Ernst Adolf Willkomm
Weisse Sclaven oder die Leiden des Volkes

Erster Theil

Erstes Buch
1. Kapitel
Erstes Kapitel.
Der Haidekretscham.

Ein ansehnlicher Theil der beiden Lausitzen, namentlich die früher unter sächsischer Botmäßigkeit stehende Niederlausitz, ist mit unermeßlichen Kieferwaldungen bedeckt, welche unter dem Namen der großen Haide bekannt sind. Diese ungeheuren Wälder, auf deren feinem Sandboden nur Haidekraut und dürre Gräser Nahrung finden, erstrecken sich bis in die Nähe der Stadt Görlitz und bergen in ihrem schattigen Dunkel mehrere Städte und eine Menge Dörfer, so wie einzeln gelegene Häuser und Vorwerke. Hie und da unterbricht ein niedriger Höhenzug das einförmige Dickicht, von dem herab man die schwarze Waldung meilenweit übersehen kann. Am Fuße solcher meist kahlen Hügel haben sich an Waldbächen, [7] deren Gewässer grünen Wiesenbänder um die gelben Sandflächen winden, genügsame Menschen angesiedelt, um von Kohlenbrennerei, von Fischfang, dürftigem Ackerbau, Handarbeit und Bienenzucht kümmerlich zu leben. Ergiebiger wird der Boden der Haide an den Grenzen der Oberlausitz. Hier durchschneiden fruchtbare Thäler die rauschende Waldung, ansehnliche tiefe und bereits schiffbare Flüsse bewässern das umliegende Land und sichern den Anwohnern eine heiterere Existenz als ihren in den dürren Haideflächen versteckten Brüdern. Weiterhin gegen die Mark zu verliert sich das fruchtbare Erdreich wieder und die ganze Haide verwandelt sich in einen ungeheuren waldigen Moorbruch, den zahllose Flüßchen, Bäche, Kanäle und Teiche durchschneiden, und in welchem noch ein eigenthümliches Völkchen mit alterthümlichen Sitten still und zurückgezogen haust. Es sind die Bewohner des Spreewaldes.

Durch die ermüdende Oede jener sandigen Haide schleppte sich in den letzten Tagen des Septembers 1832 ein ärmliches Fuhrwerk, dessen gebrechlicher Bauart man es ansah, daß es polnischen Juden angehören müsse. Die Räder [8] waren theilweise ohne Schienen, eine zerlöcherte und mit hundert Flicken besetzte Plane von schmutzig grauer Leinwand war über halb zerknickte Reifen ausgespannt, um die darunter Sitzenden gegen Wind und Wetter zu schützen. In liederlichem Geschirr, an Strängen mit zahllosen Knoten und Troddeln, gingen drei muntere polnische Pferde, von denen zwei an die Deichsel, das dritte nach polnischer Sitte mittelst einer Kette an die Achse des Hinterrades gespannt war. Dies letztere Thier, jung und feurig, versuchte selbst in dem fußtiefen Sande häufig zu galoppiren, was ihm bei dem langsamern Schritt der beiden andern Pferde nicht recht gelingen wollte.

Vorn in der sogenannten Kelle saß ein untersetzter Kerl im langen schmutzigen Rock der gemeinen polnischen Trödeljuden. Ein struppiger Bart von unsicherer Farbe bedeckte sein ganzes blaurothes Gesicht, ein vielfach eingebogener Filzhut, hie und da zerbrochen, seinen Kopf. In Ermangelung eines Stützbretes für die Füße ließ er die in starken juchtenen Stiefeln steckenden Beine zu beiden Seiten der Deichsel herabbaumeln, so daß sie, wenn die Räder im Sande tief einsanken, oft den Boden streiften.

[9] Im Innern dieses Fuhrwerks saßen ein Greis und ein Jüngling von etwa siebzehn Jahren, und auf der an der Seite des Wagens angebrachten eisernen Stiege stand ein jüdischer Knabe von etwa funfzehn Jahren und hielt sich mit beiden Händen an den Tragreifen der Plane fest, um nicht das Gleichgewicht zu verlieren.

Dies polnische Fuhrwerk hatte in schräger Richtung auf einem der vielen tiefen Sandwege die Haide aus der Gegend von Priebus her durchschnitten und erreichte jetzt eine hochgelegene Waldblöße, über die eine etwas besser gehaltene Landstraße führte. Links am Fuße des Haidehügels in grünem, von vielen Gräben durchschnittenen Wiesengrunde lag ein Schenkhaus mit Stallung, Scheuer und Schuppen. Hinter den Wiesen sah das graue Dach einer Torfgräberhütte unter den Bäumen hervor, und weiter hin beschrieb die Haide einen schmalen Bogen, durch welchen man die blauen Wasserspiegel mehrerer großer Teiche im Abendschein blinken sah.

Die Sonne war dem Untergang nahe und ließ hinter blaugrauen Wolkenschichten eine Menge jener breiten Strahlen auf die Erde fallen, welche der Landmann für Vorzeichen nahen Regens [10] hält. Die breite schwarze Haide jenseits der Teiche ward dabei stellenweise blendend hell erleuchtet, während der Horizont purpurn erglühte und sowohl den interessanten Gebirgsknoten der weit bekannten Königshainer Berge, als auch die einsam gelegene hohe Doppelluppe der Landeskrone mit blitzendem Gold überströmte.

Nach dem Einerlei der Haide mußte dieser unerwartete Anblick einer fernen schönen Gebirgsgegend das Auge der Reisenden erquicken. Auch war der polnische Fuhrmann wirklich so überrascht, daß er unwillkürlich die Pferde anhielt und einige Sekunden die heitere Aussicht dummdreist angaffte. Mehr aber noch, als die farbigen Tinten der Abendbeleuchtung, schien dem Juden ein röthlicher Feuerschein in die Augen zu stechen, der aus dem unfern im Thale gelegenen Schenkhause vertraulich einladend heraufwinkte. Fragend sah er sich um nach dem Greise und zeigte dabei mit der Peitsche nach dem rauchenden Schornsteine der Thalschenke. Der Greis nickte bejahend und in leichtem Trabe flog das ärmliche Fuhrwerk den Sandweg hinab und lenkte in den offen stehenden Thorweg des Gehöftes.

[11] Ein Knecht, unter dem Schuppen mit Holzspalten beschäftigt, ging den Fremden entgegen behandelte aber den hastig fragenden Juden sehr kurz und machte sich mehr mit den hübschen wohlgenährten Pferden zu thun. Erst als der Greis mit seinem jugendlichen Begleiter abstieg und ihn in wendischer Sprache anredete, erheiterte sich sein Gesicht. Er reichte beiden Fremden die Hand, sagte ihnen ebenfalls auf wendisch, daß sie ein vortreffliches Nachtquartier bekommen sollten, und geleitete sie bis an die Hausthür, ein paar Bündel und Packen dienstfertig ihnen nachtragend.

Der Greis war ein hoch gewachsener, von der Last der Jahre nur wenig gekrümmter Mann. Er trug sich ziemlich altmodisch und vollkommen bäurisch. Kurze Beinkleider von schwarzem Leder bedeckten kaum das Knie, blauwollene Strümpfe schützten die Beine und grobe rindslederne Schuhe mit großen messingenen Schnallen umschlossen seine Füße. Außerdem trug er einen dunkelblauen Tuchrock, der von oben bis unten mit sehr breiten übersponnenen Knöpfen besetzt war, über der Brust aber bloß durch zwei silberne Heftchen zusammengehalten wurde und eine bis [12] an den Hals zugeknöpfte Weste von hellerem Tuch sehen ließ. Ein niedriger runder Hut mit sehr breiter muldenartig aufwärts gebogener Krempe bedeckte sein schneeweißes starkes Haupthaar. Als er diesen an der Schwelle des Hauses abnahm, mußte ein fingerbreiter Riemen von schwarzem Glanzleder, den der Alte um das Haar gelegt und vorn auf der Stirn mittelst einer Silberschnalle befestigt hatte, die einen auffliegenden Habicht darstellte, Jedermann auffallen. Dieser Riemen hielt die reiche Haarfülle des Greises fest zusammen und gab dem stramm Einherschreitenden eine überraschende Aehnlichkeit mit irgend einem Helden des Alterthums, wie wir sie aus Abbildungen auf antiken Münzen kennen.

Schon von dem Waldhügel herab hatte der Greis die am Wiesenrande liegende Schenke an ihrer ganzen Bauart, noch mehr an dem leuchtenden Heerd- oder Kaminfeuer für einen der vielen gastlichen Haidekretschame erkannt, die in den endlosen Wäldern zerstreut liegen. Er schien darüber sehr erfreut zu sein und seine strengen, tief gefurchten Züge, die in einem Zeitraume von mehr als achtzig Jahren vielen Kummer [13] und schweres Herzeleid erfahren haben mochten, heiterten sich etwas auf, als er in die Schenkstube trat. Es kam ihm Alles darin so bekannt vor, daß er den Arm seines jungen Begleiters drückte und auf der Thürschwelle stehen bleibend mit leiser Stimme zu ihm sagte: »Sieh, Paul, das ist die Heimath Deiner Väter!«

Der Wirth stutzte, als er diese obwohl in deutscher Sprache gemachte Bemerkung hörte und rückte mit größerer Eile, als er sonst zu thun pflegte, ein paar Schemel an den großen in der südlichen Stubenecke befindlichen Tisch. Inzwischen sah der Jüngling sich neugierig im Zimmer um, wo der umfangreiche Kachelofen mit dem großen hellpolirten kupfernen Ofentopfe, und daneben der in die Wand eingemauerte Kamin, auf dem ein knisterndes Kienfeuer hochauf loderte und die dämmernde Stube mit grellem Lichtschein beleuchtete, besonders seine Aufmerksamkeit zu fesseln schienen. Auf der Ofenbank dem Kaminfeuer zunächst saß eine bejahrte Frau mit hagerm, bleichem Gesicht und drehte rastlos beim Schein der Flamme die Spindel. Sie war in schwarze Stoffe gekleidet, nur um das ergrauende Haar, die Stirn mehr als zur Hälfte bedeckend, [14] hatte sie ein zwei Hände breites weißes Tuch geschlungen, das am Hinterkopf in zwei steif auslaufende ohrenähnliche Zipfel zu einem Knoten verknüpft war. Sie sah die Fremden mit großen neugierigen Augen an, ohne sie zu grüßen oder ihren Gruß zu erwiedern, und drehte dann emsig die Spindel fort, dann und wann leise mit sich selbst redend. Ihr ganzes Benehmen ließ errathen, daß sie geistesschwach oder vor Alter kindisch geworden sein mußte.

»Ich bitte um Nachtquartier für mich und meine Leute,« sagte jetzt der ernste Greis, am Tische Platz nehmend. »Eine gute Streu und ein Gericht Kartoffeln oder Haidegrütze werdet Ihr wohl für uns haben.«

»Für Euch gäb's wohl auch noch ein Stück geräuchertes Fleisch und frisches Sauerkraut,« fiel der Wirth ein, »und dazu möcht' ich Euch rathen, damit Euer Knecht nicht Hunger leiden darf. Mit Erlaubniß, Ihr kommt aus Polen?«

»Tief aus Polen!«

»Nun ich will hoffen, daß Ihr nicht zu den Rebellen gehört und Eure Papiere in Richtigkeit sind. Die Gensdarmen sind jetzt wachsamer und strenger als vor Jahr und Tag; denn die Haiden [15] stecken voll verlaufenen Gesindels, das sich heimlich über die Grenzen geschlichen hat.«

»Mein Paß steht Euch zu Diensten.«

»Daß mich Gott bewahre! Meinethalb frag' ich nicht, es geschieht blos der Sicherheit der Reisenden wegen. Gäb's nicht Gensdarmerie, mir zu Gefallen brauchten die Pässe, weiß Gott, nicht erfunden worden zu sein! Ihr seid kein Pole scheint mir?«

»Von Geburt nicht.«

»Sah's Euch gleich an, alter Vater! So ehrlich und treuherzig wie Ihr, sieht kein polnischer Bauer aus.«

»Muß ich denn gerade ein Bauer sein?« versetzte der Fremde. »Heut zu Tage trägt mancher einen Rock, der nicht auf seinen Leib gemacht ist.«

»Das trifft sich wohl, alter Vater, indeß wer so viel mit Menschen verschiedenen Schlages umgehen muß, wie der Wirth eines Haidekretschams, der bekommt ein scharfes Auge, glaubt mir's, und so leicht ist ihm nicht etwas weiß zu machen! Ja, ich wollte wetten, daß mehr altwendisches als deutsches Blut in Euren Adern fließt!«

[16] Der Greis sah den Wirth nach dieser Bemerkung mit seinen hellen dunkelblauen Augen scharf an, und da er einen ehrlichen Mann in ihm zu entdecken glaubte, nickte er und rief ihm den wendischen Gruß »Bomhai boh!« zu, denn bisher war das Gespräch deutsch geführt worden. Schnell und heiter entgegnete der Wirth »Wersh bomhasi!« schüttelte beiden Gästen die Hand und setzte mit Lebhaftigkeit und jener traulichen Freundlichkeit und sorglos-heitern Laune, die den Wenden eigen ist, die Unterhaltung fort.

Inzwischen war auch der jüdische Knecht mit seinem Sohne in das Zimmer getreten und hatte sich abseits vom Schenktische, dem Ofen gegenüber, an einen besondern Tisch gesetzt. Sie verlangten Schnaps und trockenes Brod mit Salz, das ihnen nebst einem Glase Bier ein junges Mädchen vorsetzte. Das Mädchen war stark und kräftig, strotzte von Gesundheit und schien sich um Druck und Noth der Zeit keine Sorge zu machen. Es richtete einige Fragen an die emsige Spinnerin, erhielt aber keine Antwort. Erst, als sie ziemlich heftig ihre Fragen wiederholte und dabei aus Versehen den Faden am Rocken zerriß, sah die alte Frau erzürnt auf. [17] Ein paar Sekunden schien es, als wolle sie eine Fluth von Schimpfreden über das Mädchen ausgießen, plötzlich aber ward ihr Gesicht wieder ernst, ein wehmüthiges Lächeln spielte um den reizlosen faltigen Mund, und den Faden wieder anknüpfend und mit größerer Emsigkeit die Spindel drehend, summte sie erst leise, dann immer lauter eine jener melancholischen Liederweisen vor sich hin, die noch heut bei den Wenden der Lausitzen in Gebrauch sind. Nachdem sie mehrere Verse unverständlich geflüstert hatte, erhob sie plötzlich ihre Stimme ganz laut und der fremde Greis verstand die Worte:


»Hinaus sie ihn trugen,

Viel Volk hinterher,

Jüdevoi!


Vor allen sein Liebchen

Ging zwischen zwei Andern,

Jüdevoi!


Das Mägdelein weinte

Und brach ihre Hände,

Jüdevoi!« 1


[18] Hier ließ sie die Stimme sinken, so daß die nächsten Verse den Zuhörern unverständlich blieben, dann aber, die Spindel heftig an sich reißend, an ihren Brustlatz stemmend und den Faden aufwickelnd, fiel sie wieder laut ein:


»Für mich starb der Liebste,

Für ihn will ich sterben,

Jüdevoi!


Hier hab' ich zwei Messer,

Die hat er gekauft mir,

Jüdevoi!


Eins senkte sie in sich,

Warf's and'r hint'r ihm her,

Jüdevoi!.


Begrabt nun uns Beide

Dort unter die Linde!

Jüdevoi!«


Abermals ließ sie die Stimme sinken und erhob sie erst beim letzten Verse wieder zu verständlichem Gesange, indem sie äußerst langsam in zitternden Tönen und Thränen vergießend mehr rief als sang:


[19]

»Sie liebten sich Beide –

In Eines verflochten,

Jüdevoi!

In Eines verflochten.«


Mit steigender Aufmerksamkeit hatte der junge Begleiter des Greises den Gesang verfolgt. Als nun die spinnende Alte am Schlusse des Liedes die Spindel auf ihren Schooß sinken ließ und schluchzend das Gesicht in die magern Hände drückte, sagte Paul, zu dem Greise gewandt: »Großvater, war das nicht meiner verstorbenen Mutter Lieblingslied?«

»Es war das Lied, das sie nimmer vergessen konnte, die arme Seele!« erwiederte die alte Wende. »Man kennt und singt es, so wenn die wendische Sprache reicht, zumal, wenn man ein selbst erlebtes Unglück zu beweinen hat. Aber wie, Herr Wirth, wie kommt die alte Mutter zu dem Liede?«

Der Wirth zuckte die Achseln. »David wäre viel zu erzählen,« versetzte er, »wenn ich Euch mit den Einbildungen einer schwachsinngen alten Frau unterhalten wollte. Wir sind darauf gewöhnt und lassen uns nicht mehr durch ihre Gesänge stören. Wohl zehn-und mehrmal täglich [20] pflegt sie das alte Lied abzuleiern, so oft sie ein junges Mädchengesicht erblickt. Es scheint, sie bildet sich dann ein, ihre Tochter stände vor ihr, die ein schlechtes Ende nahm in Folge einer leichtsinnigen Liebelei. Eine alte Klage aller Aeltern, die nie ganz aufhören wird, so lange es noch junge heißblütige Burschen gibt.«

Das Mädchen hatte unterdeß ein Linnentuch über den Tisch gebreitet, eine Schüssel kaltes Rauchfleisch und gewärmtes Sauerkraut aufgesetzt, und auch ein paar Gläser Bier eingeschenkt. Dann legte sie neue Kienspäne auf die Kaminplatte und fachte die Flamme mit ihrem Athem an, bis sie knisternd hoch aufflackerte und die geräumige Stube leidlich erhellte. Lichter wurden nicht angezündet, das Kaminfeuer mußte, so gut es gehen wollte, deren Stelle ersetzen.

»Nun langt zu, alter Vater, und Du, blonder Junge, sieh munter in die Welt!« ermahnte der Wirth seine Gäste, selbst zulangend und ein tüchtiges Rippenstück auf seinem hölzernen Teller, deren einen jeder Gast erhalten hatte, emsig zerlegend. »Wart Ihr lange in Polen?« fragte er den Greis. »Vordem ging viel Volks dahin, auch hier aus der Gegend. Man erzählte[21] sich Wunderdinge von dem billigen Leben in den polnischen Wäldern und von dem leichten Verdienst, den Einwanderer haben sollten, wenn sie die Feld- und Landwirthschaft verständen. Es muß aber doch nicht so gar herrlich gewesen sein, sonst hätten sie wohl schwerlich die martialische Revolution gemacht, die nun ein so klägliches Ende genommen hat! Habt Ihr auch darunter gelitten, alter Vater?«

»Persönlich bin ich verschont geblieben,« versetzte der Wende, »aber zwei meiner Enkel mußten den Aufstand mit ihrem Leben büßen. Doch laßt uns davon schweigen! Es ist nicht gut von Dingen reden, die nicht zu ändern sind.«

»Gedenkt Ihr Euch wieder ganz in Deutschland niederzulassen?« nahm der Wirth das Gespräch abermals auf, da es ihm nicht gemüthlich war, sein Mahl stillschweigend zu verzehren.

»Das hängt von Umständen ab,« erwiederte der Greis, »und vielleicht könnt Ihr mir selbst über Einiges, das für mich bestimmend sein dürfte, Aufschluß geben.«

»Von Herzen gern, Landsmann. Nur zugefragt und Ihr sollt Antwort haben, bis meine Zunge sich nicht mehr rühren kann.«

[22] »Ihr seid doch hier einheimisch?«

»Hier und aller Orten in der Haide bis hinauf an die Berge in den böhmischen Grenzen.«

»Da werdet Ihr vermuthlich in früherer Zeit von einem vielbekannten und in seiner Art berühmten Manne gehört haben, den man zu meiner Zeit nur den Maulwurfsfänger nannte von dem Gewerbe, das er trieb. Wißt Ihr wohl, wo und wann der Mann gestorben ist und ob seine Verwandten noch leben? Denn Kinder hat er meines Wissens nicht. Wenigstens war er niemals verheirathet.«

»So gerade heraus, alter Vater, kann ich auf Eure Frage nicht antworten. Es gibt hier in den Haiden mehrere Maulwurfsfänger, alte und junge, die sich alle nähren, viel herumkommen auf den Dörfern, bei Bauern und Herren leicht Quartier finden und alle, der Eine mehr, der Andere weniger, einen guten Ruf haben.«

»Derjenige, den ich meine, kann nicht zehn volle Jahre jünger sein, als ich. Er war nicht aus der Haide, auch kein Wende von Geburt, sondern ein rechter hartköpfiger Oberlausitzer. Bin ich nicht ganz irre, so lebten seine Aeltern auf dem Hahne unterm Hochwalde. Später zog [23] er aus dem Gebirge herunter und kaufte sich auf dem hohen Hübel zwischen Löbau und Herrnhut ein Häuschen. Den Ort nannten sie dazumal insgemein ›den Todten‹, weßhalb wir den Mann scherzweise oft den todten Maulwurfsfänger hießen.«

»Mein Gott, mein Gott, wie ist mir denn?« sagte der Wirth im Haidekretscham. »Gewiß, ich kenne den Mann und sicherlich leb er noch und treibt sein Gewerbe so sachte hin immer noch fort; wenn ich mich nur auf seinen Namen besinnen könnte.«

»Mit dem Spitznamen hieß er Pink-Heinrich, weil ihm des vielen Sprechens wegen die Pfeife häufig ausging und er fortwährend genöthigt war, aufs Neue Feuer anzuschlagen, was die Oberländer ›pinken‹ heißen.«

»Meine Seel', alter Vater, Ihr habt Recht!« rief erfreut der Wirth aus, das erhobene Glas wieder niedersetzend, ohne es zum Munde zu führen. »Der Mann lebt und wie Gesund und frisch wie ein junger Bursche und alert wie eine Forelle! Weiß Gott, wie er es macht, daß ihn nichts auf Erden anficht, weder Krankheit, noch Krieg, noch Kummer noch Arbeit! Er läuft wie ein Rebhuhn noch heut sein [24] sechs Meilen des Tages und schläft dann auf harter Bank besser, als mancher großmächtige König und Herr in seinen weichen Pfühlen! Ja das ist noch ein Mann, so unverwüstlich und herzerfreuend, wie die Berge, auf denen er jung geworden!«

Zustimmend lächelnd nickte der Greis freundlich mit dem Kopfe. »Ihr schildert den Pink-Heinrich meiner Jugend, den wackern Helfer in jeglicher Noth, den Freund aller Armen, Nothleidenden und Bedrückten und den unversöhnlichen, aber schlauen Feind rechtloser Gewalthaber! Er lebt! Gott, der Mann lebt! Und wißt Ihr, wo ich ihn treffen, ihn sprechen kann?«

Zwar kam es dem Wirth sonderbar vor, daß sein Gast, der seit langer Abwesenheit tief aus den Wäldern des zerrütteten, mit Blut gedüngten, rechtlos unterjochten Polen kam, mit solchem Jugendfeuer von einem Manne sprach, der in der bürgerlichen Gesellschaft nicht mehr Geltung hatte, als der gemeinste Tagelöhner, indeß war er doch auch zu gutmüthig und mittheilsam, als daß er einen Gast, der noch dazu von Stamm sein Landsmann war, nicht die gewünschte Auskunft hätte geben sollen.

[25] »Wenn Euch daran gelegen ist, den Maulwurffänger zu sprechen,« versetzte er nach kurzem Besinnen, »so könnte ich Euch wohl einen Ort nennen, wo Ihr ihn sicher trefft, wenn die Witterung nicht ganz zum Davonlaufen schlecht wird. Das Häuschen auf dem Todten hat er längst verkauft, weil's ihm zu einsam gelegen war und er die Aussicht nicht mehr leiden konnte. Sie hatten ihm nämlich in den ersten zwanziger Jahren oder noch früher kaum eine Viertelstunde von seinen Fenstern am Saum des Waldes ein Rad aufgepflanzt und darauf die Gebeine eines Mordbrenners geflochten, der wohl ein halbes Dorf aus gemeiner Rache in Asche gelegt hatte. Das verdroß ihn und so zog er in das letzte sächsische Dorf auf der Straße von Löbau nach Reichenbach. Was ihn bewegen mochte, gerade diesen Ort zu wählen, weiß ich nicht anzugeben. Es muß aber wohl eine besondre Bewandtniß damit haben.«

»Wie so?« warf der Greis fragend ein.

»Ich vermuthe dies blos, weil der Mann so lange ich ihn kenne, und das mögen jetzt an die zwanzig Jahre her sein, alle Sonntage, dir Gott werden läßt, und an denen nicht Hagen [26] oder todbringendes Schneewetter die Wege ungangbar macht, in die Königshainer Berge wallfahrtet. Kennt Ihr den Todtenstein?«

»Ob ich ihn kenne!« sagte der Greis, die Hände faltend und seine großen blauen Augen mit schauerlichem Ernst zum Himmel aufschlagend.

»Nun seht,« fuhr der Wirth fort, den die geheimnißvolle Schweigsamkeit des alten Wenden immer mehr anzog, »heut ist Sonnabend, will's Gott, und wenn Ihr morgen in der Frühe mit Eurem ungläubigen Kutscher aufbrecht und die Richtung nicht ganz verliert, auch Euer gottserbärmliches Gerüll von Wagen nicht auf unsern mitunter holprigen Wurzelwegen zerbricht, so mögt Ihr in den ersten Nachmittagsstunden am Fuße der Königshainer Berge ankommen. Macht Ihr Euch dann auf den Weg und geht schnurstracks nach dem Todtensteine, den Ihr in einer guten halben Stunde vom Gasthofe aus erreichen könnt, so werdet Ihr unter irgend einer der vorspringenden Felsenkanten den Mann, den Ihr sucht, in stilles Nachdenken verloren sitzen sehen! Ob er ein Anhänger des lieben Heidenthums ist, das vor alten Zeiten in der Gegend gehaust haben soll, oder ob er heimlich Schätze gräbt[27] oder gar mit den Geistern und Holzweibeln Verkehr treibt, die um die schauerlichen Klüfte schweben und ihre unheimlichen Weisen singen, das weiß ich nicht und mag's auch nicht wissen! Aber ich will kein Wort wendisch mehr sprechen, wenn Ihr dem Pink-Heinrich nicht am Todtensteine begegnet!«

Sichtlich erheitert reichte der alte Wende dem Wirth die Hand über den Tisch, dankte und trank ihm nach altwendischer Sitte zu. »Gott segne Euch und Euer Haus für diese Auskunft!« sagte er. »Ruhiger, als ich glaubte, lege ich jetzt mein weißes Haupt auf das Stroh nieder, das auf dem Boden meiner theuren Heimath gewachsen ist! Schwere, traurige, furchtbare Schicksale vertrieben mich daraus und ich verließ sie mit der lähmenden Gewißheit, sie nie mehr wieder zu sehen. Aber der Herr hat es anders mit mir beschlossen. Er will vielleicht die Wunden, welche seine prüfende Hand meinem armen Herzen in den Jahren der Kraft schlug, jetzt im Alter heilen und einen vollen, segnenden Strahl seiner Gnade mir schenken! Sein Name sei gepriesen, was mir immer begegnen möge, aber verdreifacht wird mein Glaube werden, der mich[28] stets aufrecht erhalten hat in Noth und Elend, wenn ich diese abgehetzten Glieder endlich nach langer Irrfahrt an meiner Aeltern Grabe zur Ruhe niederlegen sollte.«

Der Greis sprach so ernst und feierlich, daß selbst dem etwas neugierigen Wirth, der gern heiter und launig war, die Wiederanknüpfung des Gespräches verleidet ward. Er schwieg gänzlich, auch der jüdische Kutscher mit seinem Sohne flüsterte nur leise, dagegen erhob die spinnende Alte, die schon längst wieder ihrer Gewohnheit nach die Spindel drehte und ein Gespräch nur dann beachtete, wenn Worte darin vorkamen, die irgend ein vergangenes Ereigniß urplötzlich in ihr unklares Gedächtniß zurückriefen, abermals ihre Stimme. Phantastisch die linke Hand schüttelnd, sprach sie in singendem dumpfem Tone:


»Zu Haus, im Felde

Zwiefache Noth!

Schlimm ist's für Jeden,

Der hat kein Brod!«


Dann fiel sie sogleich in ein lustiges Gelächter, stampfte taktmäßig mit dem Fuße auf das Bänkchen ihres Rockenhalters und sang munter [29] und fröhlich, den Kopf hin und her wiegend und häufig laut dazwischen auflachend, indem sie die Spindel in hohen Bogen um sich tanzen ließ:


»Tom tom tinz,

Sie buck 'ne Blinz;

Tom, tom tich,

Drauf lüstert's mich.


Tom tom tin,

Sie gab mir ihn;

Tom tom tauf,

Ich aß ihn auf.


Tom tom ther,

Ich wollte mehr;

Tom tom ticht,

Sie gab mir's nicht.


Tom tom terr,

Da kam der Herr,

Tom tom tort,

Ich wälzt' mich fort.«


»Wollt Ihr nicht Feierabend machen, Mutter Maja?« sagte jetzt der Wirth zu der wunderlichen Alten, als sie den barocken Gesang endigte. »Ihr habt ja bald einen ganzen Rocken abgesponnen und was soll ich mit dem vielen [30] Garne anfangen bis Weihnachten? Der Garnsammler kommt nicht vor Neujahr, wie Ihr wißt, und in unserm ganzen Hause gibt's so viel Mäuse, daß weder Speck noch Flachs einen Tag lang sicher sind. Schade um Euer schönes Gespinnst!«

»Wohl gesprochen, mein Sohn! Ich will schlafen gehen,« erwiederte die Alte, schob den Rocken bei Seite und steckte die Spindel darauf. »Des Nachts seh' ich die Wassernixen tanzen, und wenn sie singen und mit mir reden, macht's mir keinen Aerger, wie das dumme Geschwätz der Mägde. Gute Nacht, Jürge; wünsche angenehme Ruhe, edle Herren!«

Sie stand auf und machte ein paar tiefe Knixe gegen die Fremden, worauf sie langsam die Thür aufstieß und quer über die Hausflur nach ihrer eigentlichen Wohnung schritt. Denn Mutter Maja lebte als Wittwe des früheren Wirthes und als Mutter des jetzigen im Ausgedinge.

»Es ist übel mit solchen alten Leuten,« sagte Jürge zu seinen Gästen. »Mit Härte und Gewalt ist nichts von ihnen zu erlangen und Güte und freundliches Zu reden fruchten blos dann, [31] wenn sie grade mit ihrem verworrenen Gedankengange im Einklange stehen. Die arme Mutter! So treibt sie's nun alle Tage schon seit Jahren! Bald bricht sie in herzerschütterndes Weinen aus und singt die traurigsten Lieder unseres Volkes, bald, ehe man die Hand umdreht, lacht und jubelt sie und erinnert sich der schabernäckischen Weisen, mit denen die jungen Burschen ihre Mädchen bei der Spinte und auf dem Felde necken. Denn Ihr müßt wissen, daß Maja die erste Liederkennerin im ganzen Wendenlande ist. Fragt sie, wonach Ihr immer wollt, sie wird Euch Rede stehen und auf jedes Begegniß, auf jede Verrichtung im gewöhnlichen Leben einen passenden Vers, ein Lied oder einen Spruch wissen! Deßhalb kommen auch Sonntags im Winter die Burschen oft stundenweit her zu mir, um von der Mutter neue Lieder und Melodien zu lernen, und es geht dann in meiner einsamen Schenke häufig lustiger zu, als im besuchtesten Kretscham großer Hofedörfer.«

Nach seiner Weise gab der Greis seine Zustimmung durch Kopfnicken zu erkennen. Die heitere, unbefangene Unterhaltung des Wirthes gefiel ihm und er hätte gern noch etwas Näheres [32] über die Verhältnisse des Mannes und seiner alten gestörten Mutter erfahren, da ihm die Schicksale seiner Stammesgenossen immer wichtig erschienen, weil er selbst von den traurigsten nicht verschont geblieben war, allein die Müdigkeit Pauls, der schon während des Essens eingenickt war, und der Wunsch, am nächsten Morgen zeitig wieder aufzubrechen, bestimmten ihn, für diesmal neue Erörterungen zu unterlassen. Er bat daher den Wirth, daß er die Streu für ihn möge bereiten lassen, was dieser bereitwillig selbst unternahm. Der Knecht, der schon geraume Zeit am Ofen gesessen hatte, führte den Juden in den Stall und wies ihm und seinem Sohne auf dem Futterkasten eine warme Lagerstatt an.

»Solltet Ihr früher wach sein, als ich oder meine Leute,« sagte der Wirth, nachdem die Streu auf umgestürzten Schemeln bereitet war, so dürft Ihr blos mit dem Deckel des Ofentopfes herzhaft klappern. »Das ist unsere Klingel, für die wir allesammt ein gar feines Ohr haben. Gute Nacht, der Herr behüte Euch!«

Er drückte seinen Gästen nochmals die Hand und ging dann ohne Licht, wie die Uebrigen, in die an die Wohnstube stoßende Schlafkammer.

Fußnoten

1 Bruchstücke noch jetzt unter den Wenden gäng und geber Volkslieder.

2. Kapitel
[33] Zweites Kapitel.
Eine Eröffnung.

Unter halblautem Gebet streckten sich Greis und Jüngling auf die duftige Streu. Wie schläfrig aber auch Paul den ganzen Abend gewesen war, so munter ward er jetzt, als jedes Geräusch um ihn her verstummte. Die bleichen Flämmchen, die noch zuweilen über dem Aschenhäufchen des erlöschenden Kaminfeuers gaukelten, zogen seine Aufmerksamkeit auf sich und beschäftigten seine Einbildungskraft. Die todte Stille der Haide, von keinem Thierlaut unterbrochen, wirkte gewaltiger auf den Geist des Jünglings ein, als das verworrenste Gelärm. Die Nacht war so still, daß nicht einmal das fast nie feiernde leise Rauschen der Wälder, dies Athmen der Natur, gehört ward. Sanft rieselnd [34] schlug ein feiner Regen an die Fenster, dem sich bald das lautere Plätschern einer ausgießenden Dachrinne auf die Steinplatten vor dem Hause zugesellte.

Das wiederholte tiefe Aufseufzen des Großvaters sagte ihm, daß auch diesen der Schlummer fliehe. Jetzt mehr als vorher, wo fremde Gesichter ihn störten, zum Reden aufgelegt, sprach er zu dem Greise:

»Ihr schlaft auch nicht, Großvater?«

»Mit den Jahren kommt der Schlaf nur langsam, doch laß Dich dadurch nicht in Deiner Ruhe stören, Paul!«

»Mir ist's, als hätt' ich schon ausgeschlafen. Hört nur, wie es regnet!«

»Haidewetter, nichts weiter!«

»Großvater, ich möcht' Euch was fragen.«

»Wer verwehrt es Dir?«

»Haben wir noch weit bis an den Ort, wo meine selige Mutter geboren ward?«

»Nein, Paul! Wir kommen aber vor jetzt nicht dahin.«

»Aber warum denn nicht? Ich möchte so gern das Haus sehen, wo sie gewohnt, wo sie Euch gepflegt und geliebt hat.«

[35] Der Greis richtete sich auf und wendete sein patriarchalisches Gesicht dem Enkel zu. Die hüpfenden bläulich rothen Flämmchen am Kamin beleuchteten ruckweise seine ausdrucksvollen, von Schmerz durchfurchten, aber in Demuth gefaßten Züge. »Paul,« sprach er, »ich habe, als wir zusammen die weite Reise antraten, versprochen, deren Veranlassung und Zweck Dir an dem Tage zu erklären, wo wir das Land unserer Väter betreten würden. Dieser Tag ist gekommen, und da es scheint, als wolle Gott mein Gebet erhören und mir die letzten Stunden meines Lebens aufheitern, so will ich gleich jetzt mein Wort lösen und Dich, so weit es frommt, in das einweihen, was die Zukunft auch von Dir erheischen wird.«

»Du hast mich oftmals gefragt,« fuhr der Greis fort, »weshalb ich, da es doch sonst Niemand zu thun pflegt, mit ledernem Riemen mir Haar und Stirn umwinde? Es geschieht dies zur Erinnerung an eine schwere und furchtbare Vergangenheit, deren Schauplatz diese endlose Haide und deren Umgegend ist. Oft, lieber Paul, ehe die blutige Revolution in Polen ausbrach, hast Du den Zustand der elenden unwissenden [36] Bauern beklagt, die jeder Laune ihrer hochmüthigen, brutalen Herren demüthig nachkommen müssen und nicht einmal murren dürfen, wenn sie unmenschlich gemißhandelt, gleich dem Vieh mit Füßen getreten werden. Es ist dies das beklagenswerthe, empörende Loos aller Leibeigenen, es war auch das meine, Paul, als ich hier lebte, denn Dein Großvater war ein Leibeigener!«

Hier überwältigte das Gefühl den alten Wenden, die Stimme versagte ihm, in lautem Schluchzen und weinend barg er sein Antlitz in die zitternden Hände.

»O Gott, o Gott!« rief Paul. »Wie kann dies möglich sein!«

»Es war noch weit mehr möglich,« versetzte der Greis, sich wieder beruhigend. »Höre mich an und schweige! – Wir, die wir einem und demselben Herrn unterthan waren, wir erhielten von ihm am Tage der Confirmation den Stirnriemen als Schmuck und Zierde, wenn Du willst als Abzeichen. Wie man den Schaafen mit glühendem Eisen eine Ziffer in ihre Wolle brennt damit kein Anderer sie als sein Eigenthum ansprechen kann, so legte uns unser Herr und Gebieter [37] diesen schimmernden Sclavenring um die freie Stirn, um uns aus allem Volk heraus zu erkennen und sein Recht auf uns geltend zu machen! Du wirst sagen, wir hätten ja nur dieses Band der Schmach wegwerfen und fliehen dürfen, um frei, um Menschen zu werden, aber das war nicht so leicht! Einmal ist der in schimpflicher Abhängigkeit geborene Mensch von Natur feig und nur im Augenblick wilder Aufreizung zu selbstständigen Thaten und Entschlüssen fähig, und sodann gab es tausend Verräther aus Furcht vor Strafe. Nie gelang es einzelner Flüchtlingen, für immer zu entkommen. Man entdeckte ihre Spur, ehe sie noch die Grenzen überschritten hatten, und dienstwillig lieferte sie ein Herr dem andern aus!«

»Aber Ihr entkamt ja doch, Großvater Ihr fandet in Polen Aufnahme und ein freies Leben, warum kehrt Ihr nun dahin zurück, wo es Euch so elend erging, und noch dazu mit der Abzeichen der Knechtschaft um die Stirn?«

»Ja,« sagte der Greis, »ich entkam, aber nicht allein, nicht, weil ich es überdrüßig was zu dienen, sondern in Folge eines Ereignisses wovon Du später hören sollst! – Warum ich [38] hieher zurückkehre und das Band der Sclaverei trage? Nun, ich suche am Rande des Grabes mein Vaterland auf, um Gerechtigkeit zu fordern oder Rache zu üben! Und ich habe diesen Reif der Schmach und Schande bis heut getragen, damit er mir in jeder Minute ein ernster Mahner sein möge nicht blos an mein eigenes vergangenes Elend, sondern an die rechts- und naturwidrige Unterdrückung von tausenden meiner Brüder! Längst hätte ich zu sterben gewünscht, denn ich habe alle meine Angehörigen begraben, wäre nicht die Bitte stärker gewesen, die ich an Gott richtete, mich noch die Zeit erleben zu lassen, wo das Wort Sclaverei nur noch in der Sprache, nicht mehr in der Welt existirt! So lebe ich noch, und ich fürchte noch lange leben zu müssen, sollte der Herr der Sterne die Wünsche der Sterblichen dem Wortsinne nach erhören!«

»Gewiß, Gott wird Euer Gebet erhören!« sagte Paul mit der naiven Zuversicht eines jungen Menschen, der noch geneigt ist, die Lehren der Schule ohne Bekrittelung als untrüglich hinzunehmen. »Ihr werdet dann auch Eure Enkelin, meine Schwester, wiedersehen, von der ich Euch so oft heimlich mit der Mutter sprechen [39] hörte, wenn sie heftig weinte und keinen Trost finden konnte.«

Ein letztes Aufflackern des Kaminfeuers warf bei diesen Worten helle Lichter auf den Greis. Paul er schrak, als er die entsetzten Mienen des Großvaters gewahrte, die seine Bemerkung hervorgerufen hatte.

»Um Gott, Großvater!« schrie der Jüngling auf und warf sich an die breite Brust des Greises. »Was ist Euch? Ihr seht ja bleich, wie die steinernen Männer auf den Kirchhöfen, und Eure Augen glühen wie Kohlen!«

»Fürchte Dich nicht,« erwiederte der Alte, schwer aufathmend. »Ich zürne nicht, ich bin auch nicht krank, ich wußte nur nicht, daß schlafende Kinder zuweilen wachen.«

»Ich darf also hoffen, meine Schwester zu sehen?« fragte Paul nochmals.

»Deine Schwester! Nun ja, ja, Du hast oder hattest eine Schwester, aber ich weiß doch nicht, ob Ihr einander liebhaben würdet!«

»Hat denn die selige Mutter nie etwas von ihr gehört?«

»Sie war verschollen oder verloren gegangen, [40] ehe wir auswanderten,« erwiederte ausweichend der Greis.

»Das ist traurig!« sagte Paul. »Ich war immer der Meinung, jener Brief mit dem zerbrochenen Kreuz, der Euch so heftig erschütterte, sei von dieser unbekannten Schwester und ihr gelte unser Besuch, nachdem wir in Polen keine näheren Freunde mehr hatten.«

»Allerdings war es jener Brief, den ich noch auf meinem Herzen trage, welcher mich zum Verkauf meines kleinen Höfchens veranlaßte. Er rührte von dem Manne her, den wir morgen aufsuchen wollen. Der Maulwurffänger war, so lange ich in meiner Heimath lebte, mein treuester, uneigennützigster Freund. Er war der Letzte, dem ich beim Abschiede die Hand drückte und der mir wiederholt die Versicherung gab, daß er nie aufhören würde, meiner zu gedenken und nach Kräften für Freimachung meiner Stammbrüder zu wirken. Wir versprachen uns gegenseitig, einander zu schreiben, aber die Sorgen und Mühen schwerer Jahre ließen mich dies Versprechen scheinbar vergessen. Ein einziges Mal bald nach meinem Anlauf meldete ich dem Freunde, wie es mir in der Ferne gehe, und bald kam ein [41] ausführliches Antwortschreiben zurück, das neben manchem lustig klingenden Schwank viel Trauriges enthielt. Mir fehlte es an Zeit und Stimmung, darauf zu antworten, und so erfuhr ich auch nichts mehr von dem aufopfernden Freunde. Nur die Hälfte des Messingkreuzes, das wir beim Abschiede theilten, damit es uns als Erkennungszeichen dienen möge am Tage der Noth oder des Glücks, bewahrte ich sorgfältig auf. Der Brief des Maulwurffängers enthielt die andere Hälfte und eben dies zeigt mir an, daß er mir Eröffnungen von außerordentlicher Wichtigkeit zu machen hat.«

»Habt Ihr ihm denn unsere Ankunft gemeldet?«

»Wie hätte ich dies vermocht! Auch bedarf es dessen nicht! Ich kenne den Muth und die Ausdauer Heinrichs, der nicht müde werden würde, täglich nach mir auszuschauen und die Hoffnung erst mit dem letzten Athemzuge aufzugeben. Ist er, wie der Wirth versichert, wirklich noch am Leben, so finden wir uns irgendwo zusammen, um uns fernerweit zu berathen.«

»Nun dann, Großvater, laßt uns freudig Vertrauen fassen,« sagte Paul. »Unangefochten [42] haben wir den alten theuren Vaterlandsboden betreten, sind herzlich begrüßt worden von diesem Fremden und wissen sogar die Wege, die wir gehen sollen. Weßhalb da noch zagen und fürchten! Laß uns gemeinschaftlich den Allmächtigen anrufen und auf unsern Knien ihn um Erhörung bitten. Er wird dann die milden Schatten des Schlummers über unsere Augen breiten und die trüben Erinnerungen in unsern Seelen auslöschen, bis das Licht des neuen Tages uns weckt.«

Die ungeheuchelte natürliche Frömmigkeit des Enkels rührte den Greis und gab ihm wirklich ein Vertrauen, das eigener Wille nicht mehr lebendig machen konnte.

»Amen! Amen!« versetzte er. »Du sprichst, wie rechtgläubige Christen handeln sollten. Komm denn und laß uns beten!«

Und der Greis kniete auf sein Strohlager, streckte die Arme nach seinem jungen Enkel aus und schloß ihn fest an seine Brust. Paul aber begann mit bewegter, halblauter Stimme eines jener langen, aus einer Menge Bibelsprüche und Liederversen zusammengesetzten Gebete, worauf die Landleute besonders viel halten, herzusagen. [43] Andächtig und gemessen wiederholte der Greis jeden Satz, und wer diese beiden in hoffnungreiches Gebet tief Versunkenen so treuherzig und kindlich gläubig einander umschlingen gesehen hätte, der würde nicht ungerührt vorüber gegangen sein und, wäre er ein Verächter des Glaubens gewesen, vielleicht mit dem Seufzer des Zöllners an seine Brust geschlagen haben.

Wohl eine Viertelstunde beteten Großvater und Enkel. Dann küßte Paul die faltige Stirn des Greises und Beide legten sich wieder auf die harte, prunklose Streu. Noch hörten sie eine Zeitlang das raschelnde Brüseln des feinen Regens an den Fensterscheiben, zählten die Tropfen, die in gemessenen Pausen durch eine schadhafte Stelle des Daches über ihnen auf einen metallenen Gegenstand fielen, und versanken dann unmerklich in einen erquickenden traumlosen Schlummer, aus dem sie erst durch das Knarren der Thür wieder erweckt wurden, welche zur Kammer des Wirthes führte.

3. Kapitel
[44] Drittes Kapitel.
Der Todtenstein.

Ein kühler Nordwestwind hatte über Nacht die Regenwolken zerstreut und die rein und klar aufgehende Sonne verhieß einen schönen Tag. Mit freundlichem »guten Morgen!« grüßte der Wirth seine Gäste, die schnell aufstanden und die Strohhälmchen, welche an Haaren und Kleidern hängen geblieben waren, abschüttelten.

»Ihr habt eine ruhige Nacht gehabt unter meinem Dache, will ich hoffen?« sprach der Wirth, klappte den Deckel des Ofentopfes auf und fuhr mit beiden Händen in das noch laue Wasser. »Schönes Reisewetter heut und gute Haidewege! So ein anhaltender Nachtregen ist der beste Wegausbesserer. Ihr findet harten Sand bis an die bergigen Lande hin.«

[45] Ohne die Antwort der Reisenden abzuwarten, schlug er den kupfernen Deckel jetzt drei Mal laut schallend zu, worauf die hübsche Magd vom vorigen Abend den Kopf zur Thür hereinsteckte und nach seinem Begehr fragte.

»Zünde Feuer an, Lene!« befahl der Wirth, »Der Morgen ist schaurig, und ehe die Sonne über die Haide geht, fegt uns der Wind die ganze Stube aus. Du kannst auch ein Kienfeuerchen anmachen der Heimlichkeit wegen und hörst Du, sag' dem Knecht, er solle das faule Judenpack wecken und ihm die Pferde unserer Nachtgäste anschirren helfen! Ihr wollt doch bei Zeiten aufbrechen,« fuhr er, zu dem Greise gewandt, fort, »oder habt Ihr Euch anders besonnen?«

»Mein Beschluß steht fest. Sobald der Fuhrmann gefüttert hat, brechen wir auf.«

»Doch zuvor eßt Ihr noch ein paar Löffel frische Grützsuppe. Die Lene versteht sich auf die Kocherei, wie selten eine Dirne. Euer Lebtage, sag' ich Euch, habt Ihr in Polen keine solche Grützsuppe gegessen, wie ich sie Euch vorsetzen werde.«

Dankbar nahmen die Reisenden diesen Vorschlag[46] an und gaben gern schon dem freundlichen Wirthe zu Gefallen zu, daß die genannte Morgenspeise untadelig und überaus vortrefflich sei. Nach diesem derben kräftigen Frühstück berichtigte der Greis die billige Zeche und verabschiedete sich von dem Schenkhalter.

»Habt Dank,« sprach er, »für Quartier, Kost und gute Auskunft, die Ihr mir gegeben. Der Herr vergelt's Euch tausend Mal, und sollten wir uns einmal wieder zusammenfinden, will's Gott, so möge unser Wiedersehen ein recht fröhliches sein. Behüt' Euch Gott!«

»Reis't glücklich, alter Vater, und macht gute Verrichtung! Aber sagt, wollt Ihr mich so fremd wieder verlassen, als Ihr in mein armes Haus getreten seid? Es ist Sitte bei uns, daß ein Nachtgast seinen Namen zurückläßt. Also, wie nennt Ihr Euch?«

»Jan Sloboda,« versetzte der Greis. »Der Name erlöscht mit meinem Tode, da ich keine männlichen Nachkommen habe.«

»Gottes Segen auf Euer Haupt, Jan Sloboda!« rief der Wirth, schüttelte dem Alten wiederholt die Hand und half ihm in das zerbrechliche Fuhrwerk steigen, das bereits vor der [47] Thür auf die Reisenden wartete. Der schmächtige jüdische Knabe sprang auf den Wagentrim der Kutscher pfiff den Pferden und in munter Trabe ging es fort an dem Wiesenrande hin in die rauschende, harzduftige Haide hinein.

Der sandige, vom Nachtregen festgeschlagen Weg führte dicht an den großen Teichen von über, die alle nur durch schmale Dämme getrennt waren und mittelst Schleußen mit einander in Verbindung standen. Zusammen bildete sie eine ansehnliche Wasserfläche, die auf alle Seiten von der dichtesten Haide umschlossen ward. Ein paar Vorwerke, Torfhütten und ein Forsthaus lagen in der Nähe auf ausgerodetem Haideboden. Der Fahrweg streifte fast die Försterwohnung, bog alsdann wieder in die Kieferwaldung ein und verlor sich im Dunkel der hohen, rauschenden Stämme. Die Reisenden brauchten ein paar Stunden, um diese Wälder in querer Richtung zu durchschneiden, und sie würden auf diesem einförmigen Wege lange Weile gehabt haben, wären sie nicht von Zeit zu Zeit an Köhlerwohnungen und Pechsiedereien vorübergekommen, um die es immer ein buntes Gewimmel von Menschen gab. Auf freien, hochgelegenen [48] Plätzen im Walde, über die sich die Straße zog, sahen die Reisenden auch über dem unabsehbaren schwarzen Dickicht die blauen Rauchsäulen der Meiler an hundert Orten zugleich in die kühle Morgenluft steigen.

Mit dem Aufhören der Haide nahm die Gegend sogleich einen andern Charakter an. Thäler, Hügel, Berge und Felsgruppen traten zu romantischen Aus-und Ansichten zusammen. Klare, lebendige Bäche hüpften murmelnd über Kies und schimmerndes Gestein. Heitere Dörfer zogen sich in Thälern und an Hügeln hin. Kirchthürme blinkten im Sonnenschein und die hohen Giebel und alten Thurmzinnen manchen Edelhofes sahen aus ehrwürdigem Ulmen- und Eichengebüsch hervor. Das Geläut der Glocken, die zur Kirche riefen, ertönte auf allen Seiten, und berührten die Reisenden ein Dorf, so begegneten sie häufig geschmückten Mädchen und Frauen, die wohl dem ungewohnten Fuhrwerk verwundert nachsahen.

Obwohl der Jude seine Pferde tüchtig antrieb, war die Mittagsstunde doch schon vorüber, als das am Fuß seiner romantischen Gebirge prächtig gelegene Königshain den Reisenden [49] sichtbar ward. Paul konnte sich nicht satt sehen an den vielen wechselnden Fernsichten und den sonderbar gestalteten Gipfeln der Berge, die kühn und phantastisch hinter dem im Thale liegenden volkreichen Orte emporstiegen. Hätte Sloboda ihn nicht belehrt, daß er nur uralte Felsgebilde vor sich habe, so würde der schaulustige Jüngling mit Zinnen und Wartthürmen geschmückte ungeheure Burgtrümmer aus dem Mittelalter zu erblicken geglaubt haben.

Von einer Menge gaffender Kinder umgeben, erreichte das polnische Fuhrwerk den Gasthof. Hier beschloß der Greis bis auf Weiteres zu rasten, ließ ein Mittagsmahl auftragen und erkundigte sich, gleich einem Fremden, nach den Sehenswürdigkeiten der Gegend und namentlich nach den umliegenden merkwürdigen Felsbergen. Der Wirth war sogleich bereit, jede möglich Auskunft zu geben. Er hielt die Reisenden für Russen schon wegen der ungewohnten Tracht des Greises und pries ihnen die wundervolle Aussicht auf den nahen Bergen, namentlich auf dem Todtensteine, mit beredter Zunge an.

»Den Todtenstein, ja, den müssen Sie sehen, meine Herrschaften,« sagte er, auf einem Schemel [50] neben den Reisenden Platz nehmend und behaglich seine Pfeife rauchend. »Das ist ein Felsen, wie es keinen mehr gibt in deutschen Landen! Die Gelehrten aus Görlitz und Dresden und andern berühmten Städten kommen blos hieher, um die alten Steine zu beschauen, und ich habe von den gelahrten Herren manch wundersames Wort vernommen, wenn sie nachher mit einander bei einem Glase Bier hier an demselbigen Tische über das Gesehene und Gefundene discurirten. Sie müssen nämlich wissen, meine Herrschaften, daß hier herum und weit ins Land hinein, sogar bis hinauf in die Gebirge vor alten Zeiten dumme und blinde Heiden gewohnt haben, von denen die Wenden nach Löbau zu und weiterhin noch ein Ueberrest sind. In meiner Jugend gab's auch ganz in der Nähe noch einzelne wendische Bauern, jetzt aber sind sie schon seit Jahren theils ausgestorben, theils weggezogen. Es hieß, sie hätten sich nicht mit den Deutschen vertragen können, was leicht sein kann, denn es ist ein hartköpfiges, abergläubisches Volk, das eine Sprache redet, wie sie kein Hund bellt! – Aber, was ich sagen wollte, die Herren Gelehrten und Bücherschreiber haben es [51] richtig herausgebracht, daß diese alten Heiden auf dem Todtensteine ihre götzendienerischen Opfer gehalten, ihre Feinde geschlachtet und sie nachher mit Stumpf und Stiel verbrannt haben. Denn grausam, ach grausam war das Volk ganz abscheulich! Letzthin erst, es sind noch keine vier Wochen her, haben ein paar Gelehrte, die über acht Tage lang in den alten Klüften herumgekrochen sind und alle Spalten visitirt und genau beguckt haben, eiserne Ringe gefunden und Kettenglieder und einen steinernen Schlägel, den sie ein Opferbeil nannten, und Blutkrüge und Schüsseln und mehr solch Zeug, was Alles die wendischen Götzenpriester bei ihren Opferfesten brauchten. Deswegen, meine Herrschaften, weil entsetzlich viel Blut da oben vergossen worden ist, heißt der Fels auch bis auf den heutigen Tag der Todtenstein!«

Nach diesen Bemerkungen, die Sloboda dankend hinnahm, erbot er sich, da es gerade Sonntag sei und er weiter nichts zu thun habe, die Reisenden, wenn sie es wünschen sollten, zu begleiten. Damit war aber dem Greise nicht gedient, weshalb er für diese Gefälligkeit dankte unter dem Vorwande, daß er schwerlich schon heut [52] dazu kommen werde, die umliegenden Berge zu besteigen, indem wichtige Geschäfte seine Zeit in Anspruch nähmen, an einem der nächsten Tage dagegen würde es ihm sehr angenehm sein, wenn er ihm einen der Gegend kundigen Führer verschaffen wolle. Der Wirth stand sogleich von seinem Vorhaben ab, da er auf ein längeres Verweilen der Reisenden hoffen durfte, und Sloboda konnte sich nach einiger Zeit in Pauls Begleitung unbemerkt entfernen.

Auf Stegen, die ihm noch wohl bekannt waren, führte Sloboda seinen Enkel aus dem Dorfe. Ein vielspuriger Feldweg zog sich den Berg hinan, dessen Gipfel die hohe und breite Steinmasse der granitenen Burg schmückte. Links und rechts war der Berg eine gute Strecke hinauf bebaut, bis Steingeröll, Schlinggewächse und Schwarzholz das fruchttragende Erdreich verdrängten.

Etwa einen Büchsenschuß von dem Todtensteine entfernt hörte der eigentliche Weg auf. An dieser Stelle übersah man das reich angebaute Land mit seinen Dörfern, Schlössern und Kirchen bis weit in die Lausitz hinein. Sloboda blieb stehen und kehrte sich um. Eine Thräne [53] rieselte über seine gefurchten Wangen, und indem er Pauls Hand ergriff und auf die sich kreuzenden Pfade deutete, deren eine Menge nach allen Seiten liefen, sprach er: »Das ist der Ort, wo das große Unglück begann!«

»Welches Unglück, Großvater?«

»Das mich vertrieb, mich flüchtig und heimathlos machte und Dich unter einem fremden Volke geboren werden ließ.«

»Und das meine arme Mutter nie vergessen konnte?«

»Das sie nie vergessen durfte!« wiederholte Sloboda mit dumpfem Zornesgrolle.

»Ach warum habt Ihr so oft davon gesprochen und mir doch nie gesagt, worin es bestanden hat!«

»Weil es unnütz gewesen wäre! Doch jetzt Paul, ist vielleicht die Zeit gekommen, wo Du erfahren mußt, was Deine Mutter, Dein Vater, was ich und alle Diejenigen erduldet haben, die vor vierzig und mehr Jahren in diesen gesegneten Fluren lebten! Darum laß uns eilen! Dort oben unter den drohenden Granitklippen des Todtensteines wird sich das Räthsel lösen!«

Mit sonderbaren Gefühlen traten die beiden [54] Reisenden in das gelichtete Holz einen schmalen Fußsteig hinanklimmend, der durch niedriges Gestrüpp, durch Wachholderbüsche und Brombeergesträuch grade nach dem Granitfelsen führte, dessen schwarzgraue Breitseite, von Immergrün, Epheu, wildem Wein und Hopfen malerisch umrankt, wie eine ungeheure Burgmauer grade vor ihnen lag. Hie und da wucherte in dürftigem Erdreich eine Kiefer auf dem Gestein und schlang ihre gekrümmten Wurzeln, gleich goldglänzenden Schlangen, um die vorspringenden Felsen. Der Anblick des Todtensteines war imposant und staunend starrte der junge Paul die zerrissenen, wohl achtzig Fuß hohen Wände an, um die jetzt pfeifend der Nordwestwind heulte. Sloboda aber ließ ihm keine Ruhe. Schneller, als man von dem Greise erwarten konnte, schritt er nach einer tiefen Kluft, die den riesigen Granitblock in zwei ungleiche Hälften zerschneidet und den Aufgang zur freien Höhe desselben bildet. Nicht fern von dieser kaum anderthalb Ellen breiten Schlucht sieht man schräg am Gestein eine sitzartige Vertiefung, welche das Volk den »Teufelssitz« nennt.

Die Reisenden mochten etwa noch hundert Schritte von dem Felsen entfernt sein, als Sloboda [55] ein Geräusch zu hören glaubte, wie wenn Jemand mit Eisen oder Stahl gegen einen Stein schlüge.

»Was war das?« fragte er mehr sich selbst als seinen neben ihm herschreitenden Enkel.

»Ich glaube, es schlug sich Jemand in der Nähe Feuer an,« versetzte Paul und blieb horchend stehen. Indem wiederholte sich das Geräusch deutlich und die Horchenden konnten nicht mehr zweifeln, daß wirklich irgend wer mit Stahl und Feuerstein zu schaffen habe.

»Paul,« rief Sloboda mit gepreßter, vor Freude und Erwartung zitternder Stimme, »das ist Niemand als Heinrich, mein Jugendfreund, der ehrliche Maulwurffänger vom Todten!«

Mit verdoppelter Eile kletterten sie nun über das von hohem Farrenkraut, Ginster und anderem Gesträuch wild bewachsene Steingeröll, erreichten die erwähnte Schlucht, in welcher hölzerne Stiegen zur Erleichterung des Hinaufklimmens eingekeilt waren, und erblickten jetzt den moosbewachsenen, von Epheu dachartig überwölbten Teufelssitz. Er war nicht leer, ein Mann hatte ihn eingenommen, der eben damit beschäftigt war, ein frisch angezündetes [56] Stückchen Schwamm auf seine kurze Holzpfeife zu legen, die er mit bedächtigen Zügen tüchtig in Brand zu setzen suchte. Er war so ganz mit Seele und Auge dabei, daß er die Annäherung der Fremden nicht bemerkte.

4. Kapitel
[57] Viertes Kapitel.
Der Maulwurffänger.

Unschlüssig blieb Sloboda stehen und betrachtete den Rauchenden so gierig, als wolle er ihn mit seinen Blicken durchbohren. Der Mann am Teufelssitze war von untersetzter Statur, stämmig und von breitem Schulterbau. Sein Gesicht ähnelte einem Europäer nur wenig, so dunkelbraun hatten es Sonne und Wetter gefärbt. Wie alle Landleute dieser Gegend trug er keinen Bart. Ein schmales, spitz zulaufendes Kinn, ein kleiner Mund und eine keckgebogene stolze Adlernase, über der sich trotzig eine stark gewölbte, etwas vorspringende Stirn erhob, gaben ihm ein unternehmendes, furchtloses und ungemein listiges Ansehn. Ein offenbar viel getragener und nur bei alten Leuten noch üblicher dreieckiger [58] Hut saß ihm etwas schief auf dem linken Ohr. Neben ihm an dem Felsen lehnte ein langer Stock von rothgebeiztem Schlehdorn, der keine andere Zierde, als ein schmales Lederbändchen am obern Ende trug, um es um die Hand zu schlingen.

Als dieser Mann seine Pfeife gehörig in Brand gesetzt hatte, schlug er die Beine über einander und sah aufwärts nach dem Himmel, als wolle er das Wetter erproben. Dabei fiel sein Blick auf die Fremden, die kaum zwanzig Schritte von ihm an einem Felsblock lehnten. Dieser Blick war so merkwürdig, so charakteristisch, daß, wer nur ein Mal von ihm getroffen ward, ihn nie wieder vergessen konnte. Wie ein silberner Funken glitt er aus einem krystallklaren, hellgrauen Auge, in dem ein unbeschreibliches Gemisch von Gutmüthigkeit und Schalkheit, von Humor und Ernst, von Stolz und Demuth lag. Starke und struppige eisgraue Augenbrauen verliehen diesem wunderbarem Auge noch mehr Charakter, während das lang gewachsene Haupthaar, das ein schwarzer Hornkamm am Hinterkopf zusammenhielt, zu scheuer Ehrfurcht aufforderte.

[59] »Jan Sloboda,« sagte er nach kurzem Zögern, »wenn es nicht Dein Geist ist, der hier umgeht, so tritt näher, denn bei der heiligen Gottesmutter, ich sehe Dich vor mir, wie ehedem in vergangenen Tagen!«

»Du irrst Dich nicht, Heinrich, ich bin Jan Sloboda!« rief der Wende und warf sich dem Jugendfreunde gerührt an die Brust.

Der Maulwurffänger, nicht gewohnt, seine Gefühle rücksichtslos zu offenbaren, erwiederte die Umarmung des alten Freundes herzlich, aber weniger stürmisch, als der heftig ergriffene Greis. Er stand auf und ohne langes Hin- und Herreden Pauls Hand ergreifend, der dieser Begrüßung stumm zugesehen hatte, zog er Beide mit sich fort nach einem Ueberhange, unter dem sich eine breite Moosbank, geschützt gegen den Luftzug, befand.

»Hier setzt Euch, Großvater und Enkel,« sprach er heiter lächelnd, »denn daß der schlanke Junge Dich etwas angeht, das ist ihm auf die breite Stirn geschrieben. Also niedergesetzt und dann erzählt, ruhig, ohne Sprung und Leidenschaft! Hat mein Brief Dich gefunden?«

»Ihm verdanke ich es, daß ich Dich noch [60] ein Mal wiedersehe, daß ich nach vierzig Jahren Deine Hand nochmals in der meinigen fühle, Dich wieder sprechen höre!«

»Ja,« fiel der Maulwurffänger still lachend ein, »ein Erdfahrer wie ich, der mit allerhand schlechtem Gewürm frühzeitig Bekanntschaft macht, wird bei Zeiten klug und hart gegen weltliches Ungemach und menschliche Tücken. Noch fühle ich mich kräftig, wie vor vierzig Jahren, und wenn's mir nachgeht und meinem Willen, so höre ich unter zwanzig Jahren nicht auf, die feinöhrige Brut in ihren Schatzgräbereien zu stören. Aber weißt Du, daß mir bange war vor Dir, Alter? Der hat lange in's Gras gebissen, dacht' ich, als ich mich hinsetzte und mühselig die paar Zeilen kritzelte. Denn ich rechnete so: entweder er ist vor Kurzem gestorben oder Polen und Russen haben ihn gemeinschaftlich massacrirt. Daß Du trotz dem am Leben bist und obendrein gesund und hier, hier an dem alten Götzensteine, das freut mich von Herzen, Jan! Wie geht's Deinem Kinde?«

Sloboda zeigte gen Himmel. »Sehr wohl, Heinrich! Sie ging heim, ehe die Revolution beendigt war.«

[61] »Also auch schon dahin! Nun, Alter, das thut nichts. Sie war grade kein apartes Glückskind trotz ihrer Lieblichkeit, und für ihre Jahre hat sie genug erdulden müssen. Aber wieder auf meinen Brief zu kommen: was dachtest Du denn dazu?«

»Ich bin hier und Du fragst noch?«

»Freilich, Jan! Das Schäkern und Necken hab' ich noch immer nicht verlernt. Verdammt! Da ist mir richtig mein Kraut wieder ausgegangen!« Und – pink! pink! – schlug Heinrich aufs Neue Feuer an und setzte sein Gespräch gemüthlich fort.

»Was veranlaßte Dich zu diesem räthselhaften Briefe?«

»Ein glücklicher Zufall, ein Wunder, wenn Du willst! Du kennst mein Gewerbe, dem ich von Jugend auf mit Lust und Liebe zugethan war, das mich leidlich nährte und mir die Bekanntschaft vieler bald guter bald böser Menschen verschaffte. Ich hab's fortgetrieben bis heut, ohne die Lust dran zu verlieren, obschon in neuester Zeit wenig mehr dabei zu verdienen ist, weil die meisten Grundbesitzer sich einbilden, das Maulwurffangen sei keine Kunst, und nun, was[62] ich mit der elastischen Schlinge zierlich und leise bewerkstellige, sie mit plumper Hand mittelst spitzer Fangeisen zu erreichen suchen. Freilich läuft ihnen manchmal eine der blinden Bestien in die grob gelegte Falle, aber ich sage Dir, ein solch gefangenes Thierchen sieht sich nicht mehr ähnlich. Die Stacheln zerfleischen ihm den sammetweichen schwarzen Spenser, den ihnen unser Herrgott angezogen und der mir manchen Speciesthaler eingetragen hat. Na, sei's wie's sei, ich mache doch noch immer meine Wege, senke meine schlank gebogenen Schlingen in die Erde und habe meine Freude daran, wenn früh und Abends die frischen Wippen mit meinen Gefangenen wie schwarze Fähnchen über den grün schillernden Saaten aufgerichtet stehen.«

»Nach Deiner Auswanderung that mir Niemand etwas zu Leide,« fuhr er fort, »obwohl Mancher heimlich Lust dazu haben mochte. Sie trauten sich nicht an mich, weil sie mich fürchteten und auch nichts Sicheres gegen mich aufbringen konnten. So blieb ich denn völlig ungestört wer ich war, und fing Jahr aus und Jahr ein meine Maulwürfe. Der Edelhof an der Haidenkante, wo damals unser blauhutener Junker [63] hauste, war nach wie vor ein häufiger Aufenthaltsort für mich. Seine Aecker, Wiesen und Ländereien standen unter meinem Messer und ich habe manch tausend Nasenwürfel auf die künstlich gegrabenenen Mördergruben gelegt, aus denen meine Springeisen die fleißigen Arbeiter in die Luft schleuderten. Sieh da begab sich's in diesem Frühjahr, daß ich auf dem großen Flachsfelde dicht hinter dem Herrenhause eine Falle stellen will, just neben einem hohen frisch aufgeworfenen Maulwurfshaufen. Um Raum zu gewinnen, stoß' ich mit dem Fuße den Erdaufwurf um und ein zusammengerolltes Papier kommt zum Vorschein. Das wundert mich, denn es war mir dergleichen noch nicht begegnet. Sind denn die Maulwürfe Schriftgelehrte geworden, denk' ich, und hebe das Röllchen auf, das ganz sauber in ein wachstuchenes Läppchen eingeschlagen ist. Als ich's aufwickle, war's nicht mehr und nicht weniger als ein Bogen gestempeltes Papier, auf einer Seite halb beschrieben, und was mir auffiel, unter der Schrift stand in mir wohlbekannten Zügen der ganze Name unsers saubern Zeisigs von Grafen. Wohl bekomm' ihm das ewige Leben, er ist schon lange todt! Das [64] machte mich natürlich neugierig und so fange ich denn an zu lesen, lese ein, zwei, drei Mal und glaube immer noch zu träumen, denn ich hatte nichts anderes in Händen, als eine vollkommen giltige, rechtskräftig untersiegelte Verschreibung vom Grafen Blauhut für Röschen –«

»Für Röschen!« unterbrach ihn Sloboda.

»Das ist unmöglich, Du hast Dich getäuscht! Röschen hat nie eine Sylbe davon gesagt!«

»Leider wahr! Sie hat nie davon gesprochen, daß ich es wüßte, dennoch aber, Freund Jan, ist die Verschreibung da und ich habe sie daheim wohl verschlossen in meiner Lade.«

»Es muß ein Irrthum sein, Heinrich! Wie hätte sich auch das Papier so lange halten können und wie konnte es in den Maulwurfshaufen kommen?«

Heinrich lachte. »Das ist eben das spaßhafte Wunder dabei,« versetzte er. »Unser Herrgott weiß immer Mittel und Wege zu finden, wenn ihm etwas daran gelegen ist, altes furchtbares Unrecht auszugleichen und frühere Missethaten zu bestrafen!«

»Und was stand in dem Stempelpapiere, das Du eine Verschreibung nennst?«

[65] »Darin steht, daß Röschen Sloboda, falls sie lebendige Nachkommen hinterläßt, zu Gunsten dieser Kinder nach des Grafen Tode Anspruch haben soll auf den fünften Theil seiner Güter! Noch mehr! Das Schreiben führt namentlich die Besitzungen auf, welche ihr von Rechtswegen zufallen sollen, und unter diesen den schon erwähnten Edelhof nebst dem Vorwerke, die großen Fischteiche und die ganze moorige Haidestrecke, die sie links und rechts umgibt. Das und noch mehr kannst Du mit eigenen Augen lesen, wenn Du zu mir kommst!«

»Und aus diesem Grunde allein hieltest Du es für nöthig, mich alten Mann über hundert Meilen hieher zu rufen?« fragte mit betrübter Stimme und äußerst niedergeschlagener Miene der alte Wende.

»Ich glaube gar,« erwiederte Heinrich, indem er die schon wieder erloschene Pfeife durch neuen Schwamm in Brand setzte, »ich glaube gar, Du willst mir Vorwürfe machen, daß ich Dich aus Deinem halbwilden Schlupfwinkel unter vernünftige Menschen gebracht habe? Rechne doch nur zusammen, was Dir und Deinen Nachkommen dieser Fund nützen kann! Der Graf ist [66] freilich todt, an ihn können wir uns nicht mehr wenden, aber seine drei Söhne leben und besitzen, was in Folge schlechter und lüderlicher Wirthschaft von den großen Gütern ihrer Vorfahren aus dem allgemeinen Untergang zu retten war. Zwei sind im Auslande, der Aelteste blieb in seiner Heimath. An ihn wenden wir uns. Die Jugendstreiche seines grausamen Vaters sind noch nicht vergessen im Volke. Der Vater erzählt sie dem Sohne, der Sohn dem Enkel, wenn sie den Kindern ein Bild schwerer Zeiten, kummer- und thränenreicher Tage entwerfen wollen. Er hat oft davon hören müssen und es kann und wird ihn nicht überraschen, wenn die Folgen von seines Vaters Schandthaten jetzt an seine Thür klopfen und um Recht bitten. Ich weiß, daß er hochmüthig drein schauen wird, denn er ist von Gemüth nicht viel besser als sein Herr Vater. Er wird die Aechtheit des Papieres läugnen und Dich anfangs abweisen. Später, wenn Du mit gerichtlicher Verfolgung drohst, wird er sich geschmeidiger zeigen und das Ende nach mancherlei Winkelzügen wird sein, daß er Dir eine anständige Geldsumme zahlt, dem Scheine nach, um Dich abzufinden, eigentlich [67] aber um Dein Schweigen damit zu erlaufen. Diese aber wird Dir und Deinem Enkel vortrefflich zu statten kommen.«

»Du vergißt, alter, ehrlicher Freund, daß jene Nachkommen, deren die Schrift Erwähnung thut, gar nicht vorhanden sind.«

Der Maulwurffänger sah den Wenden mit seinen hellgrauen funkelnden Augen so schlau an, daß Sloboda ganz verwirrt ward.

»Diese Nachkommenschaft will ich aus ihrem Grabe erwecken,« sagte er düster und mit einem Blick, in dem ein Gemisch triumphirender Lust, Bosheit und Rachsucht funkelte. »Frage mich nicht, alter Freund, was ich damit sagen will, Du sollst es später erfahren! Erinnere Dich nur noch der schauerlichen Hochzeitsnacht, des Herbsttages, der Streu in der Haide –«

»O ich erinnere mich!« rief Sloboda aus, sein Gesicht mit beiden Händen bedeckend, als wolle er die Erscheinung eines erschütternden Bildes, das in grausiger Beleuchtung vor ihm aufstieg, von sich abwenden. »Aber sie kam um – ward umgebracht – mit Gewalt, mit Absicht – ich darf nicht daran denken!«

»So heißt es, Jan, und möglich, daß es [68] so ist, den noch verspreche ich Dir, die Schatten der Todten aus ihren unbekannten Gräbern aufsteigen und sie Zeugniß ablegen zu lassen! Ich will nicht umsonst gelebt haben, nicht umsonst ruhelos Berge und Haide durchwandert sein zu jeder Stunde des Tages und der Nacht! Für Dich oder für die allgemeine Gerechtigkeit lebte, forschte, arbeitete ich. Nicht der kleinste Umstand ging meinem scharfen Auge, meinem sich nie trügenden Gedächtniß verloren. Ich habe Alles aufgezeichnet und aus längst vergangenen und verschollenen Begebenheiten ein Netz geschürzt, das Niemand ahnt, am wenigsten Deine Feinde. Du konntest das nicht wissen, was zu meiner Kenntniß gelangte. Deine Flucht hinderte Dich daran. Ich aber sammelte und würde meine Sammlung schon längst benutzt haben, wäre die Zeit günstig dazu gewesen. Jetzt ist der glückliche Augenblick endlich gekommen und nun soll der große Prozeß der Unterdrückten, Gepeinigten, Geknechteten gegen ihre Unterdrücker und Peiniger beginnen und ich verlange von Dir weiter nichts, als daß Du zuerst Deine Stimme als Kläger erhebst!«

Obwohl Sloboda kaum eine Ahnung von [69] dem Vorhaben des Maulwurffängers hatte, setzte er doch ein so unbedingtes Vertrauen in die Redlichkeit dieses seltenen, eigenthümlichen Charakters, daß er ohne Zaudern seine Einwilligung dazu gab und als Kläger aufzutreten erklärte.

»Top, es gilt!« sagte Heinrich mit jenem schlauen und gutmüthigen Lächeln, das stets über seine braunen Züge lief, wenn er einen weislich entworfenen Plan seinem Gelingen sich nähern sah. »Ehe wir jedoch die Feindseligkeiten eröffnen, will ich mit meinem Bruder, dem Schulmeister, Rücksprache nehmen. Bei all seinen oft beschränkten Ansichten hat er doch einen praktischen Blick und hinlängliche Rechtskenntnisse, um in den vertrackten Formeln nicht zu verstoßen. Auch kann er gut schreiben, weshalb er die ganze Unglücksgeschichte bis in alle kleinsten Einzelnheiten zu Papiere gebracht hat. Solche Schriften sind gute Gedächtnißaufhelfer, und wenn mir irgend etwas nicht mehr ganz deutlich vor der Seele steht, so werfe ich einen Blick in die Schreiberei und frische die erbleichenden Farben wieder auf.«

Sloboda, von dem Gehörten ganz betäubt, schüttelte mehrmals den Kopf, als könne und dürfe er nicht daran glauben. Nach einer Weile [70] fragte er lebhaft: »Wie ist Nathanael gestorben? Ich habe oft in der Fremde sein Schicksal beklagt, obwohl er glücklicher war als ich!«

»Er starb den Tod der Armen,« versetzte Heinrich. »Fasse Dich nur in Geduld, Du sollst über Nichts in Zweifel gelassen werden und Alles soll beitragen, Deine Feinde, die immer auch die meinigen sein werden, zu demüthigen, wo möglich zu stürzen, Dich aber zu erhöhen.«

»Ich verlange nicht darnach, Freund, ich will mich glücklich schätzen und dem Vater im Himmel danken, wenn ich in nicht gar langer Zeit ruhig und glaubensvoll sterben und dann sagen kann: Gott Lob, Deine Gnade hat sich wunderbar an mir und den Meinigen offenbart!«

»Das ist, nimm mir's nicht übel, Jan, ein Bischen wendisch gesprochen! Die göttliche Gnade mag eine ganz hübsche Einrichtung sein, zu der wir in schlimmen Stunden Alle unsere Zuflucht nehmen können, allein mein Kopf- und Ruhekissen will ich mir nicht damit ausstopfen lassen. Ein Stück redlicher Wille und geistige Kraft reichen schon eine Weile aus und befriedigen mehr als die liebe Gnade, und überdies taugt es in dieser verdorbenen Welt oft gar nichts, wenn [71] man allzu häufig von ihr Gebrauch machen will. Ich halt's in diesem wie in manchem andern Punkte mit meinen Landsleuten, den Bauern, die immer und immer, wenn ihnen der Pfarrer hundert erquickliche Predigten von Vergeben und Hinhalten des andern Backen vorgesagt hat, auf die einfachen und vernünftigen Worte zurückkommen: So denke ich eben auch, Herr Pfarrer, aber ich will justement mein Recht und sollte mich's den letzten Groschen kosten! – Diese Bauernregel, Freund Jan, ist ein Satz voll Weltweisheit, den Niemand vergessen sollte, am wenigsten der Arme, der Gedrückte. Erst wenn jeder Arme unablässig nach dem Rechte schreit und Blut und Gut, so viel er eben davon hat, willig dafür hingibt, erst dann wird es besser werden mit dem Volke. In meinen Gedanken stelle ich mir unter dieser Zeit der allgemeinen Rechtsherrschaft das vor, was die Gottesgelehrten das tausendjährige Reich nennen.«

Während Heinrich wieder Feuer anschlug, fuhr er fort: »Bisher, Alter, habe ich von dem gesprochen, was sich hier zugetragen hat, jetzt, dächte ich, wär' es Zeit, daß Du auch mir Dies und Jenes von Deinen Erlebnissen mittheiltest. [72] Ich sehe, daß Röschen Dich zum Großvater gemacht hat, denn der Page da hat die ganzen Augen der Mutter.«

»Paul ist mein Enkel, Du hast es errathen, der einzige noch übrige Sprößling meines unglücklichen Kindes! – Lieber Gott, was soll ich viel von meinem Leben voll Arbeit, Mühseligkeit und Drangsal sprechen! – Als ich mit den Meinigen nach jenem entsetzlichen Ereignisse die Flucht ergriff, nahm ich den niederschmetternden Eindruck des Erlebten mit mir in die Fremde. Froh und heiter ward ich nur auf Stunden. Es gelang mir, durch große Sparsamkeit und unermüdliches Arbeiten nach Jahren etwas vor mich zu bringen, wobei meine Tochter mit ihrem Manne mich redlich unterstützte. Röschen gebar ihrem Gatten drei Söhne, wovon Paul der jüngste ist. Sie wuchsen zu unser Aller Freude kräftig auf und ihre Aeltern glaubten, daß vor dem dereinstigen Glück dieser Kinder ihr eigenes Unglück endlich ganz in den Hintergrund treten werde. Obwohl die Aeltern es wünschten, daß sich die um Vieles älteren Brüder Pauls vortheilhaft verheirathen möchten, blieben sie doch ledig, zu unserm Glück, muß ich sagen nach [73] dem, was später sich ereignete. Ich übergehe die kleinen Erlebnisse im Hause, da sie von keiner Wichtigkeit sind. Unser Umgang war so beschränkt, daß wir eigentlich nur unter uns allein lebten und einen kleinen Staat für uns bildeten. Wir waren den Umständen nach zufrieden, denn was wir besaßen, darüber konnten wir nach Belieben verfügen. Es gab keinen Herrn, der uns plagen und schinden durfte, obwohl wir nur zu oft dies Schauspiel bei den armen verdummten Bauern traurigen Blickes mit ansehen mußten. – Da brach die Revolution aus und gestaltete das ganze Land um. Alles, was Waffen tragen konnte, mußte freiwillig oder gezwungen unter die Reihen der Vaterlandsvertheidiger eilen. Auch Pauls ältere Brüder theilten mit tausend Andern das nämliche Schicksal. Sie schlossen sich den gefürchteten Sensenmännern an, und obwohl sie mit ihren Herzen nicht Polen waren, muß ich ihnen doch das Zeugniß geben, daß sie rühmlich und heldenmüthig ihr zweites Vaterland gegen die hereinbrechenden russischen Heere vertheidigten. Bei Ostrolenka fiel der Aelteste, mit Wunden bedeckt kehrte sein Bruder zu uns zurück, um uns die Trauerkunde zu überbringen. Die [74] Mutter warfen Schreck, Kummer, Verzweiflung aufs Krankenlager. Nach kurzer Rast verließ uns der kaum von seinen Wunden Genesene abermals, diesmal in Begleitung seines Vaters. Es galt die Vertheidigung der Hauptstadt, zu der auch ältere Männer dringend aufgerufen wurden. Vater und Sohn schieden mit stummem Händedruck von meiner weinenden Tochter und von Paul, der allein mit mir und zwei jüdischen Dienstboten bei der Kranken zurückblieb. Ich habe die Scheidenden nicht wiedergesehen. Russische Kartätschenkugeln zerrissen Beide in einem Augenblicke auf den Schanzen von Wola! Dieser neuen Todesbotschaft erlag auch Röschen. Sie ruht, von Immergrün umrankt, in den polnischen Wäldern! Ich gedachte bald neben sie gebettet zu werden, als Dein Brief das erlöschende Licht meines Lebens von Neuem anfachte und mich um Kraft zu dieser schweren, gefahr- und mühevollen Reise zu Gott bitten ließ. – Ehe ich aufbrach, verkaufte ich mein Besitzthum an einen vornehmen Russen, dem ich das Leben gerettet hatte und der aus Dankbarkeit dafür nicht wissen wollte, daß zwei meiner Enkel gegen ihn gekämpft hatten. Er verschaffte mir zugleich [75] die nöthigen Papiere, um nicht an den Grenzen als Flüchtling aufgegriffen und zur Strafe nach Sibirien transportirt zu werden. So kam ich denn glücklich nach Preußen, erreichte die heimischen Haiden und sah Dich wieder, den ich hundert Mal unter den Todten geglaubt und gesucht hatte!–«

»Pink-Heinrich stirbt nicht so geschwind,« versetzte gutmüthig lachend der Maulwurffänger, sich selbst mit seinem immerwährenden Feueranschlagen persifflirend. »Aber das muß ich sagen, Jan, ein Glücksvogel bist Du grade nicht geworden, ausgenommen, daß Du selber dem gefräßigen Unthiere, das wir so bescheiden Tod nennen, entgangen bist. Freut mich nur, daß meine alten Augen wenigstens ein Stiftchen von dem lieben saubern Haideröschen sehen, in das ich mein Lebtage vernarrt gewesen bin. Gott gebe ihr eine sanfte Ruhe und Dir, ihrem Ebenbilde, eine fröhliche Zukunft!«

Der Maulwurffänger reichte bei diesen Worten dem Jünglinge seine braune, schwielige Hand, die Paul mit Herzlichkeit drückte. Nur unvollkommen mit den seltenen Schicksalen seiner Aeltern bekannt, vermochte er nicht ein Wort in das für ihn äußerst wichtige Gespräch der beiden [76] alten Freunde zu streuen. Seiner gespannten Aufmerksamkeit entging keine Sylbe von Heinrich's freilich immer dunkler und geheimnißvoller sich gestaltenden Mittheilungen, aber er mußte ihm in natürlichem Rechtsgefühle vollkommen beistimmen und seine noch in undurchdringliche Schleier gehüllten Pläne durchaus billigen. Deshalb sagte er jetzt zu dem alten, graden Manne:

»Ich danke Euch, Freund meiner verstorbenen Mutter und meines Großvaters, für den Eifer, womit Ihr Euch bereit erklärt, einer Angelegenheit Eure Kräfte und Geistesgaben zu widmen, von der ich gegenwärtig wenig mehr begreife, als daß dies Alles mir dereinst im Falle des Gelingens zu Gute kommen soll. Gibt es dabei eine Rolle, die meine Kräfte nicht übersteigt, so möchte ich Euch bitten, mir diese zu übertragen. Ich habe schweigen gelernt und mißbrauche kein mir geschenktes Vertrauen!«

»Brav gesprochen, mein Sohn! Just so dachte und handelte auch Deine Mutter, das schöne, reizende Kind der braunen Haide! – Doch genug für heut, ihr Lieben! Ich merke, der Wind macht sich wieder auf und treibt ein Rudel Wolken vor sich her, die nicht das freundlichste [77] Aussehen haben. Das Wichtigste wißt Ihr jetzt. Morgen, will's Gott, gehen wir unserm Ziele ein paar Schritte näher! Wo habt Ihr Euer Quartier aufgeschlagen?«

»In der Königshainer Schenke bei einem Wirthe, der fürs Leben gern den Führer gemacht hätte!«

»Ha ha ha! Ich kenne den Götzenleopold! Was bei ihm einkehrt, muß sich auch seine gelehrten Bissen in Suppe und Kaffee brocken lassen. Immer laßt ihn reden, bleibt bei ihm heut Nacht und morgen bis Nachmittags, dann aber macht Euch auf mit Zug und Zeug und kommt in mein stilles Haus. Ich wohne in B ..., ein ganz natürlich gemalter Maulwurf, wie er grade aufstößt, zeigt Euch schon von weitem mein Haus an. Ihr trefft mich des Abends sicher, den Tag über muß ich herumstreichen, da ich verschiedene Geschäftsgänge zu besorgen habe.«

»Gott behüte Dich!« sprach Sloboda, dem Freunde zum Abschiede die Hand schüttelnd. »Er hat es wunderbar mit mir vor, seh' ich, und will mich nicht zu Schanden werden lassen zum Jubel meiner Feinde. Morgen Abend, wenn die [78] Sonne zur Ruhe geht, wird Jan Sloboda mit seinem Enkel an Deine gastliche Thür klopfen.«

»Wer da klopfet, dem wird aufgethan!« citirte listig blinzelnd der Maulwurffänger, langte Stahl und Stein aus seiner Westentasche und verschwand, dem Steine häufige Funken entlockend, hinter dem bergenden Tannicht.

Sloboda und Paul stiegen schweigend den Berg hinab nach Königshain, wo sie Götzen-Leopold den ganzen Abend hindurch mit Geschichten und Sagen vom Todten- und Hochsteine unterhielt, die dem alten Wenden größtentheils bekannt waren, den jugendlichen Paul aber höchlichst ergetzten.

5. Kapitel
[79] Fünftes Kapitel.
Die Unterredung.

Heinrichs Wohnung lag etwa eine Stunde hinter den Königshainer Bergen im Dorfe B ..... und bestand aus einem kleinen wohl eingerichteten und in baulichem Stande erhaltenen Häuschen. An Raum war darin kein Ueberfluß, dennoch konnte der Maulwurffänger im Nothfalle drei bis vier Gäste beherbergen, ohne dadurch zu sehr beschränkt zu werden, denn es stand und lag jedes Ding am rechten Orte. Heinrich hatte noch einen Hausgenossen, den früheren Besitzer der Wohnung, der sich nach dem Verkaufe derselben, wie dies in der Gegend uralter Brauch ist, das Gedinge ausgemacht hatte. Es war dies ein stiller, alter Mann von großer, fast übertriebener Frömmigkeit, die stark nach Herrnhuterei [80] schmeckte. In der Jugend war er lange Soldat gewesen, hatte als sächsischer Dragoner tüchtig dreingeschlagen, bei einem Ueberfalle des Feindes aber das Unglück gehabt, daß er, um sicherem Tode zu entgehen, sich auf einen Thurm retten und, um auch hier nicht entdeckt zu werden, aus dem Fenster steigen und an dem blechernen Vorsprunge desselben mit beiden Händen so lange festgeklammert hängen mußte, bis er aus seiner fürchterlichen Lage befreit wurde. Schreck, Todesangst, übermenschliche Anstrengung und Dehnung aller Flechsen zogen ihm bald darauf eine Schwäche in den Armen zu, in Folge deren er einen ehrenvollen Abschied erhielt. In seine Heimath zurückgekehrt ging diese Schwäche in vollständige Lähmung über, so daß er beide Arme nicht mehr ordentlich brauchen konnte und sich auf Arbeiten legen mußte, die keine Anstrengung der Muskeln erforderten.

Schlenker hütete in Heinrichs Abwesenheit das Haus gleich dem treuesten Kettenhunde, vertrieb sich die Zeit mit Lesen religiöser Bücher, namentlich solcher, die Missionsangelegenheiten behandelten und über die Ausbreitung des Christenthums in Asien und auf den Inseln des stillen [81] und indischen Meeres ein Langes und Breites berichteten. Für solche Bücher gab er jährlich ein hübsches Sümmchen aus. War er aber des Lesens müde, so pappte er Düten von allen Größen, die er an die Landkrämer verkaufte, oder reinigte, säuberte und glättete die gegerbten Fellchen der Maulwürfe, welche Heinrich in freien Abendstunden auf mancherlei Weise zu verarbeiten und für sich einträglich zu machen wußte.

Hinsichtlich ihrer religiösen Ueberzeugung waren diese beiden Hausgenossen niemals gleicher Meinung. Heinrich tadelte Schlenker's Hinneigung zum Pietismus und zu zeitraubendem Bitten und Beten, und Schlenker eiferte wieder über den argen Weltsinn seines Hauswirthes und über dessen sündlichen Hang, andern Leuten gelegentlich eine Nase zu drehen. Daß er ihn noch nie in der Kirche gesehen hatte, konnte er ihm vollends gar nicht vergeben. Dennoch aber war er ihm von Herzen gut und konnte Nächte lang in seinem hartgesessenen alten Lederstuhle auf ihn warten und sich die Augen müde lesen, wenn Heinrich, ohne ihn zuvor davon zu benachrichtigen, nicht nach Hause kam.

Besser vertrug er sich mit Heinrichs Bruder, [82] dem Schulmeister Gregor. Dieser war ein Verehrer des Wortglaubens, der nie über irgend eine religiöse Frage oder über einen tiefsinnigen vieldeutigen Spruch der Schrift Zweifel hegte. »Was geschrieben steht, das steht geschrieben,« war sein Grundsatz. Nach diesem brachte er den Kindern die Grundlehren des Christenthums bei und hatte seit einem halben Jahrhunderte beinahe ein paar Generationen zu gehorsamen Unterthanen und zufriedenen Staatsbürgern erzogen. Gregor theilte keineswegs die sehr revolutionären Ansichten seines Bruders, obwohl er dessen größere Geistesgaben willig anerkannte. Nur zuweilen, wenn Heinrich es ihm nach seiner Meinung zu arg trieb, erlaubte er sich, ihn zu ermahnen und sich als christlicher Schullehrer zu zeigen. In solchen, äußerst selten vorkommenden Fällen konnte Gregor sogar beredt werden, während er in der Regel bei aller Aufmerksamkeit, die er nahen und fernen Ereignissen, politischen und religiösen Bewegungen schenkte, doch stets so einsylbig blieb, daß er geradezu häufig albern erschien.

Täglich kam dieses Kleeblatt bei sinkendem Abende zusammen, um sich über die Weltangelegenheiten[83] zu unterhalten, deren Heinrich immer eine Menge von seinen Herumstreifereien mit heim brachte. Häufig geschah es dann, daß sowohl Schlenker als auch Gregor über die frivolen Anmerkungen des Maulwurffängers unwillig wurden und im Zorne die Stube verließen. Beide kehrten jedoch sogleich wieder um, der Schulmeister an der Hausthüre und der ehemalige Dragoner an der Stiege zur Kammer, um nochmals die Stubenthüre zu öffnen und dem schlau lächelnden Haberecht eine gute Nacht zu wünschen.

Am Abende nach dem Zusammentreffen der alten Freunde am Todtensteine waren alle drei beinahe gleichaltrige Männer in Heinrichs Zimmer versammelt, das überall Spuren von der Beschäftigung seines Bewohners trug. Zu beiden Seiten eines schmalen und etwas trüben Spiegels, an dessen oberem Theile die Geschichte vom keuschen Joseph mit karminrother Farbe auf Glas gemalt war, hingen eine Menge länglich runder glänzend heller und feiner Drähte an hanfenen Bindfäden. Hinter dem Spiegel, an den Fensterstöcken und in allen vier Winkeln des Zimmers staken und lehnten große und kleine Bündel biegsamer Birken-, Eichen- und Buchenstäbe, [84] die zu schnellem Gebrauch am einen Ende bereits zugespitzt und etwas gekrümmt waren. Ein Einschnitt am obern Ende, um die Bindfäden darum zu schlingen, war an keinem vergessen.

Der Maulwurffänger saß hinter seinem großen Tisch von ungemaltem weißen Lindenholz und beschäftigte sich, die feinen, zarten und wie Seide glänzenden Fellchen der Feldthiere, die er mit so großem Geschick zu verderben wußte, in ausgehöhlte lange Hölzer fest zu kleben, aus denen er dann Blaseröhre machte, die guten Abgang fanden. Schlenker hatte sich am Ofen postirt, die Beine über einander geschlagen und die breiten, großen Hände seiner lahmen und abgemagerten Arme um das eine Knie geschlungen. Er hörte mit größter Aufmerksamkeit der Erzählung Heinrichs zu, die sein Zusammentreffen mit Sloboda und dessen Enkel schilderte. Auf einem freistehenden Schemel endlich, in ansehnlicher Entfernung vom Tische, wo der Maulwurffänger handthierte, und fast in der Mitte des Zimmers saß Gregor der Schulmeister in seiner altmodischen halbbäuerischen Tracht, denn er ging, wie die alten Leute auf dem Lande, in kurzen schwarzen Manchesterhosen, Strümpfen und [85] Schuhen mit großen silbernen Schnallen, und einem entsetzlich langen und weiten Rocke, dessen Taille grade um eine halbe Elle zu lang war. Ein dreieckiger Hut bedeckte sein viereckiges Haupt gleich dem seines verwegenen Bruders.

Gregor hatte die Gewohnheit, sobald er sich irgendwo setzte, seinen Körper nicht allein in eine rechtwinklige Lage zu bringen, was äußerst komisch aussah, sondern auch die Schöße seines Rockes jedesmal sorgfältig zurückzuschlagen und seine prallen Schenkel Jedermann zu zeigen. Den Grund davon konnte Niemand erfahren, und so oft auch Spötter und Witzbolde sich darüber lustig machten, befreite sich der Schulmeister doch immer wieder von den ihm lästigen Rockschößen, indem er rund und nett erklärte, daß es ihm unmöglich sei, anders in sitzender Stellung sich wohl zu befinden.

»Es ist aber doch mit tausend Schrecken!« sagte Schlenker, als der Maulwurffänger eine Pause machte. »Ja rede mir nur Einer von Krieg und Kriegsnoth! Ich weiß ein Lied davon zu singen, daß es Gott im Himmel erbarme!«

Und der tapfere Dragoner griff nach der [86] neben ihm stehenden zinnernen Schnupftabaksdose, öffnete sie und schüttete sich eine tüchtige Prise auf die Außenseite seiner rechten Hand. Dann schob er die linke darunter und führte beide Hände dadurch, daß er ihnen mit dem Beine einen tüchtigen Ruck gab, an die Nase, die begierig das wohlriechende Kraut einschlürfte. Klotzartig fielen die Hände wieder auf den Schooß zurück, wo sie ein buntes Taschentuch erhaschten, dessen Grundfarben nicht mehr zu erkennen waren. Nachdem auch dies seine Dienste verrichtet hatte, wußte Schlenker dem rechten Arme einen solchen Schwung zu geben, daß er sich mit der Hand bis zur Stirn erhob. Hier setzte sich der Zeigefinger über dem Auge fest und wackelte beim Sprechen fortwährend wie ein bewegliches Horn hin und her, während Schlenker jeden Satz durch eine schütternde Bewegung des Oberkörpers begleitete. Nur in solcher Stellung pflegte er längere Zwiegespräche zu führen oder ernste Ermahnungsreden an Heinrich zu halten.

»Aber, Freund Heinrich,« fuhr er fort, »bildet Euch nur nicht ein, Ihr mit Eurem Briefe hättet den Wenden hieher citirt! Wenn Ihr das glaubt, so thut Ihr Sünde, sag' ich Euch! Daß [87] Jan Sloboda noch lebt und daß Euer Brief wirklich in seine Hände kommen muß, noch mehr, daß, der alte Mann auf Eure Krakelfüße hört und spornstreichs hundert und so und so viel Meilen herkutschirt, endlich Euch gar bei dem alten Götzendieneraltar trifft und Euch flugs erkennt; das, seht Ihr, das ist Gottes allmächtige Fügung! Und weil's justement so gekommen ist und auch kein Stäubchen anders, darum und dessentwegen glaube ich und will's gegen eine Million behaupten, daß Eure Sache gerecht ist und einen gott- und menschengefälligen Fortgang haben wird.«

»Natürlich, natürlich!« sagte der Schulmeister, seinen langen Rohrstock mit dem glänzenden Silberknopfe bald mit der linken bald mit der rechten Hand zwischen den Beinen drehend.

»Gottgefällig ist sie zuverlässig,« erwiederte Heinrich, ein neues Fellchen aufleimend, »den Menschen wird aber, sollt' ich meinen, ihr glücklicher Fortgang verdammt viel Herzeleid machen. Ihr könnt dann Gelegenheit haben, Freund Schlenker, Eure Gebete an den Mann oder vielmehr an den lieben Gott zu bringen, denn an [88] Flüchen, die auf Vergebung harren, wird kein Mangel sein. Da kenne ich meine Leute zu gut!«

»'s Ist gar mit tausend Schrecken, was Ihr für ein gottvergessener Spötter seid!« sagte Schlenker. »Manchmal mach' ich mir ordentlich ein Gewissen darüber, daß ich mit Euch umgehe, zumal vor dem Einschlafen, wo einem die unrechten Gedanken am ärgsten zusetzen.«

»Setzt Euch lieber die Schlafmütze auf,« erwiederte der Maulwurffänger. »Das hält warm und soll ein vortreffliches Mittel sein, einen gesunden und dauernden Schlaf herbeizuführen.«

»Natur, ganz Natur!« meinte Gregor. »Also heute kommt der wendische Mann, der so viel erfahren hat!«

»Heute, wenn Du's erlaubst, Bruder Schulmeister. Ich habe ihn zu mir eingeladen sammt seinem Enkel und schon mit eigenen Händen die Betten für sie aufgeschlagen. Mich wundert's, daß sie noch nicht hier sind! Wie weit, Bruder, bist Du mit der Auszeichnung dieser verwickelten Geschichte?«

»Ich simulire schon geraume Zeit, wie ich das zuletzt Vernommene schicklich in Worte fasse. Es ist ein wichtiger Casus, höchst wichtig und [89] für ein Chronikon wie geschaffen. Ich werde noch eine Nacht dem angestrengtesten Nachdenken opfern.«

»Mach's, wie Du willst, nur vergiß nichts Hauptsächliches.«

»Natürlich, natürlich! Alles Hauptsächliche ist natürlich.«

»Kann sein, bei Euch Schulmeistern, bei uns andern Menschen ist das Hauptsächliche manchmal ganz verflucht unnatürlich! Wer's nicht glauben will, der denke doch nur an diese vermaledeite Grafengeschichte! Du weißt es ja so gut, wie ich, Bruder Gregor!«

Der Schulmeister wollte auf diese Bemerkung eigentlich blos mit einem beistimmenden Kopfnicken Antwort geben, es fuhr ihm aber doch unwillkürlich ein höchst überflüssiges »ganz Natur« heraus, worauf er seine Miene wieder in die würdevollsten Lehrerfalten zu legen suchte.

Schlenker, der sich über die Antwort Gregors höchlichst verwunderte, konnte sein Staunen ebenfalls nicht bemeistern und rief sein ihm sprichwörtlich gewordenes »'s ist gewiß und wahrhaftig mit tausend Schrecken!« was denn dem [90] Maulwurffänger Veranlassung gab, mit der ironischsten Betonung, die ihm zu Gebote stand, und mit jenem vergnüglichen Lachen, das nie laut ward, sondern in der Kehle wieder erstarb, zu betheuern, es sei wirklich mit tausend Schrecken! –

In diesem Augenblicke klingelte messingbeschlagenes Riemenzeug vom Wege her, drei muntere kleine polnische Pferde kamen in schnellem Trabe auf das Haus zu, dessen Maulwurf am Giebel schon von weitem zu erkennen war, und rissen das ärmliche Judenfuhrwerk so schnell über die steinige Straße, daß die Speichen in den Felgen seufzten und ächzten.

»Da kommen sie!« sagte Heinrich in seiner gemüthlichen Ruhe und legte das beinahe fertige Blaserohr weg. »Ich bitt' Euch, Schlenker, fallt mir den Alten nicht gleich mit Euern frommen Redensarten an, daß er nicht denkt, er komme in ein Brüderhaus, und Du, Bruder, laß die steifen Complimente sein! Das dumme Zeug taugt nichts.«

»Disciplin, blos Disciplin,« sagte Gregor höchst bedächtig.

»Dummes Zeug!« wiederholte Schlenker die Hände faltend. »Fromme Redensarten nennt [91] der gottlose Mann dummes Zeug! Himmlischer Vater, ich bitte Dich, hör' ihn nicht, denn er weiß wahrlich nicht, was er spricht! –«

Inzwischen hatten Sloboda und Paul den polnischen Planwagen verlassen und wurden von Heinrich ins Zimmer geführt. Neugierig starrten Gregor und Schlenker die Ankömmlinge an, die ihrerseits keine Rücksicht auf sie nahmen. Erst als Heinrich ihre Namen nannte, wünschte der ernste Sloboda Beiden einen guten Abend und reichte Jedem die Hand zum Gruße.

»Ehe wir eins ins andere reden, Freund Jan,« begann der Maulwurffänger, »sage mir, was Du mit Deinem Judengesindel anfangen willst. In mein Haus nehme ich das Volk nicht auf, und ob sie der Kretschamwirth beherbergt, bezweifle ich auch; denn wir haben ein Gesetz in den Lausitzen, nach dem Niemand verbunden ist, das Volk von Schacherern und Betrügern über Nacht bei sich zu behalten.«

»Ich werde sie ablohnen,« erwiederte Sloboda. »Pferde und Wagen sind ihr Eigenthum und von mir nur auf die Dauer der Reise gemiethet. Brauche ich später wieder einen Wagen, um meine etwas stumpf gewordenen Glieder [92] fortzuschleppen, so wirst Du schon für ein leidliches Transportmittel sorgen.«

»Natürlich, ganz Natur!« sagte Gregor der seinen langern hagern Körper wieder auf den Schemel hatte niederknicken lassen.

Da sich der Wende schon früher mit seinem jüdisch-polnischen Fuhrmann über den Preis geeinigt hatte, war die Ablohnung bald geschehen und mit einem wohlthuenden Gefühl heimischer Sicherheit sah er das ärmliche Gefähr mit den wild davon galoppirenden Pferden im Sandstaub der Straße hinter dem Dorfe verschwinden.

»Ihr seid ein vielgeprüfter Mann,« redete jetzt Schlenker den Wenden an, ihm seine steif herabhängende kühle und stets feuchte Hand aufdringend, ›bedenkt aber nur, daß wen Gott lieb hat, den züchtigt er!‹ und Ihr werdet genugsame Ursache finden, ihm ein Hosiannah anzustimmen! »In der Perlenburger Bibel könnt Ihr eine grausam prächtige Abhandlung über das Hosiannahsingen lesen – ich will sie Euch nach dem Abendsegen bringen – denn es ist gar mit tausend Schrecken, was der Herausgeber dieses seltenen Bibelbuches für ein hochgelahrter Mann gewesen sein muß!«

[93] »Hochgelahrt, sehr hochgelahrt!« betheuerte Gregor, die in Unordnung gekommenen Rockschöße behutsam bis an die Schemellehne zurückschiebend.

»Ich danke Euch!« erwiederte Sloboda, die Bank hinter dem Lindentische einnehmend. »Meine Augen legen mir ab, so daß ich des Abends bei Licht nicht mehr gut Gedrucktes lesen kann, es wäre denn sehr große Schrift.«

»O eine Schrift für Blinde!«

»Halt Dein Maul, Freund Schlenker!« fiel Heinrich dem Frommen in die Rede. »Was wir zusammen mit einander zu verhandeln haben, geht allem Bibellesen vor; hat Jan später noch Lust dazu, so könnt Ihr ihn meinetwegen in's Gebet nehmen, so lange Ihr wollt, und ihm alle Lügen hererzählen, die Ihr Euch von den Missionsblättern aufbinden laßt.«

»Lügen, Bruder Heinrich, ist in diesem Falle kein gewähltes Wort,« bemerkte der Schulmeister, »ich würde lieber Unrichtigkeiten sagen. Lehrer der christlichen Religion pflegen nicht zu lügen.«

»Wie Du willst, Gregor, meinethalben bring's zu Papiere.«

[94] »Natürlich, natürlich!«

Schlenker schüttelte den Kopf, setzte sich wieder auf die Ofenbank, die Beine über einander schlagend und beide Hände gefaltet über seine Knie legend. In dieser Stellung verharrte er den ganzen Rest des Abends und hörte mit größter Spannung dem Gespräche Heinrichs mit Sloboda zu. Nur wenn er das Bedürfniß fühlte, eine Prise Tabak zu nehmen, machte er regelmäßig die schon beschriebenen wunderlichen Bewegungen. Auch Gregor mischte sich nicht in das Gespräch, nur bei Stellen, die ihn besonders ansprachen oder wo sein Bruder sich direct an ihn wandte, ließ er sein bekräftigendes »Natürlich« hören.

Das Erste, was der Maulwurffänger hervorholte, war jenes räthselhafte Papier, dessen Entstehung sich eben so leicht erklären ließ, als es beide befreundete Männer wunderte, daß nie ein Wort davon zu ihrer Kenntniß gelangt war. Nur die Annahme, daß Röschen in Folge des Verlustes der Verschreibung an deren Giltigkeit völlig verzweifelt sein möge, und deshalb mit Absicht über deren Empfang gänzliches Stillschweigen [95] beobachtet habe, gab im Nothfall den Schlüssel dazu her.

Als sich Sloboda von der Aechtheit des Papieres und der Handschrift des Grafen vollkommen überzeugt hatte, drang er in Heinrich, ihn mit seinen Plänen und Schritten, die er beabsichtige, bekannt zu machen. Der Maulwurffänger war dazu bereit und ließ sich in eine genaue Auseinandersetzung des Geschehenen ein, alles Muthmaßliche vor der Hand noch ganz bei Seite schiebend.

»Du mußt vor Allem wissen,« sagte er, »daß die früheren mächtigen Grafen von Boberstein schon seit Jahren weiter nichts sind, als speculirende Handelsherren, die sich in dieser neuen Eigenschaft des Grafentitels begeben haben, da das Markten und Feilschen allem Adel schlecht zu Gesicht steht. Sie nennen sich jetzt als Großhändler einfach Herren am Stein. Solcher Herren am Stein leben gegenwärtig noch drei, wovon zwei schon sehr lange auf großen Reisen sind, wie es heißt, der älteste aber auf seinem Grund und Boden geblieben ist. Ich will dem Manne, den ich nur selten gesehen habe, nichts Böses nachsagen, nur so viel bemerke [96] ich, daß ihn der Ruf als hartherzig und egoistisch schildert. Den Rest des väterlichen Erbes, in nicht viel mehr bestehend als dem Grundbesitz der zur eigentlichen Stammburg gehörenden Ländereien, hat er klug angelegt, indem er, die Zeit und ihre Bestrebungen richtig deutend, eine bedeutende Fabrik errichtet hat und wohl gegen tausend Arbeiter darin beschäftigt.«

»Wenn das der maßlos stolze Blauhut geahnt hätte,« fiel Sloboda ein, »er würde sich noch im Grabe umwenden vor Aerger und Zorn! Aber was fabriciren denn die ehemaligen Herren Grafen?«

»Röcke für die Ungläubigen,« versetzte der Maulwurffänger mit boshaftem Lächeln.

»Für die Ungläubigen?«

»Wie ich Dir sage, Jan, für die Ungläubigen! Die Herren am Stein spinnen nämlich Baumwolle, ein Artikel, von dem man behauptet, daß sich mit leichter Mühe die Erde von dem gegenwärtig vorhandenen Vorrathe desselben drei- bis viermal einwickeln lassen könnte. Mir gefällt es eigentlich von den großen Herren, daß sie jetzt bedacht sind, das nackte Elend, die heulende Armuth, den frierenden Mangel mit ihrer [97] Hände Arbeit zu bekleiden, woran sie selbst schwerlich denken werden. Früher sannen sie immer nur darauf, den Leuten die Kleider vom Leibe zu reißen, was ihnen, wie Du ja weißt, besonderes Vergnügen machte. So ändern sich die Zeiten! – Nun, wie gesagt, diese großmächtigen Herren sind jetzt großmächtige Baumwollenspinner und nebenbei Garnbleicher geworden. Beide Geschäfte sind in gutem Gange und mögen 'was Tüchtiges eintragen. Ich schließe dies daraus, daß der Aelteste am Stein im vorigen Jahre den Versuch machte, ein Stück Land, das seinen Vorfahren gehörte, beim Tode seines verschuldeten Vaters aber in fremde Hände übergegangen war, durch Kauf wieder an sich zu bringen. Ob es ihm gelungen ist, weiß ich nicht, denn ich bin seit langer Zeit nicht mehr in jene Gegend gekommen, die mich, wie Du leicht denken kannst, nicht sehr anlockt.«

»Wo wohnen sie denn?«

»Auf der Burg Boberstein.«

»Auf dem zerstörten Schlosse des alten Grafen?«

»Auf jenen schwarzen Trümmern hat der gegenwärtige Herr am Stein die himmelhohen [98] Gestocke seiner großen Spinnerei erbauen lassen. Er selbst bewohnt ein bescheidenes Häuschen dicht unter dem Felsen, wovon er seinen neuen Namen als Handelsherr entlehnt hat. Unter seines Gleichen nennt er sich nach wie vor Graf von Boberstein.«

»Dies kann, scheint mir, unser Geschäft sehr erschweren, da sich der jetzige Herr am Stein gar nicht auf die Sache einlassen wird.«

»Man muß es versuchen, Jan, und einige krumme Wege nicht verschmähen. Ihn zu kirren, habe ich mir folgende List ausgedacht. Wir besuchen ihn in seiner Spinnburg als Fremde, die seine großartigen Werke zu besehen wünschen. Um mehr Respect einzuflößen, geben wir uns für Russen aus, das öffnet uns alle Thüren, oder ich müßte unsere deutschen Herren nicht kennen. Er wird keinen Zweifel in unsere Aechtheit setzen. Haben wir uns nun auf's Genaueste über den Zustand der Fabrik, über ihre in- und ausländischen Verbindungen und so fort Kenntniß verschafft, so bringst Du wie von ungefähr das Gespräch auf die Grafen von Boberstein und fragst naiv, als wissest Du gar nichts von der noblen Race, was denn aus ihnen geworden [99] sein möge? Das altadlige Blut wird diese Frage nicht ruhig hinnehmen und der Baumwollenspinner keine Minute anstehn, sich mit selbstgefälligem Stolz als Stammhalter des alten Geschlechtes uns vorzustellen. Was dann zu thun sein wird, hängt von den Umständen ab. Jedenfalls genügt dieser Besuch, uns Fuß fassen zu lassen und uns die Herren am Stein als die wahren Grafen von Boberstein kennen zu lehren. Noch wird es nöthig sein, daß der Fabrikherr dieses Geständniß vor vielen Zeugen ablegt.«

»Natürlich, natürlich!« sagte der Schulmeister.

»Mich schaudert, jene Gegend wieder zu betreten,« erwiederte düster der alte Wende. »Alle Schrecknisse werden wieder aufsteigen vor meinen Augen und beim Dienst der Leibeigenen werde ich alle Pein nochmals empfinden, die ich und die Meinigen so lange Jahre ertrugen.«

»Laß Dich davon nicht abschrecken,« sagte Heinrich beruhigend. »Auch in dieser Hinsicht haben die Jahre eine völlige Umwälzung bewirkt. Die jetzigen Herren am Stein haben so wenig über einen Unterthanen zu gebieten, wie ich. Es gibt bei uns keine Leibeigenen [100] mehr seit jener Katastrophe! Das Volk ist frei, wie die Herren, es kann sich jetzt beliebig in vollkommenster Freiheit ertränken, erhängen, erschießen oder freiwillig verhungern. Die Hungerfreiheit, sagt man, sei die am häufigsten vorkommende, weshalb es Hunderte gibt, die sie um einen Spottpreis losschlagen, und sich als Knecht bald der Menschen, bald der Maschinen verdingen.«

»Nun so vergeb' ich dem Feinde meiner Familie seine Ungerechtigkeiten,« sagte Sloboda feierlich, »ja ich segne seine Frevel, da sie Ursache geworden sind, eine Einrichtung aufzuheben, die kein göttliches Gesetz billigen kann! Wo es keine Leibeigenen gibt, da steht die Thür des Paradieses offen! Nur der freie Mensch ist das Ebenbild Gottes, der Knecht ein verkrüppeltes Scheusal, Mitleid und Abscheu in gleichem Maße erregend!«

»So glauben wir, Jan, und wohl uns, daß wir diesen Glauben haben, geht man aber der Sache näher auf den Grund, so mindert sich unsere Freude, wird unser Entzücken herabgestimmt. Das Wort ›Freiheit‹ hat die neue Zeit wirklich an's Licht gebracht, ihr Wesen aber [101] liegt noch tief verborgen im Schooße der Zukunft! Vielleicht muß das Menschengeschlecht noch einige Revolutionen, wie jene erste französische, erleben, ehe dies heilige Kind, dieser wahre Sohn Gottes und der Menschen, zum Heil der Welt geboren wird!«

»Mein lieber Heinrich,« unterbrach hier Schlenker den Maulwurffänger, »wenn Ihr noch lange so fortfahrt in der Gotteslästerei, so muß ich, ich mag nun wollen oder nicht, die Stube meiden! Es drückt mir das Herz ab und bringt mich um alle gottseligen Gedanken! Bedenkt doch, es ist ja mit tausend Schrecken!«

»Ganz Natur!« betheuerte Gregor.

»Nun so geht zum Teufel!« versetzte Heinrich kurzab, verdrießlich, daß ihn der Fromme in seinen besten Gedanken unterbrochen hatte.

Schlenker stand beleidigt auf, der Schulmeister folgte. »Es steht in der Schrift,« sagte der Fromme, »wir sollen nicht sitzen im Rathe der Spötter und Thoren! Darum verlasse ich Euch, Heinrich, bis daß Ihr in Euch gehet und Euch bekehrt!«

Gregor nickte stumm mit dem Kopfe und schritt dem voranwackelnden Schlenker, dessen [102] Strümpfe bis auf die Schuhe herabhingen, steif und gravitätisch nach. Kaum aber war die Thür hinter den beiden wunderlichen Leuten zugefallen, als sie Gregor auch schon wieder aufriß und beide die Köpfe durch den Spalt hereinschiebend, der Schulmeister den seinigen über den Schlenker's, dem Maulwurffänger eine gute Nacht wünschten. –

»So sind nun die Menschen,« nahm Heinrich lächelnd wieder das Wort. »Die Wahrheit mögen auch die Besten und Gutherzigsten nicht hören, und doch verlangt man, es solle besser werden auf Erden! – Sieh, Sloboda, das allein verbittert mir oft die reinsten Stunden und läßt mich zuletzt an allem Großen und Dauernden verzweifeln! Ich bin weder so klug noch so beschränkt, wie die großen Gelehrten; ich habe auch in ihrem Sinne wenig gelernt. Meine Schule war und ist noch die Erfahrung, die Beobachtung, das große und kleine Leben des Volkes und der Natur. Was mit diesem nicht übereinstimmt, halte ich für unächt, für erkünsteltes Product irgend eines verkünstelten Geistes! – Ich spreche selten mit Jemand von diesen meinen Ansichten, denn ich finde selten [103] Gehör und habe es mir schon oft müssen gefallen lassen, daß mich vornehme Leute einen verschrobenen Narren nannten. – Nun was thut's? Ein Licht, das, vom Zufall angezündet, unsern Geist mit klarer Helligkeit erfüllt, können auch die witzigsten Spötter nicht auslöschen. Deshalb lasse ich Spott und Scherz über mich ergehen, wie ich es mir erlaube, gelegentlich dieselbe Münze ebenfalls auszugeben. Es wird aber nur zu bald eine Zeit kommen, in der Viele, wo nicht alles Volk erkennen werden, daß es noch sehr jämmerlich aussieht in unsern wohlgeordneten Staaten, daß unsere Gesetze häufig nur die Stützen der Willkür sind und daß, wie ehedem die rohe Gewalt, jetzt das kalte Metall die Alleinherrschaft in der Welt ausübt! Die Sclaverei hebt man auf und die Engländer, hab' ich in den Blättern gelesen, wollen alles Ernstes den verruchten Menschenhandel abschaffen, aber Niemand denkt daran, den immer härter werdenden Sclavendienst inmitten unserer christlichen Gesellschaft aufzuheben! Man kennt und steht ihn nicht, oder will ihn nicht sehen und kennen! Wir, Sloboda, in deren Gedächtniß noch unverwischt die Schrecken brutalen Herrendienstes [104] leben, wir wollen uns mit dieser neuen Sclaverei, die sich über die ganze alte Welt verbreitet hat, genauer bekannt machen und morgen am Tage unsere Wallfahrt beginnen.«

»Soll Paul uns begleiten?«

»Nein, er wird stören.«

»Ich werde Euch hier erwarten, Großvater.«

»Erwäge, was ich Dir gesagt habe,« ermahnte nochmals Heinrich den Greis. »Nur List kann uns zum Ziele führen. Wenn der Tag graut, werde ich Dich wecken.«

»Gute Nacht! Ich werde bereit sein,« versetzte Sloboda und zog sich mit Paul in die enge Kammer zurück, die der Maulwurffänger für seine Gäste in Bereitschaft gesetzt hatte.

6. Kapitel
[105] Sechstes Kapitel.
Der Herr am Stein.

Auf der Felseninsel eines kleinen, aber tiefen See's mitten in der Haide lag die Fabrik der Herren am Stein. Zwei thurmhohe Schornsteine, aus roth gebrannten Backsteinen erbaut, ragten hoch in die Luft und fesselten die Blicke des einsamen Wanderers schon in meilenweiter Entfernung durch ihre langen und breiten schwarzen Rauchwimpel, die weithin über die stille Waldung wehten. Die vielen Sandwege, die von allen Seiten durch die Haide nach dem See führten, einigten sich an dessen Ufern in einem breiten Landungsplatze, an welchem stets eine Fähre lag, die mit den Dampfmaschinen der Fabrik in Verbindung stand und sehr häufig Waarenballen und ab- und zugehende Geschäftsund [106] Arbeitsleute bald nach der Insel, bald von dieser zurück an's feste Land übersetzte. Etwa eine volle Stunde rund um diesen See bestand die Haide aus schönem, jungem, überaus harzreichem Kiefer- und Fichtenholz, durchwachsen von üppig wucherndem Gestrüpp. Die Schlankheit der Stämme und ihre in Vergleich mit der übrigen Waldung unbeträchtliche Höhe zeigten deutlich, daß dieser Theil der Haide vor einigen Jahrzehnten ganz ausgerottet und erst später wieder bepflanzt worden sein mußte.

Unweit des Ufers auf der felsigen Insel fiel ein heiteres, in leichtem, geschmackvollem Styl erbautes Wohnhaus in die Augen. Es bestand blos aus einem Erdgeschoß und erstem Gestock und war mit niedrigem Schieferdache versehen. Grüne Jalousien vor den Fenstern, ein wohlgepflegter Blumengarten mit einem Pavillon, den ein dunkelblaues Dach mit glänzendem Goldknopf zierte, gaben ihm das Ansehen einer ländlichen Villa. Hinter diesem Wohnhause zog sich der Weg in mehrfachen Krümmungen den Granitfels hinauf bis zum Thor der Fabrik, deren fünfstockige weißglänzenden Gebäude mit ihren zahllosen Fenstern ein großes Fünfeck bildeten [107] und einen sehr geräumigen Hof umschlossen. Ein Blick genügte, um jeden Wanderer zu überzeugen, daß diese Fabrikgebäude auf den festen Trümmern alten Gemäuers errichtet worden waren, deren Ueberreste mit den gothischen Verzierungen unverkennbar auf ein hohes Alter hinwiesen. Das alte Thor mit seinen Spitzbogen, der ein feingemeißeltes mit Moos und Flechten überzogenes Wappenschild umschloß, und über diesem ein verwitterter starker Mauerkranz mit Schießscharten konnten nicht eine Minute in Zweifel lassen, daß hier ehedem ein altes ehrwürdiges Feudalschloß aus den bessern Zeiten des Mittelalters gestanden habe.

Die große Menge von Arbeitern, welche in der Fabrik auf dieser Insel beschäftigt waren, hatte die nächste Umgebung derselben seit einigen Jahren bedeutend lebhafter gemacht, als andere Gegenden der Haide. Ein kleines Dorf war mitten im Walde entstanden, ausschließlich von den Arbeitern und ihren Familien bewohnt. Hie und da hatte man die Haide gelichtet und Kartoffelfelder nebst einigen Wiesen zu gewinnen gesucht, die von murmelnden Waldbächen, welche in den See mündeten, bewässert wurden und[108] das allernöthigste Futter für die wenigen Ziegen lieferten, welche die armen Häuslerfamilien hielten. Weiterhin gab es Pechhütten und Kohlenbrennereien, die auf Kosten der Fabrikherren betrieben wurden. Alles Holz, was zum Kohlenbrennen nicht tauglich war, zog die Fabrik an sich und verwandte es zu Heizung der Dampfmaschinen.

Am dritten Tage nach der im vorigen Kapitel mitgetheilten Unterredung zwischen Heinrich und Sloboda war Adrian von Boberstein, Besitzer und Leiter der Fabrik, in dem erwähnten villaartigen Hause am Seeufer beschäftigt, mit seinem ersten Buchhalter die Rechnungen durchzusehen. Adrian war acht und dreißig Jahre alt, hatte ein wohlgefälliges Aeußeres und einen vornehmen Anstand, der eher einen Diplomaten, als einen Fabrikherrn in ihm hätte vermuthen lassen. In gewisser Hinsicht stand auch seine Handlungsweise damit im vollkommensten Einklange. Adrian war einer jener klugen Diplomaten der Industrie, die in unsern Tagen mehr als die der Politik die Geschicke der Völker bestimmen und jene unheimlichen Beschlüsse über Krieg und Frieden entwerfen, von denen [109] das Wohl der europäischen Gesellschaft abhängig ist.

