ERSTES BUCH
GOTT UND SEIN SEIN ODER METAPHYSIK
Negative Theologie

Von Gott wissen wir nichts. Aber dieses Nichtwissen ist Nichtwissen von Gott. Als solches ist es der Anfang unsres Wissens von ihm. Der Anfang, nicht das Ende. Das Nichtwissen als Ende und Ergebnis unsres Wissens ist der Grundgedanke der negativen Theologie gewesen, welche die vorgefundenen Behauptungen über Gottes Eigenschaften zersetzte und abtat, bis das Nicht aller dieser Eigenschaften als Gottes Wesen übrig blieb, Gott also bestimmbar wurde nur in seiner völligen Unbestimmbarkeit. Diesen Weg, der von einem vorgefundenen Etwas zum Nichts führt und an dessen Ende sich Atheismus und Mystik die Hand reichen können, beschreiten wir nicht, sondern den entgegengesetzten vom Nichts zum Etwas. Unser Ziel ist kein negativer, sondern im Gegenteil ein höchst positiver Begriff. Wir suchen Gott, gleich wie späterhin die Welt und den Menschen, gerade nicht innerhalb eines einen und allgemeinen All als einen Begriff unter andern; wollten wir das, dann allerdings wäre die negative Theologie des Cusaners oder des Königsbergers das einzig wissenschaftliche Ziel; denn dann wäre das Negative schon im Ausgangspunkt des Denkens als das Ziel festgelegt; ein Begriff unter andern ist stets negativ, mindestens gegen andre; und macht er den Anspruch auf Unbedingtheit, so kann ihm die Wissenschaft nur dienen mit unbedingter – Nichtigkeit. Aber eben jene Voraussetzung des einen und allgemeinen Alls haben wir aufgegeben. Wir suchen Gott, wie späterhin Welt und Mensch, nicht als einen Begriff unter andern, sondern für sich, auf sich allein gestellt, in seiner – wenn der Ausdruck nicht mißverständlich ist – absoluten Tatsächlichkeit, also gerade in seiner Positivität. Deshalb müssen wir das Nichts des gesuchten Begriffs an den Anfang stellen; wir müssen es in unsren Rücken bringen; denn vor uns liegt als Ziel ein Etwas: die Wirklichkeit Gottes.

Die zwei Wege

Gott also ist uns zunächst ein Nichts, sein Nichts. Vom Nichts zum Etwas, oder sagen wir schärfer: vom Nichts zu dem, was nicht Nichts ist – denn wir suchen kein Etwas – führen zwei Wege, der Weg der Bejahung und der Weg der Verneinung. Die Bejahung, nämlich des Gesuchten, des Nichtnichts; die Verneinung, nämlich des Vorausgesetzten, des Nichts. Diese zwei Wege sind untereinander so verschieden, ja so entgegengesetzt wie – nun eben wie Ja und Nein. So sind auch die erreichten Punkte nicht etwa einerlei mit dem, der vorhin als das Gesuchte bezeichnet wurde, sondern untereinander verschieden – wieder wie Ja und Nein. Das Ja gilt dem Nichtnichts, das Nein dem Nichts. Bejahung des Nichtnichts setzt – wie jede Bejahung, die durch Verneinung geschieht, – ein Unendliches, Verneinung des Nichts setzt – wie jede Verneinung – ein Begrenztes, Endliches, Bestimmtes. Wir sehen also das Etwas in zweierlei Gestalt und in zweierlei Verhältnis zum Nichts: einmal als seinen Anwohner und einmal als seinen Entronnenen. Als Anwohner des Nichts ist das Etwas die ganze Fülle alles dessen, was nicht Nichts – ist, in Gott also, da wir außer ihm hier nichts kennen, die ganze Fülle dessen, was in ihm ist; als Entronnener hingegen, der soeben das Gefängnis des Nichts brach, ist das Etwas nichts weiter als das Ereignis dieser Befreiung vom Nichts; es ist ganz bestimmt von diesem seinem einen Erlebnis, in Gott also, dem von außen, mindestens hier, nichts geschehen kann, ganz und nur Tat. Ohne Ende entquillt so dem Nichts das Wesen, in scharfer Begrenzung entbricht ihm die Tat. Beim Wesen fragt man nach dem Ursprung, bei der Tat nach dem Anfang.

Zur Methode

Aus guten Gründen gehen wir hier zunächst nicht über diese bloß formellen Bestimmungen hinaus; wir wollen uns nicht vorgreifen. Das Gesagte wird sich aber schon etwas erhellen, wenn wir, nur zum Vergleich, den umgekehrten Vorgang, das Werden zum Nichts, betrachten. Hier sind ebenfalls zwei Möglichkeiten gegeben: die Verneinung des, um nun einmal den heute zu stark verengten Ausdruck Etwas durch einen unbelasteten zu ersetzen, – also die Verneinung des Ichts und die Bejahung des Nicht-Ichts, des Nichts. Die Umkehrung ist so genau, daß dort, wo auf dem Hinweg das Ja erschien, jetzt das Nein erscheint und umgekehrt. Für die Entstehung des Nichts durch Verneinung des Ichts hat die deutsche Sprache einen Ausdruck, den wir nur von seiner engeren Bedeutung befreien müssen, um ihn hier einsetzen zu können: Verwesung bezeichnet (genau wie das Mystikerwort Entwesung) die Verneinung des Ichts. Für die Bejahung des Nichts aber hat die Sprache das Wort Vernichtung. In der Verwesung, der Entwesung entsteht das Nichts in seiner unendlichen Unbestimmtheit; der verwesende Leib so wenig wie die entwesende Seele streben nach dem Nichts als einem Positiven, sondern einzig nach Auflösung ihres positiven Wesens; aber indem ihnen die geschieht, münden sie in die gestaltlose Nacht des Nichts. Hingegen Mephisto, der das Böse geradezu will und das Ewigleere eingestandenermaßen liebt, begehrt das Nichts, und da muß das Ganze dann freilich hinauslaufen auf – Vernichtung. Hier sehen wir also das Nichts zwar nicht selber als ein Komplexes – denn dann wäre es ein Bestimmtes und nicht das Nichts –, aber doch als ein auf mehreren und entgegengerichteten Wegen Erreichbares; und so verstehen wir nun vielleicht besser, wie im bestimmungslosen Nichts verschiedene Ursprünge des Bestimmten liegen können und der stille Fluß des Wesens, der hochschießende Springquell der Tat aus dem selben dunkel stehenden Wasser entspringen mögen.

