltet, so
das göttliche Wesen zu Müssen und Schicksal. Aus der unendlichen Bewegung, die von der Freiheit ausgehend in den Bereich des
Wesens hinüberströmt, entsteht so in unendlicher Selbstgestaltung das göttliche Antlitz, das mit einem Nicken seiner Brauen den
weiten Olymp erschüttert und dessen Stirne doch gefurcht ist vom Wissen um den Spruch der Norne. Beides, die unendliche Macht im
freien Erguß des Pathos und die unendliche Gebundenheit im Zwang der Moira, – beides zusammen formt die Lebendigkeit des
Gottes.
Wir halten hier einen Augenblick inne, um erst einmal diesen offenbar entscheidenden Schritt, den wir
hier über das bloße Ja und das bloße Nein hinausgetan haben, nachträglich zu begreifen. Wir haben die Bewegung, die uns vom
Nein zum Ja trug, wie selbstverständlich hingenommen, ohne zu fragen, welches Urwort, entsprechend dem Ja und dem Nein der
beiden ersten Schritte, diesen dritten Schritt leitete. Das Ur-Ja war das Wort der ursprünglichen Setzung gewesen, als solches
in jedem Wort der stille Teilhaber der Geschäfte, die das Wort im Satzganzen macht. Das Ur-Nein ist gleichfalls in jedem Wort
im Satz wirksam, und zwar nicht insofern dies Wort Aussage ist, sondern insofern es Gegenstand von Aussagen wird; so ist sein
eigenster Platz im Satz, wie schon ausgeführt, beim Subjekt; während das Ja als So
das einzelne Wort
be-stätigt,
d.h. es seines steten
dauernden Werts, unabhängig von der Stellung, die es innerhalb des Satzes zu den andern Worten
einnimmt, versichert, geht das Nein gerade auf diese Stellung des Worts zum Satz. Als Nicht-anders
er-örtert es diesen Ort
des einzelnen Worts, durch den seine Eigentümlichkeit gegenüber den andern
festge-legt
wird – nicht die stete
Eigentümlichkeit, sondern eine vom Satzganzen, von den andern
Bestandteilen des Satzes abhängige.
Nehmen wir als Beispiel zunächst zwei extreme Fälle, nämlich für das Ja die Nichts-als-Aussage, das prädikativische
Eigenschaftswort, für das Nein den Nichts-als-Aussagegegenstand, das substantivische Subjekt. Das
Wort frei
hat einen bestimmten Sinn, unabhängig davon, ob es in dem Satz der Mensch ist freigeschaffen, ist frei
steht,
oder in dem andern der Mensch ist nicht geschaffen, frei zu sein
. Dieser bewegungslose Sinn ist das Werk des heimlichen Ja.
Dagegen das Wort Mensch
etwas ganz Verschiedenes ist, insofern von ihm ausgesagt wird, daß er ein Bürger zweier Welten ist,
als insofern er ein politisches Tier genannt wird; diese Verschiedenheit, die jedesmal durch die andern Glieder des Satzes
geschaffen wird, denen das eine Subjekt gegenübertritt, ist das Werk des heimlichen Nein. Und nun als abschließendes Beispiel
ein ganz unextremes: das Wort bis
bedeutet immer den Abschluß einer sukzessiv gedachten Größe, aber in bis morgen
geht es
auf eine Zeitstrecke, und zwar eine zukünftige, in bis an die Sterne weit
auf eine Raumstrecke. Der übrigens hier leicht
erweckte Anschein, als ob das heimliche Ja
also in Wirklichkeit, und nicht bloß in der begrifflichen Reihenfolge (als
Möglichkeit des Bejahens), dem heimlichen Nein
vorangehen müßte und letzteres also weniger ursprünglich sei, wird durch die
einfache Überlegung beseitigt, daß wir ja in Wirklichkeit jene steten
festen Bedeutungen der Worte nur aus ihren
Zusammenhängen im Satz entnehmen und daher diese Stetigkeit
im einzelnen Fall gar nicht wirklich vorliegt, sondern im
Gegenteil jeder neue Satzzusammenhang, in den ein Wort tritt, den stetigen
Charakter des Worts wandelt und also die Sprache
in der lebendigen Rede sich stets erneuert.