Mit übergeschlagenen Beinen in einem weichgepolsterten Lehnstuhl von massivem Mahagonyholze nachlässig ruhend und eine aromatisch duftende Cigarre von ächtestem Havannah rauchend, deren tief dunkelblaues Gedüft er mit wohlgefälligem Lächeln verfolgte, ließ sich Adrian von dem Buchhalter Bericht erstatten über die Ausgaben der letzten Woche an Arbeitslohn. Der Buchhalter las:

»Hundert und zwanzig Feinspinnern jedem Einzelnen einen Thaler fünf Silbergroschen.«

»Streichen Sie für nächste Woche diese fünf Silbergroschen, Herr Vollbrecht,« unterbrach Adrian den Vortragenden. »Die letzten Briefe meiner Correspondenten in Leipzig, Hamburg, Wien und andern Plätzen berichten, daß uns ein großer Gewinn sicher ist, wenn wir auf den nächsten Messen alle Concurrenten durch Billigkeit unserer Wolle aus dem Felde schlagen können. Dies läßt sich leicht durch eine Herabsetzung des Arbeitslohnes erreichen, der ohnehin zu hoch war.«

»Aber Herr Graf –«

[110] »Herr am Stein, lieber Vollbrecht, wenn's beliebt!«

»Nun denn, Herr am Stein, die Arbeiter klagen schon seit langer Zeit, daß sie mit dem jetzigen Lohne kaum mehr ihre Familien unterhalten können! Der harte Winter von 29 auf 30 ist sehr vielen dieser Armen gefährlich geworden und hat ihre geringen Ersparnisse gänzlich erschöpft.«

»Desto besser, so haben wir sie in unserer Gewalt! Es ist nicht gut, wenn der Arbeiter wohlhabend wird. Das macht ihn nur stolz, brutal, aufsätzig, wie wir's vor einigen Jahren schon einmal erleben mußten. Damals hätte es noth gethan, wir hätten diese Elenden mit Bitten bestürmt und sie vom Kopf zur Zehe übergoldet, nur um ein paar Hände zu bekommen. Ich habe mir diese Lehre gemerkt und mich fest entschlossen, es nie wieder dahin kommen zu lassen. Noch einige Jahre und die im Wohlleben schwelgenden Arbeiter wären unsere Gebieter geworden! Gott Lob, mein und einiger Collegen System hat bereits angefangen, Früchte zu tragen! Das unmerkliche Schmälern des Lohnes, durch die große Concurrenz leicht zu rechtfertigen, [111] hat diese Uebermüthigen uns wieder unterthänig gemacht. Sorglos verpraßten sie inzwischen ihre Ersparnisse, der schwere Winter half auch mit zehren und jetzt haben sie nichts mehr als ihr gutes Auskommen von einem Tage zum andern. Was wollen sie mehr? Ihr Verdienst wird ihnen pünktlich zur Stunde ausgezahlt, während wir armen Speculanten die Gefahr des Wagens stets mit in Anschlag bringen und sie häufig genug mit Gleichmuth überwinden müssen.«

»Sie sprechen von einem guten Auskommen Ihrer Arbeiter, Herr am Stein, und müssen doch wissen, daß schon seit Jahr und Tag die Kartoffel der Meisten alleinige Nahrung ist!«

»Kartoffeln sind eine sehr nahrhafte Kost und geben Kraft. Man merkt's an den vielen Kindern dieser Spinner und Weber! Und überdies gibt es noch Hunderttausende, für die ein Menschenfreund auch sorgen muß. Der Arme will sich kleiden, will sich billig kleiden, mithin dürfen baumwollene Stoffe nicht theuer sein. Streichen Sie also ganz ruhig die fünf Silbergroschen!«

Kopfschüttelnd gehorchte der Buchhalter und fuhr fort:

[112] »Sechzig Wollzupfern einem Jeden 171/2 Silbergroschen.«

»Sind das nicht Mädchen von vierzehn bis siebzehn Jahren aus den Gemeindehäusern?«

»Allerdings, Herr am Stein.«

»Und diese bekommen wöchentlich einen so hohen Lohn? Das geht nicht, das muß geändert werden! Machen Sie 15 Silbergroschen bis nach Beendigung der Leipziger Michaelismesse! Das Wollezupfen ist eine bloße Tändelei, keine Arbeit. Man muß unnöthige Ausgaben ersparen, um so mehr, als ich nächstens eine dritte Dampfmaschine zu stellen genöthigt bin, um den Anforderungen der Zeit zu genügen.«

»Es sind Waisen, Herr am Stein!« sagte Vollbrecht bedeutungsvoll. »Keines dieser armen Mädchen besitzt mehr als einen Anzug, nicht einmal an Sonn- und Feiertagen können sie sich, wie ihre glücklicheren Schwestern, das Haar mit einem bunten Tuche umwinden. Sie müssen von ihrem Verdienste all' ihre Bedürfnisse bestreiten und Eine oder die Andere theilt wohl auch noch einer kränkelnden, hinfälligen Mutter etwas davon mit!«

»Lieber Vollbrecht,« versetzte Adrian ruhig, [113] »wenn ich mich um den häuslichen Kummer meiner mehr als tausend Arbeiter kümmern und ihn heilen wollte, so müßte ich die Schätze des Krösus besitzen. Ich bin selbst nicht reich, wie Sie wissen, ich suche nur die mir verliehenen Mittel auf eine unserer Zeit angemessene Weise anzulegen und zum Besten der Menschheit zu vermehren. Wem mein Lohn nicht behagt, den will ich nicht halten. Er mag gehen und wo anders sein Unterkommen suchen. Was ich zahlen kann, das gebe ich, und junge Mädchen gedeihen am besten, wenn sie frugal leben. Das macht sie nicht üppig.«

Der Buchhalter las seufzend weiter:

»Achtig Spindelknaben, jedem Einzelnen zehn Silbergroschen.«

»Eigentlich sollte ich diesen Lohn ebenfalls verringern, indeß mag er für die nächsten Wochen noch fortbestehen, da in letzter Zeit mehrere Unglücksfälle vorgekommen sind. Ich will nicht unbillig sein und die Gefahr der Beschäftigung so gut wie die Beschäftigung selbst bezahlen. Fahren Sie fort, Vollbrecht.«

»Den Käutchenschlingern, jedem Einzelnen zwanzig Silbergroschen.«

[114] »Setzen Sie 15 für die Zukunft! Diese Arbeit wird vom nächsten Montage an eine bloße spaßhafte Unterhaltung sein, sobald die Käutchenmaschinen aufgestellt sind!«

»Ich erlaube mir, Ihnen zu widersprechen, Herr am Stein. Die Arbeit wird durch die Maschine erschwert, da der Arbeiter beinahe noch ein Mal so viel Käutchen liefern muß, als früher, wo er blos mit seinen eigenen Händen arbeitete! Legen Sie den armen Menschen, die ohnehin meistentheils in Ihrer Fabrik Verunglückte sind, lieber einige Groschen zu, da sie einen bedeutenden Vortheil durch die Maschinen gewinnen.«

»Vom Gewinn lebt der Kaufmann, für den Gewinn speculirt er. Die Maschinen kosten Geld, viel Geld, und ehe die Arbeiter das Käuteln auf denselben lernen, werden sie mir manches Schock Garn verderben. Schreiben Sie 15 statt 20 und halten Sie mich nicht länger durch Ihre humanistischen und kosmopolitischen Einwürfe auf.«

Nach dieser, in spöttischem Tone vorgebrachten Bemerkung enthielt sich Vollbrecht jedes neuen Einwurfes bei den noch häufigen Lohnverkürzungen, [115] die Herr am Stein zu besserm Gedeihen seiner Fabrik anordnete. Der reiche Mann that dies mit dem heitersten Gleichmuth, ohne eine Miene zu verziehen oder nur seine bequeme Lage im prächtigen Polsterstuhle zu ändern. Er wußte, daß er ungestraft so verfahren durfte, da er längst vielleicht noch genauer von dem Zustande seiner Arbeiter unterrichtet war, als der menschenfreundliche, an fremdem Unglück innig Antheil nehmende Vollbrecht. Adrian gründete eine mit diplomatischer Schlauheit berechnete Speculation auf diese Lohnverkürzung, die aller Wahrscheinlichkeit nach nicht mißglücken konnte. Es lag nämlich in seinem Plane, während des Winterhalbjahres bei heruntergesetztem Lohne noch einige hundert Arbeiter mehr anzunehmen und deshalb eine dritte Maschine zu stellen. Durch so viele Hände hoffte er binnen sechs Monaten so viel Waare zu liefern, daß er andern Concurrenten damit den Rang ablaufen und durch billigere Preise sie nicht allein für kurze Zeit völlig beseitigen, sondern sie auch zwingen könnte, ihren Arbeitern ebenfalls geringeren Lohn zu geben, was dann seinerseits eine abermalige Lohnverkürzung zur Folge haben mußte. Durch diese [116] doppelte Betrügerei oder fein angelegte Speculation mußte Adrian über hunderttausend Thaler rein verdienen. Sie machte ihn ferner zum Ersten in seinem Fache und lieferte alle Arbeiter, die ihm früher die Zähne gewiesen hatten, so ganz in seine Gewalt, daß sie völlig von seiner Gnade abhängig wurden. Mit dem Ueberschuß des neu gewonnenen Kapitals wollte Adrian einen Theil der Güter wieder an sich bringen, die sein wilder sittenloser Vater durch schlechte Wirthschaft, verbunden mit den lang dauernden Kriegsstürmen und den gewaltigen Umwälzungen in allen Verhältnissen, verloren hatte.

Inzwischen setzte sich die Fähre vom Seeufer her nach der Insel zu in Bewegung, beladen mit einer Menge Ballen und vielen Menschen. Adrian sah dies aus den Fenstern seines Arbeitszimmers, achtete jedoch wenig oder gar nicht darauf, da sich das nämliche Schauspiel täglich mehrmals wiederholte. Der Buchhalter packte seine Bücher zusammen und entfernte sich, doch kehrte er schon nach einigen Minuten wieder zurück, um dem Herrn am Stein zu melden, daß zwei Fremde ihn zu sprechen und die Fabrik zu sehen begehrten.

[117] Adrian hatte es gern, wenn man im Auslande von seinem Etablissement sprach. Er wies daher Niemand zurück, der Interesse für Maschinenwesen und Industrie zeigte, vielmehr ließ er sich meistentheils herab, Fremde selbst herumzuführen und mit großer Zuvorkommenheit alle ihre Fragen zu beantworten. Er bat also auch jetzt, die fremden Ankömmlinge vorzulassen, damit er sich mit ihnen unterhalte und nach dem Grade ihrer Bildung sein eigenes Betragen abmesse.

Gewohnt, immer nur Personen aus den vornehmen oder den vorzugsweise so genannten gebildeten Ständen unter den wißbegierigen Besuchern zu finden, war er überrascht jetzt auf ein Mal zwei Männer des niedern Volkes zu erblicken, die noch dazu ihrer veralteten Tracht nach mit der Zeit wenig fortgeschritten zu sein schienen. Diese Fremden waren, wie unsere Leser schon errathen haben, der Wende Sloboda und sein Freund der Maulwurffänger. Beide gingen so gekleidet, wie wir sie bereits kennen, nur hatte Sloboda auf Anrathen seines Freundes den schmalen Lederriemen, den er für gewöhnlich um Stirn und Haar schlang, abgelegt, um durch ihn nicht Anlaß zu Vermuthungen zu [118] geben, die er jetzt noch nicht hervorgerufen wissen wollte.

Adrian empfing die beiden alten Männer mit kühler Höflichkeit, indem er nach ihrem Begehr fragte. Sloboda antwortete darauf, er komme aus dem Innern Litthauens, um die Fortschritte der Industrie in Deutschland und namentlich die außerordentlichen Verbesserungen hinsichtlich der Maschinenspinnerei, die bei ihnen noch nirgends eingeführt sei, kennen zu lernen. Er selbst sei von Geburt Deutscher, habe sich von jeher mit dem Manufactur- und Fabrikwesen beschäftigt, und gehe damit um, die große Wohlthat der Maschinenspinnerei auch seinen jetzigen neuen Landsleuten wo möglich zu Theil werden zu lassen. Diese ohne Schüchternheit und Zurückhaltung gegebene Erklärung ihres Besuches ererregte kein Mißtrauen in Adrian, sie machte ihn eher etwas freundlicher, da er sich für Rußland interessirte, und während er die beiden Männer ihm zu folgen einlud, stellte er manche Frage an den Wenden über die gegenwärtige Lage Polens nach dessen Unterjochung durch die Russen, über die dortigen Aussichten für Industrie[119] und dergleichen, die Sloboda bereitwillig und zu seiner Zufriedenheit beantwortete.

Dabei hatten sie den sich krümmenden Felsenweg zu den Fabrikgebäuden erstiegen und das alte, vollkommen erhaltene Eingangsthor des ehemaligen Grafenschlosses erreicht. Sloboda blieb stehen und betrachtete aufmerksam die gothischen Steinschnörkel und das colossale Wappenschild, von zwei Löwen gehalten, in deren geöffneten Rachen Sperlinge ihre Nester gebaut hatten.

»Es fällt Ihnen gewiß auf,« sagte Adrian, »daß Sie über dem Eingangsthore einer Spinnfabrik ein gräfliches Wappen von uralter Herkunft erblicken. Andere Zeiten, andere Sitten, meine Herren, könnte man hier sagen! Ehemals stand hier ein stattliches Feudalschloß, deren Besitzer mächtige Herren waren und sich rühmen durften, es an Reichthum jedem Fürsten gleich zu thun. Unglückliche Ereignisse, Stürme der Zeit, die Niemand voraussehen, Niemand abwenden kann, brachen die festen Mauern auch dieses Schlosses, und damit wenigstens sein unzerstörbar fester Grund etwas nütze, ward vor mehreren Jahren auf die Trümmer der alten Burg die Fabrik erbaut, die besser, als die früheren [120] Bewohner des Schlosses, Wasser, Wald und Sumpf, welche sie rings umgeben, sich auf nutzbare Weise zinsbar zu machen versteht.«

»So etwas kommt häufig vor in unsern Tagen,« versetzte der Maulwurffänger. »Es scheint überhaupt die Aufgabe der neuen Zeit zu sein, alle Ungleichheiten, an denen die Vergangenheit krankte, nach und nach auszugleichen und dadurch gewissermaßen die Verbrechen der Geschichte bessernd zu bestrafen.«

»Nicht übel!« meinte Adrian. »Ihr macht demnach die Zeit zum Zuchtmeister, was sie freilich von jeher gewesen ist, nur daß sie jetzt ihre strafende Hand gegen andere Personen und Geschlechter erhebt, wie früher.«

»Das ist eine sehr weise Einrichtung, Herr am Stein,« bemerkte Sloboda, der bisher unverwandt das steinerne Wappen betrachtet hatte. »Ist die Familie ausgestorben, die früher hier herrschte?«

»Noch nicht, mein Herr!«

»Aber vermuthlich ward sie arm durch die Kriegsunruhen?«

»Auch das nicht, Gott Lob! Sie befindet sich vielmehr in den besten Verhältnissen ist noch [121] mächtig, wie in den Zeiten ihres größten Glanzes, nur in zeitgemäßiger Umgestaltung, und sie hofft, noch lange zu blühen und zu herrschen.«

»Sie waren bekannt mit ihr?«

»Sehr genau, mein Herr! Doch beliebt es Ihnen nicht, einzutreten?«

»Mich dünkt, auch ich kannte die Herren dieser Burg,« sagte Sloboda nachdenkend, indem er unter dem Thore hinweg in den geräumigen Hof schritt, den jetzt die unermeßlich hohen Fabrikgebäude umgaben.

»Wie?« sagte Adrian. »Sie kannten die Herren dieser Inselburg? Das muß wohl ein Irrthum sein!«

»Ich will es nicht bestimmt behaupten, nur so viel unterliegt keinem Zweifel, daß jenes Wappen Zier und Helmschmuck der Grafen von Boberstein enthält. O, die Grafen von Boberstein, gottseligen Angedenkens, wer, der sie kannte, möchte sie und ihr Schild je vergessen!«

»Ganz recht, es ist das Wappen der Grafen von Boberstein,« sagte der Maulwurffänger trocken, »und das hier war ehedem gräflich Boberstein'scher Grund und Boden.«

Adrian wechselte die Farbe. Es ärgerte [122] ihn sichtlich, daß der alte Mann im Bauerkittel so entschieden sein Eigenthum als ihm nicht mehr gehörig betrachtete, er hielt jedoch an sich, und als hätte er die Bemerkung des Maulwurffängers nicht gehört, wendete er sich gleichgiltig fragend an den Wenden.

»Standen Sie in so naher Verbindung mit den Grafen von Boberstein?«

»In sehr naher Verbindung! Doch das ist schon lange her, fast ein halbes Jahrhundert!«

Adrian schwieg und führte die Besuchenden quer über den fünfeckigen Hof nach einer schmalen Thür, deren rothbraune Sandsteinumkleidung und spitze Bogenwölbung ihr hohes Alter verrieth. Ueber dieser Thür in einem Stück alten Gemäuers, auf welchem der leichtere schlanke Neubau der Fabrik ruhte, sah man abermals das gräflich Boberstein'sche Wappen. Wenige Schritte links im stumpfen Winkel der hier zusammenstoßenden Gebäude erhob sich einer der beiden thurmhohen Schornsteine und die unmittelbare Nähe der Maschinenkammer, die in einer Abtheilung des ehemaligen Erdgeschosses von der Burg angelegt war, erfüllte die Luft mit dumpfem Rauschen und machte ringsum den Felsengrund [123] leis erbeben. Aus dem Innern scholl das Klirren, Schrillen, Sausen, Rollen und Stoßen der tausend und abertausend Räder, die hier in ununterbrochener Bewegung waren.

»Wie kommt es,« fragte Sloboda, eine gewundene Treppe hinansteigend, von der herab ihm ein unangenehmer warmer Oeldunst entgegenqualmte, »wie kommt es, daß die früheren Besitzer dieser alten in eine Spinnfabrik verwandelten Burg nicht mehr hier leben?«

»Die gräfliche Familie ist zu ansehnlich,« versetzte Adrian, »als daß sie hier Raum finden würde. Und dann, was hätte sie auch mit einem wüsten Trümmerhaufen anfangen sollen?«

»Das Schloß brannte ab, ich erinnere mich,« sagte Sloboda.

»So erzählt man. Ein Blitzstrahl setzte es in Flammen.«

»Ein furchtbares Unwetter brachte ihm den Untergang!«

»Lebten Sie damals in der Nähe?« fragte Adrian. »Es interessirt mich, etwas über den Untergang dieser ehrwürdigen Stammburg des alten Grafengeschlechtes zu erfahren. Was ich bisher davon hörte, konnte mich nicht befriedigen.«

[124] »Wenn Sie erlauben, Herr am Stein, so theile ich Ihnen das, was ich selbst weiß, späterhin mit. Mein Freund, noch vertrauter mit der Vergangenheit, wie ich, kann vielleicht manchen Irrthum aufklären, manche Lücke ausfüllen. Die Natur hat ihn mit einem wunderbaren Gedächtniß begabt.«

»Ja das hat sie,« bestätigte der Maulwurffänger mit einer Trockenheit im Tone, als fehle es ihm an geistiger Kraft. Adrian konnte sich kaum eines spöttischen Lächelns enthalten, als er die wichtige Miene des Mannes dabei bemerkte, die wirklich einen auffallenden Ausdruck von Simplicität an sich trug.

»Ihr wart vermuthlich dabei und saht den Blitz einschlagen, nicht so?« fragte Adrian spöttisch lächelnd.

»Wie Sie wollen,« versetzte Heinrich. »Als der Rummel losging, machte mir's Spaß, die alten Schieferthürme so lustig brennen zu sehen, und ich kann sagen, daß es selten ein hübscheres Feuerchen gegeben hat, bei meiner Mutter Seligkeit! Nachher, wenn Sie Lust haben, alte Geschichten anzuhören, will ich Ihnen verteufeltes Zeug davon erzählen.«

[125] Noch während dieser Antwort des Maulwurffängers hatten sie den ersten ungeheuren Saal erreicht, in welchem die frische Wolle gekrempelt wurde. Hundert und mehr Mädchen und Knaben, in einem Alter von vierzehn bis sechzehn Jahren, schlecht gekleidet und von bleichem Ansehen, liefen ruhelos geschäftig hin und her, um die mit furchtbarer Schnelligkeit arbeitenden Maschinen zu bedienen. Der ganze weite Saal war mit einem trüben öligen Nebeldunst erfüllt, der aus den staubfeinen fast unsichtbaren Wollentheilchen gebildet ward, die immerwährend von den Maschinen abflogen. Häufiges abgebrochenes Husten der Arbeitenden fiel jedem Fremden auf und ward auch sogleich von Sloboda und Heinrich bemerkt. Es machte einen fast unheimlichen Eindruck, die vielen schlanken Gestalten stumm und traurig unter den rasselnden Maschinen in dieser brühwarmen, feuchten und fettigen Atmosphäre ewig hüstelnd umherwandern zu sehen, Hände, Gesicht, Kleider und Haare mit feinen Wollenflöckchen bedeckt, die nicht selten an den reizbaren Stellen der Haut ein heftiges Jucken verursachten.

»Diese Arbeit muß anstrengen,« sagte Sloboda,[126] »und scheint mir nicht ganz unschädlich zu sein. Arme Kinder, wie sie husten!«

Adrian lächelte. »Glauben Sie diesen intriganten Geschöpfen nicht,« sprach er, »sie verstellen sich und heucheln einen krampfhaften Kitzel in der Kehle, der in Wahrheit nicht vorhanden ist. Ich will Ihnen erklären, woher dies kommt. Früher arbeiteten die Maschinen nur zehn Stunden täglich, in welcher Zeit sie abwechselnd von zwei sich ablösenden Parteien bedient wurden. Später, als das Maschinengarn mehr in Aufnahme kam und die Bestellungen sich häuften, ward die Arbeitszeit verlängert und der Lohn natürlich auch erhöht, während im Uebrigen die Verhältnisse ganz dieselben blieben. Bald aber reichte auch dies nicht mehr hin, und ich sah mich genöthigt, die Maschinen Tag und Nacht, mit Ausnahme der Stunden von eilf bis ein Uhr Nachts, ununterbrochen gehn zu lassen. Natürlich muß ich nun auch die Arbeitszeit meiner Leute verlängern, wofür sie angemessen bezahlt werden. Allein diese Menschen, die anfangs froh waren, daß sie Arbeit fanden, und die ein schönes Geld verdienten und durchbrachten, können jetzt nicht mehr genug Lohn erhalten. In [127] der Meinung, daß unser Gewinn in gleichem Verhältniß stehe mit dem Mehrertrage, verlangen sie doppelten, ja wohl gar dreifachen Lohn, behauptend, es litte ihre Gesundheit bei den Maschinen, und weil ich auf so thörichte und völlig unsinnige Forderungen bei den äußerst gesunkenen Preisen der baumwollenen Waaren nicht eingehen kann und will, verstellen sie sich und husten, als ob sie alle die Schwindsucht hätten. Doch ich lache zu solchen Maskeraden!«

»Eilf Stunden täglichen Aufenthalts in diesem Oeldunst ist kein Genuß, Herr am Stein,« sagte der Maulwurffänger. »Könnten Sie nicht, um die Maschinen zum Segen der Menschheit wirken zu lassen, die Arbeitszeit viertheilen und vier Parteien beschäftigen?«

Adrian sah den Alten mit großen Augen an, verwundert über einen solchen Gedanken. »Das wäre der erste Schritt zum sichern Bankerott,« versetzte er verächtlich. »Ich müßte dann wenigstens zwei Mal mehr Lohn geben, als jetzt, und hätte überdies noch mit der Widerspänstigkeit dieser nie zufriedenen Menschen unablässig zu ringen. Nein, es ist so besser, und ich rathe Ihnen, mein lieber alter Herr, wenn Sie [128] etwa in Rußland das Maschinenspinnen einführen sollten, nie auf die Klagen Ihrer Arbeiter zu achten. Nachgibigkeit macht sie stets unzufrieden. Sie haben so wenig bei den Maschinen zu thun, daß man das Bischen Hin- und Herlaufen eigentlich gar nicht Arbeit nennen kann. Es ist eine bloße müssiggängerische Spielerei, für die ein Trinkgeld hinlänglicher Lohn wäre. Doch bei Ihnen wird solche Aufsätzlichkeit, wie hier, nicht vorkommen. Sie besitzen zum Glück Leibeigene, die Sie für jede Klage mit Knutenhieben belohnen können, eine Einrichtung, die sehr vernünftig und practisch ist und die auch bei uns bestehen sollte! Glauben Sie mir, man hat unsäglichen Aerger mit diesem widerhaarigen Arbeitervolk!«

Sie hatten die verschiedenen Säle durchschritten, stiegen in das zweite Stockwerk hinauf und traten in die Räume der Grobspinnmaschinen. Auch hier fluthete dieselbe schwere, ölige das freie Athmen hemmende Atmosphäre durch alle Säle, und die Luft war ebenfalls, wenn auch nicht in so hohem Grade, mit Millionen feiner Wollentheilchen geschwängert, die als weißgrauer Niederschlag an den Kleidern sich anlegten [129] und bei vielen Arbeitern Augenentzündungen verursacht hatten. Die Heftigkeit, mit welcher der feine Wollstaub von den schwirrenden Würteln und Spillen abflog und die darüber Gebeugten traf, mochte viel dazu beitragen. Sloboda und Heinrich bemerkten dasselbe trockene Hüsteln, das freilich aus dem schmetternden Lärm der Räder und Spindeln nur ein achtsames Ohr heraushörte.

Als unsere Bekannten auch diese Räume ihrer ganzen Ausdehnung nach durchwandert waren, kamen sie im dritten Gestock in ein Vorgemach, wo mehrere Aufseher versammelt waren. Achtungsvoll grüßten diese die Eintretenden. Adrian nahm eine sehr vornehme und herrische Miene an und erwiederte den Gruß nur obenhin. Sloboda blieb stehen, um aus den Fenstern einen Blick über die unermeßlichen Haidestrecken zu werfen, die dunkelblau, wie die Wogen des Meeres, sich bis an den Horizont ausdehnten. Sinnend schüttelte er bei diesem Anblick den Kopf.

»Fällt Ihnen etwas auf?« fragte Adrian, der, stolz auf seine Einrichtungen, keinerlei Tadel gut vertragen konnte.

[130] »Ach nein,« versetzte Sloboda, »ich dachte nur der Vergangenheit und was der alte Herr Erasmus, den ich wohl kannte, zu der Veränderung sagen würde. Eine Spinnfabrik auf den Mauern seines Schlosses und dies selbst in fremden Händen, ach das ertrüge der ehrenwerthe Herr nicht, wenn er noch lebte! Lieber würde er sich in die tiefste Stelle des Sees gestürzt haben!«

»Wer sagt Ihnen denn, mein Herr, daß die Besitzungen der Boberstein in fremde Hände gekommen seien?«

»Sind Sie nicht der Eigenthümer dieser Fabrik?« fragte Sloboda.

»Der bin ich.«

»Man sagte mir, ein Herr am Stein besitze See und Haide in ziemlicher Ausdehnung.«

»Man hat Ihnen die Wahrheit gesagt, mein Herr, aber man hat vergessen hinzuzufügen, daß die Herren am Stein und die alten Grafen von Boberstein ein und dieselben Personen sind. Mein Stammname ist Adrian Graf von Boberstein, ältester Sohn des erlauchten Grafen Magnus, seiner Zeit unter dem Namen ›Blauhut‹ wohl bekannt bei Vornehm und Gering.«

[131] Sloboda und Heinrich entblößten ehrerbietig ihre Häupter und stellten sich äußerst überrascht. »Herr Graf,« sagte der Wende, »es ist Ihre Schuld, wenn wir einigermaßen die Ihnen zukommende Achtung aus den Augen gesetzt haben. Wir glaubten blos den reichen, umsichtigen, kühnen und glücklichen Fabrikherrn, Herrn am Stein, zu sprechen, nicht den Enkel des Grafen Erasmus von Boberstein! Doch muß ich bekennen, daß mir diese Entdeckung von hohem Werth ist, da Sie mir Aufschluß über eine Angelegenheit geben können, die mich zum Theil auch veranlaßt hat, diese Gegend zu besuchen. Sie werden lächeln, Herr Graf, wenn ich mich Ihnen als Ihren Verwandten vorstelle!«

»Sie und in diesem Rock?« sagte Adrian verwundert und empört zugleich.

»Lassen Sie sich den Rock nicht stören! Er deckt ein grades, ehrliches Herz, das die Gerechtigkeit über Alles liebt! Ich kannte Ihren Herrn Vater, Graf Magnus. Schade, daß ihn der Tod schon abgerufen hat!«

»Ich muß wirklich bitten,« fiel Adrian etwas ungeduldig ein, »dieses Gespräch abzubrechen, oder mir auf der Stelle die bündigsten [132] Beweise zu liefern, daß ich in Ihnen einen Verwandten meiner Familie vor mir habe, sonst möchte ich mich genöthigt sehen, Ihnen den Weg aus der Burg zeigen zu lassen.«

»Verzeihung, verehrter Herr Graf!« erwiederte Sloboda. »Ihre Burg ist gegenwärtig eine moderne Spinnfabrik, weshalb es Ihnen schwer fallen möchte, Ihr Wort wahr zu machen. Die gewünschten Beweise sollen Sie erhalten. Heinrich, zeige doch dem Herrn Grafen das Papier.«

Der Maulwurffänger holte hierauf mit großer Ruhe die bewußte Verschreibung hervor und reichte sie dem Wenden. Dieser entrollte sie so weit, daß Unterschrift und Wappen des Grafen Magnus sichtbar wurden, und hielt sie Adrian vor.

»Kennen Sie dies Wappen, diese Handschrift?«

»Wie sollte ich nicht?« versetzte arglos der Graf. »Es ist mein Familienwappen und die Handschrift meines verstorbenen Herrn Vaters.«

»Darf ich die Herren ersuchen,« wandte sich Sloboda an die umstehenden Aufseher, »mir zu bezeugen, daß der Herr Graf Adrian von Boberstein [133] diese Schriftzüge als die seines verstorbenen Herrn Vaters anerkannt hat?«

»Sie dürfen es, mein Herr,« erwiederte der Aelteste, in dem wir den Buchhalter Vollbrecht wieder erkennen. »Die Schrift des Grafen Magnus kann Niemand verkennen!«

Die Uebrigen stimmten schweigend bei und verbeugten sich.

»Ich danke Ihnen, meine Herren,« sagte Sloboda, die Schrift wieder zusammenrollend und an Heinrich zurückgebend.

»Aber, mein Herr, was soll das?« fragte Adrian, der von dem unerwarteten Auftritt ganz bestürzt war und nicht wußte, was er dazu sagen sollte.

»Bitte, Herr Graf, lassen Sie sich nicht stören noch beunruhigen! Haben Sie vielmehr die Güte, mir und meinem Freunde die noch übrigen Räume Ihrer ausgezeichneten Fabrik zu zeigen, die mich allein zu Ihnen geführt hat. Denn ich ließ mir nicht träumen, im Herrn am Stein den Sohn des Grafen Magnus zu finden! Sie wünschten Aufschlüsse über die Zeit zu er halten, die vor Ihrer Geburt über die Burg Ihrer Ahnen dahinrauschte. Ich werde mir erlauben, [134] falls Sie die Gnade haben, mir und gelegentlich meinem Freunde zuhören zu wollen, Ihnen eine Geschichte von Ihren Vorfahren zu erzählen, aus welcher Sie mancherlei lernen können und die hoffentlich auch dazu dient, mich ungeachtet meines groben Rockes für Ihren Verwandten anzuerkennen! Dürfen wir eintreten?«

Von der gewandten Höflichkeit des steinalten Greises besiegt, machte Graf Adrian lächelnd eine billigende Handbewegung. Sloboda und Heinrich traten in die Säle der Feinspinnmaschinen und betrachteten mit größter Aufmerksamkeit Alles, was ihnen bedeutend schien. Auch unterließ der Wende nicht, häufige Fragen an Adrian zu richten, welche dieser schon aus Höflichkeit zuvorkommend beantworten mußte. So gingen denn die beiden dem Herrn am Stein jetzt räthselhaft und unheimlich gewordenen Fremden von Gestock zu Gestock, von den Maschinen in die Weifsäle, aus diesen in die Packgewölbe, zu den Käutchenschlingern, und erst nach zweistündigem Umherstreifen und nachdem sie auch in die glühendheißen Wölbungen hinabgestiegen waren, wo cyclopenähnliche riesige Söhne der Haide die ungeheuren metallenen Oefen heizten, [135] geleitete sie Adrian wieder über den Felsenpfad hinab in sein lichtes, freundliches Wohnhaus und lud sie, um ungestört und ausführlich mit ihnen sprechen zu können, ein, den Rest des Tages bei ihm zu verleben.

Sloboda und Heinrich nahmen diese Einladung dankend an.

[136]
Zweites Buch
1. Kapitel
Erstes Kapitel.
Die letzte Spinte.

Ehe noch Adrian mit seinen Gästen das Haus am See erreichte, zeigte das Läuten der Glocke auf der Fabrik die Mittagsstunde an, die zugleich diejenige Zeit war, wo die Arbeiter einander ablösten, ohne den Gang der Maschinen zu unterbrechen. Es begegneten daher den vom Felsen Herabsteigenden eine Menge junger Burschen und Mädchen nebst einer hübschen Anzahl kaum achtjähriger Kinder, die zum Auszupfen der Wollenflocken aus den Rädern und Haken der Spinnmaschinen, so wie zum Auflesen verstreuter Wollbüschel unter den arbeitenden Maschinen verwendet wurden. Alle diese Kinder sahen krank und blaß aus, gingen in elenden, zerrissenen und geflickten Kleidern einher und [139] hatten meistentheils aufgedunsene Gesichter, starke Leiber und krumme Beine, eine Folge der ungesunden Luft und des alltäglichen eilfstündigen Hockens unter den stählernen Rechen und Zangen, Walzen und Rädern, die ihre zarten Glieder mit den furchtbarsten Verstümmelungen bedrohten. Einen heitern Anblick dagegen bot der blaue See dar, der jetzt in hellem Sonnenschein wie eine Fläche geschliffenen Stahles unbeweglich dalag und mit hundert und mehr Kähnen bedeckt war, in denen die in den nahen Haidehütten wohnenden Arbeiter sich selbst zur Insel herüberruderten, auf dessen Granitgestein die glänzende Zwangsanstalt lag, die ihnen ein spärliches Brod gab und jetzt mit ihren hohen weißen Wänden und vielen hundert Fenstern wie ein Feenschloß schimmerte.

Die schon bereit stehende Mittagstafel hinderte den Grafen, die Fremden sogleich mit weiteren Fragen zu bestürmen. Vornehm höflich lud er sie ein, sein Mahl mit ihm zu theilen, das keineswegs lucullisch genannt werden konnte; denn Adrian war ein eben so großer Anhänger der Sparsamkeit, als sein Vater ein Freund der Verschwendung gewesen war. Selbst der Wein[140] fehlte anfangs und ward erst auf einen Wink Adrians aufgesetzt.

Von dieser außergewöhnlichen Frugalität abgesehen, zeigte sich der Graf durchaus als angenehmer Wirth, als gebildeter, unterhaltender Weltmann und als ein mit feiner Sitte wohl vertrauter Aristokrat. Erst nach Beendigung der Tafel bemerkte der lauernde Blick des schlauen Maulwurffängers, daß es Adrian schwer falle, nicht sogleich eine Erklärung von ihnen zu verlangen, und weil ihm selbst daran gelegen war, diesen auch ihm peinlichen Besuch möglichst abzukürzen, fragte er in seiner trockenen Weise: ob er die Geschichte seines alten Freundes jetzt anhören wolle? Adrian beeilte sich, seine Bereitwilligkeit auszudrücken, worauf Heinrich um Erlaubniß hat, statt der ihm angebotenen Cigarre seine Pfeife rauchen zu dürfen, was Adrian natürlich auch gestatten mußte.

Wir bitten jetzt unsere Leser, sich zugleich mit uns aus dem neunzehnten in das achtzehnte Jahrhundert zurückzuversetzen, wo sich die wechselvollen Begebenheiten, die wir jetzt erzählen müssen, zutrugen. Auch sei es uns gestattet, die Mittheilungen des Wenden und des Maulwurffängers [141] nicht von diesen selbst erzählen zu lassen, sondern sie als eine eigene, in sich abgeschlossene Geschichte, aus welcher alle spätern Ereignisse hundertästig entsprossen, in einem, wir wünschen, unterhaltenden und ergreifenden Tone vorzutragen.

Aschermittwoch fiel im Jahre 179* Ende Februar, da Ostern erst Mitte April gefeiert ward. In einem jener regelmäßig gebauten wendischen Dörfer der Lausitz, die gleichsam die Grenze bilden zwischen den großen Ortschaften des Gefildes oder freien Landes und den zerstreut liegenden Wohnungen der Haidebauern, war von einer der vielen Spinngesellschaften, die sich nach altem Herkommen regelmäßig in allen sowohl wendischen wie deutschen Ortschaften des genannten Landstrichs bilden, eine recht fröhliche Feier des letzten Spinnabends, der jederzeit am Aschermittwochstage gehalten wird, beschlossen wor den. Man nennt diese lustige Feier noch heutiges Tages »das Erstechen der Spinte«, eine Bezeichnung, die wir alsbald erklären werden.

Die Spinngesellschaft war alle Tage den [142] ganzen Winter hindurch auf Ehrhold's Hofe zusammengekommen, hatte ihre volle Mädchenzahl, nämlich zwölf, ohne Unterbrechung gehabt, und manchen Spaß der Burschen, die wöchentlich ein Mal um die Erlaubniß eines Besuches baten, mit angesehen. Jetzt zum Aschermittwochsabende hatten die jungen Burschen abermals ihren Besuch anmelden lassen und es war mit Bestimmtheit auf muntere Scherze und ausgelassene Tollheiten zu rechnen. Die Mädchen freuten sich über alle Maßen darauf, um so mehr, da manche der fleißigen Spinnerinnen fast ihren ganzen Flachsertrag des vorigen Jahres zu feinem Garn versponnen hatte, woraus, wenn sie vom Glück begünstigt werden sollte, binnen ein oder zwei Jahren das Linnen zu ihrer Ausstattung gewebt werden konnte.

Ehrhold hatte einen jüngern Stiefbruder, Jan Sloboda, der einige Stunden weiter im ersten Gürtel der Haide ein kleines Gärtchen mit Sorgfalt bewirthschaftete. Letzterer überließ für die Dauer des Winters dem Bruder seine Tochter Rosa, damit sie ihm spinnen und der Wirthschaft vorstehen helfe. So jung Rosa oder Haideröschen, wie die jungen Burschen sie nannten, [143] noch war, so viele Bewerber fand sie unter den schlanken, gesunden und heitern Bauerssöhnen, ja es war so ziemlich für gewiß anzunehmen, daß Röschen im künftigen Herbst Braut sein werde.

Ohne Gesang vergeht keine Spinte unter den Wenden. Das Schnurren der Rädchen, das Tanzen der Spillen, die bejahrte Frauen vorziehen, das Schrillen und Zirpen der Heimchen im Heerd des Ofens und in dem tief in die Wand gemauerten Kamin, wo das Kienfeuer sprüht und prasselt, laden wie von selbst dazu ein, und da Gesang und Gespräch die reinliche Arbeit nicht stören oder unterbrechen, so dauern beide so lange, als die Gesellschaft beisammen bleibt. Späte Wanderer, die in der strengen Jahreszeit ein wendisches Dorf betreten, werden angenehm überrascht von den lieblichen, reinen Stimmen, den bisweilen heitern, meistens aber melancholischen Melodien, die ihnen aus der Schneenacht über die Breterwand irgend eines Bauerngehöftes entgegenschallen.

Bei diesen Gesangübungen hatte sich Röschen besonders durch eine Menge neuer Lieder oder doch solcher, die nur in der Haide bekannt [144] waren, sehr ausgezeichnet und die Liebe Aller erworben. Ihr zu Ehren sollte deshalb Aschermittwoch auf Ehrhold's Hofe so feierlich wie möglich begangen werden. Röschen mußte, da sie keine neuen Lieder mehr wußte, versprechen, die Gesellschaft mit einigen Mährchen zu unterhalten, die sie ebenfalls mit reizender Naivität vorzutragen verstand.

Wirth und Wirthin der Spinte hatten für Speise und Trank reichlich gesorgt. Kaum brach der Abend herein, so kamen die Mädchen, ihre Spinnräder nebst Rocken in den Händen, bei Ehrhold an, nahmen ihre gewohnten Plätze auf der rund um die hölzernen Stubenwände laufenden Bank ein und ließen lustig die Rädchen schnurren und die Mäulchen plappern.

Nach Verlauf einer Stunde schlug es plötzlich, ohne daß man vorher ein Geräusch im Hofe oder auf der Flur gehört hatte, so heftig an die Thür, daß man hätte glauben sollen, ein Pferd schlage mit dem Hufe daran. Die Mädchen zerrissen vor Schreck ihr Gespinnst und kreischten laut auf, manche blos zur Gesellschaft und um die andern noch mehr in Furcht zu setzen oder warfen gar Rocken und Rädchen um. [145] Inzwischen stieß Ehrhold, anscheinend verdrießlich über den Grobian, der so ungeschliffen sein Ankommen meldete, die Stubenthüre auf, durch welche in gewaltigen Sprüngen ein künstlich aus weißen Regentüchern zusammengesetzter Schimmel hereingaloppirte, auf die Mädchen zusprengte und längs den Bänken unter den lächerlichsten Capriolen hintrabte, hier einen Rocken mit seinem Strohschwanz herabstreifend, dort gar eine der Spinnerinnen mit zudringlichem Kusse beehrend. Erst nachdem das Ungethüm jedem Mädchen einen Kuß geraubt hatte und von ihnen mit Rosinen und Weißbrod gefüttert worden war, unterließ es seine Schelmenstreiche, nickte gravitätisch mit dem Kopfe, wobei die Ohren abfielen und unter lautem Gewieher ein schöner Rocken zum Vorschein kam. Zugleich sanken die Tücher nebst ein paar Sieben auf die Dielen und ein schmucker Bursche, einige zwanzig Jahre alt, kam unter dem zufriedenen Lachen der gefoppten Mädchen zum Vorschein.

Schon früher waren noch mehrere andere Burschen eingetreten. Diese bemächtigten sich jetzt des mitgebrachten Spinnrockens, steckten ihn über der Stubenthür fest und reichten dem [146] ausgelassenen Darsteller des Schimmels, den wir Clemens nennen wollen, eine Ofengabel. Clemens nahm sie mit feierlicher Miene an, fragte jedes der Mädchen, ob auch ihr Rocken rein abgesponnen und Platz in der Flachskammer für die Aerndte des nächsten Jahres sei? Als er die befriedigendsten Antworten darauf erhalten hatte, hielt er dem Rocken eine komische Standrede, indem er sich bei ihm für die vielen Freuden, die er den Winter über gebracht hatte, bedankte, sich aber nachträglich auch bei ihm entschuldigte, wenn er ihm zu guter Letzt, anstatt ihn zu pflegen und zu hegen, wie einem Feinde mitspielen müsse. Er könne nicht anders, denn er liebe die Sonne und hasse den Schnee, der Rocken aber sei ein Verehrer gefrorner Fenster, geheizter Stuben und lodernder Heerdfeuer. Das müsse nothwendig ein Ende nehmen, da der Saft schon lange in die Bäume getreten sei und die weißen unschuldigen Todtenglocken des Winters, die Schneeglöckchen, schon längst den Frühling eingeläutet hätten. Um also der Winterwirthschaft mit einem Male ein Ende zu machen, ersteche er hiermit im Rocken auch die Spinte und verbiete allen weißhändigen Mädchen, Rocken [147] und Rädchen vor dem Sanct Burkhardtstage wieder anzugreifen! So sprechend ergriff Clemens die Ofengabel und machte, von Burschen und Mädchen umstanden, von diesen unter Lachen zurückgehalten, von jenen angetrieben, mehrmals vergeblich einen Versuch, die schwarze zinkige Waffe in den weichen seidenglänzenden Flachsleib zu stoßen. Endlich aber traf die Gabel unter lautem Jauchzen aller Anwesenden den Rocken, er stürzte an die Erde und die Spinte war erstochen! –

Sogleich wurden nun die Spinnrädchen fortgeschafft, die Schemel an den großen Tisch gerückt, auf dem schon Kuchen, Bier und Tabak in Menge stand, und Mädchen und Jünglinge nahmen in weitem Halbkreise nach Belieben Platz. Nur für Wirth und Wirthin ließ man einen freien Gang, um sie im Zutragen neuer Lebensmittel nicht zu stören. Clemens erklärte die Spinte nochmals für todt und forderte die Gesellschaft auf, dies wichtige Fest so heiter und lustig wie möglich zu begehen.

Die Wenden theilen mit ihren übrigen slavischen Brüdern nur das heitere sinnliche Temperament, das gern in laute Lustbarkeit ausbricht, dagegen ist ihnen der Hang zu ritterlichen [148] Thaten, zu Kampf und Krieg, dem sich die große Masse aller slavischen Völkerschaften so gern hingibt, nicht eigen. Sie lieben den Frieden, die stille Häuslichkeit, die Freuden geselligen Zusammenlebens und harmloser Vergnügungen über Alles und vermeiden jeglichen Streit, wenn es irgend möglich ist. Beschäftigungen des Friedens, die nichts mit Waffenprunk zu thun haben, sind ihnen die liebsten. Darum blühten stets und blühen noch heute unter diesem singenden Volk der Haide Ackerbau, Fischerei und Bienenzucht mehr, wie anderwärts, und der Soldatenrock wird von ihnen, selbst in Friedenszeiten, mit furchtsamem Auge betrachtet. Werden sie aber zum Kriegshandwerk gezwungen, so wissen sie sich mit slavischer Gewandtheit in das Unvermeidliche zu fügen und selbst eine Tapferkeit anzueignen, die der angebornen wenig nachgibt.

Das Festmahl, welches die Spinngesellschaft in Ehrholds Hause der erstochenen Spinte zu Ehren hielt, war so heiter, wie man es nur wünschen konnte. Einer von des Wirthes Knechten spielte das Brummeisen mit bewundernswürdiger Gewandtheit und entlockte der zitternden, [149] feinen Stahlzunge mit Meisterschaft alle Melodien der vielen Lieder, die nur dem Volke bekannt sind und sich unter diesem von Generation zu Generation fortpflanzen. So oft der geschickte Spieler eine neue Melodie auf das Brummeisen hauchte, brach die Gesellschaft, die schmausend und lachend um den großen Tisch saß, das Gespräch ab, um in Menge oder von einem Vorsänger geleitet, je nachdem die Melodie es mit sich brachte, ihre geliebten Gesänge anzustimmen. Man setzte dies eine geraume Zeit fort, bis einer der Burschen sich Röschens gegebenen Versprechens erinnerte und jetzt, mit geballter Faust auf den Tisch schlagend und seine kurze dampfende Holzpfeife aus dem vergnügt lächelnden Munde nehmend, ausrief: »Gottes Segen auf uns! Haideröschen muß erzählen!«

Von allen Seiten stimmte die Versammlung dieser Aufforderung bei und Röschen war ein viel zu natürliches und unverdorbenes Kind des Waldes, als daß sie sich, wie dies unsere fein gebildeten und wohlerzogenen Mädchen mit so wirksamer Koketterie zu thun wissen, mit scheinbarer Schüchternheit lange gesträubt hätte. Sie nickte vielmehr beistimmend ganz vergnügt, mit [150] ihren großen kornblumenblauen Augen die Gesellschaft überblickend, legte beide Arme, die von dem blendend weißen »Kittelchen« leicht verhüllt und am Handgelenk mit Knöpfchen von Glasperlen zugeheftet waren, so auf den Tisch, daß die vollen runden Ellbogen die Höhlung ihrer kleinen Händchen füllten, und wartete nur auf völlige Ruhe und auf das tüchtige Qualmen aller in Thätigkeit gesetzten Tabakspfeifen.

Röschen zählte siebzehn Jahre und war so schlank und ebenmäßig schön gewachsen, wie die jungen Tannen der Haide, aus der sie stammte. Fast alle Wenden, am meisten aber die Mädchen, zeichnen sich durch hohen Wuchs, durch schöne Körperform und durch einen wunderbar reinen Teint aus. Das Wort: »Ein Mädchen wie Milch und Blut« läßt sich vorzugsweise auf Mädchen wendischen Stammes anwenden. Auch sind sie ihrer starken Gesundheit wegen im ganzen Lande berühmt und bei den Vornehmen bis auf den heutigen Tag als Ammen überaus gesucht.

Ein solches Mädchen nun von Milch und Blut war Röschen. Krankheit kannte Sie nur vom Hörensagen, denn ihr hatte buchstäblich noch [151] kein Finger weh gethan sie müßte sich denn beim Abraffen des Getraides zur Aerndtezeit in eine Distel gestochen haben. Röschen hatte seidenweiches goldgelbes Haar, das sie nach der Sitte ihres Volkes in Flechten geschlungen und in ein hohes Kränzchen auf der Mitte des Kopfes zusammengebunden trug und hier mittelst einer messingenen »Senkenadel« befestigte. Diese Fülle reichen Haares, das jede Dame von Welt als verführerisches Netz ausgeworfen haben würde, um schmachtende Anbeter darin zu fangen, verhüllte Röschen im Haus und bei der Arbeit mit einem roth und blau gewürfelten Tuche von Kattun, das sie in ein Dreieck zusammengeschlagen über den Kopf legte, zwei Zipfel in den Nacken herabfallen ließ und die andern beiden unter dem feinen Kinn lose zusammenschürzte. Diese ungekünstelte, einfache Kopfbedeckung, die nirgends für einen Kopfputz angesehen wird, kleidet doch alle jungen und hübschen Landmädchen äußerst vortheilhaft, da sie das reine Oval der heitern, rosigen Gesichter in flatternden Purpur faßt, der wie das Blatt irgend einer mährchenhaften Pflanze oder wie ein luftiges Gewölk Haar und Wangen der ländlichen Schönen umgibt. Der allgemeine [152] Reiz dieser Tracht ward bei Röschen noch erhöht durch die vielen zarten und dicht gekräuselten kleinen Löckchen, die rund um ihre Stirn wie goldene Rosenknospen blühten und, wenn sie den schönen Kopf bewegte, sich häufig auf die klare Stirn herabbeugten, als wollten sie diesen Tempel ächter Jungfräulichkeit ehrfurchtsvoll küssen.

»Wenn Ihr fein ruhig seid und mich nicht auslacht,« sagte jetzt dies anmuthige Geschöpf voll gesunden Mutterwitzes, »so will ich Euch zur Belohnung für Eure schönen Lieder das Mährchen von den andächtigen Sängern erzählen. Habt Ihr die Geschichte schon einmal gehört?«

»So wie Du's erzählen wirst mit Deinen Marienlip pen,« sagte Clemens, »so haben wir's sicher noch nicht gehört.«

»Wir kennen's auch nicht!« betheuerten ein paar andere junge Bursche.

»Nun so hört denn zu!« versetzte Röschen, ihr blühendes Gesicht gegen Clemens wendend, an den sie vorzugsweise ihre Mährchenworte zu richten schien.

»Noch einen Augenblick, Röschen!« fiel Ehrhold[153] ein. »Das Heerdfeuer will verlöschen und das wäre ein schlimmes Zeichen. Des Wanderers Lampe muß hell brennen, wenn die Ohren der Bauern nicht Zeit haben, aufzupassen!« Damit warf er ein paar Hände voll Kienspäne auf den Kamin, daß die glimmenden Kohlen schnell hoch aufloheten, und setzte sich wieder an den Tisch.

Haideröschen begann:

Das Mährchen von den andächtigen Sängern. 1

»Es geschah aber, daß der Herr Christus und der heilige Petrus in der Welt herumwandelten. Und sie kamen in ein Dörflein, wo man in einem Hause so schön sang. Und der Herr Christus blieb stehen, um zuzuhören, der heilige Petrus ging aber immer weiter. Und als er ein Stückchen weiter gekommen war, sah er sich um und der Herr Christus stand noch dort. Der heilige Petrus ging aber immer weiter. Und als [154] er ein Stückchen weiter gekommen war, sah er sich wieder um und der Herr Christus stand noch immer da. Der heilige Petrus ging aber doch noch immer weiter. Und als er ein Stückchen weiter gekommen war, sah er sich noch einmal um und siehe – der Herr Christus stand immer noch da und hörte zu. Da kehrte der heilige Petrus auch um und kam wieder zu dem Hause und dort sang man so schöne Volkslieder. Da sie nun eine Zeitlang zugehört hatten, gingen sie beide weiter und kamen an ein anderes Haus, dort sang man auch. Und der heilige Petrus blieb stehen, um zu horchen, der Herr Christus ging aber immer weiter. Da ging der heilige Petrus auch weiter und wunderte sich gewaltig. Da sprach der Herr Christus: Was wunderst Du Dich so gewaltig? Und der heilige Petrus sprach: Ich wundere mich darüber so gewaltig, daß Du dort stehen bliebst, wo sie Volkslieder sangen, und hier vorbeigehst, wo sie geistliche Lieder singen. Da sprach der Herr Christus: Mein lieber heiliger Petrus, dort singen sie Volkslieder, aber mit aller möglichen Andacht, hier singen sie geistliche Lieder, aber ohne die geringste Andacht.«

[155] Allgemeines Händeklatschen belohnte die glückliche Mährchenerzählerin, und als wollte man zum Dank für das rechtfertigende und kluge Wort Christi im Mährchen sich selbst eine Genugthuung zu Theil werden lassen, stimmten sogleich ein paar von den Burschen das Lied von der Brautwahl an, in welchem das reiche Mädchen dem armen klagt, daß sie ein und denselben Schatz mit ihr liebe, und sie bittet, ihr den Burschen gegen ihren eigenen Bruder abzutreten. Das Mädchen dankt jedoch für diesen Tausch und ihr Bursche, der die Pferde hütend das Gespräch mit angehört hat und in dessen Herzen sich doch die Lust nach reichem Besitz bei den Worten des wohlhabenden Mädchens regt, wird durch die Entgegnung seiner armen Geliebten schnell wieder zu seiner Pflicht zurückgeführt und verschmäht die arbeitsscheue Reiche, um der Armen Herz und Hand zu reichen.

»Nun was Lustiges!« rief Clemens. »Das Lied war zwar hübsch und recht herzerquickend, wenn aber Haideröschen ihr Purpurglöckchen läutet, klingt's doch noch viel schöner. Was meint Ihr?«

»Ach ja, Röschen muß uns noch eins ihrer [156] Mährchen erzählen!« riefen einige von den Mädchen.

»Aber was recht Lustiges, das bitt' ich mir aus!« sagte nochmals der lebhafte Clemens.

»Ich weiß aber nichts, das so lustig ist.«

»Warum denn nicht? Besinne Dich nur!«

»Das hilft nicht. Wenn mir's nicht gleich einfällt, so kommt auch beim Nachdenken nichts heraus.«

»Du weißt aber doch ein lustiges Mährchen,« sagte ihre Nachbarin. »Gelt, Du hast's uns erzählt letzthin zur Vesper beim Flachsbrechen! Nun?«

»Ich erinnere mich nicht.«

»Es war eine Geschichte von einem armen Manne –«

»Mit den vielen Kindern, meinst Du?« fiel Röschen ein.

»Ganz recht. O bitte, erzähle sie uns!«

»Ja die Geschichte ist recht lustig,« sagte Röschen schelmisch lächelnd. »Es kommt mir nur vor, als wolle sie jetzt, wo ich ein so ernsthaftes Mährchen vorgetragen habe, nicht recht passen.«

»Sieh, Schelm!« rief Clemens, »bist Du [157] nicht gerade wie der heilige Petrus? Wäre doch der Herr Christus gleich bei der Hand, er würde Dir Dein Flachsköpfchen schön waschen! Unser Herrgott hat uns das Lachen in die Augen und in das ganze Gesicht gelegt, daß wir recht oft diesen fröhlichen Spiegel seinem Himmel zukehren sollen, damit er an ihm sehen kann, ob wir auch noch seinem Ebenbilde gleichen!«

»Immer frischweg erzählt,« sagte Ehrhold ermunternd. »Es ist eben so wenig eine Sünde, als wenn Einer bei der Litanei niest und sein Nachbar ruft ihm Gott helf! zu.«

Röschen, noch blühender aussehend, wie gewöhnlich, blinzelte mit ihren strahlenden Augen Clemens zu und begann abermals:

Die Geschichte vom armen Manne, der die vielen Kinder hatte.

»Es war aber einmal ein Vater und eine Mutter, die hatten eine große Schaar Kinder. Da fuhr der Vater einmal in die Stadt und kaufte ein Viertel Eicheln. Als er nach Hause kam, gab er jedem Kinde eine, und da blieb noch eine übrig, die warf er hinter den Ofen und daraus erwuchs eine Eiche bis in den Himmel. [158] Darauf sagte der Vater, daß er daran hinaufsteigen wolle. Die Mutter sagte: Meinetwegen steige hinauf! Er kam hinaufgestiegen und klopfte an. Gott der Herr sprach zu St. Petrus: Geh', sieh, wer dort klopft. Er ging und sagte: Wer ist da? Der arme Mann sagte: Ich, der arme Mann, der die vielen Kinder hat. Sanct Petrus sagte: der arme Mann, der die vielen Kinder hat. Gott der Herr sprach zu St. Petrus: Im Kämmerlein sind zwei Laib Brod, gib sie ihm. Der arme Mann stieg fröhlich herab und rief: Frau, mach' auf, ich habe es gut getroffen, ich bringe zwei Laib Brod. Sie verzehrten das Brod und er sagte: Frau, ich möchte dort wieder hinaufsteigen. Sie sagte: Meinetwegen steige hinauf. Er kam dort wieder hinaufgestiegen und klopfte an. Gott der Herr sprach zu St. Petrus: Geh', sieh, wer dort wieder klopft. Er ging und sagte: Wer ist da? Der arme Mann antwortete: Ich, der arme Mann, der die vielen Kinder hat. St. Petrus sagte: Der arme Mann, der die vielen Kinder hat. Gott der Herr sprach zu St. Petrus: Im Kämmerlein steht ein Korb mit Semmeln, gib sie ihm. Der arme Mann der stieg wieder fröhlich herab [159] und rief: Frau, mach' auf, ich habe es wieder gut getroffen, ich bringe einen Korb mit Semmeln. Sie verzehrten die Semmeln und er sagte: Frau, ich möchte dort wieder hinaufsteigen. Sie sagte: Meinetwegen steige hinauf. Er kam dort hinaufgestiegen und klopfte an. Gott der Herr sprach zu St. Petrus: Geh, sieh, wer dort schon wieder an die Thür donnert. Er ging und sagte: Wer ist da? Der arme Mann antwortete: Ich, der arme Mann, der die vielen Kinder hat. St. Petrus sagte: Der arme Mann, der die vielen Kinder hat. Gott der Herr sprach zu St. Petrus: Hinter der Thür steht ein großer Stock, nimm den und haue ihn doch so durch, daß er von einem Aste auf den andern fliegt. St. Petrus ging hin und hieb ihn durch. Der arme Mann stieg eilig herab und rief: Frau, mach' auf, mach' auf, ich bin dort sehr übel angekommen, ich bringe sehr große Prügel mit –«

Während die jungen Mädchen noch über die humoristische Bestrafung des Unersättlichen lachten und die Burschen sich nicht genug in Lobeserhebungen über das prächtige Erzählertalent Röschens erschöpfen konnten, klopfte es einigemal an den halbgeschlossenen Fensterladen, erst [160] leise, dann laut und immer lauter. Ehrhold bemerkte es zuerst und gebot der summenden Spinngesellschaft Ruhe. Sogleich erscholl das Klopfen von neuem und diesmal so stark, daß die hölzerne Balkenwand schütterte.

»Nun, nun, reißt mir nur nichts Haus ein!« sagte der Wirth aufstehend und so laut, daß der außen so heftig Anklopfende seine Worte vernehmen konnte. »Ihr hört ja doch, daß die Spinte beisammen ist und unter Scherz und Lust begraben wird, werdet's also erwarten! Was soll's denn?«

»Das Krummholz ist da,« erwiederte von draußen die Ehrhold wohlbekannte Stimme des Nachbars.

»Schon wieder? Was hat denn der Richter zu melden?« versetzte Ehrhold, den Schieber am Fenster öffnend und den hölzernen Laden vollends aufstoßend. Ein Mann in Pelzmütze und weißgrauem Schaafpelz reichte ihm ein krummes, fast wie ein Hammer gestaltetes Holz, an das ein Papier genagelt war, welches eine Einladung oder einen Befehl der Obrigkeit enthielt, der auf diese Weise den einzelnen Hauswirthen zugeschickt und mitgerheilt ward.

[161] »Es ist von wegen der Hofemädchen,« sagte der Nachbar. »Der Herr will sie über acht Tage beschauen und sich die kräftigsten und die ihm am meisten gefallen aussuchen. Ihr sollt deshalb, wie alle Andern, übermorgen in der Dämmerung in die Schenke kommen und da Meldung thun, welche und wie viele Mädchen Ihr zu stellen habt. Weiter steht nichts auf dem Papiere, und wollt Ihr Eure Gäste nicht gern verlassen, so mach' ich mir schon den Spaziergang bis zum nächsten Nachbar.«

»Vielen Dank, Nachbar, und es wird mir lieb sein,« erwiederte Ehrhold. »Was aber für dieses Jahr den Mägdedienst bei Hofe anbelangt, so habe ich Niemand zu stellen. Ihr wißt's ja.«

»Ihr kommt aber doch in die Schenke, Nachbar?«

»Ich werd' schon da sein und meinen Krug Bier trinken.«

»Gute Nacht denn und fröhliche Spinte! Ich denke, es wird diese Nacht noch ein Schneegestöber geben. Ihr könnt immer vor Schlafengehen die Bodenfenster schließen, daß Euch der schöne Winterwaizen nicht verweht wird.«

»Gute Nacht!« sagte Ehrhold, schloß Laden [162] und Fenster und setzte sich wieder zu seinen Gästen.

»Vater Ehrhold,« nahm Clemens das Wort, ohne Zweifel durch Röschen dazu veranlaßt, die ihn während des Wirthes Gespräch mit dem Nachbar zu sich gerufen und heimlich mit ihm geflüstert hatte, »wir hätten Lust, wie wir da beisammen sitzen, künftigen Sonntag über drei Wochen nach Königshain zu gehen. Ihr seid doch mit dabei?«

»Was habt Ihr dort vor?«

»Ach, da ist das Todaustreiben, Vetter,« fiel Röschen ein, vor Freude in die Hände klatschend, »und das möcht' ich gar so gern einmal mit ansehen! Es gehen viele hin, auch der Vater wird vermuthlich dort sein, da er um diese Zeit für die gnädigste Herrschaft eine Lieferung Getraide nach Görlitz führen muß. Ich will auch recht fromm sein die Zeit her und für Dich und die Muhme so schöne Käse machen, daß Du auf Ostern beim Kuchenbacken Deine Freude daran haben sollst! Geh nur mit!«

»Wenn den Andern so viel daran liegt, wie Dir, so werd' ich wohl nachgeben müssen. Zwar hab' ich mir sagen lassen, es sei weiter [163] nichts als ein dummer Spectakel, bei dem viel müßiges Volk zusammenlaufe, Abends die Schenken auskehre und sich auf dem Heimwege die Jacken tüchtig ausklopfe, indeß – Dir zu Liebe –«

»Nun also mir zu Liebe, Vetter, und meinem guten Vater, der sich um das Unglück meines Bruders so sehr grämt!«

»Kind, Kind,« versetzte Ehrhold, »mit Deinen frommen blauen Augen ziehst Du einem das Herz aus der Brust! Was will ich thun? Ich muß klein zugeben, um nur den lieben hellen Himmel in Deinem Köpfchen nicht zu trüben. Ganz umsonst aber will ich mein Versprechen doch auch nicht geben. Gewähr um Gewähr! Ich begleite Dich und die ganze Spinngesellschaft nach Königshain für ein Mährchen und zwar ein frommes, das Du uns zum Schlusse erzählen sollst.«

»Hurrah, ho!« riefen die jungen Burschen und schwenkten ihre Mützen, und die Mädchen fielen plaudernd über einander her, als hätten sie sich die wichtigsten Dinge mitzutheilen. Röschen aber nahm ihre vorige hausmütterliche bequeme Stellung wieder ein und sagte mit der [164] freundlichsten Miene von der Welt: Zum Schluß der Spinte das Mährchen von

Diter Bernhard.

»Es war aber einmal ein vornehmer, frommer Herr mit Namen Diter Bernhard, so fromm, daß er seine Kleidung in die Sonnenstäubchen hängen konnte, ohne zu fürchten, daß sie auf die Erde fielen. Er ging jeden Sonntag in die Kirche und erblickte dort einst den Teufel hinter dem Altare sitzen, wie er die Namen derjenigen auf eine Kuhhaut schrieb, welche in der Kirche schliefen. Der Teufel hatte aber die Haut ganz und gar vollgeschrieben und fing sie daher an mit den Zähnen auszudehnen, damit er noch mehr aufschreiben könnte. Sie entschlüpfte ihm aber auf einmal und er schlug mit dem Kopfe so an die Wand hinter sich, daß ihm ein Zahn ausfiel. Hierbei konnte sich Diter Bernhard des Lachens nicht enthalten. Weil er aber in der Kirche gelacht hatte, so rechnete ihm dies der liebe Gott als eine große Sünde an. Als Diter Bernhard nach Hause gekommen war, wollte er seine Kleidung wieder in die Sonnenstäubchen hängen, aber diese hielten sie nicht mehr und sie [165] fiel dort zur Erde. Darüber erzürnte er sich und wollte dem lieben Gott auch etwas zum Possen thun. Und er nahm Brosamen und warf sie in seine Stiefel und schritt einher, indem er so Gottes Gabe mit Füßen trat. Deswegen entführte ihn bald ein Wagen in die Luft, und er fährt dort seiner Bosheit wegen noch bis zum heutigen Tage umher.«

»Besten Dank, mein liebes Röschen,« sagte Ehrhold. »Ich erkläre hiermit die Spinte für geschlossen, damit nicht Einer oder der Andere auf schlechte Gedanken komme, sondern ein Jeglicher als rechtgläubiger Christ den Heimweg antrete. Gute Nacht, meine lieben, ehrenwerthen Gäste!«

Ehrhold gab das Zeichen zum Aufbruch, Alle reichten ihm und seiner Frau beim Abschiede die Hand, bedankten sich für gute Bewirthung und heitere Unterhaltung, und verließen, die Mädchen schirmend umgebend, das Bauernhaus.

Fußnoten

1 Dies und die folgenden kurzen Mährchen sind wörtlich dem trefflichen Werke ›Volkslieder der Ober-und Niederlausitz‹ von Haupt und Schmaler herausgegeben entlehnt.

2. Kapitel
[166] Zweites Kapitel.
Der Todtensonntag.

Die warme Märzsonne am wolkenlosen Himmel machte den Schnee auf den Gebirgen schmelzen und ließ zahllose Bäche über Wiesen und Saatfelder rieseln, daß überall schon an den bewässerten Stellen zarte Keime eines frischen, erquickenden Grüns aus der Erde hervorsproßten. Auch die Saalweiden enthüllten ihre weichen honiggelben, süßduftenden Blüthen der milden Luft und ragten hie und da an den bewaldeten Bergen über die noch dürren Gesträuche wie leuchtende Kerzenbüschel empor. Knaben und Mädchen sah man in einzelnen Gruppen auf den Rainen unfern der Dörfer hinwandeln und diese Erstlingsgeschenke des wiederkehrenden Lenzes triumphirend in der Luft schwingen. Sie zogen [167] heim aus den Hügeln, um ihre niedrigen schwarz geräucherten und dunstigen Stuben mit den Palmzweigen des deutschen Nordens, die sie in ihrer kindlichen Weise »Palmmietzel« nennen, zu schmücken.

Einer Schaar solcher mit blühenden Weidenzweigen versehener Kinder begegnete am Sonntage Lätare des genannten Jahres in den schon erwähnten Königshainer Bergen ein rüstig über die Felder einsam daher schreitender Mann. Die Kinder grüßten ihn freundlich, wie einen guten Bekannten, wünschten ihn gute Geschäfte und einen fröhlichen Nachmittag und eilten beschleunigten Schrittes dem großen Kirchdorfe zu, das sich am Fuß dieser Berge im fruchtbaren Thale ausbreitet. Der Gegrüßte dankte eben so freundlich den Kleinen, ließ sich aber in kein Gespräch ein, da er selbst ebenfalls Eile zu haben schien.

Es war ein kräftiger Mann von untersetzter Statur in einem Alter von etwa dreißig Jahren. Seine Tracht bestand aus einer blautuchenen Jacke mit großen Seitentaschen, kurzen Beinkleidern von schwarzem Leder, graublauen Strümpfen und schweren rindsledernen Schuhen mit großen Messingschnallen. Als Kopfbedeckung trug [168] er eine niedrige Mütze von Grimmerpelz, die ihm tief in der Stirn saß, so daß nur seine lebhaften, grauen, überaus klugen Augen sichtbar wurden. Ueber Brust und Rücken hingen diesem Mann an starker Hanfschnur eine Menge länglichrund gebogener Drähte, an deren zusammengehenden Enden Bindfaden befestigt waren. Diese Drähte verursachten bei jedem Schritte ein klirrendes Geräusch und machten, daß man ihn schon in einiger Entfernung kommen hörte. Außerdem trug er noch einen großen Quersack von Kalbsfell.

Recht heiter und selbstzufrieden seine kurze Holzpfeife rauchend und bei jedem Schritte eine dicke Rauchwolke in die Luft blasend, ging dieser bäurisch gekleidete Mann quer über Wiesen und Saatfelder, ohne sich um Weg und Steg sonderlich zu bekümmern, und wanderte so in fast schnurgrader Richtung dem Todtensteine zu, dessen wir schon gedacht haben. Hier verschwand er in der schmalen Kluft, welche die hohen Granitmassen in fast zwei gleiche Hälften scheidet, erklomm mit gelenker Behendigkeit die Plattform und ließ wohlgemuth sein scharfes Auge über die malerische Gegend gleiten, die fern und nah[169] dem Schauenden entgegentritt. Von der Frühlingssonne hell beschienen lagen die hügeligen Niederungen der Lausitz zu seinen Füßen bis an den dunklen Saum der Haide. Die Landeskrone mit ihrem gespaltenen Gipfel und dem weißen Thurme ragte hoch aus der Ebene, zu ihrer Linken im breiten Thal der Neisse glänzten die Thürme und alterthümlichen Giebel von Görlitz, und darüber in blauer Ferne schloß die schimmernde Kette der schneebedeckten Sudeten das reizende Landschaftsbild.

Nachdem der Mann mit den Drähten sich geraume Zeit an der prächtigen Aussicht gelabt und während dem seine Pfeife vollends ausgeraucht hatte, streckte er sich auf ein Mooslager hin, das etwa auf der Mitte der Plattform in einer unbedeutenden Vertiefung bereitet war. Diese Vertiefung hatte die Form einer liegenden Menschengestalt von riesiger Größe und schien künstlich in das harte Gestein gemeißelt zu sein. Hier verbarg er einen Theil seiner Drähte unter das Moos, legte dann seinen Quersack darauf, drückte die Mütze über die Augen und überließ sich sorglos einem festen Schlafe.

Nach ungefähr einer Stunde, während der [170] unser Bekannter in der stillen sonnenwarmen Luft ganz ruhig geschlummert hatte, ward er durch näherkommendes Jubeln, Lachen, Schreien und die quäkenden Töne mehrerer Dudelsäcke, in die sich schrillend das Gepfeif der wendischen Flöte oder Tarackawa mischte, aufgeweckt. Hastig schob er die Mütze zurück, fuhr sich mit der breiten schwieligen Hand über die Augen und richtete sich so weit auf, daß er seinen rechten Ellbogen unterstemmen und den Kopf in die hohle Hand stützen konnte. Ein langer und breiter Menschenschwarm, umhüpft von Kindern mit blühenden Weidenzweigen und angeführt von einer Schaar Dorfmusiker, die sich möglichst anstrengten, ihren Instrumenten unharmonische Töne zu entlocken, zog von Königshain den Berg herauf. Unmittelbar hinter der Musikbande gingen Knaben und Mädchen paarweise geordnet, die allesammt lange strohumwundene Stöcke trugen, an denen bunte Bänder flatterten. An diese schloß sich ein junger Bursche an, der auf seinen kräftigen Armen eine große Strohpuppe hielt, die er zu Aller Ergetzen sorgsam, gleich einer Kindermutter, wiegte. Jung und Alt sang in regelmäßigen Absätzen laut lachend: »Eia Popeia« [171] und sprang und lärmte dann wieder nach Herzenslust.

Ueber diesen wunderlichen Aufzug brach der Mann auf dem Todtensteine in ein fröhliches Lachen aus, ohne jedoch Miene zu machen, sich den Tumult genauer und in der Nähe betrachten zu wollen. Vielmehr behielt er seine bequeme, lauschende Stellung ruhig bei und heftete nur mit größerer Aufmerksamkeit seine schlauen Augen auf den immer mehr anwachsenden Menschenschwarm.

Sobald der Vortrab desselben den Todtenstein erreicht hatte, holten mehrere Burschen Stahl, Stein und Schwamm aus den Taschen ihrer kurzen Jacken, schlugen Feuer an und entzündeten mitgebrachtes Werg und Heu, über dem sie schnell im Schutz des Felsen einen hell lodernden Scheiterhaufen aus dürren Reisern und Wurzeln erbauten. Um dieses Feuer stellten sich alle diejenigen, welche mit Stroh umwundene Stöcke trugen, im Kreise und setzten sie an der Flamme in Brand. Hierauf trat der junge Mann mit der Strohpuppe in den Kreis, hielt an die zahlreiche Versammlung eine kurze Rede und warf das wunderliche Wickelkind unter fröhlichem [172] Zuruf der Menge in die knisternde Flamme. Kaum schlug die Lohe über der Puppe zusammen, als jeder Fackelträger um sich selbst zu tanzen begann, seinen Strohbrand um Kopf und Schulter schwang und in kurzen abgestoßenen Sätzen wiederholt die Worte sang:


»Den Tod haben wir ausgetrieben,

Den Frühling bringen wir wieder!«


Dieser Gesang ward unter fortdauerndem Tanz, dem sich auch die bei der Handlung selbst Unthätigen lustig mit anschlossen, so lange fortgesetzt, bis die Strohpuppe in ein Häufchen glimmender Asche verwandelt war. Dann warfen die Fackelträger ihre Brände theils auf die Feuerstatt, theils in nahe Klüfte des Felsens, und umtanzt und umjauchzt von den »Palmmietzeln« tragenden Kindern machten sich die vielen Hunderte, welche dem Schauspiele beigewohnt hatten, wieder auf den Heimweg.

Diese sonderbare Feier, auf welche man heut zu Tage vergeblich warten möchte, hieß das »Todaustreiben« und ward noch zu Ende des vorigen Jahrhunderts an sehr vielen Orten Böhmens, Mährens, Schlesiens und der Lausitz gehalten. Weil man sie seit undenklichen [173] Zeiten auf den Sonntag Lätare verlegte, nannte man diesen Tag den »Todtensonntag.« Das Volk hing, wie an allem Herkömmlichen, auch an diesem uralten, jedenfalls der heidnischen Vorzeit entlehnten Gebrauche, und die Jugend freute sich auf das Verbrennen der Strohpuppe, welche den Tod vorstellte, fast eben so sehr, wie auf den Weihnachtsabend. Bei den heidnischen Slawen war diese Puppe wahrscheinlich nicht ein Abbild des Todes, sondern des Winters gewesen, und das Verbrennen derselben bei Beginn des wiedererwachenden Lenzes hatte symbolisch die Wiederbelebung der Natur, das Hinsterben des Winters darstellen sollen. Es gab wenige Orte, wo der Todtensonntag so alterthümlich solenn begangen wurde, wie am Fuße des Todtensteines, was unstreitig seinen Grund darin hatte, daß dieser hochgelegene, eigenthümlich gestaltete Felsen im heidnischen Alterthume einer der geheiligten Opferplätze gewesen sein mochte, an denen die Priester der Wenden ihre religiösen Gebräuche, sei's öffentlich, sei's heimlich, übten. Wenigstens deuten vielfache Spuren darauf hin, selbst die erwähnte in Form einer menschlichen Gestalt auf der Plattform des Felsens ausgehauene [174] Vertiefung stand wahrscheinlich in irgend einem geheimnißvollen Zusammenhange mit jenen heidnischen Opfergebräuchen. –

Unserm Freunde mit den Drähten war diese Festlichkeit nichts Neues. Er hatte ihr schon häufig beigewohnt und fand sie eigentlich lächerlich. Sie konnte ihn deshalb auch nicht fesseln und er hätte sich vielleicht, wäre ihm der Gedanke eingefallen, daß heut der Todtensonntag vieles Volk um den Stein versammeln würde, eine andere Ruhestätte ausgesucht. Da er nun aber doch einmal durch Zufall am Orte war, machte es ihm Vergnügen, von seinem Versteck herab die wogende, bunte, fröhliche, so lebhaften Antheil nehmende Menschenmenge zu beobachten. Diese bot wirklich ein unterhaltendes, schönes Bild dar, indem sich deutsches und wendisches Volk heiter mischte. Die Wenden, mehr als die Deutschen ihren uralten Sitten treu, zeichneten sich durch ihre eigenthümliche, nichts weniger als unschöne Tracht aus, und weil die Wenden der Lausitz noch bis heut für einen schönen Menschenschlag gelten können, war es in der That eine Lust, die vielen kräftigen jungen Männer und die schlanken, fein gegliederten Mädchen [175] mit den edlen, häufig wahrhaft vornehmen, vor Freude strahlenden Gesichtern ungestört bewundern zu können.

Besonders zog seine Blicke ein Trupp junger wendischer Burschen und Mädchen auf sich, die fest zusammen hielten und ein und demselben Orte anzugehören schienen. Unter ihnen zeichnete sich vor Allen ein Mädchen durch Schlankheit der Formen und zierliche, obwohl nicht feine Kleidung aus. Ein schneeweißes Häubchen von gestreifter Leinewand, an den Kanten mit Spitzen umsäumt, umschloß ihr zartes, ovales Gesichtchen und verlieh ihm einen bezaubernden Ausdruck von Kindlichkeit und Unschuld. Zwei ebenfalls weiße Bandschleifen befestigten das einfache Häubchen unter dem runden Kinn, das ein allerliebstes Grübchen reizend verschönte. Das Mädchen, indem unsere Leser gewiß Röschen schon erkannt haben, sah mit ihren großen, kornblumenblauen Augen, die lange goldige Wimpern wie mit sonnigen Franzen schirmten, seelenvergnügt aus und bewegte sich in ihrem braunen kurzen Rocke, ihren blendend weißen, mit roth und blauen Zwickeln versehenen Strümpfen und den kleinen Schuhen unter den übrigen Wendinnen [176] wie eine verkleidete Fee. Unter dem rechten Arme trug sie ihr weißes Regentuch, sauber und faltenlos zusammengerollt, um es im Fall eines sich entladenden Unwetters nach wendischer Sitte als Mantel gebrauchen zu können.

Mit unbeschreiblich süßem Lächeln hatte Röschen dem Verbrennen der Strohpuppe und dem Fackeltanze zugesehen, indem sie sich auf die Schulter eines jungen Burschen stützte, oder vielmehr den Nacken desselben mit ihrem linken Arm traulich umschlang. Der etwas zur Seite gebeugte Kopf ließ genug von ihrem Hinterhaupte sehen, um die reiche Fülle ihres seidenweichen Haares zu zeigen, das sich unter dem Häubchen hervordrängte und in glänzendem Gekräusel über den Nacken herabfiel.

Als sich jetzt die bedeutende Volksmenge, unter der man auch verschiedene Städter aus Görlitz und Reichenbach bemerken konnte, nach und nach zerstreute, veränderte Röschen ihre wunderbar anmuthige Stellung, und ihrem Begleiter einen Wink gebend, drehte sie sich auf den Hacken um und entfernte sich leichten Schrittes von der alten Opferstätte. In gedrängter Schaar schlossen sich die übrigen Wenden dem [177] jungen Paare an. Haideröschen hatte jedoch kaum den vierten Theil einer Feldlänge zurückgelegt, als sie plötzlich stehen blieb, dem Burschen leise einige Worte in's Ohr flüsterte und gleich darauf in schnellstem Laufe durch die ihr jetzt entgegendrängende Volksmasse wieder nach dem Todtensteine hineilte. Auf diesem Laufe begegnete ihr ein riesengroßer Mann im langen Sonntagsrocke, einen dreieckigen Hut auf dem Kopfe, dessen dichtes lichtbraunes Haar bis in den stämmigen Nacken herabhing. Hingebend warf sich Röschen diesem Manne an die breite Brust. Wenige schnell gesprochene Worte genügten, sich ihm verständlich zu machen, und indem er den linken Arm um die schlanke Gestalt des schönen Mädchens legte, stützte er die halbe Wucht seines riesigen Körpers auf den rothgebeizten Stock von Schlehdorn, den er in der rechten Hand trug.

Während dies geschah, jagte ein Reiter auf schnellfüßigem Rosse quer über die Felder und schlug unverkennbar die Richtung nach dem Todtensteine ein, an dessen geschwärztem, von Schmarotzerpflanzen umranktem Felsgeschiebe noch weißlicher Rauch von dem erlöschenden Feuer emporwirbelte. [178] Der Reiter war ein junger Mann in sehr eleganter, vornehmer Kleidung. Kleine goldene Sporen glänzten an seinen Reitstiefeln, ein dunkelgrüner Jagdrock vom feinsten Tuch, reich mit Goldtressen besetzt, wie es die Mode der Zeit erheischte, schloß eng um seine Taille, und ein kleiner dreieckiger Hut von schwarzblauem Castor saß recht kokett auf seinem wohlfrisirten Haar. In der Rechten schwang er eine lange Reitpeitsche, mit der er häufig knallte, sei es, um das an sich schon feurige Thier noch mehr zu beleben, sei es zur bloßen Unterhaltung.

In einigen Sekunden war der wilde Reiter der vom Todaustreiben zurückkehrenden Menge so nahe, daß er den Strom derselben durchbrechen mußte. Dies that er auch, ohne sich im Geringsten darum zu kümmern, ob sein rasch und wild galoppirendes Pferd bei solchem Wagniß auch Jemand verwunden könne. Ja er erkühnte sich sogar, mit hochmüthiger Miene links und rechts mit seiner langen Reitpeitsche in die Volksmenge hineinzuhauen, um seinem Thiere Platz zu verschaffen, und während er dies, wie es schien, mit vielem Behagen that, versäumte er nicht, durch entehrende Schimpfworte die unschuldigen [179] Menschen zu schmähen und zu beleidigen. Wahrscheinlich hatte der anmaßende Mann ein Recht zu solchem Verfahren, denn der Menschenstrom theilte sich sofort freiwillig und die Meisten zogen überdies noch ehrerbietig oder scheu ihre Mützen und Hüte. Selbst diejenigen, welche die schwer niederfallende Peitsche schmerzhaft getroffen hatte, murrten nicht, sondern wichen nur um so ehrerbietiger zurück.

Nicht so geduldig nahmen dies brutale Betragen einige wohlhabende Bürger aus Görlitz hin. Sie waren mit Recht über das tyrannische Verfahren des fremden Reiters empört und erwiederten seine Schmähreden mit drohend erhobenen Stöcken. Ein Tuchmacher, heftiger als die Andern, wollte sogar dem Pferde in die Zügel fallen und den herrischen Reiter mit seinem gewichtigen Rohrstocke gut bürgerlich bearbeiten.

»So ein reicher Taugenichts,« rief er aus, »dem's Geld durch den Schornstein in's Haus fliegt und der doch ehrlichen Handwerksleuten keinen wohlverdienten Böhmen gönnt, den soll ja gleich der Teu –«

»Pst!« fiel dem Aufbrausenden ein wendischer Bauerbursche in's Wort, »machen Sie doch [180] keinen unnützen Lärm! Der Herr hat Sie gar nicht gemeint, denn über Sie hat er keine Gewalt, nur uns, die wir ihm gehören oder bald gehören werden, galten seine Worte. Kennen Sie den Junker Blauhut nicht?«

Dieser Mann mußte sehr bekannt und gefürchtet sein, denn der erhitzte Tuchmacher ließ nicht allein von seinem Vorhaben sogleich ab, sondern hatte auch sichtlich alle Lust verloren, dem vornehmen Herrn mit einem Wörtchen zu nahe zu treten. Inzwischen hatte der Reiter den Menschenschwarm durchbrochen und den Trupp wendischer Bauern, Burschen und Mädchen erreicht. Mit leichtem Peitschenschlage auf den Rücken Ehrhold's, der Clemens zurückhielt, Röschen nachzueilen, hielt er sein schnaubendes Thier an, beugte sich über den Sattelknopf und sprach:

»Du scheinst ein schlechtes Gedächtniß zu haben, Ehrhold, was doch bei Euch Gesindel selten der Fall ist, wenn es sich um klingenden Lohn handelt. Ich werde mich deshalb genöthigt sehen, Deine Vergeßlichkeit Dir auf andere Weise abzugewöhnen, wenn Du mir nicht auf der Stelle Deine Pathe, die ich an ihrem Feenlaufe gar wohl erkannt habe, hieher schaffst!« [181] Bei diesen Worten schwang der Junker die Peitsche und ließ sie einige Male pfeifend um die Ohren des Bauers sausen. Dieser zog demüthig seine Pelzmütze, wodurch ein glänzender Lederriemen um die Stirn sichtbar ward, den vorn ein Schlößchen, welches zwei Adlerflügel vorstellte, fest zusammenhielt.

»Ach gnädigster Herr! Gnädigster Herr!« stotterte Ehrhold bestürzt.

»Warum hast Du mich getäuscht?« fragte der Reiter abermals mit strenger Stimme und funkelndem Zornesblicke.

»Ich habe Ew. Gnaden nicht getäuscht, Sie wissen es! Ihr Anerbieten gebot mir die Ehre abzulehnen und –«

»Ehre!« lachte höhnisch der Junker. »Seit wann hat ein Hund von einem Sclaven Ehre! Ich werde Dich peitschen lassen, Schuft, und einen Tag lang in meinem Schloßhofe an den Pranger stellen! Zum letzten Male, warum hast Du mir Deine Pathe verheimlicht?«

»Ew. Gnaden können mit mir verfahren, wie Sie es für recht halten,« erwiederte Ehrhold, »ich muß es erdulden und werde nicht darüber murren; allein Röschen konnte ich nicht [182] in's Schloß schicken, weil das gute, zarte Kind nicht Ihre Unterthanin ist.«

»Nicht meine Unterthanin!« fuhr der junge Graf auf. »Wie erfrechst Du Dich, mir ein solches Wort in's Gesicht zu behaupten, mir, dem alleinigen Erben aller Güter meines weichherzigen Vaters? Ich sage Dir, Schuft, das Mädchen gehört mir so gut, wie Du und Deine ganze Familie, und wenn ich befehle, daß sie im Schlosse ihre Dienstzeit antreten soll, so hat sie blos zu gehorchen. Wer sich weigert, kommt vier und zwanzig Stunden in den Stock, und wenn ich bisher diese wohlverdiente Strafe noch nicht über sie verhängt habe, so hat sie dies blos ihrer Anmuth und Zartheit zu verdanken.«

»Das liebe Kind ist so schwach, Ew. Gnaden!«

»Zu den Diensten, die ich von ihr verlange, besitzt sie Kraft genug,« sagte der Reiter mit spöttisch aufgeworfener Lippe. »Sie soll weder das Haus scheuern, noch Stallmagd werden, ich will sie unterrichten und ihr was lernen lassen, damit sie in freien Stunden mir die Zeit durch heitere und gebildete Unterhaltung vertreibe. Aber Euch dummem Volk ist nicht beizukommen. [183] Will man Euch auch helfen und aus Eurem Elende herausheben, so habt Ihr stets tausenderlei Bedenken, und gebraucht diese so lange als Waffe, bis man mit Gewalt erzwingt, was Milde nicht erreichen kann. Dann habt Ihr freilich gut über Willkür und Ungerechtigkeit schreien! Nochmals also, schaffe mir die Widerspänstige herbei, damit ich gleich hier mit ihr abschließe!«

Ehrhold wollte abermals Einwendungen machen, aber des sehr grimmig blickenden Reiters neuerdings geschwungene Peitsche machte ihn verstummen. »Eile Dich,« rief der junge Graf dem langsam Fortgehenden nach, »ich werde Dich hier erwarten!« Und sorglos ließ er die Zügel auf dem Nacken des feurigen Thieres ruhen und sah stolz und verächtlich auf die vor ihm vorübergehende Menge, von welcher bei weitem die Meisten ihn äußerst demüthig grüßten. Der Reiter dankte nur selten, und that er es wirklich ein Mal, so bestand sein Dank in einem kaum merklichen kurzen Zucken des Kopfes.

Fünf Minuten mochten etwa seit dem Weggange Ehrhold's verstrichen sein, als er an der nördlichen Seite des Todtensteines wieder sichtbar [184] ward, die schöne Wendin, von dem riesigen Manne begleitet, in dessen Schutz sie sich begeben hatte, an der Hand führend. Das wetterbraune Gesicht des Letztern hatte einen würdigen, herzgewinnenden Ausdruck und der Blick seiner hellen blauen Augen etwas so Offenes und Ehrliches, daß man wohl hätte glauben dürfen, diesem Manne eine Bitte, vom Blick seines Auges unterstützt, abzuschlagen, müsse Jedermann unmöglich sein. Er hatte bereits das Haupt entblößt und zeigte jetzt, wie die meisten übrigen Wenden, welche bei diesem Auftritte zugegen waren, einen schmalen glänzenden Lederriemen um die Stirn, der, wie es schien, am meisten dazu diente, die reiche Haarfülle fest zusammenzuhalten. Zienckich rasch schritten diese drei Personen den Hügel herab der Stelle zu, wo der herrische Ritter, mit kurzen Fragen Clemens festhaltend, auf sie wartete. In einiger Entfernung vor und hinter dem jungen Grafen war das Volk wieder zusammengetreten, offenbar aus Neugierde, was wohl der gebieterische und gefürchtete Herr mit dem schönen Kinde anfangen werde.

Als der Reiter den starken großen Mann [185] erblickte, verfinsterte sich sein Gesicht und eine dunkle Röthe bedeckte auf einige Momente Wange und Stirn. Inzwischen waren jene Drei so nahe gekommen, daß sich leicht ein Gespräch mit ihnen anknüpfen ließ, weshalb der Graf in scherzhaftem Tone sprach:

»Röschen, Röschen, Du läßt mich frühzeitig die spitzen Dornen fühlen, die Deine Schönheit birgt! Das ist lieblos von Dir und eigentlich sollte ich Dich dafür strafen. Doch ich weiß, daß alle schönen Mädchen kleine anmuthige Launen haben, die sie uns Männern nur begehrenswerther machen. Darum soll Dir verziehen sein, wenn Du mir jetzt mit Deiner thörichten Furcht nicht die Geduld raubst. Hier ist meine Hand. Schlag' ein! Auf Ritterwort, es soll Dir kein Leid geschehen!«

Obwohl der junge Herr eine geraume Zeit seine vom Reithandschuh freie, weiße und schlanke Hand vom Pferde herab der Wendin entgegenstreckte, rührte diese doch keinen Finger. Gesenkten Hauptes, die Hände unter der Schürze lose verschlungen, stand sie da gleich einer Verbrecherin, die ihr Urtheil erwartet. Da trat ihr Begleiter vor, beugte sich tief vor dem Reiter und [186] dessen Hand mit seinen Lippen streifend, sagte er ehrfurchtsvoll:

»Gnädigster Herr Graf, ich bitte Sie fußfällig, lassen Sie mir die arme Kleine nur noch ein Jahr, dann will ich sie Ihnen, wenn Sie darauf bestehen, selbst auf's Schloß bringen, und sie wird gewiß gern ihre Pflicht thun. Es ist meine einzige Tochter, Ew. Gnaden, ihre Muhme, daß Gott erbarm', ward im Walde erschlagen von einem Baume, den Ew. Gnaden Holzschläger fällten. Das schlimme Unglück zog sich mein Sohn, ihr Mann, zu Gemüthe, bis daß ihm die Gedanken vergingen und er, so zu sagen, ein Narr wurde! Das arme Ding hat nun eigentlich keine Menschenseele außer mir und ihrem Pathen, bei dem sie den Winter über die Wirthschaft erlernt hat, und ich hab' sie gepflegt und erzogen, so gut ich konnte, was sie mir Dank weiß, Ew. Gnaden, denn es ist ein recht wackeres und frommes Mädchen! Aber sie möchte mir nun auch gern einen Beweis ihrer Kenntnisse aus Dankbarkeit geben, wornach mein Vaterherz sich sehnt, und seh'n Sie, gnädigster Herr, grade deshalb hätte ich's gern, wenn Sie mir die liebe kleine Unruh' noch ein Jährchen [187] ließen. Sie würde mein Herz erquicken mit ihrem süßen Lächeln und mir die kleine Wirthschaft redlich führen helfen. Es ist ja doch Alles zu Ew. Gnaden eigenem Besten!«

Der Wende sah den jungen Gebieter mit seinen offenen Augen so flehentlich an, daß gewissermaßen schon im Ausdruck des Blickes eine Gewährung seiner Bitte hätte liegen müssen. Dennoch erwiederte der Graf kühl und unfreundlich: »Ich sehe es nicht gern, Jan Sloboda, daß Du so oft bittest. Es verbirgt sich dahinter ein aufsätziges Gemüth, wie ich gar wohl weiß, und weil Du hoffst, meinen Vater auf Deiner Seite zu haben, meinst Du, es sei Dir erlaubt, alle meine Befehle durch höfliche Gegenreden zu beseitigen. Ich bin dieser bittenden Widersetzlichkeit müde und will derselben ein Ende machen. Was aber Deinen Familienkummer anlangt, den Du mir auch auf Schritt und Tritt erzählst, so wisse, daß ich mich gar nichts um ihn kümmere und ihn nicht eines einzigen Wortes werth halte. Deine Schnur erschlug ein fallender Baum, wahrscheinlich zur Strafe, weil sie Zweige brach, wo es verboten ist, oder zur unrechten Zeit Streu machte. Was ist's weiter! Du bist zwei hungrige [188] Mäuler auf einmal los geworden, was Ihr ja stets für eine besondere Gnade Gottes haltet. Deinem Sohne geht nichts ab im Gemeindehause. Er hat müssige Zeit und wird auf Anderer Unkosten gefüttert. Meine ich es denn nicht gut, wenn ich Dir auch noch die dritte Esserin abnehmen will? Wozu brauchst Du eine Gehilfin? Du bist noch rüstig und kannst immerhin allein arbeiten. Das Faullenzen taugt nichts für Euch Leute. Müssige Zeit macht Euch nur unzufrieden. Röschen aber will ich, weil sie mir gefällt, in's Schloß nehmen und ihr eine gute Erziehung geben. Sie soll nicht, wie ihre Aeltern, eine elende Bettlerin werden und nach fremdem Gut ihre schöne Hand ausstrecken.«

»O Herr,« versetzte Sloboda, ohne seine gebückte Stellung zu verändern, »Ihre Worte fallen wie Feuerflocken auf mein Herz und brennen darin so tiefe Wunden, daß sie wohl nie mehr vernarben und ich sie immer fühlen werde. Möchten Sie durch die Worte eines Andern nie ähnliche Schmerzen empfinden!«

Nach diesen Worten trat er einen Schritt zurück, denn er wußte nicht, was er dem herzlosen [189] Gebieter noch sagen sollte. Röschen weinte, daß ihr die Thränen wie Perlen über die fein gerötheten Wangen herabliefen, aber sie wagte nicht die Augen aufzuschlagen zu dem Manne, der sich das Recht und die Gewalt, willkürlich über sie zu verfügen, anmaßte.

»Folge mir, Röschen,« wandte sich der Graf an die Schöne. »Meine Zeit ist kurz und meine Geduld zu Ende. Ich verlange Gehorsam und werde ihn zu erzwingen wissen, wenn dies Sträuben fortdauert. Ich bin kein Freund harter Maßregeln, aber ich werde sie schonungslos anwenden, wenn dieser Geist der Widerspänstigkeit, der anderwärts schon zu Excessen geführt hat, auch unter meinen Unterthanen oder denen, die es dereinst werden sollen, einzunisten droht. Du bist siebzehn Jahre, mithin hofepflichtig. Ob Du auf meinem oder meines Vaters Schlosse in Dienst trittst, ist gleichgiltig. Ich beanspruche Dich im Namen meines Vaters, der mir Dich ohne Widerrede abtreten wird. Zum letzten Male spreche ich als Freund und im Guten zu Dir. Laß Dich von Deinem Vater oder von wem Du sonst willst bis dort nach jenem Vorwerke[190] begleiten. Ich reite heim und werde Dich zu Wagen abholen lassen.«

Trotz dieses entschieden ausgesprochenen Befehles blickte Röschen weder auf, noch machte sie Anstalt, den Grafen zu begleiten. Das Gesicht zur Erde geneigt und mit den schlanken Händen die häufigen Thränen von den Wimpern streichend, schmiegte sie sich furchtsam fest an den starken, in finsterer Ruhe neben ihr stehenden Vater. Da sprang der junge Graf aufbrausend vom Pferde, schlug Sloboda mit der Peitsche über den entblößten Kopf, daß sogleich eine dicke blaurothe Schwiele auflief und der schwer Getroffene mehrere Schritte rückwärts taumelte. Dann umfaßte er das junge wendische Mädchen, hob es mit kräftigem Arm auf den Hals seines Pferdes, schwang sich behend in den Sattel und jagte trotz Röschens wimmerndem Hilferuf und dem dumpfen Murren des in naher Entfernung neugierig gaffenden Volkes mit seiner schönen Beute quer über die Felder dem Vorwerke zu, das in halbstündiger Entfernung aus einer Gruppe schöner Buchen und Birken mit seinen weißen Schornsteinen einladend hervorschaute. Als der tyrannische Graf [191] in der Ferne verschwand, verlief sich auch das Volk, ohne über die gewaltsame Handlung des vornehmen Herrn anders als durch heimliche Bemerkungen flüsternd seine Mißbilligung zu erkennen zu geben.

3. Kapitel
[192] Drittes Kapitel.
Pink-Heinrich.

Alle diese Vorgänge hatte der Mann mit den Drähten, welchen wir zu Anfange des vorigen Kapitels den Todtenstein besteigen sahen, genau beobachtet, ohne seine nachlässige Stellung, in der er auf dem Felsen ruhte, zu verändern. Erst jetzt, als das Volk achtlos auseinanderlief und der Graf in wildestem Rennen mit dem jungen Mädchen davon jagte, stand er auf, warf Quersack und Drähte über die Schulter, umfaßte heftig seinen langen Stock und stieg die enge Schlucht wieder hinab. Ehe er jedoch diese verließ, raffte er aus einem tiefen Felsenspalt, der ihm als Magazin diente, noch ein Bündel etwa zwei Ellen langer und einen Zoll dicker Buchen-, Birken-und Eichenstäbe auf,[193] nahm es unter'm linken Arm und ging darauf mit großen Schritten, die Knie stets etwas gebogen, den Stab regelmäßig weit vorsetzend und bei jedem nächsten Schritt weifenartig damit nach rechts ausbiegend, dem gemißhandelten Wenden entgegen. Dieser ächte Bauerngang, der ohne zu ermüden schnell vorwärts bringt, sah bei dem untersetzten Manne sehr komisch aus und verursachte durch das immerwährende Schaukeln und Aneinanderschlagen der Drähte auf Brust und Rücken ein eigenthümlich klirrendes Rascheln.


Betäubt von dem unerwarteten Schlage und von Ehrhold, dem jungen Clemens und noch einigen andern Wenden und Wendinnen umringt, bemerkte Sloboda nicht die Ankunft eines Fremden. Erst als ihn der Mann mit den Drähten sanft auf die Achsel schlug, kehrte sich Sloboda um und reichte, da ein gutmüthiges Auge ihn grüßte, dem Manne die Hand.

»Man hat Euch da behandelt, wie einen Hund, wackerer Freund,« sagte der Mann mit einer Stimme, die vor gerechter Entrüstung grollend zitterte. »Schade, daß ich nicht bei der Hand war, sonst, bei meiner armen Seele, hätte [194] ich dem hochmüthigen Burschen ein Rad um den Kopf geschlagen. Ihr müßt klagen, Mann!«

Der Wende seufzte und schüttelte in stummer Verzweiflung sein braunlockiges Haupt.

»Ihr wollt nicht?« fuhr der mit den Drähten fort. »Warum nicht? Meint Ihr, der Herr behalte Recht, weil er reich ist? Solche Gedanken dürft Ihr gar nicht in Euch aufkommen lassen, mein Lieber! Es ist wahr, der Arme richtet bei unserer Art, die Prozesse zu führen, und sie auf Kind und Kindeskind zu vererben, hier zu Lande selten etwas aus, aber, Freund, es ist nicht klug, dergleichen Bedenken merken zu lassen! Ich sage Euch, soll das Volk den Vornehmen gegen über dereinst und, gebe Gott, bald eine bessere Stellung einnehmen, die es verdient, die es fordern darf, so müssen wir jedes erlaubte Mittel ergreifen und vor Allem uns von diesen hochmüthigen Narren gar nichts mehr gefallen lassen! – Glaubt mir, Freund, ich kenne die Herren, denn ich komme viel mit ihnen zusammen, ich kenne auch den wilden Blauhut. Sie geben klein zu, wenn man ihnen recht derb mit hartem Schuh auf die Zehen tritt. Muth und Ausdauer machen sie ängstlich und furchtsam. [195] Und was wollt Ihr denn, guter Freund? Seid Ihr denn nicht im vollkommensten Recht? Mädchenraub ist, Gott sei Dank, in christlichen Landen vor jedweder Obrigkeit ein Verbrechen. Darum nur geklagt, Freund! Der Blauhut muß mir durchaus an den Pranger!«

»Er ist mein Herr!« sagte dumpf der Wende.

»Desto besser! Der Herr muß seine Unterthanen schützen, er darf sie nicht mißhandeln.«

»Ich bin nicht sein Unterthan, guter Mann.«

»Ja zum Teufel, was seid Ihr denn sonst?«

»Sein Leibeigener!« murmelte Sloboda mit einem furchtbaren Blick gen Himmel, indem er seinen Hut wieder abnahm und dem theilnehmenden Deutschen das Zeichen der Knechtschaft, den glänzenden Lederriemen um Stirn und Haupthaar, zeigte. »Ich muß schweigen und dulden,« setzte er hinzu, indem Zorn und Ingrimm seinen Augen bittere Thränen entpreßten, »denn wenn mir der Herr nicht an's Leben geht, habe ich wider ihn kein Recht. Auch ist er sonst immer gut gegen mich gewesen und ich habe keine Noth bei ihm gelitten. Erst seit die Schönheit meiner Tochter ihn berückt hat und [196] ich mich seinem Befehle, den ich für ungesetzlich halte, geweigert habe, behandelt er mich hart. O ich wollte, ich wollte –!« Und beide Hände geballt zum Himmel erhebend, knirschte der Wende mit den Zähnen und stieß einen fürchterlichen Fluch über alles Herrenthum aus.

»Lieber Freund,« versetzte jetzt der Maulwurffänger – denn dieses Geschäft betrieb der Mann mit den Drähten – »mit blinder Wuth ist in Eurer Lage nichts zu gewinnen. Ich glaubte Euch nur hofepflichtig; daß Ihr leibeigener Knecht seid, ändert die Sache freilich, doch verloren habt Ihr deshalb noch immer nicht. Ich rechne mir nämlich, daß es einen Weg gibt, auf welchem diesen Herren beizukommen sein muß. Das, lieber Freund, ist die Ruhe, die Schlauheit, die Verstellung! Und Ihr müßtet doch, mein' ich, kein eingebornes Kind dieses Landes sein, wenn Ihr nicht die zehn Gebote aus dem Katechismus des gemeinen Mannes vollkommen begriffen haben solltet! Was mich betrifft, seht Ihr, so ist Schlauheit die Seele meines Geschäfts. Der Maulwurf ist ein verteufelt kluges Thier, der Euch die schönsten Anschläge zu nichte macht, wenn Ihr [197] ihn nicht zu überlisten versteht. Mich aber täuscht so eine blinde Ereatur nicht, denn ich kenne ihre Weise. Wo ich meine Drähte in's Erdreich senke, da zappelt auch der unermüdliche Schaufler mit fest zugeschnürter Kehle, bevor zwölf Stunden in's Land gegangen sind. Darum, Freund, ist es mein Rath: seid klug und besonnen! Haltet Euch alle Leidenschaftlichkeit fern und senkt Fangdrähte in den Grund und Boden Eurer Herren so geschickt, so schlau, so heimlich, daß auch der Klügste sie nicht spürt, und ich versichere Euch, binnen hier und zehn Jahren seid Ihr frei, wie der Vogel in der Luft.«

»Euer Wort in Ehren – wie seid Ihr getauft?«

»Heinrich, Euch zu dienen, in's Gemeine Pink-Heinrich.«

»Euer Wort in Ehren also, Heinrich, die Sache mag ihre Richtigkeit haben, allein ich selber kann nichts dazu thun. Für mich gibt es keine Hilfe, ich muß dulden und sterben.«

»Laßt mir den Kirchhof aus dem Spiele,« versetzte Heinrich, »ich bin gerade kein sonderlicher Liebhaber von dem Gewürm. Doch sagt, wie hängt denn die Geschichte mit dem Blauhut [198] und Eurem Kinde zusammen? Ihr ließt vorhin em Wörtchen von Rechtlosigkeit und Willkür des Grafen fallen. Könnten wir ihn daran päcken, so sollte er schon zappeln, daß ihm die Augen aus dem Kopfe sprängen!«

»Darüber kann ich Euch die beste Auskunft geben,« fiel Ehrhold ein. »Vor etwa vierzehn oder sechzehn Tagen, müßt Ihr wissen, schrieb der Herr einen Gesindetag aus. Ich gehöre ihm erbunterthänig zu mit den Meinigen, denn der Edelhof, zu dem unser Dorf gehört, ist sein ihm verschriebenes Eigenthum. Nun war dazumal meine Pathe, das Haideröschen, grade zu Besuch bei mir, als die Dienstladung kam. Als eine Fremde meldete ich sie nicht als hofepflichtig, denn ihr Vater, der Jan Sloboda, steht unter der Herrschaft des alten Grafen und frohnt und dient dem Schloß im See, wie wir die alte Burg Boberstein nennen. Meines Wissens ging dem Haideröschen der Dienstruf des jungen Herrn gar nichts an und ich war im Recht, daß ich sie nicht zur Dienstschau abschickte. Es hätte wohl auch kein Hahn darüber gekräht, wäre nicht zum Unglück am nämlichen Tage der junge Herr in unser Dorf gekommen. Obschon es [199] eigentlich nicht seine Art ist, sich um uns arme Leute viel zu bekümmern, stieg er doch am Kretscham ab und trat in die Schenkstube, wo sein Voigt eben mit Aufzeichnung der Namen aller Mädchen beschäftigt war. Ich verwette meinen Kopf, die vielen hübschen Gesichter hatten den Herrn ganz allein hereingelockt! Wie er nun die verschämten Kinder mit Kennerblick mustert und Dem und Jenem ein freundlich aufmunterndes Wort sagt, tritt Röschen ein, um mich heimzuholen, weil das junge Fohlen, weiß der Himmel wo durch, den Koller gekriegt hatte. Kaum sah der Junker Blauhut meine Pathe, so fragte er, wer sie sei? Und als ihm der Name Sloboda genannt wird, befiehlt er, das arme Ding ebenfalls auf die Dienstliste zu setzen. Daß wir im Namen des Vaters Einwendungen machten, war natürlich, und daß Röschen selbst keine Lust zeigte, in die Dienste Blauhuts zu treten, könnt Ihr Euch denken, wenn Ihr erwägt, was die Sage von dem jungen Herrn berichtet! Nach einigem Hin- und Herreden stand er auch scheinbar von seinem Entschlusse ab, allein kaum war ich heimgekommen, als auch der Graf in mein Haus tritt, mit Röschen schön thut und ihr [200] lauter schöne Dinge vorsagt. Darauf nahm er mich bei Seite und bot mir goldene Berge, wenn ich ihm das Mädchen auf den Edelhof schicken wollte. Ich weigerte mich dessen in zweideutigen Worten, um den Drängenden nur aus dem Hause zu schaffen. Der Graf ging, zufriedengestellt. Drauf melde ich Sloboda das Vorgefallene, und weil ich wußte, daß er in den letzten Tagen auf des alten Grafen Befehl in Görlitz sein werde, versprach ich ihm, hier mit ihm zusammenzutreffen, um über die gefährliche Angelegenheit zu sprechen. Wie ich daran verhindert wurde, habt Ihr selbst mit angesehen.«

Der Maulwurffänger, der seine hellen schlauen Augen bald über die Gegend schweifen, bald auf dem Sprechenden ruhen ließ, schüttelte bedenklich den Kopf, zwischen den beiden Männern langsam fortschreitend.

»Wo seid Ihr zu Hause?« fragte er. »Führt Euer Weg nicht bis in's Niederland, so begleite ich Euch eine Strecke.«

»Ich wohne zwei gute Stunden von hier hinter den Teichen,« versetzte Ehrhold. »Das junge Volk da vor uns ist eben daher.«

»Seitwärts Rothenburg?«

[201] »Ganz recht. Der Ort heißt die Zeisel und steht unter dem jungen Grafen, der auf dem eine Stunde südlicher gelegenen Zeiselhofe wohnt. Was Wendisch ist, gehört ihm zu mit Leib und Leben. Die Deutschen haben mehr Glück gehabt, denn sie brauchen ihm blos noch etliche Frohntage zu leisten.«

»Da gehen unsere Wege wacker zusammen,« erwiederte der Maulwurffänger. »Ich habe Kunden in jener Gegend, die ich immer einmal mit umstoßen kann. Unterwegs besprechen wir wohl noch Eins und das Andere.«

Freudig nahmen die niedergeschlagenen Wenden die Begleitung des Deutschen an. Obwohl Jan Sloboda den Maulwurffänger bisher blos von Ansehn und Hörensagen kannte – denn Heinrich war in sehr weitem Umkreise ein in seiner Art berühmter Mann – so war es ihm doch grade in seiner jetzigen düstern Stimmung angenehm, einen verständigen Begleiter gefunden zu haben, dem er nicht zu mißtrauen brauchte. Oft schon hatte er von deutschen Bauern gehört, daß der Maulwurffänger, der aus dem Grenzgebirge stammte, ein geschworner Feind des drückenden Herrenwesens sei, das noch so schwer [202] und entwürdigend auf dem Volke lastete. Die vielen Frohn- und Hofedienste, welche Bauer, Gärtner und Häusler verdammten, die schönsten Tage im Jahre dem Gutsherrn zu opfern, der sich Besitzer des Ortes nannte, und ihn dadurch an Verbesserung und gehöriger Bearbeitung des eigenen Grund und Bodens hinderte, hatten ihn längst geärgert. Wo sich Gelegenheit fand, den Saamen der Unzufriedenheit unter dem hörigen Volke auszustreuen, benutzte er sie klug, und warf wohl auch bisweilen eine Hand voll Unkraut mit aus. Seine ihm angeborene und in einem thätigen Leben äußerst geübte Schlauheit bewahrte ihn bei diesem gefährlichen Geschäft vor jedem Mißgriff, der ihm selbst hätte nachtheilig werden können, und so erwarb er sich zahlreiche Freunde unter den gemeinen Leuten, ohne die Gunst der Herren, die er ebenfalls brauchte, zu verscherzen. Ein gewissenhafter Mann in streng christlichem Sinne würde ihn wahrscheinlich einen Schalk genannt und ihn der Zweiächselei bezüchtigt haben, die wahre Cultur aber, die nie und nirgend solche aus Gut und Böse, aus Erlaubtem und Unerlaubtem, aus Herzensgüte und lächelnder Falschheit [203] zusammengesetzte Charaktere entbehren kann, besaß in ihm ein unschätzbares Instrument, um die heiligen und großen Zwecke des Fortschrittes, der Volksbildung, der Verbreitung gesunder und freier Ideen im Volke fördern zu helfen. Wir wollen nicht behaupten, daß der Maulwurffänger sich dieses segenbringenden Zweckes um diese Zeit schon vollkommen bewußt gewesen sei, ihm genügte vorerst der Reiz, den alles heimliche Miniren für ihn hatte, weil es ihn einfach ergetzte und unterhielt, dem Gedrückten zu nützen und dem Mächtigen stechende Dornen in das bequeme Leben zu streuen.

Bei dieser etwas frivolen Lebensansicht und bei seiner Beschäftigung, die ihn zu fortwährendem Herumziehen im Lande nöthigte, war es kein Wunder, daß Heinrich in seinen Mitteln nicht wählig war, und daß er häufig auch mit Menschen verkehrte, die in der bestehenden bürgerlichen Ordnung nur ein Hemmniß der Erdenglückseligkeit erblickten.

Sloboda und Ehrhold gaben auf alle Fragen, die Heinrich aushorchend an sie richtete, des Breitesten Antwort, und dieser erfuhr dadurch Alles, was er zu wissen begehrte, um den [204] Bedrückten in seiner Weise nützlich werden zu können.

»Habt keine Sorge um Röschen,« sprach er hierauf, mit den Wenden rüstig weiter schreitend. »Ein Mädchen mit gesunden Augen und natürlichem Tact führt Euch den abgefeimtesten Teufel ein paar Tage lang an der Nase herum! Mir ist nicht bange um das liebe Kind. Der Junker wird sich vor ihr, sie sich nicht vor ihm beugen müssen. Nur die ersten Stunden der Angst und Beklemmung werden sie peinigen, später möchte ich wetten, daß sie leichter und besser als wir ihren Vortheil zu wahren verstehen wird. Darin sind die Weiber noch pfiffiger als die Juden! – Doch was ich Euch fragen wollte, lieber Jan, habt Ihr nicht gehört, wem das Fräulein angehört, das schon seit Jahr und Tag auf der Burg des alten Grafen lebt? Es wird viel darüber gefabelt, was Alles ich nicht glauben kann. Nur so viel weiß ich, daß es zwischen Himmel und Erde etwas Lieblicheres, als Fräulein Herta, wie man sie nennt, nicht gibt!«

»Ich sah letzthin das Fräulein mit dem alten Herrn durch den Wald reiten,« versetzte [205] Sloboda, »und wirklich bei ihrem Anblick ward mir zu Muthe, als schwebe ein Engel vorüber!«

»Es muß eine eigene Bewandniß mit dieser Herta haben,« fuhr der Maulwurffänger fort. »Der alte Graf, ein braver Herr, wie mich dünkt, trägt das Fräulein auf den Händen, und auch die Frau Gräfin, die doch eine stolze Frau ist, lächelt immer recht freundlich, wenn sie das feine schlanke Mädchen erblickt, ja sie läßt es sogar geschehen, daß Herta ihr um den Hals fallen und sie nach Herzenslust küssen darf, was ich ihrer eigenen Tochter, wenn sie eine hätte, nicht rathen würde. Aus alle dem geht hervor, Freund Jan, daß sie von gar vornehmer Abkunft sein muß.«

»Sehr möglich,« sagte Sloboda. »Die Verbindungen der gräflichen Familie sind groß und sollen sogar mit dem churfürstlichen Hause verzweigt sein.«

»Wißt, Jan, ich habe einen Gedanken! Ihr müßt das Fräulein zu Eurer Fürsprecherin machen. Junker Blauhut fürchtet den Alten, weshalb er auch selten auf das Schloß im See kommt. Stecken wir uns nun hinter diesen und lassen ihm durch Herta die Gewaltthat des[206] Sohnes vortragen, so könnt Ihr versichert sein, daß der Nichtsnutz Euch das liebe Kind binnen wenig Tagen mit Extrapost in den Hof fahren läßt!«

»Wer soll einen so gefährlichen Auftrag übernehmen! Ich selbst? – Mir würde man nicht glauben, und ein Anderer? Ach, Heinrich, Ihr kennt die Menschen und ihren Eigennutz nicht!«

»Hat das nette Ding denn keinen Liebsten?« fragte etwas ungeduldig der Maulwurffänger.

»Die Burschen sind ihr wohl alle gut und gingen für sie durch's Feuer, aber erklärt hat sich doch noch keiner.«

»Noch keiner?« warf Clemens ein, der einige Schritte vor den rathschlagenden Männern mit den Uebrigen ging, und drehte sich um. »Fragt Vater Ehrhold, ob Haideröschen ohne Schutz ist!«

»Ehrhold?« sagte Jan gedehnt, den jungen Burschen mit langen Blicken messend.

»Er weiß, was ich nicht lang und breit erzählen mag. Ich liebe das Haideröschen und habt Ihr nichts dagegen, Vater Jan, und kommt sie heil und rein wieder zurück in unser [207] stilles Dorf, so gibt's eine lustige Hochzeit, noch ehe die Blätter fallen!«

Der Maulwurffänger lachte leise und sah den Wenden mit dem verschmitztesten Blick seiner muntern Augen an. »Da haben wir ja gleich einen Unterhändler, wie wir ihn nur wünschen können,« sagte er. »Gelt', frischer Junge, Du scheust eine Tracht Prügel nicht, wenn Du der schmucken Dirne und ihrem trauernden Vater einen Dienst erweisen kannst? Legen sie Dich in den Stock, je nun, so sitzest Du eben auf demselben Ehrenplatze, auf welchem vor Dir schon sehr viele ehrliche Leute gesessen haben. Wer liebt und das Herz auf dem rechten Flecke hat, fürchtet weder den Teufel noch seine Großmutter!«

»Ich bin zu Allem bereit,« versetzte Clemens. »Laßt mich nur wissen, was ich zu thun habe!«

»Nachher, wackeres Blut!« sagte der Maulwurffänger. »Ich sehe die Teiche durch das Gesträuch schimmern, und da ich einmal so weit mit Euch gelaufen bin, werdet Ihr mich hoffentlich eine halbe Stunde bei Euch ausruhen lassen. Da können wir das Nähere besprechen. Wichtiger ist es, dem Junker sogleich beizukommen, [208] und da ich mich so tief in die Sache eingelassen habe, möchte ich am liebsten selber mit ihm reden, vorausgesetzt, daß es Euch recht ist.«

»Ihr wolltet, Heinrich?« rief Sloboda erfreut und erstaunt zu gleicher Zeit aus. »Habt Ihr auch den Zorn des jungen Herrn überlegt? Er vergibt Euch nie mehr, wenn Ihr seine Wege kreuzt, und wird Euch auf Schritt und Tritt verfolgen, denn in ihm wohnt eine böse, tückische, verwahrloste Seele!«

»Aus Blauhut's Zorne mache ich mir nicht so viel!« sprach der Maulwurffänger lächelnd, indem er mit aufgeworfener Lippe über die Spitzen seiner Finger hinblies. »Ich bin ein freier Mann, dem er nichts zu befehlen hat. Bisher fing ich ihm redlich das blinde Gewürm von seinen Aeckern, wofür er mich immer pünktlich bezahlt hat. Will er mir fernerhin die Kundschaft entziehen und sich die Felder von dem Ungeziefer ruiniren lassen, so steht ihm das frei. Mich soll die Ungnade des Grafen Magnus wenig kümmern, wenn ich um so geringen Preis einem Armen helfen und ein schreiendes Unrecht verhüten oder hintertreiben kann.«

Gerührt über ein so uneigennütziges Anerbieten [209] ergriff Sloboda Heinrich's beide Hände, drückte sie mit Inbrunst und umarmte ihn, seine Stirn küssend.

»Vergib,« sagte er, »daß ein Leibeigener einen freien Mann des Volkes zu umarmen und Bruder zu nen nen wagt! Ich kann nicht anders, mein Herz treibt mich dazu. – Hast Du doch selbst gesagt, daß die Kette, die noch an meinen Händen klirrt, gebrochen zu werden verdiente. Nimm an, ich sei frei, wie Du, ich brauchte nicht mehr blindlings den Winken eines launenhaften Herrn zu folgen, und die Schmach, die auf der Person eines Leibeigenen haftet, wird Deine freie Seele nicht beflecken!«

»Ich bin Dein Bruder, Jan Sloboda,« erwiederte Heinrich ernst, Händedruck und Kuß erwiedernd.

»Und nun noch eine Bitte,« sagte Ehrhold. »Tretet als Gast in meine Hütte! Sie ist zwar ärmlich, aber rein und unentweiht von jeder Frevelthat!«

»Ich will die Abendmahlzeit mit Euch und Eurem Freunde theilen,« versetzte der Maulwurffänger, denn wenn ich ehrlich sein soll, so muß ich gestehen, daß ich einen recht gesunden Appetit [210] verspüre. Verspätigen wir uns auch beim Gespräch und bricht die Nacht herein, ehe ich meinen Stab weiter setze, so soll mich das wenig verschlagen. Mir sind alle Wege und Stege im Gebirge, in Ebene und Haide genau bekannt.

Die Wanderer hatten auf verschiedenen zwischen den Teichen hinlaufenden Dämmen die fischreichen Weiher durchschritten und erreichten jetzt das Dorf, wo Ehrhold wohnte. Zwischen Wald und sanft ansteigenden Wiesen in breitem Thalgrunde gelegen, den ein heller Bach durchrieselte, machte es einen freundlichen Eindruck. Die mit Moos und Gras bewachsenen Strohdächer leuchteten im goldigen Duft der bereits niedrig stehenden Sonne. Auf den Forsten mehrerer Häufer zeigten sich Storchnester, deren Bewohner noch nicht aus ihren afrikanischen Winterquartieren zurückgekehrt waren. Die alten Mütterchen und Greise des Dorfes saßen vor den Haus- und Hofthüren, während verheirathete rüstige Frauen und Männer auf dem ungepflasterten Fahrwege, der zwischen den beiden Häuserreihen, aus welchen das Dorf bestand, hinlief, mit einander plaudernd auf- und niedergingen. Die Männer rauchten meistentheils [211] Tabak, und als sie die vom Todaustreiben Heimkehrenden gewahr wurden, gingen sie ihnen lebhafter entgegen und begrüßten sie herzlich, eine Menge der verschiedensten Fragen an sie richtend.

Das freudlose Wesen der Heimkehrenden mußte den daheim Gebliebenen alsbald auffallen, denn man war gewohnt, die Jugend, wenn sie von ihren Sonntagsausflügen in's Thal herab zog, schon von fern heitere Feldlieder singen zu hören. Es fragten deshalb bestürzt und unruhevoll Mehrere nach der Ursache dieser allgemeinen Betrübniß.

»Vermißt Ihr denn Niemand?« entgegnete Ehrhold. »Seht Euch um! Sind das all unsere Kinder und Schutzbefohlenen?«

»Wo bleibt unser Haideröschen?« rief eine ihrer Freundinnen mit bangem Herzklopfen.

»Sie ist uns gewaltsam entrissen worden,« sagte Ehrhold. »Habt Ihr den Dienstbotentag vergessen?«

Alle standen wie vom Schlage getroffen, während Ehrhold seine Gäste in das uns schon bekannte Wohnhaus geleitete.

4. Kapitel
[212] Viertes Kapitel.
Pläne.

In demselben verräucherten Zimmer, wo unter allgemeiner Lust die Spinte nach altem Brauch erstochen worden war, an dem nämlichen Tische, wo Haideröschen ihre dankbaren Zuhörer mit dem Zauber ihrer Mährchen und Waldlieder entzückt hatte, saßen Ehrhold, Sloboda, Heinrich und Clemens in berathendem Gespräch. Der junge Bursch, den die überkecke That des Grafen erst völlig betäubt hatte, überließ sich jetzt wieder ganz seiner natürlichen Lebhaftigkeit und seinem heftigen sinnlichen Temperamente, das nur angewohnte Scheu vor der Gewalt eines gebietenden Herrn eine Zeitlang hatte niedrücken können.