Wohlgemerkt, wir sprechen nicht wie die frühere Philosophie, die nur das All als ihren Gegenstand anerkannte, von einem Nichts überhaupt. Wir kennen kein eines und allgemeines Nichts, weil wir uns der Voraussetzung des einen und allgemeinen All entschlagen haben. Wir kennen nur das einzelne (deswegen aber nicht etwa bestimmte, sondern nur bestimmungerzeugende) Nichts des einzelnen Problems. In unserm Fall also das Nichts Gottes. Gott ist hier unser Problem, unser Vor-wurf und Gegen-stand. Eben daß er zunächst uns nichts weiter sein soll als ein Problem, drücken wir darin aus, daß wir mit seinem Nichts beginnen, das Nichts also zu seiner Voraussetzung (nicht etwa, wie zu Anfang schon bemerkt, zum Ergebnis) machen. Wir sagen gewissermaßen: wenn Gott ist, so gilt von seinem Nichts das folgende. Indem wir also das Nichts nur als das Nichts Gottes voraussetzen, führen auch alle Folgen dieser Voraussetzung nicht über den Rahmen dieses Gegenstandes hinaus. Es wäre also ganz falsch und ein Rückfall in den überwundenen Begriff des einen und allgemeinen Nichts, wenn wir in dem Hervorquellen des Wesens und in dem Hervorbrechen der Tat das Wesen und die Tat allgemein, etwa das Wesen der Welt oder die auf Welt oder Menschen gerichtete Tat, abgeleitet zu haben dächten. Alle Begriffe, solange wir uns in dieser hypothetisierenden Bannmeile des Nichts bewegen, bleiben in dieser Bannmeile, bleiben unter dem Gesetz des Wenn und So, ohne aus dem Zauberkreis heraustreten zu können. Das Wesen etwa kann immer nur ein Wesen innerhalb Gottes bedeuten, die Tat nie auf einen außerhalb Gottes gedachten Gegenstand bezogen werden. Es bleibt bei lauter Reflexionen Gottes – wie nachher der Welt und nachher des Menschen – in sich selber. Wir haben das All zerschlagen, jedes Stück ist nun ein All für sich. Indem wir uns in dies Stückwerk unsres Wissens versenken, sind wir bei unserer Wanderung ins Reich der Mütter noch Knechte des ersten Befehls: des Befehls zu versinken. Das Steigen, und in ihm das Zusammenwachsen des Stückwerks zum Vollkommenen des neuen All, wird erst später kommen.

Göttliche Natur

Das ja ist der Anfang. Das Nein kann nicht Anfang sein; denn es könnte nur ein Nein des Nichts sein; das setzte aber ein Nichts voraus, das verneinbar wäre, also ein Nichts, das sich schon zum Ja entschlossen hätte. Das Ja ist also der Anfang. Und zwar kann es nicht das Ja des Nichts sein; denn es ist der Sinn unsrer Einführung des Nichts, daß es nicht Ergebnis sein soll, sondern im Gegenteil Ausgangspunkt und nur Ausgangspunkt. Es ist noch nicht einmal Anfang. Es ist höchstens Anfang unsres Wissens. Es ist eben wirklich nur Ausgangspunkt, also schlechthin unfähig, selber bejaht zu werden. Ebenso unfähig freilich auch, wie schon gesagt, verneint zu werden. Es liegt vor dem Ja wie vor dem Nein. Es läge vor allem Anfang – wenn es läge. Aber es liegt nicht. Es ist nur der virtuelle Ort für den Anfang unsres Wissens. Es ist nur die Markierung für das Gestelltsein des Problems. Wir vermeiden streng, es zu benennen. Es ist kein dunkler Grund noch sonst ein irgend mit Eckharts, Böhmes oder Schellings Worten Benennbares. Es ist nicht im Anfang.

Im Anfang ist das Ja. Und da das Ja also nicht auf das Nichts gehen darf, so muß es auf das Nichtnichts gehen. Und weil dies Nichtnichts ja nicht selbständig gegeben ist denn es ist überhaupt nichts gegeben außer dem Nichts –, so umschreibt die Bejahung des Nichtnichts als innere Grenze die Unendlichkeit alles dessen, was nicht Nichts ist. Es wird ein Unendliches bejaht: Gottes unendliches Wesen, seine unendliche Tatsächlichkeit, seine Physis.

Urwort

Das ist die Kraft des Ja, daß es überall haftet, daß unbegrenzte Möglichkeiten von Wirklichkeit in ihm liegen. Es ist das Urwort der Sprache, eins von denen, durch die – nicht etwa Sätze, sondern erst einmal überhaupt satzbildende Worte, die Worte als Satzteile, möglich werden. Ja ist kein Satzteil, aber ebensowenig das kurzschriftliche Sigel eines Satzes, obwohl es als solches verwendet werden kann, sondern es ist der stille Begleiter aller Satzteile, die Bestätigung, das Sic, das Amen hinter jedem Wort. Es gibt jedem Wort im Satz sein Recht auf Dasein, es stellt ihm den Sitz hin, auf dem es sich niederlassen mag, es setzt. Das erste Ja in Gott begründet in alle Unendlichkeit das göttliche Wesen. Und dies erste Ja ist im Anfang.