Wir sprachen eben schon ganz unbefangen von Satz und Zusammenhang. Eigentlich aber ist mit dem Ja und dem
Nein immer nur das einzelne Wort vorbereitet, wenn auch mit dem Nein schon in seiner Beziehung auf den Satz. Der Satz selber
kommt erst
zu-stande,
ent-steht
erst dadurch, daß das er-örternde,
fest-legende
Nein, über das
be-stätigende
Ja Gewalt zu gewinnen sucht. Der Satz, ja schon der kleinste Satzteil – wo die Sprache isoliert, das Wort; wo sie
agglutiniert, die Verbindung zweier Worte; wo sie flektiert, die Verbindung von Stamm und Flexionsendung in einem Wort – setzt
Ja und Nein, So und Nichtanders voraus. Damit haben wir das dritte jener Urworte, das an Ursprünglichkeit den beiden andern
nicht gleich, sondern sie beide voraussetzend, dennoch erst beiden zu lebendiger Wirklichkeit hilft:
das Wort und
. Das Und ist nicht der geheime Begleiter des einzelnen Worts, sondern des Wortzusammenhangs. Es ist der
Schlußstein des Kellergewölbes, über welchem das Gebäude des Logos, der Sprachvernunft, errichtet ist. Wir haben in der zuvor
gefundenen Antwort auf die Frage nach Gott, die wir in der Feststellung des Nichts unsres Wissens von ihm aufgeworfen hatten,
eine erste Kraftprobe jenes dritten Urworts kennen gelernt.
Das, zunächst wenigstens, Abschließende dieser Antwort wird symbolisiert durch die Gleichung, in der die
Wege, die zur Antwort führten, unsichtbar geworden sind. Der Gleichung A=A sieht man nicht mehr an, ob sie aus A, A=, =A oder
A aufgebaut ist. Sie läßt nichts weiter erkennen als die reine Ursprünglichkeit und Insichselbstbefriedigtheit des Gottes. Er
ist von nichts außer sich abhängig und scheint nichts außersich zu bedürfen: frei im Äther herrscht der Gott, seiner Brust
gewalt'ge Lüste bändigt das Naturgebot
das Gebot seiner eigenen Natur. Das innere Spiel der Kräfte, das diese lebendige
Göttergestalt gebildet hat, ist versunken. Eben damit symbolisiert die Gleichung die unmittelbare Lebendigkeit dieser Gestalt,
die Lebendigkeit des Gottes.