[213] »Gott im Himmel,« rief er aus, »warum konnte ich ruhig zusehen und das Entsetzliche geschehen lassen! Röschen wird mich verachten und dem Feiglinge für immer den Rücken kehren! Verflucht sei die Stunde, wo der Graf sie zum ersten Male erblickte!«

»Laß das gut sein,« bemerkte der Maulwurffänger. »Geschehene Dinge sind nicht zu ändern. Das ist zwar eine sehr abgegriffene, aber doch immer eine wahre Lebensregel. Was sollte denn außerdem noch geschehen? Es ließ sich bei der Affaire schlechter dings nichts thun, als daß Ihr etwa den Herrn Grafen todtschlugt. Das wäre aber meiner schlichten Meinung nach eine eben so respectwidrige, als verbrecherische Handlung gewesen. Weit besser ist's, daß sie unterlassen wurde. Unterlassungssünden solcher Art tragen ihrer Zeit die süßesten Früchte. Haideröschen, wie Ihr das nette Ding nennt, hat einen Ritt durch die Hügel gemacht, und dieser wird ihr ohne Zweifel gut bekommen, denn es war heut eine prächtige Luft!«

»Der Spott steht Euch übel zu Gesichte, Landsmann,« versetzte Clemens verdrüßlich.

»Dein Landsmann kann und will ich nicht sein, wenn Du nichts dawider hast,« erwiederte [214] Heinrich, listig mit den Augen blinzelnd. »Hat uns auch dieselbe Erde geboren, so gehören wir doch zwei Volksstämmen an, die in früherer Zeit nicht brüderlich einträchtig zusammen lebten.«

»Wie Ihr wollt,« sagte der junge Wende. »Die Hauptsache bleibt immer, daß wir jetzt redlich und wacker zusammen halten, um der verruchten Grafenbrut den Hals zu brechen. Allein dürfen wir armen geknebelten Teufel dem Gespinnst doch nicht an's Leben, ohne gehangen, gespießt oder gar verbrannt zu werden.«

»Der größte deutsche Weltweise, Eulenspiegel, der recht eigentlich der einzige wahre Philosoph unseres Volkes ist,« nahm Heinrich in unerschütterlicher Ruhe abermals das Wort, »sagte das große Wort: Eile mit Weile! Das ist absonderlich in dieser Angelegenheit mein Rath. Versprichst Du mir, fein still zu sitzen und ganz unthätig zuzusehen, bis ich sage: jetzt mach' Dich auf die Socken und handle; so mische ich mich auf meine Weise in die Geschichte, und ein verwirrter Knäuel Bindfaden, den ich in die Hände kriege, wird gewiß entwirrt, oder ich will kein Maulwurffänger sein! 's Ist mein Geschäft, die Pfiffigen hinter's Licht zu führen, und 'was Lustigeres [215] wüßte ich mir gar nicht auszudenken, als wenn mir's gelänge, dem hochmüthigen Blauhut seinen melirten Filz bis über die Nasenlöcher in den Kopfzu schlagen!«

»Ihr spracht vorhin von dem Fräulein auf der alten Burg. Was habt Ihr mit dem Engelsbilde zu schaffen?«

»Mißlingt mein Plan, so sollst Du Dir mit dem Prachtmädchen etwas zu schaffen machen, damit es dem Herrn Junker den Kopf zurecht setzt. Ueberhaupt gelüstet mich's schon lange, etwas genauer und tiefer hinter die alten Burgmauern und die vermoderten Tapeten zu gucken, denn mir schwant, man hält da alte Sünden fein säuberlich hinter Schloß und Riegel. Diesen möchte ich auf die Spur kommen, nicht aus Neugier, sondern weil ich davon für Euch Gutes hoffe.«

»Wie meinst Du das, Bruderherz?« fragte Sloboda.

»Eins nach dem Andern, Freund! Ich gehöre zu den langweiligen Leuten, die nie zwei Dinge unter einander mengen, aber, wenn's sein muß, hundert auf einmal anfangen, um sie gelegentlich alle zu Ende zu führen. Kommt Zeit, [216] kommt Rath! heißt einer meiner Glaubenssätze. Die Zeit, rechne ich, wo Fräulein Herta unsere Verbündete werden soll, wird nicht mehr gar fern sein, heut jedoch liegt sie noch ganz außerhalb der Schlingen, die wir auszuwerfen haben, um den Feind zu fangen.«

Clemens sah finster drein und schien kein rechtes Vertrauen zu dem Deutschen fassen zu können, der immer von Vorschlägen und Plänen sprach, und wenn man sie zu hören begehrte, stets wieder ausweichend antwortete. Das Phlegma Heinrich's ärgerte ihn und brachte sein sinnlich regeres Temperament in immer heftigere Wallung. Nur Sloboda's Blicke vermochten ihn, den theilnehmenden Gast mit gebührender Rücksicht und Höflichkeit zu behandeln.

Der Maulwurffänger schlug sich Feuer für seine Tabakspfeife an, die ihm schon auf dem Wege zehnmal ausgegangen war und auch jetzt nicht in Brand bleiben wollte. Während er wiederholt Stahl und Stein zusammenschlug, oder, wie die Lausitzer sagen, »pinkte,« sprach er:

»Ihr habt doch gewiß vielmals von der Bande des braunen Lips gehört, wißt Ihr vielleicht, wo sie jetzt ihr Hauptquartier hat?«

[217] »Lips wird sich hüten, seine Schlupfwinkel zu verrathen,« sagte Ehrhold.

»Ach was!« versetzte Heinrich, dicke Tabakswolken von sich blasend, »Räuber haben so gut ihre Launen, wie sogenannte ehrliche Leute, und nun erst ein Mann wie Lips! Es heißt, er verrathe immer eine Abtheilung seiner Leute selbst, um, während man diesen nachläuft, mit seinen übrigen Gesellen desto bequemer plündern und rauben zu können. Der Teufelskerl kommt mir in den Sinn, weil wir ihn just recht bequem brauchen könnten.«

»Mit Spitzbubengesindel will ich nichts zu thun haben,« sagte Clemens stolz.

»Dann thust Du am klügsten, Du verkriechst Dich in's erste beste Mauseloch und hältst Dir jede Creatur vom Leibe, die einem Menschen ähnlich sieht! Das Geschlecht der Spitzbuben ist so groß wie die Menschheit und ohne alle Widerrede der älteste Adel, den es gibt!«

»Geht's,« meinte Sloboda, »so laß die Teufelsbrut aus dem Spiele. Mitgegangen, mitgehangen!«

»Weißt Du so genau, was den Lips zum Freijäger gemacht hat und wer der Mann früher [218] gewesen ist?« fuhr Heinrich fort. »Du weißt es nicht! Nun seht, es läuft ein Gerücht von ihm um, das ihm eine hohe Abstammung andichtet. Vielleicht ist's rein erlogen, vielleicht, wer kann's sagen, klebt ein Eierschälchen Wahrheit daran. Ich kann das nicht entscheiden. Etwas aber weiß ich und deshalb fiel mir der Kerl ein. Er hat's nämlich absonderlich, ja beinahe ausschließlich auf die Reichen abgesehen, und ist flugs mit seinem Ausräumen, Anzünden und Gurgelzuschnüren bei der Hand, wenn er sichere Kunde von boshaften und niederträchtigen Bedrückungen vornehmer Herren gegen das arme Volk erhält. Nun mag ich nicht grade behaupten, daß es Lob oder Belohnung verdiene, wenn Einer Unthaten mit Unthaten bestraft, aber ich bin doch der vorsichtigen Meinung, daß es in dieser unvollkommenen Welt Fälle geben könne, in denen man sich verschmitzter Schufte zum Besten ehrlicher Leute bedienen dürfe. Das heiße ich das Laster ein klein wenig wieder zu Ehren bringen, und den argen Schälken thut man stillschweigend sogar einen Himmelsdienst, da man sie Gutes zu stiften nöthigt, ohne daß sie's merken.«

[219] »In Deinem Christenthume, Bruder, kann ich mich nicht ganz zurecht finden,« sagte Sloboda. »Mein einfaches, stilles Leben ließ mich so künstliche Gedanken nie denken, viel weniger weiter verfolgen.«

»Dafür bist Du auch ein friedlicher Pflüger und ich bin ein reisender Künstler,« entgegnete pfiffig lächelnd der Maulwurffänger. »Kurz und gut, wüßt' ich den Lips aufzutreiben, ich machte, hol' mich Dieser und Jener, zu des Grafen Verderben Bekanntschaft mit ihm! Er soll sich seit einigen Wochen in die Haide geworfen haben, die freilich für eine so zahlreiche und unruhige Familie das bequemste Haus ist. Aber wo ihn dort aufsuchen, ohne zuvor selbst ein paarmal bis auf die Haut durchsucht und ausgeraubt zu werden? Indeß, nun ich mich doch einmal in diesen vielgekrümmten Maulwurfsgang begeben habe, will ich ihn auch nicht wieder verlassen, ohne das Gewürm unschädlich gemacht zu haben.«

»Vergiß nur nicht, wackerer Freund, auf Deine eigene Sicherheit dabei Acht zu geben,« sagte theilnehmend und dem Deutschen dankend die Hand drückend, Sloboda.

[220] Heinrich schnippte mit den Fingern und lachte überaus vergnügt dazu. »Ich bin schlüpfrig, wie ein Aal,« versetzte er, »dabei aber auch hungrig, wie ein Wolf. Und da meine Pfeife bei dem Geschwätz wieder einmal das Athemholen vergessen hat, so dächt' ich, wackerer Gastfreund, es wäre höchst zweckmäßig, wenn Ihr Eure Ehewirthin rieft und sie im Brodschranke nachsehen ließet, ob vielleicht ein Restchen Grütze oder ein derbes Stück Speck von gestern her übrig wäre, das wir gemeinschaftlich, nebst Brod und Butter, verzehren könnten. Ein paar Seidel gute, nicht ganz abgerahmte Milch würde ein recht erfrischendes Getränk dazu sein, wenigstens bin ich ein ausnehmend großer Liebhaber davon. Habt Ihr aber von dem Allen gerade nichts im Hause, so würde es diesen jungen hitzigen Burschen nichts schaden, wenn er sich auf einem Spatziergange in die Schenke die Füße etwas verträte und das Erforderliche nebst einer halben Kanne Schnaps und einigen Maß Bier herbeiholte. Ich bemerke hierbei, daß ich Braunbier lieber trinke, als Weißbier, theils, weil ich mehr davon genießen kann, theils auch, weil es mir besser schmeckt. Offenheit unter [221] Freunden, die sich einander dienstbereit die Hände reichen, ist eine große Tugend, und ich denke daher, Freund Ehrhold, Ihr werdet meinen bescheidenen Wünschen kein Hinderniß in den Weg legen.«

Sloboda mußte über die ernsthaft trockene Art, in welcher der Maulwurffänger seinen Speisezettel vortrug, trotz seines Kummers lachen und Ehrhold stand munter auf, um eigenhändig eine tüchtige Schüssel voll Haidegrütze mit kaltem Schweinefleisch, nebst Butter und Brod aufzutragen, Clemens aber mußte, da vermuthlich der Milchkeller des Wenden für den gesunden Appetit des diensteifrigen Maulwurffängers zu klein gewesen wäre, in die Schenke wandern, um die gewünschten Quantitäten Schnaps und Bier herbeizuschaffen.

Heinrich ließ sich die aufgetragenen Speisen trefflich munden und unterhielt dabei fortwährend seine Freunde mit allerhand wunderlichen Geschichten, die ihm alle selbst begegnet sein sollten. Darüber ging die Sonne unter und ein schwerer, feuchter Nebel begann Dorf, Hügel und Feld in schmutziges Grau zu hüllen. Dies konnte jedoch unsern Freund nicht abhalten, [222] nach beendigter Mahlzeit unverweilt aufzubrechen, so angelegentlich ihn auch Ehrhold und Sloboda baten, die Nacht bei ihnen zu bleiben.

»Wenn ich nur nicht solche Redensarten hören sollte!« erwiederte Heinrich darauf. »Ihr wißt kaum, was Ihr bittet, und hörte ich darauf, so könnten wir allesammt hinterher ein großes Unglück zu beklagen haben. Laßt mich nur machen, sag' ich! Ich kenne die Wege genau und finde sie in finsterer Nacht so gut wie beim hellsten Sonnenschein. Darum Gott befohlen und ein baldiges frohes Wiedersehen!«

Von den besten Wünschen der Wenden begleitet, verließ Heinrich das Dorf, wendete sich dann südöstlich, ließ die Teiche, die schützend von zwei Seiten den Ort umgaben, rechts liegen und wanderte in gemessenen Schritten, seinen langen Stecken fleißig brauchend und sich gleichsam mittelst desselben wiegend und weifend vorwärts schiebend, einer Waldzunge zu, welche die zur Linken seitwärts laufende Haide hier in's bebaute Land vorgeschoben hatte.

Es nebelte so stark, daß der Maulwurffänger kaum einige Schritte weit sehen konnte, sein Auge war aber durch immerwährende Uebung [223] in jeder Tages- und Jahreszeit und bei allen möglichen Witterungsveränderungen so sehr an dies feuchte Nebelgrau gewöhnt, daß er stets genau wußte, wo er sich befand. Selbst im dichtesten Kieferwalde blieb ihm diese Sicherheit treu. Nach seiner Gewohnheit schlug er sich Feuer an, um für die lange Weile eine Pfeife zu rauchen, und schlüpfte bald links, bald rechts um die röthlich-gelben Stämme. Die Luft war völlig still. Man hörte das Geriesel der dürren Nadeln, die in der feuchten Luft zu Boden fielen, und die behutsamen Tritte der Füchse, die nach ihren Bauen schlüpften. Ueber den Wald hin zogen bisweilen einige Krähen, deren unmelodisches Geschrei in der dicken Luft dumpf verhallte.

Eine gute halbe Stunde mochte der Maulwurffänger tüchtig ausgeschritten sein, als die Waldung lichter wurde und einzelne helle, mit dunstigen Ringen umgebene Puncte die Nähe eines benachbarten Ortes ankündigten. Ein des Weges minder kundiger Wanderer würde auf diese freundlich lockenden Zeichen zugeschritten sein, Heinrich aber wendete sich, nachdem er den Wald verlassen hatte, zur Rechten und [224] schlüpfte hart an den letzten Bäumen hin, bis die Lichter weit zur Linken dämmerten. Nun senkte sich der Boden, die scharfe Waldzunge fiel in ein Thal oder eine Niederung ab und verlor sich in wolkigem Dunst. Behend lief Heinrich die schlüpfrige Lehne hinunter, übersprang einen Bach und gelangte nun auf einen hohen Damm, hinter welchem unter rollendem Nebelgewölk ein breiter Wasserspiegel sichtbar ward. Diesen entlang schritt der Maulwurffänger, bis ein zweiter kaum fußbreiter Damm quer durch den kleinen See lief und ihn in zwei fast gleiche Hälften theilte. Obwohl kein Fußsteig über diesen schmalen und vom Niederschlag der feuchten Dünste äußerst schlüpfrigen Damm führte, wagte sich Heinrich doch darauf und erreichte nach viertelstündiger Wanderung eine freie, von anmuthigen Hügeln umschlossene Gegend. Fernes Hundegebell verrieth die Nähe bewohnter Dorfschaften oder zerstreut liegender Vorwerke. Auch dauerte es nicht gar lange, so blitzten deutlich bald in der Tiefe, bald schwebend in der Luft, erst vereinzelte Lichter, dann ganze Reihen trüber Flammen. Das Rauschen eines Wehres, das Klappern einer Mühle ward hörbar und nach [225] einiger Zeit ließen sich vor und neben einem hohen und breiten Gebäude, das von langgestreckten Nebenflügeln umgeben und von hoher Steinmauer festungsartig umschlossen war, eine Menge kleinerer Wohnungen unterscheiden. Eine heisere Seigerschelle schlug eben die neunte Stunde.

»Na da wären wir ja,« sprach der Maulwurffänger zufrieden zu sich selbst, indem er den Kopf seiner Pfeife ausklopfte und sie in die Westentasche steckte. s' Ist doch eine prächtige Sache um verbotene Wege. Sie bringen einen entschlossenen Mann in kurzer Zeit eine Strecke vorwärts. »Ha, ha, ha,« fuhr er lachend fort, »im Schlosse wird noch stark geleuchtet. Sollte Gesellschaft da sein? Aber da ging's lebhafter zu, denn wo Junker Blauhut zu befehlen hat, darf sich die stille Kopfhängerei nicht blicken lassen.«

Das Gebäude, dem unser Freund den Namen eines Schlosses gab, war eigentlich blos ein geräumiges, von außen stattlich aussehendes Herrenhaus, wie es deren in den meisten größeren wendischen Dörfern gibt. Es lag fast in der Mitte des Dorfes, das sich in breiter [226] Gasse diesseits und jenseits des Edelhofes eine fruchtreiche Berglehne hinanzog und von einem starken Bache durchströmt ward. Besitzer dieses Dorfes war der reiche Graf von Boberstein, wie er sich nach seinem mitten in einem See gelegenen Stammschlosse nannte, seit Jahresfrist aber hatte er es seinem Sohne Magnus als Eigenthum überlassen, um ihn zu beschäftigen oder, weil er sich nicht mit ihm vertragen konnte, ihn möglichst fern zu halten. Magnus, von dem Volke seines blauschwarzen Hutes wegen gewöhnlich Blauhut genannt, stand im Rufe eines jähzornigen, herrschsüchtigen und ausschweifenden Mannes. Niemand achtete, Jedermann fürchtete ihn, und weil er dies wußte, suchte er den möglichsten Vortheil für sich daraus zu ziehen. Sein Vater, ein milder, vornehmer und hoch gebildeter Mann, hatte wohl nicht bedacht, daß er dem zügellosen Sohne durch Abtretung des Zeiselhofes grade eine erwünschte Gelegenheit zu Befriedigung aller seiner Lüste gab. Die meisten dem Rittergute zugehörigen Unterthanen waren nämlich entweder hart bedrückte Frohnbauern oder völlige Leibeigene, mit denen ein strenger Gebieter geradezu verfahren konnte, [227] wie es ihm beliebte. Magnus war zu genau mit den Vorrechten seines Standes vertraut, als daß er diese nicht im Uebermaß hätte ausüben sollen, wenn er sich Nutzen und Vergnügen davon versprach. Er herrschte daher schon seit Monaten wie seine Urahnen zur Zeit des Faustrechtes. Besondere Aufmerksamkeit schenkte er seinen leibeigenen Wenden, deren schlanke Töchter ihm ungemein gefielen. Ein herzloser, gegen den Gebieter hündisch kriechender Voigt bot ihm bereitwillig seine Hand zu jeder willkürlichen Handlung, und mit diesem feigen Schurken vereint verübte nun Magnus Dinge, die vor dem Richterstuhle der Menschheit als Verbrechen verdammt und bestraft worden wären. Nur die Macht des Herrn, die Furcht des Volkes vor dieser und die sclavische Scheu, als Kläger gegen den kleinen Tyrannen aufzutreten, schützten ihn und ließen ihn wohl gar glauben, er sei in seinem vollsten Rechte und deshalb völlig unantastbar.

Als der Maulwurffänger der hohen, düstern Mauer sich näherte, welche die umfangreiche Hoferöthe umschloß, mäßigte er seine Schritte und ging mit sich selbst zu Rathe, auf welche [228] Weise er sein Anliegen dem auffahrenden Junker am besten vortragen könne. Es fehlte unserm Freunde weder Gewandtheit noch Unverschämtheit, wenn es galt, irgend etwas, von dem er sich persönlich Vortheil versprach, mit Nachdruck durchzusetzen. Er hatte daher in Kurzem eine ganze Menge Vorwände in Bereitschaft, mit denen allen er, wenn es nothwendig sein sollte, den Grafen zu bearbeiten gedachte. Furchtlos ergriff er jetzt den schweren metallenen Widderkopf am Hofthor und schmetterte ihn mehrmals mit solcher Gewalt gegen die eiserne Platte, daß augenblicklich ein wüthendes Hundegebell im Hofe entstand und unmittelbar darauf einige schnüffelnde Köter von innen gegen die Thür sprangen.

»Vortrefflich gelungen!« murmelte Heinrich, sich vor Freuden die Hände reibend. »Der unvernünftige Lärm jagt ihnen wenigstens einen solchen Schreck ein, daß sie alles Andere darüber vergessen. Sehr wahrscheinlich sogar, daß das Gesinde ein aufgehendes Feuer muthmaßt. Das gibt Unordnung, Durcheinanderrennen und Teufelszwirn die Menge. Dabei kann Flucht oder Verstecken höchst täuschend nachgeahmt werden, denn [229] Angst lehrt eben so gut Komödie spielen, wie Noth beten. – Horch, sie kommen! Bin doch neugierig, aus welchem Tone sie mir aufspielen werden!«

Während der Maulwurffänger dieses Selbstgespräch hielt, waren mehrere Diener oder Knechte über den Hof nach dem Thorwege geschritten, einige Laternen tragend, andere mit tüchtigen Knitteln bewaffnet, um einem möglicherweise beabsichtigten Einbruche, deren in den letzten Wochen mehrere in der Nachbarschaft versucht worden waren, kräftig begegnen zu können. Der Anführer dieser Eskorte fragte, während seine Begleiter die wüthenden Hunde zu besänftigen suchten, wer so spät Einlaß begehre und was dies unverschämte Lärmen zu bedeuten habe?

»Unverschämt!« wiederholte Heinrich mit seiner den Knechten des Edelhofes wohlbekannten halb zornigen halb scherzhaften Stimme. »Ich finde es verteufelt unverschämt, einen ehrlichen guten Freund durch's Schlüsselloch zu examiniren und in solchem Hundewetter, das ihn nicht abhalten konnte, auf des Herrn Grafen Vortheil zu sehen, eine halbe Stunde lang stehen [230] zu lassen. Zum Teufel, macht auf oder ich klettere trotz Eurer Zinken da oben und Eurer dummen Kläffer drinnen wie ein Dieb über den Thorweg!«

»Gott straf' mich,« versetzte der Voigt, »es ist gewiß und wahrhaftig der Sackerments-Maulwurffänger!«

»Ich will dich schon besackermentiren,« entgegnete Heinrich, »wenn ich Dich nur erst hinter'm Tische in der Gesindestube habe!«

Inzwischen klirrten die Riegel, die Thorflügel gingen knarrend aus einander und das helle Licht der Laternen zeigte drei oder vier Knechten, in deren Mitte der Voigt mit blankem Hirschfänger stand, die abenteuerliche Gestalt des Maulwurffängers.

»Der gnädige Herr wird Dir ein schönes Gesicht schneiden, wenn er hört, daß Du den unnützen Specakel gemacht hast,« redete ihn der Voigt an. »Wir dachten nicht anders, als es würde Jemand draußen massacrirt.«

»Seine Gnaden werden das Gesichterschneiden wohl bleiben lassen,« erwiederte Heinrich. »Mach' nur geschwind und melde mich. Ich muß den Herrn sogleich sprechen, denn ich habe [231] ihm Nachrichten von äußerster Wichtigkeit zu überbringen.«

»Du?« sagte der Voigt spöttisch. »Vermuthlich willst Du ihm ein paar gestohlene Maulwürfe für sein Eigenthum aufhängen.«

»Ich werde gleich den Versuch an Dir machen, ob Deine Kehle zäher ist, als die eines Maulwurfs,« versetzte Heinrich. »Geh', sag' ich, oder ich melde mich selbst!«

»Es geht aber nicht!« sagte der Voigt trotzig, das Thor wieder fest verriegelnd.

»Es muß und wird gehen.«

»Niemand darf zu ihm heut Abend. Nicht wahr, so lautete sein Befehl?«

Die Knechte bejahten diese Frage einstimmig, doch Heinrich beharrte hartnäckig darauf, daß er den Grafen sprechen müsse. »Grade deswegen, weil er's verboten hat, muß ich nun zu ihm,« sagte er. »Seinen Zorn nehm' ich ganz allein auf mich, Ihr Alle geht frei aus, das verspreche ich Euch, so wahr ich der beste Maulwurffänger im Lande bin!«

»Warum hast Du nicht gepfiffen, wie sonst, wenn Du des Nachts auf dem Hofe einkehren willst?« fragte der Voigt, dem unwillkommenen [232] Ankömmlinge zögernd nach dem Herrenhause vorleuchtend.

»Weil es heut Sonntag ist und ich mir die Lunge schon in der Kirche ausgesungen, ausgepfiffen und ausgeschrieen habe, und weil ich außerdem weiß, daß Ihr um die jetzige Zeit in Euer gottloses Kartenspiel so vertieft seid, daß Ihr eines ehrlichen Christen fromme Melodie, und pfiff er sie so rein und schön, wie eine Nachtigall, doch nicht hören würdet. Endlich und zuletzt aber, weil ich stets auf aller Menschen Bestes bedacht bin und für Euch dieses Beste eine rasche Motion war, die ich am sichersten durch mein Klopfen bewerkstelligen konnte. Sagt selbst, ob Euch nicht das faule Blut jetzt viel munterer durch die Adern schießt? Nun und das, denk' ich, sind Gründe genug, um dafür einen Krug englisches Bier und ein warmes Lager in der Hölle beanspruchen zu dürfen.«

»Du bist ein Schalk,« sagte verdrießlich lachend der Voigt.

»Darin irrst Du Dich,« versetzte der Maulwurffänger mit größter Gelassenheit, »ich bin vielmehr ein Mittel gegen Schälke und alle Schurkerei. Meine Kunst beweist es.«

[233] So sprechend öffnete er seinen Schnappsack und hielt ihn dem Voigte unter die Nase. »Was siehst Du, Trefflichster?« fragte er.

»Narr, todte Maulwürfe!«

»Bestrafte Schälke,« verbesserte listig lächelnd der Maulwurffänger, den Quersack wieder zuschnürend. »Nun geh' aber und richte meinen Auftrag genau und pünktlich dem Herrn Grafen aus.«

5. Kapitel
[234] Fünftes Kapitel.
Herr und Leibeigene.

Ehe wir unsere Erzählung weiter fortführen, müssen wir uns zurückwenden zum Grafen Magnus. Dieser hatte nach halbstündigem scharfen Jagen mit seiner schönen Beute, die inzwischen vor Angst und Schreck ohnmächtig geworden war, jenes einsam gelegene Vorwerk erreicht, dessen Schornstein man vom Fuße des Todtensteines aus sah. Dieses Vorwerk gehörte zum Edelhofe und wurde von einem Pachter mit Frau und Gesinde bewohnt. Magnus hielt hier sein schaumbedecktes Roß an, sprang aus den Bügeln und trug die noch immer bewußtlose junge Wendin in das Wohnzimmer des Vorwerks.

Des Staunens nicht achtend, das Blicke und Mienen der einfachen Landleute aussprachen, forderte [235] er herrisch ihr bestes Fuhrwerk. Leider bestand dies blos aus einem sehr schadhaften und unbequemen Karren, der für gewöhnlich zur Transportirung grüner Feldfrüchte in die Stadt gebraucht ward. Nöthigenfalls bediente man sich desselben allerdings auch zu Spazierfuhren, und dann überspannte ihn der Pachter mit einer viel gebrauchten, fleckigen, sehr oft geflickten und doch immer noch zerrissenen groben Leinewand oder Plane. Da innwendig keine Sitze angebracht waren, so half man sich durch untergebreitetes frisches Stroh, über welches eine Matratze, aus grober Wolle und Roßhaar gewirkt, zur Verschönerung gebreitet wurde.

Dieses unvollkommene Transportmittel richtete jetzt der erschrockene Pachter auf Befehl seines Herrn so schnell wie möglich her, während Magnus mit schlecht verhehlter Ungeduld die feinen Züge Röschens beobachtete, die noch immer besinnungslos in den Armen der besorgten Pachtersfrau lag. Röschen sah wunderbar schön aus in dieser dürftigen Umgebung. Ein feiner Zug schelmischen Lächelns, der ihren kleinen Mund immer umspielte, war auch dem jähen Schreck nicht gewichen, der sie betäubt hatte.[236] Auf den lieblich gerundeten Wangen glomm noch, wie verduftendes Abendroth, ein rosiger Schimmer. Die Augen waren fest geschlossen und zeigten erst jetzt vollkommen die zarte Durchsichtigkeit der bläulich-weißen Lider und die langen, gleich feinen Goldfäden erglänzenden Wimpern. Das weiße Häubchen hatte sich während des raschen Rittes verschoben und enthüllte jetzt zugleich mit der weißen, regelmäßig geformten Stirn ein Gewirr kurzer, krauser und dicht gewundener Löckchen, die wie goldene Glockenblumen die schuldlose Stirn küßten. Ihre schmalen Hände, jetzt kalt und weiß, hingen noch matt verschlungen in einander.

Die Pachterin, eine in gewissem Sinne gemeine Frau, bot dem Grafen mit beredter Zunge eine ganze Menge in solchen Fällen sehr erprobter Hausmittel an, die jedoch Magnus alle von der Hand wies. Denn wünschte er auch sehnlichst das Erwachen Haideröschens alls ihrer Ohnmacht, so lag ihm doch wieder Alles daran, daß dies nicht vor Zeugen geschehe, die seinem Willen nicht unbedingt unterworfen waren. Deshalb trieb er auch so sehr wie möglich zur Eile, und ließ alle Fragen der Pachterin, die unter [237] vielen Thränen die Schönheit des bewußtlosen Mädchens bewunderte und pries, unbeantwortet. Sie glaubte nämlich, was allerdings nahe lag, annehmen zu dürfen, der Graf habe die armselig Gekleidete in diesem hilflosen Zustande irgendwo auf dem Felde liegend gefunden und wolle ihr aus Menschenfreundlichkeit Unterstützung gewähren.

»Ach was ein feines Händchen hat die Arme!« rief sie aus. »Das ist nicht gemacht, um unsere harten Arbeiten zu verrichten, o behüte! Das sollte nur die Nadel führen, um seidene Zeuge zum Putz der lieben schlanken Glieder zusammenzunähen. Nun warte nur, meine arme Kleine,« fuhr sie fort, indem sie die Stirn der Ohnmächtigen sanft küßte, »der gnädige Herr Graf wird Dich schon erziehen lassen, wie's Dein junges Herz nur wünschen kann. Ach und wie prächtig mußt Du aussehen, wenn Du feine vornehme Kleider anziehen wirst! Ja, dann möchte ich Dich schon wieder ein Mal bei mir sehen und begucken. – Ach und gewiß hast Du auch nicht immer in so groben Hüllen gesteckt, Du liebes Engelsbild. Die böse Brut der Welt wird Dir nachgestellt haben, und um ihr zu entgehen, [238] bist Du sicherlich in Deiner Herzensangst auf und davon gelaufen und vor Ermattung liegen geblieben. – O ich hab' ein gar feines Auge, das Vornehm und Gering auf den ersten Blick unterscheiden kann, wenn sie sich auch noch so wunderlich verpacken! Das kommt daher, weil ich in meiner Jugend bei einer gar reichen Herrschaft in Dresden Amme gewesen bin, ehe ich meinen jetzigen Mann kennen lernte. Es ist eine recht gute Seele, gnädigster Herr, mein Mann; er hat mir's nicht ein einziges Mal vorgeworfen, daß ich vor ihm schon zwei Andere recht von Herzen lieb gehabt hatte. Die armen Teufel! – Ich wäre ihnen wohl treu geblieben, aber sie waren ja alle beide geborne Bettelleute! – Und nun sitzt einer schon seit vier Jahren auf dem Baue! – Ja, sehen Sie, gnädigster Herr Graf, der Mensch könnte mir jetzt wieder vor die Augen kommen, nicht ansehen thäte ich ihn, den schlechten Kerl! Spitzbuben und Schufte sollte man verhungern lassen, das sag' ich immer. Es ist nicht anders aufzuräumen unter diesem abscheulichen Unkraut! –«

Die redselige Frau, deren gemeine Denkungsart deutlich genug aus ihrem Geschwätz zu ersehen [239] war, hätte den Grafen wahrscheinlich noch lange mit Entwickelung ihrer Lebensansichten und Erfahrungen unterhalten, wäre sie durch die Zurückkunft ihres Mannes nicht daran verhindert worden.

»Seid Ihr fertig?« fragte Magnus ungeduldig.

»Wenn Ew. Gnaden befehlen, können wir aufbrechen.«

»Das arme Kind!« klagte die Pachterin. Der gnädige Herr Graf würden Ihre Menschenfreundlichkeit verdoppeln, wollten Sie mir erlauben, daß ich unterthänigst meinen »Lebensgeist« oder auch den »schmerzstillenden Spiritus –«

»Schweigt!« unterbrach sie Magnus, einen blanken Thaler in ihre Hand schiebend. »Dies für Eure Mühe und jetzt packt Euch!«

»Tausend Dank, gnädigster Herr! Aber Sie werden mir doch erlauben, daß ich das liebe Ding auf meinen Armen in den Wagen trage?«

»Ich werde Euch die unnützen Arme mit meiner Peitsche zerklopfen,« fuhr Magnus die dienstfertige Frau an, »wenn Ihr Euch nicht auf der Stelle fortpackt! Zu lange schon hat mein Schützling in Eurer Nähe verweilt. Ich [240] werde Sorge tragen, daß sie Euch nie wieder sieht.«

Obwohl die Pachterin über die letztere Bemerkung sehr bestürzt wurde, da sie durchaus nicht begreifen konnte, was den Grafen dazu veranlassen mochte, mußte sie doch lächeln, denn sie besaß hinlänglichen Mutterwitz, um das Sinnlose in des Grafen Drohung sogleich einzusehen.

»Ach Du lieber Gott!« rief sie wehmüthig die Hände faltend. »Das wird gar nicht in des gnädigen Herrn Gewalt stehen! Das arme Ding hat ja keine einzige Sekunde ihre gewiß sternenhellen Augen aufgeschlagen, noch ein kurzes Sterbenswörtchen gesprochen! Wie soll mich die niedliche kleine Wendin da wiedersehen! Möge sie der liebe Gott nur so treulich behüten, wie Ew. Gnaden sich ihrer liebevoll annehmen!«

Magnus hatte inzwischen Haideröschen behutsam von ihrem Lager aufgehoben und nach dem vor der Hausthür haltenden Planwagen getragen. Die schwatzende Frau folgte ihm, immerfort sprechend, auf dem Fuße, obwohl ihr Mann finster genug drein sah und ihr mehrmals winkte, daß sie endlich einmal ihren Herzensergießungen [241] ein Ziel setzen solle. Nachdem der Graf seine schöne Beute auf dem für sie im Wagen bereiteten Heulager niedergelegt und mit Decken und Matratzen so verhüllt hatte, daß ihr die Stöße des Fuhrwerkes auf dem schlechten steinigten Feldwege keine Contusionen oder andere Verletzungen zufügen konnten, bestieg er wieder sein rüstiges Thier und trabte an der Seite der zugezogenen Plane, welche der Pachter selbst leitete, dem entfernten Edelhofe zu, ohne sich weiter um die Lamentationen und Bitten der Pachtfrau zu bekümmern, die sie mit unermüdlicher Zunge bald ihrem Eheherrn, bald dem Grafen nachrief.

Trotz der Ungeduld, die ihn zu größter Eile anspornte, mußte sich Magnus doch entschließen, einen sehr langsamen Trab zu reiten, da der Pachter kurz und bündig erklärte, daß es durchaus unmöglich sei, schneller zu fahren, wenn sein Fuhrwerk nicht binnen Kurzem in Stücken zerbrechen solle.

Verdrossen fügte sich der Graf in das Unabänderliche, immer dicht an dem Wagen herreitend und ihn mit Auge und Ohr eifrigst bewachend. Sie waren noch kaum eine Viertelstunde [242] über das Vorwerk hinaus, als Magnus eine Bewegung im Wagen bemerkte und durch eine schadhafte Stelle der Plane sah, daß Röschen wieder zu sich gekommen war. Um sie nicht zu erschrecken und vielleicht eine Scene herbeizuführen, zog er sich jetzt hinter den Wagen zurück. Wider Erwarten blieb es aber ruhig in der Plane, so daß er glaubte, die furchtsame Wendin sei auf's Neue in Ohnmacht gefallen. Er wartete eine mit Rasen bewachsene Stelle ab, um dem Wagen wieder zur Seite zu reiten und dann und wann forschende Blicke hinein zu werfen. Da sah er denn Haideröschen, an die Heupolster gelehnt, aufrecht sitzen. Die hellen Tropfen auf ihren rosigen Wangen und der traurige Zug um den reizend schönen Mund sagten ihm, daß sie weinte, doch deutete ihre stille Gefaßtheit auch darauf hin, daß sie jeden Widerstand für unmöglich halte und sich in die böse Nothwendigkeit ergebe. Haideröschen hatte das Häubchen abgenommen und saß jetzt in der vollen Schönheit ihres goldnen Haares vor den begehrlichen Blicken des Grafen. Sie zupfte die einzelnen Grashälmchen aus dem zarten Gelock, kräuselte die aufgegangenen Ringel über der [243] Stirn mit dem Finger und steckte die starken Flechten am Hinterkopf wieder auf. Dann bemühte sie sich vergeblich, ohne ihr stilles Weinen zu unterbrechen, das zerknitterte Häubchen auf ihrem runden Knie mittelst Streichen und sanftem Klopfen wieder zu glätten. Da ihr dies schlecht gelingen wollte, setzte sie es in der etwas unscheinbar gewordenen Form auf und band es unter dem Kinn mit zierlicher Schleife fest, die sie nicht vergaß in die gehörige Richtung und Breite auszuzupfen. Hierauf faltete sie fromm die Hände und fing an in der Noth ihres Herzens Sprüche und Liederverse in wendischer Sprache leise herzusagen, eine Beschäftigung, in der sie nur bisweilen ein unwillkürlich lautes Aufschluchzen unterbrach.

Zufrieden mit dieser Fügsamkeit überließ Magnus das Mädchen sich selbst und langte ohne fernere Störung mit ihr auf dem Zeiselhofe an. Erst hier, im Innern der dunkeln Hausflur, wohin er mit Borbedacht den Wagen fahren ließ, zeigte er sich Röschen, diesmal sein interessantes, keckes männliches Gesicht in die lichtesten Farben gewinnender Freundlichkeit kleidend.

[244] »Welch arges Herzeleid hast Du Dir selbst unnöthig zugefügt, kleiner Trotzkopf!« sagte er lächelnd zu der kleinen Wendin, nachdem er den Pachter fortgeschickt hatte. »Bitte, reiche mir jetzt Deine Hand, daß ich Dir von diesem elenden Fuhrwerk herunterhelfe! Ich konnte leider kein besseres auftreiben, um Dich, wie Du es verdient hättest, in mein Schloß zu geleiten! – Sei nicht ängstlich, nicht blöde, sondern sprich keck aus, was Du begehrst. Es wird mir ein unaussprechliches Vergnügen gewähren, Dir in allen billigen Dingen gefällig sein zu können.«

Haideröschen war über dieses veränderte Betragen so verwundert, daß sie sich anfangs wirklich besinnen mußte, ob sie nicht etwa träume. Inzwischen hob sie Magnus aus dem Wagen, geleitete sie äußerst zuvorkommend und mit einer ihr an Männern bisher noch nicht vorgekommenen Galanterie, wobei er kaum die Spitzen ihrer Finger berührte, eine breite Treppe hinan, auf deren gewundenen Absätzen seltene Blumen mit phantastischen Blättern und Blüthen, wie sie in ihrem Leben noch keine gesehen hatte, in großen Töpfen und Kübeln standen, und führte sie, ehe sie noch recht zur Besinnung kommen konnte, in [245] ein mittelgroßes Zimmer, das außer einem reich verzierten Divan und mehrern hochlehnigen, mit kostbarem Seidenstoff überzogenen Stühlen große vom Fußboden bis an die Decke hinauf reichende Spiegel von kristallklarer Reinheit enthielt, die Röschens Aufmerksamkeit vorzugsweise fesselten. Eine Stutzuhr von einem jener geschnörkelten Gehäuse umgeben, die jetzt wieder unter dem Namen Rococco Mode geworden sind, zierte einen Schrank aus Nußbaumflaser. Schwere gewirkte Teppiche von bunter Farbe überdeckten den Fußboden, die Wände waren mit alterthümlichen Tapeten bekleidet, auf denen allerhand Jagdscenen abgebildet waren. Ein hoher Kamin mit marmorner Einfassung trug Spuren eines unlängst erloschenen Feuers. Auf einem runden Tisch mitten im Zimmer standen zwei silberne Armleuchter mit Kerzen und zwischen diesen eine silberne Schelle, deren Griff eine zierlich gearbeitete Figur Diana's darstellte.

»Hier bist Du alleinige Gebieterin, mein schönes Kind,« sagte der Graf, die Erstaunte ritterlich galant zum Divan führend. »Sobald Du etwas begehrst, darfst Du nur diese Schelle läuten. Auf einmaliges Geläut wird eine Dienerin [246] erscheinen, um Deine Befehle zu empfangen, schellst Du zweimal, so soll dies ein Zeichen sein, daß Du mich selbst zu sprechen begehrst.«

Höflich grüßend entfernte sich Magnus und überließ Röschen sich selbst und der Einsamkeit. Geraume Zeit konnte sich das in den einfachsten Verhältnissen aufgewachsene Mädchen in die sich häufenden Seltsamkeiten nicht finden, und es kostete ihr wirklich Mühe, nicht fest zu glauben, daß sie während ihrer Betäubung von unsichtbaren Mächten verwandelt, ihr Verfolger aber gebssert worden sei. Das Land, noch mehr ihr Volksstamm war reich an Erzählungen dieser Art und mäkelte nicht an ihrer Wahrhaftigkeit, wenn auch gegenwärtig Niemand lebte, dem so Wunderbares zugestoßen war. Nur ihre groben Kleider, die sie noch unverändert trug, machten sie wieder irr und ließen neue Bedenken in ihrem geängsteten Gemüth aufsteigen.

Aus weiblicher Neugier, zum Theil auch, um sich einigermaßen zu zerstreuen, begann Haideröschen die auffallendsten Einzelnheiten des geräumigen, von eigenthümlichem Duft erfüllten Zimmers, wie er Wohnungen eigen ist, die [247] zwar zur Aufnahme von Gästen stets bereit stehen, doch nur höchst selten wirklich dazu benutzt werden, genauer zu betrachten. Sie trat zuerst an's Fenster, um sich in der Gegend zu orientiren. Die Aussicht war nicht großartig, aber ansprechend und recht passend für ein Gemüth, das mehr mit den geheimen Reizen der Natur, als mit den geräuschvollen und gefährlichen Genüssen durch zu hoch gesteigerte Civilisation schon wieder verdorbener Menschen vertraut ist. Eine Landschaft, rechts von niedrigen Höhen begrenzt, von freundlichen Häusern, zwischen denen breite Ackergelände sich ausdehnten, belebt, lag in goldigem Sonnenschein vor ihr und verlor sich fern in höheren, gegen den Horizont scharf abschneidenden Bergkuppen. Nur zur Linken blieb ein schmaler Streif von jeder eigentlichen Begrenzung frei. Ein bläulich grauer Schimmer, über dem jetzt blaßrothe Wölkchen wie vom Himmel herabflatternde Rosen schwebten, deutete hier nur den Punct an, bis wie weit die Sehkraft reichte.

Diese Aussicht in ihrer todten Unveränderlichkeit hatte etwas Schwermuth Erweckendes. Dennoch machte sie auf das junge Mädchen [248] grade den entgegengesetzten Eindruck. Sie, die bis dahin all das Seltsame und Prächtige mit kaltem Auge angestaunt hatte, fühlte plötzlich elektrisches Feuer durch ihre Nerven strömen. Die großen, klaren, unendlich liebreichen Augen glänzten im Feuer kindlichen Entzückens, und indem sie wie grüßend ihre beiden Hände nach dem grauen Dunststreif ausstreckte, rief sie unwillkürlich: »Meine liebe, liebe Haide!«

Röschen täuschte sich nicht. Es war der graue Saum der unermeßlichen Haide, deren äußerstes Ende sie über den grünen Saatfeldern gewahrte, jener Haide, die einen großen Theil der Oberlausitz und fast die ganze Niederlausitz bedeckt. Dieser Anblick gab ihr Kraft und Lebendigkeit wieder. Sie trat vor einen der hohen Spiegel und betrachtete selbstgefällig ihre schlanke Gestalt. Lächelnd schüttelte sie den Kopf, weil es ihr ungemein komisch vorkam, daß die kleinen muntern Löckchen über ihrer Stirn, die unter dem Häubchen hervorguckten, so zum Angreifen natürlich vor ihren Augen nickten und hin und her schwankten; denn Röschen hatte wohl zuweilen einen Spiegel zu Rathe gezogen, doch immer nur einen kaum handbreiten, fleckigen und nie [249] ganz reinen. Hier nun sah sie sich von Kopf zu Fuß, und wenn sie sich gestehen mußte, daß sie recht hübsch sei und allenfalls wohl auch einem reichen Edelherrn gefallen könne, so erröthete sie zugleich auch, was ihr früher nie begegnet war, über ihre gar so ärmliche und unscheinbare Kleidung.

Recht betrübt ließ sie das Köpfchen sinken und sah traurig auf ihren roth und schwarz gestreiften Wollenrock herab, der nur durch das Leibchen von allerdings sehr verschossenem Sammet einen Schimmer von Werth erhielt. Es kam ihr vor, als sei sie noch nie so ganz abscheulich gekleidet gewesen und der Gedanke, doch einmal zu sehen, wie ihr wohl bessere Kleider stehen möchten, stieg so plötzlich in ihr auf und bemächtigte sich so ganz ihrer Phantasie, daß sie mit dem festen Willen, dergleichen zu verlangen, rasch nach der silbernen Schelle griff und sie heftig schwang. Ihr unbedachter Eifer ließ das Glöckchen zweimal ertönen, worauf sie jedoch nicht achtete, sondern erwartungsvoll mitten im Zimmer stehen blieb und angestrengt lauschte, ob man ihren Befehlen zu gehorchen wohl bereit sein werde. Sie richtete dabei ihre [250] Blicke auf die Thür, um gleich beim Erscheinen der begehrten Dienerin einigermaßen über deren Willfährigkeit sich ein Urtheil bilden zu können.

Haideröschen mochte etwa eine Minute in dieser horchenden Stellung verharrt haben, als sie es rauschen hörte, nicht aber vor der Thür, sondern hinter oder an der Wand. Sie hielt den Athem an und horchte noch angestrengter. Da bemerkte sie deutlich, daß die gemalten Jäger auf der Tapete zu zittern begannen, die Wand aus ihren Fugen wich und sich gegen sie bewegte. Ein dumpfes Ach! entrang sich ihren Lippen, sie wollte fliehen und eilte nach der Thür. Allein, wie heftig sie auch am Schlosse drückte, es wich und wankte nicht! Auch wäre Flucht bereits zu spät und höchst unklug gewesen, denn Graf Magnus stand schon im Zimmer und drückte die unsichtbar in die Wand eingefugte Thür leise wieder zu. Eben so freundlich, wie er sie vor einer Stunde verlassen hatte, trat er wieder zu ihr und fragte bescheiden, was sie ihm mitzutheilen habe?

Ueberrascht schwieg Haideröschen mit zu Boden gesenkten Blicken.

»Muth, mein Kind, Muth!« sprach der [251] Graf, seine Hand sanft unter ihr Kinn schiebend und das Köpfchen aufrichtend. »Du hast mir geschellt, jetzt mußt Du auch sprechen.«

»Ach, gnädigster Herr, Erbarmen!« erwiederte die Wendin zaghaft. »Die Schelle sollte nur einmal läuten und sie hat –«

»Zweimal geläutet,« fiel ihr Magnus lächelnd in's Wort. »Ja, mein Kind, das hab' ich gehört, darum bin ich hier. Und da meine Schelle so klug ist, die verborgenen Gedanken meiner reizenden Gästin zu errathen und mir zuzuflüstern, so werde ich jetzt hier bleiben. Es ist so traulich, so einladend hier zu freundlicher Unterhaltung! – Aber sage mir doch, Du lieblicher kleiner Schelm, was gedachtest Du denn mit meiner Dienerin zu plaudern?«

»O gar nichts, gnädigster Herr!« versetzte Röschen, aus Verlegenheit mit dem Bandendchen spielend, das ihr zum Zuschnüren des Leibchens diente.

»Wenn Du lügst, werde ich Dich bestrafen müssen, Röschen!«

»Thun Sie's nicht, gnädigster Herr!«

»Ich würde es ungern thun, allein ich sehe mich dazu genöthigt, sobald Du mir Deine [252] Wünsche und Gedanken verheimlichst. – Was hat Dir den das Bändchen gethan?«

Eine geschickte Wendung ließ Magnus die spielende Hand der Wendin erhaschen, die das Bändchen noch festhielt. Er zog sie mit der seinigen zurück und die Schleife ging auf und ließ das Leibchen so weit zurückweichen, daß das grobe Linnenzeug darunter, welches den Busen des Mädchens züchtig verhüllte, sichtbar ward.

»Ach die schlechten Kleider!« stotterte Haideröschen. »Berühren Sie sie ja nicht, gnädigster Herr, Sie sind nicht gewöhnt, so grobe Sachen in Ihre Hand zu nehmen!« Und behend entschlüpfte sie dem Grafen, und schlang flink wieder, das Band zusammenziehend, eine feste Schleife.

»Ich billige Dein Gefühl, liebes Kind,« entgegnete Magnus, noch immer sanft und zurückhaltend. »So schlechte Kleider mögen für plumpe Bauermägde passen, ein so zartes Wesen, wie Du, mein Röschen, ist bestimmt, feinere Stoffe zu tragen, und wenn Du den Versuch machen willst, so werde ich dafür sorgen, daß Du morgen das Nöthige vorfindest.«

Haideröschen erröthete und konnte eine [253] schelmisch lächelnde Miene nicht ganz verbergen. Magnus bemerkte dies und fragte rasch: »Du lächelst? Freust Du Dich darauf?«

Jetzt erst wagte die Wendin ihre prächtigen Augen ein paar Secunden lang frei und offen zu dem Grafen aufzuschlagen, während sie noch immer sehr schüchtern erwiederte: »Darum wollte ich ihre Dienerin bitten, gnädigster Herr.«

Der Graf jubelte innerlich über dies freimüthige Geständniß des schönen Mädchens, da es ihm deutlich den Kern weiblicher Eitelkeit und Putzsucht enthüllte, der auch in dem noch unverdorbenen Herzen dieses Kindes der Haide tief verborgen lag und sorgfältig gepflegt eine ergiebige Aerndte versprach. Er setzte sich auf den Divan und schmeichelte der vor ihm stehenden Wendin so lange mit freundlichen Redensarten, bis sie Muth faßte und neben dem jungen Manne, der jetzt keine Spur von Heftigkeit oder Hochmuth zeigte, schüchtern Platz nahm.

»Sieh, mein süßes Haideröschen,« redete er sie zutraulich an und ganz so, als wolle er ihr blos eine Geschichte erzählen, »ich muß Dich jetzt über Dich selbst und Dein Glück etwas aufklären. Dein sonst recht braver Vater ist ein [254] befangener Mann, der vom heutigen Weltleben nichts versteht. Ihm muß ich es daher auch zu Gute halten, wenn er in seiner schwachsinnigen Thorheit meinen guten Absichten entgegentritt. Du aber, ein junges, blühendes, schönes Mädchen von aufgewecktem Geist und heiterm Gemüth, Du mußt Dich gewöhnen, die Zeit mit dem lustigen Auge verständiger Weltleute anzusehen. Dazu, mein Kind, will ich Dich eben erziehen, und nur dies allein ist der Grund, weshalb ich Dich mit Gewalt zu mir genommen habe, da es auf andere Weise nicht gehen wollte. Es fällt mir nicht ein, Dich, wie andere meiner Unterthanen, in die Viehställe zu stecken, Dich will ich für mich allein, zu meiner Gesellschafterin haben. Du sollst mich begleiten, wenn ich ausreite oder fahre, Du sollst das ritterliche Vergnügen der Jagd mit mir theilen, Du sollst mit mir essen und trinken, kurz, Du sollst leben, wie ich, gebieten, wie ich! Hättest Du wohl Lust dazu, Haideröschen?«

Die schöne Wendin sog diese verführerischen Worte des Grafen wie Zaubertöne eines Mährchens ein. Sie blickte mit den brennenden dunkelblauen Augen zu ihm auf und lächelte ihn [255] freundlich an. Magnus wagte jetzt seinen Arm lose und wie zufällig von der Lehne des Divans auf ihren verhüllten Nacken gleiten zu lassen. Er fuhr fort:

»Du wirst von dem thörichten Volk gehört haben, ich sei hart, ein Tyrann. Glaube nicht daran, mein Röschen! Ich mache nur einen Unterschied zwischen den Menschen. Wo ich Rohheit, Gemüthsverhärtung, unbändigen Starrsinn und Widerwillen gegen jeglichen Befehl bei vollkommenem Mangel an Bildung entdecke, da wende ich scharfe, empfindliche Mittel an, wie sie allein durchdringen können. Die Mehrzahl dieser Menschen, die zerstreut auf meinen Besitzungen in der Haide und dem niedrigen Hügellande wohnen, verdienen nicht besser wie das unvernünftige Vieh behandelt zu werden. Es ist ein Glück für sie, daß sie keinen freien Willen haben, sie würden an ihrer Freiheit nur zu Grunde gehen! Daß sie zuweilen murren und in ihrer Störrigkeit gegen mich zu rennen suchen, ist Folge ihrer gänzlichen Verstandeslosigkeit. – Wo ich dagegen Anlage, Herz, Gemüth, Geist entdecke, wie bei Dir, meine Perle, da bin ich immer geneigt, zu vergessen, daß ich das [256] Recht habe, blindlings zu befehlen. Ich wünsche dann als Lehrer aufzutreten und solchen bevorzugten Wesen die Wohlthaten, welche die Freiheit gewährt, sich selbst verdienen zu lassen.«

Haideröschen hätte gebildeter sein müssen, als sie es war, um diese Rede des Grafen vollkommen verstehen zu können. Sie hörte ihm zwar aufmerksam zu, aber sie wußte doch eigentlich nicht, was er mit all den schönen Worten hatte sagen wollen. Nur die milde Freundlichkeit, die unveränderlich seine interessanten Züge geistig belebte und verschönerte, machten sie begierig, noch mehr zu vernehmen, Sie stützte daher das feine Köpfchen in ihre Hand und wandte mit schalkhaft klugem Lächeln, dem eine entzückende kindliche Unwissenheit inne wohnte, das Gesicht dem Grafen zu.

»Wenn ich von dem Verdienen der Freiheit spreche,« fuhr Magnus fort, »so will ich damit nichts Anderes sagen, als daß ich wünsche, es möge jeder Einzelne meiner Unterthanen die guten Absichten anerkennen, die meinen Handlungen stets zum Grunde liegen. Von Dir, Röschen, verlange ich das vor Andern. Du bist klug und alt genug, um mich zu verstehen. Der [257] Instinct, welchen die Natur Deinem Geschlecht in so reichem Maße verliehen hat, sagt Dir schon von selbst, was am meisten dazu dienen kann, Dich mir gefällig zu machen. Ohne Dir einen Wink zu geben, bist Du von selbst darauf gefallen, diese unschönen Kleider mit zarteren, geschmackvolleren Hüllen vertauschen zu wollen. Sieh, mein Kind, das nenne ich natürliches Talent, Anlage, meine Gedanken zu errathen. Mit dem Kleide wirst Du unmerklich auch Deine Wünsche, Deine Erwartungen, Deine Gefühle wechseln. Glaube mir, es ist gar nicht gleichgiltig, wie man sich kleidet! Der rohe Stoff, die grobe, unschöne Tracht drückt mit lähmender Gewalt unsere geistigen Anlagen nieder und stumpft alles feinere Gefühl ab, während die leichte, schimmernde, weiche Hülle, die sich sanft den Formen anschmiegt, unsern Gedanken Schwung und Kraft, unsern Empfindungen dauernden Reiz, unserm Willen erhöhte Festigkeit und einen schönen vornehmen Stolz verleiht. – Vermöchte es der Bettler über sich, die Lumpen, die seine Blöße decken, von sich zu werfen und der Unreinlichkeit zu entsagen, an die ihn sein faules Leben gewöhnt hat, wahrlich, er würde sich alsbald [258] seiner selbst schämen und in Kurzem ein anderer, ein besserer Mensch werden! Und so hoffe ich, soll der Geist der Anmuth, der feineren Sitten, der größeren Lebensgewandtheit auch in Deinem schuldlosen Busen mit dem Kleidertausche, den Du wünschest, einziehen. Dafür mußt Du mir jedoch einen Gefallen thun.«

Röschens Bezauberung, die mit ihrer Ankunft auf dem Edelhofe begonnen hatte und in welcher sie wie in einer Welt wunderbarer Träume seitdem lebte, ward immer gewaltiger. Sie fühlte sich von den lockenden Tönen, die von des Grafen Lippe fielen und um ihre Schläfen schmeichelten, wie von einer reizenden Musik berauscht, und ohne zu ahnen, was man eigentlich mit ihr vorhabe oder von ihr wolle, gab sie jetzt durch billigendes Kopfnicken zu erkennen, daß sie die Meinung ihres klugen Gebieters zu theilen bereit sei.

»Recht gut!« fuhr der Graf fort, »wir müssen uns nur auch über das Was und Wie verständigen. Zuvörderst wirst Du also hier bleiben und Dich nach Art der Vornehmen kleiden.«

»O ich werde ganz närrisch werden vor [259] Freude, wenn ich in schönen langen Kleidern, blitzende Steine im Haar und an den Füßen Sammetschuhe mit hohen rothen Stelzchen vor den hohen großen Spiegeln auf-und niedergehe,« sagte Haideröschen und lachte dabei munter und seelenvergnügt, wie ein Kind.

»Dann wirst Du mich auch lieb haben, nicht wahr?«

»Ich werde Ew. Gnaden immerdar als meinen Herrn und Gebieter verehren.«

»Nicht doch, Haideröschen! Liebe ist mehr als Verehrung, und es ist mein Wille und mein Befehl, daß Du mich lieben sollst!«

In Röschens Augen erlosch jetzt der Freudenglanz, der sie während der einschmeichelnden Rede des Grafen belebt hatte. »Lieben?« wiederholte sie mit einem leichten Seufzer. »Gnädigster Herr, die Liebe können sie nicht befehlen. Sie ist nicht auf Erden, sie fliegt durch die Himmel und spielt über den Herzen der Menschen, wie Schmetterlinge über den duftenden Blumen der Haide! Sie ist ein Gnadengeschenk des Himmels, dem Geringen so oft, so reieh, so beglückend zugetheilt, wie dem Vornehmen! – Nein, gnädigster Herr Graf. Sie können Alles [260] mit Ihrem Willen erreichen, nur nicht, daß eines armen leibeigenen Mädchens schüchternes Herz Sie liebe!«

Magnus ward von dieser unerwarteten Antwort des aufgeweckten Naturkindes sehr wenig erbaut. Doch hielt er noch an sich und fragte anscheinend verwundert:

»Du willst mich also nicht lieben?«

»Ich will, gnädigster Herr, aber ich kann nicht!« versetzte Haideröschen. »Ich liebe den Gesang der Lerche über dem blühenden Buchwaizen, ich liebe den Hänfling, der im Laube unseres Gärtchens sein Nest baut, ich liebe das Schwärmen und Flattern der Schmetterlinge um die nickenden Blumenhäupter, ach ich liebe die feierliche Stille und den brausenden Sturm meiner heimathlichen Haide, ohne es zu wollen, ohne mich zu zwingen! Gott will es so und legte die Kraft dazu in mein Herz, aber er hat mir nicht gesagt, daß ich auch Sie lieben soll. Vor dem gnädigen Herrn beuge ich nur in Demuth und Ehrfurcht mein niedriges Haupt.«

»Wenn Du bei diesen Gesinnungen verharrst, wirst Du mich erzürnen, Röschen, und [261] mich zwingen, Dich härter zu behandeln, als ich will.«

»Der gnädigste Herr Graf haben über mich zu gebieten,« sagte die Wendin still ergeben.

»So thue, was ich will!« rief Magnus heftig und stand auf, das zarte, reizende Kind der Haide mit hartem Druck von sich stoßend.

»Ich thue, was ich kann,« versetzte Haideröschen bescheiden und unterwürfig.

»Du bist mir unterthan, Du mußt meinen Befehlen gehorchen!«

»Befehlen, Ew. Gnaden, was Sie dürfen, und ich werde ohne Murren Gehorsam leisten.«

»Dürfen! – Hast Du mir Vorschriften zu machen? Ich darf, was ich will. Du bist meine Leibeigene.«

»Nun ja,« sagte Haideröschen, »ich bin Ihre oder Ihres gnädigen Herrn Vaters Leibeigene. Bedienen sich der Herr Graf meines Körpers; aber über mein Herz zu verfügen, wollen Sie unterlassen.«

Diese rührende Antwort hätte Magnus beinahe erweicht, als er aber die anmuthige Gestalt der schlanken Wendin mit seinen lüsternen Blicken überflog, verhärtete sich sein Gemüth [262] auf's Neue und die Lust, dies schöne Mädchen um jeden Preis zu besitzen, steigerte sich zur grimmigsten Leidenschaft.

»Wer hat Euch denn so feine Unterschiede machen gelehrt?« fragte er spöttisch lächelnd. »Eure wendischen Schulmeister sind meines Wissens abgedankte Soldaten, verdorbene Schuhmacher und Schneider, die aus Noth, weil ihr Handwerk sie nicht ernährt, in die Gelehrsamkeit pfuschen und mit Noth und Mühe erst selbst das ABC lernen, um es dann ihren Staarmatzen mittelst Ruthe und Stock in Jahr und Tag ebenfalls beizubringen. Menschenverstand und Geist habe ich auf diesen Eselsweiden noch niemals angetroffen.«

»Bedürfen wir eines Lehrers, um zu begreifen, was Hunger und Durst ist, gnädigster Herr?« warf Röschen ein.

»Ich glaube gar, die Dirne ist trotz ihrer sechzehn Jahre schon in irgend einen Tölpel aus ihrem Sumpf-und Haidelande verliebt bis über die Ohren!«

Haideröschen schwieg erröthend auf diese rohen Worte, Magnus ging einige Male im Zimmer auf und nieder und schellte dann heftig. [263] »Licht!« rief er dem Bedienten zu, setzte seinen Gang fort und wendete sich erst, nachdem die Kerzen auf den Armleuchtern angezündet worden waren, abermals zu dem hartnäckigen Mädchen.

»Liebst Du?« fragte er grollend.

»Ich habe es Ew. Gnaden schon gesagt.«

»Wem hast Du Deine Neigung zugewendet?«

Haideröschen sah den Grollenden mit muthigem Auge an. »Wenn der gnädige Herr diese Frage an mich richten,« erwiederte sie, »in der Absicht, mir den Geliebten rauben zu wollen, so würde ich Sie meinem Gefühle nach der Grausamkeit zeihen müssen.«

»Mädchen, Mädchen,« rief Magnus mit zornbebender Lippe, »Du wagst viel! Aber ich will Deine Worte nicht gehört haben Deiner körperlichen und geistigen Schönheit wegen. Versprich mir, Deinen Geliebten zu vergessen und ich will seinen Namen nicht wissen.«

»Ich zweifle, daß ich ein solches Versprechen würde halten können, gnädigster Herr. Geböte mir Jemand, ich sollte anfhören Gott zu lieben, den ich doch nie von Angesicht zu Angesicht gesehen habe, so würde ich mich traurig [264] von ihm wenden, weil ich ja doch wüßte, daß ich seinen Befehl nicht vollziehen könnte. Wie soll es mir nun erst möglich sein, den Mann zu vergessen, dessen Bild in mein Herz eingegraben ist, dessen Stimme mich entzückt, in dessen Auge mir ein Himmel aufgeht? O nein, gnädigster Herr Graf, das wollen und können Sie nicht verlangen, denn es hieße sündigen gegen die Gesetze Gottes und unserer Religion!«

»Nun ich sehe und höre, daß die Kunst, Deine Gedanken geheim zu halten, Dir nicht eigen ist,« versetzte Magnus. »Da ich Dich nicht überreden kann, stände es mir jetzt frei, Dich durch allerhand kleine Foltern von Deiner kindischen Schwärmerei zu heilen, doch ich mag auch zu diesem Mittel nicht meine Zuflucht nehmen. – Du hast Dir selbst Dein Urtheil gesprochen, mein schönes Haideröschen,« fuhr er nach kurzem Besinnen fort und sein jetzt stechendes Auge funkelte tückisch, wie das des Tigers, der seine Beute lauernd umschleicht. »Du hast freiwillig, was ich nur loben muß, zugestanden, daß Dein Leib mir gehöre, Dein Herz dagegen ein Eigenthum sei, über das ich nicht verfügen könne. – Ich halte Dich beim Worte, Röschen. [265] Du wirst mir von jetzt an mit Deinem Leibe dienen und ihn ganz meiner Willkür anheim geben, Dein Herz magst Du, wenn es Dir Vergnügen macht, meinetwegen den Schmetterlingen oder einem schmutzigen Fischer schenken. Bist Du mit dieser Theilung zufrieden?«

»Gnädigster Herr, ich verstehe den Sinn Ihrer Worte nicht,« stammelte Haideröschen, an allen Gliedern bebend und mit scheuem Blick die furchtbar verwandelten Gesichtszüge des stolzen, durch sie beleidigten und zur Rache aufgereizten Grafen betrachtend, der mit verschränkten Armen vor ihr am Tische lehnte.

»Ich werde Dir das Verständniß beibringen, ungehorsame Leibeigene,« versetzte Magnus hämisch lachend und trat dem Mädchen einen Schritt näher. »Du wirst die Gefälligkeit haben, Dein Häubchen abzulegen und mir den Anblick Deiner schönen Haare zu gönnen. Auch möchte ich Dich ersuchen, ohne Zögern Deinen weißen Nacken zu enthüllen und mir zu erlauben, daß ich Dir an den feinen Handgelenken die Hemdeknöpfchen löse, damit ich den vollen schönen Arm, der mich an das haßerfüllte Herz [266] drücken wird, bewundern kann. Ich bitte, laß mich nicht länger auf Gehorsam warten!«

Wie ein Rallbvogel die schüchterne, schwache Taube in engen und immer engern Zirkeln umkreist, so gewährte es jetzt dem jungen, wüsten Grafen unaussprechliches Vergnügen, die vor ihm fliehende Wendin aus einem Schlupfwinkel in den andern zu treiben. Wohl zehnmal hätte er sich des schwachen Mädchens bemächtigen können, aber er wollte nicht. Die von Secunde zu Secunde wachsende Seelenangst seines Opfers ergetzte ihn mehr, als schnelles Ueberwältigen und rohes Genießen. Er spielte mit ihr, wie der zum Sprunge ausholende Tiger, ja er hoffte, daß Haideröschen es eben so wie der Vogel machen solle, auf welchen die Klapperschlange ihr brennendes Auge gerichtet hat. Um nur die fürchterliche Qual zu enden, glaubte er bestimmt, sie würde sich ihm im Angenblick einer an Wahnsinn grenzenden Verzweiflung in seine Arme werfen. – Da geschahen draußen drei gewichtige Schläge an's Schloßthor, und während Magnus ein paar Secunden an's Fenster trat, um zu sehen, was es wohl geben möge, gewann das arme Haideröschen Zeit, [267] sich wieder zu fassen und auf einen neuen, furchtbareren Angriff sich zu rüsten. Ihr Häubchen war bereits in der Hand des frechen Räubers. Die goldblonden Flechten hatten sich aufgelöst und rollten in glänzender Fülle über das schwarzsammetne Leibchen und den grobwollenen Rock herab. Sie lehnte sich ermattet an den hohen Marmorsims des Kamins und strich sich die aufgegangenen, in Angstschweiß gebadeten zierlichen Löckchen aus der Stirn, die gleich vom Thau befeuchteten Goldblümchen ihren Scheitel umsäumten.

Ergrimmt durch die Störung, deren Ursache er nicht entdecken konnte, schritt jetzt der Graf wieder auf sie zu. Haideröschen konnte nicht fliehen, sie hätte sich denn in den Kamin retten müssen. Verzweifelt griff sie um sich und erfaßte ein Scheit Holz, das hinter ihr lag. Wie ein Schwert schwang sie jetzt diese Waffe mit der Kraft der Verzweiflung gegen ihren Verfolger. Magnus lachte zwar der Ohnmächtigen, erhielt aber dennoch einen so heftigen Schlag auf den gegen sie ausgestreckten Arm, daß er ihn kraftlos sinken ließ. In diesem letzten entscheidenden Moment nahten eilige Schritte, es ward heftig [268] an die Thür geklopft und die Stimme des Voigtes begehrte dringend den Grafen sogleich zu sprechen.

Haideröschen athmete froh auf und erhob dankend ihre schönen Augen zum Himmel.

»Triumphire nicht zu früh!« drohte Magnus mit furchtbarem Hohne. »Jetzt habe ich blos zärtlich um Dich geworben, das nächste Mal feiern wir unsere Hochzeit!«

Mit nicht zu schilderndem Frohlocken sah die Wendin ihren tückischen Peiniger das Zimmer verlassen, das er fest hinter sich verriegelte.

6. Kapitel
[269] Sechstes Kapitel.
Des Landmanns List.

Aergerlich kehrte Magnus in sein Gemach zurück, die von der Wendin getroffene und heftig blutende Hand im Rocke verbergend. Er war kaum eingetreten, als auch unser Freund schon an der Thür erschien. Beim Anblicke dieses Herumstreichers färbte sich das Gesicht des jungen Grafen braunroth vor Zorn und er machte Miene, diesen handgreiflich dem unberufenen Störenfried fühlen zu lassen. Heinrich besaß jedoch ein zu scharfes Auge und zu viel schlangenglatte Gewandtheit, um selbst einem erzürnten mächtigen Edelmanne gegenüber den Kürzern zu ziehen. In seiner kordialen Manier schwenkte er grüßend die Mütze und sagte, geheimnißvoll und pfiffig mit den Augen blinzelnd:

[270] »Gelt, Ew. Gnaden, heut verdien' ich eine Extrabelohnung?«

»Wohl etwa dafür, daß Du in finsterer Nacht mich und mein ganzes Gesinde durch Dein Gelärm in Schrecken setzest?«

»Das will ich just nicht behaupten, Ew. Gnaden, wenn aber der Herr Graf wüßten, weshalb ich so gelärmt habe, – ja, Ew. Gnaden, dann –«

»Was dann? so endige doch!«

»Endigen? Ich möchte wissen, wozu? Sie machen ja ein Gesicht, als hätte Ihnen der Teufel ein Bein gestellt! Und da sollt' ich mich in die Gefahr begeben, Ihnen durch meine Nachrichten noch obendrein den Kamm schwellen zu machen? Ja, daß ich ein Narr wäre! Ich wünsche Ihnen eine geruhsame Nacht!«

Der schlaue Maulwurffänger machte einen Kratzfuß und wollte das Zimmer verlassen.

»Bleib!« befahl Magnus, durch diesen Eingang neugierig gemacht. »Ich verspreche, Dich meinen Verdruß nicht entgelten zu lassen. Rede, was gibt es?«

»Wenn mich Ew. Gnaden anhören wollen, so habe ich Ihnen vorerst gehorsamst ein volles [271] Dutzend Maulwürfe zu präsentiren, die ich heut und gestern auf Ihren schönen Aeckern durch meine Kunst gefangen habe. Begehren Sie die kleinen Bestien zu sehen?«

»Behalte das Ungeziefer und mache damit, was Du willst. Mein Voigt wird Dir den Lohn dafür auszahlen.«

»Danke unterthänigst, Herr Graf!«

»Was bringst Du sonst noch?«

Heinrich sah sich um, als fürchte er, es möchte irgendwo Jemand versteckt Ihr Gespräch belauschen können.

»Wir sind ganz allein,« sagte Magnus noch immer mit schlecht verhehltem Aerger. »Was Du hier sprichst, bleibt unter uns.«

»Was geben Sie mir,« flüsterte der Maulwurffänger dem Grafen leise zu, »wenn ich mache, daß die niedliche kleine Wendin, die Sie vom Todtensteine mit sich genommen haben, Ihren Willen thut?«

Mißtrauisch betrachtete ihn der Graf eine Weile, dann versetzte er kühl: »Woher weißt Du, daß ich beim Todtensteine war?«

»O die Luft ist geschwätzig, Ew. Gnaden,« erwiederte Heinrich, »und die Wenden haben [272] auch eine geläufige Zunge. Ich kenne Haideröschens Vater wie mich selbst.«

»Ein Glück für ihn, daß er nicht in meiner Nähe wohnt, sonst ließ ich ihn vier und zwanzig Stunden lang bei Wasser und Brod in den Stock schließen und nachher noch mit dem Halseisen schmücken. Er allein, Niemand sonst ist Schuld, daß sich die Kleine so spröde zeigt.«

Heinrich schüttelte ungläubig den Kopf. »Wie gut, daß ich gekommen bin,« fiel er ein. »O ich kenne meine Freunde, ich!«

»Du zweifelst?«

»Ich weiß, gnädigster Herr! Das Mädchen hat einen Liebsten, einen handfesten Bauernlümmel, dumm, aber eifersüchtig, und diesem Kerl zu Liebe würde sie jedes Ungemach, selbst Schläge und andere Qualen erdulden!«

»Kennst Du ihn?«

»Ich sollte meinen.«

»Gehört er zu meinen Unterthanen?«

»Er ist Ew. Gnaden Leibeigener mit mehr Recht als das Mädchen.«

»So verdienst Du, daß ich Dich mit Hunden aus dem Schloßhofe hetzen lasse.«

»Zu Ihrem Haushofmeister sollten Sie [273] mich lieber ernennen,« versetzte Heinrich lachend. »Wollten Sie nur Geduld haben, so gäb' ich Ihnen einen Rath, wie sie ihn bei allen Weisen der alten und neuen Welt umsonst suchen möchten.«

Magnus bemühte sich ruhig zu bleiben und winkte dem Maulwurffänger, daß er in seinen Mittheilungen fortfahren solle.

»Der Bursche, Haideröschens Liebhaber,« sprach Heinrich, »gehört zu den Murrköpfen der neuen Zeit, die der Meinung sind, ein Mensch sei grade so gut wie der andre, woraus Ew. Gnaden schon abnehmen können, wie beschränkten Verstandes der Bursche sein muß. Jüngst hatte ich Gelegenheit, ihn zu sprechen, und da hat er mir eine Predigt gehalten über die Freiheit, daß mir jetzt noch die Ohren davon weh thun. Alle Menschen, behauptete er, müßten frei und ihre eigenen Herren sein; es dürfte keine Gebieter, keine Knechte mehr geben, und wer nicht dieselben Gedanken hege, der müsse je eher je lieber fortgejagt oder noch besser todtgeschlagen werden. Daß man im Guten mit Bitten und Vorstellungen nicht sehr weit kommen werde, leuchte ihm wohl ein, darum habe er[274] sich auch ein anderes Mittel ausgedacht. Dies sei heimliche Aufwiegelung aller Leibeigenen gegen ihre rechtmäßigen Herren. Der Bund sei schon hübsch weit verbreitet. Die gesammten Haidewenden hätten sich auf Tod und Leben Beistand und Unterstützung zugeschworen, nur die im Hügellande und dem Gefilde zerstreut wohnenden zauderten noch und ohne sie könne man doch nichts anfangen. Sobald sie aber überzeugt und ebenfalls gewonnen seien, würde plötzlich in einer Nacht der Aufstand ausbrechen und Alles, was dem Herrenstande angehöre, ohn' Erbarmen ermordet werden!«

Während dieser Rede war Magnus immer bleicher geworden, jetzt mußte er sich auf die Lehne seines Stuhles stützen, um sich aufrecht erhalten zu können. Nach einer Pause, während welcher der Maulwurffänger, ohne eine Miene zu verziehen, die Wirkung seiner List belauschte, sagte der Graf:

»Glaubst Du, daß diese Unsinnigen wagen werden, ihre Pläne auszuführen?«

»Wer soll sie denn daran hindern?« erwiederte Heinrich. »Alles Volk bis herab auf das verworfenste Gesindel wird sich ihnen zugesellen, [275] weil es gegen Herrschaft und Besitz geht und Jeder etwas dabei für sich zu erobern gedenkt. Es sind ihrer Viele, die Wuth wird ihre Macht um das Zehnfache der wirklichen Kraft verstärken, und ehe sich die unerwartet Ueberfallenen sammeln können, sind sie schon vertilgt!«

»Ich kenne bisher nur Deine Neuigkeiten,« sagte Magnus. »Laß jetzt, wenn Du sie erschöpft hast, auch Deine Rathschläge hören.«

»Nun sehen Ew. Gnaden,« fuhr Heinrich fort, »ich getraue mir flugs das Abendmahl drauf zu nehmen, daß mein Plan, wie ich ihn mir heut während meiner Geschäftswanderung ausgedacht habe, zweifellos zum Ziele führt. Der Bursche liebt das Haideröschen, auf welches Ew. Gnaden ein Auge haben. Er wird glauben, Sie wollten dem hübschen Kinde im Ernst ein Leid zufügen, was einem so gütigen und gerechten jungen Herrn gewiß nie in den Sinn gekommen ist. Wenn nun ein paar Tage vergehen, ohne daß der verwegene Bursche etwas Tröstliches von seiner Liebsten hört, so fürcht' ich, treibt ihn die Wuth zum Aeußersten und der Aufstand bricht los, ehe Sie Ihre Jagdflinte zu laden im Stande sind. Gäben Sie sich[276] aber den Schein, als seien Sie von der beispiellosen Tugend und erhabenen Engelsschönheit des jungen Mädchens im Innersten gerührt und dermaßen ergriffen worden, daß Sie nicht mehr vermöchten, ihr mit Bitten anzuliegen, sondern das liebe Ding großmüthig laufen ließen, ja ihr sogar gelobten, am Tage der Hochzeit etwa ihr und ihrem Bräutigam die Freiheit zu schenken, so möchte ich meinen Kopf verwetten, daß Sie sich den wilden Burschen mit sammt seinem Anhange zum Freunde und treuesten Beschützer machen.«

»In der That, Dein Vorschlag ist gut und kann zum Ziele führen, und doch –«

»Was hält Sie ab, sogleich Anstalt zu seiner Ausführung zu treffen?« unterbrach ihn Heinrich. »Beruhigung ist nöthig und nichts schläfert die Menge fester und tiefer ein, als eine recht unerwartete, wie vom Himmel herabfallende Großmuthhandlung. Es kommt ja dabei nicht so genau darauf an, was man etwa später noch vorzunehmen gedenkt.«

Magnus Züge überstrahlte wieder ein lebhafter Freudenglanz. »Bei meiner Ehre, ich muß Dich loben, Heinrich!« rief er aus. »Eine [277] angemessene Belohnung soll Dir nicht fehlen. Geh jetzt, laß Dir's wohl sein in der Gesindestube, aber halte reinen Mund! Sobald ich mit meinen Anschlägen vollkommen im Klaren bin, werde ich Dich rufen lassen, sollte auch diese Nacht darüber hingehen. Hältst Du übrigens für nöthig, das Mädchen von meinem Entschlusse in Kenntniß zu setzen, so magst Du sie sprechen. Dieser Schlüssel öffnet die Thüre ihres Gemaches. Der Voigt wird Dich zu ihr führen. Auf Wiedersehen!«

Magnus zog sich in sein Kabinet zurück und der Maulwurffänger mußte gewaltsam an sich halten, daß er nicht durch lautes Lachen zur Unzeit seine List dem Gebieter verrathe. Selbstzufrieden sich die Hände reibend, verließ er das Prunkgemach, um sich inmitten der Dienstboten des Edelhofes gütlich zu thun. –

7. Kapitel
[278] Siebentes Kapitel.
Die Gesindestube.

Während der kurzen Unterredung Heinrichs mit dem Grafen Magnus hatte sich das Gesinde des Edelhofes zur Abendmahlzeit niedergesetzt. Die späte Tagesstunde war eine ungewöhnliche dazu, denn in der Regel pflegte das Hofgesinde um sieben Uhr Abends sein frugales Essen zu halten. Weil aber die Marterwoche so nahe war und in dieser Zeit jede Lustbarkeit und Zerstreuung an den Sonntagen streng gemieden wurde, hatte der Voigt dem größern Theile sämmtlicher Dienstboten erlaubt, dem letzten Tanz im Kretscham mit beiwohnen zu dürfen. In Folge dieser Vergünstigung war das beurlaubte Hofgesinde kurz vor der Ankunft des Maulwurffängers aus dem Kretscham zurückgekommen und [279] wollte nun das Versäumte einige Stunden später, als Sitte und Ordnung erheischten, nachholen.

Die große Gesindestube befand sich abgeschieden vom Herrenhause in der Wohnung des Voigtes, die einen abgesonderten Bestandtheil des Edelhofes ausmachte. Sie erstreckte sich zu ebener Erde fast durch die ganze Länge des Voigtgebäudes und hing mittelst eines kurzen bedeckten Ganges mit den weitläufigen Stallungen zusammen, in denen zugleich auch die Schlafstätten für Knechte und Mägde angebracht waren. Das Möblement in der Gesindestube bestand nur aus einer langen Tafel von fichtenem Holz, einer Anzahl Schemel und einer rund um die Holzwände laufenden Bank, die hinter dem sehr großen und bis fast an die Decke hinauf reichenden Ofen die Breite eines gewöhnlichen Bettes annahm und der jüngsten unter den Mägden als Lagerort diente. Zu diesem Behufe lagen einige vielgebrauchte Schaaffelle, jetzt zusammengerollt und gegen die Wand gelehnt, hinter dem stets erwärmten Ofen. Denn da dieser vorzugsweise zur Erhitzung des nöthigen Wasserbedarfs in der großen Wirthschaft gebraucht [280] wurde, ging das Feuer in seinem geräumigen Bauche selten aus.

Dies ländliche Wohnzimmer ward von vier starken brennenden Kienspänen, die je zwei in eisernen Spanhaltern an jedem Ende des langen Speisetisches staken, düster erleuchtet. Wenn man von der Hausflur durch die starke, aus Holzpfählen mit Lehm und Stroh fest durchflochtene Zuschlagthür, die weder Schloß noch Riegel hatte, in die Stube trat, vernahm man sogleich das schrillende, zuweilen fast wimmernd klingende Gezirp zahlloser Heimchen, vom Landmanne »Heimliche« genannt, die in allen Ritzen und Spalten der Wände wie des Ofens unsichtbar nisteten. Gewöhnlich verstecken sich diese Thiere immer vor den Menschen, hier aber gab es deren eine so ungeheure Menge, daß sie schaarenweise an den Wänden hingen, daran auf und ab liefen und häufig selbst von der Decke herab auf Tische und Bänke fielen. Ihre dünnen graugrünen Flügeldecken verursachten ein seltsames Schimmern in der trüben Kienbeleuchtung und konnten nicht daran Gewöhnten wohl ein leises Grauen einflößen.

In etwa ellenweiter Entfernung von einander [281] waren rings an der Holzwand runde blecherne Löffel zwischen lederne Riemchen gesteckt, von denen jeder seinen bestimmten Herrn hatte. Denn nach der Hofgesindeordnung nahmen alle Knechte und Mägde beim Essen immer denselben ihnen zugewiesenen Platz ein, je nach dem Range, welchen sie als Dienstboten bekleideten. Und damit nie eine Verwechselung derselben stattfinden konnte, pflegten wenigstens alle männlichen Dienstboten ihre Löffel nach gehaltener Mahlzeit sogleich eigenhändig auf die einfachste Art von der Welt, indem sie dieselben mit der Hand oder an ihren Jacken abwischten, zu reinigen und sogleich wieder in die ledernen Haltriemchen zu stecken. Die Mägde waren weniger accurat und wählig und ließen diesem Instrument die Wohlthat einer Abscheuerung durch Wasser zu Theil werden.

In Folge der schon erwähnten Aushebung neuer Dienstmägde waren vor Kurzem einige junge Mädchen auf den Hof gekommen. Solche Neulinge dienten den Aelteren meistens zum Stichblatt und mußten, wenn sie sich in ihre neuen Verhältnisse nicht leicht zu finden verstanden, von den rohen Witzen und Gewohnheiten [282] der Knechte viel Ungemach ertragen. Wie überall gab es auch unter diesen fast aller Bildung baren Menschen Einzelne, die sich eine gewisse Oberherrschaft über die Andern anmaßten und ihnen diese auf die empfindlichste, ihnen verhaßteste Weise fühlen ließen. Geschah dies auch nicht gerade aus Bosheit, so nahm doch nicht selten die Art, wie man mit Neulingen scherzte, den Schein derselben an. Denn im Grunde wollten und suchten Knechte und Mägde am Feierabend nur Unterhaltung, wobei freilich auf zarte Natur, auf angeborene Sinnigkeit, auf tiefes und leicht verletzbares Gemüth keine Rücksicht genommen wurde.

Unter den neu angezogenen Mädchen befand sich namentlich eins, das einen unüberwindlichen Abscheu vor den an sich unschädlichen und völlig harmlosen Heimchen hatte. Es kam wohl vor, daß einige dieser Thierchen während der Mahlzeit in die riesengroße Schüssel fielen, in welcher die Suppe aus Roggenmehl dampfte. Die Knechte fischten dann die zappelnden Geschöpfchen, ohne sich den Appetit dadurch im Geringsten verderben zu lassen, mit ihren Löffeln heraus und warfen sie unter den Tisch. Marie [283] aber kreischte laut auf, wurde blaß vor Ekel und legte den Löffel aus der Hand. Dies reichte hin, um das arme Kind zum Sündenbock für alles Gesinde zu machen. Stillschweigend kam man überein, sich gemeinschaftlich an dem Schreck des Mädchens zu ergetzen und ihr regelmäßig die ärmliche Mahlzeit zu verderben. Kaum war nämlich das Gebet gesprochen, das man niemals vergaß, so strich der oberste Knecht, der als solcher den Ehrennamen Großknecht führte, mit halb zugebogener Hand flach über die Wand, raffte damit eine Menge Heimchen zusammen und warf sie lachend auf die Stelle der Schüssel, wo Marie ihren Löffel eintauchen mußte. Dadurch ward das bedauernswerthe Mädchen regelmäßig um ihre Mahlzeit betrogen, da sie durchaus den Ekel vor den geflügelten Thieren nicht überwinden konnte. Sie mußte wider Willen fasten und magerte zusehends ab. Die übrigen Knechte aber fanden den Spaß unübertrefflich, aßen nur mit desto größerem Appetit und wollten sich über die Gebehrden des entsetzten Mädchens zu Tode lachen. Wenn jedoch ein jüngerer Knecht dem Vorsitzenden in's Handwerk pfuschen und dasselbe Manöver auf seine [284] eigene Faust machen wollte, gebrauchte der Großknecht sein Recht, indem er gelassen die Heimchen zählte und dem Vorwitzigen eine gleiche Anzahl sehr derber Maulschellen verabreichte. Diese bewirkten dann, daß dem Bestraften nicht allein die Lust zum Essen auf der Stelle gänzlich verging, sondern daß er auch noch den nächsten Tag darauf verzichten mußte, das harte schwarze Hofebrod zu beißen, weil er vor Schmerzen keinen Zahn gebrauchen konnte.

Marie hatte so eben zur Unterhaltung ihrer übrigen Mitdienstboten wieder auf ihr Abendbrod verzichtet und stand betrübt am Ofen, mit Mühe die Zähren zurückhaltend, die ihr in's Auge stürzten. Sie fühlte doppelten Hunger, da sie sich im Kretscham müde getanzt hatte und nun, weil sie keine Suppe essen wollte, auch weder Kartoffeln noch Brod erhielt.

Diese Behandlung war unstreitig herzlos, grausam und unwürdig, allein der Großknecht dachte nicht daran. Er hatte im Gegentheil das Mädchen sehr gern und behandelte sie in seiner Weise nur so brutal, um sie abzustumpfen und unempfindlich gegen die Rohheiten zu machen, denen jeder Einzelne im Hofedienst ausgesetzt ist. [285] Das übrige Gesinde lachte noch und machte sich lustig über das zimperliche Wesen der Betrübten, als der Voigt eintrat und mit Einem Blick die Lage der Sachen erkannte.

Wir haben schon angedeutet, daß dieser einflußreiche Mann ein dienstbereiter, nicht eben scrupulöser Knecht des Grafen war. Dies hinderte ihn jedoch nicht, unter den Dienstboten selbst strenge Zucht zu halten und eine gewisse derbe Gerechtigkeit zu üben. Mit wenigen Fragen erfuhr er den Zusammenhang, mißbilligte mit drohender Miene das Verfahren des Großknechtes, untersagte es ihm bei Strafe und wandte sich dann zu der jetzt ihren Thränen freien Lauf lassenden Marie, indem er sagte:

»Laß gut sein, armes Ding! Weil Dich diese Lümmel um Deine wohlverdiente Mahlzeit gebracht haben, sollst Du heut mein Gast sein und alle Deine bösen Widersacher sollen trocknen Mundes dabei zusehen, während ihnen das Wasser vor Sehnsucht zusammenläuft. Einen Augenblick! Ich werde sogleich wieder da sein.«

»Der Prahlhans!« sagte der Großknecht verächtlich, als der Voigt die Gesindestube wieder verlassen hatte. »Er thut auch immer, als [286] regnete es Blutwürste und Schinken, und wenn es auf und an kommt, tütscht er eben auch blos Erdbirnen in schlechte gesalzene Butter! Ich bin doch neugierig, was für Delikatessen er der kleinen Vornehmen auftischen wird.«

»Mir gilt's gleich,« versetzte sein Nachbar, »die Suppe war recht dick und kloßig, und ich bin so satt, daß mir Einer Schweinebraten und gebackene Pflaumen vorsetzen könnte, ohne mich sehnsüchtig zu machen.«

»Nun auf ein paar fette Bissen käm' mir's nicht an,« meinte der Großknecht. »Für ein halbes Pfund Fleisch oder 'was drüber habe ich immer noch Platz.«

»Gebratene Tauben bringt er nicht,« sagte die älteste Magd, ein stämmiges Frauenzimmer mit hochrothem Gesicht und gutmüthigen, aber nichts weniger als klugen Augen.

»Ich glaube, er ist blos heruntergekommen, um ein paar Bissen zu erschnappen,« fiel lächelnd eine der jüngeren Mägde ein, »denn seine Alte, wißt Ihr, hält ihn verdammt kurz und verzehrt die besten Bissen immer für sich allein.«

»Allein?« sagte der Großknecht. »Laß Dir nicht Dinge weiß machen! Mit dem Jäger frißt [287] sie alle Teufelsnäschereien auf, wenn ihr Brummbär andere Geschäfte hat. Wovon würde sie auch sonst so dick, wie eine Biertonne? Und der Jäger schleppt ihr immer 'was Leckeres zu unter dem Vorwande, das oder jenes Stück Wild tauge nichts. Deshalb stellt sich der Sapperlot auch so fromm, denn wär's ihm nicht um ein gut Stück Essen zu thun, er säh' die Alte wahrhaftig mit keinem Auge an!«

»Das hat er auch nicht nöthig,« meinte die jüngere Magd. »So ein schmucker, flinker Kerl!«

»Gelt, Du möchtest ihn in der Hölle warm halten?« warf der Großknecht ein, und während die Magd erröthete und die Augen niederschlug, fiel das ganze übrige Gesinde in das lauteste und anhaltendste Gelächter.

Die jüngeren Mägde kicherten noch, als der Voigt wieder eintrat. Er trug in der linken Hand einen miltelgroßen irdenen Napf und unterm rechten Arm ein angeschnittenes Roggenbrod von weißem abgenommenem Mehl, wie es für die herrschaftliche Tafel gebacken wurde. Lächelnd stellte er beides auf den Gesindetisch, wobei namentlich die entfernter sitzenden Knechte [288] neugierig lange Hälse machten, um zu sehen, was die Schüssel wohl enthalten möchte.

»Nun komm, Marie,« sagte der Voigt, zwei Schemel an den Tisch rückend. »Bring' die Salzmeste her und nachher iß, so lange Dir's schmeckt. Es ist das reinste Leinöl, süß wie Mandelmilch und gesunder wie Kleebutter!«

Sichtlich erheiterten sich bei dieser angenehmen Nachricht die bisher so traurigen Züge Mariens. Sie brachte die Salzmeste, aus welcher der Voigt einen vollen Löffel Salz schöpfte und es in den mit der braunglänzenden dicken Flüssigkeit bis zum Rande angefüllten Napfe schüttete. Dann schnitt er von dem weichen Laib Brod ein tüchtiges Stück für sich und das Mädchen ab, holte sein Einschlagmesser hervor und reichte dem Mädchen die kurze zweizinkige Gabel, die am untern Ende des Messers eingefugt war. Er selbst bediente sich der stumpfen Klinge, um riesengroße Bissen weißen Brodes damit anzuspießen, sie in das Oel zu tauchen und, nachdem sie sich vollgesogen, in seinen nicht eben kleinen Mund zu schieben.

Es gibt wenige Genüsse, welche die Wenden und auch viele Deutsche unter den Landleuten [289] so sehr lieben, als den des frischgeschlagenen Leinöls, und Marie ließ sich daher nicht zweimal auffordern, dem für einen verwöhnten Gaumen vielleicht ungenießbar erscheinenden ländlichen Gericht tüchtig zuzusprechen. Der Voigt hatte nicht zu viel behauptet, die Knechte, am meisten der Großknecht, ärgerten sich wirklich, daß sie hätten blau anlaufen mögen, sie durften es sich aber nicht merken lassen, wenn sie nicht von dem bei solchen Gelegenheiten unerbittlichen Voigt unbarmherzig aufgezogen sein wollten. Deshalb stellten sie sich, als läge ihnen gar nichts an dem duftenden Leinöle, an welchem jetzt Marie so behaglich mit dem Voigte sich gütlich that, ja als sei ihnen die Pfeife schlechten Tabaks, die sich einer nach dem andern am Kienspane anzündete, zehnmal lieber.

Der Voigt unterließ auch nicht, nach jedem Bissen, den er hinunterschluckte, seine malitiösen Bemerkungen zu machen und dabei die außergewöhnliche Güte des Oeles zu preisen. Glücklicherweise endigte diese für die Knechte sehr empfindlichen Hänseleien der Eintritt des Maulwurffängers, der, ohne viel zu fragen, nachdem er den Versammelten einen »guten Abend [290] beisammen!« gewünscht hatte, seinen Quersack mit sammt den Drähten ablegte, das Bündel Eichenstäbe unter die Bank warf, einen Schemel neben Marie an den Tisch schob, sie sanft in's Ohr kniff, dann nach dem Brode langte, von dem er sich ein ansehnliches Stück abschnitt, und gleich dem Voigte mit schiffartigen Bissen in den Oelnapf fuhr.

»Hätte ich doch nicht gedacht,« sagte er, »daß ich heut noch so ein grausam gutes Abendessen vor's Maul kriegen würde! Nur schade, daß die Freude so bald ein Ende haben wird!«

Obwohl der Voigt die Manier unseres Freundes kannte, war er doch über die Unverschämtheit des Mannes erstaunt, der, ohne zu fragen und um Erlaubniß zu bitten, seine Abendmahlzeit mit ihm theilte. Er vergaß darüber auf einige Sekunden das Zulangen und diese benutzte Heinrich mit so beharrlicher Ausdauer und Gewandtheit, daß er den Rest des Oeles aufgezehrt hatte, ehe der Voigt wieder Theil daran nehmen konnte. Die gefoppten Knechte brachen darüber in ein wieherndes Gelächter aus.

»Du bist ein Kerl wie ein Hamster,« sagte der Voigt, »vermuthlich ist Dir der Zorn des [291] gnädigen Herrn in den Leib geschlagen, denn menschlich kann man solch ein Schlingen nicht nennen, und natürlich ist's eben so wenig!«

»Ich finde es sogar höchst vernünftig,« erwiederte mit behaglicher Gelassenheit der Maulwurffänger. »Wer ein gutes Werk gestiftet hat, soll sich freuen, wer sich freut, verdient, daß er belohnt werde, und gutes Essen und Trinken ist der beste Lohn für einen rechtschaffenen Hunger. Sag' mir mal, Voigt, ob Du darin nicht die sonnenklarste Vernunft findest?«

»Sag' Du mir lieber,« erwiederte der Gefragte, »ob der Herr Graf Vernunft in Deinem Kommen und verzwickten Geschwätz fand?«

»Ich versichere Dich,« versetzte Heinrich, »hätte der Herr Graf Orden zu verleihen und Titel zu vergeben, er würde mich nicht fortgelassen haben, ohne mir und meinem Quersack beide Lasten auf und anzuhängen! O das ist ein kluger Herr! Der hat ein Einsehen und weiß seine Leute zu nehmen! Ich sage Euch, es fehlte wenig, so hätte er mich gedutzt!«

»Das ist eine große Neuigkeit,« sagte der Voigt. »Seine Gnaden heißen alle Menschen [292] Du, da soll er etwa bei Dir eine Ausnahme machen?«

»Sobald der nächste Schleifer kommt, Voigt, bitte ich Dich, laß Dir Deinen Verstand abziehen, daß er künftig schneller fassen lernt! Wenn man von Dutzen spricht, ist's doch wohl natürlich, daß zwei verschiedene Personen einander die Ehre anthun?«

»Und für Deine Neuigkeiten hat er Dir das angeboten?« fragte ungläubig lächelnd der Voigt. »Darf man denn nichts erfahren?«

»Warum nicht?« erwiederte der Maulwurffänger. »Ich bin ja nicht des Herrn Grafen Unterthan und verboten hat er's mir auch nicht. Aber was krieg' ich für meine Neuigkeit? Denn Ihr wißt allesammt, umsonst ist der Tod und ich muß vom Verdienst leben.«

»Einen Krug Bier laß ich Dir holen,« sagte der Voigt.

»Wird angenommen,« meinte Heinrich, »und wenn sich das Hofgesinde, wie's da sitzt und mir zuhört, sich dazu versteht, mir noch eine Mohnsemmel verehren zu wollen morgen zum Frühstück, so will ich machen, daß Ihr alle mit einander die ganze Nacht vor lauter süßen [293] Träumen in Abrahams Schooße zu liegen glaubt.«

»Das müßte wunderlich zugehen,« sagte der Großknecht. »Ich habe mein Tage von nichts geträumt, als daß mir der schläg'sche Hengst eins versetzte, und daß ich darüber Paradiesesfreuden empfunden hätte, kann ich grade nicht behaupten!«

»Und ich verspreche Dir nochmals, daß Du alle Himmel offen sehen wirst. Zünd't mir zuvor ein paar frische Späne an, denn wenn's so dustert, glaub' ich immer, ich sähe in die Zukunft hinein und hörte es darin von wüstem Unglück rumoren. Davon bin ich just kein Liebhaber. Viel angenehmer ist mir's, ich sehe klar und höre deutlich; da kann man sich schon eher ein Herz fassen und frisch von der Leber weg reden.«

Marie entzündete neue Kienspäne, die Knechte rückten näher zusammen, auch die Mägde, die auf der Ofenbank Platz genommen hatten, horchten mit gespannter Aufmerksamkeit. Heinrich bog sich nun halb über den Tisch und sagte mit gedämpfter Stimme: »Ehe ein Jahr vergeht, sind die Hofedienste abgeschafft!«

[294] »Was?« fragten Mehrere zugleich und der Voigt setzte hinzu: »Sein ungewaschenes Maul bringt ihn noch um Vermögen und Freiheit!«

»Den Teufel auch!« fuhr Heinrich auf. »Mit meinem Vermögen, siehst Du, da kann ich mir nicht einmal eine Stube kaufen, so groß, wie diese hier, in der das Geschmeiß die Kammermusikanten abgibt, und was die Freiheit anbelangt, so hat darüber kein anderer Mensch auf Gottes Erdboden zu gebieten, als mein allergnädigster Herr Churfürst!«

»Nun nun,« erwiederte der Voigt, »nur nicht gleich oben hinaus! Man wird doch reden und vermuthen dürfen!«

»Das Gute, ja, das Schlechte, nimmermehr! Ich bin einmal gegen alles Schlechte und da mag und will ich's nicht leiden, daß mir einer ein Wort drein reden soll. Und so sage ich noch einmal: es gibt in Jahr und Tag keine Hofedienste mehr, so der Herr will, und Ihr armen Teufel und hübschen Teufelinnen werdet künftig nicht mehr für fremde Herren, sondern für Euch selbst und ganz allein leben und arbeiten dürfen.«

»Wenn das wahr ist, Maulwurffänger,« [295] fiel der Großknecht ein, dem mit der bloßen Aussicht auf ein freier sich gestaltendes Leben der Muth schon wuchs, »so geb' ich Dir ein Gebäck Mohnsemmeln ganz allein, und sollt' ich meinen ganzen Flachs verkaufen!«

»Aber wie ist das gekommen? Wer hat das gemacht und erfunden? Was werden die Herren dazu sagen?« fragten jetzt mehrere Knechte und die Mädchen hörten mit größter Spannung zu.

»Wie's eigentlich gekommen ist, weiß ich selber nicht,« erwiederte, immer mit größter Ruhe, der Maulwurffänger. »Es hat da vor'm Jahre einen großen Lärm gegeben in Paris, wißt Ihr – die Zeitungen und Wochenblätter schrieben auch davon. Das Volk, hab' ich mir sagen lassen, war dort schon sehr lange ärgerlich und unzufrieden mit seinen Herren, die alle Tage herrlich und in Freuden lebten, wie der reiche Mann im Evangelium, während der Arme kaum den trocknen Bissen Brod hatte und die schwere Arbeit obendrein! Nun wißt Ihr oder solltet es doch wissen, daß ein großer Lärm von wegen der grausamen Ungerechtigkeiten losging, die man seit undenklichen Zeiten, grade wie bei uns, über die Armen verhing. Vermuthlich war's ein [296] Jahr, wo im Kalender des Himmels den guten Mächten die besondere Pflege der Elenden und Unterdrückten anbefohlen ist, denn der Lärm zu ihren Gunsten griff um sich, wie eine Feuersbrunst bei frischem Winde, und setzte die Herren in solche Bestürzung, daß sie geschwind den Entschluß faßten, sich aller alten und schlechten Rechte zu begeben, um nur nicht ganz zu Grunde gerichtet zu werden! Auf solche Manier, seht Ihr, wurde der Arme ein freier Mensch, Herr seiner Zeit und seiner Hände, und vermuthlich haben die deutschen Herren auch etwas von Aufstand und Niederbrennen munkeln hören und sind deshalb gesonnen, in Zeiten ein Wort zur Güte zu reden.«

»Freiwillig?« fragte der Voigt. »Da werde der Teufel draus klug! Herr sein und die Hofedienste aufheben – thu's und glaub's, wer will – was mich betrifft, ich ließe mich, ehe ich dazu meine Einwilligung gäbe, lieber in Kochstücke zerhacken!«

»Man wird Dich auch nicht fragen,« versetzte Heinrich.

»Und Du sagst, unser Herr Graf habe diesen verrückten Entschluß gebilligt?«

[297] »Von Billigung ist dabei nicht die Rede, mein Lieber, hier gilt's, stch gewandt aus der Schlinge ziehen.«

»Wer hat denn den Rumor angezettelt?« fragte der Voigt höchst ärgerlich weiter.

»Kann ich Dir auch nicht sagen. Es schwebt in der Luft, es rumort und spricht sich herum auf allen Haidegütern, und viele deutsche Herren im Braun schweig'schen, geht die Rede, haben's just wie die französischen Herren gemacht.«

»Wenn das wahr werden sollte,« erwiederte der Voigt, »dann sage mir doch, von wem in Zukunft der reiche Gutsherr sein Feld soll bearbeiten, seine Wälder ausholzen, seine Teiche fischen, kurz all die zahllose Arbeit soll verrichten lassen, die großer Besitz unausbleiblich in seinem Gefolge hat?«

»Ohne Zweifel von Menschenhänden, wie bisher,« sagte unbeschreiblich ruhig der Maulwurffänger.

»Na siehst Du,« fuhr der Voigt mitleidig lächelnd fort, »so ist's ja gleich rein unmöglich, daß ein Herr nur daran denken kann, die Hofedienste abschaffen zu wollen.«

[298] »Warum nicht? Braucht er Menschenhände, so kaufe er sich dieselben. Erhalte ich, erhältst Du irgend eine Handreichung umsonst? Mußt Du nicht Deine Kleider, Deine Stiefeln bezahlen?«

»Das müssen die Herren auch.«

»Und hebt man Dir einen Graben, rodet man Dir nur einen elenden Strauch aus, ohne einen bestimmten, zuvor ausbedungenen Lohn dafür zu fordern?«

»Nein das thut man nicht, aber das ist auch etwas ganz Anderes!«

»Was Anderes?« fuhr Heinrich auf und seine grauen Augen schienen vor Zorn Funken zu sprühen. »Ich sage Dir, es ist ganz dasselbe nach dem uralten und ewig richtigen Grundsatze: was dem Einen recht, das ist dem Andern billig! Braucht der Herr, weil er viel Besitz hat, viele Hände, so bezahle er sie, und es wird Niemand darüber murren, daß er in dieses oder jenes reichen Herrn Lohne stehe. Es ist aber ein himmelschreiendes Unrecht, von hundert und tausend Armen, die das Glück in keine goldne Wiege mit Perlmutterwalzen gelegt hat, zu verlangen, daß sie zwei Drittheile ihres ganzen [299] Lebens unentgeltlich dem Manne zum Opfer bringen sollen, den ihnen der blinde Zufall zum Herrn gegeben, und daß sie dieses furchtbare Opfer auf Kosten ihres eigenen vernunftgemäßen Vortheils bringen sollen! Wer viel besitzt, viel gewinnt, soll viel davon ab- und ausgeben. Das ist Naturgesetz und bringt eine wohlthätige Gleichheit unter die Menschen, die ohnehin zu sehr von einander abhängig gemacht worden sind durch allerhand Wunderlichkeiten, die sich seit Adams Zeiten in der Welt eingenistet haben. Braucht also Jemand viel Arme, so bezahle er diese Arme, verlangt er aber, daß diese Arme für ihn ohne Entgelt arbeiten und sich abmühen sollen, so verdient er, daß man ihm den Kopf zurecht setze, wie's drüben in Paris die Franzosen gemacht haben und noch machen.«

Auf diese lebhafte Entgegnung blieb der Voigt dem Maulwurffänger eine Antwort schuldig, die Knechte, sonst gegen Alles gleichgiltig, was nur irgend wie mit allgemeinen Interessen zusammenhing, rückten dem Sprecher immer näher und bekundeten ihre Theilnahme am sichersten dadurch, daß nach und nach eine Tabakspfeife nach der andern zu qualmen aufhörte.[300] Zuletzt rauchte nur Heinrich noch, der nie versäumte, dem verglimmenden Kraut durch frisches Feuer wieder nachzuhelfen.

»Ein Wort, Maulwurffänger,« sprach der Großknecht nach einigem Zögern. »Habt Ihr das unserm gnädigen Herrn in's Gesicht gesagt?«

»Dazu hatte ich keine Zeit,« versetzte Heinrich. »Ueberdies war das auch gar nicht nöthig, da ich ihm genug zugeflüstert habe, um ihn festhalten zu lassen an seinem Beschlusse.«

»Ist's, wie Du sagst,« fiel hier der Voigt wieder ein, »so begreife ich eben so wenig, was aus der Welt, noch was aus den Herren werden soll! Sie müssen gradeswegs zu Grunde gehen, bei meinem Eid!«

Heinrich lachte mit dumpfem Kehllaut. Man konnte nicht leicht errathen, ob aus Schadenfreude oder weil er die Bemerkung des Voigtes lächerlich fand. »Was würdest Du denn machen, he,« sagte er, »wenn nun alle die reichen und mächtigen Grundbesitzer mit sammt ihren alten gemalten Vorfahren und steinernen Wappenschildern so über Nacht verschwänden, als hätte sie die Erde verschlungen oder als wären [301] sie in einem Brücherche 1 versunken? He, was würdest Du denn machen?«

Der Voigt wußte auch auf diese Frage keine Antwort zu geben. Er schüttelte den Kopf und sah finster vor sich hin.

»Nun ich will Dir auf die Sprünge helfen,« fuhr der Maulwurffänger fort. »Kommt es wirklich dahin, wohin ich wünsche, daß es recht bald kommen möge, so kann zweierlei geschehen. Entweder schlagen die reichen Herren in sich, kriegen, wie vom heiligen Geist erleuchtet, gesunden Menschenverstand und geben ihren Nebenmenschen, was ihnen gehört. Dann werden sie bei einigem Verlust sich ganz wohl befinden und den Dank ihrer Mitbrüder erwerben. Oder sie bleiben verstockt und pochen auf ihre Rechte, die ich in meiner Beschränktheit für Unrecht halte. In diesem Falle wird man ihnen mit Gewalt nehmen, was sie im Guten nicht geben wollen, und da kann's wohl möglich sein, daß Mancher mit sammt seinem Hechelkram von Ritterschwerten und Grafenkronen, ehe er sich's versieht, [302] in eine Irre geräth, aus der ihm keine Sonne mehr heimleuchtet.«

»So dumm wird unser gnädiger Herr nicht sein, rechne ich mir,« warf einer der Knechte ein. »Was auch Der und Jener an ihm aussetzen mag, gescheidt ist er wie der Teufel und pfiffig wie ein Advocat!«

»Er wird thun, was die Andern thun,« sagte Heinrich, »und in diesem löblichen Eutschlusse habe ich ihn zu bestärken gesucht. Dafür hat er mich belobt, wie ein Schulmeister seine Jungen, wenn sie 'was gelernt haben, und mir verheißen, Du, mein lieber Voigt, würdest mir die Mandel Maulwürfe, die ich heut auf Seiner Gnaden Feldern abgeknötelt habe, bezahlen. Du kannst sie zuvor nachzählen, sie stecken in meinem Ranzen. Für diese Nacht bitt' ich mir ein Oertel 2 aus, wenn's sein kann, in der Hölle; denn morgen mit dem Frühesten will mir der Herr Graf zu wissen thun, was er von der Sache hält und wie er dabei zu handeln gesonnen ist.«

Wir brechen die Unterhaltung in der Gesindestube[303] auf kurze Zeit ab, um denjenigen unserer Leser, die mit den Verhältnissen der Unterthanen zu ihren Herren wenig oder gar nicht vertraut sind, einige Winke darüber zu geben. Zu der Zeit, wo unsere Geschichte spielt, waren noch alle Dorfbewohner ihren verschiedenen Herrschaften frohnpflichtig, eine Last, die mit wenigen Ausnahmen bis in die neuere Zeit sich erhalten hat und erst seit wenigen Jahren ganz aufgehoben worden ist. Alle Landbewohner zerfielen in drei Klassen, in Bauern, Gärtner und Häusler. Das Landeigenthum der Bauern war sehr verschieden, doch kann man annehmen, daß jeder Bauer durchschnittlich wenigstens zu dreißig Dresdner Scheffel Aussaat besaß. Bei Einzelnen mochte sich dieser Besitz verdoppeln, ja verdreifachen. Weit geringer war das Landeigenthum der Gärtner, indeß immer noch groß genug, um darauf Zugvieh zu halten. Der Häusler dagegen hatte über nichts, als über sein kleines Häuschen zu verfügen, dem im günstigsten Falle noch ein kleiner Wiesenplan zu Gebote stand, um eine Ziege darauf grasen zu lassen. Solche Häusler lebten theils von Weberei, theils von Handarbeit und Tagelohn.

[304] Jene leibeigenen Bauern nun, von denen wir vorzugsweise sprechen, besaßen zwar Hof und Ackerland als Eigenthum, waren dabei aber doch nicht ihre eigenen Herren, sondern mußten dem Besitzer des Dorfes in allen Dingen zu Willen sein. Um indeß nicht zu hart von der Willkür Einzelner bedrückt zu werden, bestanden gewisse gesetzliche Bestimmungen zwischen Herren und Unterthanen, welche der Herr so gut respectiren mußte, als der Unterthan. Der Letztere war nämlich gebunden, seinem Gebieter jährlich eine gewisse Anzahl Zug- und Handdienste zu leisten. Grade diese waren aber sowohl für Bauer wie für Gärtner und Häusler eine Last, der sie erlagen, die sie nie aufkommen ließ und selbst bei übermenschlicher Anstrengung in schmachvoller Unterwürfigkeit erhielt. Auf dem Schauplatz unserer Erzählung unter den leibeigenen Wenden war z.B. jeder Bauer, der ungefähr für zwanzig Scheffel Kornaussaat Land besaß, gehalten, seinem Herrn wöchentlich sechs Handtage zu leisten oder drei Zugtage mit Pferden und, besaß er diese nicht, mit vier Ochsen. Es blieb ihm also wöchentlich blos ein einziger Tag zu Bestellung seines Feldes, wenn er nicht im [305] Stande war, die Handtage in Zugtage verwandeln zu können. Wollte überdies der Zufall oder das Mißgeschick, daß der Herr auf seinen Gütern Brandschaden erlitt, oder daß ein Unwetter seine fahrbaren Wege zerriß oder daß ein Wasserbau nothwendig ward, oder endlich, daß es ihm einfiel, Holz schlagen zu lassen, so mußte der arme geplagte Bauer die Brandstelle räumen und neue Gebäude mit aufführen helfen! Er war außerdem verbunden, die schlechten Wege auszubessern, Steine zu einem nöthigen Wehrbau anzufahren und das geschlagene Holz einzuführen. Alle diese Dienste raubten ihm Zeit, ruinirten ihm Wagen, Geschirr und Vieh, und wenn er ermattet heim kam, trat oft die schlechte Jahreszeit ein und verhinderte ihn an tüchtiger Bestellung seines eigenen Landes. So gerieth er immer tiefer und tiefer in Elend und Armuth, versank unter dem steten Druck in Schmutz und Unwissenheit und ward eine willenlose, stupide Maschine seines launischen, im Ueberfluß schwelgenden Herrn.

Nicht besser hatten es Gärtner und Häusler. Jener mußte drei Vierteljahre hindurch wöchentlich der Herrschaft drei Handtage und [306] im vierten wöchentlich zwei leisten, dieser wöchentlich einen Handtag, außerdem noch zwölf Tage als Monatsdienst und während der Aerndtezeit vier Handtage. Hierzu kam noch, daß Söhne und Töchter aller Bauern, Gärtner und Häusler den sogenannten Hofedienst auf dem herrschaftlichen Gute oder Schlosse als Knechte und Mägde abhalten und oft mehrere Jahre unablässig gegen bloße Verköstigung, die schlecht und oft unsauber war, dienen mußten!

Man kann sich demnach vorstellen, wie tief und allgemein der Eindruck war, den Heinrichs Neuigkeiten bei allem Hofgesinde hervorbrachten! Eine neue Welt, die unbekannte Welt der sonnigen Freiheit, lag vor den Augen Aller aufgethan! Wurden die Hofedienste, wie der Maulwurffänger behauptete, abgeschafft, so war das Joch damit abgeworfen, das ursprünglich die Leibeigenschaft erzeugt hatte. Sie wurden frei, wurden ihren Herren gleich durch die Willkür, nach der sie dann über ihr Handeln verfügen konnten. War aber das Gerücht erdichtet, so war damit ein furchtbarer Feuerbrand in die Gemüther aller Leibeigenen geschleudert worden, den keine noch so milde Behandlung mehr auslöschen [307] konnte. Die Herrschaft wandelte von Stund' an auf einem glühenden Vulkan, der in jedem Augenblicke bersten und sie zermalmt in die Luft schleudern konnte.

Der Maulwurffänger erkannte dies sehr gut und wußte genau, was er that, ohne sich vor der Hand um die Folgen zu kümmern, die seine Handlungsweise haben konnte und mußte. Der Saame der Unzufriedenheit war ausgestreut, in der Masse aller Leibeigenen fraß der Gedanke um sich, daß sie rechtlos, gegen die heiligen Gebote der Religion unterjocht seien, und dieser Gedanke mußte ein Selbstbewußtsein unter der an sich kräftigen Bevölkerung wecken, von dem sie früher keine Ahnung gehabt hatte. Ihm waren außerdem noch so viele geheime Mißbräuche bekannt, welche viele Herren übten und auf die nur hingedeutet werden durfte, um die Unterdrückten von der Unzufriedenheit zur Erbitterung, von dieser zu einer drohenden Stellung den Herren gegenüber aufzuregen. Der Raub der Wendin durch Magnus gab die erwünschteste Veranlassung, diese Mißbräuche nach und nach, wie es Zeit und Umstände erheischten, aufzudecken. Die bedenklichen Unruhen im Auslande waren [308] ein vortrefflicher Anhaltepunkt, den man beliebig benutzen konnte, um den Herren zu drohen. In jedem Falle stand ein Krieg der Unterworfenen gegen die Unterdrücker in naher Aussicht, und diesen durch schmeichelndes Zureden wieder zu beseitigen, hielt Heinrich für unwürdige Feigheit. Wenn überhaupt, konnte nur auf diese Weise uraltes Unrecht aufgehoben und ausgeglichen werden.

Da er gewahrte, welchen Eindruck seine unschuldig und nachlässig hingeworfenen Aeußerungen selbst auf diese ungebildeten Menschen machten, ging er noch einen Schritt weiter, den mißmuthigen Voigt jetzt gar nicht beachtend. Er richtete seine Worte direct an das Gesinde des Edelhofes, das ihm, wie einem Propheten, gläubig zuhörte.

»Ist Euch nichts zu Ohren gekommen,« sprach er, »daß sich Graf Magnus bald verheirathen will? Ich hörte in der Haide davon reden. Auf seines Vaters Schlosse, dem alten Boberstein, lebt ein schönes junges Fräulein, um das er werben soll.«

»Ihr meint gewiß Herta, die Mutter der Armen,« sagte der Großknecht.

[309] »Es kann wohl sein, daß sie Herta heißt,« erwiederte der Maulwurffänger. »Ich habe mein Lebtage nicht mit ihr gesprochen. Aber ein Engel an Schönheit ist sie, davon sind meine eigenen Augen Zeuge. Hat das Gerücht Grund, so ist's doch nicht recht, daß der gnädige Herr auch noch mit andern Weibsleuten scherzt!«

»Thut er das?« fragten ein paar von den Mädchen.

»Ich will nicht geradezu behaupten, daß er es thue, der Schein kann trügen, aber ein hübsches Mädchen, das ich kenne, ist bei ihm im Herrenhause.«

»Hier auf dem Hofe?« sagte Marie.

»Es muß doch wohl so sein, sonst hätt' ich sie ja nicht sehen können!«

Hier winkte ihm der Voigt, daß er schweigen solle, und stieß ihn verstohlen mit dem Fuße an. Heinrich aber that, als sehe und fühle er nichts.

»Als ich vorhin bei ihm war,« fuhr er fort, »sah ich ein wendisches Häubchen, in dem ein allerliebstes Gesichtchen steckte, fast noch hübscher, als das Deinige, Marie, und das hat noch keinem schmucken jungen Burschen mißfallen. [310] Geweint mußte das blutjunge Ding auch haben, denn sie hatte rothe Augen. Ich möchte doch wissen, warum er das arme liebe Kind bei sich eingesperrt hält.«

»O in dem Punkte,« fiel einer von den Knechten ein, »da hat unser gnädiger Herr gar kein Gewissen! Was ihm gefällt, das nimmt er sich, und hat er sich amusirt, läßt er so ein gutwilliges Geschöpf wieder laufen. Da sieh zu, wo Du ein Unterkommen findest!«

»Wer könnte denn das Mädchen sein?« sagte ein anderer Knecht.

»Ist sie hübscher, als Marie, so ist sie nicht aus der Nähe,« meinte der Großknecht. »Hier herum kenne ich alle Mädchen.«

»Der Tracht nach muß sie irgendwo in der Haide zu Hause sein.«

Bei diesen Worten des Maulwurffängers hörte man einen schrillenden Ton, als ob eine Fensterscheibe zerspränge, und gleich darauf einen lauten, gellenden Hilferuf.

Alle horchten auf und sahen einander bestürzt an. Nur der Voigt senkte die Augen zu Boden und der Maulwurffänger lächelte unheilvoll.

»War das im Hofe?« sagte Marie.

[311] »Ich möchte darauf wetten, daß der wunderliche Ton aus dem Herrenhause kam,« sprach Heinrich und stand gelassen auf. »Bleibt nur sitzen, ich werde nachsehen. Kämt Ihr ungerufen, so könnt's Euch Buße tragen, mir thut Blauhut nichts zu Leide!«

Und ungehindert, nicht einmal von dem unschlüssigen Voigt begleitet, verließ der Maulwurffänger die Gesindestube mit ihrer aufgeregten, im Herzen heimlich gegen Magnus erbitterten Gesellschaft.

Fußnoten

1 Moorsumpf.

2 Platz. Stelle.

8. Kapitel
[312] Achtes Kapitel.
Die Flucht.

Erzürnt und niedergeschlagen zugleich über die freche Heuchelei, durch welche Graf Magnus ihr Vertrauen bis zu einem gewissen Grade erschlichen hatte, um seine verbrecherischen Pläne auszuführen, blieb Haideröschen eine Zeit lang am Simse des Kamins lehnen, der ihr bei Abwehr des lüsternen Grafen als Rückhalt gedient hatte. Von der übernatürlichen Anstrengung und der unaussprechlichen Seelenangst, die sie dabei gelitten hatte, gänzlich erschöpft, brach sie jetzt zusammen und glitt mit vorgebeugtem Körper auf den weichen buntfarbigen Teppich nieder, der über den Fußboden des prächtigen Zimmers ausgebreitet war. Ströme von Thränen entstürzten ihren Augen, und obwohl sie in tiefstem Herzen [313] Gott dankte, daß er sie aus den Händen ihres Peinigers errettet, konnte sie doch des bittern Schmerzes nicht Meister werden, der sich zugleich ihrer bemächtigte. Wie sollte sie den Verfolgungen des entsetzlichen Grafen begegnen, wenn er seine kaltblütig ausgesprochene Drohung wahr machte? Und mit welchen Gefühlen konnte sie es wagen, unter ihre Gespielinnen zurückzukehren, hatte sie nur eine einzige endlose Nacht unter dem Dache des Verhaßten zugebracht, der sie kurze Zeit mit so meisterhafter Verstellung gekirrt und zutraulich gemacht hatte!

Diese Fragen legte sich die arme Wendin wiederholt vor, ohne in ihrer Angst und Bestürzung eine Antwort darauf zu finden. Sie wußte und ahnte nicht, wer den Grafen abgerufen hatte und daß dieser kecke und entschlossene Eindringling in ihrem Interesse, zu ihrer Rettung auf dem Edelhofe erschienen sei. Der bloße Name des Maulwurffängers würde sie beruhigt und getröstet haben.

In ihrer Rathlosigkeit blieb sie kange auf den Knien liegen, abgebrochene Gebetbrocken mit zitternder Lippe hersagend. Bald faltete sie in wilder Hast die kalten Hände, bald rang sie [314] dieselben verzweiflungsvoll über ihrem Haupte und warf sich dann schluchzend mit dem Gesicht auf den Fußboden. Nach und nach aber ward sie ruhiger und sie begann zu überlegen, wie sie sich gegen den Schändlichen waffnen könne, wenn es ihm einfallen sollte, in kurzer Zeit wiederzukommen.

Sie stand auf und untersuchte das Zimmer. Leicht und geräuschlos schlüpfte sie auf den Zehen die Wände entlang und prüfte jeden Falz, jede Buckel der Tapete. Nirgends entdeckte sie eine Thür, die ihrem Druck weichen wollte. Eben so vergebens bemühte sie sich, die Zimmerthür zu öffnen. Sie war und blieb fest verschlossen. Die Schelle zu läuten, nahm sie mit Recht Anstand, da es fast wahrscheinlich war, daß sie in ihrer unsichern Hand mehr als einmal erklingen und dadurch den herrischen Gebieter nur zu schnell wieder herbeirufen würde.

Sie schlich jetzt nach den Fenstern, die hoch und breit waren und von denen das eine bis an den Fußboden herabreichte. Behutsam versuchte sie die Wirbel umzudrehen, die wirklich schon gelinder Kraftanwendung nachgaben. Der Fensterflügel ging wie von selbst auf, so daß Haideröschen [315] bequem hindurchschreiten konnte auf einen sehr schmalen Altan, der hier an dem Hause hinlief. Zu beiden Seiten desselben standen ausländische Gewächse in hölzernen Kübeln, die jetzt noch in wärmenden Bast und Leinwand dicht eingeschlagen waren. Unter dem Altan schimmerten die breiten mit rothgelbem Sand bestreuten Gänge eines Gartens unklar durch den schweflig riechenden schwarzgrauen Nebel, der feucht und dick an der Erde lag und Alles mit seinen finstern Schwingen bedeckte. Dennoch bemerkte Haideröschen, daß die Höhe des Fensters unbedeutend sei. Augenblicklich entstand der Gedanke an Flucht in ihrer Seele. Aber sie war unbekannt in der Gegend, sie wußte nicht, wie und ob sie aus dem Garten würde entrinnen können, und wo sollte sie in dieser finstern, naßkalten Märznacht, in diesem grausigen Nebel einen Ort auffinden, der ihr Schutz und Obdach bis zum nächsten Morgen gewähren konnte!