Zeichen

Wir können den Schritt, den dieses erste ja auf dem Wege zur Vollendung Gottes bedeutet, in bekannten logisch-mathematischen Symbolen festzuhalten versuchen. Wir wollen uns dabei zunächst beschränken auf die Verwendung der algebraischen Buchstaben und des Gleichheitszeichens. In der Gleichung y=x etwa würde y den Gegenstand, x den Inhalt der Aussage bezeichnen, y also das Subjekt, x das Prädikat. Während nun sonst die bejahende Setzung das Subjekt, die verneinende Bestimmung das Prädikat bezeichnet, ist es hier, wo es sich um die Ursprünge handelt, gerade umgekehrt; die Bejahung wird das Merkmal der Urbestimmung; das Prädikat ist zwar im einzelnen Fall stets ein einzelnes, also negativ, nach ihrem ursprünglichen Begriff aber ist die Bestimmung gerade positiv, – das reine So. Daß dieses So dann weiterhin ein So und nicht anders wird, tritt erst in Kraft, wenn zu dem ursprünglich Einen das Andre hinzutritt. Erst durchdiesen Übergang zur Vielheit wird die Bestimmung zur Verneinung. Und wie die Urbestimmung im Ja geschieht, so die Ursetzung, die Setzung des ursprünglichen Subjekts, im Nein; jede einzelne Setzung eines Subjekts ist zwar bloße für sich grundlose Position, aber die ursprüngliche Setzung, die vor allen einzelnen liegt, die Voraus-setzung, ist Verneinung, nämlich des Nichts; jedes einzelne Subjekt ist schlechthin anders, anders nämlich als das Nichts. In der Gleichung, die wir hier aufzustellen haben, wird also links vom Gleichungsstrich das Nein, rechts das Ja zu stehen kommen. Mit dem einfachen x oder y symbolisieren wir die vollkommene Beziehungslosigkeit, mit y= die Beziehung des Subjekts auf ein Prädikat, also die Bestimmung mit dem Hinblick auf eine ihr noch zuzuordnende Gesetztheit, mit =x die Gesetztheit mit dem Hinblick auf eine ihr noch bevorstehende Bestimmung. In dieser Symbolsprache müßten wir also Gottes Physis, Gottes schlechthinniges und unendlich bejahtes Sein, mit A bezeichnen; mit A und nicht etwa mit B oder C, denn es ist unendlich bejaht, es geht ihm innerhalb der ihm eigentümlichen, von seinem Nichts bedingten Sphäre nichts voraus, dem es etwa folgen müßte; es kann ihm nichts vorausgehen, weil es als unendlich und nicht als endlich gesetzt ist. Es ist schlechthinnige ruhende, aber unendliche Tatsächlichkeit; ob in dieses stille Meer der innergöttlichen Physis ein Sturm hineinfahren wird, der seine Fluten aufbrausen läßt, ob aus seinem eigenen Schoß sich Wirbel und Wellen bilden, die in die stille Fläche strömende Bewegung bringen, – das wissen wir noch nicht. Vorerst ist es A, – unbewegtes, unendliches Sein.

Göttliche Freiheit

Wissen wir wirklich nicht, welche von den beiden Möglichkeiten, der Sturm von außen oder der Wirbel von innen die glatte Fläche in Bewegung bringen wird? Der Fläche selber freilich sehen wir nichts an. Aber erinnern wir uns doch, wie dies unbewegte Wesen uns entstand im Ja und wie wir soeben vorgreifend ausführten, daß das Ja stets die rechte, die x-Seite der Gleichung y=x einnahm. Damit ist schon für die erste der beiden Bewegungsmöglichkeiten entschieden. Im Ja liegt nichts, was über es selbst hinaustreibt; es ist das so. Vom Nein also muß die Bewegung kommen.

Das Nein ist ebenso ursprünglich wie das Ja. Es setzt nicht etwa das Ja voraus. Diese Voraussetzung macht wohl das einzelne abgeleitete Nein. Das ursprüngliche aber setzt nichts voraus als das Nichts. Es ist Nein des Nichts. Aber nun freilich: es entbricht zwar unmittelbar dem Nichts, eben als dessen Verneinung, kein Ja geht ihm voraus; wohl aber eine Bejahung. Nämlich: es setzt zwar nur das Nichts voraus, aber das von ihm vorausgesetzte Nichts ist kein Nichts, bei dem es sein Bewenden hätte haben dürfen, nicht das Ewigleere, das Mephistopheles sich liebt, sondern ein Nichts, aus dem das Ja hervorquellen mußte, das Nichts, das nur als ein Nichts des Wissens gedacht war, nicht als positives gesetztes Nichts, nicht als dunkler Grund, nicht als Abgrund der Gottheit, sondern als Ausgangspunkt des Denkens über Gott, als Ort der Stellung des Problems. Zwar nicht das Ja selber, aber das Nichts, aus dem Bejahung hervorgehen mußte, geht dem ursprünglichen Nein voraus. So ist das Nein, unbeschadet der Unmittelbarkeit seines Ursprungs, jünger als das Ja. Das Non ist nicht propter Sic, aber post Sic.

Das Nein ist ursprüngliche Verneinung des Nichts. Während das Ja an dem Nichts nicht hatte haften bleiben können, weil dieses ihm gewissermaßen keinen Ansatzpunkt gab; während es also von ihm abgestoßen sich auf das Nichtnichts warf und, so ins Unendliche befreit von seinem Ausgangspunkt, in dem unendlichen Gebiet des Nichtnichts das göttliche Wesen setzte: ist das Nein mit dem Nichts in engster Verschlingung Leib an Leib. Die enge Verschlingung ist jetzt möglich, da durch die vorausgegangene unendliche Bejahung des Nichtnichts das Nichts als ein Endliches zurückgeblieben war. So findet das Nein hier seinen Gegner dicht vor sich. Aber das Bild des Ringerpaars führt irre. Es ist kein Paar. Es ist ein Ringkampf nicht zu Zweien, sondern zu Einem; das Nichts verneint sich selbst. In der Selbstverneinung erst bricht aus ihm das Andre, der Gegner, hervor; und in dem Augenblick seines Hervorbrechens ist das Nein aus der selbstverneinenden Verschlingung des Nichts gelöst und frei geworden. Als freies, ursprüngliches Nein nimmt es jetzt Gestalt an.

Hier gilt es nun wieder die Frage genau einzustellen. Wir fragen nach Gott. Das sichselbstverneinende Nichts war das sichselbstverneinende Nichts Gottes; das aus dieser Selbstverneinung geborene Nein ist ein Nein Gottes. Das Ja in Gott war sein unendliches Wesen. Sein freies, aus der Verneinung seines Nichts hervorschießendes Nein ist nicht selbst Wesen; denn es enthält kein Ja; es ist und bleibt reines Nein, es ist nicht so; nur nicht anders; so ist es immer auf andres gerichtet, es ist immer nur das eine. Und zwar das eine als das eine in Gott, vor welchem also alles andre in ihm zum bloßen andern wird. Dies schlechthin eine, dies schlechthinnige Nein zu allem, was nicht es selbst, sondern andres ist, welchen Namen dürften wir ihm geben, wenn nicht den der Freiheit? Gottes Freiheit wird geboren aus der ursprünglichen Verneinung des Nichts als das auf alles andre nur als auf andres Gerichtete. Gottes Freiheit ist schlechthin gewaltiges Nein.