Des Gottes zunächst. Denn lebendig sind auch die Götter des Altertums, nicht erst der, den wir heut als den
lebendigen bezeichnen. Sie sind sogar, wenn man so will, viel lebendiger. Denn sie sind nichts als lebendig. Sie sind
unsterblich. Der Tod liegt unter ihnen. Sie haben ihn nicht besiegt, aber er wagt sich nicht an sie heran. Sie lassen ihn in
seinem Reich gelten, entsenden wohl einen aus ihrem unsterblichen Kreis, über jenes Reich zu walten. Dies ist dann die
uneingeschränkteste, ja eigentlich die einzige Herrschaft im strengeren Sinn, die sie ausüben. In die Welt des Lebendigen greifen
sie wohl ein, aber sie herrschen nicht darin, – sie sind lebendige Götter, aber nicht Götter des Lebendigen; denn dazu gehörte
ein wirkliches Aussichheraustreten, und das läge dieser leichtlebigen
Lebendigkeit der Olympier nicht; nur auf die Fernhaltung
des Todes von ihrer unsterblichen Welt wird eine gewisse planmäßige Aufmerksamkeit verwendet. Im übrigen
leben die Götter unter sich. Daran ändert auch ihr viel berufenes Verhältnis zu den Kräften der Natur
nichts. Denn der Begriff
der Natur als eines Reichs eigener Gesetzlichkeit im Gegensatz zu einem etwaigen Übernatürlichen
existiert noch gar nicht. Die
Natur ist stets die eigene Natur der Götter. Wenn ein Gott mit einem Gestirn oder irgend etwas dergleichen zusammengebracht wird,
so wird er dadurch nicht, wie wir es uns immer wieder in Rücktragung unsres Naturbegriffs vorstellen möchten, zum Gott des
Gestirns, sondern das Gestirn wird Gott oder mindestens Teil des Gottes. Und wenn von diesem göttlichen Walten der Gestirne ein
Kraftfeld ausstrahlt über alles irdische Geschehen, so wird damit dieses irdische Geschehen nicht der Waltung der göttlichen
Gestirne unterstellt, sondern es wird gewissermaßen hinaufgehoben in jene göttliche Sphäre, Teil dieses Ganzen; es hört auf,
selbständig zu sein, wenn es das je war; es wird selbst göttlich. Immer bleibt die Welt der Götter eine Welt für sich, selbst
wenn sie die ganze Welt umschließen; die umschlossene Welt ist dann nichts für sich, zu dem der Gott erst in ein Verhältnis
treten müßte, sondern eben ein von ihm Umschlossenes. So ist Gott hier ohne Welt; oder wenn man umgekehrt diese Vorstellung
gerade als eine Weltanschauung charakterisieren möchte, so wäre diese Welt des unter sich bleibenden Götterlebens – eine Welt
ohne Götter. Und damit hätten wir das Wesen dessen ausgesprochen, was man als mythologische Weltauffassung bezeichnen mag.
Denn dies ist das Wesen des Mythos: ein Leben, das nichts über sich und nichts unter sich kennt; das, mögen nun die Träger dieses Lebens Götter Menschen Dinge sein, ohne beherrschte Dinge, ohne herrschende Götter ist, ein Leben rein in sich. Das Gesetz dieses Lebens ist der innere, nicht über sich selbst hinaustönende, stets in sich selbst zurückkehrende Einklang von Willkür und Schicksal. Die frei hinströmende Leidenschaft des Gottes bricht sich an dem inneren Damm des dunkeln Gebots seiner Natur. Die Gestalten des Mythos sind weder bloß Mächte noch bloße Wesen; weder als das eine, noch als das andre wären sie lebendig; erst in dem Wechselstrom von Leidenschaft und Schicksalsschluß entstehen ihre höchst lebendigen Züge: grundlos im Haß wie in der Liebe, denn es gibt keine Gründe unter ihrem Leben, rücksichtslos, denn es gibt kein Zurück, nach dem sie sehen müßten, ihr freier Erguß nicht geleitet, nur gehemmt vom Spruch des Schicksals, ihr Müssen nicht gelöst durch die freie Kraft ihrer Leidenschaft, und dennoch beides, Freiheit und Wesen, eins in der rätselhaften Einheit des Lebendigen – das ist die Welt des Mythos.