So beschloß sie denn auszuharren, ergeben sich in ihr Schicksal zu fügen und auf Gott zu vertrauen. An ihn wendete sich die fromme Gläubige im Gebet, wie sie es seit ihrer ersten Kindheit [316] gewohnt war. Sie bat ihn, daß er sie beschirmen, daß er den Schlaf in dieser Nacht von ihren Augen verscheuchen und ihr klare Besonnenheit und nicht wankenden Muth in der Stunde der Gefahr verleihen möge!

Gestärkt erhob sie sich von ihren Knieen, löschte instinktartig auf den beiden silbernen Armleuchtern drei Kerzen, weil es ihr Verschwendung dünkte, so viele Lichter für eine einzelne Person anzuzünden, die noch dazu vollkommen müßig ging. Unvollständig erleuchtete die vierte Kerze, deren Docht sich in der trüben Flamme krümmte, das einsame Gemach mit den dunkeln Bildern an den Tapeten. Haideröschen schien es oft, als bewegten sich alle Wände, als verdrehten die grimmig blickenden Jäger die Augen und als schlügen sie ihre Gewehre auf sie an. Dann mußte sie sich Gewalt anthun, um nicht laut aufzuschreien, und als ob sie Beruhigung darin fände, preßte sie beide Hände auf ihren fieberhaft klopfenden Busen. So saß sie lange unbeweglich, nur von Zeit zu Zeit schüchterne Blicke nach der Stelle werfend, wo die verborgene Thür sich befand, auf dem weichen, seidenen Divan, mit ihren Gedanken in der Haide [317] auf dem Garten des Vaters, dessen Sorgen um sie und ihr Loos die Betrübniß ihres schuldlosen Herzens noch vergrößerten.

Sie saß und zählte die Viertelstunden, welche die Seigerschelle auf dem Herrenhause regelmäßig anschlug. Ueber eine Stunde war lautlos verstrichen, als sie wieder das unheilvolle Rascheln hinter der Tapetenwand vernahm. Sogleich stand sie auf, ergriff den Armleuchter, auf dem sie beide Kerzen ausgelöscht hatte, und stellte sich mit ihm dicht an das bis zur Erde herabreichende Fenster. Kaum hatte Haideröschen hier Posto gefaßt, als die Tapetenwand zurückwich und Graf Magnus mit einiger Schüchternheit und sehr blaß in das Zimmer trat.

Die Gedanken dieses Wüstlings waren durch Heinrichs erdichtete Mittheilungen von Röschen eine Zeitlang ganz abgewendet worden. Der Maulwurffänger hatte ihn mit seinen Neuigkeiten gleichsam überfallen und Magnus sah im ersten Augenblick der Bestürzung, wie alle Menschen, die sich geheimer Schuld bewußt sind, Tage blutigen Aufruhrs, wilder Verheerung in unmittelbarster Nähe. Obwohl er, wie der gesammte Adel, die furchtbaren Ereignisse in Frankreich, [318] die eine neue Zeit ansagten, geflissentlich nicht beachtete, waren sie ihm doch genau bekannt. Denn es gebrach ihm keineswegs an Bildung, an Sinn für geschichtliche Ereignisse und an Talent, aus sich selbst ein tüchtiges Mitglied der menschlichen Gesellschaft zu bilden, wenn er Lust und Willen dazu gehabt hätte.

Erst nachdem er den Maulwurffänger verabschiedet hatte, drängten sich ihm verschiedene Zweifel an der Wahrhaftigkeit der Erzählungen dieses Mannes auf. Heinrich konnte ja selbst betrogen worden sein und ihn wieder belogen haben. Denn an die Erdichtung des drohenden Unheils durch den Maulwurffänger dachte er nicht im entferntesten, weil er den umherstreifenden Mann für einen bloßen Schwätzer hielt, der aus purer Selbst- und Gewinnsucht alle Dinge so zu drehen und zu benutzen verstehe, daß sie ihm selbst irgend etwas eintrügen. Leute dieser Art waren nicht selten im Gebirge, und weil sie eigentlich aller Welt Freund waren und Jedermann sie für geringes Entgelt für sich gebrauchen konnte, überall beliebt. Dennoch verdroß es den Grafen, daß er so schnell dem schwatzhaften Manne Gehör gegeben und dadurch das [319] kaum in seine Gewalt bekommene Mädchen sich schon wieder hatte entreißen lassen. Freilich baute er im Hintergrunde seiner Seele einen glänzenden verbrecherischen Plan auf, von dem er sich den größten Genuß und eine furchtbare Genugthuung versprach. Er hütete sich aber wohl, diesen abscheulichen Plan irgend Jemand merken zu lassen, denn er hatte bei sich beschlossen, den Großmüthigen, Milden, Bekehrten zu spielen, aber freilich auch nur zu spielen!

Am meisten verdroß es den eitlen Edelmann, daß diese kleine Wendin einen plumpen Bauerburschen ihm unverhohlen vorzog und daß eigentlich nur dies in seinem Auge der Grund ihrer Widerspänstigkeit war. Obwohl er bei seiner Abberufung den festen Willen gehabt hatte, die Wendin um jeden Preis zu gewinnen, stand er jetzt in Folge seiner Unterredung mit dem Maulwurffänger davon ab, und um in Röschens Gemüth die üble Meinung wieder zu verwischen, die sein letztes Auftreten hervorgerufen haben mußte, entschloß er sich nochmals, sie zu sehen, bevor Heinrich Rücksprache mit ihr genommen habe.

»Haideröschen!« sprach er mit sanfter [320] Stimme, da er die Wendin bei der einzelnen trüb brennenden Kerze nicht sogleich gewahr wurde. »Wo hast Du Dich denn versteckt und wer heißt Dir die Lichter auslöschen? Sprich, wo bist Du? Ich komme als Freund und gelobe Dir kein Leid zuzufügen!«

Während er nur halblaut flüsternd diese besänftigenden Worte an das Mädchen richtete, trat er vollends in das Gemach und lenkte seine Schritte nach dem Kamin, wo er die Wendin verborgen glaubte. Da er sie hier nicht fand, besorgte er schon, der Maulwurffänger sei ihm zuvorgekommen und habe Röschen mitgenommen. Ein wilder Fluch entglitt seinem Munde, der seltsam gegen die sanften Worte abstach, die er so eben noch geflüstert hatte. Dabei kehrte er sich um und die am schon aufgewirbelten Fenster lehnende Wendin stand vor ihm.

»Kleine Spitzbübin,« sagte er mit freundlichem Lächeln, »Du kannst doch das Necken nicht lassen. Komm näher, mein Täubchen, ich möchte Dich gern um Verzeihung bitten, denn ich sehe ein, daß ich Unrecht habe und Dir unwürdige Zumuthungen machte.«

Haideröschen beharrte in schweigender Regungslosigkeit, [321] nur ihre großen Augen schleuderten Blitze der Verachtung auf den Nichtswürdigen, der seine Frechheit so weit trieb, daß er jetzt als Bittender zu erscheinen wagte, wo er vor Kurzem noch die brutalsten Drohungen ausgestoßen hatte.

»Ich will nicht hoffen,« fuhr er fort, der Wendin sich nähernd, »daß Du vor Angst und Furcht in dieser Einsamkeit die Sprache verloren hast. Es ist nicht angenehm, allein in Gesellschaft dieser grotesken Jäger zu sein, und weil ich dies aus Erfahrung weiß und die furchtsame Gemüthsart junger Mädchen kenne, wage ich es nochmals vor Dich zu treten, Dir Abbitte zu thun, wenn Du es wünschest, und Dich unter Menschen zu führen.«

Haideröschen schwieg noch immer, theils aus Verachtung, theils, weil ihr Blut so ungestüm wallte, daß ihr die Sprache versagte.

»Du bist mir immer noch böse, wie ich sehe,« begann Magnus abermals, »es wird mir demnach wohl nichts übrig bleiben, als mich fußfällig vor Dir zu demüthigen und Dich mit einem Handkuß zu versöhnen.«

Der Graf stand nur noch wenige Schritte [322] von der Wendin. Als er weiter vordringen wollte, erhob Haideröschen entschlossen den Armleuchter und rief befehlshaberisch: »Wagen Sie nicht näher zu kommen! Es könnte Sie gereuen!«

Magnus stutzte und verschlang das in ihrem Zorn noch schönere Mädchen mit sinnlichen Blicken. Sie hatte etwas von dem trotzigen Stolz und dem fanatischen Heroismus der Judith, wie sie, den linken vollen Arm, von dem sich der am Handgelenk aufgegangene weiße Hemdärmel abgestreift hatte, nach dem Wirbel über ihrem Haupte ausgestreckt, mit der rechten den blank polirten silbernen Leuchter gegen den Grafen drohend erhoben, dastand.

»Wahrhaftig Du bist schön, daß es mir wie eine Versündigung gegen die Schönheit, die wir anbeten sollen, erscheint, Dich nicht zu küssen. Laß Dich also herab, kleine Wilde, und vergib mir im Kusse!«

»Elender!« stammelte Haideröschen, kaum die Lippen öffnend. »Wenn Du es wagst, mich zu berühren, so stoß' ich Dir die Augen mit dem Leuchter aus. Ich will nichts mehr von Dir hören, will Dich nicht sehen! Ehe ich es [323] dulde, daß Du mich berührst, werde ich mir lieber den Kopf an der Wand zerbrechen!«

»Immer laß Deinem Zorn freien Lauf, ich werde Dich nicht hindern,« versetzte Magnus mit gehaltener Ruhe. »Sobald Du Dich erschöpft hast und die Ueberzeugung gewinnst, daß ich nur Dein Gutes will, wirst Du auch wieder vernünftig mit mir reden.«

»Verlassen Sie mich!« sagte Haideröschen, ohne ihre Stellung zu verändern.

»Sobald Du mir verziehen und angehört haben wirst, was ich Dir mittheilen will.«

»Wenn Sie nicht auf der Stelle gehen, so gehe ich!«

»Das kann ich nur wünschen, weil Du dann an mir vorüber mußt und ich den Saum Deines Gewandes fürbittend mit meinem Munde berühren kann.«

»Sie irren sich, Herr Graf! Ich werde weder in Ihre Nähe kommen, noch es dulden, daß Sie die meinige suchen.«

»Dann wirst Du lange Deinen Platz behaupten müssen, kleine wendische Heldin.«

»Zwei Minuten noch, nicht länger,« versetzte Haideröschen in finsterer Entschlossenheit.

[324] »Ich werde diese Frist gehorsam benutzen, um Dich von meiner Reue zu überzeugen. Du willst nicht zugeben, daß ich Dir näher schreiten soll, gestatte denn, daß ich mich auf meinen Knieen Dir nähere. Die ärgsten Sünder in der katholischen Christenheit nahen sich so der zürnenden Gottheit, die ihnen nach überstandener Kniewallfahrt großmüthig vergibt.«

Und während Magnus noch so sprach, ließ er sich wirklich auf die Knie niedergleiten und näherte sich rutschend dem erzürnten und ihn fürchtenden Mädchen. Schon streckte er die Hände flehend nach ihr aus, indem ein schalkhaftes Lächeln seine interessanten Züge nicht unbedeutend verschönerte. Da hieß ihn Haideröschen nochmals einhalten mit der Drohung, sie werde unfehlbar, wenn er seinen Vorsatz ausführe, entweder ihm oder sich selbst ein Leid zufügen. Magnus achtete nicht auf ihre Befehle. Er war so bezaubert von dem Reiz ihrer entzückenden Schönheit, daß er sie nicht mehr sprechen hörte, daß er nur ihre Hand zu fassen, sie zu umarmen wünschte. Jetzt erhaschte er ihr grobes Gewand und wollte sie zu sich heranziehen, um den Saum desselben zu küssen. Da [325] zerbrachen klirrend die großen Fensterscheiben, mit schwerer Wucht flog der silberne Leuchter auf ihn, streifte seine Stirn und verwundete ihn mit scharfer Kante an der Schläfe. Taumelnd stürzte er zurück auf den Teppich. Er sah dunkel, daß die Fensterthür, die Haideröschen ausholend mit dem Leuchter zertrümmert hatte, sich öffnete und gleich darauf die entschlossene Wendin mit einem laut ausgestoßenen Hilferuf im feuchten Nebeldunst verschwand. –

Dieser Hilferuf war es, der den Maulwurffänger in seinem Gespräch mit dem Gesinde des Edelhofes störte und ihn, unglückahnend, in's Frei trieb. Eingedenk der Erlaubniß des Grafen, die Wendin in ihrer Einsamkeit besuchen und trösten zu dürfen, machte er sich jetzt Vorwürfe über seine Saumseligkeit, obwohl er sich gestehen mußte, daß seine Absicht dabei die beste gewesen sei. Er zweifelte keinen Augenblick, daß Haideröschen ein neues Unglück zugestoßen sei, sogar der Verdacht, Graf Magnus möge nicht Wort gehalten haben, stieg in ihm auf.

Mit den Oertlichkeiten vertraut, eilte er schnellen Schrittes über den Hofraum nach dem Portale des Herrenhauses. Durch den niedrig [326] ziehenden Nebel sah er den Lichtschimmer aus den Fenstern des gräflichen Wohnzimmers, alle übrigen Fenster in dem geräumigen Gebäude waren jetzt finster. Dies fiel ihm auf, zugleich aber bestärkte es ihn auch in seinem Verdachte.

»Ha,« sprach er zu sich selbst, »der Schelm hat die Lichter ausgelöscht, um desto leichteres Spiel zu haben! Hätte ich nur eine Leuchte mitgenommen! Aber Dank meinem häufigen Hiersein, ich werde auch ohne Licht den Unhold finden und noch zeitig genug an der Gurgel packen! Den Griff des Maulwurffängers soll er sein Lebtage nicht vergessen!«

Die Hausthür war blos angelehnt und drehte sich geräuschlos auf den Angeln. Im Flur brannte keine Lampe mehr, ein Zeichen, daß die Dienerschaft zur Ruhe gegangen war. Heinrich schritt auf den hallenden Fließen nach der Treppe, als er ganz nahe mehrmals nach einander »Hilfe! Hilfe!« wehklagend und laut schreiend rufen hörte.

»Es ist Haideröschens Stimme,« sprach er, »ich kenne diese Nachtigall der Wälder. Aber wie kommt sie hieher? Sollte sie Junker Blauhut in den Gartenpavillon gelockt haben?«

[327] Während sich diese Gedanken in seinem Innern kreuzten, lag seine Hand auch schon am Riegel der nach deln Garten führenden Thür und stieß ihn zurück. Mit kräftigem Ruck riß er sie auf, der Wind jagte ihm Nebel und dürres Laub, das sich auf den Sandgängen kräuselte, in's Gesicht und zwang ihn, auf einige Secunden die Augen zu schließen. Dann trat er hinaus auf die breiten Stufen, die in den Garten hinab führten, eilte einige Schritte vorwärts und drehte sich um, seine scharfen luchsartigen Blicke durch den Nebelflor auf die Breitseite des Herrenhauses richtend. Das Zimmer, in dem Haideröschen bisher zugebracht hatte, befand sich fast in der Mitte des Gebäudes und lag grade vor ihm. Der Schimmer der einzigen noch brennenden Kerze drang bis zu ihm herab. Er sah das Flattern der Vorhänge an der offenen Fensterthür und errieth den Zusammenhang.

»Sie muß auf dem Balcon sein,« dachte er und suchte mit verschärfter Aufmerksamkeit an der steinernen Brüstung und hinter den verpackten Stämmen der Oleander und Citronenbäumchen. Am linken Ende schlangen sich an dünnem [328] Spalier die zitternden, schlanken Aeste eines Jelängerjelieberstrauchs, oder, wie der Landmann diesen Baum nennt, einer »Rose von Jericho« empor. Dort sah er etwas Weißes schwebend zwischen Himmel und Erde flattern.

Schleunig eilte er darauf zu und erkannte die Wendin, die sich vergeblich anstrengte, aus den sie umrankenden schlangenartigen Aesten des alten Baumes, in denen ein Theil ihrer Kleider hängen geblieben war, sich los zu machen und herabzuspringen.

»Bist Du es, Röschen?« fragte er flüsternd.

Die Wendin hörte ihn. »O rettet mich, rettet mich, wer Ihr auch sein mögt!« gab sie flehentlich zur Antwort. »Die Angst tödtet mich und er wird mich verfolgen!«

»Wo ist der Graf?« fragte Hemrich, am Spalier empor kletternd, die Kleider des Mädchens gewaltsam von dem Geäst losreißend und sie sanft auf die Erde herabhebend.

Haideröschen zitterte wie ein Espenlaub. »Dort! dort!« sagte sie stammelnd, vor Angst und Schauder mit den Zähnen klappernd, und deutete nach den trüb schimmernden Fenstern.

[329] »Gott Lob, ich bin ihm entronnen! Aber wer seid Ihr, wackerer Mann?«

»Kennst Du den Maulwurffänger nicht, den Freund der Armen und Nothleidenden?« versetzte Heinrich lächelnd. »Ich komme von Deinem Vater in der Absicht, Dich zu beschützen. Hat Dir der Bube ein Leid angethan?«

»Nein, nein, Gott sei gelobt!« sagte Haideröschen athemlos, ihre Arme vertrauensvoll um den stämmigen Nacken des schlichten Landmannes schlingend. »Die Engel des Himmels haben über mir gewacht und dem Bösen die Hände gebunden. Aber komm, Heinrich, komm, laß uns fliehen, ehe er mir nachsetzt!«

»Das soll er wohl bleiben lassen,« sagte der Maulwurffänger, drohend die Hand gegen die erleuchteten Fenster ballend. »Beruhige Dich, Haideröschen, Du bist jetzt geborgen!«

So sprechend legte er sanft seinen Arm um ihren Oberkörper und führte sie dicht an dem Gebäude hin nach der Hausthür.

»Nicht da hinein, Heinrich!« flehte sie bebend. »Er könnte uns begegnen und seine Knechte rufen.«

»So schlage ich ihm den verruchten Schädel [330] ein, wie einem tollen Hunde!« rief Heinrich erbittert. »Komm nur, es giebt hier keinen andern Ausweg.«

Er zog die Zitternde mit sich fort in's Schloß, durchschritt mit ihr die Hausflur und trat in den Hof. Hier vernahm er die verworrenen Stimmen des Gesindes, die den Voigt mit Schmähungen überhäuften. Sie hatten bald nach dem Maulwurffänger die Gesindestube mit dem Voigte verlassen und trugen mehrere Laternen, um bei ihrem Licht zu sehen, was es gebe. Auf sie ging jetzt Heinrich mit seiner Schutzbefohlenen zu. Alle erstaunten, das schöne, bleiche, zitternde Mädchen im Arm des Landmannes vertrauensvoll ruhen zu sehen.

»Voigt,« sagte der Maulwurffänger befehlshaberisch, »öffne das Thor! Ein rechtschaffener Mann verschmäht es, in der Höhle eines Räubers zu übernachten, er will lieber auf offener Haide unter Wölfen obdachlos umherirren. Meinen Quersack, meine Drähte und Bügel wirst Du mir in den Kretscham schicken. Dort werde ich sie mir abholen, wenn ich Zeit und Lust habe. Ausgemacht, sag' ich, oder es nimmt kein gutes Ende!«

[331] Die zornigen Blicke des Maulwurffängers, die drohenden Gesichter der Knechte, die murrend umher standen, schüchterten den Voigt ein und ließen ihn den Willen des Landmannes thun. Als die Thorflügel zurückwichen, wendete sich Heinrich nochmals um und sprach:

»Gieb diesen Schlüssel Deinem Herrn und sag' ihm, der Maulwurffänger ließ ihn grüßen. Von jetzt an habe er ihn als seinen Todfeind zu betrachten!«

Dann schritt er mit Haideröschen zum Thore hin aus in die finstere windige Nebelnacht hinein.


Ende des ersten Theils.

Zweiter Theil

Drittes Buch
1. Kapitel
Erstes Kapitel.
Herta.

Am Fuße der alten Burg Boberstein breitete sich ein Garten aus, der gegen Süden die ganze Ausdehnung der kleinen Insel einnahm und die Ufer des See's berührte. Nach dem abscheulichen Geschmacke damaliger Zeit durchschnitten steife Taxuswände diesen Garten in verschiedener Richtung. Sie waren so vortrefflich unter der Scheere des Gärtners gehalten, daß kaum ein Blatt oder dünnes Zweiglein über die glatte Linie hervorragte. Jetzt standen diese Baumwände entblättert, nur an den Wurzeln der Büsche auf den Rabatten brannten gelbe Crocus gleich Flämmchen aus der braunen Erde und dunkelblaue Veilchen verkündigten durch ihr duftiges Arom. daß sich bald der hellblaue Frühlingshimmel [7] wieder über die sehnsüchtige Erde ausspannen werde.

In den sich kreuzenden Gängen dieses Gartens wandelte am »stillen« Sonnabend, der dem Ostertage vorhergeht, leichten Schrittes ein junges schlankes Mädchen. Ein schneeweißes Mußelinkleid floß gleich einer Wolke von glänzendem Lichtstoff um die liebliche Gestalt, die am linken Arm ein zierlich aus Fischbein und gespaltenem Rohr geflochtenes Körbchen trug, dessen Rand und Henkel mit aufbrechenden Feldröschen von künstlicher Arbeit eingefaßt war. Eine Menge kleiner Veilchensträußchen lag kranzförmig geordnet in der mit Rosataffet ausgeschlagenen Höhlung des Körbchens, und in deren Mitte ein Häufchen frischer Bucheckern. Am Busen trug das Mädchen ebenfalls ein Veilchensträußchen, dem noch zwei Crocus beigefügt waren.

Wer die einsam Dahinwandelnde von Ferne erblickte, konnte sie leicht für eine überirdische Erscheinung halten, so schwebend und graziös, wir möchten sagen ätherisch, waren alle ihre Bewegungen. Sie ging stets, selbst bei sehr schlechtem und stürmischem Wetter, in bloßem Kopfe, und ihr schönes und reiches aschfarbenes Haar, das [8] sie in zahllosen Locken fessellos trug, umwehte dann häufig ihr von Engelsgüte strahlendes Gesicht gleich weichen Seidenfittichen.

Dieses Mädchen war Herta, deren Name bereits mehrmals in unserer Geschichte genannt worden ist. Auch jetzt, wo sie die Erstlinge des Lenzes gesammelt und mit geschickter Hand und sinnigem Geschmack in zarte Sträußchen gebunden hatte, wühlte der Morgenwind, der scharf und kältend über die Haide fuhr, in ihrem reichen Haarwuchs und verschleierte oft den Glanz ihrer großen rehbraunen Augen. Herta kam von ihrem Morgenspatziergange zurück und ging nach dem Schlosse, dessen graue, mit Moos, Flechten und Epheu überwachsenen alten Mauern mit den vielen zackigen Zinnen und spitzen Schieferthürmen von der Sonne beleuchtet, recht ehrwürdig auf dem schroffen Granitfelsen dalagen.

Die Zimmer in diesem alten Feudalschlosse waren mehrentheils düster und fast immer nur von je zwei Fenstern erhellt, die sich in thurmartigen halbrunden Vorsprüngen befanden. Auch Herta bewohnte eins dieser schmalen, langen, dunkeln und hohen Gemächer, deren uralte Tapeten von gepreßtem Leder, mit breiten Goldleisten verziert, [9] diesen Gemächern ein ächt mittelalterliches Ansehen gaben. Selbst die Möbeln erinnerten an längst vergangene Tage. Sie waren steif und massenhaft, dabei aber von großer Dauerhaftigkeit und mit äußerster Sorgfalt gearbeitet. Alle Stuhllehnen zeigten die werthvollsten Holzschnitzereien, und die Ueberzüge von ächtem venetianischen Sammet waren prachtvoll und tadellos.

Herta war zeitig darauf bedacht gewesen, sich ihr Zimmer wohnlich einzurichten, und hatte zu diesem Behufe einen jener erwähnten halbrunden Thurmerker, den sie als Arbeitsplatz benutzte, in eine reizende Epheulaube verwandelt, die sie mit nie ermüdender Geduld pflegte und in der sie wie eine Fee in grünem Blätterdämmer saß.

Als das Mädchen von ihrem Spatziergange im Schloßgarten zurück kam, stellte sie das Körbchen auf ihren Arbeitstisch in der Epheulaube, nahm eine Buchecker und rief: »Hänschen!« Sogleich klirrte ein dünnes Messingkettchen und ihrem Stuhle gegenüber aus einer Höhle dunkler Epheublätter, die eine Oeffnung im Fenster verdeckten, guckte das kleine zierliche Köpfchen eines braunen Eichhörnchens. Lächelnd nahm Herta die Buchecker zwischen ihre frischen schwellenden [10] Lippen und näherte sich dem reinlichen Thierchen, das sogleich gewandt an dem Geäst herabkletterte und das beliebte Futter mit großer Geschicklichkeit aus dem Munde des jungen Mädchens nahm. Während sich Herta noch an den gewandten Sprüngen, dem behenden Enthülsen der Eckern und dem komischen Geknusper des muntern Thierchens ergetzte, trat eine Dienerin ein, die jung und hübsch wie ihre Herrin war und überaus saubere Kleider trug.

»Gnädiges Fräulein,« sprach das Mädchen, »es hat schon zweimal ein junger Bauer aus dem nächsten Haidedorfe nach Ihnen gefragt. Erlauben Sie, daß ich ihn einlasse?«

»Warum sollte ich das nicht erlauben?« versetzte Herta heiter und zutraulich, ununterbrochen ihrem Lieblinge neue Bucheckern aus dem Körbchen reichend und die Schalen, die er fallen ließ, behend wieder vom Boden auflesend.

»Ich dachte, es möge sich nicht schicken,« entgegnete das Mädchen, »wenn das gnädige Fräulein mit einem Bauerburschen allein sprechen will.«

»Nun das ist wohl, denk' ich, eine sehr unschuldige Sache,« erwiederte Herta lachend. »Wie oft gehe ich allein durch den dichtesten Wald in [11] die Haidedörfer, um die Hütten der Armen und Kranken zu besuchen. Da begegnen mir gar oft recht häßliche Menschen von Ansehen, aber wenn ich ihnen offen in's Auge blicke, da ziehen sie sogleich alle ihre Kappen und Mützen und gehen ihres Weges. Manche bleiben freilich auch stehen und sehen mir nach, aber es hat mir noch niemals irgend Jemand ein unschönes Wort gesagt! Nun siehst Du, Emma, da wird's wohl auch mit dem Bauerburschen nicht gefährlich sein. Bist Du aber durchaus der Meinung, es schicke sich nicht, daß ich allein höre, was er will, so bleibe Du hier, Du kannst ja mit anhören, was ich ihm sage.«

»Er will Sie aber durchaus allein spreehen.«

»Ja, meine gute Emma, da hilft kein Widerstreben. Ich muß ihn entweder anhören oder fortschicken, und da will ich doch lieber das Erstere thun, wenn auch die Schicklichkeit dieses Schlosses einen kleinen Klaps dabei abkriegen sollte. Das kann ihr gar nichts schaden, sie würde nur etwas natürlicher werden. Rufe also in Gottes Namen den Burschen! – Aber wart'! Du bist ja auch eine Blumenfreundin. Da suche Dir eins von diesen Veilchensträußchen aus, die ich[12] heut gebunden habe. Nicht wahr, sie sind ganz hühsch und wirklich so zart und duftig, als hätten sie die Elfen gepflückt?«

»Ach Sie sind gar so geschickt!« sagte Emma und nahm mit dankbarem Knicks das kleinste der Sträußchen.

»Nicht doch, mein Kind! Das waren die schlechtesten Ueberreste! Hier, das ist hübsch, das duftet wunderlieblich und, wart', das muß sich an Deiner Brust gar lieblich ausnehmen.«

Und während Herta so plauderte, nahm sie das allerschönste Sträußchen aus dem Körbchen und befestigte es mit eigenen Händen an Emma's Busen. »Sieh, wie das prächtig steht!« rief sie vergnügt aus. »Guck' geschwind 'mal in den Spiegel, damit Du Dich nicht zu verwundern brauchst, wenn Du nächstens ein ganzes Dutzend Liebeserklärungen bekommst. Und nun mach' und bringe mir den Burschen. Ich bin doch neugierig, was der für ein Anliegen an mich hat. Es ist der erste junge Bursche, der mich besucht,« setzte sie mit einem Anflug kecker Laune hinzu, »und wenn's recht ist, so muß er mir Glück bringen. Ich will mich aber auch gleich ein bischen hübsch machen. – So! –«

[13] Herta trat vor den Spiegel, warf ein paar ihrer weichen vollen Locken über ihr schelmisches Gesicht und ließ die andern einmal durch heide Hände rollen, daß sie verlängert Nacken und Schultern mit ihrem Glanz verhüllten.

Zögernd verließ Emma das Zimmer, Herta nahm Platz in ihrer Epheulaube und warf dem wieder aus seiner Blätterhöhle klug herausguckenden Eichhörnchen noch ein paar Bucheckern zu.

Mit vielen linkischen Bücklingen und Kratzfüßen trat der Bauerbursche ein, seine niedrige Pelzmütze verlegen in der Hand drehend.

Herta, gegen Jeden, auch den Geringsten, höflich und zuvorkommend, stand auf und erwiederte den befangenen Gruß des Burschen mit einer Verbeugung und der zutraulich an ihn gerichteten Frage: »Wer bist Du, mein Guter und was wünschest Du von mir? Ich höre, daß Du mir allein etwas Wichtiges mittheilen willst.«

»Ach ja, was sehr Wichtiges, gnädiges schönes Fräulein,« versetzte der Bursche, der vor Verlegenheit der vornehmen Dame gegenüber nicht wußte, was er sagen sollte.

»Bist Du etwa arm und hast kranke Aeltern oder kleinere Geschwister, die Du nicht ernähren [14] kannst?« fragte Herta weiter, um dem Schüchternen Muth zu machen.

»Ach ja recht sehr arm, gnädiges Fräulein!«

»Dann wünschest Du gewiß, daß ich Dich unterstützen soll? Armer Bursche, ich möchte Dir gern recht viel geben, aber meine kleinen Schätze sind ganz erschöpft. Erst nach dem Feste bin ich wieder im Stande –« und die Freundin der Armen schüttete den Rest kleiner Münzen aus ihrer perlengestrickten Börse in ihre hohle Hand und reichte sie dem Burschen.

»Ach nein, das kann ich nicht annehmen, gnädiges Fräulein,« sagte der Bursche erröthend, da er sah, daß das schöne Mädchen seine Worte in einem Sinne auslegte, den er ihnen nicht hatte geben wollen. »Ich wünschte wohl Ihre Unterstützung, aber das Geld da – o nein – das brauche ich nicht!«

Herta hielt das Häufchen Münze dem Burschen noch immer entgegen. »Ja, mein Guter, Du sagtest doch eben, daß Du sehr arm seist?«

»O das bin ich auch, mein schönstes, allergnädigstes Fräulein, und recht unglücklich dazu! Und wenn sie mich nur anhören wollen und nicht böse werden, wenn ich ungehörige Dinge sage, [15] so werden Sie's gleich sehen, wie gar grausam unglücklich ich bin!«

»Armer Junge!« sagte Herta mitleidig. »Nun fasse Dich nur und erzähle, was ich wissen muß dann will ich gern, steht's in meiner Macht, Dir helfen.«

»Ach sehen Sie, mein gutes, gnädiges Fräulein,« fuhr der Bursche, durch Herta's sanfte und theilnehmende Worte aufgemuntert, fort, »ich heiße Clemens, eigentlich Clemens Ehrhold, und bin von drüben her aus dem Gehege, wo mein Vater ein Bauergut hat und sich redlich plagt, um das liebe Brod zu verdienen. Und da hat mein Vater einen Stiefbruder, der ein paar Jahr älter ist und aus der Haide stammt, und der heißt Jan Sloboda, tröst' ihn Gott! Ja und seh'n Sie, gnädiges Fräulein, im Winter da halten wir doch die Spinte, wie Sie wissen werden, damit die jungen Mädchen ihren Flachs aufspinnen, den sie im vergangenen Jahre geärndtet, geröstet, gebrochen und gehechelt haben, und wir Burschen, wir besuchen die Spinnerinnen manchmal, und da machen wir einen Spaß zusammen, so gut arme Leute es können. – Und da war des Sloboda seine Tochter, das [16] Haideröschen auch da, weil sie beim Vater die Wirthschaft lernen sollte, Ew. Gnaden – denn mein Vater, o das ist ein Hauptwirth im Gefilde! – Nun sehen Sie, gnädiges Fräulein, Haideröschen ist sehr hübsch, fast so hübsch wie Sie, bitt' um Verzeihung, und auch jung ist sie und wie aus Rosen und Schnee zusammengebosselt. Und da hat sie dem gnädigen Herrn gefallen, aber er gefiel ihr nicht, und weil sie nicht auf seine schönen Worte hörte, da hat er sie entführt vom Todtensteine. Nachher aber ist sie ihm entsprungen mit Hilfe des Maulwurffängers, den Ew. Gnaden gewiß auch kennen, und lebt wieder bei ihrem Vater. Und da hätt' ich nun die grausam große Bitte an Sie, daß Sie das arme Ding zu sich nähmen, damit sie der böse Herr nicht wieder fortschleppen kann; denn sie gehört zu den hiesigen Unterthanen, Ew.Gnaden!«

Aufmerksam, zuweilen lächelnd über den etwas verworrenen und drolligen Vortrag des Burschen, hatte ihn Herta angehört, jetzt versetzte sie: »Das ist ja eine ganze Geschichte und noch dazu eine recht böse Geschichte, mein Guter. [17] Eine Entführung! Pfui! Wie heißt denn der Bösewicht?«

»Wir heißen ihn ins Gemein nur Blauhut von wegen seiner Filzkappe, aber eigentlich heißt er Graf Magnus.«

»Wie?« sagte Herta und stand auf, »mein Vetter Magnus hätte eine solche Frevelthat begangen an einem armen schuldlosen Mädchen?«

»Der liebe Gott muß den gnädigen Herrn Grafen wohl auch im Zorn zu des gnädigen Fräulein Vetter gemacht haben,« versetzte Clemens, »aber meine Muhme hat er entführt, obwohl's nicht seine Unterthanin ist!«

»Du bist ihr gewiß recht gut?« sagte Herta, den Burschen schlau ansehend.

»Ach ja, gnädiges Fräulein, ich bin ihr gut, das kann ich wohl sagen und Haideröschen hat auch nichts dawider, und wenn nichts drein kommt und es ist alles auf Pfarre und Hofe wegen der Dispensation in Richtigkeit gebracht, so wollen wir uns auf den Herbst heirathen. Aber nun fürcht' ich, wird der Herr Graf seine Einwilligung dazu nicht geben, wenn das gnädige Fräulein nicht etwa ein gutes Wort bei ihm einlegen und ihm die Sache vorstellen wollte. [18] Denn es heißt überall, daß Ew. Gnaden mit dem unbändigen Grafen machen könnten, was Sie wollten.«

»Da schreibt man mir eine Macht zu, die ich leider nicht besitze, guter Clemens,« erwiederte Herta, traurig den Kopf schüttelnd. »Mein Vetter hat einen gar unbeugsamen Willen, den nicht einmal sein eigener Vater immer leiten kann, wie er es wünscht. Indeß glaube ich wohl, daß, stelle ich ihm die Sache in einer glücklichen Stunde recht dringend vor, er Deinem Glück nichts in den Weg legen wird.«

»Ach, Sie sind so gut als schön, gnädiges Fräulein!« fiel Clemens ein, vor Freude einen Blick innigster Dankbarkeit auf das junge Mädchen werfend. »Aber ehe es dahin kommt, wird der Herr Graf Haideröschen wieder abholen und sie zum Dienst zwingen wollen und dann –«

»Nun, Du stockst? Sage grade heraus, was Du meinst!«

»Ja, sehen Ew. Gnaden, wenn er das beabsichtigen sollte, dann fürchte ich, gibt es Mord und Todtschlag. Denn was wendisches Blut in den Adern hat, das wird dann zuschlagen und wahrhaftig, gnädiges Fräulein, Sie [19] dürfen mir das nicht übel nehmen, aber ich werde gewiß nicht der Letzte sein!«

»Will's Gott, soll das verhütet werden, guter Clemens,« erwiederte Herta. »Ich zähle mich auch halb und halb mit unter die Wenden, obwohl ich meine guten Aeltern nie gekannt habe, und da verlangt es schon die Stammverwandtschaft, daß ich mich Deiner und Deiner Geliebten annehme. Ich kann es Dir zwar nicht bestimmt versprechen, guter Bursche, daß Haideröschen hier auf dem Schlosse eine Zuflucht finden wird, denn von mir hängt das nicht ab. Ich bin selbst nur Gast, wenn ich auch für das Kind des Hauses gelte. Mein Wort jedoch gilt etwas beim alten Grafen, und diesen werde ich von Deinem Anliegen in Kenntniß setzen. Komm morgen um diese Zeit wieder und hole Dir Antwort. Adieu, auf Wiedersehen!«

Herta reichte dem Burschen ihre kleine weiße Hand, die Clemens schüchtern und voll Ehrfurcht küßte. Als er sich mit vielen Kratzfüßen wieder entfernen wollte, rief ihn Herta nochmals zurück.

»Sage mir doch, Clemens,« sprach sie, »ob Du Haideröschen heut noch siehst?«

»Ei Jeses, freilich!« erwiederte der Bursche. [20] »Ich werde nicht schlecht laufen, wenn ich nur erst über das breite Wasser da unten bin. Die Wege durch die Haide kenne ich, aus Wurzeln, Dornen und Disteln mache ich mir nichts, und wenn ich durch Dick und Dünn immer grad' aus wie ein herrschaftliches Kutschpferd renne, da ermach' ich's in knappen zwei Stunden. Hussah, das liebe kleine Ding wird nicht schlecht springen, wenn sie hört, daß Ew. Gnaden so liebreich mit mir gesprochen haben!«

»Haideröschen klingt so zartsinnig,« versetzte Herta, »daß ich mir einbilde, Deine Geliebte müsse eine Freundin zarter und duftiger Blumen sein. Grüße sie denn von mir als eine Schwester und bringe ihr dies Veilchensträußchen. Ich habe die lieben Blümchen selbst gepflückt und gebunden, denn ich habe sie gar zu gern.«

»Ach, gnädiges Fräulein, so viel Güte!« sagte Clemens, vor Staunen über so ungewohnte Herablassung ganz versteinert.

»Laß das und geh' jetzt! Morgen früh vergiß nicht, Dir Antwort zu holen.«

Clemens ging, Herta aber sprang vergnügt ein paar Mal in die Höhe, schlug jubelnd die kleinen Händchen zusammen und sprach dann, [21] mit glücklichem Lächeln in den schönen Augen, den Kopf em wenig niederwärts beugend und langsam das Zimmer auf-und abgehend: »Das ist heut der zweite Mensch, den ich durch eine unbedeutende Kleinigkeit glücklich gemacht habe. Erst freute sich Emma, weil ich sie eigenhändig schmückte und ihre Reize pries, und nun jubelt dieser gute, ehrliche Bursche über ein paar werthlose Blümchen, die ich ihm absichtslos reiche. Gewiß theilt Haideröschen seine Freude und hebt die Blümchen auf wie einen theuer erkauften Schatz. – Ach wie süß und angenehm ist es, wohlzuthun, Freuden und Segen überall auszustreuen, ohne damit zu prahlen! Ich möchte wohl die Wunderkräfte besitzen, von denen uns alte Mährchen erzählen. Dann erhöbe ich mich des Nachts von meinem Lager, verwandelte mich in eine Taube, einen Schmetterling oder in was es mir gerade beliebte, und flöge auf den Strahlen des Mondes und der Sterne überall hin, wo Armuth, Kummer, Elend und Schmerz nach Rettung, Trost und Heilung seufzen. Müßte das ein seliges Leben sein!«

Herta blieb stehen und richtete ihr nur mit feinem blassrothen Duft überhauchtes Gesicht [22] empor, die großen braunen Augen ernst auf den blauen Damm der Haide heftend, den man in meilenweiter Ausdehnung aus dem Fenster übersehen konnte. Ein paar kleine Wölkchen wurden zwischen den Augenbrauen über ihrer feinen, ganz wenig gebogenen Nase, sichtbar.

»Magnus!« fuhr sie nachdenklich fort und an dem Zittern des durchsichtigen feinen Stoffes über dem Busen sah man, daß ihr Herz heftiger schlug. »Wie oft, wenn er hier war, hat er mir betheuert, daß er nur mich liebe, daß ich allein ihn glücklich machen könne und daß er elend würde, wenn ich auf meiner Weigerung bestände. Ich traute seinen Versicherungen und Schwüren nie, denn es liegt eine Wolke in seinen schwarzen Augen, die verderbliche Blitze birgt. Er ist ein schöner, ein interessanter, ein gebildeter Mann, und doch kann ich ihn nicht lieben, nicht einmal gern um mich dulden. – Es ging mir von jeher, wie es diesem wendischen Mädchen jetzt geht. Armes Kind! – Sie schützt kein mächtiger zürnender Vater, sie gehört sich nicht einmal selbst! Er kann und wird sie zermalmen, wenn er es vermag, denn Verzeihung, glaub' ich, ist dem Herzen dieses unbändigen, [23] heuchlerischen Menschen unbekannt. – Eben darum muß ich ihr die Hand reichen, muß ich sie retten, und es wird mir gelingen, wenn ich meinem gütigen Beschützer den Vorfall mit einiger Ausführlichkeit mittheile.«

Nachdem Herta in solcher Weise für Haideröschen in die Schranken zu treten fest bei sich beschlossen hatte, ging sie wieder in ihre dämmernde Epheulaube, durch welche jetzt ein paar schräge Sonnenstrahlen fielen. Hier nahm das junge Mädchen eine feine Perlenstickerei in die Hand, schlug ein sauber gebundenes Buch auf und legte es vor sich auf ein Lesepult. Die Hände fleißig rührend, warf sie häufige Blicke in das Buch, dessen Inhalt sie zwar langsam, aber mit desto mehr Nachdenken durchlas. Nicht selten nahm sie auch einen Silberstift zur Hand und unterstrich einzelne Zeilen, die ihr vorzugsweise gefielen.

Dieses Buch war der eben erschienene Don Karlos von Schiller, der sich bereits bis in dies abgelegene Schloß der Haide verirrt hatte. Herta liebte diese eine neue Religion, eine neue Weltordnung predigende Dichtung mit aller Gluth und Begeisterung eines für das ewige Recht, für Menschenwürde [24] und Freiheit schwärmenden Herzens, und je häufiger sie täglich sehen mußte, wie wenig Hoffnung vorhanden war, die Ideale zu verwirklichen, an denen der Dichter in seinen heiligen Träumen hing, desto mehr vertiefte sie sich in die berauschenden Worte, in die hinreichende Gedankenfülle der Dichtung und gelobte sich in der Unschuld ihres Herzens, das Ihrige mit beizutragen, um der Menschheit jenes allgemeine Recht, jene ächte und wahre Freiheit mit erringen zu helfen, die Marquis Posa von Don Philipp fordert. –

2. Kapitel
[25] Zweites Kapitel.
Am Theetisch.

Wenn Herta ihrem reichen Verwandten ein Anliegen von Wichtigkeit vorzutragen hatte, verschob sie dies immer bis zum Abend. Die Theestunde war die günstigste Zeit für dergleichen Eröffnungen. Dann hatte Graf Erasmus, obwohl immer mild, zuvorkommend und billigen Wünschen geneigt, seine rosenfarbigste Laune. Er hörte dann häufig blos mit seinem menschenfreundlichen Herzen und schob die kalte verständige Ueberlegung sanft bei Seite. Um diese Zeit hatte er dem jungen Mädchen, das er zärtlich liebte, noch nie etwas abgeschlagen, und deshalb sparte sie die Mittheilung ihrer Neuigkeit bis zu dieser glückverheißenden Stunde auf. Ein herrschsüchtiges, intriguantes und politisch kluges [26] Mädchen würde an Herta's Stelle diese Macht schlau benutzt haben, um den alternden Grafen sich unterthänig zu machen. Herta dachte nicht daran. Sie war zu ehrlich, um von den guten Schwächen Anderer Vortheil zu ziehen, und außerdem auch zu sehr von Dankbarkeit gegen das gräfliche Haus durchdrungen, als daß sie irgend etwas gegen dasselbe hätte unternehmen mögen, das sie vor ihrem Gewissen nicht unbedingt gut heißen konnte. Sie wußte, daß sie zur Familie des Grafen gehöre, allein ihre Armuth und der edle Schutz, den ihr Erasmus anfangs in einer Pension, später in seinem eigenen Schlosse gewährt hatte, machten sie bescheiden. Sie war eine Waise gewesen von Jugend auf, hatte weder Vater noch Mutter gekannt und wußte nur, daß die Letztere eine Schwester von Erasmus gewesen sei. Mehr hatte sie von ihren Aeltern nicht erfahren, und den Grafen, ihren gütigen Oheim, wagte sie nicht zu fragen, weil er ihr mit mildem Ernst bestimmt erklärt hatte, daß ihr mehr zu wissen jetzt nicht fromme, daß sie aber vollkommenere Kunde über ihre verstorbenen Aeltern erhalten solle, sobald sie verheirathet sein werde. In einsamen Stunden, wenn sie dieser [27] Rede gedachte, ertappte sich die liebe Unschuld wohl zuweilen auf dem Wunsche, daß diese Zeit nicht mehr fern sein möge, und dann erröthete ihr feines Gesicht und das Herz klopfte ihr vor Neugier und verschämter Sehnsucht. Manchmal aber konnte sie auch recht schwere Seufzer nicht unterdrücken, denn es bangte ihr, daß sie von denen, die sie in anbetender Liebe still verehrte, gewiß recht viel Trauriges, wo nicht gar Entsetzliches erfahren werde.

Graf Erasmus litt am Podagra. Zu seiner Bequemlichkeit ward daher der Thee in seinem Zimmer servirt. Dies war ein hohes, dunkles, alterthümliches Gemach, feudalistisch grau, wie das ganze Schloß, und mit gemalten Tapeten ausgeschlagen, die idyllische Schäferscenen darstellten. Es hatte, wie Herta's Wohnzimmer, nur zwei mehr hohe als breite Bogenfenster. Möbeln von hohem Alter und neuerer Erfindung standen in bunter Mischung umher. Neben dem großen Kamin, dessen Flamme nicht, wie heut zu Tage, mit Steinkohlen, sondern mit Holzkloben genährt wurde, erhob sich noch ein hoher und breiter Ofen von sehr veralteter Fassung. Sein Inneres konnte bequem eine Viertelklafter [28] Holz fassen. Er bestand aus dunkelgrünen Kacheln in Wolkenform, aus denen geflügelte Engelsköpfchen sahen. Um stets eine gleichmäßige Temperatur im Zimmer zu erhalten, ließ Graf Erasmus Kamin und Ofen zugleich heizen, schob dann zwischen heide seinen bequemen Lehnstuhl, legte die schmerzenden Füße auf weiche Polster und brachte so, namentlich die Abendstunden, in ruhiger Behaglichkeit unter Gesprächen mit den Seinigen zu.

Erasmus war ein Mann von einigen sechzig Jahren, mit edlen, vornehmen Zügen. Die Zeit, der er angehörte, und die Gewohnheiten, mit denen er von Jugend auf vertraut geworden, hatten ihn zu einem entschiedenen Aristokraten im bessern Sinne des Wortes erzogen. Er hielt den Adel für eine Menschenrace, die himmelweit verschieden sei von dem gemeinen Volk. Daß beide, Kinder des Adels wie des Volkes, gleiche Anlagen, gleiche geistige Befähigung und deshalb gleiche Rechte hätten, das bestritt er aufs Heftigste, und wer ihn sich gewinnen wollte, durfte diesen Punct nicht berühren. Es ging sogar die Sage, daß er in seiner Jugend mehr als einmal in Folge dieser Ansicht unbillige [29] Handlungen verübt habe. Dabei aber ließ er dem Volke, worunter er immer Unterthanen verstand, insofern Gerechtigkeit wiederfahren, als er zugab, daß es zu sehr vielen Dingen nützlich sei, daß man es pflegen, schonen und mit Liebe behandeln müsse, weil sonst kein Staat bestehen könne und alle Herrschaft aufhöre. Nach diesen Grundsätzen behandelte Erasmus seine eigenen Unterthanen, die ihn deshalb liebten und ehrten.

Die Bildung des Grafen war eine durchaus französische. Er hatte mehrere Jahre in Paris gelebt und dort die Gesinnungen der vornehmen Welt sich zu eigen gemacht, wie sie unter der lockern, entsittlichenden Regierung Ludwigs XV. sich ausbildeten.

Dies könnte unserm Schützling in den Augen der Leser nicht eben sehr zur Empfehlung dienen, hätten wir nicht hinzuzufügen, daß Graf Erasmus nur die geschmeidige Feinheit im Umgangstone, das sarkastisch-witzige Element bei geistiger Unterhaltung, die frivole, aber aufrüttelnde französische Philosophie damaliger Zeit, mit einem Worte das feine Arom der französischen Bildung mit all seinen Mängeln sich zugeeignet, [30] das Frech-Unsittliche aber, das gleißnerisch anlockend mit diesem geistigen Rausche sich verschwisterte, als strenger Deutscher von jeher verachtet hatte. So kam er als vollendeter Weltmann aus Paris zurück, der eleganten Formen mächtig, aber im Innern voll fester und ehrenwerther Grundsätze. Der Anblick der kokettirenden Lasterhaftigkeit, womit der französische Adel prunkte, hatte ihn zurückgeschreckt und zu der Ueberzeugung hingetrieben, daß bei solchem Leben in kurzer Frist das ganze Reich bedroht und in seinen Grundfesten erschüttert werden müsse.

Weil Erasmus im Spiegel des Schlechten das Gute erkannt hatte, gab er sich Mühe, auf seiner Herrschaft danach zu streben. Er verbesserte, so weit es sich mit seinen Ansichten vertrug, die Lage seiner Unterthanen. Er sah darauf, daß seine Vögte Menschen von gutem Herzen waren, die seine Leibeigenen nicht unnöthig quälten. Hatte Jemand ein Anliegen, so hörte ihn der Graf ruhig an und half, wo er konnte oder Hilfe nöthig erachtete. Er verringerte sogar aus eigenem Antriebe die Zahl der Hofetage, um durch größere Freigebung der Bauern [31] eine Verbesserung seines Besitzthumes zu erzielen. Und Erasmus hatte nicht falsch gerechnet. Die Unterthanen hingen ihm an, thaten ihm manche Handleistung freiwillig, wurden wohlhabender, hielten bessere Aerndten und konnten ihm in Folge derselben auch die Abgaben pünktlicher zahlen.

Ganz auders dachte seine Gemahlin Utta, aus einem stolzen hannöverschen Adelsgeschlecht. Sie war, was Eleganz, Form, äußern Bildungsfirniß anlangt, vollkommen das Ebenbild von Erasmus, aber sie verachtete, ja haßte sogar den gemeinen Mann. War sie genöthigt, mit irgend Jemand aus dem Volke zu sprechen, so wehte sie sich immer mit ihrem Fächer Luft zu, damit der unedle Athem des armen Proletariers ihre hochgräfliche exclusive Nase nicht mit seinem ungebildeten Duft entweihe. Sogar in Gegenwart ihrer Dienstboten hatte sie diese noble Passion beibehalten, obwohl sie jeden Diener ein wahres Purgatorium durchmachen ließ, ehe sie ihn würdig fand, ihr zu nahen. Gräfin Utta würde es jedenfalls vermieden haben, sich mit Leuten aus dem Volke zu umgeben, hätte es sich nur schicken wollen, Adelige zu so erniedrigenden [32] Diensten zu gebrauchen. Daher bedauerte sie auch häufig die unvollkommene Einrichtung der Welt, die nicht eine eigene Dienerkaste hatte erfinden und begründen können, welche zwischen dem rohen Haufen und dem adlig Gebornen mitten inne stehe, diesem allein aber seine unbefleckte Hand zu dienender Huldigung darreiche.

Diese Frau, eine kühle, hohe Schönheit, deren Spuren selbst das Alter der Matrone noch nicht gänzlich verwischen konnte, war Magnus Mutter. Unter ihrer Aufsicht wurde der stolze, trotzige, begabte Knabe erzogen. Ihm lehrte sie täglich den Katechismus der unverfälschten Aristokratie, fragte ihm denselben ab und überschüttete ihn mit Liebkosungen, wenn er gut bestand. Erasmus billigte eine solche Kindererziehung zwar nicht, er hatte aber auch nicht hinreichende Zeit und noch weniger Geduld, ihr entschieden entgegen zu treten. So begnügte er sich mit spöttischem Lächeln und gelegentlichen Bemerkungen, die jedoch Gräfin Utta unbeachtet an sich vorüberrauschen ließ. Konnte man da verlangen, daß Magnus mit seinem angebornen Sinn zum Herrschen, mit seiner heftigen Sinnlichkeit, mit dem sorgsam gepflegten Hange, den unbeschränkten Tyrannen zu spielen, [33] ein Anderer werden sollte, als wie wir ihn bereits kennen gelernt haben? Immer fand er eine bereitwillige Fürsprecherin in seiner Mutter, wenn er als Knabe die Herrscherwillkür zu weit getrieben hatte und deshalb Klagen bei seinem Vater einliefen. Ein Verweis, bald mehr bald minder streng, war die einzige Art der Bestrafung, die Magnus kennen lernte. Diesen nahm er mit der von seinem Vater streng geforderten Ergebung hin, um sich unmittelbar darauf von der zärtlichen Mutter seiner Selbstbeherrschung und anmuthigen Sitte wegen loben und in seinen Thorheiten bestärken zu hören.

Nach Entwerfung dieser Silhouetten bitten wir den Leser, uns in das Zimmer des Grafen Erasmus zu begleiten. Der Graf saß in seinem auf Rollen ruhenden Lehnstuhle zwischen Kamin und Ofen. Ein mit Zobelpelz verbrämter Schlafrock von feinstem Stoff umhüllte ihn. Den edel geformten, wohl frisirten Kopf hatte er auf die rechte Hand gestützt. So hörte er mit feinem Lächeln einem Gespräche seiner Gattin zu, das diese in dem Augenblick abbrach, wo Herta mit dem Bedienten eintrat, der ein Theeservice von kostbarem[34] meißener Porzellan in chinesischem Geschmack trug.

Das junge Mädchen grüßte Oheim und Tante mit schalkhafter Vertraulichkeit und machte sich sodann, auf der Seite des Kamins Platz nehmend, mit Einschenken des Thee's zu schaffen, dessen Bereitung die Gräfin ihr stets überließ. Seltsamerweise liebte die schroffe Aristokratin ihre Nichte über alle Maßen, obwohl sie mit ziemlicher Bestimmtheit wußte, daß Herta ganz andern Ideen nachhing als sie. Die unverkennbare Herzensgüte des jungen Mädchens, verbunden mit dankbarer Hingabe an ihr Haus, und die natürliche schwebende Grazie, die das junge Geschöpf mit weit mehr Reiz umgab als die kunst- und erziehungsgerechteste Tournüre je um sich verbreitet, gewann der schönen Nichte ihr Herz und ließ sie kleine Flecken, die sonst in ihrem Auge entstellenden Fehlern, ja verachtungswürdigen Verbrechen geglichen haben würden, übersehen.

»Nun, meine Liebe,« sprach Erasmus, als ihm Herta die erste Tasse Thee mit freundlichem Lächeln reichte, »worüber hast Du heut so lange nachgedacht, daß der reine Himmel Deiner Stirn mit leichten Wolken umschleiert ist?«

[35] Herta schlug hastig die tiefen großen Augen auf und ein sanftes Roth überrieselte ihre Wangen.

»Bin ich so ernst?« fragte sie schüchtern.

»Nachdenkend, mit Wünschen und Ideen Dich tragend, wie ich es gern habe, doch wär' es mir noch lieber, wenn ich Dich immer frei und froh erblickte. Deine Jugend will ich nicht von dem kleinsten Schatten getrübt wissen.«

»Da mußt Du die Sonne auslöschen,« versetzte Herta schalkhaft, »denn das liebe warme Himmelslicht hat mir schon manchen Schatten in mein Zimmer geschickt und mich gar arg verfinstert.«

Erasmus schlürfte bedächtig den Thee und ließ dabei mehrmals sein Auge auf dem Mädchen ruhen, das darüber beunruhigt niederblickte. »Deine scherzhafte Antwort kann mich doch nicht täuschen,« sagte er nach einigem Zögern. »Du bist nicht meine klare, seelenstille Herta, Du bist aufgeregt.«

»Ach ja, das bin ich auch, Onkel, aber von weiter nichts, als der Lectüre.«

»Was lasest Du?« fragte schneidend scharf die Gräfin.

»Ein deutsches Buch,« erwiederte kaum halblaut das junge Mädchen.

[36] »Herta,« versetzte die Gräfin ruhig, aber in befehlendem Tone, »ich habe Dich schon so häufig ermahnt, diese rohe, unzarte und alle ächte Bildung zerstörende Lectüre aufzugeben, aber es scheint nicht, daß meine mütterlichen Warnungen etwas bei Dir fruchten. Wie hab' ich solchen Undank verdient? Fehlt es Dir etwa an bildender Unterhaltung? Die gesammte Bibliothek steht Dir zu Gebote, Du brauchst mir Deine Wünsche nur zu nennen. Altes und Neues ist reichlich vorhanden, alle Schriften der geistreichsten französischen Autoren, denen gebildete Geister allein Geschmack abgewinnen können und dürfen, öffnen sich Dir. Warum also diese Abweichung vom Wege der Pflicht und guten Sitte? Warum diese abscheuliche Vorliebe für unsere neuesten plumpen deutschen Schriftsteller, denen ich kaum diesen Namen zugestehen möchte? Es ist nicht einer darunter, der wahrhafte Lebensart besitzt. Sie lieben alle den Verkehr mit dem Pöbel und incanaillisiren sich durch so entwürdigenden Umgang. Ja habe ich doch sogar von einer Freundin hören müssen, daß mehrere dieser Menschen, von denen der ungebildete Haufe jetzt so großes Geschrei macht, sich zuweilen betrinken! Fi donc! Sich [37] betrinken, wie unsere wendischen Holzbauern! – Das allein verdirbt mir allen Geschmack, macht, daß ich jedem Buche so roher Menschen den Zutritt in mein reines Zimmer verwehre, und enthielte es selbst entzückende Dinge. Nur der Mann der Gesellschaft, der feinen Lebensart kann Werke schreiben, die uns fesseln und gefallen! – Was lasest Du?«

Herta warf einen fragenden Blick auf den Grafen, der mit stillem Lächeln dieser Strafrede seiner Gattin zugehört hatte. Erasmus verstand seinen Liebling und sagte mit leichtem Augenblinken, das Herta Unterstützung verhieß: »Ja, Liebe, das möchte ich auch wissen.«

Das Mädchen senkte wieder die Blicke, und während sie Wasser in die Theekanne goß, was eigentlich ein Eingriff in die Rechte der Gräfin war, erwiederte sie: »Es war das neue Trauerspiel von Schiller, von dem die Zeitungen so viel sprachen. Don Karlos, Infant von Spanien hat es der Dichter genannt.«

»Von Schiller?« fiel die Gräfin ein. »Ist das nicht der aufrührerische Taugenichts, der heimlich seinem gnädigen Herrn entlaufen ist und das abscheuliche, schwülstige, der lästerlichsten Gedanken [38] volle Buch ›Die Räuber‹ geschrieben hat? Ein sauberer Mensch, dieser Schiller! Die Polizei sollte auf ihn fahnden und ihn in lebenslänglichen Arrest bringen, um alle Unschuldigen vor seiner Verführung zu schützen. Hat er es ja doch schon so weit gebracht mit seinen hochverrätherischen und aufrührerischen Schriften, daß die Schuljugend zusammengelaufen ist und seine höllischen Phantasien auf's wirkliche Leben hat anwenden wollen. Grade dieser Mensch ist mir unter allen deutschen Autoren der verächtlichste, der boshafteste, und der Haß aller Gutgesinnten wird ihn verfolgen. Und dieser Mensch wagt es, seine unsaubern plebejischen Hände zu einem Infanten von Spanien, zu einem Königssohn zu erheben!«

Es war dies ein Thema, bei welchem die Gräfin immer sehr beredt wurde und nicht selten in etwas unaristokratischen Zorn gerieth. Wenn Erasmus einen Ausbruch dieser Art bemerkte, fing er an zu husten, was ein sicheres Zeichen seiner Unzufriedenheit war. Dann mäßigte sich seine Gemahlin, weil sie es für entschieden roh hielt, auch nur die Ahnung an einen Streit mit ihrem Gatten in Andern aufkommen zu lassen. Auch jetzt hustete Erasmus, da er sah, daß Herta von den Worten [39] ihrer Pflegemutter in tiefstem Herzen verwundet wurde. Utta brach ihre Rede sogleich ab und reichte dem Grafen einen Teller fein geschnittener Brödchen, als wolle sie ihm den Mund damit stopfen.

Erasmus dankte verbindlich, drehte spielend seine goldene Tabatière zwischen dem Daumen und Zeigefinger der linken Hand und sprach zu Herta:

»Theile ich auch nicht vollkommen die Entrüstung meiner Frau über Deine Lectüre, mein gutes Kind, so gestehe ich doch, daß ich ebenfalls keinen Gefallen an Deiner sonderbaren Wahl finde. Ich gebe zu, daß die neueren deutschen Poeten gebildeter, feiner und geistreicher sind, als ihre Vorgänger, allein Geschmack, jener unbeschreibliche Duft, der uns aus jedem französischen Geistesproduct entgegenweht, dieser fehlt ihnen noch gänzlich. Sie wollen durch Kraft und Ungeheuerlichkeit die mangelnde Eleganz der Form ersetzen, welche einzig und allein nur dem Witz und freien Spiel des Geistes erreichbar ist. Sie besitzen mit einem Worte keinen Esprit. Auch werden sie es nie dazu bringen, weil unsere Sprache zu schwerfällig ist und sich nie die leichte Geschmeidigkeit [40] der französischen Sprache aneignen kann. Doch billige ich es, daß man auf diese Bewegungen in der deutschen Literatur achtet und Theil daran nimmt, soweit es sich mit guter Gesellschaft verträgt. Nur sei man vorsichtig dabei! Man wisse zu sondern und lasse sich nicht von Leidenschaft und Vorurtheil leiten! Wir haben bereits recht geschmackvolle und feinsinnige deutsche Schriftsteller, mit deren Werken ich mich selbst einigermaßen beschäftigt habe. Wieland, Herder, Goethe haben recht liebe Sachen geschrieben. Einige ihrer Schriften würde ich Dir, wenn Du deutsche Bücher so sehr liebst, empfehlen. Allein gegen diesen Schiller habe ich meine Bedenken! Er ist ein entschiedener Revolutionär, gefahrvoll für die Jugend, gefahrvoll für das ungebildete Volk! Er redet Ideen das Wort, die, griffen sie Platz im Leben, unsere ganze Existenz bedrohten. Namentlich richtet er seine, ich gebe es zu, furchtbaren Schwerthiebe gegen die höchsten Stände und schon deshalb müssen wir ihn ignoriren. Ignoriren ist eine höchst empfindliche Strafe, die mehr wirkt, als Lärm! – Dies meine Meinung, liebes Herzchen, und nun sage mir, weshalb Du von der Lectüre so nachdenkend gestimmt worden bist?«

[41] »Erlasse mir dies, guter Onkel,« versetzte Herta. »Ich müßte die herrlichen Worte, die königlichen Gedanken, welche alle Menschen, ja die ganze Welt mit gleicher Liebe umfassen, auswendig wissen, wenn ich Dir ein nur schwaches Bild von dem Gemälde entwerfen wollte, das jeden Guten entzücken muß. Nein, Oheim, lies es selbst das Buch! Lies es ohne Vorurtheil, in völlig reiner Geistesstimmung, und dann sage mir unumwunden, was Du davon hältst. Verurtheilst Du meinen Schützling, so verspreche ich Dir, meine Hand von ihm abzuziehen.«

»Brav, mein Mädchen!« sagte Erasmus, zog die schlanke Gestalt an sich und küßte sie auf die im Feuer der Begeisterung leuchtende Wange. »Du hast Recht, man muß prüfen, ehe man urtheilt oder gar verdammt.«

»Aber sage mir doch, kleiner Schalk,« warf die Gräfin ein, gewaltsam ihren Verdruß über die Milde und Nachgibigkeit ihres Gemahls niederkämpfend, »wie bist Du denn zu diesen aufregenden Büchern gekommen?«

Herta preßte feurig die Hand der Tante an ihre schwellenden Lippen. »Nicht zürnen, beste Tante!« sagte sie, so hold bittend, mit so engelsanftem [42] Blick der großen schönen Augen, daß Weigerung nicht möglich war. Die Gräfin gewährte die Bitte durch gnädiges Kopfnicken.

»Also,« fuhr Herta munter und treuherzig fort, »so hört mich denn! Einige Meilen von hier gegen die Berge hin wohnt ein wunderlicher, aber herzensguter Mann, der sich durch Unterricht der Dorfkinder kümmerlich genug sein Brod erwirbt. Er ist Schulmeister und heißt Gregor. Wenigstens kennt ihn Groß und Klein unter diesem Namen. Ich halte den guten Mann nicht eben für sehr gelehrt, dazu ist er zu steif und unbeweglich, auch mag er wohl nicht viel Zeit zum Studiren übrig behalten, aber für Besorgung des geringsten Auftrages, den man ihm gibt, läßt sich Keiner bereitwilliger finden.«

»Bauernschulmeister!« bemerkte hier die Gräfin und wehte sich mit dem aufgeschlagenen Fächer Luft zu.

»Dorfschulmeister,« verbesserte Herta etwas boshaft.

»Nun siehst Du, dieser ganz prächtige Mann ist ein leidenschaftlicher Bienenvater und als solcher sehr geübt und gesucht. Schon im vorigen Jahre sah ich ihn mehrmals in der Gegend beschäftigt, [43] ausgeflogene Schwärme einfangen und die Bauern in der Kunst der Bienenzucht unterrichten. Bei seiner Wortkargheit macht er sich dabei recht drollig. Nun Ihr wißt ja, meine besten Herzensältern, daß ich ein klein wenig neugierig bin und mein Näschen überall hinstecke. So fragte ich also den Schulmeister Gregor eines Tages, wo ich ihn wieder mit seiner Arbeit, die Drahtmaske vor dem Gesicht, beschäftigt sah, was Alles dazu gehöre, ein tüchtiger Bienenvater zu werden? Darüber erschrak der gute Mann so furchtbar, daß er den Räucherkrug fallen ließ und beinahe den Bienenkorb noch obendrein umgestoßen hätte. Er stotterte, verbeugte sich unbeschreiblich komisch und sagte nach mehrmaligem fruchtlosen Ansatz zum Sprechen weiter nichts als« – »ganz natürlich!«

Erasmus lachte recht herzlich über den erschrockenen Schulmeister und auch die Gräfin erlaubte sich eine lächelnde Miene zu ziehen und die Erzählung ihrer neugierigen Nichte spaßhaft zu finden.

»Nach und nach ward mein Mann etwas dreister,« fuhr Herta fort, »und durch langes und vieles Fragen bekam ich doch einen Begriff von [44] der Bienenzucht. Es ist aber keine Beschäftigung für Mädchen und Frauen, darum will ich den Bienen ihre Geheimnisse lassen und mich mit den Früchten ihres Sammelfleißes begnügen. Schon wollte ich dem guten Schulmeister für seine Belehrung danken, als er mich beim Saum des Aermels ergriff –«

»Fi donc!« rief die Gräfin entrüstet und schob ihren Stuhl um einen halben Schritt vom Theetisch zurück. »Ein Dorfschulmeister hat den Aermel Deines Kleides angefaßt!« Der Fächer gerieth dabei wieder in sehr lebhafte Bewegung.

»Beruhige Dich, meine Liebe,« sagte der Graf sarkastisch, »er hat ihn angefaßt und das mag uns trösten.«

»Ja,« fuhr Herta fort, »er faßte mich am Aermel und sagte in langen Pausen: Engel, hehrer, süßer Engel – ganz Natur! – Wollen Sie vielleicht ein Buch über Bienenzucht lesen, so kann ich Ihnen ein vortreffliches leihen, natürlich! Dieses Anerbieten rührte mich, ich dankte ihm aufrichtig und fragte dabei, weil es mir gerade einfiel: ob er mir vielleicht irgend ein anderes Buch besorgen könnte? – Ganz Natur, gab er zur Antwort, mit einer Würde, als habe er über ein[45] mächtiges Königreich zu gebieten. Sie dürfen nur wünschen, Engel in Menschengestalt, und es soll geschehen, wenn es meine Kräfte nicht überschreitet, natürlich, Natur! – Da nannte ich ihm denn einige Werke, nach denen ich lüstern war, und mein braver Gregor hat mir pünktlich Wort gehalten. So kamen, wie Frühlingsvögel, die den warmen Sommer verkünden, zugleich mit den Lerchen ein paar Bände von Schiller, Novalis und Bürger; so flog auch Don Karlos in mein stilles grünes Blätterboskett, und ich sage Euch, daß sie mich alle recht glücklich gemacht haben, weit glücklicher, als Eure vielgepriesenen steifen und unwahren Franzosen. Und nun rufe ich mit meinem lieben Schulmeister: natürlich, Natur!«

Herta unterließ nicht, nach diesem Geständniß sowohl Oheim wie Tante ehrfurchtsvoll die Hand zu küssen, gleichsam als bitte sie ihrer Kühnheit wegen um Verzeihung. Die Gräfin war auch sichtbar aufgebracht, weil sie aber dem Mädchen ihr Wort gegeben hatte, nicht zürnen zu wollen, so hüllte sie sich in den undurchdringlichen Panzer ihrer aristokratischen Abgeschlossenheit, spreitete den Fächer aus und wehte sich immer von Herta's Seite her frische Luft zu. Die harmlose Erzählung [46] mußte ihr erstaunlich auf die Brust gefallen sein.

Erasmus klopfte Herta auf die vor Schaam und Furcht glühenden Backen. »Sei ohne Furcht,« sagte er, »kein Unwetter soll Deinen blauen Unschuldshimmel trüben. Du bist zwar eine kleine gefährliche Schmugglerin, die eigentlich Strafe verdiente, für diesmal jedoch soll diese nur in vorläufiger Confiscation Deiner Contrebande bestehen. Du wirst mir die Lieferungen Deines prächtigen Schulmeisters ausliefern und zwar sogleich! Nach einigen Tagen werde ich Dir Dein Eigenthum zurückgeben und mich darüber erklären, ob der Schulmeister auch künftig noch mit Dir soll verkehren dürfen oder ob ich ihm verbieten muß, in die Nähe des Schlosses zu kommen. Jetzt geh' und hole die Bücher!«

Still gehorchend entfernte sich das junge Mädchen. Diesen Augenblick benutzte die Gräfin um ihrem Gatten einige Vorwürfe über sein Verfahren zu machen. Sie schlug den Fächer zusammen, legte ihn vor sich hin und sagte mit vornehmem Aufwerfen der Lippen:

»Du verwöhnst das Kind, mein Freund! Durch solches Gestatten stählen wir ihren an sich [47] schon festen Willen und impfen ihr eine Selbstständigkeit ein, die auf falsche Bahnen gerathend ihr äußerst gefährlich werden kann. Es wäre diplomatischer gewesen, Du hättest dem überspannten Kinde ihre schlechte Lectüre ohne Angabe des Grundes verboten. Das Dictatorische macht auf Jugend und Volk den nachhaltigsten Eindruck.«

»Herta ist ein kluges Mädchen,« versetzte Erasmus, »und ich will nicht, daß man der Entwickelung ihrer reichen, gesunden Naturanlagen hemmend entgegentritt. Sie soll selbst unterscheiden lernen, damit sie in späteren Jahren nach eigenem Urtheil wählen kann.«

»Zu stark treibende Pflanzen muß man der Sonne entziehen, damit sie sich nicht überwachsen.«

»Du erinnerst mich doch immer an Deinen frühern Verkehr mit dem Onkel. Immer und immer schimmert aus Deinen sammetweichen Worten, die noch sanfter klingen, wenn sie über Deine Lippen gleiten, ein feiner Strahl jesuitischen Lampenlichtes heraus, das heimlich in die Herzen der Menschen hineinleuchtet.«

»Warum gedenkst Du dieses als eines Unheils?« versetzte die Gräfin. »Wir verstehen [48] schlecht unsern Vortheil, wenn wir uns blödsinnig der Privilegien begeben, die uns Geburt und Rang verliehen haben. Den Jesuitismus betrachte ich nicht als einen religiösen Orden, mir ist er nur ein System, dessen Anwendung auf das Leben von unberechenbarer Wirkung ist. Das sollte der Adel wohl bedenken und sich, gleichviel welcher Confession er angehört, mit den Jesuiten in stillster Stille verbrüdern. Oder siehst Du nicht ein, mein Freund, daß die Erschütterungen in Frankreich eine völlige Auflösung allen Standesunterschiedes prophezeihen? Daß der wahnsinnig gewordene Pöbel seine blutigen Kothhände gegen uns erhebt, um uns in die Kloaken seiner Gemeinheit hinabzureißen?«

Als Erasmus auf diese Bemerkungen seiner umsichtigen Gattin antworten wollte, kam Herta mit den Büchern zurück und legte sie freundlich vor den Grafen hin.

»Hier bringe ich Dir meine Herzensfreunde,« sagte sie, einen langen und tiefen Blick aus ihrem frommen Auge dem Oheim sendend. »Ich werde sie recht vermissen, denn sie waren mir früh und Abends liebe Gefährten, die meine Seele mit ihren entzückenden Weisheitssprüchen labten und [49] mich erkennen ließen, wie herrlich das Leben auf dieser schönen Erde sein müsse, wenn ihre Lehren auf fruchttragendes Land fielen! O mir stürzen die heißen Schmerzensthränen in die Augen, blicke ich hinaus in's dampfende Land der Haide und sehe überall nur gebückte Knechte, statt aufrechtgehender Menschen, wie Gott will, daß wir alle sein sollen!«

»Es scheint, Du hast bei Deinem Schulmeister Unterricht genommen im Predigen,« bemerkte die Gräfin mit vorwurfsvollem Tone.

»Beste, gnädige Tante, schmähe meinen alten Freund nicht, er hat es wirklich nicht um mich verdient!« sagte Herta und küßte der Grafin die Hand. »Wenn Du so verächtlich von den armen Leuten sprichst, sinkt mir aller Muth, dem Oheim eine Bitte vorzutragen, die mir recht am Herzen liegt.«

»Mir, meine kleine Revolutionärin?« fragte der Graf, der inzwischen das Personenverzeichniß des Don Karlos gelesen hatte. Er zeigte das Buch jetzt seiner Frau über den Tisch und sagte: »Gegen diese Gesellschaft lassen sich keine gegründeten Einwendungen machen.«

[50] »Darf ich reden?« fragte Herta mit leuchtenden Blicken.

»Ich habe Dir nie eine Frage an mich verwehrt. Sprich offen und wahr!«

»Wie immer, mein gütiger Oheim. – Nicht wahr, einer Deiner armen Haidebauern, oder ist er ein Gärtner, heißt Sloboda?«

»Das weiß ich wirklich nicht, liebes Kind, doch glaube ich, daß mehrere dieses Namens unter meine Unterthanen zählen.«

»Der Mann, den ich meine, ist schon bei Jahren und hat eine hübsche junge Tochter, die Röschen heißt.«

»Ja, ja,« sagte Erasmus nachdenkend, »das wird der große Jan sein, dessen Sohn im Gemeindehause als irr untergebracht worden ist.«

»Ganz recht,« fiel Herta lebhaft ein, »ein Baum erschlug ihm seine Frau beim Holzfällen. Den schrecklichen Tod hat er sich zu Gemüthe gezogen und nun ist er geisteskrank, der Arme!«

»Sein Vater bittet mich gewiß um eine Unterstützung?«

»Nein, mein gütiger Oheim. Ich habe weder Vater noch Tochter gesehen und weiß überhaupt Alles, was ich Dir jetzt gesagt habe, blos [51] von einer dritten Mittelsperson, einem jungen schlanken Bauerburschen, der mich heut Morgen um Fürsprache bat.«

»Aber Herta! Du, ein Sproß des hochgräflichen Hauses von Boberstein, läßt Dich in Unterredungen mit schmutzigen Bauerburschen ein!« rief die Gräfin und schob das Buch mit einer Bewegung des Abscheus zurück, um wieder nach ihrem schirmenden Fächer zu greifen.

»Ach, beste Tante, der gute Mensch war nicht schmutzig, aber arm, recht sehr arm mochte er wohl sein,« versetzte Herta, betrübt die Augen niederschlagend. »Und was ist es denn Böses, wenn ich einen Unglücklichen anhöre? An wen anders soll sich denn der Bedrängte wenden, als an den Mächtigern? Die Starken sollen die Schwachen beschützen, sollen die Bösen im Zaume halten und sie zum Guten zwingen. Und wenn ich auch weder stark noch mächtig bin, so hat das arme Volk doch Zutrauen zu mir, weil ich es liebe und ihm helfe, wo ich es vermag. Und deshalb wenden sich die Bekümmerten an mich in der Hoffnung, daß ein bittendes Wort bei meinem braven, mächtigen Oheim Linderung ihrer Leiden bewirken könne.«

[52] »Du spannst meine Neugier, Mädchen, fast befürchte ich eine gewaltthätige, ungesetzliche Handlung,« sagte der Graf.

»So dürfen wir das Geschehene wohl nennen,« ergriff Herta abermals das Wort und fuhr, immer leidenschaftlicher und zürnender ihre zarte Stimme erhebend, fort. »Der erwähnte Bursche Clemens liebt Sloboda's junge Tochter und will sie als Gattin heimführen, wenn Du Deine Einwilligung dazu gibst. Der arme Wende wohnt in einem entlegenen Dorfe, das zum Zeiselhofe gehört. Auf seines Vaters Gehöft war Röschen zu Besuche. Da wird die Dienstschau ausgeschrieben und der Gutsherr verlangt, daß das zarte Mädchen mit andern ihres Alters auf den Hof kommen soll –«

»Er wußte gewiß nicht, daß sie fremd war.«

»Dies wurde ihm gesagt und dennoch beharrte er auf seinem Befehle.«

»Nun?«

»Die Wendin und ihre Verwandten weigerten sich, dem Befehle zu gehorchen –«

»Und? – Sprich, sprich, was geschah?«

»Der erzürnte Herr raubte das arme Kind mit Gewalt und schleppte es mit sich.«

[53] »Der Bube! Wie heißt er? Kennst Du ihn? Kann ich ihn erreichen?«

»Ich sagte schon, mein guter Oheim, daß der Herr vom Zeiselhofe sich eine solche Gewaltthat erlaubt hat!«

»Das ist eine von den ekelhaften Erfindungen des Pöbels,« fiel die Gräfin ein, »wodurch er sich an dem Adel rächen will, weil er nichts besitzt.«

»Wie ist das!« sagte Erasmus mit zitternder Lippe und mit beiden Händen die gepolsterten Arme des Lehnstuhles umklammernd. »Herr des Zeiselhofes ist ja mein Sohn Magnus!«

»Der arme Clemens nannte bebend diesen Namen.«

»Weiter, weiter!« rief der Graf mit zornfunkelndem Auge.

»Durch einen Zufall, den ich nicht näher kenne, entkam das Mädchen und flüchtete sich zu ihrem Vater. Dieser fürchtet aber, daß ihm sein Kind abermals entrissen werden könne und wünscht es deshalb unter Deinen oder – fügte sie lächelnd hinzu – wie der gute Bursche sagte unter meinen Schutz zu stellen.«

»Hast Du ihm Hoffnung gemacht?«

[54] »Der arme Mensch dauerte mich, bester Oheim. Er zitterte an allen Gliedern vor Furcht und Scheu und bat so inständig, so aus der rechten Schmerzenstiefe seines Herzens, daß ich mich seines verfolgten Bräutchens anzunehmen versprach, wenn Du mir Erlaubniß dazu gäbest.«

»Sehr brav, mein Mädchen! Doch was soll ich mit der Wendin beginnen?«

»Diese Sorge will ich Dir sogleich abnehmen, Herzensoheim. Aller Beschreibung nach ist Röschen hübsch und ich habe gern hübsche Dienerinnen um mich. Sie wird auch geschickt, lernbegierig sein, wie alle Wenden, und da hab' ich mir denn vorgenommen, so lange sie in meinen Diensten bleibt, sie zu unterrichten und recht gebildet ihrem Bräutigam auszuliefern, wenn er sie als Hausfrau von mir zurückbegehrt.«

»Gestatte dies nicht, ich bitte Dich, mein Freund!« sprach die Gräfin. »Das Mädchen weiß in ihrer Tollheit nicht mehr, was sie verlangt, was sie zu thun im Begriffe steht! Eine gebildete Leibeigene, mon dieu, wo soll das hinaus!«

Erasmus saß mir vorgebeugtem Oberkörper schweigend im Lehnstuhl. Er hielt den ausdrucksvollen [55] Kopf etwas gesenkt und aus seinen düster zusammengezogenen Augenbrauen und der tiefen Furche, die sich von der Nasenwurzel an senkrecht bis in die Hälfte der hohen intelligenten Stirn hinauf zog, war zu ersehen, daß er ernstlich und grollend über den Vorfall nachdachte. Aengstlich und erwartungsvoll schwieg Herta, empört über die ihrer festen Ueberzeugung nach erfundene Geschichte die Gräfin. In der stillen Abendluft klang vom See herauf Stimmengeräusch, dann schlugen die Wolfshunde im Schloßhofe an und die Dienerschaft ward lebendig.

Der Graf erhob langsam sein Haupt. Sein Gesicht war bleich, sein Blick ernst und entschlossen.

»Herta,« sprach er, die Winke seiner grollenden Gemahlin nicht beachtend, »wenn Magnus dies wirklich gethan hat, dann wehe ihm! Er hat mein Vaterherz hundertmal verwundet und immer verzieh ich ihm wieder, eine Schandthat aber, die mein reines Wappen beschmutzt, vergeb' ich nimmer! Ich verstoße, ich enterbe ihn. Er ist mein Sohn nicht mehr!«

Der Bediente trat ein.

»Was gibt es für Geräusch im Schlosse?« fragte die Gräfin.

[56] »Seine Gnaden, der Herr Graf Magnus, ist so eben angekommen, und bittet den gnädigen Herrschaften seine Aufwartung machen zu dürfen.«

Bei diesen Worten trat Magnus in's Zimmer.

3. Kapitel
[57] Drittes Kapitel.
Vater und Sohn.

Ein zertrümmernder Erdstoß hätte keine größere Wirkung auf die kleine Theegesellschaft hervorbringen können, als die unerwartete Erscheinung des jungen Grafen. Erasmus wendete langsam sein todtenbleiches stolzes Gesicht nach dem frechen Sohne, ihn mit flammendem Blick betrachtend. Herta stand auf und verbeugte sich leicht vor dem Vetter, der mit zarter Anfmerksamkeit an die Gräfin herantrat und ihr ehrfurchtsvoll die Hand küßte. Nur von der Seite streifte sein Blick den alten Vater, dessen Aussehn und finstre Miene ihm sagte, daß er kein willkommener Gast sei. Dies hinderte ihn jedoch nicht, sein Auge mit brennender Lüsternheit auf der untadelichen Gestalt seiner schönen Cousine ruhen zu lassen.

Magnus trug seinen alltäglichen modischen [58] Reitrock und war überhaupt eben so fein als elegant gekleidet. Nur sein linkes Auge und die Schläfe waren jetzt mit einem feinen schwarzseidenen Tuche umwunden, was ihm ein lauerndes Ansehen gab. Der kecke Schlag Röschens mit dem silbernen Leuchter hatte diesen Verband nöthig gemacht.

Da Niemand Anstalt traf, den Sohn des Hauses freundlich zu begrüßen, und selbst die Mutter nur einen »guten Abend, lieber Sohn!« zu flüstern wagte, schwellte der Zorn seine Adern. Er trat hart an den Lehnstuhl des Vaters und fragte höflich-kalt:

»Sollte ich vielleicht einen wichtigen Familienrath stören, mein Vater, so bin ich erbötig, mich zurückzuziehen und zu gelegnerer Stunde um eine Unterredung mit Ihnen zu bitten.«

»Kommst Du als reuiger Sohn, so werde ich Dich gern anhören,« versetzte der Greis, »willst Du aber Deine neueren Thaten mit gleißnerischen Worten beschönigen, dann wirst Du wohl thun, Dich so lange von meinem Zimmer fern zu halten, bis ich als Leiche darin liege.«

»Man hat mich verleumdet, wie ich sehe!« fuhr Magnus auf. »Es wird mir doch gestattet [59] sein, nach dem Namen meines Verleumders fragen zu dürfen?«

»Das habe auch ich behauptet,« sagte die Gräfin, dem Sohne beitretend. »Du hast dem Mädchen ein zu leichtgläubiges Ohr geliehen.«

»Also meiner liebenswürdigen Cousine bin ich für diesen unfreundlichen Empfang zu Dank verpflichtet,« entgegnete Magnus mit teuflischer Grazie, und das verschüchterte Mädchen mit einem furchtbaren Blicke überflammend. »Nimm einstweilen die Versicherung meiner innigsten Erkenntlichkeit für diese Aufmerksamkeit.«

»Magnus,« nahm jetzt der alte Graf das Wort, »ich will mich noch einmal bemühen, ruhig und liebreich wie ein Vater mit Dir zu reden, aber ich bedinge mir aus, daß Du Herta mit all der Achtung behandelst, die ein tugendhaftes Mädchen von Dir fordern darf.«

»Ich werde mich anstrengen, Ihren Befehlen nachzukommen.«

»Ich wollte, Du hättest es stets gethan, dann hätten wir beide nicht so viele traurige Stunden zu beklagen. Doch laß uns dieses Gespräch endigen und sage, was Dich zu so ungewohnter Stunde zu uns führt?«

[60] Diese Frage hatte Magnus erwartet. Er richtete sich stolz auf und versetzte: »Hätte mein gnädiger Vater mich weniger unfreundlich empfangen, so würde er in meinen Nachrichten erkannt haben, daß kindliche Gefühle meinem Herzen nicht fremd sind.«

Er stützte sich jetzt mit dem linken Arm auf die Lehne eines Sessels und nahm eine nachlässige, aber leichte und gefällige Stellung an. Dann fuhr er fort:

»Mein Vater, die Folgen der revolutionären Bewegungen in Frankreich fangen an auch in Deutschland einen Wiederhall zu finden. Unsere Bauern, unsere Leibeigenen werden widerspänstig und wagen es, einen eigenen Willen haben zu wollen.«

»Dies ist ein Pröbchen, welchen Nutzen die Verbreitung neuer Ideen stiftet,« bemerkte die Gräfin mit einem Seitenblick auf Herta.

»Sprichst Du aus eigener Erfahrung?« fragte der Graf.

»Seit einigen Tagen murren meine Knechte,« versetzte Magnus. »Sie weigern sich, dem Voigte, einem rechtlichen, strengen Manne, zu gehorchen und zeigen sogar mir unzufriedene Mienen. Ich [61] kann und will das nicht dulden, und weil ich weiß, daß mein Vater niemals der Willkür das Wort geredet hat, wende ich mich zuerst an Sie und ersuche, ja flehe Sie, mit mir vereint diesen aufrührerischen Trotz zu beugen, den frechen Uebermuth elender Sclaven empfindlich zu strafen!«

»Ich erwarte Deine näheren Angaben,« sagte Erasmus vornehm gelassen.

»Vielleicht wissen Sie nicht, mein Vater, daß der Heerd der Unzufriedenheit unmittelbar am Fuße Ihres Stammschlosses zu suchen ist? Ihre Milde, Ihre Güte, Ihre Herablassung hat diese Rotte armseligen Volkes kühn gemacht. Meine schöne Cousine – Sie vergeben mir, mein Vater, daß ich mit aller Achtung vor Schönheit und Herzensgüte den Ankläger machen muß – meine schöne Cousine sät täglich wild fortwucherndes Unkraut durch ihre Besuche in den schmutzigen Hütten der Leibeigenen. Sie behandelt diese Auswürflinge wie gesittete Menschen; sie spricht mit ihnen, als wären sie ihres Gleichen, und fabelt ihnen von bessern Tagen, von einer gerechten Freiheit und Gleichheit der Gesetze vor. Kurz meine liebenswürdige Muhme predigt mit dem besten Erfolge die schmachvollen Lehren [62] der französischen Jakobiner! Sie erlauben mir, mein Vater, daß ich meine Behauptungen durch Thatsachen beweisen darf. Vor einigen Wochen schrieb ich eine Gesindeschau auf meinen Ortschaften aus. Ein Mädchen, das ich besonders tauglich fand für meine Dienste, widersetzte sich hartnäckig und bestritt meine Herrschaft über sie. Diese Dirne war die Tochter eines Ihrer Unterthanen, seit längerer Zeit aber schon heimisch in einem mir speciell zugehörenden Dorfe. Dennoch war sie weder durch freundliche Worte noch durch Drohungen zu einer Sinnesänderung zu bewegen. So that ich denn, was ich mußte, ich brachte sie gewaltsam auf meinen Edelhof, und was glauben Sie wohl, mein Vater, daß diese Dirne zu thun wagte?«

Magnus sah den Grafen und seine gespannt aufhorchende Mutter lange an. Erasmus winkte.

»Sie war so beispiellos frech, Hand an mich zu legen, mich beinahe lebensgefährlich zu verwunden!« sagte Magnus. »Ueberzeugen Sie sich selbst, mein Vater, und Sie, meine gütige Mutter, halten Sie Ihr Entsetzen über eine That zurück, für die ich vorschlagen möchte, eine eigne Strafe zu erfinden!«

[63] Geschickt wußte der schlaue Magnus während dieser Worte die schwarze Binde zu lösen, unter der eine rothblaue, noch nicht ganz verharrschte Wunde sichtbar ward, die gefährlicher aussah, als sie war. Gräfin Utta schlug die vollen weißen Hände in stummem Erstaunen in einander und auch Herta warf einen kurzen Blick auf den vorgebeugten schönen Kopf des jungen Mannes. Vollkommen ruhig betrachtete Erasmus die Verwundung seines Sohnes.

»Nur eine geringe Kraftvermehrung würde mich todt niedergeworfen haben,« sagte Magnus mit erheuchelter innerer Erregung. »So lag ich nur eine Zeit lang in starrer Betäubung, und diese benutzte das freche Geschöpf, um zu entfliehen. Ich habe sichere Kunde, daß dieses strafwürdige Mädchen sich unter Ihre Obhut, mein Vater, begeben hat, und weil ich nicht Ihre Rechte schmälern will, bitte ich ganz gehorsamst entweder um ihre Auslieferung an mich, damit ich über die Art ihrer Bestrafung mit mir zu Rathe gehen kann, oder ersuche Sie, daß Sie selbst das Richteramt in dieser Sache übernehmen.«

»Wie heißt das Mädchen?« fragte Erasmus.

»Röschen Sloboda.«

[64] »Röschen!« wiederholte Herta leise, doch laut genug, um von Magnus verstanden zu werden.

»Hast Du bei Deiner Erzählung auch nichts zu erwähnen vergessen? Es wäre mir sehr unlieb, wenn ich in dieser Angelegenheit zu Deinem Nachtheil entscheiden müßte.«

»Sie haben die volle Wahrheit gehört.«

»Wahrheit, die uns mit ewigem Abscheu gegen diese Elenden erfüllen muß!« rief die Gräfin. »Armer Sohn, guter gemißhandelter Magnus! Sei versichert, daß Dein Vater diese uns Allen zugefügte Schmach streng, beispiellos streng ahnden wird!«

»Uebereilen wir uns nicht, meine Freundin,« erwiederte Erasmus. »Hat sich das Mädchen wirklich so hart an unserm Sohne vergangen, wie Magnus behauptet, so wird es der Strafe nicht entgehen. Vorher aber wollen wir ganz unparteiisch die Sache untersuchen.«

»Sie setzen Mistrauen in die Worte Ihres Sohnes?«

»Ich vertraue Dir so viel, wie Du verdienst,« arrtwortete Erasmus streng. »Darin erfülle ich nur Demen Willen. Hättest Du mich nie getäuscht, [65] so würde ich keine Zweifel in die Wahrhaftigkeit Deiner Erzählung setzen. So aber pflegtest Du mich stets zu hintergehen und der lügenhaften Worte sind zehnmal mehr über Deine Zunge gegangen, als der wahrheitsgetreuen.«

»Mein Vater!«

»Schweig, es ist so! – Und was hast Du zu Deiner Entschuldigung anzuführen, wenn ich Dir sage, daß die arme Wendin Dich bereits bei mir verklagt hat?«

Magnus verließ seine bisher beibehaltene etwas kokette Stellung und trat einen Schritt vom Stuhle zu rück. Dann sagte er:

»Ich kann es mir denken, daß diese intrigante Person ihre Frechheit so weit getrieben hat, oder sollte ich vielleicht auch diese neue Wendung der Dinge der zuvorkommenden Vermittelung meiner schönen Cousine –«

»Herta bittet blos für Arme und Unterdrückte,« fiel Erasmus ein, »aber entstellt nie einfache Thatsachen. Mich dünkt, mein Sohn, es ist nicht Alles rein in Deinen Worten! Röschen ward gewaltsam entführt und hat Gewalt mit Gewalt erwiedert. Es ist daran gar nichts Unbegreifliches, nichts Uebernatürliches. Aber wenn [66] ich nun Gelegenheit nehme, diese geheime Entführungsgeschichte genauer zu beleuchten, würde dann mein Sohn nicht etwa Ursache haben zu erröthen? Ich will jetzt nicht weiter gehen, Magnus, ich gebe Dir nur zu bedenken, daß ein böses Gerücht umläuft unter dem Volke über den Tod von Jan Sloboda's Schwiegertochter, und daß ich alter Mann nicht vermag, diesem Gerücht die Zunge auszureißen!«

»Geschwätz, rachsüchtige Verleumdungen derer, die ich wegen Waldfrevel bestrafen ließ.«

»Ich sprach die Sterbende,« sagte Erasmus mit einem Tone, der furchtbar klang und selbst Magnus erblassen machte. »Sie hat mir, mir ganz allein gebeichtet und auf ihren Wunsch habe ich ihre Beichte tief in mein bekümmertes Herz verschlossen. Doch glaube mir, Magnus, daß ich seitdem an jedem Abend mein Haupt mit schwerem Kummer zur Ruhe lege, daß ich die Zukunft, daß ich Deine Zukunft fürchte!«

Gräfin Utta blickte zum ersten Male mit Entsetzen auf ihren Liebling, in der Hoffnung, daß der Ausdruck seiner Züge ihr zu muthiger Entgegnung Anlaß geben werde. Aber sie bebte in sich selbst zurück vor Magnus. Dieser stand [67] wie leblos vor seinem mit finsterm Richterauge zu ihm aufblickenden Vater. Seine Hände zitterten sichtbar und das Antlitz mit der schwarzen Binde glich vollkommen weißem Marmor. Er hatte die Augen fest auf den Boden geheftet. Weil ihm die Kräfte versagten, sank er auf den Stuhl nieder, auf dessen Lehne er sich bisher in eitler Selbstgefälligkeit gestützt hatte. Es mußte ein furchtbares Geheimniß sein, zu dessen Kenntniß der alte Graf gekommen war und das er jetzt im entscheidenden Augenblick als niederschmetternde Waffe gegen seinen eigenen Sohn gebrauchte. Eine beklemmende Pause trat ein, die Niemand zu unterbrechen wagte. Um diese Todtenstille aufhören zu lassen, die wie ein Sargdeckel über den Häuptern der Familie schwebte, fing Herta an, mit dem Theegeschirr zu klappern. Dies gab dem alten Grafen aufs Neue Fassung, und da es nun einmal zu einer Aussprache gekommen war, ergriff er abermals das Wort und wendete sich damit fast ausschließlich an seinen Sohn.

»Es scheint, als verkenntest Du ganz die Pflichten des Herrn gegen seine Untergebenen,« sagte er. »Dir und leider tausend Andern, welche [68] Dir gleichen, sind alle Unterthanen nur Werkzeuge, nur Maschinen, die man abnutzen kann nach Belieben und zu seinem Vergnügen. Du glaubst bloß Forderungen, keine Pflichten an sie zu haben. Es sollte aber die Ehre des Adels sein, die Unterthanen zu schirmen, sich in Noth und Jammer ihrer anzunehmen, sie zu bilden, zu erziehen und aus der dumpfen Atmosphäre geistiger Erniedrigung, in der sie schmachten, emporzuheben in die heitere Luft einer hellern Denkungsart, eines bessern Daseins! Was soll denn aus uns und der Welt werden, wenn wir immer nur auf einem Punkte uns fortdrehen wollen, wie wahnsinnige Derwische? Wir müssen zuletzt in völlige Apathie versinken und als blödsinnige Schwächlinge verkümmern! Schreitet fort! ruft jede Seite der Weltgeschichte uns zu; lernt die Zeiten und deren Bedürfnisse verstehen, predigt uns jeglicher Tag! Es taucht keine Sonne hinter Berg und Meereswoge unter, ohne fern von unserm Auge einen neuen Bildungshalm ins Leben zu rufen, und jeder neue Morgen ist der Tauftag einer neuen That, eines gewaltigen ins Leben geschleuderten Geistes! Das, mein Sohn, laß uns bedenken, dann wird uns der Sturmschritt [69] der Zeit nicht wie ein versengender Sirocco überfallen! – Wir sind alle krank, krank an Ge danken, Meinungen, Vorurtheilen, die wir aus längst vergangenen Tagen in unsere Zeit herübergeschleppt haben und die wegzuwerfen als leere Hüllen aus ihnen hervorgegangener buntbeschwingter Seelen uns schwer fällt. Aber wir müssen uns selbst an die Brust fassen und munter rütteln, wenn uns der ermattende Schlaf trüber Erbschaft überfallen will! – Was war, was ist, was soll der Adel sein? Die Gesellschaft der Besten, der Fähigsten, der Muthigsten aller Zeiten! Sucht er nicht darin seinen Ruhm, seine Ehre, so hat er sich überlebt und ist auf ewig verloren! – Wir Deutschen, die wir diesem glücklichen und bevorzugten Stande angehören, sollten nicht blind und taub sein bei den furchtbaren Ereignissen in Frankreich. Sie enthalten eine große Lehre für Jeden, der in albernem Dünkel und in brutaler Macht sich über die Masse der Menschheit erheben will. Ich mag nicht behaupten, daß ich ein Anhänger jenes Camille Desmoulin, jenes Danton und Robespierre sei, daß ich billige, was der Wahnsinn eines verzückten, wuthschäumenden Pöbels [70] ruft: Jeder sei dem Andern gleich und Alle hätten gleiche Rechte zu fordern. Aber ich glaube und sterbe auf die Wahrheit des hohen gottähnlichen Gedankens, daß es Zweck und Ziel dieses Erdenlebens und irdischer Fortenlwickelung sei, im Laufe der Jahrhunderte das gesammte Menschengeschlecht zu vervollkommnen und jedem Individuum ein solch allgemeines Bildungsmaß zu Theil werden zu lassen, daß jeder Einzelne behaupten darf: er sei gleich dem Besten der Besten! Diese Zeit, wann sie kommt, wer weiß es! Daß sie kommen wird und muß, sagt mir meine eigene Vernunft! Daß sie bald komme, dahin wirke, wer Kraft und Macht dazu hat, und dies ist zur Zeit noch der Adel! Will er stolz sein und Ursache haben zu solchem Stolze, so schmücke er seine Wappen und die Zinnen seiner Burgen mit Lorbeerkränzen gewunden von den Händen derer, die er jetzt seine Unterthanen, seine Leibeigenen nennt! –«

Schon geraume Zeit hatte Herta mit froh glänzendem Auge dem Grafen zugehört. Als dieser jetzt schwieg, warf sie sich mit Leidenschaft an Erasmus Brust, küßte ihn auf den Mund und sagte: »Ich wußte es ja, daß mein guter, klarer Oheim mich nicht mißverstehen könne! [71] Grade so, wenn auch mit andern Worten, spricht mein lieber Schiller, der noch vor einer Stunde ein schlechter, anfrührerischer Mensch sein sollte! Jetzt lies Du nur meine Bücher, lies, so lange Du willst, ich weiß doch, daß Du mir sie selbst wiederbringen und mich obendrein noch beloben wirst!«

»Der Entwurf Ihres idealen Lebens, mein Vater, hat viel Bestechendes,« erwiederte Magnus. »Offen gestanden aber ist es mir noch unklar, wie Sie die gepriesene Bildung in der rohen Masse des Volkes hervorrufen wollen? Sie verlangen doch schwerlich, daß wir selbst das Amt der Schulmeister verwalten oder als Vögte und Verwalter uns unter Knechte und Mägde mischen sollen? Ich wenigstens muß dieses Amalgamirungssystem ein für allemal verschmähen. Es ist mir persönlich nichts entsetzlicher, als eine schwielige Hand, die sich nur mit wenigen Tropfen Wasser begnügt.«

»Mir aus der Seele gesprochen!« sagte die Gräfin und begann wieder ihr Fächerspiel.

»Ich hätte meinen Sohn für fassungskräftiger gehalten,« entgegnete Erasmus. »Wie ich jedoch zu meinem Leidwesen sehe, gehört oder [72] zählt er sich mit Absicht den Hohlköpfen zu, die Würde und Ehre des Adels nur im Junkerthume und all den äußern Dingen suchen, zu deren Erlangung weiter nichts als leidliches Geld, etwas Frechheit und ein kaltes Herz gehört.«

»Verzeihen Sie, mein Vater! Haben Sie vielleicht die Absicht, den Notablen Frankreichs nachzuahmen und sich freiwillig zu Gunsten der brüllenden Menge, die sich Volk nennt, Ihrer Ehren, Würden, Titel und Besitzthümer zu entschlagen?«

»Damit wir Deutschen nicht ebenfalls eines schönen Morgens dazu genöthigt sind, fordere ich Gerechtigkeit, Milde und Erziehung für das Volk.«

»Ich möchte Ihnen gern gefällig sein und bitte deßhalb, mir die Wege zu zeigen, die wir einschlagen müssen, um das Volk, wie Sie sagen, zu uns emporzuheben.«

»Wem sie das eigene Herz, die ruhige Besonnenheit nicht nennt, dem wird kein Fingerzeig eines Andern etwas frommen. Es ist so leicht, wie den Gesetzen der Natur folgen! Erhebe Dich zu der freien und allein richtigen Ansicht, jeden Menschen als Deines Gleichen zu betrachten, [73] und Du wirst gegen Deinen geringsten Diener nicht hart, nicht launisch, nicht herrisch sein können. Die Stellung, die er durch einen bloßen Unfall Dir gegenüber einnimmt, berechtigt Dich nicht, sein Menschengefühl zu beleidigen, im Gegentheil, wir sind verpflichtet, weil er abhängig ist, ihn zu schonen und seine Schwächen mit Geduld zu tragen!«

»Sehr wohl, mein Vater! Sind Sie gesonnen, diese Grundsätze unter Ihren Leibeigenen mittelst Ausruf bekannt machen zu lassen?«

»Lieber Magnus!« bat die Gräfin. »Du vergißt Dich!«

»Nicht doch, meine Freundin, er bleibt sich nur selbst gleich. Da ich aber nicht gesonnen bin, einen Streit über Ideen und Zeitansichten fruchtlos länger auszudehnen, erkläre ich diese Unterredung für beendigt. Unser Sohn mag überlegen, was zu seinem Frieden dient, und sich am Tage nach Ostern früh um zehn Uhr in der Schloßhalle einfinden. Dort wird er sich seiner Anklägerin gegenüber rechtfertigen oder für schuldig erklärt werden. Keine Einwendung, meine Freundin! Die Frucht ist reif zur Aerndte, und ich will endlich einmal dieser tyrannischen Willkürherrschaft [74] ein Ziel setzen, und müßte ich mein eigenes Fleisch und Blut verurtheilen.«

In diesen Worten des alten Grafen lag eine so bestimmt ausgesprochene Entlassung, daß Magnus Anstand nahm, seinem Vater nochmals starren Trotz entgegen zu setzen. Dennoch durfte er um keinen Preis die rücksichtslose Confrontation mit der Wendin geschehen lassen, wenn er nicht vor Unterthanen und Dienerschaft gebrandmarkt dastehen und allen Einfluß auf sie verlieren wollte. In dieser peinlichen Verlegenheit richteten sich seine Gedanken auf Herta. Sie allein konnte, wenn sie zu überreden war, den Vater zu anderer Maßnahme bestimmen. Sie wußte um seine Gewaltthat, wie er aus der Einleitung des Gesprächs wohl erkannt hatte, und darum galt es, sie entweder auf seine Seite herüberzuziehen oder durch irgend welche Scheingründe zu einer andern Ansicht zu vermögen. Noch war er sich unklar über den Operationsplan, den er einschlagen wollte, aber er hoffte auf sein gutes Glück, auf prägnante Einfälle und auf sein Ueberredungstalent, wenn ein schönes Mädchen seinem Geiste Schwung, seiner Rede Kraft und Feuer verlieh. Er stand auf und griff nach seinem Hut.


[75] »Ich bitte meinen Ungestüm der Aufregung zu verzeihen, beste Aeltern, in die mich das Unerhörte versetzt hatte. Gehorsam Ihren Winken ziehe ich mich zurück, um zur bestimmten Stunde im Auge meines Vaters Gnade oder Verdammung für sein einziges Kind zu lesen. Meine theure Mutter, vergeben Sie mir, wenn die gemachten Mittheilungen Ihre Nachtruhe stören sollten!«

Magnus führte Utta's Hand mit der ihm eigenen gewinnenden Liebenswürdigkeit an den Mund, verbeugte sich achtungsvoll vor seinem Vater und grüßte mit wohlwollender Vertraulichkeit Herta. Dann verließ er das Zimmer.

»Leuchte mir nach meinen Gemächern!« befahl er barsch dem Bedienten und folgte dem Vorausschreitenden durch mehrere schmale Corridore. Während dieses Ganges riß er ein goldberändertes Blatt aus seiner Schreibtafel, schrieb einige Worte darauf und faltete es in einen Knoten zusammen. Auf seinem Zimmer angekommen, fragte er den Bedienten: »Wann zieht sich Fräulein Herta auf ihr Zimmer zurück?«

[76] »Schlag neun Uhr, gnädigster Herr!«

»Siehst Du sie noch?«

»Ich kann es so einrichten.«

»Willst Du mir einen Dienst leisten, von dem das Wohl unseres Hauses abhängt?«

»Gnädigster Herr, Sie wissen, daß ich für das gräfliche Haus in den Tod gehe!«

»Dann gib dies Billet an Fräulein Herta. Ich werde in der Nähe sein und sobald das Fräulein es erbricht, zeige es mir durch das Oeffnen der Thüre an. Ich werde dann in demselben Augenblick, wo Du das Zimmer des gnädigen Fräuleins verläßt, dasselbe betreten. Hast Du mich verstanden?«

»Sehr wohl, Herr Graf.«

»Dann gib Acht, daß uns Niemand störe!«

Der Bediente verbeugte sich ehrfurchtsvoll vor dem Erben des Hauses und ging nachdenkend, das unscheinbare Blättchen zwischen den Fingern drehend, zu seinen Genossen zurück.

4. Kapitel
[77] Viertes Kapitel.
Magnus und Herta.

Etwa fünf Minuten vor neun Uhr verließ Magnus sein Zinrmer ohne Licht und schlüpfte durch die engen matt erleuchteten Gänge des alten Schlosses nach dem Flügel, welchen seine Aeltern bewohnten. In dem großen Vorzimmer, auf das eine ganze Reihe von Thüren mündete, befand sich ein hoher schwerfälliger Kaminschirm, der zugleich als Garderobe benutzt ward. Hinter diesen zog sich Magnus zurück, nachdem er mit schnellem Griff die gemeinsame Klingel mit einem seidenen Tuche umwunden hatte. Aus diesem Versteck konnte er bequem die ganze Länge und Breite des Gemaches, so wie sämmtliche Zimmerthüren übersehen. Als die Schloßuhr langsam die neunte Abendstunde verkündigt hatte, öffnete sich die Thür zum Wohnzimmer seines Vaters, [78] eine glockenhelle, weiche Mädchenstimme rief herzlich »gute Nacht« und Herta, ihr Arbeitskörbchen am weißen Arm, trat heraus, von dem vorleuchtenden Bedienten begleitet. Mit etwas gesenktem Köpfchen, so daß die reiche Lockenfülle ihre schönen Züge fast ganz in Schatten hüllte, schritt das schlanke Mädchen über den Vorraum, ließ sich von dem Bedienten die Thür öffnen und empfing noch, ehe sie diese wieder schloß, das Billet des jungen Grafen.

»Von wem?« hörte sie Magnus mit sanfter Stimme fragen.

»Ich sollte es abgeben,« erwiederte der kluge Bediente.

Herta dachte nicht im Entferntesten daran, daß Magnus mit ihr in Correspondenz treten könne und wolle. Sie hatte noch nie eine Zeile von dem verführerisch wilden Manne erhalten, selbst damals nicht, als er noch auf Boberstein wohnte. Später war er absichtlich kühl und verletzend gegen sie geworden, da er seine Werbungen um ihre Gunst mit einer Kühnheit betrieben hatte, die sie nöthigte, ihm die härtesten Vorwürfe zu machen und sich streng von ihm abzuschließen. Obwohl aber das junge Mädchen den sittenlosen, flatterhaften [79] und rachsüchtigen Jüngling fürchtete, fühlte sie doch etwas in ihrem Herzen, das für ihn sprach. Seine feine Galanterie, seine stolze Ritterlichkeit, wohl auch das völlig Rücksichtslose in allen Angelegenheiten, wo seine Leidenschaft in's Spiel kam, zog sie an und veranlaßte sie in früheren Tagen häufig, bei dem unzufriedenen Vater ihm Fürsprecherin zu werden. Allerdings war ihre Achtung vor Magnus jetzt völlig verschwunden. Die Gewaltthat, welche er gegen das schwache wendische Mädchen ausgeübt, hatte sie empört, und die Art und Weise, wie er noch so eben seine Gesinnung gegen den braven alten Vater ausgesprochen hatte, der sich die größte Mühe gab, die Stimme einer neuen Zeit zu verstehen und ihrem Rufe sich anzuschließen, erfüllte ihre jungfräulich reine Seele wirklich mit Abscheu und kaltem Entsetzen. Es lag so gar nichts Kindliches in dem Betragen des Sohnes gegen den Vater. Seine höflich gefaßten Antworten klirrten von scharf geschliffenem Spott, von beißendem Hohn. Er durfte nur diese glatte Form noch abstreifen, und das widerlichste Scheusal, wie es je Undank und Verachtung alles Göttlichen im Menschen auszubrüten vermochten, [80] stand m grauenvoller Nacktheit vor Aller Augen.

Das Billet ihres Vetters in der Hand ging Herta nach der Epheulaube am Fenster, um das Körbchen auf den Arbeitstisch zu stellen. Erst als sie dies gethan und durch freundliches Nicken ihr Eichhörnchen begrüßt hatte, dessen kluge muntere Augen am gläsernen Schieber glänzten, knotete sie das Papierstreifchen auf. Der Bediente verbeugte sich und vertauschte unter der Thür seine Stelle mit dem jungen Grafen.

Magnus verhielt sich ruhig, bis Herta seine Zeilen überflogen hatte und entrüstet ausrief: »Johann, wie kannst Du Dich unterstehen –« Zugleich wendete sie sich rasch um und erblickte ihren Vetter im Halbdunkel des grauen langen Zimmers. Das Wort erstarb ihr auf der Zunge, aber sie erröthete so heftig vor Zorn, daß flammende Purpurgluth Gesicht, Stirn und Nacken übergoß.

»Verzeihung, schöne Cousine!« sagte Magnus, mit leichtem Tritt und ohne die geringste Schüchternheit näher kommend. »Ich erscheine heut mit weißer Friedensfahne und trage Dir unter annehmbaren Bedingungen Waffenstillstand an. [81] Hoffentlich wirst Du Dein Geschlecht nicht so ganz verläugnen, daß Du einen unglücklich Bittenden ungehört von Dir weisest.«

»Es ist entwürdigend, mich so zu überfallen!« stotterte mit vor Zorn grollender Stimme das empörte Mädchen.

»Im Gegentheil, es zeigt von einer Anhänglichkeit an Dich, die keine Gefahr scheut, ja die es sogar wagt, den Zorn der Schönsten unter den Schönen auf sich zu laden! Aber wie Du auch jetzt von mir denkst, Du wirst milder über mich urtheilen, wenn Du meine Beweggründe gehört hast.«

»Ich will nichts hören, ich befehle Dir, Dich auf der Stelle zu entfernen!« versetzte zitternd Herta und stampfte dabei trotzig mit dem kleinen Fuße auf den Boden.

»Wenn Du so reizend zürnst, werde ich mich für immer bei Dir einquartieren, schöne Cousine. Ein geistreiches Mädchen ist nie entzückender, als im göttlichen Wahnsinne des Zornes. Sieh, ich mache es mir bequem, um Dich ruhig bewundern zu können. Tobe Dich jetzt aus, Herzensblume, wirf mir alle Sonnenfunken Deines Ingrimms in's Gesicht, ich will sie mit gierigen Händen [82] auffangen und mit solcher Andacht an meine Lippen führen, als seien es Blättchen aus der Rosenknospe Deines Herzens.«

Und Magnus streckte sich gemächlich auf das alterthümliche Sopha und verschlang seine Arme über der Brust.

Herta antwortete nicht. Dem kecken Eindringling gegenüber lehnte sie an ihrem Schreibtische und maß ihn mit stolzen, kalten Blicken.

»Du wirst ruhig, das gefällt mir,« nahm Magnus nach einer Pause wieder das Wort. »Ein ruhiger Zuhörer läßt dem Sprecher stets am leichtesten Gerechtigkeit widerfahren. – Ich sagte vorhin, daß ich als Friedensbote zu Dir käme, jetzt gehe ich noch weiter und schlage Dir vor: laß uns Bundesgenossen sein!«

Da Herta auch darauf keine Antwort gab, fuhr Magnus fort: »Mein gestrenger Herr Vater, der, ich weiß nicht wie und weshalb? auf einmal zur Partei der Revolutionäre überzutreten Miene macht, hat mir als Nachfeier des Festes eine Scene angekündigt, die unterhaltend und originell zu werden verspricht. Der letzte Sprosse eines edlen Grafengeschlechts einer Rotte schmutziger Leibeigener gegenüber als Angeklagter vor dem [83] Richterstuhle des empörten eigenen Vaters – wahrhaftig, das ist so wild romantisch, daß die blutdürstige Canaille aus den Straßen von Paris es nicht vortrefflicher erfinden könnte! In seinem absoluten Gerechtigkeitsfieber sieht der alte Mann nicht ein, daß dadurch, wie sich die Sachen auch gestalten mögen, ein unauslöschbarer Flecken auf sein Haus, auf sein Wappen fällt, den Jahrhunderte neuen Glanzes nicht wieder auslöschen können. Der simpelste Menschenwerstand begreift, daß dies nicht geschehen darf –«

»Warum nicht?« unterbrach Herta den jungen Grafen. »Soll der hochgeborne Graf und Fürst, wenn er ein Schuft gewesen ist, nicht dieselbe Gleichheit vor dem Gesetze haben, in die er sich vorher durch seine Handlungsweise mit dem Pöbel gebracht hat?«

»Diese Sprache der Neuzeit, meine schöne Cousine, verstehe ich nicht. Ich sage, es befleckt unser Haus für immerwährende Zeiten, wenn die angekündigte Gerichtssitzung in der Schloßhalle stattfindet. Darum muß sie hintertrieben werden.«

»Von wem?«

[84] »Von Dir und mir. Wir beiden im Bunde halten die ganze Meute ab.«

»Auf mich rechne nicht! Ich kann und will nichts thun, als die gekränkte Unschuld beschützen.«

»Das ist so löblich von Dir, daß ich Dich gleich dafür küssen möchte, müßte ich nicht befürchten, Du würdest Deine weißen runden Perlenzähnchen in meine Lippen schlagen, und das wäre in sofern ein Unglück, als dies nach dem Feste gegen mich zeugen würde. Darum laß uns vernünftig mit einander sprechen und uns verständigen. – Ich habe es längst gemerkt, daß sich die kleine erboste Wendin direct an Dich gewendet und Dir ein Histörchen erzählt hat, welches, die Ausschmückungen weggelassen, der Wahrheit nahe kommen mag. Du siehst, angebetete Herta, daß ich ganz ehrlich bin und mich Dir gegenüber gar nicht besser machen will, als ich in der That bin. Ja ich gestehe Dir sogar freiwillig, daß ich bei der niedlichen Wendin ein klein wenig zu weit gegangen sein mag! Ich habe sie entführt, weil sie ein so böses Gesicht machte und mir grade deswegen gefiel. Und das Satansmädchen hat mich dafür schön gezeichnet! Nun höre mich ganz ruhig an und urtheile, ob ich Urecht [85] habe? – Daß ich kein Joseph geworden bin, das mag mein Herr Vater mit der Frau Mama ausmachen. Mein Temperament gefällt sich nun einmal nicht im Entbehren, sondern im Genießen, und solche allerliebste duftende Mädchenblumen, die in stiller Haide lockend aufschießen, sind doch wahrlich nicht dazu da, daß sie von plumpen Bauern geknickt werden! Auch magst Du bedenken, daß, wenn ich in meinen Wünschen und Begierden wirklich zu tadeln sein sollte, nur Du ganz allein daran Schuld bist! Immer nur schwebt Deine zarte, schlanke, warm geschmeidige Elfengestalt vor meinen Blicken, so reizend und begehrerisch, daß ich in jedem schönen Mädchen das Schattenbild von Dir zu erblicken glaube und in Leidenschaft für sie entbrenne! Hättest Du mich erhört, süßer Engel, so säh' ich außer Dir kein Mädchen, ich wüßte gar nicht, daß es noch Weiber gäbe, die auch schön, auch liebeverheißend sind. Seit Du mich aber verschmäht, mir sogar verboten hast, mit Dir zu sprechen, seitdem tobt und lodert eine verzehrende Flamme in meiner Brust, die Nahrung sucht und Alles, was ihr nahe kommt oder was sie erreichen kann, in Fieberwuth zu verbrennen begehrt. Habe ich also der kleinen [86] Wendin ein Leid in sofern zugefügt, als ich sie mit Gewalt und unter heimlichen Nebengedanken entführte, so bist eigentlich Du der Anstifter dieses Unglücks und auf Dich müssen alle Folgen, die sich daraus ergeben, zurückfallen. Werde ich nun gezwungen, vor Gericht Rede zu stehen, so sei versichert, daß ich Dich nicht schone! Die Nothwehr zwingt mich, jedes Auskunftsmittel zu ergreifen.«

»Magnus,« unterbrach Herta den Sprechenden mit einem Ausdruck in Stimme und Miene, der ihre moralische Entrüstung hinlänglich verriethen, »bisher habe ich Dich bedauert, wohl auch zuweilen gehaßt, von jetzt an aber muß ich Dich gründlich verachten! Du bist ein gemeiner, verrotteter Bösewicht!«

»Das scheint Dir blos so, schöne Cousine, höre noch meine Gründe und Du wirst Dein Urtheil ändern und mich freisprechen. – Es leuchtet Dir ein, daß so nahe Verwandte, wie wir es sind, einander mit solchen Anklagen nicht entgegentreten dürfen. Dadurch würde unrettbar ein Skandal entstehen, den wirklich alles Wasser der Welt nicht mehr von unserm Namen abwaschen könnte! Nun überlege aber, was auf dem Spiele steht! [87] Hier unser aller Ehre und Ehrenhaftigkeit, dort ein unbekanntes, verachtetes Mädchen, ein Geschöpf überdies, das ich als Leibeigene behandeln kann, wie ich will. Ich habe das Recht dazu, und wir wollen uns über Recht oder Unrecht dieses Rechtes jetzt nicht streiten. Halten wir fest, was da ist und gilt. Was, frag' ich, ist besser, ist leichter zu verantworten, wozu räth gesunder Menschenverstand und Klugheit, zu Brandmarkung unseres alten Namens, zu Vernichtung unserer Ehre oder zu Verurtheilung einer leibeigenen Wendin durch das ganz einfache Mittel, daß man sie Lügen straft? Mich dünkt, die Wahl kann hier nicht schwer sein. –«

»Einem gewissenlosen Menschen gewiß nicht.«

»Ich danke für das Prädicat. – Um jedoch weiter zu kommen, fahre ich fort. Nach dem Vorausgeschickten verlange ich von Dir, daß Du morgen früh bei Zeiten meinem Vater erfolgreiche Vorstellungen machst und ihm aufzählst, was Alles bei dem beabsichtigten Ver fahren unserm Hause droht! Ferner wirst Du mir versprechen, Dich bei der Gerichtsscene gar nicht zu zeigen, um nicht durch Deine allbekannte Herzensgüte meine Pläne zu kreuzen, und endlich verbitte ich mir jede [88] Fürsprache, wenn ich es in unserm Interesse für nöthig erachte, eine gelinde Strafe über das Mädchen zu verhängen, die mißhandelnd ihre Hand gegen mich aufhob!«

»Ich hätte schon dabei sein mögen, wie die an ihrer Ehre gekränkte Wendin Dich so empfindlich züchtigte!«

»Was hat meine schöne Cousine auf die gemachten Vorschläge zu antworten?«

»Sie fragt zurück: was gedenkt der Herr Graf zu thun, wenn die Cousine gar nicht auf ihn achtet?«

Bis dahin hatte Magnus, nachlässig im Sopha lehnend, das Gespräch mit Herta geführt, jetzt schnellte er empor, als bewegten ihn unsichtbare Kräfte, und stellte sich vor das junge Mädchen. »In diesem nicht denkbaren Falle, meine Schöne,« versetzte er flüsternd, »wird der entehrte Graf Magnus von Boberstein in der gemüthlichsten Weise Genugthuung von seiner liebenswürdigen Gegnerin fordern.«

»Und diese Gegnerin wird nicht anstehen, diese dem Grafen zu geben, wenn sie es für nothwendig hält.«

[89] »Wirklich? Sieh da, meine schöne Cousine hat wirklich Heldenblut in ihren Adern.«

Herta wendete sich ab von dem Grafen und setzte sich unter das grüne Laubdach am Fenster. »Da ich nunmehr weiß,« sprach sie, »was Dich zu diesem unschicklichen Besuche veranlaßt hat, und auch Du von mir erfahren hast, was und wie ich von Dir denke, so wünscht' ich, daß eine Unterhaltung beendigt werden möge, die beiden Theilen gleich unangenehm ist.«

»Glaubst Du, ich werde mit solcher Antwort unverrichteter Dinge fortgehen? Dann wäre ich werth, daß man mich als wahnsinnig einsperrte.«

»Du willst mich also noch länger beunruhigen? Nun dann werde ich Hilfe bei denen suchen müssen, die mir sie angelobt haben.«

Sie stand auf, um zu schellen.

Magnus vertrat ihr den Weg.

»Daran hab' ich gedacht,« sagte er sarkastisch lächelnd, »und weil ich einem so schönen und zarten Geschöpf nicht gewaltsam entgegentreten wollte, schnitt ich vor meinem Besuch der Glocke die Zunge aus.«

»Abscheulicher!« murmelte Herta, wie vorhin [90] sich wieder mit dem Rücken gegen ihren Schreibtisch lehnend.

»Ich sorgte blos dafür, daß kein nutzloser Lärm noch Skandal entstehn möchte! – Also ganz in der Kürze, zürnender Engel, willst Du mir beistehen und eine Thorheit durch feines Schweigen zur rechten Stunde vergessen machen? Blos ja oder nein!«

»Nein!«

»Das ist wirklich eine bündige Antwort. Auch in der Schloßhalle wirst Du nicht fehlen?«

»Auch da nicht.«

»Und wenn mich die Wendin und ihre vermuthlichen Beistände anklagen?«

»Dann werde ich gegen Dich zeugen.«

Magnus senkte den Kopf ein wenig und schloß die Augen einige Sekunden, als wolle er um jeden Preis einen Ausweg ersinnen. Er fühlte, daß der Boden unter ihm zusammenbrach, daß sein Ansehen für immer dahin war, wenn sein Vater in momentaner Mißstimmung gegen ihn entschied und Röschen frei sprach. Nach einiger Zeit richtete er seine durchbohrenden Blicke wieder auf Herta.

