Ilias
(Ilias)

1. Gesang

[5] I. Gesang.

Den Priester Chryses zu rächen, dem Agamemnon die Tochter vorenthielt, sendet Apollon den Achaiern eine Pest. Agamemnon zankt mit Achilleus, weil er durch Kalchas die Befreiung der Chryseis fordern ließ, und nimmt ihm sein Ehrengeschenk, des Brises Tochter. Dem zürnenden Achilleus verspricht Thetis Hilfe. Entsendung der Chryseis und Versöhnung Apollons. Der Thetis gewährt Zeus so lange Sieg für die Troer, bis ihr Sohn Genugtuung erhalte. Unwille der Here gegen Zeus. Hephästos besänftigt beide.


Singe den Zorn, o Göttin, des Peleiaden Achilleus,

Ihn, der entbrannt den Achaiern unnennbaren Jammer erregte
Und viel tapfere Seelen der Heldensöhne zum Ais
Sendete, aber sie selbst zum Raub darstellte den Hunden
Und dem Gevögel umher. So ward Zeus' Wille vollendet:
Seit dem Tag, als erst durch bitteren Zank sich entzweiten
Atreus' Sohn, der Herrscher des Volks, und der edle Achilleus.
Wer hat jene der Götter empört zu feindlichem Hader?
Letos Sohn und des Zeus. Denn der, dem Könige zürnend,
Sandte verderbliche Seuche durchs Heer; und es sanken die Völker:
Drum, weil ihm den Chryses beleidiget, seinen Priester,
Atreus' Sohn. Denn er kam zu den rüstigen Schiffen Achaias,
Freizukaufen die Tochter, und bracht unendliche Lösung,
Tragend den Lorbeerschmuck des treffenden Phöbos Apollon
Um den goldenen Stab; und er flehete laut den Achaiern,
Doch den Atreiden vor allen, den zween Feldherren der Völker:
Atreus Söhn und ihr andern, ihr hellumschienten Achaier,
Euch verleihn die Götter, olympischer Höhen Bewohner,
Priamos' Stadt zu vertilgen und wohl nach Hause zu kehren;
Doch mir gebt die Tochter zurück und empfahet die Lösung,
Ehrfurchtsvoll vor Zeus' ferntreffendem Sohn Apollon.
Drauf gebot beifallend das ganze Heer der Achaier,
Ehrend den Priester zu scheun und die köstliche Lösung zu nehmen.
Aber nicht Agamemnon, des Atreus Sohne, gefiel es;
Dieser entsandt ihn mit Schmach und befahl die drohenden Worte:
Daß ich nimmer, o Greis, bei den räumigen Schiffen dich treffe,
Weder anitzt hier zaudernd noch wiederkehrend in Zukunft!
Kaum wohl möchte dir helfen der Stab und der Lorbeer des Gottes!
Jene lös ich dir nicht, bis einst das Alter ihr nahet,
[5] Wann sie in meinem Palast in Argos, fern von der Heimat,
Mir als Weberin dient und meines Bettes Genossin!
Gehe denn, reize mich nicht, daß wohlbehalten du kehrest!
Jener sprach's, doch Chryses erschrak und gehorchte der Rede.
Schweigend ging er am Ufer des weit aufrauschenden Meeres;
Und wie er einsam jetzt hinwandelte, flehte der Alte
Viel zum Herrscher Apollon, dem Sohn der lockigen Leto:
Höre mich, Gott, der du Chrysa mit silbernem Bogen umwandelst
Samt der heiligen Killa und Tenedos mächtig beherrschest.
Smintheus! hab ich dir je den prangenden Tempel gekränzet,
Oder hab ich dir je von erlesenen Farren und Ziegen
Fette Schenkel verbrannt, so gewähre mir dieses Verlangen:
Meine Tränen vergilt mit deinem Geschoß den Achaiern!
Also rief er betend; ihn hörete Phöbos Apollon.
Schnell von den Höhn des Olympos enteilet' er zürnenden Herzens,
Auf der Schulter den Bogen und rings verschlossenen Köcher.
Laut erschollen die Pfeile zugleich an des Zürnenden Schulter,
Als er einher sich bewegt'. Er wandelte düster wie Nachtgraun,
Setzte sich drauf von den Schiffen entfernt und schnellte den Pfeil ab;
Und ein schrecklicher Klang entscholl dem silbernen Bogen.
Nur Maultier' erlegt' er zuerst und hurtige Hunde:
Doch nun gegen sie selbst das herbe Geschoß hinwendend,
Traf er; und rastlos brannten die Totenfeuer in Menge.
Schon neun Tage durchflogen das Heer die Geschosse des Gottes.
Drauf am zehnten berief des Volks Versammlung Achilleus,
Dem in die Seel es legte die lilienarmige Here;
Denn sie sorgt' um der Danaer Volk, die Sterbenden schauend.
Als sie nunmehr sich versammelt und vollgedrängt die Versammlung,
Trat hervor und begann der mutige Renner Achilleus:
Atreus' Sohn, nun denk ich, wir ziehn den vorigen Irrweg
Wieder nach Hause zurück, wofern wir entrinnen dem Tode,
Weil ja zugleich der Krieg und die Pest hinrafft die Achaier.
Aber wohlan, fragt einen der Opferer oder der Seher
Oder auch Traumausleger (auch Träume ja kommen von Zeus her),
Der uns sage, warum so ereiferte Phöbos Apollon,
Ob versäumte Gelübd ihn erzürneten, ob Hekatomben:
Wenn vielleicht der Lämmer Gedüft und erlesener Ziegen
[6] Er zum Opfer begehrt, von uns die Plage zu wenden.
Also redete jener und setzte sich. Wieder erhub sich
Kalchas, der Thestoride, der weiseste Vogelschauer,
Der erkannte, was ist, was sein wird oder zuvor war,
Der auch her vor Troja der Danaer Schiffe geleitet
Durch wahrsagenden Geist, des ihn würdigte Phöbos Apollon;
Dieser begann wohlmeinend und redete vor der Versammlung:
Peleus' Sohn, du gebeutst mir, o Göttlicher, auszudeuten
Diesen Zorn des Apollon, des fernhin treffenden Herrschers.
Gerne will ich's ansagen; doch du verheiße mit Eidschwur,
Daß du gewiß willfährig mit Wort und Händen mir helfest.
Denn leicht möcht erzürnen ein Mann, der mächtigen Ansehns
Argos' Völker beherrscht und dem die Achaier gehorchen.
Stärker ja ist ein König, der zürnt dem geringeren Manne.
Wenn er auch die Galle den selbigen Tag noch zurückhält,
Dennoch laurt ihm beständig der heimliche Groll in dem Busen,
Bis er ihn endlich gekühlt. Drum rede du, willst du mich schützen?
Ihm antwortete drauf der mutige Renner Achilleus:
Sei getrost und erkläre den Götterwink, den du wahrnahmst.
Denn bei Apollon fürwahr, Zeus' Lieblinge, welchem, o Kalchas,
Flehend zuvor, den Achaiern der Götter Rat du enthüllest:
Keiner, solang ich leb und das Licht auf Erden noch schaue,
Soll bei den räumigen Schiffen mit frevelnder Hand dich berühren,
Aller Achaier umher! Und nenntest du selbst Agamemnon,
Der nun mächtig zu sein vor allem Volke sich rühmet.
Jetzo begann er getrost und sprach, der untadlige Seher:
Nicht versäumte Gelübd erzürnten ihn noch Hekatomben,
Sondern er zürnt um den Priester, den also entehrt' Agamemnon,
Nicht die Tochter befreit' und nicht annahm die Erlösung:
Darum gab uns Jammer der Treffende, wird es auch geben.
Nicht wird jener die schreckliche Hand abziehn vom Verderben,
Bis man zurück dem Vater das freudigblickende Mägdlein
Hingibt, frei, ohne Entgelt und mit heiliger Festhekatombe
Heim gen Chrysa entführt. Das möcht ihn vielleicht uns versöhnen.
Also redete jener und setzte sich. Wieder erhub sich
Atreus' Heldensohn, der Völkerfürst Agamemnon,
Zürnend vor Schmerz; es schwoll ihm das finstere Herz von der Galle,
[7] Schwarz umströmt, und den Augen entfunkelte strahlendes Feuer.
Gegen Kalchas zuerst mit drohendem Blicke begann er:
Unglücksseher, der nie auch ein heilsames Wort mir geredet!
Immerdar nur Böses erfreut dein Herz zu verkünden!
Gutes hast du noch nimmer geweissagt oder vollendet!
Jetzt auch meldest du hier als Götterspruch den Achaiern,
Darum habe dem Volk der Treffende Wehe bereitet,
Weil für Chryses' Tochter ich selbst die köstliche Lösung
Anzunehmen verwarf. Denn traun! weit lieber behielt ich
Solche daheim, da ich höher wie Klytämnestra sie achte,
Meiner Jugend Vermählte; denn nicht ist jene geringer,
Weder an Bildung und Wuchs noch an Geist und künstlicher Arbeit.
Dennoch geh ich sie willig zurück, ist solches ja besser.
Lieber mög ich das Volk errettet schaun denn verderbend.
Gleich nur ein Ehrengeschenk bereitet mir, daß ich allein nicht
Ungeehrt der Danaer sei; nie wäre das schicklich!
Denn das seht ihr alle, daß mein Geschenk mir entgehet.
Ihm antwortete drauf der mutige Renner Achilleus:
Atreus' Sohn, ruhmvoller, du Habbegierigster aller,
Welches Geschenk verlangst du vom edlen Volk der Achaier?
Nirgends wissen wir doch des Gemeinsamen vieles verwahret,
Sondern soviel wir aus Städten erbeuteten, wurde geteilet;
Auch nicht ziemt es dem Volke, das einzelne wieder zu sammeln.
Aber entlaß du jetzo dem Gotte sie, und wir Achaier
Wollen sie dreifach ersetzen und vierfach, wenn uns einmal Zeus
Gönnen wird, der Troer befestigte Stadt zu verwüsten.
Gegen ihn rief antwortend der Völkerfürst Agamemnon:
Nicht also, wie tapfer du seist, gottgleicher Achilleus,
Sinn auf Trug! Nie wirst du mich schlau umgehn noch bereden!
Willst du, indes dir bleibt das Geschenk, daß ich selber umsonst hier
Sitze, des meinen beraubt? Und gebietest mir, frei sie zu geben?
Wohl denn, wofern mir ein andres verleihn die edlen Achaier,
Meinem Sinn es erlesend, das mir ein voller Ersatz sei!
Aber verleihn sie es nicht, dann komm ich selber und nehm es,
Deines vielleicht, auch des Ajas Geschenk wohl oder Odysseus'
Führ ich hinweg, und zürnen vielleicht wird, welchem ich nahe!
Doch von solcherlei Dingen ist Zeit zu reden auch künftig.
[8] Auf nun, zieht ein schwärzliches Schiff in die heilige Meerflut,
Sammelt hinein vollzählig die Ruderer, bringt auch Apollons
Hekatomb; und sie selbst, des Chryses rosige Tochter,
Führet hinein. Und Gebieter des Schiffs sei der Könige einer:
Ajas oder der Held Idomeneus oder Odysseus
Oder auch du, Peleide, du schrecklichster unter den Männern,
Daß du den Treffenden uns durch heilige Opfer besänftigst.
Finster schaut' und begann der mutige Renner Achilleus:
Ha, du in Unverschämtheit Gehülleter, sinnend auf Vorteil!
Wie doch gehorcht dir willig noch einer im Heer der Achaier,
Einen Gang dir zu gehn und kühn mit dem Feinde zu kämpfen?
Nicht ja wegen der Troer, der lanzenkundigen, kam ich
Mit hieher in den Streit, sie haben's an mir nicht verschuldet.
Denn nie haben sie mir die Rosse geraubt noch die Rinder,
Nie auch haben in Phthia, dem scholligen Männergefilde,
Meine Frucht sie verletzt, indem viel Raumes uns sondert,
Waldbeschattete Berg und des Meers weitrauschende Wogen.
Dir, schamlosester Mann, dir folgten wir, daß du dich freutest;
Nur Menelaos zu rächen und dich, du Ehrevergeßner,
An den Troern! Das achtest du nichts, noch kümmert dich solches!
Selbst mein Ehrengeschenk, das drohest du mir zu entreißen,
Welches mit Schweiß ich errungen und mir verehrt die Achaier!
Hab ich doch nie ein Geschenk wie das deinige, wann die Achaier
Eine bevölkerte Stadt des troischen Volkes verwüstet,
Sondern die schwerste Last des tobenden Schlachtengetümmels
Trag ich mit meinem Arm: doch kommt zur Teilung es endlich,
Dein ist das größte Geschenk, und ich, mit wenigem fröhlich,
Kehre heim zu den Schiffen, nachdem ich erschlafft von dem Streite.
Doch nun geh ich gen Phthia! Denn weit zuträglicher ist es,
Heim mit den Schiffen zu gehn, den gebogenen! Schwerlich auch wirst du,
Weil du allhier mich entehrst, noch Schätz und Güter dir häufen!
Ihm antwortete drauf der Herrscher des Volks Agamemnon:
Fliehe nur, wenn's dein Herz dir gebeut! Nie werd ich dich wahrlich
Anflehn, meinethalb zu verziehn! Mir bleiben noch andre,
Ehre mir zu erwerben, zumal Zeus' waltende Vorsicht!
Ganz verhaßt mir bist du vor allen beseligten Herrschern;
Stets doch hast du den Zank nur geliebt und die Kämpf und die Schlachten!
[9] Wenn du ein Stärkerer bist, ein Gott hat dir solches verliehen!
Schiffe denn heim, du selbst mit den Deinigen, daß du in Ruhe
Myrmidonen gebietest; denn du bist nichts mir geachtet,
Nichts auch gilt mir dein Pochen! Vielmehr noch droh ich dir also:
Weil mir Chryses' Tochter hinwegnimmt Phöbos Apollon,
Werd ich sie mit eigenem Schiff und eignen Genossen
Senden, allein ich hole die rosige Tochter des Brises
Selbst mir aus deinem Gezelt, dein Ehrengeschenk: daß du lernest,
Wieviel höher ich sei als du, und ein anderer zage,
Gleich sich mir zu wähnen und so mir zu trotzen ins Antlitz!
Jener sprach's; da entbrannte der Peleion, und das Herz ihm
Unter der zottigen Brust ratschlagete wankenden Sinnes,
Ob er, das schneidende Schwert alsbald von der Hüfte sich reißend,
Trennen sie sollt auseinander und niederhaun den Atreiden
Oder stillen den Zorn und die mutige Seele beherrschen.
Als er solches erwog in des Herzens Geist und Empfindung
Und er das große Schwert schon hervorzog, naht' ihm vom Himmel
Pallas Athen, entsandt von der lilienarmigen Here,
Die für beide zugleich in liebender Seele besorgt war.
Hinter ihn trat sie und faßte das bräunliche Haar des Peleiden,
Ihm allein sich enthüllend; der anderen schaute sie keiner.
Staunend zuckte der Held und wandte sich: plötzlich erkannt er
Pallas Athenens Gestalt, und fürchterlich strahlt' ihm ihr Auge.
Und er begann zu jener und sprach die geflügelten Worte:
Warum, o Tochter Zeus', des Ägiserschütterers, kamst du?
Etwa den Frevel zu schaun von Atreus' Sohn Agamemnon?
Aber ich sage dir an, und das wird wahrlich vollendet:
Sein unbändiger Stolz wird einst noch das Leben ihm kosten!
Drauf antwortete Zeus' blauäugige Tochter Athene:
Deinen Zorn zu stillen, gehorchtest du, kam ich vom Himmel;
Denn mich sendete Here, die lilienarmige Göttin,
Die für beide zugleich in liebender Seele besorgt ist.
Aber wohlan, laß fahren den Streit und zücke das Schwert nicht,
Magst du mit Worten ihn doch beleidigen, wie es dir einfällt.
Denn ich sage dir an, und das wird wahrlich vollendet:
Einst wird dir noch dreimal so herrliche Gabe geboten
Wegen der heutigen Schmach. Drum fasse dich nun und gehorch uns.
[10] Ihr antwortete drauf der mutige Renner Achilleus:
Euer Wort, o Göttin, geziemet es wohl zu bewahren,
Welche Wut auch im Herzen sich hebt; denn solches ist besser.
Wer dem Gebot der Götter gehorcht, den hören sie wieder.
Sprach's und hemmte die nervichte Hand an dem silbernen Hefte,
Stieß in die Scheide zurück das große Schwert und verwarf nicht
Athenäens Gebot. Sie wandte sich drauf zum Olympos,
In den Palast des donnernden Zeus, zu den anderen Göttern.
Doch der Peleide begann mit erbitterten Worten von neuem
Gegen des Atreus Sohn, denn noch nicht ruht' er vom Zorne:
Trunkenbold, mit dem hündischen Blick und dem Mute des Hirsches,
Niemals, weder zur Schlacht mit dem Volke zugleich dich zu rüsten
Noch zum Hinterhalte zu gehn mit den Edlen Achaias,
Hast du im Herzen gewagt! das scheinen dir Schrecken des Todes!
Zwar behaglicher ist es, im weiten Heer der Achaier
Ihm sein Geschenk zu entwenden, der dir entgegen nur redet!
Volkverschlingender König! denn nichtigen Menschen gebeutst du!
Oder du hättest, Atreide, das letztemal heute gefrevelt!
Aber ich sage dir an, und mit heiligem Eide beschwör ich's:
Wahrlich, bei diesem Zepter, der niemals Blätter und Zweige
Wieder zeugt, nachdem er den Stamm im Gebirge verlassen,
Nie mehr sproßt er empor, denn ringsum schälte das Erz ihm
Laub und Rinde hinweg, und edele Söhne Achaias
Tragen ihn jetzt in der Hand, die Richtenden, welchen Kronion
Seine Gesetze vertraut: dies sei dir die hohe Beteurung!
Wahrlich, vermißt wird Achilleus hinfort von den Söhnen Achaias
Allzumal; dann suchst du umsonst, wie sehr du dich härmest,
Rettung, wenn sie in Scharen, vom männermordenden Hektor
Niedergestürzt, hinsterben; und tief in der Seele zernagt dich
Zürnender Gram, daß den besten der Danaer nichts du geehret!
Also sprach der Peleid und warf auf die Erde den Zepter,
Rings mit goldenen Buckeln geschmückt; dann setzt' er sich nieder.
Gegen ihn stand der Atreid und wütete. Jetzo erhub sich
Nestor mit holdem Gespräch, der tönende Redner von Pylos,
Dem von der Zung ein Laut wie des Honiges Süße daherfloß.
Diesem waren schon zwei der redenden Menschengeschlechter
Hingewelkt, die vordem ihm zugleich aufwuchsen und lebten,
[11] Dort in der heiligen Pylos; und jetzt das dritte beherrscht' er.
Dieser begann wohlmeinend und redete vor der Versammlung:
Wehe, wie großes Leid dem achaiischen Lande herannaht!
Traun, wohl freun wird sich Priamos des und Priamos' Söhne,
Auch das Volk der Troer wird hoch frohlocken im Herzen,
Wenn sie das alles gehört, wie ihr durch Zank euch ereifert,
Ihr, die ersten Achaier im Rat und die ersten im Kampfe.
Aber gehorcht! ihr beide seid jüngeren Alters, denn ich bin!
Denn schon vormals pflog ich mit stärkeren Männern Gemeinschaft,
Als ihr seid; und dennoch verachteten jene mich nimmer!
Solche Männer ersah ich nicht mehr und ersehe sie schwerlich,
So wie Peirithoos war und der völkerweidende Dryas,
Käneus auch und der Held Exadios, auch Polyphemos,
Oder wie Ägeus' Sohn, der götterähnliche Theseus.
Traun, das waren die stärksten der lebenden Erdebewohner,
Waren selbst die stärksten und kämpften nur wider die stärksten,
Wider die Bergkentauren, und übeten grause Vertilgung.
Seht, und jenen war ich ein Kriegsgenoß, der aus Pylos
Herkam, fern aus dem Apierland; denn sie riefen mich selber;
Und ich kämpfte das Meinige mit. Doch jene vermöchte
Keiner, so viel nun leben des Menschengeschlechts, zu bekämpfen.
Dennoch hörten sie Rat von mir und gehorchten dem Worte.
Aber gehorcht auch ihr; denn Rat zu hören ist besser.
Weder du, wie mächtig du seist, nimm jenem das Mägdlein,
Sondern laß, was ihm einmal zum Dank verliehn die Achaier;
Noch auch du, o Peleid, erhebe dich wider den König
So voll Trotz; denn es ward nie gleicher Ehre ja teilhaft
Ein bezepterter König, den Zeus mit Ruhme verherrlicht.
Wenn du ein Stärkerer bist und Sohn der göttlichen Mutter,
Ist er mächtiger doch, weil mehrerem Volk er gebietet.
Atreus' Sohn, laß fahren den Zorn; und ich selbst will Achilleus
Anflehn, auch sein Herz zu besänftigen, ihn, der die große
Schutzwehr ist dem achaiischen Volk im verderbenden Kriege.
Gegen ihn rief antwortend der Völkerfürst Agamemnon:
Wahrlich, o Greis, du hast wohlziemende Worte geredet.
Aber der Mann will immer den anderen allen zuvor sein;
Allen will er gebieten im Heer und alle beherrschen,
[12] Allen Gesetz' austeilen, die niemand, mein ich, erkennet!
Wenn sie ja Lanzenkund ihm verliehn, die ewigen Götter,
Stellen sie darum ihm frei, auch Schmähungen auszurufen?
Ihm in die Red einfallend, begann der edle Achilleus:
Ja fürwahr, ein Feiger und Nichtiger müßt ich genannt sein,
Wenn ich in allem mich dir demütigte, was du nur aussprichst!
Andern gebeut du solches nach Willkür, aber nur mir nicht
Winke Befehl; ich möchte hinfort dir wenig gehorchen!
Eines verkünd ich dir noch, und du bewahr es im Herzen:
Niemals heb ich die Arme zum Streit auf wegen des Mägdleins,
Weder mit dir noch andern; ihr gabt und nehmet sie wieder.
Aber so viel mir sonst bei dem dunkelen Schiffe sich findet,
Davon nimmst du mir schwerlich das mindeste wider mein Wollen.
Oder wohlan, versuch es! Damit sie alle mit ansehn,
Wie alsbald an der Lanze dein schwarzes Blut mir herabträuft!
Also haderten beide mit widerstrebenden Worten,
Standen dann auf und trennten den Rat bei den Schiffen Achaias.
Peleus' Sohn, zu den Zelten gewandt und schwebenden Schiffen,
Wandelte samt Menötios' Sohn und seinen Genossen.
Doch der Atreid entließ ein hurtiges Schiff in die Meerflut,
Wählete zwanzig hinein der Ruderer, bracht auch Apollons
Hekatomb, und darauf des Chryses rosige Tochter
Führt' er hinein; und Gebieter des Schiffs war der weise Odysseus.
Alle nun eingestiegen, durchsteuerten flüssige Pfade.
Drauf hieß Atreus' Sohn sich entsündigen alle Achaier:
Und sie entsündigten sich und warfen ins Meer die Befleckung,
Opferten dann für Apollon vollkommene Sühnhekatomben
Mutiger Stier' und Ziegen am Strand des verödeten Meeres;
Und hoch wallte der Duft in wirbelndem Rauche gen Himmel.
So war alles im Heere beschäftiget. Doch Agamemnon
Ließ nicht ruhn, was er zankend zuvor gedroht dem Achilleus;
Sondern Talthybios schnell und Eurybates rief er ermahnend,
Die Herold' ihm waren und rasch aufwartende Diener:
Gehet hin zum Gezelte des Peleiaden Achilleus,
Nehmt an der Hand und bringt des Brises rosige Tochter.
Wenn er sie nicht hergäbe, so möcht ich selber sie nehmen,
Hin mit mehreren kommend, was ihm noch schrecklicher sein wird!
[13] Jener sprach's und entließ sie, die drohenden Worte befehlend.
Ungern gingen sie beid am Strand des verödeten Meeres,
Bis sie die Zelt' und Schiffe der Myrmidonen erreichten.
Ihn nun fanden sie dort am Gezelt und dunkelen Schiffe
Sitzend; und traun, nicht wurde des Anblicks fröhlich Achilleus.
Beide, bestürzt vor Scheu und Ehrfurcht gegen den König,
Standen und wageten nichts zu verkündigen oder zu fragen.
Aber er selbst vernahm es in seinem Geist und begann so:
Freude mit euch, Herold', ihr Boten Zeus' und der Menschen!
Nahet euch! Ihr nicht seid mir Verschuldete, nur Agamemnon,
Der euch beide gesandt um Brises' rosige Tochter.
Auf denn, führe heraus das Mägdelein, edler Patroklos,
Und laß jene sie nehmen. Doch sei'n sie selber mir Zeugen
Vor den seligen Göttern und vor den sterblichen Menschen,
Auch vor dem Könige dort, dem Wüterich: wenn man hinfort noch
Meiner Hilfe bedarf, dem schmählichen Jammer zu steuern
Jenes Volks ...! Ha, wahrlich! er tobt in verderblichem Wahnsinn,
Blind im Geiste zugleich vorwärts zu schauen und rückwärts,
Daß bei den Schiffen er sichre das streitende Heer der Achaier!
Jener sprach's; und Patroklos, dem lieben Freunde gehorchend,
Führt' aus dem Zelt und gab des Brises rosige Tochter
Jenen dahin; und sie kehrten zurück zu den Schiffen Achaias.
Ungern ging mit ihnen das Mägdelein. Aber Achilleus,
Weinend, setzte sich schnell, abwärts von den Freunden gesondert,
Hin an des Meeres Gestad und schaut' in das finstre Gewässer.
Vieles zur trauten Mutter nun flehet er, breitend die Hände:
Mutter, dieweil du mich nur für wenige Tage gebarest,
Sollte mir Ehre doch der Olympier jetzo verleihen,
Der hochdonnernde Zeus! Doch er ehret mich nicht auch ein wenig!
Siehe, des Atreus Sohn, der Völkerfürst Agamemnon,
Hat mich entehrt und behält mein Geschenk, das er selber geraubet!
Also sprach er betränt; ihn vernahm die treffliche Mutter,
Sitzend dort in den Tiefen des Meeres beim grauen Erzeuger.
Eilenden Schwungs entstieg sie der finsteren Flut wie ein Nebel,
Und nun setzte sie nahe sich hin vor den Tränenbenetzten,
Streichelt' ihn drauf mit der Hand und redete, also beginnend:
Liebes Kind, was weinst du? und was betrübt dir die Seele?
[14] Sprich, verhehle mir nichts, damit wir es beide wissen.
Doch schwerseufzend begann der mutige Renner Achilleus:
Mutter, du weißt das alles; was soll ich es dir noch erzählen?
Thebe belagerten wir, Eetions heilige Feste,
Und verwüsteten sie und führeten alles von dannen.
Redlich teilten den Raub die tapferen Söhne Achaias,
Und man erkor dem Atreiden des Chryses rosige Tochter.
Chryses darauf, der Priester des treffenden Phöbos Apollon,
Kam zu den rüstigen Schiffen der erzumschirmten Achaier,
Freizukaufen die Tochter, und bracht unendliche Lösung,
Tragend den Lorbeerschmuck des treffenden Phöbos Apollon
Um den goldenen Stab; und er flehete laut den Achaiern,
Doch den Atreiden vor allen, den zween Feldherrn der Völker.
Drauf gebot beifallend das ganze Heer der Achaier,
Ehrend den Priester zu scheun und die köstliche Lösung zu nehmen.
Aber nicht Agamemnon, des Atreus Sohne, gefiel es;
Dieser entsandt ihn mit Schmach und befahl ihm drohende Worte.
Zürnend vernahm es der Greis und wandte sich. Aber Apollon
Hörte des Flehenden Ruf; denn sehr geliebt war ihm jener.
Und nun sandt er sein Todesgeschoß; und die Völker Achaias
Starben in Scharen dahin, da rings die Geschosse des Gottes
Flogen im weiten Heere der Danaer. Siehe, da weissagt'
Uns ein kundiger Seher den heiligen Rat des Apollon.
Eilend riet ich selber zuerst, den Gott zu versöhnen.
Aber der Atreion ereiferte; schnell sich erhebend,
Sprach er ein drohendes Wort, das nun der Vollendung genaht ist.
Jene geleiten im Schiff frohblickende Söhne Achaias
Heim nach Chrysa zurück, auch bringen sie Gaben dem Herrscher.
Doch mir nahmen nur eben die Herold' aus dem Gezelte
Brises' Tochter hinweg, das Ehrengeschenk der Achaier.
Oh, wenn du es vermagst, so hilf dem tapferen Sohne!
Steig empor zum Olympos und flehe Zeus, wenn du jemals
Ihm mit Worten das Herz erfreuetest oder mit Taten.
Denn ich habe ja oft dich selbst im Palaste des Vaters
Rühmen gehört, wie du einst dem schwarzumwölkten Kronion,
Du von den Göttern allein, die schmähliche Kränkung gewendet,
Als vordem ihn zu binden die andern Olympier drohten,
[15] Here und Poseidaon zugleich und Pallas Athene.
Doch du kamst, o Göttin, und lösetest ihn aus den Banden,
Rufend zum hohen Olympos den hundertarmigen Riesen,
Den Briareos nennen die Himmlischen, aber Ägäon
Jeglicher Mensch; denn er raget auch selbst vor dem Vater an Stärke.
Dieser nun saß bei Kronion dem Donnerer, freudigen Trotzes.
Drob erschraken die Götter und scheuten sich, jenen zu fesseln.
Setze nun, des ihn erinnernd, zu jenem dich, faß ihm die Knie auch,
Ob es vielleicht ihm gefalle, den Troern Schutz zu gewähren,
Aber zurückzudrängen zum Lager und Meer die Achaier,
Niedergehaun, bis sie alle sich sättigen ihres Gebieters;
Auch er selbst, der Atreide, der Völkerfürst Agamemnon,
Kenne die Schuld, da den besten der Danaer nichts er geehret!
Aber Thetis darauf antwortete, Tränen vergießend:
Wehe mir, daß ich, mein Kind, dich erzog, unselig Geborner!
Möchtest du hier bei den Schiffen doch frei von Tränen und Kränkung
Sitzen, dieweil dein Verhängnis so kurz nur währet, so gar kurz!
Aber zugleich frühwelkend und unglückselig vor allen
Wurdest du! Ja, dich gebar ich dem Jammergeschick im Palaste!
Dies dem Donnerer Zeus zu verkündigen, ob er mich höre,
Geh ich selber hinauf zum schneebedeckten Olympos.
Du indes, an des Meers schnellwandelnden Schiffen dich setzend,
Zürne dem Danaervolk und des Kriegs enthalte dich gänzlich.
Zeus ging gestern zum Mahl der unsträflichen Äthiopen
An des Okeanos Flut, und die Himmlischen folgten ihm alle.
Aber am zwölften Tag dann kehret er heim zum Olympos.
Hierauf steig ich empor zum ehernen Hause Kronions
Und umfaß ihm die Knie; und ich traue mir, ihn zu bewegen.
Als sie solches geredet, enteilte sie. Jener, allein nun,
Zürnt' im Geist und gedachte des schöngegürteten Weibes,
Das man mit Trotz und Gewalt ihm hinwegnahm. Aber Odysseus
Kam und brachte gen Chrysa die heilige Sühnhekatombe.
Als sie nunmehr in des Ports tiefgründige Räume gekommen,
Zogen sie ein die Segel und legten ins schwärzliche Schiff sie;
Lehnten darauf zum Behälter den Mast, an den Tauen ihn senkend,
Eilig hinab und schoben das Schiff mit Rudern zur Anfurt,
Warfen dann Anker hinaus und befestigten Seil' am Gestade.
[16] Aus nun stiegen sie selbst an den wogenden Strand der Gewässer,
Aus auch lud man das Opfer dem treffenden Phöbos Apollon;
Aus auch stieg Chryseis vom meerdurchwallenden Schiffe.
Diese nun führte sogleich zum Altar der weise Odysseus,
Gab in des Vaters Hände sie hin und redete also:
Chryses, mich sandte daher der Völkerfürst Agamemnon,
Daß ich die Tochter dir brächt und die Sühnhekatombe dem Phöbos
Opferte für die Achaier, den Zorn zu versöhnen des Herrschers,
Der nun Argos' Volke so schmerzliches Wehe verhänget.
Sprach's und gab in die Hände sie ihm; und mit Freuden empfing er
Seine geliebte Tochter. Auch ordneten jene des Gottes
Herrliche Sühnhekatombe um den schöngebaueten Altar,
Wuschen darauf sich die Händ' und nahmen sich heilige Gerste.
Aber Chryses betete laut mit erhobenen Händen:
Höre mich, Gott, der du Chrysa mit silbernem Bogen umwandelst
Samt der heiligen Killa, und Tenedos mächtig beherrschest!
So wie schon du zuvor mich höretest, als ich dich anrief,
Wie du Ehre mir gabst und furchtbar schlugst die Achaier,
Also auch nun von neuem gewähre mir dieses Verlangen:
Gib den Danaern nun der schmählichen Plage Genesung!
Also rief er betend; ihn hörete Phöbos Apollon.
Aber nachdem sie gefleht und heilige Gerste gestreuet,
Beugten zurück sie die Häls' und schlachteten, zogen die Häut' ab,
Sonderten dann die Schenkel, umwickelten solche mit Fette
Zwiefach umher und bedeckten sie dann mit Stücken der Glieder.
Jetzo verbrannt es auf Scheitern der Greis, und dunkelen Weines
Sprengt' er darauf; ihn umstanden die Jünglinge, haltend den Fünfzack.
Als sie die Schenkel verbrannt und die Eingeweide gekostet,
Schnitten sie auch das übrige klein und steckten's an Spieße,
Brieten es dann vorsichtig und zogen es alles herunter.
Aber nachdem sie ruhten vom Werk und das Mahl sich bereitet,
Schmausten sie, und nicht mangelt' ihr Herz des gemeinsamen Mahles.
Aber nachdem die Begierde des Tranks und der Speise gestillt war,
Füllten die Jünglinge schnell die Krüge zum Rand mit Getränke,
Wandten von neuem sich rechts und verteileten allen die Becher.
Jene den ganzen Tag versöhnten den Gott mit Gesange,
Schön anstimmend den Päan, die blühenden Männer Achaias,
[17] Preisend des Treffenden Macht; und er hörte freudigen Herzens.
Als die Sonne nunmehr hinsank und das Dunkel heraufzog,
Legten sich jene zur Ruh an den haltenden Seilen des Schiffes.
Als aufdämmernd nun Eos mit Rosenfingern emporstieg,
Jetzo schifften sie heim zum weiten Heer der Achaier.
Günstigen Hauch sandt ihnen der treffende Phöbos Apollon;
Und sie erhuben den Mast und spannten die schimmernden Segel.
Voll nun schwellte der Wind des Segels Mitt, und umher scholl
Laut die purpurne Wog um den Kiel des gleitenden Schiffes;
Und es durchlief die Gewässer, den Weg in Eile vollendend.
Als sie nunmehr hinkamen zum weiten Heer der Achaier,
Zogen das schwärzliche Schiff sie empor an die Feste des Landes,
Hoch auf den kiesigen Sand, und breiteten drunter Gebälk hin;
Selbst dann zerstreuten sie sich ringsher zu Gezelten und Schiffen.
Jener zürnt', an des Meers schnellwandelnden Schiffen sich setzend,
Peleus' göttlicher Sohn, der mutige Renner Achilleus.
Niemals mehr in den Rat, den männerehrenden, ging er,
Niemals mehr in die Schlacht. Doch Gram zernagte das Herz ihm,
Daß er blieb; er verlangte nur Feldgeschrei und Getümmel.
Als nunmehr die zwölfte der Morgenröten emporstieg,
Kehreten heim zum Olympos die ewigwährenden Götter
Alle zugleich; Zeus führte. Doch Thetis vergaß das Geheiß nicht
Ihres Sohns; sie enttauchte der Woge des Meers und erhub sich
Schon in dämmernder Frühe zum Himmel empor und Olympos;
Fand nun den waltenden Zeus abwärts von den anderen sitzend,
Dort auf dem obersten Gipfel des vielgezackten Olympos.
Und sie setzte sich nahe vor ihn, umschlang mit der Linken
Seine Knie und berührt' ihn unter dem Kinn mit der Rechten;
Flehend zugleich begann sie zum herrschenden Zeus Kronion:
Vater Zeus, wenn ich je mit Worten dir oder mit Taten
Frommt' in der Götter Schar, so gewähre mir dieses Verlangen:
Ehre mir meinen Sohn, der frühhinwelkend vor andern
Sterblichen ward! Doch hat ihn der Völkerfürst Agamemnon
Jetzo entehrt und behält sein Geschenk, das er selber geraubet!
Aber o räch ihn du, Olympier, Ordner der Welt, Zeus!
Stärke die Troer nunmehr mit Siegskraft, bis die Achaier
Meinen Sohn mir geehrt und reichliche Ehr ihm vergolten!
[18] Jene sprach's; ihr erwiderte nichts der Wolkenversammler;
Lange saß er und schwieg. Doch Thetis schmiegte sich fest ihm
An die umschlungenen Knie und flehte wieder von neuem:
Unverstellt verheiße mir jetzt und winke Gewährung
Oder verweigere mir's! (nichts scheuest du!) daß ich es wisse,
Ganz sei ich vor allen die ungeehrteste Göttin!
Unmutsvoll nun begann der Herrscher im Donnergewölk Zeus:
Heillos, traun, ist solches, daß du mit Here zu hadern
Mich empörst, wann sie künftig mich reizt durch schmähende Worte.
Zanket sie doch schon so im Kreis der unsterblichen Götter
Stets mit mir und saget, ich helf im Streite den Troern.
Eile denn du jetzt wieder hinweg, daß nicht dich bemerke
Here; doch mir sei die Sorge des übrigen, wie ich's vollende.
Aber wohlan, mit dem Haupte dir wink ich es, daß du vertrauest.
Solches ist ja meiner Verheißungen unter den Göttern
Heiligstes Pfand; denn nie ist wandelbar oder betrüglich,
Noch unvollendet das Wort, das mit winkendem Haupt ich gewähret.
Also sprach und winkte mit schwärzlichen Brauen Kronion;
Und die ambrosischen Locken des Königes wallten ihm vorwärts
Von dem unsterblichen Haupt; es erbebten die Höhn des Olympos.
So ratschlagten sie beid und trennten sich. Siehe, die Göttin
Fuhr in die Tiefe des Meers vom glanzerhellten Olympos,
Zeus dann in seinen Palast. Die Unsterblichen standen empor ihm
Alle vom Sitz, dem Vater entgegenzugehen; und nicht einer
Harrte des Kommenden dort, entgegen ihm traten sie alle.
Er nun nahte dem Thron und setzte sich. Aber nicht achtlos
Hatt es Here bemerkt, wie geheim ratschlagte mit jenem
Nereus' Tochter, des Greises, die silberfüßige Thetis.
Schnell mit kränkender Rede zu Zeus Kronion begann sie:
Wer hat, Schlauer, mit dir der Unsterblichen wieder geratschlagt?
Immer war es dir Freude, von mir hinweg dich entfernend,
Heimlich ersonnenen Rat zu genehmigen! Hast du doch niemals
Mir willfährigen Geistes ein Wort gesagt, was du denkest!
Drauf begann der Vater des Menschengeschlechts und der Götter:
Here, nur nicht alles getraue dir, was ich beschließe,
Einzusehn; schwer würde dir das, auch meiner Gemahlin!
Zwar was dir zu hören vergönnt ist, keiner soll jenes
[19] Früher erkennen denn du, der Unsterblichen oder der Menschen.
Doch was mir von den Göttern entfernt zu beschließen genehm ist,
Solches darfst du mir nicht auskundigen oder erforschen.
Ihm antwortete drauf die hoheitblickende Here:
Welch ein Wort, Kronion, du Schrecklicher, hast du geredet!
Nie doch hab ich zuvor mich erkundiget oder geforschet,
Sondern ganz in Ruhe beschließest du, was dir genehm ist.
Doch nun sorg ich im Herzen und fürchte mich, daß dich beschwatze
Nereus' Tochter, des Greises, die silberfüßige Thetis.
Denn sie saß in der Frühe bei dir und umschlang dir die Knie.
Ihr dann winkend, vermut ich, gelobtest du, daß du Achilleus
Ehren willst und verderben der Danaer viel an den Schiffen.
Gegen sie rief antwortend der Herrscher im Donnergewölk Zeus:
Immer, du Wunderbare, vermutest du, spähest mich immer!
Doch nicht schafft dein Tun dir das mindeste, sondern entfernter
Wirst du im Herzen mir stets, was dir noch schrecklicher sein wird;
Wenn auch jenes geschieht, so wird mir's also gelieben!
Sitze denn ruhig und schweig und gehorche du meinem Gebote!
Kaum wohl schützten dich sonst die Unsterblichen all im Olympos,
Trät ich hinan, ausstreckend zu dir die unnahbaren Hände!
Jener sprach's, da erschrak die hoheitblickende Here;
Schweigend saß sie nunmehr und bezwang die Stürme des Herzens.
Doch rings traurten im Saale die göttlichen Uranionen.
Jetzo begann Hephästos, der kunstberühmte, zu reden,
Seiner Mutter zu Gunst, der lilienarmigen Here:
Heillos, traun, wird solches zuletzt und gar unerträglich,
Wenn ihr beid um Sterbliche nun euch also entzweiet
Und zu Tumult aufreizet die Himmlischen! Nichts ja genießt man
Mehr von der Freude des Mahls; denn es wird je länger, je ärger!
Jetzt ermahn ich die Mutter, wiewohl sie selber Verstand hat,
Unserem Vater zu nahn mit Gefälligkeit, daß er hinfort nicht
Schelte, der Vater Zeus, und uns zerrütte das Gastmahl.
Denn sobald er es wollte, der Donnergott des Olympos,
Schmettert' er uns von den Thronen; denn er ist mächtig vor allen.
Aber wohlan, du wollest mit freundlichen Worten ihm schmeicheln;
Bald wird wieder zu Huld der Olympier uns versöhnt sein.
Jener sprach's und erhub sich und nahm den doppelten Becher.
[20] Reicht' in die Hand der Mutter ihn dar und redete also:
Duld, o teuerste Mutter, und fasse dich, herzlich betrübt zwar!
Daß ich nicht, du Geliebte, mit eigenen Augen es sehe,
Wann er dich straft; dann sucht' ich umsonst, wie sehr ich mich härmte,
Rettung; schwerlich ja mag dem Olympier einer begegnen!
Denn schon einmal vordem, als abzuwehren ich strebte,
Schwang er mich hoch, bei der Ferse gefaßt, von der heiligen Schwelle.
Ganz den Tag hinflog ich, und spät mit der sinkenden Sonne
Fiel ich in Lemnos hinab und atmete kaum noch Leben;
Aber der Sintier Volk empfing mich Gefallenen freundlich.
Sprach's; da lächelte sanft die lilienarmige Here.
Lächelnd darauf entnahm sie der Hand des Sohnes den Becher.
Jener schenkte nunmehr auch der übrigen Götterversammlung
Rechts herum, dem Kruge den süßen Nektar entschöpfend.
Doch unermeßliches Lachen erscholl den seligen Göttern,
Als sie sahn, wie Hephästos in emsiger Eil umherging.
Also den ganzen Tag bis spät zur sinkenden Sonne
Schmausten sie, und nicht mangelt' ihr Herz des gemeinsamen Mahles,
Nicht des Saitengetöns von der lieblichen Leier Apollons,
Noch des Gesangs der Musen mit hold antwortender Stimme.
Aber nachdem sich gesenkt des Helios leuchtende Fackel,
Gingen sie auszuruhn zur eigenen Wohnung ein jeder,
Dort, wo jedem vordem der hinkende Künstler Hephästos
Bauete seinen Palast mit erfindungsreichem Verstande.
Zeus auch ging zum Lager, der Donnergott des Olympos,
Wo er zuvor ausruhte, wann süßer Schlaf ihm genaht war;
Dorthin stieg er zu ruhn mit der goldenthronenden Here.

2. Gesang

[21] II. Gesang.

Zeus, des Versprechens eingedenk, bewegt Agamemnon durch einen Traum, die Achaier zur Schlacht auszuführen. Rat der Fürsten; dann Volksversammlung. Agamemnon, das Volk zu versuchen, befiehlt Heimkehr, und alle sind geneigt. Odysseus, von Athene ermahnt, hemmt sie. Thersites dringt schmähend auf Heimkehr und wird gestraft. Das beschämte Volk, durch Odysseus und Nestor völlig gewonnen, wird von Agamemnon zur Schlacht aufgefordert. Frühmahl, Opfer und Anordnung des Heers. Verzeichnis der achaiischen Völker. Die Troer in Versammlung hören die Botschaft und rücken aus. Verzeichnis der troischen Völker.


Alle nunmehr, die Götter und gaulgerüsteten Männer,

Schliefen die ganze Nacht, nur Zeus nicht labte der Schlummer;
Sondern er sann im Geiste voll Unruh, wie er Achilleus
Ehren möcht und verderben der Danaer viel an den Schiffen.
Dieser Gedank erschien dem Zweifelnden endlich der beste:
Einen täuschenden Traum zu Atreus' Sohne zu senden.
Und er begann zu jenem und sprach die geflügelten Worte:
Eile mir, täuschender Traum, zu den rüstigen Schiffen Achaias,
Gehe dort ins Gezelt zu Atreus' Sohn Agamemnon,
Ihm das alles genau zu verkündigen, was ich gebiete.
Heiß ihn rüsten zur Schlacht die hauptumlockten Achaier
All im Heer; denn jetzo sei leicht ihm bezwungen der Troer
Weitdurchwanderte Stadt. Nicht mehr zweifachen Entschlusses
Sei'n die olympischen Götter, bewegt schon habe sie alle
Here durch Flehn; und hinab auf Ilios schwebe Verderben.
Jener sprach's; und der Traum, sobald er die Rede vernommen,
Eilte hinweg und kam zu den rüstigen Schiffen Achaias.
Hin nun eilt' er und fand des Atreus Sohn Agamemnon
Schlafend in seinem Gezelt; ihn umfloß der ambrosische Schlummer.
Jener trat ihm zum Haupt, an Gestalt dem Sohne des Neleus,
Nestor, gleich, den hoch vor den Ältesten ehrt' Agamemnon;
Dessen Gestalt nachahmend, begann der göttliche Traum so:
Schlummerst du, Atreus' Sohn, des feurigen Rossebezähmers?
Keinem Richter gebührt's, die ganze Nacht zu durchschlummern,
Dem zur Hut sich die Völker vertraut und so mancherlei obliegt.
Auf nun, höre mein Wort: ich komm ein Bote Kronions,
Der dich sehr, auch ferne, begünstiget, dein sich erbarmend.
Rüsten heißt er zur Schlacht die hauptumlockten Achaier
[22] All im Heer; denn jetzo sei leicht dir bezwungen der Troer
Weitdurchwanderte Stadt. Nicht mehr zweifachen Entschlusses
Sei'n die olympischen Götter; bewegt schon habe sie alle
Here durch Flehn; und hinab auf Ilios schwebe Verderben
Her von Zeus. Du merk es im Geiste dir, daß dem Gedächtnis
Nichts entfällt, wann jetzo vom lieblichen Schlaf du erwachest.
Also sagt' ihm der Traum und wandte sich; jenen verließ er,
Dem nachsinnend im Geist, was nie zur Vollendung bestimmt war;
Denn er hoffte noch heut, des Priamos Stadt zu erobern,
Tor! und erkannte nicht, was Zeus für Taten geordnet.
Denn er beschloß noch Jammer und Angstgeschrei zu erregen
Troern zugleich und Achaiern im Ungestüme der Feldschlacht.
Jetzo erwacht' er vom Schlaf, noch umtönt von der göttlichen Stimme,
Setzte sich aufrecht hin und zog das weiche Gewand an,
Sauber und neugewirkt, und warf den Mantel darüber;
Unter die glänzenden Füß' auch band er sich stattliche Sohlen,
Hängte sodann um die Schulter das Schwert voll silberner Buckeln,
Nahm auch den Herrscherstab, den ererbeten, ewiger Dauer;
Wandelte dann zu den Schiffen der erzumschirmten Achaier.
Eos aber, die Göttin, erstieg den hohen Olympos,
Zeus und den anderen Göttern das Tageslicht zu verkünden.
Und er gebot Herolden von hellaustönender Stimme,
Rings zur Versammlung zu rufen die hauptumlockten Achaier.
Tönend riefen sie aus, und flugs war die Menge versammelt.
Einen Rat nun setzt' er zuerst der erhabenen Ältsten,
Am nestorischen Schiffe, des herrschenden Greises von Pylos;
Als sich jene gesetzt, entwarf er die weise Beratung:
Freunde, vernehmt, ein göttlicher Traum erschien mir im Schlummer
Durch die ambrosische Nacht; und ganz dem erhabenen Nestor
War an Wuchs und Größ und Gestalt er wunderbar ähnlich.
Dieser trat mir zum Haupt und redete, also beginnend:
Schlummerst du, Atreus' Sohn, des feurigen Rossebezähmers?
Keinem Richter gebührt's, die ganze Nacht zu durchschlummern,
Dem zur Hut sich die Völker vertraut und so mancherlei obliegt.
Auf nun, höre mein Wort; ich komm ein Bote Kronions,
Der dich sehr, auch ferne, begünstiget, dein sich erbarmend.
Rüsten heißt er zur Schlacht die hauptumlockten Achaier
[23] All im Heer; denn jetzo sei leicht dir bezwungen der Troer
Weitdurchwanderte Stadt. Nicht mehr zweifachen Entschlusses
Sei'n die olympischen Götter; bewegt schon habe sie alle
Here durch Flehn; und hinab auf Ilios schwebe Verderben
Her von Zeus. Du merk es im Geiste dir. – Dieses geredet,
Flog er hinweg und verschwand, und der liebliche Schlummer verließ mich.
Aber wohlan, ob vielleicht zu rüsten gelingt die Achaier!
Selber zuerst durch Worte versuch ich sie, wie es Gebrauch ist,
Und ermahne zur Flucht in vielgeruderten Schiffen;
Ihr dann, anderswo andre, beredet sie wieder zu bleiben.
Also redete jener und setzte sich. Wieder erhub sich
Nestor, welcher gebot in Pylos' sandigen Fluren;
Dieser begann wohlmeinend und redete vor der Versammlung:
Freunde, des Volks von Argos erhabene Fürsten und Pfleger,
Hätte von solchem Traum ein anderer Mann uns erzählet,
Lug wohl nennten wir ihn und wendeten uns mit Verachtung.
Doch ihn sah, der den ersten vor allem Volke sich rühmet.
Drum wohlan, ob vielleicht zu rüsten gelingt die Achaier!
Jener sprach's und wandte der erste sich aus der Versammlung.
Rings dann standen sie auf, dem Völkerhirten gehorchend,
Alle bezepterten Fürsten. Heran nun stürzten die Völker.
Wie wenn Scharen der Bienen daherziehn dichten Gewimmels
Aus dem gehöhleten Fels, in beständigem Schwarm sich erneuend
(Jetzt in Trauben gedrängt umfliegen sie Blumen des Lenzes,
Andere hier unzählbar entflogen sie, andere dorthin):
Also zogen gedrängt von den Schiffen daher und Gezelten
Rings unzählbare Völker am Rand des hohen Gestades
Schar an Schar zur Versammlung. Entbrannt in der Mitte war Ossa,
Welche, die Botin Zeus', sie beschleunigte; und ihr Gewühl wuchs.
Weit nun hallte der Kreis, und es dröhnete drunten der Boden,
Als sich das Volk hinsetzt', und Getös war. Doch es erhuben
Neun Herolde den Ruf und hemmten sie, ob vom Geschrei sie
Ruheten und anhörten die gottbeseligten Herrscher.
Kaum saß endlich das Volk, umher auf den Sitzen sich haltend,
Und es verstummt' ihr Getön, da erhub sich der Held Agamemnon,
Haltend den Herrscherstab, den mit Kunst Hephästos gebildet.
Diesen gab Hephästos dem waltenden Zeus Kronion;
[24] Hierauf gab ihn Zeus dem bestellenden Argoserwürger;
Hermes gab ihn, der Herrscher, dem Rossebändiger Pelops;
Wieder gab ihn Pelops dem völkerweidenden Atreus;
Dann ließ Atreus ihn sterbend dem lämmerreichen Thyestes;
Aber ihn ließ Thyestes dem Held Agamemnon, zu tragen
Viel Eilande damit und Argos reich zu beherrschen.
Hierauf lehnte sich jener und sprach die geflügelten Worte:
Freund', ihr Helden des Danaerstamms, o Genossen des Ares,
Hart hat Zeus der Kronid in schwere Schuld mich verstricket!
Grausamer, welcher mir einst mit gnädigem Winke gelobet,
Heimzugehn ein Vertilger der festummauerten Troja.
Doch nun sann er verderblichen Trug und heißet mich ruhmlos
Wieder gen Argos kehren, nachdem viel Volks mir dahinstarb.
Also gefällt's nun wohl dem hocherhabnen Kronion,
Der schon vielen Städten das Haupt zu Boden geschmettert
Und noch schmettern es wird; denn sein ist siegende Allmacht.
Schande ja deucht es und Hohn noch spätem Geschlecht zu vernehmen,
Daß so umsonst ein solches, so großes Volk der Achaier
Niemals frommenden Streit rastlos fortstreitet und kämpfet
Gegen mindere Feind', und noch kein Ende zu sehn ist.
Denn wofern wir wünschten, Achaier zugleich und Troer,
Treuen Bund uns schwörend, die Zahl zu wissen von beiden,
Erst zu erlesen die Troer, so viel dort eigenen Herdes,
Wir dann ordneten uns je zehn und zehn, wir Achaier,
Einen Mann der Troer für jegliche wählend zum Schenken;
Viele der Zehenten wohl entbehreten, mein ich, des Schenken.
So weit deucht mir größer die Zahl der edlen Achaier,
Als dort wohnen der Troer in Ilios. Aber Genossen
Sind aus vielen der Städt', auch lanzenschwingende Männer,
Deren Macht mir verwehrt und nicht, wie ich wollte, gestattet,
Ilios auszutilgen, die Stadt voll prangender Häuser.
Sind doch bereits neun Jahre des großen Zeus uns vergangen,
Und schon stockt den Schiffen das Holz und die Seile vermodern;
Unsere Weiber indes und noch unmündigen Kinder
Sitzen daheim und schmachten nach uns: wir aber umsonst hier
Endigen nimmer das Werk, um dessenthalb wir gekommen.
Aber wohlan, wie ich rede das Wort, so gehorchet mir alle:
[25] Laßt uns fliehn in den Schiffen zum lieben Lande der Väter!
Nie erobern wir doch die weitdurchwanderte Troja!
Jener sprach's; und allen das Herz im Busen bewegt' er
Ringsumher in der Menge, die nicht anhörten den Ratschluß.
Rege nun ward die Versammlung, wie schwellende Wogen des Meeres
Auf der ikarischen Flut, wann hoch sie der Ost- und der Südwind
Aufstürmt, schnell dem Gewölke des Donnerers Zeus sich entstürzend.
Wie wenn brausend der West unermeßliche Saaten erreget,
Zuckend mit Ungestüm, und die wallenden Ähren hinabbeugt:
So war rings die Versammlung in Aufruhr. Hin mit Geschrei nun
Stürzte das Volk zu den Schiffen; empor stieg unter dem Fußtritt
Finsterer Staub in die Luft; sie ermunterten einer den andern,
Anzugreifen die Schiff' und zu ziehn in die heilige Meerflut.
Und man räumte die Graben; es scholl gen Himmel der heimwärts
Strebenden Ruf, und den Schiffen entzog man die stützenden Balken.
Jetzo geschah den Argeiern auch trotz dem Schicksal die Heimkehr,
Hätte nicht, zur Athene gewandt, so Here geredet:
Weh mir, des ägiserschütternden Zeus unbezwungene Tochter!
Also sollen nun heim zum lieben Lande der Väter
Argos' Völker entfliehn auf weitem Rücken des Meeres?
Ließe man so dem Priamos Ruhm und den troischen Männern
Helena, Argos' Kind, um welche so viel der Achaier
Hin vor Troja gesunken, entfernt vom Vatergefilde?
Auf nun, geeilt in das Heer der erzumschirmten Achaier!
Hemme da jeglichen Mann durch schmeichelnde Red und verbeut ihm,
Nicht zu ziehen ins Meer die zwiefachrudernden Schiffe!
Jene sprach's; ihr gehorchte die Herrscherin Pallas Athene.
Stürmenden Schwungs entflog sie den Felsenhöhn des Olympos,
Schnell erreichte sie dann die rüstigen Schiffe Achaias.
Jetzo fand sie Odysseus, an Ratschluß gleich dem Kronion,
Stehn; und nicht an sein Schiff, das schöngebordete schwarze,
Rühret' er, weil ihm der Gram in Herz und Seele gedrungen.
Nahend redete Zeus' blauäugige Tochter Athene:
Edler Laertiad, erfindungsreicher Odysseus,
Also wollt ihr nun heim zum lieben Lande der Väter
Hinfliehn, alle gestürzt in vielgeruderte Schiffe?
Ließet ihr so dem Priamos Ruhm und den troischen Männern
[26] Helena, Argos' Kind, um welche so viel der Achaier
Hin vor Troja gesunken, entfernt vom Vatergefilde?
Auf nun, geeilt in das Heer der Danaer, nicht so gezaudert!
Hemme da jeglichen Mann durch schmeichelnde Red und verbeut ihm,
Nicht zu ziehen ins Meer die zwiefachrudernden Schiffe!
Jene sprach's; da erkannte der Held die Stimme der Göttin.
Schnell abwerfend den Mantel, enteilet' er; aber den Mantel
Hob Eurybates auf, sein Herold, der ihm gefolgt war.
Jener, wie Atreus' Sohn Agamemnon gegen ihn herkam,
Nahm ihm den Herrscherstab, den ererbeten, ewiger Dauer;
Hiermit durcheilt' er die Schiffe der erzumschirmten Achaier.
Welchen der Könige nun und edleren Männer er antraf,
Freundlich hemmt' er diesen, mit schmeichelnden Worten ihm nahend:
Halt du, wenig dir ziemt's wie ein feiger Mann zu verzagen!
Sitz in Ruhe du selbst und treibe zur Ruh auch die andern!
Denn noch weißt du ja nicht, wie der Atreione gesinnt sei.
Jetzo vielleicht versucht er und züchtiget bald die Achaier;
Denn nicht all im Rate vernahmen wir, was er geredet.
Daß nicht entbrenne sein Zorn und wüte durchs Heer der Achaier!
Furchtbar ist der Eifer des gottbeseligten Königs,
Seine Ehr ist von Zeus, und ihn schirmt Zeus' waltende Vorsicht.
Welchen Mann des Volkes er sah und schreiend wo antraf,
Diesen schlug sein Zepter, und laut bedroht' er ihn also:
Halt du! Rege dich nicht und hör auf anderer Rede,
Die mehr gelten denn du! Unkriegerisch bist du und kraftlos,
Nie auch weder im Kampf ein Gerechneter, noch in dem Rate!
Nicht wir alle zugleich sind Könige hier, wir Achaier!
Niemals frommt Vielherrschaft im Volk, nur einer sei Herrscher,
Einer König allein, dem der Sohn des verborgenen Kronos
Zepter gab und Gesetze, daß ihm die Obergewalt sei.
Also durchherrscht' er das Heer, ein Waltender; und zur Versammlung
Stürzten die Völker zurück, von den Schiffen daher und Gezelten,
Lärmvoll: wie wenn die Woge des weitaufrauschenden Meeres
Hoch an das Felsengestad anbrüllt und die stürmende Flut hallt.
Alles saß nun ruhig umher, auf den Sitzen sich haltend;
Nur Thersites erhob sein zügelloses Geschrei noch,
Dessen Herz mit vielen und törichten Worten erfüllt war,
[27] Immer verkehrt, nicht der Ordnung gemäß, mit den Fürsten zu hadern,
Wo ihm nur etwas erschien, das lächerlich vor den Argeiern
Wäre. Der häßlichste Mann vor Ilios, war er gekommen:
Schielend war er und lahm am anderen Fuß und die Schultern
Höckerig, gegen die Brust ihm geengt; und oben erhub sich
Spitz sein Haupt, auf der Scheitel mit dünnlicher Wolle besäet.
Widerlich war er vor allen des Peleus Sohn und Odysseus;
Denn sie lästert' er stets. Doch jetzt Agamemnon dem Herrscher
Kreischt' er hell entgegen mit Schmähungen. Rings die Achaier
Zürnten ihm, heftig empört, und ärgerten sich in der Seele.
Aber der Lästerer schalt mit lautem Geschrei Agamemnon:
Atreus' Sohn, was klagst du denn nun und wessen bedarfst du?
Voll sind dir von Erz die Gezelt' und viele der Weiber
Sind in deinen Gezelten, erlesene, die wir Achaier
Immer zuerst dir schenken vom Raub eroberter Städte.
Mangelt dir auch noch Gold, das ein rossebezähmender Troer
Her aus Ilios bringe, zum Lösungswerte des Sohnes,
Welchen ich selbst in Banden geführt, auch sonst ein Achaier?
Oder ein jugendlich Weib, ihr beizuwohnen in Wollust,
Wann du allein in der Stille sie hegst? Traun, wenig geziemt sich's,
Führer zu sein und in Jammer Achaias Söhne zu leiten!
Weichlinge, zag und verworfen, Achairinnen, nicht mehr Achaier!
Laßt doch heim in den Schiffen uns gehn und diesen vor Troja
Hier an Ehrengeschenken sich sättigen, daß er erkenne,
Ob auch wir mit Taten ihm beistehn oder nicht also!
Hat er Achilleus doch, den weit erhabneren Krieger,
Jetzo entehrt und behält sein Geschenk, das er selber geraubet!
Aber er hat nicht Gall in der Brust, der träge Achilleus!
Oder du hättest, Atreide, das letztemal heute gefrevelt!
Also schalt Thersites den Hirten des Volks Agamemnon,
Atreus' Sohn. Ihm nahte sofort der edle Odysseus;
Finster schaut' er auf jenen und rief die drohenden Worte:
Törichter Schwätzer Thersites, obgleich eintönen der Redner,
Schweig und enthalte dich, immer allein mit den Fürsten zu hadern!
Denn nicht mein ich, daß irgendein schlechterer Mensch wie du selber
Wandle, so viel herzogen mit Atreus' Söhnen vor Troja!
Nie drum nenne dein Mund die Könige vor der Versammlung!
[28] Schreie sie nicht mit Schmähungen an, noch laur auf die Heimfahrt!
Denn noch wissen wir nicht, wohin sich wende die Sache,
Ob wir zum Glück heimkehren, wir Danaer, oder zum Unglück.
Sitzest du, Atreus' Sohn, den Hirten des Volks Agamemnon,
Darum zu schmähn allhier, weil ihm die Helden Achaias
Schätze so reichlich geschenkt, und lästerst ihn vor der Versammlung?
Aber ich sage dir an und das wird wahrlich vollendet:
Find ich noch einmal dich vor Wahnsinn toben wie jetzo,
Dann soll Odysseus' Haupt nicht länger stehn auf den Schultern,
Dann soll keiner hinfort des Telemachos Vater mich nennen,
Wenn ich nicht dich ergreif und jedes Gewand dir entreiße,
Deinen Mantel und Rock und was die Scham dir umhüllet,
Und mit lautem Geheul zu den rüstigen Schiffen dich sende
Aus der Versammlung, gestäupt mit schmählichen Geißelhieben!
Also der Held, und zugleich mit dem Zepter ihm Rücken und Schultern
Schlug er; da wand sich jener, und häufig stürzt' ihm die Träne.
Eine Striem erhub sich mit Blut aufschwellend am Rücken
Unter des Zepters Gold. Er setzte sich nun und bebte,
Murrend vor Schmerz, mit entstelltem Gesicht und wischte die Trän ab,
Rings wie betrübt sie waren, doch lachten sie herzlich um jenen.
Also redete mancher, gewandt zum anderen Nachbar:
Traun, gar vieles bereits hat Odysseus Gutes vollendet,
Heilsamen Rat zu reden berühmt und Schlachten zu ordnen;
Aber anjetzt vollbracht er das Trefflichste vor den Argeiern,
Daß er den ungestümen und lästernden Redner geschweiget!
Schwerlich möcht er hinfort, wie das mutige Herz ihn auch antreibt,
Wider die Könige sich mit schmähenden Worten empören!
Also das Volk. Da erhub sich der Städteverwüster Odysseus,
Haltend den Herrscherstab; und neben ihm Pallas Athene,
Gleich an Gestalt dem Herold, gebot Stillschweigen den Völkern,
Daß die Nächsten zugleich und die äußersten Männer Achaias
Hörten des Redenden Wort und wohl nachdächten dem Rate.
Jener begann wohlmeinend und redete vor der Versammlung:
Atreus' Sohn, nun bereiten die Danaer dir, o Gebieter,
Hohn und Schmach vor den Völkern des redenden Menschengeschlechtes
Und vollenden dir nicht die Verheißungen, die man gelobet,
Als man hieher dir folgt' aus der rossenährenden Argos:
[29] Heimzugehn, ein Vertilger der festummauerten Troja.
Denn wie zarte Kindelein tun und verwitwete Weiber,
Klagen sie dort einander ihr Leid und jammern um Heimkehr.
Freilich ringt wohl jeder, wer Trübsal duldet, nach Heimkehr.
Denn wer auch einen Mond nur entfernt ist seiner Gemahlin,
Weilet ja schon unmutig am vielgeruderten Schiffe,
Welches der winternde Sturm aufhält und des Meeres Empörung.
Doch uns schwand das neunte der rollenden Jahre vorüber,
Seit wir allhier ausharren. Ich tadele nicht die Achaier,
Daß man traurt bei den Schiffen und heimstrebt. Aber es wär uns
Schändlich doch, die so lange geweilt, leer wiederzukehren!
Duldet, o Freund', und harrt noch ein weniges, daß wir erkennen,
Ob uns Wahrheit von Kalchas enthüllt ward oder nicht also.
Denn wohl denken wir jenes im Geiste noch, und ihr bezeugt es
Alle, die nicht wegführten die graulichen Keren des Todes.
Gestern war's, wie mir deucht, da sich unsere Schiffe bei Aulis
Sammelten, Böses zu bringen dem Priamos selbst und den Troern.
Ringsher opferten wir um den Quell den unsterblichen Göttern
Auf geweihten Altären vollkommene Festhekatomben,
Unter des Ahorns Grün, dem blinkendes Wasser entsprudelt.
Sieh, und ein Zeichen geschah. Ein purpurschuppiger Drache,
Gräßlich zu schaun, den selber ans Licht der Olympier sandte,
Unten entschlüpft' dem Altar, fuhr schlängelnd empor an dem Ahorn.
Dort nun ruhten im Neste des Sperlinges nackende Kindlein
Oben auf schwankendem Ast und schmiegten sich unter den Blättern,
Acht; und die neunte war der Vögelchen brütende Mutter.
Jener nunmehr verschlang die kläglich Zwitschernden alle,
Nur die Mutter umflog mit jammernder Klage die Kindlein,
Bis er das Haupt hindreht' und am Flügel die Schreiende haschte.
Aber nachdem er die Jungen verzehrt und das Weibchen des Sperlings,
Stellte zum Wunderzeichen der Gott ihn, der ihn gesendet:
Denn zum Stein erschuf ihn der Sohn des verborgenen Kronos.
Wir nun standen umher und stauneten ob der Erscheinung,
Wie doch solcherlei Graun eindrang in der Himmlischen Opfer.
Schleunig vor allem Volk weissagete Kalchas der Seher:
Warum steht ihr verstummt, ihr hauptumlockten Achaier?
Uns erschuf dies Wunder der Macht Zeus' waltende Vorsicht,
[30] Spät von Dauer und spät erfüllt, zu ewigem Nachruhm!
Gleichwie jener die Jungen verzehrt und das Weibchen des Sperlings,
Acht, und die neunte war der Vögelchen brütende Mutter:
Also werden wir dort neun Jahr auch kriegen um Troja,
Doch im zehnten die Stadt voll prächtiger Gassen erobern.
So weissagete jener, und nun wird alles vollendet.
Auf denn, bleibt miteinander, ihr hellumschienten Achaier,
Hier nun, bis wir gewonnen des Priamos türmende Feste!
Jener sprach's; aufschrien die Danaer laut und umher scholl
Ungestüm von den Schiffen das Jubelgetön der Achaier,
Alle das Wort hochpreisend des göttergleichen Odysseus.
Drauf vor jenen begann der gerenische reisige Nestor:
Götter! Ja, traun, ihr redet wie Knäbelein hier in Versammlung,
Die unmündig noch nichts um Taten des Kriegs sich bekümmern!
Wo sind unsre Verheißungen nun und die heiligen Schwüre?
Soll denn in Rauch aufgehen der Rat und die Sorge der Männer,
Opfer des lauteren Weins, und der Handschlag, dem wir vertrauet?
Denn mit eiteler Rede ja zanken wir; aber vergebens
Spähen wir heilsamen Rat, wie lange wir hier auch verweilen!
Atreus' Sohn, du künftig wie vor unerschütterten Herzens
Führe der Danaer Volk in wütendes Waffengetümmel.
Aber dahin laß schwinden die einzelnen, welche gesondert
Etwa von uns ratschlagen (denn nie wird solchen Erfüllung),
Heim gen Argos zu kehren, bevor vom Ägiserschüttrer
Wir er erkannt, ob Täuschung gelobete oder nicht also.
Denn ich sag, uns winkte der hocherhabene Kronion
Jenes Tags, da wir stiegen in meerdurchgleitende Schiffe,
Argos' Volk, die Troer mit Mord und Verderben bedrohend:
Rechtshin zuckte sein Blitz, ein heilweissagendes Zeichen!
Drum daß keiner zuvor wegdräng und strebe zur Heimkehr,
Eh er allhier mit einer der troischen Frauen geruhet,
Eh er gerächt der Helena Angst und einsame Seufzer!
Sehnt sich einer indes so gar unbändig nach Heimkehr,
Wag er mir's, sein schwarzes gebogenes Schiff zu berühren:
Daß er zuerst vor allen den Tod und das Schicksal erreiche!
Sinne denn selbst, o König, auf Rat und hör ihn von andern.
Nicht wird dir verwerflich das Wort sein, welches ich rede.
[31] Sondere rings die Männer nach Stamm und Geschlecht, Agamemnon,
Daß ein Geschlecht dem Geschlecht beisteh und Stämme den Stämmen.
Tust du das und gehorchen die Danaer dir, dann erkennst du,
Wer von den Führern des Heers der Feigere, wer von den Völkern,
Und wer tapferer sei, denn es kämpft nun jeder das Seine.
Auch erkennst du, ob Göttergewalt die Eroberung hindert
Oder des Heers Feigheit und mangelnde Kriegeserfahrung.
Ihm antwortete drauf der Völkerfürst Agamemnon:
Wahrlich, im Rat besiegst du, o Greis, die Männer Achaias.
Wenn doch, o Vater Zeus und Pallas Athen und Apollon,
Noch zehn andere Räte wie du mir wären im Volke!
Bald dann neigte sich uns des herrschenden Priamos Feste,
Unter unseren Händen besiegt und zu Boden getrümmert!
Aber Zeus Kronion, der Donnerer, sandte mir Unheil,
Der in ein eitles Gewirr von Hader und Zank mich verwickelt.
Denn ich selbst und Achilleus entzweiten uns wegen des Mägdleins
Mit feindseligen Worten; ich aber begann die Entrüstung.
Wenn wir je uns wieder vereinigen, traun, nicht länger
Säumt dann noch das Verderben von Ilios, auch nicht ein kleines!
Doch nun geht zum Mahle, damit wir rüsten den Angriff.
Wohl bereite sich jeder den Schild, wohl schärf er die Lanze;
Wohl auch reich er die Kost den leichtgeschenkelten Rossen;
Wohl auch späh er den Wagen umher und gedenke der Feldschlacht,
Daß wir den ganzen Tag im schrecklichen Kampf uns versuchen.
Denn nicht wenden wir uns zum Ausruhn, auch nicht ein kleines,
Ehe die Nacht herkommend den Mut der Männer gesondert.
Triefen von Schweiß wird manchem das Riemengehenk um den Busen
Am ringsdeckenden Schild und starren die Hand an der Lanze;
Triefen auch manchem das Roß, vor den zierlichen Wagen gespannet.
Aber wofern mir einer, der Schlacht mit Fleiß sich enthaltend,
Bei den geschnäbelten Schiffen zurückbleibt: wahrlich, umsonst wird
Dieser umher dann schaun, zu entfliehen den Hunden und Vögeln!
Jener sprach's; aufschrien die Danaer laut: wie die Meerflut
Brüllt um den hohen Strand, wann kommend der Süd sie emporwühlt
Am vorragenden Fels, der nie von Wogen verschont ist
Aller Wind' umher, ob sie dorthin wehen, ob dorthin.
Schnell nun sprangen sie auf und liefen umher durch die Schiffe;
[32] Rings entstieg den Gezelten der Rauch, und sie nahmen das Frühmahl.
Andere opferten andern der ewigwährenden Götter,
Flehend, dem Tode der Schlacht zu entgehn und dem Toben des Ares.
Jener selbst auch weihte, der Völkerfürst Agamemnon,
Einen Stier, fünfjährig und feist, dem starken Kronion.
Und er berief die ältsten, die edleren aller Achaier:
Nestor zuerst vor allen, Idomeneus dann, den Beherrscher,
Auch die Ajas beid und Tydeus' Sohn Diomedes;
Auch den sechsten Odysseus, an Ratschluß gleich dem Kronion.
Aber es kam freiwillig der Rufer im Streit Menelaos;
Denn er erkannt im Herzen, wie viel dem Bruder zu tun war.
Und sie umstanden den Stier und nahmen sich heilige Gerste;
Betend erhub die Stimme der Völkerfürst Agamemnon:
Zeus, ruhmwürdig und hehr, schwarzwolkiger, Herrscher des Äthers!
Nicht bevor laß sinken die Sonn und das Dunkel heraufziehn,
Eh ich hinab von der Höhe gestürzt des Priamos Wohnung,
Dunkel von Rauch und die Tore mit feindlicher Flamme verwüstet;
Eh ich vor Hektors Brust ringsher zerrissen den Panzer
Mit eindringendem Erz und viel um ihn der Genossen,
Vorwärts liegend im Staub, mit Geknirsch in die Erde gebissen!
Jener sprach's, doch mitnichten gewährt' ihm solches Kronion,
Sondern er nahm sein Opfer und häuft' ihm unnennbare Drangsal.
Aber nachdem sie gefleht und heilige Gerste gestreuet,
Beugten zurück sie den Hals und schlachteten, zogen die Haut ab,
Sonderten dann die Schenkel, umwickelten solche mit Fette
Zwiefach umher und bedeckten sie dann mit Stücken der Glieder.
Dies verbrannten sie alles, gelegt auf entblätterte Scheiter;
Wendeten dann durchspießt die Eingeweid an der Flamme.
Als sie die Schenkel verbrannt und die Eingeweide gekostet,
Schnitten sie auch das übrige klein und steckten's an Spieße,
Brieten es dann vorsichtig und zogen es alles herunter.
Aber nachdem sie ruhten vom Werk und das Mahl sich bereitet,
Schmausten sie, und nicht mangelt' ihr Herz des gemeinsamen Mahles.
Aber nachdem die Begierde des Tranks und der Speise gestillt war,
Jetzo begann das Gespräch der gerenische reisige Nestor:
Atreus' Sohn, ruhmvoller, du Völkerfürst Agamemnon,
Laß uns nicht hier redend die Zeit verlieren und länger
[33] Nicht aufschieben das Werk, das jetzo der Gott uns vertrauet.
Auf denn, und heiß ausrufend die Herolde rings der Achaier
Erzumpanzertes Volk umher bei den Schiffen versammeln!
Wir dann wollen gesellt das weite Heer der Achaier
Alle durchgehn, um schneller die wütende Schlacht zu erregen.
Jener sprach's; ihm gehorchte der Völkerfürst Agamemnon,
Eilt' und gebot Herolden von hellaustönender Stimme,
Rings in die Schlacht zu rufen die hauptumlockten Achaier.
Tönend riefen sie aus, und flugs war die Menge versammelt.
Jen' um den Atreionen, die gottbeseligten Herrscher,
Stürmten umher anordnend. Zugleich ging Pallas Athene,
Haltend die Ägis voll Pracht, unalternd stets und unsterblich;
Hundert zierliche Quäst', aus lauterem Golde geflochten,
Hingen daran, und vom Werte der Hekatombe war jeder.
Hiermit weithinleuchtend durchflog sie das Heer der Achaier,
Trieb zur Eile sie an und rüstete jeglichen Mannes
Busen mit Kraft, rastlos im Streite zu stehn und zu kämpfen.
Allen sofort schien süßer der Kampf, als wiederzukehren
In den geräumigen Schiffen zum lieben Lande der Väter.
Wie ein vertilgendes Feuer entbrennt in unendlicher Waldung
Auf den Höhn des Gebirgs und fern die Flamme gesehn wird:
Also dem wandelnden Heer entflog von dem prangenden Erze
Weithin leuchtender Glanz und durchstrahlte die Luft bis zum Himmel.
Dort, gleichwie der Gevögel unzählbar fliegende Scharen,
Kraniche oder Gäns' und das Volk langhalsiger Schwäne,
Über die asische Wies um Kaystrios' weite Gewässer,
Hierhin flattern und dorthin mit freudigem Schwunge der Flügel,
Dann mit Getön hinsenken den Flug, daß umher das Gefild hallt:
So dort stürzten die Scharen von Schiffen daher und Gezelten
Auf die skamandrische Flur; und ringsum drönte die Erde
Graunvoll unter dem Gang des wandelnden Heers und der Rosse.
Jetzo standen sie all in der blumigen Au des Skamandros,
Tausende, gleich wie Blätter und knospende Blumen im Frühling.
Aber dicht, wie der Fliegen unzählbar wimmelnde Scharen
Rastlos durch das Gehege des ländlichen Hirten umherziehn
Im anmutigen Lenz, wann Milch von den Butten herabtrieft:
So unzählbar standen die hauptumlockten Achaier
[34] Gegen die Troer im Felde, sie auszutilgen verlangend.
Jetzo, wie oft Geißhirten die schweifenden Ziegenherden
Ohne Müh aussondern, nachdem sie sich weidend gemischet:
So dort stellten die Führer und ordneten hierhin und dorthin,
Einzugehn in die Schlacht; mit ihnen der Held Agamemnon,
Gleich an Augen und Haupt dem donnerfrohen Kronion,
Gleich dem Ares an Gurt und an hoher Brust dem Poseidon.
So wie der Stier in der Herd ein Herrlicher wandelt vor allen,
Männlich stolz, denn er ragt aus den Rindern hervor auf der Weide:
Also verherrlichte Zeus an jenem Tag Agamemnon,
Daß er hoch aus vielen hervorschien unter den Helden.
Sagt mir anitzt, ihr Musen, olympische Höhen bewohnend
(Denn ihr seid Göttinnen und wart bei allem und wißt es;
Unser Wissen ist nichts; wir horchen allein dem Gerüchte):
Welche waren die Fürsten der Danaer und die Gebieter?
Nie vermöcht ich das Volk zu verkündigen oder zu nennen,
Wären mir auch zehn Kehlen zugleich, zehn redende Zungen,
Wär unzerbrechlicher Laut und ein ehernes Herz mir gewähret,
Wenn die olympischen Musen mir nicht, des Ägiserschüttrers
Töchter, die Zahl ansagten, wieviel vor Ilios kamen.
Drum die Ordner der Schiffe genannt und die sämtlichen Schiffe.
Führer war den Böoten Peneleos, Leitos Führer,
Arkesilaos zugleich und Klonios samt Prothoenor.
Alle, die Hyrie rings und die felsige Aulis bewohnten,
Schoinos auch und Skolos und weit die Höhn Eteonos,
Dann Thespeia und Gräa und weit die Aun Mykalessos',
Auch die Harma umwohnten, Eilesion auch und Erythrä,
Auch die Eleon sich und Peteon bauten und Hyle,
Rings Okalea dann und Medeons prangende Gassen,
Kopä, samt Eutresis und Thisbe, flatternd von Tauben:
Die Koroneia umher und die Grasgefild' Haliartos',
Die Platäa gebaut und die in Glissas gewohnet,
Die umher Hypothebe bewohnt in prangenden Häusern,
Auch Onchestos' lieblichen Hain um den Tempel Poseidons;
Die dann Arne bewohnt voll Weinhöhn, auch die Mideia,
Auch die heilige Nissa und fern Anthedon, die Grenzstadt:
Diese zogen daher in fünfzig Schiffen, und jedes
[35] Trug der böotischen Jugend erlesene hundertundzwanzig.
Die in Orchomenos wohnten, der Minyer, und in Aspledon,
Führt' Askalaphos an und Jalmenos, Söhne des Ares,
Aus der Astyoche Schoß; in der Burg des azeidischen Aktors
Stieg sie einst in den Söller empor, die schüchterne Jungfrau,
Hin zum gewaltigen Ares, und sank in geheimer Umarmung.
Diese trug ein Geschwader von dreißig gebogenen Schiffen.
Aber Schedios herrscht' und Epistrophos vor den Phokäern,
Beide des Iphitos Söhne, des naubolidischen Königs;
Die umher Kyparissos gebaut und die felsige Python,
Auch die herrliche Krissa und Panopeus' Äcker und Daulis;
Die um Anemoreia und her um Hyampolis wohnten;
Dann die längs dem Kephissos, dem heiligen Strome, gehauset;
Auch die Liläa bestellt, bis hinauf zum Quell des Kephissos:
Diese zogen einher in vierzig dunkelen Schiffen.
Jene stellten in Reihn, die phokäischen Männer umwandelnd,
Und sie schlossen sich links an die Männerschar der Böoten.
Ajas führte die Lokrer, der schnelle Sohn des Oileus:
Kleiner und nicht so groß wie der Telamonier Ajas,
Sondern geringer an Wuchs, doch klein und im leinenen Harnisch,
War er geübt mit der Lanze vor allem Volk der Achaier.
Alle, die Kynos bewohnt, Kalliaros' Auen und Opus,
Bessa rings und Skarphe, die liebliche Flur um Augeia,
Tarphe und Thronios' Au, von Boagrios' Strome gewässert,
Folgeten jenem zugleich in vierzig dunkelen Schiffen,
Lokrer, die jenseits wohnen dem heiligen Land Euböa.
Dann die Euböa bewohnt, die mutbeseelten Abanter,
Chalkis, Eiretria dann und die Traubenhöhn Histiäas,
Auch Kerinthos am Meer und Dios' ragende Bergstadt,
Auch die Karystos umher und Styrons Fluren bebauten:
Diese führt' Elephenor zum Kampf, der Sprößling des Ares,
Chalkodons Sohn, Heerfürst der hochgesinnten Abanter.
Rasch ihm folgte sein Volk mit rückwärtsfliegendem Haupthaar,
Schwinger des Speers und begierig, mit ausgestreckter Esche
Krachend des Panzers Erz an feindlicher Brust zu durchschmettern.
Deren folgt ein Geschwader von vierzig dunkelen Schiffen.
Dann die Athenä bewohnt, des hochgesinnten Erechtheus
[36] Wohlgebauete Stadt, des Königes, welchen Athene
Nährte, die Tochter Zeus' (ihn gebar die fruchtbare Erde),
Und in Athenä setzt' in ihren gefeierten Tempel,
Wo das Herz ihr erfreun mit geopferten Farren und Lämmern
Jünglinge edler Athener, in kreisender Jahre Vollendung.
Jenen gebot anführend des Peteos Sohn Menestheus.
Ihm war nie zu vergleichen ein Mann von den Erdebewohnern,
Rosse zur Schlacht zu ordnen und schildgewappnete Männer.
Nur wetteiferte Nestor; denn der war höheren Alters.
Diesem folgt' ein Geschwader von fünfzig dunkelen Schiffen.
Ajas führte daher aus Salamis zwölf der Schiffe,
Stellte sie dann, wo in Reihn der Athener Schar sich geordnet.
Dann die Argos bewohnt und die festummauerte Tiryns,
Asinens samt Hermionens Port an besegelter Meerbucht.
Trözen, Eionä auch und die Traubengestad' Epidauros',
Auch die Ägina und Mases bewohnt, die jungen Achaier:
Diesen gebot obwaltend der Rufer im Streit Diomedes;
Sthenelos auch, des Kapaneus Sohn, des gepriesenen Helden.
Auch der dritte gebot, Euryalos, ähnlich den Göttern,
Er, des Mekistheus Sohn, des taläonidischen Königs.
Alle gesamt dann führte der Rufer im Streit Diomedes.
Ihnen folgt' ein Geschwader von achtzig dunkelen Schiffen.
Dann die Mykenä bewohnt, die Stadt voll prangender Häuser;
Auch die reiche Korinthos und schöngebaute Kleonä;
Auch die Orneia bestellt und Aräthyreens Äcker,
Sikyon auch, wo vordem der Held Adrastos gewaltet,
Hyperesia dann und die Felsenstadt Gonoessa;
Auch die Pellene gebaut und Ägion ringsum bestellet
Und die Gestad' umher, und Helike, grün von Ebnen,
Führt' in hundert Schiffen der Völkerfürst Agamemnon,
Atreus' Sohn. Ihm folgte das mehreste Volk und das beste
Her zum Streit; und er selber, in blendendem Erze gerüstet,
Trotzte voran, da er herrlich hervorschien unter den Helden,
Weil er der tapferste war und mit mehrerem Volke daherzog.
Dann die gewohnt in der großen umhügelten Stadt Lakedämon,
Auch die Phare und Sparta, die Messe, flatternd von Tauben,
Und die Briseia bestellt und die liebliche Flur um Augeia;
[37] Die in Amyklä gewohnt, auch Helos' Bürger, der Meerstadt,
Auch die Laas gebaut und Ötylos' Auen bestellet:
Deren führt' ihm der Bruder, der Rufer im Streit Menelaos,
Sechzig Schiffe daher; doch hielt gesondert die Heerschar.
Aber er selbst durchging sie, dem eigenen Mute vertrauend,
Und ermahnte zur Schlacht; denn am heftigsten brannte das Herz ihm,
Bis er gerächt der Helena Angst und einsame Seufzer.
Dann die Pylos bewohnt und die anmutsvolle Arene,
Thryos, Alpheios' Furt und die schöngebauete Äpy,
Auch die Kyparisseis bestellt und Amphigeneia,
Pteleos auch und Helos und Dorion, dort, wo die Musen
Findend den Thrakier Thamyris einst des Gesanges beraubten,
Der aus Öchalia kam von Eurytos. Denn sich vermessend
Prahlt' er laut, zu siegen im Lied, und sängen auch selber
Gegen ihn die Musen, des Ägiserschütterers Töchter.
Doch die Zürnenden straften mit Blindheit jenen und nahmen
Ihm den holden Gesang und die Kunst der tönenden Harfe.
Diesen herrschte voran der gerenische reisige Nestor,
Und ihm folgt' ein Geschwader von fünfzig geräumigen Schiffen.
Die in Arkadia weit die kyllenischen Höhen umwohnten,
Am äpytischen Male, die hartandringenden Kämpfer,
Die durch Pheneos' Flur und Orchomenos' Triften gewohnet,
Rhipe und Stratie dann und Enispens wehende Gipfel,
Auch die Tegea sich und die schöne Mantinea bauten,
Auch Stymphalos umher und Parrhasiens frohe Bewohner:
Deren führt' Ankäos gebietender Sohn Agapenor
Sechzig Schiffe daher; und viel in jedes der Schiffe
Traten arkadische Männer, gewandt in Kriegeserfahrung.
Denn er selbst gab ihnen, der Völkerfürst Agamemnon,
Schöngebordete Schiffe, das dunkele Meer zu durchsteuern,
Atreus' Sohn; nicht waren der Meergeschäfte sie kundig.
Die Buprasion dann und die heilige Elis bewohnten,
Was Hyrmine umher und Myrsinos' äußerste Grenzstadt,
Dort der olenische Fels und dort Aleision einschließt,
Ordneten vier Heerführer zum Kampf; und jeglichem folgten
Zehn der hurtigen Schiffe, gedrängt voll edler Epeier.
Denn Amphimachos dort und Thalpios führten die Heerschar,
[38] Jener des Kteatos Sohn, des aktorischen Eurytos dieser;
Hier Amarynkeus' Sohn, der tapfere Krieger Diores;
Doch der vierten gebot der göttliche Held Polyxeinos,
Den Agasthenes zeugte, der augeiadische König.
Aber Dulichions Volk und der heiligen Echinaden,
Meereilande, die fern von Elis' Ufer man schauet:
Dieses ordnete Meges zur Schlacht, dem Ares vergleichbar,
Phyleus' Sohn, den erzeugte der Rossebändiger Phyleus,
Der in Dulichion einst auswanderte, zürnend dem Vater.
Diesem folgt' ein Geschwader von vierzig dunkelen Schiffen.
Aber Odysseus führte die mutigen Kephallener,
Die durch Ithaka wohnten um Neritons rauschende Wälder,
Die Krokyleia bestellten und Ägilips rauhe Gefilde,
Die Zakynthos umher und die weitbevölkerte Samos,
Auch die Epeiros dort und die Gegenküste bestellten:
Diesen gebot Odysseus, an Ratschluß gleich dem Kronion;
Und ihm folgt' ein Geschwader von zwölf rotschnäblichten Schiffen.
Aber Thoas gebot, Andrämons Sohn, den Ätolern,
Welche von Pleuron kamen, von Olenos und von Pylene,
Auch von Chalkis' Gestad und Kalydons felsichter Gegend.
Denn nicht lebeten mehr vom Geschlecht des erhabenen Öneus,
Noch er selbst; auch starb der bräunliche Held Meleagros.
Drum ward jenem vertraut die Obergewalt der Ätoler;
Und ihm folgt' ein Geschwader von vierzig dunkelen Schiffen.
Kretas Volke gebot Idomeneus, kundig der Lanze.
Alle, die Gnossos bewohnt und die festummauerte Gortyn,
Lyktos auch und Miletos und rings die weiße Lykastos,
Phästos und Rhytios auch, die volkdurchwimmelten Städte,
Auch die sonst noch Kreta in hundert Städten bewohnet:
Diesen herrschte voran Idomeneus, kundig der Lanze,
Auch Meriones, gleich dem männermordenden Ares.
Ihnen folgt' ein Geschwader von achtzig dunkelen Schiffen.
Aber der Herakleide Tlepolemos, groß und gewaltig,
Führt' in neun Meerschiffen der Rhodier trotzende Jugend,
Welche die heilige Rhodos umwohneten, dreifach geordnet,
Lindos samt Jalyssos umher und die weiße Kameiros:
Diesen herrschte voran Tlepolemos, welchen die Fürstin
[39] Astiocheia gebar der hohen Kraft Herakles'.
Diese gewann Herakles an Ephyras Strome Selleis,
Viele Städt' austilgend der gottbeseligten Männer.
Aber Tlepolemos wuchs in Herakles' prangender Wohnung
Kaum zum Jüngling empor, da erschlug er Lykymnios plötzlich,
Ihn, des Vaters grauenden Ohm, den Sprößling des Ares.
Schnell nun bauet' er Schiff', und viel des Volkes sich sammelnd,
Floh er hinweg auf das Meer; denn Rach ihm drohten die andern,
Söhne zugleich und Enkel der hohen Kraft Herakles'.
Endlich kam er in Rhodos, der Irrende, Kummer erduldend.
Dreifach wohnten sie dort, in Stämme geteilt, und gedeihten,
Lieblinge Zeus', der Götter und sterbliche Menschen beherrschet;
Segnend herab goß ihnen des Reichtums Schätze Kronion.
Nireus kam aus Syma mit drei gleichschwebenden Schiffen,
Nireus, Charopos' Sohn, des Herrschenden, und der Aglaia;
Nireus, der der schönste Mann vor Ilios herzog
Rings im Danaervolk, nach dem tadellosen Achilleus;
Aber er war unkriegerisch, und klein ihm folgte die Heerschar.
Dann die Nisyros umher und Krapathos bauten und Kasos,
Kos, des Eurypylos Stadt, und umher die kalydnischen Inseln:
Diesen gebot Pheidippos zugleich und Antiphos führend,
Beide Thessalos' Söhne, des herakleidischen Königs.
Ihnen folgt' ein Geschwader von dreißig gebogenen Schiffen.
Nun auch sie, die umher das pelasgische Argos bewohnten,
Die sich in Alos gebaut und Alope, auch die in Trachin,
Auch die Phthia bewohnt und Hellas, blühend von Jungfraun;
Myrmidonen genannt, Hellenen zugleich und Achaier.
Diesen in fünfzig Schiffen gebot obwaltend Achilleus.
Doch nicht diese gedachten des schrecklichen Waffengetöses;
Denn nicht war, der jetzo geordneten Scharen voranging.
Still ja lag in den Schiffen der mutige Renner Achilleus,
Zürnend des Mägdleins wegen, der schöngelockten Briseis,
Die aus Lyrnessos vordem nach hartem Kampf er erbeutet,
Als er umher Lyrnessos zerstört und die Mauern um Thebe,
Als er den Mynes erlegt und Epistrophos, lanzengeübte,
Mutige Söhn' Euenos', des selepiadischen Königs.
Zürnend lag er vor Schmerz; allein bald sollt er emporstehn.
[40] Dann die Phylake bauten und Pyrasos' Blumengefilde,
Gern von Demeter bewohnt, und die lämmernährende Iton,
Antrons laute Gestad' und Pteleos' schwellende Rasen:
Diesen herrschte voran der streitbare Protesilaos,
Weil er lebt'; itzt aber umschloß ihn die dunkele Erde.
Einsam in Phylake blieb mit zerrissenen Wangen die Gattin
Und sein verödetes Haus; ihn erlegt' ein dardanischer Krieger,
Als er dem Schiff entsprang, zuerst vor allen Achaiern.
Zwar nicht blieb ungeführt sein Volk, doch vermißt' es den Führer;
Sondern es ordnete nun des Ares Sprößling Podarkes,
Sohn von Phylakos' Sohne, dem herdenreichen Iphiklos,
Und ein leiblicher Bruder des mutigen Protesilaos,
Jünger er selbst an Geburt; der ältere war und der stärkre
Protesilaos, ein Held wie der Kriegsgott. Zwar es gebrach nicht
Am Heerführer dem Volk; doch vermißten sie ihn, den Erhabnen.
Jenem folgt' ein Geschwader von vierzig dunkelen Schiffen.
Dann die Pherä bewohnten, am böbeidischen Landsee,
Böbe und Glaphyrä weit und die prangende Stadt Jaolkos:
Diese führt' Eumelos, der traute Sohn des Admetos,
In elf Schiffen zum Streit; ihn gebar Alkestis, die Fürstin
Aller Frauen, die schönste von Pelias' blühenden Töchtern.
Die Methone sodann und Thaumakia ringsum bestellet,
Die Meliböa bewohnt und das rauhe Gefild Olizon:
Diesen gebot Philoktetes, der Held, wohlkundig des Bogens;
Sieben waren der Schiff' und der Ruderer fünfzig in jedem,
Alle der Bogenkund erfahrene, tapfere Streiter,
Aber er selber lag in dem Eiland, Qualen erduldend,
Dort in der heiligen Lemnos, wo Argos' Heer ihn zurückließ,
Krank an schwärender Wunde vom Biß der verderblichen Natter.
Jammernd lag er in Schmerz; allein bald sollte gedenken
Argos' Heer bei den Schiffen des Königes Philoktetes.
Zwar nicht blieb ungeführt sein Volk, doch vermißt' es den Führer;
Sondern es ordnete Medon, ein Nebensohn des Oileus,
Welchen Rhene gebar dem Städteverwüster Oileus.
Dann die Thrikka bewohnt und die Felsanhöhen Ithomens,
Auch Öchalia rings, des Öchaliers Eurytos Feste:
Diesen herrschten voran Podaleirios samt Machaon,
[41] Zween heilkundige Männer, sie beid Asklepios' Söhne.
Ihnen folgt' ein Geschwader von dreißig gebogenen Schiffen.
Die in Ormenion wohnten und die am Quell Hypereia,
Die um Asterion auch und Titanos' schimmernde Häupter
Führt' Eurypylos her, der glänzende Sohn des Euämon;
Und ihm folgt' ein Geschwader von vierzig dunkelen Schiffen.
Dann die Argissa bestellt und die Gyrtone bewohnet,
Orthe dann und Elon', und die schimmernde Burg Oloosson:
Diesen herrschte voran der mutige Held Polypötes,
Er, Peirithoos' Sohn, den Zeus der Unsterbliche zeugte;
Doch dem Peirithoos selbst gebar ihn Hippodameia
Jenes Tags, da er strafte die mähnichten Ungeheuer
Und sie vom Pelion drängte, zum Volk der Äthiker verjagend;
Nicht er allein, auch Leonteus zugleich, der Sprößling des Ares,
Sohn von Käneus' Sohne, dem hochgesinnten Koronos.
Diesen folgt' ein Geschwader von vierzig dunkelen Schiffen.
Guneus kam aus Kyphos mit zweiundzwanzig der Schiffe;
Dieser führt' Eniener und kriegesfrohe Peräber,
Die um Dodonas Hain, den winternden, Häuser bewohnten,
Auch die am lieblichen Strom Titaresios Äcker bestellten,
Der in Peneios' Flut hinrollt sein schönes Gewässer,
Aber sich nie einmischt in Peneios' Silbergestrudel,
Sondern wie glattes Öl auf oberer Welle hinabrinnt,
Weil vom furchtbaren Eide, dem stygischen Strom, er entspringet.
Aber Prothoos führte, Tenthredons Sohn, die Magneter,
Die am Peneios umher und Pelions rauschenden Gipfeln
Wohneten; diesen gebot der hurtige Sohn des Tendredon.
Und ihm folgt' ein Geschwader von vierzig dunkelen Schiffen.
Solche waren die Fürsten der Danaer und die Gebieter.
Doch wer war der trefflichste dort, das verkünde mir, Muse,
Jener selbst und der Rosse, die Atreus' Söhnen gefolget?
Rosse waren die trefflichsten dort des Pheretiaden,
Die, von Eumelos gelenkt, hinflogen im Lauf wie die Vögel,
Gleichen Haars, gleichjährig und schnurgleich über den Rücken;
Auf pierischer Weid ernährte sie Phöbos Apollon,
Stuten beid, und drohend umher mit den Schrecken des Ares.
Trefflich vor Männern war der Telamonier Ajas,
[42] Weil Achilleus zürnte; denn der war tapfrer denn alle,
Auch das Gespann, das ihn trug, den untadligen Peleionen.
Aber er, bei den schnellen gebogenen Schiffen des Meeres,
Ruhete, zürnend im Geist dem Hirten des Volks Agamemnon,
Atreus' Sohn; und die Völker am wogenden Strande des Meeres
Freueten sich, mit Scheiben und Jägerspießen zu schleudern
Und mit Geschoß. Auch standen an jeglichem Wagen die Rosse
Müßig, den Lotos rupfend und sumpfentsprossenen Eppich;
Aber die Wagen, umhüllt mit Teppichen, standen den Eignern
In dem Gezelt: sie selber, den streitbaren Führer vermissend,
Wandelten hier im Lager und dort und mieden das Schlachtfeld.
Sie dort zogen einher, wie wenn Glut durchs ganze Gefild hin
Loderte; dumpf aufhallte der Grund, wie dem Gotte der Donner
Zeus, wann des Zürnenden Strahl weitschmetternd das Land des Typhoeus
Arima schlägt, wo sie sagen, Typhoeus ruhe gelagert;
Also dort ertönte der Grund von der kommenden Völker
Mächtigem Gang; denn in Eile durchzog das Gefilde der Heerzug.
Aber den Troern kam die windschnell eilende Iris
Her vom Ägiserschütterer Zeus mit der traurigen Botschaft.
Jene rieten im Rat an Priamos' Pforte, des Königs,
Alle gedrängt miteinander, die Jünglinge so wie die Greise.
Nahe trat und begann die leichthinschwebende Iris,
Gleich an tönender Stimme des Priamos Sohn Polites,
Der zur Hut der Troer, den hurtigen Fersen vertrauend,
Oben saß auf dem Grabe des grauenden Äsyetes,
Spähend, sobald vom Gestad herstürzte das Volk der Achaier.
Dessen Gestalt nachahmend begann die schwebende Iris:
Edler Greis, noch immer gefallen dir eitele Reden,
So wie im Frieden vordem, da der Krieg unermeßlich herannaht!
Traun, schon oftmals kam ich in blutige Schlachten der Männer,
Doch nie hab ich ein solches, so großes Volk noch gesehen!
Gleich den Blättern des Waldes an Zahl und dem Sande des Meeres
Ziehn sie daher im Gefilde, die Stadt ringsum zu bestürmen!
Hektor, du vor allen gehorche nun meiner Ermahnung.
Viel sind umher in Priamos' Stadt der Bundesgenossen,
Andre von andrer Sprache der weitzerstreueten Menschen.
Denen gebiete nunmehr ein jeglicher, welchen er vorsteht;
[43] Diese führ er hinaus, in Ordnungen stellend die Bürger
Jene sprach's, und Hektor, der Göttin Wort nicht verkennend,
Trennte sofort die Versammlung; und alles entflog zu den Waffen.
Ringsum standen geöffnet die Tor', und es stürzte das Kriegsheer,
Streiter zu Fuß und zu Wagen, hinaus mit lautem Getümmel.
Draußen liegt vor den Toren der Stadt ein erhabener Hügel,
Abgewandt im Gefild, umgehbar hierhin und dorthin.
Diesen pflegt Batieia der Sterblichen Rede zu nennen.
Aber die Götter das Mal der sprunggeübten Myrinne.
Dort nun teilten die Troer in Reihen sich und die Genossen.
Erst den Troern gebot der helmumflatterte Hektor,
Priamos' Sohn; ihm folgte das mehreste Volk und das beste,
Wohlgeordnet zur Schlacht, voll Muts die Speere bewegend.
Drauf vor den Dardanern ging Äneias einher, des Anchises
Starker Sohn, den ihm Aphrodite gebar auf des Idas
Waldigen Höhn, die Göttin zum sterblichen Manne gelagert.
Nicht er allein; zugleich ihm die beiden Söhn' Antenors,
Akamas und Archilochos, beid allkundig des Streites.
Dann die Zeleia bewohnt, am äußersten Hange des Ida,
Reich an Hab und trinkend die dunkele Flut des Äsepos,
Troischen Stamms: die führte der glänzende Sohn des Lykaon,
Pandaros, dem den Bogen Apollon selber verliehen.
Aber die Adrasteia gebaut und Apäsos' Gemeinfeld,
Auch Pityeia gebaut und die Felsenhöhn von Tereia,
Führt' Adrastos daher und in leinenem Panzer Amphios,
Beide von Merops erzeugt, dem Perkosier, welcher vor allen
Fernes Geschick wahrnahm und nie den Söhnen verstattet,
Einzugehn in den Krieg, den verderblichen. Aber sie hörten
Nicht sein Wort; denn sie führte des dunkelen Todes Verhängnis.
Welche Perkote sodann und Praktion ringsum bestellet,
Sestos dann und Abydos gebaut und die edle Arisbe:
Ordnete Hyrtakos' Sohn, Held Asios, Männergebieter,
Asios, Hyrtakos' Sohn, den hergebracht aus Arisbe
Rosse, glänzend und groß, vom heiligen Strom Selleis.
Aber Hippothoos führte der speergewohnten Pelasger
Stämme daher aus Larissa, dem Land hochscholliger Äcker;
Samt Hippothoos führte des Ares Sprößling Pyläos:
[44] Beide von Teutamos' Sohn, dem pelasgischen Lethos, erzeuget.
Aber Akamas führt' und Peiroos Thrakiens Völker,
Welche der Hellespontos mit reißendem Strome begrenzet.
Weiter gebot Euphemos kikonischen Lanzenschwingern,
Den Trözenos gezeugt, der gottgeliebte Keade.
Nächst ihm führte Pyrächmes päonische Krümmer des Bogens
Fern aus Amydon her, von des Axios breitem Gewässer,
Axios, der mit lieblichster Flut die Erde befruchtet.
Weiter gebot Paphlagonen Pylämenes, trotzigen Herzens,
Her aus der Eneter Lande, wo wild aufwachsen die Mäuler:
Die den Kytoros bewohnt, die Sesamos ringsum bestellet
Und um Parthenios' Strom sich gepriesene Häuser gebauet,
Kromna, Ägialos auch und die Felsenhöhn Erithynö.
Aber Hodios kam und Epistrophos samt Halizonen
Fern aus Alybe her, allwo des Silbers Geburt ist.
Mysern gebot dann Chromis und Ennomos, kundig der Vögel.
Aber nicht durch Vögel vermied er das schwarze Verhängnis,
Sondern ihn tilgte die Hand des äakidischen Renners
Dort im Strom, wo gemordet noch andere Troer ihm sanken.
Phorkys sodann und der Held Askanios führten die Phryger
Fern von Askania her; und sie dürsteten alle nach Feldschlacht.
Mesthles ordnete drauf und Antiphos kühne Mäonen,
Beide Talämenes' Söhn' und der Nymph im Teiche Gygäa,
Die auch mäonische Stämme geführt vom Fuße des Tmolos.
Nastes führte die Karen, ein Volk barbarischer Mundart,
Welche Miletos umwohnt und das Waldgebirge der Phteirer,
Auch des Mäandros Flut und Mykalens luftige Scheitel:
Diese führt' Amphimachos her und Nastes zur Feldschlacht,
Nastes, der glänzende Held und Amphimachos, Söhne Nomions,
Er, der mit Golde geschmückt in die Schlacht einging wie ein Mädchen.
Tor! nicht konnte das Gold ihn befrein vom grausen Verderben,
Sondern ihn tilgte die Hand des äakidischen Renners
Dort im Strom, und das Gold trug hin der erhabne Achilleus.
Lykier führte Sarpedon zum Kampf und der rühmliche Glaukos,
Fern aus Lykia her, von Xanthos' wirbelnden Fluten.