Dieser Geist des Mythischen, in dem Gott zu einem lebendigen Gott wird, hat seine Stärke in jener
Geschlossenheit, die selbst wieder eine Folge der Abschlußhaftigkeit dieses Gottesbegriffs ist. Auch seine Schwäche liegt
begründet in dieser seiner Geschlossenheit und abschlußhaften, nicht zeugenden, sondern erzeugnishaften Art. Aber hier gilt es
vorerst, seine Stärke zu betonen. Das Mythische, wie es bis zu ihrem Untergang in den Religionen Vorderasiens und
Europas, doch
als ein Stadium der Entwicklung überall herrschend war, bedeutet keine niedrigere, sondern die höhere Form gegenüber den
Geistesreligionen
des Ostens. Es ist kein Zufall, daß die Offenbarung, als sie in die Welt hinausging, ihren Weg nicht nach
Osten, sondern nach Westen nahm. Die lebendigen Götter Griechenlands
, waren würdigere Gegner für den lebendigen Gott als die
Schemen des asiatischen Ostens. Chinas wie Indiens Gottheiten sind ungeheure Gebäude aus den Blöcken der Urzeit, die als
Rohblöcke in den Kulten der Primitiven
noch bis in unsre Zeit hineinragen. Der Himmel Chinas ist der zum Weltumfassenden
gesteigerte Begriff der göttlichen Macht, die, ohne sich über das göttliche Wesen zu ergießen und sich so zur göttlichen
Lebendigkeit zu gestalten, in die ungeheure Kugel ihrer herrschenden Willkür das ganze All einordnete, nicht als ein andres,
sondern als ein ihr Eingeschlossenes, ihr Innewohnendes
; nirgends wird der anschauliche Sinn des Immanenzgedankens so deutlich
wie bei diesem chinesischen Vergöttern der Himmelswölbung, außer der – Nichts ist. Und ebenso wie sich Chinas Gott erschöpft in
dem Gang vom Nichts zur allumfassenden Macht, so Indiens auf der Straße zwischen dem Nichts und der reinen alles durchdringenden
Stille des Wesens, der göttlichen Physis. In den stummen Kreis des Brahman ist nie der Laut der göttlichen Freiheit gedrungen; so
bleibt es, obwohl alles Leben erfüllend und alles Leben in sich hineinsaugend, selber tot. Von den
lebendigen Gestalten der Götter des Mythos her gesehen sind diese Gottheiten
– das Wort aller derer, die sich vor dem Angesicht
des lebendigen Gottes in die Nebel der Abstraktion flüchten – Rückbildungen ins Elementare. Wie sehr, das lehrt ein Blick auf die
Rückbildungen, die eben jene elementaren Gebilde selber wieder erfahren; denn einmal begonnen, hört dieser Gang der Rückbildung
nicht eher auf, bis er hart an seine äußerste Grenze gelangt ist, ans – Nichts.
Die Wesenhaftigkeit des Brahman sprachen seine Verehrer tiefsinnig aus mit der unermüdlich wiederholten Silbe
der Bejahung, die alle seine Geheimnisse erschließen sollte. Aber indem sie gleichzeitig dieses eine ungegliederte Wesen als den
Aufsauger aller Vielheit, des Selbst aller Dinge, erkannten, tauchte hinter dem ungegliederten einen Ja schon eine neue
Bestimmung des Wesens auf, dem Sinne nach mit dem Ja einerlei, aber die unendliche in es hineingebannte Vielheit andeutend: Nein
Nein
. So ward das Ja als Verneinung des Nichts erkannt. Dem einen unendlichen So wurde das unendlich zahllose Nicht so, nicht
so
eingefügt. Das Wesen der Gottheit war das verneinte Nichts. Und von hier gab es nur noch einen letzten Sprung rückwärts.
Sollte der Sprung nicht im Nichts selber zerschellen, so mußte er den letzten Punkt erreichen, der noch zwischen ihm und jenem
Nichtnichts lag. In diesem Weder-Noch aber von Nichts und Nichtnichts erkennen wir jenen schwindelerregenden letzten Gedanken des
Buddhismus wieder, jenes Nirwana, das jenseits von Gott und Göttern, doch ebensosehr auch jenseits des bloßen Nichts, seinen
selbst gedanklich nur im salto mortale zu erschwingenden Platz hat. Offenbar gibt es hier nichts mehr weiter; es ist
ein Äußerstes; dahinter liegt bloß noch das reine Nichts; die erste Station auf dem Wege, der vom Nichts zum Nichtnichts führt,
wird von diesem Begriff in letzter noch irgend möglicher Verflüchtigung alles Wesens bezeichnet.