»Nun,« sprach er, »ein Mann schickt sich in [91] das Unvermeidliche, so gut es geht. Der Tag nach dem Feste soll mich als Mann kennen lernen! Wie aber stehen wir von jetzt an mit einander, süßer Trotzkopf?«

»Einem wohlerzogenen Cavalier wird dies der Anstand sagen.«

»An Frieden ist also nicht zu denken?«

»Ich heuchele nie!«

»Und wenn ich statt der weißen die blutrothe Flagge aufziehe?«

»Auch dann werde ich weder meine Meinung noch mein Verfahren ändern.«

»Das wird freilich Blut kosten,« erklärte Magnus achselzuckend.

»Willst Du mich ermorden?« fragte Herta lächelnd.

»Nicht doch, nur an die versprochene Genugthuung erinnern!«

»Ja so!«

»Darf ich die schöne Cousine vielleicht gleich heut nach der Waffengattung fragen, die sie für diesen Fall bestimmt?«

»Wenn der Graf Magnus sich mit einem Mädchen durchaus schlagen will,« versetzte Herta [92] mit komischer Ernsthaftigkeit, »so muß ich ja wohl zur Pistole greifen.«

»Also Pistolen. Sehr wohl. Und der Ort des Rencontre?«

»Jeder beliebige, welchen Graf Magnus für sicher hält.«

»Großmüthig entschieden, ich muß gestehen!«

Die letzte Hälfte dieses Gespräches hatte Magnus mit gesenktem Blicke geführt. Es schien, als grabe er während des Sprechens mit allem Scharfsinne nach Mitteln, die ihn retten könnten, oder als wühle er in den Schachten seines erfinderischen Geistes nach irgend einem abenteuerlichen Plane. Jetzt sah er seine Cousine wieder mit einem jener dämonischen Blicke an, in denen die ganze Gluth der Hölle, überschwebt von einem einzigen bleichen Funken himmlischen Lichtes strahlte, und schien ihr Bild tief in seine Seele einsaugen zu wollen.

»Nun so wünsche ich Ihnen eine gute Nacht und süße Träume,« sagte er, sich tief vor ihr neigend. »Auf Wiedersehen in der Schloßhalle!«

Magnus durchschritt langsam das Zimmer, ohne daß Herta seinen Abschiedsgruß erwiederte [93] oder ihn zurückrief. Dicht an der Schwelle blieb er stehen und kehrte sich nochmals um.

»Schöne Cousine, soll es denn wirklich geschehen?« sagte er mit beklommenem Herzen. »Muß es durch den Starrsinn eines Mädchens dahin kommen, daß die Buben auf den Straßen mit Fingern auf uns zeigen werden? Und dieses selbe Herz, dieser selbe Mund, der jetzt kein Wort der Gnade für mich hat, ließ mich ehedem glauben, sie hörten nicht ungern auf meine Gespräche! – O ich will nicht sprechen von Liebe – das wäre eine Entweihung – ich will nur Minuten, nur lichte gaukelnde Secunden aus der Vergangenheit zurückrufen, in denen wir nicht ahnten, daß wir uns dereinst so gegenüberstehen würden! Und uun, welche Kluft hat sich aufgerissen, welche entsetzliche Verwandlung ist vorgegangen!«

»Wer hat sich dessen anzuklagen?« fragte gleichgiltig Herta.

Magnus that hastig einige Schritte rückwärts. »O Gott sei Dank, doch ein Wort, ein Laut, der mich lehrte, daß jene Bilder noch nicht gänzlich in der Seele verwischt sind! – Herta, angebetetes Mädchen, Engel, wegen dessen Verlust [94] ich gefrevelt habe, für den ich litt, wie Wenige gelitten, vergib mir, reiche mir Deine Hand, nimm mich auf an Deinen reinen Busen und ich will Dich ehren, wie eine Heilige!«

Und er warf sich vor ihr nieder.

»Man sieht, daß Graf Magnus die französischen Schauspieler in Berlin nicht ohne Nutzen gesehen hat.«

Dem Grafen stieg das Blut in den Kopf, seine Stimme zitterte, wie sein ganzer Körper.

»Herta,« keuchte er, »keinen Hohn, ich bitte um Deines ewigen Heiles willen! Es ist keine Lüge, es ist Wahrheit, quälende, mich aufreibende Wahrheit, ich liebe Dich, liebe Dich bis zur Raserei!«

»Wenn Sie jetzt wirklich, vielleicht zum ersten Male in Ihrem Leben die Wahrheit reden sollten, Herr Graf,« erwiederte Herta mit vornehmer Ruhe, kalt, aber nicht verletzend, »so muß ich Ihnen, wie ich dies immer gethan zu haben mich entsinne, ebenfalls die volle lautere einfache Wahrheit sagen. Ich liebe Sie nicht, aber ich interessirte mich für Sie, weil ich das Eigenthümliche in Ihrem Charakter, Ihre großen Vorzüge und Anlagen unter einem wüsten [95] Trümmerfeld gemeiner Schwächen achtete. Mit solchem Auge sah ich Sie kommen und gehen, bis Sie mich jetzt so unritterlich überfielen. Ich habe es Ihnen bereits gesagt, und nur Sie haben es dahin gebracht – jetzt folgt Ihnen meine Verachtung! – Wir können uns nichts mehr sein und würde auch diese feindselige Trennung, die ich jetzt so ruhig ausspreche, mein Unglück auf Erden!«

Magnus war inzwischen wieder aufgestanden. »Ein so hartes Urtheil aus so schönem Munde ist sehr niederschlagend,« sagte er tonlos. »Ich sehe, daß ich zu viel gewagt, zu viel verloren habe, um noch etwas zu gewinnen. So füge ich mich denn in mein Schicksal. – Aber nach dem Feste –«

»Werde ich Wort halten,« sagte Herta kühl und entschlossen.

»Dann bleibt es also bei dem Rencontre?«

Herta gab ihre Zustimmung durch Kopfnicken zu erkennen und Magnus schlich unbemerkt in sein Zimmer zurück.

5. Kapitel
[96] Fünftes Kapitel.
Das Gericht.

Weder Magnus noch Herta schliefen in dieser Nacht. Jenen folterte gekränkte Eitelkeit und Durst nach Rache, diese entwarf menschenfreundliche Pläne zum Besten des armen leidenden Volkes und ließ ihre Gedanken in die Zukunft hinüberschweifen, wo ihren aufgeregten Sinnen und ihrer entzückten Phantasie das strahlende Bild einer Welt erschien, in der alle Menschen gleichermaßen in Glück und Freiheit schwelgten.

Die Drohungen ihres entarteten Vetters schreckten das muthige Mädchen nicht, denn sie lebte des festen Glaubens, daß Lug und Trug an dem silbernen Schilde der Wahrheit zerschellen müßten. Das angedrohte Rencontre vergaß [97] sie sogar vollständig, weil sie es durchaus nicht für möglich hielt, daß ein ehrenwerther Mann im Ernst einem Weibe solche Zumuthungen machen könne. Auch kannte Herta den abenteuerlichen Charakter ihres Vetters hinlänglich, um in seinem Vorschlage eben nichts als einen neuen romanesken Auswuchs seiner mittelalterlichen Ritterlichkeit zu erblicken. Hätte sie wirklich an Ausführung der Drohung glauben können, dann würde die gegen ihre schöne Brust gerichtete Mündung eines Pistols wahrscheinlich alle schelmischen Träumereien aus ihrer Seele verscheucht haben.

Am andern Morgen gab Herta dem fragenden Clemens zusagende Antwort und bestellte ihn mit seiner Geliebten am Tage nach dem Feste wieder aufs Schloß. – Da in der Zwischenzeit nichts Bedeutendes sich zutrug, übergehen wir dieselbe mit Stillschweigen. –

Zur festgesetzten Zeit wurden ihr am Tage nach Ostern die Wenden gemeldet und Herta ließ ihre Schutzbefohlene sogleich vor. Sie ward überrascht von der verschämten Lieblichkeit Haideröschens und konnte jetzt wohl begreifen, daß diese frische, naive Mädchenknospe die Sinne [98] ihres lockeren Vetters hatte bestricken und in Flammen setzen können.

Die Wendin hatte ihren besten Staat aufgelegt, der in jener einfachen Kleidung bestand, die wir schon früher beschrieben haben. Eine dichte Reihe goldener krauser Löckchen drang unter dem sauber geglätteten leinenen Spitzenhäubchen hervor und umsäumte die klare Stirn des lieblichen Kindes mit einer reizenden Glorie. Schüchtern und von Dankgefühl durchdrungen, warf sich Haideröschen vor Herta auf die Knie und stammelte unter Freudenthränen:

»Dank, tausend Dank, gütige Herrin, für so viel Gnade!«

»Steh' auf, mein Kind!« sagte Herta, der Wendin liebreich beide Hände reichend. »Umarme mich und betrachte mich wie eine Schwester. Auch mir nagt mancher Kummer am Herzen und die Bekümmerten sollen einander ja suchen, trösten und aufrichten. – Arme Kleine, wie Du zitterst! Wie Dein Herz schlägt! Bist Du allein gekommen oder hat Dich Dein Bräutigam begleitet?«

Bei dem Worte »Bräutigam« erröthete Haideröschen bis an die Stirn. Sie schlug die Augen [99] nieder und versetzte: »Wir sind noch nicht verlobt, gnädiges Fräulein, aber Clemens hat mir gesagt, daß er kein anderes Mädchen, als mich, zur Frau nehmen will.«

»Gewiß, so soll es geschehen! Ist Clemens im Schlosse?«

»Clemens, mein armer Vater und auch mein Pathe Ehrhold. Sie ließen sich nicht zurückhalten und warten draußen, um Ihnen für so viele unverdiente Gnade recht von Herzen zu danken.«

»Das ist mir lieb, arme Kleine, denn ich glaube, wir werden ihrer in Kurzem bedürfen. Dein Widersacher ist nämlich hier erschienen und hat Dich bei seinem Vater verklagt.«

»Graf Magnus?« rief Haideröschen erbleichend aus.

»Ja, gutes Mädchen, er selbst. Aber fürchte Dich nicht so, er kann Dir heut kein Leid zufügen. Sein Vater, der gerechtigkeitliebende Graf Erasmus und Dein eigentlicher Gebieter, hat mir zugesagt, Dich zu schützen. Du stehst also unter seiner Obhut, und wenn Du mir offen und wahrheitsgetreu den Vorgang mit dem bösen [100] Grafen Magnus erzählst, so kann Dir Niemand ein Haar krümmen.«

»Muß ich denn meinen Todfeind sehen?« fragte Haideröschen.

»Nicht blos sehen wirst Du ihn, Du mußt ihn auch als Deinen Verführer bezeichnen und genau Alles, was er Dir vorgespiegelt hat, im Beisein des alten Grafen erzählen.«

»Ach Gott, das kann ich ja nicht!«

»Warum nicht, mein liebes Röschen?«

»Das würde ja dem Herrn Grafen zur Unehre gereichen.«

»Eben deßhalb mußt Du es Wort für Wort erzählen. Der Elende soll entlarvt werden vor denen, die er beleidigt hat. Die armen Unterthanen sollen erfahren, daß er ein harter Tyrann, ein schlechter Mensch ist und daß, wenn er sich nicht bessert, ihm Niemand Gehorsam zu leisten braucht.«

»Wenn er seinen stechenden Blick auf mich richtet, vermag ich nicht zu reden.«

»Es wird schon gehen, gutes Röschen, nur Muth! Graf Erasmus will Dir wohl, Du bist von diesem Augenblicke an in meinen Diensten und darfst meinen Schutz in Anspruch nehmen. [101] Mit ein wenig Selbstvertrauen wird Alles zu Deinem Gunsten sich entscheiden.«

Niedergeschlagen neigte die Wendin ihr Köpfchen und weinte, daß die hellen Thränen über ihre Wangen herabliefen. Herta ließ inzwischen die Ankunft Röschens und ihrer Angehörigen dem Grafen anzeigen und um dessen fernere Befehle bitten. Bevor Antwort auf diese Anfrage erfolgt, wenden wir uns auf einige Minuten zu Magnus.

Der geneigte Leser erinnert sich aus dem vorigen Kapitel, daß die Zimmer des jungen Grafen, der ein seltener Gast im alten Schlosse war, in beträchtlicher Entfernung von den übrigen bewohnten Gemächern lagen und nur durch vielfach in einander laufende und sich kreuzende Corridore mit diesen in Verbindung standen. Eine Menge schmaler Treppen und finsterer Gänge, wie man sie in allen alten Feudalschlössern findet, fehlten auch auf Boberstein nicht und machten es dem, der sie genau kannte, leicht möglich, das ganze Schloß in seiner großen Ausdehnung von einem Flügel zum andern zu durchwandern. Magnus, in Boberstein erzogen, besaß diese Kenntniß, da er als Knabe die abgelegensten [102] Verstecke, die finstersten Treppen und geheimsten Thüren zu seinen Spielen aufgesucht und benutzt hatte. Wir erwähnen dies hier, weil es für unsere Erzählung alsbald von Bedeutung sein wird.

Der junge Graf hatte den größten Theil der Nacht in heftiger Aufregung verlebt, nicht aus Furcht vor dem nächsten Tage, der ihm eine Demüthigung prophezeite, die seinen Stolz tödtlich zu verwunden drohte, sondern von Gedanken gepeinigt, von Plänen und Entwürfen gefoltert, die er bei sich erwog und wieder verwarf. Er hatte einen Entschluß gefaßt, der ihn vor wilder Freude zittern machte, von dem er sich unaussprechlichen Genuß versprach, nur über die Art und Weise der Ausführung desselben war er mit sich noch nicht vollkommen im Klaren. Es war dazu nöthig, daß er vorerst, wie er dies als Knabe fast täglich gethan hatte, alle Verbindungsgänge des alten Schlosses genau wieder untersuchte und sich mit Schloß und Riegel so vieler nie geöffneter Thüren abermals bekannt machte. Denn um seinen Zweck zu erreichen, mußte jedes Hinderniß bei Zeiten entfernt werden.

[103] So schlich nun Magnus in der Nacht, welche dem Gerichtstage vorherging, als die tiefe Stille ihm sagte, daß alle Diener im Schlosse zur Ruhe gegangen seien, leise aus seinem entlegenen Zimmer. Er glich einem feigen Mörder, wie er das Licht mit vorgehaltener Hand schirmend, den blanken Hirschfänger unterm Arm, gebückt, mit falschem, funkelnden Auge, das bleiche Antlitz von dem schwarzseidenen Tuche umrahmt, die knisternden Stiegen auf und nieder wandelte, Thüren öffnete, die mit grauen Spinngeweben vergittert waren, und deren Bewohner, vom plötzlichen Lichtschein erschreckt, in schnellem Laufe nach allen Seiten hin auseinander stoben. Einige Thüren fand er geschlossen. Vor diesen blieb er lange stehen, während seine Hand die Thürschlösser prüfend untersuchte. Ueber dieser Nachtwanderung verstrich mehr als eine Stunde. Magnus hatte sie gegen eilf Uhr begonnen, und als die Schloßschelle dumpf dröhnend Mitternacht schlug, kehrte der finstere, entschlossene junge Mann eben zurück. Das lange schrille Austönen der Glocke machte ihn stehen bleiben. Ein dünner Luftzug, der von rechts durch eine schmale hohe Thür hereinblies [104] und die Flamme des Lichts niederwärts krümmte, erregte seine Aufmerksamkeit. Er stellte den Leuchter in eine Mauerblende zur Seite, drückte gegen die Pforte und öffnete sie. Der dunkle Nachthimmel mit seinen flimmernden Sternen fiel herein in den düstern Gang und übergoß mit weichem Glanz die dämonischen Züge des Grafen.

Magnus trat hinaus auf die Zinne des Schlosses, die rund um die weitläufige Burg lief und von einer ziemlich hohen Brustwehr geschirmt war. Unter ihm lag der See, schwarz und still, nur erleuchtet von den Sternbildern, die sich in ihm spiegelten. Darüber in unabsehbarer Ausdehnung dunkelte die Haide. Ein geisterhaftes Rauschen klang von ihr herüber und bewegte leis die dunklen Kronen ihrer Millionen Bäume. Hie und da schoß eine Sternschnuppe nieder, bei deren dunstigem Leuchten fern und nah grauweiße Rauchsäulen über dem endlosen Baummeere sichtbar wurden, die sich erst hoch in der Luft ausbreiteten und dann wie zartes Piniengeäst majestätisch in den Nachthimmel hinaufwuchsen. Von Zeit zu Zeit dröhnte ein dumpfes Krachen aus der Haide und erstarb in matten Echolauten. [105] Dann kreischten Uhu und anderes Gevögel laut auf und schwarzes Gefieder ward momentan sichtbar über den zitternden Wipfeln.

Graf Magnus ließ sein brennendes Auge bald auf dem See, bald auf dem schwarzen Saum der Haide ruhen, indem er langsam nach einem der vier Eckthürme ging, die mit ihrem braunen Mauerwerk weithin die Haide überragten. Bei jedem dieser Thürme wand sich in das Gestein gesprengt eine schmale Treppe bis auf die Felsen der Insel hinab, wo sie mit den tiefen Verließen und Kellern des Schlosses in Verbindung stand. Von Außen konnte auch das schärfste Auge diese Felsenstiege nicht entdecken, was in früher vorgekommenen Befehdungsfällen für die Bewohner der alten Burg sich als höchst vortheilhaft erwiesen hatte. Jetzt hatte Niemand mehr Acht auf diese feudalistisch-praktische Befestigungsart. Die Stufen waren zum Theil zerbröckelt und der ganze beschwerliche Weg nur mit einiger Anstrengung noch gangbar.

Magnus beschlich das Gelüst, auch diese Treppe wieder einmal zu betreten. Als er aber den Fuß auf die erste Stufe setzte, zitterte die Melodie eines Gesanges von der Haide herüber. [106] Er blieb stehen. Die Worte konnte er nicht vernehmen, allein Ton und Weise des Gesanges sagten ihm, daß ein später Wanderer eines jener zahllosen wendischen Lieder singe, die unter dem Namen »Feldlieder« bekannt sind und vom Volke bei der Arbeit auf Feld und Wiese erst gedichtet, dann nach selbst dazu erfundener Melodie gesungen werden. Der nächtliche Sänger hatte eine kräftige, klangreiche Tenorstimme, die mit dem heiligen Rauschen der Wälder eigenthümlich harmonirte. Nach einigen Minuten verhallte der Gesang in der Ferne und die vorige tiefe Ruhe trat wieder ein.

Den jungen Grafen überfiel plötzlich ein Frösteln. Er schauerte in sich selbst zusammen, und obwohl er von Natur durchaus nicht furchtsam war, kam es ihm auf der öden Zinne seines Stammschlosses jetzt doch unheimlich vor. Es war ihm, als habe der Schutzgeist der uralten Thürme und Giebel seine Stimme erschallen lassen und als fühle er noch seine unsichtbare Nähe. Schneller, als zuvor, ging Magnus zurück, schloß mit einiger Hast die Luckenthür und kam, in kalten Schweiß gebadet, auf seinem Zimmer an. Hier ging er noch lange auf und nieder, ehe er [107] sich ruhig genug fühlte, um sich den schirmenden Armen des Schlafes anvertrauen zu können.

Am nächsten Morgen erweckte ihn Hundegebell. Als er in den Schloßhof hinabsah, bemerkte er Haideröschen inmitten ihrer nächsten Anverwandten. Dieser Anblick jagte ihm das wilde Blut ins Gesicht und vergegenwärtigte ihm die vergangenen ärgerlichen Auftritte, die jetzt einen so peinlichen Ausgang verhießen.

Die Flucht der schönen Wendin von seinem Besitzthume war ihm in jeder Hinsicht verdrießlich, am meisten aber deshalb, weil es nach dem, was zwischen ihm und dem Mädchen vorgefallen war, ganz den Anschein haben mußte, als sei er ein verworfener Bösewicht. Ob ihn das Volk im Allgemeinen dafür hielt, darum kümmerte er sich nicht. Er machte überhaupt kein Geheimniß aus seinen Gelüsten. Daß er aber gerade in einer Angelegenheit, wo er sich einer bessern Absicht, wenigstens in jenem Augenblicke bewußt gewesen, als frevelhafter Verführer erscheinen mußte, dies verdroß ihn über die Maßen und erzeugte jetzt einen Haß gegen Haideröschen, wie er ihn gegen sonst Niemand empfand noch je empfunden hatte. Je mehr er sich dessen bewußt ward, desto [108] fester bildete sich in ihm ein Racheplan gegen das arme Mädchen aus, an dessen Verwirklichung er jedoch nur dann zu gehen sich gelobte, wenn seine eigene Ehre auch nur leise durch ihr Betragen gekränkt werden sollte. Dieß war indeß blos ein jesuitischer Kniff, mit dem er sein Gewissen retten wollte, in seinem geheimsten Innern war es längst fest beschlossen, die widerspänstige Leibeigene zu verderben, weil sie gewagt hatte, ihm zu widerstehen, ja ihn sogar zu verklagen und Schutz gegen ihn zu suchen.

Verächtlich ließ Magnus seine Blicke über die drei wendischen Männer gleiten, die unter dem gothischen Portal der Burgthür stehen blieben und leise mit einander sprachen, während Haideröschen allein das Innere des Schlosses betrat. Er kleidete sich gemächlich an, schellte dem Diener und befahl das Frühstück, das er mit gutem Appetit verzehrte. Er wunderte sich, daß sein pünktlicher, strenger Vater so lange auf sich warten ließ und glaubte schon, er könne sich wohl gar anders besonnen haben, als ein Bedienter ihm den Befehl des Grafen Erasmus überbrachte, sich schleunigst in die untere Schloßhalle zu verfügen. Magnus nickte vornehm mit dem [109] Kopfe beeilte sich aber keineswegs, dem erhaltenen Befehle pünktlich nachzukommen. –

Inzwischen waren die drei Wenden, Jan Sloboda, Ehrhold und Clemens, auf Erasmus Geheiß in die erwähnte Schloßhalle gerufen worden. Diese Halle lag im Erdgeschoß rechts von der Eingangspforte. Sie war gothisch gewölbt und erhielt durch drei schmale gothische Fenster mit runden erblindeten Scheiben ihr Licht. Eine große Flügelthür von gewaltigen eichenen Pfosten schied sie von der Flur. Doch war diese Thür in der Regel geöffnet, weil aus der Halle eine aus Eichenholz geschnitzte Wendeltreppe in Form eines runden Thurmes in das erste Gestock hinaufführte und dieser Aufgang zu den Zimmern des Burgherrn näher war als auf der breiten Freitreppe von Sandsteinquadern im Flur. Die Schloßhalle war mit bunten achteckigen Kacheln und Ziegeln gepflastert und an den Wänden etwa drei Ellen hoch mit einer Verschaalung von Eichenholz eingefaßt, an der sich breite Bänke hinzogen. In der Mitte stand ein großer langer Tisch, ebenfalls von Eichenholz und wie für die Ewigkeit gezimmert, und der hohen Eingangsthür gegenüber sah man an der Wand einen [110] langen über drei Fuß hohen eichenen Klotz aufgerichtet, der mehrere runde Oeffnungen hatte, die etwa vier Zoll im Durchmesser halten konnten. Dieser Klotz war der »Stock,« das gewöhnliche Werkzeug, welches die ländliche Gerechtigkeitspflege bei Bestrafung leichter Vergehen damals anzuwenden pflegte, und das Vorhandensein dieses »Stockes« in der Halle bewies, daß man dieselbe in vorkommenden Fällen stets als Gerichtszimmer benutzte.

An der einen Wand der Halle, den Fenstern gegenüber war eine Art Empore oder Gallerie angebracht, zu welcher eine Treppe führte. Auf dieser pflegten sich bei solchen Gelegenheiten, wo der Schloßherr den Richtern der ihm untergebenen Ortschaften feierlich seine Verordnungen und Befehle bekannt machte, die Mitglieder seines Hauses zu versammeln. Dasselbe fand bei Gerichtsverhandlungen statt und auch jetzt nahmen die alte Gräfin nebst Herta bereits ein paar Stühle mit geschnitzten hohen Holzlehnen ein, die zu diesem Behufe auf der Gallerie vorhanden waren.

Der Graf selbst hatte sich von seinen Dienern in die Halle hinab tragen lassen und saß [111] als Richter an dem erwähnten eichenen Tische. Rechts von ihm unweit der Thür hatte Haideröschen bleich und zitternd Platz genommen, während die Wenden und die Dienerschaft an der Schwelle zur Halle mit entblößten Häuptern standen und ehrfurchtsvoll der Eröffnungen harrten, die ihnen der Graf machen würde.

Erasmus beauftragte so eben seinen Kammerdiener, nachzusehen, wo sein Sohn bleibe, als Magnus auf der Wendeltreppe erschien und dem Anscheine nach vollkommen harmlos in die Halle hinabstieg. Er trug sein gewöhnliches grünes Jagdkleid, der kleine dreieckige blaugraue Hut saß schief auf den Locken seines frisch gepuderten Haares. Erst als er in die Halle trat, nahm er ihn ab, grüßte mit verbindlichem Lächeln nach der Gallerie hinauf und verbeugte sich dann gegen den Grafen, indem er an die schmale Seite des Tisches trat und den Fenstern den Rücken zukehrte.

»Sie haben befohlen, mein Vater,« sagte Magnus, »und aus der Bereitwilligkeit, mit welcher ich Ihren Befehlen gehorche, mögen Sie ersehen, welches Vergnügen es mir gewährt, Ihnen gefällig zu sein.«

[112] Diese Worte, obwohl lächelnd und mit Grazie gesprochen, enthielten doch einen offenbaren Hohn, denn die Versammelten hatten geraume Zeit auf den jungen Grafen warten müssen und deutlich geung die langsamen Schritte gehört und das Zögern gesehen, womit er die Treppe herunterstieg. Erasmus gab sich nicht die Mühe, seinem ungerathenen Sohne zu antworten, da er voraussah, daß ein Wortkampf daraus entstehen würde, der hier zu nichts führen konnte. Er wendete sich vielmehr sogleich an die junge Wendin und redete sie freundlich und leutselig an:

»Sage mir jetzt, mein Kind, ganz offen und ohne Scheu, wie Du heißt?«

Furchtsam stammelte Haideröschen ihren Namen, die schönen Augen fest auf die bunten Ziegeln heftend.

»Du bist ihr Vater, Jan Sloboda?« fragte Erasmus weiter.

»Ja, ja, gnädigster Herr Graf, das arme Ding ist mein liebes liebes Kind. Ihre Mutter – tröst' sie Gott – war just eben so munter und zierlich, als ich sie kennen lernte vor einem Vierteljahrhunderte.«

Der Graf winkte dem Wenden, daß er [113] schweigen solle, und kehrte sich wieder zu dem zaghaften Mädchen.

»Kennst Du diesen jungen Mann?« fragte er, auf seinen Sohn zeigend.

»Ach gewiß kenne ich ihn!« seufzte Röschen. »Es ist ja Ew. Gnaden gnädiger Herr Sohn.«

»Ich höre, Röschen Sloboda, daß Du eine Klage gegen meinen Sohn angebracht hast, ich fordere Dich auf, diese in allen ihren Einzelnheiten jetzt hier zu wiederholen.«

Purpurgluth übergoß Gesicht und Nacken der Wendin, sie blickte einige Male scheu auf nach dem Grafen, schlug aber die Augen sogleich wieder zu Boden und schwieg. Magnus, der seinen scharfen Geierblick keine Sekunde von Röschen verwendete, lächelte ironisch.

»Rede, mein Kind, der gnädige Herr Graf will es,« flüsterte ihr Sloboda zu, allein dem geängstigten Mädchen war die Zunge wie gelähmt; sie brachte nur unverständliche, stotternde Worte heraus.

»Besinne Dich und nimm Dir Zeit,« redete sie Erasmus wieder äußerst freundlich an. »Ich will Dir wohl, arme Kleine, und verspreche Dir, geschehenes Unrecht so viel wie möglich wieder [114] gut zu machen. Hat Dich Graf Magnus unwürdig behandelt?«

»Ach nein, nein, Ew. Gnaden, wie wäre das möglich!« stieß Röschen heraus, während verdoppelte Gluth ihr zartes Kindergesicht überflammte.

»Ich sagte es ja,« fiel Magnus lächelnd ein.

»Hat Dich mein Sohn nicht aus der Mitte Deiner Freunde mit Gewalt entführt?«

»Das ist freilich wahr, aber nachher sagte mir der junge gnädige Herr, daß er es gethan habe, um mir schöne Kleider machen zu lassen.«

»Und hast Du ihm verziehen?«

»Warum nicht? Er war nachher recht gütig gegen mich.«

»Aber späterhin drohte er Dir, nicht wahr, und deshalb ergriffst Du einen Leuchter, um Dich gegen ihn zu vertheidigen?«

Hier stürzte Röschen auf die Knie, erhob flehend die gefalteten Hände zu dem Grafen und rief: »Sein Sie gnädig, Herr Graf, daß ich so arg gefehlt habe! Ich wußte ja nicht, daß ich den guten jungen Herrn treffen würde. Ich fürchtete mich so sehr!«

[115] Erasmus hieß die Wendin aufstehen und betrachtete sie schweigend. »Eine andere Klage hast Du also wirklich nicht gegen den Grafen Magnus vorzubringen?« fragte er nach einer Pause.

»Gewiß und wahrhaftig nicht!«

»Sie sehen, mein Vater,« fiel Magnus ein, »daß man Ihnen unartige Mährchen erzählt hat. Es ist voll kommen wahr, was die kleine Wendin behauptet. Ich entführte sie, wenn man einen Scherz Entführung nennen will, weil ich ihr eine ihren Naturgaben angemessene Erziehung zu geben gedachte, und, ich gestehe es, weil mich der offene Widerstand verdroß, den ihre Angehörigen meiner Forderung entgegensetzten. Als Ihr Sohn und Erbe, mein Vater, glaubte ich das Recht zu besitzen, eine Ihrer Leibeigenen gleichsam leihweise mir zur Dienerin auswählen zu dürfen. Diesen Eingriff in Ihre Rechte, wenn mein Verfahren ein solcher ist, hat sie hart an mir gerächt. Die Kopfwunde, welche ich trage, zeugt noch von der dämonischen Wuth, die in ihr kochte, und von der aufsätzigen Gesinnung, die seit einiger Zeit unter Ihren Knechten, mein Vater, sich geltend macht. Gern wollte ich der kleinen [116] schönen Sünderin ihr Unrecht gegen mich verzeihen, forderten nicht Gesetz und Recht, daß man ihr Verfahren bestrafe. Ein Leibeigener, der frevelnd seine Hand gegen den Herrn erhebt, darf nicht frei ausgehen, wenn ähnliche Verbrechen in Zukunft unterbleiben sollen. Aus keinem andern Grunde trage ich auf exemplarische Bestrafung des Mädchens an.«

Erasmus ward durch das furchtsame Schweigen der Wendin in nicht geringe Verlegenheit gesetzt, da es nicht nur nicht in seiner Macht stand, Haideröschen freizusprechen, sobald sie sich selbst schuldig bekannte, sondern ihm auch alle Aussicht sich als milden Gebieter seiner Unterthanen und als strengen Richter gegen sein eigenes Haus zu zeigen, damit gänzlich abgeschnitten ward. Er hatte grade auf das Gerechtigkeitsgefühl und die Naivetät des unverdorbenen Mädchens am meisten gehofft, und darauf hin allein diesen öffentlichen Weg eingeschlagen, und nun sah er seinen wohl überlegten Plan an der Schüchternheit und Herzensgüte der Wendin scheitern. Rechnen wir noch dazu, daß ihm die Richtigkeit der Bemerkungen seines Sohnes einleuchtete, und daß er, obwohl grade, bieder und durchaus rechtlich gesinnt, [117] keineswegs offenem Umsturze des Bestehenden und rohem Aufstande das Wort reden wollte, so blieb ihm nichts übrig, als sich den Umständen zu fügen und Haideröschen für ihr Vergehen wirklich zu bestrafen, obwohl dasselbe nur die allergerechteste Nothwehr gewesen war.

»Besinne Dich wohl, Röschen,« nahm er nach einiger Zeit wieder das Wort .. »Bist Du hart und unehrerbietig von diesem jungen Mann behandelt worden, so sage es mir. Es soll Dir Niemand ein Haar krümmen bei meinem gräflichen Wort!«

Allein auch auf diese nochmalige dringende und in väterlich bittendem Tone an die Wendin gerichtete Aufforderung schüttelte Haideröschen den Kopf, indem sie unter rinnenden Thränen sprach: »Seine Gnaden haben mich behandelt, wie eine Magd, nicht anders, aber ich fürchtete mich vor seiner flehenden Miene. und darum schlug ich ihn.«

Magnus triumphirte. Sein glänzendes Auge begegnete dem Blick seiner Mutter, die neben Herta auf der Gallerie saß und mit stolzer Verachtung auf die demüthigen Wenden hinabsah.

Ein vergnügtes Lächeln ging über ihr Gesicht und[118] grüßend erhob sie graziös die Hand mit dem Fächer, der häufig von ihr auf- und zugeklappt wurde.

»Es thut mir leid, mein Kind,« versetzte Graf Erasmus nach diesem Geständnisse des geängstigten Mädchens mit sichtbarem Verdruß, »daß ich Dir eine gelinde Strafe für das gewaltthätige Benehmen gegen meinen Sohn zuerkennen muß. Deine Jugend, Deine Unerfahrenheit und die offenbar ungewohnte Lage, in welcher Du Dich befunden, mildern mein Urtheil, das nach dem Buchstaben des Gesetzes weit härter lauten würde. Meine Frohnknechte werden Dich eine Stunde in den Stock legen, diese Strafe durch Anschlag an dem Burgthore und in Deinem Geburtsorte bekannt machen und Jedem freien Zutritt gestatten, der Dich in dieser demüthigen Lage sehen will.«

Bei diesem Urtheilsspruche stieß Herta einen lauten Schrei aus und fiel entkräftet Gräfin Utta auf die Schulter. Entrüstet über ihre empfindsame Nichte, rief die stolze Frau die Zofen herbei, um die Ohnmächtige deren Pflege zu übergeben.

[119] Zugleich trat Magnus seinem Vater einen Schritt näher.

»Wie,« sagte er, »eine Stunde im Stock soll die Strafe für diese freche Dirne sein, die mir den Hirnschädel mit dem gewichtigen Leuchter zerschmettern konnte? Ich protestire gegen diesen Spruch, mein Vater, im Namen aller Edlen, die sich in mir entehrt sehen. Den Pranger hat das ungehorsame Geschöpf verdient und eine Tracht Ruthenstreiche auf den entblößten Sclavenrücken unter Zusammenruf aller Leibeigenen auf dem Schloßhofe! Ich trage darauf an und erwarte, mein Vater, daß Sie meine Gründe berücksichtigen werden.«

Ruhig versetzte dagegen Erasmus: »Mein Urtheilsspruch bleibt in Kraft. Ich habe ihn gefällt nach reiflicher Ueberlegung und wünsche, daß Du die geheimen Beweggründe, die mich dazu veranlassen, Dir selbst sagst, damit ich mich nicht genöthigt sehe, sie Dir einzeln hier vor diesen Leuten ins Gedächtniß zu rufen. – Frohnknechte, vollzieht das Urtheil und legt die Wendin in den Stock!«

Bleich vor Zorn und mit zitternden Lippen trat Magnus zurück. Zugleich ergriffen zwei [120] Knechte des Grafen das schlanke Mädchen und führten es zu dem Eichenblocke, der an der Wand der Halle stand. Haideröschen folgte willig und schweigend wie ein Lamm, das man zur Schlachtbank schleppt. Nur die häufigen Thränen, die in schmalen Silberbächen über die mattrothen Wangen herabrieselten, zeugten von dem Kummer ihres Herzens, von der Schaam, die sie verzehrte. Denn im Stocke gelegen zu haben, war eine Schmach für Jeden, zumeist für ein junges Mädchen, das im Begriff stand, einem ehrlichen Burschen ihre Hand als Gattin zu reichen. Sie sah jetzt ihr ganzes kleines Glück zertrümmert, ihre Zukunft, die sie sich in rührender Genügsamkeit so freundlich ausgemalt hatte, für immer verdüstert. Kein ehrlicher Wende, glaubte sie, würde ihr jetzt einen Tanz mehr antragen, Clemens werde sie verlassen, sie fliehen, wie eine Aussätzige, und jedes Schutzes bar werde sie in die Schlingen des boshaften Blauhuts fallen, der sich, wie sie deutlich durch ihre Thränen bemerkte, an ihrem Jammer weidete.

Sie mußte sich Schuhe und Strümpfe ausziehen, während die Knechte den schweren Block abhoben. Dann nöthigte man das geduldige [121] Kind auf den kältenden Ziegelboden niederzusitzen und die zartgeformten Füße bis über die alabasterweißen Knöchel in die Löcher des Eichenpfostens zu legen, worauf die Knechte die abgenommene Hälfte des Blockes wieder aufsetzten, mit starken Klammern an den untern Klotz anschlossen und die arme kleine Wendin unbarmherzig zwischen beide Klötze einklammerten. Haideröschen ward durch diese Strafe in eine höchst unbequeme Lage versetzt. Da sie nur von mittlerer Frauengröße, der untere Theil des Stockes aber bis zu den Oeffnungen fast eine halbe Elle vom Fußboden erhoben war, konnte sie sich nur mit großer Anstrengung aufrecht erhalten. Doch würde sie dies mit Geduld ertragen haben, da ihre Seele tausendmal mehr litt, als ihr Körper, daß aber durch diese Stellung ihre jungfräulichen Glieder bis an die Knie entblößt wurden und daß die lüsternen Blicke des schadenfrohen Grafen Magnus an ihren enthüllten schönen Formen sich ungestraft weiden durften, das preßte ihr Herz zusammen und raubte ihr beinahe alle Besinnung.

Sobald die Straffällige in den Stock gelegt war, ließ sich Erasmus zurück in sein Zimmer [122] tragen. Man sah es ihm an, daß er diesen Ausgang nicht erwartet hatte und sehr unzufrieden mit der Wendung war, die die ganze Angelegenheit genommen. Er zürnte sogar der kleinen Wendin, die ihre eigene Schüchternheit gegen seinen Willen so hart büßen mußte. Darum sah er sich auch weder nach ihr noch ihren Begleitern um, die mit entblößten Häuptern, den Riemen der Knechtschaft um die Stirn gewunden, lautlos auf der Schwelle standen und mit Betrübniß das weinende Mädchen im Stocke betrachteten. Glücklicherweise fanden sich außer der zahlreichen Dienerschaft des Grafen keine Neugierigen ein, um die Bestrafte anzuglotzen oder wohl gar zu verhöhnen. Nur Magnus blieb in der Halle und wanderte eine volle Stunde mit verschränkten Armen an Haideröschen auf und nieder, eben so begehrliche als wüthende Blicke auf sie heftend. Die Unglückliche fühlte die Gluth seiner bösen Augen, obwohl sie nicht zu ihm aufzublicken wagte, und weil sie ahnte, daß ihre Erniedrigung ihn ergetzte und die nackten Glieder seinem Herzen ein Labsal seien, that sie sich die entsetzliche Gewalt an, eine volle Stunde ohne die geringste Bewegung in derselben qualvollen Stellung zu verharren. [123] Man würde sie für todt gehalten haben, wäre nicht in bald längeren bald kürzern Pausen ihrer Brust ein schwerer Seufzer entschlüpft und hätte man nicht das heftige fieberhafte Klopfen des züchtig verhüllten jungen Busens gesehen.

Die Stunde dünkte Haideröschen allerdings eine Ewigkeit, indeß sie verging und mit einem unbeschreiblichen Wonnegefühl sah sie die Knechte wieder nahen und sie aus dem Blocke erlösen. Als sie sich aufrichtete, traf ihr scheues Auge wie ein Weheruf den jungen Grafen, der mit seinem kalten, festen Lächeln in den dämonisch schönen Zügen vor ihr stand und sich höflich verbeugte. Zu ihrem unsagbaren Erstaunen reichte ihr Blauhut die Hand und sagte:

»Jetzt Versöhnung, liebes Röschen! Ich trage keinen Groll mehr gegen Dich in mir. Du hast gebüßt, das genügt mir. Von heut an bin ich wieder Dein gnädiger, gütiger, Dir wohlwollender Herr!«

Haideröschen war sprachlos vor Erstaunen. Magnus mußte ihr seine Hand aufdringen, was sie zwar geschehen ließ, doch ohne den sanften Druck zu erwiedern, den sie fühlte. Selbst auf [124] den Gruß, mit dem er von ihr ging, zu danken, vergaß sie vor Verwunderung und Entsetzen.

Dagegen jauchzte sie innerlich auf vor Frende, und süße, fromme Klänge, wie heiliges Glockengeläut, das zur Kirche rief, ging durch ihre Seele, als sie jetzt eine Hand sich sanft auf ihre Schulter legen fühlte und beim Umwenden ihr noch von Thränen feuchtes Auge auf das gutmüthige Gesicht des Geliebten fiel, der, sie sanft rüttelnd, ausrief: »Arme Röse, nun hast Du's überstanden und bist wieder mein!«

Sie warf sich jubelnd an die breite Brust des jungen Wenden, und ohne daß er sie darum bat, drückte sie die heißen vor Schmerz und Wonne bebenden Lippen an seinen Mund. Dann fiel sie wieder in ein stilles Weinen. Clemens ließ sie gewähren und strich nur manchmal mit seiner flachen harten Hand über die duftigen Löckchen ihrer blüthenweißen Stirn.

Nachdem sich Haideröschen an der Brust des Geliebten ausgeweint hatte, bemerkte sie erst, daß sie barfuß auf den kalten Ziegeln der Halle stand. Schnell bückte sich das arme Kind, raffte die blauen Zwickelstrümpfe mit sammt den blanken [125] Bänderschuhen auf und lief der Thüre zu, wo ihr Vater und Ehrhold lehn ten. Treuherzig reichte sie beiden Männern die Hand und bat sie flehentlich, sie möchten ihr die Schande nicht entgelten lassen, die sie unwillkürlich über ihre Angehörigen gebracht habe. Es hätte jedoch solcher Bitte nicht bedurft, denn den beiden ernsten Männern war es nie eingefallen, das arme Mädchen anzuklagen. Jan zog sie an sich und küßte sie auf die Stirn und Ehrhold nahm ihre kleine Hand und legte sie in die seines Sohnes, um der Zweifelnden durch die That zu beweisen, daß er sie gern und freudig als Tochter begrüßen wollte.

Beruhigt setzte sich nun Haideröschen auf die Holzbank, womit die Wände rundum bekleidet waren, und beeilte sich, die frierenden Füßchen mit Strümpfen und Schuhen wieder zu bekleiden. Noch damit beschäftigt, sagte sie zu ihrem Vater:

»Nicht wahr, ich darf wieder mit Euch heimgehen? Denn das liebe gnädige Fräulein wird mich jetzt, nun ich eine solche Strafe habe erleiden müssen, nicht mehr um sich sehen mögen.«

[126] »Ich werde Dich in der Haide verbergen, mein Kind,« versetzte Sloboda.

»Und Clemens sieht schon darauf daß mir der junge Herr nicht wieder nachstellt,« meinte Haideröschen lächelnd.

»Warum läßt unser Herrgott solche Menschen leben, und die besten, die frömmsten, die gütigsten sterben hin wie Mücken! Da kräht kein Hahn drüber.«

»Nach Regen folgt Sonnenschein, Jan! Laß uns hoffen und stark bleiben!« sagte Ehrhold.

Haideröschen hatte die Schuhe angezogen und strich die üppig vorquellenden goldenen Haare unter das reine Linnenhäubchen zurück.

»Nun da können wir aufbrechen, denk' ich,« sagte sie mit einem Anfluge von Munterkeit. »Ein Frühstück setzt uns die Herrschaft schwerlich vor.«

Jan schlang den Arm um den Nacken seiner Tochter und sah ihr still in die großen hellen Kinderaugen.

»Gott erhalte mir nur Dich!« sagte er gerührt. [127] »Ich wüßte nicht, was ich thäte, wenn Du mir genommen oder verführt würdest! Alles Andere, allen Kummer, Noth und Elend und Druck will ich ertragen, aber Dich, mein süßes, duftendes Veilchen, das einzige Erbe meines guten Weibes, Dich kann ich nicht entbehren, ohne den Verstand zu verlieren.«

Sloboda überschritt die Schwelle der Halle und wollte eben die wenigen Stufen hinabsteigen, die in die geräumige Flur der Burg führten. Da hörte er laut den Namen seiner Tochter von einem Bedienten hinter sich rufen, der eilenden Laufes die eichene Wendeltreppe herab stürmte. Die Wenden blieben stehen.

»Was befiehlt der gnädige Herr Graf?« fragte Clemens.

»Fräulein Herta will Röschen Sloboda sprechen.«

Die Augen des Mädchens glänzten vor Freude und Dank. »O sie ist gut!« rief sie aus, ihre Hände faltend. »Ihr dürfen wir und Alle, die unglücklich sind, vertrauen. Wartet auf mich, bis ich zurückkomme oder Euch Antwort sagen lasse.«

[128] Sloboda nickte beistimmend und Haideröschen stieg gesenkten Hauptes, fromme Wünsche für das gute Fräulein in sich tragend, hinter dem Bedienten die Wendeltreppe in das alte Schloß hinauf.

6. Kapitel
[129] Sechstes Kapitel.
Ein Bubenstück.

Der großen Schloßhalle gegenüber, in welcher Haideröschen die schmählige Strafe erlitten hatte, lag die Wohnung des Kastellans. Ein gewölbter finsterer Gang, der für Unbekannte auch bei hellstem Sonnenschein nur mit einer Leuchte zu finden war, führte in den zweiten Flügel des Schlosses, wo Magnus seine Zimmer hatte. Diesen Gang benutzte der Kastellan, wenn ihm sein Amt in diesem Theile des Schlosses etwas zu thun gab. Magnus kannte diese Verbindung sehr genau und stand von früherer Zeit her mit dem alten Haspel, wie der Kastellan hieß, auf leidlich gutem Fuße, obwohl neuerdings der grade Sinn des Alten sich gegen die Lasterhaftigkeit des reichen jungen Herrn auflehnte.

[130] Eine Stunde nach der Strafscene begab sich Magnus durch den erwähnten Gang in Haspels Wohnung. Er fand sie leer. Hatte er dies auch nicht erwartet, so freute er sich doch darüber, denn zu seinem Geschäft, das er mit Haspel abmachen wollte, war Einsamkeit weit vortheilhafter. Er hätte lügen müssen, wenn er im Falle der Anwesenheit des Kastellans seinen Zweck erreichen wollte, und dies fiel ihm gerade jetzt etwas schwer.

Horchend blieb der junge Mann einige Secunden lang an der Thür stehen, bis er sich überzeugt halten konnte, daß ihn Niemand sehe, Niemand höre. Dann schlich er quer über die Stube bis an den bunten Kachelofen, der zur Hälfte in die Mauer eingeschoben war, damit er noch ein kleineres Gemach, wo die Diener hausten, zugleich mit erwärme. In einem an den Ofen stoßenden und etwas gegen die Thür vorspringenden Pfeiler war ein starker Haken angebracht. An diesem hing ein gewaltiges Schlüsselbund mit vielen blanken und verschiedenen verrosteten großen und kleinen Schlüsseln. Magnus griff danach und hob es behutsam, damit es nicht klirre, von dem Hacken. Wieder zauderte und [131] horchte er, aber es blieb draußen im Flur wie auf dem Hofraum und im Zimmer der Diener mäuschenstill.

Nun setzte sich der Graf auf den alten mit brüchigem Leder überzogenen Lehnstuhl am Ofen, legte sanft das Schlüsselbund auf seinen Schooß, drehte die Schraube auf, welche den eisernen Reif zusammenhielt, und bog diesen auf halbe Zollweite auseinander. Dann ließ er prüfend die Schlüssel durch seine Finger laufen und wählte drei der rostigsten aus, zwei größere und einen kleinen, die er dem Reif entnahm. Sobald dies mit größter Vorsicht geschehen war, schloß er den Reif wieder mit der Schraube, hing das Bund an den Haken, versteckte sorgfältig seinen Raub und verließ das Zimmer des Kastellans auf demselben Wege, den er gekommen war. Kaum hatte sich die Gangthür hinter ihm geschlossen, so trat Haspel ein. Nichts ließ errathen, daß vor wenig Secunden sein junger Gebieter sich in der Kunst des Stehlens mit so vielversprechendem Erfolge geübt hatte.

In seine Zimmer zurückgekehrt, verschloß Magnus die Thür, legte die drei entwendeten Schlüssel vor sich hin und betrachtete sie lange [132] mit Blicken, in denen eine satanische Freudenflamme zuckte. Dann nahm er gelassen den Riemen seines Hirschfängers und säuberte sie von den ärgsten Roßflecken, worauf er sie wieder zu sich steckte. Die Schloßschelle schlug eben die eilfte Morgenstunde, als er damit fertig war.

Magnus öffnete das Fenster und sah hinab auf den Schloßhof, über dem sich fröhlich zwitschernde Schwalben in dem blauen Luftzelt auf und niederschwangen, das in sonniger Durchsichtigkeit auf den grauen Zinnen der Burg ruhte. Die drei Wenden traten aus der Schloßhalle, ihre Hüte in den Händen, ehrfurchtsvoll den Worten lauschend, die Herta's zierlich gekleidete Dienerin zu ihnen sprach. Dies machte den Grafen stutzig und spannte seine Neugier. Das hübsche Mädchen sprach laut genug, um über den ganzen Schloßhof gehört zu werden.

»Es jst der Wille des gnädigen Fräuleins und unseres guten Herrn Grafen,« sagte Emma, »und da fügt Euch nur immer darein. Es wird einmal nicht anders!«

»Wer möchte dies auch wollen, gutes Kind,« versetzte Sloboda. »Ich sage ja bloß, daß ich es nicht begreifen kann. Wundert Euch nicht darüber, [133] meine Gute. Wir armen Ungkücklichen, wir finden uns eher zurecht in schwerem Jammer, als in dürftiger Freude. Das kleinste Glück bringt uns gleich aus dem Häuschen. Und wenn ich bedenke, was mein süßes kleines Herzblättchen, mein Röschen, so eben hat ausstehen müssen – so vor allen Leuten – vor Hoch und Niedrig – und ich höre nun, daß das gnädige Fräulein sie trotzdem umarmt und geküßt und mit ihr geweint hat über die Strafe, und daß sie von Stund an bei ihr Dienst, Brod und Schutz finden soll – seht, da schwindelt's mir vor den Augen und ich kann's nur mit Mühe fassen.«

»Fräulein Herta thut nichts halb, mein Lieber,« entgegnete mit sichtbarem Stolz die Zofe. »Das müßtet Ihr doch eigentlich schon wissen, wenn Ihr Augen und Ohren hättet. Darum läßt sie Euch sagen, es sei Euch erlaubt, Eure Tochter zu jeder Stunde zu sehen. So oft Ihr wollt, könnt Ihr in's Schloß kommen, so lange, bis Alles wegen der Heirath Röschens, die der Herr Graf in Gnaden und gegen Erlegung der üblichen Loskaufskosten genehmigt, in Richtigkeit gebracht sein wird.«

»Tausend Dank! Tausend Dank!« stammelte [134] Sloboda gerührt, beide Hände des niedlichen Mädchens im Eifer seiner Erregung heftig drückend. Mit einem Ausdruck schmerzlichen Unbehagens entzog diese sich dem riesigen Wenden.

»Schon gut,« sagte sie, »ich thue so 'was gern umsonst.«

»Ach,« fiel Clemens ein, »sagt doch auch dem gnädigen Fräulein viele tausend Segensgrüße von mir, und ich würde für sie beten bei Wachens- und Schlafenszeit und so viel Sterne flimmerten nicht auf der Milchstraße des Himmels, als gute Gedanken für sie in meinem armen Herzen leuchteten und glänzend über sie aufgingen, wie Gestirne an einem hellen Winterabend, und ich ließe sie um alles in der Welt bitten, sie möchte mich nur noch ein außereinziges Mal ihr mildthätiges Segenshändchen küssen und mein trauriges Auge in ihrem frommen Himmelsblick sich sonnen lassen! Um Gottes willen vergeßt das nicht, mein schönes Kind!«

»Gewiß, ich will es nicht vergessen, weil Du ein so höflicher Bursche bist.«

»Auch von Pathe Ehrhold sagt ihr viele schöne Grüße, Jungfer, und Gottes Segen möge mit ihr sein allerwärts!«

[135] »Laßt's nun gut sein, Gevatter!« sagte Sloboda. »Es ist Zeit heimgehen, damit wir noch ein paar Stunden an die Arbeit kommen, denn morgen ist Hofetag. Der Herr sei gepriesen, daß ich leichtern Herzens von dannen gehen kann, als ich herkam. Nochmals Gottes Segen auf Seine Gnaden, des alten Herrn Grafen graues Haupt, und Euch, Jungfer, viel fröhliche Tage und einen schmucken Schatz!«

»Ich dank' schön,« sagte Emma schnippisch und hüpfte leichtfüßig die breiten Stufen zur Pforte hinan. Die Wenden aber gingen, leise in ihrem Idiom mit einander sprechend, nach dem innern Burgthore, über dessen crenelirte Mauerzinne ein paar Zacken der colossalen steinernen Grafenkrone heraufragten, welche das stolze Wappen der Boberstein schmückte.

Magnus verfolgte die drei Wenden, bis sie auf dem gewundenen abwärts führenden Wege seinem Auge entschwanden. Seine vorher heitern Gesichtszüge waren jetzt hart und streng geworden und der böse tückische Ausdruck seines Blickes, der in solchen Momenten Entsetzen erregend in ihm aufloderte, schleuderte falbe zuckende Blitze aus den nach innen sich senkenden Augenhöhlen. [136] Ungestüm wendete er sich um und sah tückisch nach dem Schloßflügel, wo seine Aeltern und Herta wohnten. Wilder Hohn zuckte um seine Lippe und kräuselte sie in stolzer Verachtung. Dann trat er zurück in's Zimmer, verschlang die Arme über der breiten Brust und ging, das Haupt mit dem zierlich gekräuselten Haar bald senkend, bald es stolz zurückwerfend und triumphirend in die Luft starrend, im Zimmer auf und nieder.

»Also doch,« sprach er für sich, »doch das schöne Trotzköpfchen aufgesetzt trotz Ohnmacht, Stock und Schande! – Das ist so Mädchenart, wenn sie wissen, daß sie einen Anbeter, den sie nicht lieben mögen, damit ärgern können. – Aber Du verrechnest Dich, schönes Mühmchen! Magnus gehört nicht zu jenen schmachtenden Liebhabern, die wochenlang zu den Füßen ihrer grausamen Prinzessinnen liegen können, ohne die Geduld zu verlieren und etwas von Stolz in sich lebendig werden zu fühlen. Der sittenlose, leichtsinnige Magnus hat seit einigen Tagen mit allem Aerger abgeschlossen, sein treuer Gefährte und tapferer Bundesgenosse ist jetzt die Rache! – Du hast ihn selbst dazu aufgefordert und darfst Dich jetzt nicht beklagen, wenn er sein Mannesund [137] Grafenwort löst. – Es soll originell geschehen, schönes Mühmchen, das verspreche ich Dir, so originell, wie Du mich immer fandest, ohne mich doch Deiner Liebe werth zu achten. –«

Magnus ging hastiger durch das Zimmer, dann blieb er stehen und sprach wieder:

»Mein Herr Vater hat mich heut zwar auffallend glimpflich behandelt und nur vereinzelte dünne Strahlen seiner Ungunst auf mich fallen lassen, ja im Ganzen kann ich sogar zufrieden sein mit dem Ausgange dieser fatalen Geschichte. Dennoch aber bin ich tief gekränkt an meiner Ehre und davon trägt Herta allein die Schuld. – Für diesen Trotz und Stolz soll sie büßen, soll sie mir Rechenschaft geben! – Genugthuung hat sie mir zugesagt – die Wahl des Ortes mir freigelassen. – Wie, wenn ich sie nun wirklich beim Worte nehme und sie als Dame mit aller ihr gebührenden Galanterie behandle? – Darf ich's wagen?«

Ein Blick voll Gluth und Flamme schoß aus dem Auge des beleidigten, rachgierigen und in sinnlicher Lust wild entbrannten Mannes. Er ballte die linke Hand gegen das Fenster, die heiße, üppig schwellende Lippe öffnete sich und zeigte [138] den Silberglanz feiner weißen Zähne. Er holte tief und röchelnd Athem, denn das Blut schoß ihm stürmisch zum Herzen und machte seine Adern auf der Stirn und an den Schläfen schwellen, daß sie wie blaues Pflanzengeäst an die weiße glänzende Haut sich anklammerten. Ein Beben ging durch seinen Körper, als rase die Wuth eines hitzigen Fiebers in ihm.

»Ja,« keuchte er pfeifend aus röchelnder Brust, »es geht, wenn ich die Zeit klug berechne – es geht und Niemand kann etwas ahnen, Niemand kann mich hindern!«

Wohl über eine Minute stand der kräftige Mann in dieser furchtbaren Aufregung mitten im Zimmer; dann ließ die Spannung seiner Muskeln und Nerven langsam nach. Die Pulse schlugen wieder ruhiger, der Athem röchelte nicht mehr, die strotzende Fülle der pochenden Adern verlor sich. Er hatte einen festen, furchtbaren Entschluß gefaßt und jeden Einwurf seines Gewissens mit dämonischer Kraft beseitigt. Sanft, mit weicher, schalkhafter Miene setzte er sich an das Pult und begann einen Geschäftsbrief zu schreiben. –

Haideröschen war inzwischen von Herta mit schwesterlicher Zärtlichkeit empfangen worden. Gerade [139] die Schmach, die man dem wehrlosen furchtsamen Mädchen angethan und die sie mit der Ergebung einer gottgefaßten Märtyrerin ohne Murren erduldet hatte, machte sie ihr noch werther und ihres besondern Schutzes bedürftiger. Herta zürnte sogar mit dem alten Grafen, daß er auf Kosten einer armen Wendin dem Buchstaben mehr gefolgt war, als seinen bessern Herzensregungen. Nur der ausdrückliche Befehl des Grafen, daß sie nunmehr Haideröschen in ihre Dienste nehmen solle, versöhnte sie wieder einigermaßen mit ihm.

Das Bestreben des zartfühlenden Edelfräuleins ging zuvörderst dahin, die Wendin zutraulich zu machen. Obwohl ihre Dienerin, sollte sie doch vollkommen wie eine Gesellschafterin mit ihr leben. Darauf hatte sie nach Herta's Art, Welt und Menschen zu beurtheilen, gerechte Ansprüche theils, weil sie ohne Schuld Verfolgung und Strafe erduldet, theils, weil sie schön, aufgeweckten Geistes und reinen Herzens war. Der edele, heilige Wunsch Herta's, für die Befreiung armer Darniedergebeugter, vom Schicksal oder menschlicher Härte Gedrückter ihr eigenes Glück zu wagen, konnte sie nicht anders handeln lassen. So[140] auffallend und dem eingefleischten Verfechter adelicher Vorurtheile anstößig daher die trauliche Umarmung dieser beiden trefflichen Geschöpfe erscheinen mochte, so tief berechtigt fühlte sich Herta dazu. Es war nur das unverholene, ehrliche Geständniß der rein menschlichen Weltanschauung, die Herta in dem grünen Frieden ihrer Epheulaube aus den Schriften der neuen deutschen Dichter gesogen hatte, das sie am Busen einer ihrer zarten Schwestern ablegte, jenes Geständniß, daß alle Menschen einander gleich sind, mögen sie in schimmernden Palästen oder im feuchten Moorrauch zerbröckelnder Hütten geboren werden. Für sie gab es keine Stände, keine Kasten. Sie kannte weder Aristokraten noch Demokraten, sondern nur gute und schlechte Menschen, und wo sie jenen begegnete, da blühte ihnen ihre weiche Seele entgegen, wie die sich öffnende Rose dem weltvergoldenden Morgenroth, wo diese ihr in den Weg traten, da schrak sie zurück und ihr Herz verhüllte sich vor jeder Berührung mit ihnen.

Ohne zu sprechen hielten sich beide Mädchen lange innig umschlungen und ließen ihre Thränen wie zwei silberne Bächlein in einander fließen; [141] denn auch bei Haideröschen verschwand die angeborene Schüchternheit, da ihr das feine Fräulein mit solcher Liebe, solcher tiefen und reinen Theilnahme entgegen kam. Leicht vergaß sie ihre grobe, dürftige Kleidung und schmiegte sich an die zarten, weichen Stoffe, die Herta's edle Gestalt umflossen und die sie nur gewählt zu haben schien, um mittelst derselben ihre schönen Formen deutlicher hervorzuheben.

Ueber die Schönheit beider Mädchen ein Urtheil zu fällen, würde auch dem gewiegtesten Kenner schwer gefallen sein. Herta überragte die Wendin um eine halbe Handbreite und schien in ihrer feinen modernen Kleidung und dem einfach schönen Haarputz, der blos aus einer üppigen Fülle glänzend brauner Locken bestand, voller, schlanker und von jener unbeschreiblichen Atmosphäre geistigen Adels umwogt, in der ein unnennbares Gemisch von Anziehungskraft und scheuer Abstoßung für Alle liegt, die sich ihr nahen. Der edelste Blüthenstaub reinster Bildung leuchtete auf ihrer Stirn, strahlte mild aus ihren großen, gütigen Augen, in denen so oft eine goldene Thräne glänzte, oder durch dessen schönen Himmel der trübe Schatten eines melancholischen [142] Gedankens flatterte. – Haideröschen war die schönste Verkörperung ihres Namens – ein Kind der duftigen Kieferwälder, deren Rauschen ihr das erste Schlummerlied sang, frisch, natürlich, ohne Ahnung jener feinen Verderbtheit, mit deren süßem Parfüm sich die Civilisation besprengt und unter deren befleckender Schminke sie sich erst für gebildet hält. Haideröschen war naiver als Herta, und nach einem überstandenen Schmerze ohne alle Sorge und banges Nachdenken. Sie dachte erst dann an das Vorhandensein eines Unglückes, wenn sie mitten darin stand und sich nicht mehr zu helfen wußte.

Herta sah auf den ersten Blick ein, daß sie gerade in diesem Kinde des Waldes gefunden habe, was sie sich stillschweigend so oft gewünscht. Ihre gegenseitige Verschiedenheit verbunden mit dem edeln Kern und unverfälschten Grundton ihres Wesens mußte das glücklichste Einverständniß zwischen ihnen hervorbringen, sobald die Schranken gefallen waren, die zwischen der Tochter des Leibeigenen und der Cousine des allgewaltigen Grafen aufgerichtet standen. Herta hatte das beste Mittel ergriffen, diese auf einen Ruck für immer niederzustürzen. Die Wendin [143] fühlte sich ihre Schwester, als sie nach langer Umarmung der gütigen Retterin in die überströmenden Augen sah. Alle Schüchternheit war von ihr gewichen, sie hatte ein Herz gefunden, dem sie vertrauen, an dem sie sorglos ruhen konnte.

Die ersten Stunden ihres Beisammenseins brachten die seelenverwandten Mädchen mit Erzählung ihrer Jugendschicksale zu. Wir können mit gutem Gewissen sagen, daß diese zu einfach waren, um die Theilnahme unserer heutigen Leser zu erwecken, weshalb wir nicht weiter darauf Rücksicht nehmen wollen. Später wußte Herta durch allerhand Fragen den Bildungsgrad ihrer Schützlingin zu erforschen, und da sie diesen sehr niedrig stehend fand, beschloß sie, der Wendin eine vorsichtige und liebevolle Lehrerin zu werden. Ganz zuletzt erst kam die Rede auf die Beschäftigung, die fortan Haideröschens Tagewerk bilden sollte, und hier ordnete Herta an, daß sie wesentlich weiter nichts zu thun haben solle, als ihr Zimmer in steter Ordnung zu halten und sie zu bedienen. Dies konnte füglich nicht Arbeit genannt werden; allein grade dies beabsichtigte Herta, um bei dem geschäftigen Müssiggange ihrer schönen [144] Dienerin diese selbst nie aus den Augen zu verlieren und immer über sie und ihr Wohl zu wachen.

Erst bei Tafel sah Herta ihre Pflegeältern wieder, die beide nicht in der besten Stimmung waren. Graf Erasmus hatte sich geärgert über das bösartige Benehmen seines Sohnes, so wie, daß er sich in Folge desselben genöthigt sah, eine Strafe über das lammruhige Haidekind zu verhängen, die mit seinen Empfindungen nicht sympathisirte. Dadurch hatten sich seine Gichtschmerzen vermehrt und folterten ihn mit hartnäckiger Ausdauer. Seine Gemahlin dagegen fühlte sich schwer beleidigt durch die Aufnahme der bestraften Leibeigenen in ihr Haus und würde ihren Aerger Herta haben entgelten lassen, wenn dies unbemerkt und ungeahndet hätte geschehen können. Da keine Hoffnung dazu vorhanden war, mußte sich die empörte Frau mit schweigender Abneigung und fleißigem Gebrauch ihres Fächers begnügen, wenn ihr von der aufmerksamen und stets zarten Cousine ein Speisegeräth gereicht wurde oder wenn der Graf mit seinem Liebling em karges Gespräch anknüpfte.

Magnus nahm an dieser kleinen Familientafel [145] keinen Theil, was bei dem vorherrschenden Verhältniß zwischen ihm und dem Vater nicht auffallen konnte. Es hieß, er sei beschäftigt und werde noch vor Abend nach dem Zeiselhofe abreisen. Bei dieser Nachricht schien Herta leichter zu athmen und ein Gefühl der Bewegtheit, das bisher die gewohnte Freiheit ihres Benehmens behindert hatte und das sie immer befiel, wenn sie Magnus auf Boberstein wußte, verschwand. Auch sah sie bald nach der Tafel den jungen Grafen in Begleitung seines Reitknechtes zum Schloßthore hinausgehen.

Niemand von den sämmtlichen Schloßbewohnern wußte bei hereinbrechender Nacht, ob der künftige Besitzer Bobersteins wirklich abgereist sei. Auch kümmerte sich Niemand darum, da dem jungen herrischen Gebieter nicht ein einziger Diener wahrhaft zu gethan war. Hätte es, wie in den Zeiten des Mittelalters, noch einen Thurmwart gegeben, so würde dieser bei einiger Aufmerksamkeit Abends bei grauweißem Mondlicht, das rollendes Gewölk sehr dämpfte, um die Mauerzinnen eines der vier hohen Eckthürme der Burg einen Schatten haben schlüpfen sehen, welcher der Gestalt des jungen Grafen [146] ähnelte. Und wirklich war es Magnus, der nach halbstündiger Entfernung von Boberstein plötzlich sein Roß anhielt, etwas auf dem Schlosse vergessen zu haben vorgab, den Reitknecht vorausschickte und in langsamstem Schritt auf Umwegen durch die Haide zurückritt. Erst mit Einbruch der Nacht ruderte er sich selbst über den See und erstieg auf dem von uns bereits angedeuteten Felsenwege die Höhe der um das ganze Schloß laufenden Brustwehr, die er einige Nächte früher schon umschritten hatte. Die schmale Dachthür verschaffte ihm Zutritt in das Innere der Burg, wo er geraume Zeit brauchte, um – diesmal ohne Licht – die schon vorher untersuchten Gänge und Treppen wieder zu finden und mittelst der geraubten Schlüssel die verrosteten Thüren zu öffnen, die seinem weiteren Vordringen im Wege gewesen waren.

Häufig hat es den Anschein, als sei die Vorsehung mit dem Verbrecher, als ebene sie ihm bereitwillig die Bahn, um das Verderben mitten in das Heiligthum edler Familien zu tragen. Auch Magnus ward auf seiner nächtlichen Wanderung von jener dämonischen Macht beschützt, deren geheimnißvolle Zwecke wir oft erst [147] nach langen langen Jahren begreifen und dann als weise anerkennen müssen. Niemand störte den Grafen in seinem verbrecherischen Vorhaben. Die seit Jahren nicht mehr geöffneten Thüren wichen dem leisesten Drucke geräuschlos, und ohne ein einziges Mal zu straucheln, ohne an verdächtig hallende Wände zu streifen, stieg Magnus von Stockwerk zu Stockwerk hinab bis in den von seinen Aeltern bewohnten Flügel. So erreichte er nach mühseliger Wanderung – um der Wahrheit die Ehre zu geben – nicht ohne heftiges, oft seinen Athem versetzendes Herzklopfen einen engen Verschlag. Behutsam betastete er alle Wände, bis er auf den kaum fühlbaren Knopf einer Feder stieß, der bei starkem Druck die Wand nach außen öffnete. Ein zweiter, noch engerer Raum, der sich als ein Wandschrank erwies, nahm ihn auf. Mit Behagen sog er den Duft ein, der aus diesem kaum eine Elle tiefen Verschlage ihm entgegenfluthete und seine Seele mit wollüstigen Bildern umgaukelte. Er griff in das graue Gewebe, das er berührt hatte, und die weichen Seiden- und Sammetgewänder, die sich schlangenglatt an seine Hände schmiegten, überzeugten ihn, daß ein junges Mädchen hier [148] ihe Kleider aufbewahre. Er trat zurück, schloß die verborgene Thür wieder und setzte sich lauschend auf die letzte Stufe der Treppe, die ihn bis hieher geführt hatte.

Aus einem der früheren Kapitel werden sich unsere freundlichen Leser erinnern, daß Herta die Gewohnheit hatte, gegen neun Uhr die Gemächer ihrer Pflegeältern zu verlassen und in ihrem stillen Zimmer noch eine Stunde oder auch länger mit den edlen, für das Wohl der Menschheit arbeitenden Geistern ihres Volkes zu verkehren. Die letzten Abende mußte sie auf diesen Genuß verzichten, da Erasmus ihre ganze Bibliothek besaß. Um so erfreuter und von herzinnigem Dank bis zu Thränen gerührt war sie, als ihr heut der Greis, während sie den Thee servirte, ihren kleinen Schatz freiwillig wieder einhändigte. Er sah dabei so mild und dankbar aus, daß in dem klaren Ausdruck seiner Mienen und dem sprechenden Blick seines Auges das Geständniß lag, er billige die Lectüre seiner Nichte. Herta fühlte dies so schnell und sicher, wie ein Liebender die Erwiederung seiner Neigung, und die geliebten Bücher an ihr Herz drückend, sagte sie mit schönem Feuerauge:

[149] »Nicht wahr, Väterchen, das ist ein Mann, der Schiller! Und die Andern, wie fein, wie lieb, wie voll ruhigen Geistes und lebengebender Anmuth sind sie! Das kann nichts Unedles sein, was sie uns sagen und lehren, ob's auch ungewohnt klingen mag! Es muß so geschehen und werden auf dieser schönen Erde mit dem sternengestickten Sammethimmel, wie sie's wagen und wünschen.«

»Es sind Gesänge neuer Propheten,« versetzte Erasmus mit mildem Ernst, »Propheten, wie sie wohl jedes Volk haben muß und gehabt hat, wenn es groß werden, groß bleiben oder groß sterben soll. Vielleicht bedarf jedes Jahrhundert solcher zürnender Geister, um die Völker immer auszurufen aus Traum und Schlummer, dem sie alle Neigung haben sich hinzugeben. Warum sollte das deutsche Volk eine Ausnahme machen? Versteht es die Sprache dieser Geister, so verdient es sie zu hören. Ich wenigstens werde gewiß der Letzte sein, welcher Stimmen begeisterter Gotteskinder für närrisches Gespött hält und zu unterdrücken sucht. Deshalb stille immerhin Deinen Durst an diesem Springquell heiliger Töne, so lange Du Genuß daran findest.«

[150] Ihre Schätze im Arm küßte sie Oheim und Tante die Hände, wünschte ihnen mit ihrer Silberstimme gute Nacht und bemerkte in ihrer Seligkeit nicht, daß Utta sich von ihr abwendete und die stolze Hand den frommen Lippen beinahe entzog.

Auf ihrem stillen Zimmer schlug sie unverweilt unter dem Epheudach Schiller's Don Karlos auf und schwelgte noch lange in den stolzen Worten dieses freiheittrunkenen, für das Wohl aller Menschen so hoch begeisterten Herzens. Erst als ihre Augen beim Flackern des Lichtes ermüdeten, legte sie das Buch weg, faltete ihre schmalen Hände darüber, wie über einem Andachtsbuche, und sprach mit zum Himmel erhobenen Augen ihr Nachtgebet. Ohne Worte flehete Herta in der Reinheit ihrer Gedanken um Verwirklichung der Ideen, die Marquis Posa vor Don Philipp ausspricht, um allgemeine Freiheit allen Volkes und um Aufhebung jeglichen Elendes, das auf ihm lastet, wie ihr wohl bekannt war. Dann schellte sie. Haideröschen schob schüchtern ihr feines Gesicht durch die halbgeöffnete Thür.

»Immer herein!« sagte Herta fröhlich. »Es [151] ist schon spät, später, als ich gewöhnlich die Ruhe suche. Aber das macht das Glück, von dem ich heut ordentlich überschüttet worden bin. Ich bin ganz aufgeregt; fast besorge ich, nicht schlafen zu können, so zittert mir vor Wonne das Herz! – Und Du, bist Du nicht auch glücklich, mein holdes Röschen? Deine Augen strahlen wenigstens, als hätte sie Dir ein Engel geliehen. Sieh mich immer mit solchen Himmelsaugen an, gutes Kind, dann wollen wir zusammen ein Leben führen, wie im Paradiese. Jetzt hilf mich entkleiden.«

Beide Mädchen traten in Herta's Schlafgemach, das unmittelbar an ihr Wohnzimmer stieß und von aller Verbindung mit andern Gemächern abgeschlossen lag. Es glich einer Kapelle und mochte wohl in früherer Zeit auch dazu benutzt worden sein. Wie die meisten kleineren Zimmer des alten Schlosses hatte es blos ein Fenster. Dies war aber so hoch an der ellendicken Mauer angebracht, daß man einer Stiege bedurfte, um es öffnen zu können. Das Meublement des Schlafgemaches bestand aus einem geräumigen Bett, mit Vorhängen aus schneeweißem Wollenzeuch, einer Commode nebst Waschtisch und [152] einigen wenigen Stühlen. Ein Teppich überbreitete den Boden. In der Wand, dem Bett schräg gegenüber, war ein Schrank angebracht. In diesem bewahrte Herta ihre Kleider auf.

Während Haideröschen ihre junge Herrin entkleiden half und die Zartheit ihrer Haut eben so sehr wie die Feinheit ihrer Kleider bewunderte, plauderte Herta ununterbrochen und drückte manchen schwesterlichen Kuß auf die Stirn der schönen Wendin.

»Nun kommt das Schlimmste,« sagte sie schalkhaft zu ihrer neuen Zofe, als sie das weiche bequeme Nachtgewand angelegt hatte, »und wenn Du mir darin nicht genügst, jage ich Dich morgen wieder fort, Du mein Herzensröschen! Wickele mir die Locken, aber raufe mich nicht! Bei meiner Ungnade!«

Obwohl Haideröschen mit den Toilettengeheimnissen der vornehmen Damen nicht vertraut war, ging sie doch mit leidlicher Zuversicht an das verlangte Geschäft und beendigte es nach mannichfachen Scherzen und Unterbrechungen zu Herta's vollkommenster Zufriedenheit. Sie konnte dabei nicht unterlassen, den prächtigen schneeweißen Nacken ihrer jungen Gebieterin wiederholt zu [153] küssen, worüber Herta jedesmal in so komischen Zorn gerieth, daß Haideröschen nur ermuntert ward, ihren Lippen die Ruhe in dem warmen duftigen Sammet noch mehrmals zu gönnen.

Endlich war die Nachttoilette beendigt und Herta's Kopf mit einer solchen Menge weißer Papiewickel besät, daß man glauben konnte, die junge Schöne habe sich die braunen Haare mit dem glänzend weißen Geflock jener Sumpfblumen geschmückt, die über Torfmooren in ganzen Wäldern wachsen und des Nachts im Mondschein wie flatternde Mantillen tanzender Elfen blitzen und leuchten. Eine nochmalige Umarmung begleitete die letzte gute Nacht der beiden Mädchen, worauf Haideröschen sich zurückzog und Herta in die weichen Hüllen ihres Lagers flüchtete, die Brust voll süßen Jubels, die Seele voll der edelsten und uneigennützigsten Gedanken.

Ungeachtet ihrer Aufregung fiel Herta doch bald in jenen halbbewußten Zustand, der dem festen Schlaf meistentheils vorauszugehen pflegt. Die heitern Gedanken, mit denen sie sich beschäftigt hatte, schufen ihr angenehme Phantasiebilder, die ihrem geistigen Auge in leuchtender Schöne vorüberschwebten. In diesem glücklichen Schwärmen [154] der Seele hörte sie die Schloßuhr eilf schlagen. Die Bilder erloschen in ihr und es ward still und dunkel. Plötzlich fuhr sie schreckhaft zusammen vor einem Geräusch dicht neben ihr. Sie erwachte aus der unklaren Seelendämmerung und schlug weit die großen Augen auf. Da schien es ihr, als weiche die Thür des Wandschrankes aus den Angeln und ihre Kleider schwebten langsam gegen sie heran. Anfangs glaubte sie sich zu täuschen und sah dem nächtlichen Spuk mit erstarrenden Pulsen zu, als sie aber unverkennbar gewahrte, daß eine dunkle Gestalt Schritt vor Schritt ihrem Lager näher kam, richtete sie sich auf und sagte: »Haideröschen, laß die Possen!« denn sie meinte wirklich, die kleine Wendin habe sich wieder in die Kammer geschlichen und wolle sich, aufgemuntert durch ihre Heiterkeit, einen Scherz mit ihr erlauben. Aber das Herz stand ihr still und ein eisiger Schauer überrieselte sie, als auf ihre Frage eine Männerstimme antwortete:

»Ich bedaure, daß meine schöne Cousine ihr Herz so schnell an dieses Geschöpf verschenkt hat.«

Es war Magnus, der in Lebensgröße vor [155] ihr stand und mit der ihm eigenen galanten Unverschämtheit die Arme über der Brust verschlang und höhnisch lächelnd seine Falkenaugen auf das erschrockene Mädchen heftete.

Die erste Bewegung Herta's war, nach der Klingel zu langen, die auf dem Nachttisch zu Häupten ihres Bettes stand. Allein Magnus sah dies voraus und fiel ihr in den Arm.

»Das ist nicht die Art, schöne Muhme, einen Ehrenhandel beizulegen.«

Herta kehrte die Sprache zurück. Sie schleuderte einen Blick tiefer Verachtung auf den Abscheulichen und sagte:

»Entfernen Sie sich sogleich, Elender, oder ich erhebe ein Geschrei, daß die Mauern dieses Schlosses beben!«

»Das wirst Du nicht thun, reizendes Mühmchen, weil Du ein Weib bist und Deine Stimme dadurch an Klang verlieren könnte. Bei Gott, ich sah Dich nie in einem verführerischeren Costüme!«

Im ersten Schreck hatte Herta uicht bemerkt, daß ihr Nachtkleid von den runden Schultern gefallen war und sie wie eine blendende Marmorbüste in reizender Formenschönheit dem Grafen [156] gegenüber saß. Schmerz und Schaam entlockten ihren zürnenden Augen die bittersten Thränen, und indem sie sich schnell in die Decken hüllte und das Gewand wieder zu ordnen suchte, versetzte sie:

»Vergebe Ihnen Gott diesen Frevel, ich vermag es nicht!«

»Ich komme auch nicht deshalb, anbetungswürdiges Mädchen, ich erscheine, weil Du es befohlen hast.«

»Schamloser Lügner, ich befohlen!«

»Auf Edelmannswort, Muhme! Gestatte mir zu reden und Du wirst einsehen, daß ich vollkommen in meinem Rechte bin!«

Herta verhüllte ihr Gesicht und begann laut zu schluchzen. Magnus stützte sich nachlässig auf den Nachttisch und fuhr in leisem Flüstertone fort:

»Erinnere Dich Deiner vor einigen Tagen mir gegebenen Zusage, liebenswürdige Cousine. Du versprachst mir für die Beleidigung, welche Du mir durch Deine Fürsprache für das Bauernkind zugefügt, Genugthuung. Mir überließest Du Ort und Zeit unseres Zusammenkommens, und um Dir zu zeigen, wie hoch Du in meiner [157] Achtung stehst, wählte ich grade diesen Ort, grade diese Stunde und schlug den gefahrvollsten Weg zu diesen traulich-stillen Plätzchen ein. Hier werden wir hoffentlich recht ungestört sein und unsern Ehrenhandel ganz in der Ruhe und ohne Zeugen schlichten können.«

»Sie sollen sich irren, mein Herr!« versetzte Herta entschlossen. »Ihre Abscheulichkeit übersteigt alle Grenzen, darum sollen Sie entehrt und gebrandmarkt werden, wie Sie es verdienen.«

Herta richtete sich wieder auf und suchte abermals die Schelle.

»Was willst Du thun?« fragte Magnus mit schwer verhaltenem Athem.

»Das ganze Schloßgesinde nebst Deinen ergrauenden Aeltern will ich herbeirufen, damit sie sehen, welcher namenlosen Schändlichkeit Du fähig bist!«

»Wenn dies wirklich Deine Absicht ist, will ich Dich nicht weiter hindern und stehe mit Vergnügen von meinem Anliegen zurück. Immerhin laß die Schelle läuten, erhebe Deine Stimme! Mache Lärm, so viel Du wünschest! Nur gestatte, daß ich hier Platz behalten darf, Du [158] wirst alsdann zu spät einsehen, daß Du Dich selbst in den Augen aller ehrbaren Menschen entehrt hast, und dadurch genöthigt werden, dem verhaßten Vetter Magnus Deine schöne Hand zu reichen, um ihn zum Altar zu führen.«

Schaudernd leuchtete dem unglücklichen Mädchen die furchtbare Wahrheit dieser Worte ein. Schüchtern zog sie die Hand wieder zurück und verbarg sie frierend in die weißen Decken. Magnus lächelte.

»Was haben Sie mir zu sagen?« stammelte Herta.

»Daß ich Dich liebe, schöne Muhme, liebe bis zum Wahnsinn und daß ich Erwiederung meiner Leidenschaft wünsche, hoffe, befehle!«

»Sie haben längst meine Antwort gehört. Verlassen Sie mich und ich will vergessen, welche Schmach Sie mir zugefügt haben, ja sogar versuchen, ob ich Sie in Zukunft wieder achten lernen kann.«

»Ich ziehe Deine Liebe jeder Art von Achtung vor.«

»Magnus, ich hasse Sie!«

»Dann habe ich gegründete Hoffnung, daß [159] Du nach Jahresfrist, sind wir nur erst Mann und Frau, närrisch in mich verliebt sein wirst.«

»Gehen Sie oder ich zerschelle mir den Kopf an der Wand!«

»An meiner Brust wirst Du weicher und angenehmer ruhen.«

»Hinweg!«

»Schöne Muhme, ich habe hier zu fordern, Du nur zu gewähren. Gedenke Deiner Zusage! Ich komme um Genugthuung!«

»Nun so nimm sie Dir!« rief Herta in der Angst der Verzweiflung, richtete sich auf und bot ihm den schönen Busen dar, der zart glänzend aus dem Gewande schimmerte.

»Durchstoße mich mit Deinem Hirschfänger, dann hast Du Genugthuung!«

»Es fällt mir nicht ein, so grausam zu sein,« erwiederte abwehrend der junge Graf, den Augenblick benutzend und seinen Arm um die lebende volle Gestalt schlingend. »Versprich mir Deine Gunst zu schenken,« fuhr er flüsternd fort, »mein Weib zu werden, und ich beendige diese Unterbrechung Deiner Nachtruhe.«

Immer heftiger, immer glühender umschlang er die einer Ohnmacht nahe Herta, mit wilden [160] Küssen ihr Lippen, Stirn und Busen bedeckend. Ihr Sträuben gegen die Liebkosungen des Verachteten steigerte nur seine Gluth, seinen Ungestüm. Er wußte, daß die Wehrlose gänzlich in seiner Gewalt sei, daß sie es nicht wagen werde noch könne, durch lautes Toben und Schreien sich Hilfe zu verschaffen. Und selbst in diesem Falle war er zu dem Aeußersten entschlossen, um seinen Zweck zu erreichen.

Als er gewahrte, daß die Kräfte des unglücklichen Opfers seiner brutalen Wildheit sich erschöpften und der Körper des schönen Mädchens in seinen Armen zusammen zu brechen drohte, vergönnte er Herta einige Augenblicke der Erholung.

»Herta, mein Herzenskind,« sprach er, »willst Du denn ewig grausam, ewig unerbittlich sein? Habe ich nicht in schüchternster Weise, zart und sinnig um Dich geworben? Und empfing ich je eine andere Antwort von Dir, als starre Kälte oder beleidigende Stichelreden? – O Du göttliches, widerspänstiges Mädchen, Du weißt nicht, welchen verzehrenden Feuerbrand Du in meine Seele geschleudert hast! Ich kann, ich [161] will nicht leben, ohne Dich zu besitzen! Und wenn jetzt ein Erdstoß die hundert Gewölbe dieser Burg mit ihren zahllosen Quadern über uns zusammenstürzt, ich weiche doch nicht von Dir. An Deinem Busen, Lippe an Lippe, im Feuerhauch der Liebe will ich die Schauer des Todes begrüßen und die Wonnen einer Seligkeit schlürfen, gegen welche das Paradies Mohammeds ein wesenloser Schatten bleibt!«

Herta suchte sich gegen den Rasenden in ihrer Ohnmacht dadurch zu schützen, daß sie ihre kleinen Händchen ihm entgegenstemmte und unverständliche Bitten wimmerte. Aber Magnus hatte kein Gefühl mehr für den Schmerz der Verlassenen. Er verdoppelte seine stürmischen Liebkosungen, seine wilden Ausbrüche einer wahnsinnigen Leidenschaft so lange, bis das schwache Mädchen in völlige Apathie versank. Erst als er bemerkte, daß Herta ohne Leben, ohne Puls und Athem, mit gebrochenem Auge, ein bleiches Marmorbild, Thränenperlen in den Grübchen der Wangen und weiße Schaumblüthen auf der duftigen Lippe vor ihm lag, fuhr auf Sekunden ein Reuegedanke durch seine verbrecherische Seele. [162] Mit einem Anflug von Mitleid hüllte er die Bewußtlose in ihre Decken und ließ seine Blicke wohlgefällig auf ihrem Antlitz ruhen.

»Jetzt denk' ich doch, soll sie mein Weib werden,« sprach er mit triumphirender Miene. »Wenn sie aber aus eigenem Antriebe zu mir kommt, ihre schönen Arme um meine Knie schlingt und mit herzzerreißender Klage zu mir fleht, ich möge mich doch ihres Elendes erbarmen, dann will ich die Rolle mit ihr tauschen und eben so gewandt den Hartherzigen spielen, wie das hochmüthige Mädchen es bisher mit mir zu halten beliebte. Erst wenn sie ganz zerknirscht sein wird und Hand an sich selbst zu legen sich entschlossen zeigt, erst dann will ich sie wieder zu Gnaden annehmen und mit meinem gräflichen Schild und Namen ihre zerstörte Jugend bedecken. Frohes Erwachen, mein süßes weißes Täubchen!«

Magnus schlich auf leiser Sohle gegen die Wand, verschwand schnell hinter der eingefalzten Thür und schlug wohlgemuth und jetzt wieder äußerst zufrieden mit sich, den finstern Rückweg durchs Schloß ein. Unbemerkt erreichte er das Ufer des See's, sprang in den verborgenen Kahn und ruderte sich behend ans Ufer der [163] Haide. Es schlug Mitternacht, als der Missethäter hinter den riesigen Föhren verschwand, sein Pferd bestieg und auf bekannten Wegen in wildem Ritt dem Zeiselhofe zujagte.

7. Kapitel
[164] Siebentes Kapitel.
Eine Botschaft.

Drei Tage später klopfte der Maulwurffänger an Sloboda's niedrige Behausung. Ein ehrlicher Handschlag des Wenden verbunden mit treu gemeintem Gruße empfing den Freund.

»Woher des Weges?« fragte Sloboda, indem er mit dem Fuße die Stubenthür aufstieß und den Gast voranschreiten ließ.

»Von Boberstein,« versetzte Pink-Heinrich, seine Geräthe auf Tisch und Bank werfend und daneben selbst mit untergestemmten Armen Platz nehmend.

»Und Du sagst mir nichts von meiner Tochter, von meinem Herzblatt? Keinen Gruß von ihren lieben Kinderlippen?«

[165] »Sie läßt grüßen und wird bald selber wieder zu Dir kommen.«

»Ist man der Armen schon überdrüßig?« sagte stirnrunzelnd der Wende. »Ich dachte, sie sollte bis zum Herbste auf dem Schlosse bleiben, was Rechtes lernen und eine tüchtigere Hausfrau werden, als die meisten andern Haidebäuerinnen.«

»Es ist was vorgegangen auf Boberstein, das ihre baldige Entfernung nöthigt macht.«

»Hat sie sich vergangen?«

»Mit keinem Blick und Gedanken!«

»Nun was denn?«

»Kennst Du das Fräulein, Röschens Gebieterin?«

»Gottes Segen auf ihr Engelshaupt!« rief Sloboda mit ausdrucksvoll erhobenem Blicke.

»Sie ist schwer erkrankt und man fürchtet für ihr Leben.«

»Mein Gott, das herzige Mädchen war ja frisch wie ein aufgeblühtes Kleeköpfchen! Sollte ihr der Schreck geschadet haben, den sie über Röschens Verurtheilung hatte?«

»Darüber ist mir keine Kunde geworden,« erwiederte der Maulwurffänger, immer starr vor [166] sich hinsehend und ohne Feuer zum Anbrennen seiner Pfeife zu begehren, die halb ausgeraucht neben den Fangdrähten lag. Gestern Vormittag rudr' ich mich über den See, wie ich das immer selbst gethan habe, und steige den Schloßberg hinan. Ich trete in den Hof – kein Mensch läßt sich weder sehen noch hören! – Da ich weiß, daß der Herr Graf kränkelt und es nicht gern hat, wenn man so gradezu die Treppen hinanrennt, fange ich an leise vor mich hin den Reihzufinkenschlag zu pfeifen und steige die Stufen in die Halle hinauf. Des Kastellans Zimmer war leer, die Halle desgleichen. So setze ich mich auf den langen Tisch in der letztern, pfeife mein Stückchen fort und läute dabei mit den Beinen die Esel aus. Weil ich nun grade nicht gar sacht pfiff und auch zuweilen verdammt hart an die Tischbeine anschlug, ward es doch endlich lebendig und das kluge Auge Haideröschens guckte durch das Gegitter der Wendeltreppe. Sie jauchzte vor Freude, als sie mich mutterseelenallein so wunderprächtig musiciren sah, klapperte wie ein Rädchen die Treppe vollends herunter und umhalste mich, was mir recht wohl that, – weiß Gott, Sloboda, 's that mir wohl! – [167] Aber mir fror der Finkenschlag in der Kehle ein wie ich Dein schneeweißes Töchterchen mir näher betrachtete. Sie hatte geweint, daß sie der Bock noch stieß und ganze Thränenbäche sich auf ihren weißrothsammtenen Wängelein kreuzten. Ich sah sie groß an und hatte nicht wenig Lust, etwas grob zu werden, da kam sie mir zuvor und sagte:

»Ach Pink-Heinrich, das Unglück! Nun geht es wohl zu Ende mit mir und all' den Meinigen, denn wir haben keinen Schutzengel mehr!«

»Gar so arg ist es noch nicht,« versetzte ieh, »denn wenn Du sonst dem Worte eines armen Mannes Glauben schenken willst, so verspricht Dir der Pink-Heinrich, was er auch schon früher gethan hat, Dich so weit sein Arm und Fuß reicht, ebenfalls zu schützen. Aber sag' an, was gibt es?«

»Fräulein Herta liegt im Sterben!« ruft schluchzend Deine Tochter. »Ohnmächtig fanden wir sie gestern auf ihrem Lager, weiß, wie neu gefallener Schnee, oder wie Lilienblätter, mit unendlich lächelndem Schmerzenszug um die zarten weichen Lippen. Als wir sie riefen, kam sie zwar [168] bald zu sich, allein sie war krank, so krank, daß ich gar nicht weiß, wie ich's beschreiben soll. Auch die Aerzte schüttelten den Kopf, wie sie das leichenblasse Fräulein mit den gläsernen geisterhaft schönen Augen sahen, das jede Frage hörte, aber keine beantwortete! Und so ist es mit ihr geblieben bis jetzt. Sie sitzt wieder an ihrem Fenster, füttert ihr Hänschen, drückt mir freundlich die Hände, ja küßt mich liebevoll, wenn ich ihr die nöthigen Handreichungen thue, nimmt Speise zu sich, wenn man sie ihr bringt, und liest in den Büchern, die sie so lieb hat. Doch kein Laut geht über ihre Lippen! Es ist recht entsetzlich und der gute alte Graf grämt sich unaussprechlich um seinen Liebling.«

»Darf ich sie sehen?« fragte ich Haideröschen, worauf sie mich zu melden und mein Anliegen dem gnädigen Herrn mitzutheilen versprach. »Ich ward vorgelassen und in das Zimmer des guten Fräuleins geführt. – Gütiger Himmel, welch einen Anblick hatten da meine Augen! Ich bin doch just kein Weichling und habe auch zu Zeiten schon mancherlei Trübseliges erlebt, aber solch Schreckensbild ist mir noch niemals vorgekommen! – Die kluge, schöne, gütige Herta saß [169] still und stumm auf ihrem Fensterplatz, die durchsichtig zarten Hände auf dem Schooße gefaltet. Vor ihr lag ein aufgeschlagenes Buch, eine von den Schriften, die ihr Gregor besorgt hat. Das starrte sie an mit Augen, aus denen nicht der Glanz einer lebendigen Seele leuchtete, sondern mit einem kalten fahlen Schein, als habe sich ein Mondstrahl darin gefangen und mühe sich vergeblich, sein kristallenes Haus zu durchbrechen. – Und welche tiefe Blässe war an die Stelle der Rosen getreten, die in den Grübchen ihrer Wangen so reizend blühten! Wie erschrocken neigten sich die Krausköpfchen ihrer Locken zu ihnen herab und zitterten vor dem Leichenduft, der ihnen entgegen zu wehen schien! – Ich nannte grüßend ihren Namen – da blickte sie verwundert auf, doch schien sie mich nicht zu kennen, oder ein gräßliches Trugbild mußte an ihrer Seele vorüberrauschen, denn sie schauerte innerlichst zusammen und Fieberfrost schüttelte ihre Glieder, wie der Herbstwind die Zweige der Birken. – Bestürzt bis zur Verzweiflung umringten die Unglückliche das gräfliche Paar und die vertrauteren Diener. Keiner sprach, Keiner wußte zu rathen, zu trösten. Nur das sahen [170] Alle schaudernd ein, daß dies herrliche Gemüth durch ein räthselhaft Furchtbares zerrüttet worden sein müsse und daß ihr klarer Geist vielleicht für immer verwirrt sei!«

»Herr des Himmels,« rief Sloboda erblassend, »Herta wahnsinig, die Mutter der Armen den Verstand verloren!«

»Es steht zu fürchten, denn auch heut ist keine Aenderung in ihrem Zustande eingetreten.«

Sloboda rang die Hände und ging gebückten Hauptes durch die niedrige Stube. Vor dem Maulwurffänger blieb er stehen, legte seine beiden gewaltigen Hände auf dessen Schultern und forschend in seine Augen blickend, sagte er:

»Glaubst Du, daß dies von ungefähr und ohne besondere Veranlassung geschehen sei?«

Pink-Heinrich schüttelte den Kopf.

»Hast Du auch keine Vermuthungen?«

Ein Blick des Maulwurffängers traf den Wenden, vor welchem dieser zurückprallte, als fürchte er durchbohrt zu werden.

»Was denkst Du?« sagte er leise, als entsetze er sich vor seiner eignen Stimme.

Der Maulwurffänger stand auf, lehnte sich [171] auf beide Arme gestützt über den Tisch und erwiederte mit ergreifendem Tone:

»Ich denke, daß Gott in seiner Weisheit beschlossen hat, ein Strafgericht zu halten über Alle, so verworfen sind, und daß er der unschuldigen Opfer viele bedarf, ehe im Weltall die Stunde dazu schlägt!«

»Das sind vieldeutige Worte, auf die ich mich nicht verstehe.«

»Nicht! Nun wohl, so spricht die Zeichensprache vielleicht deutlicher zu Dir. – Als ich heut Mittag das Schloß wieder verließ, traz mich der Kastellan ängstlich an und fragte, ob ich in seinem Zimmer gewesen sei oder Jemanden darin beschäftigt gesehen habe? Da ich jenes bejahen, dieses verneinen mußte, so drang er in mich, keinen Scherz mit ihm zu treiben. Nun war ich, weiß Gott, nicht zum Scherzen aufgelegt und ließ ihn also nicht sehr freundlich an. Darauf gestand er mir, daß er drei Schlüssel an seinem Bunde vermisse und nicht begreifen könne, wie diese ihm weggekommen sein sollten. Nach einigem Hin- und Herreden ergab es sich, daß die fehlenden Schlüssel alte selten betretene Gänge des Schlosses öffnen, von denen einer mit sämmtlichen [172] Gemächern der alten Burg zusammenhängt. – Das fiel mir auf, denn nun erst erinnerte ich mich, von meinem Bruder Gregor gehört zu haben, daß Blauhuts bestes Pferd auf einem nächtlichen Ritt gestürzt sei und die linke Fessel gebrochen habe. Es war in der Nacht geschehen, die jenem traurigen Erkranken Herta's voranging.«

»Sollte daraus ein Schluß zu ziehen sein?« sagte Sloboda. »Das scheint mir gewagt und könnte zu entsetzlichen Folgen veranlassen.«

»List und Vorsicht helfen aus jedem Irrthum,« erwiederte Pink-Heinrich. »So wenigstens dachte ich, als ich des bestürzten Kastellans Rede vernahm. Ach entschuldigt, unterbrach ich den Alten, ich habe was vergessen.« So stieg ich denn nochmals hinauf, trat abermals in das Zimmer der Kranken und sagte zum Grafen Erasmus: »Verzeihung, gnädigster Herr, ich wollte nur unterthänigst fragen ob Sie dem Herrn Grafen Magnus – und diesen Namen betonte ich recht scharf – irgend etwas zu melden, vielleicht von dem Erkranken seiner schönen Verwandten in Kenntniß zu setzen hätten? Bei Nennung dieses Namens fuhr das Fräulein zusammen, wie vom Schlage getroffen, [173] ein grauenhafter Seufzer entrang sich dem gepreßten Herzen, und ihre Hände gegen die Augen erhebend, begann sie zu weinen. – Die Frau Gräfin flüsterte ihrem Herrn Gemahl leise zu: Das gute Kind scheint liebeskrank zu sein, der Herr Graf aber wechselte einen finstern Blick mit mir und äußerte sehr ungnädig: ich habe meinem Sohne keine Botschaft zu senden. Er soll nicht wissen, daß Herta erkrankt ist! – Darauf verbeugte ich mich und ging durch die Haide zu Dir, ohne daß ich auf andere Gedanken kommen konnte.«

Sloboda war sehr nachdenkend geworden. Er wagte nicht dem schlauen Maulwurffänger zu widersprechen und mochte ihn noch weniger in seinem furchtbaren Verdachte bestärken. Endlich sprach er unwillkürlich:

»Es wäre doch entsetzlich!«

»Warum?« sagte Heinrich mit seiner sarkastischen Gleichgiltigkeit. »Die Natur will ihren Lauf haben und die Geschichte der Völker auch. Ich sehe da blos Ursachen und Folgen.«

»Glaubst Du, daß der Graf Deinen Verdacht theilt?«

»Nein. Dazu ist er zu wenig Politiker. [174] Das Erschrecken des Fräuleins stellt er auf Rechnung ihrer Abneigung gegen Magnus.«

»Sollte man ihn nicht auf den Fall aufmerksam machen?«

»Auch das nicht. Es bleibe ein Dunkel über Herta's traurigem Zustande, bis sie erliegt, oder von selbst die Wolken jener Nacht sich lichten! – Noch hoff' ich, daß Herta's kräftige Natur diesen Sturm überdauern, daß sie Empfindung, Sprache und Errinnerung wieder erhalten wird, und dann steigt der Geist Gottes mit Windesschnelle herab auf die Zinnen Bobersteins und deutet uns an, was wir für Recht zu achten haben. Läge aber meiner Vermuthung dennoch eine Täuschung zum Grunde, so könnte ich mit deren Verbreitung ein nie wieder gut zu machendes Unglück anstiften. Und solch eine Sünde soll nie und nimmer auf dem Gewissen Pink-Heinrichs lasten!«

»Und meine Tochter! Was soll mit ihr geschehen, wenn das unglückliche Fräulein stirbt?«

»Dein Kind muß aus dem Schlosse, auch dann, wenn Fräulein Herta am Leben bleibt.«

»Zu wem, Heinrich, zu wem? Ich kann sie nicht beschützen, denn mir sind die Hände gebunden [175] und ich muß Tag und Nacht arbeiten, wenn ich leben soll.«

»Nur nicht verzweifelt, Freund Jan!« sagte der Maulwurffänger. »Ich habe darüber simulirt auf dem ganzen einsamen Wege durch die Haide. Mein Anschlag ist reif und nach meinem Erachten recht gut ausführbar. Wir warten geduldig einige Tage ab, um zu sehen, wie sich die Krankheit der allgeliebten Herta gestaltet. Inzwischen bereitest Du und Ehrhold Alles zu baldiger Ausrichtung einer Hochzeit vor; denn kann Dein Kind nicht auf dem Schlosse bleiben, wovon ich überzeugt bin, so muß sie unverweilt den Clemens heirathen. Als Frau, dafür steh' ich, hat Blauhut keinen freundlichen Blick mehr für sie.«

»Gut,« versetzte Sloboda. »Meine Einwilligung hat sie längst, wird aber auch die Herrschaft einwilligen? Graf Magnus muß sie als Unterthanin annehmen, muß dem Burschen seinen Consens freiwillig geben! – Wenn er sich weigert, können wir ihn zwingen?«

»Zwingen nicht, aber dazu ängstigen. Er fürchtete mich, Jan, und er hat Grund dazu. Und bei meiner ewigen Seele, diesen Wüstling [176] verderbe ich, wenn er den hochfahrenden, gebietenden Herrn spielen will!«

»Er wird es dennoch thun, Heinrich.«

»Er thut es nicht! Sein Vater weiß mehr von seinen Lasterwegen, als er glaubt, und wenn ich mit diesem Rücksprache zu nehmen drohe, gwährt er mir, was ich verlange. Ueberdies schwebt er in beständiger Furcht wegen der Gerüchte, die zum Theil durch meine Veranlassung in Umlauf sind. Er fühlt sich nicht mehr sicher in seiner Herrschaft. Die finstern drohenden Mienen seiner Knechte weissagen ihm nichts Gutes, und um den langsam heranziehenden Sturm nichr zu vollem Ausbruche kommen zu lassen, fügt er sich dem Unvermeidlichen.«

»Willst Du selbst mit ihm sprechen?«

»Nein. Seit der Flucht Haideröschens betrete ich den Zeiselhof nicht mehr. Ich habe meine Vermittler.«

»Wen meinst Du?«

»Das ist mein Geheimniß, Freund Jan,« sagte der Maulwurffänger mit ernstem Auge. »Es muß verschwiegen bleiben, bis es gewirkt hat, oder ich ziehe meine Hand zurück!«

»Nicht doch, Heinrich! Du hast mein, Du [177] hast das Vertrauen aller meiner eben so gedrückten Stammesbrüder. Thue, was Du für recht und zweckdienlich hältst, und rechne auf die Dankbarkeit eines leibeigenen Mannes!«

Sloboda reichte nicht ohne lebhafte Bewegung dem Maulwurffänger seine rauhe Hand. Heinrich ergriff und drückte sie herzhaft.

»So ist es gut,« sprach er. »Nun ich mit Deiner Einwilligung handle, will ich eilen und Alles in's Werk setzen.«

Er stand auf, warf seine Drähte nebst dem Quersack wieder über die Schultern und schlang sich den Lederriemen seines Stockes fest um die Hand.

»Wann kommst Du wieder?« fragte Sloboda.

»Ich kann es nicht bestimmen. Meine Geschäfte führen mich diesmal tiefer in die Haide, und da mögen wohl ein paar Wochen vergehen, ehe ich zurückkehre. Doch wirst Du schon früher mittelbar von mir hören. Sage Deinem Kinde einen Gruß und sie solle nur muthig, treu und fromm bleiben, dann würde sie Gott nicht verlassen!«

Mit nochmaligem Händedruck trennten sich [178] die beiden Männer. Der Wende sah gedankenvoll dem Maulwurffänger nach, wie er mit großen, wiegenden Schritten dem Saum der Haide entgegen ging, die in goldigem Feuerduft Dorf und Feld im weiten Bogen umspannte.

8. Kapitel
[179] Achtes Kapitel.
Der Drohbrief.

Magnus dehnte sich mit wollüstigem Behagen auf schwellender Ottomane und las einen jener verführerischen Romane von Crebillon, die damals unter den verdorbenen höhern Ständen ihrer graziös verhüllten Unmoralität wegen eben so großen Beifall fanden, als durch den geistreichen Witz und treffenden Sarkasmus des frivolen Franzosen. In langen Pausen schlürfte der junge Graf dabei starke Chocolade aus einer großen reich vergoldeten Tasse. In diesem zwiefachen Genusse störte ihn sein vertrauter Kammerdiener, welcher mit den fein gebürsteten Sonntagskleidern des Herrn eintrat, sich jedoch in respectvoller Entfernung von dem Lesenden hielt. Nach einiger Zeit legte[180] Magnus das Buch weg und trank den Rest seiner Chocolade.

»Was willst Du, Jean?« fragte er den Kammerdiener, der bewegungslos, den Sammetrock des Gebieters auf dem Arme, im Zimmer stand.

»Mit Ew. Gnaden gütiger Erlaubniß wollte ich unterthänigst melden, daß so eben zum dritten Male zur Kirche geläutet worden ist.«

»Schon so spät, Jean? – Ja, dann muß ich mich beeilen. Die Zeit vergeht doch wunderbar schnell bei angenehmer, geistreicher Lectüre.«

Magnus erhob sich von seinem bequemen Lager, winkte dem Kammerdiener, ihm dem Pudermantel umzuwerfen und ließ sich die Haartour in Ordnung bringen. Dabei gähnte er mehrmals.

»Der gnädige Herr Graf scheinen eine schlaflose Nacht gehabt zu haben.«

»Ach nein, guter Jean, ich langweile mich nur im Voraus schon bei der stundenlangen albernen Predigt unseres zahnlosen alten Pfarrers.«

»Dann brauchen ja Ew. Gnaden blos nicht in die Kirche zu gehen,« sagte Jean. »Sind Sie nicht Ihr eigener unabhängiger Herr?«

[181] »Nicht so ganz, wie Du glaubst. Ich muß meinen Unterthanen mit gutem Beispiel vorangehen und mich also ihnen zu Liebe zu Tode langweilen. Man hält mich für einen Freigeist, ich weiß es bestimmt, und eben deßhalb will ich von heut an jeden Sonntag die Kirche besuchen. Ich gebe Dir mein Ehrenwort, Jean, es geschieht blos so lange, bis sich die dummen Bauern von meiner wahrhaftigen Gottesfurcht augenfällig überzeugt haben.«

Es war nämlich Magnus erzählt worden, daß viele seiner Unterthanen laut geäußert hatten, ihr Herr müsse ehestens vom Himmel bestraft werden, weil er nicht ein einziges Mal das Gotteshaus besucht habe, und so hielt er es denn für unumgänglich nöthig, sich in die Umstände zu fügen.

»Noch kein Bote von Boberstein angekommen?« fragte er, während ihm der Kammerdiener den Pudermantel abnahm und einige weiße Tüpfel von Stirn und Wange stäubte.

»Man hat noch nichts gehört.«

»Wie geht es mit Sultan?«

»Der Voigt ist mir die Antwort auf meine Frage bis jetzt schuldig geblieben.«

[182] »Warum? Sollte Sultan's Leben bedroht sein? – Geh, Jean! Bescheide den Voigt zu mir. Ich will sogleich die genaueste Nachricht über das Befinden meines Lieblingspferdes haben.«

»Irre ich nicht, gnädigster Herr, so höre ich den schwerfälligen Tritt des Voigtes auf dem Corridor.«

So war es. Der Voigt erschien. Er hatte einen ziemlich großen Brief in der Hand, der schlecht couvertirt und mit schwarzbraunem Siegellack äußerst plump verschlossen war. Auf dem Siegel konnte man kein bestimmtes Zeichen erkennen, da der vermuthlich ungeübte Schreiber zwei- oder dreimal das Petschaft in das halb geronnene Lack gedrückt hatte.

»Du wirst täglich lässiger, Ephraim,« redete Magnus den Eintretenden ziemlich barsch an. »Wenn das so forfgeht, werde ich künftig eine Gesandtschaft an Dich abschicken müssen, um zu erfahren, wie Du Dich in meinen Diensten benimmst. Was bringst Du von Sultan für Nachricht?«

»Die Geschwulst mindert sich, gnädigster Herr,« versetzte der Voigt mit niedergeschlagener [183] Miene, »bei sorgfältiger Pflege wird das arme Thier wieder vollkommen hergestellt werden.«

»Das ist mir lieb, aber was zum Henker schneidest Du für Gesichter? Und was hast Du denn da in den Händen?«

»Ich wollte Ew. Gnaden eben um Entschuldigung bitten der Säumniß wegen, der ich mich schuldig gemacht habe. Dieser Brief –«

»Brief?« fiel Magnus schnell ein, mit dem rechten Arm in den Sammetrock fahrend und so plötzlich dem Voigte entgegenschreitend, daß er dem Kammerdiener das Kleidungsstück entriß und es auf dem Boden hinter sich fortschleifte. »Ein Brief von Boberstein?«

»Von dem Stammschlosse des gnädigen Herrn ist mir ein solcher Brief noch nicht zu Gesicht gekommen,« versetzte der Voigt. »Ueberhaupt habe ich solche Schriftzeichen noch niemals erblickt, und eben deshalb zögerte ich mit der Ueberreichung.«

»Wer brachte ihn? Wie kam er an Dich?« fragte Magnus hastig, jetzt mit Hilfe des Kammerdieners auch den zweiten Aermel seines Feierkleides anziehend.

»Ich fand ihn, gnädigster Herr. Draußen [184] am Thor zwischen Schloß und Riegel war er eingeklemmt.«

»Vermuthlich ein Pasquill,« sagte Magnus verächtlich, »laß doch sehen!«

Der Voigt überreichte das ungleich gefalzte, äußerlich beschmuzte Schreiben. Magnus besah das verwischte Siegel, die unleserliche, gekleckste Handschrift.

»Vielleicht ist es ein Brandbrief. Man hat neuerdings verschiedene auf Edelhöfen ausgeworfen, um Milderung der Hofedienste zu erzwingen. Wie ich höre, haben sich einige Furchtsame dadurch einschüchtern lassen und wirklich Versprechungen gethan. Bei mir können diese Thoren auf solche Weise nichts erlangen. Ich trotze der Rohheit und werde um so härter strafen, je unerlaubter ein solches Verfahren ist.«

Während dieses Gesprächs hatte er den Brief erbrochen. Schon beim Durchlesen der ersten Zeilen runzelte er die Stirn und wechselte die Farbe.

»Was ist das?« hörten ihn Voigt und Kammerdiener murmeln. Er las noch einige Zeilen, worauf die Anwesenden bemerken konnten, daß ihm die Hände zitterten.

[185] »Meinen Wagen!« befahl er dem Voigt. »Du, Jean, hole mein Gesangbuch aus der Bibliothek.«

Kaum hatten sich die Diener entfernt, so warf sich Magnus auf einen Stuhl und stampfte wüthend mit dem Fuße.

»Abscheulich!« rief er. »Mich zwingen zu wollen und in so stolzen, beleidigenden Ausdrücken!«

Der Brief lag auf seinem Schooß. Er lautete:

»Vier Wochen nach Empfang dieses wird Röschen Sloboda, bekannt unter dem Namen Haideröschen, den Bauer Clemens Ehrhold heirathen. Sie werden, Herr Graf, ohne Säumen genannten Clemens Ehrhold die Erlaubniß dazu ertheilen und Röschen Sloboda als Ihre Unterthanin annehmen. Ferner wollen Sie nicht anstehen, obgenanntem Röschen ein Heirathsgut von dreihundert Reichsthalern zu überantworten und am Tage der Hochzeit, zu deren Feier Sie hiermit eingeladen werden, den Neuvermählten einen Freibrief als außerordentliches Hochzeitsgeschenk zu überreichen. Binnen zweimal vier und zwanzig Stunden werden Sie gnädigst Antwort geben, [186] wozu das Abfeuern Ihrer Jagdflinte aus demselben Fenster, durch welches die kleine Wendin Ihrer Verfolgung sich entzog, für genügend erachtet wird. Sollten Sie anstehen, die oben genannten Bedingungen eingehn zu wollen und das verlangte Zeichen nicht geben, so werden eine Stunde später alle Fenster Ihres Schlosses von hundert Schüssen zugleich zertrümmert werden und die gerechte Strafe des Himmels wird Sie erreichen mitten im Triumph Ihrer nichtswürdigen Verbrechen!«

Dieser Brief war ohne Namensunterschrift und unverkennbar mit verstellter Hand geschrieben. Magnus fiel daher sogleich auf den Gedanken, der Verfasser desselben könne Niemand anders als sein erklärter Feind der Maulwurffänger sein. Deshalb war er anfangs auch fest entschlossen, die herrische Forderung ganz unbeachtet zu lassen und dem frechen Schreiber damit seine Verachtung zu erkennen zu geben, allein später stiegen doch wieder Zweifel in ihm auf. Der überall thätige Maulwurffänger konnte ja blos das Werkzeug eines Mächtigeren sein! Es ließ sich nicht läugnen, daß eine unglaublich kühne Räuberbande die Haide seit Jahren unsicher [187] machte; daß Mitglieder derselben als Bauern und Bürger verkleidet auf allen Dörfern und Schlössern Bekanntschaften anknüpften und über öffentliche und geheime Vorgänge sehr wohl unterrichtet waren. Von der Stärke dieser kunstreich organisirten Räuberbande erzählte man sich Wunderdinge; die Schlauheit, Kraft und originelle Gesinnung ihres Anführers konnte man nicht genug rühmen. Ja das unwissende Volk legte ihm sogar höhere Kräfte bei, hielt ihn für hieb- und stichfest und behauptete, er könne zugleich an mehreren Orten gegenwärtig sein und wie der Sturmwind im Augenblick erscheinen und verschwinden. – Es war ferner so gut als gewiß, daß die niedrigen Volksklassen, namentlich das arme, darbende Volk, in sehr enger Verbindung mit diesem Schrecken der Wälder stand. Jede Hütte stand dem Unhold bei drohender Gefahr offen, während sie sich vor der verfolgenden Macht verschloß. Der schlaue »Fürst der Haide,« wie man den Räuber wohl nennen hörte, hatte nicht selten schreiendes Unrecht auf seine Weise ausgeglichen und hartherzige Herren auf das Empfindlichste gezüchtigt.

Dies und manche auffallende Einzelheiten [188] aus dem unstätten abenteuerlichen Leben des Räubers traten dem jungen Grafen blitzschnell vor die Seele und nachdenkend stützte er den Kopf in seine Hand, das bedrohliche Schreiben zerknitternd und auf die glimmenden Kohlen des Kamins schleudernd.

Um Auswege war Magnus nie verlegen, da es ihm auf die Wahl seiner Mittel nicht ankam. Den Inhalt des Briefes nochmals sich wiederholend, sprang er auf und schnalzte lächelnd mit dem Finger.

»Vortrefflich!« sagte er, das Zimmer langsam durchschreitend. »Gräfliche Gnaden fügen sich unbedingt dem Willen des dunklen Unbekannten, fertigen die Erlaubniß zur Hochzeit des jungen Burschen mit der niedlichen Kleinen aus, sind überhaupt unaussprechlich herablassend und zuvorkommend und knallen zu guter Letzt mit ihrer Vogelflinte zu dem famosen Fenster hinaus. – Warum auch sollte ich es nicht thun?« fuhr er fort, in seiner Wanderung inne haltend. »Wer von all meinen Leuten weiß denn, was mir zugemuthet wird, welcher unbekannten Gewalt ich mich ohne alles Sträuben ergebe? – Und welcher Vortheil kann mir aus solchem unbedingt [189] willigen Nachgeben erwachsen! – Diese Schlauen, wer sie immer sein mögen, sind in der That ungemein kurzsichtig. Sie muthen mir, der ich jedenfalls weit über ihnen stehe, zu, ich solle mich ohne Rückhalt, ohne Säumen ihren Händen überliefern, und scheinen dabei zu vergessen, daß grade dieses grobe Drängen, wenn ich mich ihm füge, eine laute Aufforderung ist, vorsichtig zu sein. – Sie laden mich naiv gutmüthig zu Haideröschens Hochzeit ein – ein vortrefflicher Gedanke! – Ich habe Lust, die lieben Leute in ihrer Lustigkeit kennen zu lernen. – Und den Freischein soll ich mitbringen zum Trunk und Tanz? – Wirklich, diese Tölpel ahnen nicht, wie bereitwillig sie mir in die Hände arbeiten! – Der Freischein zur Hochzeit – mein Recht als Herr – der Lärm und die ausgelassene Lust der Wenden – ich kann mich gar nicht täuschen, daß ich dabei einen vollständigen Sieg erringe und dem Feinde die empfindlichste Niederlage bereite.«

»Ew. Gnaden?« sagte der Kammerdiener, die Thür öffnend.

»Ist angespannt?«

»Wie Sie befohlen haben.«

[190] »So will ich denn zur Kirche fahren und im inbrünstigen Gebet Gott danken, daß er mich erleuchtet und aus schwerer Gefahr gnädig errettet hat.«

Der Kammerdiener machte große Augen, als er seinen Gebieter eine so ungewohnte, noch nie vernommene Sprache anstimmen hörte, indeß begleitete er ihn gehorsam zur Kirche, wo er sich abermals über die außerordentliche Andacht und die gespannte Aufmerksamkeit des Grafen zu wundern hatte. Magnus wartete den Gottesdienst gänzlich ab, dankte sehr gnädig allen Vorübergehenden, die ihn grüßten, und war nicht nur an diesem, sondern auch in den nächsten Tagen die Freundlichkeit und Güte selbst gegen Diener und Knechte. Die Letzteren hielten ihn für geisteskrank und wurden in dieser Meinung noch mehr bestärkt, als sie ihn eines Tages am frühen Morgen wie toll mit der Flinte durch mehrere Zimmer rennen sahen, als ob er einen Dieb verfolge. Gleich darauf fiel ein Schuß. Mit noch rauchender Flinte ging der Graf ruhig zurück in sein Wohnzimmer.

9. Kapitel
[191] Neuntes Kapitel.
Die Hochzeit.

Durch die alterthümlichen Hallen des Schlosses Boberstein schwebte der unheimliche Schatten eines nahe drohenden Unglücks. Herta war in tiefe, herzzerreißende Melancholie versunken, die auf allen Schloßbewohnern drückend lastete, namentlich aber die Tage des alten kränklichen Grafen vollends ganz verdüsterte. Zwar sprach die Leidende wieder seit einiger Zeit mit ihren Umgebungen. Keine Schwäche ihrer geistigen Kräfte war zu bemerken, auch eine fixe Idee schien sie nicht zu beunruhigen, aber sie war dennoch ein ganz anderes Wesen geworden, dem man es ansah und anhörte, daß ein unaussprechliches Weh, ein entsetzlicher Schmerz an ihrem Herzen nagte. Deutete man darauf hin, so verstummte [192] sie und konnte tagelang schweigen, bis man sich denn gegenseitig gelobte, die Unglückliche mit ihrem Schmerz sich selbst zu überlassen.

Ueberraschen und angenehm berühren konnte Herta nichts mehr. Sie hörte daher mit vollkommener Gleichgiltigkeit die Botschaft, daß ihr liebes Haideröschen in wenigen Wochen schon verheirathet werden solle. Die Wendin war über diese Eile offenbar mehr erschrocken und zeigte sich gar nicht als glückliche Braut. Immer standen ihr die Thränen in den Augen, die ihr Herta nicht selten mitleidig abtrocknete. Weil sie aber von Jugend auf an blinden Gehorsam gewöhnt und außerdem überzeugt war, daß ihr Vater nur aus besondern Gründen und zu ihrem eigenen Besten die Hochzeit so beeile, fügte sie sich willig allen Anordnungen.

In der kurzen Zeit ihres eigentlichen Brautstandes ereignete sich nichts, was eine besondere Erwähnung nöthig machte. Graf Erasmus gab das Mädchen auf erfolgte Anfrage los und Magnus nahm sie bereitwillig als Unterthanin an. Die herkömmlichen Schriften darüber wurden in üblicher Form ausgefertigt und Haideröschens Vater übergeben, der jetzt fast täglich auf dem [193] Schlosse erschien. Clemens hatte mit Einrichtung des neuen Hauswesens zu viel zu thun, um den weiten Weg nach Boberstein häufig einschlagen zu können. Er begnügte sich daher mit Grüßen an seine Braut, die Haideröschen von ganzem Herzen, aber doch immer niedergeschlagen, erwiederte. Das gute Kind härmte sich um Herta, noch mehr darüber, daß es ihr nicht gelingen wollte, die Gemüthskranke aufzuheitern und ihr Vertrauen zu gewinnen. So blieb ihr nichts übrig, als sie mit aufopferndster Sorgfalt und zärtlichster Liebe zu pflegen, was sie denn auch so rührend that, daß sie dem bleichen, jetzt immer so düstern und wie in furchtbarem Schmerz versteinerten Gesicht ihrer Gebieterin zuweilen ein flüchtiges Lächeln entlockte.

Unter diesem sich immer gleich bleibenden öden Hinvegetiren vergingen die festgesetzten vier Wochen, nach deren Verlauf Haideröschen ihrem Geliebten angetraut werden sollte. Nur die uralten Förmlichkeiten und Gebräuche, die jeder wendischen Hochzeit vorangehen und die zu vernachlässigen man nicht allein für einen Verstoß gegen alle Sitte, sondern auch für eine frevle Herausforderung der finstern Mächte und des [194] heimlich schaffenden Unglückes gehalten haben würde, brachten einige Abwechselung und auf kurze Stunden ein originelles Leben und Treiben in das so stille, traurige Grafenschloß. So erfolgte unter Andern die eigenthümliche Werbung des Bräutigams um die Braut durch den Brauwerber oder Brazka mit allen Ceremonien, die dabei vorgeschrieben sind. Eben so reich an wunderlichen Gebräuchen, an seltsamen Sprüchen und Reimreden war die feierliche Verlobung Haideröschens mit Clemens, und diese noch nie in der Nähe beobachteten volksthümlichen Gebräuche interessirten auch Herta so sehr, daß sie während derselben ihr schweres Seelenleid vergaß und mit dem alt gewohnten Glanz in ihren schönen Augen, das liebliche Gesicht überstrahlt von freudigen Flammen, das Ungewohnte an sich vorübergehen ließ.

Graf Erasmus, der es sich angelegen sein ließ, die schöne Dienerin seiner Nichte bei dieser Gelegenheit recht auszuzeichnen, wäre beinahe mit Sloboda in unangenehmen Streit gerathen. Der Graf wollte nämlich, daß Haideröschen Dienst und Schloß erst am Tage ihrer Hochzeit verlassen solle, was die Nothwendigkeit einer [195] Abholung der Braut vom Schlosse unabweisbar bedingte. Sloboda, sonst in allen Dingen die Fügsamkeit selbst und nie einem Befehle zu widersprechen gewohnt, widersetzte sich dieser Anordnung hartnäckig und meinte, es sei durchaus unmöglich, daß der gnädige Herr Graf so etwas Widersinniges verlangen könne. Eine Braut müsse schlechterdings aus ihres Vaters eigenem Hause abgeholt werden, und dies sei seine schlechte niedrige Hütte. Unterbliebe diese Abholung, so könne aus der ganzen Hochzeit nichts werden, denn alle dabei üblichen und nothwendigen Gebräuche müßten unterbleiben.