3. Gesang

[45] III. Gesang.

Begegnungen der Heere. Alexandros oder Paris, nachdem er vor Menelaos geflohn, erbietet sich ihm durch Hektor zum Zweikampf um Helena, welchen Menelaos annimmt. Die Heere ruhn, und Priamos wird zum Vertrage aus Ilios gerufen. Indes geht Helena auf das skäische Tor, wo Priamos mit den Ältesten sitzt, und nennt ihm die achaiischen Heerführer. Priamos fährt in das Schlachtfeld hinaus. Vertrag, Priamos' Rückkehr, Zweikampf. Den besiegten Paris entführt Aphrodite in seine Kammer und ruft ihm Helena. Agamemnon fordert den Siegespreis.


Aber nachdem sich geordnet ein jegliches Volk mit den Führern,

Zogen die Troer in Lärm und Geschrei einher wie die Vögel;
So wie Geschrei hertönt von Kranichen unter dem Himmel,
Welche, nachdem sie dem Winter entflohn und unendlichem Regen,
Dort mit Geschrei hinziehn an Okeanos' strömende Fluten,
Kleiner Pygmäen Geschlecht mit Mord und Verderben bedrohend,
Und aus dämmernder Luft zum schrecklichen Kampfe herannahn.
Jene wandelten still, die mutbeseelten Achaier,
All im Herzen gefaßt, zu verteidigen einer den andern.
Wie auf des Bergs Anhöhen der Süd ausbreitet den Nebel,
Der nicht Hirten erwünscht, doch dem Raubenden besser wie Nacht ist,
Und man so weit vorschauet, als fliegt der geworfene Feldstein:
Also wirbelte Staub von dem Gang der kommenden Völker
Dicht empor; denn in Eile durchzog das Gefilde der Heerzug.
Als sie nunmehr sich genaht, die Eilenden, gegeneinander,
Trat hervor aus den Troern der göttliche Held Alexandros,
Tragend ein Pardelvlies und ein krummes Geschoß um die Schultern,
Samt dem Schwert; zwo Lanzen, gespitzt mit der Schärfe des Erzes,
Schwenkt' er und rief hervor die tapfersten aller Achaier,
Gegen ihn anzukämpfen in schreckenvoller Entscheidung.
Aber sobald ihn sahe der streitbare Held Menelaos
Vor dem Scharengewühl einhergehn mächtigen Schrittes:
So wie ein Löwe sich freut, dem größere Beute begegnet,
Wenn ein gehörneter Hirsch dem Hungrigen oder ein Gemsbock
Nahe kommt; denn begierig verschlinget er, ob auch umher ihn
Hurtiger Hunde Gewühl wegscheucht, und blühende Jäger:
So war froh Menelaos, den göttlichen Held Alexandros
Dort mit den Augen zu schaun; denn er wollt ihn strafen, den Frevler.
Schnell vom Wagen herab mit den Rüstungen sprang er zur Erde.
[46] Aber sobald ihn sahe der göttliche Held Alexandros
Schimmern im Vorderheer, da erbebte vor Angst sein Herz ihm;
Und in der Freunde Gedräng entzog er sich, meidend das Schicksal.
So wie ein Mann, der die Natter ersah, mit Entsetzen zurückfuhr
In des Gebirgs Waldtal (ihm erzitterten unten die Glieder,
Rasch nun floh er hinweg und Bläß umzog ihm die Wangen):
Also taucht' er zurück in die Meng hochherziger Troer,
Zagend vor Atreus' Sohn, der göttliche Held Alexandros.
Hektor schalt ihn erblickend und rief die beschämenden Worte:
Weichling, an Schönheit ein Held, weibsüchtiger, schlauer Verführer!
Wärest du nie doch geboren, das wünscht ich dir, oder gestorben,
Eh du um Weiber gebuhlt! Viel heilsamer wäre dir solches,
Als nun so zum Gespött dastehn und allen zum Anschaun!
Ja, ein Gelächter erheben die hauptumlockten Achaier,
Welche des Heers Vorkämpfer dich achteten, weil du so schöner
Bildung erscheinst; doch wohnt nicht Kraft dir im Herzen, noch Stärke!
Wagtest denn du, ein solcher! in meerdurchwandelnden Schiffen
Über die Wogen zu gehn, von erlesenem Volke begleitet
Und zu Fremden gesellt, ein schönes Weib zu entführen
Aus der Apier Lande, die Schwägerin kriegrischer Männer?
Deinem Vater zum Gram und der Stadt und dem sämtlichen Volke,
Aber den Feinden zur Wonn und zu ewiger Schande dir selber?
Ha, nicht mochtest du stehn vor Atreus' Sohn; denn gelernet
Hättest du, welchem Manne die blühende Gattin du raubtest!
Nichts auch frommte die Laute dir jetzt und die Huld Aphroditens,
Nichts dein Haar und der Wuchs, wenn dort du im Staube dich wälztest!
Wären die Troer nur nicht Feigherzige, traun, es umhüllte
Längst dich ein steinerner Rock für das Unheil, das du gehäuft hast!
Ihm antwortete drauf der göttliche Held Alexandros:
Hektor, dieweil du mit Recht mich tadeltest, nicht mit Unrecht;
Stets ist dir ja das Herz wie die eherne Axt unbezwingbar,
Welche das Holz durchstrebt vor dem Zimmerer, wann er zum Schiffbau
Künstlich die Balken behaut und ihr Schwung ihm die Stärke vermehret:
So ist fest dir das Herz und stets unerschrockenen Mutes.
Nur nicht rüge die Gaben der goldenen Aphrodite.
Unverwerflich ja sind der Unsterblichen ehrende Gaben,
Welche sie selber verleihn und nach Willkür keiner empfänget.
[47] Doch jetzt, willst du mich sehn im tapferen Streite des Krieges,
Heiße die anderen ruhn, die Troer umher und Achaier;
Laßt dann mich vor dem Volk und den streitbaren Held Menelaos
Kämpfen um Helena selbst und die sämtlichen Schätze den Zweikampf.
Wer von beiden nunmehr obsiegt und stärker erscheinet,
Nehme die Schätze gesamt mit dem Weib und führe sie heimwärts.
Ihr dann zugleich, Freundschaft und heiligen Bund euch beschwörend,
Wohnt in der scholligen Troja, und jen' entschiffen zu Argos'
Rossenährender Flur und Achaias rosigen Jungfraun.
Jener sprach's; doch Hektor erfreute sich hoch ob der Rede,
Trat dann hervor in die Mitt und hemmte die troischen Haufen,
Haltend die Mitte des Speers, und still nun standen sie alle.
Auf ihn spannten den Bogen die hauptumlockten Achaier,
Zieleten mit Wurfspießen daher und schleuderten Steine.
Aber es rief lauttönend der Völkerfürst Agamemnon:
Haltet ein, Argeier, und werft nicht, Männer Achaias!
Denn er begehrt zu reden, der helmumflatterte Hektor!
Jener sprach's, und sie ließen vom Streit und harreten schweigend
Flugs umher; doch Hektor begann in der Mitte der Völker:
Hört mein Wort, ihr Troer und hellumschiente Achaier,
Was mir gesagt Alexandros, um welchen der Streit sich erhoben.
Dieser heißt euch andern, die Troer umher und Achaier,
Strecken das schöne Gerät zur nahrungsprossenden Erde,
Daß er allein vor dem Volk und der streitbare Held Menelaos
Kämpf um Helena selbst und die sämtlichen Schätze den Zweikampf.
Wer von beiden nunmehr obsiegt und stärker erscheinet,
Nehme die Schätze gesamt mit dem Weib und führe sie heimwärts.
Freundschaft sollen wir andern und heiligen Bund uns beschwören.
Jener sprach's; doch alle verstummten umher und schwiegen.
Endlich begann vor ihnen der Rufer im Streit Menelaos:
Höret anjetzt auch mich. Am meisten ja lastet der Kummer
Meine Seel, und ich denke, versöhnt nun werdet ihr scheiden,
Argos' Volk und ihr Troer, nachdem viel Böses ihr truget
Wegen unseres Streits, den mir Alexandros begonnen.
Wem nunmehr von uns beiden der Tod und das Schicksal bevorsteht,
Solcher sterb; und ihr andern versöhnt euch eilig und scheidet.
Bringt zwei Lämmer herbei, dem Helios weiß und ein Böcklein,
[48] Schwarz der Erd und ein Weibchen, wir bringen dem Zeus noch ein drittes.
Ruft alsdann auch Priamos' Macht, daß jener das Bündnis
Schwör, er selbst, denn die Söhne sind übermütig und treulos:
Daß kein frevelnder Mann Zeus' heiligen Bund verletze.
Stets ja flattert das Herz den Jünglingen; doch wo ein Alter
Zwischen tritt, der zugleich vorwärts hinschauet und rückwärts,
Solcher erwägt, wie am besten die Wohlfahrt beider gedeihe.
Jener sprach's, ihm erfreuten sich hoch Achaier und Troer,
Hoffend, nun auszuruhn vom unglückseligen Kriege.
Und sie hemmten die Ross' in den Ordnungen, sprangen vom Wagen,
Zogen die Rüstungen aus und legten sie nieder zur Erde,
Nahe nur voneinander; denn wenig war Feldes dazwischen.
Aber Hektor beschied zween Herold' eilig gen Troja,
Schnell die Lämmer zu bringen und Priamos her zu berufen.
Auch den Talthybios sandte der Völkerfürst Agamemnon,
Zu den geräumigen Schiffen zu gehn, damit er das Lamm ihm
Holete; jener enteilt' und gehorcht' Agamemnon, dem Herrscher.
Iris brachte nunmehr der schimmernden Helena Botschaft,
Ihrer Schwägerin gleich, des Antenoriden Gemahlin,
Ihr, die Antenors Sohn sich vermählt, der Fürst Helikaon,
Priamos' rosiger Tochter Laodike, reizender Bildung.
Jene fand sie daheim; sie webt' ein Gewand in der Kammer,
Groß und doppelt und hell, durchwirkt mit mancherlei Kämpfen
Rossebezähmender Troer und erzumschirmter Achaier,
Welche sie ihrethalb von Ares' Händen erduldet.
Nahe trat und begann die leichthinschwebende Iris:
Komm doch, du trautes Kind, die seltsamen Taten zu schauen
Rossebezähmender Troer und erzumschirmter Achaier.
Die jüngst gegeneinander das Grauen des Ares getragen
Durch das Gefild, anstrebend zur tränenbringenden Feldschlacht:
Diese ruhn stillschweigend umher, und der Krieg ist geendigt,
Hingelehnt auf die Schild' und die ragenden Speer' in dem Boden.
Nur Alexandros allein und der streitbare Held Menelaos
Werden anjetzt um dich mit langem Speer sich bekämpfen;
Und wer den Gegner besiegt, der nennt dich traute Gemahlin.
Also sprach die Göttin und schuf ihr süßes Verlangen
Nach dem ersten Gemahl, nach Vaterstadt und Gefreunden.
[49] Schnell in den Schleier gehüllt von silberfarbener Leinwand,
Flog sie hinweg aus der Kammer, die zarte Trän an den Wimpern;
Nicht sie allein; ihr folgten zugleich zwo dienende Jungfraun,
Äthra, des Pittheus Tochter, und Klymene, herrschenden Blickes.
Bald nun kamen sie hin, allwo das skäische Tor war.
Aber Priamos dort und Panthoos neben Thymötes,
Lampos und Klytios auch und Ares' Sproß Hiketaon,
Auch Antenor der Held und Ukalegon, beide voll Weisheit,
Saßen, die Ältsten der Stadt, umher auf dem skäischen Tore,
Welche betagt vom Krieg ausruheten; doch in Versammlung
Redner voll Rat, den Zikaden nicht ungleich, die in den Wäldern
Aus der Bäume Gesproß hellschwirrende Stimmen ergießen:
Gleich so saßen der Troer Gebietende dort auf dem Turme.
Als sie nunmehr die Helena sahn zum Turme sich wenden,
Leise redete mancher und sprach die geflügelten Worte:
Tadelt nicht die Troer und hellumschienten Achaier,
Die um ein solches Weib so lang ausharren im Elend!
Einer unsterblichen Göttin fürwahr gleicht jene von Ansehn!
Dennoch kehr, auch mit solcher Gestalt, sie in Schiffen zur Heimat,
Ehe sie uns und den Söhnen hinfort noch Jammer bereitet!
Also die Greis'; und Priamos rief der Helena jetzo:
Komm doch näher heran, mein Töchterchen, setze dich zu mir,
Daß du schaust den ersten Gemahl und die Freund' und Verwandten!
Du nicht trägst mir die Schuld; die Unsterblichen sind es mir schuldig,
Welche mir zugesandt den bejammerten Krieg der Achaier!
Daß du auch jenes Manns, des gewaltigen, Namen mir nennest,
Wer doch dort der Achaier so groß und herrlich hervorprangt!
Zwar es ragen an Haupt noch andere höher denn jener,
Doch so schön ist keiner mir je erschienen vor Augen,
Noch so edler Gestalt; denn königlich scheint er von Ansehn!
Aber Helena sprach, die edle der Fraun, ihm erwidernd:
Ehrenwert mir bist du, o teurer Schwäher, und furchtbar.
Hätte der Tod mir gefallen, der herbeste, ehe denn hieher
Deinem Sohn ich gefolgt, das Gemach und die Freunde verlassend
Und mein einziges Kind und die holde Schar der Gespielen!
Doch nicht solches geschah, und nun in Tränen verschwind ich! ...
Jetzo will ich dir sagen, was du mich fragst und erforschest.
[50] Jener ist der Atreide, der Völkerfürst Agamemnon,
Beides, ein trefflicher König zugleich und ein tapferer Streiter.
Schwager mir war er vordem, der Schändlichen; ach, er war es!
Jene sprach's; und der Greis bewundert' ihn, laut ausrufend:
Seliger Atreion, o gesegneter, glücklichgeborner!
Wahrlich doch, unzählbar gehorchen dir Männer Achaias!
Vormals zog ich selber in Phrygiens Rebengefilde,
Wo ich ein großes Heer gaultummelnder phrygischer Männer
Schauete, Otreus' Volk und des götterähnlichen Mygdon,
Welches umher am Gestade Sangarios' weit sich gelagert;
Denn ich ward als Bundesgenoß mit ihnen gerechnet
Jenes Tags, da die Hord amazonischer Männinnen einbrach;
Doch war minder die Zahl wie der freudigen Krieger Achaias!
Jetzo erblickt' Odysseus der Greis und fragte von neuem:
Nenne mir nun auch jenen, mein Töchterchen; siehe, wie heißt er?
Weniger ragt er an Haupt als Atreus' Sohn Agamemnon,
Aber breiteren Wuchses an Brust und mächtigen Schultern.
Seine Wehr ist gestreckt zur nahrungsprossenden Erde;
Doch er selbst, wie ein Widder, umgeht die Scharen der Männer.
Gleich dem Bock erscheinet er mir, dickwolliges Vlieses,
Welcher die große Trift weißschimmernder Schafe durchwandelt.
Ihm antwortete Helena drauf, Zeus' liebliche Tochter:
Der ist Laertes' Sohn, der erfindungsreiche Odysseus,
Welcher in Ithakas Reich aufwuchs, des felsichten Eilands,
Wohlgeübt in mancherlei List und verschlagenem Rate.
Und der verständige Greis Antenor sagte dagegen:
Wahrlich, o Frau, du hast untrügliche Worte geredet.
Denn auch hieher kam er vorlängst, der edle Odysseus,
Deinethalben gesandt, und der streitbare Held Menelaos.
Ich herbergete beid, in meinem Palast sie bewirtend,
So daß beider Gestalt und kluger Geist mir bekannt ist.
Als sie nunmehr in der Troer versammelten Kreis sich gesellet,
Ragt' im Stehn Menelaos empor mit mächtigen Schultern;
Doch wie sich beide gesetzt, da schien ehrvoller Odysseus.
Aber sobald sie mit Red und Erfindungen alles umstrickten,
Siehe, da sprach Menelaos nur fliegende Worte voll Inhalts,
Wenige, doch eindringender Kraft; denn er liebte nicht Wortschwall,
[51] Nicht abschweifende Rede, wiewohl noch jüngeren Alters.
Aber nachdem sich erhub der erfindungsreiche Odysseus,
Stand er und schaute zur Erde hinab mit gehefteten Augen;
Auch den Stab, so wenig zurückbewegend wie vorwärts,
Hielt er steif in der Hand, ein Unerfahrner von Ansehn,
Daß du leicht für tückisch ihn achtetest oder für sinnlos.
Aber sobald er der Brust die gewaltigen Stimmen entsandte
Und ein Gedräng der Worte wie stöbernde Winterflocken,
Dann wetteiferte, traun, kein Sterblicher sonst mit Odysseus,
Und nicht stutzten wir so, des Odysseus Bildung betrachtend.
Jetzo sah den Ajas der Greis und fragte noch einmal:
Wer ist dort der achaiische Mann, so groß und gewaltig,
Höher denn alles Volk an Haupt und mächtigen Schultern?
Aber Helena sprach, die herrliche, langen Gewandes:
Ajas heißt der gewaltige Held, der Danaer Schutzwehr.
Dorthin steht, wie ein Gott, Idomeneus unter den Kretern;
Und es umstehn den König die kretischen Führer versammelt.
Oft herbergete jenen der streitbare Held Menelaos,
Wann er aus Kreta kam, daheim in unserer Wohnung.
Nun zwar schau ich sie alle, die freudigen Krieger Achaias,
Die ich wohl noch erkennt' und jeglichen nennte mit Namen:
Zween nur vermag ich nirgends zu schaun der Völkergebieter,
Kastor, den reisigen Held, und den Kämpfer der Faust Polydeukes,
Beide mir leibliche Brüder, von einer Mutter geboren.
Folgten sie nicht hieher aus der lieblichen Flur Lakedämon?
Oder folgten sie zwar in meerdurchwandelnden Schiffen,
Aber enthalten sich nun, in die Schlacht zu gehen der Männer,
Weil sie die Schand abschreckt und die große Schmach, die mich zeichnet?
Jene sprach's; doch die beiden umfing die ernährende Erde
In Lakedämon bereits, im lieben Lande der Väter.
Aber die Herolde trugen die Bundesopfer der Götter
Durch die Stadt, zwei Lämmer und fröhlichen Wein des Gefildes
Im geißledernen Schlauch; es trug Idäos, der Herold,
Einen blinkenden Krug in der Hand und goldene Becher.
Dieser nahte dem Greis und sprach die ermahnenden Worte:
Mache dich auf, Laomedons Sohn, dich rufen die Fürsten
Rossebezähmender Troer und erzumschirmter Achaier
[52] Dort hinab ins Gefilde, den heiligen Bund zu beschwören.
Nur Alexandros allein und der streitbare Held Menelaos
Werden anjetzt um das Weib mit langem Speer sich bekämpfen;
Und wer den Gegner besiegt, dem folgt das Weib und die Schätze.
Wir dann zugleich, Freundschaft und heiligen Bund uns beschwörend,
Baun die schollige Troja; und jen' entschiffen zu Argos'
Rossenährender Flur und Achaias rosigen Jungfraun.
Jener sprach's; da schaurte der Greis und befahl den Gefährten,
Anzuschirren die Ross'; und sie eileten flugs, ihm gehorchend.
Priamos trat in den Wagen und zog die lenkenden Zügel;
Auch mit ihm Antenor bestieg den prächtigen Sessel;
Schnell durch das skäische Tor entflogen die Ross' ins Gefilde.
Als sie nunmehr hinkamen zu Trojas Volk und Achaias,
Stiegen sie beid aus dem Wagen zur nahrungsprossenden Erde,
Wandelten dann in die Mitte der Troer einher und Achaier.
Eilend darauf erhub sich der Völkerfürst Agamemnon,
Auch Odysseus voll Rat. Die stattlichen Herolde jetzo
Führten die Bundesopfer herbei, auch Wein in dem Kruge
Mischten sie, sprengeten dann der Könige Hände mit Wasser.
Doch der Atreid, ausziehend mit hurtigen Händen das Messer,
Das an der großen Scheide des Schwerts ihm immer herabhing,
Schnitt vom Haupt der Lämmer das Haar; und die Herolde jetzo
Teileten rings der Troer und Danaer edlen Gebietern.
Laut nun fleht' Agamemnon empor, mit erhobenen Händen:
Vater Zeus, ruhmwürdig und hehr, du Herrscher vom Ida!
Helios auch, der alles vernimmt und alles umschauet!
Auch ihr Ström' und du Erd, und die ihr drunten die Geister
Toter Menschen bestraft, wer hier Meineide geschworen!
Seid uns Zeugen ihr all und bewahrt die Schwüre des Bundes!
Wenn den Held Menelaos vielleicht Alexandros erleget,
Dann behalt er Helena selbst und die sämtlichen Schätze,
Doch wir kehren zurück in meerdurchwandelnden Schiffen.
Aber sinkt Alexandros dem bräunlichen Held Menelaos,
Dann entlassen die Troer das Weib und die sämtlichen Schätze;
Buße zugleich den Argeiern bezahlen sie, welche geziemet,
Und die hinfort auch daure bei kommenden Menschengeschlechtern.
Doch wenn Priamos dann und Priamos' Söhne sich weigern,
[53] Mir zu bezahlen die Buße, nachdem Alexandros gefallen,
Dann werd ich von neuem mit Kriegsmacht wegen der Sühnung
Kämpfen und nicht heimziehn, bis der Zweck des Krieges erreicht ist.
Sprach's, und die Kehlen der Lämmer zerschnitt er mit grausamem Erze.
Beide legt' er nunmehr, die zappelnden, nieder im Staube,
Matt aushauchend den Geist, da die Kraft vom Erze geraubt war.
Hierauf Wein aus dem Krug, in die goldenen Becher sich schöpfend,
Gossen sie aus und flehten den ewigwährenden Göttern.
Also betete mancher der Troer umher und Achaier:
Zeus, ruhmwürdig und hehr, und ihr andern unsterblichen Götter!
Welche von uns zuerst nun beleidigen, wider den Eidschwur,
Blutig fließ ihr Gehirn, wie der Wein hier, rings auf der Erde,
Ihrs und der Kinder zugleich; und die Gattinnen schände der Fremdling!
Also das Volk; doch mitnichten gewährt' ihm solches Kronion.
Aber Priamos sprach, des Dardanos herrschender Enkel:
Hört mein Wort, ihr Troer und hellumschiente Achaier!
Jetzo kehr ich wieder zu Ilios' luftigen Höhen
Heim; denn nimmer vermag ich mit eigenen Augen zu schauen
Kämpfend den lieben Sohn mit dem streitbaren Held Menelaos.
Zeus erkennt es allein und die andern unsterblichen Götter,
Wem nunmehr von beiden das Ziel des Todes verhängt ist.
Also der göttliche Held, und legt' in den Wagen die Lämmer,
Trat dann selber hinein und zog die lenkenden Zügel;
Auch mit ihm Antenor bestieg den prächtigen Sessel;
Schnell dann kehrten sie beide, zu Ilios' Höhen sich wendend.
Hektor drauf, des Priamos Sohn, und der edle Odysseus,
Maßen umher die Weite des Kampfraums, warfen dann eilend
Los' in den ehernen Helm und schüttelten, welchem das Schicksal
Gönnte, zuerst auf den Gegner die eherne Lanze zu werfen.
Ringsum flehte das Volk und erhob zu den Göttern die Hände.
Also betete mancher der Troer umher und Achaier:
Vater Zeus, ruhmwürdig und hehr, du Herrscher vom Ida!
Wer von beiden den Grund zu solchem Streite geleget,
Den laß jetzo vertilgt eingehn in Aides' Wohnung;
Aber uns versöhne der Freundschaft heiliges Bündnis!
Also das Volk; doch der große, der helmumflatterte Hektor
Schüttelte, rückwärts gewandt; da entsprang das Zeichen des Paris.
[54] Rings nun setzten sich all in Ordnungen, dort, wo sich jeder
Rosse gehobenen Hufs und gebildete Waffen gereihet.
Aber er selbst umhüllte mit zierlichen Waffen die Schultern,
Alexandros der Held, der lockigen Helena Gatte.
Eilend fügt' er zuerst um die Beine sich bergende Schienen,
Blank und schön, anschließend mit silberner Knöchelbedeckung;
Weiter umschirmt' er die Brust ringsher mit dem ehernen Harnisch
Seines tapferen Bruders Lykaon, der ihm gerecht war;
Hängte sodann um die Schulter das Schwert voll silberner Buckeln,
Eherner Kling; und darauf den Schild auch, groß und gediegen;
Auch das gewaltige Haupt mit stattlichem Helme bedeckt' er,
Von Roßhaaren umwallt, und fürchterlich winkte der Helmbusch;
Nahm dann die mächtige Lanze, die ihm in den Händen gerecht war.
So auch zog Menelaos, der streitbare, Waffengeschmeid' an.
Als sich diese nunmehr in jeglichem Heere gerüstet,
Traten beid in die Mitte der Troer einher und Achaier,
Mit androhendem Blick; und Staunen ergriff, die es ansahn,
Rossebezähmende Troer und hellumschiente Achaier.
Und nun standen sie nah im abgemessenen Kampfraum,
Wild die Speere bewegend und zornvoll wider einander.
Erstlich entsandt Alexandros die weithinschattende Lanze,
Und sie traf dem Atreiden den Schild von geründeter Wölbung;
Doch nicht brach sie das Erz, denn rückwärts bog sich die Spitze
Auf dem gediegenen Schild. Nun erhob auch jener die Lanze,
Atreus' Sohn Menelaos, und betete laut zu Kronion:
Waltender Zeus, laß strafen mich ihn, der zuerst mich beleidigt,
Alexandros den Held, und meinen Arm ihn bezwingen,
Daß man schaudre hinfort auch in späteren Menschengeschlechtern,
Böses dem Freunde zu tun, der wohlgesinnt ihn beherbergt!
Sprach's, und im Schwung entsandt er die weithinschattende Lanze.
Und sie traf dem Paris den Schild von geründeter Wölbung.
Siehe, den strahlenden Schild durchschmetterte mächtig die Lanze,
Auch in das Kunstgeschmeide des Harnisches drang sie geheftet;
Grad hindurch an der Weiche des Bauchs durchschnitt sie den Leibrock,
Stürmend; da wandt sich jener und mied das schwarze Verhängnis.
Hurtig zog der Atreide das Schwert voll silberner Buckeln,
Hieb dann im Schwunge den Helm, den gekegelten; aber an jenem
[55] Dreifach zerkracht und vierfach, entsprang es umher aus der Rechten.
Atreus' Sohn wehklagte, den Blick gen Himmel erhebend:
Vater Zeus, nie gleicht dir an Grausamkeit einer der Götter!
Ha, ich hoffte zu strafen die Freveltat Alexandros';
Aber es sprang aus der Hand mir in Trümmer das Schwert, und die Lanze
Flog mir hinweg aus den Händen umsonst und verwundete nicht ihn!
Sprach's und stürmte hinan und ergriff ihn am Busche des Helmes,
Zog dann gewandt ihn daher zu den hellumschienten Achaiern.
Jenen engt' an der Kehle der buntgezeichnete Riemen,
Den er unter dem Kinne, des Helmes Band, sich befestigt.
Und er hätt ihn geschleift und ewigen Ruhm sich erworben,
Wenn nicht schnell es bemerkt die Tochter Zeus', Aphrodite,
Und ihm zersprengt den Riemen des stark erschlagenen Stieres.
Leer nun folgte der Helm der nervichten Hand Menelaos'.
Diesen schleuderte drauf zu den hellumschienten Achaiern
Hochaufschwingend der Held, es erhoben ihn teure Genossen;
Und nun stürmt' er von neuem in heißer Begier zu ermorden,
Hin mit dem ehernen Speer. Doch jenen entrückt' Aphrodite
Sonder Müh, als Göttin, und hüllt' in Nebel ihn ringsher,
Setzt' ihn drauf in die Kammer, von duftender Würze durchräuchert;
Schnell dann Helena suchend, enteilte sie. Jene noch fand sie
Dort auf ragendem Turm und umher viel troische Weiber.
Leis ihr feines Gewand voll Nektarduft ihr bewegend,
Redete sie in Gestalt der wollekrämpelnden Greisin,
Hochbetagt, die ihr einst in heimischer Burg Lakedämons
Liebliche Wolle gezupft und ihr am meisten geliebt war;
Dieser gleich an Gestalt, begann Aphrodite, die Göttin:
Komm; dich ruft Alexandros, mit mir nach Hause zu kehren.
Jener ruht in der Kammer auf zierlichem Lagergestelle,
Strahlend in Reiz und Feiergewand. Kaum solltest du glauben,
Daß er vom Zweikampf komme; vielmehr er gehe zum Reigen,
Oder er sitz ausruhend vom fröhlichen Reigen ein wenig.
Jene sprach's und erregt' ihr das wallende Herz in dem Busen.
Aber sobald sie bemerkte den lieblichen Nacken der Göttin,
Auch den Busen voll Reiz und die anmutstrahlenden Augen,
Tief erstaunte sie jetzt und redete, also beginnend:
Grausame, warum strebst du, mich nochmals schlau zu verleiten?
[56] Soll ich vielleicht noch weiter die wohlbevölkerten Städte
Phrygiens oder der holden Mäonia Städte durchwandern,
Wenn auch dort ein Geliebter dir wohnt der redenden Menschen?
Drum weil jetzt Menelaos den edlen Held Alexandros
Überwand und beschleußt, mich heim, die Verhaßte, zu führen,
Darum schleichst du mir jetzo daher voll trüglicher Arglist?
Setze zu jenem dich hin und verlaß der Unsterblichen Wandel,
Und nie kehre dein Fuß zu den seligen Höhn des Olympos:
Sondern teile des Sterblichen Weh und pfleg ihn mit Sorgfalt,
Bis er vielleicht zum Weibe dich aufnimmt oder zur Sklavin!
Dorthin geh ich dir nimmer, denn unanständig ja wär es,
Ihm sein Bett zu schmücken hinfort. Des würden mich alle
Troerinnen verschmähn; und Gram schon lastet das Herz mir!
Aber voll Zorns antwortete drauf Aphrodite, die Göttin:
Reize mich nicht, o Törin! Ich könnt im Zorne mich wenden
Und so sehr dich hassen, als innig mein Herz dich geliebet!
Beid entflammt' ich die Völker sodann zu verderblicher Feindschaft,
Troer sowohl wie Achaier; dann raffte dich böses Verhängnis!
Jene sprach's; und verzagt ward Helena, Tochter Kronions.
Eilend ging sie, gesenkt den silberglänzenden Schleier,
Still, unbemerkt den übrigen Fraun; und es führte die Göttin.
Als sie nunmehr Alexandros gepriesene Wohnung erreichten,
Wandten die dienenden Mägde sich schnell zur befohlenen Arbeit.
Jene trat in ihr hohes Gemach, die edle der Weiber.
Einen Sessel ergriff die holdanlächelnde Kypris,
Trug und stellt' ihn, die Göttin, dem Held Alexandros entgegen.
Helena setzte sich drauf, des Ägiserschütterers Tochter,
Wandte die Augen hinweg und schalt den Gemahl mit den Worten:
Kommst du vom Kampfe zurück? O lägest du lieber getötet
Dort vom gewaltigen Manne, der mir der erste Gemahl war!
Ha, du prahltest vordem, den streitbaren Held Menelaos
Weit an Kraft und Händen und Lanzenwurf zu besiegen!
Gehe denn nun und berufe den streitbaren Held Menelaos,
Wiederum zu kämpfen im Zweikampf! Aber dir rat ich,
Bleib in Ruh und vermeide den bräunlichen Held Menelaos,
Gegen ihn anzukämpfen den tapferen Kampf der Entscheidung
Ohne Bedacht, daß nicht durch seinen Speer du erliegest!
[57] Aber Paris drauf antwortete, solches erwidernd:
Frau, laß ab, mir das Herz durch bittere Schmähung zu kränken.
Jetzo hat Menelaos mir obgesiegt mit Athene,
Ihm ein andermal ich; denn es walten ja Götter auch unser.
Komm, wir wollen in Lieb uns vereinigen, sanft gelagert.
Denn noch nie hat also die Glut mir die Seele bewältigt,
Auch nicht, als ich zuerst aus der lieblichen Flur Lakedämon
Segelte, dich entführend in meerdurchwandelnden Schiffen,
Und auf Kranaens Au mich gesellt' in Lieb und Umarmung,
Als ich anjetzt dir glühe, durchbebt von süßem Verlangen.
Sprach's und nahte dem Lager zuerst; ihm folgte die Gattin.
Beide ruheten dann im schöngebildeten Bette.
Atreus' Sohn durchstürmte das Heer nun, ähnlich dem Raubtier,
Ob er ihn wo ausspähte, den göttlichen Held Alexandros.
Doch nicht einer des troischen Volks noch der edlen Genossen
Konnt Alexandros ihm zeigen, dem Rufer im Streit Menelaos.
Nicht aus Freundschaft wahrlich verhehlten sie, wenn man ihn schaute;
Denn verhaßt war er allen umher wie das schwarze Verhängnis.
Jetzo erhub die Stimme der Völkerfürst Agamemnon:
Hört mein Wort, ihr Troer, ihr Dardaner und ihr Genossen!
Offenbar ist Sieger der streitbare Held Menelaos.
Gebt denn Helena jetzt, die Argeierin, samt der Besitzung
Uns zurück; auch Buße bezahlet uns, welche geziemet
Und die hinfort auch daure bei kommenden Menschengeschlechtern.
Also sprach der Atreid'; und es lobten ihn alle Achaier.

4. Gesang

[58] IV. Gesang.

Zeus und Here beschließen Trojas Untergang. Athene beredet den Pandaros, einen Pfeil auf Menelaos zu schießen. Den Verwundeten heilt Machaon. Die Troer rücken an, und Agamemnon ermuntert die achaiischen Heerführer zum Angriff. Schlacht.


Aber die Götter um Zeus ratschlageten all in Versammlung,

Sitzend auf goldener Flur; sie durchging die treffliche Hebe,
Nektar umher einschenkend; und jen' aus goldenen Bechern
Tranken sich zu einander und schaueten nieder auf Troja.
Schnell versuchte Kronion das Herz der Here zu kränken
Durch aufregende Wort' und redete solche Vergleichung:
Zwo sind hier Menelaos der Göttinnen jetzo gewogen,
Here von Argos zugleich und Athen', Alalkomenens Göttin.
Aber beide von fern des Anschauns nur sich erfreuend
Sitzen sie, weil dem andern die holdanlächelnde Kypris
Stets als Helferin naht und die graulichen Keren ihm abwehrt.
Nun auch entzog sie jenen, da Todesgraun er zuvorsah.
Aber gesiegt hat wahrlich der streitbare Held Menelaos.
Uns nun laßt erwägen, wohin sich wende die Sache:
Ob wir hinfort durch Kriegsgewalt und verderbende Zwietracht
Züchtigen oder in Frieden die beiderlei Völker versöhnen.
Wäre dies euch allen so angenehm und gefällig,
Gern noch möchte sie stehn, des herrschenden Priamos Feste,
Doch Menelaos zurück die Argeierin Helena führen.
Jener sprach's, da murrten geheim Athenäa und Here.
Nahe sich saßen sie dort, nur Unheil sinnend den Troern.
ene nunmehr blieb schweigend und redete nichts, Athenäa,
Eifernd dem Vater Zeus, und ihr tobte das Herz in Erbittrung.
Here nur konnte den Zorn nicht bändigen, sondern begann so:
Welch ein Wort, Kronion, du Schrecklicher, hast du geredet!
Willst du, daß ganz ich umsonst arbeitete, daß ich vergebens
Schweiß der Mühe vergoß, und umher mit ermatteten Rossen
Völker erregt', um dem Priamos Gram und den Söhnen zu schaffen?
Tu's! Doch nimmer gefällt es dem Rat der anderen Götter!
Unmutsvoll nun begann der Herrscher im Donnergewölk Zeus:
Grausame, was hat Priamos doch und Priamos' Söhne
Dir so Böses getan, daß sonder Rats du dich abmühst,
[59] Ilios auszutilgen, die Stadt voll prangender Häuser?
Möchtest du doch, eingehend durch Tor' und türmende Mauern,
Roh ihn verschlingen, den Priamos selbst und Priamos' Söhne,
Samt den Troern umher; dann würde dein Zorn dir gesättigt!
Tue, wie dir's gefällt, daß nicht der Hader in Zukunft
Beiden, dir selber und mir, zu größerem Zwiste gedeihe.
Eines verkünd ich dir noch, und du bewahr es im Herzen:
Wenn auch mir im Eifer hinwegzutilgen gelüstet
Eine Stadt, wo dir erkorene Günstlinge wohnen,
Daß du alsdann nicht weilest den Rächenden, sondern mich lassest!
Gab doch ich selbst dir willig, obgleich unwilligen Herzens.
Denn was unter der Sonn und dem sternumleuchteten Himmel
Irgend erscheint von Städten der sterblichen Erdebewohner,
Hoch mir vor allen geehrt war Ilios' heilige Feste,
Priamos selbst und das Volk des lanzenkundigen Königs.
Nie ja mangelte mir der Altar des gemeinsamen Mahles,
Nie des Weins und Gedüftes, das uns zur Ehre bestimmt ward.
Ihm antwortete drauf die hoheitblickende Here:
Siehe, drei vor allen sind mir die geliebtesten Städte,
Argos und Sparta zugleich und die weitdurchwohnte Mykene;
Diese verderb im Zorn, wann etwa dein Herz sie erbittern,
Niemals werd ich solche verteidigen oder dir eifern.
Wenn ich ja gleich mißgönnend dir wehrete, sie zu verderben,
Nichts doch schaffte mein Tun; denn weit gewaltiger bist du.
Aber auch mein Arbeiten geziemet es nicht zu vereiteln.
Denn auch ich bin Göttin, entstammt dem Geschlechte, woher du:
Ich, die erhabenste Tochter, gezeugt vom verborgenen Kronos,
Zweifach erhöht: an Geburt, und weil ich deine Genossin
Ward ernannt, der du mächtig im Kreis der Unsterblichen waltest.
Aber wohlan, dies wollen wir nachsehn einer dem andern,
Dir ich selbst und du mir; auch andre unsterbliche Götter
Folgen uns dann. Doch jetzo beschleunige Pallas Athene,
Hinzugehn in der Troer und Danaer furchtbare Schlachtreihn,
Daß sie versuch, ob die Troer die siegesstolzen Achaier
Etwa zuerst anfahn zu beleidigen wider den Eidschwur.
Sprach's, ihr gehorchte der Vater des Menschengeschlechts und der Götter,
Wandte sich schnell zur Athen' und sprach die geflügelten Worte:
[60] Eile sofort in das Heer der Troer hinab und Achaier,
Daß du versuchst, ob die Troer die siegesstolzen Achaier
Etwa zuerst anfahn zu beleidigen wider den Eidschwur.
Also Zeus, und erregte die schon verlangende Göttin;
Stürmenden Schwungs entflog sie den Felsenhöhn des Olympos.
Gleich wie ein Stern, gesendet vom Sohn des verborgenen Kronos,
Schiffenden oder dem Heere gewaffneter Völker zum Zeichen,
Strahlend brennt und im Flug unzählige Funken umhersprüht:
Also senkt' hineilend zur Erde sich Pallas Athene
Zwischen die Heere hinab, und Staunen ergriff, die es ansahn,
Rossebezähmende Troer und hellumschiente Achaier.
Also redete mancher, gewandt zum anderen Nachbar:
Wieder fürwahr soll Kriegesgewalt und verderbende Zwietracht
Züchtigen, oder in Frieden versöhnt nun beiderlei Völker
Zeus, der dem Menschengeschlecht des Kriegs Obwalter erscheinet!
So nun redete mancher der Troer umher und Achaier.
Jen', ein Mann von Gestalt, durchdrang der Troer Getümmel,
Gleich dem Antenoriden Laodokos, mächtig im Speerkampf,
Rings nach Pandaros forschend, dem Göttlichen, ob sie ihn fände.
Jetzo fand sie den starken untadligen Sohn des Lykaon
Stehend und rings um den Herrscher die starke, geschildete Heerschar
Seines Volks, das ihm folgte vom heiligen Strom des Äsepos.
Nahe trat sie hinan und sprach die geflügelten Worte:
Möchtest du jetzt mir gehorchen, verständiger Sohn des Lykaon?
Wagtest du wohl, Menelaos ein schnelles Geschoß zu entsenden?
Preis gewännst du und Dank von allem Volke der Troer,
Aber vor allen zumeist vom herrschenden Held Alexandros,
Der dich, traun, vorzüglich mit glänzenden Gaben belohnte,
Säh er jetzt Menelaos, den streitbaren Sohn des Atreus,
Deinem Geschosse besiegt, die traurige Flamme besteigen.
Auf denn und schnelle den Pfeil zum rühmlichen Held Menelaos.
Aber gelob Apollon, dem lykischen bogenberühmten,
Eine Dankhekatombe der Erstlingslämmer zu opfern,
Heimgekehrt in dein Haus zur heiligen Stadt Zeleia.
Jene sprach's und bewegte das Herz des törichten Mannes.
Schnell entblößt' er den Bogen, geschnitzt von des üppigen Steinbocks
Schönem Gehörn, dem er selber die Brust von unten getroffen;
[61] Als er dem Felsen entsprang, am gewähleten Ort ihn erwartend,
Zielt' und durchschoß er die Brust, daß rücklings am Fels er hinabsank.
Sechzehn Handbreit ragten empor am Haupte die Hörner.
Solche schnitzt' und verband der hornarbeitende Künstler,
Glättete alles umher und beschlug's mit goldener Krümmung.
Diesen nun stellt' er geschickt, nachdem er ihn spannt', auf die Erde
Angelehnt; und mit Schilden bedeckten ihn tapfere Freunde,
Daß nicht zuvor anstürmten die streitbaren Männer Achaias,
Eh er gefällt Menelaos, den streitbaren Fürsten Achaias.
Jetzo des Köchers Deckel eröffnet' er, wählte den Pfeil dann,
Ungeschnellt und gefiedert, den Urquell dunkeler Qualen.
Eilend ordnet' er nun das herbe Geschoß auf der Senne;
Und er gelobt' Apollon, dem lykischen bogenberühmten,
Eine Dankhekatombe der Erstlingslämmer zu opfern,
Heimgekehrt in sein Haus zur heiligen Stadt Zeleia.
Fassend dann zog er die Kerbe zugleich und die Nerve des Rindes,
Daß die Senne der Brust annaht' und das Eisen dem Bogen.
Als er nunmehr kreisförmig den mächtigen Bogen gekrümmet,
Schwirrte das Horn und tönte die Senn' und sprang das Geschoß hin,
Scharfgespitzt in den Haufen hineinzufliegen verlangend.
Doch nicht dein, Menelaos, vergaßen die seligen Götter,
Ewig an Macht, vor allen des Zeus siegprangende Tochter,
Welche vor dich hintretend das Todesgeschoß dir entfernte.
Gleich so wehrete sie's vom Leibe dir, wie wenn die Mutter
Wehrt vom Sohne die Flieg, indem süßschlummernd er daliegt;
Aber dorthin lenkt' es die Herrscherin, wo sich des Gurtes
Goldene Spang ihm schloß, und zwiefach hemmte der Harnisch.
Stürmend traf das Geschoß den festanliegenden Leibgurt,
Sieh, und hinein in den Gurt, den künstlichen, bohrte die Spitze;
Auch in das Kunstgeschmeide des Harnisches drang sie geheftet
Und in das Blech, das er trug zur Schutzwehr gegen Geschosse,
Welches am meisten ihn schirmt', allein sie durchdrang ihm auch dieses;
Und nun ritzte der Pfeil die obere Haut des Atreiden,
Daß ihm sogleich vorströmte das dunkelnde Blut aus der Wunde.
Wie wenn ein Elfenbein die Mäonerin oder die Karin,
Schön mit Purpur gefärbt, zum Wangenschmucke des Rosses
(Dort nun liegt's im Gemach, und viel der reisigen Männer
[62] Wünschten es wegzutragen; doch Königen hegt sie das Kleinod,
Beides ein Schmuck dem Rosse zu sein und Ehre dem Lenker):
Also umfloß, Menelaos, das färbende Blut dir die Schenkel,
Stattlich von Wuchs, und die Bein' und zierlichen Knöchel hinunter.
Schauer durchdrang alsbald den Herrscher des Volks Agamemnon,
Als er sah, wie das Blut ihm schwarz hinfloß aus der Wunde;
Schauer durchdrang ihn selber, den streitbaren Held Menelaos,
Aber sobald er die Schnur auswärts und die Haken erblickte,
Ward von neuem mit Mut sein männliches Herz ihm erfüllet.
Schwer aufseufzend begann der Völkerfürst Agamemnon,
Haltend die Hand Menelaos', es seufzten umher die Genossen:
O du teurer Bruder, zum Tode dir schloß ich das Bündnis,
Dich allein hinstellend, für uns mit den Troern zu kämpfen!
Denn dich trafen die Troer, das heilige Bündnis zertretend!
Aber umsonst ist nimmer der Eidschwur oder der Lämmer
Blut, noch der lautere Wein und der Handschlag, dem wir vertrauet.
Wenn auch jetzo sogleich der Olympier nicht es vollendet,
Doch vollendet er spät! Und hoch ihm werden sie büßen,
Werden mit eigenem Haupte, mit Weib und Kindern es büßen!
Denn das erkenn ich gewiß in des Herzens Geist und Empfindung:
Einst wird kommen der Tag, da die heilige Ilios hinsinkt,
Priamos selbst und das Volk des lanzenkundigen Königs!
Dann wird Zeus, der Kronid, aus strahlender Höhe des Äthers
Gegen sie all erschüttern das Graun der umnachteten Ägis,
Zürnend ob solchem Betrug! Geschehn wird dieses unfehlbar!
Aber in bitteren Schmerz versenkst du mich, o Menelaos,
Wenn du stirbst und das Maß der Lebenstage nun füllest!
Siehe, voll Schmach dann kehrt ich zur wasserdürstigen Argos!
Denn alsbald gedächten des Vaterlands die Achaier,
Und wir verließen den Ruhm dem Priamos hier und den Troern,
Helena, Argos' Kind; es moderten deine Gebeine,
Liegend in Trojas Gefild, am unvollendeten Werke!
Mancher vielleicht dann spräche der übermütigen Troer,
Fröhlich das Grab umhüpfend dem rühmlichen Held Menelaos:
Daß doch so bei allen den Zorn vollend' Agamemnon,
Wie er jetzo umsonst herführte das Volk der Achaier!
Denn schon kehret' er heim zum lieben Lande der Väter,
[63] Leer die sämtlichen Schiff', und verließ den Held Menelaos!
Also spräche man einst. Dann reiße sich weit mir die Erd auf!
Doch ihn tröstete so der bräunliche Held Menelaos:
Sei getrost und schrecke noch nicht das Volk der Achaier.
Nicht zum Tod hat jetzo das scharfe Geschoß mich verwundet,
Sondern mich schützte der Gurt von getriebener Pracht und darunter
Auch die Bind und das Blech, das Erzarbeiter gebildet.
Ihm antwortete drauf der Herrscher des Volks Agamemnon:
Möcht es doch also sein, du Geliebtester, o Menelaos!
Aber es prüfe der Arzt die blutende Wund und lege
Linderung drauf, um vielleicht die dunkele Qual zu bezähmen.
Sprach's, und rief Talthybios schnell, den göttlichen Herold:
Auf, Talthybios, eil und rufe mir schleunig Machaon,
Ihn, Asklepios' Sohn, des unvergleichbaren Arztes,
Anzuschaun Menelaos, den streitbaren Fürsten Achaias;
Diesen traf mit Geschoß ein bogenkundiger Troer
Oder ein Lykier jetzt, zum Ruhme sich, uns zur Betrübnis.
Jener sprach's, da gehorchte des Königes Worte der Herold;
Schnell durchging er die Scharen der erzumschirmten Achaier,
Schauete forschend umher und fand den Helden Machaon
Stehend, und rings um den Herrscher die starke, geschildete Heerschar
Seines Volks, das ihm folgt' aus der rossenährenden Trikka.
Nahe trat er hinan und sprach die geflügelten Worte:
Auf, Asklepios' Sohn, dich ruft der Fürst Agamemnon,
Anzuschaun Menelaos, den streitbaren Sohn des Atreus:
Diesen traf mit Geschoß ein bogenkundiger Troer
Oder ein Lykier jetzt, zum Ruhme sich, uns zur Betrübnis.
Jener sprach's, ihm aber das Herz im Busen erregt' er;
Schnell durchwandelten sie das Gedräng in den Scharen Achaias.
Als sie nunmehr hinkamen, wo Atreus' Sohn Menelaos
Blutend stand, und um jenen die Edelsten alle versammelt
Rings, er selbst in der Mitte, der götterähnliche Streiter,
Zog er sofort das Geschoß aus dem festanliegenden Leibgurt;
Und wie er auszog, bogen die spitzigen Haken sich rückwärts.
Hierauf löst' er den Gurt von getriebener Pracht und darunter
Auch die Bind und das Blech, das Erzarbeiter gebildet.
Als er die Wunde geschaut, wo das herbe Geschoß ihm hineindrang,
[64] Sog er das quellende Blut und legt' ihm lindernde Salb auf,
Kundig, die einst dem Vater verliehn der gewogene Cheiron.
Während sie dort umeilten den Rufer im Streit Menelaos,
Zogen bereits die Troer heran in geschildeten Schlachtreihn.
Jen' auch hüllten sich wieder in Wehr und entbrannten von Streitlust.
Jetzt nicht hättest du schlummern gesehn Agamemnon den Herrscher,
Nicht hinab sich schmiegen und nicht unwillig zu kämpfen,
Sondern gefaßt hineilen zur männerehrenden Feldschlacht.
Denn dort ließ er die Ross' und den erzumschimmerten Wagen;
Und sein Genoß hielt jene, die mutig schnaubenden abwärts,
Held Eurymedon, Sohn von Piräos' Sohn Ptolemäos.
Ihm gebot er mit Ernst, daß er nahete, würden ihm etwa
Matt die Glieder vom Gang, die Ordnungen rings zu durchwalten.
Selbst dann eilt' er zu Fuß und umging die Scharen der Männer.
Wo er nunmehr streitfertig erfand Gaultummler Achaias,
Nahe trat er hinan und sprach die ermunternden Worte:
Nun, Argeier, gedenkt rastlos des stürmenden Mutes!
Denn nicht wird dem Betruge mit Hilf erscheinen Kronion,
Sondern welche zuerst nun beleidigten wider den Eidschwur,
Deren Leichname sollen, ein Raub der Geier, vermodern;
Aber die blühenden Weiber und noch unmündigen Kinder
Führen wir selbst in Schiffen, nachdem die Stadt wir erobert!
Die er alsdann saumselig erfand zur traurigen Feldschlacht,
Solche straft' er mit Ernst und rief die zürnenden Worte:
Argos' Volk, Pfeilkühne, Verworfene, schämt ihr euch gar nicht?
Warum steht ihr dort so betäubt wie die Jungen der Hindin,
Die, nachdem sie ermattet vom Lauf durch ein weites Gefilde,
Dastehn, nichts im Herzen von Kraft und Stärke noch fühlend?
Also steht ihr jetzo betäubt und starrt vor der Feldschlacht!
Säumt ihr, bis erst die Troer herannahn, wo wir die Schiffe
Stellten mit prangendem Steuer am Strand der grauen Gewässer,
Dort zu sehn, ob schirmend Kronions Hand euch bedecke?
So mit Herrschergebot umwandelt' er jegliche Heerschar.
Jetzo erreicht' er die Kreter, im Gang durch der Männer Getümmel.
Jen' um Idomeneus her, den feurigen, standen gewappnet,
Aber Idomeneus selber voran, in der Stärke des Ebers;
Und Meriones folgte, die hinteren Reihn ihm erregend.
[65] Diese sah mit Freude der Völkerfürst Agamemnon,
Und zu Idomeneus schnell mit freundlicher Rede begann er:
Du, Idomeneus, bist mir geehrt vor den Reisigen allen,
Du im Kriege sowohl als sonst in jedem Geschäfte,
Auch am Mahl, wann festlich den edleren Helden von Argos
Funkelnder Ehrenwein in vollen Krügen gemischt wird.
Denn obgleich die andern der hauptumlockten Achaier
Trinken beschiedenes Maß, doch steht dein Becher beständig
Angefüllt, wie der meine, nach Herzenswunsche zu trinken.
Auf denn, gestürmt in die Schlacht, wie du immer vordem dich gerühmet!
Aber Idomeneus rief, der Kreter Fürst, ihm entgegen:
Atreus' Sohn, dir bleib ich ein treugesinnter Genosse
Immerdar, wie zuerst ich angelobt und beteuert.
Nur die anderen reize der hauptumlockten Achaier,
Schleunig den Kampf zu beginnen, dieweil sie kränkten das Bündnis,
Trojas Volk! Nun möge sie Tod und Jammer in Zukunft
Treffen, dieweil sie zuerst nun beleidigten wider den Eidschwur!
Jener sprach's; und vorbei ging freudigen Muts Agamemnon.
Jetzo erreicht' er die Ajas im Gang durch der Männer Getümmel.
Beide standen in Wehr, und es folgt' ein Gewölke des Fußvolks.
Also schaut von der Warte die finstere Wolke der Geißhirt
Über das Meer aufziehn, von Zephyros Hauche getragen
(Siehe, schwärzer denn Pech dem Fernestehenden scheint sie,
Über das Meer annahend, und führt unermeßlichen Sturmwind;
Jener erstarrt vor dem Blick und treibt die Herd in die Felskluft):
Also zog mit den Ajas Gewühl streitfertiger Jugend
Dort zur blutigen Schlacht in dichtgeordneten Haufen
Schwarz einher, von Schilden umstarrt und spitzigen Lanzen.
Diese sah mit Freuden der Völkerfürst Agamemnon;
Und er begann zu ihnen und sprach die geflügelten Worte:
Ajas beid, Heerführer der erzumschirmten Achaier,
Ihr dort braucht, zu erregen das Volk, nicht meines Gebotes;
Denn schon selbst ermahnt ihr die Eurigen, tapfer zu kämpfen.
Wenn doch, o Vater Zeus und Pallas Athen' und Apollon,
Solch ein Mut nun allen das Herz im Busen beseelte!
Bald dann neigte sich uns des herrschenden Priamos Feste,
Unter unseren Händen besiegt und zu Boden getrümmert!
[66] Dieses gesagt, verließ er sie dort und eilte zu andern,
Wo er den Nestor fand, den tönenden Redner von Pylos,
Emsig die Freund' anordnend und wohl ermahnend zur Feldschlacht,
Jen' um Pelagon her und Chromios und den Alastor,
Auch um Hämon den Held und den völkerweidenden Bias.
Erst die Reisigen stellt' er mit Rossen zugleich und Geschirren,
Hinten sodann die Männer zu Fuß, die vielen und tapfern,
Mauer zu sein des Gefechts; und die Feigen gedrängt in die Mitte,
Daß, wer so gar nicht wollte, die Not ihn zwänge zu streiten.
Erst die Reisigen nun ermahnet' er, jedem gebietend,
Wohl zu hemmen die Rosse, nicht wild durcheinander zu tummeln:
Keiner, auf Wagenkund und Männerstärke vertrauend,
Wag allein vor andern zum Kampfe sich gegen die Troer;
Keiner auch weiche zurück, denn also schwächt ihr euch selber.
Welcher Mann vom Geschirr hinkommt auf des anderen Wagen,
Strecke die Lanze daher; denn weit heilsamer ist solches.
Das war der Alten Gebrauch, die Städt' und Mauern zertrümmert,
Solchen Sinn und Mut im tapferen Herzen bewahrend.
Also ermahnte der Greis, vorlängst wohlkundig des Krieges.
Ihn auch sah mit Freude der Völkerfürst Agamemnon;
Und er begann zu jenem und sprach die geflügelten Worte:
Möchten, o Greis, wie der Mut dein Herz noch füllet im Busen,
So dir folgen die Knie und fest die Stärke dir dauern!
Aber dich drückt des Alters gemeinsame Last! O ihr Götter,
Daß sie ein anderer trüg und du ein Jüngling einhergingst!
Ihm antwortete drauf der gerenische reisige Nestor:
Atreus' Sohn, ja gerne verlangt' ich selber noch jetzo
Der zu sein, wie ich einst den Held Ereuthalion hinwarf!
Doch nicht alles zugleich verliehn ja die Götter den Menschen.
War ich ein Jüngling vordem, so naht mir jetzo das Alter.
Aber auch so begleit ich die Reisigen noch und ermahne
Andre mit Rat und Worten; denn das ist die Ehre der Alten.
Speere laß hinschwingen die Jünglinge, welche der Jahre
Weniger zählen denn ich und noch vertrauen der Stärke!
Jener sprach's; und vorbei ging freudigen Muts Agamemnon,
Fand dann Peteos' Sohn, den Rossetummler Menestheus,
Stehn und umher die Athener geschart, wohlkundig des Feldrufs.
[67] Aber zunächst ihm stand der erfindungsreiche Odysseus,
Welchem umher Kephallener in unverächtlichen Schlachtreihn
Standen. Denn nicht ertönte noch beider Volke der Aufruhr,
Weil nur jüngst miteinander erregt andrängten die Scharen
Rossebezähmender Troer und Danaer. Aber erwartend
Standen sie, wann vorrückend ein anderer Zug der Achaier
Stürmt' in der Troer Volk und dort anhöbe das Treffen.
Diese schalt erblickend der Völkerfürst Agamemnon;
Und er begann zu ihnen und sprach die geflügelten Worte:
O du, Peteos' Sohn, des gottbeseligten Herrschers!
Und du, reichlich geschmückt mit Betörungen, sinnend auf Vorteil!
Warum also geschmiegt entfernt ihr euch, harrend der andern?
Wohl euch beiden geziemt' es, zugleich mit den ersten der Kämpfer
Dazustehn und der flammenden Schlacht euch entgegenzustürzen!
Seid doch ihr die ersten zum Mahle mir immer gerufen,
Rüsteten wir den Edlen ein Ehrenmahl, wir Achaier!
Freud ist's dann, zu schmausen gebratenes Fleisch und zu trinken
Becher des süßen Weins, des erlabenden, weil euch gelüstet!
Doch nun säht ihr mit Freude, wenn auch zehn Scharen Achaias
Euch zuvor eindrängen mit grausamem Erz in die Feldschlacht!
Finster schaut' und begann der erfindungsreiche Odysseus:
Welch ein Wort, o Atreid, ist dir aus den Lippen entflohen?
Wie doch nennst du zur Schlacht saumselig uns? Wann wir Achaier
Gegen die reisigen Troer die Wut des Ares erregen,
Wirst du schaun, so du willst und solcherlei Dinge dich kümmern,
Auch Telemachos' Vater gemischt in das Vordergetümmel
Troischer Reisigen dort! Du schwatzest da nichtige Worte!
Lächelnd erwiderte drauf der Herrscher des Volks Agamemnon,
Als er zürnen ihn sah, und wendete also die Rede:
Edler Laertiad, erfindungsreicher Odysseus,
Weder Tadel von mir verdienest du, weder Ermahnung.
Denn ich weiß, wie das Herz in deinem Busen beständig
Milde Gedanken mir hegt; du gleichst an Gesinnung mir selber.
Komm, dies wollen hinfort wir berichtigen, wenn ja ein hartes
Wort entfiel; das mögen die Himmlischen alles vereiteln!
Dieses gesagt, verließ er sie dort und eilte zu andern.
Tydeus' Sohn nun fand er, den stolzen Held Diomedes,
[68] Stehn auf rossebespanntem und wohlgefügetem Wagen;
Neben ihm Sthenelos auch, den kapaneischen Sprößling.
Ihn auch schalt erblickend der Völkerfürst Agamemnon;
Und er begann zu jenem und sprach die geflügelten Worte:
Wehe mir, Tydeus' Sohn, des feurigen Rossebezähmers,
Wie du erbebst! Wie du bang umschaust nach den Pfaden des Treffens!
Nie hat Tydeus wahrlich so gar zu verzagen geliebet,
Sondern weit den Genossen voraus in die Feinde zu sprengen.
Also erzählt, wer ihn sah in der Kriegsarbeit; denn ich selber
Traf und erblickt' ihn nie; doch strebet' er, sagt man, vor andern.
Vormals kam, sich entfernend vom Krieg, der Held in Mykene
Gastlich, samt Polyneikes, dem Göttlichen, Volk zu versammeln,
Weil sie mit Streit bezogen die heiligen Mauern von Thebe;
Und sie fleheten sehr um rühmliche Bundesgenossen.
Jen' auch wollten gewähren und billigten, was sie gefordert;
Doch Zeus wendete solches durch unglückdrohende Zeichen.
Als sie nunmehr uns verlassen und fort des Weges gewandelt
Und den Asopos erreicht, von Gras und Binsen umufert,
Sendeten dort die Achaier den Tydeus wieder mit Botschaft.
Jener enteilt' und fand die versammelten Kadmeionen
Fröhlich am Mahl im Palaste der heiligen Macht Eteokles'.
Doch er erblödete nicht, der Rossebändiger Tydeus,
Fremdling zwar und allein, von vielen umringt der Kadmeier,
Sondern rief zu Kämpfen hervor; und in jeglichem siegt' er
Sonder Müh: so mächtig als Helferin naht' ihm Athene.
Jene, von Zorn ihm entbrannt, die kadmeiischen Sporner der Rosse,
Legeten Hinterhalt, auf dem Heimweg seiner zu harren,
Jünglinge, fünfzig an Zahl; und zween Anführer geboten,
Mäon, der Hämonid, unsterblichen Göttern vergleichbar,
Und Autophonos' Sohn, der trotzende Held Lykophontes.
Aber es ward auch jenen ein schmähliches Ende von Tydeus;
Alle streckt' er dahin, und einen nur sandt er zur Heimat.
Mäon entsandt er allein, der Unsterblichen Zeichen gehorchend.
So war Tydeus einst, der Ätolier! Aber der Sohn hier
Ist ein schlechterer Held in der Schlacht, doch ein besserer Redner.
Jener sprach's; ihm erwiderte nichts der Held Diomedes,
Ehrfurchtvoll dem Verweise des ehrenvollen Gebieters.
[69] Aber Kapaneus' Sohn, des Gepriesenen, gab ihm zur Antwort:
Rede nicht falsch, Atreide, so wohlbekannt mit der Wahrheit!
Tapferer rühmen wir uns, weit mehr denn unsere Väter!
Wir ja eroberten Thebe, die siebentorige Feste,
Weniger zwar hinführend des Volks vor die trotzende Mauer,
Doch durch Götterzeichen gestärkt und die Hilfe Kronions.
Jene bereiteten selbst durch Missetat ihr Verderben.
Darum preise mir nicht in gleicher Ehre die Väter!
Finster schaut' und begann der starke Held Diomedes:
Trauter, halte dich still und gehorche du meiner Ermahnung.
Denn nicht ich verarg es dem Hirten des Volks Agamemnon,
Daß er treibt zum Kampfe die hellumschienten Achaier.
Denn ihm folgt ja der Ruhm, wenn Achaias Söhne die Troer
Bändigen und mit Triumph zur heiligen Ilios eingehn;
Ihm auch unendlicher Gram, wenn gebändiget sind die Achaier.
Aber wohlan, und beide gedenken wir stürmenden Mutes!
Sprach's, und vom Wagen herab mit den Rüstungen sprang er zur Erde.
Graunvoll klirrte das Erz umher am Busen des Königs,
Als er sich schwang; ihm hätt auch ein Männlicher unten gezittert.
Wie wenn die Meeresflut zum hallenden Felsengestad her
Wog an Woge sich stürzt, vom Zephyros aufgewühlet
(Weit auf der Höhe zuerst erhebt sie sich; aber anjetzo,
Laut am Lande zerplatzt, erdonnert sie, und um den Vorstrand
Hänget sie krumm aufbrandend und speit von ferne den Salzschaum):
Also zogen gedrängt die Danaer, Haufen an Haufen,
Rastlos her in die Schlacht. Es gebot den Seinen ein jeder
Völkerfürst; still gingen die anderen. Keiner gedächt auch,
Solch ein großes Gefolg hab einen Laut in den Busen:
Ehrfurchtsvoll verstummend den Königen; jegliche Heerschar
Hell von buntem Geschmeid, in welches gehüllt sie einherzog.
Trojas Volk, wie die Schafe des reichen Manns in der Hürde
Zahllos stehn und mit Milch die schäumenden Eimer erfüllen,
Blökend ohn Unterlaß, da der Lämmer Stimme gehört wird:
Also erscholl das Geschrei im weiten Heere der Troer;
Denn nicht gleich war aller Getön, noch einerlei Ausruf;
Vielfach gemischt war die Sprach, und mancherlei Stammes die Völker.
Hier ermunterte Ares und dort Zeus' Tochter Athene,
[70] Schrecken zugleich und Graun und die rastlos lechzende Zwietracht,
Sie, des mordenden Ares verbündete Freundin und Schwester,
Die erst klein von Gestalt einherschleicht; aber in kurzem
Trägt sie hoch an den Himmel ihr Haupt und geht auf der Erde,
Diese nun streuete Zank zu gemeinsamem Weh in die Mitte,
Wandelnd von Schar zu Schar, das Geseufz der Männer vermehrend.
Als sie nunmehr anstrebend auf einem Raum sich begegnet,
Trafen zugleich Stierhäut' und Speere zugleich und die Kräfte
Rüstiger Männer in Erz; und die hochgenabelten Schilde
Naheten dichtgedrängt, und umher stieg lautes Getös auf.
Jetzo erscholl Wehklagen und Siegsgeschrei miteinander,
Würgender dort und Erwürgter, und Blut umströmte die Erde.
Wie zween Ström' im Herbste geschwellt, den Gebirgen entrollend,
Zum gemeinsamen Tal ihr strudelndes Wasser ergießen
Aus unendlichen Quellen durch tiefgehöhltes Geklüft hin
(Ferne hört ihr Geräusch der weidende Hirt auf den Bergen):
Also erhub den Vermischten sich Wutgeschrei und Verfolgung.
Erst nun erschlug den Troern Antilochos einen der Kämpfer,
Mutig im Vordergewühl des Talysios' Sohn Echepolos.
Diesem traf er zuerst den umflatterten Kegel des Helmes,
Daß er die Stirne durchbohrt'; hineindrang tief in den Schädel
Jenem die eherne Spitz', und Nacht umhüllt' ihm die Augen;
Und er sank wie ein Turm im Ungestüme der Feldschlacht.
Schnell des Gefallenen Fuß ergriff Elephenor, der Herrscher,
Chalkodons Sohn, Heerfürst der hochgesinnten Abanter;
Dieser entzog den Geschossen begierig ihn, daß er ihm eilig
Raubte das Waffengeschmeid; allein kurz währt' ihm die Arbeit.
Denn wie den Toten er schleifte, da sah der beherzte Agenor,
Daß dem Gebückten die Seit entblößt vom Schilde hervorschien,
Zuckte den erzgerüsteten Schaft und löst' ihm die Glieder.
Also verließ ihn der Geist; doch über ihm tobte der Streit nun
Schrecklich umher der Troer und Danaer. Ähnlich den Wölfen
Sprangen sie wild aneinander und Mann für Mann sich erwürgend.
Ajas, der Telamonid, erschlug Anthemions Sohn itzt,
Jugendlich, blühend an Kraft, Simoeisios, welchen die Mutter,
Einst vom Ida kommend, an Simois Ufer geboren,
Als sie, die Herde zu schaun, dorthin den Eltern gefolgt war;
[71] Darum nannte sie ihn Simoeisios. Aber den Eltern
Lohnet' er nicht die Pflege; denn kurz nur blühte das Leben
Ihm, da vor Ajas' Speer, des mutigen Helden, er hinsank.
Denn wie er vorwärts ging, traf jener die Brust an der Warze
Rechts, daß gerad hindurch ihm der eherne Speer aus der Schulter
Drang und er selbst in den Staub hintaumelte: gleich der Pappel,
Die in gewässerter Aue des großen Sumpfes emporwuchs,
Glatten Stamms, nur oben entwuchsen ihr grünende Zweige;
Und die der Wagener jetzt abhaut mit blinkendem Eisen,
Daß er zum Kranz des Rades sie beug am zierlichen Wagen;
Jetzo liegt sie welkend am Bord des rinnenden Baches:
So Anthemions Sohn Simoeisios, als ihm die Rüstung
Ajas raubte, der Held. Doch Antiphos, rasch in dem Panzer,
Sandt ihm, Priamos' Sohn, die spitzige Lanz im Gewühl her,
Fehlend zwar, doch dem Leukos, Odysseus' edlem Genossen,
Flog das Geschoß in die Scham, da zurück den Toten er schleifte.
Auf ihn taumelt er hin, und der Leichnam sank aus der Hand ihm.
Um den erschlagenen Freund entbrannt im Herzen Odysseus,
Ging durchs Vordergefecht, mit strahlendem Erze gerüstet,
Stand dann jenem genaht und schoß den blinkenden Wurfspieß,
Rings umschauend zuvor; und zurück ihm stoben die Troer,
Als hinzielte der Held; doch flog nicht umsonst das Geschoß ihm,
Sondern Priamos' Sohn Demokoon traf es, den Bastard,
Der von Abydos ihm kam, vom Gestüt leichtrennender Gäule.
Ihm nun sandte die Lanz, um den Seinigen zürnend, Odysseus
Durch den Schlaf, und hindurch aus dem anderen Schlafe gestürmet
Kam die eherne Spitz; und Nacht umhüllt' ihm die Augen.
Dumpf hinkracht' er im Fall, und es rasselten um ihn die Waffen.
Rückwärts wichen die ersten des Kampfs und der strahlende Hektor.
Doch laut schrien die Danaer auf und entzogen die Toten,
Drangen dann noch tiefer hinein. Des zürnet' Apollon,
Hoch von Pergamos schauend, und rief, die Troer ermunternd:
Auf, ihr reisigen Troer, wohlauf! Und räumet das Feld nicht
Argos' Volk; ihr Leib ist ja weder von Stein noch von Eisen,
Daß abprallte der Wurf des leibzerschneidenden Erzes!
Nicht einmal Achilleus, der Sohn der lockigen Thetis,
Kämpft; er ruht bei den Schiffen, das Herz voll nagenden Zornes!
[72] Also rief von der Stadt der Schreckliche. Doch die Achaier
Trieb Zeus' Tochter zum Kampf, die herrliche Tritogeneia,
Wandelnd von Schar zu Schar, wo säumende Kämpfer erschienen.
Jetzt umstrickte der Tod Amarinkeus' Sohn, den Diores;
Denn ihn traf an dem Knöchel des rechten Fußes ein Feldstein,
Fausterfüllend und rauh; es warf der thrakische Führer
Peiros, Imbrasos' Sohn, der hergekommen von Änos.
Sehnen zugleich und Knochen zerschmetterte sonder Verschonen
Ihm der entsetzliche Stein, daß er rücklings hinab auf den Boden
Taumelte, beide Händ' umher zu den Freunden verbreitend,
Atemlos hinschlummernd. Da nahete, der ihn verwundet,
Peiros, und bohrte die Lanz in den Nabel ihm; und es entstürzten
Alle Gedärme zur Erd, und Nacht umhüllt' ihm die Augen.
Ihn, den Stürmenden, traf mit dem Speer der Ätolier Thoas
Über der Warz in die Brust, und es drang in die Lunge das Erz ihm.
Eilend sprang nun Thoas hinan und riß ihm des Speeres
Mächtigen Schaft aus der Brust; dann zog er das schneidende Schwert aus,
Schwang es und haut' ihm über den Bauch und raubt' ihm das Leben.
Doch nicht nahm er die Wehr; denn rings umstanden ihn Thraker
Mit hochsträubendem Haar, langschaftige Spieße bewegend,
Welche, wie groß der Held, wie gewaltig er war und wie ruhmvoll,
Dennoch zurück ihn drängten; er wich voll jäher Bestürzung.
Also lagen sie beid im Staube gestreckt miteinander,
Thrakiens edler Fürst und der erzumschirmten Epeier
Fürst zugleich; auch sanken noch viel umher der Genossen.
Jetzo hätte kein Mann das Werk der Krieger getadelt,
Wandelt' er, ungetroffen und ungehaun von dem Erze,
Rings durch das Waffengewühl und leitete Pallas Athene
Ihn an der Hand, abwehrend den fliegenden Sturm der Geschosse.
Denn viel sanken der Troer und viel der Danaer vorwärts
Jenes Tags in den Staub und bluteten nebeneinander.