Gottes Wesen war unendliches Ja. jenes ja ließ das Nichts als ein des Unendlichen entleertes zurück. Aus diesem endlich gewordenen entrang sich in ursprünglicher Selbstverneinung das freie Nein. Es trägt die Narben des Kampfs, in dem es hervorbrach. Es ist unendlich in seinen Möglichkeiten, in dem, worauf es geht; denn es geht schlechthin auf alles; alles ist ihm andres; aber es selbst ist stets eines, stets begrenzt, stets – endlich, wie es ja in der Selbstverneinung des endlich gewordenen Nichts hervorbrach. Es bricht in alle Ewigkeit hervor; denn alle Ewigkeit ist ihm bloß andres, ist ihm bloß unendliche Zeit. Es ist diesem ihm stets andern gegenüber in alle Zeit das Einmalige, das immer Neue, immer Erstmalige. Dem unendlichen göttlichen Wesen tritt gegenüber die göttliche Freiheit, die endliche Gestalt der Tat, einer Tat freilich, deren Mächtigkeit unerschöpflich ist, die sich ins Unendliche immer neu aus ihrem endlichen Ursprung heraus ergießen kann, kein unendliches Meer, sondern eine unerschöpfliche Quelle. Dem einfürallemal so wie es ist beschaffenen Wesen tritt entgegen die allzeit neu sich offenbarende Freiheit der Tat, eine Freiheit aber, für die wir noch keinen anderen Gegenstand denken dürfen außer der Unendlichkeit jenes immerwährenden Wesens. Es ist keine Freiheit Gottes, Gott ist uns auch jetzt noch Problem. Es ist göttliche Freiheit, Freiheit in Gott und in Bezug auf Gott. Wir wissen auch jetzt noch nichts von Gott. Wir sind noch beim Stückwerk des Wissens, noch beim Fragen, nicht beim Antworten.

Zeichen

Suchen wir das eben gewonnene Stück, die göttliche Freiheit, ebenso in einem Symbol einzufangen wie zuvor das göttliche Wesen. Als ursprüngliches Nein haben wir die göttliche Freiheit auf die linke Seite der zukünftigen Gleichung zu stellen. Und da es ein Nein ist, das als ursprüngliches Subjekt mit unbeschränkter Macht über sich hinaus (wenn auch, wie stets wieder betont werden muß, nur innerhalb Gottes über sich hinaus) greift, so wird das Symbol nach dem Schema y= zu bilden sein. Und da schließlich diese Freiheit zwar in ihrer allzeit erneuerten Einmaligkeit endlich, aber in ihrer beständigen Neuheit unendlich ist und ihr nichts vorausgehen kann, weil es nichts neben ihr gibt, sondern sie ein stets Einmaliges, aber nie Einzelnes ist, so ergibt sich als Symbol für sie das A = . Wie dies Symbol für die göttliche Freiheit sich mit dem für das göttliche Wesen zusammenfindet und dadurch erst die Gleichung und mit ihr die erste Antwort auf die Frage nach Gott zustande kommt, das sei nun dargestellt.

Lebendigkeit des Gottes

Die Freiheit geht auf Unendliches. Als Freiheit ist sie endlich; insofern sie auf ein Unendliches geht, ist sie Macht, unendliche Macht, schroff gesagt: unendliche Willkür. Als der unendliche Gegenstand, den sie verlangt, liegt ihr vor nur das Wesen. Aber in dem Wesen, wie es denn symbolisiert war durch einen bloßen Buchstaben ohne das Gleichheitszeichen, liegt keinerlei ausgesprochene Richtung, weder eine tätige noch eine empfängliche, die jener Kraft entgegendrängt; das göttliche Wesen ruht im unendlichen Schweigen des reinen Daseins, der stummen Tatsächlichkeit. Es ist. So scheint die Willkür, weder gerufen noch gezogen, sich über das Wesen stürzen zu können. Aber indem sie sich ihm nähert, gerät sie gleichwohl in den Bannkreis seines trägen Seins. Ohne daß etwa dies Sein ihr eine Kraft entgegenschickt, fühlt sie dennoch ihre eigene Kraft erlahmen; die unendliche Macht spürt mit jedem Schritt, den sie sich dem Wesen nähert, einen wachsenden Widerstand, einen Widerstand, der am Zielpunkt, beim Wesen selbst, unendlich werden würde; denn hier würden die Äußerungen der Macht verschluckt von dem durchgängig ausgebreiteten, träge daliegenden Es ist, So ist es des Wesens. An dem Brennpunkt der Unendlichkeit des trägen Ja würde die unendlich geschwächte Macht des unendlich aktiven Nein erlöschen. So müssen wir die Macht, wie sie selber schon nicht mehr das ursprüngliche unendliche Nein, sondern schon dies Nein auf dem Wege zu seiner Machtausübung am trägen So des Ja ist, erfassen vor dem Ende der Bewegung, also ehe die Trägheit des Soseins als unendliche wirken kann. Dieser Punkt, wo gewissermaßen die unendliche Macht der göttlichen Tat eintritt in das Kraftfeld des göttlichen Wesens, noch gewaltig über seine Trägheit, aber doch schon an ihr gehemmt, – diesen Punkt bezeichnen wir im Gegensatz zu dem Punkt der göttlichen Macht und Willkür als den Punkt des göttlichen Müssens und Schicksals. Wie die göttliche Freiheit sich zu Willkür und Macht gestaltet, so das göttliche Wesen zu Müssen und Schicksal. Aus der unendlichen Bewegung, die von der Freiheit ausgehend in den Bereich des Wesens hinüberströmt, entsteht so in unendlicher Selbstgestaltung das göttliche Antlitz, das mit einem Nicken seiner Brauen den weiten Olymp erschüttert und dessen Stirne doch gefurcht ist vom Wissen um den Spruch der Norne. Beides, die unendliche Macht im freien Erguß des Pathos und die unendliche Gebundenheit im Zwang der Moira, – beides zusammen formt die Lebendigkeit des Gottes.