Je heftiger der trotzige Sloboda auf seiner Meinung beharrte, desto hartnäckiger ward auch der Graf. Ihn verdroß blos der Widerspruch des Untergebenen und daß man ihm eine Freude damit verdarb, die er sich ausgedacht hatte. Hier nun schritt Herta wieder, wie immer bei streitigen Fragen, als Vermittlerin und Friedensstifterin ein. Sie brachte es dahin, daß Haideröschen am Hochzeitstage von Clemens und dessen Begleitung auf dem Schlosse abgeholt, die Hochzeit selbst aber und Alles, was Ceremonielles [196] dabei zu beobachten sein möchte, im Hause ihres Vaters gehalten werden solle.

Dieser Entscheidung fügte sich Sloboda erst nach vielem Zureden. Kopfschüttelnd behauptete er jedoch, es sei nicht gut, daß er nachgebe, denn es könne daraus leicht Unglück für sein ohnehin schon so tief gedemüthigtes Haus entstehen. Das Warum wußte er freilich nicht anzugeben.

»Nun ja,« sagte er nach mehrmaligem Bearbeiten von Seiten Herta's, »es ließe sich zuletzt Alles recht gut hier einrichten. Der gnädige Herr Graf will uns die Schloßhalle einräumen zur Brautschau, wofür ich meinerseits vielmals danke, aber wo haben wir eine alte Frau, die bei der ersten Frage nach der Braut meine Tochter vorstellen kann? Die Frau Gräfin –«

»Um Gotteswillen, Sloboda!« unterbrach Herta den Rücksichtslosen. »Meine Tante wird sich während der ganzen Ceremonie fest in ihre Zimmer verschließen.«

»Wir müssen aber doch eine alte Frau haben, gnädiges Fräulein,« behauptete Sloboda sehr bestimmt und so ernsthaft, daß die immer traurige Herta darüber lächeln mußte.

»Könnte nicht einer der Bedienten –«

[197] »Die Frau vorstellen, meinen Sie?«

»Ja, so denk' ich. Für eine täuschende Verkleidung will ich sorgen.«

»Das geht nicht, liebes gnädiges Herzensfräulein; denn es ist, sehen Sie, noch niemals bei uns vorgekommen.«

»Es muß also durchaus ein Frau sein?«

»Ja, lieber Engel, und zwar eine Frau in den Jahren.«

»Seid Ihr zufrieden, wenn ich meine Amme dazu herkommen lasse? Sie wird es gern thun!«

Sloboda überlegte den Vorschlag und nahm ihn endlich zaudernd an. Dagegen lehnte er die Ausrichtung des Hochzeitmahles auf dem Schlosse, die Graf Erasmus nochmals in Vorschlag brachte, entschieden ab, weil es, wie er sich ausdrückte, gegen Grundsatz und Sitte seines Volkes verstoße, bei der Hochzeit das Brod Fremder in fremdem Hause zu essen. Die Zukunft lehrte ihn nur zu bald, daß ein prophetischer Geist in dem Grafen thätig gewesen und daß alles nachfolgende Unglück aus seiner Weigerung herzuleiten sei.

Als der festgesetzte Tag herankam, bestand die unglückliche Herta darauf, die geliebte Braut [198] mit eigener Hand schmücken zu dürfen. Sie ringelte ihr mit zartem Finger die glänzenden Löckchen auf der Stirn, setzte ihr die hohe Borta von schwarzem Sammet auf mit dem goldbrokatenen Deckel und der daran befestigten grünen Rautenkrone; sie legte ihr das Halsband mit bunten Perlen um, das mit silbernen Sternen geschmückte Haarband über den untern Absatz der Borta und knüpfte die verschiedenen vorgeschriebenen grünen Bänder in zierliche Schleifen. Ganz besondere Aufmerksamkeit empfahl das ängstliche Haideröschen ihrer sie putzenden Gebieterin bei der Befestigung der Flizur. So nennen nämlich die Wenden ein Stück feiner weißer Leinwand, welches in einer Breite von vier Zoll, in Falten gelegt und mit grüner Seide eingefaßt, über Brust, Schulter und Rücken läuft, und nebst den zwei bis drei Schnuren goldener oder silberner Schaumünzen um Brust und Hals ein nur Bräuten gestatteter Schmuck ist. Außerdem reichte Herta der kleinen Wendin ein feines weißes Tuch, das sie selbst in glücklicheren Tagen gestickt hatte.

Müßten wir nicht befürchten, unsere Leser durch ausführliche Beschreibung der übrigen zahllosen [199] und zum Theil höchst seltsamen Gebräuche bei einer wendischen Bauernhochzeit zu ermüden so würden wir noch manches Eigenthümliche hier anzuführen haben. So beschränken wir uns darauf, zu erwähnen, daß sich aus Haideröschens Geburtsorte zwei Brautjungfern einfanden, die fast eben so wie die Braut selbst gekleidet waren. Mit diesen kam natürlich auch die ganze Verwandtschaft der Sloboda, was denn ein lautes und lebendiges Treiben in den untern Räumen des alten Schlosses verursachte.

Es war ein schöner, klarer und warmer Frühlingstag. Die Wipfel der schlanken Tannen wiegten sich mit leisem Rauschen in der blauen Luft und schmetternde Lerchen hingen, dem Auge kaum sichtbar, in dem unermeßlichen Dome. Die meisten Menschen wünschen sich an ihrem Hochzeitstage einen solchen glückverheißenden Frieden der Natur, und auch Haideröschen sah mit ihren wunderbaren Kinderaugen dankend gen Himmel, als sie in der ersten Nachmittagsstunde die schrille Musik der Haidebauern aus dem Walde erklingen hörte, die den Bräutigam begleiteten. Verstohlen sah sie hinab auf den spiegelklaren See, über den eine ganze Flotille kleiner Nachen[200] segelte, alle mit geputzten Männern besetzt, welche jubelnd ihre bebänderten Hüte schwenkten und unaufhörlich mit der Musik um die Wette jubelten. Sogar einzelne Schüsse wurden abgefeuert und weckten das schlummernde Echo der stillen Haide.

Am Fuße des Schloßfelsens angekommen, ordneten sich die Begleiter des Bräutigams paarweise, das Musikchor, aus mehrern Clarinetten, einem Fagott und andern nationalwendischen Instrumenten bestehend, stellte sich an die Spitze und der Brautführer mit bandverziertem Stock, Hut und Kleid schritt gravitätisch voraus. Unter fortwährendem Musiciren erstieg diese Schaar junger Männer den Schloßberg und zog bis vor die große Eingangspforte.

Hier wurde sie durch herbeispringende Knechte, die ein langes rosenrothes Band schnell vor die Pforte zogen, aufgehalten und ihnen erst nach Erlegung eines geringfügigen Trinkgeldes der Eintritt gestattet, indem der Brazka mehrmals die Versicherung gab, daß sie nicht als ungebetene Gäste erschienen, sondern mit Erlaubniß des Schloßherrn und auf dessen besondere Einladung kämen.

[201] Ein neues, noch bedenklicheres Hinderniß stieß dem Bräutigamszuge im Innern des Schloßhofes auf. Es waren nämlich alle Fenster fest verschlossen, einige sogar mit Läden verbaut. Auch die Haupteingangsthür, die doch sonst immer offen stand, zeigte sich heut fest verriegelt. Bescheidentlich nahte sich nun, während die Musik schwieg, der Brautwerber der Schloßthür und klopfte leise mit seinem Stabe an. Allein Niemand gab Antwort. Das Schloß schien unbewohnt oder gar ausgestorben zu sein. Erst auf heftigeres Klopfen ließ sich drinnen eine mürrische Stimme vernehmen, die Jan Sloboda angehörte. Er fragte: was man begehre? Der Brautwerber antwortete: man suche Herberge. Uebrigens könne er auf Ehre und Seligkeit versichern, daß er und seine Begleiter vollkommen ehrliche Leute wären und mit den freundschaftlichsten Gesinnungen kämen. Obwohl Sloboda und die hinter ihm jetzt sichtbar werdenden Gäste dies in Zweifel zu ziehen schienen, ließ er sich doch bewegen, zaudernd die Thür zu öffnen. Allein weder der Bräutigam noch sein Gefolge trat ein, nur der Brazka erschien auf der Flur und wendete sich nach alter Sitte mit nochmaliger formeller [202] Werbung um die Braut an den Wenden. Eine Zeit lang stellte sich Sloboda, als wisse er um keine Braut, bis endlich die Gäste sich bereit erklärten, den Wunsch des Bittenden zu erfüllen. Sie entfernten sich und der Brazka ward von Sloboda in die Schloßhalle geführt, auf deren Gallerie Graf Erasmus mit Herta der wendischen Brautwerbung neugierig zusah. Gräfin Utta fand ein solches Schauspiel zu gemein, um ihre Augen darauf zu richten.

Bald kamen die Gäste der Braut wieder zurück, in ihrer Mitte eine ältliche Frau führend, die Herta's Amme war und welche der Brautwerber nach genauer Betrachtung als eine falsche wieder zurückschickte. Auch ein junges hübsches Mädchen, das ihm nunmehr vorgeführt ward, wollte er nicht als die ihm verheißene Braut, die er als noch weit schöner und lieblicher beschrieb, gelten lassen. Erst nach drittmaligem Suchen ward Haideröschen im vollsten Brautstaat vorgeführt, von dem Brautwerber mit jubelndem Gruß, von der Musik mit einem Tusch empfangen. Jetzt trat auch der Bräutigam mit seinen Geleitsmännern in die Halle, um sich die verschämte Braut zuführen zu lassen. Der Brazka hielt wieder [203] lange gereimte Dankreden an Sloboda, an Haideröschen, an die Gäste, und erst nachdem all diesen lang dauernden Gebräuchen volles Recht geschehen war, gab er, der jedesmalige Ordner solcher Feste, das Zeichen zum Aufbruch. Die Musik spielte wieder auf, vom Brazka angeführt. Ihr schloß sich Haideröschen, geleitet von zwei Ehrendienern, an, denen die Slonka oder Salzmeste, so geheißen, weil sie bei Tafel das Salz aufzusetzen hat und überhaupt, als erste Pathe der Braut, Tafelordnerin ist, nebst den Brautjungfern folgte. Erst nach diesen durfte Clemens in den Brautzug treten, begleitet von einer zweiten Slonka und zwei Züchtjungfern. Nach diesem sehr hoch gehaltenen und für unerläßlich geachteten Ehrenpersonal schloß sich erst der Zug der beiderseitigen Gäste an und bewegte sich unter fortwährender Musick den Schloßberg hinab an den See.

Als auch dieser hinter dem Brautzuge lag, bestieg die ganze ziemlich zahlreiche Gesellschaft im Schatten des Waldes harrende Wagen, deren Kutscher und Pferde mit buntseidenen Tüchern und großen Blumensträußern bestens aufgeputzt waren. In vorgeschriebener Ordnung, Braut [204] und Bräutigam voraus, nahm das Brautgeleit Besitz von diesen Wagen, unter denen mehrere aus einfachen Leitern bestanden, wie sie der Bauer zu Holz- und Getraidefuhren allein brauchen kann, und in raschem Trabe, nicht selten in wildestem Galopp, jagte der lustige Brautzug hinein in die rauschende, harzduftige Haide dem Geburtsorte Haideröschens zu, wo Trauung und Hochzeitsmahl stattfinden sollten. Seltsamerweise lief bald nach der Abfahrt, was in Jahren nicht vorzukommen pflegte, als erster Begegnender ein Hase über den Waldweg, was, als ein böses Zeichen, die Lustigkeit der Gäste einigermaßen störte und die lieblichen Träume der jungen Braut etwas verdüsterte.

Unmittelbar nach der Trauung begann das Mahl unter genauer Befolgung aller durch Sitte und Gewohnheit vorgeschriebenen und geheiligten Ceremonien. Zu diesem Mahle waren noch zwei längst erwartete Ehrengäste gekommen, Heinrich der Maulwurffänger und dessen Bruder Gregor. Sie erhielten ihre Sitze zunächst dem Pfarrer, der jederzeit die erste Stelle neben dem Bräutigam einnimmt. Durch das Erscheinen dieser beiden Männer, namentlich aber durch die trockenen [205] Witze und komischen Erzählungen des Maulwurffängers, ward die Hochzeitsgesellschaft sehr bald in die munterste Laune versetzt. Man vergaß das viele Ungemach, das die Hauptpersonen erlitten hatten, und freute sich der angewandten Listen, die ein so gelungenes, erfreuliches und glückverheißendes Ende herbeigeführt.

Bier und Branntwein wurden zu den vielen und fetten Speisen in Menge genossen und äußerten bald genug ihre Wirkungen. Die Unterhaltung ward so lebhaft, daß sie einem heftigen Gezänk Aller unter einander glich. Dazwischen klapperten Messer, hölzerne Teller – denn nur auf solchen aßen die Hochzeitsgäste – Bierkannen und Gläser. Im Eifer des Anstoßens und Zutrinkens ward auch manches Glas zerbrochen. Die Aufwartenden rannten mit ihren hoch mit Fleisch beladenen Schüsseln zuweilen gegen einander und verschütteten einen Theil der dampfenden Stücke, die alsdann ab- und zugehende Gäste unter allgemeinem Jubel mit ihren kurzen zweizinkigen Gabeln aufhoben und triumphirend selbsteigen auf ihre Teller trugen, wo sie bald verschwanden.

Das eigentliche Mahl war beinahe beendigt, [206] als unerwartet noch ein Gast in Sloboda's glückliche Behausung trat. Graf Magnus wollte die Einladung nicht versäumen, die ihm der unbekannte Briefschreiber zugeschickt hatte. Der junge Mann strahlte in voller männlicher Schönheit. Er trug einen prächtigen mit Goldstickerei reich verzierten Reitrock, die feinsten Spitzenmanschetten fielen über seine schönen Hände herab und der feine graublaue Hut saß kokett auf dem wohl frisirten Haar.

So trat er leichten Schrittes unter die tobenden Bauern, die Erstaunten mit Anmuth und freundlicher Herablassung grüßend. Einige Augenblicke verstummten Alle, man hörte kaum einen Athemzug.

»Laßt Euch nieht stören, meine Lieben,« redete Magnus die Versammelten an. »Ich komme, die Freude und das Glück des jungen Paares mit Euch zu theilen und als ihr Grundherr demselben ein kleines Geschenk zu überreichen. Von morgen an, wo Clemens und Röschen als Ehegatten meinen Grund und Boden betreten, erkläre ich sie für freie Leute. Es lebe das freie Brautpaar!«

Schnell entriß er dem zunächst sitzenden [207] Bauer das Glas und leerte es in einem Zuge bis auf den Grund, mit freundlichem Augenwink Clemens und Haideröschen grüßend und sich gegen Letztere graziös verneigend.

Es würde ein vergebliches Bemühen sein, den Jubel zu schildern, der jetz ausbrach. Ohne Maaß und Ziel in Freude und Schmerz, in Verehrung wie in Haß, betäubten die vom Trunk aufgeregten Wenden den jungen Grafen mit Lobeserhebungen. Er war auf einmal der gütigste, der gerechteste, der freundlichste und mildthätigste Herr. Jeder beeiferte sich, ihm dies persönlich zuzuschreien und wo möglich für seine Großmuth die Hand zu küssen, was denn einen unbeschreiblichen Lärm und die größte Unordnung hervorbrachte.

»Tusch! Tusch! – Ein Hoch dem allergnädigsten Herrn Grafen! – Zugeblasen! Zugeblasen! – Musikanten, aufgepfiffen! –« so schrien und commandirten hundert Stimmen durch einander und die Tusche der Musiker nahmen eine Viertelstunde lang kein Ende.

Obwohl das Essen noch nicht ganz beendigt war, gab man es doch freiwillig auf. Der Brazka ließ die Diele fegen, um den Tanz beginnen [208] zu lassen, nach dem Jung und Alt unter johlendem Schreien lebhaft verlangte. Ein so außerordentlicher Fall, ein Hochzeitsgeschenk so unerhörter Art, schien solchen Verstoß gegen das Herkommen zu rechtfertigen.

»Immer seid lustig, Kinder!« sagte Magnus. »Ein Fäßchen Branntwein geb' ich der Gesellschaft zum Besten. Es wird eben angezapft und soll, hoff' ich, etwas besser munden, als Euer kraftloser Fusel. Ein Stündchen will ich mich mit den schönen Gefährten der schönen Braut auf der Diele drehen, dann muß ich heim eilen, denn morgen warten meiner wichtige Geschäfte.«

Der kaum gedämpfte Jubel brach von Neuem, wo möglich in noch verstärkterem Maaße, aus, Tische, Bänke und Schemel wurden bei Seite geschoben, die Burschen bestellten den Vortanz, und als sich die durchdringenden Klänge der Tarackawa, begleitet von dem kreischenden Schreien der Huslje hören ließen, konnte Haideröschen nicht umhin, dem freundlich lächelnden Grafen gewährend die Hand zu reichen.

Magnus hatte viele bestechende Eigenschaften, mit denen es ihm ein Leichtes gewesen wäre, die Herzen seiner Unterthanen zu gewinnen und [209] Jedermann für sich einzunehmen. Dazu gehörte eine genaue Kenntniß aller dem Volke eigenthümlichen Gebräuche, seine Meisterschaft in den von den Wenden hochgehaltenen Spielen und Tänzen, die Leichtigkeit, mit welcher er sich in ihrer Sprache ausdrücken konnte, und noch manches Andere der Art, wodurch der Vornehme dem gemeinen Manne angenehm, gleichsam menschlicher wird, weil es in gewissem Sinne die Kluft ausfüllen hilft, die vom Glück Begünstigte immer in weiter Ferne hält von dem Armen, Mittellosen und Ungebildeten.

Magnus tanzte den Brautreigen bewunderungswürdig leicht, und doch mit so viel dörflichem Tact, daß selbst die im Tanz geübtesten jungen Burschen gestehen mußten, sie wüßten es nicht besser, ja nicht einmal so gut zu machen.

Während des Tanzes, der sich bald zu einem wirren, drängenden Menschenknäuel verdichtete, ward viel getrunken. Der Branntwein des Grafen mundete zu gut, als daß die Wenden im Genuß desselben hätten Maaß halten können. Sogar ältere Männer und Frauen ließen sich vom allgemeinen Frohsinn mit hinreißen und thaten des Guten mehr, als ihre vorgerückten Jahre [210] vertrugen. Dies hatte denn einen leichten Rausch fast Aller zur Folge, der durch den immer wilder rasenden Tanz noch mehr gesteigert wurde.

Frei von dieser Ueberlustigkeit hielten sich nur der Maulwurffänger und dessen Bruder. Sogar Sloboda hatte einen leichten »Hieb« und chassirte nicht selten, von einem Beine auf's andere hüpfend, quer durch den qualmigen Tanzsaal nach seiner Kammer, die, wie in den meisten wendischen Häusern, an die Wohnstube grenzte. Eine einzige niedrige Stufe oder eine hohe Schwelle trennte sie von der letztern und eine Zuschlagthür, welche von innen verriegelt werden konnte, sperrte den Eingang. Aus dieser Kammer führte eine zweite Thür in einen schief zur Erde abfallenden schuppenartigen Anbau, wo Sloboda Holz, Reißig, einige Ackergeräthe und andere in einer Wirthschaft nöthige Dinge aufbewahrte.

Mit Absicht vermied es der Maulwurffänger, den Grafen anzureden. Er saß in der Ecke des Zimmers, den Rücken der Thür zugekehrt, trank ein Glas Bier und ließ sich dazu seine kurze Maserpfeife schmecken. Nach dem ersten Tanze mit der Braut trat Magnus an diesen Tisch und [211] grüßte den unermüdlichen Raucher. Der Maulwurffänger stand auf und erwiederte gebührend den Gruß des Grafen.

»Du hast den Zeiselhof recht lange nicht mehr besucht,« redete Magnus unsern Freund an. »Wie kommt das?«

»Ich war daselbst nicht nöthig, gnädiger Herr.«

»Du weißt aber, daß ich Dich gern kommen sehe.«

»Wenn dem so ist, werde ich wieder einmal anklopfen.«

Magnus schob einen Schemel an die Wand und setzte sich dem Maulwurffänger gegenüber, so daß jetzt drei an dem Tische saßen, denn auch Gregor hatte inzwischen seinen Platz daran wieder eingenommen und bedächtig die breiten Schöße seines langen, mit rothem Fries gefütterten Rockes von den strammen Beinen zurückgeschoben, so daß sie zu beiden Seiten des Schemels bis auf den Boden herabreichten.

»Wie geht die Kundschaft?« begann Magnus das Gespräch von Neuem. »Ich höre, daß in diesem Jahre der Maulwurf weniger [212] Schaden anrichtet, als in dem letzt vergangenen.«

»Möcht' ich nicht so schlechthin behaupten, Ew. Gnaden! Es kommt aufs Erdreich an, denn das Ungeziefer hat einen Geschmack so fein, wie der delicateste Fürstbischof.«

Gregor lachte und sagte mit dem Kopfe nickend: »Natürlich! Natur!«

»Wie ist es denn,« sprach Magnus nach abermaliger Pause, »hast Du neuerdings nichts von dem braunen Lips gehört? Vor einigen Wochen machte er wieder viel von sich reden durch ein paar Einbrüche, die mit großer Kühnheit verübt worden waren.«

»Ich bin kein Polizeimann, Herr Graf,« entgegnete der Maulwurffänger, sein scharfes Auge wie einen leuchtenden Blitz auf ihn heftend.

Magnus stand auf und umfaßte die erste Züchtjungfer, die eben vorbeiging, um mit ihr unter die Tanzenden zu treten.

»Aus mir soll er nichts herausbringen,« flüsterte Heinrich seinem Bruder zu, »und wenn er Schraubenstöcke anlegt und vier Hengste vorspannt. Ich werde kein Narr sein.«

[213] »Natur, ganz Natur!« sagte Gregor und zündete sich der Unterhaltung wegen eine Pfeife an.

Inzwischen dauerte der Tanz ununterbrochen fort. Magnus kam nicht mehr vom Plane. Die jungen Mädchen rissen sich um den schönen, leichten, vornehmen Tänzer und legten alle Schüchternheit ab, da sie den als so schrecklich verschrienen Blauhut auf einmal so zugänglich sahen. Wäre es nicht der gnädige Herr gewesen, der alle Dorfschönen ihren Burschen untreu machte, so würde die Hochzeit, wie so oft, mit blutiger Schlägerei geendet haben. So aber war man eines Theils zu sehr hingerissen von der Freigebigkeit und Großmuth des Grafen und sodann hatte man auch wirklich zu viel Gefallen an seinem Tanz, als daß nur Einer gewagt hätte, über das Glück des hohen Gastes zu murren.

Haideröschen hatte schon mehrmals mit Magnus getanzt. Sie war aufgeregt wie alle Uebrigen und von mehrmaligem Kosten geistiger Getränke sogar etwas exaltirt. Ihr lachendes Gesichtchen glühte wie eine Purpurrose; das weiße Brusttuch zitterte von dem stürmischen Klopfen ihres Herzens.

[214] Magnus führte sie aus der Hand ihres Bräutigams wieder zum Tanz. Clemens lachte über Röschens Unermüdlichkeit, er lachte so laut, daß der Maulwurffänger aufmerksam wurde und ihn beim Arme nahm.

»Trinke nicht mehr, Clemens,« sprach er zu ihm, »Du wirst zu laut!«

»Weiß Gott, Bruderseele, Du hast Recht! – 's ist verdammt heiß in diesem Backofen. Komm, wir wollen draußen frische Luft schlucken!«

Der Maulwurffänger verließ Arm in Arm mit Clemens die erstickende Atmosphäre der Hochzeitsstube und ging plaudernd im Baumgarten mit ihm auf und nieder. Ein sternenklarer Himmel überwölbte funkelnd die schlummernde Haide. –

Magnus hatte das Verschwinden beider Männer bemerkt. Er sah jetzt außerdem, daß Sloboda trotz des unbändigen Lärmes in einem dunkeln Winkel des Zimmers vor Ermattung zu nicken begann. Alle übrigen waren nur mit sich und dem Tanze beschäftigt und hatten kein Auge auf ihn. – Sogleich endigte er den Tanz und geleitete Haideröschen durch die dicht gedrängte Schaar walzender und zuschauender Gäste. – Er [215] winkte ihr, griff in die Brusttasche seines Rockes, wo ein weisses Papier sichtbar ward, und deutete auf die anstoßende Kammer. – Haideröschen, erhitzt, glücklich und neugierig gab nicked ihre Zustimmung und verschwand bald darauf in der erwähnten Kammer. Ungesehen folgte ihr Magnus, der mit geschicktem Griff von innen den Riegel vorschob.

Es vergingen mehrere Minuten, ohne daß Jemand die Braut oder den Grafen vermißte. Die Musik spielte munter auf, die Burschen klatschten in die Hände, sprangen jauchzend in die Höhe, umschlangen mit nervigen Armen ihre Mädchen und stürzten sich in die unaufhaltsame Woge des Tanzes. Da schien es einigen ältern Männern, als vernähmen sie den Hilferuf einer weiblichen Stimme. Sie horchten aufmerksam durch den Lärm, da sich aber nichts regte, achteten sie nicht weiter darauf. Nach einer Pause erklang dieselbe Stimme wieder, aber auch jetzt hörten sie nur einige Wenige undeutlich. Sloboda erwachte jedoch davon aus seinem schläfrigen Hindämmern und suchte mit großen Augen seine Tochter.

In diesem Augenblick trat Clemens mit dem [216] Maulwurffänger wieder in's Zimmer, Beide in sichtbarer Aufregung.

»Wo ist meine Braut? Mein süßes Haideröschen?« schrie er mit lauter vor Angst bebender Stimme in den Jubel der Tänzer.

»Hat Jemand den Grafen fortgehen sehen?« fragte nicht minder laut der Maulwurffänger.

Wie vom Donner gerührt, schwiegen plötzlich Musik und Tanz. Es war eine furchtbare, erwartungsvolle Pause. Ein wiederholter, gellender Aufschrei brachte neues, drohendes, grauenvolles Leben in die Masse der keuchenden Tänzer.

»Meine Tochter! Meine Tochter!« rief Sloboda, stürzte nach der Thür zur Kammer – aus der der herzzerreißende Schrei erklungen war – und wollte sie aufreißen, allein sie widerstand jeder Kraftanstrengung.

»Mein Röschen!« jammerte Clemens und schlug wüthend mit den Fäusten gegen die Thür.

Ein paar Secunden und die Thür stürzte krachend unter den Tritten der wüthenden Wenden zusammen.

Es war finster in der Kammer. Der schwache Schimmer halb niedergebrannter dünner Unschlittlichter aus der Wohnstube, in feuchtem Rauche [217] trüb und flackernd brennend, ließ am Boden liegend eine Mädchengestalt erkennen, die in völliger Erschöpfung kaum noch athmete. Es war Haideröschen. – Die Brautkrone lag neben ihr, das schöne goldblonde Haar hing in aufgelösten Flechten um den entblößten Busen. Ihre festliche Kleidung war schmutzig, zum Theil zerrissen. Ein Blick genügte, um hier an einem verübten Verbrechen nicht mehr zu zweifeln. –

Clemens stürzte neben der Röchelnden nieder und rief sie mit den zärtlichsten Namen. Sie gab keine Antwort, aber sie hörte, sie sah ihn. Jammernd nur schlug sie beide Hände fest über ihre Augen und wimmerte in herzzerreißenden Tönen.

Der scharfe Blick des Maulwurffängers, der in jedem Winkel der dunklen Kammer den Grafen suchte, bemerkte auf dem Tische ein weißes Blatt. Er hob es auf und hielt es gegen herbeigeholte Lichter. Es war der Freibrief für Clemens und Haideröschen, mit Magnus' Namensunterschrift und Wappen! Der Brief lautete auf den morgenden Tag. –

Als der Maulwurffänger das Blatt durchlesen hatte, ließ er es entsetzt zur Erde fallen.

[218] »Auf morgen also! Satanische Bosheit, Du hast gesiegt und wir Armen können nicht einmal gegen ihn klagen! Der Entsetzliche hat blos sein Herrenrecht an der Leibeigenen geübt! –«

Alle standen sprachlos. Sloboda lag gebeugt am Boden neben Haideröschen und netzte mit seinen Schmerzensthränen ihre schönen Haare. Clemens weinte ebenfalls wie ein Kind. Ehrhold dagegen stieß in gerechtem Grimme furchtbare Verwünschungen aus und erhob inmitten der bestürzten Hochzeitsgäste die Hand zum Schwur.

Der Maulwurffänger fiel ihm in den Arm.

»Halt ein!« sagte er. »Nicht Du allein, nicht ein Einziger schwöre hier, wir alle, die wir Männer sind, verbinden uns in gemeinsamem Schwure zu gemeinsamer That! Wer mir beistimmt, der thue, wie ich!«

Der Maulwurffänger kniete nieder. Alle ahmten seinem Beispiel nach. Dann erhoben sämmtliche Wenden zugleich mit dem Deutschen ihre Hände und dieser sprach:

»So lange es noch Herren gibt, die ihre Macht mißbrauchen zum Nachtheile ihrer Untergebenen; so lange noch ein Volk auf Erden lebt das in Armuth, Elend und Druck jammert und [219] rechtlos umherirren muß: so lange laßt uns Brüder sein und mit einem Herzen, in einem Sinne handeln! So lange laßt uns verbunden sein zur Befreiung des Volkes vom Druck der Herrschaft, welchen Namen sie auch führen mag! So lange endlich laßt uns nicht schonen weder Gut, noch Blut, noch Leben! Dazu verhelfe uns der gnädige Gott. Amen!«

In dumpfen Tönen sprachen alle Wenden diesen Schwur nach. Als das Amen monoton von ihren Lippen hallte, vernahm man in der Ferne Hufschläge eines davonjagenden Pferdes. Es war Magnus, der in schnellstem Carrière dem Ort seiner Bubenthat und der Rache der beleidigten Wenden entfloh.–

[220]
Viertes Buch
1. Kapitel
Erstes Kapitel.
Der Fürst der Haide.

Es war Ende September. Feuchte Schneestürme zogen brausend über die Haide und schleuderten hohe Kronen von den Wipfeln der uralten Tannen und Fichten, die sich mit ihren hundert Aesten wie ungeheuerliche Arme gespenstischer Riesen gegen die Wuth der Windsbraut schirmten. Der feuchte Boden, mit Schlinggewächsen, knorrigen Wurzeln, mit Nadeln und Tannenzapfen bedeckt, zeigte in der stürmischen Nacht nur an Stellen, wo die Waldung sich etwas lichtete, Schilder glänzenden Schnee's, auf denen Schaaren von Krähen saßen, die bei jedem neuen, pfeifenden Windstoß mit heiserm Gekrächz aufflogen und unstätt die in der Luft hin und her sausenden schwarzen Baumpyramiden umkreisten.

[223] Mitten in der dichtesten Wildniß thurmhoher Bäume lag eine sumpfige Waldwiese, die im Sommer nur mit einem wallenden Teppich ewig nickender Moorblumen bekleidet war. Ein ziemlich breiter und tiefer Fluß, der sich in zahllosen Krümmungen durch die endlosen Wälder wand, umspülte die Wiese mit seinen schwarzen, nie rauschenden Wellen. Der heiterste Sonnentag verwandelte sich in dem trüben Spiegel dieses schleichenden Gewässers in graue, kühle Dämmerung, und der silberne Glanz der Sterne zitterte und zerrann auf den still kräuselnden Fluthen wie bleicher Irrlichtsschein. Zuweilen trieb dieser Fluß kleine Inseln abgerissenen Moorbodens, die an hinein gestürzten, halb verwitterten Baumstämmen sich ansetzten und eine todesgefährliche, mit grünem Schlammmantel lockend verhangene Brücke bildeten. Schwarze Wasserschlangen und andere Insekten sonnten sich auf diesen zeitweilig erbauten Ueberbrückungen, bis ein plötzliches Anschwellen des Wassers den lockern Bau wieder zerstörte.

Hart am Ufer dieses Flusses, der im weiten Halbbogen die erwähnte sumpfige Wiese umspülte, erhob sich ein breiter Erdwall von nur [224] wenigen Fuß Höhe und hinter diesem starrten die schwarzen Mauern eines alten Gebäudes in die Luft. Epheu, Immergrün und wilder Hopfen umspannen einen großen Theil des Mauerwerks und überwölbten es im Frühling und Sommer mit grünendem Laubdache. Jetzt nickten die tausend und abertausend dünnen Aeste und Ranken blätterlos im Sturme und die großen feuchten Schneeflocken flimmerten kaum secundenlang an dem ruhelosen Geäst.

Selten kamen Menschen in diese Gegend der Haide, da sie von allem Verkehr abgeschieden lag und durch natürliche Verhaue vom Winde niedergestürzter Riesenbäume fast unzugänglich gemacht wurde. Nur wer die Haide sehr genau kannte und durch kein Hinderniß sich abhalten ließ, in ihre unheimlichsten Abgeschiedenheiten einzudringen, fand diesen Versteck mit seinen schauerlichen Umgebungen.

Der wallartige Aufwurf am Rande der moorigen Wiese, einige alte, Schanzen nicht unähnliche, Erhöhungen auf dem andern Ufer des breiten Flusses und mehrere auf der Wiese befindliche Reste zerstörten Gemäuers nebst der Umschrotung eines Brunnens deuteten auf ehemalige Befestigung [225] dieses Ortes hin. Jetzt war Alles verfallen, begrast oder bemoost, und Sturm und Wetter nagten eben so unermüdet an den schwarzen Mauern, wie die begehrliche Welle des Flusses die uralten Erdschanzen unterwusch und zerstörte.

Als wahrscheinliche Ueberreste einer Feste aus den Zeiten des an Raubnestern reichen Mittelalters nannte man diese Trümmer das Raubhaus. Wer es vom Volke kannte, mied es mit Absicht, da durch die gesammte Haide die Sage ging, die Moorwiese mit dem grauen Getrümmer sei schon seit Jahrhunderten von bösen Geistern bewohnt. Daß das arme unwissende Volk einem solchen Gerücht willig Glauben schenkte, war nicht zu verwundern, denn der Ort an sich schon weckte finstere Gedanken und vermochte die Einbildung mit schauerlichen Bildern zu ängstigen. Dazu kam, daß Viele, die zufällig oder durch Noth gedrungen dem Raubhause nahe gekommen waren, seltsame Stimmen gehört, unerklärliche Gestalten um die Ruinen, lohende Flammen auf Fluß und Wiese gesehen hatten – Erscheinungen, die ihre natürliche Erklärung in der sumpfigen, an entzündbaren oder leuchtenden Dünsten überreichen Umgebung fanden.

[226] Nach diesem von allem Volk gemiedenen und verrufenen öden Versteck wanderte in der erwähnten Sturmnacht ein einzelner Mann durch das Krachen, Stöhnen, Seufzen und Brüllen der vom Zorn der Elemente gegeißelten Haide. Die spärlichen Schneeflecke, im Dickicht zerstreut, waren seine Wegweiser. Immer richtete er seine Schritte nach diesen kleinen Lichtoasen in der grauenvollen Finsterniß der stürmischen Herbstnacht, und von ihnen geleitet errichte er nach langem Suchen das Ufer des schwarzen Flusses.

Finster und leblos wie immer lagen die schwarzen Mauern des verfallenen Gebäudes jenseit des Flusses. Der Sturm raste und tobte in den Fensterhöhlen, als wolle er sie in die Luft sprengen. Vereinzelte Krähen schossen wie schwarze Pfeile durch das Flockengewimmel nach der sausenden Haide und mischten ihr klagendes Geschrei mit dem Brüllen des Sturmes. Sonst war weit umher keine Spur eines lebenden Wesens zu entdecken.

Am Erdaufwurfe zunächst dem Ufer des Flusses rastete der einsame Wanderer, lehnte sich auf seinen Stab und schöpfte Luft. An seiner Kleidung, an Haltung und Blick erkennen wir [227] unsern alten Bekannten, den Maulwurffänger. Unverwandt heftete er sein Auge auf die unter ihm lautlos dahinschleichende Welle, in deren glänzenden Schwärze sich die jagenden Schneewolken abspiegelten. Jenseits des Flusses und noch eine gute Strecke hinter dem alten Mauerwerk auf der weißlichgrauen Fläche der sumpfigen Wiese leuchteten bisweilen spitze Flämmchen, die wie blaue Dolchklingen, von unsichtbaren Händen gehandhabt, die unverwundbare Luft durchstießen. Diese jähen, blendend aufzuckenden Flammen zeigten sich bald nah, bald fern, und warfen bleifarbene Lichter auf die nächsten Gegenstände, so daß mancher abgebrochene Baumstumpf abenteuerlich geformt erschien und hie und da aus dem finstern Schlunde der Haide in wildem Feuer rollende Augen glotzten. Dann schluchzte auch wohl die Welle, des Flusses und zog, in gurgelnden Trichtern weiße Schaumblumen schaukelnd, zitternde Ringe, als sei in ihren verborgenen Tiefen ein Geist erwacht und hebe träumerisch die müde Hand empor.

Eine geraume Zeit betrachtete der Maulwurffänger diese Erscheinung mit gleichgiltigem Auge. Dann schritt er langsam dem Sturme [228] entgegen längs des Erdaufwurfes am Flusse fort, bis die Breitseite des zertrümmerten Gemäuers sichtbar ward. Ein gewaltiger ast- und blüthenloser Baumstamm stand hier aufrecht an dem Gestein und sah in der dunklen Nacht wie verkohlt aus. Als der Maulwurffänger diesen Stamm gewahrte, blieb er wieder stehen und erstieg dann mit zwei Schritten den Damm. Der Fluß war hier in ein sehr schmales Bett eingeengt und auf dem andern Ufer mit niedrigem Gebüsch besetzt, das zaunartig die ganze Länge des alten Mauerwerkes hinablief.

»Das wird die angegebene Stelle sein,« sprach Heinrich für sich, beugte sich zur Erde und entdeckte in dem lockern Boden Spuren eines Eindruckes. »Nun denn, auf gut Glück sei es versucht!«

Darauf setzte er zwei Finger an die Zähne und pfiff dreimal hinter einander mit solcher Kraft, daß der gellende Ton selbst das Getöse des Sturmes überschrie und wohl zehnmal im Waldesdickicht vom Echo erst laut, dann schwach und immer schwächer wiederholt ward, bis er im Lärmen des Windes erstarb.

Es währte nicht lange, so bewegte sich der [229] abgestumpfte schwarze Baumstamm, sank gegen den Fluß langsam nieder und legte sich als schmale, aber doch sichere Brücke über das Gewässer. In dem Mauerspalte, der mit dem Sinken der rohen Zugbrücke enthüllt ward, schimmerte ein rothes Licht, gleich dem Wiederschein eines nahen Feuers oder einer brennenden Fackel. Heinrich besann sich keinen Augenblick, auf dem etwas wankenden, nur fußbreiten Stege den Fluß zu überschreiten und durch die Oeffnung in das verfallene Raubhaus zu treten. Unmittelbar hinter ihm schloß sich geräuschlos wieder die Pforte durch gespenstisches Aufsteigen des Stammes.

Der Maulwurffänger befand sich in einem weiten, theils kahlen theils mit Moos und Gestrüpp bewachsenen Mauerviereck, dem jeder Schutz durch Dach und Sparrwerk fehlte. Etwa in der Mitte war eine Erhöhung wie von herabgestürztem Schutt zu entdecken, denn dürre Gräser überwucherten es und eine dünne Schneedecke hatte es jetzt überzogen. Von diesem hünengrabähnlichen Hügel schlug aus der Tiefe der Flammenschein herauf, und als Heinrich dreist darauf zuschritt, entdeckte er den aus festen Quadern[230] gewölbten, nur halb mit verkrüppelten Wurzeln verrammelten Eingang zu einem Keller. Drei bis vier Stufen unter der Oeffnung saß ein junger Mensch von sechzehn bis siebzehn Jahren, einen helllodernden Kienbrand über sich emporhaltend und dadurch den Eingang zum Keller vollkommen erleuchtend.

Ueber den Gesichtsausdruck dieses Menschen erschrak der Maulwurffänger trotz seiner bekannten und in hundert Gefahren erprobten Entschlossenheit. Es war eine vollendet classische Spitzbubenphysiognomie. Das Gesicht, hager und länglich, lief in ein spitzes bartloses Kinn aus, das jedoch nicht vorstand, sondern sich mehr nach rückwärts dem Halse zusenkte. Dadurch trat der Mund mit seinen schmalen Lippen und vier ungewöhnlich großen Vorderzähnen auffallend stark hervor. Diese Zähne, blendend weiß und fast spitzig, wie die eines Wolfes, glänzten immer aus den nie vollkommen schließenden Lippen, und zeigten sich in ihrer ganzen Größe, wenn ihr Inhaber sprach oder gar lachte. Noch entsetzlicher war der Blick seiner Augen. Diese lagen wie Aepfel gleichsam außerhalb ihrer Höhlen, waren von tiefstem Schwarz und glühten wie [231] Kohlen auf einem Ringe weiß glänzenden Emails, denn weil der junge Mensch heftig schielte und dabei aus Angewohnheit oder Argwohn die Augen immerwährend hin und her rollte, kehrte sich das weiße Innere derselben mehr als gewöhnlich heraus.

Seine Kleidung war die eines armen Dorfbewohners, schlecht, etwas schmutzig und nicht im Geringsten auffällig.

Als er den Schreck des Maulwurffängers bemerkte, lachte er höchst vergnügt, hielt den Kienbrand noch etwas höher und sagte:

»Immer kommt näher, Mann! Ich bin nicht der Teufel, obwohl mich das dumme Pack häufig dafür hält und ich es mir zum Vortheile unsers Handwerkes gefallen lasse. Doch bevor ich Euch in unser Heiligthum geleite, noch eine Frage. Wer seid und was wollt Ihr?«

»Als Wächter kommst Du mir trotz Deines verbotenen Gesichtes etwas dumm vor, lieber Junge,« erwiederte Pink-Heinrich, »denn auf Deine Frage kann ich Dir hundert Antworten geben, die alle passen.«

Der junge Bursche zeigte abermals grinsend sein Gebiß und stieß den Kienbrand gegen die [232] feuchte Mauer, daß zischend die abstäubenden Kohlen daran niederfielen.

»Nicht gar so dumm, wie Ihr meint, Mann! Nur Eine Antwort gestattet Euch den Eintritt, jede andere würde Euch sehr unsanft durch jenen Spalt befördern und vielleicht für ewige Zeiten im schwarzen Wasser des Flusses verstummen machen. Also nicht lange gefackelt, mein Bester! Der Brand droht zu verlöschen und mir gefällt es nicht, hier noch länger im feuchten Luftzuge zu sitzen.«

»Du bist sehr kurz angebunden mit müden Wanderern, die eine Herberge suchen,« versetzte der Maulwurffänger. »Indeß jedes Kraut hat seinen eigenen Saft und so will ich mich denn herablassen, ohne lange Umschweife auf Deine Frage zu antworten: Drathschlinge will zu Nachschlüssel.«

»Da ich sehe, daß Du unsern Katechismus vortrefflich auswendig kannst, so tritt ein, Gegerbter der Hölle!« sagte der Bursche und zog grüßend seine verschossene Mütze von Fuchspelz. »Nachschlüssel hat schon seit einer Woche auf Dich gewartet und ist Dir zu Gefallen in dieser ganzen Zeit nicht aus seinem Schlosse gewichen. Deine Ankunft wird ihn sehr erfreuen.«

[233] Während dieser Gegenrede schritt der junge Mensch die Stufen hinab, den Kienbrand leuchtend hinter sich haltend. Der Maulwurffänger folgte ohne Furcht, doch mit jener vorsichtigen Bedächtigkeit, die wir in bedenklichen Lagen des Lebens unwillkürlich annehmen.

»Gib Acht, Drahtschlinge!« rief er unserm Freunde zu. »Die Stufen unserer Staatstreppe sind mit glatter und schlüpfriger Schlammfeuchtigkeit statt eines Teppichs überzogen und wer darauf in's Stolpern kommt, bricht regelmäßig Hals und Beine, so daß wir, ist er unten angekommen, weiter keine Noth mehr mit ihm haben, als daß wir ihn begraben müssen. Solche spaßhafte Fälle haben sich schon häufig zugetragen.«

Der Maulwurffänger verachtete diese Warnung nicht und fand, daß sie nicht unnöthig gewesen war. Nur mit Mühe und durch Anklammern beider Hände an die vorspringenden Mauersteine, die im rothen Schein des Kienbrandes vor Feuchtigkeit blitzten und von langen Streifen grünlicher Flechten umsäumt waren, kam er ohne auszugleiten in dem brunnentiefen Keller an. Hier ward die Luft trockener und wärmer. Ein [234] gewundener Seitengang, hie und da mit tiefen Löchern in beiden Mauern und mit Ueberresten verrosteter, an schweren Eisenringen hängender Ketten versehen, führte in das geheime Innere. Sein Führer öffnete mehrere Thüren und verriegelte sie wieder sorgfältig, bis sie ein kleiner, mit einigem Hausgeräth versehener Raum aufnahm, der ein ziemlich freundliches Aussehen hatte. Hier hörte unser Freund sprechen und dazwischen ein Geräusch, als ob Jemand in Holz arbeite oder mit scharfem Instrumente buchene Späne schleiße.

»Warte!« sagte sein spitzbübischer Geleiter. »Ich will Dich erst melden, denn es ist Sitte in unserm vortrefflich eingerichteten Hofstaat, daß nur Bekannte oder Genannte vor seiner Alldurchdringlichkeit erscheinen.«

Der Maulwurffänger blieb ein paar Secunden in tiefster Finsterniß, dann kam der junge Mensch wieder zurück, öffnete eine dreifache Reihe sehr fester Thüren aus eichenen Pfosten, die auf beiden Seiten mit starkem Eisenblech beschlagen und mit den künstlichsten Schlössern versehen waren, und sagte mit einem Anflug von Höflichkeit:

[235] »Beliebt es einzutreten?«

Unser Freund folgte dieser Aufforderung. Ein großes vierecktes Kellergewölbe nahm ihn auf, das je doch wie ein gewöhnliches Wohnzimmer gedielt und mit alten, zum Theil sehr kostbaren Schränken, Tischen und Stühlen meublirt war. Ein Ofen, von Kacheln verschiedener Farbe und Arbeit zusammengesetzt, verbreitete eine behagliche Wärme in dem Gemache, das von mehreren hell brennenden Kerzen, die auf zinnernen und silbernen Leuchtern staken, vortrefflich erleuchtet ward. Vor dem Ofen kauerte eine Frau von unschönem Aeußern, deren Kleidung ein wunderliches Gemisch von Lumpen und ehemaligen Ueberresten prächtiger Stoffe zeigte. Sie war beschäftigt, über heller Kohlengluth ein wohlschmeckendes Gericht zu schmoren, wenn der Maulwurffänger dem angenehmen Duft trauen durfte, welcher kitzelnd davon in seine Nase stieg.

Neben ihr an der Wand saß ein noch junger Mann mit auffallend schönem und regelmäßigem Gesicht auf einer Schnitzelbank und glättete eben erst aus dem Groben gearbeitete dünne Buchenhölzer mit einem scharfen Schnitzer, wie sie die Tischler zu führen pflegen. Im Hintergrunde [236] des Kellers endlich, an einem runden Tische, der mit silber- und golddurchwirkten Stoffen überdeckt war und unserm Freunde ganz besonders in die Augen fiel, saß ein großer, starker Mann, die kräftigen Glieder in einen feinen Pelz gehüllt. Dieser Mann hatte bereits graue Haare, ein stark gebräuntes, mit vielen Falten und einigen tiefen Narben bedecktes Gesicht, trug einen lang herabhängenden Schnurrbart, dessen Enden er häufig mit der rechten Hand kräuselte, und las mit großer Aufmerksamkeit in einem Buche, deren mehrere auf einem in die Wand befestigten Regale in guten, wohl erhaltenen Einbänden standen.

Obwohl der Maulwurffänger wußte, daß der berüchtigte und gefürchtete »Fürst der Haide« ein Mann von vornehmenr Anstande und feinen Manieren sei – denn selbst hatte er ihn nie gesehen – war er doch in Zweifel, ob er die vor ihm sitzende ruhige und imponirende Gestalt für diesen halten sollte. Ungeachtet des Geräusches, das Heinrich beim Eintreten mit seinen starksohligen mit großen Nägeln beschlagenen Schuhen machte, blickte Lips doch nicht auf. Erst als er seine Lectüre beendigt hatte, schlug er das Buch [237] zu und hob langsam das freundliche, blaue Falkenauge zu seinem Gaste empor.

»Ihr seid nicht pünktlich,« sprach er aufstehend, einen alten, mit kostbarem rothbraunen Saffian überzogenen Lehnstuhl von Nußbaumflaser an den Tisch ziehend und mit graziöser Handbewegung unsern Freund zum Sitzen einladend. »Hätte mich nicht die ungestüme Witterung an Ausführung meiner Pläne verhindert, so würdet Ihr mich nicht mehr getroffen haben.«

Während der Räuber mit klangvoller fast sanfter Stimme so sprach, hatte der Maulwurffänger Zeit, ihn genauer zu betrachten, sein lebhaftes Mienenspiel und seine Bewegungen zu studiren. Verwundert, ja entsetzt trat er jetzt einen Schritt näher, seine schwielige Hand schirmend über die Augen haltend, um das Licht der Kerzen zu dämpfen, dessen Glanz ihn blendete.

»Mein Gott,« sagte er tief aufathmend, »welche Aehnlichkeit! Aber das kann ja nicht sein!«

Nun horchte auch Lips auf und aus den freundlichen stillen Augen fuhr ein funkelnder Blitz über Heinrich. Er beugte sich über den Tisch und erhob den schweren zinnernen Leuchter, um das Gesicht des Fremden besser zu beleuchten.

[238] »Seid Ihr nicht der kluge Heinrich vom Todten?« fragte er, den Leuchter wieder ruhig vor sich hinsetzend und ohne eine Miene zu verziehen.

»Als Knabe hieß ich so bei meinen Gespielen, und wahrhaftig, wärt Ihr nicht der, der Ihr eben seid, so würde ich Euch Herr Johannes nennen.«

»Und wenn ich nun wirklich jener Johannes wäre, den Ihr meint, würde mich dies in Eurer Meinung sinken machen?«

»Ich will nicht Richter sein in fremden Angelegenheiten,« erwiederte der Maulwurffänger in seiner ihm zur Gewohnheit gewordenen ausweichenden Manier. »Weiß ich doch, daß Jeder seine Brodrinde mit den Zähnen beißt, die er dazu gebrauchen kann, warum Ihr nicht auch die Eurige!«

»Wann sahen wir uns zuletzt?« sagte Lipps.

»Nach unserer Art zu rechnen, Herr Johannes – erlaubt, daß ich Euch so nenne – wird das wohl in vergangener Lichtmeß ein neunzehn oder zwanzig Jahre gewesen sein.«

»Mich dünkt, es war später, Heinrich, denn [239] ich besinne mich, daß ich mit dem Grafen auf den Schnepfenstrich gegangen war.«

»Mit dem Grafen! – Wenn der alte, brave Mann das hätte ahnen sollen!«

Dem Räuber schwoll die Zornader, in seinen blauen Augen sprühte ein wildes Feuer, er ballte die gebräunte schön geformte Hand und schlug wüthend auf den Tisch, daß er knackte.

»Brav!« stieß er höhnisch heraus. »Wenn Ihr diese Bestie brav nennt, so könnt Ihr eben so gut den Wolf zu Eurem Schlafkameraden machen. Mir wäre wohl, hätte ich ihn in meinen Händen, wie der Geier das Lamm. Dann wollte ich mich an seinem Jammer erlaben, und wenn er unter den Qualen, die ich für ihn erfinden würde, ausgeröchelt hätte, wollte ich, ein frommer Büßer, wieder unter friedliebenden Menschen wohnen.«

»Möge Euch Gott diese lästerlichen Worte vergeben, zu denen Ihr doch wohl gegründete Ursache haben müßt, Herr Johannes,« sagte Heinrich, »allein wenn Ihr auf diesen Tag warten wollt, so werdet Ihr Euch noch einige Jahrtausende in Geduld zu fassen haben. Der Graf ist heimgegangen zu seinen Bätern.«

[240] Der Räuber erblaßte. »Also todt,« sprach er, sich mit der Hand über die hohe Stirn streichend, »todt, ohne erfahren zu haben, wozu seine Tyrannei, seine Lieblosigkeit, seine verballhornte Ansicht von der Menschheit und ihrer Gliederung in verschiedene Stände mich getrieben hat! – Nun, ich hoffe, daß er eines elenden, verzweifelten Todes gestorben ist!«

»Gott sei ihm gnädig!« sagte der Maulwurffänger, »er erstickte an einem Fluche –«

»Ha! An einem Fluche! O, Gott ist gerecht, Gott ist den Armen gnädig, Gott straft die Uebermüthigen!« schrie der Räuber und erhob beide Hände wie zu einem wilden Gebet gen Himmel.

»An einem, Fluche, den er über seinen eigenen Sohn ausstieß,« ergänzte Heinrich.

»Sprecht Ihr vom Grafen Erasmus?«

»Erasmus von Boberstein verfluchte sterbend seinen Sohn Magnus!« wiederholte langsam und ernst der Maulwurffänger.

Der Räuber ließ sein Haupt sinken und hing eine lange Weile seinen Gedanken nach. Dann winkte er nochmals dem Gaste, sich zu setzen, [241] und nahm selbst wieder Platz in seinem Stuhle.

»Diesen Vorgang müßt Ihr mir ausführlich erzählen, Heinrich,« hob er nach einiger Zeit wieder an, »denn wie ich auch darüber nachdenke, ich kann keinen Zusammenhang darin finden. – Magnus war damals sein Augapfel, sein Ein und Alles! Wer ihm zu nahe trat, der zog sich unausbleiblich den Zorn des Grafen zu! – Es war ein kräftiger, feuriger Knabe, voll eigenthümlicher Energie! – Und solchen Sohn hat solch ein Vater verflucht! – Doch erzählt, Heinrich, erzählt!«

»Ihr sähet mich nicht hier in diesem unauffindbaren Versteck, Herr Johannes, hätte mich nicht der Tod des Grafen Erasmus und die Umstände, welche ihn veranlaßt haben, zu Euch geführt. – Es scheint, Ihr seid trotz Eurer Allseitigkeit nicht gut unterrichtet von den Verhältnissen und wißt namentlich nicht, welche außerordentliche Fortschritte Euer ehemaliger Zögling in der Energie gemacht hat. – Vergebt, Herr Johannes, wenn ich mein Erstaunen darüber nicht bergen kann! Als Ihr vor mehreren Monaten eine an Euch ergangene Bitte, die von [242] mir herrührte, so bereitwillig erhörtet und durch dieselbe den unbändigen Grafen Magnus nöthigtet, einem unterdrückten armen Mädchen Gerechtigkeit wiederfahren zu lassen; da glaubte ich, Ihr durchschautet die geheimsten Pläne dieses gewissenlosen Mannes. Wer konnte ahnen, daß jene Drohung so schreckliche Folgen haben würde! – Nun es geschah, was geschehen mußte nach dem Rathschlusse Gottes, und es wird nicht umsonst geschehen sein. Die entsetzliche Hochzeitsnacht Röschen Sloboda's hat Drachenzähne gesät, die bald aufgehen werden, um blutige Wiedervergeltung zu üben.«

»Ich habe von dem Bubenstück gehört,« versetzte der Räuber, »ohne mich jedoch um den Namen des Herren zu kümmern. Magnus also war der Schurke? – Dann sehe ich, daß er seinem Vater keine Schande macht.«

»Wollte Gott, Ihr sprächet die Wahrheit!« entgegnete der Maulwurffänger. »Wollte Gott, Graf Magnus wäre in die Fußstapfen seines zwar vorurtheilsvollen, aber nichts desto weniger redlichen Vaters getreten! Ich brauchte dann nicht in wilder Sturmnacht durch die Haide zu wandern und bei denen Hilfe gegen Herrenwillkür [243] zu suchen, die im gewöhnlichen Leben der gemeine ehrliche Mann flieht!«

»Stachlige Reden verwunden mich nicht, also sprecht Euren Unmuth immerhin aus, wenn es Euch dazu drängt; nur bitte ich, faßt Euch kurz, damit ich erfahre, warum Ihr den verstorbenen Grafen so lebhaft gegen den Sohn in Schutz nehmt.«

»Das ist bald gesagt,« erwiederte Heinrich, mit umgekehrter Hand die unwillkürlich ihm in die Augen stürzenden Thränen abwischend. »Seit Jahren schon, genau weiß ich die Zeit freilich nicht zu bestimmen, lebte ein junges Mädchen auf Boberstein, eins von jenen Wesen, deren körperliche Schönheit von ihrer himmlischen Seele Zeugniß ablegt. Niemand wußte recht, wo das engelschöne Mädchen herkam und wem sie angehörte. Es kümmerte sich auch Keiner darum denn Alle hatten sie zu lieb, und da konnte es Jedem gleichgiltig sein, von wem sie ihr Dasein ableitete. Natürlich gehörte auch Magnus zu den Verehrern seiner Cousine –«

»Cousine! Ihr sagt Cousine?«

»Auf dem Grafenschlosse nannte man sie so und sie mußte es wohl auch sein, denn von [244] Herrschaft und Dienern ward sie wie ein Kind des Hauses gehalten und standesgemäß erzogen. – Genug, der junge Graf steigerte seine Verehrung der Cousine bis zur Liebe und trug ihr seine Hand an – mehrmals, wie ich späterhin erfahren habe. Allein Herta –«

»Wer nennt sich Herta?« warf der Räuber aufspringend ein.

»Es pfiff nicht, es war nur der Wind, der im Schlot heult,« sagte der junge Mensch, welcher den Maulwurffänger in die Kellerwohnung geführt hatte, denn er glaubte, sein Herr vermuthe oder erwarte noch einen Besuch.

»Nun ich denke, des Grafen Cousine nannte sich Herta,« erwiederte unser Freund.

»Denke! – Wenn Ihr erzählen wollt, so unterrichtet Euch zuvor, damit Ihr Andere nicht in Angst und Unruhe versetzt!«

Lips stützte nach diesen Worten den ergrauenden Kopf in die Hand und drehte wildblickend seinen Schnurrbart. Der Maulwurffänger ward jetzt aufmerksamer. Sein schärfster Blick glitt über die Mienen des Räubers, dann sagte er mit feierlich-ernstem Tone:

»Bei meinem Eid, Herr Johannes, ihr [245] Name ist Herta und ein Gerücht im Volke will behaupten, daß ihr Ursprung nach den gewöhnlichen Begriffen des Adels und der Vornehmen kein ganz gesetzlicher sei.«

Der Räuber hatte sich wieder aufgerichtet. Er sah den Gast mit Augen an, vor deren brennender Gluth selbst Heinrich erschrak.

»Nun?« fragte Lips heftig, da unser Freund schwieg. »Ist Eure Geschichte zu Ende?«

»Sie ist es bald, Herr Johannes. – Das gute, schuldlose Kind wies den kühnen, zudringlichen Bewerber ab, verbot ihm das Zimmer, sagte ihm in's Gesicht, daß sie ihn und seinen Lebenswandel hasse, verabscheue. – Magnus lächelte und ging. Er haßte jetzt seine Cousine, und als er die Gelegenheit erspäht hatte, schlich er sich in stiller Nacht auf nur ihm bekannten und zugänglichen Wegen in ihre Kammer –«

»Weiter! Weiter!« schrie Lips, den Tisch mit beiden Händen umklammernd.

»Und zwang sie seinem Willen!« flüsterte der Maulwurffänger.

Ein Schrei des Räubers hallte wieder an dem grauen Kellergewölbe, dann hörte man ein [246] Krachen, der Tisch borst mitten auseinander und der gewaltige Körper des bis zum Wahnsinn aufgeregten Mannes stürzte zugleich mit den Trümmern des Tisches, mit Leuchtern und Allem, was darauf lag, zu Boden.

Heinrich sprang helfend auf, doch Lips erhob sich schon wieder aus eigener Kraft, stieß die zerbrochene Tafel von sich und befahl, einen andern Tisch herbeizubringen, was ohne Zaudern geschah.

»Ich bitte Euch jetzt,« sagte er mit ruhiger Haltung, aber bleich vor Entsetzen und mit bläulichen, zitternden Lippen, »ich bitte Euch, Heinrich, endiget!«

»Das entehrte Mädchen schwieg bis vor wenigen Tagen. Da drang Graf Erasmus in sie, weil sie immer elender, immer bleicher ward, und als sie die Schandthat seines Sohnes ihm gestand und daß sie die schreckliche Hoffnung habe, Mutter zu werden, da raufte der Greis sein Haar, verfluchte den Sohn und stürzte vom Schlage getroffen bewußtlos zu Boden. Seine Diener hoben eine Leiche auf. In vier Tagen soll er mit allem Pomp des alten Grafenhauses beerdigt werden.«

[247] Der Räuber hatte den letzten Theil dieser Mittheilungen mit abgewandtem Gesicht angehört. Jetzt verhüllte er es mit beiden Händen, und aus dem schweren Athmen zu schließen, kämpfte er gewaltsam mit seinen hervorquellenden Thränen. Keiner der Anwesenden wagte den von Schmerz oder Entsetzen so furchtbar Ergriffenen anzureden, selbst der Jüngling mit dem Wolfsgebiß, der gern die grauenvollsten Thaten mit wieherndem Gelächter begleitete, verzog keine Miene. Nach längerer Pause ermannte sich Lips wieder und reichte dem Maulwurffänger, jedoch mit immer noch abgewandtem Gesicht, seine braune, schlanke Hand.

»Ich erinnere mich mit Wehmuth jenes Pfades,« sagte er. »Des Grafen Schwester, so jung, so schön, so unschuldig, wie Ihr Herta beschreibt, ging ihn oft, um auf den freien Zinnen der alten Burg Unterricht in der Sternenkunde zu nehmen. Es war der Weg zu ihrem Tode! Und nun –«

Schaudernd unterbrach sich der gerührte Räuber, als habe er ein tiefes heiliges Geheimniß zu verschweigen; dann fragte er mit einiger [248] Hast, um das Gespräch gewaltsam auf einen andern Gegenstand zu leiten:

»Ihr kommt als Abgesandter der armen Wenden, Heinrich, das Euch zugesendete Stichwort sagt es mir. Welch ein Anliegen haben sie an mich? Was kann ich für sie thun? Beabsichtigen sie ihren Zwingherrn zu züchtigen?«

»Ja,« sagte der Maulwurffänger, »ich komme im Auftrage dieser armen unterdrückten Leibeigenen. Sie Alle wissen, daß der plötzliche Tod des alten Erasmus den großen Grundbesitz dieses Mannes in die Hände seines Sohnes bringt. Der Graf ist ohne Testament gestorben, wenigstens hat sich keines gefunden. Magnus wird als alleiniger Sohn Universalerbe des unermeßlichen Vermögens. Er kann damit schalten und walten nach Gutdünken, er kann seine nächsten Verwandten, er kann vor Allem die arme verlassene Herta quälen, so lange es ihm Vergnügen macht, und wie ich ihn kenne, wird er es thun, wenn sie ihm nicht die Hand reicht, was er vielleicht beabsichtigt –«

»Nimmermehr!« rief der Räuber. »Herta soll eher auf den Landstraßen betteln, soll verhungern, [249] ehe sie einen Groschen von dem Elenden annimmt!«

»Das ist ungefähr auch meine Meinung,« fuhr der Maulwurffänger fort. »Allein Ihr werdet begreifen, daß im Guten mit diesem Wütherich nichts anzufangen ist. Gesichert in seinen Rechtsansprüchen verlacht er uns Alle und thut doch, was er will. – Darum sind die Leibeigenen entschlossen, sich in Masse gegen ihn aufzulehnen, ihm einen förmlichen Vertrag abzunöthigen, der Herta's Zukunft sichert und ebenso der Tochter Sloboda's ein Jahrgeld zuspricht, und will er sich diesen Forderungen nicht fügen, im Nothfall mit Waffengewalt ihn dazu zu zwingen. Ihr aber, Herr Johannes, sollt als ein in heimlichen Belagerungen erfahrener und, wie das arme Volk am besten weiß, nicht so schlimmer Mann, als Euch die Verleumdungen der Reichen schildern, Ihr sollt diesen Aufstand leiten und ordnen.«

»Hört mich an,« erwiederte der Fürst der Haide, »und wollt Ihr, daß ich gemeinschaftliche Sache mit Euch machen soll, so laßt mir freie Hand in dieser Angelegenheit. Ich mache sie ganz zu der meinigen, denn sie ist die meinige. [250] Ich habe alte Frevel zu rächen, alte Verbrechen zu sühnen. – Ich will Beides zu vereinigen suchen. Geht,« fuhr er lebhafter fort, »geht zurück in die verfallenden Hütten des geknechteten Volkes und sagt ihm, der Johannes der Haide, ihr Fürst und Herr, käme aus der Einöde zurück, um eine neue Religion zu predigen. Sie brächte Friede den Armen und Gepeinigten, Krieg und unerbittliches Gericht den rechtlosen Unterdrückern! Ich wolle die Leibeigenschaft vernichten oder unter ihnen kämpfend sterben! – Sagt das Euern Freunden, Heinrich, und vergeßt nicht hinzuzufügen, daß sie von heut an gerechnet in der dritten Nacht sich bereit halten sollen!«

Statt aller Antwort drückte der Maulwurffänger dem ungewöhnlichen Räuber, dessen Schicksal ihm in seltsame Schleier gehüllt zu sein schien, herzlich die Hand, worauf von der bisher besprochenen Angelegenheit unter den beiden Männern nicht mehr die Rede war.

Lips befahl der früher am Ofen beschäftigten Frau, das Abendessen aufzutragen, was sogleich ohne Widerrede geschah. Uneingeladen nahm Heinrich daran Theil, da er, wie uns bekannt ist, sich eines sehr gesunden Appetites erfreute.

[251] Erst spät in der Nacht sank der schwarze Baum wieder über die finster kräuselnde Fluth und der Maulwurffänger schritt wie ein Gespenst über die schwanke Brücke und verschwand in der jetzt von grauen Nebelwolken durchsausten Haide.

2. Kapitel
[252] Zweites Kapitel.
Geheimnisse.

Abgesondert von den übrigen Wohnungen des Dorfes lag das Gemeindehaus der Heimath Sloboda's. Auf dem Lande vertritt ein solches auch die Stelle des Kranken- und Armenhauses und wird auf Kosten der Gemeinde, zuweilen mit Zuschüssen des Gutsherrn, in baulichem Stande erhalten. Unter »baulich« versteht man nämlich in diesem Falle, daß Wände, Gebälk und Dachstuhl nicht geradezu über den Köpfen der Bewohner zusammenbrechen. Mit allen übrigen zu einem wohnlichen Hause gehörenden Dingen nimmt man es nicht allzu genau. Daher gibt es nur äußerst selten Gemeindehäuser mit ganzen Fenstern, guten Oefen, unzerbrochenen Schemeln, Bänken und Tischen. Dergleichen hält man für [253] unnöthigen, überdies den Bewohnern solcher Gebäude nicht ziemenden Luxus.

Das Gemeindehaus, von dem wir sprechen, gehörte unter die schlechtesten. Es war einstöckig, Lehmwand und Strohdach waren, jene nach außen, dieses nach innen eingesunken, so daß der Firsten eine Schlangenlinie beschrieb und die kleinen mit Spänen, Papier und Scherben verklebten Fenster jeden Augenblick auf die Straße zu fallen drohten. Von der Feuerösse waren blos noch vier stumpfe Pflöcke übrig. Ein Gewittersturm hatte das runde Schutzdach entführt und seitdem fanden Regen und Schnee ungehindert Eingang in diese Höhle der Armuth, Krankheit und Noth.

Glücklicherweise war das Dorf nicht stark bevölkert, so daß die Zahl der Bewohner des Gemeindehauses sich nur auf vier Individuen belief. Zu diesen gehörte auch Sloboda's verwittweter Sohn, der »närrische Nathanael,« wie ihn seine Bekannten nannten. Seit er den Verstand verloren hatte, war er hier untergebracht worden, weil es Sloboda an Zeit fehlte, den Unglücklichen zu beaufsichtigen und zu pflegen. Denn im Gemeindehause mußte auf Kosten der Gemeinde [254] für Kranke eine Wärterin gehalten werden, die für ihren höchst kargen Lohn verpflichtet war, zu bestimmten Stunden für die Bedürfnisse derselben zu sorgen.

Eigentlich hätte Nathanael keine Wartung gebraucht. Er war der stillste, gemüthlichste, lenksamste Wahnsinnige, den es geben konnte. Wer an der baufälligen Hütte vorüberging, konnte sein blasses, immer lächelndes Gesicht entweder in der Oeffnung einer fehlenden Fensterscheibe sehen, was ganz den Anstrich hatte, als habe man statt des Glases eine menschliche Larve mit beweglichen Augen hineingeklebt, oder ihn selbst vor der lochartigen Hausthüre betrachten, wo er, einen Knüttel im Arm, Wache stand und wie ein Posten gravitätisch auf- und niederging. Er that keinem Kinde etwas zu Leide, war mit Allem zufrieden, aß und trank, wenn man ihm etwas gab, und fastete ohne Murren, wurde dies vergessen. Gewöhnlich sprach er mit sich selbst, und so wenig man auch von seinen Reden verstehen konnte, so war doch aus vereinzelten Worten und aus stets wiederkehrenden Wendungen und Gedankenbruchstücken abzunehmen, daß er des festen Glaubens lebe, seine erschlagene Frau habe ihm einen Knaben hinterassen,[255] der beim Begräbniß der Mutter verloren gegangen sei und nun ohne Vater und Mutter elend umkommen müsse. Es wußte aber Jedermann, daß Nathanaels Frau nach kaum anderthalbjähriger Ehe ums Leben gekommen war, daß sie niemals ein lebendiges Kind geboren hatte, wohl aber etwa ein halbes Jahr vor ihrem plötzlichen Tode von einem todten Knaben entbunden worden war.

An alle dem hatte bei Lebzeiten der unglücklichen Frau Niemand gezweifelt, jetzt aber durch des Irrsinnigen Reden aufmerksam gemacht, erhoben sich ganz im geheim einzelne Stimmen, welche andeutungsweise behaupteten, es sei damals bei der Entbindung von Nathanaels Frau nicht ganz nach Recht und Gerechtigkeit zugegangen! Ihr Kind habe wohl gelebt, indeß – später sei es als todtgeboren begraben wor den! – Solche Gerüchte liefen, wie gesagt, jetzt um, allein wer hätte Zeit, Lust und Bedürfniß gehabt, ihrem Ursprunge nachzuspüren und die Wahrheit zu ermitteln! Die arme Frau war todt, Nathanael verrückt und sein Vater hatte mit der einzigen Tochter Kummer genug, als daß irgend einer seiner Mitbrüder ihm eines hohlen Gerüchtes [256] wegen das Herz noch mehr hätte beschweren mögen. –

Fast alle Tage besuchte der bekümmerte Vater seinen unglücklichen Sohn, um ein paar Worte mit ihm zu reden und sich von seinem elenden Hinvegetiren zu überzeugen. Stand Nathanael Wache vor der Thür, so ließ er den Vater nich in's Haus, denn er behauptete dann, sein Knabe sei drinnen in der Pension, werde zum vornehmen Herrn erzogen und erhalte jetzt eben Unterricht in feiner Lebensart; wer nun da Einlaß begehre, der beabsichtige, ihn zu entführen und wieder unter die Bauern zu verstoßen. Lag dagegen das blasse Gesicht des Wahnsinnigen in der fehlenden Fensterscheibe, so durfte Sloboda eintreten und dann erzählte ihm Nathanael die Verirrung seines Kindes beim Begräbniß der Mutter. Um diese beiden fixen Ideen drehte sich nun schon seit langen Monaten der Gedankengang des Unglücklichen. –

Am Tage nach Heinrichs nächtlicher Zusammenkunft mit Lips machte Sloboda seinen gewöhnlichen Besuch im Gemeindehause. Es war nach der stürmischen Schneenacht, wie dies zu Anfang Herbst oft geschieht, am Morgen wieder [257] ganz still und warm geworden und die Sonne schien so erquickend mild, daß man hätte glauben können, der Lenz sei eben angebrochen.

Nathanael lag mit dem lächelnden Gesicht im Fensterloche und sah mit den blödsinnigen, ausdruckslos gläsernen Augen auf die Haide, über deren blauschwarzem Walle die äußersten Thurmspitzen des fernen Schlosses Boberstein deutlich zu erkennen waren.

»Guten Tag, Nathanael,« sagte Sloboda grüßend, »es will nochmals Sommer werden, scheint es.«

»Er kommt doch nicht wieder,« entgegnete mit traurigem Kopfschütteln der Wahnsinnige, indem er das Fenster verließ, um seinem Vater bis an die Stubenthür entgegen zu gehen.

Außer ihm war noch eine alte Frau in der dunstigen schmutzigen Stube, die auf der Ofenbank saß und die Spindel drehte. Ein paar Ueberreste von Dielen waren erst am Morgen aufgebrochen und in kleine Stückchen zerspalten worden, um Feuer damit anzumachen, denn das Reißig war ausgegangen und die Gemeinde hatte noch kein neues geliefert, weil der Vorstand vergessen hatte, anzuzeigen, daß alles Holz der Armen[258] verbrannt sei. Der Fußboden des Gemeindehauses bestand daher gegenwärtig aus nacktem schwarzgrauen Lehm. Die Bewohner hatten große Löcher darin ausgehöhlt, um Kartoffelschalen und Spülicht hineinzugießen oder sie auch gelegentlich als Waschbecken zu gebrauchen. Auf den Stangen um den Ofen hingen graue Lumpen, die Schürzen und Kleidungsstücke vorstellen sollten. Auf dem gemeinsamen Tische summten gefräßige Fliegen um einen Teich verschütteter saurer Milch und um einige Stücke eisenharter Rinde von Schwarzbrod. Bänke und Schemel, denen die Beine fehlten, und welche, wenn man sich setzen wollte, erst aus allen Winkeln zusammen gesucht werden mußten, waren unsauber und fettig, da Niemand sich die Mühe gab, sie zu reinigen.

In dieser ungesunden, ekelerregenden Wohnung lebte Nathanael und dieses Leben würde für ihn unerträglich gewesen sein, hätte ihn die Außenwelt überhaupt noch gekümmert. Die Nacht, welche seinen Geist umhüllte, verdeckte auch mit wohlthätigem Schleier das entsetzliche Elend seiner Umgebung.

»Er kommt noch immer nicht,« sagte er zu [259] Sloboda, seine abgemagerten, schweißig-kalten Finger in die Hand des Vaters legend. »Sie haben die Haiden durchsucht bis nach Schlesien, aber die Fußstapfen sind verweht von Laub und Nadeln.«

»Wenn die rechte Zeit kommt, werden sie ihn schon finden,« erwiederte Sloboda mit schwerem Seufzer. »Warten, Geduld haben ist leider unser aller trübes Loos auf dieser unvollkommenen Erde!«

»Geduld! – Ich hatte immer viel Geduld.«

»Weißt Du schon von dem Todesfalle?« fragte Sloboda.

Nathanael sah den Vater blöd lächelnd an, dann erwiederte er: »Es wird bald ein großes Sterben kommen – unter die Hochmüthigen. Alle Bäume trauern schon – das sieht so fürchterlich aus.«

»Sie trauern um ihren Herrn, den Grafen.«

»Graf? – Graf heißt Schurke. Marianne hat's hundertmal gesagt.«

»Nicht immer, Nathanael! Graf Erasmus, der nun zu seinen Vätern gegangen ist, war ein braver Mann.«

[260] Der Wahnsinnige lachte und schüttelte wiederholt den Kopf dazu. »Närrisches Volk, solche Grafen! – Kartoffeln dem Braten vorzuziehen! – Rechte Schurkenkost!«

Sloboda hatte seinen Sohn noch nie in solcher Stimmung gesehen und wußte nicht, wie er sich die unverständlichen Reden deuten sollte. Um ihn auf andere Gedanken zu bringen, fragte er, ob er Lust habe, den alten Grafen auf dem Paradebette zu sehen, so wenig er selbst daran dachte, das graue Schloß zu diesem Zwecke zu besuchen.

Mit dem wahrhaft entsetzlichen stereotypen Lächeln auf seinem blassen Gesicht trat Nathanael nach dieser Frage an sein Fenster, legte den Finger in die Oeffnung und sagte:

»Schloß dort drüben! Abends die Sonne dahinter – immer ein gräfliches Paradebett!«

Dann legte er das Gesicht wieder in die zerbrochene Scheibe und ohne sich ferner noch um seinen unglücklichen Vater und dessen an ihn gerichtete Fragen zu bekümmern, sah er unverwandt hinüber auf die Haide und die vier Thürme von Boberstein, dessen hohe Schieferbedachung mit den vergoldeten Kreuzen, Knöpfen und Windfahnen jetzt im Goldschaum der Abendsonne zu [261] glühen begannen. Mit schwerem Herzen und der trostlosen Gewißheit, daß sein armer Sohn noch immer keine Spur des zurückkehrenden Verstandes zeige, mußte Sloboda das wacklige Gemeindehaus wieder verlassen, um in der eignen stillen Hütte immer noch den alten Kummer als treuen Hausgenossen zu finden.

Aus der Thür dieses Asyls der elendesten Armuth tretend, ließ er seine melancholischen Augen über die dunstige, jetzt mit einem breiten Gürtel purpurn flimmernden Duftes umwundene Haide gleiten und sie auf den blitzenden Spitzen der Schloßthürme ruhen. Eine Fluth der widersprechendsten Gedanken trieb mit Sturmeseile durch seinen Geist, ohne daß er in seiner tiefen Niedergeschlagenheit im Stande gewesen wäre, nur einen einzigen, ihm praktisch scheinenden, festzuhalten und in ruhiger Ueberlegung weiter zu verfolgen. Nach einiger Zeit, keines vollkommen klaren Gedankens sich mehr bewußt, schritt der Wende gebeugten Hauptes die kothige Gasse entlang, welche das Dorf in zwei gleiche Hälften theilte. Auf dieser Wanderung überholte ihn ein Anderer und grüßte ihn ermuthigend mit den Worten:

[262] »Nicht so verzagt, Freund Jan! Unsere Angelegenheiten schießen rasch in Blüthe.«

Es war der Maulwurffänger, der unermüdlich die halbe Nacht durchwandert war und jetzt schon wieder von einem anstrengenden Gange durch eine Menge zu Boberstein gehörender Dorfschaften kam. »Lips ist unser mit Herz und Hand und voll Feuer und Flamme! Ich sage Dir, Jan, der Mann hat einen Zweck bei seinem Thun, und wie hart immer Sitte und Gesetz dies tadeln mögen, auf wessen Seite das größere Recht zu finden sein dürfte, das ist noch eine schwer zu beantwortende Frage. Ein feiner, verschlagener und in vielem Betracht auch rechtlicher Mann ist unser Fürst der Haide und einen Giftzahn hat er jetzt auf den Blauhut, daß mir fast bange wird um das Leben des exquisiten Schurken.«

»Er will also unsere Partie ergreifen?«

»Mehr, mehr, Freund Jan! Er will uns blos zur Stütze haben und übrigens die ganze Angelegenheit zu seiner eignen machen! Laß Dir genügen, wenn ich Dir sage, daß Lips ein alter Bekannter von mir ist und daß er die Heimlichkeiten der gräflichen Familie besser kennt und Schlimmeres von ihr wissen muß, als wir ahnen! [263] Vor zwanzig und mehr Jahren stand unser Todfeind Magnus unter seiner Zuchtruthe. Lips war der Hofmeister des wilden Jungen.«

»Sprächst Du nicht zu mir, dann würde ich die ganze Erzählung für ein Märchen erklären,« versetzte Sloboda, »und weil uns wirklich zu unnützen Fragen und Erörterungen keine Zeit übrig bleibt, unterlasse ich alles vergebliche Forschen. Du sprichst, er ist der Unsrige mit seinem ungeheuren Anhange, er will theilnehmen an der Rache, die unser Gewissen fordert, und somit erkläre ich ihn für meinen Freund, meinen Bruder. – Seid Ihr einig geworden über Zeit und Stunde?«

»Uebermorgen Abend, während Familie und Dienerschaft am Sarge des Verstorbenen knieen und Thränen heucheln, soll der Angriff geschehen.«

»Auf welche Art?«

»Das wollte mir Lips nicht mittheilen. Wir sollen überhaupt keinen thätigen Antheil nehmen an dem, was er zu thun gesonnen ist, nur im Rücken sollen wir wachen, damit nicht fremde Eindringlinge ihn überrumpeln und den ganzen Plan zerstören. Dies hat für Euch Wenden das [264] Gute, daß Ihr nicht als Aufwiegler dasteht und Euch späterhin, kommt die Sache zur Sprache, vor Gericht in bester Manier herausreden könnt. Denn wer einem Feinde im Rücken steht, kann eben so gut diesen anzugreifen beabsichtigen, als ungebetene Gäste ihm fern halten. Das ist eine prächtige Zwickmühle, in der ich selbst die Kniffe und Kreuz-und Querfragen des allerschlauesten Inquisitionsrichters allemal fangen und erdrücken will.«

»Daß nur kein Schwächling uns verräth!«

»Sorge nicht, Jan! Deine gesammten Stammesgenossen beseelt nur ein Gedanke: Bestrafung des Verbrechers und Losreißung von seiner Herrschaft. Seine letzten Schandthaten, die ihn aus dem Verbande der Menschheit ausstoßen, machen jeden Fürsprecher verstummen. Er ist reif zur Aerndte und so soll denn auch die Sichel, welche ihn mähet, mit aller Kraft an ihn gelegt werden. – Heute Nacht beginnt der persönliche Aufruf auf allen Haidedörfern. Ich selbst habe den Richtern beim Aufsetzen der Verordnung redlich geholfen. Es bedarf nun blos noch des von Haus zu Haus wandernden Krummholzes. Es wird diesmal auch an die Thür der niedrigsten [265] und ärmsten Hütte nicht vergebens pochen.«

Während dieses Gesprächs hatte Sloboda sein Haus erreicht und nöthigte den für ihn so unermüdlich thätigen Freund einzutreten und ein frugales Abendbrod mit ihm zu genießen. Wir wissen, daß Heinrich ein solches Anerbieten nie von der Hand wies, wenn es ihm irgend die Zeit erlaubte, und so nahm er auch diesmal die Einladung des Wenden an. – –

Um dieselbe Zeit saß Haideröschen in der geräumigen Wohnstube Ehrholds auf der Bank am Fenster, ließ flink das Rädchen schnurren und zupfte mit ihren schlanken Fingern, die ungeachtet der harten Arbeit, der sie sich in der Wirthschaft unterziehen mußte, immer weiß und zart blieben, den silbernen Flachs vom Rocken, um das feinste Garn daraus zu spinnen. Es war dasselbe Rädchen, derselbe Rockenhalter, den sie am lustigen Abend der letzten Spinnte gebraucht hatte. Seitdem war blos ein halbes Jahr vergangen und ach, welche Tage des Kummers, welche schlaflos durchwachten, thränenreichen Nächte lagen dazwischen! – Sie war Frau, die geliebte Frau ihres Erwählten geworden, sie [266] fühlte ein zum Leben erwachendes Leben unter ihrem Herzen sich regen, und sie schauderte vor diesem erwachenden Leben, und Gedanken trüben Wahnsinns ließen ihre Brandmale in der gepeinigten Seele zurück; denn sie konnte und durfte ja den geliebten Gatten nicht Vater nennen! Selbst der Name Mutter machte sie erbeben und häufig in Krämpfe und ohnmächtige Erstarrung fallen.

Seit der unseligen Hochzeitsnacht, die für sie die letzte Nacht irdischer Freuden gewesen war, trug sie die halbe Trauer. Ein schwarzer lündischer 1 Faltenrock umhüllte ihre zarten Glieder. Das bunte Tuch von lebhaften Farben mußte einem schlichten weißen Linnentuch weichen, das sie um Hals und Busen legte. Eben so verhüllte sie sich den Kopf und die schönen seidenweichen goldblonden Haare, die in ein dickes Nestchen gewunden unter der Frauenhaube um verlorenes Glück und geraubte Unschuld trauerten. Die aufknospenden Lockenröschen, die ihrem Gesicht einen so eigenthümlichen Ausdruck schalkhaften Reizes [267] gegeben hatten, waren verschwunden. Ging sie aus, so warf sie noch ein weißes Tuch über Kopf und Schulter, so daß nur das jetzt bleicher gewordene trauernde Gesicht und die schönen melancholisch tiefen Augen sichtbar blieben.

Mit immer gleicher Beharrlichkeit zupfte Haideröschen die zartesten Fäden aus dem schimmernden Flachse und drehte taktmäßig ihr schnurrendes Rädchen, ohne des Pochens und Schütterns an den Holzwänden zu achten, welche Clemens und sein Vater mit Laub und Stroh gegen die Winterkälte verwahrten. Der schnelle Tod des Grafen Erasmus beschäftigte auch sie und über dem Unglücke Herta's, das in wenigen Tagen zum lauten Geheimniß geworden war, vergaß sie ihr eigenes, der verehrten Herrin so ähnliches Leid. Nun begrisf sie auf einmal das tiefe Verstummen, das entsetzliche Hinstarren des Fräuleins nach jener räthselhaften Nacht, ja sie wunderte sich fast, daß ein so zartes, schönes und gebildetes Wesen, wie Herta es in ihren und Aller Augen war, das Gräßliche hatte überleben können, ohne den Verstand zu verlieren.

Es war bereits so dunkel im Zimmer, daß Haideröschen nicht mehr den Faden deutlich erkennen [268] konnte, den sie zwischen den Fingern drehte, als die draußen schaffenden Männer von ihrem Thun abließen und in's Haus zurückkehrten. Jetzt hielt auch die Spinnerin ihr Rädchen an, schob es zurück und ging nach dem Kamin, um Holz aufzuschichten und das weithin leuchtende Abendfeuer anzuzünden. Während dieser Beschäftigung sagte sie zu Clemens:

»Hast Du Dich nun entschieden, ob wir zusammen auf's Schloß gehen werden, damit ich dem guten todten Herrn meine Hand zum ewigen Lebewohl reichen kann?«

»Es wird sich nicht thun lassen, liebes Röschen,« versetzte der Gefragte. »Sichern Nachrichten zufolge ist der böse Herr auf Boberstein und Du kannst wohl denken –«

»Ich verstehe, guter Clemens,« unterbrach ihn Haideröschen. »Wir bleiben daheim, ich bete für den geschiedenen Greis, für das arme Fräulein und singe an seinem Begräbnißtage ein Lied zu seinem Andenken. Er wird mir das im Himmel eben so hoch anrechnen, als hätte ich an seinem Sarge geweint. – Wenn soll er denn bestattet werden?«

[269] »Uebermorgen.«

»Ist es wahr, daß er kein Testament hinterlassen hat?«

»Es geht allgemein die Rede davon.«

»Dann bedaure ich blos das gütige Fräulein! – Nicht wahr, Clemens, Du stehst ihr gern bei, wenn sie es je bedürfen sollte?«

»Ihr und Dir soll mein letzter Blutstropfen fließen! – Aber sie wird unserer Hilfe nicht bedürfen, glaube mir! Der Himmel läßt es gewiß nicht zu, daß ein böser Mensch in allen Genüssen irdischer Glücksgüter schwelgen darf, während eine Gerechte dem Mangel erliegen muß.«

Indem pochte es an die Hausthür und Ehrhold, der hinausging, um zu fragen, wer Einlaß begehre, begann ein kurzes Zwiegespräch mit demselben Nachbar, welcher am Abend, wo die Spinnte erstochen ward, das Gemeindeholz gebracht hatte. Auch kehrte Ehrhold erst nach einigen Minuten wieder zurück.

»Warst Du beim Nachbar, Vater?« fragte Haideröschen schüchtern, denn ihr Herz sagte ihr, daß eine Zusammenberufung der Wenden eingeleitet werde. Ehrhold läugnete es nicht, ja er fügte sogar offenherzig hinzu: »Es handelt sich [270] um den bösen Grafen und ob man verpflichtet sein soll, einem so offenkundig schlechten Menschen fernerhin noch zu gehorchen. – Uns geht das im Grunde freilich nichts mehr an, denn wir sind ihm nicht mehr erbunterthänig, aber der Sache selbst wegen dürfen wir uns nicht ausschließen.«

»Sie wollen ihm doch nicht ans Leben?« fragte Haideröschen besorgt.

»Damit geschähe dem Schufte zu viel Ehre. Nein, blos das Vermögen soll ihm verschnitten werden, und dazu, scheint mir, haben Viele triftige Gründe, wenn alle rechtmäßige Erben von ihm, sowohl lebende wie solche, die noch auf den Eintritt ins Leben warten, zu gleichen Theilen befriedigt werden sollen.«

Bei der letzten Bemerkung seufzte Haideröschen und Clemens ging, um seine kochende Unruhe möglichst zu verbergen, summend in der Wohnstube auf und ab. Es trat eine Pause ein, die Niemand von den Dreien zu unterbrechen wagte, bis Ehrholds Gattin aus der Kammer kam und mit Schüsseln und Tassen im Topfbret zu klappern begann. Dabei redete sie mit allen Dreien zu gleicher Zeit nach Art alter [271] Leute, ohne von irgend Jemand eine directe Antwort zu erwarten.

Zum zweiten Male klopfte es draußen, diesmal jedoch an einem der Fensterladen.

»Gott sei uns gnädig!« rief Haideröschen, ihr Rädchen anhaltend, an das sie sich wieder gesetzt hatte, und die Hände im Schooße faltend. »Das bedeutet sicher ein recht großes Unglück, denn grade so klopfte es am Abend der letzten Spinnte, seitdem das Elend unter uns anhob.«

Clemens hatte inzwischen das Schiebfenster aufgestoßen und gefragt, was man begehre?

Eine Stimme, die er nicht kannte, verlangte die »Jungefrau« zu sprechen. Haideröschen hörte dies und stand neugierig auf.

»Wer seid Ihr?« fragte Clemens ziemlich barsch.

»Ich darf's nicht sagen; es ist mir verboten,« antwortete die Stimme. »Ich soll 'was abgeben an die Jungefrau.«

»Von wem?« fragte Clemens schon ungeduldiger.

»Wenn mich die Jungefrau selbst anhören will, werd' ich's ihr nicht verschweigen.«

Clemens fühlte eine Hand auf seiner Schulter. [272] Haideröschen stand neben ihm. »Laß mich mit dem Manne reden, guter Clemens,« sagte sie sanft und bittend. »Vielleicht kenne ich ihn und er hat mir etwas zu sagen, das uns zum Guten gereicht. Du kannst ja dableiben und mit anhören, was wir reden.«

Ungern und mit verdrießlichem Gesicht trat Clemens vom Fenster zurück. Haideröschen erblickte einen Mann in bäurischer Alltagskleidung.

»Was habt Ihr an mich zu bestellen?« fragte sie freundlich.

»Der Voigt vom Zeiselhofe schickt mich zu Euch, liebe Jungefrau,« erwiederte der draußen Stehende. »Ich bin der Großknecht vom Hofe und eigentlich nicht der beste Freund von unserm Voigt. Weil aber der Mann krank ist und mich schon seit ein paar Tagen anfleht, ich möchte ihm doch den Gefallen thun und zu Euch gehen, bin ich heut in der Dämmerung fortgelaufen. Er hat mir eine Rolle gegeben, vermuthlich mit Schriften oder Verschreibungen – von dem gnädigen Herrn, sagt er –«

»Hört auf, ich will nichts mehr hören!« rief Haideröschen. »Nicht eine Stecknadel rühre [273] ich an, wenn ich weiß, daß der Graf sie zuvor in den Händen gehabt hat!«

»So ist's recht!« sagte Clemens. »Immer packe den Rackern auf, daß sie erfahren, wie hoch man ihren Herrn in Ehren hält!«

»Aber liebe Jungefrau, so nehmt doch Vernunft an!« fuhr der Großknecht fort. »Ich bin, weiß Gott, nicht für den gnädigen Herrn und wünschte lieber, der Teufel zerriß ihn heut als morgen und zerfetzte ihn dermaßen, daß nichts von ihm übrig bliebe, als eine Prise Schnupftabak für alle Herren, die just eben so denken wie er, aber den Auftrag des Voigtes muß ich vollziehen, sonst bringt er mich um. Werfts in's alte Gerülle das Ding, wenn Ihr's nicht ansehen wollt, nur nehmt's mir ab, daß ich als ehrlicher Kerl sagen kann: ich hab's richtig abgeliefert.«

»Du nimmst nichts!« befahl Clemens. »Hat der Herr Dir etwas zu übergeben, so kann er selber kommen. Dann will ich ihn schon empfangen.«

»Es ist sehr wichtig,« sagte der Voigt.

»Und wenn Tod und Leben daran hängt, Du nimmst es nicht!« rief Clemens wie besessen.

[274] »Guter Freund,« fiel Ehrhold ein, »Ihr macht hier, wie Ihr seht, schlechte Geschäfte. Darum geht nur in Gottes Namen wieder auf den Zeiselhof, sagt dem Voigte einen guten Abend und für seine Geschenke im Namen des Herrn Grafen müsse die Jungefrau gar sehr danken.«

»Nun so erbarme sich Gott meiner und des Voigtes!« murmelte der Großknecht. »Seine Gnaden haben mit Galgen und Rad gedroht, wenn das Röllchen nicht vor Beerdigung des verstorbenen Herrn Grafen in der Jungefrau Hände gekommen sei, und wer ihn kennt, der weiß, daß er Wort zu halten pflegt. Wenn Ihr aber durchaus nicht wollt, nun gut, so weiß ich, was ich thun muß. Ich gebe das Ding zurück und flüchte mich noch in dieser Nacht in die Haide, um morgen nicht zu fehlen. Dann wär's möglich, daß weder Voigt noch Graf jemals ein Wort wieder von mir hörten.«

»Was soll das heißen?« fragte Haideröschen ihren Gatten. »Wäre wirklich etwas im Werke? Ein Angriff auf den Zeiselhof? – Vater, wie ist das?«

»Gedulde Dich bis morgen!« sagte Ehrhold [275] bedeutungsvoll. »Von einer Sache, welche gelingen soll, darf man nicht sprechen.«

Haideröschen sah noch einmal zum Fenster hinaus, um durch neue Fragen dem Großknechte Näheres zu entlocken, der so schnöde Abgewiesene war aber inzwischen, ohne gute Nacht zu wünschen, seiner Wege gegangen.

Nun fühlte sich die junge Frau so beunruhigt, daß sie den Rest des Abends für nichts mehr Sinn hatte und die ganze Nacht theils schlaflos, theils von fürchterlichen Träumen geängstigt, zubrachte.

Fußnoten

1 So genannt, weil das Zeuch früher aus Lund bezogen wurde.

3. Kapitel
[276] Drittes Kapitel.
Mutter, Sohn und Nichte.

Unsere Leser erinnern sich, daß in Haideröschens verhängnißvoller Hochzeitsnacht die zu feierlichem Schwure niederknieenden Wenden die weithin schallenden Hufschläge des davon jagenden Grafen hörten. Magnus trieb nicht das innere Entsetzen über die eigene Schandthat von dem Schauplatze des Verbrechens, nur die Furcht, im Augenblick der Entdeckung von den zu ausgelassener Lust wie zu rasender Wuth aufgereizten Leibeigenen zerrissen zu werden, veranlaßte ihn, in größter Eile zu fliehen. Die That selbst hatte er dem strengen Rechte nach nicht zu scheuen; denn als Herr und unumschränkter Gebieter stand ihm nach uraltem Herkommen das jus primae noctis zu, und wenn er es ausübte, durch List [277] oder Gewalt, so konnte er sicher auf den jubelndsten Beifall all seiner Standesgenossen rechnen.

Später stiegen allerdings Zweifel in ihm auf, und als er durch genaue Erkundigungen erfahren hatte, daß Haideröschen Mutterfreuden entgegensehe, beschlich ihn ein großmüthiger Gedanke. Er dachte nicht daran, die Frucht wilder Sinnenlust und capriciöser Herrenlaune vor der Welt anzuerkennen, aber zu gleich lehnte sich der Stolz des Aristokraten gegen den Zufall auf, dem es in höhnischer Ironie einfallen konnte, den Sohn des reichen Grafen ein langes langes Leben als Bettler durch die erbarmungslose Welt zu hetzen. Schon diese Möglichkeit, die bei nur einigem Nachdenken, bei nur mittelmäßigem Combinationstalent sich in grauenvolle Wahrscheinlichkeit verwandelte, empörte ihn. Deshalb mußte einer so entwürdigenden Lage seines Sprößlings vorgebeugt werden.

Lange war Magnus unschlüssig, was er thun wollte. Er wartete von Woche zu Woche, von Monat zu Monat. Am liebsten hätte er eine so delicate Angelegenheit mit Röschen persönlich besprochen, allein er sah wohl ein, daß er von dem Versuch, mit ihr ungesehen zu verkehren, [278] abstehen müsse. Es war unmöglich und noch weniger rathsam, sich ohne bedeutende Bedeckung unter die Wenden zu wagen. Die Hochzeitsnacht von Sloboda's Tochter hatte diese so harmlos heitern Menschen vollkommen umgewandelt. Sie waren still und ernst geworden. Ihre Lieder auf Feldern und Wiesen, ihre schreiende Lustigkeit in Schenke und Kretscham waren verstummt. Man hörte weder am Feierabende noch Sonntags den quäkenden Dudelsack und die schrillende Huslje.

Diese auffallenden Zeichen tiefen Grams und nach Innen sich einwühlenden Unmuthes entgingen Magnus nicht. Zugleich rief er sich die Aeußerungen des Maulwurffängers in Bezug auf das Vorhandensein einer Verschwörung unter den leibeigenen Wenden wieder ins Gedächtniß. Noch glaubte er zwar nicht daran, denn er kannte die Friedliebe und Muthlosigkeit dieses armen, unterdrückten, ungebildeten Völkchens, allein er konnte doch auch nicht umhin, rückwärts zu blicken auf Welt- und Sittengeschichte. So oft er dies that, überrieselten ihn eiskalte Schauer und eine nicht zu beseitigende Furcht vor der Zukunft bemächtigte sich seiner. Thaten, wie sie rohe Herrenwillkür [279] ihn hatte begehen lassen, waren häusig grauenvoll bestraft worden, waren nicht selten das Zeichen gewesen zu völligem Umsturz alles Bestehenden, zu Zertrümmerung heiliger oder doch geheiligter Rechte, zu Vernichtung mächtiger Throne und Reiche. – Konnte ihm jetzt nicht etwas Aehnliches bevorstehen? – Die unheimliche Stille unter seinen Leibeigenen schien fast darauf hinzudeuten. Es war daher gevissermaßen Sache der Nothwehr, die nicht zu verkennende Gährung zu ersticken, das jetzt noch aus der Ferne drohende Unglück abzuleiten. Eine Großmuthshandlung, glaubte er, würde dazu hinreichend sein.

Aus diesen Gründen setzte er sich hin und entwarf eine Schenkungsurkunde, laut welcher Röschen Sloboda, im Falle sie lebendige Kinder zur Welt bringe, nach seinem Tode den fünften Theil seiner sämmtlichen liegenden Gründe als Entschädigung für das ihr durch ihn zugefügte Unrecht als rechtmäßige Erbin erhalten sollte. Magnus war schlau genug, die Formel dieser Urkunde so allgemein wie immer möglich zu halten, denn im Ernst dachte er gar nicht daran, sein zukünftiges Besitzthum auf solche Weise zu zerstückeln. Eben deshalb war auch des Ablebens [280] seines Vaters gar nicht gedacht, so daß die Urkunde ohne Kraft gewesen wäre, im Fall Magnus vor seinem Vater sterben sollte. Ferner stand in dieser Verschreibung keine Hindeutung auf des Grafen Testament, in welchem doch nothwendig von einer solchen Schenkung die Rede sein mußte. Alles dies hatte Magnus mit Vorbedacht weggelassen, um seinen gesetzlichen Erben möglichst viele Auswege zu geben, wenn die Wendin dereinst ihre Ansprüche auf die Schenkung geltend machen sollte. Daß er die Wenden selbst mit einem derartigen Papiere betrügen und ihre bösen Anschläge würde abhalten können, daran zweifelte er nicht; denn er kannte den leichten Sinn dieses Völkchens und ihre unzureichenden, fast an das Kindische streifenden Rechtskenntnisse.

Wie aber dieses Papier in Haideröschens Hände bringen? Anfangs wollte er selbst sein eigener Bote sein. Dies gab er jedoch bald auf, denn er sah ein, daß die jugendliche Frau des Freibauers Clemens wie eine Fürstin bewacht wurde und durchaus jeder noch so schlau angelegten List unzugänglich bleiben mußte. Gewaltsames Eindringen wäre allerdings noch möglich [281] gewesen, dies konnte aber auch das Signal zu einem wüthenden Aufstande, vielleicht gar zu seiner Ermordung sein. Er hatte ein- für allemal das Vertrauen seiner Unterthanen verloren und dafür mußte er jetzt büßen. Wäre er als strahlender Engel der Liebe unter ihnen erschienen, sie würden ihn dennoch für einen verkappten Teufel gehalten und als solchen behandelt haben.–

Nach langem Hin und Hersinnen entschloß er sich endlich, den Voigt mit dieser Sendung zu belasten. Er war der einzige Mensch aus seiner näheren Umgebung, dem er noch vertrauen konnte, da die persönlichen Juteressen desselben an die seinigen geknüpft waren. Der Voigt wurde von dem Gesinde, das er beaufsichtigte und tyrannisirte, gehaßt als das blind gehorchende Werkzeug des gefürchteten Herren. Schon deshalb konnte dieser Mann nicht von ihm abfallen. Alle Uebrigen, sowohl Dienerschaft wie Knechte und Mägde, waren ihm feindlich gesinnt und zu offenem Aufstande geneigt, wenn das Zeichen dazu gegeben ward. Vor diesen also mußte er sich hüten. Erst, wenn Haideröschen das Papier empfangen und gelesen hatte, und der Inhalt desselben von ihren nächsten Verwandten den Bewohnern [282] der Haidedörfer mitgetheilt ward, erst dann konnte er wieder furchtlos unter seine Leute treten und ausrufen: Seht, so verkennt Ihr mich, der ich doch immer nur für Euch denke und nur Euer Bestes will!

Zu diesem Behufe schlug nun Magnus die entworfene Schenkungsurkunde für Haideröschen und deren Nachkommenschaft in Wachsleinwand und übergab sie dem Voigte mit der Weisung, dieselbe in den nächsten Tagen an die verehelichte Clemens abzuliefern. Von dem Inhalt der Rolle ließ er nichts verlauten und der Voigt war nicht der Mann, aus Neugierde danach zu fragen. Er sagte zu und Magnus dachte nicht mehr daran.

Da starb Erasmus in Folge der Entdeckung, welche ihm seine unglückliche Nichte gemacht hatte. Die bestürzte Utta sendete sogleich einen Eilboten an ihren Sohn ab, damit er als Universalerbe persönlich Besitz von der Burg nehme. Ein Testament war nicht vorhanden, mithin über Erbschaft und Erbschaftsantritt gar kein Zweifel.

Magnus gehorchte auf der Stelle seiner Mutter, im Herzen froh, den Vater nicht mehr [283] lebendig zu finden. Aeußerlich nahm er freilich die Haltung eines tief Betrübten, eines unaussprechlich Erschrockenen an. Er gab die nöthigen Befehle an den Voigt, schärfte ihm nochmals ein, die sehr wichtige Rolle nunmehr abzugeben und ja nicht länger damit anzustehen.

Der Voigt hatte auch den besten Willen, aber er er krankte plötzlich, wie wir wissen, und der nach Magnus Dafürhalten so überaus schlau angelegte Plan scheiterte gänzlich. Als der Großknecht an dem erwähnten Abende verdrießlich wieder zurückkam und dem im Bett liegenden Voigte die Rolle einhändigte, warf dieser sie ebenfalls ärgerlich in ein altes Pult, wo verschiedene Papiere und Briefschaften, die Niemand brauchte, aufbewahrt wurden, und sagte: »Nun so bleibt's, bis ich wieder gesund bin. Wir Beide können's nicht ändern. –«

An demselben Abend gegen Mitternacht wußte alles Gesinde auf dem Zeiselhofe, was die Wenden im Sinne hatten, und nicht ein Einziger, selbst nicht die Mägde, weigerten sich, ihre Theilnahme zuzusagen. Der kranke Voigt allein erfuhr nichts von der still fortglimmenden Verschwörung gegen seinen verachteten Herrn.

[284] Magnus war seit dem Osterfeste nicht mehr auf Boberstein gewesen. Er hatte daher auch nichts Zuverlässiges von Herta und deren Zustande erfahren. Oft schmeichelte er sich mit der Hoffnung, durch einen Brief von seiner schönen Cousine überrascht und zu einem Besuche nach Boberstein eingeladen zu werden. Aber das stolze, tödtlich beleidigte Mädchen schwieg so hartnäckig, wie sein Vater. Außer dem, was hin und wieder gehende Boten Unklares mündlich erzählten, war die Kunde von dem Ableben des Greises die erste directe Nachricht von der Burg seiner Väter. Magnus verwünschte sein böses Geschick und sah mit bitterm Verdruß auch diesen seinen kühnsten Plan, seinen heißesten Wunsch an der Unlenksamkeit eines festen Charakters zu Grunde gehen.

Die trauernde Dienerschaft begrüßte den jungen Erben mit der ihm zukommenden Ehrerbietung, doch schweigend und düster gestimmt. Magnus achtete nicht darauf. Er eilte mit schnellen Schritten die Freitreppe hinan – denn in der Schloßhalle ruhte bereits die Leiche des Grafen – um am Busen seiner Mutter den zärtlichsten gerührtesten Sohn zu heucheln.

[285] Utta war so vollendete Aristokratin und so ganz ein verbildetes Geschöpf ihrer Zeit, daß sie die Fehltritte ihres geliebten Sohnes als verzeihliche Amusements eines liebenswürdigen Cavaliers betrachtete. Diese Art kecker Donjuanerie verschaffre den Söhnen reicher Familien die besten Partien, da sie das unwiderleglichste Zeugniß von der Fähigkeit ablegten, ein altes Geschlecht frisch wieder aufblühen zu machen. Was daher immer von dem sittenlosen Wandel des Grafen Magnus ihr zu Ohren kam, sie ließ es unbeachtet verhallen und ging nur im Geiste recht fleißig die großen und reichen Grafen- und Fürstenfamilien des heiligen römischen Reichs durch, um aus ihnen die schönste und reichste Erbin als dereinstige Gattin für ihren geliebten und liebenswürdigen Sohn auszuwählen. An ein ernstliches Verhältniß des leichtfertigen jungen Mannes mit seiner schönen Cousine hatte sie nie gedacht und mochte es auch nicht. Herta war ihr zu neugeistig gesinnt, zu selbstständig, und außerdem arm und nicht makellos genug geboren, um dem einzigen Erben von Boberstein mit Fug und Recht ihre Hand reichen zu können.

Als sie nun das berechnete Bubenstück ihres [286] Sohnes erfuhr, war sie vielleicht zum ersten Male in ihrem Leben wahrhaft erzürnt auf Magnus. Zwar wollte sie nicht zugeben, daß er mittelbar der Mörder seines Vaters geworden sei, so wie sie auch in ihrer kühlen Ruhe den Tod des Gatten mit vornehmer Gefaßtheit ertrug und als ein Schicksal dahin nahm. Was sie aber mit der entehrten Herta beginnen, wie sie diese Schandthat des Sohnes verheimlichen und das gekränkte, herzlos hingeopferte Mädchen einigermaßen entschädigen sollte, darüber konnte sie mit sich selbst nicht einig werden.

Einen wahren Trost gewährte ihr in dieser Noth die Gewißheit, daß ihr Gemahl ohne testamentarische Verfügungen gestorben war. Als einziger Erbe, der keinerlei Legate zu zahlen hatte, war Magnus jetzt einer der reichsten Adligen in Deutschland, der nöthigen Falls auch einige Prozesse ohne merkliche Vermögensverluste durchfechten konnte. Entehrt, von der öffentlichen Meinung gebrandmarkt wollte sie ihren Sohn nicht sehen, und außerdem war sie doch so sehr Weib, daß ihr die verübte That Alles zu übertreffen schien, was ein gewissenloser Mann einem wehrlosen Mädchen zufügen kann, und so dachte sie [287] entschieden daran, Herta ihrem Sohne zu vermählen. Sie setzte voraus, daß Magnus diesen Gedancken selbst hege und daß ihre Nichte, auch im Fall mangelnder Neigung, diesen Ausweg für klug und wohlwollend anerkennen und genehmigen werde.

Mit nicht erkünstelter Kälte empfing Utta den jungen Grafen, der sich anfangs sehr ergriffen zeigte und dem Todten alle möglichen Lobsprüche ertheilte. Seine Mutter hörte diesen Ergüssen eines nach dem Erbe gierenden Sohnes gelassen zu, dann aber erzählte sie ihm eben so ruhig wie ernst die Veranlassung zum Tode ihres Gatten und wie er, ihn verfluchend, seinen Geist aufgegeben habe. –

Das hatte Magnus doch nicht erwartet, und weil es ihn so ganz fremd, als grauenvolle Wahrheit überraschte, darum brach er fast vor den gräßlichen Folgen seiner That zusammen. Er war so ganz zerschmettert, daß er weder aufzusehen noch zu antworten wagte. Schweigend ließ er die gerechten Vorwürfe seiner zürnenden Mutter über sich ergehen, die, einmal in den Fluß gekommen, auch wirklich den Verbrecher nicht eben zart und rücksichtsvoll behandelte.

[288] Nachdem sie sich hinlänglich über die Scheußlichkeit seiner That ausgesprochen und namentlich das gänzlich Unadlige derselben gebührend hervorgehoben hatte, ging sie sogleich grade auf das Ziel los.

»Es ist jetzt Deine Pflicht,« sagte sie, »Deiner Cousine die Ehre wiederzugeben. Noch weiß Niemand unserer hohen Verwandten das Vorgefallene, meine Nichte hat sich sehr klug, sehr edel, völlig unegoistisch benommen. Ihr Augenmerk war blos auf unser altes Geschlecht gerichtet; darum schwieg sie so hartnäckig still. Du wirst demnach noch heut um Herta werben und Dich vierzehn Tage nach dem Begräbnisse Deines Vaters mit ihr verbinden.«

»Theuerste Mutter,« erwiederte Magnus, Utta's Hand mit Küssen bedeckend, »Sie sprechen den tiefsten, den heiligsten Wunsch meines reuigen Herzens aus! Ich liebte Herta immer, ich habe sie geliebt vom ersten Augenblicke an, wo ich sie kennen lernte, bis auf die gegenwärtige Minute. Meine Cousine kannte meine Leidenschaft, aber sie gefiel sich darin, mir kalt, schneidend, abweisend zu begegnen. Sie ließ es mich so oft fühlen, daß ich nicht rein sei und [289] edel, wie sie, daß mein heiß brausendes Blut mich zu mancher tadelnswürdigen Handlung hinreiße. Ja sie gestand mir sogar, daß sie mich deswegen hasse und verachte! Da verließ mich die ruhige Besinnung. Mit Herta's Abneigung wuchs meine Liebe zu ihr und von blinder Leidenschaft getrieben griff ich zu einem Mittel, das ich tausendmal selbst verflucht habe, das ich für schändlich, verbrecherisch anerkenne und willig mit jeder Strafe abbüßen will, die Herta über mich zu verhängen gesonnen sein sollte! Aus Schaam, Reue und Zerknirschung verbannte ich mich freiwillig von dem Angesicht der Geliebten, deren zürnendes Bild doch im wilden Schmerz der Einsamkeit mein alleiniger Trost war und blieb bis auf den heutigen Tag!«

Solche Zerknirschung versöhnte Utta schnell wieder mit ihrem Sohne. Sie hörte es gern, daß Magnus einer großen überwältigenden Liebe fähig und dieser erlegen war, und sie hielt es nach diesem reuigen Geständniß für Mutterpflicht, dem Gesunkenen die Hand zu reichen und ihn mit Milde wieder aufzuheben.

»Ich werde Dir Gelegenheit verschaffen, Herta ohne Zeugen zu sprechen,« sagte Utta schon [290] viel sanfter, als vorher. »Sie wird Dich freilich nicht sehr freundlich begrüßen, denn sie zürnt Dir mit Recht. Aber sie ist ein Mädchen, ein gefühlvolles, mit großen Eigenschaften begabtes Mädchen, das Selbstüberwindung zu den ersten Tugenden rechnet. Ueberzeugt sie sich also von der Wahrhaftigkeit Deiner Reue, wie ich schon davon überzeugt bin, so wird sie nicht immer taub gegen Deine Bitten bleiben und Dir endlich sogar verzeihen.«

»Willig füge ich mich allen Bedingungen, meine gütige Mutter! Um den Besitz der geliebten Herta mir zu erringen, würde ich das Himmelreich opfern!«

»Es wird so großer Opfer nicht bedürfen,« sagte die Gräfin. »Ich werde Dich bei Herta selbst anmelden und sie auf Dich und Deinen Antrag vorbereiten.«

Magnus klopfte das Herz; denn obwohl er das von seiner Mutter angedeutete Ziel wünschte, schlug ihm doch auch das böse Gewissen und eine ernste Frage an sich selbst sagte ihm, daß er Herta nicht mehr liebe, sie vielleicht nie geliebt habe. Ihre Schönheit, ihre Jugend, ihr hoher Geist und der verführerische Trotz, den [291] sie seinen Bewerbungen entgegengesetzt, hatten sie ihm begehrenswerth gemacht. Nur die Sinne, nicht sein Herz hatte geliebt. Dies war hohl, leer, nicht fähig einer großen reinen Leidenschaft. Tausend unerlaubte und unreine Genüsse hatten seine ursprüngliche Gluth vor der Zeit aufgezehrt. Magnus fürchtete ein Zusammentreffen mit Herta.

Indeß war Utta keine Frau, die einen einmal entworfenen Plan, wenn er größeren Zwecken zu entsprechen schien, sogleich wieder aufgab oder einen Entwurf nur zur Hälfte ausführte. Ihr langer Verkehr mit ihrem jesuitischen Onkel hatte sie die Wichtigkeit consequenten Handelns kennen gelehrt, und wie sie im Denken und Leben von der praktischen, ob auch unlautern Weltweisheit des feinen, vielerfahrnen Mannes den Schein als glänzenden Ersatz eines in der Wirklichkeit nicht vorhandenen Gutes kennen gelernt hatte, so hielt sie auch Alles für erlaubt, was nicht durch ausdrückliche Gesetze verboten war, oder was durch ein betrügliches Spiel des Geistes, gleichsam durch ein Volteschlagen aus Schwarz in Weiß, aus Böse in Gut, aus Verlust in Gewinn verwandelt werden konnte.

[292] Sie ging deshalb unverweilt zu ihrer Nichte, und so vortrefflich hatte sich die kluge Frau mit zarter, theilnehmender Anmuth, mit mütterlicher Würde, mit christlich mildem Zuspruch, mit liberal tönenden ein lautes Echo in Herta's halbgebrochenem Herzen erweckenden Phrasen ausgerüstet, daß ihr das Unbegreifliche in kurzer Frist gelang, nämlich ihrer Nichte die Bewilligung zu entlocken, den reuigen Frevler ruhig anzuhören.

Eine Viertelstunde später meldete Emma ihrer traurigen Gebieterin den jungen Grafen. Herta winkte der Zofe, ihren Cousin einzulassen und sich zurückzuziehen.

In einfacher schwarzseidener Kleidung, ein Florband durch ihr schönes Haar gewunden, saß Herta in der Epheulaube ihres Fensters. Grüßend erhob sie sich beim Eintritt des Grafen, den sie mit anmuthiger Handbewegung aufforderte, niederzusitzen. Zum ersten Male in seinem Leben war Magnus verlegen und in Folge dessen etwas linkisch. Er rückte einen der altmodischen, aber kostbaren Stühle in Herta's Nähe und sich nach seiner Gewohnheit auf die Lehne stützend, überflog er die reizenden Züge seiner [293] Cousine mit scheuem Aufblick, ohne sie anzureden. Statt seiner ergriff nun Herta das Wort.

»Auf Fürbitten meiner geliebten Tante, Ihrer verehrten Frau Mutter,« sprach sie vollkommen ruhig, »habe ich mich entschlossen, Sie zu sprechen, Herr Graf. Ich ersuche Sie daher, mir Ihr Anliegen in möglichster Kürze vorzutragen, da Sie hoffentlich einsehen werden, daß unsere Unterhaltung keine ausführliche sein kann.«

»Es scheint mein Schicksal zu sein, theure Cousine,« versetzte Magnus, »Ihnen stets widersprechen zu müssen, und weil dies denn einmal so ist, so stehe ich nicht an, auch jetzt eine andere Meinung zu verfechten. Mich dünkt, liebe Herta, nie hätten zwei Menschen mehr Ursache gehabt, sich recht viel zu sagen, als wir.«

Herta erröthete und der Zorn grub eine leichte Falte in ihre weißglänzende Stirn. Sie erwiederte:

»Da ich Ihnen nichts zu sagen habe, Herr Graf, so fahren Sie fort.«

»Lassen wir diese erkältenden Förmlichkeiten, theure Herta,« sagte Magnus wärmer und dringender, indem er den Stuhl einen halben Schritt näher an Herta's Sitz schob, »sprechen wir wie [294] nahe, theure Verwandte zusammen und reichen wir uns die Hand zur Versöhnung.«

»Ich verstehe Sie nicht.«

»Sie wollen mich nicht verstehen, Herta! – Ein Unglücklicher, ein von den grausamen Rachefurien eines schuldbeladenen Gewissens furchtbar Gepeinigter steht vor Ihnen. Bittere Reue nagt an seinem Herzen, der Fluch eines Vaters lastet auf seiner Seele und dennoch, dennoch wagt er zu hoffen, wagt er leben und wieder unter gesittete Menschen treten zu dürfen, ohne daß man ihm ausweicht, wie einem Scheusal! Er wagt dies, wenn Sie, Herta, Ihre Engelshand ausstrecken, sein schuldbeladenes Haupt damit berühren und ihm vergeben!«

Magnus schob den Stuhl zur Seite und ließ sich mit Heftigkeit vor der ernsten stillen Mädchengestalt auf ein Knie nieder.

»Stehen Sie auf, Herr Graf! Um Komödie zu spielen, wählen Sie den Ort schlecht.«

»Komödie spielen! Sie nennen Komödie spielen, was mein Herz zerreißt, was mit Höllenqualen meine Seele foltert!«

»Es gab eine Zeit, wo ich weit mehr litt, Graf! Damals ergetzten Sie sich an den Qualen [295] eines armen schwachen Mädchens und lachten ihrer flehenden Bitten. War dies nicht auch Komödie gespielt?«

»Ich bekenne mich ja schuldig, theure, geliebte Herta –«

»Mißbrauchen Sie nicht ein so heiliges Wort, ich verbiete es Ihnen!« unterbrach Herta mit edlem Zorn die Rede des Grafen, »Sie kennen keine Liebe, Sie trachten nur nach Sinnenlust, nach betäubendem Rausch! Gehen Sie und befreien Sie mich von Ihrer verhaßten Gegenwart!«

Magnus hatte die Lehne des Stuhles wieder erfaßt. Seine Cousine, die ihm immer reizender erschien, schon mit zuversichtlicherem Auge betrachtend, versetzte er:

»Herta! Mein Vater ist aus dieser Welt geschieden, ohne mir die Hand gereicht zu haben. Wie die Sachen stehen, muß ich mich für seinen Mörder halten! Begreifst Du, welch entsetzliches Gewicht, welch gräßliche Anklage darin liegt? – Soll ich erdrückt werden von ihr trotz meiner Reue? – Ist es christlich, einen zerknirschten Sünder erbarmungslos zu verstoßen? –«

»Wer verstößt Sie denn?«

[296] »Du, Du, mein heiliger Engel! Du, Herta, an der ich gefrevelt habe aus Uebermuth, von Wahnsinn erfaßt, im Augenblick gänzlicher Verwilderung. Du, Herta, um deretwillen ich jetzt gern all mein Gut, ja mein Leben dahin geben möchte, Du verstößt mich, und doch kann ein Wort von Dir mich glücklich machen, kann uns Beiden eine traurige öde Vergangenheit in ein blühendes Paradies verwandeln!«

»Ich bitte, mir diese Zauberformel zu sagen. Ich selbst kenne sie nicht!«

»Du willst sie nicht kennen, Herta!«

»Ich will Alles, was ich für recht und gut erkenne, Alles, was mein Verstand billigt, was mein Herz zuläßt. Der unaussprechliche Kummer, welchen Sie meinem Wesen eingeimpft haben, hat mich alle Täuschung ablegen lassen und meinen Gefühlen den schönen Reiz entwendet, der alle Glücklichen bezaubert.«

»Das ist sehr sehr traurig!« versetzte Magnus. »Wenn Ihre Gefühle erstorben sind, dann habe ich freilich nichts mehr zu hoffen, aber ich glaube, Sie täuschen sich selbst. Wollten Sie nur in die Tiefe Ihres Wesens schauen, so würden [297] Sie daselbst den Kern aller göttlichen Gefühle, die Liebe zu dem Nächsten, wiederfinden.«

»Fände ich ihn wirklich noch, dann sein Sie überzeugt, Graf, daß ich ihn nur mit dem Würdigsten theilen würde!«

»Halten Sie einen bußfertigen Sünder solcher Gnade nicht werth?« fragte Magnus mit allem Zauber, der ihm zu Gebote stand.

»Darauf kann ich mir jede Antwort ersparen, Graf. Sie wissen, daß ich Sie nie geliebt habe, weil ich Sie wahrer Liebe nie fähig hielt. Vernehmen Sie jetzt zum letzten Male, daß Sie bei mir nie auf Erwiederung einer Neigung zu rechnen haben, die Sie nur heucheln. Ihr ganzes verdorbenes Wesen ist Lüge, schändliche, schwarze, geschmackvoll vergoldete Lüge! Ich hasse die Lüge und verachte die Jünger derselben. Und nun ich weiß, was Sie zu mir, der tief Gekränkten, der unversöhnlich Beleidigten, trieb, nun vernehmen Sie von mir mein letztes Wort. Ich will mit vergebender Milde die Sünde von Ihnen nehmen und Ihnen verzeihen, aber fortan meiden Sie, mich durch Ihre Gegenwart zu kränken, mich in meinem Kummer zu stören!«

[298] Noch gab Magnus nicht Alles verloren. Er entschloß sich, das Aeußerste zu versuchen.

»Theure Herta,« sagte er mit niedergeschlagener, schwankender Stimme. »Du scheinst zu vergessen, daß die Mutter für ihre Kinder eines Vaters bedarf.«

»Gott ist aller braven Mütter gemeinsamer Vater.«

»Und die Welt? Die scheelen Blicke der verleumdungssüchtigen Welt?«

»Wünschen Sie, daß Ihre Schande weltkundig werden soll?«

»Die Deinige, meine schöne Cousine, wird durch meinen Namen zugedeckt. Einer Gräfin von Boberstein begegnet Jedermann mit höchster Achtung.«

Herta stand auf. Sie legte das Buch, in welchem sie während dieses peinlichen Gespräches geblättert hatte, auf den Tisch und trat dem Grafen entgegen. Ihr zürnendes Auge sprühte Funken, ihr Gesicht war mit zarter Röthe überhaucht, der Busen hob sich in heftigster Aufregung.