5. Gesang

[73] V. Gesang.

Diomedes, den Athene zur Tapferkeit erregt, wird von Pandaros geschossen. Er erlegt den Pandaros und verwundet den Äneias, samt der entführenden Aphrodite. Diese flieht auf Ares' Wagen zum Olympos. Apollon trägt, von Diomedes verfolgt, den Äneias in seinen Tempel auf Pergamos, woher er geheilt bald zurückkehrt. Auf Apollons Ermahnung erweckt Ares die Troer, und die Achaier weichen allmählich. Tlepolemos von Sarpedon erlegt. Here und Athene fahren vom Olympos, den Achaiern gegen Ares zu helfen. Diomedes, von Athene ermahnt und begleitet, verwundet den Ares. Der Gott kehrt zum Olympos, und die Göttinnen folgen.


Jetzo schmückt' Athene des Tydeus Sohn Diomedes

Hoch mit Kraft und Entschluß, damit vorstrahlend aus allem
Danaervolk er erschien' und herrlichen Ruhm sich gewänne.
Flammen ihm hieß auf Helm und Schilde sie mächtig umher glühn,
Ähnlich dem Glanzgestirne der Herbstnacht, welches am meisten
Klar den Himmel durchstrahlt, in Okeanos' Fluten gebadet;
Solche Glut hieß jenem sie Haupt umflammen und Schultern,
Stürmt' ihn dann mitten hinein, wo am heftigsten schlug das Getümmel.
Unter den Troern war ein unsträflicher Priester Hephästos',
Dares, mächtig und reich, der ins Heer zween Söhne gesendet,
Phegeus und Idäos, geübt in jeglichem Kampfe.
Diese, getrennt vom Haufen, entgegen ihm sprengten sie jetzo
Beid auf Rossegeschirr; er strebte zu Fuß von der Erde.
Als sie nunmehr sich genaht, die Eilenden, gegeneinander,
Sendete Phegeus zuerst die weithinschattende Lanze.
Aber es flog dem Tydeiden das Erz links über die Schulter
Hin und verwundete nicht. Nun schwang auch jener den Wurfspieß,
Tydeus' Sohn, und ihm flog nicht umsonst das Geschoß aus der Rechten,
Sondern traf in die Kerbe der Brust und stürzt' ihn vom Wagen.
Aber Idäos entsprang, den zierlichen Sessel verlassend;
Denn ihm zagte das Herz, den ermordeten Bruder zu schützen.
Kaum auch, kaum er selber entrann dem schwarzen Verhängnis;
Doch ihn entrückt' Hephästos, in schirmende Nacht ihn verhüllend,
Daß nicht ganz ihm versänke das Herz des Greises in Jammer.
Seitwärts trieb das Gespann der Sohn des erhabenen Tydeus,
Und ihm führten die Freund' es hinab zu den räumigen Schiffen.
Doch wie die mutigen Troer geschaut die Söhne des Dares,
Ihn von dannen entflohn und ihn entseelt am Geschirre,
[74] Regte sich allen das Herz. Allein Zeus' Tochter Athene
Faßt' an der Hand und redete so zum tobenden Ares:
Ares, o Ares voll Mord, Bluttriefender, Mauernzertrümmrer!
Lassen wir nicht sie allein, die Troer hinfort und Achaier,
Kämpfen, zu welcherlei Volk Zeus' Vorsicht wende den Siegsruhm;
Doch wir weichen zurück und meiden den Zorn Kronions?
Jene sprach's und entführte der Schlacht den tobenden Ares;
Diesen setzte sie drauf am behügelten Strand des Skamandros.
Argos' Söhn' itzt drängten den Feind, und jeglichem Führer
Sank ein Mann. Erst stürzte der Völkerfürst Agamemnon
Hodios aus dem Geschirr, den Halizonengebieter.
Als er zuerst umwandte, da flog in den Rücken der Speer ihm
Zwischen der Schulterbucht, daß vorn aus dem Busen er vordrang;
Dumpf hinkracht' er im Fall, und es rasselten um ihn die Waffen.
Aber Idomeneus tilgte den Sohn des mäonischen Boros,
Phästos, der her aus Tarne, dem scholligen Lande, gekommen.
Dieser strebt' auf den Wagen empor; doch die ragende Lanze
Stieß ihm der speerberühmte Idomeneus rechts in die Schulter;
Und er entsank dem Geschirr, und Graun des Todes umhüllt' ihn;
Aber Idomeneus' Freund' entzogen ihm eilig die Rüstung.
Ihn, des Strophios' Sohn Skamandrios, kundig des Jagens,
Raffte mit spitziger Lanze des Atreus Sohn Menelaos,
Jenen tapferen Jäger. Gelehrt von Artemis selber,
Traf er alles Gewild, das der Forst des Gebirges ernähret.
Aber nichts ihm nunmehr half Artemis, froh des Geschosses,
Nichts die gepriesene Kunst, ferntreffende Pfeile zu schnellen,
Sondern des Atreus Sohn, der streitbare Held Menelaos,
Als er vor ihm hinbebte, durchstach mit dem Speer ihm den Rücken
Zwischen der Schulterbucht, daß vorn aus dem Busen er vordrang.
Jener entsank vorwärts, und es rasselten um ihn die Waffen.
Auch Meriones traf den Phereklos, stammend von Tekton.
Harmons Sohn, der mit Händen erfindsam allerlei Kunstwerk
Bildete; denn ihn erkor zum Lieblinge Pallas Athene.
Er hatt auch Alexandros die schwebenden Schiffe gezimmert,
Jene Beginner des Wehs, die Unheil brachten den Troern
Und ihm selbst, weil nicht er vernahm der Unsterblichen Ausspruch.
Diesen traf, da er jetzt im verfolgenden Lauf ihn ereilte,
[75] Rechts hindurch ins Gesäß Meriones, daß ihm die Spitze,
Vorn die Blase durchbohrend, am Schambein wieder hervordrang.
Heulend sank er aufs Knie, und Todesschatten umfing ihn.
Meges warf den Pedäos dahin, den Sohn des Antenor,
Der unehelich war; doch erzog ihn die edle Theano
Gleich den eigenen Kindern, gefällig zu sein dem Gemahle.
Diesem schoß nachrennend der speerberühmte Phyleide
Hinten die spitzige Lanze gerad in die Höhle des Nackens;
Zwischen den Zähnen hindurch zerschnitt die Zunge das Erz ihm,
Und er entsank in den Staub, am kalten Erze noch knirschend.
Doch der Euämonid Eurypylos traf den Hypsenor,
Ihn, Dolopions Sohn, des Erhabenen, der dem Skamandros
War ein Priester geweiht, wie ein Gott im Volke geehret.
Aber Eurypylos nun, der glänzende Sohn des Euämon,
Als er vor ihm hinbebte, verfolgt' und schwang in die Schulter
Ihm anstürmend das Schwert und hieb ihm den nervichten Arm ab:
Blutig entsank ihm der Arm ins Gefild hin; aber die Augen
Übernahm der finstere Tod und das grause Verhängnis.
So arbeiteten jen' im Ungestüme der Feldschlacht.
Aber des Tydeus Sohn, nicht wüßte man, welcherlei Volks er
Schaltete, ob er mit Troern einherging, ob mit Achaiern.
Denn er durchtobte das Feld, dem geschwollenen Strome vergleichbar,
Voll vom Herbst, der in reißendem Sturz wegflutet die Brücken;
Nicht ihn zu hemmen vermag der Brücken gewaltiges Bollwerk,
Auch nicht hemmen die Zäune der grünenden Saatengefilde
Ihn, der sich schleunig ergießt, wann gedrängt Zeus' Schauer herabfällt;
Weit dann versinkt er vor jenem der Jünglinge fröhliche Arbeit:
Also vor Tydeus' Sohn enttaumelten dichte Geschwader
Troischen Volks und harreten nicht, wie viel sie auch waren.
Aber sobald ihn schaute der glänzende Sohn des Lykaon,
Wie er durchtobte das Feld und umher zerstreute die Scharen,
Richtet' auf Tydeus' Sohn er sofort sein krummes Geschoß hin,
Schnellte dem Stürmenden zu und traf ihn rechts an der Schulter
In sein Panzergelenk; ihm flog das herbe Geschoß durch,
Grad' in die Schulter hinein, und Blut umströmte den Panzer.
Jauchzend erhub die Stimme der glänzende Sohn des Lykaon:
Angedrängt, ihr Troer, voll Kriegsmut, Sporner der Rosse!
[76] Denn nun traf's den besten der Danaer! Nimmer, vermut ich,
Wird er es lang aushalten, das starke Geschoß, so in Wahrheit
Mich Zeus' herrschender Sohn zum Streit aus Lykia hertrieb!
Jener rief's aufjauchzend; doch nicht bezwang das Geschoß ihn,
Sondern er wich, und gestellt vor den rossebespanneten Wagen,
Redet' er Sthenelos an, den kapaneischen Sprößling:
Auf, o trautester Kapaneiad, und steige vom Wagen,
Daß du hervor aus der Schulter das herbe Geschoß mir entziehest.
Jener sprach's; doch Sthenelos sprang von dem Wagen zur Erde,
Trat hinan und entzog den durchdringenden Pfeil aus der Schulter;
Hell durchspritzte das Blut die geflochtenen Ringe des Panzers.
Jetzo betete laut der Rufer im Streit Diomedes:
Höre, des ägiserschütternden Zeus' unbezwungene Tochter!
Wenn du mir je und dem Vater mit sorgsamer Liebe genahet
Im feindseligen Streit, so liebe mich nun, o Athene!
Laß mich treffen den Mann und den fliegenden Speer ihn erreichen,
Welcher zuvor mich verwundet und nun frohlockend sich rühmet,
Nicht mehr schau ich lange das Licht der strahlenden Sonne!
Also rief er flehend, ihn hörete Pallas Athene.
Leicht ihm schuf sie die Glieder, die Füß' und die Arme von oben;
Nahe nun trat sie hinan und sprach die geflügelten Worte:
Kehre getrost, Diomedes, zum mutigen Kampf mit den Troern;
Denn dir goß ich ins Herz die Kraft und Stärke des Vaters,
Unverzagt, wie sie trug der geschildete reisige Tydeus.
Auch das Dunkel entnahm ich den Augen dir, welches sie deckte,
Daß du wohl erkennest den Gott und den sterblichen Menschen.
Drum, so etwa ein Gott herannaht, dich zu versuchen,
Hüte dich, seligen Göttern im Kampf entgegen zu wandeln,
Allen sonst; doch käme die Tochter Zeus', Aphrodite,
Her in den Streit, die magst du mit spitzigem Erze verwunden.
Also sprach und enteilte die Herrscherin Pallas Athene.
Aber es flog Diomedes zurück in das Vordergetümmel.
Hatt er zuvor im Herzen geglüht, mit den Troern zu kämpfen,
Jetzo ergriff ihn dreimal entflammterer Mut, wie den Löwen,
Welchen der Hirt im Felde, die wolligen Schafe bewachend,
Streifte, doch nicht erschoß, da über den Zaun er hereinsprang
(Jenem erhebt sich der Zorn, und hinfort kann keiner ihm wehren,
[77] Sondern er dringt in die Ställe hinein, die Verlassenen scheuchend;
Und nun liegen gehäuft die Blutenden übereinander;
Aber voll Wut entspringt er dem hochumschränkten Gehege):
Also drang in die Troer voll Wut der Held Diomedes.
Jetzo rafft' er Astynoos hin und den Herrscher Hypeiron,
Ihn an der Warze der Brust mit eherner Lanze durchbohrend;
Jenem schwang er ins Schultergelenk des gewaltigen Schwertes
Hieb, daß vom Halse die Schulter sich sonderte und von dem Rücken.
Diese verließ und zu Abas enteilet' er und Polyeidos,
Beid Eurydamas' Söhne, des traumauslegenden Greises.
Doch den Scheidenden hatte der Greis nicht Träume gedeutet,
Sondern es raubt' ihr Geschmeide der starke Held Diomedes.
Drauf den Xanthos und Thoon verfolget' er, Söhne des Phänops,
Beide spät ihm geboren, und schwach vom traurigen Alter,
Zeugt' er kein anderes Kind, sein Eigentum zu ererben.
Jener entwaffnete nun, ihr süßes Leben vertilgend,
Beid und ließ den Vater in Gram und finsterer Schwermut
Dort, dieweil nicht lebend sie heim aus dem Treffen ihm kehrten,
Freudig begrüßt, und das Erb eindringende Fremde sich teilten.
Jetzo zween aus Priamos' Blut, des Dardanionen,
Traf er auf einem Geschirr, den Chromios und den Echemon;
Und wie ein Löw in die Rinder sich stürzt und den Nacken der Starke
Abknirscht, oder der Kuh, die Laubgehölze durchweiden:
Also beide zugleich warf Tydeus' Sohn aus dem Wagen
Schrecklich herab mit Gewalt, und hierauf nahm er die Rüstung;
Doch das Gespann entführten die Seinigen ihm zu den Schiffen.
Jenen sah Äneias umher verdünnen die Schlachtreihn;
Flugs durcheilt' er den Kampf und den klirrenden Sturm der Geschosse,
Rings nach Pandaros forschend, dem Göttlichen, ob er ihn fände.
Jetzo fand er den starken untadligen Sohn des Lykaon,
Trat nun hinan vor jenen und redete, also beginnend:
Pandaros, wo dein Bogen und wo die gefiederten Pfeile
Und dein Ruhm, den weder allhier ein anderer teilet,
Noch in Lykia einer dir abzugewinnen sich rühmet?
Hebe die Hände zu Zeus und sende dem Mann ein Geschoß hin,
Der da umher so schaltet und schon viel Böses den Troern
Stiftete, weil er vieler und tapferer Knie gelöset!
[78] Ist er nicht etwa ein Gott, der im Zorn heimsuchet die Troer,
Rächend der Opfer Schuld; denn hart ist die Rache der Götter.
Ihm antwortete drauf der glänzende Sohn des Lykaon:
Edler Fürst, Äneias, der erzgepanzerten Troer,
Gleich des Tydeus Sohne, dem Feurigen, acht ich ihn völlig;
Denn ich erkenne den Schild und die längliche Kuppel des Helmes,
Auch sein Rossegeschirr; doch vielleicht auch mag er ein Gott sein.
Ist der Mann, den ich sage, der feurige Sohn des Tydeus,
Traun, nicht ohne Götter ergrimmt' er so, sondern ihm nahe
Steht ein Unsterblicher dort, ein Gewölk um die Schultern sich hüllend,
Der auch das schnelle Geschoß abwendete, welches ihm zuflog.
Denn ihm sandt ich bereits ein Geschoß und traf ihm die Schulter
Rechts, daß hinein es drang, das Panzergelenk ihm durchbohrend;
Und ich hofft, ihn hinab zu beschleunigen zum Aidoneus.
Dennoch bezwang ich ihn nicht. Ein Gott muß wahrlich erzürnt sein.
Auch nicht hab ich die Ross' und ein schnelles Geschirr zu besteigen,
Sondern ich ließ in Lykaons Palast elf zierliche Wagen,
Stark und neu vom Künstler gefügt, mit Teppichen ringsum
Überhängt; und bei jeglichem stehn zweispännige Rosse
Müßig, mit nährendem Spelt und gelblicher Gerste gesättigt.
Dringend ermahnete zwar der grauende Krieger Lykaon
Mich, den Scheidenden, dort in der schöngebaueten Wohnung,
Daß ich erhöht im Sessel des rossebespanneten Wagens
Trojas Schar anführte zum Ungestüme der Feldschlacht;
Aber ich hörete nicht (wie heilsam, hätt ich gehöret!),
Schonend des edlen Gespanns, daß mir's nicht darbte der Nahrung
Bei umzingeltem Volk, da es reichliches Futter gewohnt war.
Also kam ich zu Fuß gen Ilios, ohne die Rosse,
Nur dem Bogen vertrauend; allein nichts sollt er mir helfen!
Denn schon zween umher der edleren Helden erreicht ich,
Tydeus' Sohn und des Atreus Sohn; und beiden hervordrang
Helles Blut aus der Wunde; doch reizt ich beide nur stärker.
Zur unseligen Stund enthob ich Bogen und Köcher
Jenes Tages dem Pflock, da nach Ilios' lieblicher Feste
Trojas Schar ich führte, zu Gunst dem erhabenen Hektor.
Werd ich hinfort heimkehren und wiedersehn mit den Augen
Vatergefild und Weib und die hohe gewölbete Wohnung:
[79] Schleunig haue mir dann das Haupt von der Schulter ein Fremdling,
Wo nicht dieses Geschoß in loderndes Feuer ich werfe,
Kurz in den Händen geknickt, daß ein nichtiger Tand mich begleitet!
Aber Äneias sprach, der Troer Fürst, ihm erwidernd:
Freund, nicht also geredet! Zuvor wird dieses nicht anders,
Ehe dem Mann wir beide mit Kriegesrossen und Wagen
Kühn entgegengerannt und mit unserer Wehr ihn versuchet.
Auf denn, zu meinem Geschirr erhebe dich, daß du erkennest,
Wie doch troische Rosse gewandt sind, durch die Gefilde
Dort zu sprengen und dort, in Verfolgungen und in Entfliehung.
Uns auch wohl in die Stadt erretten sie, wenn ja von neuem
Zeus ihm Ehre verleiht, des Tydeus Sohn Diomedes.
Auf denn, die Geißel sofort und die purpurschimmernden Zügel
Nimm; ich selbst verlasse die Ross' und warte des Kampfes.
Oder begegn ihm du, und mir sei die Sorge der Rosse.
Ihm antwortete drauf der glänzende Sohn des Lykaon:
Lenke du selbst, Äneias, dein Rossegespann mit den Zügeln.
Hurtiger mögen, gewohnt des Lenkenden, jen' uns entreißen
Auf dem gebogenen Geschirr, wann wieder verfolgt der Tydeide,
Daß sie uns nicht abschweifen umhergescheucht, und dem Schlachtfeld
Uns unwillig enttragen, des Eigeners Stimme vermissend;
Aber dahergestürmt der Sohn des mutigen Tydeus
Uns dann beid erschlag und entführe die stampfenden Rosse.
Darum lenke du selbst dein Wagengeschirr und die Rosse;
Jenem will ich, so er kommt, mit spitziger Lanze begegnen.
Also redeten beid, und den künstlichen Wagen besteigend,
Sprengten auf Tydeus' Sohn sie daher mit hurtigen Rossen.
Sie nahm Sthenelos wahr, der kapaneische Krieger,
Wandte sich schnell zum Tydeiden und sprach die geflügelten Worte:
Tydeus' Sohn Diomedes, du meiner Seele Geliebter,
Schau, zween tapfere Männer auf dich herstürmen zum Kampfe,
Beid unermeßlicher Kraft: der dort, wohlkundig des Bogens,
Pandaros, welcher den Sohn des Lykaon rühmend sich nennet,
Weil Äneias ein Sohn des hochbeherzten Anchises
Trotzt entsprossen zu sein von der Tochter Zeus' Aphrodite.
Laß uns schnell im Wagen entfliehn und wüte mir so nicht
Unter dem Vordergewühl, daß nicht dein Leben dir schwinde.
[80] Finster schaut' und begann der starke Held Diomedes:
Nichts von Flucht mir gesagt; denn schwerlich möcht ich gehorchen!
Mir nicht ist's anartend, zurückzubeben im Kampfe
Oder hinab mich zu schmiegen; noch fest mir dauret die Stärke!
Mich verdreußt's, im Wagen zu stehn; vielmehr, wie ich hier bin,
Wandl ich gegen sie an; Furcht wehret mir Pallas Athene.
Nie trägt jene zurück ihr Gespann schnellfüßiger Rosse
Beid aus unseren Händen, wofern auch einer entrinnet.
Eines verkünd ich dir noch und du bewahr es im Herzen:
Wenn ja den Ruhm mir gewährt die ratende Göttin Athene,
Beide sie hinzustrecken, dann unsere hurtigen Rosse
Hemme zurück, das Gezäum am Sesselrande befestigt;
Und zu Äneias' Rossen enteile mir, daß du sie wegführst
Aus der Troer Gewühl zu den hellumschienten Achaiern.
Jenes Geschlechts sind diese, das Zeus Kronion dem Tros einst
Gab zum Entgelte des Sohns Ganymedes: edel vor allen
Rossen, so viel umstrahlet das Tageslicht und die Sonne.
Jenes Geschlechts entwandte der Völkerfürst Anchises,
Ohne Laomedons Kunde die eigenen Stuten vermählend,
Welche darauf sechs Füllen in seinem Palast ihm gebaren.
Vier von jenen behaltend ernähret' er selbst an der Krippe,
Diese gab er Äneias, dem Sohn, zween stürmende Renner.
Könnten wir dies' erbeuten, dann würd ein herrlicher Ruhm uns!
Also redeten jen' im Wechselgespräch miteinander.
Schnell nun nahten sie dort, die hurtigen Rosse beflügelnd.
Gegen ihn rief nun zuerst der glänzende Sohn des Lykaon:
Feuriger, hochbeherzter, du Sohn des strahlenden Tydeus,
Nicht das herbe Geschoß, das der Bogen schnellte, bezwang dich;
Aber anjetzt mit dem Speere versuch ich es, ob er mir treffe.
Sprach's, und im Schwung entsandt er die weithinschattende Lanze;
Und sie traf auf den Schild des Königes, aber hindurch flog
Stürmend die eherne Spitz' und schmetterte gegen den Panzer.
Jauchzend erhub die Stimme der glänzende Sohn des Lykaon:
Ha, das traf doch hindurch in die Weiche dir! Nimmer, vermut ich,
Wirst du es lang aushalten, und großen Ruhm mir gewährst du!
Drauf begann unerschrocken der starke Held Diomedes:
Nicht getroffen, gefehlt! Doch schwerlich werdet ihr, mein ich,
[81] Eher zur Ruh hingehn, bis wenigstens einer entfallend
Ares mit Blute getränkt, den unaufhaltsamen Krieger!
Sprach's und entsandte den Speer; ihn richtete Pallas Athene
Grad am Aug in die Nas, und die weißen Zähn' ihm durchdrang sie;
Hinten zugleich die Zunge zerschnitt das starrende Erz ihm,
Daß die Spitz ihm entfuhr am äußersten Ende des Kinnes.
Und er entsank dem Geschirr, und es rasselten um ihn die Waffen,
Regen Gelenks, weitstrahlend; und seitwärts zuckten die Rosse,
Mutig und rasch; ihn aber verließ dort Atem und Stärke.
Aber es stürmt' Äneias mit Schild und ragendem Speer an,
Sorgend, daß ihm wegzögen den toten Freund die Achaier.
Rings umwandelt' er ihn wie ein Löw in trotzender Kühnheit;
Vor ihn streckt' er die Lanz und den Schild von geründeter Wölbung,
Ihn zu erschlagen bereit, wer nur annahte zu jenem,
Mit graunvollem Geschrei. Da ergriff den gewaltigen Feldstein
Tydeus' Sohn, so schwer, daß nicht zween Männer ihn trügen,
Wie nun Sterbliche sind; doch er schwang ihn allein und behende.
Hiermit traf er Äneias das Hüftgelenk, wo des Schenkels
Bein in der Hüfte sich dreht, das auch die Pfanne genannt wird;
Und er zermalmt' ihm die Pfann und zerriß ihm beide die Sehnen;
Rings auch entblößte die Haut der zackige Stein, und der Held sank
Vorwärts hin auf das Knie und stemmte die nervichte Rechte
Gegen die Erd; und die Augen umzog die finstere Nacht ihm.
Dort nun wär er gestorben, der Völkerfürst Äneias,
Wenn nicht schnell es bemerkt die Tochter Zeus', Aphrodite,
Die dem Anchises vordem ihn gebar bei der Herde der Rinder.
Diese, den trautesten Sohn mit Lilienarmen umschlingend,
Breitet' ihm vor die Falte des silberhellen Gewandes
Gegen der Feinde Geschoß, daß kein Gaultummler Achaias
Jenem die Brust mit Erze durchbohrt' und das Leben entrisse.
Also den trautesten Sohn enttrug sie hinweg aus der Feldschlacht.
Doch nicht Kapaneus' Sohn war sorglos jenes Vertrages,
Welchen ihm anbefahl der Rufer im Streit Diomedes,
Sondern er hemmt' abwärts sein Gespann starkhufiger Rosse
Außer dem Sturm, das Gezäum am Sesselrande befestigt;
Schnell dann Äneias' Rosse, die schöngemähnten, entführt' er
Aus der Troer Gewühl zu den hellumschienten Achaiern;
[82] Gab sie darauf dem Genossen Deipylos, den er vor allen
Jugendfreunden geehrt, weil fügsamen Sinnes sein Herz war,
Daß zu den Schiffen hinab er sie führete. Selber der Held dann
Stieg in das eigne Geschirr und ergriff die prangenden Zügel,
Lenkte dann schnell zum Tydeiden die mächtig stampfenden Rosse
Freudigen Mutes. Der folgte mit grausamem Erze der Kypris,
Weil er erkannt, sie erschein unkriegerisch, keine der andern
Göttinnen, welche der Sterblichen Schlacht obwaltend durchwandeln,
Weder Athenens Macht noch der Städt' Unholdin Enyo.
Als er nunmehr sie erreicht, durch Schlachtgetümmel verfolgend,
Jetzo die Lanze gestreckt, der Sohn des erhabenen Tydeus,
Traf er daher sich schwingend mit eherner Spitze die Hand ihr,
Zart und weich; und sofort in die Haut ihr stürmte die Lanze
Durch die ambrosische Hülle, die ihr Charitinnen gewebet,
Nah am Gelenk in der Fläche; da rann ihr unsterbliches Blut hin,
Klarer Saft, wie den Wunden der seligen Götter entfließet;
Denn nicht essen sie Brot, noch trinken sie funkelnden Weines;
Blutlos sind sie daher und heißen unsterbliche Götter.
Laut nun schrie die Göttin und warf zur Erde den Sohn hin.
Aber ihn in den Händen errettete Phöbos Apollon,
Hüllend in dunkles Gewölk, daß kein Gaultummler Achaias
Jenem die Brust mit Erze durchbohrt' und das Leben entrisse.
Jetzo erhub die Stimme der Rufer im Streit Diomedes:
Weiche zurück, Zeus' Tochter, aus Männerkampf und Entscheidung!
Nicht genug, daß du Weiber von schwachem Sinne verleitest,
Wo du hinfort in den Krieg dich einmengst? Wahrlich ich meine,
Schaudern sollst du vor Krieg, wenn du fern nur nennen ihn hörest!
Jener sprach's; und verwirrt enteilte sie, Qualen erduldend.
Iris nahm und enttrug sie windschnell aus dem Getümmel,
Ach, vom Schmerze betäubt und die schöne Hand so gerötet!
Jetzo fand sie zur Linken der Schlacht den tobenden Ares
Sitzend, in Nacht die Lanze gehüllt und die hurtigen Rosse.
Jen' auf die Knie hinfallend vor ihrem teuersten Bruder,
Bat und flehete sehr um die goldgeschirreten Rosse:
Teuerster Bruder, schaffe mich weg und gib mir die Rosse,
Daß zum Olympos ich komm, allwo die Unsterblichen wohnen.
Heftig schmerzt mich die Wunde; mich traf ein sterblicher Mann dort,
[83] Tydeus' Sohn, der anjetzt wohl Zeus den Vater bekämpfte.
Jene sprach's, und er gab die goldgeschirreten Rosse.
Und sie trat in den Sessel, ihr Herz voll großer Betrübnis.
Neben sie trat dann Iris und faßt' in den Händen die Zügel;
Treibend schwang sie die Geißel, und rasch hinflogen die Rosse.
Bald erreichten sie dann die seligen Höhn des Olympos.
Dort nun hemmte die Rosse die windschnell eilende Iris,
Schirrte sie ab vom Wagen und reicht' ambrosische Nahrung.
Aber mit Wehmut sank in Dionens Schoß Aphrodite:
Jene mütterlich hielt die göttliche Tochter umarmend,
Streichelte sie mit der Hand und redete, also beginnend:
Wer mißhandelte dich, mein Töchterchen, unter den Göttern
Sonder Scheu, als hättest du öffentlich Frevel verübet?
Ihr antwortete drauf die holdanlächelnde Kypris:
Tydeus' Sohn dort traf mich, der stolze Held Diomedes,
Weil ich den lieben Sohn aus dem Kampf enttrug, den Äneias,
Welcher mir vor allen geliebt ist unter den Menschen.
Nicht ist's mehr der Troer und Danaer schreckliche Feldschlacht,
Sondern es nahn die Achaier sogar Unsterblichen kämpfend!
Ihr antwortete drauf die herrliche Göttin Dione:
Dulde, du liebes Kind, und fasse dich, herzlich betrübt zwar!
Viele ja duldeten schon, wir Götter umher des Olympos,
Gram von sterblichen Menschen, indem wir einander gekränket.
Ares ertrug's, als jenen die Riesenbrut des Aloeus,
Otos samt Ephialtes, in schmerzenden Banden gefesselt.
Dreizehn lag er der Mond' umschränkt vom ehernen Kerker,
Und er verschmachtete schier, der unersättliche Krieger,
Wenn nicht der Brut Stiefmutter, die reizende Eeriböa,
Solches dem Hermes gesagt; der stahl von dannen den Ares,
Kraftlos schon und ermattet, denn hart bezwang ihn die Fessel.
Here auch trug's, als einst Amphitryons mächtiger Sohn ihr
Mit dreischneidigem Pfeil an der rechten Seit in den Busen
Traf; da hätte sie fast unheilbare Schmerzen empfangen.
Selbst auch Aides trug's, der gewaltige Schattenbeherrscher,
Als ihn eben der Mann, der Sohn des Ägiserschüttrers,
Unten am Tor der Toten mit schmerzendem Pfeile verwundet.
Aber er stieg zum Hause des Zeus und dem hohen Olympos,
[84] Trauernd das Herz, durchdrungen von wütender Pein; denn geheftet
War in der mächtigen Schulter der Pfeil und quält' ihm die Seele.
Doch ihm legt' auf die Wunde Päeon lindernden Balsam,
Und er genas; denn nicht war sterbliches Los ihm beschieden.
Kühner, entsetzlicher Mann, der frech, nicht achtend des Frevels,
Sein Geschoß auf Götter gespannt, des Olympos Bewohner!
Jenen erregte dir Zeus' blauäugige Tochter Athene.
Tor! er erwog nicht solches, der Sohn des mutigen Tydeus,
Daß nicht lange besteht, wer wider Unsterbliche kämpfet,
Daß nicht Kinder ihm einst an den Knien: mein Väterchen! stammeln,
Ihm, der gekehrt aus Krieg und schreckenvoller Entscheidung.
Darum hüte sich jetzt, wie tapfer er sei, Diomedes,
Daß nicht stärker denn du ein anderer gegen ihn kämpfe;
Daß nicht Ägialeia, die sinnige Tochter Adrastos',
Einst aus dem Schlaf aufschluchzend die Hausgenossen erwecke,
Schwermutsvoll um den Jugendgemahl, den besten Achaier,
Sie, das erhabene Weib von Tydeus' Sohn Diomedes!
Sprach's und trocknete jener mit beiden Händen die Wunde;
Heil ward jetzo die Hand, und besänftiget ruhten die Schmerzen.
Aber es schauten daher Athen' und die Herrscherin Here,
Und mit stichelnden Worten erregten sie Zeus Kronion.
Also redete Zeus' blauäugige Tochter Athene:
Vater Zeus, ob du solches verargen mir wirst, was ich sage?
Sicher bewog nun Kypris ein schönes achaiisches Weiblein,
Mitzugehn zu den Troern, die jetzt unmäßig sie liebet;
Dort vielleicht am Gewande der holden Achaierin streichelnd,
Hat sie mit goldener Spange die zarte Hand sich geritzet.
Lächelnd vernahm's der Vater des Menschengeschlechts und der Götter,
Rief sie heran und sprach zur goldenen Aphrodite:
Töchterchen, dein Geschäft sind nicht die Werke des Krieges.
Ordne du lieber hinfort anmutige Werke der Hochzeit.
Diese besorgt schon Ares, der Stürmende, und Athenäa.
Also redeten jen' im Wechselgespräch miteinander.
Dort auf Äneias stürzte der Rufer im Streit Diomedes,
Wissend zwar, daß selber Apollons Hand ihn bedeckte.
Doch nicht scheut' er den Gott, den gewaltigen, sondern begierig
Strebt' er zu töten den Held und die prangende Rüstung zu rauben.
[85] Dreimal stürzt' er hinan, voll heißer Begier, zu ermorden,
Dreimal erregte mit Macht den leuchtenden Schild ihm Apollon.
Als er das viertemal drauf anstürmete, stark wie ein Dämon,
Rief mit schrecklichem Drohn der treffende Phöbos Apollon:
Hüte dich, Tydeus' Sohn, und weiche mir! Nimmer den Göttern
Wage dich gleich zu achten; denn gar nicht ähnlichen Stammes
Sind unsterbliche Götter und erdumwandelnde Menschen!
Jener sprach's; da entwich mit zauderndem Schritt Diomedes,
Scheuend den furchtbaren Zorn des treffenden Phöbos Apollon.
Doch den Äneias enttrug dem Schlachtgetümmel Apollon,
Wo sein Tempel ihm stand auf Pergamos' heiliger Höhe.
Sein dort pflegeten Leto und Artemis, froh des Geschosses,
Drinnen im heiligsten Raum, ihm Kraft und Herrlichkeit schenkend.
Jener schuf ein Gebild, der Gott des silbernen Bogens,
Selbst dem Äneias gleich an Gestalt und jeglicher Rüstung;
Und um das Bild die Troer und hochbeherzten Achaier
Haueten wild einander umher an den Busen die Stierhaut
Schöngeründeter Schild' und leichtgeschwungener Tartschen.
Doch zum tobenden Ares begann nun Phöbos Apollon:
Ares, o Ares voll Mord, Bluttriefender, Mauernzertrümmrer!
Möchtest du nicht den Mann aus der Schlacht hingehend vertreiben,
Tydeus' Sohn, der anjetzt wohl Zeus, den Vater, bekämpfte?
Kypris traf er zuerst, die Hand am Knöchel verwundend,
Aber darauf mich selber bestürmet' er, stark wie ein Dämon!
Dieses gesagt, ging jener, auf Pergamos' Höhe sich setzend.
Aber die Troer durcheilt' und ermunterte Ares, der Wütrich,
Akamas gleich an Gestalt, dem rüstigen Führer der Thraker.
Jetzt des Priamos Söhnen, den gottbeseligten, rief er:
O ihr, Priamos' Söhne, des gottbeseligten Herrschers,
Bis wie lang erlaubt ihr das Morden des Volks den Achaiern?
Bis vielleicht um der Stadt schönprangende Tore gekämpft wird?
Liegt doch der Mann, den gleich wir geehrt dem göttlichen Hektor,
Dort Äneias, der Sohn des hochgesinnten Anchises!
Aber wohlan, dem Getümmel entreißt den edlen Genossen!
Jener rief's und erregte den Mut und die Herzen der Männer.
Jetzo begann Sarpedon und schalt den göttlichen Hektor:
Hektor, wohin entflohe der Mut dir, den du zuvor trugst?
[86] Schirmen auch ohne Volk und Verbündete wolltest du Troja,
Du allein mit den Schwägern und deinen leiblichen Brüdern;
Keinen davon nun kann ich umherschaun oder erblicken,
Sondern geschmiegt sind alle wie scheue Hund' um den Löwen;
Doch wir tragen die Schlacht, die wir als Berufene mitgehn.
Auch ich selbst, ein Bundesgenoß, sehr ferne ja kam ich
Her aus dem Lykierland an Xanthos' wirbelnden Fluten,
Wo ein geliebtes Weib und ein zarter Sohn mir zurückblieb,
Auch der Habe so viel, als nur ein Darbender wünschet.
Aber auch so ermahn ich die Lykier, eifere selbst auch,
Meinem Mann zu begegnen, wiewohl nichts solches mir hier ist,
Welches hinweg mir trüg ein Danaer oder entführte.
Doch du stehst da selber, und auch nicht andere treibst du,
Auszuharren im Volk und Schutz zu schaffen den Weibern.
Daß nur nicht, wie gefangen im weiteinschließenden Zuggarn,
Ihr feindseligen Männern zu Raub und Beute dahinsinkt,
Welche sie bald austilgten, die Stadt voll prangender Häuser!
Dir ja gebührt's, das alles bei Tag und Nacht zu besorgen,
Flehend umher den Fürsten der fernberufenen Helfer,
Rastlos hier zu bestehn und nicht zu drohen mit Vorwurf!
Also sprach Sarpedon, das Herz verwundend dem Hektor.
Schnell vom Wagen herab mit den Rüstungen sprang er zur Erde.
Schwenkend die spitzigen Lanzen, durchwandelt' er alle Geschwader,
Rings ermahnend zum Kampf, und erweckte die tobende Feldschlacht.
Jene nun wandten die Stirn und begegneten kühn den Achaiern;
Argos' Volk dort harrte, gedrängt in Scharen und furchtlos.
Doch wie der Wind hinträget die Spreu durch heilige Tennen
Unter der Wurfeler Schwung, wann die gelbgelockte Demeter
Sondert die Frucht und die Spreu im Hauch andrängender Winde
(Fern dann häuft das weiße Gestöber sich): also umzog nun
Weiß von oben der Staub die Danaer, den durch die Heerschar
Hoch zum ehernen Himmel emporgeschlagen die Rosse,
Wieder zum Kampf anrennend, da rings umwandten die Lenker.
Rasch mit der Hände Gewalt vorstrebten sie. Aber in Nacht nun
Hüllte der tobende Ares die Schlacht, zum Schirme den Troern,
Wandelnd um jegliche Schar, und richtete aus die Ermahnung,
Was ihn Phöbos Apollon mit goldenem Schwerte geheißen,
[87] Trojas Volke den Mut zu erhöhn, als Pallas Athene
Scheiden er sah, die dort als Helferin ging den Achaiern.
Jener entsandt' Äneias nunmehr aus des prangenden Tempels
Heiligtum und erfüllte mit Kraft den Hirten der Völker.
Plötzlich trat zu den Seinen der Herrliche; aber mit Freude
Schaueten sie, daß lebend und unverletzt er daherging
Und voll tapferen Mutes; allein ihn fragete keiner;
Denn es verbot das Geschäft, das sonst Apollon erregte,
Ares der Würger zugleich und die rastlos lechzende Eris.
Aber die Ajas beid und Odysseus samt Diomedes
Trieben daher zum Kampfe die Danaer, welche von selbst auch
Weder dem Drang der Troer erzitterten, weder dem Feldruf;
Sondern sie harreten fest, dem Gewölk gleich, welches Kronion
Stellt' in ruhiger Luft auf hochgescheitelten Bergen,
Unbewegt, weil schlummert des Boreas Wut und der andern
Vollandrängenden Winde, die bald die schattigen Wolken
Mit lautbrausendem Hauche zerstreut auseinander dahinwehn:
Also standen dem Feind die Danaer ruhig und furchtlos.
Atreus' Sohn durcheilte die Heerschar, vieles ermahnend:
Seid nun Männer, o Freund', und erhebt euch tapferen Herzens!
Ehret euch selbst einander im Ungestüme der Feldschlacht!
Denn wo sich ehrt ein Volk, stehn mehrere Männer denn fallen.
Doch den Fliehenden wird nicht Ruhm gewährt noch Errettung!
Rief's und entsandte den Speer mit Gewalt; und im vorderen Treffen
Streckt' er Deikoon hin, den Freund des edlen Äneias,
Pergasos' Sohn, den hoch wie Priamos' Söhne die Troer
Ehrten; denn rasch war jener, im Vorderkampfe zu kämpfen.
Diesem traf mit der Lanze den Schild Agamemnon der Herrscher,
Und nicht hemmete jener den Speer; durchstürmte das Erz ihm
Unten hinein in den Bauch, den künstlichen Gurt ihm durchbohrend.
Dumpf hinkracht' er im Fall, und es rasselten um ihn die Waffen.
Jetzo entrafft' Äneias der Danaer tapferste Männer,
Krethon samt dem Bruder Orsilochos, Söhne Diokles'.
Aber der Vater wohnt' in der schöngebaueten Fähre,
Reich an Lebensgut, und erwuchs vom Geschlecht des Alpheios,
Welcher den breiten Strom hinrollt durch der Pylier Äcker,
Der den Orsilochos zeugt', ein großes Volk zu beherrschen;
[88] Aber Orsilochos zeugte den hochgesinnten Diokles,
Und dem Diokles wurden die Zwillingssöhne geboren,
Krethon und Orsilochos beid, allkundig des Streites.
Beid als Jünglinge nun in dunkelen Schiffen des Meeres
Folgeten Argos' Heere zum Kampf mit den Reisigen Trojas,
Ruhm für Atreus' Söhn' Agamemnon und Menelaos
Suchend im Streit; nun hüllte sie dort des Todes Verhängnis.
Wie zween freudige Löwen zugleich auf ragenden Berghöhn
Wuchsen, genährt von der Mutter, in dunkeler Tiefe des Waldes
(Jetzo Rinder umher und gemästete Schafe sich raubend,
Weit der Männer Gehege verwüsten sie; bis sie nun selber
Fallen durch Menschenhand, von spitzigem Erze getötet):
So voll Kraft, von Äneias' gewaltigen Händen besieget,
Sanken die zween, gleich Tannen mit hochaufsteigenden Wipfeln.
Ihren Fall betraurte der Rufer im Streit Menelaos.
Rasch durch das Vordergewühl, mit strahlendem Erze gewappnet,
Nahet' er, schwenkend den Speer; und das Herz ermuntert' ihm Ares,
Weil er hofft', ihn gestreckt von Äneias' Händen zu schauen.
Als ihn Antilochos sahe, der Sohn des erhabenen Nestor,
Eilt' er durchs Vordergewühl; denn er sorgt' um den Hirten der Völker,
Daß er blieb' und dem Volke vereitelte alle die Arbeit.
Beide schon die Arm' und die erzgerüsteten Lanzen
Hielten sie gegeneinander gewandt, in Begierde des Kampfes.
Aber Antilochos trat dem Völkerhirten zur Seite,
Und nicht harrt' Äneias, obgleich ein rüstiger Kämpfer,
Als er sah zween Männer voll Muts miteinander beharrend.
Jene, nachdem sie die Toten zum Volk der Achaier gezogen,
Ließen dort die Armen gelegt in die Hände der Freunde;
Doch sie selber gewandt, arbeiteten wieder im Vorkampf.
Ihnen sank Pylämenes nun, dem Ares vergleichbar,
Fürst der Paphlagonen, der schildgewappneten Streiter,
Welchen des Atreus Sohn, der streitbare Held Menelaos,
Stach, wie er stand, mit der Lanz am Schlüsselbein ihn durchbohrend.
Aber Antilochos warf den zügellenkenden Diener
Mydon, Atymnios' Sohn, da er wandte die stampfenden Rosse,
Grad an des Armes Gelenk mit dem Feldstein, daß ihm die Zügel,
Schimmernd von Elfenbein, in den Staub des Gefildes entsanken;
[89] Doch Antilochos naht' und hieb ihm das Schwert in die Schläfe.
Und er entsank aufröchelnd dem schöngebildeten Sessel
Häuptlings hinab in den Staub, auf Scheitel gestellt und Schultern.
Also stand er lange, vom lockeren Sande gehalten,
Bis anstoßend die Ross' in den Staub hinwarfen den Leichnam;
Denn sie trieb mit der Geißel Antilochos zu den Achaiern.
Jetzt wie sie Hektor ersah durch die Ordnungen, stürmt' er auf jene
Her mit Geschrei; ihm folgten zugleich Heerscharen der Troer,
Tapfere. Dort ging Ares voran und die grause Enyo,
Diese Getös herbringend und unermeßlichen Aufruhr;
Ares dort, in den Händen die schreckliche Lanze bewegend,
Wandelte bald vor Hektor einher, bald folget' er jenem.
Ihn erblickt' aufschauend der Rufer im Streit Diomedes.
So wie ein Mann, unkundig der Fremdlinge Fluren durchwandernd,
Steht am Rand des reißenden Stroms, der ins Meer sich ergießet,
Starr voll Schaum hinbrausen ihn sieht und in Eile zurückkehrt:
Also entriß der Tydeid' in Eile sich, sprach dann zum Volke:
Freunde, wie sehr erstaunen wir doch dem göttlichen Hektor,
Ihm als Lanzenschwinger und unerschrockenen Krieger?
Geht bei ihm doch immer ein Gott und wehrt dem Verderben!
Jetzt auch naht' ihm Ares, der dort wie ein Sterblicher wandelt!
Auf denn, gegen die Troer zurückgewendet das Antlitz,
Weichen wir, nicht verlangend den Kampf mit unsterblichen Göttern!
Jener sprach's, und die Troer in Schlachtreihn wandelten näher.
Aber Hektor erschlug zween streiterfahrene Männer,
Beid auf einem Geschirr, Anchialos und Menesthes.
Ihren Fall betrauerte der Telamonier Ajas.
Näher trat er hinan und schwang die eherne Lanze;
Selagos' Sohn dort traf er, Amphios, welcher in Päsos
Wohnete, güterreich und feldreich; doch das Verhängnis
Führt' ihn, Helfer zu sein, dem Priamos her und den Söhnen.
Diesen traf am Gurte der Telamonier Ajas,
Daß ihm tief in den Bauch eindrang die ragende Lanze;
Dumpf hinkracht' er im Fall. Da naht' ihm der leuchtende Ajas,
Rasch die Wehr zu entziehn; doch es schütteten Speere die Troer,
Blinkend und scharfgespitzt, und den Schild umstarreten viele.
Jetzo den Fuß anstemmend, die eherne Lanz aus dem Leichnam
[90] Zog er heraus, doch nicht vermocht er die prangende Rüstung
Auch von der Schulter zu nehmen; denn dicht umstürmten Geschoss' ihn.
Furcht nun gebot der mächtige Kreis hochherziger Troer,
Welche viel und tapfer ihm droheten, Speere bewegend;
Welche, wie groß der Held, wie gewaltig er war und wie ruhmvoll,
Dennoch zurück ihn drängten; er wich voll jäher Bestürzung.
So arbeiteten jen' im Ungestüme der Feldschlacht.
Aber den Herakleiden Tlepolemos, groß und gewaltig,
Trieb auf Sarpedon daher, den göttlichen, böses Verhängnis.
Als sie nunmehr sich genahet, die Eilenden gegeneinander,
Sohn zugleich und Enkel des schwarzumwölkten Kronion,
Jetzo hub Tlepolemos an und redete also:
Herrscher des Lykiervolks Sarpedon, rede, was zwang dich,
Hier in Angst zu vergehn, ein Mann unkundig des Streites?
Unwahr preisen sie dich ein Geschlecht des Ägiserschüttrers
Zeus; denn sehr gebricht dir die Heldentugend der Männer,
Welche von Zeus abstammten in vorigen Menschengeschlechtern!
Welch ein anderer war die hohe Kraft Herakles',
Wie man erzählt, mein Vater, der trotzende, löwenbeherzte,
Welcher auch hieher kam, Laomedons Rosse zu fordern,
Von sechs Schiffen allein und wenigem Volke begleitet,
Aber die Stadt verödet und leer die Gassen zurückließ!
Du bist feig im Herzen und führst hinsterbende Völker;
Und nicht wirst du den Troern, so scheinet es, Hilfe gewähren,
Kommend aus Lykiens Flur, auch nicht, wenn du tapferer wärest,
Sondern von mir bezwungen zu Aides' Pforten hinabgehn!
Drauf begann Sarpedon, der Lykier Fürst, ihm erwidernd:
Zwar, Tlepolemos, jener verwüstete Ilios' Feste,
Um des erhabenen Helden Laomedons frevelnde Torheit,
Weil er für Wohltat ihn mit heftiger Rede bedrohend,
Nicht die Rosse verliehn, weshalb er ferne gekommen.
Doch dir meld ich allhier den Tod und das schwarze Verhängnis,
Durch mich selbst dir bestimmt; von meiner Lanze gebändigt,
Gibst du mir Ruhm und die Seele dem Sporner der Gäul' Aidoneus.
Also sprach Sarpedon, und hoch mit eschenem Wurfspieß
Drohte Tlepolemos her, und zugleich entstürmeten beider
Lange Geschosse der Hand. Es traf dem Gegner Sarpedon
[91] Grad in den Hals, daß hinten die Spitz ihm schrecklich hervordrang;
Schnell umhüllt' ihm die Augen ein mitternächtliches Dunkel.
Aber Tlepolemos traf den linken Schenkel Sarpedons
Mit dem gewaltigen Speer, und hindurch flog strebend die Spitze,
Bis an den Knochen gedrängt, nur den Tod noch hemmte der Vater.
Jetzo den göttlichen Held Sarpedon führeten hebend
Edle Freund' aus dem Kampf, doch die ragende Lanze beschwert' ihn,
Nachgeschleift; denn keiner bemerkte sie oder besann sich,
Daß er dem Schenkel entzöge den Wurfspieß, leichter zu wandeln,
Unter der Hast; so in Eil arbeiteten seine Besorger.
Auch Tlepolemos trugen die hellumschienten Achaier
Schnell aus dem Kampfe zurück. Dies sah der edle Odysseus,
Voll ausdauernder Kraft, und bewegt ward innig das Herz ihm.
Und er erwog hinfort in des Herzens Geist und Empfindung,
Ob er zuvor Zeus' Sohn, des donnerfrohen, verfolgte
Oder mehreren dort der Lykier raubte das Leben.
Aber Odysseus nicht, dem Erhabenen, gönnte das Schicksal,
Zeus' gewaltigen Sohn mit scharfem Erz zu erlegen;
Drum in das Volk der Lykier trieb den Mut ihm Athene.
Dort den Köranos rafft' er, den Chromios und den Alastor,
Halios auch und Alkandros und Prytanis, auch den Noemon.
Und noch mehr der Lykier schlug der edle Odysseus,
Wenn nicht schnell ihn bemerkt' der helmumflatterte Hektor.
Rasch durch das Vordergewühl, mit strahlendem Erze gewappnet,
Kam er, ein Graun der Achaier; doch froh des nahenden Freundes
Ward Zeus' Sohn Sarpedon und sprach mit trauriger Stimme:
Laß nicht, Priamos' Sohn, mich nun zum Raub den Achaiern
Liegen, verteidige mich! Dann mög auch fliehen mein Leben
Dort in euerer Stadt, dieweil ja nicht mir verhängt ward,
Heimgekehrt in mein Haus, zum lieben Lande der Väter,
Einst mein liebendes Weib und den zarten Sohn zu erfreuen!
Jener sprach's, ihm erwiderte nichts der gewaltige Hektor,
Sondern er stürmte vorbei, voll heißer Begier, wie er eilig
Wegdrängt' Argos' Volk und vielen noch raubte das Leben.
Aber den göttlichen Held Sarpedon legten die Freunde
Unter des ägiserschütternden Zeus weitprangende Buche.
Dort nun zog ihm hervor den eschenen Speer aus dem Schenkel
[92] Pelagon, tapfer und stark, der ihm ein trauter Genoß war.
Und ihn verließ sein Geist, und Nacht umzog ihm die Augen.
Doch nun atmet' er auf, und kühlende Hauche des Nordwinds
Wehten umher Erfrischung dem matt arbeitenden Leben.
Argos' Volk, von Ares gedrängt und dem strahlenden Hektor,
Wandte sich weder hinab zu den dunkelen Schiffen des Meeres,
Noch auch strebt' es entgegen den Streitenden, sondern allmählich
Wichen sie, als sie vernahmen im Heer der Troer den Ares.
Welchen entblößte zuerst und welchen zuletzt des Geschmeides
Hektor zugleich, des Priamos Sohn, und der eherne Ares?
Teuthras, den göttlichen Held, und den Rossetummler Orestes,
Drauf den Önomaos auch und Ätoliens Kämpfer, den Trechos,
Helenos, Önops' Sohn, und Oresbios, rüstig im Leibgurt,
Der einst Hyle bewohnt, des Reichtums sorgsamer Hüter,
Wo am See Kephissis er bauete, und ihm benachbart
Viel der böotischen Männer, der Segensflur sich erfreuend.
Aber nunmehr bemerkte die lilienarmige Here
Argos' Volk hinsinkend in schreckenvoller Entscheidung,
Wandte sich schnell zur Athen' und sprach die geflügelten Worte:
Weh mir, des ägiserschütternden Zeus unbezwungene Tochter!
Traun, ein eitles Wort verhießen wir einst Menelaos,
Heimzugehn ein Vertilger der festummauerten Troja,
Wenn wir so zu wüten dem tobenden Ares vergönnen!
Aber wohlan, auch selber gedenken wir stürmenden Mutes!
Sprach's, und willig gehorcht' ihr Zeus' blauäugige Tochter.
Jene nun eilt' anschirrend die goldgezügelten Rosse,
Here, die heilige Göttin, erzeugt vom gewaltigen Kronos.
Hebe fügt' um den Wagen alsbald die gerundeten Räder,
Eherne, mit acht Speichen, umher an die eiserne Achse.
Gold ist ihnen der Kranz, unalterndes; aber umher sind
Eherne Schienen gelegt, anpassende, Wunder dem Anblick.
Silbern glänzen die Naben in schönumlaufender Ründung.
Dann in goldenen Riemen und silbernen schwebet der Sessel
Ausgespannt und umringt mit zween umlaufenden Rändern.
Vornhin streckt aus Silber die Deichsel sich, aber am Ende
Band sie das goldene Joch, das prangende, dem sie die Seile,
Schön und golden, umschlang. In das Joch nun fügete Here
[93] Ihr schnellfüßig Gespann und brannte nach Streit und Getümmel.
Aber Pallas Athene, des Ägiserschütterers Tochter,
Ließ hingleiten das feine Gewand im Palaste des Vaters,
Buntgewirkt, das sie selber mit künstlicher Hand sich bereitet.
Drauf in den Panzer gehüllt des schwarzumwölkten Kronions,
Nahm sie das Waffengeschmeide zur tränenbringenden Feldschlacht.
Siehe, sie warf um die Schulter die Ägis, prangend mit Quästen,
Fürchterlich, rund umher mit drohendem Schrecken umkränzet.
Drauf ist Streit, drauf Stärke und drauf die starre Verfolgung,
Drauf das gorgonische Haupt, des entsetzlichen Ungeheuers,
Schrecken voll und entsetzlich, das Graun des donnernden Vaters!
Auch umschloß sie das Haupt mit des Helms viergipflichter Kuppel,
Golden und groß, die Streiter aus hundert Städten zu decken.
Jetzt in den flammenden Wagen erhub sie sich, nahm dann die Lanze,
Schwer und groß und gediegen, womit sie die Scharen der Helden
Bändiget, welchen sie zürnt, die Tochter des schrecklichen Vaters.
Here beflügelte dann mit geschwungener Geißel die Rosse,
Und aufkrachte von selbst des Himmels Tor, das die Horen
Hüteten, welchen der Himmel vertraut ward und der Olympos,
Daß sie die hüllende Wolk itzt öffneten, jetzo verschlössen.
Dort nun lenkten sie durch die leichtgesporneten Rosse.
Jetzo fanden sie Zeus, der entfernt von anderen Göttern
Saß auf dem obersten Gipfel des vielgezackten Olympos.
Dort nun hemmt' ihr Gespann die lilienarmige Here,
Und den erhabenen Zeus befragte sie, also beginnend:
Zürnst du nicht, Vater Zeus, den gewaltigen Taten des Ares,
Wie er verderbt ein so großes und herrliches Volk der Achaier,
Frech, nicht der Ordnung gemäß? Mich schmerzet es! Aber in Ruhe
Freuen sich Kypris zugleich und der Gott des silbernen Bogens,
Welche den Wüterich reizten, der keine Gerechtigkeit kennet!
Vater Zeus, ob du des mir ereifertest, wenn ich den Ares
Schlagend mit traurigem Schlag hinweg aus dem Kampfe verscheuchte?
Ihr antwortete drauf der Herrscher im Donnergewölk Zeus:
Frisch nur, gereizt auf jenen die Siegerin Pallas Athene,
Die am meisten ihn pflegt in bitteren Schmerz zu versenken!
Jener sprach's, ihm gehorchte die lilienarmige Here.
Treibend schwang sie die Geißel, und rasch hinflogen die Rosse
[94] Zwischen der Erd einher und dem sternumleuchteten Himmel.
Weit wie die dunkelnde Fern ein Mann durchspäht mit den Augen,
Sitzend auf hoher Wart, in das finstere Meer hinschauend:
So weit heben im Sprung sich der Göttinnen schallende Rosse.
Aber nachdem sie Troja erreicht und die doppelte Strömung,
Wo des Simois Flut sich vereiniget und des Skamandros,
Jetzo hemmt' ihr Gespann die lilienarmige Here,
Abgelöst vom Wagen, und breitete dichtes Gewölk aus;
Aber Ambrosia sproß der Simois jenen zur Weide.
Sie nun eilten dahin gleich schüchternen Tauben am Gange,
Beid entbrannt, zu helfen den Männerscharen von Argos.
Als sie nunmehr hinkamen, allwo die meisten und stärksten
Standen um Tydeus' Sohn, den gewaltigen Rossebezähmer,
Dichtgedrängt, blutgierig wie raubverschlingende Löwen
Oder wie Eber des Waldes von nicht unkriegrischer Stärke,
Jetzo stand sie und rief nun, die lilienarmige Here,
Stentorn gleich, dem Starken, an Brust und eherner Stimme,
Dessen Ruf laut tönte wie fünfzig anderer Männer:
Schande doch, Argos' Volk, ihr Verworfenen, trefflich an Bildung!
Weil noch mit in die Schlacht einging der edle Achilleus,
Wageten nie die Troer aus Dardanos' schirmenden Toren
Vorzugehn; denn sie scheuten Achilleus' mächtige Lanze!
Nun ist ferne der Stadt bei den räumigen Schiffen ihr Schlachtfeld!
Jene rief's und erregte den Mut und die Herzen der Männer.
Aber zu Tydeus' Sohn enteilete Pallas Athene,
Und sie fand den Herrscher am rossebespanneten Wagen,
Wie er die Wund abkühlte, die Pandaros' Pfeil ihm gebohret.
Denn ihn quälte der Schweiß und der Druck des breiten Gehenkes
An dem geründeten Schild, und kraftlos starrte die Hand ihm.
Jetzo hob er den Riemen und wischte sich dunkeles Blut ab.
Aber das Joch der Rosse berührt' und sagte die Göttin:
Wenig gleicht dem Erzeuger der Sohn des mutigen Tydeus!
Tydeus dort war klein von Gestalt nur, aber ein Krieger
Selbst einmal, da ich jenem den Kampf nicht wollte verstatten
Noch ausschweifenden Trotz, da er einging fern von Achaiern,
Abgesandt in Thebe, zu häufigen Kadmeionen
(Ruhig hieß ich ihn sitzen am Feiermahl im Palaste):
[95] Dennoch zeigt' er den Mut voll Ungestüms, wie beständig,
Rief die Kadmeier zu Kämpfen hervor, und in jeglichem siegt' er
Sonder Müh. So mächtig als Helferin naht' ich ihm selber.
Zwar auch deiner walt ich mit Hilf und schirmender Obhut,
Und zu freudigem Kampf ermahn ich dich wider die Troer;
Doch dir starren vielleicht von stürmischer Arbeit die Glieder,
Oder dich lähmt auch Furcht, die entseelende! Nimmer in Zukunft
Scheinst du von Tydeus erzeugt, dem feurigen Sohne des Öneus!
Ihr antwortete drauf der starke Held Diomedes:
Wohl erkenn ich dich, Göttin, des Ägiserschütterers Tochter,
Drum verkünd ich dir frei und unverhohlen die Wahrheit.
Weder lähmt mich die Furcht, die entseelende, weder die Trägheit,
Sondern annoch gedenk ich, o Herrscherin, deines Gebotes:
Niemals seligen Göttern im Kampf entgegenzuwandeln,
Allen sonst; doch käme die Tochter Zeus', Aphrodite,
Her in den Streit, die möcht ich mit spitzigem Erze verwunden.
Darum weich anjetzo ich selber zurück und ermahn auch
Andre von Argos' Volk, sich hieher alle zu sammeln;
Denn ich erkenne den Ares, der dort das Treffen durchwaltet.
Drauf antwortete Zeus' blauäugige Tochter Athene:
Tydeus' Sohn, Diomedes, du meiner Seele Geliebter,
Fürchte du weder den Ares hinfort noch einen der andern
Götter umher, so mächtig als Helferin nah ich dir selber!
Mutig zuerst auf Ares gelenkt die stampfenden Rosse!
Dann verwund in der Näh und scheu nicht Ares, den Wütrich,
Jenen Rasenden dort, den verderbenden Andrenumandren!
Ihn, der neulich mir selbst und zugleich der Here gelobte,
Trojas Volk zu bekämpfen und beizustehn den Argeiern,
Aber anjetzt die Troer verteidiget, jener vergessend!
Jene sprach's, und sofort den Sthenelos trieb sie vom Wagen,
Ihn mit der Hand abreißend; und nicht unwillig entsprang er.
Doch sie trat in den Sessel zum edlen Held Diomedes,
Heiß in Begierde des Kampfs; laut stöhnte die buchene Achse,
Lastvoll, tragend den tapfersten Mann und die schreckliche Göttin.
Geißel sofort und Zügel ergriff nun Pallas Athene,
Eilt' und lenkt' auf Ares zuerst die stampfenden Rosse.
Jener entwaffnete dort der Ätolier tapfersten Krieger,
[96] Periphas, groß und gewaltig, Ochesions' edlen Erzeugten;
Diesen entwaffnete Ares, der Blutige. Aber Athene
Barg sich in Aides Helm, damit nicht Ares sie sähe.
Als nun der mordende Ares ersah Diomedes den Edlen,
Ließ er Periphas schnell, den Gewaltigen, dort in dem Staube
Liegen, allwo er zuerst des Erschlagenen Seele geraubet,
Eilte dann grade daher auf den reisigen Held Diomedes.
Als sie nunmehr sich genaht, die Eilenden, gegeneinander,
Vor dann streckte der Gott sich über das Joch und die Zügel
Mit erzblinkender Lanz, in Begier, ihm die Seele zu rauben.
Doch mit der Hand sie ergreifend, die Herrscherin Pallas Athene
Stieß sie hinweg vom Sessel, daß nichtigen Schwungs sie vorbeiflog.
Jetzo erhub sich auch jener, der Rufer im Streit Diomedes,
Mit erzblinkender Lanz, und es drängte sie Pallas Athene
Gegen die Weiche des Bauchs, wo die eherne Binde sich anschloß;
Dorthin traf und zerriß ihm die schöne Haut Diomedes,
Zog dann die Lanze zurück. Da brüllte der eherne Ares,
Wie wenn zugleich neuntausend daherschrien, ja zehntausend
Rüstige Männer im Streit, zu schrecklichem Kampf sich begegnend.
Rings nun erbebte das Volk der Troer umher und Achaier,
Voll von Angst; so brüllte der rastlos wütende Ares.
Jetzo, wie hoch aus Wolken umnachtetes Dunkel erscheinet,
Wenn nach drückender Schwül ein Donnersturm sich erhebet,
Also dem Held Diomedes erschien der eherne Ares.
Als er in Wolken gehüllt auffuhr zum erhabenen Himmel.
Eilenden Schwungs erreicht' er die seligen Höhn des Olympos.
Dort nun saß er bei Zeus dem Donnerer, traurigen Herzens,
Zeigte das göttliche Blut, das niedertroff aus der Wunde;
Und er begann wehklagend und sprach die geflügelten Worte:
Zürnst du nicht, Vater Zeus, die gewaltigen Taten erblickend?
Stets hoch haben wir Götter die bitterste Qual zu erdulden,
Einer vom Rat des andern und Gunst den Menschen gewährend!
Doch dir streiten wir alle, denn dein ist die rasende Tochter,
Die, zu verderben entbrannt, nur frevle Taten ersinnet!
Alle die anderen Götter, so viel den Olympos bewohnen,
Folgen dir untertan und huldigen deinem Gebote,
Jene nur, weder mit Worten bezähmst du sie, weder mit Taten,
[97] Sondern vergönnst, weil selbst die verderbende Tochter du zeugtest,
Welche nun den Tydeiden, den stolzen Held Diomedes,
Reizte, daherzuwüten auf uns unsterbliche Götter!
Kypris traf er zuerst, die Hand am Knöchel verwundend,
Aber darauf mich selber bestürmet' er, stark wie ein Dämon!
Nur mit eilenden Füßen entrann ich ihm. Lange vielleicht noch
Räng ich dort mit Qualen im gräßlichen Leichengewimmel,
Oder ich lebt ein Krüppel, entstellt von des Erzes Verwundung!
Finster schaut' und begann der Herrscher im Donnergewölk Zeus:
Hüte dich, Andrerumandrer, mir hier zur Seite zu winseln!
Ganz verhaßt mir bist du vor allen olympischen Göttern!
Stets doch hast du den Zank nur geliebt und die Kämpf und die Schlachten,
Gleich der Mutter an Trotz und unerträglichem Starrsinn,
Heren, welche mir kaum durch Worte gebändiget nachgibt!
Auch ihr Rat, wie ich mein, hat dieses Weh dir bereitet;
Aber ich kann nicht länger es ansehn, daß du dich quälest.
Bist du doch meines Geschlechts und mir gebar dich die Mutter.
Hätt ein anderer Gott dich erzeugt, heilloser Verderber,
Traun, du lägest vorlängst tief unter den Uranionen.
Also Zeus, und gebot dem Päeon, jenen zu heilen.
Ihm nun legt' auf die Wunde Päeon lindernden Balsam,
Und er genas; denn nicht war sterbliches Los ihm beschieden.
Schnell wie die weiße Milch von Feigenlabe gerinnet,
Flüssig zuvor, wann in Eil umher sie dreht der Vermischer:
Also schloß sich die Wunde sofort dem tobenden Ares.
Jetzo badet' ihn Hebe und hüllt' ihm schöne Gewand um,
Und er saß bei Kronion dem Donnerer, freudigen Trotzes.
Heim nun kehreten jen' in Zeus des Allmächtigen Wohnung,
Here von Argos zugleich und Athen' Alalkomenens Göttin,
Als sie gehemmt den Verderber, den männermordenden Ares.

6. Gesang

[98] VI. Gesang.

Die Achaier im Vorteil. Hektor eilt in die Stadt, damit seine Mutter Hekabe zur Athene flehe. Glaukos und Diomedes erkennen sich als Gastfreunde. Hekabe mit den edlen Troerinnen fleht. Hektor ruft den Paris zur Schlacht zurück. Er sucht seine Andromache zu Hause und findet sie auf dem skäischen Tore. Er kehrt mit Paris in die Schlacht.


Einsam war der Troer und Danaer schreckliche Feldschlacht.