Die Macht des Himmels, an den das klassische China glaubt, hat sich wie jede tätige Macht durch einfache
Verneinung vom Nichts gelöst. Die Vielheit der Dinge wird in dieses machtvolle Allumfassende nicht aufgesogen wie das Selbst,
und alles Selbst, in die Meeresstille des Brahman; der Himmel schließt alles ein, indem er über alles gewaltig ist. Seine
Macht ist Tat, ihr Symbol die Gewalt, die das Männliche dem Weiblichen tut. Nicht als ein unendliches
Ja äußert sie sich also, sondern als ein jeden Augenblick erneuertes Nein gegen Jegliches, was in ihr beschlossen ist. Die
Abstraktion, die auch hier noch hinter diese elementare Abstraktion den Sprung rückwärts wagte bis hart an die Grenze alles
Elementaren im Nichts, mußte an die Stelle von Gott und Göttern als Gott-heit
einen Begriff der höchsten Macht stellen, die
vom Nichts sich nur darin unterschied, daß sie sich auf Tat und Wirkung bezog, welche Beziehung aber selber einzig die des
– Nichtstuns war. Das Tao ist dies nur tatlos Wirkende, dieser Gott, der sich mäuschenstill
hält, damit die Welt sich um ihn
bewegen kann. Es ist ganz unwesenhaft; nichts ist in ihm, so wie etwa alles Selbst im Brahman ist
. Vielmehr es selbst in
allem, aber wiederum nicht wie alles Selbst im Brahman ist
, also nicht wie – nach dem Gleichnis der Upanischaden –
Salzkristalle in der Lösung, sondern höchst bezeichnend auch hier wieder die Gleichnisse wie die Nabe in den Speichen, wie die
Fenster in der Wand, wie der Hohlraum im Gefäß: es ist das, was dadurch, daß es nichts
ist, das Etwas brauchbar
macht, der
selbst bewegungslose Beweger des Beweglichen. Es ist die Nichttat als der Urgrund der Tat.Auch hier wieder ein Äußerstes: die
eine mögliche Gestalt, die der Atheismus annehmen kann, wenn er wahrhaft atheistisch sein und weder im Pantheismus stecken
bleiben noch im reinen, von jeder besonderen Beziehung auf Gott und Götter freien Nihilismus verwehen will.
So sind hier in Nirwana und Tao die Baupläne entworfen, nach denen bis zum heutigen Tag jedes Gebäude errichtet werden muß, wohin das Denken über Gott sich vor der Stimme des wahren Gottes flüchten will. Hier allein ist es vor dieser Stimme sicher, – securus adversus deos so gut wie adversus Deum. Von hier führt kein Weg mehr zurück. Das Nichts ist ein fester Pflock; was an ihn angepflöckt ist, reißt sich nicht mehr los. Und nur weil diese letzte Abstraktion von allem göttlichen Leben dem lebendigen Selbst des Menschen und den lebendigen Welten der Völker unerträglich ist und deshalb das Leben auf die Dauer stets wieder gewaltig wird über die lebensflüchtige Blässe der Abstraktion – kurz weil es das Schicksal der Anhänger Buddhas wie Laotses ist, daß ein blühendes Heidentum die starren Steinblöcke ihrer Ungedanken wieder überwuchert, nur deshalb mögen auch in ihrem Bannkreis die Ohren der Menschen noch wieder empfänglich werden für die Stimmen, vor denen jene Männer einst sich in den schallsicheren Räumen des Nirwana und Tao bargen. Denn nur wo Leben ist, und sei es auch göttertrunken-gottfeindliches Leben, nur dort findet die Stimme des Lebendigen Widerhall. Im leeren Raum des Ungedankens, in den sich die Gottesangst flüchtet, die zur Gottesfurcht nicht den Mut aufbrachte, verhallt jene Stimme ins Leere. Die Götter des Mythos, mochten sie auch nicht über ihr ummauertes Reich hinausleben, – immerhin: sie lebten. Indiens wie Chinas Gott, auch schon vor der letzten Verflüchtigung zum Nirwana und Tao, teilt die Schwäche jener Götter des Mythos: nicht über sich selber hinaus zu können. Aber er ist ihnen unendlich unterlegen in seinem Stehenbleiben auf halbem Weg, in seiner Unkraft zu dem, was aus den Göttern des Mythos gewaltig atmet: dem Leben.