»Endigen Sie, Herr Graf,« erwiederte sie mit bebender Stimme, »Sie nöthigen mich sonst, [299] meine Dienerschaft zu rufen! Ein Reuiger wurde mir angemeldet, und einen Niederträchtigen sehe ich vor mir.«

Da Magnus jetzt alle seine Berechnungen zu Schanden werden sah, kehrte ihm schnell die geistige Keckheit wieder, die er bisher nur mühsam niedergehalten hatte. Selbst gekränkt wollte er noch empfindlicher kränken; denn er erkannte in Herta seine unversöhnlichste Feindin. Mit vornehmer Verbeugung zurücktretend sagte er:

»Ich muß wirklich um Entschuldigung bitten, schöne Heilige, daß Dein Anblick so mächtig auf mich wirkt und mein ganzes Wesen zu einem Spiegel macht, aus dem Du in mich verwandelt Dir selbst vor die Augen trittst.«

»Das überschreitet alle Grenzen,« stotterte Herta für sich. »Herr Graf, ich befehle Ihnen, mein Zimmer zu verlassen!«

»Widerspänstige Zauberin, bedenken Sie wohl, daß zum Befehlen Macht und Recht gehört! Sie besitzen weder das Eine noch das Andere.«

»Ich wünsche noch einmal allein zu sein.«

»Und ich werde mir erlauben, Ihnen noch einige Minuten Gesellschaft zu leisten. Ich bin Erbe und Herr dieses Schlosses, mein holdes [300] Mühmchen, und wenn ich befehle, die unanständige Dirne hinauszuwerfen in den Wald, so hoffe ich noch genug willige Hände zu finden, die meinen Befehl ausführen. Mein sehr kluger Herr Vater, der sanft und selig in Gott ruhen möge, war doch nicht klug genug, sein verzogenes Püppchen bei Zeiten mit Geld und Gut zu bedenken. Er starb ohne Testament und das schöne vornehme Burgfräulein wird künftighin in seidenen Kleidern Brod und Leinwandfetzen unter ihren Freunden, den armen Wenden, zusammenbetteln müssen, damit sie leben und ihren muthmaßlichen Erben standesmäßig erziehen kann.«

Höhnisch lag sein satanisch blitzendes Auge auf der üppigen Gestalt der über solche Bosheit entsetzten Herta, die sich kaum aufrecht erhalten konnte. Als er sie zittern und zusammenbrechen sah, umfaßte er sie trotz ihrer abwehrenden Gebehrden.

»Es bedarf jedoch blos eines Wortes,« fuhr er gleißnerisch fort, »und die Bettlerin trägt eine schimmernde Grafenkrone auf ihren stolzen Flechten. Ich bin billig, meine Geliebte. Als Vater werde ich auch zärtlich, freigebig und großmüthig sein. Wenn Du mir aber untreu wirst, dann [301] fürchte meine Rache! Dem Erben von Boberstein Reichthum und Ehre, dem Bastard der leichtgläubigen Cousine Armuth, Schande und Elend! Wähle jetzt, meine stolze Geliebte!«

Herta saß erblassend, tief und schwer athmend in ihrer Epheulaube. Emma trat ein und überreichte ihr auf silbernem Teller einen Brief. Sie kannte die Hand nicht.

»Von wem?« sagte sie kaum hörbar.

»Ein Köhlerbube brachte ihn,« versetzte die Zofe und verließ wieder das Zimmer. Herta drehte den Brief nachdenkend in den Händen.

»Darf ich gefälligst um Antwort bitten?« sagte Magnus äußerst freundlich.

»Ja das dürfen Sie,« erwiederte die Gekränkte. »Ich flüchte mich an den Busen meiner Tante und wähle Armuth, Schande und Elend!«

»Nehmen Sie meinen aufrichtigsten Glückwunsch zu dieser Wahl und zu dem neuen Lebenslaufe, der drei Tage nach der Bestattung meines hochseligen Herrn Vaters seinen Anfang nehmen wird. Ich empfehle mich der verehrten Cousine auf's Angelegentlichste!«

Magnus verbeugte sich und ließ die unglückliche[302] Herta allein mit ihrem Schmerz, ihrem Haß, ihrer Verachtung.

»Hat denn der Himmel keine Blitze mehr,« seufzte sie, »um solche Frevler zu strafen und die von ihnen Verfolgten zu erretten?«

Dabei ballte das arme Mädchen ihre kleine Hand und zerbröckelte das Siegel auf dem erhaltenen Briefe.

4. Kapitel
[303] Viertes Kapitel.
Der Besuch.

Als Herta den Brief erbrach, gewahrte sie mit Verwunderung, daß sich der Verfasser desselben nicht genannt hatte. Mit gesteigerter Neugier durchflog sie das Schreiben, dessen geheimnißvoller, auf eine schreckenreiche Vergangenheit hindeutender Inhalt ihre Unruhe und Aufregung noch mehr steigerte. Der Brief lautete:


»Ein Ihnen völlig unbekannter Mann, verehrtes gnädiges Fräulein, bittet um die Vergünstigung, Sie am Tage nach Empfang dieser Zeilen besuchen zu dürfen. Die Umstände und sein eigenthümliches Verhältniß zu den Besitzern des Schlosses Boberstein nöthigen ihn, diesen Besuch einen durchaus geheimen sein zu lassen. [304] Aus diesem Grunde wird Schreiber dieses erst mit Einbruch der Nacht bei Ihnen erscheinen und zwar auf einem Wege, der Sie vielleicht mit schauderndem Entsetzen erfüllt. Kein Mensch im Schlosse außer Ihnen und, wenn Sie es wünschen, Ihre vertraute Dienerin, darf von dem nächtlichen Wanderer Kunde erhalten. Ihre Zukunft, Ihre Ruhe, Ihre Sicherheit, ja Ihr Leben hängt von Genehmigung dieser Bedingungen ab. Alles Unrecht, das man Ihnen zugefügt hat, wird durch denselben bis zu einem gewissen Grade ausgeglichen werden. – Wappnen Sie sich also mit Muth und Entschlossenheit und vertrauen Sie einem Manne vollkommen, der Ihrem zeitlichen Wohlergehen sein ewiges Heil zu opfern gern und stündlich bereit ist. Leben Sie wohl und ruhig, bis die verschwiegene Stunde der Nacht uns zusammenführt.«


Die Bestürzung Herta's über diesen Brief war groß und bei dem Mißtrauen gegen Jedermann, das ihr durch Magnus' unverzeihliches Betragen eingeflößt worden, hatte sie wenig Neigung, den Unbekannten zu empfangen. Bei ruhiger Ueberlegung jedoch und bei wiederholter [305] aufmerksamer Durchlesung des Schreibens mußte sie die gute, wohlwollende Absicht des Verfassers erkennen. Ueberdies gestattete er ja das Zugegensein einer Zofe, was ihre Sicherheit um Vieles steigerte, und so beschloß Herta, unverbrüchlich zu schweigen und das angekündigte Abenteuer abzuwarten.

Emma, die ihrer Gebieterin mit unbegrenzter Liebe ergeben war, wurde erst am nächsten Abend in das Geheimniß gezogen, worauf beide Mädchen in ungewöhnlicher Schweigsamkeit die Erscheinung des Unbekannten in Herta's Zimmer erwarteten.

Die Nacht war ruhig, der Himmel leicht bewölkt. Das melancholische Rauschen der Haide drang herauf bis in das erstorbene alte Schloß. In langen Pausen schlug die schrillende Schelle die zehnte Stunde. Gespannter und immer ängstlicher werdend, harrten die Mädchen des Unbekannten. Eng verschlungen saßen sie lautlos auf der dunkelsammtenen Ottomane. Da knackte es in Herta's Schlafzimmer, als ob eine scharfe Feder einschnappe. Die Mädchen sahen einander an, sie hörten den beflügelten Schlag ihrer Herzen.[306] Gleich darauf klopfte es vernehmlich an die innere Kammerthür.

»O Gott!« flüsterte Herta und schlang beide Arme fest um den Nacken Emma's, ihr bleiches Antlitz in neugierigem Entsetzen starren Auges halb abgewandt auf die Thür richtend. »Emma, es ist der Graf, es ist Magnus! Niemand als er kennt diesen fürchterlichen Weg!«

Indem wiederholte sich das Klopfen um ein weniges lauter und da auch darauf von Seiten der erschrockenen Mädchen kein »Herein« erfolgte, ward die Thür behutsam geöffnet und ein stattlicher Mann in voller Lebensgröße erschien auf der Schwelle.

Regungslos betrachteten die scheuen Mädchen, ihre furchtsame Stellung beibehaltend, den Fremdling. Dieser blieb ebenfalls ruhig stehen, ließ sein scharfes Auge über beide in schwarze Trauerkleider gehüllte Gestalten gleiten und sagte dann mit wohltönender, kräftiger Männerstimme: »Guten Abend, liebe Kinder!«

Es lag so viel Zutrauliches, Weiches und Väterliches im Ausdruck der Stimme dieses Mannes, daß die Mädchen nach diesem Gruße froh aufathmeten und aufstehend sich gegen den [307] Fremden höflich, aber noch immer schweigend, verneigten. Dieser trat jetzt in's Zimmer und ein voller Strahl des Lichtes fiel auf ihn. Es war ein starker, großer, sehniger Mann mit interessanten Zügen, welche der sorgfältig gepflegte, sehr dichte und lange Schnurrbart noch ausdrucksvoller machte. Sein ergrauendes Haupthaar zeigte, daß er die Höhe des Lebens bereits überschritten hatte, es müßten denn Kummer, Gram und tiefe Seelenleiden ihn vor der Zeit gealtert haben. Der Fremde trug die gewöhnliche Kleidung eines Försters und war, wie ein solcher, mit schönem Hirschfänger bawaffnet.

»Empfangen Sie zuvörderst,« hob er mit zitternder Stimme an, »meinen aufrichtigen, herzinnigen Dank für das Vertrauen, welches Sie mir durch Ihre Gegenwart schenken, verehrtes Fräulein!« – Dabei richtete er seine Worte entschieden an Herta, als kenne er sie schon längst. – »Ja,« fuhr er fort, »ich täusche mich nicht. Sie sind Herta, die arme, schöne, fromme Tochter der nicht minder armen Schwester Grafen Erasmus von Boberstein! Ist es mir doch, als wäre sie, die längst Dahingeschiedene, wieder zurückgekehrt in's Leben und sähe mich mit ihren [308] dunklen Wunderaugen erstaunt an über die Veränderung, die mit mir vorgegangen! Denn nur sie, die Verewigte, und ihre einzige, ihr in allen Tugenden und Eigenschaften so ganz gleiche Tochter, besitzen diesen Zauber des Blickes, dies seelentiefe, herzdurchforschende Engelsauge! – Gestatten Sie, Tochter Eugeniens von Boberstein, daß der einzige Freund Ihrer Mutter die Hand küßt, die seit zwanzig Jahren nicht mehr in der seinigen geruht hat!«

Damit ergriff der Fremde Herta's schlanke feine Hand und führte die bebenden Finger an seine Lippen.

»Gütiger Himmel,« stammelte das erstaunte Mädchen, »Sie haben meine Mutter gekannt, räthselhafter Mann! Wer sind Sie? Was haben Sie mir zu eröffnen, daß Sie auf so ungewöhnliche versteckte Weise zu mir dringen?«

Mit schmerzlichem Lächeln ruhte das glühende Auge des Fremden auf Herta. Seine wetterbraunen Züge wurden weich und sanft und seine Stimme zitterte, als er antwortete:

»Sie dürfen und müssen so fragen, theures Mädchen, und ich bin gekommen, Ihnen Rede zu stehen, Sie zu Fragen und Forschungen aufzumuntern. [309] – Haben Sie von Ihren Pflegeältern nie eines Mannes erwähnen hören, den man Johannes nannte?«

»Nie!« betheuerte Herta kopfschüttelnd.

»Nie!« wiederholte der Fremde und seufzte. »Also so ganz hatte man ihn vergessen, oder so geflissentlich schwieg man von ihm, daß nicht einmal in Beisein seines – – Doch bevor ich fortfahre,« unterbrach er sich selbst, »bitte ich inständigst: lassen Sie Ihre Gefährtin in ein Nebenzimmer treten! Ich weiß nicht, ob Sie selbst es billigen würden, wenn ich Ihnen vor Zeugen meine Geheimnisse mittheilte.«

Der gerührte, väterliche Blick des Fremden und sein ergrauendes Haar machten, daß Herta diese Bitte gewährte. »Verlaß uns, Emma,« sagte sie, »und gib Acht, daß wir nicht gestört werden.«

Die Zofe entfernte sich. Lebhafter wendete sich Herta zu dem Fremden, ergriff mit beiden Händen seine Rechte und sagte innig: »Nun, edler Mann, nun reden Sie! Wer war jener Johannes?«

»Ein armer, ein unglücklicher Mann!« erwiederte der Fremde. »Vor mehr als zwanzig Jahren [310] glaubte dieser Johannes unter die glücklichsten Sterblichen zu gehören. Er war jung, hübsch, aufgeweckten, lebhaften Geistes, empfänglich für alles Schöne, ein Liebling und Verehrer Ihres Geschlechtes. Wo Heiterkeit und Frohsinn scherzten, da war er gern gesehen; wo Anmuth und Liebe duftende Blüthenkränze wanden, da versäumte er nie zu erscheinen, um ein feuriges Lied ertönen zu lassen. Johannes war kein Pedant, ob wohl er sich von Geburt an als Hofmeister auf Edelhöfen seinen Unterhalt erwerben mußte. Geübt in jeder Kunst, gewandt in ritterlichem Spiel, ein eben so geschickter Fechter, Tänzer und Reiter, als ein scharfsinniger und sieghafter Kämpfer im Wortgefechte, errang er sich manchen schönen Preis, um den vornehme, reiche Grafen ihn beneideten. Er siegte auf der Rennbahn und im Gesellschaftszimmer. Frauen und Mädchen ehrten ihn mit ihrem Vertrauen, ihrer Gunst!«

»Aber Johannes war kein leichtfertiger, gewissenloser Mann. Er unterschied streng holdes Spiel von gewichtigem Ernst. Er reizte nicht, wo er zu verlocken glauben konnte. Anstand und Sitte waren die beiden Genien, denen er auch im Rausch lebenstrunkener Stunden nie entsagte. [311] So begünstigt, so von Glück und Liebe vereint in blendende Lebenskreise emporgehoben, kam Johannes in diese Burg. Graf Erasmus wünschte einen Hofmeister für seinen wilden Knaben Magnus, einen Mann, der Strenge mit Milde, der französischen Weltton mit deutschem Ernst, deutscher Gründlichkeit anmuthig zu verknüpfen wisse. Solcher Aufgabe war Johannes vollkommen gewachsen. Er kam nach Boberstein und nie schien Graf Erasmus mit der Wahl eines Erziehers zufriedener gewesen zu sein. Magnus ward ihm übergeben und gewöhnte sich bald an die Vorschriften seines Lehrers, der bei vor kommender Widerspänstigkeit unerbittlich streng sein konnte.«

»Johannes hatte im Spätherbst seine ehrenvolle und verantwortungsreiche Stellung angetreten, und binnen einigen Monaten die wilden Auswüchse an den Launen und Einfällen seines Zöglings mit Glück verschnitten. Da kam die junge, schöne Schwester des Grafen Erasmus aus der Residenz, wo sie den Winter in der großen Welt gelebt hatte, zurück auf ihres Bruders alte Haideburg. Eugenie war ein bezauberndes Wesen. Ihre Mutter, theure Herta, läßt sich nur mit der Tochter vergleichen.«

[312] »Meine arme Mutter! Ich kannte sie nie, ich konnte sie nur im kalten, todten Bilde lieben und küssen!«

»Beklagen Sie Ihre Mutter nicht, edles Fräulein, Eugenie war glücklich, und als das Unglück über sie herein brach, nahm der erlösende Tod sie sanft in seine Vaterarme.«

Herta stürzten die Thränen in die Augen, während der Fremde ruhig fortfuhr:

»Johannes und Eugenie sahen einander, lernten sich kennen und liebten sich. – Es gibt Wesen, die beim ersten Zusammentreffen sich in der Tiefe ihres erbebenden Herzens gestehen müssen, daß sie von Ewigkeit her für einander bestimmt sind. Ein paar solche ursprüngliche Naturen waren Johannes und Gräfin Eugenie. Ein Strahl aus ihren Augen reichte hin, in Beide den heiligen Gluthstrom der Liebe zu gießen, der in den Pulsadern der Welt schlägt und das Reich der Geister beherrscht. Ueber der Ursprünglichkeit ihrer reinen Neigung, über der geistig schönen Tiefe ihrer Leidenschaft und der sittlichen Höhe ihres Standpunktes vergaßen sie, daß es bevorzugte und verachtete Kasten gab; wollten sie nichts wissen von einem Unterschiede zwischen [313] gräflichem und bürgerlichem Blut. Eugenie liebte den reinen, tiefen, edlen Menschen in Johannes, und dieser fühlte an Eugeniens Busen nur das Herz eines Mädchens schlagen, das von Lüge und Verstellung nichts wußte.«

Vor dieser Gluthfülle ihrer Neigung sah Johannes alle Hindernisse stürzen, ja er dachte nicht einmal daran, daß es deren überhaupt geben könne. Er wollte Eugenie besitzen, bald besitzen und hielt um dieselbe an bei – ihrem Bruder! – Graf Erasmus lachte dem Hofmeister in's Gesicht und nannte ihn einen Narren. Er glaubte anfangs wirklich, Johannes erlaube sich in übermüthiger Stimmung einen Scherz. Als er aber sah, daß der Hofmeister im glühendsten Redestrome nur seinem überschäumenden Glück Worte gegeben und als er von Eugeniens blühenden Lippen die Bestätigung vernommen, da trat er stolz an Johannes heran, maß den jungen Mann von Kopf zu Fuß und sagte verächtlich: »Der Wein von meinem Tisch ist Ihm zu Gesicht gestiegen. Trinke Er künftighin wie der Wasser, wie sich's gehört, und esse Er mit meinen Bedienten, damit Er Mores lernt! Und jetzt packe er sich und verlaufe sich die verrückten [314] Gedanken auf einem Spatziergange durch die Haide! – Darauf kehrte er dem Hofmeister den Rücken, nahm die Hand der Schwester und zog sie in's Nebenzimmer, das er hinter sich verriegelte.«

»Johannes blieb wie vom Schlage getroffen stehen. Er glaubte, ein wirrer Traum habe sich festgesetzt in seiner Seele. Er konnte lange Zeit weder Sprache noch gesundes Gefühl wieder erhalten. Als er endlich des ganzen entsetzlichen Unglücks sich bewußt ward, schüttelte ein förmliches Wuthfieber geraume Zeit seinen sehnigen Körper. Damit fand er sich selbst und seine Thatkraft wieder. Er schrieb in den gemäßigsten Ausdrücken an den Grafen. Der Brief kam uneröffnet zurück, mit ihm eine Rolle Gold als Reisegeld, begleitet von dem mündlichen Befehl des Grafen an den Ueberbringer, binnen zwei Tagen das Schloß zu verlassen. – Johannes tobte aufs Neue, er suchte die Diener zu bestechen, um mit Eugenie sprechen zu können, aber alle seine Bemühungen scheiterten an dem hündischen Gehorsam dieser Leibeigenen.«

»Verzweiflung im Herzen ward Johannes am dritten Tage nach der Unterredung mit Erasmus [315] gewaltsam aus dem Schlosse gebracht! Als er um die letzte Felsenecke bog, die unter den Fenstern dieses Zimmers steil abfällt, glitt ein Stück Schiefer daran nieder mitten auf den Fußsteig. Etwas Weißes schimmerte darunter, was ihn aufmerksam machte. Er hob den Schiefer auf und fand daran gebunden zwei Schlüssel mit einem Zettel, der in wenigen Worten die Weisung enthielt, daß er in finstern Nächten vermittelst dieser Schlüssel unbemerkt zu Eugenien gelangen könne, wenn er am südlichen Thurme den Felsengang erklimme und über den Balkon, wo er ihr Unterricht in der Sternkunde ertheilt habe, nach der dritten Luckenthür schreite, die er stets offen finden werde! – Johannes kannte diesen Pfad, wie die heimlichen Gänge des Schlosses und ruderte, den Busen von neuen Hoffnungsträumen geschwellt, wohlgemuth über den See.«

»Schon die dritte Nacht sah den kühnen Mann die finstern Steige hinauf, die ächzenden Treppen, die feuchten gespenstischen Gänge treppauf treppab an den jauchzenden Mund der Geliebten fliegen, – und von Stund' an begann für die grausam Geschiedenen beim Lallen des [316] See's, das wie Gebet flehender Engel zu ihnen herauf erklang, ein stilles hohes Liebesleben, das häufig erst mit dem Rufe des Morgenhahnes endigte, wenn auf Fels und See und Haide das Perlennetz des Frühthaus blitzend niedersank.«

»Ueber fünf Monate dauerte dieses hohe Liebesglück, um so zauberischer und reicher an Genuß, als es mit Gefahr und mannichfachen Entbehrungen verknüpft war. Johannes hatte nichts unterlassen, um Eugenien eine heitere Zukunft zu sichern. Diese war bereit, dem Geliebten zu folgen, und ein kleines, stilles, dauerndes Glück einem von Glanz und Goldschmuck schimniernden Elend von vielleicht langer Dauer vorzuziehen. Der Tag oder vielmehr die Nacht zur Flucht ward festgesetzt, und als am Vorabend derselben Johannes von ihr schied, gestand ihm Eugenie mit seligem Lächeln, daß ihre Einsamkeit nur kurz sein werde. Ein langer Kuß belohnte dies süße Geständniß.«

»Zum ersten Male seit seiner Verbannung aus dem Schlosse hatte sich Johannes bis zur Morgendämmerung aufgehalten. Ein ungewöhnlich starker Thau war gefallen, der in Millionen zarten Perlen auf Gräsern, Stegen und Steinen [317] lag. Ein Knecht des Grafen, diesem vorzugsweise ergeben, entdeckte die Fußspuren des nächtlichen Gastes und zeigte sie seinem Gebieter. Erasmus verfolgte sie und fand einen Verdacht, den er zuweilen still gehegt, doch nie zu äußern gewagt hatte, bestätigt. Er befahl dem Knechte unverbrüchliches Stillschweigen und traf heimlich seine Anstalten.«

»Voll froher Erwartungen, sich dem Ziele so nahe zu sehen, ersteigt Johannes um Mitternacht auf bekanntem Felsenpfade das Schloß. Niemand sieht, Niemand stört ihn. Er erreicht die Zinne, die innern finstern Gänge. Bis dicht an das Gemach der Geliebten dringt er vor, da fällt plötzlich verrätherisch blendendes Licht auf ihn und auf beiden Seiten in engen Nischen, die er nie gewahrt hatte, zeigen sich Bewaffnete, Erasmus an ihrer Spitze. – Zwar wehrte sich Johannes, allein Augenblicke reichten hin, ihn zu überwältigen. Während der schadenfroh lachende Graf den Ueberrumpelten mit Schimpf- und Schmähworten überhäufte, erschien die entsetzte Gestalt Eugeniens in Reisekleidung. Die Liebe siegte über Schreck und Schaam. Sie warf sich über Johannes mit aller Gluth und Seelenwärme [318] eines Herzens, dem man sein Theuerstes rauben, das man vielleicht entehren und tödten will. Ihr grausamer Bruder ließ die reizende Gestalt durch die Knechte den umschlingenden Armen des Geliebten entreißen. Selbst ihr lauter Verzweiflungsruf: Ich bin sein Weib! Vor Gott gehöre ich ihm an! konnte den blind Wüthenden nicht erweichen. Sie wurden getrennt, Eugenie, um in ihre Zimmer zurückgebracht zu werden, Johannes, um am nächsten Morgen, wie ihm Erasmus ankündigte, seine Strafe zu empfangen.«

»Dieser Morgen kam. Johannes ward gebunden in die Schloßhalle geführt. Dort waren bereits der Graf und seine ganze Dienerschaft nebst zahlreichen Knechten versammelt. Eugenie wurde mit Gewalt auf die Gallerie geschleppt und dort festgehalten. Hierauf verurtheilte Erasmus den ehemaligen Hofmeister seines Sohnes zu der für einen Freien entehrenden Strafe des Blockes, die er sogleich erlitt. Während derselben ward Eugenie als todt fortgetragen. Nachdem Johannes in ohnmächtiger Wuth diese Strafe überstanden hatte, befahl der Graf –«

[319] »Sie stocken? O ich bitte Sie,« rief Herta, »beendigen Sie diese fürchterliche Geschichte!«

»Verzeihen Sie meine Schwäche,« nahm der Fremde nach kurzer Pause abermals das Wort. »Es gibt Erlebnisse, die schon in der Erinnerung auf einen Mann wie tödtendes Gift wirken. – Nun,« sagte er, »der Graf befahl, den Geliebten seiner Schwester draußen im Schloßhofe an den Pfahl zu binden, der für die Leibeigenen als Pranger dient, ihm den Rücken zu entblößen und für seine Frevelthat mit Ruthen zu hauen. Er nannte das, den Lohn für die im Dienste seines Hauses geopferten Nächte auszahlen!«

Dem Fremden versagte die Sprache. Er hatte diese letzten Eröffnungen kaum verständlich geflüstert.

»Und Graf Erasmus,« fiel Herta ein, »nicht wahr, er ließ es bei der schrecklichen Drohung bewenden?«

»Nein,« versetzte mit eisiger Kälte und furchtbarem Aufflammen seiner tief liegenden Augen der Fremde, er sah der Vollziehung der grausamen Strafe mit Wohlgefallen zu! Als der Unglückliche sie überstanden hatte, ohne vor Schaam [320] zu sterben oder vor Wuth den Verstand zu verlieren, sagte er zu Johannes: »Jetzt hab' ich Ihn ganz in Gold fassen lassen. Er kann nun gehen, wohin Er will, und von der Münze des Grafen Boberstein leben oder damit Handel treiben. Jagt den Schurken hinaus, und wenn er sich noch einmal im Bereich meines Schlosses blicken läßt, so erhält er dieselbe Belohnung wie heut!«

Johannes ward losgebunden. Mit todtenbleichem Gesicht und fast brechendem Auge kehrte er sich zu seinem Henker und sprach:

»Ich werde Ihr Gold auf Zinsen legen, Herr Graf, und Ihre Güter damit aufkaufen!«

»Am Ufer des See's in der Haide setzte man den todtwunden Mann nieder. Mühselig schleppte er sich fort bis in eine Köhlerhütte. Dort fand er Hilfe und den Trost guter Menschen, denn sie waren arm und hatten noch ein Herz. Acht Tage raste Johannes im Fieber. Als er wieder zur Besinnung kam und langsam genas, war sein pechschwarzes Haupthaar grau geworden. Kummer und Schande hatten einen Greis aus ihm gemacht. Aber die Rache erhielt ihn jung, stärkte seine Muskeln, stählte seine [321] Nerven wieder und ließ ihn der Geliebten gedenken –«

»Es vergingen Wochen, ehe Johannes von Eugenien hörte. Das arme Mädchen hatte die gewaltige Seelenerschütterung überstanden. Sie war gesund geblieben, vielleicht nur, weil sie ein Pfand der Liebe mit ihrem Herzblut nährte. Erasmus ließ die Unglückliche in ein entferntes Haidedorf schaffen. Dort entdeckten sie Johannes' Pfleger, die Köhler, und brachten ihm Nachricht. Er sah sie wieder, als sie eben eines zarten Mädchens, ihres schönsten Ebenbildes, genesen war. Sie nannte das Kind Herta und starb am Tauftage desselben. Von neuem Schmerz ergriffen rannte Johannes in den dichtesten Wald. Als er zurückkam, war Herta verschwunden. Er sah sie nie wieder, obwohl er ahnen konnte, daß Graf Erasmus die Neugeborene entführt haben würde –«

Herta drückte schluchzend ihr Gesicht in die Sammetkissen der Ottomane. Der Fremdling betrachtete mitleidig die Weinende. Als sie ruhiger ward, rief er sie bei Namen; sie richtete sich wieder auf und sah ihn groß und theilnehmend mit ihren glänzenden Rehaugen an.

[322] »Johannes begrub Eugenien,« fuhr er fort, »und nichts blieb ihm übrig von der Unvergeßlichen, als ihr Bild, das sie ihm in der ersten glücklichen Nacht geschenkt hatte.«

»Mein armer, armer unglücklicher Vater!« rief Herta. »O sagen Sie, bester Mann, sagen Sie, wenn Sie's wissen: welch Schicksal ist ihm gefallen nach so viel Schmerz und Erdenjammer?«

»Er verscholl in dem Andenken der Menschen,« sagte der Fremde mit feierlichem Ernst, »und hat dem Grafen Wort gehalten!«

Wieder blickte das Mädchen verwundert zu ihm auf. »Er hielt Wort!« wiederholte sie. »Und kennen Sie ihn? Hat er Sie gekannt?«

»In seinem Namen bin ich hier.«

»Gott, Gott, mein Vater lebt!« rief Herta und erhob mit entzücktem Blick die Hände zum Himmel.

»Durch mich läßt er seine Tochter grüßen,« fuhr der Fremde fort, immer feierlicher sprechend, »und ihr sagen, daß die Stunde gekommen sei, wo der Schutzengel von dem Hause der Grafen Boberstein weichen, wo die Rache für die Härte des Grafen Erasmus und für die noch schmählichere [323] Schandthat seines Sohnes beginnen werde.«

»Himmlischer Vater, Sie wissen!« stammelte Herta.

»Ich weiß Alles, Herta, aber ich zürne Dir nicht, noch verdamme ich Dich. Ich komme nur, um Dich zu retten!«

»Und wer sind Sie?« fragte ahnungsvoll das zitternde Mädchen.

Der Fremde griff in seinen Busen und hielt ihr das Bild Eugeniens entgegen.

»Meine Mutter!« lallte sie sanft und durch Thränen lächelnd, indem sie die zarten Hände nach dem theuren Medaillon ausstreckte. »Mein Vater schickt es mir, daß ich Ihnen vertrauen soll! – O, wie gut, wie lieb –«

»Herta!« rief mit von Thränen unterdrückter Stimme der Fremde und breitete seine Arme gegen sie aus, »Herta, ich bin Dein Vater, bin der unglückliche Johannes!«

Von dem lauteren Gespräch geängstigt, trat jetzt Emma in's Zimmer. Sie fand Herta in den Armen des Fremden, an seinem Halse, seinen Lippen hangend. Sie trat näher zu der Gruppe [324] und berührte mit leisem Finger die Schulter ihrer Gebieterin.

»Es regt sich im Schloß,« flüsterte sie ängstlich. »Irgend ein Diener muß noch wach sein.«

»Ich danke Dir, gutes Mädchen, für Deine Warnung,« versetzte Johannes eben so leise, noch immer seinen nervigen Arm um die wiedergefundene Tochter schlingend. »Begleite mich,« fuhr er dann fort, »denn nicht lange mehr wirst Du hier geborgen sein! Die Leibeigenen haben sich erhoben und vielleicht schon in wenigen Stunden beginnt ihr Rachewerk. Von ihnen erfuhr ich Dein Schicksal und beschloß, Dich zu retten, Dir Deinen Vater wieder zu geben. – Du zitterst? Herta, Du schwankst? Solltest Du Magnus –«

»O still, still! Ich hasse, ich verachte ihn!«

»Er wird Dich zur Gemahlin begehren!«

Herta nickte matt mit dem müden Haupt.

»Er fällt von meiner Hand, wenn er es wagt, noch mals um Dich zu werben!«

»Er thut es nicht mehr,« sagte Herta sanft.

»Du darfst ihn nicht sehen, nicht mehr sprechen. Komm! Es ist die höchste Zeit. Schon naht die Mitternachtsstunde!«

Leise entwand sich Herta den Armen ihres [325] Vaters. »Laß mich hier,« bat sie mit dem rührenden, alle Herzen bewältigenden Ton ihrer Silberstimme. »Erasmus, mein Onkel, der so hart an Dir gehandelt und der mich dafür so innig geliebt hat und über mein Unglück gestorben ist, Erasmus ist noch nicht bestattet. Laß mich an seinem Sarge für ihn und für uns Alle beten, dann komme wieder und fordere mich von Utta.«

»Es geht nicht,« sagte Johannes mit steigender Unruhe. »Ich kann nicht wieder kommen. Wer weiß – –«

»Wo wohnst Du?« fragte kindlich fromm die Tochter, dem Vater die starken grauen Haare aus der finstern Stirn streichend.

»Tief, tief in der Haide!«

»Nun, so komme ich selbst zu Dir. Die Haide liebe ich; ich bin bekannt bei Köhlern und Bauern. Ich frage mich durch sie hindurch bis zu Dir!«

»Aber Herta!«

»Vater, es muß so sein. Mein Herz gebietet es und das wirst Du nicht kränken wollen.«

»Nun so bleib,« erwiederte Johannes entschlossen. »Aber hab' Acht! Sollte sich etwas [326] Außerordentliches ereignen, dann halte Dich bereit! Flüchte durch diesen Gang, der uns Allen verhängnißvoll war, bis an das Ufer des See's und Dein Vater wird Dich erretten! – Jetzt, gute Nacht, liebe, holde, süße Tochter!«

»Gute Nacht, mein armer Vater!« hauchte Herta, umschlang nochmals den starken Mann und ließ erst von ihm, als er mit einem Fuße auf der Schwelle des geheimen Ganges stand. Als die Thür zufiel, sank sie Enma still weinend in die Arme.

5. Kapitel
[327] Fünftes Kapitel.
Der Aufstand.

Der auf diese Nacht folgende Tag war ein Hofetag. Alle wendischen Bauern und Gärtner mußten mit ihrem Gespann in die Haide, um Holz auf den Zeiselhof zu schaffen. Obwohl der Befehl dazu erst am letzten Abend an sie ergangen war, gehorchten sie ihm doch Alle, wie gut geschulte Hunde dem Wink ihres Herren. Sie waren so an blinden Gehorsam gewöhnt, daß der Begriff eines freien Willens gar nicht in ihnen aufkommen konnte. Und solch blindes Gehorchen war noch möglich in demselben Augenblicke, wo der ganze Stamm gegen den grausamen Herrn sich zu erheben fest entschlossen war! Wie tief gewurzelt, wie mit dem ganzen Dasein, mit allen Gewohnheiten fest verwachsen mußte dieser knechtische [328] Sinn der Wenden sein! Welch entsetzliches Licht fiel gerade dadurch auf die entsittlichende Leibeigenschaft!

Im tiefsten Walde trafen die Wagenzüge der einzelnen Dorfschaften mit den verschiedenen Vögten der Herrschaft zusammen. Auch die Förster waren versammelt, um den Frohnbauern die Holzschläge anzuweisen. Dies waren ungeheure Lichtungen oder Waldblößen im dichtesten Gebüsch. Klaftern trockenen, starken, harztriefenden Holzes reihten sich an Klaftern von hohen in die lockere Erde getriebenen Pfählen gehalten. Dazwischen lagen ausgerodete Stöcke, die mit ihren gewundenen Wurzeln gleich sich bäumenden Riesenschlangen in die Luft griffen. Baumstümpfe, vor Alter verwittert und mit röthlichem Moos überwachsen, hockten in den abenteuerlichsten Gestalten wie unheimliche Geister oder greise Wächter des Waldes zwischen den leuchtenden Scheiten. Der Boden, voll tiefer Aushöhlungen und brüchiger Stellen, war mit moderduftigen grauweißen Schwämmen oder mit riesigen Fächern großer Tüpfelfarren bedeckt, deren zarte, durchsichtige, in brennendem Roth glimmernde Fasern rastlos im Morgenwinde auf- und niederwogten. Rothbraune und [329] schwarze Schnecken, die weißen, zierlich gewundenen Häuser auf ihren klebrigen Rücken, kletterten langsam auf die breiten Mooshäupter der erstorbenen Baumstümpfe und legten silberglänzende Streifen um die finstern krausen Stirnen, daß sie in dämmerndem Lichtschein mit blitzenden Diademen gekrönt schienen. Schwärme munterer Goldammern mit gelblich schimmernden Brustfedern flogen zwitschernd auf und sanken in kleineren Geschwadern wieder nieder, um hüpfend und flatternd die gefällten Tannen zu beschauen und aus Baumerde und Pflanzenleichen ihre Nahrung zu picken.

Es war ein heiterer, stiller Herbsttag. Die Waldung rauschte harmonisch in mildem Luftzuge, ähnlich dem Meere, wenn es bei ruhigem Wetter nur säuselnde Schaumbrandungen an den Strandwänden hinaufrollt, als tauchten gaukelnde Wassergeister aus der Tiefe auf und mühten sich in ergetzendem Spiele ab, die harte, starre Erde zu erklimmen. Manchmal rauschte in sausendem pfeifendem Fluge ein Schwarm wilder Gänse oder in ägyptischer Hieroglyphengestalt die Pfeilwolke eines Storchgeschwaders über die Lichtung.

Ohne diesen alltäglichen Erscheinungen die [330] geringste Aufmerksamkeit zu widmen, begaben sich die Wenden an ihre Arbeit. In Gesellschaft verrichtet dies sinnlich heitere Völkchen auch die schwerste Arbeit stets unter Gespräch, Gesang, Gelärm. Auch an kräftigen Flüchen gebricht es ihrer Sprache nicht, wenn das Zugvieh nicht gehorchen will oder wenn irgend etwas am Wagen zerbricht. Ohne derartiges Unglück sind Holzfuhren nicht wohl denkbar. Bald bricht eine Achse, bald ein Ortscheit, bald stürzt der ganze Wagen in eine verdeckte Grube und Stunden mühsamer Arbeit reichen oft nicht hin, die schwere Last abermals aufzuladen, die scheu werdenden Thiere zu bändigen und vor Schaden zu behüten. Förstern und Vögten fiel es daher auf, daß alle Bauern an diesem so schönen und für einen Herbsttag in der Haide milden Morgen überaus wortkarg, ja völlig stumm waren. Alle sahen finster und mürrisch aus und verrichteten die Arbeit mit einem gewissen Verdruß, mit einem Widerwillen, den sie noch niemals gezeigt hatten. Die Aufseher schrieben diese ungewohnte Niedergeschlagenheit auf Rechnung des unerwarteten Todesfalles, denn es war bekannt, daß die meisten Haidebauern den alten Grafen wahrhaft geliebt hatten, da sie von [331] ihm nicht in dem Sinne bedrückt worden waren, wie sie den Begriff der Bedrückung überhaupt faßten.

Bis an den Hals in ihre groben, meistentheils schmierigen Schaafpelze gehüllt, eine blau und roth geränderte Zipfelmütze auf dem langen Haar, welche die Meisten noch über die Ohren herabzogen, wodurch der Ausdruck ihrer Gesichter etwas Stupides bekam; so räumten sie die aufgeschichteten Klaftern ab und beluden damit ihre nicht immer sehr standhaften Wagen. Nicht einmal die Branntweinflasche, die der Wende doch sonst immer in der Sacktasche seines Pelzes führt, machte heut die Runde.

War es nun, daß in Folge der Nüchternheit Aller durch nutzloses Lärmen und Reden keine Zeit verloren wurde, oder weil die größere Anzahl derselben am Abend dieses Tages nach Boberstein zu wandern beabsichtigte, um die Leiche ihres bisherigen Herrn auf dem Paradebett zu sehen und nach Sitte und Herkommen durch stilles Umwandeln des Sarges von ihm Abschied zu nehmen; genug sämmtliche Frohnbauern verließen in verhältnißmäßig kurzer Frist den Holzschlag. Auch auf den schlechten, hundertfach durchkreuzten [332] Wurzelwegen und in rollenden Sandtiefen geschah wider Aller Erwarten kein Unfall. Die zuerst im Walde erschienenen Bauern langten schon in der Mittagsstunde auf dem Zeiselhofe an und um zwei Uhr des Nachmittags war auch der letzte Wagen abgeladen. Für das Unterbringen und Aufschichten des eingebrachten Winterholzes hatten die Hofeknechte zu sorgen. Auch diese waren rasch zur Hand und betrieben das wenig schwierige Geschäft mit liederlicher Eile, da der Voigt noch immer krankte und der erste Knecht, welcher an des Voigtes Statt die Aufsicht führte, kein strenger Herr war. –

Um die siebente Abendstunde, wo in der erwähnten Jahreszeit aus allen Haidedörfern, die von Wenden bewohnt werden, die freundliche Flamme der Heerdfeuer über das Blachfeld leuchtet, sah man an diesem Tage die flackernden Kienlohen erlöschen. Dann traten die Männer in Pelzen, mit Hacken, Heugabeln oder Knütteln bewaffnet, aus ihren niedrigen Häusern, Viele begleitet von Frauen und Mädchen, die in ihre weißleinenen Regentücher gehüllt, gleich wandelnden Gespenstern schweigsam durch Nacht und Dunkel schwebten.

[333] Auf verschiedenen Wegen, wie sie jeden Hausbesitzer in unmittelbare Verbindung mit seinen Saatfeldern setzen, verloren sich die stummen Wanderer in die Haide, deren schwarze Wand, von flackernden Sternen matt beglänzt, sämmtliche Dörfer umschloß.

Erst unter den rauschenden Stämmen fanden sich Bekannte und Freunde zusammen und schritten nun truppweise immer tiefer in die Haide hinein. Unter einer dieser kleinen Abtheilungen begegnen wir Sloboda und Ehrhold, Clemens und dem Maulwurffänger, denen sich einige verhüllte Frauengestalten anschlossen.

»Es bleibt doch immer ein Wagstück, Freund,« sagte Jan, zwischen Heinrich und Ehrhold auf unsichtbaren Pfaden grad nach Norden rüstig fortschreitend. »Läßt uns jetzt Dein Lips im Stiche, so sind wir ohne Gnade und Barmherzigkeit verloren und unsere Rücken werden es dann vier Wochen lang spüren.«

»Ich tausche mit Dir, wenn's dahin kommt,« erwiederte der Maulwurffänger. »Zweifle doch nicht an dem einmal gegebenen Wort eines solchen Räubers, wenn er nun doch so heißen soll. [334] Will er nicht Alles auf sich allein nehmen und sollt Ihr ihn nicht blos schützen?«

»So sagt er, und weil Du für ihn bürgst gehen wir jetzt auf Wegen der Finsterniß.«

»Sie werden zeitig genug licht werden. Aber wo sind wir?«

»Zwischen den Torfteichen,« sagte Ehrhold. »Der große Holzschlag, wo vor zehn Jahren der schreckliche Windbruch war, liegt noch eine halbe Stunde seitwärts. Wir müssen die Sandhöhe hinauf und mitten durchs Dickicht, wenn wir zur rechten Zeit eintreffen wollen.«

»Nur vorwärts!« drängte der Maulwurffänger. »Was uns hinderlich ist, wird niedergesäbelt. Ohne Stich und Hieb geht es ja doch nicht ab.«

Der Trupp zog weiter. Einzeln, stets Einer hinter dem Andern, mußten sie sich durch die verwilderte Haide winden. Oft war der Wald so dicht, daß Keiner den Andern erkannte. Stamm rieb sich an Stamm und bei der Umschlingung dieser Riesenbäume fuhren Töne durch die Luft wie Seufzer, daß auf den wankenden Aesten, deren Nadelbehänge in der Luft raschelten, das zur Nachtruhe niedergefallene Geflügel[335] kreischend und purrend wieder auffuhr. Zuweilen liefen an zerborstenen Fichten ein paar blitzende Funken bis in die schwarzen Kronen hinauf und sahen glänzend hinab auf die späten Wanderer. Es waren Eichhörnchen, deren muntere Aeuglein so seltsam leuchteten. Dann riß wieder plötzlich der schwarze Nadelvorhang über ihren Häuptern und ein Stück blauschwarzen Himmels, mit Sternen umsäumt und ausgeschlagen, lauschte herein, bis ein weißer glänzender Streif mit nickender Krone und abwärts wehenden Dunsthänden in ungeheuerlicher Bildung sich über die ruhige Klarheit des Sternenhimmels schob. Wo aber die Bäume weit auseinander traten an Moorbrüchen, sumpfigen Waldbächen und kleinen Wiesen, da hingen graue Schleier um ihre Hüften, die sich bald verlängerten, bald verkürzten, bald über die finstere Erde rollten, bald zu einem Dome sich ausbreitend, eine feuchte flatternde Dunstwölbung über die Haide bauten. Füchse, Wiesel und anderes Gethier schoß raschelnd über den Weg, buntgefleckte Schlangen glotzten mit stechenden Augen aus feuchten Laubschobern, die von dem vielen Unterholz sich angehäuft hatten, und Molche und Eidechsen hingen in zahlloser [336] Menge an bemoosten Marksteinen und auf großen gelben Pilzen.

Dies ungewohnte Leben der Haide bei Nachtzeit machte nicht selten die Wenden stutzig, denn obschon Alle vertraut waren mit der Natur der Haide und ihren Schauern, gebrach es ihnen im Allgemeinen doch zu sehr an Bildung, um natürliche Erscheinungen sich natürlich zu erklären. Deshalb schritten auch die Weiber ununterbrochen betend den Männern nach. Denn wenn die seltsam geformten Nebel mit den mattleuchtenden Säumen plötzlich vor ihnen auftauchten wie aus tiefem Schlunde, oder in eilender Schnelle gegen sie heranzogen und dann wie erschrocken zurückweichend in hundert Schlangenwindungen zur Seite rollten, glaubten sie sich umlauert von bösen Geistern, bedroht von Gewalten finsterer Dämonen.

Nach mühsamer Wanderung erreichten unsere Freunde in der neunten Stunde den Windbruch. Dies war ein waldfreier Platz in der Haide von einer halben Stunde im Durchmesser. Er bot jetzt einen seltsamen Anblick in der kühlen Herbstnacht, die kein Mond erhellte. Spärliche Sternenfunken [337] flimmerten nur stellenweise mit mattem Glanze aus phantastischen Wolkenpalästen.

Von allen Seiten der ringsum schließenden Haide wankten schwarze Gestalten und grauweiße Schatten, die in unklarer Ferne zu riesiger Größe anwuchsen, gegen die Mitte der Lichtung. Hier drängte sich ein schwarzer Knäuel verworrener Menschen, umgeben von einem Halbkreise weißer Statuen, die auf Blöcken, vermoderten Wurzelstöcken und halb zerbrochenen Stämmen regungslos dasaßen, von dem rothen Schein eines knisternden Feuers, das pechschwarze Rauchwolken gen Himmel wirbelte, grell beleuchtet. Diese Gestalten waren die wendischen Frauen und Töchter der Leibeigenen in ihren schimmernden Regenmänteln. Ein monotones Gesurr vieler Stimmen trug der Lufthauch unsern Wanderern entgegen. Weithin über die Lichtung glühten zahllose dunkle Flammen, als ob unterirdische Erdgeister riesige Leuchten aus ihren Höhlen emporhielten. Hie und da wälzte sich auch in gleich düsterer Brandfarbe eine endlose Schlange am Boden, deren Kopf in vielen gleichfalls leuchtenden Hörnern endigte. Diesen Spuk verursachten die vielen verfaulten Baumstümpfe und vermoderten [338] Bäume mit ihren Wurzeln, deren feuchtes Holz jetzt in der Finsterniß phosphorescirte.

Nach dem Feuer inmitten des Windbruches führte der Maulwurffänger seine Freunde. Sie wurden mit dumpfem Zuruf begrüßt, von diesem und jenem Bekannten mit einem treuherzigen Handschlage. Nach und nach wuchs die Schaar der Wenden auf einige tausend an, die sie begleitenden Frauen mitgerechnet. In der Mitte dieses Menschenhaufens saß der Fürst des Waldes, vom Volke der braune Lips genannt, mit seinem eigentlichen Namen, wie wir wissen, Johannes, Herta's unglücklicher Vater.

Er trug die Kleidung eines vornehmen Oberförsters, war aber außer seinem Hirschfänger noch mit doppelläufiger Büchse und mehrern Pistolen bewaffnet. Ihm zunächst kauerte auf einem Steine der schlanke Jüngling mit dem abscheulichen Spitzbubengesicht. Hinter ihm lehnte der hübsche stille Mann, der bei Heinrich's Besuche im Raubhause Knebel geschnitzt hatte. Alle diese, so wie die meisten übrigen Männer, die zu des Haidefürsten Hofstaate gehörten und seinem Wink ohne Säumen gehorchten, trugen [339] Jägerkleidung. Es war eine Schaar von wenigstens hundert der verwegensten Männer, tollkühn, beutegierig, lechzend nach Brand und Plünderung – das gefürchtete wilde Heer der Haide, das ungeahnt, ungesehn in trüber Nacht die Mauern der Edelhöfe überstieg, in die Schlösser eindrang und die kostbarsten Kleinodien entführte. Nie hatte diese Schreckensschaar einen Mord begangen, dafür aber wurden die Ueberfallenen, wenn sie als harte Gebieter verschrien waren, auf grausame Weise geknebelt, nicht selten mit Peitschenhieben zerfleischt und jede bald erscheinende Hilfe mit berechnender Schlauheit fern gehalten. Dies war die Rache Johannes für die ihm zugefügte Beleidigung.

Keiner dieser Männer war verheirathet. Jeder stand ganz allein, hatte nur für sich zu sorgen und gehorchte dem Fürsten, wie Lips von seinen Genossen ohne Ausnahme genannt ward. Da sie zum größten Theil der Meinung waren, daß ihr Gewerbe kein unehrliches, schändliches und verbrecherisches, obwohl ein verbotenes, sei, so brüsteten sie sich gern mit ihren Thaten und lebten, wie dies bereits angedeutet worden ist, mit dem armen Volk auf vertrautem Fuß. Ihr sie[340] beherrschender und mit entschiedener Geistesüberlegenheit leitender Anführer hatte ihnen, ob aus Ueberlegung oder weil er sich größeren Erfolg davon versprach, mit leichter Mühe eingeredet, daß sie weiter nichts wollten, als das entsetzliche Unrecht der herrschenden Besitzer ausgleichen. Deshalb ward nach jeder glücklich vollführten Beraubung eines Reichen der zehnte Theil des geraubten Gutes in irgend einem Gotteskasten niedergelegt, wo es der Armuth wenigstens zu Gute kommen konnte. Der Rest ward unter sämmtliche Räuber gleich vertheilt. Johannes selbst duldete nicht einmal, daß ihm ein Mehr von der Beute zufiel. Dagegen gestattete er den Vorschlag eines willkürlichen Geschenkes von Seiten der Bande, das ihm zu Anfange jeden Vierteljahres überreicht ward. So bestand unter dieser Gesellschaft eine Verfassung, die in freilich sehr roher Gestaltung und vielleicht ohne daß irgend einer derselben darüber nachgedacht hatte, die Idee einer möglich gleichen Vertheiluug des Vermögens wie der Arbeit zu verwirklichen suchte.

Als man annehmen durfte, daß die unter dem Grafen stehenden Leibeigenen zum größten [341] Theile auf der Waldblöße versammelt waren, erhob sich der Fürst der Haide und winkte den Maulwurffänger nebst seinen Gefährten zu sich.

»Euch bin ich Dank schuldig, wackerer Mann,« sagte der Räuber, dem schlichten Manne aus dem Volke die Hand schüttelnd. »Ihr seid nicht müßig gewesen, wie mich diese zahlreiche Versammlung lehrt, und so wäre es nun wohl an der Zeit, vom Warten zum Handeln überzugehen. – Wo ist Jan Sloboda?«

»Hier ist der unglückliche Vater,« versetzte der Wende vortretend und seinen Hut lüftend.

Johannes sah den riesenstarken Mann eine geraume Zeit mit seltsamen Blicken an, dann sagte er mit einer Stimme, in der schmerzliche Wehmuth nachzitterte: »Ihr kennt Fräulein Herta?«

»Sie war die Wohlthäterin meiner Tochter! Möchte sie noch recht viele sonnige Tage erleben recht glücklich werden, wie sie's verdient! Ja, Herr, meine armen Augen tragen ihr Bild immer mit sich herum.«

»Wollt Ihr mir zur Seite bleiben, um im Fall der Noth das Fäulein aus Magnus' Händen zu befreien?«

[342] »Ich werde Euch nicht verlassen, bis der Engel der Armen in Sicherheit ist.«

»Und ich trenne mich nicht von Euch!« rief Clemens. »Auf diesen meinen Armen will ich sie trockenen Fadens über den See in die Haide tragen!«

»Dann gehe auch ich mit,« sagte Ehrhold. »Haideröschen bedarf heut keines männlichen Schutzes.«

»Und was gedenkt unser wackerer Freund zu thun?« wandte sich der Räuber an Heinrich.

»Gebt mir keinen Auftrag, wenn Ihr mich lieb habt,« versetzte der Maulwurffänger. »Mit dem Pariren hab' ich mein Lebtage nichts anzufangen gewußt. Wenn Ihr mir aber erlauben wollt, nach meinem Gusto unter Euch allen herumzufahren, wie das Gewürm, dem ich nachspüre, so kann ich manchen Nutzen stiften. Ein Raufbold oder Kriegsheld bin ich meines Wissens nicht. Die Courage sitzt bei mir mehr in den Augen als in den Händen, obwohl ich als junger Bursche meine Tachteln 1 zuweilen mit gutem [343] Erfolge ausgetheilt habe. – Besser jedoch ist es, Ihr überlaßt mir in dieser Nacht die Wahl meiner Thätigkeit selbst. Faullenzen werd' ich meiner Seele nicht, sonst wär' ich lieber gleich hinter'm Ofen sitzen geblieben!«

Johannes fügte sich ohne Weiteres in Heinrichs Bedingungen und kehrte sich nunmehr zu seinen Vasallen.

»Waldbrüder,« redete er sie an. »Heut bei Sonnenuntergang erfuhrt Ihr von mir, welche Verbrechen der Graf Magnus von Boberstein an der wehrlosen Unschuld verübt hat. Ihr wißt, wen zu rächen ich Euch versammelt habe, weshalb diese Schaar rechtlos unterdrückter Männer zu uns gestoßen ist! Es soll heut Nacht ein Anfang gemacht werden mit Bestrafung herrischer Bosheit, und schützt uns der Vater der Nacht und der Geist gerechter Vergeltung, dessen Stimme an mich ergangen ist, so wird unsere Rache eine segenreiche sein. Nur keine Frevelthat! Keinen Mord! An unsern Händen darf kein Tropfen Menschenblut kleben. Wir sind die Schergen der Nemesis, die unsichtbar über uns waltet. Wo wir in ihrem Namen auftreten, da geschieht es zur Herbeiführung eines besseren [344] Zustandes auf Erden. Schwört, daß sich Keiner frevelnd vergehen, Keiner etwas Anderes thun will, als was ich ihm befehle!«

Die Räuber schworen ohne Zaudern.

»Zwanzig von Euch, die zuletzt in unsern Bund getreten sind, bleiben zurück, um die Frauen zu schützen,« fuhr Johannes fort. »Ihr erwartet uns, was auch geschehen mag, an der Streu, wo wir jüngst übernachteten, bis ich das Zeichen gebe.«

Ohne Murren traten zwanzig der Räuber zurück, die Uebrigen warfen ihre Büchsen über die Schultern und ordneten sich in Reihe und Glied.

»Zündet einige Kienfackeln an!« befahl der Räuber, »und haltet die Wergballen bereit.«

Blitzschnell lohten die harzigen Brände in dem niedergebrannten Kohlenstoße auf.

»Folgt mir in tiefstem Schweigen!« rief Johannes und schritt, umgeben von den drei Wenden und Heinrich, über die Lichtung dem Walde zu, in dem nach einer Viertelstunde die Kienfackeln wie funkelnde Leuchtkäfer verschwanden. [345] Hinter den Räubern in dicht gedrängten Schaaren folgten die Leibeigenen, ihre Angehörigen dem Schutz der vereideten Söhne der Haide überlassend.

Fußnoten

1 Ohrfeigen.

6. Kapitel
[346] Sechstes Kapitel.
Der Haidebrand.

Auf Boberstein trafen an diesem Tage zahlreiche Verwandte des verstorbenen Grafen ein, um am nächsten Morgen dessen feierlicher Beisetzung in der Familiengruft des Schlosses beizuwohnen. In der uns bekannten Schloßhalle ruhten auf schwarzem Katafalk die sterblichen Ueberreste des Todten. Die Halle war mit schwarzem Tuch ausgeschlagen, schwarze Gardinen verhüllten die Fenster, den Fußboden bedeckten schwarze Teppiche. Auf prächtigen Kandelabern von gediegenem Silber, ein Familienerbstück des Hauses Boberstein, brannten flimmernde Wachskerzen und verbreiteten Tageshelle in der sonst so düstern Halle. Die Dienerschaft ging in tiefer Trauer mit langen wehenden Flören um Arm und Hut.

[347] Es war festgesetzt worden, daß von Anfang der Ausstellung bis zum Augenblick der Beisetzung eine Ehrenwache von sechs Männern in der Tracht trauernder Knappen den Sarg umgeben sollte. Diese Männer waren der Dienerschaft entnommen und unterzogen sich dem traurigen Loose von Abends sieben Uhr an. Um diese Zeit nahten sich auch die Verwandten des hohen Verstorbenen in ernster Haltung, um durch Auflegung ihrer Hände ihm die letzte Ehre zu erweisen. Diesen langen Zug tief trauernder Gestalten eröffnete Graf Magnus mit seiner Mutter Utta. Gebückt, einsam, in düstere Gedanken versenkt, folgte Herta. Sie begnügte sich nicht mit bloßer Berührung der Hand des Todten. Sie warf sich nieder auf die Stufen des Katafalkes und betete innig und heiß für die Ruhe des Grafen, für Vergebung seiner frühern Vergehen, für das Wohl ihres wiedergefundenen, ihr noch so unbekannten Vaters und für Bekehrung ihres wüsten, boshaften Vetters. Nachdem sie so ganz ihr Herz vor Gott ausgeschüttet hatte, kehrte sie mit den übrigen Leidtragenden wieder zurück in die oberen Gemächer, ohne jedoch in deren Gesellschaft die Abendstunden zuzubringen. [348] Sie zog es vor, auf ihrem Zimmer, nur von Emma umgeben, die Mitternacht heranzuwachen.

Es befremdete die verwittwete Gräfin, daß von den Unterthanen eine verhältnißmäßig nur sehr geringe Anzahl im Schlosse erschien, um ihrem verblichenen Gebieter die letzte Ehre zu erweisen. Die Leibeigenen waren eigentlich dazu verpflichtet, indem es die Sitte im Hause Boberstein erheischte, daß der jedesmalige Erbe der Herrschaft den durch das Ableben ihres bisherigen Gebieters gleichsam Verwaisten mittelst Darreichung seiner Hand zum Kusse von Neuem Schutz verhieß und sie als rechtmäßig ererbte Unterthanen anerkannte. Am Katafalk seines Vaters war die Aufrechthaltung dieser Sitte für Magnus eine Unmöglichkeit; denn außer einigen zitternden Greisen, die längst keine Dienste mehr thun konnten und unter Seufzen und Beten dem Grabe zuwankten, befanden sich unter den Leibeigenen, die zur Leichenschau kamen, blos heulende Weiber und neugierig gaffende, in zerlumpten Kutten und Pelzen steckende Kinder.

Ueber solche Nichtachtung alter Gebräuche der jetzt ihm zugefallenen Leibeigenen war Magnus höchlichst empört. Er konnte nicht zwifeln, [349] daß ihm allein diese Opposition gelte, daß die ehemaligen Unterthanen des Vaters seinen Schutz gar nicht begehren wollten. Deshalb beschloß er in stillem Grimme, der oft seine stechenden Augen unheimlich machte, unmittelbar nach der Bestattung sämmtliche Unterthanen auf das Schloß zu rufen und daselbst ein allgemeines Strafgericht über sie ergehen zu lassen. Worin dies bestehen sollte, darüber war er mit sich selbst noch nicht einig.

Noch vor neun Uhr waren Halle und Schloßhof von Zuschauern leer. Nur die wachehaltenden Diener standen am Sarge, in welchem Graf Erasmus der Ewigkeit entgegenschlief.

Da stieg Herta nochmals die geschnitzte Wendeltreppe hinab, beugte sich noch einmal über den Todten und küßte die kalten bläulichen Lippen. Am Sarge kniend und wieder heiße Gebete lallend, ließ sie ihren Thränen freien Lauf. Keiner von den Dienern störte die Trauernde in ihrem Schmerz. Sie traten schweigend zurück, selbst gerührt von der Andacht des schönen Mädchens, das mit wahrhafter Kindesliebe an dem Greise gehangen hatte. Wohl eine Viertelstunde mochte Herta geweint und gebetet haben, als [350] sich über der Halle ein lebhaftes Hin- und Widergehen bemerklich machte. Dies weckte sie aus ihrer Versunkenheit. Die Thränen sich von den seidenen Wimpern trocknend, verließ sie den Katafalk und ging nach der Treppe. Hier kam ihr Emma eiligen Laufes entgegen, bleichen Schreck auf ihrem hübschen Gesichtchen.

»Was ist Dir, meine Liebe?« sagte Herta weich, die treue Dienerin umfassend.

»Ach gnädiges Fräulein,« versetzte die Zofe athemlos, »die Herrschaften sind recht bestürzt! Denken Sie, es ist ein großes Feuer in der Haide! Es muß ein ganzes Dorf brennen.«

»Beruhige Dich, mein Kind,« gab Herta zur Antwort, »ist es, wie Du sagst, so werden die Nachbarn gewiß herbeieilen und den Bedrängten beistehen. Auf welcher Seite ist der Brand?«

»Gegen Süden. Graf Magnus besorgt, es möge der Zeiselhof sein. Die gnädige Frau Gräfin kann ihn kaum zurückhalten! Sie will Boten absenden, um sichere Nachricht zu erhalten.«

»Laß uns sehen,« sagte Herta. »Von meinem Zim mer aus muß die Feuerstätte grade zu überschauen sein.«

[351] Als die beiden Mädchen dieses erreichten, erlosch fast der Schein der Kerzen in der lichten Gluth, die durch die hohen schmalen Bogenfenster hereinschlug. Herta öffnete das Fenster und betrachtete Feuerschein und Zug des Rauches, der von ihm aufstieg. Der Anblick war eigenthümlich, voll schauerlichen Reizes. Ueber der schwarzen Linie der Haide hoben und senkten sich Wogen glänzender Flammen, die oft wie Riesenhände in den dunkeln Nachthimmel hineingriffen oder in zerstäubenden Garben, in brennenden Fontänen aufsprühten. Woge verdrängte Woge; es war, als bräche aus den fernen Bergen ein Meer von Gluth über die Ebene und wolle nun in bäumenden Sturzfluthen Feld und Haide vernichten. Ueber dem Flammenheerde aber lag eine blutrothe schwere Rauchwolke, die in wunderliche, phantastische Gestalten zerfahrend, langsam höher und immer höher in den Himmel hinaufwuchs und wie ein glühender Helmbusch sich über die Haide gegen das Schloß neigte. Der schwarze See in der Tiefe strahlte dies ergreifende Bild aus seinem stillen, leis rauschenden Spiegel drohend zurück. –

Geraume Zeit betrachtete Herta mit ruhigem [352] Auge den furchtbaren Brand. Niemals hatte sie noch ein solches Schauspiel gesehen. Sie bebte vor der Majestät des entfesselten Elementes zurück und fühlte sich doch auch wieder von der Erhabenheit desselben angezogen und an's Fenster gefesselt.

Der Brand wuchs mit überraschender Schnelligkeit nach allen Seiten hin. Immer gewaltiger, immer wilder und lodernder sich überstürzend rang Woge mit Woge. Thurmhoch spritzten einzelne Feuerstrahlen aus der allgemeinen Fluth und schleuderten Millionen Leuchtkugeln in den blutigen Gischt, der sie auf seinen raschen Schwingen weit in die Ferne trug.

Herta bemerkte jetzt mit Entsetzen, daß solch ungeheurer Brand nicht durch ein in Flammen gerathenes Dorf entstanden sein könne. Auch war es nicht der Zeiselhof mit der umliegenden Ortschaft. Weit näher wütheten die Flammen und griffen mit Riesenarmen um sich. Das Prasseln, Knattern, Sausen und Donnern, das immer deutlicher hörbar ward, ließ sie erbleichend die Wahrheit erkennen. Sie wendete sich zu der zitternden Emma und sich auf deren Arm stützend, sagte sie:

[353] »Gutes Kind, führe mich zu Tante Utta, damit ich mit ihr rede. Wir werden eine traurige, unruhige Nacht verleben, denn – die Haide brennt.«

»Die Haide!« schrie Emma entsetzt und entriß Herta den stützenden Arm. »Die Haide!« wiederholte sie matter, tonloser. »O Gott, und der Wind treibt Rauch und Flamme gerade auf's Schloß! – Wir wer den verbrennen müssen, wenn Gott nicht ein Wunder geschehen läßt!«

»Gott wird uns retten,« entgegnete vertrauensvoll das hart geprüfte Mädchen, indem sie ihres unglücklichen Vaters gedachte. Zugleich aber fühlte sie einen Stich in ihrem Herzen, als durchbohre es ein kaltes Eisen. Sie mußte sich gegen die rothflammende Wand lehnen, um neue Kraft zu schöpfen. »Mein Vater!« flüsterte sie vor sich hin. »Sollte dies das Zeichen sein, dessen er gedachte? Es wäre entsetzlich! – Mein Vater ein verbrecherischer Mordbrenner!–«

Indeß gab die herannahende Gefahr ihr schnell die nöthige Besonnenheit wieder. Sie ermannte sich und trat in die Zimmer der verwittweten Gräfin, um welche die trauernden Gäste sich mit den seltsamsten Gefühlen drängten.

[354] Die Versammlung dieser reich geschmückten, in Sammet und Seide von tiefstem Schwarz gehüllten vornehmen Herren und Damen bot jetzt einen eigenthümlichen, fast Entsetzen einflößenden Anblick. Die schwarzen Gewänder, vom Schein der Flammen in blutiges Roth getaucht – Dieser in vollem Feuerstrom gebadet, Jener nur zur Hälfte von leuchtendem Strahl getroffen – dort eine ältliche Dame, deren abenteuerlicher Haarputz und Gesicht glühte, während der übrige Körper, von Vorstehenden gedeckt, schwarz und dunkel erschien – hier eine feurige Hand, die schlotternd von verkohltem Arme herabhing – und überall Gesichter voll Erwartung, Furcht, Entsetzen, mit der Ohnmacht eines schwachen Körpers ringend oder Flüche zwischen trotzigen Lippen zermalmend – die Augen vorspringend aus ihren Höhlen, glänzend von innerm Grauen und wie glühende Kugeln rollend im Dunst der rothen Lohe! – Der Vergleich mit einer Rathsversammlung höllischer Fürsten in den Prunkhallen ihres Meisters und Herrn lag so nahe, daß Herta bei ihrem Eintritt dieses schauerlichen Gedankens sich nicht erwehren konnte.

Am grellsten lag die Flamme auf Magnus [355] der mit gekreuzten Armen neben seiner Mutter am Bogenfenster stand und mit unbeschreiblichem Ausdruck in die wirbelnde Gluth starrte. Das Auf- und Zugehen seiner Nasenflügel zeugte von der stürmischen Aufregung seines Innern.

Alle Leidtragenden machten ehrerbietig dem schönen Mädchen Platz, das so fest und würdig auf Utta zuschritt. Herta legte ihre Hand auf die Schulter der Tante. Diese wendete sich bei der Berührung um und begegnete mit Verwunderung dem braunen Auge ihrer Nichte. Mechanisch die Hand gegen das Fenster ausstreckend sagte sie:

»Das ist entsetzlich!«

»Der Anblick ist furchtbar, meine gütige Tante,« versetzte Herta sanft, »wenn jedoch schnell Anstalten zur Bewältigung des Feuers getroffen werden, dürfen wir nichts fürchten.«

»Thörichtes Mädchen,« warf Magnus ein, »was verstehst Du von Gefahr! Ich sage Dir, die Haide ist in Brand gerathen, ein lebhafter Südwind facht die Gluth an und binnen wenigen Stunden werden Hunderte Morgen Waldes in Asche sinken. Gegen Waldbrände vermögen Menschenhände nichts, da kann nur Gott helfen!«

[356] »Gott!« wiederholte Herta dumpf und mit innerlichem Schauder. »Du wagst von Gott zu sprechen, auf Gott zu hoffen, und hast doch nie an ihn geglaubt, nie seine Gebote erfüllt! – Gott wird Dich in Deiner Noth verlassen!«

Magnus kehrte sein zürnendes und von innerer Wuth zuckendes Antlitz wieder dem Fenster zu. Das Feuer wuchs von Minute zu Minute. Schon sah man es durch die schwarze Wand der Haide wie goldene Früchte, die zur Erde fallen, schimmern. Als Schlangen von blendender Helle, bald roth glühend, bald weißlich wie glühender Stahl, bald blau, wie der zündende Funke des Blitzes; jetzt langsam am Boden fortkriechend, dann in kühnen wilden Sprüngen von Wipfel zu Wipfel hüpfend und nun in goldenen Ballen sich mitten durch das Gezweig fortwälzend: so zeigte sich der verzehrende Brand, der bereits eine Viertelstunde breit, in Form eines an der Spitze sich ausbreitenden Keiles grade gegen das Schloß vorrückte.

»Ha die Elenden!« fuhr Magnus auf und knirschte mit den Zähnen. »Jetzt weiß ich es, weshalb sie unterlassen haben, zur Leichenschau [357] zu kommen. Die vermaledeiten Schurken haben mir die Haide angezündet, um mich zu ruiniren!«

An die Möglichkeit einer solchen That hatte bis jetzt von allen Versammelten noch nicht Einer gedacht. Jeder wähnte, ein unglücklicher Zufall habe den schrecklichen Brand entstehen lassen, die Flamme sei von Ungefähr durch Köhler in die Haide gekommen oder sonst auf andere Art. Deshalb entsetzten sich Alle vor dem Ausrufe des jungen Mannes und starrten einander noch verwunderter in die bestürzten Gesichter.

»Das wäre ja offener Aufstand,« sagte ein alter kontrakter Herr, der an zwei Krückenstöcken durch das Zimmer humpelte. »Wie mögen Sie an so etwas glauben, mein werther Herrr Vetter! Leibeigene sind zu dumm und zu feig, um so krasse Mittel anzuwenden, wenn ihnen der neue Gebieter nicht gefällt.«

»Meine theuern Anverwandten,« entgegnete Magnus, »geben wir uns allesammt keiner Täuschung hin. Wir sehen mit offenen Augen, mit Entsetzen im Herzen, daß die Haide in Flammen steht. Bleiben wir unthätig hier sitzen, so wird die Gluth auch uns erreichen. Selbst der See [358] wird uns nicht schützen. Der Wind jagt die Flammen über die Thürme, er wird sie entzünden und über uns zusammenstürzen.«

»Quel horreur!« rief eine vornehme Gräfin, die so viel Ahnen zählte, als Deutschland Staaten, und drei und sechzig Jahre lang ein jungfräuliches Leben geführt hatte, »quel horreur, das wäre ja gegen allen Anstand!«

»Eben deshalb, meine Gnädige,« fiel ihr Magnus in die Rede, »lassen Sie uns keinen Anstand nehmen, auf unsere Sicherheit zu denken. Folgen Sie mir, meine Herren! Vereint mit unserer Dienerschaft werfen wir jenseits des See's einen Damm auf, damit die Flammen sich nicht am Boden weiter verbreiten können, und reichen Zeit und Kräfte aus, so schlagen wir auch Bäume nieder, so viel wir vermögen. Hundert Hände, und wir gebieten über mehr, können in der Stunde der Noth viel leisten. Die Damen werden sich inzwischen bemühen, unter Anleitung meiner würdigen Mutter die werthvollsten Familienpapiere und die Kostbarkeiten des Hauses Boberstein für den Fall einer unausbleiblichen Flucht bereit zu halten.«

Bei allen großen Fehlern und Lastern, die [359] Magnus anklebten und ihm den tödtlichen Haß aller rechtlichen Unterthanen zugezogen hatten, besaß er doch Energie und jenen gebietenden Ernst, der allem Widerspruch mit einem Worte ein Ende macht. Die Noth drängte, die Wahrscheinlichkeit, daß Boberstein ein Raub dieser grauenvollen Feuersbrunst werden könne, lag vor Augen, und so entschloß sich denn der größere Theil der hochgeborenen ahnenreichen Trauergesellschaft, zu Hacke und Spaten zu greifen und gegen das verderbliche Element zu Felde zu ziehen.

Noch war der laut geäußerte Gedanke des jungen Grafen bloße Vermuthung, denn sichere Anzeigen von einer planmäßigen und voraus berechneten Ansteckung der Haide waren nicht vorhanden. Deshalb glaubten auch nur Wenige an einen Aufstand der Leibeigenen, die Meisten hofften am jenseitigen Ufer Köhler und Haidebauern zu treffen, die mit ihnen vereint das um sich greifende Feuer bekämpfen würden.

Zum namenlosen Entsetzen dieser Sorglosen loderte während ihrer Ueberfahrt auf ganz entgegengesetzter Seite eine neue gräßliche Feuersäule unfern des See's aus der dichtesten Haide auf. Zugleich vernahmen die erbleichenden Herren ein [360] Geschrei, so wild, so anhaltend, so rachlustig, daß sie nicht länger an einem Aufstande zweifeln konnten. Den Dienern entsanken die Ruder und auch Magnus vergaß das Steuer zu lenken. Willenlos trieb die Barke auf dem leicht bewegten, wie schäumendes Blut dahin rollenden See.

Es war ein Augenblick, dessen Grausen sich nicht schildern läßt. – Von allen Seiten drohte Verderben, Tod, denn auch auf einem dritten Orte züngelten neue gräßliche Flammenbüschel empor, ergriffen die hin und her schwankenden harzgetränkten Wipfel der Tannen und setzten sie in helle Gluth. Die boshaften Feinde des Grafen, ihres Anschlages sicher, hatten den See umgangen und schürten das wilde Element mit wahnsinnigem Behagen, um das Grafengeschlecht mit allen Seitenverwandten auf einmal zu vertilgen. Denn wer mochte noch zweifeln, daß die Entmenschten den Tod ihrer Gebieter beabsichtigten, daß sie den qualvollen Flammentod über sie verhangen hatten!

Unter diesen Umständen wäre es Thorheit gewesen, erfolglos gegen ein Unabwendbares ankämpfen zu wollen. Sobald Magnus die neue Gefahr vollkommen bei sich erwogen hatte und [361] nur in klug veranstalteter Flucht Rettung des Lebens erkannte, ließ er Barke und Fähre, die beide mit schwarz gekleideten Männern überfüllt waren, zurück an die Insel rudern. Der Haidebrand, der jetzt in ungeheurem Halbkreise wie eine weit geöffnete, sich mit grausamer Sicherheit langsam verengernde Zange um Haide, See und Burg legte, war schon so nahe gekommen, daß man die Hitze deutlich selbst in dieser Tiefe empfand. Die rothen Flammen bildeten eine blendende mehr als thurmhohe Mauer und ihre zuckenden Spitzen verschlangen sich in tausend und abertausend kühnen Ribben und bauten eine Flammenkuppel über Boberstein, durch deren dunstige Wölbung Millionen feuriger Sterne schossen. Zahllose dieser flackernden Brände fielen zischend nieder in den See oder stürzten prasselnd und wie Pulver knisternd und puffend auf die bemooste Schieferbedachung der alten Burg.

Als die erschrockenen Männer, von denen die Meisten völlig rathlos waren, wieder in die Gemächer der händeringenden und zu keinem Entschluß, zu keinem Geschäft fähigen Frauen traten, hatte sich die Scene völlig geändert. Die Haide brannte so weit, daß man den unermeßlichen [362] Heerd der Flammen aus den Fenstern des Schlosses nicht mehr übersehen konnte. Die vermehrte Gluth und der heftig wehende Wind, der hartnäckig steif aus Süden blies, riß von den höchsten Bäumen ganze Wipfel ab und trug die furchtbar lodernden Kronen als schreckenerregende Christbäume weit durch die Luft. Ein einziger dieser von Rache und gerechter Nemesis angezündeter Leuchter auf die im heißen Athem der Haide bereits glühenden Zinnen der Burg geschleudert, mußte den Stammsitz der Boberstein rettungslos zerstören!

Von der nie gesehenen Großartigkeit dieses entsetzlichen Brandes gefesselt, starrten Alle wie verzaubert in den tosenden Flammenocean. Wind und Feuer heulten, als zöge das wilde Heer mit seiner höllischen Meute durch die erhitzte Luft. Das Krachen der niederstürzenden Bäume, das seltsame diamantenähnliche Glimmern riesenhoher alter Stämme mitten in der dunkelrothen, wirbelnden und zischenden Gluth, das Auffliegen der abgeschlagenen nadelbehangenen Aeste, die, vom Winde erfaßt, wie rothglühende Reiherfedern oft in ungeheuren Bogen fortgeführt wurden; dann wieder das Kämpfen und Auf- und Niedersteigen [363] ganzer Schwärme in Brand gerathener Waldkräuter und dürren Reisigs, die Wind und Flamme zugleich aufjagten und die nun einem Heere purpurbeschwingter Vögel glichen, welche in wunderbaren Flugfiguren sich haschen und ergetzen, und endlich das ununterbrochene Zusammenbrechen lodernder Stämme, das zahllose Aufwirbeln breiter leuchtender Funkensäulen, die einige Zeit lang in furchtbarer Pracht höher und immer höher wuchsen, zu Kapitälen von wunderbarer Arbeit sich erweiterten und nun das glühende Himmelsgewölbe mit seiner irrenden, jetzt entstehenden, jetzt wieder verlöschenden Sternensaat zu tragen schienen: dies Alles war wohl geeignet, selbst die größte Todesgefahr auf Secunden vergessen zu machen und die unglücklichen Bewohner des dem Untergange geweihten Schlosses in die dämonischen Kreise seiner Zauber fest zu bannen.

Vergeblich strengte Herta ihre Augen an, um einen nahenden Retter auf dem blutigen Spiegel des See's zu entdecken. Minute verging nach Minute und Niemand erschien, keines Menschen Stimme ließ sich hören. Es war, als sei alles Leben erstorben und nur die blinde Macht des wilden entfesselten Elementes herrsche und drohe [364] rund umher Alles in die wüste Nacht des Chaos zurückzustürzen! –

Aus dieser allgemeinen an Bezauberung grenzenden Lethargie erweckte die entsetzten Gefangenen der Ruf eines hereinstürzenden Dieners, welcher händeringend verkündigte, daß die Burg in Brand gerathen sei! Dies gab Allen Leben und Besonnenheit einigermaßen wieder. Die Meisten stürzten nach dem Vorgemach, aus dessen in den Schloßhof gehenden Fenstern sie von dem linken äußersten Eckthurme das rothe Brandbanner flattern sahen. Das Feuer griff schnell um sich. Das Dach der ganzen einen Flanke stand binnen wenigen Minuten in vollen Flammen. –

Nun dachte Jeder nur auf seine Rettung. Alles rannte schreiend und fluchend durcheinander und stürzte dem Schloßthore zu, um den See zu erreichen. Noch war die Möglichkeit der Rettung vorhanden, denn im Nordost bildete die Haide eine schmale sumpfige Wiese, die ziemlich tief in den Wald hineinlief und von einem wasserreichen Bache durchströmt ward. Auf dieser Seite war die Haide bis jetzt noch unversehrt, nur erstickender Rauch hüllte sie in glühenden Dunst. Es galt über den See zu setzen, ohne [365] von den Flammen lebensgefährlich beschädigt zu werden, und dann in schnellstem Laufe den Schutz der Wiese und durch sie die Freiheit zu gewinnen.

Auch Magnus entschloß sich, obschon mit Widerstreben, zu diesem Aeußersten. Ehe er jedoch Anstalt zur Flucht machte, ließ er einen Blick auf Herta fallen, der eine Welt von Fragen enthielt. Er erfaßte die Hand seiner zitternden Cousine und flüsterte ihr zu:

»Herta, der Himmel selbst und sein Zorn will uns vereinigen. Siehst Du nicht ein, daß ich es bin, den er auserwählt hat zu Deinem Retter? Auf meinen Armen werde ich Dich durch die Flammen tragen und mir Dich gewinnen. Dem kannst Du nicht mehr zürnen, der Dich aus der Hölle erlöste, der mit seinem Munde die Feuerfluthen von Deinem erbleichenden Wangen abhielt!«

Doch Herta schüttelte nur traurig ihr schönes Haupt und kehrte sich von dem unermüdlichen Verführer.

»Gott wird mich schirmen,« versetzte sie, »wenn es sein Wille ist, daß ich dieser Gefahr entrinnen soll. Retten Sie Ihre Mutter, ich bedarf Ihrer Hilfe nicht.«

[366] Sie verließ mit Emma das Zimmer, um nochmals ihre stille, so heimliche durch Freud' und Schmerz ihr unvergeßliche Wohnung zu betreten. Da hörte sie das Klirren der Messingkette am Fenster und sah das kluge zierliche Köpfchen des muntern Eichhörnchens unruhig daran hin und wieder fahren.

»Armes, kleines Ding,« sagte sie, »Du sollst gleiches Schicksal mit mir theilen.«

Darauf öffnete sie den Schieber, nestelte die Kette los und ließ es geschehen, daß das niedliche Thier schnuppernd und sein Köpfchen furchtsam in den weiten Bauschen ihres Trauerkleides verbergend, auf ihre Schulter hüpfte.

»Emma,« sagte sie mit einem unaussprechlichen Ausdruck von Trauer und Niedergeschlagenheit, »der Fremde von gestern hat nicht Wort gehalten und doch nannte er sich meinen Vater! Ich unglückliches, verlassenes, von Allen verstoßenes Kind!«

»Kommt!« schrie Magnus mit Donnerstimme durch die sich weit öffnende Thür. »Schon brennt mehr als die Hälfte des Schlosses, die geringste Verzögerung muß uns unfehlbar einen grauenvollen Tod bringen!«

[367] Entschlossen, wie er es im Augenblick der Entscheidung stets war, schritt er auf Herta zu, umschlang sie trotz ihrer Versuche, sich ihm zu entwinden, mit beiden Armen, hob sie empor und trug sie wie ein Kind fast laufend die Wendeltreppe hinab, durch die schwarz ausgeschlagene Halle in den feuererfüllten Schloßhof. Die Leiche des Grafen auf dem stolzen Paradebett, die matt brennenden Kerzen auf den hohen silbernen Kandelabern und der rothe Glanz des Feuers, der auf den schwarzen Wänden lag und auf dem regungslosen Antlitz des Todten glitzernd spielte, machte einen unaussprechlichen Eindruck selbst auf den verhärteten Magnus. Allein es war nicht an der Zeit, jetzt Betrachtungen anzustellen. Die mit jeder Secunde sich verdoppelnde Gefahr drängte zu schnellster Eile.

Schon hatten alle Bewohner das Schloß verlassen, selbst der alte Kastellan war geflohen. Der Letzte schritt Magnus mit der schönen Last auf seinen Armen, vor ihm her die schlanke Emma, über den von lodernden Bränden dicht besäten Schloßhof. Die Luft war erstickend heiß, von Millionen Atomen glimmender Tannennadeln erfüllt, die wie ein dichter Regen niederfielen. [368] Dazu qualmte und wirbelte der Rauch aus der Haide in undurchdringlichen Wolken über Schloß und See und verhüllte alle Gegenstände mit demselben schmutzig rothen Gewande.

Unter der Thorwölbung erwarteten ihn Utta mit einigen Dienern und Frauen. Schweigend stiegen Alle den Felsenpfad hinab zum See, aus dessen brodelndem Feuernebel verworrene Stimmen erklangen, verbunden mit dem Rauschen der Ruder, die mit gewaltigen Schlägen die Wogen theilten. Dann hörte man wieder ein entsetzliches Aufkreischen, ein sprühendes Zischen, sah die Welle in blutigem Strahle aufspritzen und den Qualm der brennenden Haide Alles wieder verhüllen. Ganz fern, weit im Walde stieg manchmal ein brüllendes Geschrei auf, als ob Tausende auf einmal zu gemeinsamem Ruf sich vereinigten. Vor diesem Geschrei erbebte Magnus; er glaubte den Jubelruf der Wenden darin zu erkennen, die sein Geschlecht auszurotten gedachten. –

Ohne bedeutende Beschädigung setzten die letzten Flüchtlinge über den See. Mit Schaudern nur stießen sie zuweilen beim Rudern an schwimmende Leichen, die in ihrer schwarzen Tracht mit den bleichen verzerrten Gesichtern [369] einen entsetzlichen Anblick darboten. Ein glühender Ast, deren viele in den See niederstürzten, mußte einen der Kähne zerschmettert haben, auf welchen die Trauergäste flohen. –

Als Magnus mit seiner Umgebung das feste Haideland betrat, stand Boberstein in vollem Brande. Die stolzen vier Eckthürme schossen ihre gelben Flammen wie Riesenschwerter weit über die dunklere Gluth der übrigen Häusermasse empor und verscheuchten die Rauchwirbel, welche von der Haide in immer sich erneuernden Wogen darüber zogen. – Die Lichtung, welche die Wiese bildete, war noch dunkel, aber schnell rückten von beiden Seiten die Flammen heran. Muthig betrat Magnus den Rettungspfad, die Frauen vorsichtig über die sumpfigen Stellen leitend. Man konnte immer nur wenige Schritte weit sehen, auch mußte man häufig rasten, theils um den Frauen Zeit zu gönnen, theils, weil ein Brand mit wildem Getöse in unmittelbarer Nähe niederstürzte und weithin Funken und Splitter verstreute.

Glücklicherweise war auf dieser Seite das Feuer noch nicht weit vorgeschritten. Auch jagte der Wind die Flammen mehr seitwärts oder ließ [370] solche Stellen, wo die Waldung dünn war, fast ganz unversehrt. Dies gestattete den Flüchtlingen schnelles Vorwärtsdringen. Und war nur erst der todtdrohende Flammengürtel überschritten, so durfte man auf Rettung hoffen. Nur das fortwährende und jetzt immer näher kommende Gebrüll ängstigte den Grafen, da er kein Mittel sah, dem Racheschwarm der Wenden auszuweichen. Er mußte dem Zufall und dem Schutz des dichten Rauches vertrauen, der Erd' und Himmel gleichmäßig bedeckte.

Herta's körperlicher Zustand gestattete ihr keine große Anstrengung. Sie ermattete bald und sank kraftlos zusammen. Magnus hob sie wieder auf seine Arme und das hilflose Mädchen mußte es geschehen lassen. So gewannen denn die Flüchtlinge ohne Hinderniß das von den Flammen noch unberührte, hier nur dürftig bewachsene Haideland. Schon glaubte Magnus das Schwerste überstanden zu haben und bald eine sichere Zuflucht zu finden, als er plötzlich aus dem finster strudelnden Qualme dunkle Gestalten auftauchen, ihn umstellen und mit dem Jubelrufe: »der Graf! Graf Blauhut!« auf sich eindringen sah.

[371] Anfangs glaubte Magnus mit den Seinigen entschlüpfen zu können, da aber die kühnen Wegelagerer mehr als er an jede Unbill des Wetters, an Kälte, Gluth und Dampf gewöhnt waren und ihre Zahl mit jedem Augenblicke sich mehrte, sah er bald die Unmöglichkeit glücklicher Flucht ein. Er wollte eben Vergleichsvorschläge machen, als aus der sich verdichtenden Schaar der gebräunten, trotzig blickenden Männer eine stolze Gestalt auf ihn zuschritt.

»Vater, mein Vater, errette mich!« rief Herta und streckte dem als Förster gekleideten Fremden beide Arme flehend entgegen.

Es war Johanes, der Fürst der Haide, der inmitten seiner Genossen und umgeben von einem Heer Leibeigener diese einzige freie und noch zugängliche Stelle des Waldes besetzt hielt. Das überaus schnelle Umsichgreifen der Flammen hatte ihn verhindert, die Tochter persönlich von Boberstein abzuholen. Seine Gegenwart, seine Umsicht, seine Anordnungen waren nöthig, um nicht die ganze Haide ein Raub der wild verzehrenden Gluthen werden zu lassen. Da er den Muth seines Feindes kannte, durfte er erwarten, daß der Graf im Drange des Augenblickes [372] sein Schloß verlassen und diejenigen um sich versammeln werde, an die ihn Neigung und Verwandtschaft fesselten.

Bei Herta's Ausrufe erbleichte Magnus vor Zorn, da er jetzt einsah, daß seine trotzige Cousine in naher Verbindung und unmittelbarem Verkehr mit diesen Waldbrüdern gestanden haben müsse.

»Vater?« wiederholte er verächtlich. »Seit wann sucht meine schöne Cousine ihre Aeltern unter Verbrechern?«

»Seit dem Tage,« erwiederte Johannes stolz, »wo Ihr würdiger Herr Vater den Geliebten seiner edlen Schwester von Knechtshänden aus Boberstein werfen ließ.«

Magnus starrte den Räuber mit wahnsinnigem Auge an. »Johannes,« stammelte er, »Johannes am Leben und ein Sohn des Waldes? Das wäre entsetzlich!«

»Nicht entsetzlicher, als wenn ein Graf schuldlose Jungfrauen überfällt und sich und die Menschheit entehrt! – Blicken Sie hinter sich, Herr Graf! Die Gerechtigkeit des ewigen Gottes ist es, die Ihrem Vater diese Leichenfackel angezündet hat. – Es sind lange lange Jahre [373] vergangen und nie schlug die Stunde würdiger Vergeltung, heut endlich, wo das Maß Ihrer Sünden überschäumte, heut ist sie gekommen, und nicht ich allein, dem Sie wie ein verworfener Bube das Kind innigster Seelenverwandtschaft entehrt haben, nein, die Gesammtheit Ihrer Unterthanen, die Sie zu schützen von der Vorsehung berufen waren, und die Sie mit Füßen traten, sie Alle haben sich gemeinsam wie ein einziger Mann erhoben. Dies arme gemißhandelte und verachtete Volk ist aber mild auch in seinem Richteramt. Es will Sie nicht vernichten, nicht langsam zu Tode quälen, sondern blos an Ihr eingeschläfertes Gewissen klopfen und in die dunkeln Falten Ihrer Seele mit der entflammten Fackel der Vergeltung hineinleuchten! – Mir und der milden Gesinnung Ihrer Unterthanen haben Sie es zu verdanken, daß nichts Härteres über Sie verhängt worden ist. Gehen Sie jetzt, wohin Sie wollen, es wird Sie Niemand hindern. Nur mein Kind fordere ich von Ihnen zurück.«

Während Johannes sprach, hatte Magnus sich vollkommen gesammelt.

»Zurück, Elender!« rief er jetzt dem Räuber [374] zu. »Danke Gott und meiner Gnade, wenn ich Dich nicht kennen will, Du würdest sonst dem wohlverdienten Tode am Galgen nicht entgehen!«

Er wollte vorwärts eilen, denn noch immer griff das Feuer um sich und glühende Funken fielen in großer Menge zu Boden. Da riß Johannes seinen Hirschfänger aus der Scheide und die ihm zunächst Stehenden schlugen die Büchsen auf Magnus an.

»Mein Kind!« sagte der Räuber barsch und doch mit einem Tone, in dem unwillkürlich eine flehende Bitte weich verhallte. »Mein Kind oder Du und die Deinen fallen durch meine Hand und die Gluth der Haide verzehrt Eure Gebeine!«

Magnus' Trotz war noch nicht gebrochen. Von Neuem umschlang er Herta, die sich vergebens sträubte. Wie zum Hohne griff er mit roher Faust in ihr wallendes Lockenhaar, um sie hinter sich her zu schleifen und der Macht die auftobende Brutalität der Leidenschaft entgegenzusetzen. Allein eben so rasch war er umringt und die Hand eines Mannes, dessen Gegenwart er vor Allem fürchtete, lag, wie die Tatze eines Tigers, an seiner Kehle.

[375] »Blauhut,« raunte ihm der Mann zu, »kennst Du den Maulwurffänger und das Erlengebüsch, wo Dich ein junges Weib um Erbarmen flehte? Du hattest kein Mitleid mit der Armen, Du wußtest nur Mittel zu finden, die Bittende zum Schweigen zu bringen. Erinnere Dich dessen und wisse, daß der Maulwurffänger Zeuge Deiner Thaten war!«

Der Graf keuchte unter den eisernen Fingern des wüthenden Landmannes. Herta entwand sich ihm und eilte in die offenen Arme ihres Vaters.

»Nehmt sie hin,« stotterte er, »und seid verflucht!«

»Sei Du verflucht, schamloser Ehrenschänder!« klang eine andere nicht minder furchtbare Stimme in das Ohr des Grafen. Er schlug die vom beizenden Rauch wunden Augen auf und erkannte die riesige Gestalt Sloboda's. »Ja, sei verflucht,« wiederholte der Wende, »sei verflucht, bis Du in Dich gehst und Reue, qualvolle Reue jede Secunde Deines Lebens vergiftet! Sei verflucht, bis die Geister derer, die Du in Elend, Schande, Wahnsinn und Tod gejagt, vor Dir aufsteigen und durch gemeinsames Gebet die [376] zahllosen Verbrechen, die Du begangen hast, von Deinem Haupte nehmen.«

»Sei ewig verflucht!« hallte es tausendstimmig von dem tobenden Schwarm der Leibeigenen wieder, die mit Knütteln, Sensen und andern Werkzeugen im sausend niederprasselnden Feuerregen diesem entsetzlichen Auftritt beiwohnten und ihm zur wahrhaft höllischen Staffage dienten.

Da sank Magnus doch der Muth! Er fühlte schaudernd, wenigstens auf Minuten, daß ein Gottesgericht über ihn hereingebrochen sei, und wie ein Verbrecher, der es nicht wagt, den sündigen Blick zum reinen Himmel aufschlagen zu dürfen, winkte er mit der Hand und schlich, wie bei den Römern die besiegten Feinde durchs Joch, gebückten Hauptes durch die Schaar seiner Leibeigenen, die eine schmale Gasse öffneten und den Gerichteten unangetastet, nur Verwünschungen über ihn ausstoßend, in die freie Haide entließen. Erst einige hundert Schritt hinter dem zürnenden Volk traf er mit den Seinigen wieder zusammen, von denen es Keiner, Utta nicht ausgenommen, für rathsam erachtet hatte, in der drohendsten Gefahr dem allgemein Verhaßten beizustehen oder mit ihm zu unterliegen. In ihrer Mitte verschwand [377] der Geächtete im rollenden Dampf der Flammen. –

Johannes hatte seinen Zweck erreicht. Magnus war bestraft, vertrieben, die Burg seiner Väter sank in Staub und Asche, und Herta, sein geliebtes Kind, das Vermächtniß der unglücklichen Eugenie, war ihm wiedergegeben! – Es blieb jetzt nichts mehr zu thun übrig, als dem noch verderblicheren Umsichgreifen der Flammen zu steuern. Auf sein Geheiß war man schon beim Entzünden der Haide darauf bedacht gewesen. Bei weitem der größte Theil der Wenden hatte ringsum in ziemlicher Entfernung vom See an Stellen, wo die Waldung nicht durch Holzschläge oder unbebaute Stellen begrenzt war, Erdwälle aufwerfen und Bäume niederschlagen müssen, und so bedurfte es jetzt nur noch gehöriger Aufsicht, um die Flammen an weiterem Vordringen zu hindern. Eine Anzahl seiner eigenen Leute nebst einigen Wenden wurden überall hin vertheilt, so weit die Gluth sich erstreckte, die Uebrigen nebst Sloboda und dem Maulwurffänger brachen nach der Waldblöße auf, wo sie die wendischen Frauen und Mädchen ihrer harrend wußten.

Zwei Stunden nach Mitternacht erreichten [378] sie die »Streu«, wie diese Blöße genannt wurde, schauerlich von den Flammen der Haide und der Gluth des in den Himmel hinaufwallenden Rauches erleuchtet. Wie Geister auf Grabmälern saßen die erschrockenen Wendinnen in weitem Kreise, bewacht von den Vertrauten des Räubers, die ebenfalls ihre Blicke in stillem Entsetzen auf den gräßlichen Brand hefteten, dessen breite Schwertlohen häufig aus der blutigen Woge, die über dem Saum der Bäume lag aufblitzten und dann eine furchtbare Helle weithin verbreiteten.

Hier sah Herta ihr geliebtes Haideröschen wieder und beide gleich Unglückliche sanken einander schluchzend in die Arme. Sie hatten keine Worte für ihr unendliches Weh, nur ihre Thränen, ihre Blicke, ihre Küsse und Händedrücke sprachen. –

Johannes gönnte den Ermatteten ein paar Ruhestunden. Erst gegen Morgen, nachdem ein die Erde weithin erschütternder Donner durch die Haide gerollt und eine breite Feuersäule zu unermeßlicher Höhe emporgestiegen war, Zeichen, welche den gänzlichen Einsturz des Schlosses Boberstein verkündigten, gab er Befehl zum Aufbruch. [379] Die Leiche des Grafen Erasmus fand ihre Grabstätte unter den glühenden Trümmern der zerstörten Burg und nie, auch nicht bei dem spätern Aufbaue, ward eine Spur von dem Verschütteten wieder gefunden. Grade die Schloßhalle mit den darunter befindlichen Gewölben war von den Flammen bis zur Unkenntlichkeit zerstört worden. –

Noch war es Nacht, als Sloboda von Johannes und dessen Tochter, von Clemens, Ehrhold, dem Maulwurffänger, Röschen und einigen andern Wenden begleitet, seinen Wohnort erreichte. Am Horizont rollten gleich einem blutigen See die Wogen der Flammen und erleuchteten viele Meilen weit die gleichförmigen Haidestrecken und die in denselben zerstreut liegen den Dörfer und Höfe. Durch Zufall betraten die vom Rachewerk Zurückkehrenden den stillen Ort auf der Stelle, wo das Gemeindehaus lag. Sloboda gedachte seines armen Sohnes und blickte auf die baufällige Hütte. Da sah er – und eisiges Frösteln durchrieselte seine Gebeine – in der fehlenden Fensterlücke das bleiche, immer lächelnde Antlitz Nathanaels mit den blödsinnig stieren Glasaugen! Der Wahnsinnige starrte [380] unverwandt in die fürchterliche Gluth und schien sich an dem Wogen und Wallen der Flammen, an dem Auflodern und Zusammenstürzen der unermeßlichen Rauchwolken ungemein zu ergetzen.

Sloboda blieb stehen und deutete auf das niedrige Fenster mit der stieren lächelnden Gesichtslarve.

»Das ist mein Sohn,« sagte er vor Schmerz und Schaudern bebend, indem er die Hand des Räubers faßte. »Auch die Seele dieses Armen liegt vor Gottes heiligem Throne und verklagt den Grafen!«

»Ha, ha, ha!« lachte Nathanael, der jetzt durch seines Vaters Stimme aus seinem Geistesschlummer erweckt, die Vorübergehenden gewahrte. »Ihr kommt wohl vom Leichenbegängniß? Das war ein prächtiger Fackelzug, wie ich ihn mein Lebtage nie gesehen habe! Jetzt sind die Todtengräber dabei. Seht nur, wie lustig sie das Grab über ihn thürmen!«

Und wieder preßte er das Gesicht fest in die Lücke und starrte lautlos in die dunkler werdende Lohe. –

Erschüttert zogen die Wenden vorüber. – – –

Die Schreckenskunde von diesem beispiellosen[381] Haidebrande, der erst nach vierzehn Tagen in sich selbst erlosch, und von dem Schicksale, welches dabei die Familie Boberstein betroffen hatte, verbreitete sich schnell in die Nähe und Ferne. Graf Magnus mit den Seinigen war entflohen. Er kehrte lange Zeit nicht zurück, da er einen neuen Angriff auf sein Leben fürchtete. Man wußte jedoch, daß er durch geschickte Spione die Stimmung der Wenden erforschen ließ und außerdem entschiedene Maßregeln zu Verwaltung seiner unverwüsteten Besitzungen getroffen hatte. Die ihm zugehenden Berichte lauteten besser, als er hoffen durfte. Die Wenden waren still und friedlich zu ihren täglichen Beschäftigungen zurückgekehrt, bis auf Wenige, die es für ihre Sicherheit nöthig erachteten, die Heimath gänzlich zu verlassen. Zu diesen gehörte Sloboda mit Clemens und Haideröschen. Sie verschwanden eines Tages, ohne daß Jemand mit Bestimmtheit sagen konnte, wohin sie sich gewendet hatten. Nur der blödsinnige Nathanael blieb zurück und sah vor wie nach durch die Fensterscheibe viele, viele Jahre lang, ohne Wunsch, ohne Hoffnung, ohne Gedanken! –

Mit diesen drei Wenden verscholl auch Herta. [382] Sie war mit ihrem Vater in die tiefste Haideeinsamkeit gezogen und später, als Johannes sein räuberisches Handwerk aufgab, gleich diesem dem Gedächtniß der Menschen entschwunden. Von Haideröschen wollte man wissen, daß sie unterwegs auf ihrer Flucht von einem Mädchen entbunden worden sei, das jedoch bald nach der Geburt gestorben sein sollte. Wie Alles, was nicht immer durch frische Farben neu belebt wild, vergaß das Volk in Kurzem die Ausgewanderten sammt ihrem Schicksale. Magnus kehrte inzwischen zurück, nachdem er sich im Auslande mit einer reichen Erbin verheirathet hatte, und lebte abwechselnd auf seinen Gütern und auf größeren Reisen. Dadurch kamen seine Vermögensumstände immer tiefer in Verfall, so daß er nur durch Aufnahme großer Kapitalien und durch Veräußerung einzelner Besitzungen standesmäßig leben konnte. Seine Gattin, mit der er in sehr unglücklicher Ehe lebte, gebar ihm drei Söhne, denen nach seinem Tode das, was von der großen Herrschaft Boberstein übrig geblieben war als Erbe zu gleichen Theilen zufiel. – –

[383] Hier endigten Sloboda und Heinrich ihre Mittheilungen an den Grafen Adrian. Dieser hatte anscheinend mit großer Aufmerksamkeit, aber nicht mit dem geringsten Zeichen von Ausregung den Erzählungen beider Männer zugehört. Jetzt stand er mit feinem Lächeln auf, dankte den Greisen für ihre Mühe und wünschte ihnen glückliche Reise.

Beide stutzten und maßen den ironisch- höflichen Grafen mit großen Blicken.

»In der That, meine Lieben, ich danke Ihnen recht sehr,« wiederholte Adrian. Sie haben sich angestrengt, um mir Aufschlüsse über meine Familie zu geben, wie ich dies von Fremden nicht erwarten durfte. »Leben Sie wohl!«

»Aber mein Herr Graf,« unterbrach ihn Sloboda, »Sie scheinen ganz zu vergessen, daß wir die Vergangenheit lebendig vor Ihnen werden ließen, um Sie zu überzeugen –«

»Wovon, mein guter Alter?«

»Von der Rechtmäßigkeit meiner Ansprüche auf den fünften Theil der ehemaligen Besitzungen des Grafen Magnus.«

»Sagten Sie nicht, daß Haideröschens Kind gestorben sei?«

[384] »Die Bäuerin, der es meine Tochter übergab, während ich nach Polen vorauseilte, behauptete es und ließ es, da Haideröschen in Folge der vielen Strapazen und heftigen Gemüthsaufregungen in eine schwere Krankheit verfallen war, in der Stille beerdigen.«

»Es sind also keine Erben da?«

»Doch, mein Herr Graf,« fiel der Maulwurffänger ein. »Ein Sohn Haideröschens lebt.«

»Ein Sohn von Clemens?«

»Von dem Gatten meiner Tochter,« sagte Sloboda.

»Lieber Alter,« versetzte Adrian, »dann gebe ich Euch den guten Rath, vererbt ihm das Besitzthum seiner leichtfertigen Mutter und gebt ihm meinetwegen noch das Stückchen Papier mit in den Kauf, mit dem ihr armen Schwachsinnigen so große Wunder bewirken zu können glaubt. Dieser alte Fetzen ist keinen Heller werth. Jeder Advocat wird Euch das sagen.«

»Sie scherzen, Herr Graf!«

»Ich scherze nie! Nochmals, glückliche Reise!«

»Graf Adrian,« nahm der Maulwurffänger abermals das Wort, »halten Sie unsere Erzählung für ein Mährchen?«

[385] »Bittet, daß ich dies thue,« erwiederte ernst und düster der Graf und sein Gesicht glich auffallend dem seines Vaters, »sonst dürftet Ihr entweder in die Irrenanstalt oder in das Zuchthaus wandern!«

»Herr Graf!« rief Heinrich und stützte sich trotzig auf seinen Stab.

»Es ist, wie ich sage,« fuhr Adrian fort. »Ihr seid Betrüger oder Verbrecher. Vor Beiden schützen mich die Gesetze des Staates. Aber ich will annehmen, daß Ihr mich mit lustigen Geschichten habt unterhalten wollen.«

»Bedenken Sie, was Sie thun!«

»Bedenket Ihr, was Ihr wagt!«

»Wir klagen, Herr Graf,« sagte Sloboda.

»Wie es Euch beliebt.«

»Wir ziehen die Schandthaten Ihrer Ahnherrn an's Licht,« drohte Heinrich.

»Dabei kann die Particulargeschichte nur gewinnen, wenn ich es nicht vorziehe, Euch zuvor als freche Betrüger einsperren zu lassen!«

»Dann zittern Sie vor den Geistern, die diesen Felsen umschweben!« rief der Maulwurffänger. »Zittern Sie, wenn ich sie anrufe und Todte erwecke, damit sie Zeugniß ablegen; zittern [386] Sie, rufe ich Ihnen zu, oder reichen Sie uns die Hand zum friedlichen Vergleiche!«

Adrian öffnete die Thür und rief einige Diener herbei.

»Begleitet diese Herren bis auf die Fähre,« befahl er trocken, »sorgt, daß sie unter Bedeckung durch den Wald gebracht werden und benachrichtigt mich davon, sobald es geschehen ist.«

Diese Befehle des reichen Mannes wurden pünktlich vollzogen. Die beiden Greise mußten mit stillem Ingrimme die Insel verlassen. Adrian aber setzte sich unmittelbar nach der Entfernung so unwillkommener Gäste hin und theilte das Vorgefallene seinen beiden Brüdern mit.

»Man muß sich vorsehen,« sagte er, als er die Briefe siegelte. »Leute, die solche Drohungen wagen, haben in der Regel heimliche Hinterhalte, die sie erst später benutzen. Schützen wir uns, ehe der Kampf beginnt.«


Ende des zweiten Theils.

Dritter Teil

Fünftes Buch
1. Kapitel
Erstes Kapitel.
Aurel.

Die Versammlung der Kaufleute an der Hamburger Börse war ungemein zahlreich. Kopf an Kopf gedrängt bildeten die verschiedenen Bestandtheile der Börsenmänner eine feste auf- und niederwogende Masse. Als sich die Welthandelsherren endlich trennten, ergoß sich ein breiter, lebhaft sprechender Menschenstrom in die nächsten Straßen. Besonders laut waren die Schiffskapitäne, die außerhalb der Schranken der eigentlichen Börse, auf dem Platze vor dem Rathhause, zu vielen Hunderten sich drängten. Sie waren leicht von Kaufleuten und Mäklern zu unterscheiden durch ihre fast ganz gleiche Tracht die aus kurzen, um die Hüften eng anschließenden Jacken von feinem blauen Tuch und Beinkleidern [7] von demselben Stoffe bestand. Aus der linken Seitentasche der Jacke hing bei den meisten der Zipfel eines feinen buntseidenen Foulards.

Beide Hände in den Taschen seiner Jacke schlenderte getrennt von der auseinanderstäubenden Menge ein schlanker junger Mann über den Neeß, durch die kleine Johannisgasse nach der Straße, die damals noch den Namen »hinter dem breiten Giebel« führte. Das lebhafte, scharfe Auge, der wiegende Gang, der muntere, ja leichtfertige Ausdruck seines Gesichtes verriethen den genußsüchtigen Weltmann, der es versteht, die Sorgen des Lebens mit keckem Ruck von sich zu schütteln. An den Häuserreihen angekommen, die nach dem alten Jungfernstiege führten, ward er durch einige junge Mädchen aufgehalten, die ihm mit zierlich gebundenen Sträußchen den Weg vertraten und mit lieblichen klaren Stimmen um Kauf derselben baten. Die niedrigen breitrandigen Strohhüte mit den abwärts gebogenen Krempen ließen in den hübschen schlanken Kindern die Vierländerinnen nicht verkennen. –

Der junge Kapitän, keineswegs gleichgiltig gegen Jugend, Schönheit und flehende Mädchenstimmen,[8] blieb stehen und überlief mit blitzendem Auge die vier Mädchen, die alle mit lächelnden Gesichtern ihre auf lange Holzstiele gebundenen Sträußer ihm vorhielten. Auf der schönsten der Vierländerinnen ließ er wohlgefällig seine Blicke ruhen. Die Schöne lachte ihn mit ihren großen dunkelblauen Augen noch freundlicher an als zuvor und wiederholte ihre Bitte, den schönsten ihrer Sträuße nach allen Seiten wendend, um seine Vorzüge ins beste Licht zu stellen.

»Wie heißt Du, mein Kind?« fragte der Kapitän.

»Dörte,« erwiederte das Mädchen, ein paar Reihen der prächtigsten Zähne unter den kurzen vollen Lippen zeigend, auf denen die Sonnenfunken eines immerwährenden Lächelns flimmerten.

»Was verdienst Du mit dem Blumenhandel?« fragte der Kapitän weiter, während er auch den andern drei Mädchen, die sich wieder zurückgezogen hatten und traulich neben einander an der Häuserreihe standen, um neue Käufer abzuwarten und vorübergehende junge Herren anzurufen, seine prüfende Aufmerksamkeit zu Theil werden ließ.

»Gnädiger Herr,« versetzte die schöne Vierländerin, [9] »ich brauche nicht viel und da bin ich immer zufrieden mit dem, was ich einnehme. Die jungen Herren sind immer gütig gegen mich.«

»Das heißt, mein Kind?« fragte der Kapitän und faßte das Mädchen sanft am Kinn, ihr recht warm und tief in die dunkelblauflammenden Augen sehend. Dörte schlug ihn leicht auf die Hand und trat einen Schritt zurück.

»Ei, sie sind artiger, wie Sie! Sie fragen nicht, sondern nehmen ein Sträußchen und geben mir dafür, was ihnen in die Hände kommt. Wem ich gefalle, der beschenkt mich reichlich.«

Die beredte Blumenverkäuferin gefiel dem Kapitän. Er hatte es gern, wenn junge Mädchen recht ungenirt scherzten, und zog solche den schüchternen prüden Gänschen jederzeit vor, wie sie leider nur zu häufig auf den Divans der Gesellschaftssäle angetroffen wer den.

»Bist Du täglich hier, Dörte?« fragte er weiter, das dargebotene Sträußchen aus ihrer Hand nehmend und einen Vierschilling dafür hineinschiebend. Dörte machte einen Knicks und sagte schelmisch:

[10] »Alle Tage, wenn der gnädige Herr befehlen.«

»Und wo wohnst Du?«

»Wo es mir gefällt.«

»Für gewöhnlich, kleiner Schelm?«

»Nun hier!« erwiederte Dörte, als wundere sie sich über so curiose Fragen. »Sie sehen ja, daß die Sonne ganz prächtig auf diese Bank hier scheint und daß die Ladendächer ein Schutz gegen Wind und Regen sind.«

»Und des Nachts, lustige Finke?«

»Da bin ich mit meinen Gefährtinnen zusammen.«

»Ich verspreche Dir täglich eine Mark, wenn Du mir, so oft Du kannst, einen recht ausgesuchten Blumenstrauß in mein Logis bringen willst,« sagte der Kapitän.

»Das würde mir schaden, gnädiger Herr,« entgegnete Dörte. »Ich darf meinen Platz nicht verlassen, sonst verliere ich meine Kunden. Wollen aber der gnädige Herr alltäglich hier vorüber spatzieren, so soll es Ihnen nie an einem annehmbaren Sträußchen gebrechen.«

Ein abermaliger Knicks begleitete diese mit scherzhafter Grazie gesprochenen Worte, worauf [11] Dörte auf einige andere Vorübergehende zutrat und mit gleicher Bitte und Zumuthung ihre Sträußchen ihnen entgegenhielt.

»Nun also auf Wiedersehen, schön Dörtchen!« sagte der Kapitän, indem er der Vierländerin verstohlen eine Kußhand zuwarf. Den süßen Duft des Straußes in langen Zügen einschlürfend, ging er dann weiter nach dem Jungfernstiege. »Das Mädchen muß ich genauer kennen lernen,« sprach er zu sich selbst. »Ich muß erfahren, wo sie wohnt, wer ihre Aeltern sind, ob sie Geschwister hat und was sie in Zukunft zu machen gedenkt? Es sind doch reizende Geschöpfe diese Vierländerinnen – schlank, voll, zart und feurig, aber zurückhaltend wie der Teufel. Für ein einziges solches Naturkind lass' ich Hundert unserer kokettirenden Gesellschaftsdamen sitzen. Und kurz und gut, die Dörte muß zu mir kommen oder –«

»Sie entschuldigen, Herr am Stein,« unterbrach eine rauhe Stimme den Gang seiner Gedanken, »ich habe Ihnen einen Brief zu überreichen. Da Sie mir grade begegnen, erlaube ich mir, Sie einen Augenblick aufzuhalten. Sie bemerken, das Schreiben ist empfohlen!«

[12] Es war der Briefträger, der den in seinen schönsten Gedanken schwelgenden Kapitän auf so prosaische Weise störte. »Schon gut,« sagte dieser, den Brief annehmend. »Zahlung erfolgt, wenn Sie wiederkommen.«

Der Briefträger ging ärgerlich grüßend vorüber, der Kapitän aber steckte den Brief gelassen in die Brusttasche seiner Jacke und trat, immer den duftenden Strauß an Lippe und Nase drückend, in den Alsterpavillon. Hier wimmelte es von Gästen, die an kleinen Tischen sitzend Zeitungen lasen, Kaffee, Thee oder Wein tranken, und Cigarren rauchten. Eine Menge junger Leute standen in der Mitte des Pavillons um das Billard und spielten mit großer Beharrlichkeit Poule.

Der Kapitän setzte sich in eine Ecke des geräumigen Locals, bestellte ein Glas Portwein, ließ sich vom Kellner Feuer bringen und brannte sich eine köstlich duftende Havannaheigarre an. Erst als er Wein und Cigarre geprüft hatte und Beide vortrefflich fand, holte er den Brief aus der Tasche und erbrach ihn.

Unsere Leser lernen in diesem Kapitän einen jüngeren Bruder des Grafen Adrian von Boberstein [13] kennen, und es wird jetzt nöthig sein, über diesen in unserer Geschichte neu auftretenden Charakter, der später eine wichtige Rolle darin übernimmt, einige Nachrichten einfließen zu lassen.

Von den drei Söhnen, welche Graf Magnus bei seinem Tode hinterließ, war Aurel in körperlicher Bildung seinem Vater am ähnlichsten. In allen körperlichen Uebungen zeichnete er sich sehr frühzeitig aus und brachte es darin zu bedeutender Vollkommenheit. Dagegen hatte er von seiner leidenden, durch Magnus häufig lieblos behandelten Mutter ein gutes Herz geerbt, das beim Anblick fremden Kummers leicht überschwoll und gern jedem Nothleidenden beisprang. Ein wunderliches Gemisch von den stillen, edlen Eigenschaften der Mutter und den ungestümen Gelüsten des Vaters, hatte die Natur in Aurel einen höchst glücklichen Menschen gebildet, der mit genialem Leichtsinn die ganze Welt an sein Herz drückte. Durch seine Verheirathung war Magnus mit mehreren sehr wohlhabenden englischen Adelsfamilien in verwandtschaftliche Verhältnisse gekommen. Einer von diesen alten derben Northumberländern hatte bei Aurels Taufe Pathenstelle vertreten, und als der junge Graf[14] von Boberstein sich dem Jünglingsalter näherte, ließ er ihn nach England kommen, um seinen Pathen auch persönlich kennen zu lernen. Aurel gewann sich sogleich das ganze Vertrauen, die vollste Liebe des alten Mannes. Er blieb gern bei dem Earl, der in früherer Zeit zur See gedient und sich viel in der Welt umgesehen hatte. Aufgereizt durch die abenteuerlichen Erzählungen des lebhaften Engländers erwachte eine unaussprechliche Lust zu gleichen Abenteuern in der Seele Aurels. Er machte kein Hehl aus seinen Neigungen und Wünschen und hocherfreut versprach der Engländer, diese Wünsche des Pathen begünstigen zu helfen. Er that die erforderlichen Schritte und binnen zwei Monaten war Aurel als Seekadet in englische Dienste getreten.

Der junge Deutsche zeichnete sich bald aus, machte verschiedene große Seereisen nach Südamerika, Ostindien und China und als er nach mehreren Jahren zurückkehrte nach Europa, bekleidete er bereits die Stelle eines ersten Schiffslieutenants. Ohne Zweifel hätte Aurel, an die großartigen und gefahrvollen Reize eines fortwährenden Lebens zur See gewöhnt, seinem Geburtslande für immer den Rücken gekehrt, wären[15] ihm nicht Briefe seiner Brüder eingehändigt worden, die in höchstem Grade seine Theilnahme erweckten. Die Brüder zeigten ihm nämlich an daß sie entschlossen seien, die Trümmer des väterlichen Vermögens in nutzbarer Weise anzulegen, und daß sie hofften, Aurel würde ihre Pläne nicht nur nicht kreuzen, sondern dieselben durch persönliche Betheiligung wesentlich mit fördern helfen. Nach dieser Einleitung entwickelten sie dem Seemanne, wie sie auf den Trümmern ihrer Stammburg eine Baumwollenspinnerei anlegen und in Hamburg ein Handlungshaus gründen wollten, das unmittelbar mit Amerika in Verbindung treten und von den dortigen anerkannt besten Pflanzungen die rohe Baumwolle beziehen, an die Spinnerei weiter befördern und die verarbeitete wieder an Manufactoreien absetzen solle. Um möglichst größten Gewinn von ihren Speculationen zu ziehen, die ohne Aufnahme bedeutender Capitalien nicht auszuführen waren, schlugen die kaufmännisch klugen Brüder vor, Aurel solle eine Brigg ausrüsten und diese mit Linnenwaaren befrachtet, nach irgend einem Hafen Nordamerika's steuern. Nach glücklichem Absatz der deutschen Linnen in der transatlantischen[16] Welt solle er wo möglich mit Pflanzern in Louisiana dauernde Verbindungen anknüpfen, sein Schiff mit Baumwolle belasten, und alsdann mit diesem rohen Naturproducte nach Hamburg zurückkehren. Im Falle bei dieser ersten Expedition etwas gewonnen werde, könne man in spätern Jahren die Schiffsladungen verdoppeln und verdreifachen, doch immer vorausgesetzt, daß Aurel entschieden und für immer die Leitung des ersten Schiffes übernehme. Der Gewinn dieses großartigen kaufmännischen Geschäftes falle zu gleichen Theilen den Gebrüdern Boberstein zu. Sollte derselbe zu anderweiten Zwecken, etwa zur Wiedererlangung verkaufter Ländereien, verwendet werden, so sei die unbedingte Einwilligung aller Brüder dazu erforderlich. Ohne eine solche bleibe der baare Gewinn als Betriebscapital im Handelsgeschäft angelegt.

Aurel schwankte keinen Augenblick. Den weitaussehenden Plan seiner Brüder vollkommen billigend, ging er darauf ein. Auch der alte lustige Pathe konnte nicht umhin, den Gedanken seiner deutschen Verwandten höchst pfiffig und zeitgemäß zu finden. Er segnete seinen Pathen, übergab ihm zur Ausrüstung des ersten Schiffes [17] eine ansehnliche Summe, Aurel reiste ab und binnen Jahresfrist war das Handelshaus in Hamburg bereits accreditirt und Aurel mit einem tüchtigen Dreimaster, »die gute Hoffnung« genannt, nach Philadelphia, New-Orleans und andern großen Stapelplätzen Nordamerika's unter Segel gegangen. Gleich seinen Brüdern in Deutschland nannte sich der kühne Seekapitän in seiner Eigenschaft als Handelsschiffsführer Aurel am Stein.

Aus früheren Mittheilungen wissen wir, daß Adrians Speculationen mit großem Erfolge gekrönt worden waren. Diese Erfolge erstreckten sich auf alle Zweige des Unternehmens. Nicht allein die Spinnerei auf den Ruinen der alten Burg gedieh und blühte nach Wunsch, auch das Haus in Hamburg »Stein und Compagnie« ließ sich in großartige Geschäfte ein, die über Erwartung rentirten, und die ursprüngliche Spedition der rohen und verarbeiteten Producte der Firma selbst bald nur als Nebensache besorgte. Schon nach drei Jahren kaufte die Firma ein Haus nebst geräumigen Speichern am Rödingsmarkt. Ein höchst zuverlässiger, erfahrener und geschickter Kaufmann von tüchtiger Gesinnung stand an der [18] Spitze dieses neuen Etablissements, das von Zeit zu Zeit einer der drei Brüder besuchte, um sich persönlich über die Chancen des Geschäfts und etwa neu einzuschlagende Wege mit dem verständigen Geschäftsführer zu besprechen.

Man konnte annehmen, daß Aurel regelmäßig zweimal des Jahres in Hamburg eintraf und jedes Mal eine Schiffsladung der feinsten Baumwolle in die Speicher lieferte. Diese ward jetzt bereits auf der eigenen Pflanzung der Brüder am Red River in Arkansas gebaut, wodurch der Gevinn des Geschäftes sich unglaublich steigerte.

So oft nun der muntere, lebenslustige Kapitän die deutsche Welthandelsstadt an der Elbe betrat, wohnte er in seinem eigenen Hause, doch kümmerte er sich wenig um den Fortgang des eigentlichen Fabrikgeschäftes, da er davon nichts verstand und es ihm auch zu kleinlich erschien, Buch und Rechnung über Maß und Gewicht zu führen. Aurel war kein Handelsmann, in seinen Adern brauste noch unverfälschtes altritterliches Blut, immer bereit, auf Abenteuer auszugehen, Gefahren aufzusuchen und mit ihnen zu ringen wie ein Held. So sehr er sich über den [19] Gewinn freute, den seine speculirenden Brüder aus dem Betrieb der verschiedenen Geschäfte zogen, so wenig gab er sich selbst mit dem eigentlich kaufmännischen Theile desselben ab. Aurel fühlte sich nur als Seemann. Als solcher wäre es ihm ganz recht gewesen, wenn er zuweilen mit irgend einem Caper auf offener See hätte anbinden und eine kleine Schlacht liefern können, wo persönliche Kraft, Muth, Gewandtheit und geschickte Manöver den Ausschlag geben mußten. Auch betrachtete er sich im Stillen und zu seinem eigenen Behagen als Führer eines Kriegsschiffes, obwohl ihm die beiden kleinen Karonaden, die er führte, um im Fall der Noth Signale damit geben zu können, täglich die Kühnheit einer solchen Idee gar sehr herabstimmten. Indeß etwas hatte er doch vor vielen Kapitänen voraus. Er war Eigenthümer des Schiffes, das seinem Commando gehorchte, Eigenthümer der Ladung und unumschränkter Gebieter über seine Leute. Dies entschädigte ihn einigermaßen und er unterließ denn auch nicht, ächt militärische Disciplin, wie er sie im englischen Seedienst erlernt hatte, auf der »guten Hoffnung« einzuführen. Den vornehmen Commis voyageur machte [20] der jüngste Graf von Boberstein, Adalbert, ein schlauer Kopf und großer Rechnenmeister. Adalbert war deshalb auch fast ununterbrochen auf Reisen, bald in Deutschland, bald in Frankreich und England, wo er sich bei einer großen Kattundruckerei betheiligt hatte. Sein fester Wohnsitz war jedoch am Fuße des Riesengebirge, in dessen romantischen Thalgründen er ein freundliches Landgut besaß.

Aurel war durch sein bewegtes Leben mit außerordentlichen Vorfällen und Begebenheiten so vertraut geworden, daß ihn nichts, auch nicht das Entsetzlichste, aus der Fassung bringen konnte. Er las daher auch den empfangenen Brief, der von Adrian herrührte und der manchen Andern wahrscheinlich in große Besorgniß gestürzt haben würde, mit unerschütterlichem Gleichmuthe. Das Schreiben war lang, denn es enthielt einen gedrängten Auszug des Allerwichtigsten aus den Mittheilungen Sloboda's und des Maulwurffängers, die Adrian als freche Betrüger und speculirende Schurken hinzustellen nicht unterließ. Größeres Gewicht hatte der umsichtige Fabrikherr auf die Hindeutung gelegt, daß von ihrem verstorbenen Vater irgendwo in [21] der Welt natürliche Kinder noch am Leben sein sollten, oder doch sein könnten, so wie auf die vorgebliche Schenkung, welche Magnus der schönen Wendin gemacht haben sollte, um die gereizten Gemüther zu beruhigen. Zwar fügte er mehrmals hinzu, daß er die ganze Geschichte für bloße Erdichtung halte, um Geld zu erpressen, doch fordere Pflicht und brüderliche Liebe, den fernen Bruder von dem Vorfalle in Kenntniß zu setzen. Auch liege er ihn dringend an, wenn er irgend etwas über Verhältnisse ihres Vaters und daraus entstandene Folgen in Erfahrung gebracht habe oder je bringen sollte, dies ihm schleunigst wissen zu lassen, damit er seine Maßregeln ergreifen und die unbequemen Dränger so schnell wie möglich beseitigen könne.