Viel nun hierhin und dort durchtobte der Kampf das Gefilde,
Ungestüm aufeinander gewandt erzblinkende Lanzen,
Innerhalb des Simois her und des strömenden Xanthos.
Ajas der Telamonide zuerst, Schutzwehr der Achaier,
Brach die Schar der Troer und schaffte Licht den Genossen,
Treffend den Mann, der der beste des thrakischen Volkes einherging,
Ihn, des Eusoros Sohn, den Akamas, groß und gewaltig.
Diesem traf er zuerst den umflatterten Kegel des Helmes,
Daß er die Stirne durchbohrt'; hineindrang tief in den Schädel
Jenem die eherne Spitz, und Nacht umhüllt' ihm die Augen.
Drauf den Axylos erschlug der Rufer im Streit Diomedes,
Teuthrans Sohn; er wohnt' in der schöngebauten Arisbe,
Reich an Lebensgut; auch war er geliebt von den Menschen,
Weil er alle mit Lieb herbergete, wohnend am Heerweg.
Doch nicht einer davon entfernt' ihm das grause Verderben,
Vor ihn selbst hintretend; es tötete beide der Krieger,
Ihn und den Kampfgenossen Kalesios, der des Gespannes
Lenker ihm war, und zugleich versanken sie unter die Erde.
Aber Euryalos nahm des Opheltios Waffen und Dresos';
Drauf den Äsepos ereilt' er und Pedasos, die mit der Nais
Abarbarea einst der edle Bukolion zeugte;
Aber Bukolion war Laomedons Sohn, des Erhabnen,
Seines Geschlechts der erste; doch heimlich gebar ihn die Mutter.
Hütend vordem der Schafe, gewann er Lieb und Umarmung,
Und befruchtet gebar ihm Zwillingssöhne die Nymphe.
Beiden löste nunmehr die Kraft und die strebenden Glieder
Er, der Mekisteiad, und entzog den Schultern die Rüstung.
Auch den Astyalos schlug der streitbare Held Polypötes,
Und den Pedytes bezwang, den Perkosier, stürmend Odysseus
Mit erzblinkender Lanz und Teukros den Held Aretaon.
[99] Nestors mutiger Sohn Antilochos warf den Ableros
Hin und den Elatos hin der Völkerfürst Agamemnon;
Dieser bewohnt' an des Stroms Satniois grünenden Ufern
Pedasos' luftige Stadt; den Phylakos traf, da er hinfloh.
Leitos, und Eurypylos nahm des Melanthios Rüstung.
Doch den Adrastos erhaschte der Rufer im Streit Menelaos
Lebend anjetzt, denn die Rosse durchsprengten ihm scheu das Gefilde;
Aber die Füß' im Zweige der Tamariske verwickelnd,
Brachen sie vorn die Deichsel des krummen Geschirrs und enteilten
Selber zur Stadt, wo noch andre verwilderte Rosse hinaufflohn.
Jener entsank dem Sessel und taumelte neben dem Rade
Vorwärts hin in den Staub auf das Antlitz. Siehe, da naht' ihm
Atreus' Sohn Menelaos mit weithinschattender Lanze.
Aber Adrastos umschlang ihm die Knie und jammerte flehend:
Fahe mich, Atreus' Sohn, und nimm dir würdige Lösung.
Viel der Kleinode hegt der begüterte Vater im Hause,
Erz und Goldes genug und schöngeschmiedetes Eisen.
Hievon reicht mein Vater dir gern unermeßliche Lösung,
Wenn er mich noch lebend vernimmt bei den Schiffen Achaias.
Jener sprach's, und diesem das Herz im Busen bewegt' er.
Und schon war er bereit, ihn dem Kampfgenossen zu geben,
Der zu den hurtigen Schiffen ihn führete. Doch Agamemnon
Eilete laufend heran, und laut ihn scheltend begann er:
Trautester, o Menelaos, warum doch sorgest du also
Jener? Ja, herrliche Taten geschahn dir daheim von den Männern
Trojas! Keiner davon entfliehe nun grausem Verderben,
Keiner nun unserem Arm! Auch nicht im Schoße das Knäblein,
Welches die Schwangere trägt, auch das nicht! Alles zugleich nun
Sterbe, was Ilios nährt, hinweggerafft und vernichtet!
Also sprach und wandte des Bruders Herz Agamemnon,
Denn sein Wort war gerecht, und er stieß den edlen Adrastos
Weg mit der Hand. Da bohrt' ihm der Völkerfürst Agamemnon
Seine Lanz in den Bauch, und er kehrte sich. Atreus' Sohn dann
Stemmte die Fers auf die Brust und zog den eschenen Speer aus.
Nestor anjetzt ermahnte mit lautem Ruf die Argeier:
Freund', ihr Helden des Danaerstamms, o Genossen des Ares,
Daß nun keiner, zu Raub und zu Beute gewandt, mir dahinten
[100] Zaudere, um das meiste hinab zu den Schiffen zu tragen!
Laßt uns töten die Männer! Nachher auch könnt ihr geruhig
Leichnamen durch das Gefild ausziehn ihr Waffengeschmeide.
Jener sprach's und erregte den Mut und die Herzen der Männer.
Bald nun wären die Troer vor Argos' kriegerischen Söhnen
Ilios zugeflohn, durch Ohnmacht alle gebändigt,
Aber schnell zu Äneias und Hektor redete nahend
Helenos, Priamos' Sohn, der kundigste Vogeldeuter:
Hektor du und Äneias, denn euch belastet die meiste
Kriegsarbeit der Troer und Lykier, weil ihr die Besten
Seid zu jeglichem Zweck, mit Kraft gerüstet und Weisheit:
Steht allhier und hemmet das Volk zurück vor den Toren,
Rings das Gedräng umwandelnd, bevor in die Arme der Weiber
Fliehend sich jene gestürzt, dem höhnenden Feinde zum Jubel!
Aber nachdem ihr umher die Ordnungen wieder ermuntert,
Wollen wir selbst, hier bleibend, der Danaer Scharen bekämpfen,
Hart bedrängt wie wir sind; denn Not gebietet ja solches.
Hektor, du geh indessen gen Ilios, sage dann eilend
Unserer Mutter es an. Sie, edlere Weiber versammelnd
Hoch auf die Burg, zum Tempel der Herrscherin Pallas Athene,
Öffne dort mit dem Schlüssel die Pforte des heiligen Hauses,
Und das Gewand, so ihr das köstlichste scheint und das größte
Aller umher im Palast und ihr das geliebteste selber,
Lege sie hin auf die Knie der schöngelockten Athene.
Und gelob, in dem Tempel ihr zwölf untadlige Kühe,
Jährige, ungezähmte, zu heiligen, wenn sie der Stadt sich
Und der troischen Fraun und zarten Kinder erbarmet,
Wenn sie des Tydeus Sohn von der heiligen Ilios abwehrt,
Jenen Stürmer der Schlacht, den gewaltigen Schreckengebieter,
Den ich fürwahr den Stärksten im Volk der Danaer achte!
Selbst vor Achilleus nicht, dem Herrschenden, zagten wir also,
Welcher doch Sohn der Göttin gepriesen wird! Jener, wie heftig
Wütet er! Keiner vermag an Gewalt ihm gleich sich zu stellen!
Jener sprach's; doch Hektor gehorcht' unverdrossen dem Bruder.
Schnell vom Wagen herab mit den Rüstungen sprang er zur Erde;
Schwenkend die spitzigen Lanzen, durchwandelt' er alle Geschwader,
Rings ermahnend zum Kampf, und erweckte die tobende Feldschlacht.
[101] Jene nun wandten die Stirn und begegneten kühn den Achaiern.
Argos' Söhn' itzt wichen zurück und ruhten vom Morde,
Wähnend, es sei ein unsterblicher Gott vom sternichten Himmel
Niedergeeilt, zu helfen den schnell umkehrenden Troern.
Hektor anjetzt ermahnte mit lautem Rufe die Troer:
Trojas mutige Söhn' und fernberufene Helfer!
Seid nun Männer, o Freund', und gedenkt des stürmenden Mutes,
Während ich selbst hinwandle gen Ilios und die erhabnen
Greise des Rats anmahne, zugleich auch unsere Weiber,
Daß sie den Himmlischen flehn und Sühnhekatomben verheißen.
Dieses gesagt, enteilte der helmumflatterte Hektor.
Oben schlug ihm den Nacken und tief die Knöchel des schwarzen
Felles Rand, der rings am genabelten Schild ihm umherlief.
Glaukos nun, des Hippolochos Sohn, und der Held Diomedes
Kamen hervor aus den Heeren gerannt in Begierde des Kampfes.
Als sie nunmehr sich genaht, die Eilenden, gegeneinander,
Redete also zuerst der Rufer im Streit Diomedes:
Wer doch bist du, Edler, der sterblichen Erdebewohner?
Nie ersah ich ja dich in männerehrender Feldschlacht
Vormals, aber anjetzt erhebst du dich weit vor den andern,
Kühnes Muts, da du meiner gewaltigen Lanze dich darstellst.
Meiner Kraft begegnen nur Söhn' unglücklicher Eltern!
Aber wofern du ein Gott herabgekommen vom Himmel,
Nimmer alsdann begehr ich mit himmlischen Mächten zu kämpfen.
Nicht des Dryas Erzeugter einmal, der starke Lykurgos,
Lebete lang, als gegen des Himmels Mächt' er gestrebet,
Welcher vordem Dionysos' des Rasenden Ammen verfolgend
Scheucht' auf dem heiligen Berge Nysseion; alle zugleich nun
Warfen die laubigen Stäbe dahin, da der Mörder Lykurgos
Wild mit dem Stachel sie schlug; auch selbst Dionysos voll Schreckens
Taucht' in die Woge des Meers, und Thetis nahm in den Schoß ihn,
Welcher erbebt', angstvoll vor der drohenden Stimme des Mannes.
Jenem zürnten darauf die ruhig waltenden Götter,
Und ihn blendete Zeus der Donnerer; auch nicht lange
Lebt' er hinfort; denn verhaßt war er allen unsterblichen Göttern.
Nicht mit seligen Göttern daher verlang ich zu kämpfen.
Wenn du ein Sterblicher bist und genährt von Früchten des Feldes,
[102] Komm dann heran, daß du eilig das Ziel des Todes erreichest.
Ihm antwortete drauf Hippolochos' edler Erzeugter:
Tydeus' mutiger Sohn, was fragst du nach meinem Geschlechte?
Gleich wie Blätter im Walde, so sind die Geschlechter der Menschen,
Einige streut der Wind auf die Erd hin, andere wieder
Treibt der knospende Wald, erzeugt in des Frühlinges Wärme;
So der Menschen Geschlecht; dies wächst und jenes verschwindet.
Soll ich dir aber auch dieses verkündigen, daß du erkennest
Unserer Väter Geschlecht, wiewohl es vielen bekannt ist:
Ephyra heißt die Stadt in der rossenährenden Argos,
Wo einst Sisyphos war, der schlaueste unter den Männern,
Sisyphos, Äolos' Sohn; der zeugte sich Glaukos zum Sohne,
Glaukos darauf erzeugte den herrlichen Bellerophontes,
Welchem Schönheit die Götter und reizende Männerstärke
Schenketen. Aber Prötos ersann ihm Böses im Herzen,
Der aus dem Land ihn vertrieb, dieweil er mächtig beherrschte
Argos' Volk und Zeus ihm Gewalt und Zepter vertrauet.
Jenem entbrannt Anteia, des Prötos edle Gemahlin,
Daß sie in heimlicher Lieb ihm nahete; doch er gehorcht' ihr
Nicht, der edelgesinnte verständige Bellerophontes.
Jetzo mit Lug erschien sie und sprach zum Könige Prötos:
Tod dir, oder, o Prötos, erschlage du Bellerophontes,
Welcher frech zu Liebe mir nahete, wider mein Wollen.
Jene sprach's, und der König ereiferte, solches vernehmend.
Dennoch vermied er den Mord; denn graunvoll war der Gedank ihm.
Aber er sandt ihn gen Lykia hin, und traurige Zeichen
Gab er ihm, Todesworte, geritzt auf gefaltetem Täflein,
Daß er dem Schwäher die Schrift darreicht' und das Leben verlöre.
Jener wandelte hin, im Geleit obwaltender Götter.
Als er nunmehr gen Lykia kam und den strömenden Xanthos,
Ehrt' ihn gewogenen Sinns der weiten Lykia König,
Gab neuntägigen Schmaus und erschlug neun Stiere zum Opfer.
Aber nachdem zum zehnten die rosige Eos emporstieg,
Jetzo fragt' er den Gast und hieß ihn zeigen das Täflein,
Welches ihm sein Eidam, der herrschende Prötos, gesendet.
Als er nunmehr vernommen die Todesworte des Eidams,
Hieß er jenen zuerst die ungeheure Chimära
[103] Töten, die göttlicher Art, nicht menschlicher, dort emporwuchs:
Vorn ein Löw und hinten ein Drach und Geiß in der Mitte,
Schrecklich umher aushauchend die Macht des lodernden Feuers.
Doch er tötete sie, der Unsterblichen Zeichen vertrauend.
Weiter darauf bekämpft' er der Solymer ruchbare Völker;
Diesen nannt er den härtesten Kampf, den er kämpfte mit Männern.
Drauf zum dritten erschlug; er die männliche Hord Amazonen.
Aber dem Kehrenden auch entwarf er betrügliche Täuschung:
Wählend die tapfersten Männer des weiten Lykierlandes,
Legt' er ihm Hinterhalt, allein nicht kamen sie heimwärts.
Alle vertilgte sie dort der untadlige Bellerophontes.
Als er nunmehr erkannte den Held aus göttlichem Samen,
Hielt er dort ihn zurück und gab ihm die blühende Tochter,
Gab ihm auch die Hälfte der Königsehre zum Anteil.
Auch die Lykier maßen ihm auserlesene Güter,
Schön an Ackergefild und Pflanzungen, daß er sie baute.
Jene gebar drei Kinder dem feurigen Bellerophontes,
Erst Isandros, Hippolochos dann und Laodameia.
Laodameia ruht' in Zeus' des Kroniden Umarmung,
Und sie gebar Sarpedon, den götterähnlichen Streiter.
Aber nachdem auch jener den Himmlischen allen verhaßt ward,
Irrt' er umher einsam, sein Herz von Kummer verzehret,
Durch die aleische Flur, der Sterblichen Pfade vermeidend.
Seinen Sohn Isandros ermordete Ares, der Wütrich,
Als er kämpft' in der Schlacht mit der Solymer ruchbaren Völkern.
Artemis raubt' ihm die Tochter, die Lenkerin goldener Zügel,
Aber Hippolochos zeugete mich, ihn rühm ich als Vater.
Dieser sandt in Troja mich her und ermahnte mich sorgsam,
Immer der erste zu sein und vorzustreben vor andern,
Daß ich der Väter Geschlecht nicht schändete, welches die ersten
Männer in Ephyra zeugt' und im weiten Lykierlande.
Sieh, aus solchem Geschlecht und Blute dir rühm ich mich jetzo.
Sprach's, doch freudig vernahm es der Rufer im Streit Diomedes.
Eilend steckt' er die Lanz in die nahrungsprossende Erde,
Und mit freundlicher Rede zum Völkerhirten begann er:
Wahrlich, so bist du mir Gast aus Väterzeiten schon vormals!
Öneus, der Held, hat einst den untadligen Bellerophontes
[104] Gastlich im Hause geehrt und zwanzig Tage geherbergt.
Jen' auch reichten einander zum Denkmal schöne Geschenke.
Öneus' Ehrengeschenk war ein Leibgurt, schimmernd von Purpur,
Aber des Bellerophontes ein goldener Doppelbecher;
Und ihn ließ ich scheidend zurück in meinem Palaste.
Tydeus' gedenk ich nicht mehr; denn noch ein stammelnder Knabe
Blieb ich daheim, da vor Thebe das Volk der Achaier vertilgt ward.
Also bin ich nunmehr dein Gastfreund mitten in Argos,
Du in Lykia mir, wann jenes Land ich besuche;
Drum mit unseren Lanzen vermeiden wir uns im Getümmel.
Viel ja sind der Troer mir selbst und der rühmlichen Helfer,
Daß ich töte, wen Gott mir gewährt und die Schenkel erreichen;
Viel auch dir der Achaier, daß, welchen du kannst, du erlegest.
Aber die Rüstungen beide vertauschen wir, daß auch die andern
Schaun, wie wir Gäste zu sein aus Väterzeiten uns rühmen.
Also redeten jen', und herab von den Wagen sich schwingend,
Faßten sie beid einander die Händ' und gelobten sich Freundschaft.
Doch den Glaukos erregete Zeus, daß er ohne Besinnung
Gegen den Held Diomedes die Rüstungen, goldne mit ehrnen,
Wechselte, hundert Farren sie wert, neun Farren die andern.
Als nun Hektor erreicht' das skäische Tor und die Buche,
Jetzt umeilten ihn rings die troischen Weiber und Töchter,
Forschend dort nach Söhnen, nach Brüdern dort und Verwandten,
Und den Gemahlen im Heer. Er ermahnte sie, alle die Götter
Anzuflehn; doch vielen war Weh und Jammer verhänget.
Als er den schönen Palast des Priamos jetzo erreichte,
Der mit gehauenen Hallen geschmückt war (aber im Innern
Waren fünfzig Gemächer aus schöngeglättetem Marmor,
Dicht aneinander gebaut; es ruheten drinnen des Königs
Priamos Söhn' umher, mit blühenden Gattinnen wohnend;
Aber den Töchtern waren zur anderen Seite des Hofes
Zwölf gewölbte Gemächer aus schöngeglättetem Marmor,
Dicht aneinander gebaut; es ruheten drinnen des Königs
Priamos Eidam' umher, mit züchtigen Gattinnen wohnend):
Dort begegnete Hektor der gern austeilenden Mutter,
Die zu Laodike ging, der holdesten Tochter an Bildung.
Jene faßt' ihm die Hand und redete, also beginnend:
[105] Lieber Sohn, wie kommst du, das wütende Treffen verlassend?
Hart uns drängen fürwahr die entsetzlichen Männer Achaias,
Kämpfend um unsere Stadt; daß nun dein Herz dich hierher trieb,
Deine Hände zu Zeus von Ilios' Burg zu erheben!
Aber verzeuch, bis ich jetzo des süßen Weines dir bringe,
Daß du Zeus dem Vater zuvor und den anderen Göttern
Sprengest, und dann auch selber des Labetrunks dich erfreuest.
Denn dem ermüdeten Mann ist der Wein ja kräftige Stärkung,
So wie du dich ermüdet, im Kampf für die Deinigen stehend.
Ihr antwortete drauf der helmumflatterte Hektor:
Nicht des süßen Weins mir gebracht, ehrwürdige Mutter,
Daß du nicht mich entnervst und des Muts und der Kraft ich vergesse,
Ungewaschener Hand Zeus dunkelen Wein zu sprengen,
Scheu ich mich; nimmer geziemt's, den schwarzumwölkten Kronion
Anzuflehn, mit Blut und Kriegesstaube besudelt.
Aber wohlan, zum Tempel der Siegerin Pallas Athene
Gehe mit Räucherwerk hin, die edleren Weiber versammelnd;
Und das Gewand, so dir das köstlichste scheint und das größte
Aller umher im Palast, und dir das geliebteste selber,
Solches leg auf die Knie der schöngelockten Athene
Und gelob, in dem Tempel ihr zwölf untadlige Kühe,
Jährige, ungezähmte, zu heiligen, wenn sie der Stadt sich
Und der troischen Fraun und zarten Kinder erbarmet;
Wenn sie des Tydeus Sohn von der heiligen Ilios abwehrt,
Jenen Stürmer der Schlacht, den gewaltigen Schreckengebieter.
Auf denn, gehe zum Tempel der Siegerin Pallas Athene
Du, dieweil zu Paris ich wandele, jenen zu rufen,
Ob er vielleicht noch achte des Rufenden. O daß die Erd ihn
Lebend verschläng! Ihn erschuf zum Verderben der Gott des Olympos
Trojas Volk und Priamos selbst und den Söhnen des Herrschers.
Sah ich jenen versinken, hinab in Aides' Wohnung,
Dann vergäß ich im Herzen des unerfreulichen Elends!
Jener sprach's, und die Mutter, ins Haus sich wendend, beschied dort
Mägd' in die Stadt; und sie riefen die Schar der edleren Weiber.
Selbst dann stieg sie hinab in die lieblich duftende Kammer,
Wo sie die schönen Gewande verwahrete, reich an Erfindung,
Werke sidonischer Fraun, die der göttliche Held Alexandros
[106] Selbst aus Sidon gebracht, weithin die Wogen durchschiffend,
Als er Helena heim, die Edelentsprossene, führte.
Deren enthub itzt Hekabe eins zum Geschenk der Athene,
Welches das größeste war und das schönste zugleich an Erfindung;
Hell wie ein Stern, so strahlt' es, und lag am untersten aller.
Und sie enteilt'; ihr folgten gedrängt die edleren Weiber.
Als sie nunmehr auf der Burg den Tempel erreicht' der Athene,
Öffnete jenen die Pforte die anmutvolle Theano,
Kisseus' Tochter, vermählt dem Gaulbezähmer Antenor,
Welche die Troer geweiht zur Priesterin Pallas Athenens.
All erhuben die Hände mit jammerndem Laut zur Athene;
Aber es nahm das Gewand die anmutvolle Theano,
Legt' es hin auf die Knie der schöngelockten Athene,
Flehete dann gelobend zu Zeus' des allmächtigen Tochter:
Pallas Athene voll Macht, Stadtschirmerin, edelste Göttin!
Brich doch jetzo den Speer Diomedes'; aber ihn selber
Laß auf das Antlitz gestürzt vor dem skäischen Tore sich wälzen!
Daß wir jetzo sofort zwölf stattliche Küh' in dem Tempel,
Jährige, ungezähmte, dir heiligen, wenn du der Stadt dich
Und der troischen Fraun und zarten Kinder erbarmest!
Also sprach sie betend; es weigerte Pallas Athene.
Während sie dort nun flehten zu Zeus des Allmächtigen Tochter,
Wandelte Hektor dahin zum schönen Palast Alexandros',
Welchen er selbst sich erbaut mit den kunsterfahrensten Männern
Aller umher in Troja, dem Land hochscholliger Äcker.
Diese bereiteten ihm das Gemach und den Saal und den Vorhof,
Hoch auf der Burg und nahe bei Priamos' Wohnung und Hektors.
Dort hinein ging Hektor, der Göttliche, und in der Rechten
Trug er den Speer, elf Ellen an Läng, und vorn an dem Schafte
Blinkte die eherne Schärf, umlegt mit goldenem Ringe.
Ihn im Gemach dort fand er, die stattlichen Waffen durchforschend,
Panzer und Schild, und glättend das Horn des krummen Geschosses.
Aber Helena saß, die Argeierin, unter den Weibern
Emsig, den Mägden umher anmutige Werke gebietend.
Hektor schalt ihn erblickend und rief die beschämenden Worte:
Sträflicher, nicht geziemt' es, so unmutsvoll zu ereifern!
Siehe, das Volk verschwindet, um Stadt und türmende Mauer
[107] Kämpfend, und deinethalb ist Feldgeschrei und Getümmel
Rings entbrannt um die Feste! Du zanktest ja selbst mit dem andern,
Welchen du wo saumselig ersähst zur traurigen Feldschlacht.
Auf denn, ehe die Stadt in feindlicher Flamme verlodre!
Ihm antwortete drauf der göttliche Held Alexandros:
Hektor, dieweil du mit Recht mich tadeltest, nicht mit Unrecht,
Darum sag ich dir an; doch du vernimm es und höre:
Gar nicht wider die Troer so unmutsvoll und ereifert
Saß ich hier im Gemach; zum Grame nur wollt ich mich wenden.
Doch nun hat mich die Gattin mit freundlichen Worten beredet,
Auszugehn in die Schlacht; auch scheinet es also mir selber
Besser hinfort zu sein; denn es wechselt der Sieg um die Männer.
Aber verzeuch, bis ich jetzo in Kriegesgerät mich gehüllet,
Oder geh, so folg ich und hoffe dich bald zu erreichen.
Jener sprach's, ihm erwiderte nichts der gewaltige Hektor.
Aber Helena sprach mit hold liebkosenden Worten:
O mein Schwager, des schnöden, des unheilstiftenden Weibes!
Hätte doch jenes Tags, da zuerst mich die Mutter geboren,
Ungestüm ein Orkan mich entführt auf ein ödes Gebirg hin
Oder hinab in die Wogen des weitaufrauschenden Meeres,
Daß mich die Woge verschläng, eh solche Taten geschahen!
Aber nachdem dies Übel im Rat der Götter verhängt ward,
Wär ich wenigstens doch des besseren Mannes Gemahlin,
Welcher empfände die Schmach und die kränkenden Reden der Menschen!
Dem ist jetzo kein Herz voll Männlichkeit, noch wird hinfort ihm
Solches verliehn, und ich meine, genießen werd er der Früchte!
Aber o komm doch herein und setze dich hier auf den Sessel,
Schwager, dieweil dir am meisten die Arbeit liegt an der Seele
Um mich schändliches Weib und die Freveltat Alexandros',
Welchen ein trauriges Los Zeus sendete, daß wir hin fort auch
Bleiben umher ein Gesang der kommenden Menschengeschlechter!
Ihr antwortete drauf der helmumflatterte Hektor:
Heiße mich, Helena, nicht so freundlich sitzen, ich darf nicht;
Denn schon dringt mir das Herz mit Heftigkeit, daß ich den Troern
Helfe, die sehnsuchtsvoll nach mir Abwesendem umschaun.
Aber du muntere diesen nur auf, auch treib er sich selber,
Daß er noch in den Mauern der Stadt mich wieder erreiche.
[108] Denn ich will in mein Haus zuvor eingehn, um zu schauen
Mein Gesind und das liebende Weib und das stammelnde Söhnlein.
Denn wer weiß, ob ich wieder zurück zu den Meinigen kehre
Oder jetzt durch der Danaer Hand mich die Götter bezwingen.
Dieses gesagt, enteilte der helmumflatterte Hektor.
Bald erreicht' er darauf die wohlgebauete Wohnung.
Doch nicht fand er die schöne Andromache dort in den Kammern,
Sondern zugleich mit dem Kind und der Dienerin, schönen Gewandes,
Stand sie annoch auf dem Turm und jammerte, seufzend und weinend.
Als nun Hektor daheim nicht fand die untadlige Gattin,
Trat er zur Schwelle hinan und rief den Mägden des Hauses:
Auf wohlan, ihr Mägde, verkündiget schnell mir die Wahrheit:
Wohin ging die schöne Andromache aus dem Palaste?
Ob sie zu Schwestern des Manns, ob zu stattlichen Frauen der Schwäger
Oder zum Haus Athenens sie eilete, wo auch die andern
Lockigen Troerinnen die schreckliche Göttin versöhnen?
Ihm antwortete drauf die emsige Schaffnerin also:
Hektor, weil du gebeutst, die Wahrheit dir zu verkünden:
Nicht zu den Schwestern des Manns, noch zu stattlichen Frauen der Schwäger
Oder zum Haus Athenens enteilte sie, wo auch die andern
Lockigen Troerinnen die schreckliche Göttin versöhnen,
Sondern den Turm erstieg sie von Ilios, weil sie gehöret,
Daß der Achaier Macht siegreich die Troer bestürme.
Eben geht sie hinaus mit eilendem Schritte zur Mauer,
Einer Rasenden gleich, und die Wärterin trägt ihr das Kind nach.
Also sprach zu Hektor die Schaffnerin, schnell aus der Wohnung
Eilt' er den Weg zurück durch die wohlbebaueten Gassen.
Als er das skäische Tor, die gewaltige Feste durchwandelnd,
Jetzo erreicht', wo hinaus sein Weg ihn führt' ins Gefilde,
Kam die reiche Gemahlin Andromache eilenden Laufes
Gegen ihn her, des edlen Eetions blühende Tochter
(Denn Eetion wohnt' am waldigen Hange des Plakos,
In der plakischen Thebe, Kilikiens Männer beherrschend,
Und er vermählte die Tochter dem erzumschimmerten Hektor).
Diese begegnet' ihm jetzt; die Dienerin aber, ihr folgend,
Trug an der Brust das zarte, noch ganz unmündige Knäblein,
Hektors einzigen Sohn, dem schimmernden Sterne vergleichbar.
[109] Hektor nannte den Sohn Skamandrios, aber die an dern
Nannten Astyanax ihn; denn allein schirmt' Ilios Hektor.
Siehe, mit Lächeln blickte der Vater still auf das Knäblein;
Aber neben ihn trat Andromache, Tränen vergießend,
Drückt' ihm freundlich die Hand und redete, also beginnend:
Trautester Mann, dich tötet dein Mut noch! Und du erbarmst dich
Nicht des stammelnden Kindes noch mein, des elenden Weibes.
Ach, bald Witwe von dir! Denn dich töten gewiß die Achaier,
Alle daher dir stürmend! Allein mir wäre das beste,
Deiner beraubt, in die Erde hinabzusinken; denn weiter
Ist kein Trost mir übrig, wenn du dein Schicksal vollendest,
Sondern Weh! Und ich habe nicht Vater mehr noch Mutter!
Meinen Vater erschlug ja der göttliche Streiter Achilleus
Und verheerte die Stadt, von kilikischen Männern bevölkert,
Thebe mit ragendem Tor; den Eetion selber erschlug er,
Doch nicht nahm er die Waffen, denn graunvoll war der Gedank' ihm,
Sondern verbrannte den Held mit dem künstlichen Waffengeschmeide,
Häufte darauf ihm ein Mal, und rings mit Ulmen umpflanzten's
Bergbewohnende Nymphen, des Ägiserschütterers Töchter.
Sieben waren der Brüder mir dort in unserer Wohnung;
Diese wandelten all am selbigen Tage zum Ais;
Denn sie all erlegte der mutige Renner Achilleus
Bei weißwolligen Schafen und schwerhinwandelnden Rindern.
Meine Mutter, die Fürstin am waldigen Hange des Plakos,
Führet' er zwar hieher mit anderer Beute des Krieges;
Doch befreit' er sie wieder und nahm unendliche Lösung;
Aber sie starb durch Artemis' Pfeil im Palaste des Vaters.
Hektor, siehe du bist mir Vater jetzo und Mutter
Und mein Bruder allein, o du mein blühender Gatte!
Aber erbarme dich nun und bleib allhier auf dem Turme!
Mache nicht zur Waise das Kind und zur Witwe die Gattin!
Stelle das Heer dorthin bei dem Feigenbaume; denn dort ist
Leichter die Stadt zu ersteigen und frei die Mauer dem Angriff.
Dreimal haben ja dort es versucht die tapfersten Krieger,
Kühn um die Ajas beid und den hohen Idomeneus strebend,
Auch um des Atreus Söhn' und den starken Held Diomedes,
Ob nun jenen vielleicht ein kundiger Seher geweissagt
[110] Oder auch selbst ihr Herz aus eigener Regung sie antreibt.
Ihr antwortete drauf der helmumflatterte Hektor:
Mich auch härmt das alles, o Trauteste, aber ich scheue
Trojas Männer zu sehr und die saumnachschleppenden Weiber,
Wenn ich hier, wie ein Feiger, entfernt das Treffen vermeide.
Auch verbeut es mein Herz; denn ich lernete, tapferen Mutes
Immer zu sein und voran mit Trojas Helden zu kämpfen,
Schirmend zugleich des Vaters erhabenen Ruhm und den meinen!
Zwar das erkenn ich gewiß in des Herzens Geist und Empfindung:
Einst wird kommen der Tag, da die heilige Ilios hinsinkt,
Priamos selbst und das Volk des lanzenkundigen Königs.
Doch nicht kümmert mich so der Troer künftiges Elend,
Nicht der Hekabe selbst, noch Priamos' auch, des Beherrschers,
Noch der Brüder umher, die dann, so viel und so tapfer,
All in den Staub hinsinken, von feindlichen Händen getötet,
Als wie dein's, wenn ein Mann der erzumschirmten Achaier
Weg die Weinende führt, der Freiheit Tag dir entreißend;
Wenn du in Argos webst für die Herrscherin oder auch mühsam
Wasser trägst aus dem Quell Hypereia oder Messeis,
Sehr unwilligen Muts; doch hart belastet der Zwang dich!
Künftig sagt dann einer, die Tränenvergießende schauend:
Hektors Weib war diese, des tapfersten Helden im Volke
Rossebezähmender Troer, da Ilios' Stadt sie umkämpften!
Also spricht man hinfort, und neu erwacht dir der Kummer,
Solchen Mann zu vermissen, der retten dich könnt aus der Knechtschaft!
Aber es decke mich Toten der aufgeworfene Hügel,
Eh ich deines Geschreies vernehm und deiner Entführung!
Also der Held, und hin nach dem Knäblein streckt' er die Arme.
Aber zurück an den Busen der schöngegürteten Amme
Schmiegte sich schreiend das Kind, erschreckt von dem liebenden Vater,
Scheuend des Erzes Glanz und die flatternde Mähne des Busches,
Welchen es fürchterlich sah von des Helmes Spitze herabwehn.
Lächelnd schaute der Vater das Kind und die zärtliche Mutter.
Schleunig nahm vom Haupte den Helm der strahlende Hektor,
Legete dann auf die Erde den schimmernden; aber er selber
Küßte sein liebes Kind und wiegt' es sanft in den Armen.
Dann erhob er die Stimme zu Zeus und den anderen Göttern:
[111] Zeus und ihr anderen Götter, o laßt doch dieses mein Knäblein
Werden dereinst wie ich selbst, vorstrebend im Volke der Troer,
Auch so stark an Gewalt, und Ilios mächtig beherrschen!
Und man sage hinfort: der ragt noch weit vor dem Vater,
Wann er vom Streit heimkehrt, mit der blutigen Beute beladen
Eines erschlagenen Feinds! Dann freue sich herzlich die Mutter!
Jener sprach's und reicht' in die Arme der liebenden Gattin
Seinen Sohn, und sie drückt' ihn an ihren duftenden Busen,
Lächelnd mit Tränen im Blick; und ihr Mann voll inniger Wehmut
Streichelte sie mit der Hand und redete, also beginnend:
Armes Weib, nicht mußt du zu sehr mir trauern im Herzen!
Keiner wird gegen Geschick hinab mich senden zum Ais;
Doch dem Verhängnis entrann wohl nie der Sterblichen einer,
Edel oder geringe, nachdem er einmal gezeugt ward.
Doch, zum Gemach hingehend, besorge du deine Geschäfte,
Spindel und Webestuhl, und gebeut den dienenden Weibern,
Fleißig am Werke zu sein. Der Krieg gebühret den Männern
Allen und mir am meisten, die Ilios' Feste bewohnen.
Als er dieses gesagt, da erhob der strahlende Hektor
Seinen umflatterten Helm, und es ging die liebende Gattin
Heim, oft rückwärts gewandt und häufige Tränen vergießend.
Bald erreichte sie nun die wohlgebauete Wohnung
Hektors, des Männervertilgers, und fand die Magd' in der Kammer,
Viel an der Zahl, und allen erregte sie Kummer und Tränen.
Lebend noch ward Hektor beweint in seinem Palaste;
Denn sie glaubten gewiß, er kehre nie aus der Feldschlacht
Wieder heim, der Achaier gewaltigen Händen entrinnend.
Paris auch zauderte nicht in der hochgewölbeten Wohnung,
Sondern sobald er in Waffen von strahlendem Erz sich gehüllet,
Eilt' er daher durch die Stadt, den hurtigen Füßen vertrauend.
Wie wenn im Stall ein Roß, mit Gerste genährt an der Krippe,
Mutig die Halfter zerreißt und stampfenden Laufs in die Felder
Eilt, zum Bade gewöhnt des lieblich wallenden Strome
(Trotzender Kraft, hoch trägt es das Haupt, und rings an den Schultern
Fliegen die Mähnen umher; doch stolz auf den Adel der Jugend
Tragen die Schenkel es leicht zur bekannteren Weide der Stuten):
Also wandelte Paris daher von Pergamos' Höhe,
[112] Priamos' Sohn, umstrahlt von Waffenglanz, wie die Sonne,
Freudigen Muts, und es flogen die Schenkel ihm. Eilend nun hatt er
Hektor, den Bruder, erreicht, den Erhabenen, als er sich wenden
Wollte vom Ort, wo vertraulich mit seinem Weib er geredet.
Also begann zu jenem der göttliche Held Alexandros:
Wahrlich, mein älterer Bruder, dich Eilenden hielt ich zu lange
Zaudernd auf und kam nicht ordentlich, wie du befahlest.
Ihm antwortete drauf der helmumflatterte Hektor:
Guter, dir darf kein sterblicher Mann, der Billigkeit achtet,
Tadeln die Werke der Schlacht, du bist ein tapferer Streiter.
Oft nur säumest du gern und willst nicht. Aber es kränkt mir
Innig das Herz, von dir die schmähliche Rede zu hören
Unter dem troischen Volk, das um dich so manches erduldet.
Komm, dies wollen hinfort wir berichtigen, wann uns einmal Zeus
Gönnen wird, des Himmels unendlich waltenden Göttern
Dankend den Krug zu stellen der Freiheit in dem Palaste,
Weil wir aus Troja verjagt die hellumschienten Achaier.

7. Gesang

VII. Gesang.

Athene und Apollon, die Schlacht zu enden, heißen Hektor den tapfersten Achaier zum Zweikampf fordern. Unter neun Fürsten trifft das Los den Ajas, Telamons Sohn. Die Nacht trennt die Kämpfer. Nestor in Agamemnons Gezelt rät Stillstand, um die Toten zu verbrennen, und Verschanzung des Lagers. Antenor in Ilios rät, die Helena zurückzugeben, welches Paris verwirft. Am Morgen läßt Priamos die Achaier um Stillstand bitten. Bestattung der Toten. Verschanzung des Lagers und Poseidons Unwille. In der Nacht unglückliche Zeichen von Zeus.


Dieses gesagt, durcheilte das Tor der strahlende Hektor,

Auch Alexandros, der Bruder, enteilete; aber ihr Herz war
Beiden entbrannt, zu kämpfen den tapferen Kampf der Entscheidung.
Wie wenn ein Gott den Schiffern nach sehnlichem Harren den Fahrwind
Sendet, nachdem arbeitend mit schöngeglätteten Rudern
Lange das Meer sie geregt und müd hinsanken die Glieder:
Also erschienen sie dort den sehnlich harrenden Troern.
Jeder entrafft': er nun den Menesthios, jenes Beherrschers
Areithoos' Sohn, den der Keulenschwinger in Arne
Areithoos zeugt' und die herrliche Philomedusa.
[113] Aber Hektor durchschoß dem Eioneus unter des Helmes
Ehernem Rand mit dem Speere den Hals und löst' ihm die Glieder.
Glaukos, Hippolochos' Sohn, der lykischen Männer Gebieter,
Traf den Iphinoos jetzt im Sturme der Schlacht mit dem Wurfspieß,
Dexias' Sohn, da das schnelle Gespann er bestieg, in die Schulter,
Und er entsank vom Wagen zur Erd; ihm erschlafften die Glieder.
Doch als jene bemerkt' die Herrscherin Pallas Athene
Argos' Volk hinraffend im Ungestüme der Feldschlacht,
Stürmenden Schwungs entflog sie den Felsenhöhn des Olympos
Hin zu Ilios' Stadt. Entgegen ihr eilet' Apollon,
Schauend von Pergamos' Zinne, den Troern gönnend den Siegsruhm.
Jetzt begegneten sich die Unsterblichen dort an der Buche,
Und zur Athene begann Zeus' Sohn, der Herrscher Apollon:
Warum so voller Begier, o Zeus' des Allmächtigen Tochter,
Kamst du anjetzt vom Olympos? Wie, treibt dich der heftige Eifer,
Daß du vielleicht den Achaiern der Schlacht abwechselnden Sieg nun
Gebest? Denn nicht der Troer, der fallenden, jammert dich jemals!
Aber gehorchtest du mir, was weit zuträglicher wäre,
Jetzt dann ließen wir ruhn den feindlichen Kampf der Entscheidung
Heut; doch künftig erneu'n sie die Feldschlacht, bis sie das Schicksal
Ilios' endlich erreicht, dieweil es also im Herzen
Euch Göttinnen gefällt, die hohe Stadt zu verwüsten.
Drauf antwortete Zeus' blauäugige Tochter Athene:
Also sei's, Ferntreffer; denn dies auch selber gedenkend,
Kam ich anjetzt vom Olympos zu Troern herab und Achaiern.
Aber wohlan, wie strebst du den Kampf der Männer zu stillen?
Ihr antwortete drauf Zeus' Sohn, der Herrscher Apollon:
Hektor erhöhn wir den Mut, dem gewaltigen Rossebezähmer,
Ob er einzeln vielleicht der Danaer einen hervorruft,
Gegen ihn anzukämpfen in schreckenvoller Entscheidung,
Und ob dann unwillig die erzumschienten Achaier
Einen allein hersenden zum Kampf mit dem göttlichen Hektor.
Jener sprach's, ihm gehorchte die Herrscherin Pallas Athene.
Helenos aber vernahm, des Priamos Sohn, in der Seele
Jenen Rat, der beider Unsterblichen Sinne gefallen;
Eilend trat er zu Hektor hinan und redete also:
Hektor, Priamos' Sohn, an Ratschluß gleich dem Kronion,
[114] Willst du jetzt mir gehorchen? Dein liebender Bruder ja bin ich.
Heiße die anderen ruhn, die Troer umher und Achaier;
Selbst dann rufe hervor den tapfersten aller Achaier,
Gegen dich anzukämpfen in schreckenvoller Entscheidung;
Denn noch nicht dir fällt es, den Tod und das Schicksal zu dulden.
Also vernahm ich die Stimme der ewigwährenden Götter.
Jener sprach's; doch Hektor erfreute sich hoch ob der Rede,
Trat dann hervor in die Mitt und hemmte die troischen Haufen,
Haltend die Mitte des Speers; und still nun standen sie alle.
Auch Agamemnon setzte die hellumschienten Achaier.
Aber Pallas Athen' und der Gott des silbernen Bogens
Setzten sich beid, an Gestalt wie zween hochfliegende Geier,
Auf die erhabene Buche des ägiserschütternden Vaters,
Froh, die Männer zu schaun; und die Ordnungen saßen gedrängt nun,
Dicht von Schilden und Helmen und ragenden Lanzen umstarret.
So wie unter dem West hinschauert ins Meer ein Gekräusel,
Wann er zuerst andrängt und dunkler die Flut sich erhebet,
Also saßen geschart die Achaier umher und die Troer
Durch das Gefild, und Hektor begann in der Mitte der Völker:
Hört mein Wort, ihr Troer und hellumschiente Achaier,
Daß ich rede, wie mir das Herz im Busen gebietet.
Unseren Bund hat Zeus der Erhabene nicht vollendet,
Sondern bösen Entschluß verhänget er beiderlei Völkern,
Bis entweder ihr selbst einnehmt die getürmete Troja
Oder vor uns ihr erliegt bei den meerdurchwandelnden Schiffen.
Euch ja sind im Heere die tapfersten Helden Achaias.
Wem nun solcher das Herz mit mir zu kämpfen gebietet,
Hieher tret er hervor, mit dem göttlichen Hektor zum Vorkampf!
Also beding ich das Wort, und Zeug uns werde Kronion.
Wenn mich jener erlegt mit ragender Spitze des Erzes,
Trag er den Raub des Geschmeides hinab zu den räumigen Schiffen;
Aber den Leib entsend er gen Ilios, daß in der Heimat
Trojas Männer und Fraun des Feuers Ehre mir geben.
Wenn ich jenen erleg und Ruhm mir gewähret Apollon,
Trag ich den Raub des Geschmeides in Ilios' heilige Feste,
Daß ich ihn häng an den Tempel des treffenden Phöbos Apollon;
Doch der Erschlagene kehrt zu den schöngebordeten Schiffen,
[115] Daß mit Pracht ihn bestatten die hauptumlockten Achaier
Und ihm ein Grab aufschütten am breiten Hellespontos.
Künftig sagt dann einer der spätgeborenen Menschen,
Im vielrudrigen Schiffe zum dunkelen Meer hinsteuernd:
Seht das ragende Grab des längst gestorbenen Mannes,
Der einst tapfer im Streit hinsank dem göttlichen Hektor!
Also spricht er hinfort, und mein ist ewiger Nachruhm.
Jener sprach's; doch alle verstummten umher und schwiegen;
Schimpflich war's zu weigern und anzunehmen gefahrvoll.
Endlich stand Menelaos empor und redete also,
Strafend mit herbem Verweis, und schwer erseufzt' er im Herzen:
Weh mir, drohende Prahler, Achairinnen, nicht mehr Achaier!
Traun, doch Schmach ist solches und unauslöschliche Schande,
Wenn kein Danaer nun dem Hektor wagt zu begegnen!
Aber o mögt ihr all in Wasser und Erd euch verwandeln,
Wie ihr umher dasitzet, so herzlos jeder und ruhmlos!
Selber dann gürt ich jenem zum Kampfe mich! Oben im Himmel
Hangen des Siegs Ausgäng' an der Hand der unsterblichen Götter!
Jener sprach's und hüllte das stattliche Waffengeschmeid um.
Jetzo war, Menelaos, des Lebens Ziel dir genahet
Unter Hektors Händen, der weit an Kraft dich besiegte,
Hätten dich nicht auffahrend gehemmt die König' Achaias.
Selbst auch Atreus' Sohn, der Völkerfürst Agamemnon,
Faßt' ihm die rechte Hand und redete, also beginnend:
Nimm doch Bedacht, Menelaos, du Göttlicher! Wenig bedarfst du
So unbedachtsamer Wut; drum fasse dich, herzlich betrübt zwar,
Und wetteifere nicht, den stärkeren Mann zu bekämpfen,
Hektor, Priamos' Sohn, vor dem auch andere zittern!
Ihm hat Achilleus selbst in der männerehrenden Feldschlacht
Schaudernd stets sich genaht, der doch viel stärker wie du ist.
Du denn setze dich nun, zur Schar der Deinigen wandelnd;
Diesem zum Kampf erhebt sich ein anderer wohl der Achaier.
Mög er auch furchtlos sein, auch unersättlich des Krieges,
Doch wird, mein ich, er froh die ermüdeten Knie beugen,
Wenn er entrinnt dem blutigen Kampf und der ernsten Entscheidung!
Also sprach und wandte des Bruders Herz Agamemnon,
Denn sein Wort war gerecht; er gehorcht' ihm, und die Genossen
[116] Zogen ihm freudig nunmehr den Waffenschmuck von den Schultern.
Aber Nestor erhub sich in Argos' Volk und begann so:
Wehe, wie großes Leid dem achaiischen Lande herannaht!
Weinen ja würde vor Schmerz der graue reisige Peleus,
Rühmlich die Myrmidonen mit Rat und Rede beherrschend;
Der einst herzlich erfreut mich fragt' in seinem Palaste,
Rings nach aller Argeier Geschlecht und Zeugungen forschend!
Hört' er nun, wie sie alle sich scheu hinschmiegen vor Hektor,
Flehend würd er die Händ empor zu den Himmlischen heben,
Daß aus den Gliedern der Geist einging' in Aides' Wohnung!
Wenn ich, o Vater Zeus und Pallas Athen' und Apollon,
Grünete so wie einst, da an Keladons reißendem Strome
Kämpfte der Pylier Heer mir Arkadiens Lanzengeübten,
Hart an Pheias Mauern, wo schnell der Jardanos hinströmt!
Vorn war jenen im Kampf Ereuthalion, ähnlich den Göttern,
Hell um die Schultern geschmückt mit des Areithoos Rüstung,
Jenes erhabenen Helden, der Keulenschwinger mit Namen
Rings von Männern genannt und schöngegürteten Weibern;
Denn nie trug er Bogen noch ragende Lanz in der Feldschlacht,
Sondern trennte die Reihn mit dem Schwung der eisernen Keule.
Diesen erschlug Lykurgos durch Arglist, nicht durch Gewalt ihn,
Lauernd im engen Wege, wo nichts ihm die eiserne Keule
Frommete gegen den Tod; denn zuvor ihm rannte Lykurgos
Mitten die Lanz in den Leib, daß zurück auf den Boden er hinsank.
Und er entblößt' ihn der Wehr, die geschenkt der eherne Ares;
Diese trug er selber hinfort im Getümmel des Ares.
Aber nachdem Lykurgos daheim im Palaste gealtert,
Übergab er die Wehr Ereuthalion, seinem Genossen,
Der nun trotzend darauf die Tapfersten alle hervorrief.
Doch sie erbebten ihm all und zitterten; keiner bestand ihn.
Mich nur entflammte der Mut voll kühnen Vertrauns zu dem Kampfe,
Unverzagt, doch war an Geburt ich der jüngste von allen.
Und ich kämpft' ihm entgegen, und Ruhm verlieh mir Athene;
Ihn, den größesten nun und gewaltigsten Mann, erschlug ich,
Daß weit ausgestreckt er umherlag hiehin und dorthin.
Wär ich so jugendlich noch und ungeschwächten Vermögens,
Traun, bald fände des Kampfs der helmumflatterte Hektor!
[117] Aber von euch ringsher, den tapfersten Helden Achaias,
Keiner auch wagt es getrost, dem Hektor dort zu begegnen!
Also schalt der Greis, da erhuben sich neun in der Heerschar.
Erst vor allen erstand der Herrscher des Volks Agamemnon;
Ihm zunächst der Tydeide, der starke Held Diomedes;
Drauf die Ajas zugleich, mit trotzigem Mute gerüstet,
Dann Idomeneus selbst und. Idomeneus' Kriegsgenoß auch,
Held Meriones, gleich dem männermordenden Ares,
Auch Eurypylos dann, der glänzende Sohn des Euämon,
Thoas auch, der Andrämonid, und der edle Odysseus.
Alle sie waren bereit zum Kampf mit dem göttlichen Hektor.
Doch von neuem begann der gerenische reisige Nestor:
Jetzt durchs Los miteinander entscheidet es, welcher bestimmt sei.
Hoch erfreun wird dieser die hellumschienten Achaier,
Aber er wird auch selbst in seinem Herzen sich freuen,
Wenn er entrinnt dem blutigen Kampf und der ernsten Entscheidung.
Jener sprach's, und ein Los bezeichnete jeder sich selber;
Alle warfen sie dann in den Helm Agamemnons des Königs.
Aber das Volk hub flehend die Händ' empor zu den Göttern;
Also betete mancher, den Blick gen Himmel gewendet:
Vater Zeus, gib Ajas das Los, o gib's dem Tydeiden
Oder ihm selbst, dem König der golddurchstrahlten Mykene.
Also das Volk. Dort schüttelte nun der reisige Nestor,
Und es entsprang dem Helme das Los, das sie selber gewünschet,
Ajas' Los; rings trug es der Herold durch die Versammlung
Rechtshin, allen es zeigend, den edelen Helden Achaias.
Aber nicht erkennend verleugnete solches ein jeder.
Doch wie er jenen erreicht, ringsum die Versammlung durchwandelnd,
Der das bezeichnete warf in den Helm, den strahlenden Ajas,
Hielt er unter die Hand und hinein warf's nahend der Herold;
Schnell erkannt er schauend sein Los und freute sich herzlich,
Warf es dann vor die Füße zur Erd hin, also beginnend:
Wahrlich, mein ist, Freunde, das Los, und ich freue mich selber
Herzlich, dieweil ich hoffe den Sieg vom göttlichen Hektor.
Aber wohlan, indes ich mit Kriegsgerät mich umhülle,
Fleht ihr alle zu Zeus, dem waltenden Sohne des Kronos,
Vor euch selbst in der Stille, daß nicht die Troer es hören,
[118] Oder mit lautem Gebet; denn niemand fürchten wir wahrlich!
Keiner soll durch Gewalt unwillig mit Zwang mich vertreiben,
Noch durch siegende Kunst; denn nicht unkundig des Krieges
Hoff ich in Salamis' Flur geboren zu sein und erzogen!
Jener sprach's, und sie flehten zu Zeus Kronion, dem Herrscher.
Also betete mancher, den Blick gen Himmel gewendet:
Vater Zeus, ruhmwürdig und hehr, du Herrscher vom Ida,
Gib nun Ajas den Sieg, daß glänzenden Ruhm er gewinne!
Aber ist auch Hektor dir wert und waltest du seiner,
Gleich dann schmücke sie beide mit Kraft und Ehre des Sieges!
Also das Volk, und es deckte mit blinkendem Erze sich Ajas.
Aber nachdem er den Leib ringsum in Waffen gehüllet,
Stürmt' er daher; wie Ares der Ungeheure sich nahet,
Der in die Schlacht eingehet zu Männern, welche Kronion
Trieb zum erbitterten Kampfe der geistverzehrenden Zwietracht:
Also erhub sich Ajas, der ragende Hort der Achaier,
Lächelnd mit finsterem Ernste des Antlitzes; und mit den Füßen
Wandelt' er mächtigen Schritts und schwang die erhabene Lanze.
Sein erfreuten sich hoch die Danaer, ringsher schauend;
Aber dem Volk der Troer durchschauderte Schrecken die Glieder.
Selbst dem Hektor begann sein Herz im Busen zu schlagen;
Doch nicht konnt er nunmehr wo zurückfliehn, noch sich verbergen
Unter die Haufen des Volks; denn er forderte selber den Zweikampf.
Ajas nahte heran und trug den türmenden Schild vor,
Ehern und siebenhäutig, den Tychios klug ihm vollendet,
Hochberühmt in des Leders Bereitungen, wohnend in Hyle;
Dieser schuf ihm den regsamen Schild aus sieben Häuten
Feistgenähreter Stier' und umzog zum achten mit Erz sie.
Den nun trug vor der Brust der Telamonier Ajas,
Stellte sich nahe vor Hektor und sprach die drohenden Worte:
Hektor, deutlich nunmehr erkennest du, einer mit einem,
Wie sich im Danaervolk noch andere Helden erheben,
Auch nach Peleus' Sohn, dem zermalmenden, löwenbeherzten!
Jener zwar bei den schnellen, gebogenen Schiffen des Meeres
Ruht nun, zürnend im Geist dem Hirten des Volks Agamemnon,
Aber auch wir sind Männer, mit Freudigkeit dir zu begegnen,
Und noch viel! Wohlauf, und beginne du Kampf und Entscheidung!
[119] Ihm antwortete drauf der helmumflatterte Hektor:
Ajas, göttlicher Sohn des Telamon, Völkergebieter,
Denke mich nicht durch Trotz, wie ein schwaches Kind, zu versuchen
Oder ein Weib, das nimmer des Kriegs Arbeiten gelernet!
Wohl sind mir die Kämpfe bekannt und die Schlachten der Männer!
Rechtshin weiß ich zu wenden und links zu wenden den Stierschild,
Dürrer Last, um stets unermüdeter Stärke zu kämpfen;
Weiß zu Fuß ihn zu tanzen, den Tanz des schrecklichen Ares,
Weiß auch rasch im Getümmel die fliegenden Rosse zu lenken!
Aber nicht ereile mein Speer dich, tapferer Krieger,
Heimlich mit lauernder List, nein öffentlich, ob er dich treffe!
Sprach's, und im Schwung entsandt er die weithinschattende Lanze,
Und sie traf dem Ajas den siebenhäutigen Stierschild
Auf das obere Erz, das ihm zum achten umherlag;
Sechs der Schichten durchdrang das spaltende Erz unbezwingbar,
Doch in der siebenten Haut ermattet' es. Wider entsandt ihm
Ajas, der göttliche Held, die weithinschattende Lanze,
Und sie traf dem Hektor den Schild von geründeter Wölbung.
Siehe, den strahlenden Schild durchschmetterte mächtig die Lanze,
Auch in das Kunstgeschmeide des Harnisches drang sie geheftet,
Grad hindurch an der Weiche des Bauchs durchschnitt sie den Leibrock
Stürmend; da wand sich jener und mied das schwarze Verhängnis.
Beide dann zogen heraus die ragenden Speer', und zugleich nun
Rannten sie an, blutgierig, wie raubverschlingende Löwen
Oder wie der Eber des Waldes von nicht unkriegrischer Stärke.
Priamos' Sohn stieß mächtig den Speer auf die Mitte des Schildes,
Doch nicht brach er das Erz; denn rückwärts bog sich die Spitze.
Ajas stach nun den Schild anlaufend ihm; aber hindurch drang
Schmetternd die eherne Lanz und erschütterte jenen im Angriff.
Streifend am Hals hinfuhr sie, und schwarz entspritzte das Blut ihm.
Doch nicht ruhte vom Kampf der helmumflatterte Hektor,
Sondern wich und erhub mit nervichter Rechten den Feldstein,
Der dort lag im Gefilde, den dunkelen, rauhen und großen;
Schwang ihn hin, und dem Ajas den siebenhäutigen Stierschild
Traf er gerad auf den Nabel, daß ringsum dröhnend das Erz scholl.
Wieder erhub nun Ajas den noch viel größeren Feldstein,
Sandt ihn daher umschwingend und strengt' unermeßliche Kraft an.
[120] Einwärts brach er den Schild mit dem mühlsteinähnlichen Felsen
Und verletzt' ihm die Knie, daß rücklings jener dahinsank,
Fest den Schild in der Hand; doch schnell erhub ihn Apollon.
Jetzt auch hätten mit Schwertern in nahem Kampf sie verwundet,
Wenn nicht zween Herolde, die Boten Zeus' und der Männer,
Eilend genaht, von den Troern und erzumschirmten Achaiern,
Dort Idäos und hier Talthybios, beide verständig.
Zwischen die Kämpfenden streckten die Stäbe sie; aber Idäos
Sprach das Wort, der Herold, verständigen Rates erfahren:
Nun nicht mehr, ihr Kinder, des feindlichen Kampfs und Gefechtes!
Beide ja seid ihr geliebt dem Herrscher im Donnergewölk Zeus,
Beid auch tapfere Streiter; das schaueten jetzo wir alle.
Doch nun nahet die Nacht; gut ist's, auch der Nacht zu gehorchen.
Gegen ihn rief antwortend der Telamonier Ajas:
Erst den Hektor ermahnt, Idäos, also zu reden,
Weil er selbst zum Kampfe die Tapfersten alle hervorrief.
Jener beginn, und gerne gehorch ich dir, wenn er zuerst will.
Ihm antwortete drauf der helmumflatterte Hektor:
Ajas, dieweil dir ein Gott die Kraft und die Größe verliehen
Und den Verstand und im Speere der beste du bist der Achaier,
Laß uns jetzt ausruhen vom feindlichen Kampf der Entscheidung,
Heut; doch künftig erneu'n wir die Feldschlacht, bis uns ein Dämon
Trennen wird und geben der Völker einem den Siegsruhm.
Denn nun nahet die Nacht; gut ist's, auch der Nacht zu gehorchen,
Daß du dort bei den Schiffen das Herz der Achaier erfreuest,
Doch vor allem der Freund' und deiner lieben Genossen;
Aber ich selbst, heimkehrend in Priamos' Stadt, des Beherrschers,
Trojas Männer erfreu und saumnachschleppende Weiber,
Welche für mich aufflehend an heiliger Stätte sich sammeln;
Laß uns jetzt auch einander mit rühmlichen Gaben beschenken,
Daß man sage hinfort bei Troern und bei Achaiern:
Seht, sie kämpften den Kampf der geistverzehrenden Zwietracht,
Und dann schieden sie beid in Freundschaft wieder versöhnet.
Jener sprach's und reicht' ihm das Schwert voll silberner Buckeln
Samt der Scheid in die Hand und dem schöngezierten Gehenke.
Ajas schenkt' ihm dagegen den Leibgurt, schimmernd von Purpur.
Also schieden sie beid; es kehrte zum Volk der Achaier
[121] Einer, zum Heer der Troer der andere: jene mit Freude
Schaueten um, daß lebend und unverletzt er daherging,
Ajas' Händen entflohn und unaufhaltsamer Stärke;
Führten ihn dann in die Stadt und glaubeten kaum ihn errettet.
Auch den Ajas führten die hellumschienten Achaier
Hin zum Held Agamemnon, der hoch des Sieges erfreut war.
Als sie nunmehr ins Gezelt um Atreus' Sohn sich versammelt,
Opferte, jenen zum Schmaus, der Völkerfürst Agamemnon
Einen Stier, fünfjährig und feist, dem starken Kronion.
Rasch ihn zogen sie ab und zerlegeten alles geschäftig,
Schnitten behend in Stücke das Fleisch und steckten's an Spieße,
Brieten es dann vorsichtig und zogen es alles herunter.
Aber nachdem sie ruhten vom Werk und das Mahl sich bereitet,
Schmausten sie, und nicht mangelt' ihr Herz des gemeinsamen Mahles.
Aber den Ajas ehrt' er mit weithinreichendem Rücken,
Atreus' Heldensohn, der Völkerfürst Agamemnon.
Aber nachdem die Begierde des Tranks und der Speise gestillt war,
Jetzo begann der Greis den Entwurf zu ordnen in Weisheit,
Nestor, der schon eher mit trefflichem Rate genützet.
Dieser begann wohlmeinend und redete vor der Versammlung:
Atreus' Sohn und ihr andern, erhabene Fürsten Achaias,
Viele ja sind gestorben der hauptumlockten Achaier,
Welchen das schwarze Blut um den schönen Strom des Skamandros
Ares der Wütrich vergoß; und die Seelen zum Aides sanken.
Darum laß mit dem Morgen den Krieg ausruhn der Achaier,
Daß wir gesamt auf Wagen die Leichname holen, von Rindern
Und Maultieren geführt; alsdann verbrennen wir alle,
Etwas entfernt von den Schiffen, damit einst jeder den Kindern
Bringe den Staub, wann wieder zum Vaterlande wir heimziehn.
Einen Hügel am Brand erheben wir, draußen versammelt,
Allen zugleich im Gefild, und neben ihm bauen wir eilig
Hochgetürmt die Mauer, uns selbst und den Schiffen zur Schutzwehr.
Drin auch bauen wir Tore mit wohleinfugenden Flügeln,
Daß bequem durch solche der Weg sei Rossen und Wagen.
Draußen umziehn wir sodann mit tiefem Graben die Mauer,
Welcher rings abwehre den reisigen Zug und das Fußvolk,
Daß nicht einst andränge die Macht hochherziger Troer.
[122] Jener sprach's, und umher die Könige riefen ihm Beifall.
Auch die Troer kamen auf Ilios' Burg zur Versammlung,
Schreckenvoll und verwirrt, vor Priamos' hohem Palaste,
Und vor ihnen begann der verständige Held Antenor:
Hört mein Wort, ihr Troer, ihr Dardaner und ihr Genossen,
Daß ich rede, wie mir das Herz im Busen gebietet.
Auf, die Argeierin Helena nun und die Schätze mit jener
Geben wir Atreus' Söhnen zurück. Nun streiten wir treulos
Gegen den heiligen Bund; drum hoff ich nimmer, daß Wohlfahrt
Unserem Volke gedeihe, bevor wir also gehandelt.
Also redete jener und setzte sich. Wieder erhub sich
Alexandros, der Held, der lockigen Helena Gatte;
Dieser erwiderte drauf und sprach die geflügelten Worte:
Keineswegs, Antenor, gefällt mir, was du geredet!
Leicht wohl könntest du sonst ein Besseres raten denn solches!
Aber wofern du wirklich in völligem Ernste geredet,
Traun, dann raubeten dir die Unsterblichen selbst die Besinnung!
Jetzo verkünd auch ich den rossebezähmenden Troern,
Grade heraus bekenn ich: das Weib, nie geb ich es wieder,
Aber das Gut, so viel ich aus Argos führt' in die Wohnung,
Will ich gesamt nun erstatten und noch des Meinen hinzutun.
Also redete jener und setzte sich. Wieder erhub sich
Priamos, Dardanos' Enkel, an Rat den Unsterblichen ähnlich;
Dieser begann wohlmeinend und redete vor der Versammlung:
Hört mein Wort, ihr Troer, ihr Dardaner und ihr Genossen,
Daß ich rede, wie mir das Herz im Busen gebietet.
Jetzo nehmet das Mahl durch das Kriegsheer, so wie gewöhnlich,
Und gedenkt der nächtlichen Hut, und jeder sei wachsam.
Morgen geh Idäos hinab zu den räumigen Schiffen,
Daß er den Fürsten des Volks Agamemnon und Menelaos
Sage die Red Alexandros', um welchen Streit sich erhoben;
Auch dies heilsame Wort dann verkündige: ob sie geneigt sind,
Auszuruhn vom Getöse der Feldschlacht, bis wir die Toten
Erst verbrannt; doch künftig erneuen wir, bis uns ein Dämon
Trennen wird und geben der Völker einem den Siegsruhm.
Jener sprach's; da hörten sie aufmerksam und gehorchten.
Ringsum nahm man das Mahl durch das Kriegsheer, Haufen bei Haufen.
[123] Morgens ging Idäos hinab zu den räumigen Schiffen,
Und er fand die Achaier im Rat, die Genossen des Ares,
Neben dem Hinterschiff Agamemnons. Jener, sich nahend,
Trat in den Kreis und begann, der lautaustönende Herold:
Atreus' Söhn' und ihr andern, erhabene Fürsten Achaias,
Priamos sendete mich und die anderen Edlen der Troer,
Daß ich, wär es vielleicht euch angenehm und gefällig,
Sagte die Red Alexandros', um welchen der Streit sich erhoben.
Alles Gut, so viel Alexandros in räumigen Schiffen
Her gen Troja geführt (hätt eher der Tod ihn ereilet!),
Will er gesamt euch erstatten und noch des Seinen hinzutun.
Aber die Jugendvermählte von Atreus' Sohn Menelaos
Gibt er nie, wie er sagt, obzwar ihn die Troer ermahnen.
Dieses Wort auch sollt ich verkündigen, ob ihr geneigt seid
Auszuruhn vom Getöse der Feldschlacht, bis wir die Toten
Erst verbrannt; doch künftig erneuen wir, bis uns ein Dämon
Trennen wird und geben der Völker einem den Siegsruhm.
Jener sprach's, doch alle verstummten umher und schwiegen.
Endlich begann vor ihnen der Rufer im Streit Diomedes:
Daß nur keiner das Gut Alexandros nehme, ja selbst nicht
Helena! Wohl ja erkennt, auch wer unmündigen Geistes,
Daß nunmehr den Troern das Ziel des Verderbens daherdroht!
Jener sprach's; da jauchzten ihm rings die Männer Achaias,
Hoch das Wort anstaunend von Tydeus' Sohn Diomedes.
Jetzo sprach zu Idäos der Völkerfürst Agamemnon:
Selber jetzt, Idäos, vernahmst du das Wort der Achaier,
Welchen Bescheid sie geben; auch mir geliebet es also.
Doch der Toten Verbrennung sei euch mitnichten verweigert.
Nicht ja gebührt Kargheit bei abgeschiedenen Toten,
Daß man, nachdem sie gestorben, mit Glut zu besänftigen eile.
Höre den Bund Zeus selber, der donnernde Gatte der Here!
Jener sprach's, und empor zu den Himmlischen hob er den Zepter.
Aber es kehrt' Idäos zur heiligen Ilios wieder.
Jene noch saßen im Rat, die Troer und Dardanionen,
Alle gedrängt miteinander, und harreten seiner Zurückkunft.
Jetzo kam Idäos daher und sagte die Botschaft,
Hingestellt in die Mitte. Da rüsteten jene sich eilig,
[124] Andere, Leichen zu holen, und andere, Holz aus den Wäldern.
Auch die Argeier indes von den schöngebordeten Schiffen
Eileten, Leichen zu holen, und andere, Holz aus den Wäldern.
Aber die Sonn erhellte mit jungem Strahl die Gefilde,
Aus des tiefergoßnen Okeanos ruhiger Strömung
Steigend am Himmel empor. Da begegneten jen' einander.
Schwer nun war's, zu erkennen im Schlachtfeld jeden der Männer,
Doch sie wuschen mit Wasser den blutigen Mord von den Gliedern,
Heiße Tränen vergießend, und huben sie all auf die Wagen.
Aber zu weinen verbot Held Priamos; jene nun schweigend
Legten gehäuft auf die Scheiter die Leichname, traurigen Herzens,
Zündeten an das Feuer und kehrten zur heiligen Troja.
Also auch dort entgegen die hellumschienten Achaier
Legten gehäuft auf die Scheiter die Leichname, traurigen Herzens,
Zündeten an das Feuer und kehrten zu räumigen Schiffen.
Als noch nicht der Morgen erschien, nur grauende Dämmrung,
Jetzo erhub um den Brand sich erlesenes Volk der Achaier.
Einen Hügel umher erhuben sie, draußen versammelt,
Allen zugleich im Gefild, und neben ihm bauten sie eilig
Hochgetürmt die Mauer, sich selbst und den Schiffen zur Schutzwehr.
Drin auch bauten sie Tore mit wohleinfugenden Flügeln,
Daß bequem durch solche der Weg war Rossen und Wagen.
Draußen umzogen sie dann mit tiefem Graben die Mauer,
Breit umher und groß, und drinnen auch pflanzten sie Pfähle.
So arbeiteten hier die hauptumlockten Achaier.
Dort die Götter, um Zeus den Wetterleuchtenden sitzend,
Staunten dem großen Werke der erzumschirmten Achaier.
Unter ihnen begann der Erderschüttrer Poseidon:
Vater Zeus, ist irgendein Mensch der unendlichen Erde,
Der zu den Himmlischen noch mit Herz und Sinne sich wende?
Siehest du nicht, wie jetzo die hauptumlockten Achaier
Eine Mauer den Schiffen erbaueten, rings auch den Graben
Führeten, ohn uns Göttern zuvor Hekatomben zu opfern?
Nun wird diesen ein Ruhm, so weit der Tag sich verbreitet;
Doch vergessen wird jene, die ich und Phöbos Apollon
Einst um Laomedons Stadt mit ringender Kraft gegründet!
Unmutsvoll nun begann der Herrscher im Donnergewölk Zeus:
[125] Wehe mir, Erderschüttrer, gewaltiger! Welcherlei Rede!
Wenn ja ein anderer noch der Unsterblichen jener Erfindung
Zitterte, der weit schwächer denn du an Arm und Gewalt ist,
Doch dir währet der Ruhm, so weit der Tag sich verbreitet.
Auf wohlan! sobald nun die hauptumlockten Achaier
Heimgekehrt in den Schiffen zum lieben Lande der Väter,
Reiße dann ein die Mauer und stürze sie ganz in die Meerflut,
Wieder das große Gestad umher mit Sande bedeckend,
Daß auch die Spur hinschwinde vom großen Bau der Achaier.
Also redeten jen' im Wechselgespräch miteinander.
Nieder sank nun die Sonn, und der Danaer Werk war vollendet.
Rings in den Zelten erschlugen sie Stier' und genossen des Mahles.
Aber viel der Schiffe, mit Wein beladen, aus Lemnos
Landeten, hergesandt vom Jasoniden Euneos,
Welchen Hypsipyle trug dem Völkerhirten Jason.
Atreus' Söhnen allein, Agamemnon und Menelaos,
Sandt er edleren Trank zum Geschenk her, tausend der Maße.
Dort nun kauften des Weins die hauptumlockten Achaier;
Andere brachten Erz und andere blinkendes Eisen,
Andere dann Stierhäut' und andere lebende Rinder,
Andre Gefangne der Schlacht, und bereiteten lieblichen Festschmaus.
Also die Nacht durchharrten die hauptumlockten Achaier
Schmausend; auch dort die Troer in Ilios und die Genossen.
Aber die ganze Nacht sann Unheil Zeus der Erhabne,
Drohend mit Donnergetön; da faßte sie bleiches Entsetzen.
Ringsher Wein aus den Bechern vergossen sie, keiner auch durft ihn
Trinken, bevor er gesprengt dem allmächtigen Sohne des Kronos.
Jeder ruhete dann und empfing die Gabe des Schlafes.

8. Gesang

[126] VIII. Gesang.

Den versammelten Göttern verbietet Zeus, weder Achaiern noch Troern beizustehn, und fährt zum Ida. Schlacht. Zeus wägt den Achaiern Verderben und schreckt sie mit dem Donner. Here bittet den Poseidon umsonst, den Achaiern zu helfen. Die Achaier in die Verschanzung gedrängt. Agamemnon und ein Zeichen ermuntert sie zum neuen Angriff. Teukros streckt viele mit dem Bogen nieder und wird von Hektor verwundet. Die Achaier von neuem in die Verschanzung getrieben. Here und Athene fahren vom Olympos den Achaiern zu Hilfe. Zeus befiehlt ihnen durch Iris, umzukehren. Er selbst, zum Olympos gekehrt, droht den Achaiern noch größere Niederlage. Hektor mit den siegenden Troern übernachtet vor dem Lager.