Urworte

Wir halten hier einen Augenblick inne, um erst einmal diesen offenbar entscheidenden Schritt, den wir hier über das bloße Ja und das bloße Nein hinausgetan haben, nachträglich zu begreifen. Wir haben die Bewegung, die uns vom Nein zum Ja trug, wie selbstverständlich hingenommen, ohne zu fragen, welches Urwort, entsprechend dem Ja und dem Nein der beiden ersten Schritte, diesen dritten Schritt leitete. Das Ur-Ja war das Wort der ursprünglichen Setzung gewesen, als solches in jedem Wort der stille Teilhaber der Geschäfte, die das Wort im Satzganzen macht. Das Ur-Nein ist gleichfalls in jedem Wort im Satz wirksam, und zwar nicht insofern dies Wort Aussage ist, sondern insofern es Gegenstand von Aussagen wird; so ist sein eigenster Platz im Satz, wie schon ausgeführt, beim Subjekt; während das Ja als So das einzelne Wort be-stätigt, d.h. es seines steten dauernden Werts, unabhängig von der Stellung, die es innerhalb des Satzes zu den andern Worten einnimmt, versichert, geht das Nein gerade auf diese Stellung des Worts zum Satz. Als Nicht-anders er-örtert es diesen Ort des einzelnen Worts, durch den seine Eigentümlichkeit gegenüber den andern festge-legt wird – nicht die stete Eigentümlichkeit, sondern eine vom Satzganzen, von den andern Bestandteilen des Satzes abhängige. Nehmen wir als Beispiel zunächst zwei extreme Fälle, nämlich für das Ja die Nichts-als-Aussage, das prädikativische Eigenschaftswort, für das Nein den Nichts-als-Aussagegegenstand, das substantivische Subjekt. Das Wort frei hat einen bestimmten Sinn, unabhängig davon, ob es in dem Satz der Mensch ist freigeschaffen, ist frei steht, oder in dem andern der Mensch ist nicht geschaffen, frei zu sein. Dieser bewegungslose Sinn ist das Werk des heimlichen Ja. Dagegen das Wort Mensch etwas ganz Verschiedenes ist, insofern von ihm ausgesagt wird, daß er ein Bürger zweier Welten ist, als insofern er ein politisches Tier genannt wird; diese Verschiedenheit, die jedesmal durch die andern Glieder des Satzes geschaffen wird, denen das eine Subjekt gegenübertritt, ist das Werk des heimlichen Nein. Und nun als abschließendes Beispiel ein ganz unextremes: das Wort bis bedeutet immer den Abschluß einer sukzessiv gedachten Größe, aber in bis morgen geht es auf eine Zeitstrecke, und zwar eine zukünftige, in bis an die Sterne weit auf eine Raumstrecke. Der übrigens hier leicht erweckte Anschein, als ob das heimliche Ja also in Wirklichkeit, und nicht bloß in der begrifflichen Reihenfolge (als Möglichkeit des Bejahens), dem heimlichen Nein vorangehen müßte und letzteres also weniger ursprünglich sei, wird durch die einfache Überlegung beseitigt, daß wir ja in Wirklichkeit jene steten festen Bedeutungen der Worte nur aus ihren Zusammenhängen im Satz entnehmen und daher diese Stetigkeit im einzelnen Fall gar nicht wirklich vorliegt, sondern im Gegenteil jeder neue Satzzusammenhang, in den ein Wort tritt, den stetigen Charakter des Worts wandelt und also die Sprache in der lebendigen Rede sich stets erneuert.

Wir sprachen eben schon ganz unbefangen von Satz und Zusammenhang. Eigentlich aber ist mit dem Ja und dem Nein immer nur das einzelne Wort vorbereitet, wenn auch mit dem Nein schon in seiner Beziehung auf den Satz. Der Satz selber kommt erst zu-stande, ent-steht erst dadurch, daß das er-örternde, fest-legende Nein, über das be-stätigende Ja Gewalt zu gewinnen sucht. Der Satz, ja schon der kleinste Satzteil – wo die Sprache isoliert, das Wort; wo sie agglutiniert, die Verbindung zweier Worte; wo sie flektiert, die Verbindung von Stamm und Flexionsendung in einem Wort – setzt Ja und Nein, So und Nichtanders voraus. Damit haben wir das dritte jener Urworte, das an Ursprünglichkeit den beiden andern nicht gleich, sondern sie beide voraussetzend, dennoch erst beiden zu lebendiger Wirklichkeit hilft: das Wort und. Das Und ist nicht der geheime Begleiter des einzelnen Worts, sondern des Wortzusammenhangs. Es ist der Schlußstein des Kellergewölbes, über welchem das Gebäude des Logos, der Sprachvernunft, errichtet ist. Wir haben in der zuvor gefundenen Antwort auf die Frage nach Gott, die wir in der Feststellung des Nichts unsres Wissens von ihm aufgeworfen hatten, eine erste Kraftprobe jenes dritten Urworts kennen gelernt.

Zeichen

Das, zunächst wenigstens, Abschließende dieser Antwort wird symbolisiert durch die Gleichung, in der die Wege, die zur Antwort führten, unsichtbar geworden sind. Der Gleichung A=A sieht man nicht mehr an, ob sie aus A, A=, =A oder A aufgebaut ist. Sie läßt nichts weiter erkennen als die reine Ursprünglichkeit und Insichselbstbefriedigtheit des Gottes. Er ist von nichts außer sich abhängig und scheint nichts außersich zu bedürfen: frei im Äther herrscht der Gott, seiner Brust gewalt'ge Lüste bändigt das Naturgebot das Gebot seiner eigenen Natur. Das innere Spiel der Kräfte, das diese lebendige Göttergestalt gebildet hat, ist versunken. Eben damit symbolisiert die Gleichung die unmittelbare Lebendigkeit dieser Gestalt, die Lebendigkeit des Gottes.