Aurel faltete den Brief wieder zusammen, ließ zwei breite Strahlen dunkelblauen Rauches durch seine Nasenlöcher strömen und schlürfte die zweite Hälfte des Glases Portwein. Dann streckte er beide Beine aus, legte die Füße über einander, rückte seinen runden Hut so nach vorn in die Stirn, daß er sich mit dem Hinterkopfe bequem an die Wand lehnen konnte, und nahm ein Blatt der Times, in dem er mit großer Aufmerksamkeit [22] über eine Viertelstunde las. Dann warf er es weg, bestellte ein zweites Glas Portwein, setzte sich wieder wie andere gebildete Menschen und zog nochmals den Brief aus der Tasche.

»Bei Gott, ich glaube, die beiden alten Männer haben Recht!« sprach er nach einiger Zeit zu sich selbst, indem er zum zweiten Male den Brief in seine Tasche schob. »Papa war ein loser Finke, wie ich schon als Junge gehört zu haben mich erinnere, und so kann es mit dem Herumlaufen einiger natürlicher Kinder schon seine Richtigkeit haben. Pah, was thut das! Einen tüchtigen, geistreichen Kerl genirt das nicht. Verbotene Gedanken haben den meisten Reiz, zeugen von überwiegendem Geiste, warum sollte der Mann anstehen, wenn ihn die Lust dazu treibt, geschwind 'mal einen physischen Witz zu machen? Ich merke, daß ich der ächteste Sohn meines galanten Herrn Vaters bin. Alle Nationen können zur Noth auf Führung des gräflich Bobersteinischen Wappens Anspruch machen. Wer sich darum kümmern wollte! Aber freilich die Schenkungsurkunde –? sie wäre ein dummer Spaß! Sollte sie ächt sein, so könnte sie geniren. Aber [23] ich glaube nicht daran, mein Vater war zu klug, um, wär's auch nur zum Scheine, so unvorsichtig zu handeln.«

Einige Minuten lehnte sich der Kapitän in der eben angedeuteten Weise wieder zurück, blies starke Rauchwolken aus den Nasenlöchern und fuhr dann fort:

»Wissen möcht' ich schon, ob ein ächter Boberstein, wie ich, sich vor einem natürlichen schämen müßte. Wo mögen diese älteren Geschwister von mir leben, wenn sie wirklich vorhanden sind, wirklich existirt haben? Ich bitte Dich, gutes Glück, führe mich mit einem derselben zusammen! Es soll auch, gefällt mir der illegitime Bruder oder die naseweis in die Welt gesprungene Schwester, gewiß und wahrhaftig nicht ihr Schade sein! Bei Gott, das soll es nicht!«

Aurel trank sein Glas aus, warf den Betrag in neuen Schillingen auf den Tisch und verließ den Alsterpavillon, um schief über den Jungfernstieg nach der alten Stadt London zu gehen und dort sein Mittagsmahl einzunehmen. Die wenigen Wochen, welche sich der Kapitän in Hamburg aufhielt, pflegte er jeden Tag in einem andern Hôtel zu speisen. Nicht selten trat er auch [24] in eine gewöhnliche Restauration oder stieg gar in einen der vielen Speisekeller hinab, wo blos Hafenarbeiter, Packträger, Matrosen und anderes geringes Volk für gewöhnlich einzukehren pflegen. Diese Abwechselung gewährte ihm großes Vergnügen und machte ihn mit allen Klassen der Hamburger Bevölkerung, ja man kann sagen mit Menschen aus allen Enden der Welt, bekannt.

Eben so hielt es Kapitän Aurel des Abends. Nie brachte er den Rest des Tages in seiner Wohnung zu, selten nur in irgend einem Familienzirkel. Am liebsten schweifte er ungebunden in der weitläuftigen Stadt umher, dem Zufall und seinem guten Glück überlassend, ob es ihm heitere und vergnügliche oder trübe und schauerliche Wege führen werde. In solchen Hamburger Nächten – denn vor Tagesanbruch kehrte Aurel selten von seinen Nachtspatziergängen zurück – hatte er schon manche Greuelscene erlebt, schon manches ergreifende Genrebild, wie es Noth, Laster und Verbrechen täglich hervorbringen, mit angesehen. Häufig mochte er auch selbst nicht die reinsten und tugendhaftesten Pfade gewandelt sein. Sein leichtes Blut trieb ihn [25] bald da bald dorthin, hob ihn jetzt auf die lichten Höhen des Lebens hinauf und schleuderte ihn dann wieder hinab in die finstern Schlünde, wo Satan in der schauerlichen Glorie seiner Allmacht auf Erden thront und die Kinder der Sünde in wilder Lust um ihn jauchzen, ihn verehren. –

Mit gesundem Appetit und unter zerstreuenden Gesprächen endigte Aurel sein Diner. Es war sechs Uhr Abends, als er die Stadt London verließ, um nach seinem Hause auf dem Rödingsmarkte zu gehen. Unterwegs sann er nach, wie er den Abend wohl zubringen könne? Er war in Verlegenheit, denn bereits seit drei Wochen lag er müßig vor Anker und in dieser Zeit hatte er die meisten Genüsse Hamburgs so ziemlich ausgekostet. Da fiel sein Blick auf einen Anschlag an der Straßenecke. Der Zettel kündigte öffentlichen Tanz an in der Bacchushalle.

»Da bin ich noch nicht gewesen,« murmelte der leichtfertige Kapitän und schritt weiter. Als er um die Ecke beim Graskeller bog, sah er mit leichtem tanzenden Gange einen schlanken Jungen in der Sonntagstracht eines gemeinen Matrosen etwa dreißig Schritte vor sich behend durch [26] die belebte Straße hüpfen, die Stufen an seinem Hause hinanlaufen und in der engen Thür verschwinden. Aurel eilte ihm nach und überholte den Jüngling, als er eben pfeifend die Treppe zu den Zimmern des Kapitäns hinaufschritt.

2. Kapitel
[27] Zweites Kapitel.
Ein Abenteuer.

»Gilbert!« rief Aurel dem jungen Matrosen nach. »Wohin so eilig?«

Der Jüngling kehrte sich um und zeigte dem Kapitän ein offenes, von Wetter, Sonne und Seesturm gebräuntes Gesicht. Höflich seinen bebänderten Hut lüftend und mitten auf der Treppe stehen bleibend, versetzte er:

»Ich wollte dem Herrn Kapitän Bericht abstatten.«

»Hast Du etwas ausgegattert?«

»Verschiedenes, Herr Kapitän,« entgegnete mit verschmitztem Ausdruck seiner lebhaften Augen der junge Matrose. »Es kommt nur auf Sie an, ob Sie sich herablassen wollen –«

[28] »Marsch hinauf!« commandirte Aurel, die Antwort Gilberts unterbrechend. »Ist die freie Treppe ein Ort, um die Geheimnisse eines Seekapitäns darauf auszuplaudern?«

Gilbert sprang nun leichtfüßig die wenigen Stufen vollends hinan und folgte seinem Vorgesetzten in ein gut meublirtes, mit allem Comfort europäischen Lebens reich ausgestattetes Zimmer. Hier streckte sich Aurel nachlässig in einen weichen Lehnsessel und Gilbert setzte sich auf ein niedriges Bänkchen am Ofen, dessen weiß glänzende Kacheln eine angenehme Wärme im Zimmer verbreiteten.

»Nun rede!« befahl der Kapitän, warf seinen Hut auf das ihm gegenüber stehende Sopha und fuhr mit der linken Hand mehrmals durch sein braungelocktes Haar.

»Zu allererst,« sagte Gilbert, »kann ich Ihnen einen Trödler empfehlen. Der Kerl hockt den ganzen langen Tag auf den Stufen seiner Kellertreppe und schachert mit allem nur erdenklichen alten Unrath. Sein Aussehen ist nichts weniger als anziehend, allein man wird entschädigt, sobald man die Treppe hinunterkriecht. Denn in der engen dunstigen Kellerwohnung [29] haust eine Fee von unbeschreiblicher Schönheit. Ich habe sie heut bei Sonnenlicht gesehen, wie sie über die Straße schwebte, um in irdenem Kruge Wasser zu holen. Verstohlen warf sie auch einen Blick auf mich, der wie unter Asche fortglühendes Feuer glänzte. Ich belohnte sie dafür durch höflichen Gruß und eine Kußhand, worauf sie mit köstlichem Purpur auf ihren schönen Wangen wieder in dem eklen Kellerloche untertauchte.«

»Hast Du mit dem Mädchen gesprochen?«

»Nein, Herr Kapitän.«

»Desto besser, so ist sie noch nicht eingeschüchtert! Wo machtest Du die anmuthige Entdeckung?«

»In einem der abscheulichen engen, krummen, von Armuth und Elend bevölkerten Gängen der Neustadt.«

»Du weißt ihn genau und kannst ihn zu jeder Zeit wiederfinden?«

»In jeder Minute, wenn Sie befehlen.«

»Das war eins, nun weiter!«

»Ohne Ihrem Geschmacke vorzugreifen, Herr Kapitän, würde ich meine zweite Entdeckung der [30] ersten noch vorziehen. Sie kennen die niedlichen Blumenmädchen an der Alster –«

»Dummer Junge, ich will nicht hoffen –« Aurel stockte.

»Was wollen Sie nicht hoffen, Herr Kapitän? Daß ich so kühn gewesen bin, mir ein Sträußchen zu kaufen, die Mädchen am Kinn zu fassen und ihnen zu sagen, daß ich ein gutherziger, verliebter Kerl sei, der sich bereits zu Land und See etwas versucht habe? Doch, doch, Herr Kapitän, so dumm bin ich gewesen! Und können Sie's glauben, das eine Mädchen schrie nicht laut auf, als ich es küßte!«

»Du bist unverbesserlich, Gilbert, ich fürchte, ich fürchte!«

»So lange Sie mir zum Vorbilde dienen, haben Sie nichts zu fürchten,« sagte der junge Matrose schelmisch.

Aurel mußte lachen. »Erzähle nur immerhin weiter,« sprach er herablassend. »Leider bin ich selbst Schuld daran, wenn ein liebenswürdiger Taugenichts aus Dir wird!«

»Das Brauchbarste auf dieser lustigen Welt ist die Liebenswürdigkeit, Herr Kapitän,« versetzte Gilbert. »Dieser geistreiche Gedanke kam [31] mir, als ich die Blumenmädchen gewahrte, und als ich den Versuch machte, meinen flüchtigen Gedanken zur That werden zu lassen, fand ich mich in keiner Hinsicht getäuscht. Die Mädchen wurden ebenfalls äußerst liebenswürdig.«

»Alle auf einmal?«

»Der Reihe nach, wenn Sie erlauben, Herr Kapitän! Es waren vier ganz frisch aus den Elbniederungen gekommene Huldinnen, weiß, schlank und munter, wie Tummler. Ich schenkte auf Ihre Rechnung jeder zwei Schillinge und erhielt von der Schönsten die Zusage, daß sie mich nächstens in meiner Wohnung besuchen wolle.«

»Teufelskerl, Du lügst!«

»Wenn die schlanke Elbnymphe nicht erscheint, macht sie mich zum Lügner, allein versprochen hat sie es mir. Das hübsche Kind nannte sich Dörte.«

»Aus den Vierlanden!«

»Zu Befehl, Herr Kapitän.«

»Du bist ein Schelm! – Also darum – darum! – O über diese Tugendheldinnen! Wann sprachst Du die Mädchen?«

»Vor kaum einer Stunde.«

[32] Aurel sah den Jüngling groß an, dann fiel er in ein heiteres Lachen, stand auf und trat vor den Spiegel. »Ich muß doch sehen, ob ich schon anfange zu altern?« sagte er scherzhaft. »Wenn die Schönen einen glatten Milchbart mir vorziehen, dann ist's wirklich Zeit, daß ich anfange solid zu werden und an's Heirathen denke.«

»Haben Sie bereits über den heutigen Abend verfügt, Herr Kapitän?« fragte Gilbert. »Oder wünschen Sie allein zu bleiben und über die Verbesserung der neuen Ankerwinde nachzudenken?«

»Ich wünsche, daß Du mich begleitest, mein Junge,« fiel Aurel dem aufgeweckten Matrosen in's Wort. »Entschlossen, diese Nacht recht ausschweifend lustig zu verleben und Dich einen neuen Blick in diese verdorbene Welt thun zu lassen, wollen wir heut einen Ort besuchen, den Du noch nicht kennst. Du wirst Freude und Genuß davon haben. Zuvor aber will ich doch sehen, ob Deine Kellerfee mich eben so zu bezaubern vermag, wie Dich.«

Aurel band sich jetzt nach Art der Matrosen [33] eine Schärpe um den Leib, vertauschte seinen feinen Kastorhut mit einem schlechten von Glanzpappe, steckte einen kleinen Dolch in die innere Tasche seiner Jacke und war so vollkommen gerüstet auf alle möglichen Abenteuer der Nacht. Der trübe Herbstabend trieb bereits von der Elbe einen dichten Nebel über die Stadt, welcher seine feuchten grauen Schleier in die zahllosen Straßen und Gassen derselben herabflattern ließ. Dies war die Zeit, wo der abenteuerlustige, zerstreuungssüchtige Aurel seine nächtlichen Wanderungen und Besuche antrat. Da Gilbert bereits auf dem Sprunge stand, zögerte der Kapitän nicht länger; doch schritt er behutsamer und leiser die Treppe hinab, als er sie vor kaum einer Stunde hinaufgegangen war. Denn er besorgte, der überaus pünktliche und in gewissem Sinne ächt philiströse Geschäftsführer, der immer eine bis zwei Stunden länger als Andere auf dem Comptoir zu arbeiten pflegte, möchte ihm begegnen und aus seiner etwas veränderten Kleidung nicht die günstigsten Schlüsse auf sein Vorhaben ziehen. Indeß erreichten die beiden Abenteurer unbemerkt die Straße, wo sie im Gewühl der Menschenmenge und in dem Dunst des [34] immer dichter herabsinkenden Nebels bald jedem Späherauge verschwanden.

Den jungen, geistig aufgeweckten, stets heitern Gilbert hatte Aurel aus Neu-Orleans mitgebracht. Er war der Sohn eines Engländers mit einer Kreolin, die beide schnell hinter einander am gelben Fieber gestorben waren und den Knaben ziemlich mittellos hinterlassen hatten. Denn es ergab sich, daß das Vermögen des für wohlhabend gehaltenen Gilbert blos in seinem Credit bestand. Seine Bücher bewiesen auf unwiderlegliche Weise, daß er zwar keine Schulden hinterließ, aber auch keinen einzigen ihm zugehörenden Dollar. Da nun in Nordamerika der Besitz von Geld noch weit mehr wie in Europa dazu gehört, einem Menschen in den Augen seiner Mitbrüder Geltung zu verschaffen, und der junge hilflose Gilbert ohne alles Vermögen wahrscheinlich einer sehr trüben Zukunft entgegen gegangen wäre, so nahm sich Aurel des hübschen Knaben aus reiner Gutmüthigkeit an. Er hatte seine junge, eben so reizende als eigensinnige Mutter gekannt und den ihr vollkommen ähnlichen Knaben von Herzen lieb gewonnen, und so hielt er es fast für Freundespflicht, bei [35] dem jetzt Verlassenen Vaterstelle zu vertreten.

Gilbert schloß sich gern dem jungen, fröhlichen Kapitän an, der sich freilich zu allem andern besser, als zu einem Gouverneur und Erzieher eignete. So kam der junge Gilbert auf Aurels Schiff. Hier mußte er von unten herauf dienen, um dereinst ein tüchtiger Seemann zu werden. Obwohl Aurel den Knaben wie sein eigenes Kind liebte, hatte er doch im Dienst durchaus keine Nachsicht mit ihm. Verstöße gegen die Disciplin, die sich Gilbert im Anfange häufig zu Schulden kommen ließ, bald aus Nachlässigkeit bald aus Eigensinn und Widerspänstigkeit, bestrafte Aurel mit derselben Härte, wie bei dem gemeinsten Matrosen. Mehrmals sah der verzogene Knabe der müßiggehenden Kreolin sein Blut fließen, bis sein Eigensinn vor der Unerbittlichkeit des strengen Kapitäns sich beugte. In allen übrigen Dingen war Aurel der nachsichtigste Pflegevater von der Welt. Lachenden Mundes vergab er seinem Lieblinge jede Dummheit, jede Ausgelassenheit, wenn sie nicht den Dienst betraf, ja er lobte sogar die tollsten Streiche, sobald sie nur mit Geschick ausgeführt wurden [36] und von Scharfsinn, Willenskraft und persönlichem Muth zeugten.

Später, als Gilbert zum Jünglinge herangewachsen war, ließ ihm Aurel vollends gänzlich die Zügel schießen. Er verhehlte nicht nur nicht seine eigenen zahllosen Abenteuer dem kaum noch mannbaren Jünglinge, sondern er forderte ihn sogar auf, ihm dabei Gesellschaft zu leisten. Häufig gebrauchte er den schmucken Jungen auch als Lockvogel, wenn er selbst nicht Lust hatte, gewisse Wege, vor denen er sich scheute, zu betreten. Spielte ihm dabei Gilbert gelegentlich einen Possen und trieb er ein zärtliches Schäfchen in sein eigenes Gehege, so konnte der Kapitän wohl über solche Undankbarkeit in komischen Zorn gerathen, aber dem lebenslustigen Amerikaner ernstlich böse zu werden vermochte er nicht. Im Herzen freute er sich vielmehr des guten Glückes seines Zöglinges, da es bei ihm zur Ueberzeugung geworden war, daß es außer rüstiger geistiger Thatkraft auf Erden nichts Höheres gebe, als die Gunst schöner Frauen und Mädchen.

Bei solchen Grundsätzen mußte der kräftige Kapitän ein Don Juan werden und er ward es, [37] ohne verbrecherische Handlungen zu begehen. Niemand konnte mit Grund behaupten, daß Aurel je in seinem Leben ein Mädchen verführt habe. Er warb um die Gunst jedes Mädchens, wenn es ihm gefiel, und genoß dieselbe in vollen Zügen, ward sie ihm freiwillig, aus Neigung, mochte letztere auch eine blos flüchtige sein, geschenkt, ging aber auch lachend und eben so zufrieden von dannen, wenn er zuweilen an eine vornehm Spröde, an eine kalte Schönheit gerieth, die statt heißer Küsse nur eisige Giftworte verschenkte. Die brutalen Neigungen des lasterhaften Vaters traten bei dem Sohne in milderer Gestalt, gleichsam gebildeter, auf. Wo Magnus sündigte, da pflegte Aurel blos anmuthig zu scherzen. Er war kein sittlich reiner, aber trotz seiner Schwächen ein tüchtiger, guter und zu großen Opfern fähiger Mensch. Er konnte sich für eine Idee begeistern und dann auch sein Leben für dieselbe einsetzen. Aurel würde unter den edelsten Rittern aus der besten Zeit des Mittelalters eine hervorragende Rolle gespielt haben. Weil sein Jahrhundert zu speculativ, zu sehr auf den bloßen Vortheil bedacht und zu wenig geneigt war, einzelnen Persönlichkeiten freien [38] Spielraum zur Entfaltung ihrer Charakteranlagen zu gestatten, warf er sich dem Abenteuer in die Arme, das ihn reizte und seinen abnormen Launen und Einfällen häufig Befriedigung verschaffte. –

Als Aurel und Gilbert sich in dem fortwogenden Menschenstrome verloren hatten, führte der Letztere seinen Wohlthäter und Gebieter durch die Kammermannstwiete beim Küterhause vorüber nach der Ellernthorbrücke, von welcher sie rechtsab nach der Fuhlentwiete einbogen und sich von dieser in das Gewirr jener durcheinanderlaufenden engen, finstern und unheimlichen Gäßchen verloren, die in Hamburg Gänge genannt werden.

Der fallende Nebel erhöhte noch den trüben Eindruck, welchen diese ärmsten Quartiere der großen Handelsstadt selbst am Tage auf den Besucher machen. Es war, als stürze man aus dem sonnigsten heitersten Tage in die tiefste Nacht, wenn man von den breiten belebten, durch tausend Flammen erleuchteten Straßen, wo Reichthum, Luxus, Pracht und Vergnügen herrschten, in diese von erstickenden faulen Dünsten erfüllten schmalen finstern Gänge trat. Zwar an Leben [39] fehlte es auch in diesen nicht, aber es war das Leben der Noth oder der Lasterhaftigkeit. Aus zahlreichen Kelleröffnungen qualmte dunstiger Lichtschein, der fahle röthliche Streifen auf das schlüpfrige unebene Pflaster warf. Die obere Luft erfüllte gänzlich dichter schwerer Wolkendunst. Auf und nieder in dieser widerlichen Atmosphäre wandelten einzeln und paarweise ärmlich gekleidete Mädchen, die ungeachtet der kältenden Luft auf Verhüllung ihrer Reize wenig bedacht waren. Sie stießen begegnende Männer leicht an, sahen ihnen frech in's Gesicht und nickten ihnen vertraulich zu. Manches von diesen wie Gespenster durch den Nebel schwebenden Mädchen faßte auch den ersten besten Mann am Arm und zog ihn unter Zuruf süßer Schmeichelworte oder roher Scherze gewaltsam mit sich fort. Noch häufiger sah man bleiche Kinder der Sünde in den Kellereingängen lehnen, die jedem Vorübergehenden zuwinkten und nicht selten recht flehentlich baten, sich doch ja ihrer zu erbarmen, damit sie nicht Hungers sterben dürften!

Wer sich des Nachts allein in diese schmutzigen Gänge wagte, die zum größten Theil von armen Schacherjuden, von Trödlern aller Art, [40] von herabgekommenen Handwerkern, kurz von Leuten bewohnt werden, die zugleich mit Armuth, Elend und Schuld zu kämpfen haben, der war nicht immer sicher, mit heiler Haut sie wieder verlassen zu können. Das Verbrechen fand in diesen qualmigen Kellerhöhlen nicht nur Schutz und Obdach, es ward auch häufig darin geboren und groß gezogen.

Aurel hatte mit seinem Begleiter kaum funfzig Schritte in diesem Ganglabyrinth zurückgelegt, als er auch schon das Gebrüll trunkener Stimmen vernahm. Es scholl aus einem noch fernen Keller herauf und endigte nach einiger Zeit mit rohem Gelächter und dem Sturz eines Menschen, den mehrere aus dem Keller auf die Straße warfen. Der so brutal Behandelte rächte sich durch eine Fluth gräßlicher Flüche, die er mit heiserm Kehllaut in den Keller hinunterschrie, während er sich wieder aufraffte und mühsam bald rechts bald links taumelnd, den Gang fortwankte. Der lockenden Syrenenstimme eines jener harrenden Kellermädchen konnte der Trunkene nicht widerstehen. Er lavirte auf die bleiche Dirne zu und verschwand an ihrem Arm in dem finstern Schlunde, den sie bewachte.

[41] Die Hand am Griffe seines Dolches schritt Aurel immer tiefer in den trüben Gang hinein. Er flüsterte nur leis mit Gilbert, dessen scharfe Blicke herüber hinüber flogen, um den Eingang des bei Tage entdeckten Kellers nicht zu verfehlen.

»Bist Du auch Deiner Sache gewiß?« fragte der Kapitän, indem er stehen blieb und dem Gesange einer weiblichen Stimme horchte, die wie vom Himmel herab durch den Nebel zitterte.

»Wir sind bald zur Stelle, Herr Kapitän. Sehen Sie dort das flackernde Lampenlicht in dem vorspringenden Thorwege? Drei Häuser weiter ist der Eingang zum Elysium.«

Mehrmals angerufen erreichten die beiden Männer den Thorweg. Hier vernahmen sie in größter Nähe den Hilferuf einer Frauenstimme, begleitet von einem Schalle, über dessen Entstehung kein Zweifel sein konnte.

»Bei Gott, Junge,« flüsterte Aurel seinem Begleiter zu, »das ist nicht viel besser wie in St. Giles! Ich glaube gar, irgend ein Wüthrich vergreift sich an einer spröden Dirne und will sie durch Schläge zwingen. – Höre nur diese Flüche, dies giftige Gekeif eines alten Weibes [42] – und nun wieder das flehende Gewimmer! Bei Gott, dem armen Dinge müssen wir beispringen!«

»Herr Kapitän,« fiel Gilbert ein, »trügt mich nicht mein Ortssinn, der es, wie Sie wissen, mit jedem Indianer aufnimmt, so ist der abscheuliche Lärm in dem Keller –«

»Deiner niedlichen Fee? Ha, das trifft sich ja prächtig! Geschwind, Gilbert, laß uns als Schiedsrichter, Mittler und Versöhner auftreten, und alsdann sehen, was sich zu unserm eignen Besten etwa noch thun läßt.«

Inzwischen hatten Beide den Eingang zum Keller erreicht, aus dem jetzt von neuem tobendes Gezänk, Flüche, entsetzliche Schimpfworte und das Klatschen gewichtiger Peitschenhiebe erscholl. Der gellende Hilferuf eines Mädchens übertönte noch lauter den wüsten Lärm.

Behend lief Aurel, von Gilbert gefolgt, die schmale Kellertreppe hinab, stieß mit dem Fuße eine nur angelehnte zersprungene Thür auf und trat mit der Würde und der stolzen Miene eines geborenen Herrschers in eine Höhle, die sich kein Räuber zu dauerndem Aufenthalt besser hätte wünschen können.

[43] Der Keller war gewölbt und ungeachtet eines stark glühenden Steinkohlenfeuers doch feucht und von übelriechendem Qualm erfüllt, der aus einer Menge in einen Winkel dieser widerlichen Behausung angehäufter Kraut- und Kohlköpfe und andern zum Theil faulenden Gemüses aufstieg. Zunächst dem eisernen Ofen, auf dessen Platte etwas Fettes in irdener Schüssel prägelte und die Atmosphäre noch mehr verpestete, waren an rohen in das Mauerwerk getriebenen Pflöcken eine große Menge alter abgetragener, größtentheils zerrissener Kleidungsstücke aufgehängt. Unter diesen am Boden auf etwas erhöhter Diele lag altes zerbrochenes Geschmeide von unedlem Metall, messingene Schnallen, Kettchen, Ringe, die ehedem vielleicht als goldene gekauft worden sein mochten. Auch lange Schnuren von schlechten Glasperlen glitzerten in dem trüben Lampenlicht, das in dem Kellerraume nicht eben überflüssige Helle verbreitete.

Bei Aurel's Eintritt in diese Wohnung des Elendes sah er niedergedrückt auf die feuchte Diele ein junges Mädchen von wunderbarer Lieblichkeit knieen. Ein wild blickender, offenbar berauschter Mann von athletischer Gestalt hatte sich [44] die schönen braunen Flechten des wimmernden Mädchens um seine linke Hand geschlungen, und hielt sie mit Gewalt am Boden fest. Mit der Rechten schwang er eine kurze Lederpeitsche, die er dem Trödel entnommen haben mochte, und ließ schallende Schläge auf die nackten Schultern der Unglücklichen fallen, von denen ein häßliches altes Weib die dünne Kleidung noch tiefer herabzustreifen eifrigst bemüht war, indem sie neben der Gemißhandelten kniete und immerfort rief: »So ist's Recht, Papachen! Räumt dem Ungethüm den blanken Rücken tüchtig ab, bis es klein zugibt! – Brav zugehauen – da wird die Creatur acht Tage fühlen. Und hilft's noch nicht, so fangen wir wieder von Neuem an und verstärken die Arzenei. – Heidi, das zischte, daß gleich ein rothes Bändchen über den fetten weißen Rücken lief!«

Während die verwahrloste Alte so kreischte, rann in starken Tropfen das rothe Blut von dem schönen Rücken der armen Gemißhandelten, an deren Qualen sich das häßliche Weib mit ihren frechen grauen leuchtenden Augen innig zu erlaben schien. Auch hätte der tobende Wüthrich schwerlich seine Züchtigung so bald eingestellt, [45] wäre ihm nicht Aurel mit der Riesenkraft eines heftig Erzürnten in den Arm gefallen. Gilbert ergriff die Alte und schleuderte sie verächtlich in den äußersten Winkel des Kellers. Dann kniete er neben dem gemißhandelten schönen Mädchen nieder, in dem er seine Fee vom Brunnen sogleich wieder erkannte, und umfaßte die Erschöpfte, von den harten Streichen schmählich Getroffene mit beiden Armen.

»Elender!« rief Aurel dem Berauschten zu, die Peitsche ihm entreißend und gegen ihn schwingend, indem er ihn vorn an der Brust packte. »Was hat Dir dies Mädchen gethan, daß Du es so unbarmherzig schlägst?«

Der Bewohner des Kellers – denn dieser war es – suchte sich von den eisernen Fingern des Schiffskapitäns frei zu machen, rollte wüthend die blutunterlaufenen Augen und ballte beide starkknochigen Fäuste gegen Aurel.

»Laßt los,« stotterte er, »oder – ich vergesse mich –!«

»Unvernünftiges Thier, Du hast Dich schon vergessen! Sprich, was that Dir dies arme schwache Mädchen?«

»Elwire ist widerspänstig. Aber was habt [46] Ihr darnach zu fragen?« setzte er zuversichtlicher hinzu. »Ich kann meine Tochter prügeln, so lange es mir behagt; ich kann sie lebendig schinden, wenn es mir gefällt, und Niemand hat ein Wort drein zu reden! Habt Ihr mich verstanden, Ihr –« Und der Trödler hob aber mals seine Fäuste gegen den Kapitän, der ihn fest an der Jacke hielt.

In glücklichem Staunen hatte Aurel mit feurigen Blicken die wahrhaft reizende Gestalt Elwirens verschlungen, die noch immer ganz erschöpft mit blutendem Rücken am Boden saß und ihren schönen Kopf mit den aufgelösten langen glänzenden Haarflechten an Gilbert's Brust lehnte.

»Wie?« versetzte der Kapitän. »Diese unvergleichliche Schönheit ist Eure Tochter?«

»Ho, ho, ist das so verwunderlich?« fiel der Trödler ein. »Oder denkt Ihr wie das reiche Pack, das's Geld in Scheffeln mißt, blos in den Betten vornehmen Gesindels kämen schöne Kinder zur Welt? Fehl geschossen, sag' ich; die Dirne ist mein Kind und was hat der Teufel an ihr auszusetzen, he?«

»Ihr solltet Euch schämen, ein solches Meisterstück der Schöpfung so unbarmherzig zu mißhandeln,« [47] sagte Aurel, indem er Elwiren, die sich jetzt etwas erholt hatte, die Hand reichte und ihr von der schmierigen Diele aufhalf.

»Es ist der Dirne Recht geschehen,« antwortete trotzig der barbarische Vater, sich auf einen wackligen Stuhl werfend und die Arme zusammenschlagend. »Sie sollte zeigen, daß sie schön sei, und das wollte sie nicht, will sie noch nicht. Darum hab' ich sie gehauen. Morgen des Tages, beharrt sie auf ihrer sinnlosen Weigerung, werde ich ganz allein einen Rundtanz bei verschlossenen Thüren mit ihr aufführen. Ich will doch sehen, wer Herr in meinem Keller ist!«

»O retten Sie mich, edelmüthige Herren!« schrie jetzt mit verstörtem Blick die arme Gemißhandelte. »Retten Sie mich oder ich lege selbst Hand an mich! Er will mich verkaufen – Er – mein Vater!«

Die letzten Worte stieß die Unglückliche langsam, vor Entsetzen zusammenschauernd, halblaut über die bebenden Lippen.

Aurel maß den Rabenvater mit dunklem Zornesauge. Da schlich die Alte wieder aus dem Winkel hervor, wohin Gilbert's kräftiger [48] Arm sie geschleudert hatte, und erklärte keifend und unter heftigen Gesticulationen:

»Und ich bestehe darauf, daß unser Conract erfüllt wird! Handel ist Handel – da hilft kein Fluch noch Gebet davon – und das Mädchen gehört mir, denn ich habe Handgeld gegeben! Und geht sie nicht in Gutem mit mir, so laß ich sie von meinen Leuten holen. Hab' ich sie nur erst in meinem Hause, dann will ich schon mit ihr fertig werden! Es ist nicht die erste thörichte Dirne, die sich sträubt, und nachher, ei wie freundlich hat dann das feingekleidete Püppchen gelacht! Wie hat sie mir die Hand gedrückt, die sie anfangs züchtigte, und wie hat sie dem Leben seelenvergnügt zugejauchzt! Ja die Mädchen! – Man muß sie zur Erkenntniß dessen, was ihnen gut ist, zwingen, sonst lernten sie, glaub' ich, im Leben nicht, wozu sie Gott so hübsch geschaffen hat!«

Das gemeine, freche Weib, deren schamlose Worte ihr scheußliches Gewerbe nur zu deutlich verriethen, würde noch geraume Zeit die Weisheit ihres Lasterlebens ausgekramt haben, hätte ihr Aurel nicht mit so befehlshaberischem Tone zu schweigen geboten, daß sie erschrocken nur unverständliche [49] Laute murmelte und sich wieder in ihrem dunkeln Winkel niederkauerte.

»Wie heißt Ihr?« fragte jetzt der Kapitän den Trödler.

»Klütken-Hannes,« sagte der rohe Kerl.

»Wißt Ihr, Klütken-Hannes, daß Ihr das Zuchthaus verwirkt habt, wenn ich dem hohen Senat Anzeige von Eurer Handlungsweise mache?«

Der wüste Trunkenbold brummte ärgerlich in den Bart und erhob nunmehr die wild geballte Faust gegen die Kupplerin, da er mit dem Fremden, der so herrisch und kraftvoll auftrat, nicht anzubinden wagte.

»So wie ich diesen Keller verlasse,« fuhr Aurel fort, »ohne daß Ihr genau thut, was ich von Euch verlange, so seid Ihr und Eure verruchte Helfershelferinn der Criminaljustiz überliefert. Denn ich kehre in Begleitung der Stadtwache zurück! Vollzieht Ihr aber meine Befehle pünktlich, ohne das Geringste daran zu mäkeln, so will ich vergessen, was ich gesehen und gehört habe, und ich gebe Euch mein Ehrenwort, daß von dem Vorgefallenen Niemand etwas erfahren [50] soll. Wozu entschließt Ihr Euch, Klütken-Hannes?«

Ein abermaliges Brummen und unverständliches Gemurmel war die ganze Antwort darauf.

»Hör't mich an,« sagte Aurel, »und behagt Euch nicht, was ich verlange, so versucht einen Kampf mit dem Gesetz! – Ihr versprecht mir bei Allem, was Euch heilig ist, und ist Euch nichts heilig, meinethalben beim Teufel und seiner Großmutter, Eure Tochter Elwire mit keinem Finger unsanft anzurühren, noch ihr Dinge zuzumuthen, vor denen ein Vater zurückschaudern sollte! Morgen früh werde ich wiederkommen und dann für ein ehrliches Fortkommen Eurer Tochter Sorge tragen. Seid Ihr dies zufrieden?«

Klütken-Hannes stand auf und stellte sich breitbeinig vor den Kapitän hin. »Wenn Sie Mutter Lievers bezahlen wollen, bin ich's zufrieden,« sagte er. »Das Geld, was sie mir für Ablassung des Mädels gegeben hat, kann ich nicht entbehren – ich hab's nicht mehr – und wenn Sie also nicht zahlen, so wird die Elwire eine –«

»Scheusal, ich erwürge Dich, wo Du es [51] wagst, Deine gottverhaßten Gedanken in Worte zu kleiden!« rief Aurel aus und konnte sich nicht versagen, den Rabenvater neuerdings wieder an der Gurgel zu packen und tüchtig zu schütteln. »Elender, schamloser Seelenverkäufer!« fuhr er fort, »um Deine gemeinen Lüste zu befriedigen, Dich zum vernunftlosen Thiere zu erniedrigen, gibst Du Dein reines Kind jedem Wüstlinge Preis? Pfui über Dich, vermaledeiter Säufer! Die Strafe des Himmels würde ich herabrufen auf Dein sündenbelastetes Haupt, wäre ich nicht von Gottes nie schlummernder Gerechtigkeit überzeugt, daß Deine Vergehungen mit unauslöschlicher Schrift für ewige Zeiten niedergeschrieben sind.«

»Lirum larum!« versetzte Klütken-Hannes, »um den Herrgott und sein Strafregiment kümmere ich mich nicht so viel, wie um ein Barthaar! Geld, Herr, Geld, ein Sack voll blanker Drittelstücke oder junger Goldfüchse, ist mein Gott! Für, mit und durch ihn kann ich haben was ich will, für Ihren Gott aber, mein guter Herr, gibt mir der Bäcker kein Halbschillingbrod.«

Entsetzt vor dieser bodenlosen Frivolität und [52] gotteslästerlichen Versunkenheit verstummte Aurel auf einige Secunden. Dies machte dem Trödler Muth. Mit unsichern Schritten in dem dunstigen Kellerloche auf und nieder gehend, fuhr er fort:

»Zahlen, mein sehr moralischer Herr, zahlen ist bei allen Geschäften die Hauptsache! Zahle ich, so läßt mich das Gesetz in Ruhe und ich kann treiben, was mir beliebt. Da fragen Sie Mutter Lievers hier, die vordem, als ich noch jung und bei Kasse war, mit mir viele vergnügte Stunden zugebracht hat. Wenn sie pünktlich bezahlt, stört sie der hohe Senat nicht in ihrem Geschäft! Er besucht sie sogar, der hohe Senat, denn er sieht frische schlanke Mädels eben so gern wie andere Menschen von Fleisch und Bein. Und ein solides Geschäft treibt Mutter Lievers, solider ist nicht der größte Banquier in ganz Hamburg! Darum ist sie auch so erpicht auf solche geschmeidige weiße Kellerblumen, die, wie meine Elwire, noch kein heißer Sonnenstrahl versengt hat, und die in der neuen Lebensluft um so besser gedeihen, weil sie zuvor an schmale Kost gewöhnt waren.«

Während der Trunkenbold so die ganze Gemeinheit [53] seiner Gesinnung verlautbaren ließ, wollte sich die Kupplerin heimlich davonschleichen. Allein Gilbert merkte ihre Absicht und hielt sie fest.

»Nicht von der Stelle, alte Hexe!« raunte er ihr zu. »Du bist überreif zum Staupenschlage!«

Aurel zog eine Börse und warf sie dem Menschenhändler vor die Füße. »Dies, Schurke, auf Abschlag! Kaufe Dir Opium dafür, damit Du den Weheruf des Gewissens für immer tödtest!«

Der Trödler hob die Börse auf, wog sie in der Hand und sah nach, ob auch Silbergeld darin sei. Dann nickte er zufrieden mit dem Kopfe und sagte:

»Ich bin's zufrieden! Bringen Sie morgen noch zweimal so viel, gehört das Mädel Ihnen und Sie können dann mit ihr anfangen, was Ihnen beliebt. Ich mische mich nicht drein. Die Umarmungen eines so vornehmen Herrn wird mein zimperliches Töchterlein wohl nicht so unausstehlich finden, wie die im Hause der Mutter Lievers.«

[54] Mit rohem Lachen schloß Klütken-Hannes seine Bemerkungen.

Um dem demoralisirten Menschen nicht Gelegenheit zu neuen abscheulichen Expectorationen zu geben, würdigte ihn Aurel keiner Antwort. Er wendete sich vielmehr jetzt an das gemißhandelte schöne Mädchen, das mit verhülltem Gesicht zu Gilberts Füßen am Boden saß und den bisherigen Verhandlungen in tiefstem Schweigen zugehört hatte. Im Innersten erschüttert durch die schamlosen Bemerkungen des Mannes, den sie Vater nennen mußte, vermied sie aufzublicken.

»Liebe Elwire,« redete jetzt Aurel die Unglückliche mit sanfter Stimme an und legte seine Hand auf ihr gebeugtes Haupt, »liebe Elwire, können Sie Vertrauen zu mir fassen?«

Elwire ließ die Hände sinken und schlug die thränenfeuchten Augen schüchtern zu dem Kapitän auf.

»Wenn Sie mir gestatten, daß ich etwas für Sie thun darf, Elwire, so werde ich Sie einer achtbaren Familie empfehlen, in deren Schooße Sie Niemand verfolgen wird. Oder wollen Sie Ihren Vater nicht verlassen?«

Bei diesen Worten stand das Mädchen hastig [55] vom Boden auf und warf sich mit leidenschaftlicher Heftigkeit an Aurels Brust.

»O Gott, noch immer hier!« rief sie schaudernd. »Lassen Sie uns fortgehen, recht weit fort! Ich will gern Ihre Sclavin sein, nur retten Sie mich!«

Klütken-Hannes lachte. »Da hören Sie's ja,« sagte er. »Noch hat das Mordmädel Sie nicht ordentlich angeguckt und schon will sie Ihre Magd, Ihre Sclavin, Ihre Maitresse sein! Ich sag's ja, das ganze Weibervolk ist Teufelsgelichter!«

»Fassen Sie Muth, Elwire!« sprach Aurel der fieberhaft Zitternden zu. »Gern möchte ich Sie schon jetzt dieser Mördergrube entreißen, allein es ist mir nicht möglich. Noch eine Nacht müssen Sie hier ausharren in Geduld und Ergebung. Vertrauen Sie auf Gott und mein Wort, liebe Elwire! Niemand darf Ihnen ein Haar krümmen, ohne der härtesten Strafe gewiß zu sein.«

Das schöne Mädchen trat seufzend von Aurel zurück und legte stützend ihren Arm auf Gilbert's Schulter.

»Wir kommen wieder,« flüsterte ihr der Jüngling[56] zu. »Ein gegebenes Wort hat mein Kapitän noch nie gebrochen.«

»Ich hoffe, daß Sie mir späterhin werden Gerechtigkeit wiederfahren lassen, Elwire,« sagte Aurel zu dem traurigen Mädchen. »Bis morgen muß ich Sie dem Schutz aller Hilflosen empfehlen, der Ihnen gewiß einen unsichtbaren Engel senden wird. Leben Sie wohl, Elwire, und geben Sie der festen Ueberzeugung Raum, daß Sie in mir einen zuverlässigen Freund gefunden haben!«

Er ergriff die Hand des Mädchens. Dieses erfaßte schnell mit beiden Händen die seinige und riß sie leidenschaftlich an ihre Lippen. Dann wendete sie sich eben so heftig ab und lief nach dem Hintergrunde des Kellergewölbes, wo sie hinter einem Verschlage verschwand.

»Jetzt vorwärts, verruchtes Weib!« rief Aurel der häßlichen Alten zu. »Wir wollen Dich ein paar Gassen weit vor uns hertreiben, und wenn Du Dich unterfängst, noch einmal in dieser Nacht hierher zurückzukehren, so drehe ich Dir den Hals um, ehe es der Teufel oder der Henker thut! Marsch, die Treppe hinan, und hüte Dich, um Hilfe zu rufen!«

[57] Mutter Lievers, wie der Trödler sie nannte, mußte sich den Umständen fügen. Klütken-Hannes aber begann zu lachen, zu singen und zu springen über den guten Handel, den er gemacht hatte, und spielte mit der Börse, die ihm für längere Zeit ein ausschweifendes Leben sicherte.

3. Kapitel
[58] Drittes Kapitel.
Der Bacchussaal.

Es war neun Uhr vorüber, als der Kapitän und Gilbert mit der Kupplerin aus Klütkens Keller traten. Das Glockenspiel von Sanct Nicolai erklang dumpf in der schweren, neblichen Luft. Es spielte Luthers ergreifenden Choral: »Gott in der Höh' sei Ehr,« denselben Choral, unter dessen Accorden es zehn Jahre später in den Flammen für ewig untergehen sollte! –

Von den scharfen Augen ihrer Begleiter bewacht, mußte sich Frau Lievers in das Unvermeidliche fügen und den beiden Männern in geringer Entfernung vorausschreiten. Erst als sie durch den kleinen Trampgang auf eine breite Straße traten, wies Aurel das freche Weib nach den Kohlhöfen, indem er ihr zuraunte:

[59] »Das ist Dein Weg, vermaledeite Kupplerin! Wage nicht umzukehren, oder auf verborgenen Pfaden Hand an meine Schutzbefohlene zu legen, sonst sollst Du empfinden, daß ein Schiffskapitän keinen Scherz versteht!«

Frau Lievers machte einen Knicks vor dem strengen Herrn und schlug den vorgeschriebenen Weg ein, der sie in ziemlich gerader Richtung in dasjenige Stadtquartier führen mußte, wo Schönheit und Sünde ein unzertrennliches Bündniß geschlossen haben.

»Was beginnen wir nun?« fragte Gilbert, da Aurel in Gedanken versunken dem alten Weibe noch immer nachsah, obwohl Nebel und Entfernung es längst ihren Blicken entzogen hatten. »Sie waren so heiter vor einer Stunde und nun sind Sie verstört, wie ich Sie noch nie gesehen habe.«

»Bei Gott, Junge, Du hast Recht,« versetzte Aurel, sich ermunternd und wie ein Pudel schüttelnd, gleichsam als wolle er alle unheimlichen Eindrücke, welche die letzten Scenen auf ihn gemacht hatten, damit gänzlich beseitigen. »Ich ging aus, um Lust,« Scherz, süßes Vergnügen zu suchen, um zu küssen und mein heißes Blut abzukühlen, [60] und ich habe statt dessen Noth, Jammer, Qual und den fürchterlichsten Ernst des Lebens gefunden! – Gilbert, Elwire ist bezaubernd! »Das Mädchen hat es mir völlig angethan! Bei Gott, ich würde sie unter allen Umständen höchst liebenswürdig gefunden haben, aber so, wie wir sie trafen, sich krümmend unter der Zuchtruthe eines unmenschlichen Vaters, so hat sie mich vollkommen behext. Ich glaubte einen Engel des Lichts in den Klauen eines haßerfüllten Teufels zu erblicken.«

»Sie müssen diesen allzu tiefen Eindruck durch neue zu schwächen suchen, Herr Kapitän! Haben Sie mir nicht selbst wiederholt die goldene Regel zugerufen, daß, wer das Leben verstehen und recht genießen wolle, es immer von der leichten, reizenden Seite erfassen müsse? – Und was ist's denn weiter um dieses Mädchen, dessen Augen mir allerdings auch noch wie ein Paar dunkle Sonnen durch den Himmel meines Gedächtnisses rollen! Elwire ist wunderbar schön, aber sicher noch lange nicht die Allerschönste in Hamburg! Es gibt hier Göttergestalten, in deren Armen man sterben möchte. Suchen wir irgendwo ein Paar solche Göttinnen auf!«

[61] Unter diesem leichtsinnigen Geplauder hatte Gilbert seinen Vorgesetzten nach dem großen Neumarkt fortgezogen. Jetzt, als der junge Hans Liederlich seinen Sermon schloß, mußte Aurel hellauf lachen, daß ihm die Thränen aus den Augen liefen.

»Sind wir nicht ein Paar rechte Thoren, die schöne Zeit mit fruchtlosen Worten so unverzeihlich zu verderben!« rief er aus. »Im Handeln bethätigt sich der Mann! Wir haben selbander Elwiren vom Verderben gerettet, – das ist eine vortreffliche That, die uns ganz bestimmt hoch angerechnet wird im Himmel, wenn ›die Diener des göttlichen Wortes,‹ wie sich die närrischen Schwarzröcke nennen, uns keine Nase drehen. Es sind uns mithin so viel lustige Streiche gut geschrieben im großen Allerweltshauptbuche, daß wir füglich schon jetzt auf Rechnung unseres Guthabens frischweg in's Zeug hineinleben können! Es kann uns nur als pure Belohnung angerechnet werden. Also frisch auf, Kamerad, in den wildesten brausendsten Strudel des sinnlich entzügelten Lebens!«

Arm in Arm durchwanderten die Leichtfertigen mehrere Straßen, schritten quer über den [62] Kirchhof der großen Michaeliskirche und folgten dem Zuge einer Menge Menschen, der sich in einer Seitengasse verlor. Da sie langsam gingen, wurden sie häufig von Nachfolgenden überholt. Es waren meist vornehm gekleidete Herren, die, an jedem Arm ein ballmäßig costümirtes Mädchen, ausgelassene Scherze trieben. Einige Male wurden sie von einem ganzen Schwarme junger, geputzter Mädchen überholt, die, soviel das dunkle Licht der Straßenlaternen erkennen ließ, alle sehr hübsch und musterhaft gewachsen waren. Diese Mädchentruppen unterließen nicht, die beiden allein gehenden Männer lachend anzurufen, sich ihnen höchst ungenirt zu Begleiterinnen anzubieten, sie zu fragen, ob sie schon mit flinken Tänzerinnen versehen seien, und wenn Aurel und Gilbert solche Fragen nicht beantworteten, sie mit einiger Zudringlichkeit zu umringen und sogleich wieder wie Spreu im Winde auseinander zu stauben.

»Wohin führen Sie mich?« fragte Gilbert halblaut den Kapitän, denn so leichtfertig und grundsatzlos der junge Matrose, theils von Natur, theils durch Aurels Umgang und Beispiel geworden war, konnte man ihn doch keinen raffinirten, verdorbenen Wüstling nen nen. Es war [63] bei ihm, wie bei Aurel, mehr der unwiderstehliche Hang nach buntem, abenteuerlichem Leben, als die Lust an verbotenen Genüssen, die sie in bedenkliche Kreise führte und den Rigoristen ausreichenden Grund gab, den Stab über sie zu brechen.

»Bei Gott, Junge, ich weiß es selbst nicht bestimmt!« entgegnete Aurel in bester Laune. »Sie heißen's ›Salon,‹ was heute Nacht so viel junges Volk in diese Stadtgegend führt. Ob aber daselbst getanzt, gesungen oder gespielt wird, das müssen wir abwarten! Es soll lustig hergehen, hab' ich gehört, und die schönsten Mädchen Hamburgs, doch nicht immer die Tugendhaftesten, machen in diesen Salons die Honneurs. Das wollen wir uns denn ein Mal auf gut Glück mit ansehen.«

Gilbert war es zufrieden, eine neue Seite des Lebens kennen zu lernen, wenn es auch nur eine tief dunkele Schattenseite sein sollte. Ihre Schritte beschleunigend kamen sie an ein stattliches Haus, dessen Thorweg hell erleuchtet war und aus dessen Innerem verworrenes Geräusch vieler Stimmen und die dumpfen Töne rauschender Tanzmusik erklangen. Männer und Frauen [64] oder Mädchen bald einzeln, bald paarweise, oder zu Dreien und Vieren, traten in den Thorweg und stiegen eine ziemlich breite Treppe im Hinterhause hinauf, die auf beiden Seiten mit grünen Tannenzweigen garnirt war. Eine hohe, ebenfalls mit frischem Laubwerk geschmückte Pforte, in der buntfarbige Lampen sich drehten, eröffnete den Eingang zu einem geräumigen Saale. Dieser endigte in einer Spiegelwand, wodurch er ungleich größer und gewühlvoller erschien, als er wirklich war. Auch an den Wänden waren zwischen weichen und breiten Polstern hohe Spiegel angebracht. Drei große Kronleuchter mit zahllosen Flammen schwebten gleichsam aus der geheimnißvollen Nacht des gestirnten Himmels herab, denn die in leichter Schwingung gewölbte Decke des Saals war mattblau, fast etwas in's Schwarze schillernd, gemalt und mit einer Unzahl glänzender silberner Sterne von allen Größen ausgeschlagen. Schien es doch, als bedürfe das Laster, das sich in blendendstem Schmuck, in verführerischstem Liebreiz, in kokettester Anmuth, in reizendster Schönheit in diesen Räumen tummelte und dem Götzen der Welt seine Huldigungen darbrachte, dieses künstlichen Deckmantels. [65] Unter dem nachgeahmten Sternenzelt der keuschen heiligen Nacht fühlte die Sünde keine Reue, keine Scham. Das Gewissen schwieg bei den Orgien, zu denen die schönsten Töchter der Erde hier geschmückt erschienen! –

An der einen Seite des Saales kredenzte eine Statue des eppichumlaubten Gottes der Freude und des Weines in goldener Schaale sprudelnden Champagner. Diese Statue gab dem Saale seinen Namen. Links und rechts zu beiden Seiten führten breite Thüren auf hell schimmernde Corridore. Diese Thüren wurden häufig von erhitzten Tänzerinnen geöffnet, um sich in der weichen Kühle der Vorräume einsam oder in Gesellschaft zu erholen.

Die Musik war nicht vorzüglich, aber rauschend und wild. Sie harmonirte mit der Stimmung der meisten Tanzenden, die im raschesten Tempo, mehr fliegend und stürzend, als sanft schwebend, den Saal durchrasten.

Mit anderthalb Mark erkauften sich Aurel und Gilbert das Recht, an den wüsten Freuden des Bacchussaales bis nach Mitternacht Theil nehmen zu dürfen.

Gilbert war ein leidenschaftlicher Tänzer. Es [66] währte daher nicht lange, so hatte er schon ein Mädchen gewählt und flog in ihren Armen die sich immer von Neuem ergänzende Reihe tanzender Paare hinab. Aurel tanzte weniger gern und nur dann, wenn ihm ein Mädchen als Tänzerin besonders gefiel. Das Rasen im Tanz war ihm zuwider. Er fand in diesem reizlosen, gegen alle Schönheit verstoßenden Toben Nichts, was Herz und Sinne berücken konnte, und doch hielt er künstlerisches Tanzen wesentlich dazu geeignet, die Schönheit in strahlendstem Glanze erscheinen zu lassen.

Die gepolsterten Sitze entlang schreitend, musterte er die geschmückten jungen Mädchen, die vom Tanz ausruhten oder auf neue Tänzer harrten. Viele von diesen Töchtern des Bacchussaales waren ihrer ungewöhnlichen Schönheit entsprechend gekleidet. Weiche Seiden umrauschten die vollen und doch zarten Glieder, falsche Brillanten waren in die Flechten ihrer reichen Haare gestreut, die natürliche und künstliche Blumenkränze geschmackvoll umwanden.

Aurel pflegte in der Regel nicht zu reflectiren. Als Mann der That auf das Practische gerichtet, von Jugend auf zu tüchtiger Regsamkeit [67] angehalten, konnte sich eine ohnehin schwach vorhandene Anlage zur Philosophie in ihm nicht entwickeln. War er also nicht geradezu in seinem Fache, für das er mit ganzer Seele lebte, beschäftigt, so liebte er den ungebundenen, freien, grenzenlosen Genuß. Der Augenblick und seine Freuden waren alsdann die Götter, denen er opferte, die er allein anerkannte.

Seltsamerweise wollte sich dieser stürmische Drang zu freudiger Hingabe an den Genuß diesmal bei Aurel nicht einfinden. Er sehnte sich nach Freude, nach tosendem Jubel, nach völliger Vergessenheit, aber jener berauschende Taumel, der wie eine Sturzsee des Menschen ganzes Wesen ungerufen überströmen und in seine schäumenden Brandungen hineinreißen muß, soll er absichtslos und ohne Rückhalt genießen, dieser entfernte sich mehr und mehr von ihm. Der leichtsinnige, allen Freuden leidenschaftlich ergebene Kapitän mußte wider Willen denken. Die leidende, blutig geschlagene Gestalt der tugendhaften Elwire mit dem stummen Verzweiflungsschrei in dem großen nachtdunklen Auge drückte sich wie eine Geistererscheinung in den Spiegel seines Auges. Er konnte das ergreifende, zu tiefem Ernste [68] stimmende Bild nicht verwischen. Selbst dem perlenden Feuer des Weines wich es nicht. Vor ihm, zur Seite, an seinen Fersen rauschte es mit ihm durch das Gewühl der hundert reizenden Evastöchter – der einzige unbefleckte Engel unter lauter Kindern und Zöglingen der Sünde! –

Aurel suchte an Vergnügungsorten ähnlicher Art immer die ausgelassensten Dirnen auf, um in munterer Weise mit ihnen zu scherzen. Zuweilen benutzte er solche Bekanntschaften wohl auch zu Anknüpfung eines nur Tage oder Wochen bestehenden zärtlichen Verhältnisses. Heut wollte ihm dies nicht gelingen, eine so brennende Sehnsucht, ein so verzehrendes Verlangen er auch nach solcher Zerstreuung hatte. Eine unsichtbare, geheimnißvolle Gewalt hielt ihn von all' den schönen lockenden, jubelnden Kindern der Freude zurück, in deren Blicken er den Wunsch lesen konnte, mit ihm bekannt zu werden.

Aergerlich über diese unwillkommene Stimmung, die ihn wider Willen kalt, spröde, theilnahmlos machte, wollte er sein Blut erhitzen, um neue Lust zu fröhlichem Leben in sich zu erwecken. Rasch trat er an eine hohe in perlfarbenen Seidenstoff gehüllte Mädchengestalt und forderte [69] sie zum Tanz auf. Höflich reichte sie ihm die Hand und reihte sich mit ihm den tanzenden Paaren an. Sie tanzte leicht und mit Grazie. Ein tadelloser Wuchs, ein wunderschön geformter Arm und Nacken beschäftigten während des Tanzes den Kapitän. Das Auge des Mädchens hatte er noch nicht gesehen, denn sie schlug es hartnäckig zu Boden. Auch seine Fragen beantwortete sie ohne ihn anzublicken. Das fiel Aurel auf, sein Interesse war erregt, er mußte das schöne, wortkarge Mädchen näher kennen lernen. Auf seine Frage, ob sie den Tanz beendigen wollten, beugte sie bejahend den Kopf. Aurel führte sie in einen weniger von Menschen umschwärmten Theil des Saales und setzte sich neben sie.

»Warum so still unter lauter fröhlichen vergnügten Menschen?« fragte der Kapitän, die Hand des Mädchens sanft drückend.

»So bin ich immer,« versetzte dieses, kaum bemerkbar die langen Wimpern bewegend.

»Aus Grundsatz, schönes Geheimniß?«

»Aus Grundsatz!«

»Sollte dies Ihrem Fortkommen nicht hinderlich sein?«

Jetzt schlug das Mädchen ihre Augen auf [70] und die Blicke Beider begegneten sich. Aurel fühlte die Hand seiner Tänzerin leise erbeben. Ein Auge von unergründlicher Tiefe sah ihn traurig und melancholisch groß und fragend an. Sie antwortete nicht.

»Ich scheine Sie beleidigt zu haben,« fuhr Aurel fort, »das war nicht meine Absicht.«

»Ich weiß es und verzeihe Ihnen gern.«

»Sind Sie allein hier?«

»Ganz allein.«

»Ohne Lust am Tanz, ohne Freude im Herzen? Das ist seltsam!«

»Sagen Sie lieber, es ist entsetzlich! Dann sprechen Sie die Wahrheit.«

»Weshalb besuchen Sie die Salons, wenn Ihnen vor den Freuden graut, die sie Ihnen bieten?«

»Es ist mein Fluch, mein Schicksal, nennen Sie es, wie Sie wollen! Die Ketten, mit denen das Laster bindet, sind unzerbrechlich!«

Diese Worte sprach das Mädchen mit einem solchen innern Entsetzen, daß Aurel davor fröstelte. Er überflog mit schnellem Blick die schöne, nachlässig im Divan ruhende Gestalt, bewunderte diese edlen, reinen Formen, den prächtigen Schnitt [71] des Gesichts mit dem stolzen Munde und der fein gebogenen Nase, und der Gedanke, die Bedauernswürdige müsse aus guter Familie stammen und vielleicht durch außerordentliche Ereignisse in ihre jetzige Lage versetzt wor den sein, drängte sich ihm mit Gewalt auf.

»Wäre es Ihnen vielleicht angenehmer, in eins der Nebenzimmer zu treten und ein Glas Champagner mit mir zu trinken?« fragte Aurel die schöne Unbekannte. »Es ist unglaublich heiß hier und gar so tumultuös!«

»Wie Sie wünschen, mein Herr, doch meinetwegen bemühen Sie sich nicht. Ich trinke nie.«

»Das ist Unrecht, mein Fräulein! Sie sollten sich erheitern.«

»Ich will nicht erheitert sein.«

Aurel war aufgestanden und bot dem schönen Mädchen den Arm. Sie nahm ihn gleichgiltig, vornehm an und trat mit ihm in ein Nebenzimmer, wo einzelne Paare an runden Tischen saßen, flüsterten, lachten und tranken. Der Kapitän bestellte Champagner und zwei Gläser.

»Denken Sie nicht, mein Herr, daß Sie mich bereden können!« sagte das Mädchen mit [72] großer Entschiedenheit. »Es soll mich freuen, wenn der Wein Sie belebt, was mich betrifft, so werde ich mein Wort halten.«

»Sind Sie in allen Dingen so gewissenhaft?«

»In allen.«

»Wenn Sie also einen Mann mit Ihrer Liebe beglückten, so würden Sie ihm umwandelbar treu bleiben?«

»Wenn ein Mann meine Liebe erwürbe und sie verdiente, gewiß!«

»Und einen solchen Mann fanden Sie noch nicht?«

»Ich werde ihn nie finden!« versetzte seufzend die Schöne.

»Vertrauen Sie Ihren Reizen so wenig, schönes Geheimniß? So jung, so blühend, so interessant – gewiß Hunderte werden sich um Ihr Herz bewerben, und unter diesen Hunderten wird doch wohl Einer Gnade finden vor Ihren tiefsinnigen Augen?«

»Wäre dies je der Fall, so würde ich nicht das Herz haben, ihn zu betrügen.«

»Betrügen! – Sie werden immer räthselhafter.«

[73] Das Mädchen warf ihm einen flammenden Blick zu, der ihn wie ein schwerer Vorwurf traf, und zuckte dabei mitleidig die Achseln.

»Sie erlauben, mein Fräulein, daß ich mich ein Wenig in den Vorhof Ihres Geheimnisses zu stehlen wage. Werden diese stolzen Lippen es verschmähen, mir Ihren Namen zu nennen?«

»Bianca,« sagte das verschlossene, ernste Mädchen kühl. »Was wollen Sie nun damit?«

»Bianca,« erwiederte Aurel, »aus gutem Herzen und in bester Absicht, weil Sie mir eine Theilnahme für Sie eingeflößt haben, die nicht mehr verlöschen kann, frage ich Sie offen und ehrlich: Halten Sie mich für einen Mann, zu dem ein Mädchen Vertrauen fassen kann?«

»Ich kenne Sie noch zu kurze Zeit, um mir ein Urtheil über Sie und Ihren Character zu erlauben.«

»Ich bitte Sie darum, Bianca!«

»Zu welchem Zweck?«

»Damit Sie mir vertrauen, wenn ich es verdiene.«

Bianca ließ jetzt ihre traurigen Augen lange Zeit auf den bewegten Zügen des Kapitäns ruhen, dann sagte sie: »Ich glaube, mein Herr, [74] daß Sie nicht besser und nicht schlechter sind, als Tausende Ihres Geschlechtes, doch scheinen Sie ein gutes Herz zu besitzen, und einem Solchen kann ein hilfloses Mädchen wohl vertrauen.«

»Nun denn, Bianca, so thun Sie es!« rief Aurel leidenschaftlich und küßte ihre Hand. »Gießen Sie den Kummer, die Schwermuth, die Trauer, die Sie mit sich tragen, in meine Seele! Beichten Sie die Schmerzenseindrücke des Lebens, als wäre ich Ihr Bruder, Ihr Vater, Ihr Geliebter, und empfangen Sie von mir das heilige Versprechen statt eines Eides, daß kein Sterblicher von Ihrer Beichte eine Sylbe erfahren soll!«

»Wer sind Sie und was veranlaßt Sie, diese unbegreifliche Theilnahme gerade mir zuzuwenden?«

»Wer ich bin! Was braucht das Sie zu kümmern! Es genüge Ihnen, zu wissen, daß ich ein freier, unabhängiger, vermögender Mann bin, der in beiden Hemisphären vor Kummer brechende Augen gesehen, der das Volk in seinen Freuden und Leiden kennen gelernt hat! Bianca, sein Sie offen! Sie gehören nicht in diese Gesellschaft! [75] Ein entsetzliches Verhängniß muß Sie unter diese –«

»Warum stocken Sie? Sprechen Sie aus, was Sie denken! Nennen Sie diese armen, unglücklichen Geschöpfe, was sie sind – Verworfene! Sie bezeichnen damit blos den Rang, den ihnen die vornehme, so genannte ehrliche, bürgerliche Gesellschaft gibt, weiter Nichts. Ueber ihren wahren sittlichen Werth dieser Armen haben Sie eben so wenig ein Urtheil, wie alle Uebrigen, die sich mit verächtlichem Nasenrümpfen ein solches anmaßen.«

»O ich weiß, ich weiß!« sagte Aurel mit niedergeschlagenen Augen. »Wir sind vorschnell im Richten und verdienen doch so oft selbst gerichtet zu werden!«

»Nun, wenn Sie dies fühlen,« erwiederte Bianca, »dann können Sie noch helfen und retten! Ja, mein Herr, die Männer sind es mit ihrer Selbstsucht, ihrer kalten Grausamkeit, ihrer Genußsucht, ihrer Treulosigkeit, die aus so vielen leichtgläubigen und gutherzigen Geschöpfen das bejammernswerthe Heer derer vermehren helfen, die sie späterhin Verworfene nennen! O kennten Sie das Leben solcher Verworfenen, wüßten Sie, [76] wie sie es werden, werden müssen und wie es aussieht unter der glänzenden Hülle, die sie prangend um ihre verlorene Ehre schlagen: Sie würden zittern, würden sich entsetzen vor Ihrem eigenen Geschlecht und der Verworfensten dieser Verworfenen mit demüthiger Bitte um Vergebung Ihrer Schuld die Hand küssen!«

»Bianca,« sagte Aurel erschüttert, »wer sind Sie? Wer waren Sie, ehe der böseste Dämon Ihres jungen Lebens Sie auf finstere Abwege fortriß?«

»Ich war, was ich noch bin, arm, schön und verlassen! Da hörte ich auf die schmeichelnde Stimme eines vornehm gekleideten Mannes – und nun bin ich hier,« setzte sie rasch mit plötzlich aufspringender Lustigkeit und einem unbeschreiblichen Feuerblick des tiefen, melancholischen Auges hinzu.

»Sie hätten den Bacchussaal nicht besuchen sollen, Bianca!«

»Ich hätte noch weit weniger den schön klingenden Worten eines Mannes Glauben schenken sollen.«

»Sie dürfen diesen Ort nicht mehr betreten, Sie müssen ein anderes Leben beginnen!«

[77] »Wissen Sie auch, ob ich leben kann? Ob ich frei bin?«

»Wem können Sie unterthan sein?«

»Der Noth und dem Hunger!« sagte Bianca tonlos und senkte tief aufathmend den Kopf gegen die Brust.

In diesem Augenblicke ging die Thür auf und Gilbert's jugendliches, von Tanz und Wein glühendes Gesicht ward sichtbar.

»Ah, da sind Sie ja, Herr Kapitän,« sagte der junge Matrose, »und in schöner Gesellschaft, wie ich sehe,« indem er Bianca mit Aufmerksamkeit grüßte. »Ich bedauere, daß ich Sie einem so reizenden Umgange entführen muß. Hören Sie, die Musik verstummt! Alles verläßt den Saal. Es heißt, ein Schiff im Hafen sei in Brand gerathen.«

Aurel sprang auf. »Eile, Gilbert, so schnell Du kannst,« rief er dem Jünglinge zu, »ich folge sogleich!«

Gilbert warf noch einen spähenden Blick auf seinen Wohlthäter und verließ das Zimmer.

»Zu frühzeitig, Bianca, ruft mich die Pflicht [78] von Ihrer Seite,« sprach er zu dem Mädchen, das seine Aufmerksamkeit in so hohem Grade erregt hatte. »Sie wissen jetzt, wer ich bin. Besitzer und Führer eines Kauffartheischiffes, das binnen wenigen Wochen in See gehen soll, um noch in diesem Jahre an den Küsten der neuen Welt Anker zu werfen, muß ich Sie in diesem Augenblicke verlassen. Ich thue es nicht, ohne Sie mit einer Bitte zu belästigen. Werden Sie dieselbe freundlich gewähren?«

»Ich möchte es gern, Herr Kapitän.«

»Nun denn – ich muß Sie wieder sehen, wieder sprechen! Wo und wie kann dies geschehen? In Ihrer Wohnung –«

»Nicht um die Welt!« fiel Bianca ein. »Aber hören Sie! Morgen zwischen vier und fünf Uhr ist Concert im Elbpavillon. Ich muß dort erscheinen, um – doch wozu davon sprechen! – Am dritten Fenster des Saales vom Millernthor her mit der Aussicht auf die Anlagen werden Sie mich finden. Ich trage ein schwarzes Kleid und ein Sträußchen vor der Brust mit einer dunkelrothen Nelke.«

»Adieu, Bianca, auf Wiedersehen!«

[79] Aurel drängte sich durch die fortstürzende Menge hinaus auf die Straße. Der Nebel hing noch wie früher trüb und feucht über der menschenwimmelnden Stadt. Auf den Thürmen schlugen die Glocken an, und der Widerschein einer erst beginnenden Feuersbrunst schimmerte mattroth durch die dicke Luft. Auf den Wällen wurden die Lärmkanonen gelöst – nah und fern hörte man Feuerruf und das Getöse zu Hilfe eilender Menschen.

Als der Kapitän sich dem Hafen näherte, vernahm er, daß das Feuer gar nicht unter den vor Anker liegenden Schiffen ausgebrochen sei. Ein kleines schmales Haus auf dem Kajen, in dessen unterstem Geschoß sich eine gemeine Matrosenkneipe befand, war von der Küche aus in Brand gerathen und stand jetzt in vollen Flammen. Bei der stillen Luft und den in Uebermaß vorhandenen Lösch-Mannschaften war keine Gefahr vorhanden. Die meisten Herbeigeeilten hatte die Neugier hergelockt. Sie standen müßig in den anstoßenden Straßen und sahen ruhig dem still brennenden Feuer zu. Einen nicht geringen Theil dieser Zuschauer machten die geputzten Mädchen aus, die noch vor einer Viertelstunde [80] im Freudentaumel des wildesten Tanzjubels geschwelgt hatten. –

So angenehm es dem Kapitän auch war, daß er sein Fahrzeug außer Gefahr wußte, so sehr verdroß es ihn, durch den unnützen Lärm in seinem so interessanten Gespräch mit der schönen Bianca gestört worden zu sein. Es war ihm lieb, daß das schöne Geschöpf seiner Bitte gewillfahrt hatte. Er konnte kaum den nächsten Tag erwarten.

Während er jedoch langsam und in Gedanken durch die noch sehr lebhaften Straßen nach Hause schlenderte, fiel ihm die Erinnerung an Elwire wieder schwer auf's Herz. Seine Sucht nach Abenteuern, verbunden mit Gutmüthigkeit, drohte ihn in Verlegenheit zu bringen. Aus purem Leichtsinn hatte er sich da in einem Athem zwei Mädchen aufgebürdet, von denen beiden er noch nicht wußte, ob sie es auch verdienten, daß sich ein rechtschaffener Mann für sie verwendete.

»Gleichviel,« rief er nach einigem Nachsinnen sich ermuthigend zu, »ich habe mich für Beide interessirt, mich gleichsam zum Ritter Beider erklärt, und ein ehrlicher Kerl hält sein Wort!«

[81] Für Elwire mußte zuerst gesorgt werden. Das verlassene Mädchen harrte gewiß mit schmerzlichem Verlangen auf den neuen Morgen und zählte die verrinnenden Minuten. Aurel mußte ein Asyl für sie ermitteln. Das hatte er zwar von Anfang an beabsichtigt, allein nun die Zeit schnell heranrückte und rasches Handeln erheischte, sah der leichtblütige junge Mann ein, daß ihm der Verstand wieder einmal mit der Zunge davon gelaufen sei. Zum Glück kannte er eine würdige vermögende Familie, in deren Hause er häufig ein- und ausging. Dahin mußte er vorerst seine Schutzbefohlene bringen.

Zu diesem Entschlusse gekommen, erreichte er sein Haus. Er setzte sich sogleich hin und schrieb noch einige Zeilen an die Frau vom Hause, worin er ihr den Eintritt eines jungen Mädchens in ihre Familie ankündigte. Nähere Ausschlüsse über dasselbe zu geben, behielt er sich mündlich vor. Als Aurel das Billet couvertirte und mit seinem Wappenringe zusiegelte, kam auch Gilbert heim.

Der junge Mensch sah ziemlich wüst und beschmuzt aus.

[82] »Du warst beim Feuer?« fragte Aurel.

»Ja, Herr Kapitän, ich bin ein solcher Narr gewesen. Hätte ich gewußt, daß weiter Nichts brennte, als eine Käsehütsche, zehn Teufel hätten mich nicht aus dem Bacchussaale gebracht! Ich war vergnügt, wie ein König. In meinem Leben habe ich mich so vor trefflich noch nicht amusirt! Gott, welche Gestalten! Welch süßes Fleisch! Welche Gluthaugen! Ich bin ganz toll geworden, Herr Kapitän!«

»Das hör' ich,« sagte Aurel, der inzwischen die Adresse auf den Brief geschrieben. »Damit Du nun recht bald wieder zu Dir kommst, geh' jetzt zu Bett und schlafe bis morgen früh sieben Uhr. Hörst Du? Nicht länger, sonst verfällst Du in Strafe! Denke, Du seist zur See und schliefst auf Commando. Halb acht Uhr muß dieses Billet an seine Adresse abgegeben sein. Gute Nacht, mein Junge!«

Gilbert empfing den auf duftendes Rosapapier geschriebenen Brief und stierte seinen Gebieter verdutzt an. Da Aurel unbekümmert darum [83] in sein Schlafzimmer ging, warf der Jüngling das Briefchen verdrießlich auf den Tischriß sich die Jacke auf, um freier Athem zu schöpfen, und zog sich brummend ebenfalls in seine Kammer zurück.

4. Kapitel
[84] Viertes Kapitel.
Ein Fund.

Vor dem Dammthore bewohnte die Wittwe Oehlers mit ihrer erwachsenen Tochter Clara ein heiter gelegenes, von wohlgepflegten Rasenplätzen und dichten Hecken umschlossenes einfaches Haus. Diese Lage unmittelbar vor der Stadt und doch in der kühlen grünen Umarmung eines kleinen Parles vereinigte auf's angenehmste die Vorzüge des Stadtlebens mit dem freien Genuß ländlicher Einsamkeit und gestattete der noch rüstigen Frau, Sommer und Winter in dem ihr lieb gewordenen Hause zuzubringen.

Madame Oehlers war die Wittwe eines reichen Hamburger Kaufherren, der ihr bei seinem Tode ein großes Vermögen nebst einem blühenden Handelsgeschäft hinterlassen hatte. Die [85] Wittwe suchte nach dem Ableben ihres Mannes für die Fortführung dieses Geschäftes, das sie nicht selbst betreiben konnte, einen zuverlässigen Mann, der sich desselben annehmen sollte, und machte dies in mehreren weit verbreiteten Zeitungen bekannt. Dies geschah um jene Zeit, wo die Grafen von Boberstein und namentlich Adrian mit dem Plane umgingen, in Hamburg, als dem ersten Stapelplatz des norddeutschen Handels, ein eignes Handelshaus zu gründen, um mittelst desselben die Erzeugnisse ihrer Spinnerei mit größerem Gewinn wieder umsetzen zu können. Adrian zog genaue Erkundigungen über die Verhältnisse der Firma Oehlers ein, fand dieselben seinen Wünschen vollkommen entsprechend und machte der Wittwe den Vorschlag, das Geschäft käuflich an sich zu bringen. Man einigte sich in Kurzem über den Kaufpreis, über die Zahlungstermine und was sonst noch bei derartigen Veräußerungen festzustellen und zu berücksichtigen ist. Madame Oehlers war froh, eine große Sorge los zu sein, Adrian hatte unter verhältnißmäßig billigen Bedingungen ein in der großen Handelswelt accreditirtes Geschäft erhalten und konnte nunmehr mit bedeutendem Gewicht an der Börse [86] erscheinen. Ein Geschäftsführer, wie er ihn wünschte, war ebenfalls bald gefunden und somit die Angelegenheiten zweier Familien zu beiderseitiger Zufriedenheit geregelt.

Durch das Hin und Wider während der Geschäftsunterhandlungen hatte sich im Verkehr zwischen den Gebrüdern Boberstein oder, wie sie als speculirende Handelsherren sich consequent nannten, am Stein und der Familie Oehlers ein freundschaftliches, auf gegenseitige Achtung gegründetes Verhältniß ausgebildet. Als späterhin Aurel von England herüber kam, um als Rheder festen Fuß in Hamburg zu fassen, öffnete Madame Oehlers dem lebenslustigen Manne ihr gastfreies Haus. Clara, hübsch, jung und aufgeweckten Geistes, eine Meisterin auf dem Fortepiano, das sie leidenschaftlich gern spielte, war für Aurel ein fesselnder Magnet, wenn er auch keine ernstlichen Absichten auf das junge Mädchen hatte, was die Mutter laut, die Tochter vielleicht im Stillen wünschte.

Die Flatterhaftigkeit des jungen Kapitäns und sein Hang zu sinnlichen Ausschweifungen konnte den Frauen zwar nicht gar lange verborgen bleiben, allein es störte derselbe doch in keiner Weise [87] den freundschaftlichen Verkehr unter einander. Clara ärgerte sich freilich, so oft ihr wieder ein neuer toller Streich des in der Stadt umher schwärmenden Kapitäns zu Ohren kam, persönlich aber ward er ihr dadurch nur interessanter. Sie war nie freundlicher, zuvorkommender, liebenswürdiger, als wenn sie Aurel recht viele Jugendsünden zu vergeben hatte, und Aurel konnte wieder nie zarter dem jungen Mädchen begegnen, als nach wild durchtobten Nächten. An ein Verhältniß mit Clara oder gar an eine Heirath mit ihr dachte er nicht. Das hatte bei ihm noch lange Zeit; zuvor wollte er auf die lustigste und mannichfaltigste Weise sein Leben genießen. –

Clara hatte eben die singende Theemaschine auf den zierlichen Kohlenhalter gesetzt, um für sich und die Mutter das Frühstück zu bereiten, als der Bediente einen Brief überbrachte. Es war das Billet Aurels. Die Wittwe erbrach es und durchlas mit einigem Staunen die wenigen Zeilen. Sie las sie zwei- und dreimal und legte sie dann kopfschüttelnd neben sich auf's Sopha.

»Von Aurel?« fragte Clara neugierig, denn ihr scharfes Auge hatte das Wappen erkannt.

[88] »Von unserm abenteuerlustigen Kapitän,« erwiederte die Mutter mit ironischem Lächeln. »Der muntere Herr, scheint es, wird mit jedem Tage ausgelassener, ja kennte ich nicht bereits zur Genüge seine excentrischen barocken Einfälle, so würde ich das, was er mir in diesen Zeilen meldet, gradezu für eine Mystification halten.«

»Ja was gibt es denn?« fragte mit schlechtverhehltem Aerger die Tochter, indem ihre vollen runden Wangen im Feuer der Eifersucht erglühten. »Hat Aurel einen dummen Streich gemacht?«

»Das wag' ich gegenwärtig noch nicht zu entscheiden, liebe Tochter. Höre, was mir der tolle Mensch schreibt.«

Madame Oehlers nahm den Brief wieder auf und las:


»Meine verehrteste Freundin!

Wenn Sie beim Lustwandeln irgendwo eine zarte Blume von wunderbarer Farbenpracht und süßem Duft gewahren, die eine frevelnde Hand absichtlich zerstören will, nicht wahr, dann schirmen Sie das bezaubernde Gewächs gegen boshafte Gewalt und bergen sie an Ihrem Busen? Ich habe durch Zufall heut [89] Abend eine solche Blume gefunden, ein junges Mädchen, weiß, zart, schlank, wie die Lilien in Ihrem Garten, bescheiden, wie ein Veilchen, sanft, gut und schuldlos, wie jedes unverdorbene Frauenherz. Dieses schöne, verlassene Mädchen entriß ich den Händen eines Wüthrichs, der ihr Vater zu sein vorgibt. Sie warf sich mit Freudenthränen vor mir nieder und wollte gar nicht mehr von mir lassen. Was war da zu thun? Ich versprach dem lieblichen Kinde Schutz und Pflege, aber in meine Kammer kann ich sie doch nicht nehmen! – Da dachte ich an Sie, meine treffliche Freundin, an Ihre Güte, Ihre sinnige Tiefe, Ihren schönen wohlthuenden Gleichmuth! Ich dachte auch an die gute liebe Clara und ihre Engelsstimme. Nicht wahr, Sie Beide, Mutter und Tochter, Sie können mir nicht abschlagen, bei einem verlassenen Mädchen so lange Mutter- und Schwesterstelle zu vertreten, bis – ja wie lange denn! Gott mag es wissen! Genug, machen Sie sich morgen vor Mittag auf einen Besuch gefaßt, der Sie überraschen wird, und vergeben Sie im voraus für solche Ueberrumpelung [90] und Erweiterung Ihres Familienkreises

Ihrem unermüdlichen Kreuzer

Aurel.«


»Was hältst Du davon, meine Tochter?«

Clara war noch weit ärgerlicher geworden. Sie kniff recht bitterböse den kleinen Mund zusammen und sagte, noch tiefer erröthend: »Ich finde das Verlangen des Herrn Kapitäns über Gebühr ungezogen. Uns ein stockfremdes, vielleicht gar gemeines Mädchen aus freien Stücken ins Haus zu schicken! Manchmal scheint es wirklich, als leide der gute Mann an Verstandesschwäche.«

»Verdamme ihn nicht, liebes Kind! Aus seinem Schreiben geht hervor, daß er eine gute That entweder gethan hat oder doch hat thun wollen. Dies müssen wir vor Allem ins Auge fassen und darüber das Ungewöhnliche seines Verlangens vergessen. Lassen wir uns immerhin das Mädchen vorstellen, dem unser wackerer Kapitän seinen Schutz zugesagt hat. Entspricht sie unsern Erwartungen, so kann sie bei uns bleiben und Dir eine liebe Gefährtin werden; sollte sie unsere gewohnte Ordnung stören, uns überhaupt [91] nicht gefallen, so wird es ja doch Mittel und Wege geben, für ein verlassenes Geschöpf auf anständige Weise zu sorgen.«

»Ich wette, daß es eine von den saubern Liebschaften des Herrn Kapitäns ist!« versetzte Clara, ein Stückchen geröstetes Weißbrod mit ihren Perlenzähnen zermalmend, um den aufkochenden Aerger besser verschlucken zu können. »Man kennt den Herrn von dieser Seite, und es wundert mich wirklich, liebe Mutter, daß Sie ihm noch nicht einmal recht tüchtig den Text gelesen haben. Sie könnten es am ersten, vor Ihnen hat er Respekt, und es ist doch wirklich gradezu ein Unglück und eine Schmach, daß ein so gescheidter, tüchtiger, liebenswürdiger junger Mann aus einer so alten und ehrwürdigen Familie sich und seine Ehre so ganz vergißt und wohl auch noch Andere obendrein compromittirt!«

»Auch die Sonne hat ihre Flecken, liebe Tochter,« sagte die Mutter sanft und gelassen. »Kapitän Aurel ist gut, nur etwas flatterhaft; und das ist für einen Mann von Geist und Herz kein gar zu arger Fehler. Ueberdies sagt man ihm mehr Schlimmes nach, als er verdient. Weil [92] er den Mädchen gefällt, verleumdet man ihn. Das ist so der Welt Lauf.«

»Er wird nie ein Mädchen glücklich machen! Welch Frauenherz soll auch einem solchen Wüstling vertrauen!«

»Jedes, mein Kind, glaube mir! Man hat zahllose Beispiele, daß solche überlustige Kumpane die besten, treuesten, zärtlichsten und aufmerksamsten Gatten geworden sind.«

»Es ist aber doch schlecht!«

»Man kann es nicht billigen, liebe Clara, allein man muß und darf es entschuldigen.«

»Ich sehe den Kapitän nicht mehr an, wenn er nicht ein ganz anderer Mensch wird.«

»Schwöre nicht darauf!« versetzte die Mutter lächelnd. »Man nennt uns nicht mit Unrecht das schwache Geschlecht. Ein Wort, ein Blick, eine Bitte versöhnt uns schneller, als wir glauben, und häufig sind grade die Fehler der Männer die scharfen Angelhaken, an denen wider Willen unsere Herzen hangen bleiben. Wir können wohl den Haß der Abwechselung wegen und um uns selbst zu genügen bisweilen versuchen, zur Meisterschaft bringen wir es in ihm nie. Auch aus dem geringsten unserer Blicke leuchtet [93] ein Versöhnungsfunke der vergebenden Liebe, die Gott in unser Herz gelegt hat! – Und was, mein Kind, was hat Dir der Kapitän gethan, daß Du so gar böse auf ihn bist?«

Clara seufzte, bückte sich, als suche sie etwas am Boden, und trocknete sich verstohlen die Thränen ab. Es war keine Frage, sie liebte Aurel. Die scharfsichtige Mutter bemerkte wohl die heftige Bewegung ihrer Tochter, sie ignorirte sie aber, da sie eine Neigung weder nähren noch unterdrücken wollte, von deren Reife sie sich noch nicht überzeugt hatte. Eben wollte sie das abgebrochene Gespräch wieder anknüpfen, da trat der Bediente ein und meldete Aurel.

Clara stand schnell auf und ging in's Nebenzimmer. Madame Oehlers gab Erlaubniß, den ungewöhnlich frühen Morgenbesuch einzulassen. –

Aurel war an diesem Morgen zeitig aufgestanden, hatte in größter Eile gefrühstückt und sich dann unverweilt auf den Weg nach Klütken-Hannes Keller gemacht. Der Eingang zur Kellertreppe stand bereits offen und war jetzt mit einigen abgetragenen, stellenweise schadhaften Kleidungsstücken behangen, um Kauflustige anzulocken. [94] Auf den obersten Stufen lagen Ringe, Schnallen, Ketten und andere Putzwaaren von unedlen Metallen in kleinen Körbchen zur Beschauung Vorübergehender bereit. Klütken-Hannes selbst saß am Fuß der Treppe auf einem wackeligen Rohrstuhle, rauchte aus kurzer Matrosenpfeife einen widerlich riechenden Tabak und schenkte sich aus einer schmutzigen Flasche in ein halbzerbrochenes Glas Genever, den er gierig hinunterstürzte. Sein freches, verthiertes Gesicht war aufgedunsen und verrieth an den röthlichblauen Flecken, die es schmückten, den Säufer von Profession. Eine ungeheure Warze auf dem linken Backen, zerrissen und in den weißlichgrauen Spalten mit starken Haaren bewachsen, vermehrte noch die thierische Rohheit, die sich in der ganzen Erscheinung des Trödlers aussprach.

Als sich der Raum unter der Treppe durch Aurels Eintritt verdunkelte, warf Klütken-Hannes einen schielenden Blick nach oben und goß sich dabei ein frisches Glas Genever in den breiten, von dem struppigen Bartwuchs einer Woche verunstalteten Mund.

»Aha, Sie sind's, Herr Kapitän,« redete er Aurel an, als er ihn erkannte, stand auf und [95] bemühte sich, ihn mit einer Art Compliment zu begrüßen. »Kann ich dienen? Echter Genever, scharf und heiß wie Feuer aus der Hölle! Ist zu brauchen bei solchem verfluchten Hundewetter!«

»Ich danke, Klütken-Hannes. Wie geht's Eurer Tochter?«

»Verteufelt gut, Herr Kapitän, aber ich will froh sein, wenn ich sie los bin! Seit Sie ihr den Kopf verdreht haben und ein vornehmes Fräulein aus ihr machen wollen, hört sie nicht mehr auf mich, die Wetterdirne!«

Der Trödler hatte inzwischen die Thür zum eigentlichen Keller geöffnet und forderte den Kapitän auf einzutreten. Elwire saß im Hintergrunde unter einem schief abfallenden Fenster, das nach dem Hofe hinausging und der unterirdischen Wohnung das einzige Licht gab. Sie war beschäftigt, einige Putzsachen, die sich auch die ärmsten Mädchen zu verschaffen wissen, in ein Bündel zusammenzupacken. Sie erwiederte den freundlichen Morgengruß Aurels durch eine stumme Verbeugung und ein hohes Erröthen, das selbst Nacken und Brust mit flüchtigem Purpur übergoß. Ihre Tracht war ärmlich, aber rein und [96] sauber. Ein Kleid von gestreiftem Kattun, hie und da schon geflickt, umhüllte Elwirens tadellose Glieder und trug durch seine Feinheit nur dazu bei, die herrlichen Formen des ungewöhnlich schönen Mädchens durchschimmern zu lassen. Ein kleiner Fuß, eine schmale schlanke Hand, obwohl von schwerer Arbeit gehärtet, zeichneten sie vor Hunderten ihrer Schwestern aus.

Aurel fand das Mädchen heut noch schöner, noch reizender, als am vergangenen Abend, und es reute ihn nicht, ein Wort gegeben zu haben, das ihm noch manche verdrießliche Stunde machen, zu mancher üblen Nachrede Anlaß werden konnte. Um Elwiren Muth einzuflößen, reichte er ihr brüderlich zutraulich die Hand und fragte sie, ob sie noch geneigt sei, heut wie gestern einen Freund und Beschützer in ihm erblicken zu wollen? Flüsternd bejahte Elwire diese Frage.

»Dann wollen wir uns einigen, Klütken-Hannes, und wo möglich im Guten. Was verlangt Ihr, wenn Ihr von Stund' an jeden Einfluß auf Elwire verlieren, wenn Ihr überhaupt Euch nicht im geringsten mehr um das Mädchen kümmern sollt?«

[97] »Herr Kapitän,« erwiederte der Trödler, »Kind bleibt immer Kind und Vater bleibt Vater, und wenn wir uns zusammen auch nicht immer zum Besten vertragen haben, so waren wir einander doch so zu sagen in's Herz gewachsen Nicht wahr, Elwire?«

Elwire seufzte und legte ein paar verschossene Schürzen auf ihrem kleinen Arbeitstischchen zusammen.

»Hören Sie's?« fuhr der Trödler fort. »Sie seufzt, daß ihr's Mieder knackt, wie lange wird's dauern, so fängt sie gar an zu heulen! O die Mädel und zumal die hübschen, die hängen an ihren Vätern mit einer Liebe, o mit einer Liebe –«

Den Schluß des Satzes verschluckte Klütken-Hannes zugleich mit einem frisch eingegossenen Glas Genever.

»Und also, sehen Sie, Herr Kapitän, das müssen Sie Alles mit einander, ich meine unsere Liebe und unsern Schmerz, – ja, das müssen Sie bezahlen – baar bezahlen!«

Der schnell genossene schwere Branntwein äußerte bereits seine Wirkungen auf den Trödler, was Aurel möglichste Beschleunigung seines [98] Geschäftes – denn ein solches war das zu treffende Abkommen – wünschenswerth machen mußte. Er hatte einen frechen, betrügerischen, herzlosen, jeder Schandthat fähigen Handelsmann vor sich, der nur auf seinen Nutzen bedacht war und jedes Mittel ergriff, wenn es nur zum Ziele führte.

»Klütken-Hannes,« versetzte Aurel, »erinnert Euch, daß Ihr gestern Abend bereits eine ansehnliche Summe von mir erhieltet. Diese will ich Euch schenken. Ihr könnt damit nach Belieben schalten und walten, könnt Euern Trödelkram vergrößern und besser ausstatten, könnt Euch einen wohnlicheren Keller miethen, oder die Summe, wenn Euch das mehr behagt, verjuxen –«

»Ja, verjuxen, mein' Seel', das ist's Beste! Verjuxen will ich tausend Mark, wenn ich sie erst habe! Nun, Herr Kapitän, wie ist's mit tausend Mark, he? Banko, versteht sich und in gutem alten Silber! Ist's nicht ein delikater Bissen für tausend Mark, wie? Noch keine achtzehn Jahr, weiß wie gefallener Schnee und schuldlos wie ein Gänschen! Mein' Seel', tausend Mark, 's ist ein Spottgeld!«

Aurels Blut kochte vor Wuth und Entrüstung, [99] aber er mußte den alten Sünder im Guten zu erhalten suchen, wenn er leichten Kaufes davon kommen wollte.

»Ihr kommt wieder auf Eure verruchten Sprünge, Klütken-Hannes, die in's Zuchthaus führen,« sagte er in ernstem Tone. »Ich will aus Rücksicht für Euer Kind die gottlosen Worte nicht gehört haben, die Ihr so eben ausstießt, und warne Euch nur, in diesem Tone nicht etwa fortzufahren!«

»Was da, Herr Kapitän, Handel ist Handel, und ob alte Lumpen oder frische junge Mädels, das ist all eins. Der Türke –«

»Ich hoffe, Ihr seid ein Christ, Klütken-Hannes.«

»So wahr es einen Gott im Himmel und einen Satan in der Hölle gibt!«

»Laßt uns also unsere Angelegenheit wie Christen beendigen. Gestern erhieltet Ihr an funfzig Mark Courant. Ich habe Euch gesagt, daß Ihr dieselben als Euer Eigenthum betrachten könnt. Wenn ich jetzt noch zweihundert Mark zulege, so glaube ich, wird dies vollkommen hinreichend sein, um Eure Helfershelferin, das schlechte Weib, das ich gestern hier traf, befriedigen [100] zu können und auch noch eine erkleckliche Summe übrig zu behalten.«

Der Trödler brummte mit unzufriedener Miene, goß sich abermals ein Glas Genever ein und stürzte es auf einen Schluck hinunter. Er taumelte vor Aurel hin und her, denn die ganze bisherige Unterredung war stehend geführt worden.

»Ist ein Preis für eine – puh, schämt Euch, Kapitän!«

»Zweihundert Mark, Klütken-Hannes! Bedenkt, daß Ihr für immer einer großen Sorge und Plage überhoben werdet und daß Euch Elwire keinen Stüber mehr kostet!«

»Oho, rechnen Sie die Thränen für nichts, Kapitän? Für nichts den Trennungsschmerz? Ich bin ein Vater, ich! Und ich habe auch ein Herz, ich, Herr Kapitän!«

Der halbtrunkene Trödelmann schwankte, die Flasche in der einen, das Glas in der andern Hand, während dieser großprahlerisch gesprochenen Worte von einem Bein auf's andere. Elwire faltete die Hände und sah mit stieren Augen, leichenblaß und vor Furcht und Scham zitternd, auf den entsetzlichen Vater.

[101] »Hier sind zweihundert Mark, Klütken-Hannes,« sagte Aurel, indem er eine strotzende Geldbörse, mit Gold und Silber gefüllt, hervorlangte, dem Trödler die Flasche entriß und die klingenden Münzen ihm in die Hand drückte. »Dafür hört Ihr auf, dieses Mädchen für Eure Tochter anzusehen; versprecht, Euch nie mehr um sie zu bekümmern, noch nach ihr zu fragen. Seid Ihr das Willens?«

»Ist mir bei allen Branntweinteufeln nicht möglich!« betheuerte der Trödler, eine wichtige Miene annehmend und sich mit der dicken, rauhen und häßlich behaarten Hand wiederholt auf die breite Brust schlagend, daß es dröhnte. »Ein Trinkgeld muß ich noch haben, sonst schick' ich zu Mutter Lievers und mein Töchterchen kehrt unter meine Zuchtruthe zurück!«

»Um Gottes willen, edler, großmüthiger Mann,« flehte Elwire, »geben Sie das nicht zu! Lieber will ich unter freiem Himmel liegen, will hungern und dürsten, als mich dem Willen jenes Weibes unterwerfen!«

»Da hören Sie's, Kapitän! Das Blitzmädel singt, treff' mich der Schlag, wie eine Drossel! Noch fünf und zwanzig Mark, und [102] das Vögelchen gehört Ihnen. Sie können's dann in einen silbernen oder goldenen Käfig stecken und ihm alle Federn einzeln ausrupfen, wird kein Hahn darüber krähen, sag' ich Ihnen!«

Aurel zog eine zweite Börse. Er fühlte, daß er seiner Entrüstung über die Scheußlichkeit dieses gänzlich verworfenen Menschen nicht mehr länger Meister werden könne, auch konnte er sich in die Lage des armen Mädchens versetzen, um das der eigene entmenschte Vater wie um ein Stück Schlachtvieh feilschte. Ruhig zählte er fünf und zwanzig Mark ab und warf sie dem Trödler verächtlich vor die Füße.

»Hier ist das Geld, mit dem Du Dir für immer den Eintritt zur ewigen Pein erkaufst, jetzt gib Raum, Klütken-Hannes, und sieh Dich vor, daß Du nie meine Wege kreuzest, sonst wehe Deinem Schädel!«

»Der Herr Kapitän haben nur zu befehlen,« erwiederte der Trödler mit grinsendem Lächeln, in dem sich die Freude über den abgeschlossenen Handel kund gab. Zugleich nahm er seine Kappe ab, kniete nach einigem Schwanken nieder und las die verstreuten Silberstücke zusammen, [103] die er sorgfältig nachzuzählen ungeachtet seines Rausches nicht vergaß.

Aurel hatte Elwire in seine Arme geschlossen, und indem er einen Kuß auf die kalte Stirn der Schluchzenden hauchte, sagte er gerührt: »Jetzt komm, armes, geduldiges Opferlamm! Nach so schweren Leiden soll Dich eine heitere Zukunft liebend umfangen.«

Während der Kapitän seinen Findling die schlüpfrige Kellertreppe hinaufgeleitete, fiel der matte Wiederschein eines zurückgeworfenen Sonnenstrahles auf die in Körbchen ausgestellten Schmucksachen. Die abgeputzten unedlen Metalle glitzerten wie das reinste Gold und veranlaßten durch ihr trügerisches Glänzen, daß Aurel beim Vorübergehen einen Blick auf das flimmernde Durcheinander warf. Dabei gewahrte er einen kleinen Siegelring, der unter einer vergoldeten Kette hervorguckte und mehr als die übrigen Kostbarkeiten glänzte. Er bückte sich, um einen schärferen Blick darauf zu werfen, und da er glauben mußte, der Ring bestehe aus feinem Gold, so entließ er Elwire aus seinem Arm und hob den Ring auf. Ein Blick darauf machte ihn staunen, er vergaß, was ihn so eben noch ganz [104] beschäftigt hatte, und während er vergebens den Ring an einen seiner starken Finger zu stecken versuchte, rief er mit überlauter Stimme in den Keller hinunter:

»Klütken-Hannes, komm sogleich herauf! Ich will etwas von Dir kaufen!«

Brummend, noch mit dem Sammeln des erhaltenen Geldes beschäftigt, wankte der Trödler die Treppe herauf.

»Von wem hast Du diesen Ring gekauft?« rief ihm Aurel zu, indem er ihm das Kleinod entgegen hielt.

»Welchen Ring, Herr Kapitän?«

»Hier, diesen Siegelring, trunkener Schelm!«

Klütken-Hannes schielte mit halbem Auge nach dem Schmuck und versetzte murrend: »Weiß ich nicht mehr! Irgend ein verkommenes Weibsbild hat ihn mir doch an den Hals geworfen.«

»Du lügst, Schurke! Heraus mit der Sprache, sag' ich, oder ich behandle Dich wie einen Dieb! Der Ring ist ächt und trägt das Wappen eines alten Adelsgeschlechtes.«

Jetzt ward auch Elwire aufmerksam und bat den Kapitän mit sanftem Blick um die Erlaubniß, den Fund ebenfalls betrachten zu dürfen. [105] Der Trödler murmelte unverständliche Worte in den Bart.

»Vater,« sagte Elwire, erröthend, daß sie dem widerlichen, verworfenen Manne diesen Namen geben mußte, »erinnert Ihr Euch nicht mehr, wie Ihr zu diesem Ringe gekommen seid?«

»Wenn dem Herrn Kapitän an dem Goldreif so viel gelegen ist, was bietet er mir dafür?« fragte Klütken-Hannes ausweichend.

»Es sind vier Wochen her, daß Ihr ihn im Kartenspiel gewannt. So wenigstens sagtet Ihr, als ich das Kleinod am Morgen in Eurer Rocktasche fand.«

»Der Ring gehört mir,« versetzte der Trödler trotzig, »und wer mir ihn gut bezahlt, soll ihn haben.«

»Wer besaß ihn vor Euch?« fragte Aurel. »Ihr seht, der Ring ist auf den Finger einer Frau gemacht.«

Klütken-Hannes schlug ein rohes Gelächter auf. »Glauben Sie, ich sei allwissend?« sagte er. »Wahrhaftig, ich müßte ein Gedächtniß haben, wie der abgerichtete Elephant auf dem Berge, wenn ich all' das Lumpengesindel noch kennen sollte, von dem ich irgend einmal Sachen [106] eingehandelt habe! Ich kaufe, was mir angeboten wird, im Fall ich es brauchen kann; wer es feil bietet, gilt mir gleich. Die Waare, nicht der Verkäufer ist es, mit der ich Handel treibe.«

»Besinnt Euch, Klütken-Hannes! Wenn Ihr mir einen sichern Fingerzeig über den frühern Besitzer dieses Ringes geben könnt, so zahle ich Euch einen hamburger Thaler mehr, als der Ring werth ist! Ihr habt nach Elwirens Behauptung den Schmuck im Spiele gewonnen – und noch dazu erst vor vier Wochen! Das ist eine kurze Zeit. Ueberdies sieht man einem Spieler scharf in's Auge, prägt sich seine Gesichtszüge fest in's Gedächtniß, damit man bei gelegener Zeit Revanche von ihm fordern kann. Alles das habt Ihr unzweifelhaft aus natürlichem Instinct gethan und mithin werdet Ihr, wenn Ihr nur wollt, mir Wohnort und Namen dessen nennen können, der über diesen Reif vor Euch als über sein rechtmäßiges Eigenthum verfügte.«

»Lassen Sie doch 'mal sehen,« sagte der Trödler, sieh an die Kellerwand lehnend, um das Gleichgewicht nicht zu verlieren, und streckte seine [107] schmutzige Hand nach dem Ringe aus. »Wenn ich das Ding genau begucke, erinnere ich mich vielleicht. Ich habe viel solchen Quark erspielt und verwechsele oft eins mit dem andern.«

Aurel ließ den Ring in die Hand des Trödlers gleiten. Dieser besah ihn von allen Seiten, schüttelte den Kopf, kniff die feuchten, blutunterlaufenen Augen zu, als wolle er mit Gewalt aus dem Sumpfe seines Gedächtnisses etwas herauspressen, und schlug sich endlich mit geballter Faust vor die Stirn.

»Dummkopf!« rief er aus. »Warum konnte mir das nicht gleich einfallen!« – Und zu Aurel gewendet, fuhr er fort:

»Nun ja, Herr Kapitän, wenn Sie 'was dran wenden wollen als Trinkgeld, so denk' ich Ihnen die Wege zeigen zu können, auf welchen Sie den Bengel finden, der mir schon manchen Schilling abgenommen hat. Ist's auch Ihr Ernst?«

»Meine Hand darauf!«

»Am sichersten treffen Sie den Teufelskerl in der Mohrentaverne auf dem Berge,« sagte Klütken-Hannes. »Dort hockt er alle Nächte am Spieltisch oder auf dem Orchester, um durch [108] Betrug und Geigenspiel sich die Mittel zu verschaffen, seinen Leib mit der erforderlichen Ladung Grog versehen zu können. 's Ist ein lustiger, wilder Teufel, hundertmal reif für Galgen und Rad, aber die Hölle hält ihn warm und so läßt sie ihn hier seine Wirthschaft treiben, bis die letzte Scherbe zerbrochen ist.«

»Sein Name?« fragte Aurel mit Heftigkeit.

»Im Kirchenbuche mag er wohl anders heißen, als in der Mohrentaverne,« antwortete immer lachend der Trödler, »kann's also nicht beschwören, ob ich Ihnen den rechten Namen des alten Fuchses nenne. So lange ich ihn kenne und dann und wann mit ihm zusammen trank oder ein Geschäft abmachte, rief ihn der ganze Troß Blutrüssel.«

»Das ist Alles, was Ihr von ihm wißt?«

»Wollen Sie mehr erfahren, Herr Kapitän, so gehen Sie in die Mohrentaverne und fragen die Matrosen. Antwort kriegen Sie mit Zunge oder Faust, darauf können Sie fluchen.«

Aurel senkte einige Augenblicke nachdenkend den Kopf.

[109] »Wäre es möglich!« sagte er halblaut zu sich selbst. »Sollten aus längst vergangener Zeit, die mein Auge nie sah, Geheimnisse auftauchen und ein trübes Element in mein bis jetzt so heiteres Dasein bringen? – Oder wäre es Täuschung, Betrug? – Wohlan, wie dem auch sei, es steht ein neues, interessantes, vielversprechendes Abenteuer in Aussicht und ich stürze mich ihm unbedingt in die Arme.«

Der Kapitän fragte nach dem Preise des Ringes, bezahlte ohne Widerrede die Forderung des Trödlers, legte das versprochene Trinkgeld dazu und bot dann abermals Elwire höflich seinen Arm, sie mit schnellen Schritten aus dem feuchten, dumpfigen Gange nach der nächsten Straße geleitend. Hier wartete bereits ein Wagen. Der Kapitän nöthigte das schöne Mädchen, einzusteigen, und nahm neben ihr Platz. Als der Wagen in raschem Trabe über das Pflaster rollte, fragte Elwire bescheiden den nachdenklich neben ihr Sitzenden, ob sie es sei, die ihn so wehmüthig gestimmt habe?

»Sie, gute Elwire, machen mein Herz in frohen Pulsen schlagen,« gab Aurel zur Antwort. [110] »Dieser Ring aber, den ich seltsamerweise bei Ihnen finden mußte, beunruhigt mich und jagt tausend Gedanken im Sturm durch mein Gehirn. Er trägt das Wappen meines Hauses!«

5. Kapitel
[111] Fünftes Kapitel.
Bianca.

Gefesselt von Elwirens Schönheit und ungewöhnlich erregt von dem zufällig gemachten Funde, begrüßte der Kapitän Madame Oehlers, die ihn mit mütterlicher Freundlichkeit empfing. Seine Schutzbefohlene hatte Aurel einstweilen einer Dienerin übergeben, da er es doch für nöthig hielt, die ihm wohlwollende Dame vorher noch persönlich zu sprechen.

»Darf ich Verzeihung hoffen, gnädige Frau, Verzeihung für meinen Ungestüm?« sagte der junge Mann, sein feuriges Auge auf den immer sanften Blick der Wittwe richtend.

»Gewiß, mein Freund,« versetzte Madame Oehlers anmuthig lächelnd. »Aber Sie geben [112] mir Räthsel auf, Graf, und Sie wissen doch, daß sich meine unzulängliche Bildung nie entschiedener geltend macht, als wenn es dergleichen Geistesknoten zu lösen gibt.«

»Haben Sie meine hastigen Zeilen erhalten?«

»Wie hätte ich Sie ohne dieselben so früh am Tage empfangen können!«

Aurel fühlte den zarten Verweis, der in dieser Antwort liegen konnte, erfaßte die Hand seiner Freundin und erwiederte, indem er sie an seine Lippen führte:

»Nochmals Verzeihung, meine Gnädige, Verzeihung wegen meines Verstoßes gegen alle Sitte! Ich konnte nicht anders – ein sonderbares Verhängniß zwang mich zu so ungewöhnlichem Schritte! O Gott, theure Freundin, Sie ahnen nicht, wie es in mir stürmt!«

Besorgt ließ die Matrone einen forschenden Blick über den Aufgeregten gleiten. »In der That, lieber Graf,« sagte sie, »es muß Ihnen etwas höchst Seltsames begegnet sein, denn so tief ergriffen sah ich Sie noch nie! Reden Sie, ich bitte, und wenn irgend meine Vermittelung Ihnen Beruhigung verschaffen kann, so sichere [113] ich Ihnen diese auf das bestimmteste jetzt schon zu.«

Aurel drückte der menschenfreundlichen Frau dankend die Hand. »Von Ihrem Edelmuth durfte ich dies erwarten,« versetzte er etwas gefaßter. »Gestehe ich es Ihnen denn, daß ich seit zwölf Stunden ein anderer Mensch geworden bin. Könnte ich Ihnen mit zwei Worten sagen, was mich bewegt und erschüttert, Sie würden mich eben so wenig wieder erkennen, wie ich mich selbst in diesem Augenblicke nicht kenne. Ich glaube, es wäre mir ein Leichtes, Einsiedler, Trappist oder gar Herrnhuter zu werden. Bei Gott!«

Madame Oehlers konnte ein feines Lächeln nicht ganz unterdrücken. »Das sind Einfälle eines heftig bewegten Gemüthes, lieber Graf,« gab sie zur Antwort. »Werden Sie ruhig, überblicken, überlegen Sie das Vorgefallene, und was Sie jetzt so gewaltig beunruhigt, wird spurlos wieder verschwinden. Ich fürchte, mein Freund, Sie haben in vergangener Nacht zu sehr geschwärmt,« setzte sie leicht drohend hinzu.

»Soll ich läugnen, daß ich mit dieser Absicht mich in das Gewühl der Menschen stürzte?« [114] entgegnete Aurel. »Wozu dies, da Sie mich, meine Natur, meine Neigungen kennen. Rascher, flüchtiger Genuß ist das heitere Element, in dem ich mich am liebsten bewege; mannichfachste Abwechselung verlangt mein schnell verzehrendes Temperament, und wenn ich ihm solchen verschaffe, so folge ich nur der Stimme der Natur, die laut fordernd stündlich an mich ergeht. Das Naserümpfen prüder Schönen und pedantischer Minutenmenschen kümmert mich nicht! Die See mit ihrem Wellengebrause und Sturmesdonner hat alle kleinliche Rücksichtnahme aus meinem Geiste weggefegt. Die Brust ist frei und stark, der Muth immer frisch und begehrend, warum also soll ich mich da nicht ganz so geben, wie ich nun eben bin und wie ich mich allein natürlich fühle? Aber diese Nacht hat mich so abgekühlt, als wäre ich ein halb Dutzend Mal gekielholt worden!«

»War das Mädchen, von dem Sie mir schrieben, eine so kühle Nymphe?« fragte Madame Oehlers.

»Foppen Sie mich immerhin, beste Freundin, Sie haben ein Recht dazu, wenn Sie nur gewähren, was ich fordere!«

[115] »Lieber Graf,« entgegnete die Wittwe, »Sie haben in dem edelmüthigen Drange Gutes zu thun vielleicht eine Unbesonnenheit begangen, die ich, weil Sie so offen gegen mich sind, im Fall der Noth mit auf meine schwachen Schultern nehmen will. Das Mädchen, das Sie so außerordentlich aufgeregt hat, soll eine Mutter in mir finden.«

Aurel athmete freier und ein unaussprechlicher Blick innigsten Dankes brach aus seinem feurigen Auge. »Ich danke,« sagte er gerührt, »mögen Ihnen diese zwei dürren Worte genügen! In späteren Tagen finde ich wohl schönere, klingendere Redensarten. Aber, beste Freundin, Sie haben mich in einem falschen Verdacht, wenn Sie glauben, es sei dies verlassene, gemißhandelte schöne Kind die Ursache, welche mir die Gedanken wie ein Wirbelwind rastlos durch das Gehirn peitscht. Das arme Mädchen interessirte mich, forderte meine Menschlichkeit heraus, aber was mich so krampfhaft durchschüttert, das ist etwas viel Geringeres.«

»Vergeben Sie mir als Weib ein klein wenig Neugierde? Ich wage zu fragen.«

[116] Aurel zeigte auf den kleinen Finger seiner linken Hand. »Wofür halten Sie dies?«

»Ich denke für einen Wappenring, wie ihn Frauen tragen.«

»Wie ihn Frauen tragen!« wiederholte der Kapitän und senkte nachdenkend das Haupt.

»Finden Sie dies so wunderbar? Oder führte Ihre verewigte Mutter bei Lebzeiten nicht einen ähnlichen Ring?«

»Eben das ist's, das ist's, was mich so tief bewegt!« rief Aurel aus. »Ich besitze den Ring meiner geliebten todten Mutter – er gleicht diesem nicht im geringsten, die Wappenzier ausgenommen – und nun muß ich solchen Fund bei solchem Manne thun! Das ist entsetzlich!«

Madame Oehlers, die immer verwirrter wurde durch Aurels unzusammenhängende Aeußerungen, bat um genauere Angabe und Aussprache, wozu sich denn der Kapitän nach einigen abermaligen Abschweifungen verstand. Er theilte der aufmerksamen Freundin mit, was wir bereits wissen, und verrieth ihr sogar den Ort, wo ihm weitere Auskunft von dem betrunkenen Trödler versprochen worden war.

»Und dies Alles muß Schlag auf Schlag [117] schnell nach einander geschehen! Muß geschehen fast in dem Augenblicke, wo ich einen so beunruhigenden Brief von meinem Bruder aus der Lausitz erhalte!«

Da Madame Oehlers von diesem Briefe nichts wußte, fragte sie jetzt danach und Aurel theilte das Wesentliche seines Inhaltes ebenfalls der Freundin mit. »Muß dies ein einfaches Menschengehirn nicht verwirren?« sagte er, die Erzählung beendigend. »Bei Gott, ich bin rathlos, rathloser, als hätte die heftigste Sturzsee das Steuer meiner schönsten Brigg zerbrochen!«

Die Wittwe überlegte einige Minuten das Vernommene, dann sagte sie mit freundlicher Ruhe: »Halten Sie die beiden Greise, welche auf Boberstein bei Ihrem Bruder mit so wunderbaren Anforderungen erschienen sind, für Betrüger?«

»Anfangs lachte ich darüber, gnädige Frau, wie dies in meiner Natur liegt, seit heut Morgen aber, wo dieser räthselhafte Ring in meine Hände kam, nicht anders, als würfe ihn ein dunkles Verhängniß absichtsvoll vor mich hin, beunruhigt mich die Mittheilung meines Bruders. – Bedenken Sie selbst, wenn die tausend Schreckensahnungen [118] auch nur in eine einzige entsetzliche Wirklichkeit zusammenliefen, wenn diese Wirklichkeit jetzt aus ihrem dunkeln so lange verborgenen Dasein auftauchte und als rächende Schreckensgestalt vor uns träte und von den Kindern Rechenschaft forderte für die Missethaten des Vaters! – O ich bitte, erwägen Sie diese Möglichkeit und sagen Sie, ob ich dann nicht Ursache habe, ernst zu werden, zu schaudern und zu zittern?«

»Wer gibt Ihnen ein Recht, lieber Graf, sich mit so düstern Phantasien nutzlos zu peinigen?«

»Wer? – Mein Gott, Adrians Brief und meine Ahnung, seit ich diesen Ring gefunden! – Ich kann das Wort der Schrift nicht mehr aus meinem Gedächtniß verjagen: die Sünden der Väter werden heimgesucht an den Kindern bis in's dritte und vierte Glied!«

»Nehmen wir die Drohung in diesem göttlichen Wort nicht so gar wörtlich, lieber Freund,« versetzte Madame Oehlers. »Wie vermöchten wir eine einzige Stunde ruhig zu leben, freudigen Herzens für der Welt Bestes zu wirken, wenn sich ein solch gräßliches Gespenst in unserm Geiste [119] fest einnistete. Wir sind freilich alle schwache, sündige Menschen, aber uns ist auch Vergebung verheißen, wenn aufrichtige Reue uns die Augen zum letzten Schlummer verschließt.«

»Mein Vater kannte die Reue nicht,« sagte Aurel, sichtbar erschüttert. »Ich erinnere mich noch mit Entsetzen, obwohl ich damals noch ein leichtfertiger Knabe war, der letzten Tage seines Lebens. Er konnte nicht sterben, der Arme! Seine Todesangst stieg bis zu wilder Raserei. Man mußte ihn schließen, um ihn nur bändigen zu können. So lag er drei Tage. Wir Kinder schlichen wohl hundert Mal an der Thür vorüber, die ihn unsern Blicken entzog, und flohen entsetzt, wenn wir das Klirren der Ketten, das hohle, dumpfe Lachen, das Knirschen seiner Zähne vernahmen. Die letzten Stunden schlug er die Wände und die Luft mit seinen Ketten, indem er unbekannte Namen nannte, Geister Verstorbener, die ihm erschienen und mit denen er kämpfen mußte. Ihren grausamen Umarmungen erlag er stöhnend, und röchelnd, wüste Flüche lallend, hauchte er seine gemarterte Seele aus! Man zeigte uns die Leiche nicht. Sie soll grauenvoll ausgesehen haben. Ganz in der Stille, ohne [120] Begleitung ward sie beigesetzt. So befahl es der Arzt und – die Unterthanen, sagte man! – Sind das nun wohl Erinnerungen, die mich beruhigen können?«

Obwohl Madame Oehlers von den Familienverhältnissen Aurels ziemlich genau unterrichtet war, hatte sie doch nicht über alle Epochen aus dem Leben des Grafen Magnus gleich ausführliche Nachrichten erhalten. Nach Aurels letzten Aeußerungen begann sie mit ihm besorgt zu werden, und konnte jetzt selbst nicht mehr das Bild eines langsam aus verschütteten Gräbern aufsteigenden Rachegeistes los werden. Um jedoch den heftig bewegten jungen Mann einigermaßen zu beruhigen, rieth sie ihm, vorläufig noch Alles für ein seltsames Zusammentreffen von Umständen anzusehen und ungesäumt dem Fingerzeige nachzugehen, den Klütken-Hannes ihm angedeutet hatte.

»Es ist höchst wahrscheinlich,« sprach sie, »daß der widerliche rohe Mensch sich aus Rache, weil Sie ihn in seiner eigenen Wohnung zum Sclaven Ihres Willens machten, einen so abscheulichen Scherz erlaubt hat. Dieser Ring kann Ihrer Familie gehört haben und verloren gegangen [121] sein. Irgend ein Wanderer hat ihn gefunden und verkauft und so ist er von Hand zu Hand gegangen bis in den Keller dieses Trödlers. Dies Alles aber beweist noch nichts gegen Sie, gibt dem aus Polens Wäldern heimgekehrten alten Wenden, der mit einer Klage gegen das Haus Boberstein auftreten will, kein Fleckchen fester Erde, auf dem er fußen könnte. Forschen Sie also nach und Sie werden erheitert gestehen, daß Sie ein bloßer Popanz erschreckt hat.«

Dies leuchtete dem Kapitän ein. Er versprach der Freundin Rath zu befolgen, bat nochmals dringend, das aus den Händen des Wüthrichs befreite Mädchen mütterlich wohlwollend aufzunehmen, und begab sich, während die Wittwe in das Zimmer ihrer Dienerin trat, wo Elwire bisher gewartet hatte, sogleich auf den Weg.

Es blieb dem Kapitän hinlängliche Zeit, mit sich selbst zu Rathe zu gehen, da jene Tavernen, wo der gemeine Matrose in den Genüssen des Lebens auf dem festen Lande schwelgt, erst in den späteren Abendstunden besucht werden. Theils, weil Aurel wenig Geschäfte zu besorgen [122] hatte, theils, weil sie ihm verhaßt waren, ging er gaßauf, gaßab, diesmal nicht der bittenden Mädchen achtend, die mit ihren Blumensträußern vor und neben ihm hertanzten. Er schlug den Weg nach dem Baumhause ein. Dort konnte er hoffen, zahlreiche Bekannte zu treffen, vielleicht auch waren neue Schiffe eingelaufen, deren Kapitäne interessante Nachrichten aus ferner Welt mitbrachten. Was draußen jenseit des Meeres, was im farbigen Süden Europa's oder unter der glühenden Sonne des Aequators vorging, das zog ihn mehr an, als die heimische nach kleinem oder großem Gewinn athemlos rennende Welt.

Das Baumhaus war sehr besucht. Schiffsmäkler und Kapitäne aller Länder saßen in Gruppen um kleine Tische, aßen frische Austern, Lachs oder Caviar und tranken dazu heiße spanische Weine. Die Conversation ward fast in allen Sprachen geführt, doch herrschte das Englische entschieden vor. Neben einigen Bekannten nahm Aurel Platz, bestellte ein Frühstück und las die neuesten Schiffsnachrichten im Correspondenten. Dabei horchte er zuweilen auf die Gespräche der zunächst Sitzenden, ohne selbst Theil daran zu [123] nehmen, denn er fühlte sich durchaus verstimmt.

»Bei Gott, das hätt' ich über dem neuesten Wirrsal beinahe vergessen!« rief er halblaut aus, als sein Blick auf die großgedruckte Anzeige eines Concertes fiel, das Nachmittags im Elbpavillon gehalten werden sollte.

»Arme Verirrte,« fuhr er fort, »mit welcher Verachtung würdest Du Dein eiskaltes Auge über das Gewühl der Männer haben gleiten lassen, wenn Du Dich von mir getäuscht gesehen hättest! – Aber mein Gott, was ficht mich denn eigentlich an, daß ich jetzt auf einmal allen Schutzlosen Schirm und Schild sein muß? Es ist komisch, bei Gott, und wenn ich noch ein paar Tage mit gleichem Glück so fortfahre, habe ich am Ende der Woche einen ganz hübschen Harem beisammen. Ich will vier und zwanzig Stunden im Mastkorbe sitzen, wenn ich weiß, was ich mit der blassen Brünette anfangen soll! Habe ich doch sogar ihren Namen vergessen! – Und zu welchem Zwecke will ich sie aufsuchen? Weil sie mir gefiel, mich reizte? Oder aus kindischer Neugier, um rührende Scenen aus ihrem Leben zu erfahren? – Pfui, Aurel! Streife [124] diese ekle Hülle schändender Selbstsucht von Dir und lebe für gemeinnützige Zwecke! Das Mädchen hat meine Zusage, ich muß sie halten. Mag dann geschehen, was immer will, es kann doch unmöglich meine Unruhe noch vermehren.«

Nachdem unser Freund einen so edelmüthigen Entschluß gefaßt hatte, verließ er das Baumhaus, da er die gewünschte Zerstreuung nicht fand. Mittlerweile war die Zeit der Börse beinahe herangekommen, die er mehr aus Gewohnheit als aus wirklichem Bedürfniß zu besuchen pflegte. Er ging daher nicht erst in seine nahe Wohnung, sondern verfügte sich zuvörderst auf die Börsenhalle, wo sich um diese Zeit die Hamburger Kaufmannswelt versammelt. Hier und später an der Börse selbst fand Aurel so viel Unterhaltung, daß er momentan vergaß, was ihn quälte und, weil er nicht daran gewöhnt war, ihm das Leben verbitterte. Auf dem Platze zwischen Rathhaus und Bank mit einigen lustigen Freunden auf und abwandelnd, verging die Zeit in gewünschter Schnelligkeit, und als auch die Börse vorüber war und nun jeder seiner Wege ging, nahm Aurel die Freunde am Arm und zog sie mit sich fort, bis sie seinem Drängen nachgaben[125] und ihm bei Tafel Gesellschaft zu leisten versprachen. Nun ward er wieder heiter, denn er wußte, daß ihm bei Gespräch und Wortwechsel keine Zeit übrig bleiben konnte, an die ärgerliche Angelegenheit früher zu denken, als es nöthig sein würde. So zeigte der körperlich robuste, an die größten Anstrengungen gewöhnte Kapitän, daß die geistige Lebenskraft von seinem sinnlichen, dem Genuß ergebenen Temperament weit überwogen wurde, und daß er bei all seiner Rüstigkeit doch eigentlich das verwöhnte Kind einer siechenden, matten und schlaffen Zeit war.

Das Diner verlängerte sich bis gegen Sonnenuntergang, so daß Aurel, der sich absichtlich nicht übereilte, erst bei grauer Abenddämmerung den Elbpavillon erreichte. Er wußte aus Erfahrung, daß um diese Zeit der Andrang Vergnügungslustiger am stärksten, das Gewühl in dem geräumigen Saale des Etablissements so lebhaft sei, daß Keiner den Andern beachtete. Und unbeachtet wünschte er zu sein, wenn er mit Bianca zusammentraf.

Die rauschende Concertmusik hatte verhältnißmäßig wenig Damen angelockt. Die Anwesenden verloren sich fast gänzlich unter den Hunderten [126] von Männern, die in modernster Kleidung rauchend und sprechend den Saal und die Nebenzimmer anfüllten. Dieser Umstand erleichterte Aurel das Auffinden Bianca's. Er traf sie wirklich an dem angegebenen Orte, ein Sträußchen m