Eos im Safrangewand erleuchtete rings nun die Erde,
Als der Donnerer Zeus die Unsterblichen rief zur Versammlung
Auf den obersten Gipfel des vielgezackten Olympos.
Selbst nun begann er den Rat, und die Himmlischen horchten ihm alle:
Hört mein Wort, ihr Götter umher und ihr Göttinnen alle,
Daß ich rede, wie mir das Herz im Busen gebietet.
Keine der Göttinnen nun erhebe sich, keiner der Götter,
Trachtend, wie dies mein Wort er vereitele, sondern zugleich ihr
Stimmt ihm bei, daß ich eilig Vollendung schaffe dem Werke!
Wen ich jetzt von den Göttern gesonderten Sinnes erkenne,
Daß er geht und Troer begünstiget oder Achaier,
Schmählich geschlagen fürwahr kehrt solcher mir heim zum Olympos!
Oder ich faß und schwing ihn hinab in des Tartaros Dunkel,
Ferne, wo tief sich öffnet der Abgrund unter der Erde,
Den die eiserne Pforte verschleußt und die eherne Schwelle,
So weit unter dem Ais, wie über der Erd ist der Himmel!
Dann vernimmt er, wie weit ich der mächtigste sei vor den Göttern!
Auf wohlan, ihr Götter, versucht's, daß ihr all es erkennet:
Eine goldene Kette befestigend oben am Himmel,
Hängt dann all ihr Götter euch an und ihr Göttinnen alle;
Dennoch zögt ihr nie vom Himmel herab auf den Boden
Zeus, den Ordner der Welt, wie sehr ihr rängt in der Arbeit!
Aber sobald auch mir im Ernst es gefiele zu ziehen,
Selbst mit der Erd euch zög ich empor und selbst mit dem Meere.
Und die Kette darauf um das Felsenhaupt des Olympos
Bänd ich fest, daß schwebend das Weltall hing' in der Höhe!
So weit rag ich vor Göttern an Macht, so weit vor den Menschen!
[127] Jener sprach's, doch alle verstummten umher und schwiegen,
Hoch das Wort anstaunend; denn kraftvoll hatt er geredet.
Endlich erwiderte Zeus' blauäugige Tochter Athene:
Unser Vater Kronion, o du, der Gebietenden Höchster,
Wohl ja erkennen auch wir, wie an Macht unbezwinglich du waltest.
Aber es jammern uns der Danaer streitbare Völker,
Welche, das böse Geschick nunmehr vollendend, verschwinden.
Dennoch entziehn wir hinfort dem Gefecht uns, wenn du gebietest;
Rat nur wollen wir geben den Danaern, welcher gedeihe,
Daß nicht all hinschwinden vor deinem gewaltigen Zorne.
Lächelnd erwiderte drauf der Herrscher im Donnergewölk Zeus:
Fasse dich, Tritogeneia, mein Töchterchen! Nicht mit des Herzens
Meinung sprach ich das Wort, ich will dir freundlich gesinnt sein!
Jener sprach's und schirrt' in das Joch erzhufige Rosse,
Stürmenden Flugs, umwallt von goldener Mähne die Schultern;
Selbst dann hüllt' er in Gold sich den Leib und faßte die Geißel,
Schön aus Golde gewirkt, und trat in den Sessel des Wagens.
Treibend schwang er die Geißel, und rasch hinflogen die Rosse,
Zwischen der Erd einher und dem sternumleuchteten Himmel.
Schnell den Ida erreicht' er, den quelligen Nährer des Wildes.
Gargaros, wo ihm pranget ein Hain und duftender Altar.
Dort nun hielt der Vater des Menschengeschlechts und der Götter,
Löste die Rosse vom Wagen und breitete dichtes Gewölk aus.
Selber setzt' er nunmehr auf die Höhe sich, freudigen Trotzes,
Und umschaute der Troer Stadt und die Schiffe Achaias.
Jene nun nahmen das Mahl, die hauptumlockten Achaier,
Rasch in den Zelten umher und hüllten sodann ihr Geschmeid um.
So auch dort die Troer in Ilios faßten die Waffen,
Weniger zwar, doch entbrannt zum blutigen Kampf der Entscheidung
Durch hartdringende Not; denn es galt für Weiber und Kinder.
Ringsum standen geöffnet die Tor', und es stürzte das Kriegsheer,
Streiter zu Fuß und zu Wagen, hinaus mit lautem Getümmel.
Als sie nunmehr anstrebend auf einem Raum sich begegnet,
Trafen zugleich Stierhäut' und Speere zugleich und die Kräfte
Rüstiger Männer in Erz, und die hochgenabelten Schilde
Naheten dichtgedrängt, und umher stieg lautes Getös auf.
Jetzo erscholl Wehklagen und Siegsgeschrei miteinander,
[128] Würgender dort und Erwürgter, und Blut umströmte die Erde.
Weil noch Morgen es war und der heilige Tag emporstieg,
Hafteten jegliches Heeres Geschoss', und es sanken die Völker.
Aber nachdem die Sonne den Mittagshimmel erstiegen,
Jetzo streckte der Vater empor die goldene Waage,
Legt' in die Schalen hinein zwei finstere Todeslose,
Trojas reisigem Volk und den erzumschirmten Achaiern,
Faßte die Mitt und wog. Da lastete schnell der Achaier
Schicksalstag, daß die Schale zur nahrungsprossenden Erde
Niedersank und der Troer zum weiten Himmel emporstieg.
Laut vom Ida herab nun donnert' er, und sein entbrannter
Strahl durchzuckte das Heer der Danaer; jen' ihn erblickend,
Starreten auf, und alle durchschauerte bleiches Entsetzen.
Nicht Idomeneus selber verweilt' itzt, nicht Agamemnon,
Nicht die Ajas wagten zu stehn, die Genossen des Ares.
Nestor allein noch stand, der gerenische Hort der Achaier,
Ungern, weil ihm verletzt war ein Roß. Das traf mit dem Pfeile
Alexandros der Held, der lockigen Helena Gatte,
Grad in die Scheitel des Haupts, wo zuerst die Mähne der Rosse
Vorn dem Schädel entwächst und am tödlichsten ist die Verwundung.
Angstvoll bäumt' es empor, weil tief der Pfeil ins Gehirn drang,
Und verwirrte die Ross', um das Erz in der Wunde sich wälzend.
Während der Greis die Stränge dem Nebenroß mit dem Schwerte
Abzuhaun sich erhub, kam Hektors schnelles Gespann ihm
Durch die Verfolgung daher, mit dem unerschrockenen Lenker
Hektor! Dort nun hätte der Greis sein Leben verloren,
Wenn nicht schnell ihn bemerkt der Rufer im Streit Diomedes.
Furchtbar jetzt ausrufend, ermahnt' er so den Odysseus:
Edler Laertiad, erfindungsreicher Odysseus,
Wohin fliehst du, den Rücken gewandt, wie ein Feiger im Schwarme?
Daß nur keiner den Speer dir Fliehendem heft in die Schulter!
Bleib doch und hilf vom Greise den schrecklichen Mann mir entfernen!
Jener sprach's, nicht hörte der herrliche Dulder Odysseus,
Sondern er stürmte vorbei zu den räumigen Schiffen Achaias.
Doch der Tydeid, auch selber allein, drang kühn in den Vorkampf,
Stellte sich nun vor die Rosse des neleiadischen Greises,
Und er begann zu jenem und sprach die geflügelten Worte:
[129] Wahrlich, o Greis, sehr hart umdrängen dich jüngere Männer!
Deine Kraft ist gelöst, und mühsames Alter beschwert dich;
Auch ist schwach dein Wagengefährt und ermüdet die Rosse.
Auf denn, zu meinem Geschirr erhebe dich, daß du erkennest,
Wie doch troische Rosse gewandt sind, durch die Gefilde
Dort zu sprengen und dort, in Verfolgungen und in Entfliehung,
Die ich jüngst von Äneias errang, dem Schreckengebieter.
Jene laß den Gefährten zur Obhut; wir mit den meinen
Wollen den reisigen Troern entgegengehn, daß auch Hektor
Lern, ob mir selber vielleicht auch wüte der Speer in den Händen!
Sprach's; und ihm folgete gern der gerenische reisige Nestor.
Jetzt die nestorischen Rosse besorgeten beide Gefährten,
Sthenelos, tapferen Muts, und Eurymedon, glühend vor Ehrfurcht.
Jene dann traten zugleich in das rasche Geschirr Diomedes'.
Nestor faßt' in die Hände die purpurschimmernden Zügel,
Schwang dann die Geißel zum Lauf, und bald erreichten sie Hektor.
Ihm, wie er grad andrang, entsandte den Speer Diomedes;
Und er verfehlt' ihn zwar, doch dem wagenlenkenden Diener,
Jenem Eniopeus, dem Sohn des erhabnen Thebäos,
Als er hielt das Gezäum, durchschoß er die Brust an der Warze;
Und er entsank dem Geschirr, und zurück ihm zuckten die Rosse
Fliegenden Laufs; ihm aber erlosch der Geist und die Stärke.
Hektors Seele durchdrang der bittere Schmerz um den Lenker;
Dennoch ließ er ihn dort, wie sehr er traurte des Freundes,
Liegen und forscht', ob irgendein mutiger Lenker erschiene.
Und nicht lang ihm entbehrten die Rosse der Hut; denn er fand nun
Iphitos' mutigen Sohn Archeptolemos; eilend ihn hieß er
Steigen ins rasche Geschirr und reicht' in die Hand ihm die Zügel,
Jetzt wär entschieden der Kampf und unheilbare Taten vollendet
Und sie zusammengescheucht in Ilios, gleich wie die Lämmer,
Schauete nicht der Vater des Menschengeschlechts und der Götter.
Furchtbar erscholl sein Donner daher, und der leuchtende Strahl schlug
Schmetternd hinab in den Grund vor dem raschen Gespann Diomedes';
Schrecklich lodert' empor die schweflichte Flamme des Himmels,
Und wild bebten in Angst die Rosse zurück vor dem Wagen.
Nestors Hand entsanken die purpurschimmernden Zügel,
Und er erschrak im Herzen und sprach zum Held Diomedes:
[130] Tydeus' Sohn, auf, wende zur Flucht die stampfenden Rosse!
Oder erkennest du nicht, daß Zeus nicht Sieg dir gewähret?
Jetzo zwar wird jener von Zeus Kronion verherrlicht,
Heut, doch künftig werden wir selbst auch, wenn's ihm gelüstet,
Wieder geehrt! Darf keiner doch Zeus' Ratschlüsse verhindern,
Nicht der Gewaltigste selbst; denn er ist mächtig vor allen!
Ihm antwortete drauf der Rufer im Streit Diomedes:
Wahrlich, o Greis, du hast wohlziemende Worte geredet;
Aber ein heftiger Schmerz durchdringt mir die Tiefe des Herzens!
Hektor sagt nun hinfort in des troischen Volkes Versammlung:
Tydeus' Sohn ist vor mir hinabgeflohn zu den Schiffen!
Also trotzt er hinfort; dann reiße sich weit mir die Erd auf!
Ihm antwortete drauf der gerenische reisige Nestor:
Wehe mir, Tydeus' Sohn, des Feurigen, welcherlei Rede!
Denn wofern dich Hektor auch feig einst nennet und kraftlos,
Niemals glauben ihm doch die Troer und Dardanionen,
Oder die Fraun der Troer, der schildgewappneten Streiter,
Welchen umher in den Staub die blühenden Männer du strecktest.
Jener sprach's und wandte zur Flucht die stampfenden Rosse
Durch die Verfolgung zurück; nach stürmeten Troer und Hektor
Mit graunvollem Geschrei und schütteten herbe Geschosse.
Aber es rief lauttönend der helmumflatterte Hektor:
Tydeus' Sohn, dich ehrten die reisigen Helden Achaias
Hoch an Sitz und an Fleisch und vollgegossenen Bechern.
Künftig verachten sie dich; wie ein Weib erscheinest du jetzo!
Fort, du zagendes Mädchen! Denn nie, mich selber vertreibend,
Steigst du die Mauern hinan von Ilios oder entführest
Uns die Weiber im Schiff; zuvor dir send ich den Dämon!
Jener sprach's; da erwog mit wankendem Sinn Diomedes,
Ob er die Ross' umlenkt' und kühn entgegen ihm kämpfte.
Dreimal sann er umher in des Herzens Geist und Empfindung,
Dreimal erscholl vom Ida das Donnergetön des Kronion,
Trojas Volk ankündend der Schlacht abwechselnden Siegsruhm.
Hektor anjetzt ermahnte mit lautem Rufe die Troer:
Troer, und Lykier ihr, und Dardaner, Kämpfer der Nähe,
Seid nun Männer, o Freund', und gedenkt des stürmenden Mutes!
Denn ich erkenne, wie mir voll Huld zuwinkte Kronion
[131] Sieg und erhabenen Ruhm, doch Schmach den Achaiern und Unheil.
Törichte, welche nunmehr zum Schutz sich erfanden die Mauer,
Schwach und verachtenswert, die nichts vor meiner Gewalt ist;
Denn mir springen die Rosse mit Leichtigkeit über den Graben!
Aber sobald ich dort den gebogenen Schiffen genahet,
Dann gedenke man wohl für brennendes Feuer zu sorgen,
Daß ich die Schiff' anzünde mit Glut und sie selber ermorde,
Argos' Söhn' um die Schiffe, betäubt im Dampfe des Brandes!
Jener sprach's, und die Ross' ermahnet' er, laut ausrufend:
Xanthos, und du Podargos, und mutiger Lampos und Äthon,
Jetzt die reichliche Pflege vergeltet mir, welche mit Sorgfalt
Euch Andromache gab, des hohen Eetions Tochter,
Da sie zuerst vor euch den lieblichen Weizen geschüttet,
Auch des Weines gemischt, nach Herzenswunsche zu trinken,
Eher denn mir, der doch ihr blühender Gatte sich rühmet!
Auf denn mit großer Gewalt, und verfolget sie, daß wir erobern
Nestors strahlenden Schild, des Ruhm nun reichet zum Himmel:
Golden sei die Wölbung umher und die Stangen des Schildes.
Auch herab von der Schulter dem reisigen Held Diomedes
Jenen künstlichen Harnisch, den selbst Hephästos geschmiedet!
Würd uns solches ein Raub, dann hofft ich wohl, die Achaier
Möchten die Nacht noch steigen in leichthinsegelnde Schiffe!
Also jauchzet' er laut; da zürnt' ihm die Herrscherin Here,
Wandte sich heftig im Thron und erschütterte weit den Olympos.
Drauf zu Poseidaon, dem mächtigen Gotte, begann sie:
Wehe mir, Erderschüttrer, Gewaltiger, wenden auch dir nicht
Argos' sinkende Scharen das Herz im Busen zu Mitleid?
Bringen sie doch gen Ägä und Helike dir der Geschenke
Viel und erfreuende stets! O gönne du ihnen den Sieg nun!
Denn wenn wir nur wollten, der Danaer sämtliche Helfer,
Trojas Volk wegdrängen und Zeus dem Donnerer steuern,
Traun, bald säß er daselbst sich einsam härmend auf Ida!
Unmutsvoll nun begann, der Erderschüttrer Poseidon:
Welch ein Wort, o Here, Verwegene, hast du geredet!
Nimmermehr verlang ich mit Zeus Kronion zu kämpfen,
Ich und die anderen hier; denn er ist mächtig vor allen!
Also redeten jen' im Wechselgespräch miteinander.
[132] Dort, so weit von den Schiffen zum Wall und Graben sich hinstreckt,
Voll war's rings von Rossen und schildgewappneten Männern,
Dichtgedrängt; denn es drängte, dem stürmenden Ares vergleichbar,
Hektor, Priamos' Sohn, nachdem Zeus Ruhm ihm gewährte.
Und nun hätt er verbrannt in lodernder Flamme die Schiffe,
Legete nicht Agamemnon ins Herz die erhabene Here,
Ihm, der auch selbst umeilte, die Danaer schnell zu ermuntern.
Schleunig ging er hinab der Danaer Schiff' und Gezelte,
Haltend in nervichter Hand den großen purpurnen Mantel.
Und er betrat des Odysseus' gewaltiges dunkeles Meerschiff,
Welches die Mitt einnahm, daß beiderseits sie vernähmen.
Dort zu Ajas' Gezelten hinab, des Telamoniden,
Dort zu des Peleionen, die beid an den Enden ihr Schiffheer
Aufgestellt, hochtrotzend auf Mut und Stärke der Hände.
Laut erscholl sein durchdringender Ruf in das Heer der Achaier:
Schande doch, Argos' Volk, ihr Verworfenen, trefflich an Bildung!
Wo ist jetzo der Ruhm, da wir uns Tapfere priesen,
Was ihr vordem in Lemnos mit nichtiger Rede geprahlet,
Schmausend das viele Fleisch der hochgehörneten Rinder
Und ausleerend die Krüge, zum Rand mit Weine gefüllet?
Gegen hundert der Troer, ja selbst zweihundert vermaß sich
Jeder im Kampfe zu stehn! Nicht einem auch gelten wir jetzo,
Hektor, der bald die Schiffe verbrennt in loderndem Feuer!
Hast du, o Vater Zeus, je einen gewaltigen König
So beladen mit Fluch und des herrlichen Ruhms ihn beraubet?
Weißt du doch, wie ich nie vor deinem prangenden Altar
Im vielrudrigen Schiff hinsteuerte, als ich hieherkam;
Nein, auf allen verbrannt ich der Stiere Fett und die Schenkel,
Wünschend hinwegzutilgen die festummauerte Troja.
Aber, o Zeus, gewähre mir doch nur dieses Verlangen:
Laß uns wenigstens selber errettet sein und entfliehen
Und nicht so hinsinken vor Trojas Macht die Achaier!
Jener sprach's, da jammerte Zeus des weinenden Königs,
Und er winkt' ihm Errettung der Danaer, nicht ihr Verderben.
Schnell den Adler entsandt er, die edelste Vorbedeutung;
Dieser trug in den Klauen ein Kind der flüchtigen Hindin,
Und vor Zeus' Altar, den prangenden, warf er das Hirschkalb,
[133] Wo dem enthüllenden Zeus die Danaer pflegten zu opfern.
Jene, sobald sie gesehn, wie von Zeus herschwebte der Vogel,
Drangen gestärkt in der Troer Gewühl und entbrannten vor Streitlust.
Keiner rühmte sich nun, so viel auch Danaer waren,
Daß vor Tydeus' Sohn er gelenkt die hurtigen Rosse,
Vorgesprengt aus dem Graben, und kühn entgegen gekämpfet;
Sondern zuerst den Troern ermordet' er einen der Kämpfer,
Phradmons Sohn Agelaos; zur Flucht dort wandt' er die Rosse.
Doch dem Gewendeten stieß der Tydeide den Speer in den Rücken
Zwischen der Schulterbucht, daß vorn aus dem Busen er vordrang;
Und er entsank dem Geschirr, und es rasselten um ihn die Waffen.
Hinter ihm Atreus' Söhn' Agamemnon und Menelaos,
Drauf die Ajas zugleich, mit trotzigem Mute gerüstet,
Dann Idomeneus selbst und Idomeneus' Kriegesgenoß auch,
Held Meriones, gleich dem männermordenden Ares,
Auch Eurypylos dann, der glänzende Sohn des Euämon;
Teukros auch kam der neunte, gespannt den schnellenden Bogen,
Hinter des Ajas' Schilde gestellt, des Telamoniden.
Oft daß Ajas den Schild ihm hinweghob, aber der Held dort
Schaut' umher, und sobald sein Todesgeschoß im Getümmel
Traf, dann taumelte jener dahin, sein Leben verhauchend;
Doch er eilte zurück, wie ein Kind an die Mutter sich schmieget,
Nah an Ajas gedrängt, der mit strahlendem Schild ihn bedeckte.
Wen nun traf von den Troern zuerst der untadlige Teukros?
Erst den Orsilochos traf er und Ormenos, auch Ophelestes,
Dätor und Chromios auch und den göttlichen Held Lykophontes,
Auch Polyämons Sohn Hamopaon, auch Melanippos:
All aneinander gestürzt zur nahrungsprossenden Erde.
Ihn nun sah mit Freude der Völkerfürst Agamemnon,
Wie er mit starkem Geschoß die troischen Reihen vertilgte.
Nahe trat er hinan und sprach zu jenem die Worte:
Teukros, edelster Freund, Telamonier, Völkergebieter,
Triff so fort und werde der Danaer Licht und des Vaters
Telamon auch, der in Liebe dich nährete, als du ein Kind warst,
Und, der Dienerin Sohn, dich pflegt' in seinem Palaste;
Ihn, den Entferneten nun, erhebe zu glänzendem Ruhme!
Denn ich verkündige dir, und das wird wahrlich vollendet:
[134] Wenn mir solches gewährt der Donnerer Zeus und Athene,
Ilios auszutilgen, die Stadt voll prangender Häuser,
Werd ich zuerst nach mir die geehrteste Gabe dir reichen,
Ob es ein Dreifuß sei, ob ein rasches Gespann mit dem Wagen
Oder ein blühendes Weib, das dir dein Lager besteige.
Jener sprach's, ihm erwiderte schnell der untadlige Teukros:
Atreus' Sohn, Ruhmvoller, warum, da ich selber ja strebe,
Treibst du mich an? Nichts wahrlich, so viel die Kraft mir gewähret,
Zauder ich, sondern seitdem gen Ilios jene wir drängen,
Hab ich feindliche Männer mit zielendem Bogen getötet.
Acht schon hab ich versandt der langgespitzten Geschosse,
Und sie hafteten all in streitbarer Jünglinge Leibern.
Jenen nur nicht vermag ich, den wütenden Hund, zu erreichen!
Sprach's und sandt ein andres Geschoß von der Senne des Bogens,
Grad auf Hektor dahin, mit herzlichem Wunsch, ihn zu treffen.
Und er verfehlt' ihn zwar, doch den edlen Gorgythion traf er,
Priamos' tapferen Sohn, ihm die Brust mit dem Pfeile durchbohrend,
Welchen ein Nebenweib, aus Äsyme gewählt, ihm geboren,
Kastianeira die Schön, an Gestalt den Göttinnen ähnlich.
So wie der Mohn zur Seite das Haupt neigt, welcher im Garten
Steht, von Wuchs belastet und Regenschauern des Frühlings,
Also neigt' er zur Seite das Haupt, vom Helme beschweret.
Teukros sandt ein andres Geschoß von der Senne des Bogens
Grad auf Hektor dahin, mit herzlichem Wunsch, ihn zu treffen.
Aber auch jetzt verfehlt' er; denn seitwärts wandt es Apollon.
Archeptolemos nur, dem mutigen Lenker des Hektor,
Als er sprengt' in die Schlacht, durchschoß er die Brust an der Warze:
Und er entsank dem Geschirr, und zurück ihm zuckten die Rosse
Fliegenden Laufs; ihm aber erlosch der Geist und die Stärke.
Hektors Seele durchdrang der bittere Schmerz um den Lenker,
Dennoch ließ er ihn dort, wie sehr er traurte des Freundes.
Schnell nun hieß er den Bruder Kebriones, der ihm genaht war,
Nehmen der Rosse Gezäum, und nicht unwillig gehorcht' er.
Aber er selbst entschwang sich dem glänzenden Sessel des Wagens
Mit graunvollem Geschrei und faßt' in der Rechte den Feldstein,
Drang dann grad auf Teukros, in heißer Begier ihn zu treffen.
Jener hatt aus dem Köcher ein herbes Geschoß sich gewählet
[135] Und auf die Senne gefügt, da traf der gewaltige Hektor,
Als er die Senn anzog, ihn am Schlüsselbein auf die Achsel,
Zwischen Hals und Brust, wo am tödlichsten ist die Verwundung.
Dort den Strebenden traf er mit zackigem Stein des Gefildes
Und zerriß ihm die Senn; es erstarrte die Hand an dem Knöchel,
Und er entsank hinkniend; es glitt aus der Hand ihm der Bogen.
Doch nicht Ajas vergaß des hingesunkenen Bruders,
Sondern umging ihn in Eile, mit großem Schild ihn bedeckend.
Schnell dann bückten sich her zween auserwählte Genossen,
Echios' Sohn Mekisteus zugleich und der edle Alastor,
Die zu den räumigen Schiffen den Schweraufstöhnenden trugen.
Wieder erhob die Troer mit Mut der olympische König.
Grade zurück an den Graben verdrängten sie nun die Achaier;
Hektor drang mit den ersten voran, wutfunkelnden Blickes.
So wie ein Hund den Eber des Bergwalds oder den Löwen
Kühn mit dem Rachen erhascht, den hurtigen Füßen vertrauend,
Hinten an Hüft und Lend, und stets des Gewendeten achtet:
Also verfolgt' itzt Hektor die hauptumlockten Achaier,
Immerdar hinstreckend den äußersten; und sie entflohen.
Aber nachdem sie die Pfähle hindurch und den Graben geeilet,
Fliehend, und manchen gestürzt die mordenden Hände der Troer,
Jetzo hemmeten jene sich dort bei den Schiffen beharrend
Und ermahnten einander, und rings mit erhobenen Händen
Betete laut ein jeder zu allen unsterblichen Göttern.
Hektor tummelt' umher das Gespann schönmähniger Rosse,
Graß wie Gorgo an Blick und der männermordende Ares.
Jene nun sah erbarmend die lilienarmige Here,
Wandte sich schnell zur Athen' und sprach die geflügelten Worte:
Weh mir, o Tochter Zeus' des Donnerers, wollen wir noch nicht
Retten das sterbende Volk der Danaer, auch nur zuletzt noch,
Welche, das böse Geschick nunmehr vollendend, verschwinden
Unter des einen Gewalt? Da wütet er ganz unerträglich,
Hektor, Priamos' Sohn, und viel schon tat er des Frevels!
Drauf antwortete Zeus' blauäugige Tochter Athene:
Wohl schon hätte mir dieser den Mut und die Seele verloren,
Unter der Hand der Argeier vertilgt im heimischen Lande;
Aber es tobt mein Vater mit übelwollendem Herzen,
[136] Grausam und stets unbillig und jeden Entschluß mir vereitelnd.
Nicht gedenkt er mir dessen, wie oft vordem ich den Sohn ihm
Rettete, wann er gequält von Eurystheus' Kämpfen sich härmte.
Auf zum Himmel weinte der Duldende; aber es sandt ihm
Mich zur Helferin schnell von des Himmels Höhe Kronion.
Hätt ich doch solches gewußt im forschenden Rate des Herzens,
Als er hinab in Ais' verriegelte Burg ihn gesendet,
Daß er dem Dunkel entführte den Hund des graulichen Gottes!
Niemals wär er entronnen dem stygischen Strom des Entsetzens!
Nun bin ich ihm verhaßt; doch den Rat der Thetis vollführt er,
Welche die Knie ihm geherzt und die Hand zum Kinn ihm erhoben,
Flehend, daß Ruhm er gewähre dem Städteverwüster Achilleus.
Aber er nennt mich einmal blauäugiges Töchterchen wieder!
Auf, und schirr uns sofort das Gespann starkhufiger Rosse,
Weil ich selbst, in den Saal des ägiserschütternden Vaters
Gehend, zum Kampf anlege die Rüstungen, daß ich erkenne,
Ob uns Priamos' Sohn, der helmumflatterte Hektor,
Freuen sich wird, wenn ich plötzlich erschein in den Pfaden des Treffens.
Traun, wohl mancher der Troer wird sättigen Hund' und Gevögel
Seines Fettes und Fleisches, gestreckt bei den Schiffen Achaias!
Sprach's, und willig gehorcht' ihr die lilienarmige Here.
Jene nun eilt' anschirrend die goldgezügelten Rosse,
Here, die heilige Göttin, erzeugt vom gewaltigen Kronos.
Aber Pallas Athene, des Ägiserschütterers Tochter,
Ließ hinsinken das feine Gewand im Palaste des Vaters,
Buntgewirkt, das sie selber mit künstlicher Hand sich bereitet.
Drauf in den Panzer gehüllt des schwarzumwölkten Kronions,
Nahm sie das Waffengeschmeide zur tränenbringenden Feldschlacht.
Jetzt in den flammenden Wagen erhub sie sich, nahm dann die Lanze,
Schwer und groß und gediegen, womit sie die Scharen der Helden
Bändiget, welchen sie zürnt, die Tochter des schrecklichen Vaters.
Here beflügelte nun mit geschwungener Geißel die Rosse,
Und aufkrachte von selbst des Himmels Tor, das die Horen
Hüteten, welchen der Himmel vertraut ward und der Olympos,
Daß sie die hüllende Wolk itzt öffneten, jetzo verschlössen.
Dort nun lenkten sie durch die leichtgesporneten Rosse.
Aber da Zeus vom Ida sie schauete, heftig ergrimmt' er;
[137] Drauf als Botin entsandt er die goldgeflügelte Iris:
Eile mir, hurtige Iris, und wende sie, ehe daher sie
Kommen; denn unsanft möchten im Kampf wir einan der begegnen!
Denn ich verkündige dir, und das wird wahrlich vollendet:
Lähmen werd ich jenen die hurtigen Ross' an dem Wagen,
Stürzen sie selbst vom Sessel herab und den Wagen zerschmettern!
Nicht auch einmal in zehn umrollender Jahre Vollendung
Würden die Wunden geheilt, womit mein Strahl sie gezeichnet,
Daß mir erkenn Athene den schrecklichen Kampf mit dem Vater!
Minder erregt mir Here des Unmuts oder des Zornes;
Stets ja war sie gewohnt, daß sie einbrach, was ich beschlossen!
Jener sprach's; doch Iris, die windschnell eilende Botin,
Flog von Idas Gebirg einher zum großen Olympos.
Jetzt am vordersten Tor des vielgebognen Olympos
Hielt sie die Kommenden an und sprach die Worte Kronions:
Sagt mir, wohin so eifrig? Was wütet das Herz euch im Busen?
Nicht verstattet euch Zeus, der Danaer Volke zu helfen.
Denn so droht' euch jetzo der Donnerer, wo er's vollendet:
Lähmen werd er euch beiden die hurtigen Ross' an dem Wagen,
Stürzen euch selbst vom Sessel herab und den Wagen zerschmettern.
Nicht auch einmal in zehn umrollender Jahre Vollendung
Würden die Wunden geheilt, womit sein Strahl euch gezeichnet,
Daß du erkennst, Athene, den schrecklichen Kampf mit dem Vater.
Minder erregt ihm Here des Unmuts oder des Zornes;
Stets ja war sie gewohnt, daß sie einbrach, was er beschlossen.
Aber Entsetzliche du, Schamloseste, wenn du in Wahrheit
Wagst, zum Kampfe mit Zeus den gewaltigen Speer zu erheben!
Also sprach und entflog die leichthinschwebende Iris.
Aber Here begann und sprach zu Pallas Athene:
Weh mir, o Tochter Zeus' des Donnerers! Länger fürwahr nicht
Duld ich es, daß wir Zeus um sterbliche Menschen bekämpfen!
Mag ein anderer sinken in Staub und ein anderer leben,
Welchen es trifft! Doch jener, nach eigenem Rate beschließend,
Richte den Streit der Troer und Danaer, wie es ihm ansteht!
Sprach's und lenkte zurück das Gespann starkhufiger Rosse.
Dort nun lösten die Hören die schöngemähneten Rosse;
Diese banden sie fest, zu ambrosischen Krippen geführet,
[138] Stellten darauf den Wagen empor an schimmernde Wände.
Jene selbst dann setzten auf goldene Sessel sich nieder,
Unter die anderen Götter, ihr Herz voll großer Betrübnis.
Aber Zeus vom Ida im schöngeräderten Wagen
Trieb zum Olympos die Ross' und kam zu der Götter Versammlung.
Dort nun löst' ihm die Rosse der Erderschüttrer Poseidon,
Hub aufs Gestell den Wagen empor und umhüllt' ihn mit Leinwand.
Er, dem goldenen Throne genaht, der Ordner der Welt, Zeus,
Setzte sich; unter dem Gang erbebten die Höhn des Olympos.
Jene, getrennt von Zeus und allein, Athenäa und Here
Saßen und wageten nichts zu verkündigen oder zu fragen.
Aber er selbst vernahm es in seinem Geist und begann so:
Warum seid ihr also betrübt, Athenäe und Here?
Doch nicht lange bemüht' euch die männerehrende Feldschlacht,
Trojas Volk zu verderben, das heftigen Groll euch erregt hat!
Alle, so weit ich rag an Gewalt und unnahbaren Händen,
Möchten mich nicht abwehren, die Götter gesamt im Olympos!
Doch euch bebten ja eher vor Angst die reizenden Glieder,
Eh ihr den Krieg noch gesehn und die schrecklichen Taten des Krieges.
Denn ich verkündige nun, und wahrlich wär es vollendet:
Nimmer in eurem Geschirre, vom Schlag der Donner verwundet,
Wärt ihr gekehrt zum Olympos, dem Sitz der unsterblichen Götter!
Jener sprach's, da murrten geheim Athenäa und Here.
Nahe sich saßen sie dort, nur Unheil sinnend den Troern.
Jene nunmehr blieb schweigend und redete nichts, Athenäa,
Eifernd dem Vater Zeus, und ihr tobte das Herz in Erbittrung.
Here nur konnte den Zorn nicht bändigen, sondern begann so:
Welch ein Wort, Kronion, du Schrecklicher, hast du geredet!
Wohl ja erkennen auch wir, wie an Macht unbezwinglich du waltest,
Aber es jammern uns der Danaer streitbare Völker,
Welche, das böse Geschick nunmehr vollendend, verschwinden.
Dennoch entziehn wir hinfort dem Gefecht uns, wenn du gebietest;
Rat nur wollen wir geben den Danaern, welcher gedeihe,
Daß nicht all hinschwinden vor deinem gewaltigen Zorne.
Ihr antwortete drauf der Herrscher im Donnergewölk Zeus:
Morgen gewiß noch mehr, du hoheitblickende Here,
Wirst du schaun, so du willst, den überstarken Kronion
[139] Tilgen ein großes Heer von Achaias Lanzengeübten.
Denn nicht ruhn soll eher vom Streit der gewaltige Hektor,
Eh sich erhebt bei den Schiffen der mutige Renner Achilleus,
Jenes Tags, wann dort sie zusammengedrängt um die Steuer
Kämpfen in schrecklicher Eng um den hingesunknen Patroklos.
Also sprach das Verhängnis! Doch dein, der Zürnenden, acht ich
Nichts, und ob du im Zorn an die äußersten Enden entflöhest
Alles Lands und des Meers, wo Japetos drunten und Kronos
Sitzen, von Helios nie, dem leuchtenden Sohn Hyperions,
Noch von Winden erfreut; denn tief ist der Tartaros ringsum!
Nicht, ob auch dort hinschweifend du wandertest, nicht auch ein
Acht ich der Tobenden doch, weil nichts schamloser denn du ist!
Sprach's; ihm erwiderte nichts die lilienarmige Here.
Doch zum Okeanos sank des Helios leuchtende Fackel,
Ziehend die dunkele Nacht auf die nahrungsprossende Erde.
Ungern sahn die Troer das tauchende Licht; doch erfreulich
Kam und herzlich erwünscht die finstere Nacht den Achaiern.
Jetzo berief die Troer zum Rat der strahlende Hektor,
Abgewandt von den Schiffen zum wirbelnden Strome sie führend,
Wo noch rein das Gefild aus umliegenden Leichen hervorschien.
Alle, den Wagen entstiegen zur Erd hin, hörten die Rede,
Welche nun Hektor begann, der Göttliche; und in der Rechten
Trug er den Speer, elf Ellen an Läng, und vorn an dem Schafte
Blinkte die eherne Schärf, umlegt mit goldenem Ringe;
Hierauf lehnte sich jener und sprach die geflügelten Worte:
Hört mein Wort, ihr Troer, ihr Dardaner und ihr Genossen!
Jetzo hofft ich, verderbend die Schiff' und alle Achaier,
Siegreich heimzukehren zu Ilios' luftigen Höhen;
Doch uns ereilte die Nacht, die jetzt am meisten gerettet
Argos' Volk und die Schiff' am wogenden Strande des Meeres.
Aber wohlan, jetzt wollen der finsteren Nacht wir gehorchen
Und das Mahl uns bereiten. Die schöngemähneten Rosse
Löst aus dem Joch der Geschirr' und reicht vorschüttend das Futter.
Doch aus der Stadt führt Rinder zum Schmaus und gemästete Schafe
Eilend daher, auch Wein, den herzerfreuenden, bringt uns
Reichlich und Brot aus den Häusern und Holz auch leset in Menge,
Daß wir die ganze Nacht bis zum dämmernden Schimmer der Eos
[140] Feuer brennen durchs Heer und der Glanz den Himmel erreiche;
Daß nicht gar im Finstern die hauptumlockten Achaier
Uns zu entfliehn versuchen auf weitem Rücken des Meeres,
Wenigstens nicht in Muße die Schiff' und ruhig besteigen;
Nein, daß mancher von jenen daheim die Wunde des Pfeiles
Oder des scharfen Speers sich lindere, welche den Flüchtling,
Springend ins Schiff, noch ereilte, damit auch andre sich scheuen,
Gegen die reisigen Troer das Weh des Krieges zu tragen.
Aber ruft durch die Stadt, ihr Herolde, Freunde Kronions,
Daß die blühenden Knaben und silberhaarigen Greise
Rings um die Stadt sich lagern, auf gottgebaueten Türmen.
Aber die zarten Fraun, umher in den Wohnungen jede,
Brennen ein mächtiges Feuer, und wachsame Hut sei beständig,
Daß nicht schlau einbreche der Feind, da die Krieger entfernt sind.
Also sei's, wie ich red, ihr edelmütigen Troer,
Und gesagt ist das Wort, das jetzt ich heilsam geachtet.
Morgen werd ich das andre den reisigen Troern verkünden.
Flehend wünsch ich und hoffe zu Zeus und den anderen Göttern,
Endlich hinwegzutreiben die wütenden Hunde des Schicksals,
Welche das Schicksal gebracht auf dunkelen Schiffen des Meeres.
Auf, und laßt uns die Nacht das Heer sorgfältig bewachen;
Aber früh am Morgen, mit ehernen Waffen gerüstet,
Gegen die räumigen Schiff' erheben wir stürmenden Angriff.
Dann will ich sehn, ob Tydeus' gewaltiger Sohn Diomedes
Mich von den Schiffen zur Mauer hinwegdrängt oder ich selbst ihn
Töte mit meinem Erz und blutige Warfen erbeute.
Morgen zeig uns der Held die Tapferkeit, ob er vor meiner
Nahenden Lanze besteht. Doch unter den vordersten, mein ich,
Sinkt er dem Stoße der Hand und viel umher der Genossen,
Wann uns Helios morgen emporstrahlt. O so gewiß nur
Möcht ich unsterblich sein und blühn in ewiger Jugend,
Ehrenvoll, wie geehrt wird Athene selbst und Apollon,
Als der kommende Tag ein Unheil bringt den Argeiern!
Also redete Hektor, und laut herriefen die Troer.
Sie nun lösten die Rosse, die schäumenden, unter dem Joche,
Banden sie dann mit Riemen am eigenen Wagen ein jeder.
Schnell nun führte man Rinder zum Schmaus und gemästete Schafe
[141] Her aus der Stadt, auch Wein, den herzerfreuenden, trug man
Reichlich und Brot aus den Häusern, und Holz auch las man in Menge.
Und man brachte den Göttern vollkommene Festhekatomben,
Und dem Gefild entwallte der Opferduft in den Himmel,
Süßen Geruchs; doch verschmäheten ihn die seligen Götter,
Abgeneigt; denn verhaßt war die heilige Ilios jenen,
Priamos selbst und das Volk des lanzenkundigen Königs.
Sie dort, mutig und stolz, in des Kriegs Abteilung gelagert,
Saßen die ganze Nacht, und es loderten häufige Feuer.
Wie wenn hoch am Himmel die Stern' um den leuchtenden Mond her
Scheinen in herrlichem Glanz, wann windlos ruhet der Äther
(Hell sind rings die Warten der Berg' und die zackigen Gipfel,
Täler auch, aber am Himmel eröffnet sich endlos der Äther;
Alle nun schaut man die Stern', und herzlich freut sich der Hirte):
So viel zwischen des Xanthos Gestad und den Schiffen Achaias
Loderten, weit erscheinend vor Ilios, Feuer der Troer.
Tausend Feuer im Feld entflammten sie; aber an jedem
Saßen fünfzig der Männer, im Glanz des lodernden Feuers.
Doch die Rosse, mit Spelt und gelblicher Gerste genähret,
Standen bei ihrem Geschirr, die goldene Früh erwartend.

9. Gesang

IX. Gesang.

Agamemnon beruft die Fürsten und rät zur Flucht. Diomedes und Nestor widerstehen. Wache am Graben. Die Fürsten, von Agamemnon bewirtet, ratschlagen. Auf Nestors Rat sendet Agamemnon, um Achilleus zu versöhnen, den Phönix, Ajas, Telamons Sohn, und Odysseus, mit zween Herolden. Achilleus empfängt sie gastfrei, aber verwirft die Anträge und behält den Phönix zurück. Die anderen bringen die Antwort in Agamemnons Zelt. Diomedes ermahnt zur Beharrlichkeit, und man geht zur Ruhe.


So dort wachten die Troer vor Ilios. Doch die Achaier

Ängstete grauliche Flucht, des starrenden Schreckens Genossin,
Und unduldsamer Schmerz durchdrang die Tapfersten alle.
Wie zween Winde des Meers fischwimmelnde Fluten erregen,
Nord und sausender West, die beid' aus Thrakia herwehn,
Kommend in schleuniger Wut, und sogleich nun dunkles Gewoge
Hoch sich erhebt, und häufig ans Land sie schütten das Meergras:
[142] Also zerriß Unruhe das Herz der edlen Achaier.
Atreus' Sohn, von unendlichem Gram in der Seele verwundet,
Wandelt' umher, Herolden von tönender Stimme gebietend,
Jeglichen Mann mit Namen zur Ratsversammlung zu rufen,
Doch nicht laut; auch selbst arbeitet' er unter den ersten.
Jetzo saßen im Rat die Bekümmerten, und Agamemnon
Stand voll Tränen empor, der schwärzlichen Quelle vergleichbar,
Die aus jähem Geklipp hergeußt ihr dunkles Gewässer.
Also schwer aufseufzend vor Argos' Söhnen begann er:
Freunde, des Volks von Argos erhabene Fürsten und Pfleger,
Hart hat Zeus der Kronid in schwere Schuld mich verstricket!
Grausamer, welcher mir einst mit gnädigem Winke gelobet,
Heimzugehn ein Vertilger der festummauerten Troja.
Doch nun sann er verderblichen Trug und heißet mich ruhmlos
Wieder gen Argos kehren, nachdem viel Volks mir dahinstarb.
Also gefällt's nun wohl dem hocherhabnen Kronion,
Der schon vielen Städten das Haupt zu Boden geschmettert
Und noch schmettern es wird; denn sein ist siegende Allmacht.
Aber wohlan, wie ich rede das Wort, so gehorchet mir alle:
Laßt uns fliehn in den Schiffen zum lieben Lande der Väter;
Nie erobern wir doch die weitdurchwanderte Troja!
Jener sprach's, doch alle verstummten umher und schwiegen;
Lange saßen verstummt die bekümmerten Männer Achaias.
Endlich begann vor ihnen der Rufer im Streit Diomedes:
Atreus' Sohn, gleich muß ich dein törichtes Wort dir bestreiten,
Wie es gebührt, o König, im Rat; du zürne mir des nicht.
Zwar mir schmähtest du jüngst die Tapferkeit vor den Achaiern,
Mutlos sei ich und ganz unkriegerisch; aber das alles
Wissen nun Argos' Söhne, die Jünglinge sowie die Greise.
Dir gab eins nur von beiden der Sohn des verborgenen Kronos:
Nur mit dem Zepter der Macht geehrt zu werden vor allen;
Doch nicht Tapferkeit gab er, die edelste Stärke der Menschen!
Wunderbarer, du glaubtest im Ernst, die Männer Achaias
Wären so gar unkriegrisch und mutlos, wie du geredet?
Doch wenn dir selber das Herz so eifrig drängt nach der Heimkehr,
Wandere! Frei ist der Weg und nahe die Schiff' an dem Meerstrand
Aufgestellt, die in Menge dir hergefolgt von Mykene.
[143] Aber die anderen bleiben, die hauptumlockten Achaier,
Bis wir zerstört die Feste des Priamos! Wollen auch jene,
Laß sie entfliehn in den Schiffen zum lieben Lande der Väter!
Ich dann und Sthenelos kämpfen und ruhn nicht, bis wir das Schicksal
Ilios' endlich erreicht; denn ein Gott geleitet' uns hieher!
Jener sprach's; da jauchzten ihm rings die Männer Achaias,
Hoch das Wort anstaunend von Tydeus' Sohn Diomedes.
Jetzo erstand vor ihnen und sprach der reisige Nestor:
Tydeus' Sohn, wohl bist du der tapferste Krieger im Schlachtfeld,
Auch im Rat erscheinst du von deinem Alter der beste.
Keiner mag dir tadeln das Wort von allen Achaiern,
Noch entgegen dir reden; nur ward nicht vollendet das Wort dir.
Zwar auch bist du ein Jüngling und könntest sogar mein Sohn sein,
Selber der jüngst an Geburt! Allein du sprichst mit Verstande
Unter den Fürsten des Heers, da der Sache gemäß du geredet.
Aber wohlan, ich selber, der höherer Jahre sich rühmet,
Will ausreden das Wort und endigen; schwerlich auch wird mir
Einer die Rede verschmähn, auch nicht Agamemnon der Herrscher.
Ohne Geschlecht und Gesetz, ohn eigenen Herd ist jener,
Wer des heimischen Kriegs sich erfreut, des entsetzlichen Scheusals!
Aber wohlan, jetzt wollen der finsteren Nacht wir gehorchen
Und das Mahl uns bereiten. Allein die Hüter der Scharen
Gehn hinaus und lagern am Graben sich, außer der Mauer.
Solches nun befehl ich den Jünglingen. Aber du führ uns,
Atreus' Sohn, ins Gezelt; denn du bist Obergebieter.
Gib den Geehrten ein Mahl; dir gleich ist solches, nicht ungleich.
Voll sind dir die Gezelte des Weins, den der Danaer Schiffe
Täglich aus Thrakia her auf weitem Meere dir bringen;
Dir ist aller Bewirtung genug, der du vieles beherrschest.
Sind dann viele gesellt, so gehorch ihm, welcher den besten
Rat zu raten vermag; denn not ist allen Achaiern
Kluger und heilsamer Rat, da die Feind' uns nahe den Schiffen
Brennen der Feuer so viel! Wer mag wohl dessen erfreut sein?
Diese Nacht wird vertilgen das Kriegsheer oder erretten!
Jener sprach's, da hörten sie aufmerksam und gehorchten.
Schnell zur Hut enteilten gewappnete Männer dem Lager,
Dort um Nestors Sohn, den Hirten des Volks Thrasymedes,
[144] Dort um Askalaphos her und Jalmenos, Söhne des Ares,
Auch um Meriones dort, um Deipyros auch und den edlen
Aphareus, auch um Kreions erhabenen Sohn Lykomedes.
Sieben geboten der Hut, und hundert Jünglinge jedem
Folgten gereiht, in den Händen die ragenden Speere bewegend.
Zwischen dem Graben umher und der Mauer setzten sich jene;
Dort entflammten sie Feuer und rüsteten jeder die Nachtkost.
Atreus' Sohn nun führte die edleren Fürsten Achaias
All ins Gezelt und empfing sie mit herzerfreuendem Schmause.
Und sie erhoben die Hände zum leckerbereiteten Mahle.
Aber nachdem die Begierde des Tranks und der Speise gestillt war,
Jetzo begann der Greis den Entwurf zu ordnen in Weisheit,
Nestor, der schon eher mit trefflichem Rate genützet;
Dieser begann wohlmeinend und redete vor der Versammlung;
Atreus' Sohn, Ruhmvoller, du Völkerfürst Agamemnon,
Dir soll beginnen das Wort, dir endigen, weil du so vielen
Völkern mächtig gebeutst und dir Zeus selber verliehn hat
Zepter zugleich und Gesetz, daß aller Wohl du beratest.
Drum ziemt dir's vor allen, zu reden ein Wort und zu hören,
Auch zu vollziehn dem andern, wem sonst sein Herz es gebietet,
Daß er rede zum Heil; denn du entscheidest, was sein soll.
Aber ich selbst will sagen, wie mir's am heilsamsten dünket.
Denn kein anderer mag wohl besseren Rat noch ersinnen,
Als mein Herz ihn bewahrt, nicht vormals oder anjetzt auch,
Seit dem Tag, da du, Liebling des Zeus, die schöne Briseis
Aus dem Gezelt entführtest dem zürnenden Peleionen;
Nicht nach unserem Sinne fürwahr; denn ich habe mit großem
Ernste dich abgemahnt. Doch du, hochherzigen Geistes,
Hast den tapfersten Mann, den selbst die Unsterblichen ehrten,
Schmählich entehrt; denn du nahmst sein Geschenk ihm. Aber auch jetzo
Sinnt umher, wie wir etwa sein Herz versöhnend bewegen
Durch gefällige Gaben und sanft einnehmende Worte.
Ihm antwortete drauf der Herrscher des Volks Agamemnon:
Greis, nicht unwahr hast du mir meine Fehle gerüget.
Ja ich fehlt und leugn es auch nicht. Traun, vielen der Völker
Gleicht an Stärke der Mann, den Zeus im Herzen sich auskor,
Wie nun jenen er ehrt' und niederschlug die Achaier.
[145] Aber nachdem ich gefehlt, dem schädlichen Sinne gehorchend,
Will ich gern es vergelten und biet unendliche Sühnung.
Allen umher nun will ich die herrlichen Gaben benennen:
Zehn Talente des Goldes, dazu dreifüßiger Kessel
Sieben, vom Feuer noch rein, und zwanzig schimmernde Becken;
Auch zwölf mächtige Rosse, gekrönt mit Preisen des Wettlaufs.
Wohl nicht dürftig wäre der Mann, dem so vieles geworden,
Und nicht arm an Schätzen des hochgepriesenen Goldes,
Als mir Siegskleinode gebracht die stampfenden Rosse!
Sieben Weiber auch geb ich, untadlige, kundig der Arbeit,
Lesbische, die, da er Lesbos die blühende selber erobert,
Ich mir erkor, die an Reiz der Sterblichen Töchter besiegten.
Diese nun geb ich ihm; es begleite sie, die ich entführet,
Brises' Tochter zugleich, und mit heiligem Eide beschwör ich's,
Daß ich nie ihr Lager verunehrt, noch ihr genahet,
Wie in der Menschen Geschlecht der Mann dem Weibe sich nahet.
Dieses empfang er alles sogleich. Wenn aber hinfort uns
Priamos' mächtige Stadt die Götter verleihn zu erobern,
Reichlich soll er sein Schiff mit Gold und Erz belasten,
Selbst einsteigend, wann einst wir Danaer teilen den Siegsraub.
Auch der troischen Weiber erwähle sich zwanzig er selber,
Die nach Helena dort, der Argeierin, prangen an Schönheit.
Wann zum achaiischen Argos, dem Segenslande, wir heimziehn,
Soll er mein Eidam sein, und ich ehr ihn gleich dem Orestes,
Der mein einziger Sohn aufblüht in freudiger Fülle.
Drei sind mir der Töchter in wohlverschlossener Wohnung;
Deren wähl er sich eine, Chrysothemis, Iphianassa
Oder Laodike auch, und führ umsonst die Erkorne
Heim in des Peleus Haus; ich geb ihm selber noch Brautschatz,
Reichlichen, mehr als je ein Mann der Tochter gegeben.
Sieben geb ich ihm dort der wohlbevölkerten Städte:
Enope und Kardamyle auch und die grasige Hire,
Pherä, die heilige Burg, und die grünenden Aun um Antheia,
Auch Äpeia, die schön, und Pedasos, fröhlich des Weinbaus.
Alle sind nah am Meere, begrenzt von der sandigen Pylos,
Und es bewohnen sie Männer, an Schafen reich und an Rindern,
Welche hoch mit Geschenk wie einen Gott ihn verehrten
[146] Und, dem Zepter gehorchend, ihm steuerten reichliche Schatzung.
Dieses vollend ich jenem, sobald er sich wendet vom Zorne.
Zähm er sich! Aides ist unbiegsam und unversöhnlich,
Aber den Sterblichen auch der verhaßteste unter den Göttern.
Mir nachstehn doch sollt er, so weit ich höher an Macht bin
Und so weit ich älter an Lebensjahren mich rühme.
Ihm antwortete drauf der gerenische reisige Nestor:
Atreus' Sohn, Ruhmvoller, du Völkerfürst Agamemnon,
Nicht verächtliche Gaben gewährst du dem Herrscher Achilleus.
Auf denn, erlesene Männer entsenden wir, eilenden Schrittes
Hinzugehn ins Gezelt des Peleiaden Achilleus.
Oder wohlan, ich selber erwähle sie, und sie gehorchen.
Phönix gehe zuerst, der Liebling des Zeus, als Führer,
Dann auch Ajas der Große zugleich und der edle Odysseus.
Aber Hodios folg und Eurybates ihnen als Herold.
Sprengt nun mit Wasser die Händ' und ermahnt zur Stille der Andacht,
Daß wir Zeus den Kroniden zuvor anflehn um Erbarmung.
Jener sprach's; und allen gefiel die Rede des Königs.
Eilend sprengten mit Wasser die Herold' ihnen die Hände;
Jünglinge füllten sodann die Krüge zum Rand mit Getränke,
Wandten von neuem sich rechts und verteileten allen die Becher.
Als sie des Tranks nun gesprengt und nach Herzenswunsche getrunken,
Eilten sie aus dem Gezelte von Atreus' Sohn Agamemnon.
Viel ermahnte sie noch der gerenische reisige Nestor,
Jeglichem Mann zuwinkend, allein vor allen Odysseus,
Eiferig doch zu bereden den herrlichen Peleionen.
Beide nun gingen am Ufer des weitaufrauschenden Meeres,
Beteten viel und gelobten dem Erdumgürter Poseidon,
Daß sie doch leicht gewönnen den hohen Sinn des Achilleus.
Als sie die Zelt' und Schiffe der Myrmidonen erreichten,
Fanden sie ihn, erfreuend sein Herz mit der klingenden Leier,
Schön und künstlich gewölbt, woran ein silberner Steg war,
Die aus der Beut er gewählt, da Eetions Stadt er vertilget;
Hiermit erfreut' er sein Herz und sang Siegstaten der Männer.
Gegen ihn saß Patroklos allein und harrete schweigend
Dort auf Äakos' Enkel, bis seinen Gesang er vollendet.
Beid itzt gingen daher und voran der edle Odysseus,
[147] Nahten und standen vor ihm; bestürzt nun erhub sich Achilleus
Samt der Leier zugleich, verlassend den Sitz, wo er ruhte.
Auch Patroklos erhub sich, sobald er sahe die Männer.
Beid an der Hand anfassend begann der Renner Achilleus:
Freude mit euch! Willkommen ihr Teuersten! Zwar ist gewiß Not!
Doch auch dem Zürnenden kommt ihr geliebt vor allen Achaiern.
Also sprach und führte hinein der edle Achilleus,
Setzte sie dann auf Sessel und Teppiche, schimmernd von Purpur.
Eilend sprach er darauf zu Patroklos, der ihm genaht war:
Einen größeren Krug, Menötios' Sohn, uns gestellet!
Misch auch stärkeren Wein, und jeglichem reiche den Becher;
Denn die wertesten Männer sind unter mein Dach nun gekommen.
Jener sprach's, da gehorchte dem lieben Freunde Patroklos.
Selbst nun stellt' er die mächtige Bank im Glanze des Feuers,
Legte darauf den Rücken der feisten Zieg und des Schafes,
Legt' auch des Mastschweins Schulter darauf voll blühenden Fettes.
Aber Automedon hielt und es schnitt der edle Achilleus;
Wohl zerstückt' er das Fleisch und steckt' es alles an Spieße.
Mächtige Glut entflammte Menötios' göttlicher Sohn itzt.
Als nun die Loh ausbrannt und des Feuers Blume verwelkt war,
Breitet' er hin die Kohlen und richtete drüber die Spieße,
Sprengte mit heiligem Salz und dreht' auf stützenden Gabeln.
Als er nunmehr es gebraten und hin auf Borde geschüttet,
Teilte Patroklos das Brot in schöngeflochtenen Körben
Rings um den Tisch, und das Fleisch verteilete selber Achilleus;
Setzte sich dann entgegen dem göttergleichen Odysseus
Dort an der anderen Wand und gebot, daß Patroklos den Göttern
Opferte; dieser gehorcht' und warf die Erstling' ins Feuer.
Und sie erhoben die Hände zum leckerbereiteten Mahle.
Aber nachdem die Begierde des Tranks und der Speise gestillt war,
Jetzt winkt' Ajas dem Phönix. Das sah der edle Odysseus,
Füllte mit Wein den Becher und trank dem Peleiden mit Handschlag:
Heil dir, Peleid! Es mangelt uns nicht des gemeinsamen Mahles,
Weder dort im Gezelt um Atreus' Sohn Agamemnon,
Noch auch jetzo allhier; denn genug des Erfreuenden stehet
Hier zum Schmaus. Doch nicht nach lieblichem Mahle verlangt uns,
Sondern das große Weh, du Göttlicher, ringsum schauend,
[148] Zagen wir! Jetzo gilt's, ob errettet sind oder verloren
Uns die gebogenen Schiffe, wo du nicht mit Stärke dich gürtest!
Nahe den Schiffen bereits und der Mauer drohn sie gelagert,
Trojas mutige Söhn' und die fernberufenen Helfer,
Ringsum Feuer entflammend durchs Heer; und es hemme sie, trotzt man,
Nichts annoch, sich hinein in die dunkelen Schiffe zu stürzen.
Ihnen gewährt auch Zeus rechtshin erscheinende Zeichen
Seines Strahls; doch Hektor, die funkelnden Augen voll Mordlust,
Wütet daher, und vertrauend dem Donnerer, achtet er nichts mehr,
Weder Menschen noch Gott; so treibt ihn der Taumel des Wahnsinns.
Sehnlich wünscht er, daß bald der heilige Morgen erscheine;
Denn er verheißt von den Schiffen zu haun die prangenden Schnäbel,
Sie dann selbst zu verbrennen in stürmender Flamm und zu morden
Argos' Söhn' um die Schiffe, betäubt im Dampfe des Brandes.
Doch nun sorg ich im Herzen und fürchte mich, daß ihm die Drohung
Ganz vollenden die Götter und uns das Schicksal verhängt sei,
Hinzusterben in Troja, entfernt von der fruchtbaren Argos.
Aber wohlauf, wenn das Herz dir gebeut, die Männer Achaias
Jetzt, auch spät, zu befrein aus der drängenden Troer Getümmel!
Siehe, dich selbst hinfort bekümmert es, aber umsonst ja
Sucht man geschehenem Übel noch Besserung; lieber zuvor nun
Sinn umher, wie du wendest den schrecklichen Tag der Achaier.
Ach, mein Freund, wie sehr ermahnte dich Peleus der Vater
Jenes Tags, da aus Phthia zu Atreus' Sohn er dich sandte:
Lieber Sohn, Siegsstärke wird dir Athenäa und Here
Geben, wenn's ihnen gefällt, nur bändige du dein erhabnes,
Stolzes Herz in der Brust; denn freundlicher Sinn ist besser.
Meide den bösen Zank, den verderblichen, daß dich noch höher
Ehre das Volk der Argeier, die Jünglinge sowie die Greise.
Also ermahnte der Greis, du vergaßest es. Aber auch jetzt noch
Ruh und entsage dem Zorne, dem kränkenden! Sieh, Agamemnon
Beut dir würdige Gaben, sobald du dich wendest vom Zorne.
Willst du, so höre mich an, damit ich dir alles erzähle,
Was dir dort im Gezelt zur Gabe verhieß Agamemnon:
Zehn Talente des Goldes, dazu dreifüßiger Kessel
Sieben, vom Feuer noch rein, und zwanzig schimmernde Becken;
Auch zwölf mächtige Rosse, gekrönt mit Preisen des Wettlaufs.
[149] Wohl nicht dürftig wäre der Mann, dem so vieles geworden,
Und nicht arm an Schätzen des hochgepriesenen Goldes,
Als Agamemnons Rosse der Siegskleinode gewannen.
Sieben Weiber auch gibt er, untadlige, kundig der Arbeit,
Lesbische, die, da du Lesbos die blühende selber erobert,
Er sich erkor, die an Reiz der Sterblichen Töchter besiegten.
Diese nun gibt er dir, es begleite sie, die er entführet,
Brises' Tochter zugleich, und mit heiligem Eide beschwört er's,
Daß er nie ihr Lager verunehrt noch ihr genahet,
Wie in der Menschen Geschlecht der Mann dem Weibe sich nahet.
Dieses empfängst du alles sogleich. Wenn aber hinfort uns
Priamos' mächtige Stadt die Götter verleihn zu erobern,
Reichlich sollst du dein Schiff mit Gold und Erz belasten,
Selbst einsteigend, wenn einst wir Danaer teilen den Siegsraub.
Auch der troischen Weiber erwähle du zwanzig dir selber,
Die nach Helena dort, der Argeierin, prangen an Schönheit.
Wann zum achaiischen Argos, dem Segenslande, wir heimziehn,
Sollst du sein Eidam sein, und er ehrt dich gleich dem Orestes,
Der sein einziger Sohn aufblüht in freudiger Fülle.
Drei sind ihm der Töchter in wohlverschlossener Wohnung,
Deren wähle dir eine, Chrysothemis, Iphianassa
Oder Laodike auch, und führ umsonst die Erkorne
Heim in des Peleus Haus; er gibt dir selber noch Brautschatz,
Reichlichen, mehr als je ein Mann der Tochter gegeben.
Sieben gibt er dir dort der wohlbevölkerten Städte:
Enope und Kardamyle auch und die grasige Hire,
Pherä, die heilige Burg, und die grünenden Aun um Antheia,
Auch Äpeia, die schön', und Pedasos, fröhlich des Weinbaus.
Alle sind nah am Meere, begrenzt von der sandigen Pylos;
Und es bewohnen sie Männer, an Schafen reich und an Rindern,
Welche hoch mit Geschenk wie einen Gott dich verehrten
Und, dem Zepter gehorchend, dir steuerten reichliche Schatzung.
Dieses vollendet er dir, sobald du dich wendest vom Zorne.
Aber wenn Atreus' Sohn zu sehr dir im Herzen verhaßt ist,
Er und sein' Geschenk', o so schau der andern Achaier
Drängende Not mit Erbarmen im Heer, das wie einen der Götter
Ehren dich wird; denn wahrlich, erhabenen Ruhm dir gewännst du,
[150] Hektor entrafftest du nun! Denn nahe dir wagt' er zu kommen
Voll unsinniger Wut, da er wähnt, nicht einer auch gleiche
Ihm in der Danaer Volk, so viel hertrugen die Schiffe.
Ihm antwortete drauf der mutige Renner Achilleus:
Edler Laertiad, erfindungsreicher Odysseus,
Sieh, ich muß die Rede nur grad und frank dir verweigern,
So wie im Herzen ich denk und wie's unfehlbar geschehn wird,
Daß ihr mir nicht vorjammert, von hier und dort mich belagernd.
Denn mir verhaßt ist jener, so sehr wie des Aides Pforten,
Wer ein andres im Herzen verbirgt und ein anderes redet.
Aber ich selbst will sagen, wie mir's am heilsamsten dünket.
Weder des Atreus Sohn Agamemnon soll mich bereden
Noch die andern Achaier, dieweil ja nimmer ein Dank war,
Stets unverdrossenen Kampf mit feindlichen Männern zu kämpfen!
Gleich ist des Bleibenden Los und sein, der mit Eifer gestritten;
Gleicher Ehre genießt der feig und der tapfere Krieger;
Gleich auch stirbt der Träge dahin und wer vieles getan hat.
Nichts ja frommt es mir selbst, da ich Sorg und Kummer erduldet,
Stets die Seele dem Tod entgegentragend im Streite.
So wie den nackenden Vöglein im Nest herbringet die Mutter
Einen gefundenen Bissen, wenn ihr auch selber nicht wohl ist,
Also hab ich genug unruhiger Nächte durchwachet,
Auch der blutigen Tage genug durchstrebt in der Feldschlacht,
Tapfere Männer bestreitend, um jenen ein Weib zu erobern!
Zwölf schon hab ich mit Schiffen bevölkerte Städte verwüstet
Und elf andre zu Fuß umher in der scholligen Troja;
Dort aus allen erkor ich der Kleinode viel und geehrte
Mir voraus und brachte sie all Agamemnon zur Gabe,
Atreus' Sohn; er, ruhend indes bei den rüstigen Schiffen,
Nahm die Schätz' und verteilt' ein weniges, vieles behielt er.
Dennoch gab er den Helden und Königen Ehrengeschenke,
Die noch jeder verwahrt; nur mir von allen Achaiern
Nahm er's und hat das reizende Weib, womit er der Wollust
Pflegen mag! Was bewog denn zum Kriegszug gegen die Troer
Argos' Volk? Was führt' er hieher die versammelten Streiter,
Atreus' Sohn? War's nicht der lockigen Helena wegen?
Lieben allein denn jene die Fraun von den redenden Menschen,
[151] Atreus' Söhn'? Ein jeglicher Mann, der edel und weis ist,
Liebt und pflegt die Seine mit Zärtlichkeit, so wie ich jene
Auch von Herzen geliebt, wiewohl mein Speer sie erbeutet.
Nun er mir aus den Händen den Siegslohn raubte mit Arglist,
Nie versuch er hinfort mich Kundigen! Nimmer ihm trau ich!
Sondern mit dir, Odysseus, und anderen Völkergebietern
Sinn er nach, von den Schiffen die feindliche Glut zu entfernen.
Wahrlich schon sehr vieles vollendet' er ohne mein Zutun,
Schon die Mauer erbaut' er und leitete draußen den Graben
Breit umher und groß, und drinnen auch pflanzet' er Pfähle;
Dennoch kann er ja nicht die Gewalt des mordenden Hektors
Bändigen! Aber da ich im Danaervolke noch mitzog,
Niemals wagt' es Hektor, entfernt von der Mauer zu kämpfen,
Sondern nur zum skäischen Tor und der Buche gelangt' er,
Wo er einst mich bestand und kaum mir entfloh vor dem Angriff.
Nun mir nicht es gefällt, mit dem göttlichen Hektor zu kämpfen,
Bring ich morgen ein Opfer für Zeus und die anderen Götter;
Wohl dann belad ich die Schiff', und nachdem ich ins Meer sie gezogen,
Wirst du schaun, so du willst und solcherlei Dinge dich kümmern,
Schwimmen im Morgenrot auf dem flutenden Hellespontos
Meine Schiff' und darin die emsig rudernden Männer;
Und wenn glückliche Fahrt der Gestaderschüttrer gewähret,
Möcht ich am dritten Tag in die schollige Phthia gelangen.
Vieles hab ich daheim, das ich hieher wandernd zurückließ,
Anderes auch von hier, des rötlichen Erzes und Goldes,
Schöngegürtete Weiber zugleich und grauliches Eisen
Bring ich, durchs Los mir beschert; doch den Siegslohn, der ihn gegeben,
Nahm ihn mir selbst hochmütig, der Völkerfürst Agamemnon,
Atreus' Sohn! Das alles verkünd ihm, so wie ich sage,
Öffentlich, daß auch die andern im Volk der Achaier ergrimmen,
Wenn er vielleicht noch einen der Danaer hofft zu betrügen,
Jener in Unverschämtheit Gehüllete! Schwerlich indes mir
Wagt er hinfort, auch frech wie ein Hund, ins Antlitz zu schauen;
Nimmer ihm werd ich zu Rat mich vereinigen, nimmer zu Taten!
Einmal betrog er mich nun und frevelte, nimmer hinfort wohl
Täuscht sein tückisches Wort, er begnüge sich! Sondern geruhig
Wandr er dahin; denn ihm raubte der waltende Zeus die Besinnung.
[152] Greul sind mir seine Geschenk', und ich acht ihn selber nicht so viel!
Nein, und böt er mir zehnmal und zwanzigmal größere Güter,
Als was jetzo er hat und was er vielleicht noch erwartet;
Böt er sogar die Güter Orchomenos' oder was Thebe
Hegt, Ägyptos' Stadt, wo reich sind die Häuser an Schätzen
(Hundert hat sie der Tor', und es ziehn zweihundert aus jedem
Rüstige Männer zum Streit mit Rossen daher und Geschirren):
Böt er mir auch so viel, wie des Sandes am Meer und des Staubes,
Dennoch nimmer hinfort bewegte mein Herz Agamemnon,
Eh er mir ausgebüßt die seelenkränkende Schmähung!
Keine Tochter begehr ich von Atreus' Sohn Agamemnon,
Trotzte sie auch an Reiz der goldenen Aphrodite,
Wäre sie klug wie Pallas Athen' an künstlicher Arbeit;
Dennoch begehr ich sie nicht! Er wähle sich sonst der Achaier
Einen, der ihm gemäß und der auch höher an Macht ist.
Denn erhalten die Götter mich nur und gelang ich zur Heimat,
Dann wird Peleus selbst ein edeles Weib mir vermählen.
Viel der Achaierinnen sind rings in Hellas und Phthia,
Töchter erhabener Fürsten, die Städt' und Länder beherrschen,
Hievon, die mir gefällt, erwähl ich zur trauten Gemahlin.
Dort auch trachtet mir oft des mutigen Herzens Verlangen,
Einer Ehegenossin vermählt, in gefälliger Eintracht,
Mich der Güter zu freun, die Peleus, der Greis, sich gesammelt.
Nichts sind gegen das Leben die Schätze mir; nichts, was vordem auch
Ilios barg, wie man sagt, die Stadt voll prangender Häuser,
Einst, als blühte der Fried, eh die Macht der Achaier daherkam;
Noch, was die steinerne Schwelle des Treffenden drinnen bewahret,
Phöbos Apollons Schatz, in Pythos' klippichten Feldern.
Beutet man doch im Kriege gemästete Rinder und Schafe
Und gewinnt Dreifuß' und braungemähnete Rosse;
Aber des Menschen Geist kehrt niemals, weder erbeutet
Noch erlangt, nachdem er des Sterbenden Lippen entflohn ist.
Meine göttliche Mutter, die silberfüßige Thetis,
Sagt, mich führe zum Tod ein zweifach endendes Schicksal.
Wenn ich allhier verharrend die Stadt der Troer umkämpfe,
Hin sei die Heimkehr dann; doch blühe mir ewiger Nachruhm.
Aber wenn heim ich kehre zum lieben Lande der Väter,
[153] Dann sei verwelkt mein Ruhm, doch weithin reiche des Lebens
Dauer, und nicht frühzeitig ans Ziel des Todes gelang ich.
Auch den übrigen möcht ich ein ratsames Wort zureden,
Heim in den Schiffen zu gehn; nie findet ihr doch der erhabnen
Ilios Untergang; denn der waltende Zeus Kronion
Deckt sie mit schirmender Hand; und mutvoll trotzen die Völker.
Aber ihr nun geht, den edelen Fürsten Achaias
Botschaft anzusagen, das Ehrenamt der Geehrten,
Daß sie anderen Rat und besseren jetzo ersinnen,
Welcher die Schiff' errette zugleich und das Volk der Achaier
Bei den geräumigen Schiffen; denn nicht ist jener gedeihlich,
Welchen sie jetzt ausdachten, da ich im Zorne beharre.
Phönix indes mag bleibend bei uns zur Ruhe sich legen,
Daß er mit mir heimschiffe zum lieben Lande der Väter,
Morgen, wenn's ihm gefällt; denn nicht aus Zwang soll er mitgehn.
Jener sprach's, doch alle verstummten umher und schwiegen.
Hoch das Wort anstaunend; denn kraftvoll hatt er geredet.
Endlich begann vor ihnen der graue reisige Phönix
Mit vordringenden Tränen, besorgt um der Danaer Schiffe:
Hast du die Heimkehr denn im Geiste dir, edler Achilleus,
Vorgesetzt und entsagst du durchaus, vom vertilgenden Feuer
Unsere Schiffe zu retten, da Zorn dein Herz dir erfüllet,
O wie könnt ich von dir, mein Sohn, verlassen noch weilen,
Einsam? Mich sandte mit dir der graue reisige Peleus
Jenes Tags, da aus Phthia zu Atreus' Sohn er dich sandte,
Noch sehr jung, unkundig des allverheerenden Krieges
Und ratschlagender Reden, wodurch sich Männer hervortun.
Darum sandt er mich her, um dich das alles zu lehren,
Beides, beredt in Worten zu sein und rüstig in Taten.
Also könnt ich von dir, mein trauter Sohn, mich unmöglich
Trennen, und gäbe mir auch ein Himmlischer selbst die Verheißung,
Mich vom Alter enthüllt zum blühenden Jüngling zu schaffen,
So wie ich Hellas verließ, das Land der rosigen Jungfraun,
Fliehend des Vaters Zank, des Ormeniden Amyntor,
Der um die Lagergenossin, die schöngelockte, mir zürnte.
Diese liebt' er im Herzen, die ehliche Gattin entehrend,
Meine Mutter. Doch stets umschlang sie mir flehend die Knie,
[154] Jene zuvor zu beschlafen, daß gram sie würde dem Greise.
Ihr gehorcht' ich und tat's. Doch sobald es merkte der Vater,
Rief er mit gräßlichem Fluch der Erinnyen furchtbare Gottheit,
Daß nie sitzen ihm möcht auf seinen Knien ein Söhnlein,
Von mir selber gezeugt; und den Fluch vollbrachte der grause
Unterirdische Zeus und die schreckliche Persephoneia.
Erst zwar trieb mich der Zorn, mit scharfem Erz ihn zu töten;
Doch der Unsterblichen einer bezähmte mich, welcher ins Herz mir
Legte des Volks Nachred und die Schmähungen unter den Menschen,
Daß nicht rings die Achaier den Vatermörder mich nennten.
Jetzo durchaus nicht länger ertrug's mein Herz in dem Busen,
Daß vor dem zürnenden Vater ich dort umging in der Wohnung.
Häufig zwar umringten mich Jugendfreund' und Verwandte,
Welche mit vielem Flehn zurück im Hause mich hielten;
Viele gemästete Schaf' und viel schwerwandelndes Hornvieh
Schlachteten sie, und manches mit Fett umblühete Mastschwein
Sengten sie ausgestreckt in der lodernden Glut des Hephästos;
Viel auch wurde des Weines geschöpft aus den Krügen des Greises.
Neun der Nächte bei mir verweileten jene beständig,
Wechselnd die Hut umeinander, und nie erloschen die Feuer,
Eins am Tor in der Halle des festummauerten Vorhofs,
Eins auf des Hauses Flur, vor der Doppelpforte der Kammer.
Aber nachdem die zehnte der finsteren Nächte gekommen,
Jetzt erbrach ich der Kammer mit Kunst gefügete Pforte,
Eilte hinaus und erstieg die feste Mauer des Vorhofs
Leicht, von keinem der Hüter bemerkt und der wachenden Weiber;
Sprang dann hinab und entfloh durch Hellas' weite Gefilde,
Bis ich zur scholligen Phthia, voll wimmelnder Auen, gekommen,
Hin zum Könige Peleus, der gern und freundlich mich aufnahm
Und mich geliebt, wie ein Vater den einzigen Sohn nur liebet,
Den er im Alter gezeugt, sein großes Gut zu ererben.
Jener machte mich reich und gab mir ein Volk zu verwalten,
Fern an der Grenze von Phthia, der Doloper mächtige Herrschaft.
Dich auch macht ich zum Manne, du göttergleicher Achilleus,
Liebend mit herzlicher Treu; auch wolltest du nimmer mit andern
Weder zum Gastmahl gehn noch daheim in den Wohnungen essen,
Eh ich selber dich nahm, auf meine Knie dich setzend
[155] Und die zerschnittene Speise dir reicht' und den Becher dir vorhielt.
Oftmals hast du das Kleid mir vorn am Busen befeuchtet,
Wein aus dem Munde verschüttend in unbehilflicher Kindheit.
Also hab ich so manches durchstrebt und so manches erduldet,
Deinethalb; ich bedachte, wie eigene Kinder die Götter
Mir versagt, und wählte, du göttergleicher Achilleus,
Dich zum Sohn, daß du einst vor traurigem Schicksal mich schirmtest.
Zähme dein großes Herz, o Achilleus! Nicht ja geziemt dir
Unerbarmender Sinn; oft wenden sich selber die Götter,
Die doch weit erhabner an Herrlichkeit, Ehr und Gewalt sind.
Diese vermag durch Räuchern und demutsvolle Gelübde,
Durch Weinguß und Gedüft der Sterbliche umzulenken,
Flehend, nachdem sich einer versündiget oder gefehlet.
Denn die reuigen Bitten sind Zeus' des Allmächtigen Töchter,
Welche lahm und runzlig und scheelen Blicks einhergehn
Und stets hinter der Schuld den Gang zu beschleunigen streben.
Aber die Schuld ist frisch und hurtig zu Fuß; denn vor allen
Weithin läuft sie voraus, und zuvor in jegliches Land auch
Kommt sie, schadend den Menschen; doch jen' als Heilende folgen.
Wer nun mit Scheu aufnimmt die nahenden Töchter Kronions,
Diesem helfen sie sehr und hören auch seines Gebetes.
Doch wenn einer verschmäht und trotzigen Sinnes sich weigert,
Jetzo flehn die Bitten, zu Zeus Kronion gewendet,
Daß ihm folge die Schuld, bis er durch Schaden gebüßet.
Aber gewähr, Achilleus, auch du den Töchtern Kronions
Ehre, die auch andrer und Tapferer Herz gebeugt hat.
Denn wofern nicht Gaben er böt und künftig verhieße,
Atreus' Sohn, und stets in feindlichem Sinne beharrte,
Nimmer fürwahr begehrt' ich, daß, leicht wegwerfend den Zorn, du
Argos' Volk abwehrtest die Not, wie sehr sie's bedürften.
Doch nun gibt er ja vieles sogleich, und andres verheißt er;
Sandt auch, dich zu erflehn, daher die edelsten Männer,
Die er in Argos' Volk auswählete, weil sie die liebsten
Aller Achaier dir sind. Du verschmäh nicht diesen die Rede
Oder den Gang. Nicht war ja zuvor unbillig dein Zürnen.
Also hörten wir auch in der Vorzeit rühmen die Männer
Göttlichen Stamms, wenn einer zu heftigem Zorn sich ereifert',
[156] Doch versöhnten sie Gaben und mild zuredende Worte.
Einer Tat gedenk ich von alters her, nicht von neulich,
Wie sie geschah; ich will sie vor euch, ihr Lieben, erzählen.
Mit den Kureten stritt der Ätolier mutige Heerschar
Einst um Kalydons Stadt, und sie würgten sich untereinander;
Denn die Ätolier kämpften für Kalydons liebliche Feste,
Weil der Kureten Volk sie mit Krieg zu verheeren entbrannt war.
Artemis sandte das Weh, die goldenthronende Göttin,
Zürnend, daß ihr kein Opfer der Ernt auf fruchtbarem Acker
Öneus bracht; ihm genossen die Himmlischen all Hekatomben,
Ihr nur opfert' er nicht, der Tochter Zeus' des Erhabnen,
Achtlos oder vergessend; doch groß war seine Verschuldung.
Jene darauf voll Zorns, die Unsterbliche, froh des Geschosses,
Reizt' ihm ein borstenumstarrt Waldschwein mit gewaltigen Hauern,
Das viel Böses begann, des Öneus Äcker durchstürmend.
Viel hochragende Bäume hinab warf's übereinander
Samt den Wurzeln zur Erd und samt den Blüten des Obstes.
Endlich erschlug den Verderber des Öneus Sohn Meleagros,
Der aus vielen Städten die mutigsten Jäger und Hunde
Sammelte; denn nie hätt er mit kleinerer Schar es bezwungen,
Jenes Gewild, das viel auf die traurigen Scheiter geführet.
Artemis aber erregt' ein großes Getös und Getümmel
Über des Ebers Haupt und borstenstarrende Hülle
Zwischen dem Volk der Kureten und hochgesinnten Ätoler.
Weil nunmehr Meleagros der Streitbare mit in die Feldschlacht
Zog, traf stets die Kureten das Unheil, und sie vermochten
Nicht mehr außer der Mauer zu stehn, so viel sie auch waren.
Doch da von Zorn Meleagros erfüllt ward, welcher auch andern
Oft anschwellt im Busen das Herz, den Verständigsten selber,
Jener nunmehr, Groll tragend der leiblichen Mutter Althäa,
Ruhte daheim bei der Gattin, der rosigen Kleopatra,
Die von der raschen Marpissa erwuchs, der Tochter Euenos',
Und dem gewaltigen Idas, dem tapfersten Erdebewohner
Jener Zeit; denn selbst auf den herrschenden Phöbos Apollon
Hatt er den Bogen gespannt um das leichthinwandelnde Mägdlein.
Jene ward im Palaste darauf von Vater und Mutter
Mit Zunamen genannt Alkyone, weil ihr die Mutter,
[157] Einst das Jammergeschick der Alkyon' traurig erduldend,
Weinete, da sie entführt' der treffende Phöbos Apollon.
Bei ihr ruhete jener, das Herz voll nagenden Zornes,
Hart gekränkt ob der Mutter Verwünschungen, welche die Götter
Angefleht, viel seufzend, um ihres Bruders Ermordung;
Viel mit den Händen auch schlug sie die nahrungsprossende Erde,
Rufend zu Aides' Macht und der schrecklichen Persephoneia,
Hingesenkt auf die Knie, und netzte sich weinend den Busen,
Tod zu senden dem Sohn; und die wütende grause Erinnys
Hört' aus dem Erebos sie, das nachtdurchwandelnde Scheusal.
Schnell nun erscholl um die Tore der feindliche Sturm, und die Türme
Rasselten laut vom Geschoß. Da kamen Ätoliens Greise
Flehend zu ihm und sandten die heiligsten Priester der Götter,
Daß er zum Kampf auszög, ein großes Geschenk ihm verheißend.
Wo die fetteste Flur der lieblichen Kalydon prange,
Dort geboten sie ihm, ein stattliches Gut sich zu wählen,
Fünfzig Morgen umher, die Hälft an Rebengefilde
Und die Hälft unbeschattetes Land für die Saat zu durchschneiden.
Viel auch flehet' ihm selbst der graue reisige Öneus,
Steigend hinan die Schwelle der hochgewölbeten Kammer,
Schütternd die festeinfugende Pfort und jammernd zum Sohne,
Viel auch die Schwestern zugleich und die ehrfurchtwürdige Mutter
Fleheten ihm, doch mehr nur verweigert' er; viel auch die Freunde,
Welche stets vor allen geliebt ihm waren und teuer.
Dennoch konnten sie nicht sein Herz im Busen bewegen,
Bis schon häufig die Kammer Geschoß traf, schon auf die Türme
Klomm der Kureten Volk und die Stadt rings flammte von Feuer.
Jetzo bat den Helden die schöngegürtete Gattin,
Flehend mit Jammerton, und nannt ihm alle das Elend,
Das unglückliche Menschen umringt in eroberter Feste:
Wie man die Männer erschlägt und die Stadt mit Flammen verwüstet,
Auch die Kinder entführt und die tiefgegürteten Weiber.
Jetzt ward rege sein Herz, da so schreckliche Taten er hörte.
Eilend ging er und hüllte das strahlende Waffengeschmeid um.
Also wandt er nunmehr den bösen Tag der Ätoler,
Folgend dem eigenen Mut; doch gaben sie nicht die Geschenk' ihm,
Viel und köstlichen Wertes, umsonst nun wandt er das Übel.
[158] Nicht so denke du mir, mein Trautester; laß dir den Dämon
Nicht dorthin verleiten das Herz! Weit schlechter ja wär es,
Wenn du die brennenden Schiffe verteidigtest! Nein, für Geschenke
Komm; dann ehren dich rings wie einen Gott die Achaier.
Doch wenn sonder Geschenk in die mordende Schlacht du hineingehst,
Nicht mehr gleich wird Ehre dir sein, wie mächtig du obsiegst.
Ihm antwortete drauf der mutige Renner Achilleus:
Phönix, mein alter Vater, du Göttlicher, wenig bedarf ich
Jener Ehr, ich meine, daß Zeus' Ratschluß mich geehret!
Diese daurt bei den Schiffen der Danaer, weil mir der Atem
Meinen Busen noch hebt und Kraft in den Knien sich reget.
Eines verkünd ich dir noch, und du bewahr es im Herzen:
Störe mir nicht die Seele mit jammernder Klag und Betrübnis,
Atreus' Heldensohn zu begünstigen. Wenig geziemt dir's,
Daß du ihn liebst; du möchtest in Haß die Liebe mir wandeln.
Besser daß du mit mir den kränkst, der mich selber gekränket!
Gleich mir herrsche hinfort und empfang die Hälfte der Ehre.
Diese verkünden es schon; du lege dich auszuruhen
Hier auf weichem Lager. Sobald der Morgen sich rötet,
Halten wir Rat, ob wir kehren zum Unsrigen oder noch bleiben.
Sprach's und gebot dem Patroklos geheim mit deutenden Wimpern,
Phönix ein wärmendes Bett zu beschleunigen, daß sie der Heimkehr
Schnell aus seinem Gezelt sich erinnerten. Eilend begann nun
Ajas, der göttliche Sohn des Telamon, vor der Versammlung:
Edler Laertiad, erfindungsreicher Odysseus,
Laß uns gehn, denn schwerlich, so scheint's, wird jetzo der Endzweck
Unseres Weges erreicht; zu verkündigen aber in Eile
Ziemt's das Wort den Achaiern, wiewohl es wenig erfreuet;
Denn sie sitzen gewiß und erwarten uns. Aber Achilleus
Trägt ein Herz voll Stolzes und Ungestüms in dem Busen!
Grausamer! Nichts bewegt ihn die Freundschaft seiner Genossen,
Die wir stets bei den Schiffen ihn hochgeehrt vor den andern.
Unbarmherziger Mann! Sogar für des Bruders Ermordung
Oder des toten Sohns empfing wohl mancher die Sühnung;
Dann bleibt jener zurück in der Heimat, vieles bezahlend;
Aber bezähmt wird diesem der Mut des erhabenen Herzens,
Wann er die Sühnung empfing. Allein dir gaben ein hartes,
[159] Unversöhnliches Herz die Unsterblichen, wegen des einen
Mägdleins! Bieten wir dir doch sieben erlesene Jungfraun,
Auch viel andres dazu! O sei doch erbarmenden Herzens!
Ehr auch den heiligen Herd; wir sind dir Gäste des Hauses
Aus der Danaer Volk und achten es groß, vor den andern
Nahe verwandt dir zu sein und die wertesten aller Achaier.
Ihm antwortete drauf der mutige Renner Achilleus:
Ajas, göttlicher Sohn des Telamon, Völkergebieter,
Alles hast du beinahe mir selbst aus der Seele geredet;
Aber es schwillt mein Herz von Galle mir, wenn ich des Mannes
Denke, der mir so schnöde vor Argos' Volke getan hat,
Atreus' Sohn, als wär ich ein ungeachteter Fremdling.
Ihr demnach geht hin und verkündiget dort die Botschaft.
Denn nicht eher gedenk ich des Kampfs und der Männerermordung,
Ehe des waltenden Priamos Sohn, der göttliche Hektor,
Schon die Gezelt' und Schiffe der Myrmidonen erreicht hat,
Argos' Volk hinmordend und Glut in den Schiffen entflammet.
Doch wird, hoff ich, bei meinem Gezelt und dunkelen Schiffe
Hektor, wie eifrig er ist, sich wohl enthalten des Kampfes.
Jener sprach's, und jeglicher nahm den doppelten Becher,
Sprengt' und ging, zu den Schiffen gewandt; sie führet Odysseus.
Aber Patroklos befahl den Genossen umher und den Mägden,
Phönix ein wärmendes Bett zu beschleunigen, ohne Verweilen.
Ihm gehorchten die Mägd' und breiteten emsig das Lager,
Wollige Vlies' und die Deck und der Leinwand zarteste Blume.
Dort nun ruhte der Greis, die heilige Früh erwartend.
Aber Achilleus schlief im innern Gemach des Gezeltes,
Und ihm ruhte zur Seit ein rosenwangiges Mägdlein,
Das er in Lemnos gewann, des Forbas Kind, Diomede.
Auch Patroklos legt' ihm entgegen sich; aber zur Seit ihm
Iphis, hold und geschmückt, die der Peleion ihm geschenket,
Als er Skyros bezwang, die erhabene Stadt des Enyeus.
Jene, nachdem sie erreicht die Kriegsgezelt' Agamemnons,
Grüßte mit goldenen Bechern die Schar der edlen Achaier,
Andere anderswoher entgegeneilend und fragend.
Aber zuerst erforschte der Völkerfürst Agamemnon:
Sprich, preisvoller Odysseus, erhabener Ruhm der Achaier,
[160] Will er vielleicht abwehren die feindliche Glut von den Schiffen?
Oder versagt er und nähret den Zorn des erhabenen Herzens?
Ihm antwortete drauf der herrliche Dulder Odysseus:
Atreus' Sohn, ruhmvoller, du Völkerfürst Agamemnon,
Noch will jener den Zorn nicht bändigen, sondern nur höher
Schwillt ihm der Mut; dein achtet er nicht, noch deiner Geschenke.
Selber heißet er dich mit Argos' Söhnen erwägen,
Wie du die Schiffe zu retten vermögst und das Volk der Achaier.
Aber er selber droht, sobald der Morgen sich rötet,
Nieder ins Meer zu ziehen die schöngebordeten Schiffe.
Auch den übrigen möcht er ein ratsames Wort zureden,
Heim in den Schiffen zu gehn. Nie findet ihr doch der erhabnen
Ilios Untergang; denn der waltende Zeus Kronion
Deckt sie mit schirmender Hand, und mutvoll trotzen die Völker.
Also sprach er; auch diese bezeugen es, welche mir folgten,
Ajas und beid Herolde zugleich, die verständigen Männer.
Phönix, der Greis, blieb dort und legte sich; denn so gebot er:
Daß er mit ihm heimschiffe zum lieben Lande der Väter
Morgen, wenn's ihm gefällt, denn nicht aus Zwang soll er mitgehn.
Jener sprach's, doch alle verstummten umher und schwiegen,
Hoch das Wort anstaunend; denn kraftvoll hatt er geredet.
Lange saßen verstummt die bekümmerten Männer Achaias.
Endlich begann vor ihnen der Rufer im Streit Diomedes:
Atreus' Sohn, ruhmvoller, du Völkerfürst Agamemnon,
Hättest du nie doch gefleht dem untadligen Peleionen,
Reiche Geschenk' ihm verheißend! Denn stolz ist jener ja so schon,
Und nun hast du noch mehr im stolzen Sinn ihn bekräftigt.
Doch fürwahr ich denke, wir lassen ihn, ob er hinweggeht
Oder bleibt. Dann wird er zur Feldschlacht wieder mit ausziehn,
Wann sein Herz im Busen gebeut und ein Gott ihn erreget.
Aber wohlan, wie ich rede das Wort, so gehorchet mir alle:
Jetzo geht zur Ruhe, nachdem ihr das Herz euch erfreuet
Nährender Kost und Weines; denn Kraft ist solches und Stärke.
Aber sobald nun Eos mit Rosenfingern emporstrahlt,
Ordne du schnell vor den Schiffen die Reisigen sowie das Fußvolk,
[161] Muntre sie auf, und kühn mit den vordersten kämpfe du selber.
Jener sprach's, und umher die Könige riefen ihm Beifall,
Hoch das Wort anstaunend von Tydeus' Sohn Diomedes.
Als sie des Tranks nun gesprengt, da kehrten sie heim in die Zelte;
Jeder ruhete dort und empfing die Gabe des Schlafes.

10. Gesang

X. Gesang.

Der schlaflose Agamemnon und Menelaos wecken die Fürsten. Sie sehen nach der Wache und besprechen sich am Graben. Diomedes und Odysseus, auf Kundschaft ausgehend, ergreifen und töten den Dolon, welchen Hektor zum Spähen gesandt. Von ihm belehrt, töten sie im troischen Lager den neugekommenen Rhesos mit zwölf Thrakiern und entführen des Rhesos Rosse.