Der mythische Olymp

Des Gottes zunächst. Denn lebendig sind auch die Götter des Altertums, nicht erst der, den wir heut als den lebendigen bezeichnen. Sie sind sogar, wenn man so will, viel lebendiger. Denn sie sind nichts als lebendig. Sie sind unsterblich. Der Tod liegt unter ihnen. Sie haben ihn nicht besiegt, aber er wagt sich nicht an sie heran. Sie lassen ihn in seinem Reich gelten, entsenden wohl einen aus ihrem unsterblichen Kreis, über jenes Reich zu walten. Dies ist dann die uneingeschränkteste, ja eigentlich die einzige Herrschaft im strengeren Sinn, die sie ausüben. In die Welt des Lebendigen greifen sie wohl ein, aber sie herrschen nicht darin, – sie sind lebendige Götter, aber nicht Götter des Lebendigen; denn dazu gehörte ein wirkliches Aussichheraustreten, und das läge dieser leichtlebigen Lebendigkeit der Olympier nicht; nur auf die Fernhaltung des Todes von ihrer unsterblichen Welt wird eine gewisse planmäßige Aufmerksamkeit verwendet. Im übrigen leben die Götter unter sich. Daran ändert auch ihr viel berufenes Verhältnis zu den Kräften der Natur nichts. Denn der Begriff der Natur als eines Reichs eigener Gesetzlichkeit im Gegensatz zu einem etwaigen Übernatürlichen existiert noch gar nicht. Die Natur ist stets die eigene Natur der Götter. Wenn ein Gott mit einem Gestirn oder irgend etwas dergleichen zusammengebracht wird, so wird er dadurch nicht, wie wir es uns immer wieder in Rücktragung unsres Naturbegriffs vorstellen möchten, zum Gott des Gestirns, sondern das Gestirn wird Gott oder mindestens Teil des Gottes. Und wenn von diesem göttlichen Walten der Gestirne ein Kraftfeld ausstrahlt über alles irdische Geschehen, so wird damit dieses irdische Geschehen nicht der Waltung der göttlichen Gestirne unterstellt, sondern es wird gewissermaßen hinaufgehoben in jene göttliche Sphäre, Teil dieses Ganzen; es hört auf, selbständig zu sein, wenn es das je war; es wird selbst göttlich. Immer bleibt die Welt der Götter eine Welt für sich, selbst wenn sie die ganze Welt umschließen; die umschlossene Welt ist dann nichts für sich, zu dem der Gott erst in ein Verhältnis treten müßte, sondern eben ein von ihm Umschlossenes. So ist Gott hier ohne Welt; oder wenn man umgekehrt diese Vorstellung gerade als eine Weltanschauung charakterisieren möchte, so wäre diese Welt des unter sich bleibenden Götterlebens – eine Welt ohne Götter. Und damit hätten wir das Wesen dessen ausgesprochen, was man als mythologische Weltauffassung bezeichnen mag.

Denn dies ist das Wesen des Mythos: ein Leben, das nichts über sich und nichts unter sich kennt; das, mögen nun die Träger dieses Lebens Götter Menschen Dinge sein, ohne beherrschte Dinge, ohne herrschende Götter ist, ein Leben rein in sich. Das Gesetz dieses Lebens ist der innere, nicht über sich selbst hinaustönende, stets in sich selbst zurückkehrende Einklang von Willkür und Schicksal. Die frei hinströmende Leidenschaft des Gottes bricht sich an dem inneren Damm des dunkeln Gebots seiner Natur. Die Gestalten des Mythos sind weder bloß Mächte noch bloße Wesen; weder als das eine, noch als das andre wären sie lebendig; erst in dem Wechselstrom von Leidenschaft und Schicksalsschluß entstehen ihre höchst lebendigen Züge: grundlos im Haß wie in der Liebe, denn es gibt keine Gründe unter ihrem Leben, rücksichtslos, denn es gibt kein Zurück, nach dem sie sehen müßten, ihr freier Erguß nicht geleitet, nur gehemmt vom Spruch des Schicksals, ihr Müssen nicht gelöst durch die freie Kraft ihrer Leidenschaft, und dennoch beides, Freiheit und Wesen, eins in der rätselhaften Einheit des Lebendigen – das ist die Welt des Mythos.

Asien: Der unmythische Gott

Dieser Geist des Mythischen, in dem Gott zu einem lebendigen Gott wird, hat seine Stärke in jener Geschlossenheit, die selbst wieder eine Folge der Abschlußhaftigkeit dieses Gottesbegriffs ist. Auch seine Schwäche liegt begründet in dieser seiner Geschlossenheit und abschlußhaften, nicht zeugenden, sondern erzeugnishaften Art. Aber hier gilt es vorerst, seine Stärke zu betonen. Das Mythische, wie es bis zu ihrem Untergang in den Religionen Vorderasiens und Europas, doch als ein Stadium der Entwicklung überall herrschend war, bedeutet keine niedrigere, sondern die höhere Form gegenüber den Geistesreligionen des Ostens. Es ist kein Zufall, daß die Offenbarung, als sie in die Welt hinausging, ihren Weg nicht nach Osten, sondern nach Westen nahm. Die lebendigen Götter Griechenlands, waren würdigere Gegner für den lebendigen Gott als die Schemen des asiatischen Ostens. Chinas wie Indiens Gottheiten sind ungeheure Gebäude aus den Blöcken der Urzeit, die als Rohblöcke in den Kulten der Primitiven noch bis in unsre Zeit hineinragen. Der Himmel Chinas ist der zum Weltumfassenden gesteigerte Begriff der göttlichen Macht, die, ohne sich über das göttliche Wesen zu ergießen und sich so zur göttlichen Lebendigkeit zu gestalten, in die ungeheure Kugel ihrer herrschenden Willkür das ganze All einordnete, nicht als ein andres, sondern als ein ihr Eingeschlossenes, ihr Innewohnendes; nirgends wird der anschauliche Sinn des Immanenzgedankens so deutlich wie bei diesem chinesischen Vergöttern der Himmelswölbung, außer der – Nichts ist. Und ebenso wie sich Chinas Gott erschöpft in dem Gang vom Nichts zur allumfassenden Macht, so Indiens auf der Straße zwischen dem Nichts und der reinen alles durchdringenden Stille des Wesens, der göttlichen Physis. In den stummen Kreis des Brahman ist nie der Laut der göttlichen Freiheit gedrungen; so bleibt es, obwohl alles Leben erfüllend und alles Leben in sich hineinsaugend, selber tot. Von den lebendigen Gestalten der Götter des Mythos her gesehen sind diese Gottheiten – das Wort aller derer, die sich vor dem Angesicht des lebendigen Gottes in die Nebel der Abstraktion flüchten – Rückbildungen ins Elementare. Wie sehr, das lehrt ein Blick auf die Rückbildungen, die eben jene elementaren Gebilde selber wieder erfahren; denn einmal begonnen, hört dieser Gang der Rückbildung nicht eher auf, bis er hart an seine äußerste Grenze gelangt ist, ans – Nichts.