Dieser widerspruchsvolle Reichtum des Lebens, der möglich wird durch die Abgeschlossenheit der mythischen
Welt, ist nun außerhalb seines ursprünglichen Bereichs bis auf den heutigen Tag in Kraft geblieben für die Kunst. Alle Kunst
steht noch heutigen Tags unter dem Gesetz der mythischen Welt. Das Kunstwerk muß jene Abgeschlossenheit in sich, jene
Rücksichtslosigkeit gegen alles, was außerhalb liegen mag, jene Unabhängigkeit von höheren Gesetzen, jene Freiheit von niederen
Pflichten haben, die wir als der Welt des Mythos eigentümlich erkannten. Es ist eine Grundforderung an das Kunstwerk, daß von
seinen Gestalten, und mögen sie die Tracht unsres Alltags tragen, ein Schauer des Mythischen
ausgeht; das Kunstwerk muß durch
eine kristallene Mauer von allem andern, was nicht es selbst ist, abgeschlossen sein; es muß
etwas wie ein
Hauch über ihm liegen von jenem leichten Leben
der olympischen Götter, mag schon das Dasein, das es spiegelt, Not und Träne
sein. Von dem dreifachen Geheimnis des Schönen – äußere Form, innere Form, Gehalt – hat die erste seiner Gedanken, das Wunder der
äußeren Form, das Was aber schön ist, selig ist es in ihm selbst
, seinen Ursprung im metaphysischen Geiste des Mythos. Der
Geist des Mythos gründet das Reich des Schönen.
Wenn je Gott über seine hier schon erreichte
Lebendigkeit
hinausgehen sollte und zum lebendigen Gott des Lebens werden, so müßte das bisher auf dem Wege vom Nichts gewonnene Ergebnis
selber wieder zu einem Nichts, zu einem Ausgangspunkt werden. Die Elemente der Macht und des Müssens, der Willkür und des
Schicksals, die in die Gestalt des lebendigen Gottes zusammenmündeten, müßten dann aufs neue auseinandertreten, das scheinbare
Endergebnis ein Urquell werden. Schon über die mythisch gerichtete Theologie des Altertums war eine Unruhe gekommen, die zu einem
Hinausgehen über die selbstzufriedene Sphäre des Mythos drängte und so jene Umkehrung des bloß Lebendigen in das Lebenzeugende zu
fordern schien. Aber es ist bezeichnend für die Gewalt der mythischen Anschauung, daß die dahin gerichteten Versuche sowohl in
den Mysterien wie in den Gedanken der großen Philosophen stets die Einziehung von Mensch und Welt in die Sphäre des Göttlichen
anstrebten, also ganz wie der Mythos schließlich doch nur das Göttliche hatten. Die Selbständigkeit des Menschlichen und
Weltlichen war aufgehoben so gut in den Vergottungsmysterien wie in den nie vom Göttlichen zum Menschen und den Weltdingen, nur
umgekehrt führenden Sehnsuchts- und Liebesbegriffen, mit denen die Philosophen die Kluft überbrückten. Das gilt von dem
Liebesverlangen der Griechen nach dem Vollkommenen, wie von der Gottesliebe der Inder. Es wäre wie eine Verengung Gottes
erschienen, des Gottes, den man eben erst durch Anhäufung aller edeln Qualitäten der vielen Götter auf seinen einen Scheitel zum
allumfassenden erhoben zu haben stolz war, hätte man nun wieder ihn in die Leidenschaft der Liebe verstricken wollen. Wohl mag
ihn der Mensch lieben; seine, des Gottes Liebe aber zum Menschen durfte höchstens Antwort auf die Liebe des Menschen sein, nur