Alle sonst bei den Schiffen, die edleren Helden Achaias,

Schliefen die ganze Nacht, von sanftem Schlummer gefesselt;
Nur nicht Atreus' Sohne, dem Hirten des Volks Agamemnon,
Nahte der süße Schlaf, da vieles im Geist er bewegte.
Wie wenn der Donnerer blitzt, der Gemahl der lockigen Here,
Vielen Regen bereitend, unendlichen, oder auch Hagel
Oder ein Schneegestöber, das weiß die Gefilde bedecket,
Oder des Kriegs weit offenen Schlund, des bitteren Unheils:
So vielfältig erseufzt' im Innersten nun Agamemnon
Tief aus dem Herzen empor, und Angst durchbebte die Brust ihm.
Siehe, sooft er das Feld, das troische, weit umschaute,
Staunt' er über die Feuer, wieviel vor Ilios brannten,
Über der Flöten und Pfeifen Getön und der Menschen Getümmel.
Aber sooft zu den Schiffen er sah und dem Volk der Achaier,
Viel alsdann aus dem Haupt mit den Wurzeln rauft' er sich Haare,
Hoch aufflehend zu Zeus; und das edele Herz ihm durchdrang Weh.
Dieser Gedank erschien dem Zweifelnden endlich der beste:
Erst zu Nestor zu gehn, dem neleiadischen König,
Ob er mit jenem vielleicht unsträflichen Rat aussönne,
Welcher das Bös abwehrte von allem Volk der Achaier.
Aufrecht nun umhüllt' er die Brust mit wolligem Leibrock,
Unter die glänzenden Füß' auch band er sich stattliche Sohlen,
Warf dann das blutige Fell des gewaltigen Leun um die Schultern,
[162] Falb und groß, das die Knöchel erreicht', und faßte die Lanze.
So auch war Menelaos in bebender Angst, und nie mals
Ruht' ihm Schlaf auf den Augen, dem Sinnenden, was doch verhängt sei
Argos' tapferem Volk, das um ihn durch weites Gewässer
Kam in der Troer Gefild', unverdrossenem Streite sich bietend.
Erst nun ein Pardelvlies um den breiten Rücken sich hüllt' er,
Zottig und bunt gefleckt, dann barg er das Haupt in des Helmes
Ehernen Schirm und faßte den Speer mit nervichter Rechter.
Schnell dann ging er zu wecken den herrschenden Bruder, der mächtig
Allen Achaiern gebot, wie ein Gott im Volke geehret.
Ihn nun fand er, die Schultern mit strahlender Rüstung sich deckend,
Hinten am dunkelen Schiff, und herzlich erwünscht ihm erschien er.
Jetzo begann zuerst der Rufer im Streit Menelaos:
Warum wappnest du dich, mein Älterer? Soll zu den Troern
Dir hingehen ein Freund, zu erkundigen? Aber ich fürchte
Sehr im Geist, daß keiner zu solcher Tat sich erbiete,
Hin zum feindlichen Heer als Spähender einsam zu wandeln
Durch die ambrosische Nacht; der müßt ein entschlossener Mann sein!
Gegen ihn rief antwortend der Völkerfürst Agamemnon:
Rat bedürfen wir beide, du Göttlicher, o Menelaos,
Wohlersonnenen Rat, der Sicherheit schaff und Errettung
Argos' Volk und den Schiffen, dieweil Zeus' Herz sich gewandt hat.
Wahrlich, zu Hektors Opfer hat mehr sein Herz er geneiget!
Denn nie sah ich vordem, noch höret ich je erzählen,
Daß der Wunder so viel ein Mann am Tage vollendet,
Als nun Hektor getan, Zeus' Liebling, am Volk der Achaier,
Selber für sich, obzwar nicht Gott ihn zeugte noch Göttin.
Aber er tat, des wahrlich mit Schmerz die Argeier gedenken,
Spät und lange hinfort; so häuft' er das Weh den Achaiern!
Eile mir, Ajas nun und Idomeneus herzurufen,
Hurtigen Laufs zu den Schiffen, weil ich zum göttlichen Nestor
Wandl und aufzustehn ihn ermuntere; ob er geneigt sei,
Hin zur heiligen Schar der Wächter zu gehn und zu ordnen.
Ihm gehorchen sie wohl am freudigsten; denn sein Sohn ist
Führer der Hut mit Meriones dort, des kretischen Königs
Waffenfreund; denn diesen vertraueten wir sie am meisten.
Ihm antwortete drauf der Rufer im Streit Menelaos:
[163] Was denn ist dein Will und die Absicht deines Gebotes?
Bleib ich dort mit jenen und warte dein, bis du hinkommst?
Oder lauf ich dir nach, sobald ich's jenen verkündigt?
Wiederum antwortete drauf Agamemnon der Herrscher:
Bleibe dort, vielleicht verfehlten wir sonst einander
Irrend in Nacht; denn viel durchkreuzen ja Wege das Lager.
Rufe, wohin du gehst, und ermuntere rings zu wachen,
Jeglichen Mann nach Geschlecht mit Vaternamen benennend,
Jeglichem Ehr erweisend, und nicht erhebe dich vornehm.
Laß uns vielmehr arbeiten wie andere! Also verhängt' es
Zeus bei unsrer Geburt, dies lastende Weh uns bereitend!
Jener sprach's und entsandte den wohl ermahneten Bruder;
Eilete dann, um Nestor, den Völkerhirten, zu wecken.
Diesen fand er dort am Gezelt und dunkelen Schiffe,
Ruhend im weichen Bett, und neben ihm prangte die Rüstung:
Schild und strahlender Helm und zwo erzblinkende Lanzen;
Neben ihm prangt' auch der Gurt, der künstliche, welcher den Alten
Gürtete, wann zur mordenden Schlacht er gewappnet einherzog,
Führend das Volk; denn er achtete nicht des traurigen Alters.
Jetzo erhob er das Haupt, auf den Ellenbogen sich stützend,
Rief dem Atreiden zu und fragt' ihn, also beginnend:
Wer bist du, der einsam des Lagers Schiffe durchwandelt,
Jetzt in der finsteren Nacht, da andere Sterbliche schlafen?
Ob du einen der Freund' umhersuchst oder ein Maultier?
Red und nahe mir nicht ein Schweigender! Wessen bedarfst du?
Ihm antwortete drauf der Herrscher des Volks Agamemnon:
Nestor, Neleus' Sohn, du erhabener Ruhm der Achaier,
Kenne doch Atreus' Sohn Agamemnon, welchen vor allen
Zeus in unendlichen Jammer versenkt hat, weil mir der Atem
Meinen Busen noch hebt und Kraft in den Knien sich reget.
So nun irr ich, dieweil kein ruhiger Schlaf mir die Augen
Zuschließt, sondern der Krieg und die Not der Achaier mich kümmert.
Denn ich sorge mit Angst um die Danaer; hin ist der feste
Mut und alle Besinnung dahin; es entfliegt aus dem Busen
Mir das klopfende Herz, und es zittern mir unten die Glieder!
Aber sinnst du auf Tat, da auch dir nicht nahet der Schlummer,
Laß zu den Hütern nunmehr uns hinabgehn, daß wir erkennen,
[164] Ob sie vielleicht, entkräftet von Kriegsarbeit und Ermüdung,
Sich zum Schlummer gelegt und ganz der Wache vergessen.
Denn das feindliche Heer ist nah uns; keiner ja weiß es,
Ob nicht selbst in der Nacht sie anzugreifen beschließen.
Ihm antwortete drauf der gerenische reisige Nestor:
Atreus' Sohn, Ruhmvoller, du Völkerfürst Agamemnon,
Nie wird doch dem Hektor ein jeglicher Wunsch von Kronion
Gänzlich erfüllt, den er jetzt sich erträumete, sondern ihn, hoff ich,
Drängen der Sorgen hinfort noch mehrere, wenn nur Achilleus
Von dem verderblichen Zorn die erhabene Seele gewendet.
Gern begleit ich dich nun, doch laß uns auch andere wecken:
Tydeus' Sohn, den Schwinger des Speers, und den edlen Odysseus,
Ajas den Schnellen zugleich und Phyleus' tapferen Sprößling.
Wenn auch einer geschwind hinwandelte, jene zu rufen,
Ajas, Telamons Sohn, und Idomeneus, Kretas Beherrscher,
Deren Schiffe ja stehn am fernesten, nicht in der Nähe.
Aber ihn, den geliebten und edlen Freund Menelaos,
Schelt ich fürwahr, und wiewohl du mir eifertest, nimmer verberg ich's,
Daß er schläft und allein dir zugewendet die Arbeit.
Ziemt' es ihm doch, arbeitend die sämtlichen Fürsten Achaias
Anzuflehn; denn die Not umdrängt uns, ganz unerträglich!
Wiederum antwortete drauf Agamemnon der Herrscher:
Greis, zu anderer Zeit verstatt ich dir, jenen zu tadeln,
Denn oft säumt mein Bruder und geht ungern an die Arbeit,
Nicht von Trägheit besiegt noch Unverstande des Geistes,
Sondern auf mich herschauend und mein Beginnen erwartend.
Doch nun wacht' er früher vom Schlaf und besuchte mich selber,
Und ich sandt ihn umher, daß er forderte, welche du wünschest.
Gehen wir denn! Sie finden wir sicherlich dort bei den Hütern
Außer dem Tor, wo ich ihnen bedeutete, sich zu versammeln.
Ihm antwortete drauf der gerenische reisige Nestor:
So wird kein Achaier hinfort ihm zürnen noch ungern
Folgen, sobald er einen zur Arbeit treibt und ermuntert.
Dieses gesagt, umhüllt' er die Brust mit wolligem Leibrock;
Unter die glänzenden Füß' auch band er sich stattliche Sohlen,
Um sich schnallt' er darauf den purpurschimmernden Mantel,
Doppelt und weit gefaltet, umblüht von der Wolle Gekräusel;
[165] Nahm auch die mächtige Lanze, gespitzt mit der Schärfe des Erzes,
Eilte dann längs den Schiffen der erzumschirmten Achaier.
Jetzo zuerst den Odysseus, an Ratschluß gleich dem Kronion,
Weckte der Greis aus dem Schlaf, der gerenische reisige Nestor,
Lauten Rufs, doch jenem erscholl zum Herzen die Stimme;
Und er kam aus dem Zelt und sprach zu ihnen die Worte:
Warum irrt ihr so einsam, des Lagers Schilfe durchwandelnd,
Durch die ambrosische Nacht? Was doch für Not, die euch antreibt?
Ihm antwortete drauf der gerenische reisige Nestor:
Edler Laertiad, erfindungsreicher Odysseus,
Zürne nicht, denn große Bekümmernis drängt die Achaier.
Komm denn und wecke mit uns noch andere, welchen es ziemet,
Heilsamen Rat zu raten, der Heimkehr oder des Kampfes.
Jener sprach's; da eilt' ins Gezelt der weise Odysseus,
Warf den prangenden Schild um die Schulter sich, folgte dann jenen.
Schnell nun kamen sie hin, wo Tydeus' Sohn Diomedes
Draußen lag am Gezelt mit den Rüstungen; auch die Genossen
Schliefen umher, auf den Schilden das Haupt, und jegliches Lanze
Ragt' auf des Schaftes Spitz emporgerichtet, und fernhin
Strahlte das Erz wie die Blitze des Donnerers. Aber der Held selbst
Schlummerte, hingestreckt auf die Haut des geweideten Stieres;
Auch war unter dem Haupt ein schimmernder Teppich gebreitet.
Nahend weckt' ihn vom Schlaf der gerenische reisige Nestor,
Rührend den Fuß mit der Fers, und ermuntert ihn, scheltend ins Antlitz:
Wache doch, Tydeus' Sohn! Was schlummerst du ruhig die Nacht durch?
Hörtest du nicht, wie die Troer sich dort auf dem Hügel des Feldes
Lagerten, nahe den Schiffen, und weniger Raum sie entfernet!
Also der Greis; doch schleunig erstand aus dem Schlaf Diomedes;
Und er begann zu jenem und sprach die geflügelten Worte:
Allzu emsiger Greis, du ruhst auch nimmer von Arbeit!
Sind nicht andere noch und jüngere Männer Achaias,
Welchen es mehr obläge, der Könige jeden zu wecken,
Rings durchwandelnd das Heer? Du übertreibst es, o Alter!
Ihm antwortete drauf der gerenische reisige Nestor:
Wahrlich, o Freund, du hast wohlziemende Worte geredet.
Selber hab ich ja Söhn' und treffliche, hab auch der Völker
[166] Sonst genug, daß mir einer umhergehn könnte zu rufen.
Aber viel zu große Bekümmernis drängt die Achaier!
Denn nun steht es allen fürwahr auf der Schärfe des Messers:
Schmählicher Untergang den Achaiern oder auch Leben!
Auf denn, Ajas den Schnellen und Phyleus' tapferen Sprößling
Wecke vom Schlaf; du bist ja der jüngere, daurt dich mein Alter.
Sprach's; und sogleich warf jener das Löwenfell um die Schultern,
Falb und groß, das die Knöchel erreicht', und faßte die Lanze;
Hin dann eilte der Held und erweckt' und brachte die andern.
Als sie nunmehr der Hüter versammelte Scharen erreichten,
Fanden sie auch nicht schlafen die edelen Führer der Scharen,
Sondern munter und wach mit den Rüstungen saßen sie alle.
So wie die Hund' unruhig die Schaf' im Gehege bewachen,
Hörend das Wutgebrüll des Untiers, das aus der Waldung
Herkommt durch das Gebirg, umtönt von lautem Getümmel
Treibender Männer und Hund' (entflohn ist ihnen der Schlummer):
Also entfloh auch jenen der süße Schlaf von den Wimpern,
Welche die Nacht durchwachten, die schreckliche, stets nach dem Felde
Hingewandt, ob sie etwa die kommenden Troer vernähmen.
Diese sah mit Freude der Greis und redete Stärkung;
Und er begann zu ihnen und sprach die geflügelten Worte:
Recht so, trauteste Kinder, seid wachsam; keinen besiege
Nun der Schlaf, daß nicht zur Freude wir werden den Feinden!
Jener sprach's, und den Graben durcheilet' er; aber ihm folgten
Argos' Könige nach, so viel zum Rat sich versammelt.
Auch Meriones folgt' und Nestors edler Erzeugter
Ihnen zugleich; denn sie selber beriefen sie mit zur Beratung.
Jetzt nachdem sie den Graben durchwandelten, setzten sich alle,
Wo noch rein das Gefild aus umliegenden Leichen hervorschien;
Dort wo der stürmende Hektor sich wendete von der Argeier
Blutigem Mord, als schon die finstere Nacht sie umhüllte,
Dort nun setzten sich jen' und redeten untereinander.
Also begann das Gespräch der gerenische reisige Nestor:
Freund', o möchte nicht jetzt ein Mann vertrauen der Kühnheit
Seines entschlossenen Muts, zu den edelmütigen Troern
Hinzugehn, ob er einen der äußersten etwa erhaschte
Oder vielleicht ein Gespräch der feindlichen Männer behorchte,
[167] Was sie jetzo im Rat abredeten; ob sie gedenken,
Fern allhier zu bleiben von Ilios oder zur Stadt nun
Heim von den Schiffen zu kehren, nachdem sie besiegt die Achaier?
Dieses erforscht' er alles vielleicht und kehrte zu uns dann
Unverletzt; groß wäre der Ruhm ihm unter dem Himmel
Rings in der Menschen Geschlecht, auch lohnten ihm edle Geschenke.
Denn so viel den Schiffen umher gebieten der Herrscher,
Deren sollt ein jeder ein schwarzes Schaf ihm verehren,
Samt dem saugenden Lamm; kein Eigentum wär ihm vergleichbar;
Auch zu jeglichem Fest und Gastmahl würd er geladen.
Jener sprach's; doch alle verstummten umher und schwiegen.
Jetzo begann vor ihnen der Rufer im Streit Diomedes:
Nestor, mich reizt mein Mut und das Herz voll freudiger Kühnheit,
Einzugehn in das Heer der nahe gelagerten Troer.
Doch wenn ein anderer Mann zugleich mir folgte, dann wäre
Mehr der Zuversicht und des unerschrockenen Mutes.
Wo zween wandeln zugleich, da bemerkt der ein und der andre
Schneller, was heilsam sei; doch der einzelne, ob er bemerket,
Ist doch langsamer stets sein Sinn und schwach die Entschließung.
Jener sprach's, und viel erboten sich schnell dem Tydeiden:
Willig waren die Ajas zugleich, die Genossen des Ares,
Willig Meriones auch, sehr willig der Sohn des Nestor,
Willig der Atreione, der Schwinger des Speers Menelaos;
Willig war auch Odysseus, der Duldende, unter die Troer
Einzugehn; denn er trug ein wagendes Herz in dem Busen.
Jetzo begann vor ihnen der Völkerfürst Agamemnon:
Tydeus' Sohn Diomedes, du meiner Seele Geliebter,
Selbst nunmehr zum Genossen erwähle dir, welchen du wünschest,
Aller umher den besten, dieweil so viele bereit sind.
Doch nicht täusche das Herz die Ehrfurcht, daß du den bessern
Übergehst und den schlechtern aus blöder Scheu dir gesellest,
Schauend auf edleren Stamm und wer erhabner an Macht sei.
Jener sprach's; denn er sorgt' um den bräunlichen Held Menelaos.
Jetzo begann von neuem der Rufer im Streit Diomedes:
Wenn ihr nun den Genossen mir selbst zu wählen gebietet,
Wie vergäße doch ich des göttergleichen Odysseus,
Dem so entschlossen der Mut und das Herz voll freudiger Kühnheit
[168] Ragt in jeder Gefahr. Denn es liebt ihn Pallas Athene.
Wenn mich dieser begleitet, sogar aus flammendem Feuer
Kehrten wir beide zurück, weil keiner ihm gleicht an Erfindung.
Ihm antwortete drauf der herrliche Dulder Odysseus:
Tydeus' Sohn, nicht darfst du so sehr mich rühmen noch tadeln,
Denn vor kundigen Männern von Argos redest du solches.
Gehen wir denn! Schnell eilet die Nacht und nah ist der Morgen.
Weit schon rückten die Stern', und das meiste der Nacht ist vergangen;
Um zwo Teile bereits, nur der dritte Teil ist noch übrig.
Dieses gesagt, verhüllten sich beid in schreckliche Rüstung.
Tydeus' Sohne nun gab der streitbare Held Thrasymedes
Sein zweischneidiges Schwert (denn das eigene blieb bei den Schiffen),
Auch den Schild und bedeckt' ihm das Haupt mit dem Helme von Stierhaut,
Sonder Kegel und Busch, der auch Sturmhaube genannt wird,
Und ohn Erz die Scheitel der blühenden Jünglinge schirmet.
Aber Meriones gab dem Odysseus Bogen und Köcher
Samt dem Schwert und bedeckte des Königes Haupt mit dem Helme,
Auch aus Leder geformt: inwendig mit häufigen Riemen
Wölbt' er sich, straff durchspannt, und auswärts schienen die Hauer
Vom weißzahnigen Schwein und starreten hiehin und dorthin,
Schön und künstlich gereiht, und ein Filz war drinnen befestigt.
Einst aus Eleon hatt Autolykos diesen erbeutet,
Stürmend den festen Palast des Hormeniden Amyntor;
Jener gab dem Kytherer Amphidamas ihn gen Skandeia,
Aber Amphidamas gab zum Gastgeschenk ihn dem Molos;
Dieser gab ihn Meriones drauf, dem Sohne, zu tragen,
Und nun barg er umher Odysseus' Haupt zur Beschützung.
Jetzo, nachdem sich beid in schreckliche Rüstung gehüllet,
Eilten sie hin und verließen die edelen Helden Achaias.
Ihnen naht' ein Reiher, gesandt von Pallas Athene,
Rechtsher fliegend am Weg; ihn sahen sie nicht mit den Augen
Durch die finstere Nacht, nur ward sein Tönen gehöret.
Freudig vernahm Odysseus den Flug und rief zu Athene:
Höre mich, Tochter Zeus' des Donnerers, die du beständig
Mich in allen Gefahren verteidigest und, wo ich hingeh,
Meiner gedenkst. Auch jetzo gewähre mir Lieb, o Athene!
Laß uns wohl zu den Schiffen und ruhmvoll wieder gelangen,
[169] Täter erhabener Tat, die Kummer schaffe den Troern!
Ihm zunächst auch flehte der Rufer im Streit Diomedes:
Höre du jetzt auch mich, o Zeus' unbezwungene Tochter!
Folge mir, wie du dem Vater gefolgt, dem göttlichen Tydeus,
Als er gen Thebe ging, ein Gesendeter von den Achaiern.
Jen' am Asopos verlassend, die erzumschirmten Achaier,
Bracht er freundliche Worte den kriegrischen Kadmeionen
Dorthin; doch umkehrend vollendet' er schreckliche Taten,
Mit dir, heilige Göttin, da ihm willfährig du beistandst.
So nun wollest du mir auch beistehn und mich behüten!
Dir gelob ich ein jähriges Rind, breitstirnig und fehllos,
Ungezähmt, das nimmer ein Mann zum Joche gebändigt;
Dieses gelob ich zum Opfer, mit Gold die Hörner umziehend.
Also flehten sie dort; sie hörete Pallas Athene.
Drauf nachdem sie gefleht zu Zeus' des Allmächtigen Tochter,
Gingen sie schnell, zween Löwen an Mut, im nächtlichen Dunkel
Hin durch Mord, durch Leichen, durch Rüstungen hin und Schlachtblut.
Auch nicht ließ dort Hektor die edelmütigen Troer
Ausruhn, sondern berief die Edelsten nun zur Versammlung,
Alle des troischen Volks erhabene Fürsten und Pfleger.
Als sich jene gesetzt, entwarf er die weise Beratung:
Wer doch möchte die Tat mir übernehmend gewähren,
Um ein großes Geschenk, das ihm zum Lohne genug sei?
Einen Wagen ihm geb ich und zween hochwiehernde Rosse,
Welche die edelsten sei'n bei den rüstigen Schiffen Achaias,
Wer auch immer es wagt und selbst den Ruhm sich erstrebet,
Hinzugehn zu den Schiffen der Danaer und zu erforschen,
Ob sie stets noch bewachen die rüstigen Schiffe wie vormals,
Oder ob sie vielleicht, von unseren Händen bezähmet,
Schon die Flucht miteinander beschleunigen und sich enthalten,
Nächtliche Hut zu versehn, entnervt von der schrecklichen Arbeit.
Jener sprach's, doch alle verstummten umher und schwiegen.
Aber im troischen Volk war Dolon, Sohn des Eumedes,
Eines göttlichen Herolds, an Golde reich und an Erze;
Zwar ein häßlicher Mann von Gestalt, doch ein hurtiger Läufer,
Und der einzige Sohn mit fünf aufwachsenden Schwestern.
Dieser begann hintretend im Rat der Troer zu Hektor:
[170] Hektor, mich reizt mein Mut und das Herz voll freudiger Kühnheit,
Hinzugehn zu den Schiffen der Danaer und zu erforschen.
Aber wohlan, den Zepter erhebe mir, heilig beschwörend,
Daß du jenes Gespann und den erzumschimmerten Wagen
Schenken mir willst, das ihn trägt, den untadligen Peleionen.
Nicht umsonst auch werd ich dir spähn, noch gegen Erwartung.
Denn so weit ihr Lager durchwander ich, bis ich erreiche
Selbst Agamemnons Schiff, wo vielleicht sein werden die Fürsten,
Heilsamen Rat zu raten der Heimkehr oder des Kampfes.
Jener sprach's, doch Hektor erhub den Zepter und schwur ihm:
Höre den Schwur Zeus selber, der donnernde Gatte der Here!
Nie soll jenes Gespann ein anderer lenken der Troer,
Sondern dir verheiß ich daherzuprangen beständig!
Also der Held, und beschwur Meineid und reizete jenen.
Eilend hängt' er darauf das krumme Geschoß um die Schulter,
Hüllete dann sich umher ein graugezotteltes Wolfsfell,
Fügte den Otterhelm auf das Haupt und faßte den Wurfspieß,
Eilete dann zu den Schiffen der Danaer. Aber ihm ward nicht
Wiederkehr von den Schiffen, um Hektorn Kunde zu bringen.
Als er nunmehr verlassen der Ross' und der Männer Getümmel,
Ging er den Weg mit Begier. Allein der edle Odysseus
Merkte des Nahenden Gang und sprach zum Sohne des Tydeus:
Siehe doch, Diomedes, da kommt ein Mann aus dem Lager!
Will er vielleicht auskundend zu unseren Schiffen herannahn
Oder einen berauben der Leichname hier auf dem Schlachtfeld?
Aber wir lassen ihn erst vorübergehn im Gefilde
Wenig, und dann verfolgen wir ihn und erhaschen den Flüchtling
Eilenden Laufs. Doch wenn er zuvor uns rennt mit den Füßen,
Immer dann zu den Schiffen vom Lager hinweg ihn gescheuchet,
Mit anstürmendem Speer, daß nicht zur Stadt er entrinne.
Also besprachen sich beid und bargen sich außer dem Wege,
Unter den Toten geschmiegt; und vorbei lief jener bedachtlos.
Als er so weit sich entfernt, wie ein Joch Maultier' an des Ackers
Ende gewinnt (denn sie gehn vor langsam folgenden Stieren,
Mutig die Brach entlang mit starkem Pflug zu durchfurchen):
Schnell nun liefen sie nach, und er stand, das Getöse vernehmend;
Denn er vermutet' im Geist, zurückberufende Freunde
[171] Kämen aus Trojas Volk, ihm nachgesendet von Hektor.
Aber so weit nur entfernt wie ein Speerwurf oder noch minder,
Kannt er die Männer als Feind', und die hurtigen Knie bewegend
Floh er dahin; doch jene verfolgeten angestrenget.
Wie wenn zween scharfzahnige Hund', erfahren der Wildjagd,
Dringender Eil hintreiben ein Hirschkalb oder den Hasen
Durch dickwaldige Räum' und voran der Quäkende rennet:
Also trieb der Tydeid und der Städteverwüster Odysseus
Jenen in dringender Eil, hinweg von dem Lager ihn scheuchend.
Aber nachdem schon nahe der Danaer Hut er gekommen,
Fliehend hinab zu den Schiffen, mit Zorn nun erfüllt Athenäa
Tydeus' Sohn, daß keiner der erzumschirmten Achaier
Früheren Wurfs sich rühmt' und er selbst der zweite nur käme;
Drohend erhub er die Lanz und rief, der Held Diomedes:
Steh da, oder ich werfe die Lanze dir! Schwerlich noch wirst du
Lange dem schrecklichen Tod aus meinen Händen entfliehen!
Sprach's, und im Schwung entsandt er den Speer und fehlte mit Vorsatz,
Rechtshin über die Schulter ihm flog des geglätteten Speeres
Erz in den Boden hinein; und er stand nun, starr vor Schrecken,
Bebend das Kinn, und es klappten ihm laut in dem Munde die Zähne,
Blaß sein Gesicht vor Angst. Jetzt nahten sie keuchend und hielten
Beid an den Händen ihn fest, doch er mit Tränen begann so:
Faht mich, dann erkauf ich mich frei. Mir lieget daheim ja
Erz und Goldes genug und schöngeschmiedetes Eisen.
Hievon reicht mein Vater dir gern unendliche Lösung,
Wenn er mich noch lebend vernimmt bei den Schiffen Achaias.
Ihm antwortete drauf der erfindungsreiche Odysseus:
Sei getrost, kein Todesgedank umschwebe das Herz dir!
Aber sage mir jetzt und verkündige lautere Wahrheit:
Warum gehst du allein vom Lager hinab zu den Schiffen,
Jetzt in der finsteren Nacht, da andere Sterbliche schlafen?
Willst du einen berauben der Leichname hier auf dem Schlachtfeld?
Oder sandte dich Hektor, daß wohl bei den Schiffen du alles
Spähetest? Oder bewog dein eigenes Herz dich zu gehen?
Ihm antwortete Dolon darauf, und ihm bebten die Glieder:
Ach, zu Jammer und Weh verleitete Hektor das Herz mir,
Welcher des tadellosen Achilleus stampfende Rosse
[172] Mir zum Geschenke verhieß und den erzumschimmerten Wagen,
Und mir befahl, durchwandelnd der Nacht stillfliehendes Dunkel,
Hinzugehn zu den Schiffen der Danaer und zu erforschen,
Ob ihr stets noch bewacht die rüstigen Schiffe wie vormals,
Oder ob ihr vielleicht, von unseren Händen bezähmet,
Schon die Flucht miteinander beschleuniget und euch enthaltet,
Nächtliche Hut zu versehn, entnervt von der schrecklichen Arbeit.
Lächelnd erwiderte drauf der erfindungsreiche Odysseus:
Traun, nach großem Geschenk hat dir die Seele gelüstet,
Nach des Peleiden Gespann, des feurigen! Schwer sind die Rosse
Jedem sterblichen Manne zu bändigen oder zu lenken,
Außer Achilleus selbst, den gebar die unsterbliche Mutter.
Aber sage mir jetzt und verkündige lautere Wahrheit:
Wo verließest du Hektor, den Hirten des Volks, da du weggingst?
Wo sind ihm die Geräte des Kriegs? Wo stehn ihm die Rosse?
Auch die anderen Troer, wie wachen sie oder wie ruhn sie?
Sag auch, was sie im Rat abredeten: ob sie gedenken,
Fern allhier zu bleiben von Ilios oder zur Stadt nun
Heim von den Schiffen zu kehren, nachdem sie besiegt die Achaier.
Ihm antwortete Dolon darauf, der Sohn des Eumedes:
Gern will ich dir dieses nach lauterer Wahrheit verkünden.
Hektor berief nun alle des Heers ratgebende Fürsten,
Rat mit ihnen zu halten am Mal des göttlichen Ilos,
Abgewandt vom Geräusch. Doch die Wachen, o Held, die du forschest?
Keine gesonderte schirmt das Kriegsheer oder bewacht es.
Rings, wo Troer sich Glut anzündeten, welchen es not ist,
Diese warten der Hut und ermahnen sich untereinander,
Wach zu sein. Hingegen die fernberufenen Helfer
Ruhn im Schlaf, den Troern es überlassend zu wachen;
Denn nicht jenen sind Kinder und Gattinnen hier in der Nähe.
Ihm antwortete drauf der erfindungsreiche Odysseus:
Wie denn, etwa vermischt mit Trojas reisigen Männern
Schlafen sie? Oder allein? Dies sage mir, daß ich es wisse.
Ihm antwortete darauf, der Sohn des Eumedes:
Gern will ich auch dieses nach lauterer Wahrheit verkünden.
Meerwärts ruhn mit den Karen päonische Krümmer des Bogens,
Leleger auch, Kaukonen zunächst und edle Pelasger;
[173] Gegen Thymbra der Lykier Volk und trotzige Myser,
Phrygiens reisige Schar und Mäoniens Rossebezähmer.
Aber warum dies alles von mir umständlich erforschen?
Denn wofern ihr begehrt, ins troische Lager zu wandeln,
Dort am Ende des Heers sind neu ankommende Thraker,
Hingestreckt um Eioneus' Sohn, den herrschenden Rhesos,
Dessen Rosse die schönsten und größesten, die ich gesehen,
Weißer denn blendender Schnee und hurtigen Laufs wie die Winde.
Auch sein Geschirr ist köstlich mit Gold und Silber geschmücket.
Rüstungen, auch aus Golde, gewaltige, Wunder dem Anblick,
Trägt er daher; kaum ziemt es den sterblichen Erdebewohnern
Solches Gerät zu tragen, vielmehr unsterblichen Göttern.
Doch nun führt mich hinab zu des Meers schnellwandelnden Schiffen
Oder laßt mich allhier in grausamen Banden gefesselt,
Bis ihr zurückgekehrt und mich erkannt aus Erfahrung,
Ob ich vor euch die Wahrheit verkündiget oder nicht also.
Finster schaut' und begann der starke Held Diomedes:
Nur nicht Flucht, o Dolon, erwarte mir jetzo im Herzen,
Gabst du auch guten Bescheid, da in unsere Hände du kamest!
Denn wofern wir anjetzt dich löseten oder entließen,
Traun, du kämst auch hinfort zu den rüstigen Schiffen Achaias,
Sei es um auszuspähn, sei's öffentlich uns zu bekämpfen.
Doch so von meiner Hand du besiegt dein Leben verlierest,
Nimmermehr dann magst du beleidigen uns Argeier.
Sprach's, und bereit war jener, das Kinn mit nervichter Rechter
Rührend, ihn anzuflehn; doch tief in den Nacken ihm schwang er
Schnell das erhobene Schwert und durchschnitt ihm beide die Sehnen,
Daß des Redenden Haupt mit dem Staub hinrollend vermischt ward.
Hierauf nahmen ihm jene den Otterhelm von der Scheitel,
Auch sein krummes Geschoß, den ragenden Speer und das Wolfsfell.
Alles nunmehr zu Zeus' siegprangender Tochter erhub es
Hoch Odysseus der Held und rief anbetend die Worte:
Freue dich des, o Göttin, denn dich zuerst im Olympos
Rufen wir an vor allen Unsterblichen! Aber auch jetzo
Leit uns hin zum Lager der thrakischen Männer und Rosse!
Also betet' er laut und legete hebend die Rüstung
Auf des Gefilds Tamarisk, und dabei zum deutlichen Merkmal
[174] Legt' er gesammeltes Rohr und brach Tamariskengezweig ab,
Daß sie des Orts nicht fehlten, zurück durch Finsternis kehrend.
Vorwärts gingen sie nun, durch Rüstungen hin und Schlachtblut;
Schnell zu der thrakischen Männer Gedräng itzt kamen sie wandelnd.
Jene schliefen entnervt von der Arbeit; aber bei ihnen
Prangten gestreckt zur Erde die Rüstungen, schön nach der Ordnung
Dreifach gereiht, und bei jedem die stampfenden Doppelgespanne.
Rhesos schlief in der Mitt, und bei ihm die hurtigen Rosse
Standen, mit Riemen gehemmt, am hintersten Ringe des Wagens.
Diesen ersah Odysseus zuerst und zeigt' ihn dem Freunde:
Dies ist dir, Diomedes, der Mann, und dieses die Rosse,
Welche zuvor uns Dolon bezeichnete, den wir getötet.
Aber wohlan, nun zeige die Tapferkeit; denn dir geziemt nicht,
Hier untätig zu stehn mit den Rüstungen! Löse die Rosse;
Oder du töte die Männer und mir sei die Sorge der Rosse.
Sprach's; doch jenen beseelte mit Mut Zeus' Tochter Athene.
Rings nun würgt' er umher, und schreckliches Röcheln erhub sich
Unter dem mordenden Schwert, und gerötet von Blut war der Boden.
So wie ein Löw, antreffend die ungehütete Herde
Ziegen oder auch Schafe, mit grimmigem Mut sich hineinstürzt:
Also die thrakischen Männer durchwandelte dort Diomedes,
Bis er zwölf nun ermordet. Allein der kluge Odysseus,
Welchen Mann der Tydeide mit hauendem Schwerte getötet,
Solchen zog Odysseus zurück, am Fuß ihn ergreifend;
Denn er bedacht' im Geist, wie die schöngemähneten Rosse
Leicht hindurch ihm gingen und nicht anstutzend erbebten,
Über Tote zu schreiten, noch ungewohnt des Ermordens.
Aber nachdem den König der Held Diomedes erreichet,
Zum dreizehnten auch ihm das süße Leben entriß er;
Und schwer atmet' er auf; ein schrecklicher Traum zu dem Haupte
Stand ihm die Nacht des Öneiden Sohn, durch den Rat der Athene.
Emsig löst' Odysseus indes die stampfenden Rosse,
Band sie mit Riemen vereint und trieb sie hinweg aus dem Haufen,
Mit dem Geschoß anschlagend; denn nicht die schimmernde Geißel
Hatt er zu nehmen bedacht aus dem künstlichen Sessel des Wagens.
Jetzo pfiff er leis und warnte den Held Diomedes.
[175] Jener blieb und sann, was kühner annoch er begönne:
Ob er den Wagen zugleich, wo die glänzenden Rüstungen lagen,
Zög an der Deichsel hinweg, ob hinaustrüg, hoch ihn erhebend,
Oder mehreren dort der Thrakier raubte das Leben.
Als er dieses im Geist umhersann, siehe, da naht' ihm
Pallas Athen' und begann zum edlen Held Diomedes:
Denke der Wiederkehr, o Sohn des erhabenen Tydeus,
Zu den geräumigen Schiffen, daß nicht du ein Fliehender kommest,
Wenn vielleicht auch die Troer erweckt der Unsterblichen einer!
Jene sprach's; da erkannte der Held die Stimme der Göttin.
Eilend bestieg er ein Roß; da schlug mit dem Bogen Odysseus
Beid, und sie flogen daher zu den rüstigen Schiffen Achaias.
Aber nicht achtlos lauschte der Gott des silbernen Bogens,
Als er sah, wie Athene zu Tydeus' Sohn sich gesellet;
Zürnend ihr, drang er sofort in des troischen Heeres Getümmel,
Und den Thrakierfürsten Hippokoon weckt' er vom Schlummer,
Rhesos' tapferen Sippen. Doch er, dem Lager entfahrend,
Als er den Ort leer sah, wo die hurtigen Rosse gestanden,
Und noch zappelnd die Männer in schreckenvoller Ermordung,
Laut wehklagt' er nunmehr und rief dem lieben Genossen.
Aber die Troer mit Lärm und unermeßlichem Aufruhr
Stürzten heran und schauten erstarrt die entsetzlichen Taten,
Was doch die Männer verübt, die entflohn zu den räumigen Schiffen.
Als sie den Ort nun erreicht, wo sie Hektors Späher getötet,
Hemmte die hurtigen Rosse der Held, Zeus' Liebling Odysseus;
Doch zur Erd entsprang der Tydeid, und die blutige Rüstung
Reicht' er Odysseus' Händen und stieg auf den Rücken des Rosses.
Jener schlug mit dem Bogen, und rasch hinflogen die Rosse
Zu den geräumigen Schiffen; denn dorthin wünschten sie herzlich.
Nestor hörte zuerst die stampfenden Huf' und begann so:
Freunde, des Volks von Argos erhabene Fürsten und Pfleger,
Irr ich oder ist Wahrheit mein Wort? Doch die Seele gebeut mir's.
Schnell hertrabender Rosse Gestampf umtönt mir die Ohren.
Wenn doch Odysseus jetzt und der starke Held Diomedes
Hurtig daher von den Troern beflügelten stampfende Rosse!
Aber ich sorg im Herzen und fürchte mich, was sie betroffen,
[176] Argos' tapferste Helden, im lärmenden Troergetümmel!
Noch nicht ganz war geredet das Wort, da kamen sie selber,
Und sie schwangen herab auf die Erde sich; jene mit Freude
Reichten die Hände zum Gruß und redeten freundliche Worte.
Doch vor allen begann der gerenische reisige Nestor:
Sprich, preisvoller Odysseus, erhabener Ruhm der Achaier,
Wie doch diese Ross' ihr erbeutetet? Ob ihr ins Lager
Eindrangt oder vielleicht ein begegnender Gott sich euch darbot?
Wunderbar gleicht ihr Schimmer den leuchtenden Sonnenstrahlen!
Stets zwar schalt ich im troischen Heer und zaudere, mein ich,
Niemals gern bei den Schiffen, wiewohl ein grauender Krieger;
Doch nie hab ich Rosse wie die gesehn noch bemerket!
Aber gewiß hat euch ein begegnender Gott sie verliehen,
Denn es liebt euch beide der Herrscher im Donnergewölk Zeus
Und des allmächtigen Zeus blauäugige Tochter Athene.
Ihm antwortete drauf der erfindungsreiche Odysseus:
Nestor, Neleus' Sohn, du erhabener Ruhm der Achaier,
Leicht kann wahrlich ein Gott noch schönere Rosse denn diese,
Wenn's ihm gefällt, darbieten; denn weit gewaltiger sind sie!
Diese, Greis, wie du fragst, sind neuankommende Rosse,
Thrakische, deren Gebieter der tapfere Held Diomedes
Tötete, zwölf auch umher der edelsten Kriegesgefährten.
Zum dreizehnten annoch erschlugen wir, nahe den Schiffen,
Einen spähenden Mann, der Kundschaft unseres Heeres
Forschte, von Hektor gesandt und den anderen Fürsten der Troer.
Sprach's und lenkte den Graben hindurch die stampfenden Rosse,
Jauchzenden Muts; ihn begleiteten froh die andern Achaier.
Als sie nunmehr erreichten das schöne Gezelt Diomedes',
Banden sie dort die Rosse mit wohlgeschnittenen Riemen
Fest an die Kripp, allwo die anderen Rosse des Königs
Standen, geflügelten Laufs, mit lieblichem Weizen sich nährend.
Aber Odysseus legte die blutige Beute des Dolon
Hinten ins Schiff, bis sie könnten ein Dankfest weihn der Athene.
Drauf entwuschen sich beide den vielen Schweiß, in die Meerflut
Eingetaucht, von den Beinen, vom Hals umher und den Schenkeln.
Aber nachdem die Woge den vielen Schweiß der Arbeit
[177] Ganz den Gliedern entspült und ihr mutiges Herz sich erlabet,
Stiegen sie ein zum Bad in schöngeglättete Wannen.
Beide vom Bad erwärmt und gesalbt mit geschmeidigem Öle,
Saßen zum Frühmahl jetzt; und aus vollem Kruge sich schöpfend,
Gossen sie aus vor Athene des herzerfreuenden Weines.

11. Gesang

XI. Gesang.

Am Morgen rüstet sich Agamemnon und führt zur Schlacht. Hektor ihm entgegen. Vor Agamemnons Tapferkeit fliehn die Troer. Zeus vom Ida sendet dem Hektor Befehl, bis Agamemnon verwundet sei, den Kampf zu vermeiden. Der verwundete Agamemnon entweicht und Hektor dringt vor. Verwundet kehrt Diomedes zu den Schiffen; dann Odysseus, von Ajas aus der Umzingelung gerettet; dann Machaon und Eurypylos. Zu Nestor, der mit Machaon vorbeifuhr, sendet Achilleus den Patroklos zu fragen, wer der Verwundete sei. Patroklos, durch Nestors Rede gerührt, begegnet dem Eurypylos, führt ihn voll Mitleid ins Zelt und verbindet ihn.


Eos nunmehr aus dem Lager des hochgesinnten Tithonos

Hub sich, Göttern das Licht und sterblichen Menschen zu bringen.
Zeus nun sandte daher zu den rüstigen Schiffen Achaias
Eris, die schreckliche Göttin, das Zeichen des Kampfs in den Händen.
Und sie betrat des Odysseus gewaltiges dunkeles Meerschiff,
Welches die Mitt einnahm, daß beiderseits sie vernähmen,
Dort zu Ajas Gezelten hinab, des Telamoniden,
Dort zu des Peleionen, die beid an den Enden ihr Schiffheer
Aufgestellt, hochtrotzend auf Mut und Stärke der Hände.
Hier nun stand die Göttin und schrie, machtvoll und entsetzlich,
Laut an Achaias Heer und rüstete jeglichen Mannes
Busen mit Kraft, rastlos im Streite zu stehn und zu kämpfen.
Allen sofort schien süßer der Krieg, als wiederzukehren
In den gebogenen Schiffen zum lieben Lande der Väter.
Atreus' Sohn auch rief und ermahnete, schnell sich zu gürten,
Argos' Volk; auch deckt' er sich selbst mit blendendem Erze.
Eilend fügt' er zuerst um die Beine sich bergende Schienen
Blank und schön, anschließend mit silberner Knöchelbedeckung;
Weiter umschirmt' er die Brust ringsher mit dem ehernen Harnisch,
Welchen Kinyras einst zum Gastgeschenk ihm verliehen.
Denn er vernahm in Kypros den großen Ruf der Achaier,
[178] Daß sie vereint gen Troja hinaufzuschiffen beschlossen;
Darum schenkt' er ihm jenen, gefällig zu sein dem Beherrscher.
Ringsum wechselten zehn blauschimmernde Streifen des Stahles,
Zwölf aus funkelndem Gold und zwanzig andre des Zinnes;
Auch drei bläuliche Drachen erhuben sich gegen den Hals ihm
Beiderseits, voll Glanz wie Regenbogen, die Kronos'
Sohn in die Wolken gestellt, den redenden Menschen zum Zeichen.
Hierauf warf er das Schwert um die Schulter sich; goldene Buckeln
Leuchteten über das Heft, und die Kling umhüllte die Scheide
Silberhell, am Gehenk von strahlendem Golde befestigt.
Drauf den gewaltigen Schild, den ringsbedeckenden, hub er,
Schön von Kunst; ihm liefen umher zehn eherne Kreise.
Auch umblinkten ihn zwanzig von Zinn gewölbete Nabel,
Weiß, und der mittlere war von dunkeler Bläue des Stahles.
Auch die Schreckensgestalt der Gorgo drohete schlängelnd
Mit wutfunkelndem Blick, und umher war Graun und Entsetzen.
Silbern war des Schildes Gehenk, und gräßlich auf diesem
Schlängelt' ein bläulicher Drache dahin; drei Häupter des Scheusals
Waren umhergekrümmt, aus einem Halse sich windend.
Drauf umschloß er das Haupt mit des Helms viergipflichter Kuppel,
Von Roßhaaren umwallt, und fürchterlich winkte der Helmbusch.
Auch zwo mächtige Lanzen, gespitzt mit der Schärfe des Erzes,
Faßte der Held, daß ferne das Erz zum erhabenen Himmel
Leuchtete. Laut her donnerten nun Athenäa und Here,
Hoch zu ehren den König der golddurchstrahlten Mykene.
Jetzo gebot ein jeder dem eigenen Wagenlenker,
Dort am Graben die Ross' in geordneter Reihe zu halten.
Aber die Streiter zu Fuß, mit ehernen Waffen gerüstet,
Drangen voran, und laut erscholl ihr Geschrei in der Dämmrung.
Vor den Reisigen zogen sie nun, am Graben geordnet;
Nahe folgeten dann die Reisigen. Aber Getümmel
Tobte durchs Heer, von Kronion erregt, der hoch aus dem Äther
Tau mit Blute gesprengt ausschüttete; denn er gedachte
Viele tapfere Häupter hinabzusenden zum Ais.
Jenseits hielten die Troer geschart auf dem Hügel des Feldes;
Hektor der Große gebot und der edle Polydamas jenen,
Auch Äneias, geehrt wie ein Gott im Volke der Troer,
[179] Polybos auch und Agenor der Held und der mutige Jüngling
Akamas, Göttern gleich, drei tapfere Söhn' Agenors.
Hektor durchging die ersten mit rundgewölbetem Schilde.
So wie aus Nachtgewölk ein Stern zum Verderben hervorblickt,
Strahlend umher, dann wieder sich taucht in schattende Wolken:
Also erschien itzt Hektor, die vordersten rings durchwandelnd
Jetzo im äußersten Zug, und ordnete; ganz in dem Erze
Leuchtet' er, ähnlich dem Strahl des ägiserschütternden Vaters.
Siehe, nunmehr wie Schnitter, entgegenstrebend einander,
Grade das Schwad hinmähn auf der Flur des begüterten Mannes,
Weizen oder auch Gerst, und die sinkenden Bunde sich häufen:
Also stürmten die Troer und Danaer gegeneinander,
Mordend, nicht hier noch dort der verderblichen Flucht sich erinnernd.
Haupt an Haupt drang alles zur Feldschlacht, und wie die Wölfe
Tobten sie. Froh nun schaute die jammererregende Eris;
Denn sie allein war noch der Unsterblichen unter den Streitern,
Und kein anderer Gott gesellte sich, sondern geruhig
Saßen sie all in den eignen Behausungen, dort wo für jeden
Prangt' ein schöner Palast auf den steigenden Höhn des Olympos.
Alle tadelten sie den schwarzumwölkten Kronion,
Weil er beschloß, den Troern des Sieges Ruhm zu verleihen.
Doch nicht achtete dessen der Donnerer; ferne gesondert
Schied er hinweg von den andern und setzte sich, freudigen Trotzes,
Weit umschauend der Troer Stadt und die Schiffe Achaias,
Und den Glanz des Erzes und Würgende rings und Erwürgte.
Weil noch Morgen es war und der heilige Tag emporstieg,
Hafteten jeglichen Heeres Geschoss', und es sanken die Völker.
Doch wenn ein Mann, holzhauend im Forst, sein Mahl sich bereitet
An des Gebirges Abhängen, nachdem er die Arme gesättigt,
Ragende Bäume zu haun, und Unlust drang in die Seele,
Und nach erquickender Kost sein Herz vor Verlangen ihm schmachtet:
Jetzo mit Kraft durchbrachen die Danaer kühn die Geschwader,
Rufend den Freunden umher in den Ordnungen. Sieh, Agamemnon
Stürmte voran und entraffte den Völkerhirten Bianor,
Ihn, und darauf den Genossen, den Wagenlenker Oileus.
Dieser schwang sich herab vom Wagengeschirr und bestand ihn;
Doch in des grad Anstrebenden Stirn mit spitziger Lanze
[180] Stach er, und nicht verwehrte des Helms erzlastende Kuppel,
Sondern sie drang durch Erz und Schädel ihm und sein Gehirn ward
Ganz mit Blute vermischt; so bändigt' er jenen im Angriff.
Sie nun ließ er daselbst, der Völkerfürst Agamemnon,
Nackt die schimmernden Brüste nach abgehülleten Panzern,
Eilte sodann auf Isos und Antiphos, gierig des Mordes,
Söhne des Priamos beid, unecht und ehelich, beide
Stehend in einem Geschirr. Der Bastard lenkte die Zügel,
Antiphos stand zum Kampfe, der Herrliche; sie, die Achilleus
Einst auf Idas Höhn mit weidenen Gerten gefesselt,
Als er hütend der Schafe sie fand, und um Lösung befreiet.
Aber des Atreus Sohn, der Völkerfürst Agamemnon,
Jenem über der Warze durchschoß er die Brust mit der Lanze;
Antiphos haut' er am Ohr mit dem Schwert und stürzt' ihn vom Wagen.
Schnell entzog er darauf der Getöteten prangende Rüstung,
Kennend beid; er sah sie vordem bei den rüstigen Schiffen,
Als sie vom Ida geführt der mutige Renner Achilleus.
So wie ein Leu der Hindin noch unbehilfliche Kinder
Leicht nacheinander zermalmt, mit mächtigen Zähnen sie fassend,
Wann er im Lager sie traf und ihr blühendes Leben entreißet
(Jene, wie nahe sie ist, vermag nicht ihnen zu helfen,
Denn ihr selbst erbeben von schrecklicher Angst die Gebeine;
Eilenden Laufs entflieht sie durch dichtes Gebüsch und durch Waldung,
Rastlos, triefend von Schweiß vor der Wut des mächtigen Raubtiers):
Also konnt itzt keiner des troischen Volks vom Verderben
Jene befrein; auch selber vor Argos' Söhnen entflohn sie.
Jetzo den kriegesfrohen Hippolochos und den Pisandros,
Beid Antimachos' Söhne, des waltenden, welcher am meisten
Drang, vom Gold Alexandros', den glänzenden Gaben, betöret,
Helena nicht zu geben dem bräunlichen Held Menelaos:
Dessen Söhne nun traf der Völkerfürst Agamemnon,
Beid auf einem Geschirr, die hurtigen Rosse bezähmend;
Denn es entflohn den Händen die purpurschimmernden Zügel,
Und sie tummelten wild. Da stürzt' er heran wie ein Löwe,
Atreus' Sohn, und sie flehten ihm hingeschmiegt vom Wagen:
Fah uns, Atreus' Sohn, und nimm dir würdige Lösung.
Viel der Kleinode ruhn in Antimachos' hohem Palaste,
[181] Erz und Goldes genug und schöngeschmiedetes Eisen.
Hievon reicht der Vater dir gern unermeßliche Lösung,
Wenn er uns noch lebend vernimmt bei den Schiffen Achaias.
Also fleheten sie mit freundlichen Worten den König
Weinend an; da erscholl die unbarmherzige Stimme:
Hat Antimachos denn, der waltende Held, euch gezeuget,
Welcher im Rat einst hieß, daß Trojas Volk Menelaos,
Als er gesandt hinkam mit dem göttergleichen Odysseus,
Dort erschlüg und sie nicht heimsendete zu den Achaiern:
Auf, so büßt mir jetzo des Vaters schändlichen Frevel.
Sprach's und stürzte Pisandros vom Wagengeschirr auf die Erde,
Werfend den Speer in die Brust, daß zurück auf den Boden er hinsank.
Aber Hippolochos sprang von dem Sitz; da erschlug er ihn unten,
Weg mit dem Schwerte die Händ' und das Haupt von der Schulter ihm hauend;
Ließ dann rollen den Rumpf, wie ein Mörser gewälzt im Getümmel.
Jene verließ er, und dort, wo am dichtesten drängten die Haufen,
Stürzt' er hinein, begleitet von hellumschienten Achaiern.
Fußvolk mordete nun Fußvolk, das gezwungen zurückfloh,
Reisige nun der Reisigen Schar (und wölkender Staub stieg
Aus dem Gefild, erregt von den donnernden Hufen der Rosse),
Tötendes Erz nachschwingend. Doch Atreus' Sohn Agamemnon,
Immer verfolgt' er mordend und rief den Männer von Argos.
Wie wenn vertilgendes Feuer in nie gehauene Waldung
Fällt, dann wirbelnd der Sturm es umherträgt und bis zur Wurzel
Stämm' und Gezweig hinsinken, gerafft von des Feuerorkans Wut:
Also vor Atreus' Sohn Agamemnon sanken die Häupter
Fliehender Troer umher, und viel hochwiehernde Rosse
Rasselten, leer die Geschirre, dahin durch die Pfade des Treffens,
Ihrer untadligen Lenker beraubt, die zerstreut im Gefilde
Lagen, den Geiern anitzt weit lieblicher als den Vermählten.
Hektor entzog aus Geschossen der Donnerer und aus dem Staube,
Aus dem Gewürge der Schlacht, aus strömendem Blut und Getümmel.
Doch ihm folgt' Agamemnon, mit Macht die Achaier ermunternd.
Jene flohn zu dem Male des alten dardanischen Ilos
Mitten durch das Gefild, an dem Feigenbaume vorüber
Sehnsuchtsvoll nach der Stadt; doch stets lautschreiend verfolgt' er,
[182] Atreus' Sohn, mit Blut die unnahbaren Hände besudelt.
Als sie nunmehr dem skäischen Tor und der Buche genahet,
Standen sie endlich still und erwarteten einer den andern.
Stets durchs Gefild her stürzten die Flüchtlinge, scheu wie die Rinder,
Welche der Löwe verscheucht in dämmernder Stunde des Melkens,
Alle zugleich (doch der einen erscheint das grause Verderben;
Ihr nun bricht er den Nacken, mit mächtigen Zähnen sie fassend
Erst, dann schlürft er das Blut und die Eingeweide hinunter):
Also verfolgte sie Atreus' gewaltiger Sohn Agamemnon,
Immerdar hinstreckend den äußersten; und sie entflohen.
Vorwärts taumelten viel und rückwärts viele vom Wagen
Unter der Hand des Atreiden; so tobt' er voran mit der Lanze.
Aber da bald er nunmehr zur Stadt und türmenden Mauer
Nahete, siehe, der Vater des Menschengeschlechts und der Götter
Setzte sich nun auf den Gipfel des quellenströmenden Ida,
Nieder vom Himmel gesenkt, den flammenden Blitz in den Händen.
Schnell nun entsandt er als Botin die goldgeflügelte Iris:
Eile mir, hurtige Iris, dem Hektor das Wort zu verkünden.
Weil er sieht, daß annoch der Völkerhirt Agamemnon
Tobt in dem Vordergewühl und die Reihn der Männer vertilget,
Weich er selber zurück; doch dem anderen Volke gebiet er,
Gegen den Feind zu kämpfen im Ungestüme der Feldschlacht.
Aber sobald ein Speer ihn verwundete oder ein Pfeilschuß,
Daß er den Wagen besteigt, dann rüst ich jenen mit Stärke,
Niederzuhaun, bis er naht den schöngebordeten Schiffen,
Bis die Sonne sich senkt und heiliges Dunkel heraufzieht.
Jener sprach's; ihm gehorchte die windschnell eilende Iris,
Schwebte von Idas Höhn zur heiligen Ilios nieder,
Fand des waltenden Priamos Sohn, den göttlichen Hektor,
Stehn auf rossebespanntem und wohlgefügetem Wagen;
Nahe dann trat und begann die leichthinschwebende Iris:
Hektor, Priamos' Sohn, dem Zeus an Rate vergleichbar,
Zeus entsendete mich, dir dieses Wort zu verkünden.
Weil du siehst, daß annoch der Völkerhirt Agamemnon
Tobt in dem Vordergewühl und die Reihn der Männer vertilget,
Weiche du selber zurück, doch gebeut dem anderen Volke,
Gegen den Feind zu kämpfen im Ungestüme der Feldschlacht.
[183] Aber sobald ein Speer ihn verwundete oder ein Pfeilschuß,
Daß er den Wagen besteigt, dann rüstet er dich mit Stärke,
Niederzuhaun, bis du nahst den schöngebordeten Schiffen,
Bis die Sonne sich senkt und heiliges Dunkel heraufzieht.
Also sprach und entflog die leichthinschwebende Iris.
Hektor vom Wagen herab mit den Rüstungen sprang auf die Erde.
Schwenkend die spitzigen Lanzen, durchwandelt' er alle Geschwader,
Rings ermahnend zum Kampf, und erweckte die tobende Feldschlacht.
Jene nun wandten die Stirn und begegneten kühn den Achaiern.
Argos' Söhn' auch drüben verstärkten die Macht der Geschwader,
Neu begann das Gefecht; eindrangen sie, doch Agamemnon
Stürmte voraus, denn er wollte der Vorderste kämpfen vor allen.
Sagt mir anitzt, ihr Musen, olympische Höhen bewohnend:
Welcher kam zuerst Agamemnons Händen entgegen
Unter den Troern selbst und den rühmlichen Bundesgenossen?
Erst Antenors Sohn Iphidamas, groß und gewaltig,
Aufgenährt in Thrake, der scholligen Mutter der Schafe.
Kisseus der Ahn erzog ihn als Kind in seinem Palaste,
Welcher Theano gezeugt, Iphidamas' rosige Mutter.
Aber nachdem er das Ziel der rühmlichen Jugend er reichet,
Jetzo behielt ihn der Ahn und gab ihm die blühende Tochter.
Neuvermählt dann folgt' er dem großen Ruf der Achaier
Aus dem Gemach, mit zwölf schönprangenden Schiffen des Meeres;
Ließ darauf in Perkope zurück die schwebenden Schiffe,
Aber zu Fuß hinwandelnd erreicht' er Ilios' Mauern.
Dieser begegnete jetzt des Atreus Sohn' Agamemnon.
Als nunmehr sich genaht die Eilenden gegeneinander,
Jetzo verfehlt' Agamemnon und seitwärts flog ihm die Lanze.
Aber Iphidamas stieß auf den Gurt ihm, unter dem Panzer,
Kraftvoll, drängte dann nach, der nervichten Rechten vertrauend.
Dennoch nicht durchbohrt' er den schöngetriebenen Gürtel,
Sondern, vom Silber gehemmt, verbog wie Blei sich die Spitze.
Schleunig ergriff die Lanze der herrschende Held Agamemnon,
Zog sie heran mit Gewalt, wie ein Berglöw, und aus der Hand ihm
Riß er sie, schwang in den Nacken das Schwert und löst' ihm die Glieder.
Also sank er daselbst und schlief den ehernen Schlummer,
Mitleidswert, von der Gattin getrennt, für die Seinigen kämpfend,
[184] Ihr, die jugendlich nicht ihm belohnt die großen Geschenke;
Hundert Rinder schenkt' er zuerst und gelobte dem Schwäher
Tausend Ziegen und Schaf' aus seinen unzähligen Herden.
Ihn entwaffnete jetzt des Atreus Sohn Agamemnon,
Trug dann einher durch der Danaer Reihn die prangende Rüstung.
Aber da jetzt ihn Koon ersah, der gepriesenste Kämpfer,
Er, Antenors älterer Sohn, da umhüllt' ihm die Augen
Überschwenglicher Gram um den hingesunkenen Bruder.
Seitwärts genaht mit dem Speer und unbemerkt Agamemnon,
Stach er ihm in die Mitte des Arms, dicht unter der Beugung,
Daß ihn grade durchdrang die schimmernde Spitze des Erzes.
Schauer ergriff nun plötzlich den herrschenden Held Agamemnon;
Dennoch rastet' er nicht vom Kampf und Schlachtengetümmel,
Sondern er stürzt' auf Koon mit sturmgenähreter Lanze.
Jener zog den Iphidamas nun, den leiblichen Bruder,
Eifrig am Fuße gefaßt, und rief den Tapfersten allen.
Doch wie er zog im Gedränge, verwundet ihn unter dem Schilde
Jener mit erzgerüstetem Schaft und löst' ihm die Glieder;
Hieb dann über dem Bruder das Haupt von der Schulter, ihm nahend.
So vom Atreiden besiegt, dem Könige, fanden Antenors
Beide Söhn' ihr Verhängnis und sanken in Aides' Wohnung.
Aber jener durchflog noch andere Scharen der Männer,
Mordend mit Lanz und Schwert und gewaltigen Steinen des Feldes,
Weil ihm das Blut noch warm aus offener Wund hervordrang.
Aber sobald ihm stockte das Blut in erharschender Wunde,
Heftiger Schmerz nun faßte den Heldenmut Agamemnons.
Wie der Gebärerin Seele der Pfeil des Schmerzes durchdringet,
Herb und scharf, den gesandt hartringende Eileithyen,
Sie, der Here Töchter, von bitteren Wehen begleitet:
Also faßte der Schmerz den Heldenmut Agamemnons.
Und er sprang in den Sessel, dem Wagenlenker gebietend,
Schnell zu den Schiffen zu kehren; denn unmutsvoll war das Herz ihm.
Laut nun scholl sein durchdringender Ruf in das Heer der Achaier:
Freunde, des Volks von Argos erhabene Fürsten und Pfleger,
Ihr nun hemmt zurück von den meerdurchwandelnden Schiffen
Diesen entsetzlichen Streit, da mir Zeus' waltende Vorsicht
Nicht gewährt, die Troer den ganzen Tag zu bekämpfen!
[185] Sprach's. Da geißelte jener die schöngemähneten Rosse
Hin zu den räumigen Schiffen, und nicht unwillig entflohn sie.
Beide mit schäumender Brust und besprengt von unten mit Staube
Trugen sie fern aus der Schlacht den qualenduldenden König.
Aber wie Hektor ersah, daß Atreus' Sohn sich entfernte,
Rief er den Troern zugleich und Lykiern, laut ermahnend:
Troer und Lykier ihr und Dardaner, Kämpfer der Nähe,
Seid nun Männer, o Freund', und gedenkt des stürmenden Mutes!
Fern ist der tapferste Mann, und mir gibt herrlichen Siegsruhm
Zeus der Kronid! Auf, grade gelenkt die stampfenden Rosse
Gegen der Danaer Helden, daß höheren Ruhm ihr gewinnet!
Jener sprach's und erregte zu Mut und Stärke die Männer.
Wie wenn oft ein Jäger die Schar weißzahniger Hunde
Reizt auf den grimmigen Eber des Waldtals oder den Löwen,
So auf die Danaer reizte die edelmütigen Troer
Hektor, Priamos' Sohn, dem mordenden Ares vergleichbar.
Selbst voll trotzenden Muts, durchwandelt' er vorn das Getümmel,
Stürzte sich dann in die Schlacht wie ein hochherbrausender Sturmwind.
Der in gewaltigem Sturz die dunkelen Wogen empöret.
Welchen streckte zuerst und welchen zuletzt in den Staub hin
Hektor, Priamos' Sohn, da ihm Zeus Ehre verliehen?
Erst Assäos den Held, Autonoos dann und Opites,
Dolops, Klytios' Sohn, und Opheltios, auch Agelaos,
Oros, Äsymnos sodann und Hipponoos, freudig zur Feldschlacht.
Diese Gebieter entrafft' er den Danaern, würgte dann weiter
Unter dem Volk, wie der West auseinander wirrt die Gewölke
Vom blaßschauernden Süd, mit dichtem Sturm sie verdrängend
(Häufig wälzt hochbrandend die Woge sich, aber emporspritzt
Weißer Schaum, vor dem Stoße der vielfachzuckenden Windsbraut):
So rings stürzten vor Hektor bezwungene Häupter des Volkes.
Jetzt wär entschieden der Kampf und unheilbare Taten vollendet
Und in die Schiffe gedrängt das fliehende Heer der Achaier,
Hätte nicht den Tydeiden ermahnt der Dulder Odysseus:
Tydeus' Sohn, wie vergessen wir doch des stürmen den Mutes?
Auf, tritt näher, mein Freund, steh neben mir! Schande ja wär es,
Wenn er die Schiff' einnähme, der helmumflatterte Hektor!
Ihm antwortete drauf der starke Held Diomedes:
[186] Gerne beharr ich allhier und dulde noch; aber nur wenig
Fruchtet unsere Kraft; denn der Herrscher im Donnergewölk Zeus
Will die Troer mit Sieg verherrlichen vor den Achaiern!
Sprach's und warf Thymbräos vom Wagen herab auf die Erde,
Links durchschmetternd die Brust mit dem Wurfspieß; aber Odysseus
Traf den edlen Molion, des Königes Wagengenossen.
Jene ließen sie dort ausruhn von der kriegrischen Arbeit,
Drangen hinein ins Getümmel und wüteten. Wie wenn die Eber
Unter die Hunde der Jagd hochtrotzenden Mutes sich stürzen:
Also durchtobten den Feind die Gewendeten; und die Achaier
Freuten sich aufzuatmen, gescheucht von dem göttlichen Hektor.
Jetzt war erhascht ein Geschirr; zween tapferste Männer des Volkes
Trug es, von Merops erzeugt, dem Perkosier, welcher vor allen
Fernes Geschick wahrnahm und nie den Söhnen verstattet,
Einzugehn in den Krieg, den verderblichen; aber sie hörten
Nicht sein Wort, denn sie führte des dunkelen Todes Verhängnis.
Diesen kam der Tydeide, der Schwinger des Speers Diomedes,
Raubete Geist und Leben und trug die prangende Rüstung.
Doch des Hippodamas Wehr und Hypeirochos' nahm sich Odysseus.
Nun ließ schweben die Schlacht im Gleichgewichte Kronion,
Schauend von Idas Höhn; und sie würgten sich untereinander.
Siehe, den Päoniden Agastrophos traf Diomedes,
Stoßend mit eherner Lanz, am Hüftbein, denn sein Gespann war
Nicht ihm nah zu entfliehn; so groß war des Geistes Betörung!
Abwärts hielt der Genoß den Wagen ihm; aber er selber
Tobte zu Fuß durch das Vordergewühl, bis sein Leben dahin war.
Doch wie sie Hektor ersah durch die Ordnungen, stürmt' er auf jene
Her mit Geschrei; ihm folgten zugleich Heerscharen der Troer.
Ihn erblickt' aufschauend der Rufer im Streit Diomedes,
Wandte sich schnell und begann zu Odysseus, der ihm genaht war:
Schau, dort wälzt das Verderben sich her, der gewaltige Hektor!
Aber wohlan, wir bleiben und widerstehn unerschüttert!
Sprach's, und im Schwung entsandt er die weithinschattende Lanze,
Traf und verfehlete nicht, auf das Haupt dem Kommenden zielend,
Oben die Kuppel des Helms, doch prallte das Erz von dem Erze,
Eh es die schöne Haut ihm berührt'; denn es wehrte der Helm ab,
Dreifach, länglich gespitzt, ihm geschenkt von Phöbos Apollon.
[187] Hektor flog unermeßlich zurück, in die Scharen sich mischend,
Und er entsank hinkniend und stemmte die nervichte Rechte
Gegen die Erd, und die Augen umzog die finstere Nacht ihm.
Aber indes der Tydeide den Schwung der Lanze verfolgte,
Fern durch das Vordergewühl, wo sie nieder ihm schoß in den Boden,
Kehrete Hektors Geist, und schnell in den Sessel sich schwingend,
Jagt' er hinweg ins Gedräng und vermied das schwarze Verhängnis.
Doch mit dem Speer nachstürmend, begann der Held Diomedes:
Wieder entrannst du dem Tode, du Hund! Schon nahte Verderben
Über dein Haupt, allein dich errettete Phöbos Apollon,
Den du gewiß anflehst, ins Geklirr der Geschosse dich wagend!
Doch bald mein ich mit dir zu endigen, künftig begegnend,
Würdiget anders auch mich ein unsterblicher Gott zu begleiten!
Jetzo eil ich umher zu den übrigen, wen ich erhasche!
Sprach's, und Päons Sohne, dem Tapferen, raubt' er die Rüstung.
Aber der Held Alexandros, der lockigen Helena Gatte,
Richtet' auf Tydeus' Sohn das Geschoß, den Hirten der Völker,
Hinter die Säule geschmiegt auf dem männerbereiteten Grabmal
Ilos' des Dardaniden, des vormals waltenden Greises.
Jener entriß dem starken Agastrophos eilend des Panzers
Künstlichen Schmuck von der Brust und den mächtigen Schild von den Schultern,
Samt dem gewichtigen Helm. Da zog er den Bügel des Hornes,
Schoß und traf, nicht umsonst den Pfeil von der Nerve versendend,
Unten den rechten Fuß; und das Erz, durch die Sohle gedrungen,
Bohrt' in den Boden hinein. Doch er mit behaglicher Lache
Sprang aus dem Hinterhalt und rief lautjauchzend die Worte:
Ha, das traf! Nicht umsonst mir entflog das Geschoß! O wie gerne
Hätt ich die Weiche des Bauchs dir durchbohrt und das Leben entrissen!
Dann vermöchten die Troer nun aufzuatmen von Drangsal,
Welche du wild hinscheuchst wie ein Leu die meckernden Ziegen!
Drauf begann unerschrocken der starke Held Diomedes:
Lästerer, Bogenschütz, pfeilprangender, Mädchenbeäugler!
Wenn du mit offener Gewalt in Rüstungen wider mich kämest,
Wenig frommte dir wohl dein Geschoß und die häufigen Pfeile.
Jetzt da du leicht den Fuß mir ritzetest, prahlest du eitel.
Nichts gilt mir's, als träf ein Mädchen mich oder ein Knäblein!
Kraftlos spielt das Geschoß des nichtgeachteten Weichlings!
[188] Traun, wohl anders von mir, und ob nur ein wenig es fasse,
Dringt ein scharfes Geschoß, und sofort zu den Toten gesellt es!
Seiner Vermählten daheim sind umher zerrissen die Wangen
Und die Kinder verwaist; mit Blut die Erde befleckend,
Modert er, und des Gevögels umschwärmt ihn mehr denn der Weiber!
Jener sprach's; doch Odysseus, der Lanzenschwinger, sich nahend,
Trat vor ihn; nun saß er geschirmt und zog sich den schnellen
Pfeil aus dem Fuß, und der Schmerz durchdrang ihm heftig die Glieder.
Und er sprang in den Sessel, dem Wagenlenker gebietend,
Schnell zu den Schiffen zu kehren; denn unmutsvoll war das Herz ihm.
Einsam war nun Odysseus, der Lanzenschwinger, und niemand
Harrt' um ihn der Achaier; denn Furcht verscheuchte sie alle.
Tief erseufzt' er und sprach zu seiner erhabenen Seele:
Wehe, was soll mir geschehn! O Schande doch, wenn ich entflöhe,
Fort durch Menge geschreckt! Doch entsetzlicher, wenn sie mich fingen
Einsam hier; denn die andern der Danaer scheuchte Kronion!
Aber warum bewegte das Herz mir solche Gedanken?
Weiß ich ja doch, daß Feige von dannen gehn aus dem Kampfe!
Doch wer edel erscheint in der Feldschlacht, diesem gebührt es,
Tapfer den Feind zu bestehn, er treffe nun oder man treff ihn!
Als er solches erwog in des Herzens Geist und Empfindung,
Zogen bereits die Troer heran in geschildeten Schlachtreihn;
Und sie umschlossen ihn rings, ihr Unheil selber umzingelnd.
Wie auf den Eber umher die Hund' und die blühenden Jäger
Stürzen (er wandelt hervor aus tiefverwachsenem Dickicht,
Wetzend den weißen Zahn im zurückgebogenen Rüssel;
Rings nun stürmen sie an, und wild mit klappenden Hauern
Wütet er; dennoch bestehn sie zugleich, wie schrecklich er drohet):
Also dort um Odysseus den Göttlichen stürzten sich ringsher
Troer. Doch jener zuerst dem untadligen Deiopites
Stach er die Schulter von oben, mit spitziger Lanz ihn ereilend:
Auch den Thoon darauf und Ennomos streckt' er in Blut hin;
Auch dem Chersidamas rannt' er, der schnell vom Wagen herabsprang,
Unter dem bucklichten Schild den scharfen Speer in den Nabel
Tief; und er sank in den Staub, mit der Hand den Boden ergreifend.
Jene verließ er, und Hippasos' Sohn mit der Lanze durchstach er,
Charops, den leiblichen Bruder des wohlentsprossenen Sokos.
[189] Ihm ein Helfer zu sein, wie ein Gott, kam Sokos gewandelt;
Nahe trat er hinan und sprach zu jenem die Worte:
O preisvoller Odysseus, an List unerschöpft und an Arbeit,
Heut ist entweder dein Ruhm, daß Hippasos' Söhne du beide,
Solche Männer, dahingestreckt und die Waffen erbeutet,
Oder, von meiner Lanze durchbohrt, verlierst du das Leben!
Jener sprach's und stieß auf des Schildes geründete Wölbung.
Siehe, den strahlenden Schild durchschmetterte mächtig die Lanze;
Auch in das Kunstgeschmeide des Harnisches drang sie geheftet,
Ganz dann entriß sie die Haut von den Rippen ihm; aber Athene
Wehrte dem Erz zu dringen ins Eingeweide des Mannes.
Doch wie Odysseus erkannt, nicht tödlich sei das Geschoß ihm,
Wich er ein wenig zurück und sprach zu Sokos die Worte:
Unglückseliger, traun, dich ergreift nun grauses Verderben!
Zwar mich hast du gehemmt, der Troer Volk zu bekämpfen,
Doch dir meld ich allhier den Tod und das schwarze Verhängnis,
Diesen Tag dir bestimmt; von meiner Lanze gebändigt,
Gibst du mir Ruhm und die Seele dem Sporner der Gäul' Aidoneus.
Sprach's, und jener zur Flucht hinweggewendet enteilte.
Doch dem Gewendeten schoß er den ehernen Speer in den Rücken,
Zwischen der Schulterbucht, daß vorn aus dem Busen er vordrang;
Dumpf hinkracht' er im Fall, und es rief frohlockend Odysseus:
Sokos, Hippasos' Sohn, des feurigen Rossebezähmers,
Siehe, der endende Tod erhaschte dich, und du entrannst nicht!
Wehe dir, nicht dein Vater und deine liebende Mutter
Drücken die Augen dir zu, dem Sterbenden, sondern des Raubes
Vögel zerhacken dich bald, mit den Fittichen froh dich umflatternd!
Sterb auch ich, dann schmücken mein Grab die edlen Achaier!
Jener sprach's, und den mächtigen Speer des erhabenen Sokos
Zog er hervor aus der Wund und dem hochgenabelten Schilde.
Blut nun schoß dem entzogenen nach und schwächte das Herz ihm.
Doch wie die mutigen Troer das Blut des Königes schauten,
Riefen sie laut einander und wandelten gegen ihn alle.
Aber Odysseus wich dem Gedräng und schrie zu den Freunden.
Dreimal schrie er empor, wie die Brust aushallet des Mannes,
Dreimal vernahm das Geschrei der streitbare Held Menelaos.
Schnell begann er und sprach zu Ajas, der ihm genaht war:
[190] Ajas, göttlicher Sohn des Telamon, Völkergebieter,
Eben umscholl Odysseus' des Duldenden fernes Geschrei mich,
Jenem gleich, als drängten den einsam Verlassenen etwa
Troer, den Weg abschneidend im Ungestüme der Feldschlacht.
Auf, wir gehn durchs Getümmel; denn ihm zu helfen geziemt uns.
Daß nur nichts ihm begegne, dem Einsamen unter den Troern,
Stark wie er sei, und schmerzlich der Danaer Volk ihn vermisse!
Sprach's und ging; ihm folgte der götterähnliche Streiter.
Und sie erreichten Odysseus den herrlichen; um ihn gedrängt war
Troergewühl. So wie oft rotgelbe Schakal' im Gebirge
Um den gehörneten Hirsch, den verwundeten, welchen ein Jäger
Traf mit der Senne Geschoß (ihm zwar entrann er im Laufe
Fliehend, dieweil warm strömte das Blut und die Knie sich regten;
Aber sobald nun der Schmerz des geflügelten Pfeils ihn gebändigt,
Dann zerreißen Schakal' im Gebirg ihn, gierig des Fleisches,
Tief im schattigen Hain; doch ein Leu, vom Dämon gesendet,
Naht grimmvoll; es entfliehn die Schakal', und jener verschlingt nun):
Also dort um Odysseus, den feurigen Held voll Erfindung,
Drangen viel der Troer und tapfere. Aber der Held schwang
Seine Lanz und wehrte dem grausamen Todestage.
Ajas, jetzo genaht, den türmenden Schild vortragend,
Trat zu ihm, und die Troer entzitterten hiehin und dorthin.
Jenen führt' an der Hand der streitbare Held Menelaos
Aus dem Gewühl, bis die Rosse der Wagengenoß ihm genähert.
Ajas sprang in der Troer Gedräng und entraffte Doryklos,
Priamos' Nebensohn; und darauf auch den Pandokos stürzt' er,
Stürzte Lysandros dahin und Pyrasos und den Pylartes.
Wie wenn hochgeschwollen ein Strom in das Tal sich ergießet
Strudelnd im Herbst vom Gebirg, indem Zeus' Regen ihn fortdrängt
(Viel der dorrenden Eichen alsdann, viel Kiefergehölz auch
Wälzt er hinab und viel des trübenden Schlamms in die Salzflut):
Also durchtobt' hinstürzend das Feld der strahlende Ajas,
Bahn durch Männer sich hauend und Reisige. Aber noch hört' es
Hektor nicht; denn er kämpft' an der linken Seite des Treffens,
Längs dem Gestade des Stroms Skamandros, dort wo am meisten
Taumelten Häupter der Männer und graunvoll brüllte der Schlachtruf
Um den erhabnen Idomeneus her und den mutigen Nestor.
[191] Hektor schaltete dort mit den Danaern; schreckliche Taten
Übt' er mit Speer und Wagen, der Jünglinge Reihen verwüstend.
Dennoch wären ihm nicht Achaias Helden gewichen,
Hätte nicht Alexandros, der lockigen Helena Gatte,
Mitten im Streite gehemmt den Völkerhirten Machaon,
Mit dreischneidigem Pfeil ihm rechts die Schulter verwundend.
Seinethalb erschraken die mutbeseelten Achaier,
Sorgend, es möchte der Feind in gewendeter Schlacht ihn ermorden.
Und Idomeneus sprach zum göttlichen Nestor in Eile:
Nestor, Neleus' Sohn, du erhabener Ruhm der Achaier,
Hurtig, betritt dein Wagengeschirr; auch betret es Machaon
Neben dir; dann zu den Schiffen gelenkt die stampfenden Rosse!
Denn ein heilender Mann ist wert wie viele zu achten,
Der ausschneidet den Pfeil und mit lindernder Salbe verbindet.
Sprach's, und ihm folgete gern der gerenische reisige Nestor.
Schnell betrat er sein Wagengeschirr, auch betrat es Machaon,
Er, Asklepios' Sohn, des unvergleichbaren Arztes.
Treibend schwang er die Geißel, und rasch hinflogen die Rosse
Zu den geräumigen Schiffen; denn dorthin wünschten sie herzlich.
Aber Kebriones sah der troischen Männer Getümmel,
Hektors Wagengenoß, und redete, also beginnend:
Hektor, wir beide sind hier mit Danaerscharen beschäftigt,
Fern am Ende der brüllenden Schlacht; doch die übrigen Troer
Tummeln dort durcheinander gewirrt, die Gespann' und sie selber.
Ajas durchtobt das Gewühl, der Telemonid; ich erkenn ihn,
Denn breit ragt sein Schild an der Schulter ihm. Wenn wir denn itzo
Dorthin Ross' und Wagen beflügelten, wo nun am meisten
Streiter zu Fuß und zu Wagen, im schrecklichen Kampf sich begegnend,
Rings einander ermorden, und graunvoll brüllet der Schlachtruf!
Sprach's und geißelte rasch das Gespann schönmähnichter Rosse
Mit hellknallendem Schwung; doch sie, der Geißel gehorchend,
Trugen das schnelle Geschirr durch Troer dahin und Achaier,
Stampfend auf bäuchige Schild' und Leichname; unten besudelt
Troff die Achse von Blut und die zierlichen Ränder des Sessels,
Welchen jetzt von der Hufe Gestampf anspritzten die Tropfen,
Jetzt von der Räder Beschlag. So strebte der Held in der Männer
Dichtes Gewühl, zu zerstreuen, wo er stürmete! Grauses Getümmel
[192] Bracht er dem Volk der Achaier und rastete wenig vom Speere.
Aber stets durchflog er der anderen Männer Geschwader,
Mordend mit Lanz und Schwert und gewaltigen Steinen des Feldes;
Ajas nur vermied er im Kampf, den Telamoniden;
Denn ihm eiferte Zeus, wann den stärkeren Mann er bekämpfte.
Zeus der Allmächtige sandte nun Furcht in die Seele des Ajas.
Starrend stand und warf er den lastenden Schild auf die Schulter,
Flüchtete dann, umschauend im Männergewühl, wie ein Raubtier,
Rückwärts häufig gewandt, mit langsam wechselnden Knien.
Wie wenn den gelblichen Leun vom verschlossenen Rindergehege
Oftmals Hund' abscheuchen und landbewohnende Männer,
Welche nicht ihm gestatten, das Fett der Rinder zu rauben,
Ganz durchwachend die Nacht (er dort, nach Fleische begierig,
Rennt grad an, doch er wütet umsonst; denn häufige Speere
Fliegen ihm weit entgegen, von mutigen Händen geschleudert,
Auch hellodernde Bränd', und er zuckt im stürmenden Angriff,
Scheidet dann frühmorgens hinweg mit bekümmertem Herzen):
Also ging nun Ajas mit traurendem Geist von den Troern,
Sehr ungern, denn er sorgte voll Angst um der Danaer Schiffe.
Wie wenn am Feld ein Esel geführt obsieget den Knaben
Trägen Gangs, auf welchem schon viel der Stecken zertrümmert
(Aber er frißt eindringend die tiefe Saat, und die Knaben
Schlagen umher mit Stecken; doch schwach ist die Stärke der Kinder,
Und sie vertreiben ihn kaum, nachdem er mit Fraß sich gesättigt):
Also schwärmt' um den Held, den Telamonier Ajas,
Mutiger Troer Gewühl und fernberufener Helfer,
Die auf den Schild die Lanzen ihm schmetterten, immer verfolgend.
Aber bald gedachte der Held des stürmenden Mutes,
Wieder das Antlitz gewandt, und zwang die dichten Geschwader
Reisiger Troer zurück; bald kehrt' er von neuem zur Flucht um.
Allen indes verwehrt' er den Weg zu den rüstigen Schiffen,
Denn er selbst, in der Troer und Danaer Mitte sich stellend,
Wütete; aber die Speere, von mutigen Händen geschleudert,
Hafteten teils anprallend im siebenhäutigen Stierschild,
Viel auch im Zwischenraume, den schönen Leib nicht erreichend,
Standen empor aus der Erde, voll Gier, im Fleische zu schwelgen.
Als ihn Eurypylos jetzt, der glänzende Sohn des Euämon,
[193] Schauete, dicht umdrängt vom Ungestüm der Geschosse,
Stand er zu jenem genaht und schwang den blinkenden Wurfspieß
Und traf Phausias' Sohn, den Hirten des Volks Apisaon,
Unter der Brust in die Leber, und stracks ihm löst' er die Glieder.
Schnell dann sprang er hinzu und raubte die Wehr von den Schultern.
Aber sobald ihn ersah der göttliche Held Alexandros,
Wie er die Waffen entzog dem Getöteten, spannt' er den Bogen
Gegen Eurypylos schnell und schoß in die Lende den Pfeil ihm
Rechts hinein; und das Rohr brach ab und beschwert' ihm die Lende.
Schnell in der Freunde Gedräng' entzog er sich, meidend das Schicksal.
Und es erscholl sein durchdringender Ruf in das Heer der Achaier:
Freunde, des Volks von Argos erhabene Fürsten und Pfleger,
Steht, die Stirne gewandt, und schirmt vor dem grausamen Tage
Ajas, der hart von Geschossen bedrängt wird! Schwerlich entrinnt er
Jetzt dem grimmen Getöse der Feldschlacht! Aber o stellt euch
Gegen den Feind um Ajas, den mächtigen Telamoniden!
So der verwundete Held Eurypylos; und die Genossen
Stellten sich nah um ihn, die Schilde gelehnt an die Schultern,
Alle die Lanzen erhöht. Daher nun wandelte Ajas,
Stand dann zum Feinde gekehrt, da der Seinigen Schar er erreichte.
Also kämpften sie dort, gleich lodernden Feuerflammen.
Nestor indes enttrugen der Schlacht die neleischen Stuten,
Schäumend in Schweiß, und brachten den Völkerhirten Machaon.
Jenen sah und erkannte der mutige Renner Achilleus;
Denn er stand auf dem Hinterverdeck des gewaltigen Meerschiffs,
Schauend die Kriegsarbeit und die tränenwerte Verfolgung.
Schnell zu seinem Genossen Patrokleus redet' er jetzo,
Rufend vom Schiffe daher; doch jener im Zelt es vernehmend,
Kam gleich Ares hervor, dies war des Wehes Beginn ihm.
Eilend sprach zu jenem Menötios' tapferer Sprößling:
Warum rufest du mir, o Achilleus? Wessen bedarfst du?
Ihm antwortete drauf der mutige Renner Achilleus:
Edler Menötiad, o meiner Seele Geliebter,
Bald wohl nahn, vermut ich, zu meinen Knien die Achaier,
Anzuflehn; denn die Not umdränget sie ganz unerträglich.
Aber o geh, Patroklos, du Göttlicher, forsche von Nestor,
Welchen verwundeten Mann er dort herführt aus dem Treffen.
[194] Zwar von hinten erschien er Machaon ganz an Gestalt gleich,
Ihm des Asklepios Sohn, allein nicht sah ich das Antlitz,
Denn mir stürmten die Rosse vorbei im geflügelten Laufe.
Jener sprach's; und Patroklos, dem lieben Freunde gehorchend,
Eilte dahin zu den Zelten und rüstigen Schiffen Achaias.
Jene, sobald sie das Zelt des Neleiaden erreichten,
Stiegen sie selbst vom Wagen zur nahrungsprossenden Erde;
Aber die Rosse löst' Eurymedon, Diener des Greises,
Von dem Geschirr. Sie aber, den Schweiß der Gewande zu kühlen,
Stellten sich gegen den Wind am luftigen Meergestade,
Gingen darauf ins Gezelt und setzten sich nieder auf Sessel.
Weinmus mengte nun ihnen die lockige Hekamede,
Die aus Tenedos brachte der Greis, wie Achilleus sie einnahm,
Tochter des hochgesinnten Arsinoos, die die Achaier
Ihm erwählt, dieweil er im Rat vorragte vor allen.
Diese rückte zuerst die schöne geglättete Tafel
Mit stahlblauem Gestell vor die Könige; mitten darauf dann
Stand ein eherner Korb mit trunkeinladenden Zwiebeln,
Gelblicher Honig dabei und die heilige Blume des Mehles;
Auch ein stattlicher Kelch, den der Greis mitbrachte von Pylos,
Welchen goldene Buckeln umschimmerten, aber der Henkel
Waren vier und umher zwo pickende Tauben an jedem,
Schön aus Golde geformt; zwei waren auch unten der Boden.
Mühsam hob ein andrer den schweren Kelch von der Tafel,
War er voll; doch Nestor der Greis erhob ihn nur spielend.
Hierin mengte das Weib, an Gestalt den Göttinnen ähnlich,
Ihnen des pramnischen Weins und rieb mit eherner Raspel
Ziegenkäse darauf, mit weißem Mehl ihn bestreuend,
Nötigte dann zu trinken vom wohlbereiteten Weinmus.
Beide, nachdem sie im Tranke den brennenden Durst sich gelöschet,
Freueten sich des Gesprächs und redeten viel miteinander.
Jetzo stand an der Pforte Patroklos, ähnlich den Göttern.
Als ihn erblickte der Greis, da entsprang er dem schimmernden Sessel,
Führt' ihn herein an der Hand und nötigte freundlich zum Sitze.
Doch Patroklos versagt' es dem Greis und erwiderte also:
Nötige nicht zum Sitze, du göttlicher Greis, denn ich darf nicht.
Ehrfurcht fordert und Scheu, der mich gesendet zu forschen,
[195] Welchen Verwundeten dort du herführst. Aber ich selber
Kenn ihn schon, denn ich sehe den Völkerhirten Machaon.
Jetzo, das Wort zu verkünden, enteil ich zurück zum Achilleus,
Wohl ja kennest auch du, ehrwürdiger Alter, des Mannes
Heftigen Sinn, der leicht Unschuldige selber beschuldigt.
Ihm antwortete drauf der gerenische reisige Nestor:
Was doch kümmern so sehr Achilleus' Herz die Achaier,
Welche bereits das Geschoß verwundete? Aber er weiß nicht,
Welch ein Weh sich erhub durch das Kriegsheer! Alle die Tapfern
Liegen umher bei den Schiffen, mit Wurf und Stoße verwundet!
Wund von Geschoß ist Tydeus' Sohn, der Held Diomedes;
Wund von der Lanz' Odysseus, der Herrliche, und Agamemnon;
Auch Eurypylos traf ein fliegender Pfeil in die Lende.
Diesen anderen bracht ich selber nur jüngst aus der Feldschlacht,
Als der Senne Geschoß ihn verwundete. Aber Achilleus
Hegt, zwar tapfer, mit uns nicht Mitleid oder Erbarmung!
Harrt er vielleicht, bis erst die rüstigen Schiff' am Gestade,
Trotz der Achaiermacht, in feindlicher Flamme verlodern
Und wir selbst hinbluten der Reihe nach? Nicht ja besteht mir
Kraft, wie vordem sie gestrebt in den leichtgebogenen Gliedern!
Wär ich so jugendlich noch und ungeschwächten Vermögens,
Wie als einst der Eleier und Pylier Streit sich erhoben
Über den Rinderraub, da ich den Itymoneus hinwarf,
Ihn den tapferen Sohn des Hypeirochos, wohnend in Elis,
Und mir Entschädigung nahm. Er stritt, die Rinder uns wehrend;
Aber ihn traf im Vordergewühl mein stürmender Wurfspieß,
Daß er sank und in Angst sein ländliches Volk sich zerstreute.
Viel und reichliche Beute gewannen wir rings aus den Feldern:
Fünfzig Herden der Rinder umher, der weidenden Schafe
Ebensoviel, auch der Schweine so viel und der streifenden Ziegen;
Auch der bräunlichen Rosse gewannen wir hundertundfünfzig,
Stuten all, und viele von saugenden Füllen begleitet.
Weg nun trieben wir jene hinein zur neleischen Pylos,
Nachts in die Stadt ankommend, und herzlich freute sich Neleus,
Daß mir Jünglinge schon so viel Kriegsbeute beschert war.
Herolde riefen nunmehr, sobald der Morgen emporstieg,
Jeden herbei, wem Schuld in der heiligen Elis gebührte.
[196] Aber des Pyliervolks versammelte Obergebieter
Teileten aus; denn vielen gebührete Schuld von Epeiern,
Seit wir wenigen dort in Drangsal Pylos bewohnet.
Denn uns drängt' hinkommend die hohe Kraft Herakles'
Einige Jahre zuvor und erschlug die tapfersten Männer.
Siehe, wir waren zwölf untadlige Söhne des Neleus;
Davon blieb ich allein, die anderen sanken getötet.
Drum verachteten uns die erzumschirmten Epeier,
Und voll Übermutes verübten sie mancherlei Frevel.
Draus nun wählte der Greis sich eine Herde der Rinder,
Eine von Schafen gedrängt, drei Hunderte samt den Hirten;
Weil auch ihm viel Schuld in der heiligen Elis gebührte,
Vier siegprangende Rosse zusamt dem Wagengeschirre,
Zum Wettrennen gesandt; denn ein Dreifuß war zur Belohnung
Aufgestellt; da behielt der Völkerfürst Augeias
Jene zurück und entsandte den trauernden Wagenlenker.
So zum Zorne gereizt durch Wort' und Taten des Frevels,
Wählte sich vieles der Greis; das übrige gab er dem Volke,
Gleichgeteilt, daß keiner ihm leer der Beute hinweg ging.
Wir vollendeten nun ein jegliches, und um die Stadt her
Weihten wir Opfer des Danks. Doch schnell am dritten der Tage
Kamen die Feind' unzählbar, sie selbst und stampfende Rosse,
Alle geschart; auch kamen die zween Molionen gerüstet,
Kinder annoch und wenig geübt zum herzhaften Angriff.
Eine Stadt Thryoessa erhebt sich auf felsichtem Hügel
Fern an Alpheios' Strom, die heilige Elis begrenzend;
Diese bekämpfte der Feind, sie auszutilgen verlangend.
Doch wie sie ganz das Gefild umschwärmeten, kam uns Athene
Schnell als Botin daher vom Olympos, uns zu bewaffnen,
Nachts, und nicht unwillig erhuben sich Pylos' Bewohner,
Sondern mit freudigem Mut zu der Feldschlacht. Mir nur verwehrte
Neleus, mitzugehn in den Streit, und barg mir die Rosse;
Denn noch wähnt' er mich nicht zu Kriegsarbeiten gewitzigt.
Dennoch strahlt ich hervor in unserer Reisigen Scharen,
Ohne Gespann, auch zu Fuß; so trieb in den Kampf mich Athene.
Aber es rollt' ein Strom Minyeios nieder zur Salzflut,
Dicht an Aren'; hier harreten wir der heiligen Frühe,
[197] Pylos' reisige Schar, und daher floß Menge des Fußvolks.
Drauf mit gesamter Macht in wohlgerüstetem Heerzug
Kamen wir mittags hin zum heiligen Strom Alpheios.
Allda brachten wir Zeus dem allmächtigen prangende Opfer,
Einen Stier dem Alpheios und einen Stier dem Poseidon,
Eine Kuh von der Herde für Zeus' blauäugige Tochter,
Nahmen die Abendkost durch das Kriegsheer, Haufen bei Haufen,
Legten uns dann zur Ruh, in eigener Rüstung ein jeder,
Längs dem Ufer des Stroms. Die hochgesinnten Epeier
Standen bereits um die Stadt, sie hinwegzutilgen verlangend;
Aber sie fanden zuvor des Ares schreckliche Arbeit.
Denn als leuchtend die Sonn emporstieg über die Erde,
Rannten wir an zum Gefecht und fleheten Zeus und Athenen.
Als nun die Schlacht anhub der Pylier und Epeier,
Rafft ich den ersten der Feind' und nahm die stampfenden Rosse
Mulios', kühn und gewandt, der ein Eidam war des Augeias,
Seiner ältesten Tochter vermählt, Agamede der blonden,
Die Heilkräuter verstand, so viel rings nähret die Erde.
Ihn, wie er gegen mich kam, mit eherner Lanze durchbohrt ich,
Und er entsank in den Staub; und ich, in den Sessel mich schwingend,
Stand nun im Vordergewühl. Die hochgesinnten Epeier
Zitterten ängstlich umher, da den Mann hinfallen sie sahen,
Ihn, der führend den reisigen Zug, vorstrebt' in der Feldschlacht.
Aber ich stürmt in die Feinde, dem dunkelen Donnerorkan gleich;
Fünfzig gewann ich der Wagen, und zween Kriegsmänner um jeden
Knirschten den Staub mit den Zähnen, von meiner Lanze gebändigt.
Aktors Söhn' auch hätt ich gestreckt, die zween Molionen,
Hätte nicht ihr Vater, der Erderschüttrer Poseidon,
Schnell dem Gefecht sie entrückt, ringsher in Nebel sie hüllend.
Jetzo gewährete Zeus den Pyliern herrliche Siegsmacht;
Denn stets folgeten wir durch schildbestreuete Felder,
Niederhauend den Feind und stattliche Rüstungen sammelnd,
Bis wir zum Weizengefilde Buprasion trieben die Rosse
Und zum olenischen Fels und wo Alesions Hügel
Wird genannt, wo zurück uns wendete Pallas Athene.
Dort verließ ich den letzten Erschlagenen; und die Achaier
Lenkten das schnelle Gespann von Buprasion wieder gen Pylos,
[198] Preisend mit Dank von den Himmlischen Zeus, von den Sterblichen Nestor.
So war ich, ja ich war's! in der Feldschlacht! Aber Achilleus
Hegt der Tugend Genuß sich allein nur! Wahrlich, mit Tränen
Wird er hinfort es bejammern, nachdem das Volk uns vertilgt ist!
Ach mein Freund, wohl hat dich Menötios also ermahnet
Jenes Tags, da aus Phthia zu Atreus' Sohn er dich sandte;
Denn wir beide darinnen, ich selbst und der edle Odysseus,
Hörten all im Gemach die Ermahnungen, die er dir mitgab.
Siehe, wir kamen dahin zu Peleus' schönem Palaste,
Völker umher versammelnd im fruchtbaren Land Achaias,
Und wir fanden den Held Menötios dort im Palaste,
Dich und Achilleus zugleich. Der alte reisige Peleus
Brannte dem Donnerer Zeus die fetten Schenkel des Stieres
In dem umschlossenen Hof und hielt den goldenen Becher,
Sprengend den funkelnden Wein in die heilige Flamme des Opfers.
Ihr bereitetet beide das Stierfleisch. Jetzo erschienen
Wir an der Pforte des Hofs; bestürzt nun erhub sich Achilleus,
Führt' uns herein an der Hand und nötigte freundlich zum Sitze;
Wohl dann bewirtet' er uns nach heiliger Sitte des Gastrechts.
Aber nachdem wir der Kost uns gesättiget und des Getränkes,
Jetzo begann ich die Red, euch mitzugehen ermahnend;
Ihr auch wolltet es gern, und viel euch geboten die Väter.
Peleus, der graue Held, ermahnete seinen Achilleus,
Immer der Erste zu sein und vorzustreben vor andern.
Aber dich ermahnte Menötios, Aktors Erzeugter:
Lieber Sohn, an Geburt ist zwar erhabner Achilleus,
Älter dafür bist du, doch ihm ward größere Stärke;
Aber du hilf ihm treulich mit Rat und kluger Erinnrung
Und sei Lenker dem Freund; er folgt dir gerne zum Guten.
Also ermahnte der Greis; du vergaßest es. Aber auch jetzt noch
Sage dies Achilleus, dem Feurigen, ob er gehorche.
Denn wer weiß, ob vielleicht durch göttliche Hilf ihn beweget
Dein Zuspruch! Gut immer ist redliche Warnung des Freundes.
Aber wofern im Herzen ein Götterspruch ihn erschrecket
Und im Worte von Zeus die göttliche Mutter gemeldet,
Send er zum wenigsten dich, und der Myrmidonen Geschwader
[199] Folge zugleich, ob du etwa ein Licht der Danaer werdest.
Dir auch geb er das Waffengeschmeid im Kampfe zu tragen,
Ob, dich für ihn ansehend, vielleicht vom Kampfe die Troer
Abstehn und sich erholen die kriegerischen Männer Achaias
Ihrer Angst, wie klein sie auch sei, die Erholung des Krieges.
Leicht auch könnt ihr, noch frisch, die ermüdeten Männer im Angriff
Rückwärts drängen zur Stadt, von den Schiffen hinweg und Gezelten.
Also der Greis, und jenem das Herz im Busen bewegt' er;
Schnell durchlief er die Schiffe zum Äakiden Achilleus.
Aber nachdem zu den Schiffen des göttergleichen Odysseus
Laufend Patroklos genaht, wo der Volkskreis und der Gerichtsplatz
War, wo rings auch Altäre gebaut den unsterblichen Göttern,
Traf er Eurypylos dort, den glänzenden Sohn des Euämon,
Welcher hart verwundet daher mit dem Pfeil in der Lende
Mühsam hinkt' aus der Schlacht; herab ihm strömte der Angstschweiß
Häufig von Schulter und Haupt, und hervor aus der schmerzenden Wunde
Rieselte schwarzes Blut, doch blieb ihm die Stärke des Geistes.
Mitleidsvoll erblickt' ihn Menötios' tapferer Sprößling,
Und er begann wehklagend und sprach die geflügelten Worte:
Weh euch, weh, der Achaier erhabene Fürsten und Pfleger!
Solltet ihr so, den Freunden entfernt und dem Vatergefilde,
Nähren mit weißem Fett in Troja hurtige Hunde?
Aber verkündige mir, Eurypylos, göttlicher Kämpfer,
Ob noch bestehn die Achaier dem übergewaltigen Hektor
Oder bereits hinsinken, von seiner Lanze gebändigt?
Und der verständige Sohn des Euämon sagte dagegen:
Nichts mehr, göttlicher Held Patrokleus, schafft den Achaiern
Heil; bald werden sie all um die dunkelen Schiffe gestreckt sein!
Denn sie alle bereits, die vordem die Tapfersten waren,
Liegen umher bei den Schiffen, mit Wurf und Stoße verwundet
Unter der Hand der Troer, die stets anwachsen an Stärke!
Aber errette du mich, zum dunkelen Schiffe mich führend;
Schneid aus der Lende den Pfeil und rein mit laulichem Wasser
Wasche das schwärzliche Blut; auch lege mir lindernde Salb auf,
Heilsame, welche du selbst von Achilleus, sagt man, gelernet.
Ihm, den Cheiron gelehrt, der gerechteste aller Kentauren.
Denn die Ärzte des Heers, Podaleirios und Machaon,
[200] Einer wird im Gezelt an seiner Wunde, vermut ich,
Selber anjetzt bedürftig des wohlerfahrenen Arztes
Liegen, der andr im Gefilde besteht die wütende Schlacht noch.
Ihm antwortete drauf Menötios' tapferer Sprößling:
Wie kann solches geschehn? Was machen wir, Sohn des Euämon?
Eilend muß ich Achilleus, dem Feurigen, melden die Botschaft,
Welche mir Nestor befahl, der gerenische Hort der Achaier.
Dennoch werd ich nimmer dich hier verlassen im Schmerze!
Sprach's, und unter der Brust den Völkerhirten, umfassend,
Führt' er ins Zelt; ein Genoß dort breitete Felle der Stier' aus.
Hierauf streckt' ihn der Held und schnitt mit dem Messer den scharfen
Schmerzenden Pfeil aus der Lend, auch rein mit laulichem Wasser
Wusch er das schwärzliche Blut; dann streut' er die bittere Wurzel
Drauf, mit den Händen zermalmt, die lindernde, welche die Schmerzen
Alle bezwang; und es stockte das Blut in erharschender Wunde.