Die Wesenhaftigkeit des Brahman sprachen seine Verehrer tiefsinnig aus mit der unermüdlich wiederholten Silbe der Bejahung, die alle seine Geheimnisse erschließen sollte. Aber indem sie gleichzeitig dieses eine ungegliederte Wesen als den Aufsauger aller Vielheit, des Selbst aller Dinge, erkannten, tauchte hinter dem ungegliederten einen Ja schon eine neue Bestimmung des Wesens auf, dem Sinne nach mit dem Ja einerlei, aber die unendliche in es hineingebannte Vielheit andeutend: Nein Nein. So ward das Ja als Verneinung des Nichts erkannt. Dem einen unendlichen So wurde das unendlich zahllose Nicht so, nicht so eingefügt. Das Wesen der Gottheit war das verneinte Nichts. Und von hier gab es nur noch einen letzten Sprung rückwärts. Sollte der Sprung nicht im Nichts selber zerschellen, so mußte er den letzten Punkt erreichen, der noch zwischen ihm und jenem Nichtnichts lag. In diesem Weder-Noch aber von Nichts und Nichtnichts erkennen wir jenen schwindelerregenden letzten Gedanken des Buddhismus wieder, jenes Nirwana, das jenseits von Gott und Göttern, doch ebensosehr auch jenseits des bloßen Nichts, seinen selbst gedanklich nur im salto mortale zu erschwingenden Platz hat. Offenbar gibt es hier nichts mehr weiter; es ist ein Äußerstes; dahinter liegt bloß noch das reine Nichts; die erste Station auf dem Wege, der vom Nichts zum Nichtnichts führt, wird von diesem Begriff in letzter noch irgend möglicher Verflüchtigung alles Wesens bezeichnet.

China

Die Macht des Himmels, an den das klassische China glaubt, hat sich wie jede tätige Macht durch einfache Verneinung vom Nichts gelöst. Die Vielheit der Dinge wird in dieses machtvolle Allumfassende nicht aufgesogen wie das Selbst, und alles Selbst, in die Meeresstille des Brahman; der Himmel schließt alles ein, indem er über alles gewaltig ist. Seine Macht ist Tat, ihr Symbol die Gewalt, die das Männliche dem Weiblichen tut. Nicht als ein unendliches Ja äußert sie sich also, sondern als ein jeden Augenblick erneuertes Nein gegen Jegliches, was in ihr beschlossen ist. Die Abstraktion, die auch hier noch hinter diese elementare Abstraktion den Sprung rückwärts wagte bis hart an die Grenze alles Elementaren im Nichts, mußte an die Stelle von Gott und Göttern als Gott-heit einen Begriff der höchsten Macht stellen, die vom Nichts sich nur darin unterschied, daß sie sich auf Tat und Wirkung bezog, welche Beziehung aber selber einzig die des – Nichtstuns war. Das Tao ist dies nur tatlos Wirkende, dieser Gott, der sich mäuschenstill hält, damit die Welt sich um ihn bewegen kann. Es ist ganz unwesenhaft; nichts ist in ihm, so wie etwa alles Selbst im Brahman ist. Vielmehr es selbst in allem, aber wiederum nicht wie alles Selbst im Brahman ist, also nicht wie – nach dem Gleichnis der Upanischaden – Salzkristalle in der Lösung, sondern höchst bezeichnend auch hier wieder die Gleichnisse wie die Nabe in den Speichen, wie die Fenster in der Wand, wie der Hohlraum im Gefäß: es ist das, was dadurch, daß es nichts ist, das Etwas brauchbar macht, der selbst bewegungslose Beweger des Beweglichen. Es ist die Nichttat als der Urgrund der Tat.Auch hier wieder ein Äußerstes: die eine mögliche Gestalt, die der Atheismus annehmen kann, wenn er wahrhaft atheistisch sein und weder im Pantheismus stecken bleiben noch im reinen, von jeder besonderen Beziehung auf Gott und Götter freien Nihilismus verwehen will.

Primitiver Atheismus

So sind hier in Nirwana und Tao die Baupläne entworfen, nach denen bis zum heutigen Tag jedes Gebäude errichtet werden muß, wohin das Denken über Gott sich vor der Stimme des wahren Gottes flüchten will. Hier allein ist es vor dieser Stimme sicher, – securus adversus deos so gut wie adversus Deum. Von hier führt kein Weg mehr zurück. Das Nichts ist ein fester Pflock; was an ihn angepflöckt ist, reißt sich nicht mehr los. Und nur weil diese letzte Abstraktion von allem göttlichen Leben dem lebendigen Selbst des Menschen und den lebendigen Welten der Völker unerträglich ist und deshalb das Leben auf die Dauer stets wieder gewaltig wird über die lebensflüchtige Blässe der Abstraktion – kurz weil es das Schicksal der Anhänger Buddhas wie Laotses ist, daß ein blühendes Heidentum die starren Steinblöcke ihrer Ungedanken wieder überwuchert, nur deshalb mögen auch in ihrem Bannkreis die Ohren der Menschen noch wieder empfänglich werden für die Stimmen, vor denen jene Männer einst sich in den schallsicheren Räumen des Nirwana und Tao bargen. Denn nur wo Leben ist, und sei es auch göttertrunken-gottfeindliches Leben, nur dort findet die Stimme des Lebendigen Widerhall. Im leeren Raum des Ungedankens, in den sich die Gottesangst flüchtet, die zur Gottesfurcht nicht den Mut aufbrachte, verhallt jene Stimme ins Leere. Die Götter des Mythos, mochten sie auch nicht über ihr ummauertes Reich hinausleben, – immerhin: sie lebten. Indiens wie Chinas Gott, auch schon vor der letzten Verflüchtigung zum Nirwana und Tao, teilt die Schwäche jener Götter des Mythos: nicht über sich selber hinaus zu können. Aber er ist ihnen unendlich unterlegen in seinem Stehenbleiben auf halbem Weg, in seiner Unkraft zu dem, was aus den Göttern des Mythos gewaltig atmet: dem Leben.

Ästhetische Grundbegriffe: Äußere Form

Dieser widerspruchsvolle Reichtum des Lebens, der möglich wird durch die Abgeschlossenheit der mythischen Welt, ist nun außerhalb seines ursprünglichen Bereichs bis auf den heutigen Tag in Kraft geblieben für die Kunst. Alle Kunst steht noch heutigen Tags unter dem Gesetz der mythischen Welt. Das Kunstwerk muß jene Abgeschlossenheit in sich, jene Rücksichtslosigkeit gegen alles, was außerhalb liegen mag, jene Unabhängigkeit von höheren Gesetzen, jene Freiheit von niederen Pflichten haben, die wir als der Welt des Mythos eigentümlich erkannten. Es ist eine Grundforderung an das Kunstwerk, daß von seinen Gestalten, und mögen sie die Tracht unsres Alltags tragen, ein Schauer des Mythischen ausgeht; das Kunstwerk muß durch eine kristallene Mauer von allem andern, was nicht es selbst ist, abgeschlossen sein; es muß etwas wie ein Hauch über ihm liegen von jenem leichten Leben der olympischen Götter, mag schon das Dasein, das es spiegelt, Not und Träne sein. Von dem dreifachen Geheimnis des Schönen – äußere Form, innere Form, Gehalt – hat die erste seiner Gedanken, das Wunder der äußeren Form, das Was aber schön ist, selig ist es in ihm selbst, seinen Ursprung im metaphysischen Geiste des Mythos. Der Geist des Mythos gründet das Reich des Schönen.