gerechter Lohn also, nicht freies, über alle Maßstäbe der Gerechtigkeit hinaus begnadendes Geschenk, nicht göttliche Urkraft, die
da erwählt und sich nicht nötigen läßt, ja die aller menschlichen Liebe zuvorkommt und Blinde erst sehend, Taube erst hörend
macht. Und selbst wo der Mensch, wie es eben in jenen Kreisen der indischen Gottesfreunde geschah, die höchste Form der Liebe zu
erschwingen meinte, indem er sich alles Eignen, aller Wünsche und Begierden wie auch allen asketischen Sichmühens um Gott begab
und in vollkommenster Gelassenheit Gottes Gnade erwartete, – so war eben diese Gelassenheit die Leistung,
die der Mensch darbrachte, nicht selber erst Gottes Geschenk. Anders gesagt: Gottes Liebe ward nicht dem Verstockten, sondern dem
Vollkommenen. Die Lehre von der Gelassenheit in die göttliche Gnade galt für ein gefährliches Allergeheimstes
; man möge sie, so
wird gelehrt, nimmer denen verkünden, die Gott nicht verehren, wider ihn murren, sich nicht kasteien. Grade diese Verirrten,
Verhärteten, Verschlossenen aber, die Sünder, mußte die Liebe eines Gottes suchen, der nicht bloß liebenswürdig ist, sondern der
selber liebt, unabhängig von der Liebe des Menschen, nein grade umgekehrt: selber erst die Liebe des Menschen erweckend. Aber
freilich, dazu wäre nötig, daß der unendliche Gott dem Menschen so endlich nah käme, so von Angesicht zu Angesicht, von benannter
Person zu benannter Person, wie es kein Verstand der Verständigen, keine Weisheit der Weisen je zugeben dürfte. Und wäre zugleich
nötig, daß die Kluft zwischen Menschlich-Weltlichem und Göttlichem, die eben in der Unaustilgbarkeit der Eigennamen bezeichnet
ist, für so tief, für so wirklich und allen asketischen Menschen- und mystischen Weltkräften unüberspringbar erkannt und
anerkannt würde, wie es kein Asketenhochmut, kein Mystikerdünkel in seiner Verachtung des Schall und Rauchs
der Namen,
irdischer wie himmlischer, je zugeben wird.
Und so blieb das Wesen dieses mythischen Gottes zwar der Sehnsucht von Mensch und Welt erreichbar, aber nur um den Preis, daß der Mensch aufhörte Mensch, die Welt aufhörte Welt zu sein. Mensch und Welt trug der Flügelschlag der Sehnsucht hinauf in das verzehrende Feuer der Vergottung. Wie denn diese Sehnsucht, indem sie zum Göttlichen trug, das Menschliche und Weltliche weit unter sich ließ und nicht etwa mit tieferer Liebe auch in dieses hineinführte. Auch den Gottesfreunden Indiens ist die Tat nur das, was nicht böse sein darf, nicht das, was gut sein muß. Und das Göttliche fließt nirgends über die Grenzen seines Eigenlebens; bis zum Monismus Gottes ist die Antike gekommen, aber nicht weiter; Welt und Mensch müssen zur Natur Gottes werden, sich vergotten lassen, Gott aber läßt sich nicht zu ihnen herab; er schenkt sich nicht, er liebt nicht, er muß nicht lieben. Denn er behält seine Physis für sich. Und bleibt also, was er ist: das Metaphysische.
- Rechteinhaber*in
- Niedersächsische Staats- und Universitätsbibliothek Göttingen
- Zitationsvorschlag für dieses Objekt
- TextGrid Repository (2026). Books. 1.2_ERSTES_BUCH. Star of Redemption. Niedersächsische Staats- und Universitätsbibliothek Göttingen. https://hdl.handle.net/21.11113/40zxq.10