12. Gesang

XII. Gesang.

Künftige Vertilgung der Mauer. Die Achaier eingetrieben. Hektor, wie Polydamas riet, läßt die Reisigen absteigen und in fünf Ordnungen anrücken. Nur Asios mit seiner Schar fährt auf das linke Tor, welches zween Lapithen verteidigen. Ein unglücklicher Vogel erscheint den Troern; Polydamas warnt den Hektor umsonst, Zeus sendet den Achaiern einen stäubenden Wind entgegen. Hektor stürmt die Mauer, und die beiden Ajas ermuntern zur Gegenwehr. Sarpedon und Glaukos nahn dem Turme des Menestheus, dem Telamons Söhne zu Hilfe eilen. Glaukos entweicht verwundet; Sarpedon reißt die Brustwehr herab. Hektar zersprengt ein Tor mit einem Steinwurf, worauf die Troer zugleich über die Mauer und durch das Tor eindringen.


Also heilt' im Gezelte Menötios' tapferer Sprößling

Jetzt den Eurypylos dort, den verwundeten. Aber es kämpften
Argos' Söhn' und die Troer mit Heerskraft. Siehe, nicht länger
Sollte der Graben beschirmen die Danaer oder die Mauer,
Welche sie breit um die Schiff' auftürmeten, rings dann den Graben
Leiteten; denn nicht brachten sie Festhekatomben den Göttern,
Daß ihr Werk die rüstigen Schiff' und erbeuteten Schätze
Drinnen bewahrt' im Lager; zum Trotz den unsterblichen Göttern
Ward es gebaut, drum stand's nicht lange Zeit unerschüttert.
Denn weil Hektor lebend noch war, noch zürnet' Achilleus
[201] Und unzerrüttet die Stadt des herrschenden Priamos ragte,
Ebensolang auch bestand der Danaer mächtige Mauer;
Aber nachdem gestorben der Troer tapferste Helden,
Mancher auch der Argeier vertilgt war, mancher noch übrig,
Und nun Priamos' Stadt hinsank im zehnten der Jahre,
Dann die Argeier in Schiffen zur Heimat wiedergekehret:
Jetzo beschloß Poseidaon im Rat und Phöbos Apollon,
Wegzutilgen den Bau, der Ströme Gewalt hinlenkend.
Alle die hoch vom Idagebirg in das Meer sich ergießen,
Rhodios und Karesos, Heptaporos auch und Granikos,
Rhesos auch und Äsepos zugleich und der edle Skamandros,
Simois auch, wo gehäuft Stierschild' und gekegelte Helme
Sanken hinab in den Staub und das Göttergeschlecht der Heroen:
Allen zugleich nun wandte die Mündungen Phöbos Apollon
Gegen den Bau, neun Tage beströmt' er ihn, während herab Zeus
Regnete, schneller ins Meer die umflutete Mauer zu wälzen.
Aber der Erderschütterer selbst, in den Händen den Dreizack,
Ging voran und stürzt' aus dem Grunde gewühlt in die Wogen
Alle Blöck' und Steine, die mühsam gelegt die Achaier,
Schleift' und ebnet' es rings am reißenden Hellespontos
Und umhüllte mit Sand weithin das große Gestade,
Wo er die Mauer vertilgt'; dann wandt er zurück in das Flutbett
Jeglichen Strom, wo zuvor er ergoß sein schönes Gewässer.
Also sollte hinfort Poseidons Macht und Apollons
Taten tun. Doch jetzo war Schlacht und Getümmel entbrannt rings
Um den gewaltigen Bau, und der Türme geworfene Balken
Donnerten. Argos' Volk, von Kronions Geißel gebändigt,
Drängte sich eingehegt bei den schwarzen gebogenen Schiffen,
Bange vor Hektors Wut, des stürmenden Schreckengebieters.
Jener stritt wie zuvor mit dem Ungestüm des Orkanes.
Wie wenn im Kreise der Hund' und rüstigen Jäger ein Waldschwein
Ringsher oder ein Löwe sich dreht, wutfunkelnden Blickes
(Jene dort, miteinander in Heerschar wohlgeordnet,
Stehn ihm entgegengewandt, und es fliegen geschwungene Spieße
Häufig daher aus den Händen; doch sein ruhmatmendes Herz kennt
Weder Furcht noch Entfliehn, und Tapferkeit tötet ihn endlich;
Vielfach drehet er sich, die Reihn der Männer erforschend,
[202] Und wo er grad andringt, da weichen ihm Reihen der Männer):
So im Gewühl ging Hektor umhergewandt und ermahnte
Über den Graben zu sprengen die Seinigen. Aber nicht wagten's
Ihm die Rosse, geflügelten Laufs; sie wieherten laut auf,
Stehend am äußersten Bord; denn zurück sie schreckte des Grabens
Breite, zum Sprung hinüber nicht schmal genug, noch zum Durchgang
Leichtgebahnt; denn ein jäh abhängiges Ufer erhob sich
Rings an jeglicher Seit, auch war mit spitzigen Pfählen
Obenher er bepflanzt, die Achaias Söhne gestellet,
Dichtgereiht und mächtig, zur Abwehr feindlicher Männer.
Schwerlich vermocht ein Roß, an den rollenden Wagen gespannet,
Überzugehn, Fußvölker nur eiferten, ob sie vermöchten.
Aber Polydamas sprach, dem trotzigen Hektor sich nahend:
Hektor und ihr, der Troer Gewaltige und der Genossen,
Torheit ist's, durch den Graben die hurtigen Rosse zu treiben.
Viel zu schwer ist wahrlich der Weg, denn spitzige Pfähle
Stehn ja umher und daran der Danaer mächtige Mauer.
Dort lenkt keiner hinab der Reisigen, keiner besteht auch
Unten den Kampf; hin sänken sie all, in der Enge verwundet.
Denn wofern nun ganz im vertilgenden Zorne sie heimsucht
Der hochdonnernde Zeus und den Troern Hilfe gewähret,
Traun, dann wünscht ich selber aufs schleunigste solches vollendet,
Daß hier ruhmlos stürben von Argos fern die Achaier.
Wenn sie jedoch umkehrten und Rückverfolgung begönne
Von den Schiffen daher, in des Grabens Tief uns verdrängend:
Nimmer käm, ich fürcht' es, auch nicht ein Bote von dannen,
Wieder gen Troja zurück, vor der Wut der gewandten Achaier.
Aber wohlan, wie ich rede das Wort, so gehorchet mir alle.
Laßt die Ross' am Graben, gehemmt von den Wagengenossen;
Wir dann, Streiter zu Fuß, mit ehernen Waffen gerüstet,
Drängen uns all um Hektor und folgen ihm. Doch die Achaier
Stehn uns nicht, wenn jenen das Ziel des Verderbens daherdroht.
So des Polydamas Rat; den unschädlichen billigte Hektor.
Schnell vom Wagen herab mit den Rüstungen sprang er zur Erde.
Auch nicht blieben im Wagen die anderen Troer versammelt,
Sondern sie stürmten herab, da sie sahn den göttlichen Hektor.
Jetzo gebot ein jeder dem eigenen Wagenlenker,
[203] Dort am Graben die Ross' in geordneter Reihe zu halten;
Selber darauf sich teilend, in fünf Heerscharen geordnet,
Gingen sie wohlgereiht und folgeten ihren Gebietern.
Hektor selbst und der edle Polydamas führten die Ordnung,
Welche die meisten enthielt und tapfersten, alle begierig,
Durch die Mauer zu brechen und kühn um die Schiffe zu kämpfen.
Auch Kebriones folgte der dritte noch, und dem geringern
Blieb, an Kebriones' Statt, nun Hektors Wagen vertrauet.
Paris gebot der zweiten, Alkathoos auch und Agenor.
Helenos führte die dritt und Deiphobos, göttlicher Bildung,
Beide des Priamos Söhn'; auch Asios führte mit jenen,
Asios, Hyrtakos' Sohn, den hergebracht aus Arisbe
Rosse, glänzend und groß, vom heiligen Strom Selleis.
Aber der vierten herrscht' Äneias voran, des Anchises
Starker Sohn, zugleich ihm Antenors tapfere Söhne,
Akamas und Archilochos beid, allkundig des Streites.
Endlich gebot Sarpedon den rühmlichen Bundesgenossen,
Der sich den Glaukos gesellt' und den kriegerischen Asteropöos,
Denn sie dünkten ihm beide die Tapfersten sonder Vergleichung
Aller umher, nach ihm selbst; er ragete weit vor den andern.
Als sie nunmehr sich zusammengedrängt mit Schilden von Stierhaut,
Eilten sie freudigen Muts auf die Danaer, hoffend, nicht obstehn
Würden sie, sondern bald um die dunkelen Schiffe gestreckt sein.
Alle sonst, die Troer und fernberufenen Helfer,
Waren Polydamas' Rate, des Tadellosen, gefolget;
Nur nicht Asios wollte, des Hyrtakos Sohn, der Gebieter,
Dort verlassen die Ross' und den wagenlenkenden Diener,
Sondern er drang mit ihnen zugleich an die rüstigen Schiffe.
Törichter! Ach nicht sollt er, die schrecklichen Keren vermeidend,
Samt dem Gespann und Wagen in stolzem Triumph von den Schiffen
Wiederum heimkehren zu Ilios' luftigen Höhen;
Denn ihn umhüllte zuvor das grauenvolle Verhängnis
Unter Idomeneus' Lanze, des herrlichen Deukalionen.
Denn er wandt in die Schiffe zur Linken sich, wo die Achaier
Aus dem Gefild einzogen mit hurtigen Rossen und Wagen;
Dorthin lenkt' er hindurch der Rosse Geschirr. Und er fand nicht
Vorgestreckt die Flügel des Tors, noch den mächtigen Riegel;
[204] Offen noch hielten es Männer und harreten, ob der Genossen
Einer, dem Treffen entflohn, sich retten wollt in die Schiffe.
Gradan lenkt' er die Rosse, der Wähnende, andere folgten
Nach mit hellem Geschrei; denn die Danaer würden nicht obstehn,
Hofften sie, sondern bald um die dunkelen Schiffe gestreckt sein.
Toren! Sie fanden dort zween tapfere Männer am Eingang,
Edelmütige Söhne der speergewohnten Lapithen:
Ihn, Peirithoos' Sohn, den starken Held Polypötes,
Ihn, den Leonteus auch, dem mordenden Ares vergleichbar.
Beid an dem Eingang dort des hochgeflügelten Tores
Standen sie. Also stehn hochwipflichte Eichen der Berge,
Welche den Sturm ausharren und Regenschauer beständig,
Eingesenkt mit großen und weithinreichenden Wurzeln:
Also die zween, der Gewalt der mächtigen Arme vertrauend,
Harrten dem Angriff kühn des Asios und unerschrocken.
Grad auf die trotzende Mauer, mit wildaufhallendem Feldruf,
Sprengten sie an und erhoben die trockenen Schilde von Stierhaut
Um Held Asios her, um Iamenos her und Orestes,
Akamas, Asios' Sohn, um Önomaos auch und um Thoon.
Sie dort hatten zuvor die hellumschienten Achaier
Drinnen im Lager ermahnt, zum mutigen Kampf für die Schiffe;
Aber sobald zur Mauer mit Macht anrennen sie sahen
Trojas Söhn' und erscholl der Danaer Angst und Getümmel,
Brachen sie beid hervor und kämpfeten draußen am Eingang.
Gleich zween Ebern an Mut, unbändigen, die in dem Bergwald
Kühn der Männer und Hund' anwandelnde Hetze bestehen;
Seitwärts dahergestürmt, durchschmettern sie rings die Gesträuche,
Weg vom Stamme sie mähend, und wild mit klappenden Hauern
Wüten sie, bis ein Geschoß ihr mutiges Leben vertilget:
Also klappt' auch jenen das schimmernde Erz an den Busen
Unter der Feinde Geschoß, denn sie wehrten mit großer Gewalt ab,
Oben dem Volk, der Mauer und eigener Stärke vertrauend.
Jene mit Steinen daher von den wohlgebaueten Türmen
Schleuderten, um sich selbst zu verteidigen und die Gezelte
Samt den Schiffen des Meers. Wie des Schnees Gestöber herabfällt,
Welches ein heftiger Wind, die schattigen Wolken erschütternd,
Häufig heruntergießt zur nahrungsprossenden Erde,
[205] Solch ein Schwall von Geschossen entstöberte dort der Achaier
Händen und dort der Troer, und dumpf rings krachten die Helme,
Von Mühlsteinen umprallt, und die hochgenabelten Schilde.
Laut nunmehr wehklagte, vor Schmerz die Hüften sich schlagend,
Asios, Hyrtakos' Sohn, und rief unwilligen Herzens:
Vater Zeus, ja wahrlich auch dir gefielen der Falschheit
Täuschungen! Nie doch hätt ich geglaubt, die Helden Achaias
Würden bestehn vor unserer Macht und unnahbaren Händen!
Aber sie, wie die Wespen mit regem Leib und die Bienen,
Die am höckrichten Weg ihr Felsennest sich bereitet,
Nicht verlassen ihr Haus in den Höhlungen, sondern den Angriff
Raubender Jäger bestehn im mutigen Kampf für die Kinder,
So auch wollen sie nicht, obgleich nur zween, von dem Tore
Abstehn, bis sie entweder erlegt sind oder gefangen!
Sprach's; doch nicht bewegt' er Kronions Herz mit der Rede:
Hektorn nur willfahrte sein Ratschluß Ruhm zu gewähren.
Andere kämpften den Kampf um andere Tore des Lagers.
Aber zu schwer ist mir's, wie ein Himmlischer alles zu melden!
Denn ringsum an der Mauer entloderte schrecklich die Flamme
Prasselnder Stein'. Unmutig, allein gezwungen, beschirmten
Argos' Söhne die Schiff', und es trauerten herzlich die Götter
Alle, so viel den Achaiern im Kampf Mithelfende waren.
Stürmend begann der Lapithen Gefecht und Waffengetümmel.
Siehe, Peirithoos' Sohn, der starke Held Polypötes,
Schoß auf Damasos' Stirne den Speer durch die eherne Kuppel;
Wenig hemmte das Erz den Stürmenden, sondern hindurchdrang
Schmetternd die eherne Spitz in den Schädel ihm, und sein Gehirn ward
Ganz mit Blute vermischt; so bändigt' er jenen im Angriff.
Weiter darauf den Pylon und Ormenos streckt' er in Blut hin,
Doch den Hippomachos traf des Ares Sprößling Leonteus,
Ihn, des Antimachos Sohn, mit dem Wurfspieß unten am Leibgurt.
Hurtig dann aus der Scheide das scharfe Schwert sich entreißend,
Drang er zuerst auf Antiphates ein durch das grause Getümmel,
Schwang in der Näh und hieb, daß zurück auf den Boden er hinsank.
Weiter darauf den Menon, Jamenos dann und Orestes
Streckt' er gehäuft miteinander zur nahrungsprossenden Erde.
Während sie jen' enthüllten des schimmernden Waffengeschmeides,
[206] Folgten dem Hektor dort und Polydamas blühende Männer,
Sie, die meisten an Zahl und tapfersten, alle begierig,
Durch die Mauer zu brechen und rings zu entflammen die Schiffe.
Diese zauderten noch unschlüssigen Rats an dem Graben;
Denn ein Vogel erschien, da sie überzugehn sich entschlossen,
Ein hochfliegender Adler, der, links an dem Heere sich wendend,
Eine gerötete Schlang in den Klaun hintrug, unermeßlich,
Lebend annoch und zappelnd, noch nicht vergessend der Streitlust.
Denn dem haltenden Adler durchstach sie die Brust an dem Halse,
Rückwärts gewunden ihr Haupt; er schwang sie hinweg auf die Erde,
Hart von Schmerzen gequält, und sie fiel in die Mitte des Haufens;
Aber er selbst lauttönend entflog im Hauche des Windes.
Starrend sahn die Troer umher die ringelnde Schlange
Liegen im Staub, das Zeichen des ägiserschütternden Vaters.
Aber Polydamas sprach, dem trotzigen Hektor sich nahend:
Hektor, du pflegst mich zwar in Versammlungen immer zu tadeln,
Red ich heilsamen Rat; denn traun, mitnichten geziemt es,
Anderer Meinung zu sein, dem Gehorchenden, weder im Rate
Noch in der Schlacht, vielmehr dein Ansehn stets zu vergrößern;
Dennoch sag ich dir jetzo, wie mir's am heilsamsten dünket:
Laßt nicht weiter uns gehn, um der Danaer Schiffe zu kämpfen!
Denn so wird, vermut ich, es endigen, wenn ja den Troern
Dieser Vogel erschien, da sie überzugehn sich entschlossen:
Ein hochfliegender Adler, der, links an dem Heere sich wendend,
Eine gerötete Schlang in den Klaun hintrug, unermeßlich
Lebend; doch schnell sie entschwang, bevor sein Nest er erreichet
Und nicht vollends sie brachte zum Raub den harrenden Kindern:
So auch wir: wo wir anders durch Mauer und Tor der Achaier
Brechen mit großer Gewalt und vor uns fliehn die Achaier,
Kehren wir nicht in Ordnung den selbigen Weg von den Schiffen,
Sondern viel der Troer verlassen wir, die der Achaier
Volk mit dem Erze getötet im mutigen Kampf für die Schiffe.
Also würd ein Seher verkündigen, welcher im Geiste
Kennte der Zeichen Verstand und dem die Völker gehorchten.
Finster schaut' und begann der helmumflatterte Hektor:
Keineswegs gefällt mir, Polydamas, was du geredet!
Leicht wohl könntest du sonst ein Besseres raten denn solches!
[207] Aber wofern du wirklich in völligem Ernste geredet,
Traun, dann raubeten dir die Unsterblichen selbst die Besinnung,
Der du befiehlst, zu vergessen des Donnerers Zeus Kronions
Ratschluß, welchen er selbst mir zugewinkt und gelobet.
Aber du ermahnest, den weitgeflügelten Vögeln
Mehr zu vertraun. Ich achte sie nicht, noch kümmert mich solches,
Ob sie rechts hinfliegen zum Tagesglanz und zur Sonne
Oder auch links dorthin, zum nächtlichen Dunkel gewendet.
Nein, des erhabenen Zeus Ratschluß vertrauen wir lieber,
Der die Sterblichen all und unsterblichen Götter beherrschet!
Ein Wahrzeichen nur gilt: das Vaterland zu erretten!
Doch was zitterst denn du vor Kampf und Waffengetümmel?
Sänken wir anderen auch an den rüstigen Schiffen Achaias,
Alle getötet, umher, dir droht kein Schrecken des Todes!
Denn dir ward kein Herz, ausharrend den Feind und die Feldschlacht!
Wo du mir aber dem Kampf dich entziehn wirst oder der andern
Einen vom Krieg abwenden, durch törichte Wort' ihn verleitend,
Schnell von meiner Lanze durchbohrt verlierst du das Leben!
Dieses gesagt, ging jener voran; ihm folgten die andern
Mit graunvollem Geschrei. Der donnerfrohe Kronion
Sendete hoch vom Idagebirg unermeßlichen Sturmwind,
Der zu den Schiffen den Staub hinwirbelte, daß den Achaiern
Sank der Mut, doch der Troer und Hektors Ruhm sich erhöhte.
Jetzo dem Wink des Gottes und eigener Stärke vertrauend,
Strebten sie durchzubrechen der Danaer mächtige Mauer;
Rissen herab die Zinnen der Türm' und regten die Brustwehr
Und umwühlten mit Hebeln des Baus vorragende Pfeiler,
Welche zuerst die Achaier gestellt, zur Feste den Türmen.
Diese wuchtet' ihr Stoß, und sie hofften der schütternden Mauer
Einbruch. Doch nicht wichen die Danaer dort von der Stelle,
Sondern mit starrenden Schilden die Brustwehr rings umzäunend,
Warfen sie Stein' und Geschoss' auf die mauerstürmenden Feinde.
Aber die Ajas, beide das Volk auf den Türmen ermahnend,
Wandelten ringsumher und erregten den Mut der Achaier,
Den mit freundlicher Red und den mit harter Bedrohung
Züchtigend, welchen sie ganz im Gefecht nachlässig erblickten:
Freund' im Danaervolk, wer hervorstrebt oder wer mitgeht,
[208] Auch wer dahinten bleibt (denn gar nicht gleich miteinander
Schaffen die Männer im Kampf): nun zeigt für alle sich Arbeit!
Auch ihr selber fürwahr erkennet es! Nimmer zurück denn
Wendet euch gegen die Schiffe, die Drohungen hörend des Trotzers,
Sondern voran dringt all und ermahnet euch untereinander!
Ob ja Zeus vergönne, der Donnergott des Olympos,
Daß wir, den Streit abwehrend, zur Stadt die Feinde verfolgen!
Also schrien sie beid und erregten den Kampf der Achaier.
Dort, gleichwie Schneeflocken daher in dichtem Gestöber
Fallen am Wintertage, wann Zeus der Herrscher sich aufmacht,
Über die Menschen zu schnein, der Allmacht Pfeile versendend
(Ruhn dann heißt er die Wind' und schüttet herab, bis er decket
Rings die Höhn der schroffen Gebirg' und die zackigen Gipfel,
Auch die Gefilde voll Klee und des Landmanns fruchtbare Saaten;
Auch des graulichen Meers Vorstrand und Buchten umfliegt Schnee;
Aber die Wog, anrauschend, verschlinget ihn; alles umher sonst
Wird von oben umhüllt, wann gedrängt Zeus' Schauer herabfällt):
So dort flog von Heere zu Heer der Steine Gewimmel,
Welche die Troer hier und die Danaer dort auf die Troer
Schleuderten; und um die Mauer erscholl rings dumpfes Gepolter.
Noch nicht hätten die Troer anjetzt und der strahlende Hektor
Durchgebrochen die Pfort und den mächtigen Riegel der Mauer,
Hätte der waltende Zeus nicht seinen Sohn, den Sarpedon,
Auf die Argeier gesandt, wie den Leun auf gehörnete Rinder.
Vor sich trug er den Schild von gleichgeründeter Wölbung,
Schöngehämmert aus Erz, den prangenden, welchen der Wehrschmied
Hämmerte, drinnen gefügt aus häufigen Rinderhäuten
Und um den Rand ringsher mit goldenen Stäben durchzogen;
Diesen sich nun vortragend zum Schirm, zween Speere bewegend,
Eilt' er hinan wie ein Löwe des Bergwalds, welcher des Fleisches
Lang entbehrt und jetzo, gereizt von der mutigen Seele,
Eindringt, Schafe zu würgen, auch selbst in ein dichtes Gehege
(Findet er zwar bei ihnen die wachsamen Hirten versammelt,
Die mit Hunden und Spießen umher die Schafe behüten,
Doch nicht ohne Versuch von dem Stall zu entfliehen gedenkt er;
Nein, entweder er raubt, wo er einsprang, oder auch selber
Wird er verletzt im Beginn von rüstiger Hand mit dem Wurfspieß):
[209] So dort reizte sein Mut den göttergleichen Sarpedon,
Stürmend der Mauer zu nahn und durchzubrechen die Brustwehr.
Schnell zu Glaukos gewandt, Hippolochos' Sohne, begann er:
Glaukos, warum doch ehrte man uns so herrlich vor andern
Immer an Sitz, an Fleisch und vollgegossenen Bechern,
Heim im Lykierland, umher wie auf Himmlische blickend?
Und was baun wir ein großes Gefild am Ufer des Xanthos,
Prangend mit Obst und Trauben und weizenbesäeten Äckern?
Darum gebührt uns jetzt, in der Lykier Vordergetümmel
Dazustehn und hinein in die brennende Schlacht uns zu stürzen,
Daß man also im Volk der gepanzerten Lykier sage:
Wahrlich nicht unrühmlich beherrschen sie Lykiens Söhne,
Unsere Könige hier, mit gemästeten Schafen sich nährend
Und herzstärkendem Wein, dem erlesenen, sondern ihr Mut ist
Groß, denn sie kämpfen den Kampf in der Lykier Vordergetümmel!
Trautester, könnten wir ja durch dieses Kampfes Vermeidung
Immerdar fortblühen, unsterblich beid und unalternd,
Weder ich selbst dann stellte mich unter die vordersten Kämpfer,
Noch ermuntert ich dich zur männerehrenden Feldschlacht.
Aber da gleichwohl drohn unzählbare Schrecken des Todes
Rings und keiner entflieht der Sterblichen, noch sie vermeidet:
Auf, daß wir anderer Ruhm verherrlichen oder den unsern!
Jener sprach's; nicht träge war Glaukos darob, noch entzog sich.
Gradan drangen sie beide, die Schar der Lykier führend.
Doch sie ersah aufschauernd des Peteos Sohn Menestheus,
Denn ihm nahten zum Turm sie daher, mit Verderben gerüstet.
Rings umspäht' er den Turm, ob der Danaerfürsten er einen
Schauete, welcher die Not abwendete seinen Genossen.
Jetzo sah er die Ajas, sie beide des Kampfs unersättlich,
Dastehn, auch den Teukros, der jüngst vom Gezelte zurückkam,
Nahe sich; doch nicht konnt er mit vollem Ruf sie erreichen
Durch das Getöse der Schlacht; es erscholl zum Himmel der Aufruhr,
Weil die getroffenen Schild' und umflatterten Helm' und die Tore
Donnerten; denn sie all umdrängte man, und die davor nun
Stehenden strebten mit Macht sich durchzubrechen den Eingang.
Schnell zu Ajas dahin entsandt er Thootes, den Herold:
Laufe mir, edler Thootes, in Eil und rufe den Ajas,
[210] Lieber sie beide zugleich; denn weit das beste von allem
Wär es, dieweil hier bald ein gräßliches Morden bevorsteht!
Denn hart drängen die Fürsten der Lykier, welche von jeher
Ungestüm anrennen in schreckenvoller Entscheidung!
Aber wofern auch dort die Kriegsarbeit sie beschäftigt,
Komme doch Ajas allein, des Telamons tapferer Sprößling,
Und ihm gesellt sei Teukros, der Held, wohlkundig des Bogens!
Jener sprach's; nicht träge vernahm die Worte der Herold,
Sondern enteilt' an der Mauer der erzumschirmten Achaier,
Stand dem mutigen Ajas genaht und redete also:
Ajas beid, Heerführer der erzumschirmten Achaier,
Euch ermahnt des Peteos Sohn, der edle Menestheus,
Dort der Kriegesgewalt ein weniges nur zu begegnen.
Lieber ihr beide zugleich; denn weit das beste von allem
Wär es, dieweil dort bald ein gräßliches Morden bevorsteht!
Denn hart drängen die Fürsten der Lykier, welche von jeher
Ungestüm anrennen in schreckenvoller Entscheidung!
Aber wofern auch hier die Kriegsarbeit euch beschäftigt,
Komme doch Ajas allein, des Telamons tapferer Sprößling,
Und ihm gesellt sei Teukros, der Held, wohlkundig des Bogens!
Sprach's, und willig gehorchte der Telamonier Ajas.
Schnell zu Oileus' Sohn die geflügelten Worte begann er:
Ajas, ihr beid allhier, du selbst und der Held Lykomedes,
Stehet fest und ermahnt die Danaer, tapfer zu streiten.
Aber ich selber gehe, der Arbeit dort zu begegnen;
Schnell dann eil ich zurück, nachdem ich jene verteidigt.
Also sprach und enteilte der Telamonier Ajas.
Und ihm gesellt ging Teukros, sein leiblicher Bruder vom Vater,
Auch Pandion zugleich trug Teukros' krummes Geschoß nach,
Als sie dem Turm itzt nahten des hochgesinnten Menestheus,
Drinnen die Mauer entlang zu Bedrängeten nahten sie wahrlich.
Dort an die Brustwehr klommen, dem düsteren Sturme vergleichbar,
Jene, des Lykiervolkes erhabene Fürsten und Pfleger!
Tobend begann nun nahes Gefecht, und es hallte der Schlachtruf.
Ajas, der Heldensohn des Telamon, streckte zuerst nun
Einen Freund des Sarpedon, den hochbeherzten Epikles,
Mit scharfzackigem Marmor gefällt, der drinnen der Mauer
[211] Groß an der Brustwehr lag, der oberste. Schwerlich vielleicht wohl
Trüg ihn mit beiden Händen ein Mann, auch in blühender Jugend,
Wie nun Sterbliche sind; doch er schleuderte hoch ihn erhebend,
Brach ihm des Helms viergipflichtes Erz und zerknirschte zugleich ihm
Alle Gebeine des Haupts; und schnell, wie ein Taucher von Ansehn,
Schoß er vom ragenden Turm, und der Geist verließ die Gebeine.
Teukros traf den Glaukos, Hippolochos' edlen Erzeugten,
Mit dem Geschoß, da stürmend der Mauer Höh er hinanstieg,
Wo er ihn sah entblößen den Arm, und hemmte die Streitlust.
Schnell von der Mauer entsprang er geheim, daß nicht ein Achaier,
Wenn er die Wund erblickte, mit stolzer Red ihn verhöhnte.
Schmerz durchdrang dem Sarpedon die Brust, als Glaukos hinwegging,
Gleich nachdem er es merkte, doch nicht vergaß er des Kampfes,
Sondern er traf Alkmaon, des Thestors Sohn, mit der Lanze
Stoß und entriß ihm den Schaft; da taumelt' er, folgend der Lanze,
Vorwärts, und ihn umklirrte das Erz der prangenden Rüstung.
Doch Sarpedon, mit großer Gewalt anfassend, die Brustwehr
Zog, und umher nachfolgend entstürzte sie; aber von oben
Ward die Mauer entblößt und öffnete vielen den Zugang.
Ajas sofort und Teukros begegneten; der mit dem Pfeile
Traf ihm das Riemengehenk, das hell um den Busen ihm strahlte,
Am ringsdeckenden Schild; allein Zeus wehrte dem Schicksal
Seines Sohns, daß nicht bei den äußersten Schiffen er hinsank.
Ajas stach nun den Schild anlaufend ihm; aber hindurchdrang
Schmetternd die eherne Lanz und erschütterte jenen im Angriff.
Weg von der Brustwehr zuckt' er ein weniges, doch nicht gänzlich
Wich er, dieweil sein Herz noch erwartete, Ruhm zu gewinnen.
Laut ermahnt' er gewandt der Lykier göttliche Heerschar:
Lykier, o wie vergesset ihr doch des stürmenden Mutes!
Schwer ja ist's mir allein, und wär ich der tapferste Streiter,
Durchzubrechen die Mauer und Bahn zu den Schiffen zu öffnen!
Auf denn, zugleich mir gefolgt! denn mehrerer Arbeit ist besser!
Jener sprach's, und geschreckt von des Königes scheltendem Zuruf,
Rannten sie heftiger an, gedrängt um den waltenden König.
Argos' Söhn' auch drüben verstärkten die Macht der Geschwader
Innerhalb der Mauer, und fürchterlich drohte die Arbeit.
Denn es vermochten weder der Lykier tapfere Streiter
[212] Durchzubrechen die Mauer und Bahn zu den Schiffen zu öffnen,
Noch vermochten die Helden der Danaer, Lykiens Söhne
Weg von der Mauer zu drängen, nachdem sie sich einmal genahet.
Sondern wie zween Landmänner die Grenz einander bestreiten,
Jeder ein Maß in der Hand (auf gemeinsamer Scheide des Feldes
Stehn sie auf wenigem Raum und zanken sich wegen der Gleichung):
Also trennt' auch jene die Brustwehr; über ihr kämpfend
Haueten wild sie einander umher an den Busen die Stierhaut
Schöngeründeter Schild' und leichtgeschwungener Tartschen.
Viel auch wurden am Leib vom grausamen Erze verwundet,
Einige, wann sich wendend im Streit sie den Rücken entblößten
Durch das Gewühl, und manche sogar durch die Schilde von Stierhaut.
Überall von Türmen und Brustwehr rieselte rotes
Blut, an jeglicher Seite, der Troer und der Achaier.
Doch nicht schafften sie Flucht der Danaer, sondern sie standen
Gleich. Wie die Waage steht, wenn ein Weib lohnspinnend und redlich
Abwägt Woll und Gewicht und die Schalen beid in gerader
Schwebung hält, für die Kinder den ärmlichen Lohn zu gewinnen:
Also stand gleichschwebend die Schlacht der kämpfenden Völker,
Bis nunmehr Zeus höheren Ruhm dem Hektor gewährte,
Priamos' Sohn, der zuerst einstürmt' in der Danaer Mauer.
Laut erscholl sein durchdringender Ruf in die Scharen der Troer:
Auf, ihr reisigen Troer, hinan! Durchbrecht der Argeier
Mauer und werft in die Schiffe die schreckliche Flamme des Feuers!
Also ermahnte der Held, und aller Ohren vernahmen's.
Gradan drang zu der Mauer die Heerschar; jene begierig
Klommen empor die Zinnen, geschärfte Speer' in den Händen.
Hektor nun trug aufraffend den Feldstein, welcher am Tore
Dastand, draußen gestellt, von unten dick und von oben
Zugespitzt; ihn hätten nicht zween der tapfersten Männer
Leicht zum Wagen hinauf vom Boden gewälzt mit Hebeln,
Wie nun Sterbliche sind; doch er schwang ihn allein und behende,
Denn ihm erleichterte solchen der Sohn des verborgenen Kronos.
Wie wenn ein Schäfer behend hinträgt die Wolle des Widders,
Fassend in einer Hand, und wenig die Last ihn beschweret:
Also erhob auch Hektor und trug den Stein zu den Bohlen,
Welche das Tor verschlossen mit dichteinfugender Pforte,
[213] Zweigeflügelt und hoch; und zween sich begegnende Riegel
Hielten sie innerhalb, mit einem Bolzen befestigt.
Nah itzt trat er hinan und warf gestemmt auf die Mitte,
Weit gespreizt, daß nicht ein schwächerer Wurf ihm entflöge.
Schmetternd zerbrach er die Angeln umher, und es stürzte der Marmor
Schwer hinein, dumpf krachte das Tor; auch die mächtigen Riegel
Hielten ihm nicht, und die Bohlen zerspalteten hiehin und dorthin
Unter des Steines Gewalt. Und es sprang der erhabene Hektor
Furchtbar hinein, wie das Grauen der Nacht; er strahlt' in des Erzes
Schrecklichem Glanz, der ihn hüllt', und zwo hellblinkende Lanzen
Schüttelt' er. Schwerlich hätt ein Begegnender jetzt ihn gehemmet,
Außer ein Gott, da er sprang in das Tor wutfunkelnden Blickes.
Laut ermahnt' er die Troer, umhergewandt im Getümmel,
Über die Mauer zu steigen, und schnell ihm gehorchten die Völker;
Andere drangen zur Mauer und kletterten, andere strömten
Durch die gezimmerte Pforte hinein. Doch es flohn die Achaier
Zu den geräumigen Schiffen; es tobt' unermeßlicher Aufruhr.

13. Gesang

XIII. Gesang.

Kampf um die Schiffe. Poseidon, von Zeus unbemerkt, kommt, die Achaier zu ermuntern. Dem Hektor am erstürmten Tore des Menestheus widerstehen vorzüglich die Ajas. Zur Linken kämpfen am tapfersten Idomeneus und Meriones wider Äneias, Paris und andere. Auf Polydamas' Rat beruft Hektor die Fürsten, daß man vereint kämpfe oder zurückziehe. Verstärkter Angriff.


Zeus, nachdem er die Troer und Hektor bracht an die Schiffe,

Ließ sie nunmehr bei jenen in Arbeit ringen und Elend,
Rastlos fort; dann wandt er zurück die strahlenden Augen,
Seitwärts hinab auf das Land gaultummelnder Thrakier schauend,
Auch nahkämpfender Myser und trefflicher Hippomolgen,
Dürftig, von Milch genährt, der gerechtesten Erdebewohner.
Doch auf Troja wandt er nicht mehr die strahlenden Augen;
Denn nicht hofft' er im Geist, der Unsterblichen würde noch einer
Kommen, um Trojas Volk zu verteidigen oder Achaias.
Aber nicht achtlos lauschte der Erderschüttrer Poseidon.
Denn er saß, anstaunend die Schlacht und das Waffengetümmel,
[214] Hoch auf dem obersten Gipfel der grünumwaldeten Samos
Thrakiens; dort erschien mit allen Höhn ihm der Ida,
Auch erschien ihm Priamos' Stadt und der Danaer Schiffe.
Dorthin entstieg er dem Meer und sähe mit Gram die Achaier
Fallen vor Trojas Macht und ergrimmte vor Zorn dem Kronion.
Plötzlich stieg er herab von dem zackigen Felsengebirge,
Wandelnd mit hurtigem Gang; und es bebten die Höhn und die Wälder
Weit den unsterblichen Füßen des wandelnden Poseidaon.
Dreimal erhob er den Schritt, und das viertemal stand er am Ziele,
Ägä, dort, wo ein stolzer Palast in den Tiefen des Sundes
Golden und schimmerreich ihm erbaut ward, stets unvergänglich.
Dorthin gelangt nun, schirrt' er ins Joch erzhufige Rosse,
Stürmenden Flugs, umwallt von goldener Mähne die Schultern;
Selbst dann hüllt' er in Gold sich den Leib und faßte die Geißel,
Schön aus Golde gewirkt, und trat in den Sessel des Wagens,
Lenkte dann über die Flut. Die Ungeheuer des Abgrunds
Hüpften umher aus den Klüften, den mächtigen Herrscher erkennend;
Freudig ihm trennte des Meers Gewoge sich, und wie geflügelt
Eilten sie, ohne daß unten die eherne Achse genetzt ward;
Hin zu Achaias Schiffen enttrugen im Sprung ihn die Rosse.
Eine geräumige Grott ist tief in den Schlünden des Sundes
Zwischen Tenedos' Höhn und der rauhumstarreten Imbros;
Dorthin stellte die Rosse der Erderschüttrer Poseidon,
Abgespannt vom Geschirr, und reicht' ambrosische Nahrung
Ihnen zur Speis; und die Füß' umschlang er mit goldenen Fesseln,
Unzerbrechlich, unlösbar, daß fest auf der Stelle sie harrten,
Bis ihr Herrscher gekehrt. Dann ging er ins Heer der Achaier.
Doch die Troer gedrängt, dem Orkan gleich oder dem Feuer,
Folgeten Priamos' Sohn unersättlicher Gier in den Kampf hin,
Brausenden, wüsten Geschreis; denn der Danaer Schiffe zu nehmen,
Hofften sie, und um die Schiffe die Danaer alle zu morden.
Aber der Erderschüttrer, der Landumstürmer Poseidon,
Reizte den Mut der Argeier, des Meers Abgründen entstiegen,
Ähnlich ganz dem Kalchas an Wuchs und gewaltiger Stimme.
Erst zu den Ajas begann er, die selbst schon glühten vor Kampflust:
Ihr, o Ajas, vermögt der Danaer Volk zu erretten,
Wenn ihr der Stärke gedenkt und nicht des starrenden Schreckens.
[215] Denn sonst fürcht ich sie nicht, die unnahbaren Hände der Troer,
Welche mit Heereskraft die türmende Mauer erstiegen;
Allen schon begegnen die hellumschienten Achaier.
Hier nur sorg ich am meisten und fürchte mich, was uns betreffe,
Wo der Rasende dort wie ein brennendes Feuer voranherrscht,
Hektor, der sich entsprossen von Zeus dem allmächtigen rühmet!
Gäbe doch euch in die Seel ein Unsterblicher diesen Gedanken,
Selbst entgegenzustehn mit Gewalt und andre zu reizen!
Traun, wie eifrig er strebt, hinweg von den Schiffen Achaias
Drängtet ihr ihn, wenngleich der Olympier selbst ihn erwecket!
Sprach's und rührte sofort, der umufernde Ländererschüttrer,
Beide mit mächtigem Stab und erfüllte sie tapferen Mutes;
Leicht auch schuf er die Glieder, die Füß' und die Arme von oben.
Aber er selbst, wie ein Habicht in hurtigem Flug sich emporschwingt,
Der, von des Felsengebirgs hochschwindelnder Jähe gehoben,
Rasch hinfährt in die Tale, den anderen Vogel verfolgend:
Also schwang sich von jenen der Erderschüttrer Poseidon.
Erst von beiden erkannt es der schnelle Sohn des Oileus,
Und zu Ajas sogleich, dem Telamoniden, begann er:
Ajas, dieweil ein Unsterblicher uns von den Höhn des Olympos,
Gleich an Gestalt dem Seher, gebeut bei den Schiffen zu kämpfen
(Denn nicht Kalchas war es, der deutende Vogelschauer;
Wohl ja bemerkt ich von hinten der Füße Gang und der Schenkel,
Als er hinweg sich wandte, denn leicht zu erkennen sind Götter):
Jetzo verlangt mir selber der Mut im innersten Herzen,
Stürmischer aufgeregt, zu kämpfen den Kampf der Entscheidung;
Und mir streben von unten die Füß' und die Hände von oben.
Ihm antwortete drauf der Telamonier Ajas:
So nun streben auch mir um den Speer die unnahbaren Hände
Ungestüm, und es hebt sich die Seele mir; unten die Füß' auch
Fliegen mir beide von selbst, und Sehnsucht fühl ich, auch einzeln,
Hektor, Priamos' Sohn, den Stürmer der Schlacht, zu bekämpfen!
Also redeten jen' im Wechselgespräch miteinander,
Freudig der Kampfbegier, die der Gott in den Herzen entflammet.
Hinten indes erregte die Danaer Poseidaon,
Die bei den rüstigen Schiffen das Herz sich ein wenig erlabten,
Welchen zugleich vom entsetzlichen Kampf hinsanken die Glieder
[216] Und auch Gram die Seele belastete, weil sie die Troer
Sahn, die mit Heereskraft die türmende Mauer erstiegen.
Diese dort anschauend, entstürzten sie Tränen den Wimpern,
Hoffnungslos zu entfliehn den Schrecknissen. Aber Poseidon
Kräftigte leicht durchwandelnd den Mut der starken Geschwader.
Siehe, zu Teukros zuerst und Leitos trat er ermahnend,
Auch zu Peneleos hin, zu Deipyros auch und zu Thoas,
Dann zu Meriones auch und Antilochos, Helden des Kampfes.
Diese reizte der Gott und sprach die geflügelten Worte:
Schande doch, Argos' Söhn', ihr Jünglinge! Euch ja vertraut ich,
Daß ihr mit tapferem Arm errettetet unsere Schiffe!
Aber wo ihr der Gefahr euch entzieht des verderblichen Kampfes,
Dann ist erschienen der Tag, da der Troer Gewalt uns bezwinget!
Weh mir! Ein großes Wunder erblick ich dort mit den Augen,
Graunvoll, welches ich nimmer auch nur für möglich geachtet:
Troer an unseren Schiffen so nahe nun, welche vordem ja
Gleich den Hindinnen waren, den flüchtigen, die in den Wäldern
Beute sind für Schakal' und reißende Pardel und Wölfe,
So in die Irre gescheucht, wehrlos, nicht freudig zum Angriff.
Also wollten die Troer den Mut und die Kraft der Achaier
Nimmer vordem ausharren mit Abwehr, auch nur ein wenig.
Nun ist ferne der Stadt bei den räumigen Schiffen ihr Schlachtfeld,
Durch des Gebieters Vergehn und Lässigkeiten der Völker,
Welche, von jenem gekränkt, nicht kühn zu verteidigen streben
Unsre gebogenen Schiffe, vielmehr hinbluten bei ihnen.
Aber wird er auch wahrlich mit völligem Rechte beschuldigt,
Atreus' Heldensohn, der Völkerfürst Agamemnon,
Weil er schmählich entehrt den mutigen Renner Achilleus,
Doch nicht uns geziemt es, so abzustehn vom Gefechte!
Auf denn und laßt euch heilen; der Edelen Herzen sind heilbar.
Nimmer euch selbst zur Ehre vergeßt ihr des stürmenden Mutes,
Ihr, die Tapfersten alle der Danaer! Schwerlich ja würd ich
Gegen den Mann mich ereifern, der wo dem Gefecht sich entzöge,
Feig und schwach; euch aber verarg ich es wahrlich von Herzen!
Trauteste Freund', ach bald noch größeres Wehe verschafft ihr
Durch nachlässigen Sinn! Wohlauf, und gedenket im Herzen
Alle der Scham und der Schand! Ein gewaltiger Kampf ja erhub sich!
[217] Hektor stürmt um die Schiffe, der Rufer im Streit, uns bekämpfend
Fürchterlich, und durchbrach sich das Tor und den mächtigen Riegel!
Also rief und erregte die Danaer Poseidaon.
Sieh, um die Ajas beide gestellt nun gingen Geschwader,
Tapfere, die selbst Ares untadelig hätte gefunden,
Auch Athenäa selbst, die Zerstreuerin. Denn der Achaier
Edelste harrten der Troer gefaßt und des göttlichen Hektors,
Lanz an Lanz eindrängend und Schild mit Schild aufeinander,
Tartsch an Tartsche gelehnt, an Helm Helm, Krieger an Krieger;
Und die umflatterten Helme der Nickenden rührten geengt sich
Mit hellschimmernden Zacken; so dichtvereint war die Heerschar.
Aber die Speer', unruhig in mutigen Händen beweget,
Zitterten; grad anstrebten sie all und entbrannten von Kampfgier.
Vor auch drangen die Troer mit Heerskraft; aber voranging
Hektor in rascher Begier. Wie ein schmetternder Stein von dem Felsen,
Welchen herab vom Geklipp fortreißt die ergossene Herbstflut,
Brechend mit stürmischem Regen das Band des entsetzlichen Felsens
(Hochher tobt er in hüpfendem Sprung und zerschmetterte Waldung
Kracht, doch stets unaufhaltsam enttaumelt er, bis er erreichet
Ebenen Grund; dann rollt er nicht mehr, wie gewaltig er andrang):
Also droht' auch Hektor zuerst, bis zum Ufer des Meeres
Leicht hindurchzudringen der Danaer Schiff' und Gezelte,
Mordend; allein da nunmehr die geschlossenen Reihen er antraf,
Stand er, wie nah er gestrebt. Die begegnenden Männer Achaias,
Zuckend daher die Schwerter und zwiefach schneidenden Lanzen,
Drängten ihn mutig zurück, und er wich voll jäher Bestürzung.
Laut nun scholl sein durchdringender Ruf in die Scharen der Troer:
Troer und Lykier ihr und Dardaner, Kämpfer der Nähe,
Haltet euch! Traun, nicht lange bestehn vor mir die Achaier,
Nahen sie gleich miteinander in Heerschar wohlgeordnet;
Sondern bald vor dem Speer entweichen sie, wo mich in Wahrheit
Trieb der erhabenste Gott, der donnernde Gatte der Here!
Jener sprach's und erregte zu Mut und Stärke die Männer.
Aber Deiphobos ging voll trotzenden Muts in der Heerschar,
Priamos' Sohn, und trug den gleichgeründeten Schild vor,
Leise bewegend den Schritt und unter dem Schild anwandelnd.
Doch Meriones zielte mit blinkender Lanz ihm entgegen,
[218] Schoß und verfehlete nicht des gewaltigen Schildes von Stierhaut
Runden Kreis; nicht jenen durchbohret' er, sondern zuvor ihm
Brach an der Öse der ragende Schaft. Deiphobos aber
Hielt den gewaltigen Schild vom Leibe sich, weil er im Herzen
Scheute Meriones' Speer, des feurigen Helden; doch jener,
Schnell in der Freunde Gedräng entzog er sich, heftig erbittert,
Beides zugleich: um den Sieg und den Wurfspieß, welcher ihm abbrach;
Und er enteilt' an den Zelten hinab und den Schiffen Achaias,
Holend den mächtigen Speer, der daheim ihm blieb im Gezelte.
Aber die anderen kämpften, und graunvoll brüllte der Schlachtruf.
Teukros der Telamonid erschlug den tapferen Kämpfer
Imbrios, Mentors Sohn, des rossebegüterten Herrschers.
Jener wohnt' in Pedäos, bevor die Achaier gekommen,
Priamos' Nebentochter vermählt, der Medesikaste.
Aber nachdem die Achaier in Ruderschiffen gelandet,
Kam er gen Ilios wieder und ragete hoch vor den Troern;
Auch bei Priamos wohnt' er, der gleich ihn ehrte den Söhnen.
Ihn traf Telamons Sohn jetzt unter dem Ohr mit der Lanze
Stoß und entriß ihm den Schaft; da taumelt' er hin wie die Esche,
Welche hoch auf dem Gipfel des weitgesehenen Berges,
Abgehaun mit dem Erz, ihr zartes Gezweig hinabstreckt:
So sank jener, umklirrt von dem Erz der prangenden Rüstung.
Teukros lief nun hinan, in Begier, das Geschmeid ihm zu rauben,
Aber im Lauf warf Hektor die blinkende Lanz ihm entgegen.
Zwar er selbst vorschauend vermied den ehernen Wurfspieß
Kaum, doch Amphimachos, Kteatos' Sohn, des Aktorionen,
Als er sich nahte zum Kampf, flog stürmend der Speer in den Busen;
Dumpf hinkracht' er im Fall, und es rasselten um ihn die Waffen.
Hektor lief nun hinan, den Helm, der den Schläfen sich anschloß,
Abzuziehn von Amphimachos' Haupt, des erhabenen Kämpfers,
Aber im Lauf warf Ajas die blinkende Lanz ihm entgegen.
Hektors Leib zwar rührte sie nicht, denn er starrete ringsher
Schrecklich in strahlendem Erz; doch den Schild auf den Nabel ihm traf er
Schmetternd und stieß mit großer Gewalt, daß er eilend zurückwich
Von den erschlagenen zween; die zogen hinweg die Achaier.
Ihn, den Amphimachos, trugen Athens streitkundige Fürsten,
[219] Stichios samt Menestheus, hinab in das Heer der Achaier,
Imbrios aber die Ajas, entbrannt von stürmendem Mute.
Wie zween Löwen die Geiß, der Gewalt scharfzahniger Hunde
Weggerafft, forttragen durch dichtverwachsene Gesträuche,
Hoch empor von der Erd im blutigen Rachen sie haltend:
So nun empor ihn haltend, die zween geharnischten Ajas
Raubten sie dort das Geschmeid; und das Haupt vom zarten Genick ihm
Hieb des Oileus Sohn, um Amphimachos heftig erbittert,
Schwang es dann wie die Kugel umhergedreht ins Getümmel,
Und vor Hektors Füße dahin entrollt' es im Staube.
Siehe, von Zorn entbrannte der Meerbeherrscher Poseidon,
Als sein Enkel ihm sank in schreckenvoller Entscheidung;
Und er enteilt' an den Zelten hinab und den Schiffen Achaias,
Trieb die Achaier zum Kampf und bereitete Jammer den Troern.
Ihm begegnete jetzt Idomeneus, kundig der Lanze,
Wiedergekehrt vom Genossen, der jüngst ihm aus dem Gefechte
Kam, an der Beugung des Knies mit scharfem Erze verwundet.
Diesen brachten die Freund', und er befahl ihn den Ärzten,
Eilete dann zum Gezelte, denn noch in das Treffen verlangt' er
Einzugehn. Ihm nahend begann der starke Poseidon,
Gleich an tönender Stimm Andrämons Sohne, dem Thoas,
Der durch Pleuron umher und Kalydons bergige Felder
Allen Ätolern gebot, wie ein Gott im Volke geehret:
Wo ist, Kretas Beherrscher Idomeneus, alle die Drohung
Hingeflohn, die den Troern Achaias Söhne gedrohet?
Aber Idomeneus sprach, der Kreter Fürst, ihm erwidernd:
Thoas, keiner im Volk ist jetzo schuldig, so weit ich
Sehen kann, denn alle verstehn wir den Feind zu bekämpfen;
Keinen fesselt die Furcht, die entseelende, keiner, von Trägheit
Laß, entzieht des Kampfes Gefahren sich, sondern es wird wohl
Also beschlossen sein vom allmächtigen Sohne des Kronos,
Daß hier ruhmlos sterben von Argos fern die Achaier.
Thoas, wohlan! Du warst ja vordem ausharrenden Mutes
Und ermahnst auch andre, wo jemand säumen du sahest,
Drum laß jetzo nicht ab und ermuntere jeglichen Streiter!
Ihm antwortete drauf der Erderschüttrer Poseidon:
Nimmer kehre der Mann, Idomeneus, nimmer von Troja
[220] Wieder heim, hier werd er zerfleischenden Hunden ein Labsal,
Welcher an diesem Tage den Kampf freiwillig vermeidet!
Aber wohlan, zu den Waffen! Und folge mir! Beiden gebührt nun
Tätig zu sein, ob wir Hilfe vielleicht noch schaffen, auch zween nur.
Wirkt doch vereinigte Kraft auch selbst von schwächeren Männern,
Und wir sind ja kundig, mit Tapferen selber zu kämpfen.
Dieses gesagt, enteilte der Gott in der Männer Getümmel.
Aber der Held, nachdem sein schönes Gezelt er erreichet,
Hüllt' in stattliche Waffen den Leib und faßte zwo Lanzen,
Eilte dann, ähnlich dem Blitze des Donnerers, welchen Kronion
Hoch mit der Hand herschwang vom glanzerhellten Olympos
(Sterblichen Menschen zum Zeichen, er strahlt mit blendendem Glanze):
Also blitzte das Erz um die Brust des eilenden Königs.
Aber Meriones kam, sein edler Genoß, ihm entgegen,
Nah annoch dem Gezelt; denn die eherne Lanze sich holend
Lief er hinab; ihm ruft' Idomeneus' heilige Stärke:
Molos' rüstiger Sohn Meriones, liebster der Freunde,
Warum kamst du, verlassend Gefecht und Waffengetümmel?
Traf dich vielleicht ein Geschoß, und quält dich die Wunde des Erzes?
Oder suchest du mich mit Botschaft? Selber gewiß nicht
Auszuruhn im Gezelte verlanget mich, sondern zu kämpfen!
Und der verständige Held Meriones sagte dagegen:
O Idomeneus, Fürst der erzgepanzerten Kreter,
Sieh, ich komm, ob dir etwa ein Speer im Gezelte zurückblieb,
Ihn mir holend zum Kampf; denn, den ich hatte, zerbrach ich,
Treffend Deiphobos' Schild, des übergewaltigen Kriegers.
Aber Idomeneus sprach, der Kreter Fürst, ihm erwidernd:
Suchst du Speere, mein Freund, so findest du einen, ja zwanzig
Dort in meinem Gezelt an schimmernde Wände gelehnet,
Troische, die von Erschlagnen ich beutete. Denn ich bekenne,
Niemals ferne zu stehn im Kampf mit feindlichen Männern.
Darum hab ich der Speere genug und genabelter Schilde,
Auch der Helm' und der Panzer, umstrahlt von freudigem Schimmer.
Und der verständige Held Meriones sagte dagegen:
Mir auch fehlt's bei meinem Gezelt und dunkelen Schiffe
Nicht an Raub der Troer, doch fern ist's, dessen zu holen.
Denn noch nie, wie ich meine, vergaß ich selber des Mutes,
[221] Sondern vorn in den Reihen der männerehrenden Feldschlacht
Steh ich, sobald anhebt der blutige Kampf der Entscheidung.
Manchem anderen wohl der erzumschirmten Achaier
Bleib ich verborgen im Streit, allein du kennst mich vermutlich.
Aber Idomeneus sprach, der Kreter Fürst, ihm erwidernd:
Deine Tapferkeit kenn ich, was brauchest du dieses zu sagen?
Würden anjetzt bei den Schiffen zum Hinterhalte wir Tapfern
Ausersehn, wo am meisten erkannt wird Tugend der Männer,
Wo der furchtsame Mann wie der mutige deutlich hervorscheint
(Denn dem Zagenden wandelt die Farbe sich, immer verändert;
Auch nicht ruhig zu sitzen vergönnt sein wankender Geist ihm,
Sondern er hockt unstet, auf wechselnden Knien sich stützend,
Und ihm schlägt das Herz voll Ungestüms in dem Busen,
Ahndend des Todes Graun, und dem Schaudernden klappen die Zähne;
Doch nie wandelt dem Tapfern die Farbe sich, nie auch erfüllt ihn
Große Furcht, wann er einmal zum Hinterhalt sich gelagert,
Sondern er wünscht, nur bald den schrecklichen Kampf zu bestehen):
Keiner möchte sodann dein Herz und die Arme dir tadeln!
Wenn auch fliegendes Erz dich verwundete oder gezucktes,
Doch nicht träf in den Nacken Geschoß dir noch in den Rücken,
Sondern der Brust entweder begegnet' es oder dem Bauche,
Weil du gerad anstürmtest im Vordergewühl der Entschlossnen.
Aber laß nicht länger uns hier gleich albernen Kindern
Schwatzend stehn, daß keiner in zürnendem Herzen ereifre,
Sondern du geh ins Gezelt und nimm dir die mächtige Lanze.
Jener sprach's, und Meriones, gleich dem stürmen den Ares,
Holete schnell aus dem Zelte hervor die eherne Lanze,
Folgt' Idomeneus dann voll heftiger Gier des Gefechtes.
Wie wenn Ares zum Kampf hingeht, der Menschenvertilger,
Und ihm der Schrecken, sein Sohn, an Kraft und an Mut unerschüttert,
Nachfolgt, welcher verscheucht auch den kühn ausharrenden Krieger
(Beid aus Thrakia her zu den Ephyrern gehn sie gewappnet
Oder zum mutigen Volke der Phlegyer; aber zugleich nicht
Hören sie beider Gebet, ein Volk nur krönet der Siegsruhm):
So Meriones dort und Idomeneus, Fürsten des Heeres,
Gingen sie beid in die Schlacht, mit strahlendem Erze gewaffnet.
Aber zum Könige sprach Meriones, also beginnend:
[222] Deukalione, wo denkst du hineinzugehn ins Getümmel?
Dort zur rechten Seite der Heerschar, dort in der Mitte
Oder auch dort zur Linken? Denn nirgends scheinen mir etwa
Dürftig des Kampfes zu sein die hauptumlockten Achaier.
Aber Idomeneus sprach, der Kreter Fürst, ihm erwidernd:
Mitten sind schon andre Verteidiger unseren Schiffen,
Ajas beid und Teukros, der fertigste Bogenschütze
Unter dem Volk, auch tapfer im stehenden Kampf der Entscheidung,
Welche genug ihn hemmen, wie kühn zum Gefecht er dahertobt,
Hektor, Priamos' Sohn, und ob er der Tapferste wäre!
Schwer wird's wahrlich ihm sein, dem rasenden Stürmer der Feldschlacht,
Jener Heldenmut und unnahbare Hände besiegend,
Anzuzünden die Schiffe, wofern nicht selber Kronion
Einen lodernden Brand in die rüstigen Schiffe hineinwirft.
Aber ein Mann scheucht nimmer den Telamonier Ajas,
Keiner, der sterblich ist und Frucht der Demeter genießet,
Auch durchdringlich dem Erz und gewaltigen Steinen des Feldes.
Selbst vor Achilleus nicht, dem Zerschmetterer, möcht er weichen
Im stillstehenden Kampf; denn im Lauf wetteifert ihm niemand,
Dort denn eil uns zur Linken der Heerschar, daß wir in Eile
Sehn, ob wir anderer Ruhm verherrlichen oder den unsern!
Jener sprach's, und Meriones, gleich dem stürmenden Ares,
Eilte voran, bis sie kamen zur Heerschar, wo er ihn hintrieb.
Doch wie die Feind' Idomeneus sahn, dem Feuer an Kraft gleich,
Ihn und seinen Genossen in prangendem Waffengeschmeide,
Riefen sie laut einander und wandelten gegen ihn alle.
Eins nun ward das Getümmel der Schlacht um die ragenden Steuer.
Wie mit dem Wehn lautbrausender Wind' Unwetter daherziehn
Jenes Tags, wann häufig der Staub die Wege bedecket,
Und sich alsbald aufwölkt' ein finsterer Nebel des Staubes:
So nun stürmte zusammen die Schlacht; denn sie sehnten sich herzlich,
Durch das Gewühl einander mit spitzigem Erze zu morden.
Weithin starrte die würgende Schlacht vor erhobenen Lanzen,
Lang emporgestreckten, zerfleischenden; blendend dem Auge
Schien der eherne Gang von sonnenspiegelnden Helmen,
Neugeglättetem Panzergeschmeid und leuchtenden Schilden,
Als sie sich nahten zum Kampf. Der müßt ein entschlossener Mann sein,
[223] Welcher sich freute zu schaun den Tumult dort und nicht verzagte!
Jene, gesonderten Sinns, die mächtigen Söhne des Kronos,
Sannen, dem Heldengeschlecht unnennbares Weh zu bereiten.
Zeus beschied den Troern den Sieg und dem göttlichen Hektor,
Peleus' rüstigen Sohn zu verherrlichen; aber nicht gänzlich
Wollt er Achaias Söhne vor Ilios lassen verderben,
Ruhm nur schafft' er der Thetis und ihrem erhabenen Sohne.
Doch die Argeier durchging und ermunterte Poseidaon,
Heimlich enttaucht dem graulichen Meer; denn er sähe mit Gram sie
Fallen vor Trojas Macht und ergrimmte vor Zorn dem Kronion.
Beide zwar entsprossen aus gleichem Stamm und Geschlechte,
Aber Zeus war eher gezeugt und höherer Weisheit.
Drum auch scheute sich jener, sie offenbar zu beschirmen,
Heimlich stets ermahnt' er die Ordnungen, menschlich gebildet.
Siehe, des schrecklichen Streits und allverheerenden Krieges
Fallstrick' zogen sie beid und warfen es über die Völker,
Unzerbrechlich, unlösbar, das viel in Verderben hinabriß.
Jetzo, wiewohl halbgrauenden Haupts, die Achaier ermunternd,
Stürmt' Idomeneus ein und trieb die erschrockenen Troer.
Denn er erschlug den edlen Othryoneus, der von Kabesos
Neulich dahergekommen zum großen Rufe des Krieges.
Dieser warb um Kassandra, die schönste von Priamos' Töchtern,
Ohne Geschenk und verhieß, ein großes Werk zu vollenden,
Weg aus Troja zu drängen die trotzenden Männer Achaias.
Priamos aber, der Greis, gelobete winkend die Tochter
Ihm zur Eh, und er kämpfte, des Königes Worte vertrauend.
Doch Idomeneus zielte mit blinkender Lanz ihm entgegen,
Schoß, wie er hoch herwandelt', und traf; nichts half ihm der Panzer
Schwer von Erz, den er trug; sie drang in die Mitte des Bauches.
Dumpf hinkracht' er im Fall; da rief frohlockend der Sieger:
Traun, dich preis ich, Othryoneus, hoch vor den Sterblichen allen,
Wenn du gewiß das alles hinausführst, was du verheißen
Priamos, Dardanos' Sohne, der dir die Tochter gelobet.
Wir auch hätten dir gern ein Gleiches gelobt und vollendet;
Siehe, die schönste Tochter des Atreionen gewännst du,
Her aus Argos geführt, zum Weibe dir, wenn du uns hülfest,
Ilios auszutilgen, die Stadt voll prangender Häuser.
[224] Folge mir, dort bei den Schiffen der Danaer reden wir weiter
Über die Eh; wir sind nicht karg ausstattende Schwäher.
Also sprach der Held Idomeneus, zog dann am Fuß ihn
Durch das Getümmel der Schlacht. Doch Asios kam ihm ein Rächer,
Vor dem Gespann herwandelnd, das nah ihm stets an den Schultern
Schnob, vom Wagengenossen gelenkt; und er sehnte sich herzlich,
Wie er Idomeneus träfe; doch schnell warf jener den Speer ihm
Unter dem Kinn in die Gurgel, daß hinten das Erz ihm hervordrang.
Und er entsank, wie die Eiche dahinsinkt oder die Pappel
Oder die stattliche Tanne, die hoch auf Bergen die Künstler
Ab mit geschliffenen Äxten gehaun, zum Balken des Schiffes:
Also lag er gestreckt vor dem rossebespanneten Wagen,
Knirschend vor Angst, mit den Händen des blutigen Staubes ergreifend.
Aber dem starrenden Lenker entsank jedwede Besinnung,
Nicht einmal vermocht er, die feindlichen Hände vermeidend,
Umzudrehn das Gespann; doch Antilochos, freudig zur Feldschlacht,
Traf ihn scharf mit durchbohrendem Speer, nichts half ihm der Panzer
Schwer von Erz, den er trug, er drang in die Mitte des Bauches;
Und er entsank aufröchelnd dem schöngebildeten Sessel.
Aber der Nestorid' Antilochos lenkte die Rosse
Schnell aus der Troer Gewühl zu den hellumschienten Achaiern.
Siehe, Deiphobos kam dem Idomeneus nahe gewandelt,
Trauernd um Asios' Fall, und warf die blinkende Lanze.
Zwar er selbst vorschauend vermied den ehernen Wurfspieß,
Kretas Fürst, und barg sich mit gleichgeründetem Schilde,
Welchen er trug, aus Häuten der Stier' und blendendem Erze
Starkgewölbt, inwendig mit zwo Querstangen befestigt.
Unter ihn schmiegt' er sich ganz, daß der Wurfspieß über ihn hinflog
Und mit heiserm Getöne der Schild von der streifenden Lanze
Scholl; doch nicht vergebens entflog sie der nervichten Rechten,
Sondern Hippasos' Sohne, dem Völkerhirten Hypsenor,
Fuhr in die Leber das Erz und löst' ihm die strebenden Knie.
Aber Deiphobos rief mit hoch frohlockender Stimme:
Nicht fürwahr ungerächt liegt Asios, sondern ich meine,
Wandelnd zu Ais' Burg mit starkverriegelten Toren,
Wird er sich freun im Geist; denn ich gab ihm einen Begleiter.
Jener sprach's, und es schmerzte der jauchzende Ruf die Achaier;
[225] Aber Antilochos schwoll sein mutiges Herz vor Betrübnis.
Doch nicht, wie er auch traurte, vergaß er seines Genossen,
Sondern umging ihn in Eile, mit großem Schild ihn bedeckend.
Schnell dann bückten sich her zween auserwählte Genossen,
Echios' Sohn Mekistheus zugleich und der edle Alastor,
Die zu den räumigen Schiffen den schwer Aufstöhnenden trugen.
Rastlos tobte voll Mutes Idomeneus; immer noch strebt' er,
Ob er einen der Troer mit Nacht des Todes umhüllte,
Ob er auch selbst hinkrachte, das Weh der Achaier entfernend.
Siehe, den mutigen Held Alkathoos, welchen der Herrscher
Äsyetes erzeugt; ein Eidam war er Anchises,
Seiner ältesten Tochter vermählt, der Hippodameia,
Die von Herzen der Vater daheim und die zärtliche Mutter
Liebeten, weil sie vor allen zugleich aufblühenden Jungfraun
Glänzt' an Schönheit und Kunst und Tugenden; darum erkor sie
Auch der edelste Mann im weiten Lande der Troer.
Diesen bezwang durch Idomeneus jetzt der Herrscher Poseidon,
Täuschend den hellen Blick und die stattlichen Glieder ihm hemmend.
Denn nicht rückwärts konnt er hinwegfliehn oder auch seitwärts,
Sondern gleich der Säul und dem hochgewipfelten Baume
Stand er ganz unbewegt; da stieß ihm Idomeneus kraftvoll
Seinen Speer in die Brust und zerschmetterte rings ihm den Panzer,
Welcher, von Erz geflochten, ihn sonst vor dem Tode geschirmet;
Doch rauh tönt' er nunmehr, um die mächtige Lanze zerberstend.
Dumpf hinkracht' er im Fall, und es steckte die Lanz in dem Herzen,
Daß von dem pochenden Schlage zugleich der Schaft an dem Speere
Zitterte; doch bald ruhte die Kraft des mordenden Erzes.
Aber Idomeneus rief mit hoch frohlockender Stimme:
Scheint sie dir billig zu sein, Deiphobos, unsere Rechnung,
Drei für einen erlegt? Denn umsonst nur hast du geprahlet,
Törichter! Aber wohlan, und stelle dich selbst mir entgegen,
Daß du erkennst, welch einer von Zeus' Geschlecht ich hieherkam!
Dieser zeugete Minos zuerst, den Hüter von Kreta;
Minos darauf erzeugte Deukalions heilige Stärke,
Aber Deukalion mich, der unzähligen Menschen gebietet
Weit in Kretas Gefild; allein jetzt segelt' ich hierher,
Dir und dem Vater zum Weh und anderen Söhnen von Troja!
[226] Jener sprach's, da erwog Deiphobos wankenden Sinnes,
Ob er sich einen gesellte der edelmütigen Troer,
Rückwärts wieder gewandt, ob allein er wagte den Zweikampf.
Dieser Gedank erschien dem Zweifelnden endlich der beste,
Hinzugehn zu Äneias. Er fand ihn hinter der Heerschar
Stehend; denn immerdar dem göttlichen Priamos zürnt' er,
Weil er ihn nicht ehrte, den tapferen Streiter des Volkes.
Nahe nun trat er hinan und sprach die geflügelten Worte:
Edler Fürst der Troer, Äneias, traun, dir geziemt nun,
Deinen Schwager zu rächen, wofern dich rührt die Verwandtschaft.
Komm denn und räche mit mir Alkathoos, welcher vordem ja,
Deiner Schwester Gemahl, als Kind dich erzog im Palaste;
Ihn hat Idomeneus nun, der Speerberühmte, getötet.
Jener sprach's, ihm aber das Herz im Busen erregt' er.
Schnell zu Idomeneus eilt' er daher in Begierde des Kampfes.
Doch nicht zagte vor Furcht Idomeneus gleich wie ein Knäblein,
Sondern er stand wie ein Eber des Bergs, der Stärke vertrauend,
Welcher fest das Gehetz anwandelnder Männer erwartet
In unwirtbarer Heid und den borstigen Rücken emporsträubt;
Sieh, es funkeln von Feuer die Augen ihm, aber die Hauer
Wetzet er, abzuwehren gefaßt, wie die Hund' auch die Jäger:
Also bestand der Streiter Idomeneus kühn den Äneias,
Der mit Geschrei anstürmte; doch ruft' er seinen Genossen,
Aphareus, samt Askalaphos dort, und Deipyros schauend,
Auch Meriones dort und Antilochos, kundig des Feldrufs;
Diese reizt' er zum Kampf und sprach die geflügelten Worte:
Kommt, o Freund', und beschützt mich einzelnen! Schrecken ergreift mich
Vor des raschen Äneias' Herannahn, der mich bestürmet,
Der ein Gewaltiger ist, in der Feldschlacht Männer zu töten;
Auch noch blüht ihm Jugend in üppiger Stärke des Lebens.
Wären wir doch an Alter so gleich uns, wie an Gesinnung:
Bald würd ihn Siegsehre verherrlichen oder mich selber!
Jener sprach's, und sie all, einmütigen Sinnes versammelt,
Stellten sich nah umher, die Schilde gelehnt an die Schultern.
Auch Äneias indes ermahnete seine Genossen,
Paris samt Deiphobos dort und den edlen Agenor,
Welche die Troer mit ihm anführeten; aber die Völker
[227] Folgeten nach. So folgen die blökenden Schafe dem Widder
Von der Weide zur Tränk; es freuet sich herzlich der Schäfer:
Also war dem Äneias das Herz im Busen voll Freude,
Als er der Völker Schar nachwandeln sahe sich selber.
Jetzt um Alkathoos her begegneten jene sich, stürmend
Mit langschaftigen Speeren, und rings um die Busen der Männer
Rasselte schrecklich das Erz von den Zielenden gegeneinander
Durch das Gewühl. Zween Männer voll Kriegesmuts vor den andern,
Beid, Äneias der Held und Idomeneus, ähnlich dem Ares,
Strebten einander den Leib mit grausamem Erz zu verwunden.
Erstlich schoß Äneias, den Speer auf Idomeneus zielend;
Jener indes vorschauend vermied den ehernen Wurfspieß,
Daß Äneias' Geschoß mit bebendem Schaft in den Boden
Stürmte, nachdem es umsonst aus nervichter Hand ihm entflogen.
Aber Idomeneus traf des Önomaos wölbenden Panzer
Mitten am Bauch, daß schmetternd ins Eingeweid ihm die Spitze
Taucht'; und er sank in den Staub, mit der Hand den Boden ergreifend.
Zwar Idomeneus riß den langen Speer aus dem Toten
Eilend, doch nicht vermocht er die andere prangende Rüstung
Ihm von der Schulter zu ziehn, so drängten umher die Geschosse.
Auch nicht frisch war der Füße Gelenk dem strebenden Kämpfer,
Weder hinanzuspringen nach seinem Geschoß, noch zu weichen.
Drum in stehendem Kampf zwar wehrt' er dem grausamen Tage,
Aber zur Flucht nicht trugen die Schenkel ihn rasch aus dem Treffen.
Als er nun langsam wich, da flog Deiphobos' Lanze
Blinkend ihm nach; denn er hegte den dauernden Groll ihm noch immer.
Doch verfehlt' er auch jetzt; und Askalaphos bohrte die Lanze
Ihm, Enyalios' Sohne, mit stürmendem Erz in die Schulter
Tief; und er sank in den Staub, mit der Hand den Boden ergreifend.
Nicht annoch vernahm es der brüllende Wüterich Ares,
Daß sein Sohn gefallen im Ungestüme der Feldschlacht!
Fern auf den Höhn des Olympos, durch Zeus' des Allmächtigen Ratschluß,
Saß er, von goldenen Wolken umschränkt; dort saßen zugleich ihm
Andre unsterbliche Götter, zurückgehemmt von dem Kriege.
Jetzt um Askalaphos her begegneten jene sich stürmend.
Siehe, Deiphobos riß von Askalaphos' Haupte den blanken
Flatternden Helm; doch Meriones, rasch wie der tobende Ares,
[228] Rannte den Speer in den Arm des Raubenden, daß aus der Hand ihm
Schnell der längliche Helm mit Getön hinsank auf den Boden.
Doch Meriones sprang von neuem hinan, wie ein Habicht,
Und er entriß aus dem Ende des Arms den gewaltigen Wurfspieß;
Dann in der Freunde Gedräng entzog er sich. Aber Polites,
Seinen verwundeten Bruder Deiphobos mitten umfassend,
Führt' ihn hinweg aus dem Sturme der brüllenden Schlacht zu den Rossen,
Welche geflügelten Hufs ihm hinter dem Kampf und Gefechte
Standen, gehemmt vom Lenker am kunstreich prangenden Wagen.
Diese trugen zur Stadt den schwer aufstöhnenden Krieger,
Matt vor Schmerz, und das Blut entfloß dem verwundeten Arme.
Aber die anderen kämpften, und graunvoll brüllte der Schlachtruf.
Jetzo stürzt' Äneias auf Aphareus, Sohn des Kaletor,
Welcher sich gegen ihn wandt, und stieß ihm den Speer in die Gurgel.
Jenem sank zur Seite das Haupt, es folgte der Schild nach,
Auch der Helm; und des Todes entseelender Schauer umfloß ihn.
Als Antilochos jetzt den gewendeten Thoon bemerkte,
Stieß er dahergestürmt, und ganz die Ader zerschnitt er,
Welche längs dem Rücken emporläuft bis zu dem Nacken;
Diese zerschnitt er ihm ganz, daß er rücklings hinab auf den Boden
Taumelte, beide Händ' umher zu den Freunden verbreitend.
Aber Antilochos eilt' und entzog den Schultern die Rüstung
Mit umschauendem Blick, denn rings anstürmende Troer
Trafen den breiten Schild, den prangenden; doch sie vermochten
Nicht, ihm durchhin zu verwunden den Leib mit grausamem Erze,
Nestors Sohn. Denn siehe, der Erderschüttrer Poseidon
Schirmt' Antilochos rings im mächtigen Sturm der Geschosse.
Denn nie war er der Feind' entlediget, sondern durchtobte
Stets ihr Gewühl; nie ruhte der Speer ihm, sondern beständig
Bebt' er geschwungen umher; denn er wählete mutigen Herzens
Jetzt dem Wurfe sein Ziel und jetzt dem stürmenden Anlauf.
Wohl nahm Adamas nun des Zielenden wahr im Getümmel,
Asios' Sohn, und traf ihm den Schild mit spitzigem Erze,
Nahe daher sich stürzend, doch kraftlos machte die Schärfe
Der schwarzlockige Herrscher des Meers, sein Leben ihm weigernd.
Stecken blieb ein Teil, wie ein Pfahl in der Flamme gehärtet,
Dort in Antilochos' Schild, und der andere lag auf der Erde.
[229] Schnell in der Freunde Gedräng entzog er sich, meidend das Schicksal.
Aber Meriones folgt' und schoß die Lanze dem Flüchtling
Zwischen Scham und Nabel hinein, wo am meisten empfindlich
Naht der blutige Mord den unglückseligen Menschen.
Dort durchdrang ihn das Erz, daß er hingestürzt um die Lanze
Zappelte, gleich wie ein Stier, den im Bergwald weidende Männer,
Wie er sich sträubt, fortziehn durch Zwang des Rutengeflechtes.
Also zappelt im Blut er ein weniges, aber nicht lange;
Denn ihm nahte der Held Meriones, welcher dem Leibe
Mächtig die Lanz entriß; und Nacht umhüllt' ihm die Augen.
Helenos hieb nun genaht dem Deipyros über die Schläfe
Mit dem gewaltigen thrakischen Schwert, und den Helm von dem Haupte
Schmettert' er, daß er getrennt hintaumelte; und ein Achaier,
Als vor der Streitenden Füß' er daherrollt', hob ihn vom Boden;
Doch ihm hüllte die Augen ein mitternächtliches Dunkel.
Schmerz ergriff den Atreiden, den Rufer im Streit Menelaos;
Schnell mit furchtbarem Drohn auf Helenos eilt' er, den Herrscher,
Schwenkend den ehernen Speer; doch Helenos spannte den Bogen.
Also nahten sie beid und trachteten, dieser den Wurfspieß
Gegen ihn herzuschnellen und jener den Pfeil von der Senne.
Priamos' Sohn itzt traf mit dem Pfeil den wölbenden Panzer
Jenem über der Brust, doch es flog das herbe Geschoß ab.
Wie von der breiten Schaufel herab auf geräumiger Tenne
Hüpfet der Bohnen Frucht, der gesprenkelten, oder der Erbsen
Unter des Windes Geräusch und dem mächtigen Schwunge des Wurflers:
Also vom Panzer herab dem herrlichen Held Menelaos
Ferne zurückgeprallt, entflog das herbe Geschoß hin.
Nun traf jener die Hand, der Rufer im Streit Menelaos,
Welche den Bogen ihm hielt, den geglätteten, und in den Bogen
Stürmte, die Hand durchbohrend, hinein die eherne Lanze.
Schnell in der Freunde Gedräng entzog er sich, meidend das Schicksal,
Mit hinhangender Hand, und schleppte den eschenen Speer nach.
Diesen zog aus der Hand der hochgesinnte Agenor;
Dann verband er sie selbst mit geflochtener Wolle des Schafes,
Einer Schleuder, geführt von dem Kriegsgefährten des Herrschers.
Aber Peisandros rannt auf den herrlichen Held Menelaos
Ungestüm, denn ihn führte zum Tod ein böses Verhängnis,
[230] Dir, Menelaos, zu fallen in schreckenvoller Entscheidung.
Als sie nunmehr sich genaht, die Eilenden, gegeneinander,
Schoß er fehl, der Atreid, und seitwärts flog ihm die Lanze.
Aber Peisandros traf dem herrlichen Held Menelaos
Seinen Schild, doch konnt er hindurch nicht treiben die Spitze;
Denn sie hemmte der Schild, daß ab der Schaft an der Öse
Brach. Schon freute sich jener im Geist und erwartete Siegsruhm.
Doch der Atreid, ausziehend das Schwert voll silberner Buckeln,
Sprang auf Peisandros hinan. Der hob die schimmernde Streitaxt
Unter dem Schild, die ehrne, geschmückt mit dem Stiele von Ölbaum,
Schön geglättet und lang, und sie drangen zugleich aneinander.
Dieser haut' ihm den Kegel des schweifumflatterten Helmes,
Oben dicht an dem Busch, doch er des Nahenden Stirne
Über der Nas'; es zerkrachte der Knochen ihm, aber die Augen
Fielen ihm blutig hinab vor die Füß' auf den staubigen Boden;
Und er entsank, sich windend. Gestemmt nun die Fers auf die Brust ihm,
Raubt' er das Waffengeschmeid und rief frohlockend die Worte:
So doch verlaßt ihr endlich der reisigen Danaer Schiffe,
Ihr unmenschlichen Troer, des schrecklichen Streits unersättlich!
Auch noch anderer Schmach und Beleidigung nimmer ermangelnd:
Wie ihr schändlichen Hunde mich schmähetet und nicht geachtet
Zeus' schwertreffenden Zorn, des Donnerers, welcher das Gastrecht
Heiliget und zerstören euch wird die erhabene Feste!
Die ihr mein jugendlich Weib und viel der reichen Besitzung
Frech mir von dannen geführt, nachdem sie euch freundlich bewirtet!
Und nun möchtet ihr gern die meerdurchwandelnden Schiffe
Tilgen mit schrecklicher Flamm und Achaias Helden ermorden!
Aber ihr ruht wohl endlich, wie sehr ihr tobt, von dem Kriege!
Vater Zeus, man sagt ja, du seist erhaben an Weisheit
Über Menschen und Götter, doch warst du Stifter des alles;
Wie du anjetzt willfahrest den übermütigen Männern
Trojas, welchen vor Trotz und Üppigkeit nimmer das Herz sich
Sättigen kann am Streite des allverderbenden Krieges!
Alles wird man ja satt, des Schlummers selbst und der Liebe,
Auch des süßen Gesangs und bewunderten Reigentanzes,
Welche doch mehr anreizen die sehnsuchtsvolle Begierde
Als der Krieg; doch die Troer sind niemals satt des Gefechtes!
[231] Jener sprach's, und dem Leibe die blutigen Waffen entreißend,
Gab er den Freunden sie hin, der untadlige Held Menelaos;
Selbst dann wandt er sich wieder und drang in das Vordergetümmel.
Siehe, Pylämenes' Sohn Harpalion wütete jetzo
Gegen ihn her, der, gesellt dem herrschenden Vater, gen Troja
Kam in den Krieg, allein nicht wiederkehrte zur Heimat;
Dieser traf dem Atreiden gerade den Schild mit der Lanze,
Nahe gestellt, doch konnt er hindurch nicht treiben die Spitze.
Schnell in der Freunde Gedräng entzog er sich, meidend das Schicksal,
Mit umschauendem Blick, ob den Leib ein Erz ihm erreichte.
Aber Meriones schoß den ehernen Pfeil nach dem Flüchtling,
Welcher rechts am Gesäß ihn verwundete, daß ihm die Spitze
Vorn, die Blase durchbohrend, am Schambein wieder hervordrang.
Hingesetzt auf der Stelle, den liebenden Freunden im Arme,
Matt den Geist ausatmend, dem Wurme gleich, auf der Erde
Lag er gestreckt; schwarz strömte sein Blut und netzte den Boden.
Ihn umeilten geschäftig die paphlagonischen Streiter,
Die in den Wagen gelegt ihn zur heiligen Ilios brachten,
Wehmutsvoll; auch folgte der Vater ihm, Tränen vergießend;
Doch nicht konnt er rächen den Tod des lieben Sohnes.
Jetzt ward Paris im Geist um den Fallenden heftig erbittert,
Welcher sein Gastfreund war im paphlagonischen Volke;
Zürnend um ihn, entsandt er den ehernen Pfeil von der Senne.
Einer hieß Euchenor, ein Sohn Polyidos', des Sehers,
Reich an Hab und edel, ein Haus in Korinthos bewohnend,
Der, wohlkundig des Trauergeschicks, im Schiffe daherkam.
Denn oft sagt' ihm solches der gute Greis Polyidos,
Sterben würd er zu Haus an peinlich schmachtender Krankheit
Oder auch unter den Schiffen des Heers, von den Troern getötet;
Darum mied er sowohl der Danaer schmähliche Strafe
Als der Krankheit Schmerz, daß nicht in Gram er versänke.
Paris nun traf am Ohr und Backen ihn, daß aus den Gliedern
Schnell der Geist ihm entfloh; und Graun des Todes umhüllt' ihn.
Also kämpften sie dort wie lodernde Flammen des Feuers.
Doch nicht Hektor vernahm, der göttliche, oder erkannt es,
Daß zur Linken der Schiff' ihm die Seinigen würden getötet
Unter der Danaer Hand und bald sich des Siegs die Achaier
[232] Freueten; also trieb der Gestadumstürmer Poseidon
Argos' Söhne zum Kampf, auch selbst mit Stärke beschirmt' er,
Sondern er hielt, wo zuerst durch Mauer und Tor er hereinsprang,
Dichte Reihn durchbrechend geschildeter Männer von Argos.
Dort, wo Ajas die Schiff' an den Strand und Protesilaos
Längs dem grauen Gewässer emporzog; aber die Mauer
Baueten dort die Achaier am niedrigsten, wo vor den andern
Ungestüm anstrebten zum Kampf sie selbst und die Rosse.
Dort Böoten zugleich und in langem Gewand Iaonen,
Lokrer und Phthias Söhn', auch hochberühmte Epeier
Hemmten mit Müh von den Schiffen den Stürmenden; doch sie vermochten
Nicht hinweg zu drängen die flammende Stärke des Hektor.
Vornan kämpften Athens Erlesene, und ihr Gebieter
Wandelte Peteos' Sohn Menestheus; aber zugleich ihm
Pheidas und Bias der Held und Stichios. Drauf den Epeiern
Ging der Phyleid, Held Meges, und Drakios vor und Amphion,
Medon drauf vor den Phthiern, zugleich der tapfre Podarkes.
Jener war ein Bastard des göttergleichen Oileus,
Medon, des Ajas Bruder, des kleineren; aber er wohnte
Ferne vom Vaterland in Phylake, weil er den Vetter
Einst erschlug Eriopis', der späteren Gattin Oileus';
Doch Podarkes ein Sohn des Phylakiden Iphiklos.
Diese, voran gewappnet vor Phthias mutiger Jugend,
Kämpften, der Danaer Schiffe verteidigend, nächst den Böoten.
Ajas wollte sich nie, der rasche Sohn des Oileus,
Fernen, auch nicht ein wenig, vom Telamonier Ajas,
Sondern wie zween Pflugstiere den starken Pflug durch ein Brachfeld,
Schwärzlich und gleich an Mute, daherziehn und an den Stirnen
Ringsum häufiger Schweiß vorquillt um die ragenden Hörner
(Beide von einem Joch, dem geglätteten, wenig gesondert,
Gehn sie die Furche hinab, den Grund durchschneidend des Feldes):
So dort halfen sich beid und wandelten dicht aneinander.
Aber Telamons Sohn begleiteten viel und entschlossne
Männer, zum Streite gesellt, die seinen Schild ihm enthoben,
Wann ihm die Kriegsarbeit und der Schweiß die Knie beschwerte.
Doch nicht folgten die Lokrer dem mutigen Sohn des Oileus,
Denn nicht duldet' ihr Herz, im stehenden Kampfe zu kämpfen;
[233] Denn nicht hatten sie Helme von Erz mit wallendem Roßschweif,
Hatten auch nicht gewölbete Schild' und eschene Lanzen,
Sondern mit Bogen allein und geflochtener Wolle des Schafes
Zogen sie voll Vertraun gen Ilios, warfen mit diesen
Dichte Geschoss' und brachen die troischen Kriegesgeschwader.
Jene nunmehr vornan in prangendem Waffengeschmeide
Kämpften mit Trojas Volk und dem erzumschimmerten Hektor;
Diese, von fern herwerfend, verbargen sich. Aber die Troer
Dachten nicht mehr des Gefechtes, verwirrt von dem Sturm der Geschosse.
Schmachvoll wären anjetzt von den Schiffen daher und Gezelten
Heimgekehrt die Troer zu Ilios' luftiger Höhe.
Aber Polydamas sprach, dem trotzigen Hektor sich nahend:
Hektor, du bist nicht leicht durch anderer Rat zu bewegen.
Weil dir ein Gott vorzüglich des Kriegs Arbeiten verliehn hat,
Darum willst du an Rat auch kundiger sein vor den andern?
Aber du kannst unmöglich doch alles zugleich dir erwerben.
Anderem ja gewährte der Gott Arbeiten des Krieges,
Anderem Reigentanz und anderem Harf und Gesänge;
Anderem legt' in den Busen Verstand Zeus' waltende Vorsicht,
Heilsamen, dessen viel im Menschengeschlecht sich erfreuen,
Der auch Städte beschirmt; doch zumeist er selber genießt sein.
Drum will ich dir sagen, wie mir's am besten erscheinet.
Rings ja droht dir umher die umzingelnde Flamme des Krieges,
Doch die mutigen Troer, nachdem sie die Mauer erstiegen,
Wenden sich teils vom Gefecht mit den Rüstungen; andere kämpfen,
Weniger sie mit mehreren noch, durch die Schiffe zerstreuet.
Weiche demnach und berufe die Edelsten alle des Volkes,
Daß wir vereint für alles entscheidenden Rat ausdenken:
Ob wir hinein uns stürzen ins Heer vielrudriger Schiffe,
So uns ein Gott willfährig den Sieg schenkt, ob wir anitzo
Heim von den Schiffen ziehn, unbeschädiget! Denn ich besorge,
Traun, uns wägen zurück die gestrige Schuld die Achaier
Reichlich, dieweil bei den Schiffen der unersättliche Krieger
Harrt, der schwerlich hinfort sich ganz enthält des Gefechtes.
So des Polydamas Rat; den unschädlichen billigte Hektor.
Schnell vom Wagen herab mit den Rüstungen sprang er zur Erde;
Und er begann zu jenem und sprach die geflügelten Worte:
[234] Sammle, Polydamas, hier die Edelsten alle des Volkes.
Dorthin geh ich selber, der wütenden Schlacht zu begegnen;
Aber ich kehre sofort, nachdem ich alles geordnet.
Sprach's und stürmte hinweg, dem Schneegebirge vergleichbar,
Lauten Rufs, und durchflog die Troer und die Genossen.
Doch zu Polydamas her, des Panthoos streitbarem Sohne,
Eilten die Edelsten alle, da Hektors Ruf sie vernahmen.
Nur den Deiphobos noch und des herrschenden Helenos Stärke,
Adamas, Asios' Sohn, samt Asios, Hyrtakos' Sohne,
Sucht' im Vordergetümmel der Wandelnde, ob er sie fände.
Doch nicht fand er sie mehr unbeschädiget noch ungetötet;
Einige lagen bereits um die ragenden Steuer von Argos,
Unter der Danaer Hand der mutigen Seelen beraubet,
Andere waren daheim, von Geschoß und Lanze verwundet.
Ihn nun fand er zur Linken der jammerbringenden Feldschlacht,
Alexandros, den Held, der lockigen Helena Gatten,
Welcher mit Mut beseelte die Freund' und ermahnte zu kämpfen.
Nahe trat er hinan und rief die beschämenden Worte:
Weichling, an Schönheit ein Held, weibsüchtiger, schlauer Verführer,
Sprich, wo Deiphobos ist und des herrschenden Helenos Stärke,
Adamas, Asios' Sohn, samt Asios, Hyrtakos' Sohne?
Auch Othryoneus wo? Nun sank herab von dem Gipfel
Ilios' türmende Stadt, nun naht dein grauses Verhängnis!
Ihm antwortete drauf der göttliche Held Alexandros:
Hektor, dieweil dein Herz Unschuldige selber beschuldigt,
Eher ein andermal wohl zur Unzeit rasten vom Kampfe
Mocht ich; denn mich auch gebar nicht ganz unkriegrisch die Mutter!
Denn seitdem bei den Schiffen zur Schlacht du erregtest die Freunde,
Streben wir hier beständig im Scharengewühl der Achaier
Sonder Verzug! Doch die Freund' entschlummerten, welche du forschest;
Zween, Deiphobos nur und des herrschenden Helenos Stärke,
Eilten hinweg, verwundet mit langgeschäfteten Lanzen,
Beid an der Hand; doch den Tod entfernete Zeus Kronion.
Führe nunmehr, wohin dein Herz und Mut es gebietet,
Wir mit freudiger Seele begleiten dich; nimmer auch sollst du
Unseres Muts vermissen, soviel die Kraft nur gewähret!
Über die Kraft kann keiner, auch nicht der Tapferste, kämpfen!
[235] Also sprach und wandte des Bruders Herz Alexandros.
Beide nun eilten sie hin, wo am heftigsten Streit und Gefecht war,
Um Kebriones her und Polydamas' heilige Stärke,
Phalkes und Orthäos, den göttlichen Held Polypötes,
Palmys, Askanios auch und Morys, Hippotions Söhne,
Die aus dem scholligen Land Askania wechselnd gekommen
Früh am vorigen Tag; itzt trieb in die Schlacht sie Kronion.
Diese rauschten einher wie der Sturm unbändiger Winde,
Der vor dem rollenden Wetter des Donnerers über das Feld braust
Und graunvollen Getöses die Flut aufregt, daß sich ringsum
Türmen die brandenden Wogen des weitaufrauschenden Meeres,
Krummgewölbt und beschäumt, vorn andr' und andere hinten:
So dort drängten sich Troer in Ordnungen, andre nach andern,
Schimmernd im ehernen Glanz, und folgeten ihren Gebietern.
Hektor strahlte voran, dem mordenden Ares vergleichbar,
Priamos' Sohn, und trug den gleichgeründeten Schild vor,
Dicht aus Häuten gedrängt und umlegt mit starrendem Erze;
Und um des Wandelnden Schläfen bewegte sich strahlend der Helmschmuck.
Ringsumher versucht' er mit kühnem Gang die Geschwader,
Ob sie vielleicht ihm wichen, wie unter dem Schild er dahertrat;
Doch nicht schreckt' er den Mut in der männlichen Brust der Achaier.
Ajas nahte zuerst und forderte, mächtigen Schrittes:
Komm, Unglücklicher, komm! Warum doch schreckest du also
Argos' Volk? Wir sind nicht unerfahrene Krieger,
Sondern Zeus mit der Geißel des Wehs bezwang die Achaier.
Sicherlich wohl im Herzen erwartest du auszutilgen
Unsere Schiffe; doch rasch sind auch uns die Hände zur Abwehr!
Traun, weit eher vielleicht wird eure bevölkerte Feste
Unter unseren Händen besiegt und zu Boden getrümmert!
Auch dir selbst verkünd ich den nahen Tag, da du fliehend
Jammern wirst zu Zeus und allen unsterblichen Göttern,
Daß mit der Schnelle der Falken die schöngemähneten Rosse
Heim zu der Stadt dich tragen, in stäubender Flucht durch die Felder.
Als er es sprach, da schwebt' ihm rechtsher nahend ein Vogel,
Ein hochfliegender Adler, und lautauf schrien die Achaier,
Durch das Zeichen gestärkt. Doch es rief der strahlende Hektor:
[236] Ajas, was plauderst du da, großprahlender, eiteler Schwätzer?
Wär ich doch so sicher ein Sohn des Ägiserschüttrers
Zeus, zum unsterblichen Gott von der Herrscherin Here geboren,
Ewig geehrt, wie geehrt Athenäa wird und Apollon,
Als der heutige Tag ein Unheil bringt den Argeiern
Allen; du selbst auch liegst ein Erschlagener, wenn du es wagest,
Meinen gewaltigen Speer zu bestehn! Er zerreißt dir den zarten
Leib, dann sättigest du der Troer Hund' und Gevögel
Deines Fettes und Fleisches, gestreckt bei den Schiffen Achaias!
Also rief der Herrscher und führete; jene nun folgten
Mit graunvollem Geschrei, und laut nachjauchzten die Völker.
Laut auch schrien die Argeier daher, des stürmenden Mutes
Eingedenk, und bestanden die nahenden Helden der Troer.
Beider Geschrei ertönte zu Zeus' hochstrahlendem Äther.