Götterdämmerung

Wenn je Gott über seine hier schon erreichte Lebendigkeit hinausgehen sollte und zum lebendigen Gott des Lebens werden, so müßte das bisher auf dem Wege vom Nichts gewonnene Ergebnis selber wieder zu einem Nichts, zu einem Ausgangspunkt werden. Die Elemente der Macht und des Müssens, der Willkür und des Schicksals, die in die Gestalt des lebendigen Gottes zusammenmündeten, müßten dann aufs neue auseinandertreten, das scheinbare Endergebnis ein Urquell werden. Schon über die mythisch gerichtete Theologie des Altertums war eine Unruhe gekommen, die zu einem Hinausgehen über die selbstzufriedene Sphäre des Mythos drängte und so jene Umkehrung des bloß Lebendigen in das Lebenzeugende zu fordern schien. Aber es ist bezeichnend für die Gewalt der mythischen Anschauung, daß die dahin gerichteten Versuche sowohl in den Mysterien wie in den Gedanken der großen Philosophen stets die Einziehung von Mensch und Welt in die Sphäre des Göttlichen anstrebten, also ganz wie der Mythos schließlich doch nur das Göttliche hatten. Die Selbständigkeit des Menschlichen und Weltlichen war aufgehoben so gut in den Vergottungsmysterien wie in den nie vom Göttlichen zum Menschen und den Weltdingen, nur umgekehrt führenden Sehnsuchts- und Liebesbegriffen, mit denen die Philosophen die Kluft überbrückten. Das gilt von dem Liebesverlangen der Griechen nach dem Vollkommenen, wie von der Gottesliebe der Inder. Es wäre wie eine Verengung Gottes erschienen, des Gottes, den man eben erst durch Anhäufung aller edeln Qualitäten der vielen Götter auf seinen einen Scheitel zum allumfassenden erhoben zu haben stolz war, hätte man nun wieder ihn in die Leidenschaft der Liebe verstricken wollen. Wohl mag ihn der Mensch lieben; seine, des Gottes Liebe aber zum Menschen durfte höchstens Antwort auf die Liebe des Menschen sein, nur gerechter Lohn also, nicht freies, über alle Maßstäbe der Gerechtigkeit hinaus begnadendes Geschenk, nicht göttliche Urkraft, die da erwählt und sich nicht nötigen läßt, ja die aller menschlichen Liebe zuvorkommt und Blinde erst sehend, Taube erst hörend macht. Und selbst wo der Mensch, wie es eben in jenen Kreisen der indischen Gottesfreunde geschah, die höchste Form der Liebe zu erschwingen meinte, indem er sich alles Eignen, aller Wünsche und Begierden wie auch allen asketischen Sichmühens um Gott begab und in vollkommenster Gelassenheit Gottes Gnade erwartete, – so war eben diese Gelassenheit die Leistung, die der Mensch darbrachte, nicht selber erst Gottes Geschenk. Anders gesagt: Gottes Liebe ward nicht dem Verstockten, sondern dem Vollkommenen. Die Lehre von der Gelassenheit in die göttliche Gnade galt für ein gefährliches Allergeheimstes; man möge sie, so wird gelehrt, nimmer denen verkünden, die Gott nicht verehren, wider ihn murren, sich nicht kasteien. Grade diese Verirrten, Verhärteten, Verschlossenen aber, die Sünder, mußte die Liebe eines Gottes suchen, der nicht bloß liebenswürdig ist, sondern der selber liebt, unabhängig von der Liebe des Menschen, nein grade umgekehrt: selber erst die Liebe des Menschen erweckend. Aber freilich, dazu wäre nötig, daß der unendliche Gott dem Menschen so endlich nah käme, so von Angesicht zu Angesicht, von benannter Person zu benannter Person, wie es kein Verstand der Verständigen, keine Weisheit der Weisen je zugeben dürfte. Und wäre zugleich nötig, daß die Kluft zwischen Menschlich-Weltlichem und Göttlichem, die eben in der Unaustilgbarkeit der Eigennamen bezeichnet ist, für so tief, für so wirklich und allen asketischen Menschen- und mystischen Weltkräften unüberspringbar erkannt und anerkannt würde, wie es kein Asketenhochmut, kein Mystikerdünkel in seiner Verachtung des Schall und Rauchs der Namen, irdischer wie himmlischer, je zugeben wird.

Und so blieb das Wesen dieses mythischen Gottes zwar der Sehnsucht von Mensch und Welt erreichbar, aber nur um den Preis, daß der Mensch aufhörte Mensch, die Welt aufhörte Welt zu sein. Mensch und Welt trug der Flügelschlag der Sehnsucht hinauf in das verzehrende Feuer der Vergottung. Wie denn diese Sehnsucht, indem sie zum Göttlichen trug, das Menschliche und Weltliche weit unter sich ließ und nicht etwa mit tieferer Liebe auch in dieses hineinführte. Auch den Gottesfreunden Indiens ist die Tat nur das, was nicht böse sein darf, nicht das, was gut sein muß. Und das Göttliche fließt nirgends über die Grenzen seines Eigenlebens; bis zum Monismus Gottes ist die Antike gekommen, aber nicht weiter; Welt und Mensch müssen zur Natur Gottes werden, sich vergotten lassen, Gott aber läßt sich nicht zu ihnen herab; er schenkt sich nicht, er liebt nicht, er muß nicht lieben. Denn er behält seine Physis für sich. Und bleibt also, was er ist: das Metaphysische.


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Niedersächsische Staats- und Universitätsbibliothek Göttingen

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TextGrid Repository (2026). Books. 1.2_ERSTES_BUCH. Star of Redemption. Niedersächsische Staats- und Universitätsbibliothek Göttingen. https://hdl.handle.net/21.11113/40zxq.10