14. Gesang

XIV. Gesang.

Nestor, der den verwundeten Machaon bewirtet, eilt auf das Getöse hinaus und spähet. Ihm begegnen Agamemnon, Diomedes und Odysseus, die, matt von den Wunden, das Treffen zu schauen kommen. Agamemnons Gedanken an Rückzug tadelt Odysseus. Nach Diomedes' Vorschlag gehen sie, die Achaier zu ermuntern, und Poseidon tröstet den Agamemnon. Here, mit Aphroditens Gürtel geschmückt, schläfert den Zeus auf Ida ein, daß Poseidon noch mächtiger helfe. Hektor, den Ajas mit dem Steine traf, wird ohnmächtig aus der Schlacht getragen. Die Troer fliehn, indem Ajas, Oileus' Sohn, sich auszeichnet.


Nestor vernahm das Geschrei, auch sitzend am Trunk nicht achtlos;

Schnell zu Asklepios' Sohn die geflügelten Worte begann er:
Denke doch, edler Machaon, wohin sich wende die Sache!
Lauter hallt um die Schiffe der Ruf von blühenden Streitern!
Aber bleib du sitzen und trink des funkelnden Weines,
Bis dir ein warmes Bad die lockige Hekamede
Wärmt und rein die Glieder vom blutigen Staube dir badet.
Ich will indes hineilen und schnell umschaun von der Höhe.
Sprach's und nahm den gediegenen Schild des trefflichen Sohnes,
Der im Gezelt dalag dem reisigen Held Thrasymedes,
Überstrahlt von Erz; der ging mit dem Schilde des Vaters,
[237] Nahm dann die mächtige Lanze, gespitzt mit der Schärfe des Erzes,
Stellte sich außer dem Zelt und schaut' unerfreuliche Taten:
Diese dahergescheucht und jen' im Tumult sie verfolgend,
Trojas mutige Söhn'; auch gestürzt war die Mauer Achaias.
Wie wenn dunkel sich hebt das Meer mit stummem Gewoge,
Ahndend nur der sausenden Wind' herzuckende Wirbel
Kaum, doch nirgendwohin die schlagende Woge gewälzt wird,
Bis ein entscheidender Sturm sich herunterstürzt von Kronion:
Also erwog unruhig der Greis in der Tiefe des Herzens,
Zwiefach, ob er zur Schar gaultummelnder Danaer ginge,
Oder zu Atreus' Sohn, dem Hirten des Volks Agamemnon.
Dieser Gedank erschien dem Zweifelnden endlich der beste,
Hin zu Atreiden zu gehn. Dort würgten sie einer den andern
Wütend im Kampf und es krachte das starrende Erz um die Leiber
Unter dem Stoß der Schwerter und zwiefachschneidenden Lanzen.
Nestorn begegneten nun die gottbeseligten Herrscher,
Wiedergekehrt von den Schiffen, so viel das feindliche Erz traf,
Tydeus' Sohn und Odysseus und Atreus' Sohn Agamemnon,
Welchen weit vom Treffen entfernt sich reihten die Schiffe
Tief am Gestade des Meers. Denn die erstgelandeten zog man
Feldwärts auf und erhub an den Steuerenden die Mauer.
Nimmermehr ja konnte, wie breit es war, das Gestade
Alle Schiff' einschließen des Heers, und es engte die Völker;
Darum zog man gestuft sie empor und erfüllte des Ufers
Weite Bucht, die begrenzt von den Vorgebirgen umherlief.
Drum nun kamen zu schaun das Feldgeschrei und Getümmel,
Matt auf die Lanze gestützt, die Verwundeten; und von Betrübnis
Schwoll in den Busen ihr Herz. Es begegnete jetzo der graue
Nestor und macht' hinstarren das Herz der edlen Achaier.
Ihn anredend begann der herrschende Held Agamemnon:
Nestor, Neleus' Sohn, du erhabener Ruhm der Achaier,
Warum kommst du daher, das würgende Treffen verlassend?
Ach ich sorg, es vollende sein Wort der stürmende Hektor,
Wie er vordem mir gedroht im Rat der versammelten Troer:
Eher nicht von den Schiffen gen Ilios wiederzukehren,
Eh er in Glut die Schiffe verbrannt und getötet sie selber.
Also redete jener, und nun wird alles vollendet.
[238] Götter, gewiß sie alle, die hellumschienten Achaier,
Hegen mir Groll im Herzen und hassen mich gleich wie Achilleus,
Daß sie dem Kampf sich entziehn um die ragenden Steuer der Schiffe!
Ihm antwortete drauf der gerenische reisige Nestor:
Dies ward alles vollbracht und gefertiget; nimmer vermöcht auch
Selbst der Donnerer Zeus es anders wieder zu schaffen!
Denn schon sank die Mauer in Schutt, die, ganz unzerbrechlich,
Traueten wir, sich erhub uns selbst und den Schiffen zur Abwehr.
Jen' um die rüstigen Schiff', unermeßliche Kämpfe bestehn sie
Rastlos; nicht erkenntest du mehr, wie scharf du umhersähst,
Welcherseits die Achaier im tobenden Schwarme sich tummeln,
So ist vermischt das Gemord und es schallt zum Himmel der Aufruhr.
Uns nun laßt erwägen, wohin sich wende die Sache,
Wenn ja Verstand noch hilft. Nur rat ich nicht, in die Feldschlacht
Einzugehn, denn es taugt der Verwundete nimmer zu streiten.
Ihm antwortete drauf der Herrscher des Volks Agamemnon:
Nestor, dieweil schon wütet der Kampf um die ragenden Steuer
Und nichts frommte der Mauer gewaltiger Bau noch der Graben,
Was mit Müh uns Achaiern gelang und, ganz unzerbrechlich,
Traueten wir, sich erhub uns selbst und den Schiffen zur Abwehr;
So gefällt es nun wohl dem hocherhabnen Kronion,
Daß hier ruhmlos sterben von Argos fern die Achaier,
Wußt ich es doch, als Zeus huldvoll die Achaier beschirmte,
Und weiß nun, daß er jene zur Herrlichkeit seliger Götter
Auserwählt, uns aber den Mut und die Hände gefesselt.
Aber wohlan, wie ich rede das Wort, so gehorchet mir alle.
Welche Schiffe zunächst am Rande des Meers wir gestellet,
Nehmen wir all und ziehn sie hinab in die heilige Meerflut,
Hoch auf der Flut mit Ankern befestigend, bis uns herannaht
Öde Nacht, wo alsdann auch zurück sich hält vom Gefechte
Trojas Volk; drauf ziehn wir die sämtlichen Schiff' in die Wogen.
Denn nicht Tadel verdient's, der Gefahr auch bei Nacht zu entrinnen!
Besser, wer fliehend entrann der Gefahr, als wen sie ereilet!
Finster schaut' und begann der erfindungsreiche Odysseus:
Welch ein Wort, o Atreid, ist dir aus den Lippen entflohen?
Schrecklicher! Daß du vielmehr doch ein anderes feigeres Kriegsvolk
Führetest, doch nicht uns obwaltetest, welchen fürwahr Zeus
[239] Früh von der Jugend gewährte bis spät zum Alter zu dauern
Unter des Kriegs Drangsalen, bis tot auch der letzte dahinsinkt!
Also gedenkst du im Ernst, von der weitdurchwanderten Troja
Heimzufliehn, um welche des Grams so viel wir erduldet?
Schweig, damit kein andrer in Argos' Volk es vernehme,
Dieses Wort, das schwerlich ein Mann mit den Lippen nur ausspricht,
Dessen Seele gelernt, anständige Dinge zu reden,
Wenn er, geschmückt mit dem Zepter, so mächtige Völker beherrschet,
Als dir, König, daher aus Argos' Städten gefolgt sind!
Jetzo tadl ich dir gänzlich den Einfall, welchen du vorbringst!
Mitten in Schlacht und Getümmel die schöngebordeten Schiffe
Nieder ins Meer zu ziehen, ermahnest du, daß noch erwünschter
Ende der Troer Geschick, die so schon siegen an Stärke,
Und uns Tod und Verderben zerschmettere! Denn die Achaier
Halten nicht aus das Gefecht, wann ins Meer wir die Schiffe hinabziehn,
Sondern voll Angst umschauend vergessen sie alle der Streitlust!
Traun, dann wäre dein Rat uns fürchterlich, Völkergebieter!
Ihm antwortete drauf der Herrscher des Volks Agamemnon:
Tief in die Seele fürwahr, Odysseus, drang dein Verweis mir,
Schreckenvoll! Doch ich heiße ja nicht, daß wider ihr Wollen
Argos' Söhn' in das Meer die gebogenen Schiffe hinabziehn.
Komme nunmehr, wer besseren Rat zu sagen vermeinet,
Jüngling oder auch Greis, mir sei er herzlich willkommen!
Jetzo begann vor ihnen der Rufer im Streit Diomedes:
Hier ist der Mann! Was suchen wir länger ihn, höret ihr anders
Guten Rat und verschmäht ihn nicht, unwilligen Herzens,
Weil ich zwar an Geburt der jüngere bin von euch allen?
Aber ich rühme mich stolz nicht weniger edlen Geschlechtes
Tydeus' Sohn, den in Thebe gehügelte Erde bedecket!
Portheus wurden ja drei untadlige Söhne geboren,
Welche Pleuron bewohnt und Kalydons bergichte Felder:
Agrios erst, dann Melas und dann der reisige Öneus,
Tydeus' Vater, mein Ahn, berühmt vor jenen an Tugend.
Dieser weilte daselbst, doch es zog mein Vater gen Argos,
Lange verirrt; so ordnet' es Zeus und die anderen Götter.
Einer Tochter vermählt des Adrastos, wohnt' er im Hause.
Reich an Lebensgut; auch genug der Weizengefilde
[240] Hatt er und viel der Gärten, von Baum und Rebe beschattet,
Viel auch der weidenden Schaf', und an Lanzenkunde besiegt' er
Alles Volk. Doch sicher vernahmt ihr schon, wie es wahr ist.
Darum wähnet mich nicht unkriegerischen feigen Geschlechtes
Noch verachtet den Rat, den ich frei und gut euch eröffne.
Kommt, wir gehn in die Schlacht, verwundet zwar, doch genötigt!
Dort dann wollen wir zwar uns selbst enthalten des Kampfes,
Aus dem Geschoß, daß nicht uns Wund auf Wunde verletze,
Doch ermahnen wir andre zur Tapferkeit, welche zuvor schon,
Ihrem Mut willfahrend, zurückflohn, müde des Kampfes.
Jener sprach's, da hörten sie aufmerksam und gehorchten.
Eilend folgten sie jetzt dem Herrscher des Volks Agamemnon.
Aber nicht achtlos lauschte der Erderschüttrer Poseidon,
Sondern er trat zu ihnen, ein alternder Krieger von Ansehn,
Faßte die rechte Hand dem Herrscher des Volks Agamemnon,
Redete drauf zu jenem und sprach die geflügelten Worte:
Atreus' Sohn, nun schlägt des Achilleus grausames Herz wohl
Hoch vor Freud in der Brust, das Gewürg und die Flucht der Achaier
Anzuschaun; denn ihm fehlt auch die mindeste gute Besinnung.
Laß ihn seinem Verderben, ein Himmlischer zeichne mit Schand ihn!
Noch sind dir nicht ganz die seligen Götter gehässig,
Sondern gewiß der Troer erhabene Fürsten und Pfleger
Füllen noch weit das Gefilde mit Staub und du siehest noch einmal
Heim sie entfliehn in die Stadt, von den Schiffen hinweg und Gezelten.
Sprach's, und mit lautem Geschrei durchwandelt' er schnell das Gefilde.
Wie wenn zugleich neuntausend daherschrein, ja zehntausend
Rüstige Männer im Streit, zu schrecklichem Kampf sich begegnend,
Solche Stimm enthallte des erderschütternden Königs
Starker Brust in das Heer und rüstete jeglichen Mannes
Busen mit Kraft, rastlos im Streite zu stehn und zu kämpfen.
Here stand nun schauend, die goldenthronende Göttin,
Hoch vom Gipfel herab des Olympos; und sie erkannte
Schnell den Schaltenden dort in der männerehrenden Feldschlacht,
Ihren leiblichen Bruder und Schwager, freudigen Herzens.
Ihn alsdann auf der Höhe des quellenströmenden Ida
Sahe sie sitzen, den Zeus, und zürnt' ihm tief in der Seele.
Jetzo sann sie umher, die hoheitblickende Here,
[241] Wie sie täuschte den Sinn des ägiserschütternden Gottes.
Dieser Gedank erschien der Zweifelnden endlich der beste:
Hinzugehn auf Ida, geschmückt mit lieblichem Schmucke,
Ob er vielleicht begehrte, von Lieb entbrannt zu umarmen
Ihren Reiz und sie ihm einschläfernde sanfte Betäubung
Gießen möcht auf die Augen und seine waltende Seele.
Und sie enteilt' ins Gemach, das ihr Sohn, der kluge Hephästos,
Ihr gebaut und die künstliche Pfort an die Pfosten gefüget
Mit verborgenem Schloß, das kein anderer Gott noch geöffnet.
Dort ging jene hinein und verschloß die glänzenden Flügel.
Jetzt entwusch sie zuerst mit Ambrosia jede Befleckung
Ihrem reizenden Wuchs und salbt' ihn mit lauterem Öle,
Fein und ambrosischer Kraft, von würzigem Dufte durchbalsamt,
Welches auch, kaum nur bewegt im ehernen Hause Kronions,
Erde sogleich und Himmel mit Wohlgerüchen umhauchte.
Hiermit salbte sie rings die schöne Gestalt, auch das Haupthaar
Kämmt' und ordnete sie und ringelte glänzende Locken,
Schön und ambrosiaduftend, herab von der göttlichen Scheitel;
Hüllte sich drauf ins Gewand, das ambrosische, so ihr Athene
Zart und künstlich gewirkt und reich an Wundergebilde;
Dann mit goldenen Spangen verband sie es über dem Busen;
Schlang dann umher den Gürtel, mit hundert Quästen umbordet.
Jetzo fügte sie auch die schönen Gehäng' in die Ohren,
Dreigestirnt, hellspielend; und Anmut leuchtete ringsum.
Auch ein Schleier umhüllte das Haupt der erhabenen Göttin,
Lieblich und neu vollendet; er schimmerte hell wie die Sonne.
Unter die glänzenden Füß' auch band sie sich stattliche Sohlen.
Als sie nunmehr vollkommen den Schmuck der Glieder geordnet,
Eilte sie aus dem Gemach und rief hervor Aphrodite,
Von den anderen Göttern entfernt; dann freundlich begann sie:
Möchtest du jetzt mir gehorchen, mein Töchterchen, was ich begehre,
Oder vielleicht es versagen, mir darum zürnend im Herzen,
Weil ich selbst die Achaier und du die Troer beschützest?
Ihr antwortete drauf die Tochter Zeus' Aphrodite:
Here, gefeierte Göttin, erzeugt vom gewaltigen Kronos,
Rede, was du verlangst, mein Herz gebeut mir Gewährung,
Kann ich es nur gewähren und ist es selber gewährbar.
[242] Listenreich antwortete drauf die Herrscherin Here:
Gib mir den Zauber der Lieb und Sehnsucht, welcher dir alle
Herzen der Götter bezähmt und sterblicher Erdebewohner.
Denn ich geh an die Grenzen der nahrungsprossenden Erde,
Daß ich den Vater Okeanos schau und Tethys, die Mutter,
Welche beid im Palaste mich wohl gepflegt und erzogen,
Ihnen von Rheia gebracht, da der waltende Zeus den Kronos
Unter die Erde verstieß und die Flut des verödeten Meeres.
Diese geh ich zu schaun und den heftigen Zwist zu vergleichen.
Denn schon lange Zeit vermeiden sie einer des andern
Hochzeitbett und Umarmung, getrennt durch bittere Feindschaft.
Könnt ich jenen das Herz durch freundliche Worte bewegen,
Wieder zu nahn dem Lager, gesellt zu Lieb und Umarmung,
Stets dann würd ich die teure, geehrteste Freundin genennet.
Ihr antwortete drauf die hold anlächelnde Kypris:
Nie wär's recht noch geziemt' es, dir jenes Wort zu verweigern,
Denn du ruhst in den Armen des hocherhabenen Kronion.
Sprach's und löste vom Busen den wunderköstlichen Gürtel,
Buntgestickt; dort waren des Zaubers Reize versammelt.
Dort war schmachtende Lieb und Sehnsucht, dort das Getändel
Und die schmeichelnde Bitte, die selbst den Weisen betöret.
Den nun reichte sie jener und redete, also beginnend:
Da, verbirg in dem Busen den bunt durchschimmerten Gürtel,
Wo ich des Zaubers Reize versammelte. Wahrlich du kehrst nicht
Sonder Erfolg von dannen, was dir dein Herz auch begehret.
Sprach's, da lächelte sanft die hoheitblickende Here.
Lächelnd drauf verbarg sie den Zaubergürtel im Busen;
Jene nun ging in den Saal, die Tochter Zeus' Aphrodite.
Here voll Ungestüms entschwang sich den Höhn des Olympos,
Trat auf Pieria dann und Emathiens liebliche Felder,
Stürmete dann zu den schneeigen Höhn gaultummelnder Thraker
Über die äußersten Gipfel und nie die Erde berührend;
Schwebete dann vom Athos herab auf die Wogen des Meeres;
Lemnos erreichte sie dann, die Stadt des göttlichen Thoas.
Dort nun fand sie den Schlaf, den leiblichen Bruder des Todes,
Faßt' ihm freundlich die Hand und redete, also beginnend:
Mächtiger Schlaf, der Menschen und ewigen Götter Beherrscher,
[243] Wenn du je mir ein Wort vollendetest, o so gehorch auch
Jetzo mir; ich werde dir Dank es wissen auf immer.
Schnell die leuchtenden Augen Kronions unter den Wimpern
Schläfre mir ein, nachdem uns gesellt hat Lieb und Umarmung.
Deiner harrt ein Geschenk, ein schöner, unalternder Sessel,
Strahlend von Gold; ihn soll mein hinkender Sohn Hephästos
Dir bereiten mit Kunst, und ein Schemel sei unter den Füßen,
Daß du behaglich am Mahl die glänzenden Füße dir ausruhst.
Und der erquickende Schlaf antwortete, solches erwidernd:
Here, gefeierte Göttin, erzeugt vom gewaltigen Kronos,
Jeden anderen leicht der ewigwährenden Götter
Schläfert' ich ein, ja selbst des Okeanos wallende Fluten,
Jenes Stroms, der allen Geburt verliehn und Erzeugung.
Nur nicht Zeus Kronion, dem Donnerer, wag ich zu nahen
Oder ihn einzuschläfern, wo nicht er selbst es gebietet.
Einst schon witzigten mich, o Königin, deine Befehle,
Jenes Tags, da Zeus' hochherziger Sohn Herakles
Heim von Ilios fuhr, die Stadt in Trümmern verlassend.
Denn ich betäubte den Sinn des ägiserschütternden Gottes,
Sanft umhergeschmiegt; du aber ersannst ihm ein Unheil,
Über das Meer aufstürmend die Wut lautbrausender Winde,
Und verschlugst ihn darauf in Kos' bevölkertes Eiland,
Weit von den Freunden entfernt. Allein der Erwachende zürnte,
Schleudernd umher die Götter im Saal; mich aber vor allen
Sucht' er und hätt austilgend vom Äther ins Meer mich gestürzet;
Nur die Nacht, die Bändigerin der Götter und Menschen,
Nahm mich Fliehenden auf. Da ruhete, wie er auch tobte,
Zeus und scheuete sich, die schnelle Nacht zu betrüben.
Und nun treibst du mich wieder, ein heillos Werk zu beginnen!
Ihm antwortete drauf die hoheitblickende Here:
Schlaf, warum doch solches in deiner Seele gedenkst du?
Meinst du vielleicht, die Troer verteidige so der Kronide,
Wie um Herakles vor Zorn, um seinen Sohn, er entbrannt war?
Aber komm, ich will auch der jüngeren Grazien eine
Dir zu umarmen verleihn, daß dir sie Ehegenossin
Heiße, Pasithea selbst, nach welcher du stets dich gesehnet.
Jene sprach's und der Schlaf antwortete freudigen Herzens:
[244] Nun wohlan, beschwör es bei Styx' wehdrohenden Wassern,
Rührend mit einer Hand die nahrungsprossende Erde
Und mit der andern das schimmernde Meer, daß alle sie uns nun
Zeugen sei'n, die um Kronos versammelten unteren Götter:
Ganz gewiß mir verleihn der jüngeren Grazien eine
Willst du, Pasithea selbst, nach welcher ich stets mich gesehnet.
Sprach's, und willig gehorchte die lilienarmige Here,
Schwur, wie jener begehrt, und rief mit Namen die Götter
All im Tartaros unten, die man Titanen benennet.
Aber nachdem sie gelobt und ausgesprochen den Eidschwur,
Eilten sie, Lemnos' Stadt und Imbros' beide verlassend,
Eingehüllt in Nebel, mit leicht hinschwebenden Füßen.
Ida erreichten sie nun, den quelligen Nährer des Wildes,
Lekton, wo erst dem Meer sie entschwebeten; dann auf der Feste
Wandelten beid, es erbebten vom Gang die Wipfel des Waldes.
Dort nun weilte der Schlaf, bevor Zeus' Augen ihn sahen,
Hoch auf die Tanne gesetzt, die erhabene, welche des Idas
Höchste nunmehr durch trübes Gedüft zum Äther emporstieg;
Dort saß jener, umhüllt von stachelvollem Gezweige,
Gleich dem tönenden Vogel, der nachts die Gebirge durchflattert,
Chalkis genannt von Göttern und Nachtrab unter den Menschen.
Here mit hurtigem Schritt erstieg des Gargaros Gipfel,
Idas Höh, und sie sahe der Herrscher im Donnergewölk Zeus.
Sowie er sah, so umhüllt' Inbrunst sein waltendes Herz ihm,
Jener gleich, da zuerst sich beide gesellt zur Umarmung,
Nahend dem bräutlichen Lager, geheim vor den liebenden Eltern.
Und er trat ihr entgegen und redete, also beginnend:
Here, wohin verlangst du, da hier vom Olympos du herkommst?
Auch nicht hast du die Ross' und ein schnelles Geschirr zu besteigen.
Listenreich antwortete drauf die Herrscherin Here:
Zeus, ich geh an die Grenzen der nahrungsprossenden Erde,
Daß ich den Vater Okeanos schau und Tethys, die Mutter,
Welche beid im Palaste mich wohl gepflegt und erzogen;
Diese geh ich zu schaun und den heftigen Zwist zu vergleichen.
Denn schon lange Zeit vermeiden sie einer des andern
Hochzeitbett und Umarmung, getrennt durch bittere Feindschaft.
Aber die Ross', am untersten Fuß des quelligen Ida
[245] Stehen sie, mich zu tragen durch festes Land und Gewässer.
Deinethalb nun bin ich hieher vom Olympos gekommen,
Daß nicht etwa dein Herz mir eiferte, wandelt' ich heimlich
Zu des Okeanos Burg, des tiefhinströmenden Herrschers.
Ihr antwortete drauf der Herrscher im Donnergewölk Zeus:
Here, dorthin magst du nachher auch enden die Reise.
Komm, wir wollen in Lieb uns vereinigen, sanft gelagert.
Denn so sehr hat keine der Göttinnen oder der Weiber
Je mein Herz im Busen mit mächtiger Glut mir bewältigt,
Weder, als ich entflammt von Ixions Ehegenossin
Einst den Peirithoos zeugt', an Rat den Unsterblichen ähnlich;
Noch da ich Danae liebt', Akrisios' reizende Tochter,
Welche den Perseus gebar, den herrlichsten Kämpfer der Vorzeit;
Noch auch Phönix' Tochter, des ferngepriesenen Königs,
Welche mir Minos gebar und den göttlichen Held Rhadamanthys;
Noch da ich Semele liebt', auch nicht Alkmene von Thebe,
Welche mir Mutter ward des hochgesinnten Herakles
(Jene gebar die Freude des Menschengeschlechts Dionysos);
Noch da ich einst die erhabne, die schöngelockte Demeter
Oder die herrliche Leto umarmete oder dich selber,
Als ich anjetzt dir glühe, durchbebt von süßem Verlangen!
Listenreich antwortete drauf die Herrscherin Here:
Welch ein Wort, Kronion, du Schrecklicher, hast du geredet!
Wenn du jetzt in Liebe gesellt zu ruhen begehrest
Oben auf Idas Höhn, wo umher frei alles erscheinet:
O wie wär's, wenn uns einer der ewigwährenden Götter
Beid im Schlummer erblickt' und den Himmlischen allen es eilend
Meldete? Traun, nie kehrt' ich hinfort zu deinem Palaste,
Aufgestanden vom Lager, denn unanständig ja wär es!
Aber wofern du willst und deiner Seel es genehm ist,
Hast du ja ein Gemach, das dein Sohn, der kluge Hephästos,
Dir gebaut und die künstliche Pfort an die Pfosten gefüget:
Dorthin gehn wir zu ruhn, gefällt dir jetzo das Lager.
Ihr antwortete drauf der Herrscher im Donnergewölk Zeus:
Here, weder ein Gott, vertraue mir, weder ein Mensch auch
Wird uns schaun, denn ein solches Gewölk umhüllt' ich dir ringsum,
Strahlend von Gold, nie würd uns hindurchspähn Helios selber,
[246] Der doch scharf vor allen mit strahlenden Augen umherblickt.
Also Zeus und umarmte voll Inbrunst seine Gemahlin.
Unten nun sproß die heilige Erd aufgrünende Kräuter,
Lotos mit tauiger Blum und Krokos samt Hyakinthos,
Dichtgedrängt und weich, die empor vom Boden sie trugen;
Hierauf ruheten beid und hüllten sich rings ein Gewölk um,
Schön und strahlend von Gold, und es taueten glänzende Tropfen.
Also schlummerte dort auf Gargaros' Höhe der Vater,
Sanft von Schlaf bezwungen und Lieb, und umarmte die Gattin.
Eilend lief der erquickende Schlaf zu den Schiffen Achaias,
Botschaft anzusagen dem Erderschüttrer Poseidon;
Nahe trat er hinan und sprach die geflügelten Worte:
Jetzo mit Ernst, Poseidon, den Danaern Hilfe gewähret!
Ihnen verleih itzt Ruhm, zum wenigsten, weil noch Kronion
Schläft; ich selber umhüllt' ihn mit sanft betäubendem Schlummer,
Als ihn Here betört zu holder Lieb und Umarmung.
Dieses gesagt, entflog er zu rühmlichen Menschengeschlechtern,
Doch ihn reizt' er noch mehr, dem Danaervolke zu helfen.
Schnell in das Vordergetümmel voraus sich stürzend ermahnt' er:
Argos' Söhn', auch jetzo vergönnen wir Sieg dem Hektor,
Priamos' Sohn, daß er nehme die Schiff' und Ruhm sich gewinne?
Aber er wähnt zwar also und frohlockt, weil noch Achilleus
Bei den geräumigen Schiffen verweilt mit zürnendem Herzen.
Dennoch vermissen wir sein nicht sonderlich, wenn nur wir andern
Mutiger angestrengt uns verteidigen untereinander!
Aber wohlan, wie ich rede das Wort, so gehorchet mir alle.
Jetzt die gewaltigsten Schild' und größesten unseres Heeres
Angelegt und die Häupter in weithinstrahlende Helme
Eingehüllt, in den Händen die mächtigsten Lanzen bewegend,
Wollen wir gehn, ich selber voran, und schwerlich besteht uns
Hektor, Priamos' Sohn, wie ungestüm er daherstrebt!
Ist wo ein streitbarer Mann, der mit kleinerem Schilde sich decket,
Reich er dem schwächeren Krieger ihn dar und nehme den größern!
Jener sprach's, da hörten sie aufmerksam und gehorchten.
Ringsum ordneten diese die Könige selbst, auch verwundet,
Tydeus' Sohn und Odysseus und Atreus' Sohn Agamemnon,
Gingen umher und vertauschten die kriegrischen Waffen der Männer;
[247] Starke bekam der Starke, dem Schwächeren gaben sie schwache.
Aber nachdem sie den Leib mit blendendem Erz sich umhüllet,
Drangen sie vor, sie führte der Erderschüttrer Poseidon,
Tragend ein Schwert, entsetzlich und lang, in der nervichten Rechten,
Gleich dem flammenden Blitz, dem niemand wagt zu begegnen
In der vertilgenden Schlacht; auch die Furcht schon hemmet die Krieger.
Trojas Söhn' auch stellte der strahlende Hektor in Ordnung.
Siehe, mit schrecklicher Wut nun strengten den Kampf der Entscheidung
Der schwarzlockige Herrscher des Meers und der strahlende Hektor,
Dieser dem Troervolk und der den Danaern helfend.
Hoch aufwogte das Meer an der Danaer Schiff' und Gezelte
Brandend empor, und sie rannten mit lautem Geschrei aneinander.
Nicht so donnert die Woge mit Ungestüm an den Felsstrand,
Aufgestürmt aus dem Meer vom gewaltigen Hauche des Nordwinds;
Nicht so prasselt das Feuer heran mit sausenden Flammen
Durch ein gekrümmt Bergtal, wann den Forst zu verbrennen es auffuhr;
Nicht der Orkan durchbrauset die hochgewipfelten Eichen
So voll Wut, wann am meisten mit großem Getös er dahertobt,
Als dort laut der Troer und Danaer Stimmen erschollen,
Da sie mit grausem Geschrei anwüteten gegeneinander.
Jetzo zielt' auf Ajas zuerst der strahlende Hektor,
Als er sich gegen ihn wandt, und nicht verfehlt' ihn die Lanze.
Dort, wo ihm zween Riemen sich breiteten über den Busen,
Dieser vom Schild und jener des silbergebuckelten Schwertes,
Traf er, doch beide beschirmten den Leib. Da zürnete Hektor,
Daß sein schnelles Geschoß umsonst aus der Hand ihm entflohn war,
Und in der Freunde Gedräng entzog er sich, meidend das Schicksal.
Aber den Weichenden traf der Telamonier Ajas
Schnell mit dem Stein; denn viele, die räumigen Schiffe zu stützen,
Lagen gewälzt vor den Füßen der Kämpfenden. Den nun erhebend,
Warf er über dem Schilde die Brust ihm, nahe dem Halse;
Jenen schwang wie den Kreisel der Wurf, und er taumelte ringsum.
So wie vor Zeus' hochschmetterndem Schlag hinstürzet die Eiche,
Wurzellos, und entsetzlich der Dampf des brennenden Schwefels
Ihr entsteigt (mutlos und betäubt steht, welcher es anschaut
Nahe dem Ort; denn furchtbar ist Zeus des Allmächtigen Donner):
[248] Also stürzt' in den Staub die Gewalt des göttlichen Hektor.
Schnell entsank die Lanze der Hand, es folgte der Schild nach,
Auch der Helm, ihn umklirrte das Erz der prangenden Rüstung.
Laut vor Freud aufjauchzend bestürmten ihn Männer Achaias,
Hoffend ihn wegzuziehn, und schleuderten häufige Speere
Gegen ihn; dennoch traf den Völkerhirten nicht einer,
Weder mit Stoß noch Wurf, denn die Tapfersten nahten umwandelnd.
Held Äneias, Polydamas auch und der edle Agenor,
Auch Sarpedon, der Lykier Fürst, und der treffliche Glaukos;
Auch der anderen keiner versäumt' ihn, sondern sie hielten
Wohlgeründete Schild' ihm zur Abwehr. Doch ihn erhebend
Trugen die Freund' auf den Armen aus Kriegsarbeit zu den Rossen,
Welche geflügelten Hufs ihm hinter dem Kampf und Gefechte
Standen, gehemmt vom Lenker am kunstreich prangenden Wagen;
Diese trugen zur Stadt den schwer aufstöhnenden Krieger.
Als sie nunmehr an die Furt des schönhinwallenden Xanthos
Kamen, des wirbelnden Stroms, den Zeus der Unsterbliche zeugte,
Legten sie dort vom Geschirr zur Erd ihn, sprengten dann Wasser
Über ihn her; bald atmet' er auf und blickte gen Himmel.
Hingekniet dann saß er und spie schwarzschäumendes Blut aus;
Aber zurück nun sank er zur Erd hin, und es umhüllte
Finstere Nacht ihm die Augen; denn noch betäubte der Wurf ihn.
Argos' Söhn', als jetzo sie Hektor sahen hinweggehn,
Drangen gestärkt in der Troer Gewühl und entbrannten vor Streitlust.
Siehe, zuerst traf Ajas, der rasche Sohn des Oileus,
Satnios, ungestüm mit spitziger Lanz ihn ereilend,
Enops' Sohn (ihn gebar dem rinderweidenden Enops
Eine schöne Najad an Satniois' grünenden Ufern);
Diesen traf anrennend der streitbare Sohn des Oileus
Durch die Weiche des Bauchs, daß er taumelte, und ihn umdrängten
Troer zugleich und Achaier, gemischt zu grauser Entscheidung.
Aber der Lanzenschwinger Polydamas kam ihm ein Rächer,
Panthoos' Sohn, und schoß Prothoenor rechts in die Schulter,
Areilykos' Sohn, daß hindurch der stürmende Wurfspieß
Fuhr, und er sank in den Staub, mit der Hand den Boden ergreifend.
Hoch frohlockte darob Polydamas, laut ausrufend:
Nicht ist jetzt, wie ich meine, dem mutigen Panthoiden
[249] Aus der gewaltigen Hand umsonst entsprungen der Wurfspieß,
Sondern der Danaer einer empfing ihn im Leib, und vermutlich
Wird er, gestützt auf den Stab, in Aides' Wohnung hinabgehn!
Jener sprach's, und es schmerzte der jauchzende Ruf die Achaier.
Aber dem Ajas schwoll sein mutiges Herz vor Betrübnis,
Ihm, des Telamons Sohn, dem zunächst hinsank Prothoenor.
Schnell dem Weichenden nach entsandt er die blinkende Lanze.
Zwar Polydamas selber vermied das schwarze Verhängnis,
Schnell zur Seite gewandt, doch Archilochos, Sohn des Antenor,
Fing es auf, ihn weihte der Götter Rat dem Verderben.
Diesem flog das Geschoß, wo Haupt und Nacken sich füget,
Oben am Wirbel hinein und durchschnitt ihm beide die Sehnen,
Daß ihm eher das Haupt und Mund und Nas auf die Erd hin
Taumelten, ehe hinab die Knie und Schenkel ihm sanken.
Laut rief Ajas nunmehr zu Panthoos' trefflichem Sohne:
Sinne, Polydamas, nach und sage mir lautere Wahrheit!
War nicht dieser ein Mann, Prothoenors wegen zu fallen,
Würdig genug? Kein Niedrer erscheint er mir oder von Niedern,
Sondern ein leiblicher Bruder des Rossezähmers Antenor
Oder ein Sohn; ihm muß an Geschlecht er nahe verwandt sein.
Sprach's, ihn wohl erkennend; doch Schmerz erfüllte die Troer.
Akamas stieß mit dem Speer itzt Promachos hin, den Böoten,
Treu den Bruder umwandelnd, da er an den Füßen ihn wegzog.
Hoch frohlockte darob Held Akamas, laut ausrufend:
Argos' Volk, Pfeilkühne, der Drohungen ganz unersättlich,
Nicht wird wahrlich allein Mühseligkeit stets und Betrübnis
Uns zuteil, euch selber ist so zu fallen geordnet!
Schaut, wie Promachos euch, von meiner Lanze gebändigt,
Ruhig schläft, daß nicht des Bruders schuldige Rache
Lang euch bleib unbezahlt! So wünscht auch ein anderer Mann wohl
Einen Freund im Hause, des Streits Abwehrer, zu lassen!
Jener sprach's, und es schmerzte der jauchzende Ruf die Achaier.
Aber Peneleos schwoll sein mutiges Herz vor Betrübnis.
Wild auf Akamas sprang er, doch nicht zu bestehen vermochte
Jener des Königes Sturm, und Ilioneus streckt' er danieder,
Phorbas' Sohn, des herdebegüterten, welchen Hermeias
Hoch im Volk der Troer geliebt und mit Habe gesegnet;
[250] Doch ihm hatte sein Weib den Ilioneus einzig geboren.
Unter der Brau ihm stach er die unterste Wurzel des Auges,
Daß ihm der Stern ausfloß und der Speer, durchs Auge gebohret,
Hinten den Schädel zerbrach; und er saß ausbreitend die Hände
Beide. Peneleos drauf, das geschliffene Schwert sich entreißend,
Schwang es grad auf den Nacken und schmetterte nieder zur Erde
Samt dem Helme das Haupt, noch war die gewaltige Lanze
Ihm durchs Auge gebohrt; dann hub er es, ähnlich dem Mohnhaupt,
Zeigt' es dem Troervolk und sprach mit jauchzender Stimme:
Meldet mir dies, ihr Troer, Ilioneus' Vater und Mutter,
Daß sie den glänzenden Sohn daheim im Palaste betrauern!
Denn auch nicht des Promachos Weib, des Sohns Alegenors,
Heißt den trauten Gemahl willkommen hinfort, wann aus Troja
Heim wir kehren in Schiffen, wir blühenden Männer Achaias!
Jener sprach's, und rings nun faßte sie bleiches Entsetzen,
Jeglicher schaut' umher, zu entfliehn dem grausen Verderben.
Sagt mir anitzt, ihr Musen, olympische Höhen bewohnend,
Wer der Achaier zuerst des Erschlagenen blutige Rüstung
Raubte, nachdem gewendet die Schlacht der gewaltige Meergott.
Ajas, Telamons Sohn, stieß erst den Hyrtios nieder,
Gyrtias' Sohn, den Ordner der trotzigen Myserscharen;
Drauf Antilochos nahm des Mermeros Wehr und des Phalkes;
Aber Meriones warf den Hippotion nieder und Morys;
Teukros darauf entraffte den Prothoon und Periphetes;
Atreus' Sohn auch stach dem Hirten des Volks Hyperenor
Tief in die Weiche des Bauchs, und die Eingeweide durchdrang ihm
Schneidend das Erz, daß die Seel aus der klaffenden Todeswunde
Schleunig entfloh und die Augen ihm nächtliches Dunkel umhüllte.
Doch schlug Ajas die meisten, der rasche Sohn des Oileus;
Denn ihm gleich war keiner, im fliegenden Lauf zu verfolgen
Zitternder Männer Gewühl, sobald Zeus Schrecken erregte.

15. Gesang

[251] XV. Gesang.

Der erwachte Zeus bedroht Here und gebeut, ihm Iris und Apollon vom Olympos zu rufen, daß jene den Poseidon aus der Schlacht gehen heiße, dieser den Hektor herstelle und die Achaier scheuche, bis Achilleus den Patroklos sende. Es geschieht. Hektor mit Apollon schreckt die Achaier, deren Helden nur widerstehen, in das Lager zurück und folgt mit den Streitwagen über Graben und Mauer, wo Apollon ihm bahnt. Den Kampf hört Patroklos in Eurypylos' Zelt und eilt, den Achilleus zu erweichen. Die Achaier ziehn sich von den vorderen Schiffen. Ajas, Telamons Sohn, kämpft von den Verdecken mit einem Schiffspeere und verteidigt des Protesilaos Schiff, das Hektor anzünden will.


Aber nachdem sie die Pfähle hindurch und den Graben geeilet,

Fliehend, und mancher erlag dem mordenden Arm der Achaier,
Jetzo hemmeten jene sich dort, bei den Wagen beharrend,
Blaß ihr Gesicht vor Angst, die Erschrockenen. Doch es erwachte
Zeus auf Idas Höhn bei der goldenthronenden Here.
Schnell nun stand er empor und umsah die Achaier und Troer:
Diese dahergescheucht und jen' im Tumult sie verfolgend,
Argos' Söhn' und mit ihnen den Meerbeherrscher Poseidon.
Hektor auch sah er im Felde, den liegenden, und die Genossen
Saßen umher, noch beklemmt; aufatmet' er, schwindelnd in Ohnmacht,
Und spie Blut; denn ihn traf kein schwächerer Mann der Achaier.
Mitleidsvoll erblickt' ihn der waltende Herrscher der Welt Zeus;
Drohend mit finsterem Blick zur Here wandt er die Worte:
Traun, dein böser Betrug, arglistige, tückische Here,
Hemmte den göttlichen Hektor vom Streit und erschreckte die Völker!
Doch wer weiß, ob nicht wieder des schlauersonnenen Frevels
Erste Frucht du genießest, von meiner Geißel gezüchtigt!
Denkst du nicht mehr, wie du hoch herschwebetest und an die Füß' ich
Zween Ambosse dir hängt' und ein Band um die Hände dir schürzte,
Golden und unzerbrechlich? Aus Ätherglanz und Gewölk her
Schwebtest du, ringsum traurten die Himmlischen durch den Olympos;
Doch nicht wagte zu lösen ein Nahender. Wen ich erhaschte,
Schleudert ich mächtig gefaßt von der Schwell ihn, bis er zur Erde
Niedergestürzt ohnmächtig. Auch so nicht ruhte der Zorn mir,
Heftig entbrannt um die Qual des göttergleichen Herakles,
Welchen du, mit Boreas Hilf aufregend die Stürme,
Sendetest durch das verödete Meer, trugsinnenden Herzens,
[252] Und ihn endlich in Kos' bevölkerte Insel verschlugest;
Doch ihn führt ich von dannen zurück und bracht ihn in Argos'
Rossenährendes Land nach mancherlei Kämpfen des Elends.
Dessen erinnr ich dich, daß hinfort du entsagest dem Truge,
Bis du erkannt, ob frommen dir mög Umarmung und Lager,
Dem du entfernt von den Göttern dich nahetest und mich betörtest!
Jener sprach's; da erschrak die hoheitblickende Here,
Und sie begann dagegen und sprach die geflügelten Worte:
Zeuge mir jetzo die Erd und der wölbende Himmel von oben,
Auch die stygische Flut, die hinabrollt, welches der größte
Eidschwur ja und furchtbarste ist den seligen Göttern;
Auch dein heiliges Haupt und unserer blühenden Jugend
Hochzeitbett, bei welchem ich nie falsch wagte zu schwören:
Daß nicht meines Geheißes der Erderschüttrer Poseidon
Trojas Söhn' und Hektor verletzt, doch jene beschirmet,
Sondern vielleicht sein Herz aus eigener Regung ihn antreibt,
Weil er gedrängt bei den Schiffen die Danaer sah mit Erbarmung!
Eher ja möcht ich auch ihm ein ratsames Wort zureden,
Hinzugehn, wo du, Schwarzwolkiger, selbst es gebietest!
Lächelnd vernahm's der Vater des Menschengeschlechts und der Götter;
Und er erwiderte drauf und sprach die geflügelten Worte:
Wenn nur du hinfüro, du hoheitblickende Here,
Gleich mir selbst an Gesinnung im Rat der Unsterblichen säßest,
Wahrlich, Poseidon würde, wie sehr er auch anderswohin strebt,
Bald umlenken den Sinn, nach deinem Herzen und meinem.
Aber wofern ja im Ernst und ohne Falsch du geredet,
Wandele nun zu der Götter Geschlecht und rufe mir eilig
Iris, hieherzugehn, und den bogenberühmten Apollon,
Daß sie schnell in das Heer der erzumschirmten Achaier
Niedersteig und verkünde dem Meerbeherrscher Poseidon,
Abzulassen vom Kampf und heim zum Palaste zu kehren;
Aber den Hektor zur Schlacht aufmuntere Phöbos Apollon,
Wiederum ihn beseele mit Kraft und zähme die Schmerzen,
Die nun schwer sein Herz ihm ängstigen, doch die Achaier
Wieder zur Flucht umwend, unmutigen Schrecken erregend,
Daß die Fliehenden bang in des Peleiaden Achilleus
[253] Ruderschiffe sich stürzen. Er heißt dann seinen Patroklos
Aufstehn; doch ihn erlegt mit dem Speer der strahlende Hektor,
Nahe vor Ilios' Mauern, nachdem er der Jünglinge viele
Ausgetilgt, auch meinen erhabenen Sohn Sarpedon.
Ihn dann rächend, erschlägt den göttlichen Hektor Achilleus.
Doch alsdann von neuem verhäng ich Flucht und Verfolgung
Stets von den Schiffen hinfort gen Ilios, bis die Achaier
Nehmen die hohe Stadt, durch weisen Rat der Athene.
Eher werd ich den Zorn nicht mäßigen oder der andern
Himmlischen einem gestatten, die Danaer dort zu beschirmen,
Ehe dem Peleionen erfüllt ist, was er verlanget:
Wie ich zuerst ihm verhieß, mit gewährendem Winke des Hauptes,
Jenes Tags, als Thetis die Knie mir flehend umfaßte,
Ihren Sohn zu ehren, den Städteverwüster Achilleus.
Sprach's, und willig gehorchte die lilienarmige Here,
Eilte von Idas Höhn und ging zum hohen Olympos.
Wie der Gedanke des Mannes umherfliegt, der, da er viele
Länder bereits durchging, im sinnenden Herzen erwäget,
Dorthin möcht ich und dort, und mancherlei Pfade beschließet:
Also durchflog hineilend den Weg die Herrscherin Here;
Kam nun zum hohen Olympos und fand die unsterblichen Götter
Dort in des Donnerers Saale vereiniget. Jene sie schauend,
Sprangen empor von den Sitzen und grüßten sie alle mit Bechern.
Aber sie ließ die andern und nahm der rosigen Themis
Becher allein, denn zuerst entgegen ihr kam sie gewandelt,
Redete freundlich sie an und sprach die geflügelten Worte:
Warum kommst du, o Here? Du scheinst erschrocken im Antlitz,
Sicherlich hat dein Gemahl, des Kronos Sohn, dich geängstet.
Ihr antwortete drauf die lilienarmige Here:
Frage mich nicht, o Themis, du Göttliche, selber ja weißt du,
Wie unfreundlich er ist und übermütigen Herzens.
Aber beginn mit den Göttern im Saal das gemeinsame Gastmahl;
Dann zugleich samt allen Unsterblichen sollst du vernehmen,
Welcherlei Greuel uns Zeus ankündiget. Nimmer, vermut ich,
Freut sich allen das Herz, den Sterblichen oder den Göttern,
Hat auch mancher bisher in behaglicher Ruhe geschmauset.
Jene sprach's und setzte sich hin, die Herrscherin Here.
[254] Rings nun traurten im Saal die Unsterblichen. Sie mit den Lippen
Lächelte, doch nicht wurde die Stirn um die dunkelen Brauen
Aufgeklärt; und zu allen mit zürnender Seele begann sie:
Törichte, die wir mit Zeus so gedankenlos uns ereifern
Oder sein Tun zu stören uns abmühn, nahend mit Worten
Oder mit Macht! Er sitzet von fern und achtet nicht unser,
Unbesorgt; denn er dünkt sich vor allen unsterblichen Göttern
Weit an Kraft und Gewalt den erhabensten sonder Vergleichung.
Duldet denn, was auch immer des Unheils jedem er sendet.
Eben nur ward, ich meine, dem Ares Jammer bereitet;
Denn Askalaphos sank, sein Trautester unter den Menschen,
Dort in der Schlacht, sein Sohn, wie der stürmende Ares bekennet.
Jene sprach's, doch Ares, die nervichten Hüften sich schlagend
Mit gebreiteten Händen, erhub die jammernde Stimme:
Jetzo verargt mir's nicht, olympischer Höhen Bewohner,
Daß ich ein Rächer des Sohns hingeh zu den Schiffen Achaias;
Wäre sogar mein Los, von des Donnerers Strahle zerschmettert
Unter den Toten zugleich in Blut und Staube zu liegen!
Jener sprach's, und die Rosse gebot er dem Graun und Entsetzen
Anzuschirren und zog hellstrahlendes Waffengeschmeid an.
Jetzo fürwahr noch größer und schreckenvoller denn jemals
Wäre den Göttern entbrannt der Zorn und die Rache Kronions,
Wenn nicht Athene, besorgt um alle unsterblichen Götter,
Eilt' aus der Pforte des Saals, den Thron, wo sie ruhte, verlassend.
Ihm vom Haupt entriß sie den Helm und den Schild von den Schultern;
Auch die eherne Lanz, aus starker Hand ihm entreißend,
Stellte sie hin und schalt den ungebändigten Ares:
Rasender du, Sinnloser, du rennst in Verderben! Umsonst denn
Hast du Ohren zu hören und hegst nicht Scham noch Besinnung?
Hörtest du nicht die Rede der lilienarmigen Here,
Die nun eben von Zeus dem Olympier wieder zurückkam?
Willst du vielleicht, selbst füllend das Maß des unendlichen Jammers,
Heim zum Olympos kehren, ein Trauernder zwar, doch genötigt,
Und uns übrigen allen des Jammers Fülle bereiten?
Denn alsbald der Troer und Danaer mutige Völker
Läßt er und wandelt uns mit Getümmel daher zum Olympos
Und ergreift nacheinander, wer schuldig ist oder nicht also!
[255] Drum nun rat ich, entsage dem Zorn ob des Sohnes Ermordung.
Mancher bereits, und besser an Kraft und Armen denn jener,
Sank und sinkt noch hinfort ein Erschlagener. Ist's doch unmöglich,
Aller sterblichen Menschen Geschlecht vom Tode zu retten.
Jene sprach's und setzt' auf den Thron den stürmenden Ares.
Here nunmehr berief den Apollon aus dem Gemache,
Iris zugleich, die Verkündigerin unsterblicher Götter;
Und sie begann zu ihnen und sprach die geflügelten Worte:
Zeus befiehlt, daß ihr beid aufs schleunigste kommet zum Ida.
Aber sobald ihr genaht und des Donnerers Antlitz gesehen,
Tut alsdann, was immer sein Herz verlangt und gebietet.
Dieses gesagt nun, kehrte zurück die Herrscherin Here,
Setzte sich dann auf den Thron. Doch jen' entflogen in Eile,
Bis sie den Ida erreicht, den quelligen Nährer des Wildes.
Und sie fanden den waltenden Zeus auf Gargaros' Gipfel
Hingesetzt; ihn barg die duftende Wolkenumhüllung.
Als sich beide genaht dem Wolkensammler Kronion,
Standen sie, und nicht war des Schauenden Seele voll Zornes,
Weil sie schleunig gehorcht dem Befehl der trauten Gemahlin.
Drauf zur Iris zuerst die geflügelten Worte begann er:
Eile mir, hurtige Iris, zum Meerbeherrscher Poseidon,
Alles verkünd ihm genau und sei nicht täuschende Botin.
Auszuruhn gebeut ihm von Kampf und Waffengetümmel
Und zu gehn in die Schar der Unsterblichen oder zur Meerflut.
Wenn er nicht das Gebot mir beschleuniget, sondern verachtet,
Dann erwäg er hinfort in des Herzens Geist und Empfindung,
Ob er nicht, wie mächtig er sei, mich Nahenden schwerlich
Möchte bestehn; denn ich dünke mich weit erhabner an Stärke,
Älter auch an Geburt; und nichts doch achtet sein Herz es,
Gleich sich mir zu wähnen, vor dem auch andere zittern.
Jener sprach's, ihm gehorchte die windschnell eilende Iris;
Schnell vom Ida entflog sie zur heiligen Ilios nieder.
Wie wenn daher aus Wolken der Schnee fliegt oder des Hagels
Kalter Schauer gejagt vom heiter frierenden Nordwind:
Also durchflog hineilend den Weg die geflügelte Iris.
Nahe gestellt nun sprach sie zum Erderschüttrer Poseidon:
Eine Verkündigung dir, schwarzlockiger Erdumstürmer,
[256] Bring ich, dahergesendet von Zeus, dem Ägiserschüttrer.
Auszuruhn gebeut er von Kampf und Waffengetümmel
Und zu gehn in die Schar der Unsterblichen oder zur Meerflut.
Wenn du nicht das Gebot ihm beschleunigest, sondern verachtest,
Siehe, dann droht er selber, zu schrecklichem Kampfe gerüstet,
Wider dich herzukommen; doch warnet er dich, zu vermeiden
Seinen Arm, denn er dünke sich weit erhabner an Stärke,
Älter auch an Geburt; und nichts doch achtet dein Herz es,
Gleich dich ihm zu wähnen, vor dem auch andere zittern.
Unmutsvoll nun begann der erderschütternde Herrscher:
Traun, das heißt, wie mächtig er sei, hochmütig geredet,
Mir, der an Würd ihm gleicht, mit Gewalt den Willen zu hemmen!
Denn wir sind drei Brüder, die Kronos zeugte mit Rheia:
Zeus, ich selbst und Ais, der Unterirdischen König.
Dreifach geteilt ward alles und jeder gewann von der Herrschaft.
Mich nun traf's, beständig das graue Meer zu bewohnen,
Als wir gelost; den Aides traf das nächtliche Dunkel,
Zeus dann traf der Himmel umher in Äther und Wolken;
Aber die Erd ist allen gemein und der hohe Olympos.
Nimmer folg ich demnach Zeus' Ordnungen, sondern geruhig
Bleib er, wie stark er auch ist, in seinem beschiedenen Dritteil.
Nicht mit den Armen fürwahr, wie den Zagenden, schrecke mich jener!
Seine Töchter vielleicht und Söhn' auch möcht er mit Anstand
Durch hochfahrende Worte bedräun, die er selber gezeuget;
Denn sie werden aus Zwang auf jedes Gebot ihm gehorchen!
Ihm antwortete drauf die windschnell eilende Iris:
Völlig so, wie du sagst, schwarzlockiger Erdumstürmer,
Bring ich Zeus die Rede, so ungestüm und so trotzig?
Oder wendest du noch? Gern wenden sich Herzen der Edeln.
Weißt du doch, daß Älteren stets die Erinnyen beistehn.
Wieder begann dagegen der Erderschüttrer Poseidon:
Iris, du hast, o Göttin, verständige Worte geredet;
Wahrlich, ein gutes Ding, wenn ein Bote weiß, was geziemet.
Aber der bittere Schmerz hat Seel und Geist mir durchdrungen,
Wenn er, wer gleich an Würd' und ähnlichem Schicksal bestimmt ist,
Den zu schelten gedenkt mit wild anfahrenden Worten.
Dennoch möcht ich für jetzt, obgleich unwillig, ihm weichen.
[257] Aber ich sage dir an und beschließ im Herzen die Drohung:
Wo er zum Trotz mir selbst und der Siegerin Pallas Athene,
Hermes und der Here zum Trotz und dem Herrscher Hephästos,
Ilios' Feste verschont, die erhabene, und die Vertilgung
Nicht beschleußt noch schenkt des Sieges Gewalt den Achaiern:
Wiss' er dann, daß ewig unheilbarer Zorn uns entflammet!
Also sprach und verließ die Danaer Poseidaon,
Ging und taucht' in die Fluten, vermißt von den Helden Achaias.
Jetzo begann zu Apollon der Herrscher im Donnergewölk Zeus:
Phöbos, geh, o Geliebter, zum erzgepanzerten Hektor!
Denn bereits ja entwich der Erderschüttrer Poseidon
Wieder ins heilige Meer, den verderblichen Grimm zu vermeiden
Unseres Zorns. Wohl hätten den Kampf auch andre gehöret,
Selbst die Unsterblichen unter der Erd, um Kronos versammelt!
Aber sowohl für mich weit heilsamer als für ihn selber
War's, daß jener zuvor, obgleich unwillig, enteilte
Meinem Arm; nicht hätten wir ohne Schweiß uns gesondert!
Auf! du nimm in die Hände die quastumbordete Ägis;
Diese mit Macht herschütternd, erschrecke das Herz der Achaier.
Aber du selbst, Ferntreffender, sorg um den strahlenden Hektor;
Denn so lang erhebe den Mut ihm, bis die Achaier
Fliehend daher die Schiff' und den Hellespontos erreichet.
Dann beschließ ich selber mit Wort und Tat es zu ordnen,
Daß sich wieder erholen des schweren Kampfs die Achaier.
Jener sprach's, und dem Vater war nicht unfolgsam Apollon.
Schnell von des Idas Höhn entschwang sich, gleich wie der Habicht
Stürmend zum Taubenmord, der geschwindeste aller Gevögel.
Priamos' Sohn nun fand er, den heldenmütigen Hektor,
Sitzend; er lag nicht mehr, und erfrischt vom kehrenden Leben
Kannt er die Seinigen rings; des Atems Schwer' und der Angstschweiß
Ruhete, weil ihn erweckt des Ägiserschütterers Ratschluß.
Nahe nun trat und begann der treffende Phöbos Apollon:
Hektor, Priamos' Sohn, warum so entfernt von den andern
Sitzest du kraftlos hier? Hat etwa ein Leid dich getroffen?
Wieder begann schwachatmend der helmumflatterte Hektor:
Wer bist du, o bester der Himmlischen, welcher mich fraget?
Hörtest du nicht, daß dort um die ragenden Steuer von Argos,
[258] Wo ich die Freund' ihm vertilgte, mich warf der gewaltige Ajas
Mit dem Gestein an die Brust und im stürmischen Kampfe mich hemmte?
Glaubt ich doch, die Geister der Tief und Aides' Wohnung
Diesen Tag noch zu sehn; denn schon verhaucht ich die Seele.
Ihm antwortete drauf der treffende Herrscher Apollon:
Sei getrost; solch einen gewaltigen Retter entsendet
Zeus dir vom Ida herab, dir beizustehn und zu helfen,
Mich, den Phöbos Apollon mit goldenem Schwert, der zuvor auch
Schirmte dich selber zugleich und Ilios' türmende Feste.
Jetzo wohlan, ermahne die reisigen Scharen der Krieger,
Auf die gebogenen Schiffe die hurtigen Rosse zu lenken.
Sieh, ich wandle voran und ebne die Bahn vor den Rossen
Weit hinab und wende zur Flucht die Helden Achaias.
Also der Gott, und beseelte mit Mut den Hirten der Völker.
Wie wenn im Stall ein Roß, mit Gerste genährt an der Krippe,
Mutig die Halfter zerreißt und stampfenden Laufs in die Felder
Eilt, zum Bade gewöhnt des lieblich wallenden Stromes
(Trotzender Kraft, hoch trägt es das Haupt, und rings an den Schultern
Fliegen die Mähnen umher; doch stolz auf den Adel der Jugend,
Tragen die Schenkel es leicht zur bekannteren Weide der Stuten):
So auch Hektor. In Eile die Knie und die Schenkel bewegend,
Trieb er der Reisigen Schar, da des Gottes Stimm er vernommen.
Dort, wie wenn ein Gewild, den Kronhirsch oder den Geißbock,
Jagende Hund' hinscheuchten und landbewohnende Männer,
Ihn dann des steilen Gebirgs Felshaupt und ein schattiges Dickicht
Rettete (denn ihn versagte das Schicksal noch den Verfolgern;
Doch auf das laute Getümmel erschien ein bärtiger Löwe
Drohend am Weg und verscheuchte die Strebenden alle mit einmal):
So die Achaier zuerst in Schlachtreihn folgten sie immer,
Zuckend daher die Schwerter und zwiefach schneidenden Lanzen;
Doch wie sie Hektor gesehn die Männerscharen umwandeln,
Standen sie starr, und allen entsank vor die Füße der Mut hin.
Drauf ermahnte sie Thoas, der tapfere Sohn Andrämons,
Edel im Volk der Ätoler, ein kundiger Held mit dem Wurfspieß,
Auch im stehenden Kampf; den Redenden aber besiegten
Wenige, wann um ihr Wort Achaias Jünglinge stritten.
Dieser begann wohlmeinend und redete vor der Versammlung:
[259] Weh mir! Ein großes Wunder erblick ich dort mit den Augen!
Wie doch von neuem erstand, den graulichen Keren entronnen,
Hektor! Eben nur hofft in sicherem Herzen ein jeder,
Daß er von Ajas' Händen gestürzt, des Telamoniden,
Aber ein Gott hat wieder emporgestellt und errettet
Hektor, der schon vielen der Danaer löste die Knie,
Welches auch jetzt, vermut ich, geschehn wird! Schwerlich ja steht er
Ohne den Donnerer Zeus so freudigen Muts in dem Vorkampf.
Aber wohlan, wie ich rede das Wort, so gehorchet mir alle.
Heißt die Menge des Volks zu unseren Schiffen zurückziehn;
Selbst nur, so viele wir uns die Tapfersten rühmen des Heeres,
Laßt uns stehn, um zuerst dem Ungestüm zu begegnen,
Alle die Lanzen erhöht. Ich meine ja, wie er auch wütet,
Wird er im Herzen sich scheun, der Danaer Schar zu durchbrechen.
Jener sprach's; da hörten sie aufmerksam und gehorchten.
Schnell um die Ajas' her und Idomeneus, Kretas Beherrscher,
Teukros auch und Meriones auch und den kriegrischen Meges,
Ordneten jene die Schlacht, die edelsten Helden berufend,
Gegen der Troer Gewalt und Hektors; aber von hinten
Zog die Menge des Volks zurück zu den Schiffen Achaias.
Vor nun drangen die Troer mit Heerskraft; Hektor voran ging
Mächtigen Schritts; vor ihm selbst dann wandelte Phöbos Apollon,
Eingehüllt in Gewölk, und trug die stürmische Ägis,
Graunvoll, rauhumsäumt, hochfeierlich, welche Hephästos
Schmiedet' und Zeus dem Donnerer gab zum Entsetzen der Männer;
Diese trug in den Händen der Gott und führte die Völker.
Argos' Söhn' auch harrten gedrängt dort, und ein Geschrei stieg
Laut aus beiderlei Heer; die Pfeile, geschnellt von den Sennen,
Sprangen, und häufige Speere, von mutigen Händen geschleudert,
Hafteten, teils anprallend, im Leib der blühenden Kämpfer;
Viel auch im Zwischenraume, den schönen Leib nicht erreichend,
Standen empor aus der Erde, voll Gier, im Fleische zu schwelgen.
Weil noch still die Ägis einhertrug Phöbos Apollon,
Hafteten jeglichen Heeres Geschoss', und es sanken die Völker.
Aber sobald er sie gegen der reisigen Danaer Antlitz
Schüttelte, laut aufschreiend und fürchterlich, jetzo verzagte
Ihnen im Busen das Herz und vergaß des stürmenden Mutes.
[260] Jetzt wie die Herd, entweder des Hornviehs oder der Schafe,
Zwei Raubtiere zerstreun in dämmernder Stunde des Melkens,
Kommend in schleuniger Wut, wann nicht der Hüter dabei ist:
Also entflohn kraftlos die Danaer, ganz von Apollons
Schrecken betäubt; denn die Troer und Hektor ehrt' er mit Siegsruhm.
Nun schlug Mann vor Mann im zerstreueten Kampf der Entscheidung.
Hektor raffte den Stichios hin und Arkesilaos,
Diesen der erzumschirmten Böotier ordnenden Führer,
Jenen des hochgesinnten Menestheus treuen Genossen.
Auch Äneias entriß des Jasos Waffen und Medons:
Dieser war ein Bastard des göttergleichen Oileus,
Medon, des Ajas Bruder, des kleineren; aber er wohnte
Ferne vom Vaterland in Phylake, weil er den Vetter
Einst erschlug Eriopis', der späteren Gattin Oileus';
Jasos war zum Führer der Athenäer geordnet,
Sphelos' Sohn im Volke genannt und Bukolos' Enkel.
Auch den Mekistheus schlug Polydamas, auch den Polites
Echios vorn im Gefecht, und den Klonios mordet' Agenor.
Paris durchschoß rückwärts dem Deiochos oben die Schulter,
Als er im Vorkampf floh, daß vorn das Erz ihm hervordrang.
Während sie jen' entblößten der Rüstungen, jetzt die Achaier,
Schnell auf Graben und Pfähle dahergestürzt in Verwirrung,
Bebten sie dorthin und dort und tauchten aus Zwang in die Mauer.
Hektor anjetzt ermahnte mit lautem Rufe die Troer:
Auf die Schiffe gesprengt und verlaßt die blutige Rüstung!
Wen ich vielleicht woanders, entfernt von den Schiffen, erblicke,
Gleich den Tod auf der Stelle bereit ich ihm! Keine Verwandtschaft
Folgt dann, Männer und Fraun, zum Totenfeuer dem Leichnam,
Sondern er liegt, von Hunden zerfleischt, vor Ilios' Mauern!
Sprach's und schwang die Geißel dem raschen Gespann auf die Schultern,
Lauten Rufs anmahnend die Ordnungen. Alle zugleich nun
Lenkten sie, laut aufschreiend, die wagenbeflügelnden Rosse
Mit graunvollem Getös, und der führende Phöbos Apollon
Stürzete leicht mit den Füßen des Grabens ragende Ufer
Stampfend hinab in die Mitt und brückte den Pfad hinüber,
Lang zugleich und breit, so fern der geschwungene Wurfspieß
Hinfliegt, welchen ein Mann, die Kraft zu versuchen, entsendet.
[261] Dort nun strömten sie vor in geschlossener Schar, und Apollon
Vorn, von der Ägis umstrahlt; hinstürzt' er der Danaer Mauer
Leicht, wie etwa den Sand ein Knab am Ufer des Meeres,
Der, nachdem er ein Spiel aufbaut' in kindischer Freude,
Wieder mit Hand und Fuße die Häuflein spielend verschüttet:
So, ferntreffender Phöbos, verschüttetest du der Achaier
Müh und dauernden Fleiß und scheuchtest sie selbst mit Entsetzen.
Jetzo hemmeten jene sich dort, bei den Schiffen beharrend,
Und ermahnten einander, und rings mit erhobenen Händen
Betete laut ein jeder zu allen unsterblichen Göttern.
Nestor vor allen, der Greis, der gerenische Hort der Achaier,
Flehte, die Händ' ausstreckend zum sternumleuchteten Himmel:
Vater Zeus, so dir einer in Argos' Weizengefilden
Fette Schenkel des Stiers anzündete oder des Widders,